Read the book: «Ich hab' Migräne - Und was ist deine Superkraft?»
Bianca Leppert
Ich hab’ Migräne
und was ist deine Superkraft?

Information zur Form der Schreibweise: Zur besseren Lesbarkeit wird im Buch die männliche Form (der Arzt, der Patient usw.) verwendet. Alle Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beide Geschlechter.
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Originalausgabe
3. überarbeitete Auflage 2021
Verlag Komplett-Media GmbH
2019, München/Grünwald
www.komplett-media.de
ISBN E-Book 978-3-8312-7024-8
ISBN print 978-3-8312-0547-9
Lektorat: Dr. Diane Zilliges, Murnau
Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Illustrationen & Layout: Heike Kmiotek, www.heike-kmiotek.de
Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
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Für meine Mama, die, obwohl sie nicht mehr bei mir ist,
für immer meine Superheldin sein wird.
Inhalt
Vorwort
Teil 1: Hallo Migräne! Nice to meet you (äh, not!)
Stell dir vor, du hast den schlimmsten Kater deines Lebens, aber die Nacht davor keinen Spaß gehabt
Im Klub von Einstein, Freud und Co. Schockierende Fakten zur Migräne
Nie mehr Migräne! Tss, schön wär’s! Das richtige Mindset
»Mensch, du musst nur mehr trinken, dann geht das weg.« Die schlauen Ratschläge der Hobby-Ärzte
Teil 2: Diese Migräne soll mal einer verstehen
Zack! KeiNEN Bock mehr! Wie und warum das Hirn von jetzt auf gleich kündigt
Ganz schön vielseitig, die Erna! Verschiedene Migräneformen
Donnerwetter! Immer diese Trigger
Hallo Doc? Das Ärztelabyrinth
Teil 3: Bääääm, jetzt geht’s der Migräne an den Kragen!
Ruhe da oben! Akutmedikamente und Tipps während einer Migräneattacke
Damit Erna gar nicht erst so oft vorbeikommt: Vorbeugende Medikamente
Wie? Es gibt keine Zauberpille? Vorbeugende Therapiemethoden ohne Medikamente
Captain Future: So könnte Migräne bald behandelt werden
Teil 4: Wie man mit der nervigen Trutsche im Alltag lebt
Wenn ständig einer dazwischenfunkt
Die Angst vor der Angst
Ein flotter Dreier – Wenn Erna sich in die Beziehung drängt
Wie du deine Superkräfte stärkst
Das Feuerwerk zum Schluss: Fünf Tipps im Umgang mit Menschen, die Migräne nicht verstehen wollen
Danke
Literatur-, Instagram-, Podcast- und App-Empfehlungen
Kopfschmerzkalender
Vorwort
Dieses Buch ist für dich. Ich habe es geschrieben, weil ich Menschen mit Migräne Mut machen will. Weil ich überzeugt bin, dass man trotz dieser Krankheit, die einem oft das Gefühl gibt, hilflos zu sein, die positiven Seiten des Lebens nicht vergessen sollte. Ich habe nach 20 Jahren Migräne für mich einen Weg gefunden, mit Erna zu leben. Erna? So nenne ich meine Migräne, weil mir auch das hilft, sie anzunehmen. Das bedeutet nicht, dass ich vor ihr kapituliere. Ganz und gar nicht. Ich fühle mich nicht als Opfer, sondern habe mich ganz bewusst dafür entschieden, den bestmöglichen Weg zu finden, mit dieser neurologischen Erkrankung umzugehen. Die Basis dafür: sie zu verstehen. Und so viel Wissen wie möglich darüber anzuhäufen. Genau das will ich dir in diesem Buch mitgeben.
Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt Migräne in den Top Ten der am schwersten behindernden Erkrankungen. Nur leider belächeln sie viele Menschen und vergleichen sie mit einfachen Kopfschmerzen. Meine liebste Anschuldigung: »Die hat keine Lust zu arbeiten.«
Ich sage gern: »Ich hab Migräne – und was ist deine Superkraft?« Schließlich sind wir ziemlich coole Superhelden und Superheldinnen, denn das Leben mit Migräne kann ganz schön anstrengend sein. Trotz der häufigen Schmerzen schaffen wir es, unseren Alltag zu bewältigen. Und wir haben sogar eine ganz spezielle Superkraft: Die Sinne von Menschen mit Migräne sind besonders geschärft.
Vielleicht ist dieses Buch nicht das erste, das du zu diesem Thema in den Händen hältst. Auch ich habe jeden Schnipsel an Information aufgesaugt, den ich bekommen konnte. Komplett wiedergefunden habe ich mich nirgendwo. Manche Bücher waren mir zu sehr mit unverständlichen Fachausdrücken gefüllt, oder ich fühlte mich nach der Lektüre niedergeschlagen.
Mit diesem Buch möchte ich dir einen Begleiter in guten und schlechten Tagen geben. Ich versuche, Wege aufzuzeigen, wie man liebevoller mit Migräne umgehen und sein Mindset dazu verändern kann. Du findest hier eine abwechslungsreiche Mischung aus persönlichen Erfahrungen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Interviews mit renommierten Experten. Und vor allem: eine Aufklärung über all die Migräne-Irrtümer.
Wichtig ist mir: Ich bin keine Ärztin, dieses Buch ersetzt keinen Arztbesuch und richtet sich an Erwachsene. Bevor du aktiv wirst, besprich alles mit deinem behandelnden Arzt – auch wenn es um nicht verschreibungspflichtige Medikamente, pflanzliche Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel geht. Zum Beispiel ob du Vorerkrankungen hast, welche Art von Migräne es ist und ob das Medikament vom Alter her geeignet ist, wie es einzunehmen ist usw. Und immer den Beipackzettel lesen. Besprich auch in der Schwangerschaft und Stillzeit alles mit dem Arzt!
Dieses Buch ist in vier Teile gegliedert. Zunächst wollen wir die Migräne einmal kennenlernen. Im zweiten Teil geht es darum, zu verstehen, was sich in Gehirn und Körper dabei abspielt. Der dritte Teil soll dir dabei helfen, die Migräne zu behandeln. Im vierten Teil erzähle ich dir, was mir geholfen hat, mit meiner Migräne im Alltag zu leben und zum Beispiel mit der Angst vor der nächsten Attacke umzugehen. Natürlich ist dieses Buch genauso für Menschen gedacht, die einen Partner, ein Kind oder Eltern mit Migräne haben und sich fragen, wie sie diese Kirmes im Kopf erleben.
Ja, Migräne ist ein Arschloch. Zweifelsohne. Sie kann einem wirklich viele Tage verhageln. Vor allem wenn sie in Form der chronischen Migräne oft über 15 Tage pro Monat aus dem Kalender streicht. Dennoch will ich mir einen gewissen Humor bewahren, der dir in diesem Buch immer wieder begegnen wird. Der ist keineswegs despektierlich gemeint, sondern folgt dem Motto: Wir haben sowieso schon wenig zu lachen. Dann lachen wir wenigstens ein bisschen über die Migräne.
Wenn du dich in der Hoffnung auf dieses Buch stürzt, deine Migräne für immer loszuwerden, kann ich dir diesen Wunsch leider nicht ganz erfüllen. Zwar höre ich immer wieder von Fällen, die durch verschiedene Behandlungen ihre individuelle Migräne zum Teufel jagten. Doch in der Regel ist und bleibt ein Migränehirn nun mal ein Migränehirn. Als mir mein Neurologe diese frohe Botschaft verkündete, suchte ich im ersten Moment nach allen möglichen Gegenständen in seinem Sprechzimmer, die ich nach ihm werfen könnte. Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert. Nicht, indem ich mich selbst bemitleide und ausschließlich auf Ärzte und Medikamente setze, sondern indem ich immer wieder nach Möglichkeiten suche, selbst zu einer Verbesserung meiner Situation beizutragen. Und du kannst das auch! Dabei hilft dir dieses Buch. Du bist nicht allein.
Teil 1:
Hallo Migräne! Nice to meet you (äh, not!)
Sometimes it’s okay, if the only thing you did today was breathe.
––––––––
Take care of yourself.
––––––––
Don’t ignore your feelings.
Stell dir vor, du hast den schlimmsten Kater deines Lebens, aber die Nacht davor keinen Spaß gehabt
Mal ehrlich, wäre ich diese Migräne, würde ich mir mal einen besseren PR-Berater verschaffen. Sie hat ein wahnsinnig schlechtes Image. Über die Jahre hat sie sich sogar als Ausrede etabliert, wenn man keine Lust hat, zu arbeiten, und einen Grund sucht, sich krankzumelden. Warum? Na ja, die Antwort ist recht einfach. Keiner weiß so genau, was dahintersteckt. Man kann den Betroffenen die Migräne nicht wirklich ansehen, und so taugt sie ganz gut als Vorwand. Und sicher fallen uns gemeinsam weitere Situationen ein, für die Migräne zweckentfremdet wird. Keine Lust auf Sex? Klar, ganz vorn mit dabei. Keinen Bock, den Putzlappen zu schwingen? Yay, auch beliebt! Selbst Erich Kästner hat das Vorurteil schon in Pünktchen und Anton aufgegriffen: »Nach dem Mittagessen kriegte Frau Direktor Pogge Migräne. Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat.«
Für Menschen, die wirklich unter Migräneattacken leiden, ist dieses miese Image eine zusätzliche Belastung. Wenn man sich wie ich wegen eines Anfalls krankmelden muss – was man nicht gern tut und deshalb stundenlang abgewogen hat –, glaubt einem oft nicht mal jemand. Stattdessen erntet man ein: »Äh, ja, alles klar, ich verstehe schon.« Nicht selten habe ich schon von einem Gegenüber gehört: »Klar, der Termin passt – also, wenn du nicht wieder deine Migräne hast.«
Bei solchen Kommentaren könnte ich ausflippen. Hallo? »Meine« Migräne? Wünsche ich mir das etwa? Oder werde ich permanent für eine Simulantin gehalten? Manchmal vermeide ich es sogar, Termine auszumachen, nur damit ich im Zweifelsfall nicht in den Konflikt gerate, wieder absagen zu müssen. Das Fiese: Migräne ist unberechenbar. Es interessiert sie nicht, ob du gerade deine eigene Hochzeit feierst, schönes Wetter ist oder du in einem Jobtermin sitzt. Selbst wenn man sich scheinbar an alle Verhaltensregeln hält, um eine Attacke zu vermeiden, kann sie trotzdem auftreten. Das ist für Außenstehende oft unbegreiflich und lässt sie noch mehr daran zweifeln, ob man wirklich Migräne hat. So musste ich kürzlich einer Freundin erklären, dass ich manchmal drei Gläser Wein trinken kann und am nächsten Morgen topfit bin. Und ein anderes Mal legt mich ein Glas für drei Tage flach.
Umso wichtiger ist es, zu verstehen, was Migräne wirklich bedeutet. Es ist die Basis dafür, ein besseres Verständnis für die Krankheit zu schaffen. Für all diejenigen, die womöglich gar nicht wissen, dass sie Migräne haben, ist es vielleicht eine Erleuchtung. Außenstehenden öffnet es womöglich die Augen für eine Krankheit, die nicht anerkannt wird wie jede andere.
Man bezeichnet Migräne als Informationsverarbeitungsstörung. Das bedeutet nichts anderes, als dass unser sehr sensibel auf Reize reagierendes Hirn ein kleines Feuerwerk, sozusagen einen Kurzschluss, provoziert, um sich selbst vor größerem Schaden zu schützen. Es legt uns einfach lahm. Meinen Freunden, die mich als Vampir verdächtigen, weil ich mich manchmal drei Tage im dunklen Schlafzimmer verkrieche, erkläre ich es in der Kurzfassung gern mal so: Stell dir vor, du hast einen heftigen Kater mit allem Drum und Dran. Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen, und er dauert bis zu drei Tage an. Migräne ist es, wenn du davor keine lustige Partynacht hattest. Langweilig, oder? Kommt das öfter vor, wird es anstrengend. Natürlich ist das nur die Kurzfassung von komplexen Symptomen, die sich von Attacke zu Attacke unterscheiden können.
Deine Aura ist ja faszinierend!
Meinen ersten Migräneanfall hatte ich mit ungefähr 14 Jahren. Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Ich war mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder auf einer Hütte im Schwarzwald. Drinnen eine urige Einrichtung mit schweren Holztischen und Bänken. Im gesamten Raum waberte der Geruch von gebratenem Wild umher. Ich habe diesen unverwechselbaren Duft noch heute in der Nase. Und mir wird beinahe so schlecht wie damals, wenn ich daran denke. Wo bitte ist die nächste Toilette? Diese Frage beschäftigte mich auch damals. Ich flüchtete für ungefähr eine Stunde in die Sanitäranlagen – diesen Namen hatte der Raum mit den hässlichen babyblauen Fliesen verdient. Abwechselnd hockend auf dem Boden mit angewinkelten Beinen, den Kopf in den Händen auf den Knien abgelegt. Dann wieder vornüber, um im Toilettenwasser nach Goldfischen zu suchen. Na ja, ich will dir die Details hier ersparen. Als meine Eltern nach mir schauten, war ihnen ziemlich schnell klar, was vor sich ging. Mein Gesicht war kreidebleich. Meine Mama hatte selbst jahrelang Migräne. Und selbst mein Papa, der sie in milderer Form hatte, kannte die Symptome nur zu gut. Ziemlich typisch, denn Migräne kann erblich sein. Meine Mutter konnte mir direkt ansehen, dass mit ihrer Tochter hier etwas ganz und gar nicht stimmte und dass sie so etwas zuvor noch nie hatte – etwas, was sie an ihre eigenen Symptome erinnerte.
Meine Eltern setzten mich ins Auto, und wir fuhren ein bisschen spazieren. Ich erinnere mich noch, dass es langsam besser wurde. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, vielleicht hatte ich damals eine Welpen-Migräne.
Mit den Jahren kamen immer wieder welche, allerdings eher vom Typ abgerichteter Kampfhund. Zum Beispiel als ich mitten im Urlaub mit meinem damaligen Freund am Chiemsee plötzlich die linke Hälfte meiner Zunge nicht mehr spüren konnte und ein Teil meines linken Arms taub war. Hilfe! Schlaganfall? Mit 18 Jahren hatte man davon schon mal was gehört. Aber ein kurzer Anruf bei meiner Mutter, die die Symptome selbst kannte und schnell als »Aura«, also Vorbotenphase der Migräne, entmystifizierte, brachte zumindest in dieser Hinsicht Erleichterung. Die Schmerzen blieben zwei Tage.
Ebenfalls sehr Furcht einflößend: Eine morgendliche Fahrt mit dem Rad ins Büro durch München. Ich rammte beinahe eine Straßenlaterne, weil ich auf dem linken Auge plötzlich nichts mehr sehen konnte. »Was war das?«, dachte ich. Es folgten diverse Werbeeinblendungen meines Hirns in Form von Blitzen vor dem Auge. Nach dem Motto: »Huhu, ich bin es. Wollte mich nur mal kurz wieder melden. Ich hätte da Migräne im Angebot. Und damit es ein wenig mehr nach Disco aussieht, schicke ich die bunten Blitze vorbei. Vielleicht hast du Spaß dabei.« Lass mich kurz überlegen: »Äh, nein!«
Eine von der Sorte Terrier kam vorbei, als ich Jahre später bei einem Termin als Journalistin während eines Interviews am Nürburgring mein Gegenüber plötzlich doppelt gesehen habe. Vor lauter Verzweiflung versuchte ich, mein Smartphone zu entsperren, um meinen Freund anzurufen und um Hilfe zu bitten. Doch ich schaffte es nicht mal mehr, den PIN-Code einzugeben, weil sich die Zahlen plötzlich alle einen Spaß daraus machten, in doppelter Ausführung zu erscheinen. Das Kopfhämmern hielt sich danach in Grenzen – was meinen Neurologen allerdings noch mehr beunruhigte. Denn das könnten Symptome eines Schlaganfalls sein. Er schickte mich in die Röhre, also zur Kernspintomografie. Zum Glück zeigte sich mein Hirn, das ja so seine fehlgeschalteten Verwindungen hat, darin völlig entspannt und gesund.
Die Auraphase, die bei manchen Menschen mit Migräne quasi das Warm-up ist, wie wir bei meinem Job als Formel-1-Reporterin sagen würden, habe ich heute glücklicherweise kaum mehr. Tatsächlich ist die Migräne jedes Einzelnen über die Jahre wie ein Chamäleon. Mal zeigt sie sich so, dann wieder so. Das war mir bis vor Kurzem nicht einmal bewusst. Ich dachte, ich bin die Aura los. Doch es muss nicht für immer so bleiben.
Heute kommt meine Migräne nicht mit lautem Knall und Radau vorbei, sondern tritt meist leise und fast unbemerkt durch die Tür. Wir haben ein- bis dreimal im Monat an jeweils ein bis drei Tagen das Vergnügen. Würde ich sie nicht schon so lange kennen, würde ich sie zunächst gar nicht wahrnehmen. Aber vermutlich ist es wie mit einem vertrauten Menschen, den man nicht sehen muss, um zu merken, dass er im Raum ist. Manchmal erkennt man ihn am unverwechselbaren Geruch. So hat auch meine Migräne heute ihre ganz spezielle »Geheimsprache«, um sich anzukündigen – ohne dass ich von Anfang an Kopfschmerzen habe. Im Übrigen hört man oft, dass sich bei jedem eine Migräneattacke ganz individuell ankündigen kann. Sie ist ja dafür bekannt, ziemlich kreativ zu sein. Deshalb sollte man nie von sich auf andere schließen. Womöglich kommt dir aber das eine oder andere bekannt vor, falls du selbst Migräne hast.
Oft fühle ich mich zu Beginn, als hätte ich mindestens sechs Stunden lang Kaugummi gekaut. Allerdings nur auf einer Seite. Schließlich äußern sich Migräneschmerzen meist einseitig. Okay, die Vorstellung, nur auf einer Seite Kaugummi zu kauen, mag ziemlich lustig aussehen. Aber so kann man sich ungefähr ausmalen, wie krampfig das Gefühl im Kiefer ist. Einige Minuten später folgt meist ein Ziehen im Nacken und am Hals. Reflexartig knete ich dann ständig über die Muskeln, die sich anfühlen wie Drahtseile, streiche sie aus, immer in der Hoffnung, der Schmerz lässt nach und bedeutet nicht genau das, was ich spätestens bei diesen Anzeichen befürchte: Sie ist wieder da.
Übrigens gehen viele irrtümlicherweise aufgrund der Nackenschmerzen davon aus, dass Migräne durch Verspannungen ausgelöst wird. Tatsächlich können diese dazu beitragen, aber sie sind weniger eine Ursache, sondern vielmehr ein Symptom, das zu den Vorboten eines Migräneanfalls gehört und meist während der Attacke anhält. Dass die Beschwerden ausgerechnet im Kiefer und im Nacken spürbar werden, ist gut zu erklären: Hier verläuft unter anderem der Trigeminusnerv, der in diesem Moment gereizt ist und uns seine miese Laune entsprechend kundtut.
Wer mir in dieser Migränephase begegnet, wird sich wundern, wie gelangweilt ich von ihm bin. Warum? Weil ich überhaupt nicht mehr aufhören kann, zu gähnen. Langsam scheint mein Körper runterzufahren, einfach seinen Dienst zu quittieren. Mein Hirn kündigt. Ich werde schlapper und schlapper, selbst der Gang zur Kaffeemaschine kostet mich Überwindung. Die ist in diesem Moment oft mein letzter Hoffnungsschimmer, denn wer weiß, womöglich bin ich nur erschöpft? Na ja, man hofft natürlich darauf. In ganz seltenen Fällen kann es ein starker Espresso mit etwas Zucker richten. Aber das ist wirklich die Ausnahme. Ebenfalls getestet: Pflanzliche Herzkreislauftropfen mit einem Stückchen Zucker. Weil ich einen relativ niedrigen Blutdruck habe, können die mich manchmal, wenn es wirklich nur daran liegt, wieder lebendig werden lassen.
Meine bessere Hälfte
Helfen sowohl Kaffee als auch die Herzkreislauftropfen nichts, weiß ich, woran ich bin. Spätestens jetzt beginnt meine ganze Gesichtshälfte zu schmerzen. Mein Auge fühlt sich an, als hätte sich mein Herz direkt dahinter verirrt. Es pocht. Pocht. Und pocht. Verdammt, wissen denn meine Organe nicht mehr, wo ihr Platz ist? Und überhaupt, wie groß sie eigentlich sind? Schließlich habe ich das Gefühl, mein Auge habe sich gerade in die XXL-Version verwandelt und jeden Moment vor, mir aus dem Gesicht zu springen. Und dann fängt es noch an zu tränen. Hat es etwa Mitleid mit mir? Danke, das spendet mir jetzt nicht viel Trost. Immerhin habe ich neben der schlechten eine bessere Hälfte.
Du dachtest, der Karneval der kuriosen Symptome ist damit komplett? Falsch gedacht. Manchmal kommt es mir vor, als sei Migräne so etwas wie ein Wettbewerb meiner Sinnesorgane, welches nun am überempfindlichsten sein kann. Jedenfalls reagiere ich, wenn sich die Migräne langsam aufbäumt, ganz stark auf Gerüche. Ob das nun der verrauchte Schal meiner Zugnachbarin ist, das extrem süßliche Parfüm der Kassiererin im Supermarkt oder die Duftkerze, die meine Bürokollegin im Winter anzündet. Kaum zieht es in meine Nase, rumort der Bauch. Mir ist furchtbar übel. Ungefähr so, wie wenn du das zehnte Mal hintereinander Schiffsschaukel auf dem Jahrmarkt gefahren bist. Dazu kommt oft Durchfall.
Lass mich also kurz zusammenfassen: Mein Nacken fühlt sich an wie nach einem Schleudertrauma infolge eines Auffahrunfalls. Ich bin so geschwächt, wie man es von einer schlimmen Grippe kennt. Mein Bauch rebelliert wie bei einer mehrtägigen Magen-Darm-Grippe. Alle drei Nummern zusammen sind ziemlich widerlich? Okay, dann stell dir jetzt noch vor, du hast solche Schmerzen im Kopf, wie ihn manche Menschen als sogenannten Eisschmerz kennen. Was das ist? Schon mal eine Kugel Eis gegessen und dieses unfassbar fiese Ziehen an der Nasenwurzel und zwischen den Augenbrauen gehabt? Genau, das ist Eisschmerz. In etwa wie extrem starke Kopfschmerzen, die sich in meinem Fall auf einen bestimmten Bereich im Gesicht konzentrieren. Sehr oft macht es sich das Monster bei mir über der Augenbraue gemütlich.
So, jetzt haben wir also das volle Programm der körperlichen Symptome. Und dann denkst du, dein Hirn ist so beschäftigt, dass es eigentlich nicht multitaskingfähig ist. Aber es geht. Es folgt die Gedankenspirale: Was habe ich falsch gemacht? Zu wenig getrunken? Mist, hätte ich doch beim Sport etwas langsamer gemacht. Warum bin ich so lange wach geblieben und habe gestern Abend das Glas Wein getrunken? Wie komme ich jetzt nach Hause? Oder halte ich es hier, wo ich zu diesem Zeitpunkt bin, noch aus? Soll ich gleich meine Medikamente nehmen oder doch darauf hoffen, dass es irgendwie Fehlalarm ist? Und was sage ich jetzt meiner Familie, meinen Kollegen, meinem Partner? Oh Gott, was mache ich mit all meinen Terminen, die ich die nächsten zwei Tage habe? Gleich absagen? Oder eher kurzfristig, in der Hoffnung, dass es besser wird? Aber ich packe es nicht mal mehr, das Telefon in die Hand zu nehmen, geschweige denn, sich eine Stimme in mein Ohr bohren zu lassen. Stattdessen irren all diese Gedanken durch meinen schmerzenden Kopf, als hätte ich Fieberträume. Sie wollen einfach nicht abhauen und kreisen ständig darin herum.
Im besten Fall erwischt mich die Migräne, wenn ich ohnehin zu Hause bin. Dann kann ich mich erst einmal hinlegen. Ich habe auch eine Top-Ten-Hitliste mit Orten, wo man sie am wenigsten gebrauchen kann. Ganz oben: im Flugzeug. So passiert auf einem Langstreckenflug auf der Rückreise vom Formel 1 Grand Prix in Brasilien oder auf dem Weg vom 24-Stunden-Rennen Daytona zurück nach Deutschland. Dann kann man nur versuchen, das irgendwie neben dem Sitznachbarn zu überleben und die Sekunden runterzuzählen, die noch bis zur Landung anstehen. Ich hatte bei beiden Reisen einen Fensterplatz und weiß noch, wie ich mich permanent damit beschäftigt habe, was ich bloß mache, wenn ich mich übergeben muss. Wie bekomme ich den Sitznachbar dazu, schnell genug Platz zu machen? Was, wenn alle Toiletten besetzt sind? Und: Will man wirklich im Notfall in eine Tüte kotzen, wenn alle drumherum zuschauen?
Die Kommentare der Mitmenschen in der Öffentlichkeit können hart sein. Ich erinnere mich an eine Situation in der U-Bahn, als ich Migräne hatte und mir die Hand vor den Mund hielt. Weil jemand zuvor seine leeren Bierflaschen liegen gelassen hatte und die unter meinem Sitz herumkullerten, zählte ein Mann neben mir eins und eins zusammen: »Ja Mädchen, da darfst du eben nicht so viel trinken.« Ich konnte ihm nicht mal antworten, ich brauchte all meine Energie allein dafür, bei der richtige Station auszusteigen und mich nach Hause zu schleppen.
Meine eigenen vier Wände sind meine Festung. Hier bleibe ich von dem so quälenden Lärm während einer Attacke (im Flieger richtig klasse!) und heftigem Licht verschont (mit Migräne nachts auf der Autobahn in die Scheinwerferlichter zu schauen ist ebenfalls grandios). Habe ich es hierhin geschafft, nehme ich sofort meine Medikamente. Ein Mix aus Mitteln gegen Übelkeit, speziellen Migränemedikamenten wie Triptanen und in Kombination dazu ein lang wirksames Schmerzmedikament. Sex on the Beach klingt als Cocktail zwar irgendwie besser, aber meine Tablettenkombi hat in diesem Fall den angenehmeren Effekt. Hier gilt: Immer den Arzt fragen!
Die richtige Kombination dieser Medikamente ist wie ein Sechser im Lotto. Ich musste mehrere Jahre spielen, ehe ich den Jackpot knacken konnte (mehr dazu im dritten Teil »Bääääm, jetzt geht’s der Migräne an den Kragen!«). Trotzdem kommt es vor, dass sie manchmal tiptop helfen, ein anderes Mal aber eine Fehlzündung sind – wie ein Blindgänger, der an Silvester nicht losgehen will. Selbst wenn sie zuverlässig Linderung bringen, kann das bis zu vier Stunden dauern. An dieser Stelle erklingt jetzt die lustige Wartemelodie von Jeopardy: Bimbimbimbim…bimbimbim…dömdödömdömdöm. Einmal musste ich mitten in der Nacht, ich war allein zu Hause, den ärztlichen Bereitschaftsdienst rufen, um mir Aspisol spritzen zu lassen. Das Triptan hatte über Stunden nicht geholfen. Ein anderes Mal schleppte ich mich nach vier Tagen andauernder Migräne zu meiner Hausärztin, die mir ebenfalls eine Infusion mit Aspisol legte.
Generell zögerte ich früher viel zu lange damit, meine Medikamente einzunehmen. Denn oft wirken sie dann nicht mehr so gut. Ich machte mir Sorgen, dass meine Leber oder meine Niere durch die regelmäßigen Chemiekeulen irgendwann zicken würden. Heute orientiere ich mich an der Faustregel, nicht öfter als an zehn Tagen im Monat Tabletten zu nehmen.
In der Zeit, bis sie wirken, ist nicht einmal daran zu denken, mir ein Glas Wasser zu holen oder mich sonst irgendwie aus der Horizontalen zu bewegen. Jede Regung bestraft mein Kopf mit pulsierenden Schlägen, mein Magen mit Brechreiz. Habe ich Glück, ist jemand in meiner Nähe und bringt mir einen Eisbeutel, den ich mir auf die Stirn legen kann. Und eine warme Decke, weil es mich meist unglaublich friert, wenn ich Migräne habe.
Manchmal wünsche ich mir in diesen Momenten, ich hätte wenigstens Fieber. Dann könnte man zumindest in Zahlen ausdrücken, wie schlecht es einem geht. »Du hattest über 40 Grad Fieber? Wow, krass!«, wäre die Reaktion. So bleibt nur eine vage Vorstellung davon, welchen Zirkus mein Körper vollführt – ohne eine Sprache zu haben, die Menschen verstehen, die noch nie Migräne hatten. Wobei ich kürzlich über eine interessante Einordnung gestolpert bin: In der Grafik ordneten Migränepatienten ihren Schmerz noch heftiger als den bei einer Geburt ein, die wiederum eine Stufe über einem Knochenbruch stand. Da ich noch keine Geburt hinter mir habe, kann ich keinen Vergleich ziehen. Aber je nach Knochenbruch, von denen ich schon diverse hatte, ist der Schmerz am Höhepunkt vergleichbar. Du willst gegen eine Wand rennen.
Zeigen die Medikamente nach einer gewissen Zeit Wirkung, sieht die Realität leider nicht so aus, wie es uns in der TV-Werbung für Kopfschmerztabletten gern verkauft wird. Sprich: Man sei wieder das blühende Leben und laufe mit einem breiten Lächeln im Gesicht über eine grüne Wiese. Stattdessen mildern die Medikamente die Stärke der Migräne nur ab, vom Hof jagen lässt sie sich deshalb nicht unbedingt. Manchmal sind die Nebenwirkungen so stark, dass ich so müde und kraftlos werde, dass ich mir vorkomme, als hätte ich das Gewicht und die Trägheit eines Elefanten. Im besten Fall kann ich aufstehen und ein wenig in der Wohnung herumlaufen oder für ein paar Minuten an die frische Luft gehen. Der hämmernde Schmerz im Kopf ist dann einem Wummern im Hintergrund gewichen.
Mein restlicher Körper? Falls du keine Migräne hast: Erinnerst du dich daran, als du das letzte Mal durchgemacht hast? Schon mal zwei Nächte hintereinander? Okay, dann hast du eine Idee davon, wenn ich sage, ich fühle mich wie ein Zombie. Manchmal bleibt mir nichts anderes übrig, als tagelang im Bett auszuharren – mit diversen Episoden auf der Toilette –, bis das Gewitter vorbei ist. Am besten ohne Lärm und ohne grelles Licht. An Essen ist kaum zu denken, maximal ein paar Schluck Wasser und kleines Stückchen Brot sind drin. Klingt wie Knast? Ist es irgendwie auch.
Würde man mich nach meinem Lieblings-It-Accessoire als Migränepatientin fragen, wäre es der Eimer neben dem Bett oder der Couch. Ich meine, da lassen sich in Sachen Design Statements setzen. Womöglich wirken Varianten in Grün als Farbe der Hoffnung ja positiver auf den Verlauf der jeweiligen Attacke? Wobei ich großer Fan von skandinavischem Minimalismus bin. Vielleicht sollte ich mal nach etwas Geometrischem in Schwarz-Weiß Ausschau halten, um wenigstens »in style« meinen Mageninhalt von mir zu geben.
Ist der Spuk je nach Attacke entweder nach einigen Stunden oder nach bis zu drei Tagen vorbei, explodiert sozusagen mein innerer Buddha. Ich bin dankbar für die kleinsten Dingen im Leben. Dass die Sonne scheint, dass ich Hunger habe, dass ich Freunde treffen kann. Weil mein Körper wieder funktioniert und ich Kraft habe. Happy End? Grmpf. Diese Glücksphase wurde in der Vergangenheit schon jäh zersprengt. Mitunter ist eine Migräneattacke überstanden, und ich bin einen Tag lang wieder ins Leben zurückgekehrt und habe Pläne geschmiedet, um das, was ich verpasst habe, wieder aufzuholen. Da wartet am nächsten Morgen die nächste Episode. Sie nennt sich Wiederkehrkopfschmerz. Das ist für mich mit das Gemeinste, das man sich ausdenken kann. Wenn ich Pech habe, geht der Spaß von vorn los – wenn auch meist in abgekürzter Form. So als hätte man das Paradies kurz betreten, wird dann aber wieder in hohem Bogen in die Hölle gejagt …