Goldmadonna

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»Ach, da bist du ja wieder«, bemerkte sie erfreut, als Frederic an den Tisch zurückkam. »Sag mal, was hältst du davon, wenn wir gelegentlich wieder nach Oberstaufen fahren, um uns dort ein paar Tage zu erholen?«

Frederics Augen begannen zu leuchten. »Eine gute Idee! Wir können dann bei Gustl …«

»Nein! Dieses Mal gehen wir nicht ins ›Hotel Tyrol‹!«, fuhr Angelika sofort dazwischen.

»Weshalb denn nicht?«, wunderte sich Frederic. »War etwas nicht in Ordnung, als wir im letzten Winter mit den Dohmens dort gewesen sind?«

»Im Gegenteil«, wehrte Angelika lachend ab. »Das Hotel ist in jeder Hinsicht top. Aber du versumpfst immer mit Gustls Stammgästen an der Hotelbar und ich kann schauen, wo ich bleibe!« Weil sie wusste, wie sie Frederic packen konnte, schlug sie ihm vor, bald mit Eleonore und Bert Olbrich zum Skilaufen in den etwas mondänen Allgäuer Tourismusort zu fahren. »Die Olbrichs waren gerade dort. Und laut Eleonores Aussage war es fantastisch. Die Wanderwege rund um Oberstaufen müssen grandios sein und …«

»Dann von mir aus lieber ohne die Olbrichs in ein anderes Hotel deiner Wahl!«, wehrte Frederic ab. Er mochte Angelikas Freundin Eleonore, aber Bert konnte er nicht lange ertragen. Der Psychologieprofessor nervte Frederic bei jedem Zusammentreffen von der ersten Sekunde an, weil er ihn und die anderen Leute um sich herum ständig zuschwafelte. Und weil der Schwätzer sich bei seinem Oberstaufen-Aufenthalt sicher ebenfalls mit dem Hotelchef Gustl angefreundet hatte, würden er und Eleonore wahrscheinlich nirgendwo anders absteigen, wenn sie in Oberstaufen wären. Ihnen blieb nichts übrig, als den Olbrichs nichts zu sagen und ein anderes Hotel zu nehmen. »Wir könnten doch zur Abwechslung einmal das Hotel ›Adler‹ buchen«, schlug er deswegen mit einem unverhohlenen Grinsen vor.

»Damit du mit Armin im ›Adlerhorst‹ abstürzen kannst? Meinst du, das ist dann besser für mich?«

Weil Frederic bemerkt hatte, dass er durchschaut worden war, musste er laut lachen. »Warum nicht? Der ›Adlerwirt‹ ist doch ein netter Kerl, oder?«

Das Lachen sollte ihm gleich wieder vergehen, denn Angelikas Handy klingelte. »Mademoiselle Loquie! Was kann ich für Sie tun? … Ja, er sitzt vor mir!« Mit strafendem Blick wandte sie sich an Frederic und rügte ihn, dass er den Akku seines Mobiltelefons nicht geladen hatte, bevor sie ihm ihr Handy über den Tisch reichte.

»Rufumleitung auf dein Handy? … Was? … Wo? … Herbert ist bereits unterwegs? Gut! … Hast du die Spurensicherung ebenfalls informiert? Gut! – Und du gehst jetzt ins Büro? Von mir aus! … Wir sind in einer Stunde vor Ort! … Garçon, la facture s’il vous plaît! … Nein! Nicht du, Locki! … Nein! Damit meinte ich den Ober! Ich sitze gerade mit Frau Dr. Laefers in einem Restaurant in Eynatten. Au revoir!«

»Nicht schon wieder, oder?« Aufgrund der wenigen Wortfetzen konnte Angelika sich zusammenreimen, um was es ging.

Frederic nickte mit zusammengekniffenen Lippen. »Doch. In Burg-Reuland.«

»Aber das liegt …«

»… im äußersten Osten der Provinz Lüttich. Etwa 80 Kilometer von hier! … Herr Ober, bezahlen bitte!«, rief er – da ihn der Kellner offensichtlich nicht verstanden hatte – nun auf Deutsch.

Kapitel 5

»Louis! Louis! Bist du da?« Obwohl sie von ihrem Auftraggeber drei Tage nach ihrem Versacken im »Domkeller« morgens um 9 Uhr herbestellt worden war und pünktlich vor der Tür stand, nützte Eleonores Klopfen und Rufen nichts. Ihr neuer Duzfreund schien nicht da zu sein. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu versuchen, Louis auf dem Handy zu erreichen. Und dies klappte auf Anhieb. »Wo bist du? Wir haben einen Termin! Ich stehe vor dem Lokal, klopfe wie wild und schreie mir die Lunge aus dem Leib!«

»Tut mir leid, ich habe dich nicht gehört. Ich bin hier! Einen Moment bitte.«

Kurz darauf öffnete Eleonores Auftraggeber die Haustür.

»Guten Morgen, Louis!«, rief sie ihm trotz der Warterei gut gelaunt entgegen, als sie den Gastraum betrat. Nach den inzwischen wohl schon obligatorischen Begrüßungsküsschen sagte sie: »Entschuldige bitte, dass ich gestern wegen eines anderen Kunden keine Zeit hatte – ein Notfall! Nun aber stehe ich dir wieder mit ganzer Kraft zur Verfügung! Ich hoffe, du bist nicht sauer auf mich!«

Louis van Basten grummelte ein »Schon in Ordnung« zurück.

»Geht es dir nicht gut? Hast du einen Kater vom Wochenende?«, hakte seine Innenarchitektin scherzend nach. Sie hatte sich schon bei der Begrüßung darüber gewundert, den ansonsten stets gepflegten Mann unrasiert und nicht gerade frisch riechend angetroffen zu haben.

»Alles in Ordnung, ich habe nur die ganze Nacht durchgearbeitet«, wehrte er ab und sagte zu ihr, dass man den Keller bis morgen nicht betreten könne, weil er die Wände gestern mit einem übel riechenden Lack überzogen habe. Dann räusperte er sich und teilte ihr mit, dass die Gefriertruhe auch schon abgeholt worden sei.

»Also brauche ich erst gar nicht in den Keller zu gehen und wir können uns ganz auf die Gestaltung des Lokals konzentrieren«, folgerte Eleonore erfreut, während Louis die Brandschutztür zum Keller abschloss.

Zwei Stunden lang hatten sie sich den Flur, die Küche, den Personalraum und die Toiletten vorgenommen und dabei immer wieder erneut rege diskutiert. Er war mit einem Meterstab bewaffnet, sie hatte ständig ihren Skizzenblock in der Hand, ihn aber lediglich im Flur zum Einsatz gebracht. Für Bleistiftnotizen, Berechnungen und dergleichen mussten die noch nicht neu bemalten Wände herhalten. Nachdem sie mit diesen Räumen fertig waren, ging es ans Eingemachte, die Einrichtung und die farbliche Gestaltung der Gasträume. Dazu hatte Eleonore bereits konkrete Vorstellungen. »Ich müsste allerdings wissen, wie die Mädchen und Jungs aussehen«, hatte sie in den Raum geworfen, weil immer noch nicht alle Heiligenfiguren da waren. Vor allen Dingen fehlten noch ein paar große Madonnen.

»Die zwölf Apostel aus Südtirol kommen dort hin«, sagte van Basten und zeigte zuerst auf die etwa 50 Zentimeter hohen neugotischen Figuren, die eingepackt auf einer Palette lagen. Dann zeigte er zum Wandfries, auf den die Figuren sollten.

»Sehr gut. Und den Fries machen wir dann in einem dunklen Blau und setzen ihn mit Blattgold ab wie die Sterne an der Decke«, legte Eleonore fest, während sie eine der Figuren auspackte, um deren Farben zu sehen. Anschließend bestimmte sie: »Dort kommen die Kirchenbänke hin und dorthin stellen wir den Beichtstuhl.«

»Gut! Und hier steht eine der beiden menschengroßen Madonnenfiguren, die ich gerne hätte«, ergänzte Louis, dem es sichtlich Freude bereitete, zusammen mit der Innenarchitektin kreativ herumzuspinnen.

»Wie viele Madonnenfiguren haben wir bisher?«, mochte Eleonore wissen.

»Zwei«, bekam sie zur Antwort.

»Und wo sind sie?« Die Innenarchitektin schaute sich um, konnte aber außer den bereits bekannten Heiligen und ein paar kleineren Madonnenfiguren keine große Statue finden.

»Die beiden Madonnen, die ich hier habe, sind in meiner Werkstatt, wo ich sie gerade restauriere. Sie sind im nazarenischen Stil bemalt und gut erhalten. Deswegen muss ich sie auch ›nur‹ restaurieren«, antwortete der Hausherr.

Aha, deshalb schaut er heute so verhauen aus, er hat sicher die ganze Nacht hindurch gemalt, dachte sich Eleonore. »Das ist gut. Denn bis auf eine goldene Madonna würden hier nicht viele einfarbige Figuren hereinpassen«, lobte die Innenarchitektin, mochte aber wissen, ob weitere Madonnen dazukämen. »Die schönste und größte Madonnenfigur muss dem Restaurantnamen entsprechend in Vollgold sein!«

»Jaja, ich weiß, die Corporate Identity! Lass dich überraschen!«, lachte der ehemalige Restaurator und Steinmetz, wurde aber schnell wieder ernst: »Lass mir nur ein bisschen Zeit! Okay?«

»Schon gut«, gab Eleonore sich zufrieden. »Im Moment muss ich lediglich wissen, wie viele ich insgesamt einplanen kann und wohin diese Kreuzwegtafeln sollen. Wie viele sind es?«

»Natürlich vollständig!«, antwortete van Basten. »14, wie es sich gehört. Ich würde vorschlagen, sie zu beiden Seiten des Flurs an die Wände zu hängen. Ich habe schon gemessen: Sie würden dort genau hinpassen.«

Eleonore nickte »Gut. Und nun komm mal her.« Sie wischte den Staub von einem der Tische und legte ihr iPad darauf. Auf dem Gerät begann sie, ein Bild nach dem anderen aufzurufen. »Das sind Kirchen und Kapellen im neugotischen Stil. Dazu passt der Nazarenerstil hervorragend. Das ist eine spannende Kunstrichtung, die deutsche Künstler zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien und in Rom begründet haben. Die Bezeichnung kommt aus der Bibel. Mit diesem Begriff wurden die Anhänger Jesu nach dessen Kreuztod bezeichnet und …«

»Jetzt halt mal die Luft an!«, bremste Louis die Innenarchitektin aus, bevor sie vollends ins Schwärmen geriet. »Schon vergessen? Ich war mal Restaurator und kenne mich mit Stilrichtungen bestens aus.«

Kapitel 6

Zur selben Stunde saß Frederic Le Maire mit seinen Leuten im Besprechungszimmer des Kommissariats, um die bisherigen Ergebnisse in Bezug auf den neuen Mordfall von gestern Abend zu bündeln. Locki hatte zum obligatorischen Kaffee Croissants auf den Tisch gestellt, die allerdings bisher niemand angerührt hatte. Der gestrige Mord saß allen immer noch in den Knochen.

»Jetzt haben wir einen Serienmörder«, bemerkte Agnès Devaux.

»… der nun auch in Belgien sein Unwesen treibt«, ergänzte Herbert.

»Und es ist ein Beuteschema zu erkennen!«, kam der Chef zum Wesentlichen, nachdem sie alle Erkenntnisse vom Mord an der Frau zusammengefasst hatten, die am gestrigen Abend ein obdachloser älterer Mann an einer Mauer gegenüber der Pfarrkirche der 4.000-Einwohner-Gemeinde Burg-Reuland entdeckt hatte. Dabei war schnell offenkundig geworden, dass es sich um ein- und denselben Mörder handeln musste wie bei der ersten Toten in Clermont. Nicht nur wurde der tödliche Stich mit demselben Sägemesser in den Rücken geführt, ebenso wurde dieses Mal der linke Arm mit derselben Klinge amputiert. Zwischen den beiden Opfern gab es Gemeinsamkeiten. Laut ihrem Ausweis, den der Täter wahrscheinlich nicht gefunden hatte, weil das Dokument in einem ihrer knielangen Lackstiefel versteckt gewesen war, hieß die 21-jährige Tote Nursanti Ohaman. Das deutete auf einen Migrationshintergrund hin, wahrscheinlich aus den ehemaligen Kolonien, vielleicht auch indonesisch. Gemeldet war sie in Kerkrade. Und ihr äußeres Erscheinungsbild legte nahe, dass sie ebenfalls eine Prostituierte gewesen war. Wie bei der ersten Toten war auch ihre verbliebene Handfläche sorgsam auf ihre Scham gelegt, das Opfer war sitzend an die Mauer drapiert worden. Ihre Augen waren weit geöffnet und in Richtung des Kircheneinganges gerichtet. Alles deutete darauf hin, dass Devaux richtiglag und sie es nun mit einem Serienmörder zu tun hatten, und zwar mit einem psychopathischen, was allerdings genauer zu ergründen sein würde. Zunächst aber wollte Le Maire die Leiche sehen und mit Dr. Laefers sprechen.

 

»Und unser ›Spürhund‹ begibt sich nach Kerkrade, um das Umfeld der zweiten Toten zu ergründen«, warf Le Maire in den Raum.

»Wer, ich?«, fühlte sich Devaux angesprochen.

»Ja, du hast ja bereits die Identität der ersten Toten herausbekommen. Also betraue ich dich jetzt auch mit dieser Aufgabe«, kam es lobend aus dem Mund des knorrigen Einsatzleiters. »Und du, mein Freund Pierre, machst mit deiner Suche nach Neuigkeiten über das erste Mordopfer dort weiter, wo du deine Arbeit wegen der zweiten Toten unterbrochen hast. Herbert, du begibst dich wieder nach Burg-Reuland und schnüffelst dort herum, während ich nach Aachen zur Rechtsmedizin fahre.«

»Und was ist mit mir?« Locki machte auf Le Maire erneut einen beleidigten Eindruck, weswegen er nichts erwiderte. »Nehmen Sie sich wenigstens ein Croissant mit!«

»Also gut, du bleibst an unserem Cowboystiefel tragenden Mordverdächtigen dran, okay?«

*

Eine gute halbe Stunde später traf Le Maire in Aachen ein, wo bereits die Rechtsmedizinerin … und Peter Dohmen auf ihn warteten.

»Was ist mit dir, Peter?« Weil sein deutscher Kollege einen betrübten Eindruck auf ihn machte, klopfte Frederic ihm aufmunternd auf die Schulter.

»Ach!«, winkte Peter ab und zeigte zu den beiden Tischen, auf dem weibliche Leichen lagen. »Als wenn dies hier nicht reichen würde, hatten wir heute Nacht einen Einbruch in Aachen.«

»Bei wem?«

»Bei einem Juwelier am Büchel.«

»Wurde dort nicht schon mehrmals eingebrochen?«, wusste Le Maire, weil dies längst hinter der belgischen Grenze amtsbekannt geworden war.

»Ja«, bestätigte der Aachener Kriminalbeamte. »Unsere Mordkommission hat damit zwar nichts zu tun, musste aber für die Fahndung nach dem oder den Schuldigen ein paar Leute abstellen.«

»Schon komisch, oder?«

»Was meinst du, Frederic?«

»Na ja, dass bei ein und demselben Juwelier gleich mehrmals nacheinander eingebrochen wird.«

Bevor Peter Dohmen seine persönliche Einschätzung zu den Einbrüchen abgeben konnte, unterbrach die Rechtsmedizinerin die Unterhaltung der beiden. »Hallo? Hier spielt die Musik!« Angelika verzichtete auf ein Begrüßungsküsschen und führte den belgischen Mordermittler gleich zu einem von zwei Tischen, auf denen je eine weibliche Leiche lag. »Um es gleich vorab zu sagen: Wie schon bei der ersten Toten glaube ich nicht, dass der Mörder geschlechtliche Nähe zu ihr gesucht hat. Denn der letzte Verkehr liegt bei diesem Opfer mindestens zwölf Stunden zurück.«

»Aber das hat doch nichts zu sagen«, hielt Frederic dagegen, in der Hoffnung, hier möglicherweise DNA des Mörders zu bekommen.

Angelika musste seinen Enthusiasmus bremsen: »In diesem Fall schon. Sie hat sich danach gebadet oder geduscht. Dennoch habe ich Abstriche genommen.«

»Und?«, drängte Frederic.

Angelika schaute ihren Partner mit einem bedauernswerten Blick an, bevor sie ihm mitteilte, dass es sich leider in beiden Fällen um ältere Erbinformationen handelte. »Jedenfalls hatten beide Frauen bei ihren letzten Geschlechtsakten Kondome benutzt.«

»Merde!«

»Bevor du dich aufregst, kann ich dir sagen, dass die Frau nicht durch einen Stich in die Lunge, sondern durch einen tiefer angesetzten Stoß an inneren Blutungen gestorben ist.«

»Und was sagt mir das jetzt? Dass es ein- und derselbe Mann gewesen ist, der beide Frauen mit der gleichen ›Stichtechnik‹ ermordet hat?«

»Ja«, gab die Ärztin ihrem Partner recht und konkretisierte das Ganze: »Das zweite Opfer war größer als das erste. Deswegen hat der Mann in diesem Fall nicht die Lunge, sondern von schräg unten durch die rechte Niere hindurch die Leber durchstoßen. Dass dieser Stich ebenfalls von unten kam, zeigt der Stichkanal. Siehst du?«

»Das heißt, dass der Mörder bei Nursanti Ohaman genau so zugestochen hat, wie bei Sushila Perumal; nämlich mit dem Daumen der messerführenden Hand nach vorn.«

Wie schon beim ersten Mal setzte Dr. Laefers’ Assistent die Leiche auf, damit der Ermittler einen Blick auf deren Rückseite werfen konnte. Als dies erledigt war und der Leichnam wieder auf dem Rücken lag, zog Jussuf Abdalleyah das Laken von der anderen Leiche bis zum Unterleib zurück. Die Ärztin zeigte zuerst auf die Brust der Toten, dann zum Armstumpf, sagte aber nichts. Dies wiederholte sie bei der anderen Leiche.

Frederic betrachtete die schuhförmigen Hämatome und die Armstümpfe beider Leichen ganz genau, bevor er feststellte, dass es sich auf dem Brustkorb der neuen Leiche um einen linken Schuhabdruck handelte, besser ausgeprägt als beim ersten Opfer. »Außerdem sieht es so aus, als wenn der Arm hier nicht ganz so sauber abgetrennt wurde, wie bei der Toten nebenan«, bemerkte er knapp. »Hier musste der Mörder ein wenig über Kreuz arbeiten, weswegen sein Schnitt nicht so gut gelungen ist wie bei Sushila Perumal.« Dann klatschte er sich an die Stirn und verkündete triumphierend, dass der Mörder der beiden Frauen ein Linkshänder war.

Angelika nickte. »Höchstwahrscheinlich, ja.«

Dohmen klopfte ihm auf die Schulter. Le Maire wollte sich gleich mit dem nächsten Punkt befassen und die Psychologie des Mörders ergründen. »Gut ist, dass wir jetzt einen ganzen Schritt weiter sind. Schlecht ist allerdings, dass wir es mit einem gefährlichen Serienkiller zu tun haben«, stellte er abschließend fest, während Jussuf die beiden toten Körper bedeckte und damit begann, die Leiche mit der Zehennummer 2021-15/11 a in Richtung der Kühlfächer zu schieben.

*

»Weißt du was?«, meinte Frederic Angelika gegenüber, nachdem sein Aachener Kollege gegangen war.

Die Rechtsmedizinerin war gerade dabei, sich die Hände zu waschen. »Ich höre.«

»Herbert, mein Streifenpolizist, hat sich in Burg-Reuland mit Einheimischen unterhalten. Dabei hat er von einer Frau etwas Interessantes erfahren. Und das möchte ich mir gerne selber anhören.«

»Ja, und?«, wunderte sich Angelika wegen des euphorisch klingenden Tones.

»Was hältst du davon, mich zu begleiten? Ich lade dich dort ins Restaurant ›Rosen‹ ein, da soll es eine kleine, aber feine Karte geben …«

»… auf der auch Fritten stehen, stimmt’s?«

Ertappt blieb Frederic nichts anderes übrig, als zuzugeben, Locki »rein sicherheitshalber« darum gebeten zu haben, sich übers Internet in diesem Restaurant danach zu erkundigen, ob es dort auch Fritten zu den Speisen geben würde. »Was ist jetzt? Hast du Lust oder soll ich allein fahren?«

Dass Angelika zögerte, wunderte Frederic. Normalerweise war sie es, die ihn in feine Lokale schleppte, und nicht umgekehrt. Deswegen traute sie ihm nicht ganz über den Weg. Aber letztlich ließ sie sich auf das Abenteuer ein. Selbstverständlich nicht einfach so, das wäre auch zu leicht gewesen. »Gut!«, sagte sie. »Wir gehen aber rasch in die Alexanderstraße und kaufen dir einen neuen Mantel!« Immerhin stünde der Winter bevor und ein neuer Mantel sei schon letztes Jahr, im Grunde genommen früher, fällig gewesen. Frederic hatte resigniert genickt. Als wenn dies nicht schon genug wäre, rief ihm Angelika zu: »Ach, noch was!«

Auweia, jetzt kommt’s, befürchtete Frederic nicht zu Unrecht, weil er seine Partnerin allzu gut kannte. Wenn er geglaubt hatte, mit der Essenseinladung ihr einen Gefallen getan zu haben, würde er sich gleich getäuscht sehen, weil sie anderen eine Freude bereiten mochte. »Was ist denn, Schatz?«, antwortete er in schrecklicher Vorahnung kleinlaut.

»Wegen der Aufregung um die neue Leiche hatte ich ganz vergessen, dir zu sagen, dass Bert heute Geburtstag hat und uns …«

»Olbrich?«, schoss es entsetzt aus Frederic heraus.

»Welchen Bert kennst du sonst noch? Natürlich meine ich Eleonores Mann.« Bevor Angelika berichten konnte, dass sie am Abend von Bert zu einem kleinen Umtrunk eingeladen waren, warf Frederic hastig ein, dass er im Restaurant »Rosen« bereits einen Tisch reserviert hatte.

»Gut! Sehr gut sogar!«, kam es zu Frederics Verwunderung sofort zurück. »Dann ruf ich dort an und teil den Wirtsleuten mit, dass wir zu viert sind.« Kaum hatte Angelika dies ausgesprochen, suchte sie auch schon über ihr iPhone die Telefonnummer des Restaurants heraus. »Na also … Bonjour, Madame, hier Dr. Laefers aus Aachen. Auf den Namen Le Maire müssten für heute Abend zwei Plätze reserviert sein! … Ja, ich warte.«

In was habe ich mich da nur wieder reingeritten, seufzte Frederic in sich hinein.

»Was? Es liegt keine Reservierung vor?« Angelika schaute Frederic fragend an, der tat so, als würde er sich wundern. »Haben Sie denn vier Plätze frei? … Ja, ich warte wieder.«

Während die Wirtin gute 90 Kilometer entfernt checkte, ob Plätze zur Verfügung standen, nahm Angelika sich Frederic zur Brust. Sie ahnte, dass es kein Versehen des Lokals war, dass von Frederics Reservierung nichts bekannt war. »Du hast überhaupt keinen Tisch für uns zwei bestellt, stimmt’s?«, schnauzte sie ihn an.

»Aber ich wollte es heute Morgen machen, glaub mir bitte. Allerdings habe ich es dann – wie du Berts Einladung – wegen unseres neuen Falls schlicht und einfach vergessen. Es tut mir …«

»Ja, ich höre«, unterbrach Angelika mit einer erhobenen Hand, weil die Wirtin wieder dran war. »Super! … Was? … Auf den Namen Le Maire, Frederic Le Maire.« Sie schaute den Kommissar streng an, sprach dabei aber ohne Unterbrechung weiter. »Alles klar? … Dann also bis 19 Uhr. Ich danke Ihnen.«

»Da hast du noch mal Glück gehabt, mein Schatz!«, hauchte sie ihm trotz gefährlich blitzender Augen zu und streifte ihren Arztkittel ab. »Ich mache heute etwas früher Feierabend, Jussuf!«, rief sie ihrem Assistenten zu, bevor sie sich bei Frederic einhakte und ihn nach draußen zog.

Was kam, war zumindest aus Frederics Sicht kaum auszuhalten. Anstatt wie gehofft mit Angelika in Berts nagelneuem BMW hinten zu sitzen, musste er neben dem Piloten auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Und dies hatte er Angelika zu verdanken, die während der Fahrt neben Eleonore sitzen wollte, damit sie sich mit ihr unterhalten konnte. Zuvor hatte sie sich vehement dagegen gesträubt, in Frederics mintfarbigen Citroën einzusteigen. Weil ihr kleiner Flitzer aber nur für zwei Personen Platz hatte, war Bert in die Bresche gesprungen und hatte angeboten, sein erst eine Woche altes »Wunderwerk der Computertechnik« zur Verfügung zu stellen.

»Mein bayerischer Freund braucht Bewegung!«, hatte er zu Angelika gesagt, nachdem Eleonore das Telefon an ihn weitergereicht hatte.

Berts großzügiges Angebot beinhaltete detailgenaue Erklärungen zu allem, was sein BMW konnte. Und Berts Neuerwerbung konnte weiß Gott viel, zu Frederics Leidwesen sogar zu viel. Dies nervte den Polizisten umso mehr, weil er mit der Computertechnik von Autos nichts am Hut hatte. Doch es nützte nichts; er musste sich die »Vorlesung« des Psychologieprofessors während der gesamten Stunde anhören, die sie von Aachen aus bis nach Burg-Reuland benötigten. Wie gerne hätte Frederic auch etwas von seiner 40 Jahre alten französischen »Göttin« erzählt, anstatt dem selbstgefälligen Geschwafel des allwissenden Angebers zuzuhören. Aber er hatte nicht die geringste Chance, Bert mitzuteilen, wie er an den alten Citroën gekommen war und was der alles konnte.

*

Kaum dass sie das Restaurant »Rosen« betreten und ihre Plätze eingenommen hatten, wurde ihnen von einem freundlichen Ober die Karte in die Hände gedrückt. »Einen Aperitif, die Herrschaften?«

 

Das geht ja schon wieder gut los, dachte sich Frederic und orderte trotz Angelikas scharfem Blick ein Bier.

Während sich die anderen Entenbrust, Scampi, Steinbutt oder Wachtelschenkel schmecken ließen, mochte es Frederic der Jahreszeit und seinem Naturell entsprechend eher etwas rustikaler. Also bestellte er sich zuvor ein Assortiment (»Wie sich das schon anhört!«) von herbstlichen Waldpilzen in Blätterteig an Kräuter-Knoblauch-Creme und als Hauptgang ein Steak vom Hirsch mit Saisonfrüchten und Wintergemüse. »… aber bitte mit Fritten!«

Angelikas neuerlich tadelnden Blick ignorierte Frederic. Stattdessen tupfte er sich ganz nonchalant den Mund ab und stand auf. »Entschuldigt mich bitte!«

Während sich die Frauen angeregt unterhielten, kam Bert ausnahmsweise einmal nicht zu Wort. Solange Frederic weg war, blieb ihm nichts anderes übrig, als zuzuhören, wie Eleonore ihrer Freundin vom Restaurantumbau am Münsterplatz berichtete. Als sie Angelika von ihrem »tollen« Auftraggeber vorschwärmte, begann es in Bert zu brodeln. »Stell dir vor, wen ich getroffen habe, als ich mit Louis van Basten im ›Domkeller‹ gewesen bin …«

»Wen? – Nun sag schon«, drängte Angelika.

»Kannst du dich an mein Au-pair-Mädchen erinnern?«

»An Nashwa? Klar kann ich mich an das süße Mädchen erinnern!«

»Ja?« Eleonores Augen strahlten freudig. »Nashwa und ich haben ausgemacht, dass wir uns morgen in aller Ruhe auf ein Schwätzchen treffen. Nur wir zwei!«

Aber anstatt sich über Nashwa zu erkundigen, stockte Angelika. Sie war nervös geworden. Unruhig schaute sie sich um. Sie wunderte sich darüber, dass Frederic so lange auf der Toilette war. Als er nach ein paar weiteren Minuten immer noch nicht zurück war, entschuldigte sie sich bei den Olbrichs und stand auf, um ihn zu suchen. Nachdem sie erfolglos an die Toilettentür geklopft hatte, ging sie nach draußen, wo sich ein paar Raucher um einen Aschenkübel herum zusammengefunden hatten. Frederic war nicht dabei. Nunmehr gänzlich beunruhigt, eilte sie in den Flur zurück. Da hörte sie um die Ecke Stimmen. Das ist er, dachte sie zunächst erleichtert. Und die andere Stimme kenne ich vom Telefon. Aber was hat Frederic mit der Wirtin zu schaffen? Verheimlicht er mir etwas? Derart getrieben, konnte sie es nicht lassen, die beiden zu belauschen. Leider bekam sie nichts mehr vom Gespräch mit, weil ausgerechnet in diesem Augenblick Bert auf sie zukam und wissen mochte, was sie hier im Flur tat und wo Frederic sei.

Kurz darauf hatten sich alle wieder an ihrem Tisch eingefunden. Während Bert das Wort an sich gerissen hatte und auf Frederic einredete, suchten Angelikas Augen den Blick ihres Partners. Die erregte Frau hoffte, etwas daraus lesen zu können. Aber Frederic schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Jedenfalls verhielt er sich wie immer, wenn sie mit den Olbrichs zusammen waren: Er hörte Bert mehr oder weniger geduldig zu.

Eleonore fragte ihre Freundin, ob sie nun von Nashwa weitererzählen dürfe.

»Ja! Selbstverständlich! Was ist aus der kleinen Maus geworden?«

»›Kleine Maus‹? Von wegen …«

Während sich die beiden Damen ein Glas des neu eingetroffenen Vincent Lamboureux gönnten, eines exzellenten Champagner Pinot Noir Blanc de Noirs, blieb Frederic trotz mehrmals hartnäckiger Nachfrage des Obers beim Bier und Bert wegen des Fahrens beim obligatorischen Mineralwasser.

Schon etwas angesäuselt war Eleonore wieder auf ihr aktuelles Einrichtungsobjekt gekommen. In einem wahren Wortschwall erzählte sie derart detailgenau vom künftigen Restaurant »Zur Goldenen Madonna«, dass Frederic und Angelika glaubten, Bert zuzuhören. Dies änderte aber nichts daran, dass die beiden überaus interessant fanden, was Eleonore berichtete. Frederic genoss es, dass ausgerechnet Berts Frau ihrem Mann zumindest für ein Weilchen einen Maulkorb aufgesetzt hatte. Als der Kriminalhauptkommissar hörte, wie das neue Lokal nach dem Umbau heißen und dass es mit unzähligen Heiligenfiguren bestückt werden solle, war er neugierig geworden.

»Wisst ihr, dass im Oktober in Vaals eine Madonnenstatue gestohlen wurde?«

»Ich weiß auch etwas!«, schoss es aus Angelika hervor, der in diesem Moment das Gespräch im »Sel et Poivre« einfiel.

Die Blicke der drei waren voll und ganz auf Angelika gerichtet. Sie berichtete, dass in Homburg vor Kurzem ebenfalls eine Steinmadonna verschwunden war. »Stellt euch vor, direkt gegenüber des ›Grain d’Orge‹!«

»Du meinst den Brauereigasthof, in dem wir schon mal waren?«

»Genau«, entgegnete Angelika.

»Dann sind es ja schon zwei Madonnenfiguren, die in unserem Umfeld gestohlen wurden«, bemerkte Eleonore in Erinnerung daran, dass ihr Auftraggeber bisher zwei Madonnenfiguren besorgt hatte. Um keine unnötige Unruhe aufkommen zu lassen, behielt sie das für sich. Sie fragte nur, wie die Figuren aussahen.

»Unbemalt!«, schoss es fast gleichzeitig aus Frederic und Angelika heraus.

Weil Frederic konkretisierte, dass »seine« Figur aus Blaustein war, setzte auch Angelika nach: »Ich glaube, ›meine‹ Figur war aus Marmor.«

»Hat dein Auftraggeber auch Madonnenfiguren in seinem Lokal?«

Weil Eleonore sicher war, dass van Basten nichts mit den Diebstählen zu tun hatte, bejahte sie und erklärte, dass »ihre« Figuren im nazarenischen Stil bemalt seien.

Die beiden Paare unterhielten sich noch lange über dieses Thema und einige andere Dinge, bevor sie den Abend gemütlich ausklingen ließen.