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Bernd-M. Beyer

HELMUT SCHÖN

Eine Biografie

VERLAG DIE WERKSTATT

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Coverabbildung: Horstmüller Pressebilderdienst

Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

ISBN 978-3-7307-0317-5

Inhalt PROLOG: An einem Tag in Brüssel KAPITEL 1: Früher Lorbeer 1915 bis 1934: Kindheit und Karrierebeginn EXKURS: Helmut Schön und seine Lehrmeister KAPITEL 2: Höhenflug und harter Boden 1935 bis 1941: Die Zeit bei der Nationalmannschaft KAPITEL 3: Krönungen in Kriegszeiten 1940 bis 1944: Titel mit dem Dresdner SC EXKURS: Helmut Schön und der Untergang des alten Dresden KAPITEL 4: Der stille Dissident 1945 bis 1950: Trainer in der DDR KAPITEL 5: Auf Wanderschaft 1950 bis 1952: Intermezzo in Westberlin und Wiesbaden KAPITEL 6: Länderspiele gegen den Lehrmeister 1952 bis 1956: Verbandstrainer im Saarland KAPITEL 7: Im Schatten des »Chefs« 1956 bis 1964: Assistent von Sepp Herberger KAPITEL 8: Erste Bewährung 1964 bis 1966: Amtsübernahme und Vizeweltmeisterschaft EXKURS: Helmut Schön und die Dopingfrage EXKURS: Helmut Schön und Herbergers Zorn KAPITEL 9: Im Fokus der Kritiker Europameisterschaft 1968 und Weltmeisterschaft 1970 EXKURS: Helmut Schön und die Medien KAPITEL 10: Traummonate Die Europameisterschaft 1972 EXKURS: Helmut Schön und die Stasi KAPITEL 11: Auf dem Gipfel Die Weltmeisterschaft 1974 EXKURS: Helmut Schön und Volkes Stimme KAPITEL 12: Am Ende eine Enttäuschung Europameisterschaft 1976 und Weltmeisterschaft 1978 EXKURS: Helmut Schön, Oberst Rudel und die Junta KAPITEL 13: »Ein großer Trainer« 1978 bis 1996: Ruhestand und Bilanz ANHANG Danksagung Biografische Daten zu Helmut Schön Helmut Schöns Länderspiele Literatur und Quellen Personenregister

PROLOG

An einem Tag in Brüssel

Am 18. Juni 1972 krönte sich die deutsche Nationalmannschaft mit dem Gewinn der Europameisterschaft. Es war der Abschluss einer Serie rauschhafter Spiele, die Ende April in London ihren Anfang genommen hatte. Dort im Wembley-Stadion hatten die Deutschen, dirigiert von Günter Netzer und Franz Beckenbauer, eine Partie abgeliefert, die nicht nur von »L’Équipe« zum »historischen Ereignis« erklärt wurde. Mit extrem offensiver Ausrichtung, spielerischer Raffinesse und raschen Positionswechseln hatten sie die Engländer schwindelig gespielt und 3:1 gewonnen. Es begann, was Helmut Schön später »Traummonate für mich als Trainer« nannte. In den folgenden Länderspielen konnten die überforderten Gegner den variantenreichen deutschen Angriffen wenig mehr entgegensetzen als Härte. Zwar endete das Rückspiel gegen das »Mutterland« des Fußballs nur 0:0, doch der Spielverlauf war so, dass der sonst zurückhaltende »Kicker« titelte: »Von Englands Ruhm blieb nur die Asche«.

Die Spiele gegen England bildeten nach damaligem Modus das Viertelfinale der Europameisterschaft; die Endrunde in Belgien umfasste lediglich Halbfinale und Endspiel. Zwischendurch überrannte die Nationalelf in einem Freundschaftsspiel zur Eröffnung des Münchner Olympiastadions das starke sowjetische Team mit 4:1. Alle vier Treffer erzielte Gerd Müller in der zweiten Halbzeit. Im EM-Halbfinale am 14. Juni war Gastgeber Belgien eine etwas härtere Aufgabe, aber der 2:1-Sieg dank zweier Müller-Tore hochverdient.

Vier Tage später das Endspiel im Brüsseler Heyselstadion, erneut gegen die Sowjetunion. Die »Sbornaja« war durch die vorangegangene Demütigung in München gewarnt, praktizierte eine Art Catenaccio und setzte drei Mann auf Müller an. Die konnten den »kleinen Dicken« tatsächlich in Schach halten – allerdings nur bis zur 28. Minute: Beckenbauer dribbelte aus der eigenen Hälfte, passte zu Netzer, der donnerte das Leder gegen die Latte. Heynckes schoss den Abpraller Torhüter Rudakow an die Fäuste, Müller staubte ab. Es folgte eine Demonstration all dessen, was Fußball so atemberaubend macht: Spielwitz, Tordrang, technische Kabinettstückchen. »Wenn eine Mannschaft so spielt«, gestand der russische Trainer Alexander Ponomarjow neidlos, »dann muss das jeden Trainer erfreuen, wenn’s auch wehtut«.

Auf der rechten Seite drängten mit Uli Hoeneß und Jupp Heynckes zwei ausgewiesene Torjäger, links gesellte sich zu den Offensivkräften Erwin Kremers und Herbert Wimmer – »Hacki« erzielte das 2:0 nach herrlichem Spielzug – noch Paul Breitner als stürmender Verteidiger. Das Prunkstück aber bildete die mittlere Achse mit Beckenbauer, Netzer und Müller. Der »Kaiser« irritierte mit seiner Lässigkeit zuweilen nicht nur den Gegner, sondern auch die eigenen Mitspieler, der »große Blonde« sorgte mit seinen angeschnittenen Pässen für Staunen, und Müller machte die Tore – auch das 3:0 in der 57. Minute, auf Zuarbeit seines Vereinskollegen »Katsche« Schwarzenbeck. Selbst diesen defensiven Haudegen hatte es nicht hinten gehalten, er war mit dem Ball übers gesamte Spielfeld marschiert und überließ nur den Abschluss dem Goalgetter.

Schlusspfiff und Eintrag in die Geschichtsbücher. »Ein neues Wunderteam« hatte die Brüsseler Tageszeitung »La Libre Belgique« beobachtet, der französische »France Soir« sah »ein großartiges Schauspiel totalen Fußballs« und »L’Équipe« eine »Rehabilitierung des Offensivfußballs, der Spielfreude und der Freude am Ball«. Der italienische »Corriere dello Sport« pries ein »Schauspiel der Kraft, Spurtschnelligkeit, Fantasie und Genialität« sowie den Beginn »eines neuen Zeitabschnitts im Fußball«. Und die konservative englische »Times« bekannte: »Es ist eine Freude, den Deutschen zuzuschauen.« 40 Jahre später resümierte der Fußballautor Uli Hesse im Magazin »11Freunde«: »Das Lob aus dem Ausland [bekam] 1972 auch deshalb so ekstatische Züge, weil das schöne Spiel von einer Mannschaft gezeigt wurde, von der man es nicht erwartet hatte. […] Ohne Zweifel war kein DFB-Team im Ausland je so beliebt wie die Europameister von 1972, bis die heutige Mannschaft vor die Weltöffentlichkeit trat.« Und sich in Brasilien aufmachte, unter ihrem Trainer Joachim Löw Weltmeister zu werden.

1972 wurde vieles von dem vorweggenommen, was später der Klinsmann’schen und Löw’schen Fußball-»Revolution« zugeschrieben wurde – insbesondere, dass über den Fußball rund um den Globus ein verändertes, »leichteres« Bild der Deutschen transportiert würde. 1954 war das nicht so gewesen. Das »Wunder von Bern« wirkte vor allem nach innen. Es trug damals, so der Zeithistoriker Arthur Heinrich, »erheblich dazu bei, dass die Demokratie von den Westdeutschen angenommen wurde«. Fußball funktionierte dabei auch als Verdrängungsmechanismus – »und mit der Weltmeisterschaft 1954 hat Sepp Herberger ihn allen Deutschen zum Geschenk gemacht. Sie nahmen es nur allzu gerne an« (Herberger-Biograf Jürgen Leinemann). Das Ausland schaute eher skeptisch darauf, ob der Titelgewinn großdeutsche Wiedergänger beflügelte, doch abgesehen von einigen Verbalausrutschern insbesondere des DFB-Präsidenten Peco Bauwens (»Repräsentanz besten Deutschtums«) passierte da nicht viel; die offizielle Bonner Politik hielt sich auffallend zurück.

Zugleich (re)produzierte Herbergers WM-Elf die ominöse Tradition der »deutschen Tugenden«, die irgendwo angesiedelt sind zwischen »Willenskraft«, »Härte«, »Gemeinschaftsgeist« und der Fähigkeit, sich auf ein Turnier zu fokussieren. Davon war 1972 keine Rede. Es gab keine echte Turniersituation, keinen mythischen »Geist von Spiez«, keinen unbeugsamen Kampfeswillen. Auf dem Rasen agierten mit spielerischer Eleganz elf Individuen, die sich auf ein 90-minütiges gemeinsames Zusammenwirken verständigt hatten. Das »Wunder«, das sie schufen, erwuchs nicht primär aus dem errungenen Sieg, sondern aus der Schönheit ihres Spiels. Bern 1954, so formulierte es Arthur Heinrich, hatte für einen »enormen Zugewinn an Selbstbewusstsein« gesorgt und somit die Voraussetzungen geschaffen, die Demokratie »sich zu eigen zu machen und schließlich deren Liberalisierung in Angriff zu nehmen«. Brüssel 1972 zeigte die Früchte dieser Liberalisierung, zeigte das Potenzial an Kreativität und (Spiel-)Freude, das daraus entstehen konnte. Es markierte damit eine Zäsur, die nicht kleiner ist als jene von 1954.

Nur wenige zeitgenössische Kommentatoren wie »Kicker«-Chefredakteur Karl-Heinz Heimann verwiesen 1972 auf Helmut Schöns großen Anteil am wundersamen Auftritt der Deutschen: »Für die junge Spielergeneration unserer Tage […] ist er genau der richtige Mann.« Mit der Europameisterschaft gewann Schön als Bundestrainer den ersten großen Titel, aber erfolgreich war er schon vorher. 1966, zwei Jahre nach dem Amtsantritt, wurde seine Elf in England Vizeweltmeister, besiegt nur durch das »Wembley-Tor«, das keines war. Vier Jahre später, bei der WM in Mexiko, gab sich seine Mannschaft allein Italien geschlagen – in einem Halbfinale, das als »Jahrhundertspiel« in die WM-Annalen einging. Dem EM-Sieg von Brüssel würde der Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land folgen, zwei Jahre später ein nur durch Elfmeterschießen verlorenes EM-Finale.

Gemessen an diesen Platzierungen, ist Helmut Schön bis heute der erfolgreichste Nationaltrainer der Welt. In die Annalen des deutschen Sports schrieb er sich zudem als meisterhafter Spieler ein sowie durch den bemerkenswerten Umstand, dass er als Nationaltrainer in allen drei Nachfolgestaaten des 1945 untergegangenen Deutschen Reiches amtierte: in der DDR, dem Saarland und der Bundesrepublik. Dennoch ist sein Name im deutschen Fußballgedächtnis merkwürdig blass geblieben, nicht vergleichbar mit dem Rang, den der »genialische« Sepp Herberger, der charismatische Franz Beckenbauer oder der akribische Tüftler Joachim Löw mit ihren Titelgewinnen einnehmen. Deren Anteil an den Erfolgen ihrer Mannschaften wird höher bewertet, vermutlich, weil sie, anders als Schön, keine selbstbewussten Starensembles zu dirigieren hatten. Ob das ihre Aufgabe wirklich schwieriger machte (und die Schöns leichter), sei dahingestellt.

Eine der Fragen, die dieses Buch zu beantworten versucht, ist somit die nach Schöns Beitrag zu den Erfolgen seiner Mannschaft. War er nur der Moderator, der seine Weltstars bei Laune halten musste? Oder war er der psychologisch geschickte Stratege, der seinen Anteil an den diversen Triumphen lediglich durch eigene Bescheidenheit in der Öffentlichkeit kleinhielt?

Als »zögerlich« und »entscheidungsschwach« beurteilte ihn mancher Kritiker in Westdeutschland, als »arrogant« und »selbstherrlich« charakterisierten ihn die Spitzel der ostdeutschen Stasi, bei denen er freilich als »Republikflüchtling« ohnehin mies beleumundet war. Als Reichstrainer in Nazizeiten strich Sepp Herberger den Nationalspieler Helmut Schön aus seiner Elf, weil er ihn für »zu weich« hielt, während Schöns Heimatverein, der Dresdner SC, den Stürmer als einen zuverlässigen Garanten für den zweimaligen Gewinn der Deutschen Meisterschaft ansah. Das Urteil über ihn war oft widersprüchlich. Er selbst trug dazu bei durch einen in Fußballerkreisen eher untypischen Hang zur leisen Redensart und zum Schöngeistigen. Die Nationalelf zwecks Zerstreuung ins klassische Theater zu schleppen, war jedenfalls auch in den siebziger Jahren ein kleiner Anachronismus.

Helmut Schön suchte nicht den Konflikt, doch blieb er sich auf zurückhaltende Art auch in schwierigen Zeiten selber treu. Diese Eigenschaft durchzog sein ganzes Leben und all die gesellschaftlichen oder politischen Umbrüche, die er dabei durchschritten hat. Zum Fußball zog es ihn wider alle Skepsis des Vaters, und auf dem Platz setzte er sich als eleganter Techniker durch, obwohl er verletzungsanfällig war und die Zuschauer sächselten: »E dierekter Lewe is es ja nich.« Den Nazis verweigerte er das klare Bekenntnis, das von einem Sportidol wie ihm erwartet wurde. Aus der DDR floh er, weil er sich mit einer zentral verordneten Sportpolitik nicht arrangieren mochte. Einer neuen Spielergeneration, die für Herbergers »Elf Freunde«-Philosophie nur ein müdes Lächeln übrighatte, begegnete er mit mildem Liberalismus, auch wenn der plakative Hedonismus der Generation Netzer seinen konservativen Idealen eines sportlichen Altruismus gründlich zuwiderlief. Als während der WM 1974 seine Mannschaft um Siegesprämien feilschte, hätte er beinahe den Büttel hingeworfen. Nicht, weil er den Spielern das Geld missgönnte, sondern weil er solche Art Schacherei verabscheute.

In einer Branche, in der zunehmend Lautsprecher den Ton angaben, blieb er nachdenklich und zurückhaltend. Siegerposen lagen ihm nicht, die Gebote eines Fairplay sah er dagegen als selbstverständliche Verpflichtung. Nach dem EM-Triumph von Brüssel fiel ihm vor allem ein: »Mein besonderer Dank gilt auch der russischen Mannschaft, die sich als fairer und anständiger Verlierer erwiesen hat.«

KAPITEL 1
Früher Lorbeer
1915 bis 1934: Kindheit und Karrierebeginn

50.000 Zuschauer drängten sich am 28. September 1930 im Ostragehege, dem Heimstadion des Dresdner Sport-Clubs. Die kürzlich eingeweihte große Holztribüne auf der Gegengeraden war hoffnungslos überfüllt, ebenso die moderne steinerne Haupttribüne und die Stehränge rings um das Spielfeld. Vor dem Anpfiff kreiste ein Flugzeug über dem Stadion, zeigte Loopings, Turns und Rollen. Unten marschierte eine Militärkapelle über den Rasen.

Die Dresdner Fußballbegeisterten waren gekommen, um die deutsche Nationalmannschaft gegen Ungarn spielen zu sehen. Vor allem aber waren sie gekommen, um ihren »König Richard« zu erleben – Richard Hofmann, den Stürmerstar des Dresdner SC, von dessen Taten im Nationaldress man Wunder berichtete. Nur wenige Monate zuvor hatte er beim sensationellen 3:3 gegen England in Berlin alle deutschen Treffer erzielt. Und das, obwohl er noch im März einen schweren Autounfall erlebt und dabei die rechte Ohrmuschel verloren hatte. Seither spielte er mit einer Ohrenklappe.

Zunächst wurden die Hoffnungen der Dresdner Zuschauer enttäuscht. Zur Halbzeit lagen die Deutschen mit 0:3 zurück, und kurz nach Wiederanpfiff hätten die Ungarn beinahe das vierte Tor geschossen. Doch dann kam der Auftritt von »König Richard«. Mit wuchtigen Schritten zog er an mehreren Gegenspielern vorbei, drang in den Strafraum ein und schoss unhaltbar ein. Das Publikum brüllte vor Freude, und das Spiel drehte sich. Nun stürmten die Deutschen ununterbrochen nach vorne und erzielten vier weitere Treffer. 5:3 hieß es am Ende. Tausende strömten nach dem Schlusspfiff den Rasen, feierten ihre Idole und trugen sie auf Schultern zu den Umkleidekabinen.

Unter den begeisterten Zuschauern im Ostragehege befand sich ein 15-jähriger, hochaufgeschossener, spindeldürrer Schlaks. Helmut Schön hatte als Ballholer hinter einem der Tore gestanden und aus nächster Nähe miterlebt, wie Nationaltorhüter Willibald Kreß drei Gegentreffer passieren lassen musste. Umso begeisterter war er, als Richard Hofmann mit seinem flachen Schuss ins lange Eck die Wende einleitete. »Seit diesem Tag, seit diesem Tor«, so erzählte Schön später, »schwärmte ich für Richard Hofmann«.

»Mein Idol«, so nannte er ihn und hielt ihn noch vier Jahrzehnte später für »einen der größten und bekanntesten Spieler, die Deutschland je besessen hat«. Da hatte Helmut Schön bereits, als Assistent oder Chef, solche Größen wie Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer oder Günter Netzer trainiert. »König Richard« vergaß er über sie nicht. Dessen Qualitäten kannte er genau, denn an des Königs Seite hatte er seine größten Erfolge als Spieler gefeiert.

Spielfeld Struvestraße

Richard Hofmanns Auftritt gegen Ungarn war nicht das erste Länderspiel, das der junge Helmut miterlebte. Schon als Fünfjähriger wurde er – offenbar ohne elterlichen Segen – von seinem sieben Jahre älteren Bruder Walter ins Fußballring-Stadion der Dresdner Neustadt geschleppt, wo im Mai 1921 die Nationalelf gegen Österreich antrat. 25.000 Zuschauer quetschten sich in die kleine Spielstätte, auf den Rängen herrschte ein gefährliches Gedränge. Der kleine Helmut wurde vom großen Bruder hochgestemmt, damit er überhaupt etwas vom Spiel sehen konnte; er bestaunte vor allem die Paraden des berühmten Torhüters Heiner Stuhlfauth vom Nürnberger »Club«. Nach dem Spiel, so berichtete Schön in seinen 1970 erschienenen Erinnerungen, wurde er »als kleiner Steppke in einer schiebenden und drängenden Masse eingekeilt und war nahe daran, zerdrückt und überwalzt zu werden«. Erst als neben ihnen eine Bretterwand zusammenbrach, konnten Helmut und Walter sich aus dem Chaos retten.

Nun hatte Helmut die Begeisterung für den Fußball gepackt. Sein Spielfeld wurden Fahrbahn und Gehweg der Struvestraße, an der die elterliche Wohnung lag. Noch fuhren nur wenige Autos auf der Straße, und so konnte sich eine Horde Jungs aus der Nachbarschaft treffen, um Mannschaften auszuhandeln, Passanten zu umdribbeln und Doppelpässe zu schlagen, die von vollgepackten Einkaufsnetzen zurücksprangen. Als Tor diente der Raum zwischen einer Haustür und der Laterne davor. An guten Tagen brachte einer der Jungs einen Lederball mit, ansonsten wurde aus Stofflumpen eine Kugel gebastelt. Solche Begleitumstände schulten Technik, Reflexe und Spurtkraft. Die Antrittsschnelligkeit war nicht nur zur Balleroberung gefragt, sondern auch dann, wenn die Kugel unabsichtlich gegen eines der vielen Schaufenster rauschte und man fliehen musste.

Die Struvestraße lag in einer gutbürgerlichen Wohngegend der Dresdner Seevorstadt. Entstanden war sie Mitte des 19. Jahrhunderts als Ausdehnung des Stadtkerns nach Süden; sie mündete damals in Dresdens vornehme Einkaufsmeile, die Prager Straße. Die meisten Häuser zählten vier oder fünf Stockwerke: ein Geschäft im Erdgeschoss, darunter eine Souterrainwohnung für weniger begüterte Mieter, darüber eine Büroetage. Nach oben gab es eine soziale Schichtung: In Stockwerk zwei und drei lebten meist gutbürgerliche Familien, im vierten Handwerker oder Witwen.

Die Schöns waren zwei Jahre nach Helmuts Geburt dorthin gezogen, in eine geräumige Wohnung im zweiten Stock des Hauses Nummer 38. Am 15. September 1915, als mitten im Ersten Weltkrieg sein jüngster Sohn geboren wurde, war Vater Anton Schön bereits 57 Jahre alt und hatte eine längere berufliche Laufbahn hinter sich. Er entstammte einer bäuerlichen Familie aus Altgersdorf in Schlesien. Dass er im überwiegend evangelisch orientierten Dresden Fuß fassen konnte, verdankte er ausgerechnet seiner katholischen Religionszugehörigkeit. Sein Enkelsohn, Dr. Stephan Schön, berichtet darüber, was er aus den familiären Überlieferungen erfuhr: »Das sächsische Königshaus hing dem katholischen Glauben an und damit auch viele der am Hof dienenden Menschen. Diese achteten darauf, ihrerseits katholisches Personal zu beschäftigen. Die Dresdner Bevölkerung war überwiegend evangelisch, so dass junge Menschen aus dem katholischen Schlesien gefragt waren. Eben auch mein Großvater, der etwa um 1885-89 in einem katholischen Haushalt eine Dienerposition erhielt. Dort war er lange beschäftigt.«

Helmut Schön selbst berichtete in seiner Autobiografie »Fußball«, sein Vater sei zum Kammerdiener – also eine Art Privatsekretär – von Adeligen aufgestiegen und habe als Butler eines englischen Aristokraten auch Englisch gelernt. Offensichtlich erwarb er dabei so viel Wissen und gesellschaftliche Kontakte, dass er sich schließlich als Antiquitätenhändler selbstständig machen konnte. In den politisch turbulenten und wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war das nicht einfach. Wie überall in Dresden sah man auch vor Schöns Geschäft in der Lüttichaustraße Kriegsinvalide und Arbeitssuchende vorbeigehen. Wer den Laden betrat, wollte meist aus Geldnot Antiquitäten verkaufen, nicht einkaufen; die zahlende Kundschaft bildeten Touristen oder Geschäftsleute aus England und Amerika. Anfang der zwanziger Jahre, so erzählte es Helmut Schön, musste manches Mal ein kleiner Perserteppich gegen Kartoffeln oder Butter eingetauscht werden, doch oft genug gab es nur Kohlrüben zum Mittagessen.

Langsam ging es aufwärts. Die Berufsbezeichnungen im Dresdner Adressbuch markieren den sozialen Aufstieg von Anton Schön: 1918 noch als »herrschaftlicher Diener« geführt, avancierte er 1920 zum »Partiewarenhändler«, 1927 zum »Altwarenhändler«, 1933 zum »Kunst- und Antiquitätenhändler« und 1938 zum »Kunsthändler«.

1902 hatte Anton Schön die damals 22-jährige Ida Güttler geheiratet, die als Hausmädchen arbeitete und aus der Lausitz stammte; ihr Vater war ein Tuchscherer, also Arbeiter in einer Textilmanufaktur. Anders als ihr Mann war sie evangelisch getauft. Ein Jahr nach der Hochzeit bekam Ida eine Tochter, Helene, der die beiden Brüder folgten: 1908 Walter und sieben Jahre später Helmut. Seine Mutter schilderte Helmut Schön als »schöne, gütige, liebe Frau«, von der er offenbar die Körperlänge geerbt habe. In der Struvestraße führte sie einen Haushalt, dessen Räume vollgepackt waren mit barocken Kommoden, Biedermeier-Schränken und Orientteppichen, dazu Porzellanschmuck, alte Stiche und Ölgemälde an der Wand. Anton Schön mochte sich von manchem Glanzstück seiner Warensammlung nicht trennen und brachte es lieber nach Hause mit. Ab und zu fiel dort allerdings ein Schmuckteller den Fußballversuchen seiner Söhne zum Opfer.

Es waren keine wohlhabenden, aber doch gut situierte Verhältnisse, in denen Helmut Schön und seine beiden Geschwister aufwuchsen. Darauf deutet auch die Nachbarschaft im Haus Struvestraße 38 hin. Im Jahr 1928 beispielsweise lebte in der Etage über den Schöns ein Professor Otto Schmid, der als »Musikschriftsteller« geführt wurde. In der gleichen Etage wie Familie Schön wohnte seit Jahren schon ein Max Wollf. Helmut Schön erinnerte sich, dass der damals 50-jährige Wollf »praktisch zur Familie« gehört habe, und bezeichnete ihn als »Untermieter«. Einen einfachen »möblierten Herrn« jedoch darf man sich unter ihm nicht vorstellen. Max Wollf war Verlagsdirektor der größten Dresdner Tageszeitung, der liberal-konservativen »Dresdner Neuesten Nachrichten«.

Sein Bruder, Prof. Julius Ferdinand Wollf, fungierte seit 1903 als Chefredakteur dieser Zeitung und hielt zudem einen kleinen Gesellschaftsanteil an deren Verlag. Julius Wollf galt als renommierter Theaterkritiker, der unter anderem einen intensiven Briefwechsel mit Gerhart Hauptmann führte. Er bewohnte eine Villa in der Palaisstraße, die später Franz-Liszt-Straße hieß. Die Brüder Wollf entstammten einer jüdischen Familie aus Koblenz. Mit Sorge dürften die beiden die politische Entwicklung in Dresden beobachtet haben. In der einstigen Hochburg der Sozialdemokratie – 1919 erreichte die SPD hier bei den Reichstagswahlen über 50 Prozent der Stimmen – grassierte zunehmend der Antisemitismus. 1928 mit 1,8 Prozent noch eine Splitterpartei, erzielte die NSDAP danach sprunghafte Wahlerfolge. Vier Jahre später hatte sie bereits die SPD überflügelt.

In der Familie Schön war Politik nur sehr selten ein Thema. Der Vater interessierte sich nicht sonderlich für das Politische; aus Überzeugung wählte er die bürgerlich-katholische Zentrumspartei, die im evangelischen Dresden allerdings keine Rolle spielte. Dass er seinen Sohn Helmut aufs Bischöfliche St.-Benno-Gymnasium schickte, hatte ebenfalls mit seiner katholischen Orientierung zu tun, auch wenn das Religiöse in der Familie offenbar keine allzu große Rolle spielte. Kein Verständnis besaß Anton Schön für politische Radikalität jeglicher Couleur. Kommunisten hielt er für Menschen, die »den anderen Leuten alles wegnehmen«, wie sein Sohn Helmut schrieb. Mit den Nazis aber wollte er erst recht nichts zu tun haben.

$23.22
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0+
Release date on Litres:
12 December 2025
Volume:
681 p. 2 illustrations
ISBN:
9783730703175
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Bookwire
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