Read the book: «Chronik von Eden»

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Chronik von Eden

Sammelband der Armagddon-Reihe

© 2019 Begedia Verlag

Coverdesign: Atelier Tag Eins

Innengrafiken: Lothar Bauer

ebook-Bearbeitung und Satz: Harald Giersche

ISBN: 978-3-95777-128-5


Erstes Buch: Gottes letzte Kinder

von D.J. Franzen

Die Apokalypse ist über die Menschheit hereingebrochen.

Die Toten stehen wieder auf und machen Jagd auf die Lebenden.

In dieser Welt versucht Frank zu überleben. Bei seiner Suche nach dringend benötigter Nahrung und Ausrüstung im völlig zerstörten Köln trifft er auf Sandra. Sie ist eine weitere Überlebende des Untergangs, ebenso wie Pfarrer Patrick Stark, ein Mann Gottes, der sich scheinbar in sein Schicksal ergeben hat.

Die drei glauben, die letzten lebenden Menschen in der toten Stadt zu sein und werden von einem Zombie verfolgt, der schneller, stärker und schlauer ist, als die anderen Untoten.

Doch es haben noch mehr Menschen Armageddon überlebt. Und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach ...

Gottes letzten Kindern

Kapitel I - Der Sturm

T-Minus 90 Tage … Phase 1:

Es wurde kein neuer Virussubtyp bei Menschen entdeckt. In Tieren können Virussubtypen umlaufen, die auch Menschen infizieren, jedoch wird das Risiko als gering bewertet.

(Definition Pandemiephasen nach WHO)

*

T-Minus 85 Tage … Phase 2:

Es wurde kein neuer Virussubtyp bei Menschen entdeckt. Ein in Tieren umlaufender Subtyp stellt ein erhebliches Risiko einer Erkrankung von Menschen dar.

(Definition Pandemiephasen nach WHO)

*

Eigentlich ging es Patient Null gut, wenn man von dem Husten absah, der ihn seit einigen Tagen plagte. Aber als Schäfer kannte man keine Krankenkasse und Erkältungen gehörten eben manchmal dazu, wenn man einen Beruf wie diesen ausübte. Er blickte über seine Herde, die auf einer städtischen Wiese im Auftrag der Kommune das Gras niedrig halten sollte. Im Hintergrund verdeckte der graue Bau irgendeines Pharmakonzerns die Sicht auf den Horizont, aber er hatte keinen Blick dafür übrig. Seine Schafe waren nicht gut dran, und das war weiß Gott wichtiger. Die meisten blickten stumpf vor sich hin, statt das saftige Gras zu weiden. Er seufzte. Vielleicht bekamen seine Tiere die Traberkrankheit? Ein sämiges Husten rollte seine Brust hoch, und Patient Null räusperte einen dicken Schleimklumpen hoch.

Verfluchte Erkältung.

*

T-Minus 75 Tage … Phase 3:

Beginn der Alarmphase: Vereinzelt werden Menschen infiziert, eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist jedoch sehr selten und tritt allenfalls bei engem Kontakt zu einem Infizierten auf.

(Definition Pandemiephasen nach WHO)

*

Patient Null lag im Bett. Seine Frau hatte heute die Herde übernommen, obwohl sie sich auch nicht gut fühlte. Aber immerhin ging es ihr besser als ihm. Morgen oder spätestens übermorgen wäre er wieder bei seinen Schafen. Wenn nur das verdammte Fieber nicht wäre! Ächzend griff er nach dem Glas auf seinem Nachttisch. Er lag im Sterben ohne es zu ahnen, und hatte unter anderem auch seine Frau sowie seine drei Aushilfen bereits angesteckt, die aus England, Schottland und Australien angereist waren, um das Handwerk aus der Sicht eines anderen Landes zu erlernen. Zwei dieser Aushilfen hatte er vor einigen Tagen zu einem Kollegen geschickt, der mit grippeähnlichen Symptomen im Bett lag. Seine dritte Aushilfe lag bereits im städtischen Krankenhaus in der Leichenhalle, was er nicht wusste.

Drei Stunden später war auch Patient Null tot.

Das Muster und die Häufigkeit der Erkrankungen zwang die WHO, die Pandemiestufe umgehend auf 5 zu setzen. Das Virus sprang nun weltweit von Tieren auf Menschen über.

*

T-Minus 70 Tage … Phase 5:

Erhebliches Pandemierisiko: Größere, aber noch örtlich und zeitlich eng begrenzte Ausbrüche in zwei Gebieten einer der sechs WHO-Regionen. Das Virus ist besser, aber noch nicht vollständig an den Menschen angepasst. Letzte Chance, die globale Verbreitung zu verzögern.

(Definition Pandemiephasen nach WHO)

*

»Ob ihr mich jetzt auslacht oder nicht, ich habe heute Vorräte bis zum Arsch gebunkert! Von wegen Grippe! Die verarschen uns nach Strich und Faden. Da ist was schiefgelaufen, als entweder die Militärs einen Supervirus erschaffen wollten, oder die Pharmaindustrie einen neuen Weg suchte, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wie auch immer, Leute, das ist kein Spaß mehr! Die schaffen die Leichen der Grippetoten in diesen Säcken für biologisch gefährlichen Abfall mit Lastwagen aus den Krankenhäusern!! Legt euch Vorräte an, verrammelt eure Buden und betet. Das geht nicht gut aus. Das Jüngste Gericht kommt, und mit ihm der Herr. Und glaubt mir, meine Brüder und Schwestern, der ist bestimmt nicht in der Laune, uns unsere Sünden zu vergeben!«

(Eintrag aus dem Internetblog apokalypsis.sf-fan.com)

*

T-Minus 60 Tage … Phase 6:

Verlauf der Pandemie: Wachsende und anhaltende Übertragungen von Mensch zu Mensch in der gesamten Bevölkerung. Räumlich getrenntes Ausbruchsgeschehen in mindestens zwei WHO-Regionen.

(Definition Pandemiephasen nach WHO)

*

Als offiziell bekannt gegeben wurde, dass die Grippetoten in speziellen Säcken in ihre Särge gelegt und auf gesonderten Friedhöfen beigesetzt werden sollten, befiel Frank eine diffuse Unruhe. Man wusste über diesen Grippevirus einfach nicht genug, um vorhersagen zu können, was er bei einer Umgrabung der jeweiligen Ruhestätte nach zwanzig Jahren noch anrichten könnte. Aber die Opfer dieses Virus deswegen in Beuteln für biologisch gefährliche Abfälle beerdigen? Und zudem auch noch neue Friedhöfe eröffnen, in denen die Leichen einbetoniert wurden, weil die Krematorien hoffnungslos überlastet waren und die Angehörigen scharenweise gegen eine Verbrennung der Leichen ihrer Liebsten in Müllverbrennungsanlagen klagten? Frank befand, dass Vorsicht und vorausschauendes Handeln angebracht wären. Geld war kein Problem. Als Mechaniker eines Werkteams in der DTM verdiente er mehr als genug. Außerdem hatte er sich für schlechte Zeiten etwas auf die Seite gelegt. Das Haus, in dem er lebte, hatte er von seinen Eltern geerbt, eine feste Freundin war ein schöner Traum, und was die Rennen betraf, so konnte er definitiv davon ausgehen, dass die kommende Saison mangels Teilnehmern abgesagt werden würde.

Nach intensiven Planungen, was man zum Überleben so alles benötigte, und was nicht ganz so wichtig wäre, kaufte er innerhalb weniger Tage den Baumarkt am Barbarossaplatz beinahe im Alleingang leer. Den Aldi, den Lidl und den Rewe um die Ecke in weiteren Touren gleich mit. Er war nicht der einzige Hamsterkäufer. Die Schlangen an den Kassen reichten oft bis in die hintersten Ecken der Läden. Ängstlich dreinblickende Verkäufer hatten alle Hände voll zu tun, die geplünderten Regale aufzufüllen. Frank blieb immer in der Nähe seines Wagens und hielt die Augen offen, nachdem er gesehen hatte, wie andere Vorsorger sich an scheinbar herrenlosen Wagen bedient hatten, um noch eine Palette Vollmilchschokolade oder Konserven zu ergattern. Bei Saturn kaufte er sich noch schnell eine zweite Gefriertruhe.

Man konnte ja nie wissen.

*

T-Minus 49 Tage … Ausnahmezustand

»Unbestätigten Meldungen zufolge ist es in weiten Teilen der Welt zu Übergriffen von Plünderern gekommen, welche die Angst vor der weltweiten Grippepandemie ausnutzen. Die Gewalttätigkeit der Plünderer gegen Ordnungskräfte, aber auch untereinander ist dabei so groß, dass wir Ihnen leider keine Bilder zeigen können. Es wird aber von zahlreichen Verletzungen berichtet, die auch durch Bisse der unglaublich aggressiven Plünderer verursacht wurden. Das Auswärtige Amt rät derzeit von Reisen nach Amerika, den Westen Russlands und nach China ab. Innerhalb der Europäischen Union sei die Lage aber noch stabil, und Reisen problemlos möglich.

Weitere Meldungen …«

(Bericht aus der Tagesschau der ARD)

*

T-Minus 45 Tage … Kriegsrecht

Alle Fluglinien canceln ihre Flüge in folgende Länder: England … Frankreich … Italien … Polen … USA … Ausnahmezustand verhängt … EU-Innenminister einigen sich auf allgemeinen Ausnahmezustand in allen Ländern der EU … Um Versorgungsengpässe zu verhindern, werden NATO-Einsatzkräfte an den Brennpunkten eingesetzt, um Trinkwasser und Notrationen zu verteilen … Ausgangssperre ab 19:00 Uhr in folgenden Städten … Frankfurt … Berlin … Köln …

(Per SatWas während einer Sondersendung aller öffentlich-rechtlichen Sender als Laufschrift eingeblendet)

*

Das Dach von Franks Elternhaus zierte eine Solaranlage, die er schon vor mehreren Jahren, als seine Eltern noch lebten, dort installiert hatte. Sie erzeugte an hellen Tagen soviel Strom, dass sich ihre Anschaffungskosten schnell wieder amortisiert hatten. Einen Teil des zweiten Kellergeschosses hatte er damals für drei Monsterbatterien vom gleichen Typ ausgebaut, wie er laut Herstellerangaben auch in U-Booten Verwendung fand. Sein Vater hatte den Kopf geschüttelt, und ihn gefragt, ob er noch ganz dicht im Kopf sei, so viel Geld für diesen neuartigen Schnickschnack auszugeben.

Frank hatte damals gelächelt.

»Weißt du Paps, die Dinger haben mich kaum etwas gekostet. Die bekommst du teilweise sogar im Internet gebraucht zu kaufen. Du musst nur wissen wo.«

»Und was sollen wir mit dem ganzen Mist?«

»Paps, wenn wir die alle vernünftig aufladen, können wir die ganze Hütte wie einen Christbaum mit 1000-Watt-Leuchten für etwa eine Woche erstrahlen lassen, ohne einen einzigen Cent Stromkosten zu zahlen.«

*

T-Minus 25 Tage … Chaos

… folgende Notstationen sind noch intakt … Deutz, Gymnasium Schaurtestraße … Lanxess Arena … Jahnwiesen … Rheinenergie Stadion … alle anderen Notstationen sind bis auf Weiteres geschlossen … bitte bleiben Sie zu Hause … verriegeln sie Fenster und Türen … legen Sie Wasservorräte an … NATO-Einsatzkräfte ziehen sich zurück … meiden Sie den Kontakt mit Infizierten und Reanimierten …

(Laufschrift eines öffentlich-rechtlichen Lokalsenders unter einem Testbild)

*

Frank blickte entsetzt aus einem Fenster im oberen Stockwerk auf die nächtliche Straße. Menschen, wenn es denn noch Menschen waren, fielen in dem kleinen Vorortviertel von Köln übereinander her, krallten ihre Finger in Augenhöhlen, gruben ihre Zähne in warmes Fleisch … und direkt gegenüber vom Haus kauerte Dietmar Hellmers, der Ortsvorsteher des Viertels, im Rinnstein vor seinem kleinen Einfamilienhaus. Er kaute auf einem menschlichen Bein herum, als sei es ein besonders kross gebratener Hühnerschenkel. Dem Schuh und den blutigen Fetzen bunter Kniestrümpfe nach zu urteilen, war es ein Bein seiner Enkelin, aber Frank war sich nicht sicher. Der Rest des grausigen Mitternachtssnacks zuckte als blutiges Bündel vor Hellmers auf dem kalten Asphalt herum. Glücklicherweise war die Straßenbeleuchtung größtenteils ausgefallen, sodass Frank weitere Details erspart blieben.

Er ließ so leise wie möglich die Rollos herunter, als ein dumpfes Pochen von der Haustür nach oben schallte. Vorsichtig schlich er in den Hausflur. Ein Blick durch den Türspion, und vor Schreck fiel Frank beinahe ohnmächtig um.

Es war seine Tante Martha, die da vor der Tür stand. Sie sah aus, als wäre sie nur auf einen kleinen Snack vorbeigekommen. Ihre rechte Schulter war nur noch ein Stück angekautes Fleisch, das Schultergelenk eine weiße Kugel in roter Masse. Ihre linke Wange war so weit heruntergefressen, dass ihr Auge beinahe aus der Höhle fiel. Stöhnend pochte sie gegen die Haustür. Frank befürchtete, dass sie noch mehr von diesen Dingern anlocken würde. Die Ersten blickten schon dumpf die Straße entlang zu seiner Tür. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Mit zitternden Fingern griff er nach seinem Baseballschläger, öffnete die Tür und ließ seine Tante eintreten.

Dann gab er ihr den letzten Frieden.

Es war eine fürchterliche Sauerei, und es dauerte länger, als es Frank lieb war.

Aber schließlich zuckte sie nicht mehr.

Er zerrte ihre Leiche in den Flur, vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, dass keiner von den anderen da draußen etwas von dem Spektakel mitbekommen hatte, und schloss die Tür wieder. Anschließend verbarrikadierte er sie mit den neu angeschafften Sicherheitsbalken. Mit zitternden Gliedmaßen sank er neben Tante Marthas leblosem Körper zu Boden und weinte und kotzte und hoffte, dass dies alles nur ein böser Traum sei.

Doch der Geruch von Tante Martha holte ihn schließlich zurück in die Gegenwart. Nicht dass er ihr Parfüm zu Lebzeiten besonders gemocht hätte, aber das, was sie heute Abend aufgelegt hatte, war einfach eine zu starke olfaktorische Herausforderung für ihn.

Vielleicht Fäulnis exklusiv, der neue Duft von Chanel?

Die Mauer aus albernen Gedanken und Assoziationen, die Frank als Schutz um sein Denken herum aufgebaut hatte, bekam in einem zittrigen Laut, der zugleich hysterisches Lachen und panisches, atemloses Schreien war, Risse. Die Realität rollte mit ungeahnter Wucht über ihn hinweg. Zurück blieb nach einem kurzen Gefühlschaos nur noch eine betäubte Leere in seinem Denken und Fühlen. Wie ein Schlafwandler zog er Tante Marthas Leiche in den Garten hinter dem Haus, der glücklicherweise von einer hohen Mauer umgeben wurde. Dann wischte er die Sauerei im Flur weg, holte eine Schaufel aus dem Gartenhäuschen, und begann im Licht des Vollmondes zu graben.

Mechanisch.

Als er bis zu den Knöcheln in der Grube stand, reckte er sich. Sein Blick glitt über die Terrasse hinweg auf das Holzkreuz, das wie ein dunkler Blickfang über der Wohnzimmertür hing. Es war ein Erbstück seiner Eltern, die in ihren Werten streng katholisch gewesen waren, es aber nie geschafft hatten, ihm die gleiche Hingabe an die Religion zu vermitteln. Er wollte es schon längst entsorgt haben, aber irgendwie hatte er die Umsetzung dieses Entschlusses immer wieder vor sich hergeschoben. Frank sah genauer hin. Der gepeinigte Jesus blickte finster auf ihn hinab. In Erlöserlaune war der bestimmt nicht, egal was seine Eltern immer behauptet hatten. Und in diesem Moment wurden Frank mit aller Deutlichkeit einige wichtige Fakten bewusst: Das alles war kein Traum, es gab nirgendwo einen Regisseur, der laut »CUT!« rief, es waren definitiv keine Komparsen mit jeder Menge Latex im Gesicht, die da durch das kleine Kölner Viertel auf der schäl Sick herumstromerten und auch keine normalen Plünderer, die sich schnell ein paar Schätze für die Zeit nach dem Desaster sichern wollten. Fakt war vielmehr, dass der große, alte Mann da oben, sofern es ihn wirklich gab, die Nase voll hatte von Kriegen, Umweltverschmutzung, Börsencrashs und all dem anderen schwachsinnigen Zeugs, das seine Schöpfung da auf seine Welt losgelassen hatte. Also war Gott letzten Endes zu dem Schluss gekommen, dass es besser wäre, seine Geschöpfe den Lokus runterzuspülen, um nochmal von vorne zu beginnen. Vielleicht wäre das Programm Dinosaurier 2.0 eine gute Alternative?

Unbewusst verfiel Frank in ein atemloses Dankgebet an alle Heiligen, das ihm seine Mutter als Kind beigebracht hatte. Eigentlich glaubte er ja nicht an diesen Hokuspokus, aber schaden konnte es ja auch nicht. Er dankte ihnen allen für die frühzeitige Vision, die ihn dazu veranlasst hatte, sein Haus rechtzeitig zu einer kleinen Festung auszubauen und sich ordentlich Vorräte anzulegen. Wenn er sich nur tief genug in sein Schneckenhäuschen zurückzog, würde der da oben ihn bestimmt übersehen, und dann hätte er gute Chancen, Armageddon unbeschadet zu überstehen.

Er war kurz vor dem Amen und bei den letzten Schaufeln Erde für Tante Marthas definitiv letzte Ruhestätte angekommen, als der Strom aus seiner Solaranlage ausfiel.

Letzten Endes sah Gott eben doch alles.

Auch U-Boot-Batterien, die in einem zweigeschossigen Keller lagerten.

*

T-Minus 0 Tage …

Sechs Tage brauchte der Herr, um die Erde, den Himmel, die Menschheit und alles Getier zu erschaffen. Am siebten Tag ruhte er, und der Mensch machte sich in seinem Größenwahn Gottes Werk zu eigen. Jetzt ist Gott von seinem freien Tag zurückgekehrt. Und jetzt ist der achte Tag seiner Schöpfung angebrochen. Die Apokalypse.

(Graffiti auf einer Kirchenmauer in Köln)

Kapitel II - Einkaufsbummel

Frank saß in seinem Auto und lauschte den Klängen des Lieds Bittersweet Symphony von The Verve. Die Streicher des Orchesters webten einen Klangteppich, auf dem die Stimme des Sängers in melancholischer Gleichmütigkeit in das Halbdunkel der Garage schwebte. Durch eine Reihe schmaler Fenster fielen Lichtstreifen in die staubige Luft. Metallplatten lehnten an den Wänden. Neben einer Treppe, die zum Wohnhaus führte, stand ein Rollwagen mit ölverschmiertem Werkzeug, direkt daneben drei Druckgasflaschen und ein dazugehöriges Schweißgerät.

Frank hatte seinen Wagen so gut es ging gepanzert. Dach, Außenseiten und Motorhaube schützen Metallplatten, vor jeder Scheibe hatte er Drahtgitter angebracht und ein gewaltiger Rammschutz thronte vor dem Kühlergrill. Am vorderen Ende der Kühlerhaube glitzerte der metallische Stern des Wagens wie das Zielkreuz eines Jagdbombers aus dem Zweiten Weltkrieg.

Frank hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn abzumontieren. Das Lenkrad wurde von schwarzem Leder überzogen, in das Armaturenbrett war dunkles Nussholz eingelegt, das Furnier glänzte im Licht der Innenraumbeleuchtung. In der Mittelkonsole gab es keinen Schaltknüppel. Eine CD-Anlage mit einem Bildschirm und ein elektronischer Ziffernblock nahmen diesen Platz ein. Auf dem Beifahrersitz lagen eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer, eine Pistole und einige Magazine für beide Waffen.

Frank atmete tief durch. Er trug einen Helm und darunter eine feuerfeste Rennfahrerschutzmaske. Ein Overall mit zahlreichen Sponsorennamen und Firmenlogos bedeckte seinen Körper bis zum Hals, sodass außer seinen Händen sein gesamter Körper geschützt war. Er sah sich noch einmal um, zögerte den Moment hinaus, in dem er das Garagentor öffnen würde. Die Tür zum Haupthaus war verriegelt und mit zahlreichen Querbalken gesichert. Eine weitere Tür aus dichtem Drahtgitter schützte sie zusätzlich.

Ein Seufzen erklang unter dem Helm. Es gab kein Zurück mehr. Er musste erneut sein Haus verlassen. Frank zog sich ein paar Rennfahrerhandschuhe an, gewissenhaft darauf achtend, dass kein Stück Haut frei blieb. Dann tippte er einen Code in das Zahlenfeld auf der Mittelkonsole des Wagens, drückte einen Knopf und der Motor sprang mit einem dumpfen Grollen an. Auf einen weiteren Knopfdruck öffnete sich langsam das Garagentor und gab den Blick auf eine Gruppe Reanimierter frei, die dumpf in Franks Richtung blickten.

In der Wange einer älteren Frau, die einen Kittel trug, klaffte ein ausgefranstes Loch. Ihre Backenzähne waren weiße Felsen im fauligen Meer ihres Mundes. Die Beine der Frau steckten in knielangen Nylonstrümpfen, die mehrere lange Laufmaschen hatten. Ihrem Nebenmann, der in einem halb offenen Morgenmantel vor der Garage stand, fehlte ein großes Stück Fleisch im Nacken- und Schulterbereich. Er hielt eine Kaffeetasse und eine zusammengerollte Tageszeitung in den Händen. Der Untote wedelte unbeholfen mit der Zeitung und es sah aus, als wolle er einen Hund zurechtweisen, der auf den teuren Teppich gepieselt hatte. Ein anderer Mann trug einen Blaumann mit dem Emblem der Stadtwerke Köln auf der Brust. Knapp unter seiner Brusttasche klaffte ein blutiges Loch in seinem Bauch. Seine Därme hingen wie dicke, graue Bratwürste heraus. Ein weiblicher Zombie in einem blutverschmierten Hochzeitskleid wollte sich in die erste Reihe der Menge drängeln, als ginge es um den besten Platz an einem gerade eröffneten kalten Buffet.

Dantes Kreaturen der Hölle hatten sich vor Franks Haus zu einem spontanen Happening versammelt. Er schluckte trocken, nahm den Fuß von der Bremse und der Wagen raste durch die Menge. Dumpf prallten die Körper auf das Metall des Wagens. Torkelnd wandte sich die Menge um, Hände streckten sich in verzweifelt wirkenden Gesten nach dem Wagen. Ein Mann in einem dunklen Geschäftsanzug griff im Fallen mit einer Hand nach der hinteren Stoßstange. Der Wagen schleifte ihn über den Asphalt, bis einer seiner Füße, die in teuren Kalbslederschuhen steckten, an einem Kanaldeckel hängen blieb. Ein schmatzender Laut, dann hing der Ärmel des Jacketts wie ein dunkles Segel bei Windstille auf den Boden herab. Verblüfft blickte der Geschäftsmann seinem nackten Arm hinterher, der immer noch an der Stoßstange hing. Unbeholfen versuchte er sich mit dem verbliebenen Arm aufzurichten, ohne dabei seine Aktentasche loszulassen. Ein letztes Souvenir, aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Ächzend und stöhnend wandte sich die restliche Meute um und folgte schlurfend dem Auto, das um eine Ecke bog.

Frank ging auf Einkaufsbummel im entvölkerten Köln und die Toten wankten hinter seinem Wagen her.

Kapitel III - Sandra

Nach einer rasanten Fahrt durch menschenleere Straßen voller Autowracks und Müll kam Frank an die Auffahrt der Severinsbrücke. Er bremste den Wagen ab, schaltete erst die Musik aus, dann den Motor. Vor ihm schlängelte sich eine erstarrte Lawine aus Blech die Brücke entlang. In Richtung Außenbezirke war der Stau zwar größer und dichter, aber auch in Richtung Innenstadt hatten sich während der großen Panik einige Flüchtlinge verirrt. Eine Straßenbahn der Linie 4 stand mitten auf der Brücke. Frank sah Schemen hinter den staubigen Scheiben. Auf beiden Fahrbahnseiten der Brücke gab es reichlich Versteckmöglichkeiten für die Reanimierten.

Oder Ghoule?

Oder Zombies?

Der abkühlende Motor tickte leise, während Frank den vor ihm liegenden Weg ausspähte. In dem Mercedes, der direkt am Stauende der Brückenauffahrt stand, regte sich was. Das war Heinrich, wie Frank ihn bei einem seiner letzten Erkundungsausflüge getauft hatte. Zu Lebzeiten schon ein Hut- und Mantelfahrer, der seinen auf Hochglanz polierten und scheckheftgepflegten Wagen nur bei Sonnenschein ausführte, war Heinrich jetzt dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit in seinem Liebling auszuharren.

Frank hatte während seiner Expeditionen allmählich erkannt, dass die Reanimierten zwar gefährlich, aber nicht sonderlich schnell oder helle im Kopf waren. Durch ihren Tod hatten sie offenbar viele Erinnerungen und einen großen Teil ihrer Feinmotorik eingebüßt. Gefährlich wurden sie, wenn man leichtsinnig wurde, oder sie in Scharen auftraten. Heinrich drehte sich in seinem Sitz so weit herum, dass er durch die Heckscheibe Frank in seinem Wagen sehen konnte. Heinrichs Mund öffnete sich, seine linke Hand griff verzweifelt nach dem frischen Stück Fleisch, das so nah, und doch unerreichbar fern für ihn war. Der obligatorische Wackeldackel, der sich den Platz auf der Hutablage mit einer umhäkelten Klopapierrolle teilte, nickte Frank versonnen zu.

Ja, das Leben konnte selbst nach dem Tod noch grausam sein. Man bekam eben nie das, was man verdiente oder sich sehnlichst wünschte.

Frank sah genauer hin. Heinrichs Hut hing sehr tief in dem eingefallenen Gesicht, dessen Haut wie altes Pergament über erschlafften Muskeln herabhing. Beim letzten Mal hatte er … irgendwie frischer gewirkt.

Verwesten die Viecher am Ende doch?

Wenn ja, so dauerte es aber länger, als Frank es für möglich gehalten hätte. Dreißig Tage dauerte der Kampf gegen die Grippe bereits an, als die ersten wandelnden Leichen gesichtet worden waren. Das war fast zwei Monate her. Wie lange brauchte eine Leiche, bis sie nur noch Matsch war? Oder würden sie irgendwann austrocknen, wie die alten Mumien ägyptischer Pharaonen? Würden sie dann endlich Ruhe geben?

Auf alle Fälle dauerte es zu lange.

Frank schnallte sich ab und verfluchte den Hersteller der Batterien. Eine hatte schon am ersten Tag des großen Stromausfalls den Geist aufgegeben. Die Zweite an jenem denkwürdigen Abend, den sich seine Tante für ihren Besuch bei ihm ausgesucht hatte. Nur die Dritte der ach so hochgelobten U-Boot-Batterien für den heimischen Solarstrom konnte er verwenden. Aber die Solaranlage auf dem Dach war zu schwach, sie vernünftig aufzuladen.

Deswegen saß er jetzt hier.

Wieder einmal.

Seine Tiefkühltruhen waren aufgetaut, die letzten der tiefgekühlten Lebensmittel endgültig verdorben. Er hatte nur noch Konserven, die er sich nicht einmal warm machen konnte, weil die Gaswerke auch nicht mehr arbeiteten, und er so dumm gewesen war, nur auf seine Solaranlage als Energieversorgung zu setzen. Seufzend zog er den Helm und die Schutzmaske aus. So gern Frank beides anbehalten hätte, aber der Helm verringerte sein Sichtfeld und dämpfte verdächtige Geräusche.

Das hatte er gelernt, als er vor zwei Wochen zum ersten Mal die Häuser in dieser Gegend nach Lebensmitteln oder brauchbarer Ausrüstung durchsucht hatte. Eines von diesen Dingern war aus einer offenen Wohnungstür direkt neben ihm herausgekommen. Frank hatte den Zombie im Hausmeisterkittel erst bemerkt, als dieser ihn von hinten mit einer Hand an der Schulter gepackt hatte, um sich ein Häppchen Frank zu genehmigen. Nach einem kurzen Gerangel war es Frank gelungen, den Untoten über das Treppengeländer zu stoßen. Bis zum Aufschlag auf Höhe der Kellertreppe blieb der Hut auf dem Kopf des Zombies, als sei er festgeklebt gewesen. Seitdem trug Frank den Helm nur noch, um bei einem eventuellen Autounfall während einer Expedition so gut wie irgend möglich abgesichert zu sein.

Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich über seine kurz geschorenen Haare. Noch etwas, was er durch die kurze Begegnung mit Hausmeister Krause gelernt hatte. Sollte es zu einem Nahkampf mit einem von diesen Dingern kommen, wollte er verhindern, dass es sich in seinen Haaren festkrallen konnte. Die Zombies mochten vielleicht langsam sein, aber wenn sie einen erstmal zu packen bekamen, war es verflucht schwer, sie wieder loszuwerden.

Im Rückspiegel sah er die ersten Untoten aus ihren Verstecken kommen, angelockt durch den Lärm seines Wagens. Sie wankten unbeholfen, und nicht wenige der Ghoule krochen sogar auf abgenagten Beinstümpfen. Aber sie wirkten ebenso fest entschlossen wie eine Horde Hausfrauen auf der Jagd nach einem Schnäppchen beim Sommerschlussverkauf. Diesen kleinen Imbiss wollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Frank stieg aus und ging vorsichtig zum Kofferraum des Wagens … und zuckte mit einem leisen Fluch zurück. Er stellte sich breitbeinig über den Arm, der an der Stoßstange hing, öffnete die Klappe und hievte eine Konstruktion heraus, die eine wirre Mischung aus Ghettoblaster und Lkw-Batterie war. Ächzend stellte er die Konstruktion auf den Boden. Die ersten wandelnden Leichen waren schon gefährlich nahe.

Frank kontrollierte noch einmal die Spannung der Batterie, prüfte den Ghettoblaster und die eingelegte CD. Dann stieg er schnell wieder ins Auto. Er fuhr den Wagen nur wenige Meter weiter in eine Seitenstraße und parkte ihn so, dass er seine Konstruktion gut im Auge behalten konnte. Dann holte er aus dem Handschuhfach eine Fernbedienung. Die ersten Ghoule wankten in der Nähe des Kastens herum. Sie suchten scheinbar nach Frank. Er hielt den Atem an und drückte auf die Fernbedienung. Die ersten Takte von Henry Mancinis Theme from a summer place wehten über die verlassene Straße.

Einkaufsmusik.

Aber seine Mutter hatte diesen Song geliebt.

Gebannt wartete Frank, ob sein Plan funktionieren würde.

Die Streicher setzten mit ihrem sanften Klang ein, und tatsächlich … die Ghoule hielten inne! Verwirrt schauten sie sich um, nicht wenige blickten hoch in den Himmel … und dann erstarrten sie.

Frank schluckte.

Die Dinger lauschten wahrhaftig der Musik! Einige schwankten sogar leicht hin und her, die Augen geschlossen … Gab ihnen die Musik etwa den Frieden, den sie im Leben nach dem Tod nicht finden konnten? Weitere der Wesen strömten heran, kamen aus Hauseingängen, aus Seitenstraßen und von der Brücke herunter, nur um plötzlich stehen zu bleiben, und der Musik zu lauschen.

Frank atmete tief durch. Jetzt kam es darauf an. Mit so einem durchschlagenden Erfolg seines Plans hatte er nicht gerechnet.

Ablenkung?

Ja.

Verzückung?

Niemals!

Egal! Das, was hier passierte, war wesentlich besser, als eine reine Ablenkung. Er griff nach seinen Waffen, öffnete leise die Fahrertür und stieg aus.

Keine Reaktion.

Er schloss so leise wie möglich die Autotür. Selbst die Zombies, die nahe genug waren, um ihn zu bemerken, schlurften wie Schlafwandler in Richtung der Musik, ohne ihn zu beachten. Langsam ging Frank auf die Einmündung der Straße zu, immer bereit, den sofortigen Rückzug anzutreten, wenn die Lage sich doch noch zuspitzen sollte. Jetzt hatten beinahe alle anwesenden Untoten die Köpfe in den Nacken gelegt und starrten in den hellen Sommerhimmel. Immer noch strömten weitere von ihnen auf die Straße, viele blieben einfach dort stehen, wo sie die Musik zum ersten Mal vernommen hatten. Sie sahen aus, als wären sie in einer verzückten Trance gefangen.

Frank schlich die nächste Seitenstraße entlang, weg von den erstarrten Zombies, zu der Schule, die während der Krise zu einem Lager der Noteinsatzkräfte umfunktioniert worden war. Er hatte sie während seiner letzten Expeditionen wegen ihrer Größe ebenso gemieden, wie das Einkaufscenter an der Kalker Hauptstraße, und sein Glück lieber in kleinen Häusern versucht. Ein Einkaufscenter machte sich vielleicht in Filmen als Versteck gut, aber im realen Leben war das seiner Meinung nach tödlicher Schwachsinn. Wie hätte er so ein großes Gebäude denn im Alleingang jemals ausreichend sichern können? Ein Einkaufsbummel in dem Center wäre für ihn zudem sinnlos gewesen, weil es dort keinen Camping- oder Outdoorshop gab. Alle anderen Lebensmittel, die dort vielleicht noch zu finden wären, waren bestimmt schon verdorben und Konserven hatte er genug. Damit würde er bei strenger Rationierung noch einige Zeit hinkommen. Was er aber benötigte, waren Batterien für sein altes Kofferradio und vielleicht einen kleinen Campingkocher. Er mochte zwar Eierravioli und mexikanischen Feuertopf aus der Dose, aber bitte etwas wärmer, als nur zwei Grad über der Betriebstemperatur eines herkömmlichen Speiseeises.

Also hatte er es zuerst in den Häusern der näheren Umgebung versucht. Vergeblich. Danach hatte er immer längere Wege auf sich genommen, und war zuletzt bis hierher nach Deutz gelangt. Aber egal wo er auch sein Glück versuchte, er fand keine brauchbare Ausrüstung. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als sich für das vermeintlich kleinere Übel der Schule zu entscheiden. Die Flure der umfunktionierten Schule waren bestimmt enger als die Gänge in einem Einkaufscenter, aber dort hoffte er auf größere Chancen, sich mit weiterer Ausrüstung eindecken zu können. Vielleicht fand er sogar ein paar der Notrationen, die die Bundeswehr ihren Männern für den Feldeinsatz mitgab, und die hier vor dem totalen Zusammenbruch an die Bevölkerung verteilt worden waren.

Er kam an die große Glasflügeltür der Schule. Dahinter herrschte trotz des hellen Tages nur Dämmerlicht. Er konnte keine verdächtige Bewegung entdecken.

Ein letzter Blick in die Runde.

Die Zombies lauschten am anderen Ende der Straße immer noch den Klängen der Musik. Hoffentlich wurden es nicht noch mehr, denn die Letzten in der Meute standen schon gefährlich nah an seinem Wagen. Er hätte ihn vielleicht doch weiter weg parken sollen. Vorsichtig zog er die Tür zum Hausflur der Schule auf und spähte in die geräumige Vorhalle. Links und rechts führten zwei Treppen in die oberen Stockwerke. Der Platz in der Mitte war frei, wenn man von dem Müll absah, der auf dem Boden herumlag. Das Licht von der Straße verlor sich in den Tiefen der Vorhalle. Überall waren Ecken und Nischen voller Schatten.

Verdammt!

Er hatte seine Taschenlampe vergessen!

Zurück?

Nein, das war keine Alternative.

Lauschen.

Nichts zu hören. Frank ging vorsichtig weiter, die Augen in ständiger Bewegung. Plötzlich krachte es hinter ihm.

Die Tür!

Er hatte sie zufallen lassen!

Frank wirbelte herum, sah etwas aus den Schatten auf sich zufliegen und ein Schlag erschütterte seinen Kopf. Seine Beine wurden schwach, Decke und Boden tauschten die Plätze und sein Blickfeld schrumpfte.

Dann war da nur noch gnädige Dunkelheit.

*

Zuerst war da nur ein dumpfes Pochen. Vergleichbar mit einer Horde Zwerge auf schlechtem Ecstasy, die sein Hirn malträtierten. Dann kam ein stechender Schmerz hinzu, der sich bis in die Rückseiten seiner Augäpfel bohrte. Sprengten die Zwerge da gerade neue Tunnel in seinen Kopf? Frank stöhnte auf. Auf seiner Zunge spürte er einen intensiv blauen Geschmack.

Blauer Geschmack?

Gehirnerschütterung.

Das musste es sein. Niemand konnte einen blauen Geschmack auf der Zunge haben. Erinnerungen wehten als Nebelfetzen durch sein Denken, wollten die Sicht auf die vagen Schatten dahinter nicht freigeben. Dann die jähe Erkenntnis.

Er war unterwegs!

Er war angefallen worden!

Ein entsetztes Wimmern kroch seinen Hals empor, ein Laut der Angst, den schon seine Vorfahren in der Steinzeit von sich gegeben haben mussten, wenn ihnen ein Säbelzahntiger über den Weg gelaufen war. So schnell er konnte rappelte er sich auf die Knie, die wässrige Schwere seiner Arme und Beine ignorierend, die Zwerge in seinem Kopf verfluchend. War er etwa jetzt einer von ihnen? Fühlte man sich so, wenn man reanimiert worden war?

»Hübsch langsam, mein Freund«, erklang eine helle Stimme neben ihm. Langsam drehte er den Kopf und sah im Dämmerlicht zwei schlanke Beine in dunklen Hosen und abgewetzten Lederstiefeln. Sein Blick wanderte langsam höher. Eine schmale Taille, darüber ein ebenfalls schwarzes T-Shirt, das oberhalb eines flachen Bauches eindeutig gut gefüllt war. Zwischen der üppigen Füllung des Shirts glotzte ihn das dunkle Auge seiner eigenen Maschinenpistole an.

»Wenn du kotzen willst, dann mach es jetzt und hier. Oben sind zwar Toiletten, aber die Spülkästen sind leer.«

Aus einer dichten Mähne feuerroten Haares blitzten zwei katzengrüne Augen auf. Sommersprossen tanzten auf milchig blasser Haut um eine gerümpfte Nase.

»Ich bin keiner von denen.« Frank erkannte seine eigene Stimme nicht wieder. »Könntest du also bitte das Ding in irgendeine andere Richtung halten?«

»Wenn du einer von denen wärst, wäre dein Gehirn gerade auf dem Weg in einen geostationären Orbit.«

»Und warum dann das da?« Frank deutete betont langsam auf die Waffe. Nur keine falsche Hektik an den Tag legen!

»Du könntest ein Plünderer sein.«

»Plünderer? Ich? Ich bin ein Überlebender auf der Suche nach Ausrüstung und Essen.«

Die Rothaarige nickte.

»Sag ich doch. Ein Plünderer. Wo sind deine Kumpane?«

»Ich habe keine Kumpane. Ich bin alleine.«

Die Frau schien nicht sonderlich überzeugt zu sein. Langsam trat sie einen Schritt zurück, die Waffe immer noch auf Franks Kopf gerichtet.

»Und was sollte das Open Air da draußen? Wolltest du von diesen Dingern etwa Eintritt verlangen?«

»Nein. Ich habe festgestellt, dass sie vor allem auf Geräusche und Bewegung reagieren. Geräusche scheinen aber einen größeren Reiz auf sie auszuüben. Deswegen die Musik. Ich wollte sie ablenken.«

Ein leises Lachen.

»Und da hattest du nix besseres im Repertoire, als diese dünnbrüstige Einkaufsmucke? Nix Härteres? AC/DC oder Iron Maiden vielleicht?«

»Es war eines der Lieblingslieder meiner Mutter.«

»Oh!«

»Darf ich aufstehen?«

Die Frau zögerte. Dann nickte sie und ließ die Waffe sinken. Nur ein wenig, aber immerhin ein Anfang. Frank stand auf und verzog das Gesicht. Die Zwerge in seinem Kopf legten eine Extraschicht ein.

»Ich bin Frank. Frank Martinsen.«

»Sandra.«

Frank neigte fragend den Kopf.

»Einfach nur Sandra?«

»Willst du mich etwa heiraten und machst dir Sorgen um deinen neuen Nachnamen?«

»Nein, nat...«

»Also«, fuhr ihm Sandra ins Wort. »Ich Sandra, du Frank. Ende der Vorstellung.«

Frank sah sie jetzt etwas besser, obwohl das Licht, das durch die Fenster einfiel, nur sehr schwach war. Sandra schien höchstens Mitte zwanzig zu sein, und hatte eine verdammt aufregende Figur. Erst jetzt bemerkte er, dass sie immer noch im Hausflur der ehemaligen Berufsschule waren. Draußen wurde es allmählich dunkel und …

Dunkel?

Wo war die Musik?

»Wie lange war ich weg?«

»Gut und gerne vier bis fünf Stunden. Warum?«

»Wann ist die Musik ausgegangen?«

»Zehn Minuten, nachdem ich dir einen technischen Knock-out verpasst habe. Ich habe das Gedudel beendet.«

Frank schluckte.

»Wie?«

Sandra grinste schief und hob die Waffe leicht an.

»Scheiße!«, rief Frank. »Wie sollen wir hier ohne Probleme rauskommen? Hast du darüber mal nachgedacht?«

»Hast du mal darüber nachgedacht, dass du nicht der Einzige auf der Suche nach Futter bist? Deine Scheißmusik konnte man bis auf die andere Rheinseite hören. Bist wohl doch ein Plünderer, und wolltest deine Kumpel herlotsen!«

Die Waffe ruckte wieder hoch. Frank hob langsam die Hände.

»Sandra, ich bin kein Plünderer. Ich habe ein Haus in Ostheim. Vor diesem ganzen Mist habe ich es so gut es ging gesichert, eine dicke Solaranlage auf dem Dach und im Keller drei verfluchte Batterien, die den Geist aufgegeben haben. Meine Tiefkühltruhen sind aufgetaut. Deswegen bin ich hier. Ich suche Vorräte, um diese ganze Sache irgendwie zu überstehen.«

»Ah ja. Und deine beiden Zimmerflaks hatte der Aldi letzten Monat im Angebot, nicht wahr? Ach nein! Das war ja der Baumarkt, der die Dinger plötzlich in seinem Sortiment führte.«

Frank atmete tief durch. Adrenalin pumpte heißkalt durch seine Adern. Ein unangenehmes Kribbeln hatte sich in seinem Bauch festgesetzt.

»Die Waffen habe ich einem Polizisten abgenommen.« Sandra hob die Augenbrauen, senkte die Waffe aber nicht. »Er war schon tot. Oder untot. Wie auch immer.«

»Aha. Hast du ihm denn was von Roger Whittaker vorgeträllert, oder hast du lieber zu einem Hit von James Last gegriffen, damit du an ihn rankommen konntest?«

»Weder noch. Er torkelte stundenlang um mein Haus herum. Sein rechter Arm war …« Frank schluckte, bevor er fortfuhr.

»Ich habe mich von einem Fenster aus auf die Lauer gelegt, und ihm mit einer Druckluftnagelpistole eine in den Schädel verpasst.«

»Du hast ihn also festgenagelt?«

»So ungefähr. Ja.«

Langsam sank die Mündung der Maschinenpistole nach unten. Sandra schien immer noch skeptisch, aber ihre Feindseligkeit wich einer großen Müdigkeit.

»Ich hänge hier drin schon seit drei Wochen fest. Du bist der erste Normale, den ich treffe. Wenn du ein Plünderer wärst … « Sie ließ den Satz unvollendet und zuckte nur mit den Schultern.

»Und wie machen wir jetzt weiter?«, fragte Frank.

Sandra schulterte die Waffe, und ihr Zeigefinger deutete wie ein Dolch auf Franks Brust.

»Regel Nummer Eins: Auch wenn ich ziemlich pralle Möpse habe, kann ich mich wehren. Gucken darfst du, wenn´s nicht zu aufdringlich wird. Anfassen kostet dich mindestens einen Finger.« Frank nickte nur. »Regel Nummer Zwei: Hier bin ich der Boss. Du bist nur zu Besuch. Regel Nummer Drei: Wenn du gebissen wirst oder sonst irgendeine Scheiße versuchst, male ich mit deinem Spatzenhirn ein Rohrschachtmuster auf die nächstbeste Tapete.«

Frank deutete auf seine erbeutete Dienstwaffe, die in Sandras Hosenbund steckte.

»Bekomme ich die wenigstens zurück?«

Sandra schnaubte ein Lachen.

»Vergiss es. Und jetzt komm mit nach oben. Wenn es dunkel wird, sind die da draußen besonders gefährlich.«

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, ging sie voraus und die breiten Treppen nach oben. Frank zögerte noch einen Moment, dann folgte er ihr mit einem tiefen Seufzen.

Kapitel IV - Belagert

Sie erreichten den ersten Treppenabsatz, als Frank ein Gedanke kam.

»Sag mal, willst du die Tür da unten nicht sichern?«

»Wofür«, sagte Sandra über die Schulter hinweg, ohne stehen zu bleiben.

»Diese Dinger könnten hier reinkommen!«

Sandra blieb stehen, und sah ihn über die Schulter mit dem pädagogisch geschulten Blick einer Lehrerin an, die es mit einem besonders begriffsstutzigen Exemplar der Gattung hohle Nuss zu tun hatte.

»Das da unten ist eine Paniktür.«

»Ja und?«

»Wie geht eine Paniktür im Notfall auf?«

»Nach außen, zur Straße hin.«

»Na bitte. Hast du jemals eines von diesen Dingern gesehen, das sich rückwärts bewegte? Die kennen nur eine Richtung. Vorwärts, immer dem Frischfleisch entgegen.«

Frank spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Glücklicherweise war es im Hausflur dämmerig. Aber er wollte dennoch nicht wie ein kompletter Trottel dastehen.

»Sie könnten lernen.«

»Ja. Und wenn ein Schwein Flügel hätte, würde es im Herbst nach Süden fliegen.« Kopfschüttelnd ging Sandra weiter. »Am nächsten Absatz bleibst du hinter mir stehen und wartest.«

Frank atmete tief durch und folgte Sandras Anweisung. Sie stand etwa zwei Stufen unter dem nächsten Absatz und fingerte an einem eiförmigen Gebilde, das mit Klebeband an einer Stange des Geländers festgeklebt war. Frank sah einen Draht aufblitzen, und er wusste plötzlich, was sie da tat.

»Okay, weiter geht’s. Warte da vorne. Ich sichere die Treppe wieder.«

Frank ging an ihr vorbei. Dann kam Sandra die letzten Stufen hoch, ging in die Hocke. Mit geschickten Fingern befestigte sie den Draht wieder am Abzugsring der Handgranate.

»Warst du beim Militär?«, fragte er, und hoffte, dass Zittern in seiner Stimme würde ihr nicht auffallen.

»Nein. Ich habe alle Rambofilme gesehen.«

Frank beschloss, ihr keine weiteren Fragen zu stellen. Auch wenn es ihm nicht gefiel, keine Kontrolle über die Situation zu haben, blieb ihm keine andere Wahl. Sie hatte seine Waffen, draußen wurde es dunkel und er war hier gefangen. Zumindest bis morgen.

Ohne ein weiteres Wort ging Sandra den Korridor entlang. Alle Türen standen offen. Offenbar hatte Sandra sie geöffnet, damit das Tageslicht aus den ehemaligen Klassenzimmern den Gang beleuchtete. Frank sah im Vorbeigehen in die ehemaligen Schulklassen, die man zu Laboratorien und Krankenzimmern umfunktioniert hatte. Sandra entschärfte auf ihrem Weg zwei weitere Sprengfallen, bevor sie an eine Kreuzung des Korridors kamen und sich links hielten. Sie deutete mit dem Daumen hinter sich.

»Da runter sind die Waschräume und die Toiletten. Nimm aber einen Eimer und kipp es aus dem Fenster. Ich habe keine Lust, hier drin zu ersticken.«

Am Ende des Korridors führte sie Frank in ein Klassenzimmer. Mehrere Betten standen an der langen Wand gegenüber den Fenstern. An der Schmalseite des Raumes, gegenüber der Wand mit der Schiefertafel, stapelten sich mehrere Kisten, in denen sich laut Beschriftung Notrationen befanden, sowie ein kleiner Tank für Frischwasser. Sandra setzte sich seufzend auf eines der Betten. Sie legte Franks Maschinenpistole über ihre Knie, rutschte bis zum Kopfende des Bettes hoch, und machte es sich bequem. Ihr Kopf lehnte an der Wand. Sie starrte nachdenklich die Decke an.

»Fühl dich wie daheim. Wenn du Hunger oder Durst hast, bedien dich. Morgen früh entscheiden wir, wie es mit dir weitergeht.«

»Hast du keine Angst, dass ich im Dunkeln über dich herfalle? Immerhin bin ich doch ein Wildfremder. Und wahrscheinlich ein Plünderer noch dazu!«

Sandra senkte ihren Blick und grinste ihn müde an.

»Wenn du wirklich etwas im Schilde führen würdest, hättest du längst was in diese Richtung versucht. Außerdem wirkst du auf mich eher … hm … hilflos, sobald du einer starken Frau gegenüberstehst.« Sie zwinkerte ihm zu.

»Danke.«

»Gern geschehen.«

Frank suchte sich eine Notration aus und setzte sich auf das Bett neben Sandra.

»Was hast du vor dieser ganzen Sache gemacht?«, fragte er kauend.

»Soll das ein Smalltalk wie bei einem Blind Date werden?«

»Naja, immerhin bin ich bis morgen früh dein Gast. Warum sollten wir uns nicht besser kennenlernen, bevor wir entscheiden, wie es weitergeht?«

»Willst du zurück in dein Haus?«

»Ja. Da fühle ich mich irgendwie sicherer. Nur das Problem mit den Vorräten hat mich da rausgeholt. Ich habe zwar eine gute Solaranlage auf dem Dach, aber die Speicherbatterien sind nicht ganz das, was die Herstellerangaben versprochen haben. Meine Tiefkühltruhen sind aufgetaut, und kalte Konserven sind auf Dauer auch nicht das Wahre.«

»Ich fühle mich hier sicherer. Dieses Gebäude ist groß genug, dass ich im schlimmsten Fall abhauen oder mich verstecken kann. Ein Haus wäre mir zu klein.«

Frank wühlte in dem Paket der Notration herum und fand einen Schokoriegel. Er beugte sich zur Seite und hielt ihn Sandra hin. Lächelnd nahm sie ihn an.

»Ganz Kavalier der alten Schule, nicht wahr? Was hast du vorher gemacht?«

»Ich bin eigentlich Diplom Ingenieur. Nach meinem Studium bin ich in die Entwicklungsabteilung eines Autoherstellers gegangen, und von da aus als Boxenmechaniker in das Werksteam für die DTM.«

»Ein hochqualifizierter Mann, der lieber KFZ-Mechaniker an Rennautos spielt, anstatt die dicke Kohle einzuheimsen?«

»So toll verdient man als diplomierter Ingenieur auch nicht. Das Angebot des Rennstalls war da schon um einiges besser. Und was hast du gemacht, bevor das alles hier passierte?«

Sandra druckste herum.

»Meistens Filme.«

»Du warst Schauspielerin?«

Sandra seufzte. Täuschte Frank sich, oder wurde sie etwa verlegen?

»Eher eine Darstellerin.«

»In welchen Filmen warst du denn dabei?«

»Keine, die du kennst.«

»Meinst du?«

»Ja. Es waren Erwachsenenfilme, in denen ich mitgespielt habe. Die von der Sorte, die du ohne Ausweis in der Videothek nicht ausleihen darfst.«

»Oh!«

Sandra sah auf und in ihren Augen funkelte Zorn.

»Mach nicht OH, als wäre das etwas Ansteckendes. Ich habe gutes Geld verdient, und solche verklemmten Typen wie du konnten sich dafür unter der Bettdecke einen aus der Leiste hobeln, wenn sie gerade keine Frau zur Hand hatten. Und nur damit du es weißt: Es läuft nichts, mein Freund. Noch habe ich die Knarren, also bilde dir nichts ein, klar?«

Frank sah betreten auf seine Hände. Schweigen legte sich zwischen die beiden. Eine Stille, in der eine gehörige Portion Peinlichkeit mitschwang. Sie waren zwei Menschen, die durch äußere Einflüsse aneinandergekettet worden waren. Unter normalen Umständen wären sie sich vielleicht niemals begegnet. Und wenn doch, so wären sie beide einfach aneinander vorbeigegangen, ohne den jeweils anderen zu bemerken. Frank verkniff sich die naheliegende Frage, wie Sandra denn ausgerechnet in dieses Gewerbe geraten war. Allmählich wurde es draußen dunkler. Vereinzeltes Stöhnen drang durch die Fenster nach oben.

»´tschuldige«, murmelte Sandra und stand auf. »Ich wollte dich nicht beleidigen.« Sie ging zum Fenster. Frank stand auf und stellte sich hinter sie.

»Du hast mich nicht beleidigt. Wenn ich deine Filme gekannt hätte … nun … meine Reaktion auf deine Darstellungen wäre bestimmt angemessen gewesen.«

Sandra sah ihn über die Schulter an. Im Licht der untergehenden Sonne schienen ihre Haare Flammen gleich um ihr Gesicht zu lodern.

»Angemessen?«

Frank grinste.

»Ich bin ein Mann. Ein total triebgesteuertes Wesen eben.«

Sandra lächelte. Mit einer lässigen Geste schubste sie ihn an der Schulter.

»Ferkel. So etwas erzählt man einer Frau nicht.«

Frank setzte zu einer Erwiderung an, als er einen Schatten bemerkte, der über die dunkle Straße huschte.

»Was war das?«

Sandra folgte seinem Blick.

»Das war einer von ihnen. Ich sagte doch schon, dass sie im Dunkeln sauschnell werden.«

Frank schluckte.

»Ich habe daheim abends alle Fenster verriegelt und die Rollos heruntergelassen, damit sie das Licht nicht sehen. Ich wusste nicht, dass sie nachts so schnell sind.«

Frank bemerkte, dass er ziemlich nah an Sandra herangekommen war. Er sehnte sich nach einer weiteren Geste, einer weiteren Berührung durch ein anderes menschliches Wesen. Er hatte die Hand schon erhoben, wollte sie freundschaftlich auf ihre Schulter legen, ließ sie dann aber sinken. Diese einfache Geste des Trostes und Zusammenhalts könnte sie falsch auslegen.

»Weißt du, wo die Soldaten und Einsatzkräfte sind, die hier stationiert waren?«, fragte er. Sandra wandte sich wieder dem Fenster zu.

»Als ich hier ankam, waren schon alle weg. Ich bin mit einem Trupp anderer Flüchtlinge von der anderen Rheinseite bis zum Deutzer Bahnhof gekommen. Dort … « Sie stockte. Ihr Blick schien in eine weite Ferne zu gleiten. »Der letzte Zug war schon weg. Wir waren etwa vierzig Leute und wir beschlossen, am nächsten Tag die Gleise entlang unser Glück zu versuchen. Wir hatten zwar gehört, dass hier noch ein intaktes Notlager der Einsatzkräfte sein sollte, aber sicher war keiner von uns. Die Informationen über sichere Zonen und was die Einsatzkräfte planten oder taten, tröpfelten nur spärlich nach unten zu uns. Jeder wusste was anderes zu berichten und keiner war sich sicher, ob diese Meldungen überhaupt stimmten, oder einfach nur verzweifelte Gerüchte waren.

Es war Nacht, wir hatten uns in der Halle zusammengesetzt und Wachen an den Eingängen aufgestellt. Es wurde dunkel. Dann kamen ganze drei Stück von denen da draußen. Sie müssen über die Gleise in den Bahnhof, und schließlich in die große Halle gelangt sein.

Nur drei von ihnen.

Aber das reichte aus.

Vollkommen.

Es war ein einziges Chaos aus Blut und Schreien und Angst. So schnell, wie die meisten in ihren Blutlachen starben, so schnell standen sie auch wieder auf. Ich habe nur noch die Beine in die Hand genommen und bin gelaufen. Einfach nur gelaufen, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen.

Das Gerücht über das Notlager stimmte. Aber als ich endlich hier ankam, war es verlassen. Keine Soldaten, keine Ärzte, keine Hilfe. Netterweise haben sie aber vor ihrem Abzug alle Zugänge verriegelt. Bis auf den Haupteingang unten. Als ich hier ankam, war das Gebäude frei von … denen da draußen. Das Letzte was ich gehört habe war, dass sich alle Einsatzkräfte nach Bonn zurückziehen mussten. Köln gilt wohl als verloren.«

»Du bist ganz schön mutig.«

»Findest du?«

»Ja. Ich hätte es hier niemals so lange alleine ausgehalten. Von deiner Flucht mal ganz abgesehen.«

»Allein zu sein macht mir nichts aus. Die Ungewissheit, was da draußen in der Welt vor sich geht, ist viel schlimmer für mich.«

Frank beschloss, das Thema zu wechseln. Es gab Wichtigeres zu besprechen, als die Vergangenheit. Sie waren hier, sie lebten, und alles andere zählte vorerst nicht.

»Hm … ich gebe es nur ungern zu, aber beim Ausbau meines Hauses zu einer Festung habe ich tatsächlich vergessen, mir ein Funkgerät zu besorgen. Ich war vollkommen abgeschnitten. Ohne Strom eben kein Fernsehen oder Radio. Hast du hier vielleicht eines? Oder ein Funkgerät? Dann könnten wir versuchen, etwas über die aktuelle Lage herauszufinden.«

»Ja, ein Funkgerät gibt es hier. Aber ich bekomme es nicht ans Laufen. Es läuft über eine Batterie, am Strom kann es also nicht liegen. Es sei denn, die Batterie ist leer.«

»Zeig es mir mal. Vielleicht kann der Herr Dippel-Inch ja mehr, als nur Autos frisieren. Immerhin hätte ich dann was Sinnvolleres zu tun, als aus dem Fenster zu schauen und …«

Er schluckte. Draußen huschten immer mehr Schatten über die Straßen. Sandra nickte ihm zu. Sie wusste auch so, was er meinte.

*

Zwanzig Minuten später saß Frank im Klassenzimmer nebenan. Er hatte das Problem sehr schnell erkannt. Das Funkgerät, das die Einsatzkräfte hier zurückgelassen hatten, war ein tragbares Modell für den Feldeinsatz mit einer hybriden Energieversorgung. Es war auf Solarbetrieb geschaltet. Die dazugehörigen Solarpanele fehlten zwar, aber Frank hatte nur auf Batteriebetrieb umschalten müssen, um das Funkgerät zum Leben zu erwecken. Sandra hatte eine Propangasleuchte besorgt, damit sie besser sehen konnten. Langsam fuhr Frank alle Frequenzen ab. Sandra stand neben ihm. Aufgeregt hatte sie sich vorgebeugt und sah über seine Schulter. Ihr langes Haar kitzelte ihn an der Wange und er spürte ihren Atem an seinem Ohr.

Ein sehr angenehmes Gefühl.

»Hallo? Kann mich jemand hören? Ist da draußen jemand?«

Schweigen.

Rauschen im Äther.

Die nächste Frequenz, der nächste Versuch.

»Hallo? Kann mich jemand hören? Ist da draußen jemand? Wir sind in Köln-Deutz. Ist da jemand?«

»Bist du sicher, dass das Gerät auch funktioniert?«

»Ja. Ich kann keine technischen Probleme erkennen. Ich glaube, wir würden noch nicht einmal Rauschen hören wenn …«

»Hallo? Ist da jemand?«, schnitt ihm eine kindliche Stimme aus dem Lautsprecher das Wort ab. Sandra fuhr erschrocken zurück.

»Hallo«, rief Frank in das Mikrofon. »Wir sind zwei Überlebende, die sich in einer Schule in Deutz verschanzt haben. Wo sind Sie?«

Rauschen.

»Hallo?«

Leise Stimmen im Rauschen.

»Oh Gott, Frank! Sind das etwa Kinder?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hallo? Wir sind in der Kirche. Wir haben uns im Keller versteckt! Kann uns bitte jemand helfen?«, meldete sich wieder die Kinderstimme.

»Hört ihr mich?«, rief Frank in das Mikrofon.

»Ja?«

»Wo seid ihr?«

Rauschen und Kinderstimmen.

»In der Kirche Groß Sankt Martin. Wir haben uns im Keller versteckt. Der Soldat, der uns aus dem Notlager hergebracht hat, ist gebissen worden. Jetzt ist er da oben und hat noch mehr von denen geholt! Bitte helfen sie uns! Wir sind ganz alleine!«

Die Stimme gehörte eindeutig einem Kind. Einem Jungen vermutlich. Frank hatte das Gefühl, als würde ihm jemand Eiswasser den Rücken entlang gießen. Was er bisher für ein dümmliches Klischee fauler Autoren gehalten hatte, zeigte seinen wahren Kern.

»Verdammt! Frank, wir müssen etwas tun«, flüsterte Sandra neben ihm. Er nickte.

»Hör zu. Gibt es eine Tür zu dem Keller?«

»Ja«, antwortete die ängstliche Kinderstimme. »Eine dicke Holztür. Und auf unserer Seite ist ein dickes Eisengitter.«

»Okay. Ich bin Frank. Wer bist du?«

»Jonas.«

Der Junge klang, als würde er gleich losheulen.

»Du machst das sehr gut, Jonas. Wer ist noch alles bei dir?«

»Rosi, Peter, Michael und Gerhard.«

»Sind auch Erwachsene bei dir?«

»Nein. Ich bin der Älteste von uns. Ich bin dreizehn.«

»Seid ihr alle unverletzt?«

»Ja. Kommst du uns jetzt holen, Frank?«

Frank atmete tief durch und sah zu Sandra. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht war so bleich, dass man sie ohne Weiteres für einen Zombie hätte halten können.

»Noch nicht, Jonas. Ihr müsst noch ein wenig aushalten. Aber vorher muss ich von euch wissen, ob die Tür abgeschlossen ist.«

»Das weiß ich nicht. Sie geht nach innen auf.«

»Sehr gut. Sind die … Anderen da draußen sehr nahe?«

»Ich weiß nicht. Hier sind zwei Keller untereinander. Wir sind ganz unten. Alle anderen Türen haben wir hinter uns zugemacht. Wir haben so eine Campingleuchte, aber die hält nicht mehr lange.«

»Das mit den Türen war sehr, sehr gut von euch, Jonas. Du musst mir jetzt ganz genau zuhören, okay?«

»Ja.«

»Habt ihr da unten Stühle oder Bänke, mit denen ihr die Tür versperren könnt?«

»Ja. Hier sind auch Regale mit alten Büchern.«

»Gut. Stapelt alles, was ihr könnt, vor der Tür. Aber seid leise, damit die da draußen euch nicht hören.«

»Und dann? Was sollen wir dann machen?«

»Seid leise. Versucht zu schlafen. Wir kommen euch holen. Dreht die Lampe soweit herunter, wie es geht, damit ihr Gas spart.«

»Wann?«

Frank rieb sich mit zitternden Fingern über das Gesicht.

»Morgen. Es geht nicht anders. Draußen ist es schon dunkel und zu gefährlich. Aber morgen werden wir euch holen kommen, okay?«

»Okay.«

Der Klang von Jonas Stimme zerriss Frank beinahe das Herz.

»Jonas?«

»Ja?«

»Hast du eine Uhr?«

»Ja.«

»Gut. Ich melde mich morgen früh um acht Uhr wieder bei dir. Bleib auf dieser Frequenz, mach das Funkgerät nicht aus. Suche den Knopf, auf dem Volume steht. Dreh den Ton leiser, damit nichts nach außen dringt.«

»Ich weiß, wie man ein Funkgerät leise stellt.«

Der trotzige Klang in Jonas Stimme ließ Frank lächeln.

»Okay. Entschuldige. Wir hören uns morgen früh, wenn wir kommen, um euch da rauszuholen.«

Die Stimme des Jungen klang fester, als er antwortete.

»Verstanden, Frank. Over und out bis morgen früh.«

»Ja. Over und out bis morgen früh.«

Frank ließ das Mikrofon sinken und sah Sandra an.

»Okay. Gehen wir davon aus, dass wir und diese Kinder wirklich die letzten lebenden Menschen in Köln sind. Ich weiß nicht, wie weit dieses Funkgerät reicht, aber bis nach Bonn auf keinen Fall. Hilfe holen ist also nicht drin.«

»Willst du wirklich da rüber?«, fragte Sandra.

»Ehrlich gesagt, nein. Aber wir können die Kids nicht ihrem Schicksal überlassen.«

»Wie willst du es machen?«

»Wir sollten zunächst die Zeit bis morgen früh nutzen, und alles zusammenpacken, was wir eventuell brauchen können. Ein paar Notrationen, etwas Wasser und deine Handgranaten. Es muss alles in zwei Rucksäcke passen, und es darf nicht zu viel sein. Wir werden nämlich zu Fuß gehen müssen.« Frank sah, wie Sandra schluckte.

»Wir haben hier keine Rucksäcke, also müssen wir uns welche basteln«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Die Kopfkissenbezüge sollten dafür reichen. Ein paar Streifen Laken als Gurte … « Sie stockte. Ihre Augen waren zu zwei glasigen Runds der Angst in ihrem bleichen Gesicht geworden. Von ihrem burschikosen Auftreten war nichts geblieben. Es war, als hätte ihr Jonas Stimme über den Äther alle Kraft geraubt. Frank stand auf und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter.

»Wir können das nur gemeinsam schaffen.«

»Ich weiß. Aber ich habe eine Scheißangst.«

»Frag mich mal. Ich glaube kaum, dass du jetzt meine Unterhose sehen möchtest.«

*

Er lauerte.

So wie er es schon einmal getan hatte, nachdem er aus einem dunklen Schlaf erwacht war.

Doch diesmal war es anders.

Als er erwachte, hatte er nichts gewusst. Einzig das vage Gefühl einer Aufgabe war in ihm gewesen. Er musste wachen. Über was oder wen war zu abstrakt für ihn. Sein Kopf war zu schwer gewesen, um sich damit zu befassen, und in seinem Inneren hatte ein schrecklicher Hunger gewütet, was das Denken noch viel schwerer gemacht hatte. Aber da er nicht wusste, wie er den Hunger bezwingen sollte, war er dort geblieben wo er erwacht war, hatte beobachtet, gewacht und in das helle Leuchten geblickt, das so schön, und gleichzeitig so gefährlich war, weil es ihm alle Kraft aus dem Körper sog. Wenn das helle Leuchten verschwand, ging es ihm besser. Aber es kam immer wieder.

Dann war irgendwann in dem hellen Leuchten etwas Schnelles erschienen, das noch heller strahlte. Neugierig hatte er das glitzernde Ding beobachtet, als etwas geschah, das ihn vollkommen verwirrt hatte.

Etwas war aus dem glitzernden Ding heraus gekommen, etwas das warm und rot geleuchtet hatte! Etwas, das seinen Hunger ins schier Unermessliche steigen ließ. Er hatte das warme Rote beobachtet, das auf ihn zukam. Aber dann war es plötzlich verschwunden gewesen. Einfach unter ihm hinweg in dem verschwunden, dass er bewachen sollte?

Oh, das war ein guter Moment gewesen! Er würde seine Aufgabe erfüllen, und gleichzeitig seinen Hunger stillen können! Aber das helle Leuchten hatte ihm das Sehen schwer gemacht. Warum war das warme Rote nicht im Dunkeln gekommen?

Dann hatte er etwas gehört. Es war hinter ihm gewesen. Auf steifen Beinen hatte er sich umgewandt, war durch einen Irrgarten gewandert, der sich plötzlich vor ihm ausbreitete.

Das sollte er also bewachen?

Gut.

Das war sehr gut, denn in dem Irrgarten war es dunkler, und er konnte sich viel besser zurechtfinden, als im hellen Leuchten. Das warme Rote hatte einen unwiderstehlichen Duft verbreitet, dem er gefolgt war. Dann hatte er es gesehen. Es war so nah, sein Hunger war so groß … Aber das warme Rote hatte sich gewehrt, ihn in einen tiefen Abgrund gestoßen.

Und in diesem Moment war etwas Merkwürdiges geschehen.

Ein neues Gefühl war in ihm erwacht.

Etwas Heißes und Dunkles.

Angetrieben von diesem Gefühl hatte er sich an den Aufstieg aus dem Abgrund gemacht. Als er es geschafft hatte, war das warme Rote weg. Aber das dunkle, heiße Gefühl war noch da, verstärkte seinen Hunger, bohrte und nagte an ihm.

Also hatte er einen Ausweg aus dem Irrgarten gesucht. Es gab Wichtigeres, als zu wachen. Nach einer nicht messbaren Zeitspanne stellte er fest, dass der Irrgarten Wände hatte, die sich öffnen ließen. Es war kompliziert, denn seine Hände fühlten sich wie zwei Ballons an, aus denen geschwollene Würste ragten.

Ballons?

Würste?

Zwei merkwürdige Begriffe, die da durch sein Denken wehten. Sie erschienen ihm passend, weckten aber auch eine unbestimmbare Sehnsucht. Ein Gefühl, als wäre ihm durch den tiefen Schlaf etwas verloren gegangen. Sein Hunger wurde wilder, das Dunkle und Heiße in ihm verzehrte ihn beinahe, und so hatte er die abstrakte Frage nach diesen Begriffen und ihrer Bedeutung verdrängt.

Er musste raus!

Dann kam er an eine dieser Wände, die sich öffnen ließen, und er war in das helle Leuchten hinaus getreten. Dort hatte er andere gefunden, die so wie er waren.

Interessant!

Waren sie auch auf der Suche nach dem warmen Roten? Er war ihnen gefolgt. Wenn das helle Leuchten kam, versteckten er sich mit den anderen in den dunklen Eingängen der Häuser neben ihrem Weg.

Häuser? War er ein Häuserwächter? Die Worte waren wie verschwommene Bilder durch sein Denken geweht. Ohne echten Bezug oder Bedeutung. Sie waren gleichgültig, obwohl auch sie diese ferne Sehnsucht nach der Zeit vor dem Erwachen in ihm weckten. Wenn es dunkel wurde wanderten sie weiter.

Hell und Dunkel wechselten sich ab.

Immer und immer wieder.

Dann hatte er es gesehen!

Das glitzernde Ding!

Auto, war es durch sein Denken geschossen. Das glitzernde Ding war ein Auto.

Und wieder war das warme Rote aus dem Auto ausgestiegen. Er war den anderen gefolgt, die darauf zustürmten. Hatten sie auch so einen Hunger?

Plötzlich stieg das warme Rote wieder in das Auto, und dann war ein wundervolles Geräusch erklungen. Stimmen, die dem Gesang von Engeln glichen. Gesang und Engel waren auch wieder solche abstrakte Dinge, die er nicht fassen konnte. Aber das, was er da hörte, ließ ihn seinen Hunger vergessen. Die Sehnsucht nach der Zeit vor dem Erwachen war wieder da, viel schlimmer an ihm nagend als jemals zuvor, aber zugleich auch so schön und friedlich.

Dann verstummte der Gesang, der Hunger kam zurück … und er stand vor dem Auto. Würde das warme Rote zurückkehren?

Wahrscheinlich.

Eine diffuse Ahnung war da in ihm, dass man immer zu seinem Auto zurückkehrte. Also würde das warme Rote bestimmt wiederkommen. Aber er musste vorsichtig sein, denn sonst würde er es verscheuchen, wenn er endlich seinen schrecklichen Hunger stillen wollte! Also hatte er sich in das Dunkel eines Hauses zurückgezogen.

Und hier stand er jetzt.

Lauernd.

Wachend.

Hungernd.

Das warme Rote würde zurückkehren.

Und dann würde er endlich seinen Hunger stillen können.

Kapitel V - Der lange Weg

Frank legte nach dem Funkgespräch eine nahezu unmenschliche Aktivität an den Tag. Im Licht der Propangaslampe schrieb er auf die Tafel des ehemaligen Klassenzimmers eine Liste mit all den Dingen, die sie dringend benötigten. Zu jeder einzelnen Position ermittelte er das geschätzte Gewicht und den Platzbedarf. Danach teilten sie gemeinsam die Ausrüstungsstücke in zwei Haufen, um abschätzen zu können, wie groß und stabil ihre improvisierten Rucksäcke sein mussten. Zwei Kopfkissenbezüge reichten tatsächlich aus, um alles auf zwei Personen zu verteilen, und ihnen trotz der Belastung noch ausreichend Bewegungsfreiheit zu gewähren.

Frank und Sandra zogen gerade die Bezüge zweier Kopfkissen ab, als von unten ein dumpfes Pochen durch die Schule hallte. Starr vor Schreck hielten die beiden inne, lauschten auf den Lärm, warteten darauf, dass die Tür mit einem Knall zufallen und schlurfende Schritte die Treppen heraufkommen würden. Sandra schoss ein Bild aus ihrer Kindheit durch den Kopf. Nur mit Mühe konnte sie ein Zittern und Tränen zurückhalten.

Das Monster kommt! Er hat wieder seinen Lohnstreifen versoffen und eine Stinkwut auf alles und jeden. Ob Mama jetzt auch in ihrem Bett liegt und Angst hat?

Ihre Finger verkrampften sich um das lange Fleischmesser, das sie als einzige Waffe auf ihrer Flucht hatte retten können. Es war wie ein Anker, der sie in die Realität zurückholen konnte. Nicht, dass die besonders schön war, aber immerhin würde es nicht ihr Vater sein, der da unten versuchte einzudringen. An diesem Gedanken hielt sie sich fest.

Das da unten war nicht ihr Vater, konnte es nicht sein, denn er war kurz vor dem Ausbruch der Seuche mit einer Leber ins Krankenhaus gegangen, die fester und dichter gewesen war, als ein alter Wackerstein. Hoffentlich hatte ihm der Krebs große Schmerzen bereitet.

Sandra hasste sich für diesen boshaften Gedanken.

Das Pochen verstummte nach einer Weile. Sie sah Frank an, dessen Gesicht wie ein bleicher Ballon im schwachen Licht der Propangaslampe über seinem bunten Rennanzug schwebte. Sie warteten noch einen Moment, dann machten sie sich schweigend wieder an die Arbeit.

Sandra schnitt mit ihrem Messer ein Laken in lange Streifen, verwob jeweils zwei dieser Streifen zu einem Gurt und führte diese durch zwei Löcher in den Bezügen. Bequem waren die Rucksäcke nicht, aber sie erfüllten ihren Zweck. Vielleicht würden sie auf ihrem Weg ja die Möglichkeit bekommen, sie gegen echte auszutauschen.

Dann setzte sie sich auf eines der Betten, lehnte sich an die Wand am Kopfende, und sah Frank dabei zu, wie er auf der Tafel eine grobe Skizze ihres Weges zeichnete.

Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

*

Er wartete in der Dunkelheit.

Reglos.

Selbst als von irgendwoher ein dumpfes Geräusch durch das Dunkel hallte, blickte er nur mäßig interessiert in die ungefähre Richtung. Die anderen flüchteten sich in sinnlose Aktivität, huschten durch die Dunkelheit, klopften hier, stöhnten dort … sie nervten ihn.

Ein interessantes Gefühl.

Nerven.

Was war das?

Er lauschte in sich hinein, und begutachtete die abstrakten Begriffe wie Auto, Ballon, Würstchen und genervt sein. Das schienen Dinge zu sein, die für ihn vor dem großen Schlaf von einiger Bedeutung gewesen sein mussten. Dabei fielen die drei Begriffe genervt sein, Ballon und Würstchen immer in einen Zusammenhang mit einem Bild von einem kleineren, warmen Roten, das ihn umarmte.

Während er da stand und wartete, versuchte er, dieses Bild irgendwie besser zu verstehen. Immer wenn das kleine, warme Rote in seinem Bewusstsein auftauchte, glaubte er zudem eine Stimme zu hören, was ihn enorm verwirrte.

Nochmal, Papa. Bittebittebitte nochmal, Papa.

Das Gefühl genervt zu sein vermischte sich in diesen Momenten mit einem anderen Gefühl, das ihn den bohrenden Hunger in seinem Inneren vergessen ließ.

Liebe?

Was war Liebe?

Papa?

War das sein Name?

Mit diesem verwirrenden Gefühl kam zugleich auch Stolz in ihm hoch. Stolz und Trauer vermischten sich miteinander auf verwirrende Weise, und das diffuse Bild seines Autos schob sich immer wieder vor sein geistiges Auge.

Seines Autos?

Hatte er vor dem großen Schlaf auch ein Auto gehabt?

Wenn er das Bild seines Autos in sein Bewusstsein hervorholte, so wurde das Gefühl der Trauer in ihm so stark, dass er sogar laut aufstöhnte, was ihn aus seinen Gedanken wieder zurückholte. Sein Blick klärte sich. Einer der anderen war an das Auto gekommen und trommelte darauf herum. Das dunkle Heiße schoss mit aller Wucht in ihm hoch. Er ging auf den anderen zu, packte ihn an den Schultern und schleuderte ihn zur Seite.

Niemand durfte das Auto anfassen!

*

Der Andere blickte ihm mit dumpfer Verständnislosigkeit ins Gesicht, bevor er aufstand und seines Weges ging. Zufrieden zog er sich zurück in sein Versteck.

Die angenehme Dunkelheit hüllte ihn und seine Gedanken wieder ein. Das dunkle Heiße in ihm zog sich zurück, loderte aber weiter im Untergrund seines Seins.

Wachsam, so wie er.

Und er dachte von sich selber ab jetzt als Papa.

Irgendwie ein gutes Gefühl, egal wie abstrakt es auch sein mochte.

*

Sandra erwachte aus einem kurzen und unruhigen Schlaf. Orientierungslos blickte sie sich um. Dann sah sie Frank an einem der Fenster stehen und in die Morgendämmerung hinausblicken. Die Sonne färbte einen breiten Streifen des Himmels in ein rötliches Glühen. Keine Wolke war zu sehen. Der Prolog des nahenden Tages versprach wunderbares Wetter.

Helles Wetter.

Sandra war froh darüber.

Die da draußen mochten es nicht, wenn es zu hell war.

Dieser Gedanke rief ihr ins Gedächtnis, was sie heute vor hatten. Ihr Blick fiel auf die improvisierten Rucksäcke und die Wegskizze an der Tafel. Sie hatten alles getan, um ihre kleine Rettungsexpedition so sicher wie möglich zu gestalten. Frank drehte sich um und lächelte sie an.

»Morgen. Kaffee? Ist aber leider nur löslicher, und warm ist er auch nicht mehr.«

»Danke, ja. Wie spät ist es?«

»Kurz vor acht.«

»Hast du schon was von den Kindern gehört?«

»Nein. Und auch sonst herrscht im Äther Funkstille. Wir scheinen wirklich die Letzten zu sein.«

Sandra sah etwas in Franks Augen. Etwas, dass sie beunruhigte.

»Was hast du?«

»Bitte?«

»Du wirkst plötzlich so … anders. Irgendwie gedämpfter als noch vor ein paar Stunden, wo du beinahe vor Aktivität explodiert bist.«

Frank wandte sich wieder um. Sein Blick glitt aus dem Fenster, wo sich die schattenhaften Umrisse Kölns scharf gegen den heller werdenden Horizont abhoben.

»Das Ganze ist Wahnsinn. Und das weißt du auch.«

»Willst du einen Rückzieher machen?«

»Nein. Das kann ich nicht. Frag mich nicht warum, aber es geht einfach nicht.«

»Du hast Angst.«

»Ja. Auch. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass da noch mehr ist. Es ist, als würde da draußen etwas auf mich warten.«

»Was meinst du?«

Frank seufzte. Langsam drehte er sich wieder um. Sandra zuckte erschrocken zusammen, denn in dem dämmerigen Licht glich er eher einem der Untoten, die draußen die Straßen bevölkerten. Nur dass aus seinen Augen Intelligenz blitzte.

Intelligenz und … Selbstaufgabe?

Sandra schluckte. Frank wirkte in diesem Moment, als sei er einer dieser Selbstmordattentäter, die sich mit einem Gürtel voller Sprengstoff um den Bauch in eine Menschenmenge stürzten. Schweigend zuckte Frank mit den Schultern. Er konnte sein Empfinden offenbar nicht in Worte fassen.

»Bist du sicher, dass wir das auch wirklich wagen sollen?«, fragte sie.

»Ja. Mach dich in Ruhe fertig und iss was. Es wird ein langer Weg.«

Sandra sah in den Spiegel über dem Waschbecken. Das Wasser lief nicht mehr, weil es keinen Strom mehr für die Pumpen im Keller der Schule gab. Also hatte sie wieder nur eine Katzenwäsche mit einer kleinen Wasserflasche aus dem Trinkwasservorrat der abgezogenen Einsatzkräfte und einer Handvoll Seife aus dem Spender absolviert. Über den Flur hallte Franks Stimme, der mit Jonas wie vereinbart über Funk in Kontakt stand.

Sie sah furchtbar aus, fand sie, selbst in der dämmerigen Beleuchtung der Propangaslampe. Ungeschminkt, die Haare strähnig, und trotz aller Bemühungen roch sie wie ein Mufflon in der Brunftzeit.

Aber sie lebte.

Auch ohne all die angenehmen Dinge, die sie in einer immer schneller werdenden Konsumgesellschaft so dringend benötigt hatte, um sich selber gut und wichtig und funktionierend zu fühlen.

Keine Handys, keine Kriege, keine neuen Diäten, damit frau sich im kommenden Herbst auch weiterhin in das kleine Schwarze zwängen konnte. Lippenstifte, Haarpflegekuren und Deos waren in dieser neuen Welt ebenso unwichtig geworden, wie die aktuellsten Aktienkurse, hohle Politikerfloskeln über wachsende oder sinkende Arbeitslosenzahlen im Angesicht eines wirtschaftlichen Ab- oder Aufschwungs; und die Frage, ob sie sich lieber ein sündhaft teures Paar Schuhe kaufen sollte, wenn es ein anderes Paar zu einem wesentlich günstigeren Preis doch auch tat, hatte sich ebenfalls mit einem Schlag erledigt.

Erstaunt schüttelte sie den Kopf.

Das Leben war einfacher und komplizierter zugleich geworden. Die Katastrophe hatte die wirklich wichtigen Dinge des Lebens wieder in die richtige Perspektive gerückt, die Prioritätenliste einer von sich selbst und ihren Errungenschaften gelangweilten Menschheit einer brutalen Neustrukturierung unterzogen.

Wie hatte Frank letzte Nacht so launig angemerkt?

Die Menschheit hatte auf einem dahinrasenden Laufband gestanden und war im Begriff gewesen, sich selber zu überholen, als der alte Mann da oben das Band abrupt zum Stehen gebracht hatte.

Und das spürte man.

Die Luft über Köln hatte früher immer einer Käseglocke aus Abgasen geglichen. Die Stimmen der Vögel waren unter dem Lärm unzähliger Autos, Busse und Menschen nicht mehr zu hören gewesen, und das Tosen des Kreislaufs der Zivilisation war für sie zu einem alltäglichen Hintergrundrauschen geworden. Jetzt, nach … wie lange war es her, dass die Menschheit vor die Hunde gegangen war? Zwei oder drei Monate? Schon nach dieser kurzen Zeit sangen die Vögel wieder ihre morgendlichen Begrüßungen in den Sonnenaufgang, der Himmel war klarer, selbst wenn es regnete und die Stille, die sie anfangs noch teilweise wie ein wildes Tier angesprungen hatte, war zu einem willkommenen Freund geworden, den sie jeden Tag aufs Neue begrüßte.

Ja, das Leben war für Sandra einfacher geworden.

Lebenswerter trotz, oder gerade wegen, des täglichen Kampfes ums Überleben, den die Meisten nicht geschafft hatten. Sie begann wieder, die kleinen Dinge schätzen zu lernen, die ihr den Tag versüßten.

Schritte erklangen im Hausflur. Sandra drehte sich mit einem Lächeln um. Frank stand in der Tür. Sein Blick war wach und konzentriert, aber nicht mehr so schicksalsergeben, wie noch vor knapp einer Stunde.

»Bist du soweit?«

»Noch vor wenigen Wochen hätte ich dich entweder aus dem Bad geworfen, oder dir mit unmissverständlichen Worten klar gemacht, dass eine Frau erst dann fertig ist, wenn sie eben fertig ist.«

Frank lächelte, runzelte aber gleichzeitig die Stirn. Es sah lachhaft aus, wie er versuchte klug, und nicht allzu verwirrt auszusehen.

»Wie meinen?«

»Du wirst mich so zu unserem Ausflug ausführen müssen, wie ich jetzt hier vor dir stehe.«

Verstehen dämmerte in Franks Gesicht, und er grinste wie ein kleiner Junge.

»Sandra, du siehst umwerfend aus. Es erfüllt mich mit Stolz, eine so schöne Frau an meiner Seite wissen zu dürfen.«

»Schleimer.«

Frank zwinkerte ihr zu. Dann wurde er ernst. Der ungezwungene Moment ihrer Witzeleien verflog wie das Licht eines Sonnenstrahls, der hinter einer Wolke verschwand.

»Wir sollten uns beeilen. Jonas und die anderen Kinder halten nicht mehr lange aus. Wenn wir es schaffen, sollten wir auch eine Apotheke suchen. Wir brauchen dringend ein paar Aspirin, Antibiotika und Verbandszeug.«

Sandras Lächeln erstarb auf ihrem Gesicht. Sie spürte, wie die Notwendigkeiten ihres neuen Lebens dicken Hagelkörnern gleich auf sie einprasselten.

Medikamente.

Ja.

Ärzte gab es wohl keine mehr. Sie mussten sich ab sofort selber versorgen können. Ein Kratzer konnte schon zu einer Blutvergiftung führen, die wiederum zum Tod … der anschließend zu noch viel Schlimmerem führte. Sie nickte.

»Dann lass es uns hinter uns bringen.«

Er, der sich selber jetzt als Papa empfand, wartete immer noch. Das helle Leuchten kehrte allmählich wieder zurück, aber von dem warmen Roten war nichts zu sehen. Hatte er es verpasst? Hatten ihn seine Instinkte getäuscht? Einer von den anderen wankte durch das helle Leuchten. Papa spürte, wie der bohrende Hunger in ihm immer stärker wurde. In dem hellen Leuchten versickerte allmählich seine Kraft.

Ein lautes Pochen holte ihn zurück aus der Starre, die ihn befallen wollte. Einer von den anderen klopfte schon wieder auf seinem Auto herum. Es war derselbe, den er schon im Dunkeln vertrieben hatte? So würde das warme Rote niemals zurückkehren!

Mit einem tiefen Knurren trat Papa aus dem Schatten. Das heiße Dunkle brannte fast genauso stark wie der Hunger in seinem Inneren. Er packte den anderen, riss ihn so schnell herum, dass ihn eine Hand des Anderen am Kopf traf … und das heiße Dunkle in ihm brach sich endgültig Bahn! Mit ungeschickten Händen schlug Papa zu, trieb den anderen vor sich her, der überrascht über diese Attacke rückwärts taumelte. Die anderen blickten mit stumpfer Neugier auf die beiden, aber Papa bemerkte es kaum, so tief war der Rausch, in den ihn das heiße Dunkle trieb. Immer und immer wieder hieb er mit seinen tumben Händen auf den anderen ein, der einfach nicht stillhalten wollte. Dann bekam er ihn zu fassen. Aus einem Reflex biss Papa zu, trieb mit aller Gewalt seine Zähne in den Hals des anderen, riss voll dunkler Wut ein Stück heraus … und erstarrte.

Er konnte es essen?

Verblüfft über diese Erkenntnis schluckte er den Bissen herunter. Der Hunger wurde stiller. Nicht viel, aber doch spürbar, und seine Kräfte kehrten zurück, wenn auch nicht so stark und schnell, wie es das warme Rote versprach. Der andere blickte immer noch verständnislos auf Papa.

Kraft! Papa brauchte Kraft, wenn er das warme Rote erlegen wollte. Und der andere würde sie ihm geben. Mit gefletschten Zähnen beugte Papa sich vor und biss erneut zu.

Frank und Sandra standen am Haupteingang der Schule. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Frank die Maschinenpistole und Sandra die Dienstwaffe des toten Polizisten nehmen sollte, die er vor einer gefühlten Ewigkeit erbeutet hatte. Die Handgranaten hatte Frank ebenfalls in einer kleineren Version ihrer behelfsmäßigen Rucksäcke dabei. Frank zögerte an der Tür. Irgendetwas hatte er bei seiner schnellen Planung gestern Nacht übersehen.

Aber was?

Notrationen, Wasser, Waffen … sie waren den Umständen entsprechend gut ausgerüstet, auf alle Eventualitäten vorbereitet … Oder doch nicht?

Hatte er etwas übersehen?

Er schüttelte den Kopf, sah noch einmal durch die Glastür so gut es ging die Straße entlang, dann drückte er sie vorsichtig auf und trat einen halben Schritt ins Freie. Die Straße sah verlassen aus. Kein Zombie ließ sich blicken. Er sah seinen Wagen. Den würden sie stehen lassen müssen, denn es gab keinen freien Weg über die Severinsbrücke. Es war fraglich, ob sie bei einer anderen Rheinbrücke mehr Glück hätten. Eine entsprechende Suche würde Zeit kosten. Mehr, als sie zur Verfügung hatten, wenn sie Jonas und die anderen Kinder wirklich retten wollten. Hinter ihm drückte Sandra die Tür auf und Frank trat vollends auf den Bürgersteig.

Verwundert runzelte er die Stirn.

Am Ende der leicht gebogen verlaufenden Straße, dort wo die Kreuzung die Auffahrt zur Severinsbrücke bildete und ziemlich nah an seinem Wagen, herrschte ein Tumult unter den Zombies. Es sah aus, als würden sie über jemanden herfallen. Sandra trat neben ihn.

»Was ist da los?«, flüsterte sie. »Haben die etwa einen Überlebenden erwischt?«

»Ich weiß es nicht. Und wenn, dann können wir sowieso nicht mehr helfen.« Frank kniff die Augen zusammen und beugte sich leicht vor. »Lass uns abhauen bevor …«

Frank wich erschrocken zurück und rempelte beinahe Sandra an. Aus der tobenden Menge der Zombies war ein Kopf erschienen, den er erkannte. Ein Kopf mit einem Hausmeisterhut, ein Oberkörper in einem blaugrauen Kittel.

»Scheiße!«, fiel es ihm wie ein Stück verdorbenes Obst aus dem Mund. »Den kenne ich.«

»Bitte?«

Frank drehte sich zu Sandra um. Er sah Erschrecken in ihrem Blick, das viel tiefer ging, als er es für möglich gehalten hätte.

»Ich habe dieses Ding da vor mehr als einer Woche ein Treppenhaus hinuntergeworfen!«

Der Zombie im Hausmeisterkittel sah die Straße hinunter. Irgendwas hing aus seinem Mundwinkel. Er wirkte wie ein Scharfschütze, der gerade ein besonders lohnendes Ziel ins Visier nahm. Langsam trennte er sich von dem Knäuel der Ghoule und kam die Straße entlang auf Frank und Sandra zu. Aber wo er eigentlich hilflos wanken und torkeln sollte, zeigten seine Schritte eine ungewöhnliche Sicherheit. Sandra schüttelte den Kopf, hob die Pistole und legte an. Frank bemerkte statt Angst einen heißen Zorn in ihrem Blick und ihrer Haltung. Es war beinahe, als hätte sie mit diesem Untoten eine persönliche Rechnung zu begleichen.

»Jetzt bist du endlich fällig«, murmelte sie. Frank hob zu einer Frage an, Sandra drückte ab … Ein trockenes Klicken erklang anstelle des erwarteten Knalls!

Verwirrt sah sie auf den Sicherungsbügel.

Entsichert.

Erneut hob sie die Waffe und drückte ab.

Nichts!

»Heiligemuttergottesdasdarfesnichtgeben …«

Der Hausmeisterzombie wurde schneller.

»Lauf!«, keuchte Frank, während er seine Waffe hob. Der Zombie verfiel in einen Dauerlauf. Weitere Reanimierte blickten auf, entdeckten offenbar das Ziel des einsamen Jägers, und folgten ihm. Frank legte an, drückte ab und eine lange Reihe Staubfontänen stieg aus dem Asphalt vor den Ghoulen auf. Zwei von ihnen zuckten unter den Einschlägen zurück, aber sie liefen einfach weiter. Frank hielt die Mündung der Waffe höher, traf aber nur Fassaden und Fenster. Dann erklang auch in seinen Händen nur noch ein trockenes Klicken. Er hatte keine Munition mehr. Und jetzt wurde ihm bewusst, was er die ganze Zeit übersehen hatte.

Seine Reservemagazine!

Die lagen gut verstaut auf dem Beifahrersitz seines Wagens und der Hausmeisterzombie kam unaufhaltsam näher, rannte beinahe schon, wobei diese Dinger doch im Hellen gar nicht rennen konnten! Oder etwa doch?

»Lauf!«, keuchte Frank.

»Ab...«

»LAAAAUF!«

*

Die Gier war gut.

Die Gier nach mehr, mehr und nochmal mehr von allem sorgte dafür, dass er an Kraft gewann, die Gier war der Motor des Lebens, was immer das auch bedeuten mochte, war die Waffe, die ihn auf der Jagd nach dem warmen Roten allen anderen überlegen machen würde. Und wenn er sich ihr ergab, würde sie ihm helfen, das warme Rote ganz für sich alleine zu haben, es mit niemandem teilen zu müssen, es ganz alleine verschlingen zu können … Ja, die Gier war gut.

Es war kein richtiges Verstehen, das Papas Bewusstsein durchflutete. Es war eher ein animalischer Instinkt, der ihn antrieb. Immer und immer wieder biss er in den Leib des anderen, der nicht verstand, was da geschah, schlang große Bissen seines dunklen und kalten Fleisches herunter. Als andere Hände und Gesichter hinzukamen, schlug und biss Papa um sich, verteidigte seine Quelle der Kraft, die um so vieles schwächer war, als es das warme Rote versprach, und ihm doch zumindest etwas von der dringend benötigten Kraft gab, die ihn am Leben erhielt. Das Getümmel aus verzerrten Gesichtern, Armen, Beinen und Leibern wurde immer dichter. Schließlich lagen von dem anderen nur noch Fetzen seines Leibes auf dem Boden. Sein Kopf, aus dem die Augen immer noch verständnislos in das helle Leuchten blickten, kullerte über den Boden.

Papa spürte etwas.

Etwas war hinter ihm.

Er erhob sich, sah sich um … war sein Blick schärfer? Er konnte trotz des hellen Leuchtens klarer sehen. Das war gut, das war … das warme Rote! Da hinten! Ganz weit weg von dem Auto. Und es war nicht alleine! Es hatte ein anderes warmes Rotes dabei!

Langsam wandte Papa sich vollends um.

Sein Hunger war gestillt, aber die Gier und das dunkle Heiße brannten heller in ihm, als das Leuchten, das ihm so in den Augen und auf dem Körper brannte. Er ging auf das warme Rote zu. Oh, das war gut! Er spürte, dass seine Beine an Kraft gewonnen hatten, wie er immer schneller wurde, beinahe zu fliegen schien. Fliegen? Was war Fliegen? Egal! Was immer es auch war, es brachte ihn schneller zum warmen Roten. Die Gier trieb ihn an, die Gier ließ ihn fliegen …

Die Gier war gut!

*

Frank und Sandra bogen bei der ersten Möglichkeit nach links in Richtung Rheinufer ab. Sie waren etwa die Hälfte des Weges bis zur nächsten Einmündung gekommen, als Sandras Rucksack riss. Rutschend kam sie zum Stehen. Frank bremste ebenfalls seinen Lauf. Er sah die Straße hinunter … und da kam er schon. Dieser hartnäckige Zombie, den er in seinen panikerfüllten Gedanken Hausmeister Krause getauft hatte, um seine Angst daran zu hindern, ihn erstarren zu lassen wie ein Reh, das auf einer nächtlichen Straße in das Scheinwerferlicht eines Autos blickte.

Der Zombie war schnell.

Schneller als er eigentlich sein durfte.

Sandra zögerte. Frank lief die wenigen Schritte zu ihr zurück, riss sie an der Schulter.

»Komm! Lass liegen!«

Der Zombie war noch knapp siebzig Meter entfernt. Kurz darauf kamen weitere aus der Seitenstraße. Ebenfalls viel schneller, als Frank oder Sandra die Reanimierten je erlebt hatten.

»Haken schlagen!«, rief Frank und rannte nach rechts eine Seitenstraße rein. Nach knapp sechzig Metern hielt er sich links. Jeder Atemzug brannte ihm in der Lunge, in seinen Beinen breitete sich der heiße Schmerz der ungewohnten Anstrengung aus. Wann war er zuletzt gerannt oder zumindest mal etwas länger zu Fuß gegangen, anstatt sein Auto zu benutzen? Sandra blieb mit ihm auf einer Höhe, obwohl sie ihn mit Leichtigkeit hätte überholen können. Immerhin trug sie jetzt keinen provisorischen Rucksack mehr. Frank verdrängte den bösartigen Gedanken. Sie atmete viel gleichmäßiger als er, so als wäre sie es gewohnt, um ihr Leben zu laufen. Da hätte auch der Rucksack keinen Unterschied mehr gemacht. Die beiden warfen im Laufen einen Blick zurück. Der Hausmeisterzombie rannte gerade um die Ecke. Von seinen Gefährten war noch nichts zu sehen.

»Links«, rief Sandra.

Frank, der eigentlich weiter geradeaus wollte, schaffte es strauchelnd, die Richtung zu wechseln. Sie rannten die Straße an einem Reihenhaus vorbei. Autowracks standen quer, Mülltonnen lagen auf der Straße. Immer wieder mussten sie ihr Tempo kurz zügeln, um über Hindernisse zu klettern, die zu hoch waren, um sie einfach aus vollem Lauf zu überspringen. Hoffentlich hielt sich hier kein weiterer Zombie versteckt.

Am Ende der Straße wagten beide eine kurze Verschnaufpause. Der Hausmeister und seine Kumpane waren immer noch hinter ihnen her. Aber der Abstand schien gleich geblieben zu sein. Die Hindernisse auf den Straßen machten auch ihnen zu schaffen.

»Weiter«, ächzte Frank.

Sandra nickte nur und deutete nach rechts. Frank lief los. Aus dem Augenwinkel sah er ein Straßenschild.

Tempelstraße.

Für eine Sekunde schoss ihm durch den Kopf, dass hier noch vor ein paar Monaten zu Karneval der Veedelszoch durchgegangen war, dass hier lachende und feiernde Menschen am Straßenrand gestanden hatten ... Die ersten Anzeichen von heftigen Seitenstichen holten ihn in die Wirklichkeit zurück. Sie hielten die ungefähre Richtung zur Hohenzollernbrücke ein, die er gestern Nacht für ihren Weg über den Rhein ausgesucht hatte. Sie passierten einen Kipplaster, der mit orangefarbenen Beuteln bis oben hin gefüllt war.

Die Beutel zuckten und bewegten sich.

Besser nicht darüber nachdenken, nicht darauf achten, einfach nur die Beine in Bewegung halten, die Luft gleichmäßig in die Lungen saugen und wieder ausstoßen. Die Augen dabei fest auf den Weg gerichtet halten, um alle Hindernisse frühzeitig zu erkennen.

Frank blickte im Laufen über die Schulter zurück.

Die Zombies waren immer noch knapp hundert Meter hinter ihnen, aber wo war Sandra? Frank blieb stehen, drehte sich um, und dann sah er, wie sie um die Ecke der Seitenstraße verschwand, die sie gerade passiert hatten, während er weiter mitten auf der Fahrbahn geradeaus gelaufen war. Frank verkniff sich einen Fluch und rannte weiter. Wollte sie sich von ihm trennen, um ihre Verfolger zu verwirren, oder glaubte sie, alleine eine größere Chance zu haben?

An der nächsten Kreuzung hielt Frank sich ebenfalls links, bog in die schmale Seitenstraße ein, deren Häuser seinen Weg so klaustrophobisch eng erscheinen ließen. Was in seinem alten Leben noch irgendwie beschaulich gewirkt hatte, wurde plötzlich zu einem tödlich engen Pass, den er durchqueren musste. Aus jedem dunklen Hauseingang konnte ihn eins von diesen Dingern anspringen. Kurz bevor er die Ecke passierte, wagte er noch einen Blick zurück. Wurden die Zombies langsamer? Tatsächlich. Hausmeister Krause blieb sogar stehen. Frank gönnte sich einen weiteren keuchenden Atemzug und grinste. Denen ging wohl auch die Puste aus. Plötzlich bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Gestalt am Ende der Straße.

Sandra!

Sie winkte ihm zu, er solle kommen. Dann deutete sie nach rechts. Er verstand. Sandra war durch eine Gasse auf die Siegburger Straße gelaufen, die hier parallel zum Rheinufer verlief. Von dort aus mussten sie sich rechts halten, wenn sie zur Hohenzollernbrücke gelangen wollten. Also hatte sie tatsächlich versucht ihre Verfolger zu verwirren, oder zumindest aufzuteilen.

Er wollte gerade loslaufen, als hinter ihm ein grässliches Geräusch ertönte.

*

Frank blieb stehen. Sein Blick glitt die Straße zurück, die er eben entlanggelaufen war. Hausmeister Krause stand dort, die Hände zu Fäusten geballt.

Der Zombie stöhnte, lauter als ein gewöhnliches Exemplar und schüttelte seine Fäuste in Richtung Frank. Das Stöhnen, das eher nach einem unartikulierten Wutschrei klang, verebbte und die Fäuste sanken nach unten. Nach einem letzten Zähnefletschen und einem hasserfüllt wirkenden Blick, wandte sich der Zombie seinen Artgenossen zu, die ihn gerade erreichten.

Frank erschauerte.

Der Zombie in dem blaugrauen Hausmeisterkittel griff sich den Erstbesten seiner Artgenossen und schlug seine Zähne in dessen Hals? Die anderen bremsten ihren Lauf ab und blieben in respektvollem Abstand stehen.

Frank schluckte trocken.

Die Zombies fielen sich plötzlich auch untereinander an? War es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis sie sich alle gegenseitig auffressen würden?

Frank beschloss seine Entdeckung, diesen winzigen Hoffnungsschimmer, vorerst für sich zu behalten. Wenn das da drüben nur eine einmalige Aktion gewesen war, er und Sandra sich aber in Zukunft darauf verlassen würden, wäre das Erwachen vielleicht mehr als böse. Hoffnung war in einer Welt, die von Gott verlassen war, eine gefährliche und trügerische Sache.

Nach einem letzten, zweifelnden Blick wandte er sich ab und lief los.

Kapitel VI - Der gute Hirte

Frank lief weiter, der Siegburger Straße entgegen, der Rheinpromenade der schäl Sick von Köln. Sie schien seltsam frei von verwaisten Autos und Müll. Dabei war dies doch eine der Hauptverkehrsstraßen Kölns gewesen! Die Deutzer Brücke sah auch verdächtig leer aus, soweit er sie schon sehen konnte. Er bog um die Ecke. Sandra stand starr vor einem Kiosk. Neben dem Bordstein parkte ein langer Golfcaddy mit Solarzellen auf dem Dach. Frank erkannte das Fahrzeug. Es hatte hinten Platz für maximal vier Fahrgäste und wurde früher oft für Stadtrundfahrten genutzt. Ein Knirschen und Fluchen drang aus dem Kiosk. Frank erreichte Sandra, blickte auf alles gewappnet in den kleinen Laden hinein … und hob überrascht die Augenbrauen.

In dem kleinen Laden stand ein weißhaariger Hüne, der in eine Stadtkampfausrüstung der Einsatzkräfte gekleidet war und die Regale mit dem Schnaps durchwühlte. Der kugelsichere Schutzpanzer der Ausrüstung hing wie eine Schürze über den Schultern des Riesen, und reichte vorne bis zu seinen Knien. In der linken Hand hielt er einen fast mannshohen Plexiglasschild, an seinem Gürtel baumelte ein … Morgenstern? Frank sah genauer hin.

Tatsächlich.

Der Hüne hatte einen Schlagstock mit einer Kette, an der eine kleine Eisenkugel hing, aufgerüstet. Er ging hinter die Theke und grummelte mit sonorer Stimme vor sich hin.

»Herr im Himmel! Wo haben die denn das wirklich gute Zeug versteckt?«

Frank sah Sandra verständnislos an.

»Ich habe seinen Wagen gesehen. Deswegen bin ich nach links abgebogen. Ich dachte, du hättest es auch bemerkt.«

»Nein. Habe ich nicht.«

»Wo sind die Zombies?«

»Sie haben aufgegeben. Hoffe ich zumindest. Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden!«

»HA!«, drang es aus dem Kiosk. Der Gepanzerte drehte sich um, stieg über das Chaos am Boden hinweg und hielt dabei eine Flasche teuren, irischen Whiskey triumphierend in der freien Hand. Erst jetzt schien er seine beiden Beobachter zu bemerken.

»Ah, zwei verlorene Schafe?« Er wedelte mit der Hand ein flüchtiges Kreuzzeichen in die Luft. »Gott segne und beschütze euch auf all euren Wegen. Amen.«

Dann drängelte er sich zwischen Frank und Sandra hindurch und ging zu seinem Wagen. Sie sahen ihm verblüfft nach.

Als der Mann das Schild auf die Passagiersitze gelegt und sich in dem engen Sitz sortiert hatte, öffnete er die Flasche. Er nahm einen tiefen Zug. Schmatzend genoss er seinen Drink.

»So liebe ich es. Nicht zu hart im ersten Eindruck, mit einem weichen Abgang. Lässt das Feuer draußen, aber die Wärme drin.« Der Mann drehte den Kopf und sah die beiden an.

»Ist noch was?«

»Es ist möglich, dass hier gleich eine ganze Horde von Zombies ankommt. Und sie sind verdammt schnell!«, sagte Frank. Der Mann drehte sich um und versuchte über den Nackenschutz seiner Rüstung hinweg hinter sich zu blicken.

»Ich sehe aber keine von diesen armen Kreaturen.«

Frank griff nach Sandras Hand.

»Komm. Wir gehen besser.«

Sandra holte Luft, wollte etwas sagen, doch der Hüne kam ihr zuvor.

*

»Wartet!«, sagte er. Ächzend stieg der Mann aus dem Caddy. »Wo wollt ihr hin? Vielleicht kann ich euch in meinem Gefährt ja ein Stück mitnehmen?«

Sandra sah sich nervös um. Das alles dauerte schon viel zu lange. Wenn diese Dinger weiterhin so schnell waren wie eben, standen sie hier wie auf dem Präsentierteller. Frank bemerkte Sandras Unruhe.

»Andere Rheinseite. Groß Sankt Martin.«

»Hm … schwer zu schaffen.«

»Dann danke der Nachfra…«

»SIE KOMMEN!«, rief Sandra und deutete die Siegburger Straße hinunter. Der Riese sah hin und nahm einen weiteren Schluck aus der Pulle. Frank folgte mit seinem Blick ihrem ausgestreckten Finger. Tatsächlich, da wankte eine Horde der Bestien auf sie zu. Frank sah genauer hin, konnte aber seinen speziellen Freund im Hausmeisterkittel nirgends entdecken.

»Steigt ein. Hinten wird’s zwar eng werden, weil ich noch ein paar andere Vorräte erbeutet habe. Ich glaube aber kaum, dass euch das angesichts der Umstände etwas ausmacht.«

Frank und Sandra kamen der Aufforderung nach. Sie stiegen auf die hintere Passagierbank und versuchten dabei, nicht auf die Kartons voller Konserven und Schnapsflaschen zu treten. Der Hüne zog seinen Morgenstern aus dem Gürtel und verstaute die Flasche Whiskey in einem Fach der Fahrerkabine. Dann stieg er mit einiger Mühe selber ein und wendete den Elektrowagen. Frank spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Sie fuhren weg von der nahen Deutzer Brücke, genau den näherkommenden Zombies entgegen!

»Verdammt, was soll das?«

»Keine Angst mein Sohn, Gott ist mein Beifahrer.« Der Riese blickte zur Seite. »Auch wenn es hier im Moment etwas beengt ist, der Herr findet überall seinen Platz.« Er beschleunigte das kleine Gefährt. Frank konnte sehen, dass die Zombies vor ihnen nicht zu der schnellen Sorte gehörten. Sie fuhren an der Seitenstraße vorbei, die Sandra bei ihrer Flucht genommen hatte. Frank glaubte, den Hausmeisterzombie und seine Horde dort zu sehen, aber sie waren zu schnell vorbei, so dass Frank nicht mehr als einen flüchtigen Blick in die Straße werfen konnte. Der Riese schwang seinen Morgenstern. Die Kugel rotierte seitlich aus der Fahrerkabine. Die Zombies kamen unaufhaltsam näher, der kleine Wagen wurde noch schneller. Der Hüne schwang die Eisenkugel und begann einen monotonen Singsang. Durch den tiefen Bass seiner Stimme schwang so etwas wie heiliger Zorn in seinen Worten mit.

»Und der fünfte Engel stieß in die Posaune«, rief er den immer näher kommenden Untoten zu. »Und ich sah einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war, und es wurde ihm der Schlüssel zum Schlund des Abgrunds gegeben.«

Sie erreichten die ersten Zombies. Der Riese steuerte den Wagen mit einer Hand. Mit der anderen schwang er seinen Morgenstern, traf einen und das Gesicht des Zombies dellte sich nach innen, bevor die Kreatur aus Franks Blickfeld verschwand.

»Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und werden ihn nicht finden, und werden zu sterben begehren, und der Tod flieht vor ihnen.«

Der zweite Untote wurde auf die Brust getroffen. Die Wucht des Schlages riss ihn von den Füßen. Den Dritten traf die rotierende Eisenkugel voll auf die Schädeldecke. Die Wucht des Treffers ließ den Kopf des Untoten wie eine überreife Tomate platzen.

»Und so schenke ich euch den endgültigen Frieden, auf dass ihr am Tag des Jüngsten Gerichts vor das Antlitz des Herrn treten könnt.«

Die Eisenkugel erwischte den letzten Untoten in der Gruppe mit einem eleganten Aufwärtshaken am Kinn. Der Schlag hatte eine derartige Wucht, dass ihm die Eisenkugel das halbe Gesicht vom Kopf riss.

»Amen.«

Dann waren sie durch. Frank blickte nach hinten, wo die restlichen Zombies in dumpfer Verständnislosigkeit hinter ihnen herblickten. Sie waren nicht von der schnellen Sorte. Mit einem tiefen Seufzen fiel die Anspannung von Frank ab.

»Wir danken Ihnen. Ich bin Frank, und das ist Sandra.«

»Ich bin erfreut euch getroffen zu haben« sagte der Riese, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. »Ich bin Patrick Stark. Pfarrer Patrick Stark. Willkommen in meinem Papamobil für die Tage des Jüngsten Gerichts.«

Frank runzelte die Stirn. Ein Medaillon hing an dem vorderen Querbalken des Wagendachs. Er sah, dass es dem heiligen Judas Thaddäus gewidmet war, dem Schutzpatron der Verzweifelten und Hoffnungslosen.

Irgendwie passend, fand Frank.

»Fahren sie uns zur Kirche Groß Sankt Martin? Wir sind nämlich in die falsche Richtung unterwegs, Vater.«

Stark riss den Wagen abrupt nach links und raste eine kleine Gasse entlang. Frank und Sandra konnten sich nur mit Mühe auf ihren Sitzen halten.

»Wenn ihr den Schutz Gottes sucht, meine Kinder, dann ist eine Kirche so gut wie die andere.«

Sandra schüttelte den Kopf.

»Wir suchen keinen Schutz. Jetzt jedenfalls noch nicht.«

Sie kamen an einer Kirche an. Stark lenkte sein Papamobil in eine kleine Auffahrt direkt neben dem Kirchturm. Er drückte den Knopf für die Wegfahrsperre, zog den Schlüssel ab und stieg ächzend aus. Nach einem Rundumblick griff er sich seinen Schild und seine Whiskeyflasche. Dann blickte er Frank und Sandra mit ernster Miene an. Seine Augen verschossen zwar keine Blitze, aber Frank konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Herr Pfarrer sonntags von der Kanzel Feuer, Pech und Schwefel gedonnert haben mochte. Er musste dabei durch seine weiße Mähne und seinen wallenden Bart gewirkt haben, als wäre sein Boss höchstpersönlich von da oben herabgestiegen, um seine Schafe zu maßregeln. Obwohl er mit Religion nicht viel am Hut hatte, fühlte Frank sich plötzlich nichtig und klein.

»Wie auch immer. Es ist nie zu spät, um in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Wenn ihr wollt, könnt ihr mitkommen. Wenn nicht … «, Stark murmelte etwas, das lateinisch klang, machte wieder das nachlässige Kreuzzeichen über Frank und Sandra und wandte sich ab. »Meinen Segen habt ihr jetzt nochmal bekommen. Doppelt hält besser.«

Die Flasche funkelte im Sonnenlicht. Das holte Frank zurück in die Wirklichkeit. Auch wenn Stark tatsächlich so ein Fluch- und Verdammnisprediger gewesen sein mochte, er war einem guten Schluck zum Runterspülen des Schwefelgeschmacks nach einer Predigt offenbar nicht abgeneigt. Er war also ein Mensch. Ein gut gerüsteter und gläubig dazu.

»In Groß Sankt Martin ist eine kleine Gruppe Überlebender eingeschlossen«, rief er dem Pfarrer hinterher.

Stark erreichte die Tür des Kirchturms.

»Ich schließe diese armen Sünder in meine Gebete ein«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Möge Gott ihnen ihre Sünden verzeihen, ihnen das ewige Himmelreich schenken und so weiter und so fort.«

»Es sind Kinder.«

Stark hielt inne. Langsam drehte er sich um.

»Was sagst du da?«

»Es sind Kinder, Herr Pfarrer. Sie sind allein, sie haben Angst und sie brauchen unsere Hilfe.«

Frank stieg aus dem Wagen und zog seinen improvisierten Rucksack von der Schulter. Er holte das Funkgerät hervor und schaltete es lauter.

»Jonas? Kannst du mich hören? Ich bin´s. Frank.«

Rauschen.

Dann eine leise Kinderstimme.

»Ja, ich kann dich hören. Kommst du uns jetzt holen?«

»Wir sind unterwegs, Jonas. So wie es aussieht, haben wir unerwartet Hilfe bekommen.«

Stark kehrte langsam zu dem kleinen Wagen zurück. Sein Blick fixierte das mobile Funkgerät. Die Whiskeyflasche baumelte vergessen in seiner Hand, seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Bitte beeilt euch. Wir haben Hunger und Durst.«

Frank sah, wie Stark schluckte.

»Wir beeilen uns. Ich melde mich wieder.«

»Ja. Over und out.«

Frank schaltete das Funkgerät wieder leiser. Prüfend musterte er den Pfarrer. Stark hob den Blick und sah Frank an.

»Die Kinder, die einzigen Gefäße von Unschuld und Reinheit, hat der Herr in seiner Weisheit als Erste zu sich geholt«, sagte der Pfarrer. »Sie konnten dem Grauen der Apokalypse am wenigsten entgegenstellen. Ich habe schon seit Wochen keine dieser kleinen Seelen mehr gesehen.«

»Helfen Sie uns?«, fragte Sandra.

Stark nickte.

»Ich kann es nicht beschwören, aber wenn es überall auf der Welt so aussieht wie hier, dann könnten es die Letzten sein.«

»Bitte?«, fragte Sandra.

»Ich sagte, es könnten die Letzten sein. Ein Kind kann sich noch viel weniger gegen diese Bestien wehren, als es ein Erwachsener vermag.«

Stark verstaute seine Flasche. Mit Bewegungen, die zuerst zögerlich wirkten, dann aber immer entschlossener wurden, legte er seinen Schild auf die Rückbank neben Frank und Sandra. Anschließend zog er den Morgenstern aus seinem Gürtel und setzte sich in das Gefährt.

»Vielleicht hat mir der Herr in seinen unergründlichen Entschlüssen doch noch eine Chance gegeben, und mir den Weg zu einer neuen Herde gewiesen, deren Hirte ich sein darf.« Er startete den Wagen, wendete und fuhr auf die Straße zurück.

»Holen wir sie da raus. Retten wir Gottes letzte Kinder.«

Papa hatte sich noch einmal am Fleisch eines der anderen gestärkt, aber es war zu spät. Das warme Rote war entkommen. Er hatte es noch ganz in der Nähe spüren können, war seinem Instinkt gefolgt und dennoch zu langsam gewesen. Ein merkwürdiges Ding, das einem Auto ähnelte, war mit dem warmen Roten weggefahren. Er war sich nicht sicher, aber konnte es sein, dass da plötzlich sogar mehr warme Rote drin gewesen waren? So schnell er konnte, war er dem Weg gefolgt, den die Häuser ihm freigaben, suchte im hellen Leuchten, dass ihm jetzt nicht mehr solche Probleme bereitete. Ja, es waren mehrere warme Rote in diesem Auto. Sie fuhren auf eine Gruppe anderer Dunkler zu, schleuderten einige von ihnen zur Seite und verschwanden schließlich.

Knurrend starrte Papa ihnen hinterher. Die Stärke, die er aus den anderen gewann, die so waren wie er, hielt nicht lange vor. Lag es am hellen Leuchten oder daran, dass die anderen dunkel und kalt waren? Ein Problem, das ihm ein diffuses Unbehagen bereitete, für das sein Bewusstsein kein Wort fand. Er wurde sich der Präsenz der anderen bewusst, die hinter ihm standen. Sie blickten ihn dumpf an, schienen auf etwas zu warten.

Auf ihn?

Auf eine … Entscheidung?

Verwirrende Eindrücke, Bilder und Gedankenfetzen schossen durch sein Bewusstsein. Eindrücke, die mit merkwürdigen Worten wie Führerschaft, Krieger und Jagd einhergingen.

Was hatte das alles zu bedeuten?

Ein dumpfes Pochen machte sich in seinem Kopf breit. Er kniff die Augen zusammen, versuchte das dunkle Heiße und die Gier in seinem Inneren zu kontrollieren, welche die Eindrücke und Worte, die in seinem Kopf kreisten, immer und immer wieder anfeuerten. Waren ihm die anderen gefolgt, als er das warme Rote gejagt hatte? Warum waren sie dann nicht einfach weitergelaufen? Warum hatten sie ihre Hatz aufgegeben?

Das Pochen in seinem Kopf wurde schlimmer, denken war schwer, so schwer, aber es musste sein, er spürte es, weil hinter diesem Pochen die Antworten lagen, die ihn zu seinem Ziel führen würden, das warme Rote endlich essen zu können, um endlich die Macht wahrer Kraft zu erlangen …

Krieger!

War das die Antwort?

Was waren Krieger?

Papa öffnete die Augen, sah die anderen immer noch hinter sich stehen.

Abwartend.

Waren das Krieger?

Würden sie für ihn das rote Warme kriegen, ihm bringen, damit er es essen konnte?

Das Pochen ließ nach.

Die Gier gab ihm die Antwort.

Er ging auf die anderen zu, durch die das warme Rote eben gefahren war. Er griff nach dem Erstbesten, trieb seine Zähne in den Hals des anderen, riss ein Stück heraus und warf ihn mit einer verächtlichen Geste hinter sich. Er kaute, schluckte, nahm sich den nächsten, biss wieder zu, kaute, schluckte, schleuderte den Körper zur Seite ... dann blieb er stehen und drehte sich um. Die, die ihm gefolgt waren, rissen die anderen in Stücke. Sie folgten seinem Beispiel.

Die Starken fraßen die Schwachen.

Das war gut, dennoch machte sich ein warnendes Gefühl in Papa breit.

Seine Krieger durften nicht stärker werden als er, weil sonst seine Führerschaft in Gefahr wäre. Wenn seine Krieger zu stark werden würden, dann würde er seine Macht über sie verlieren, dann könnten sie das warme Rote für sich alleine kriegen, und das wäre nicht gut.

Papa beobachtete das Gemetzel seiner Krieger unter den Schwachen, sah, wie einer von ihnen die anderen zur Seite drängte, um selber mehr von der Kraft zu bekommen.

Das war gut und nicht gut zugleich.

Papa folgte einer Eingebung, die ihm die Gier einflüsterte, ging auf den anderen zu, riss ihn vom Körper eines Schwachen weg. Knurrend hob der andere seinen Blick, fletschte die Zähne. Die restlichen Krieger hielten inne. Getrieben von der Gier nach Macht griff Papa blitzartig nach dem Gesicht des gefährlichen Kriegers, drückte seine tumben Finger in die Augen seines Gegners. Die Hände des Kriegers suchten haltlos nach Papa, versuchten ihn zu treffen, aber Papa beugte sich zurück, trieb seine Finger noch tiefer in den Kopf des anderen … dann ließ er los.

Der geblendete Krieger torkelte hilflos, wankte auf der Suche nach seinem Gegner über die Straße. Papa wartete einen Moment, so wie es ihm die Gier in seinem Inneren riet.

Die anderen seiner Krieger standen reglos da.

Dann ging er auf den Geblendeten zu, riss dessen Kopf an den Haaren nach hinten, trieb seine Zähne in dessen Hals und warf ihn dann achtlos beiseite.

Die anderen Krieger verstanden.

ER war ihr Anführer.

Wer nicht folgte, war nur eine Kraftquelle.

Nach wenigen Augenblicken war der Aufmüpfige nur noch ein Bündel aus zuckendem Fleisch unter einem Wust aus beißenden und krallenden Leibern. Ein Gefühl der Zufriedenheit machte sich in Papa breit, ein Gefühl der Macht. Ein gutes Gefühl, wie ihm die Gier bestätigte. Jetzt hatte er die Macht über die anderen. Nun musste er nur noch herausfinden, wo sich das warme Rote versteckt hatte. Mit neuer Kraft ging er den Weg entlang, den das warme Rote genommen hatte. Seine Krieger folgten ihm.

Keiner von ihnen bemerkte die schattenhafte Gestalt, die sich in einem dunklen Hauseingang versteckt hielt und das Geschehen beobachtet hatte. Ja, die Gier des Menschen war stark, selbst im Angesicht des Einen.

Und die Gier machte sie zu perfekten Werkzeugen für ihn.

Kapitel VII - Der dunkle Mann

In dem Keller der Kirche war es dunkel. Jonas hatte das Licht der Propangaslampe soweit wie möglich heruntergedreht und nur ein schwacher Schimmer, nicht mehr als ein Feuerzeug vielleicht hergeben mochte, erhellte ihren Zufluchtsort, ließ die Schatten in den Ecken tanzen. Sie brauchten nicht mehr Licht. Wo sollten sie auch hingehen, was sollten sie auch sehen? Der Kellerraum der Kirche war eine Rumpelkammer, in der alles Mögliche lagerte, was nicht unbedingt gebraucht wurde, aber auch zu schade zum Wegwerfen gewesen war.

Jonas stand in der Mitte des Raumes und sah sich um. Die anderen schliefen. Er sah in dem schwachen Licht Rosi und Peter, die beiden Geschwister. Sie lagen nahe der hintersten Ecke des Raumes, neben einem alten Holzregal. Eng umklammert schliefen sie. Michael und Gerhard schliefen im Sitzen. Sie hatten sich an die Seite der nach oben führenden Steintreppe gelehnt. Jonas lauschte in die Stille. So, wie es nur einer konnte, der so war wie er. Oder Rosi. Oder Gerhard. So wie sie alle waren.

SIE waren noch da.

SIE waren noch da oben.

Er hörte IHR Knirschen und wusste zugleich, dass es sonst niemand hören konnte, der nicht so wie er war.

SIE genossen das Dämmerlicht in der Kirche, weil ihnen das Tageslicht die Kraft nahm.

Jonas seufzte.

Hoffentlich kam Frank bald. Und hoffentlich würde er sich vorher nochmal bei ihm melden, damit er ihn warnen konnte.

Mit einem weiteren Seufzen setzte Jonas sich auf den Boden und hielt das Funkgerät umklammert.

Ein Anker in der Dunkelheit, der Angst und der Ungewissheit.

*

Stark fuhr mit Frank und Sandra durch Nebenstraßen in Richtung Poll. Aus einem tragbaren CD-Player, den Stark in die schmale Ablage für den Fahrer geklemmt hatte, erklang leise ein Song von Johnny Cash. When the man comes around.

»Könnten Sie bitte ein anderes Lied abspielen?«, fragte Frank.

»Warum?«

»Der Song war mal der Soundtrack zu einem Zombiefilm.«

»Ich weiß. Und selten gab es eine passendere musikalische Untermalung, als bei diesem Film. Ich mag den Man in Black. Und dieses Lied spielt mit den Worten der Bibel, mein Sohn.«

»Ich weiß. Es sind die Worte der Offenbarung.«

»Dann weißt du vielleicht auch, dass Johnny darin das Jüngste Gericht beschreibt?«

»Ja, und genau deswegen möchte ich es jetzt nicht hören.«

Der Pfarrer seufzte und drehte Cash mitten im Song die Luft ab. Stark sagte nichts mehr. Er musste sich auf das Fahren konzentrieren. Die Straßen wurden allmählich enger und immer schwerer zu passieren. Autowracks, aufgeplatzte Koffer, die das Hab und Gut von Flüchtlingen nicht mehr halten konnten, Glasscherben und Reste von Plünderung und Panik machten ihren Weg zu einem Hindernisparcours. Sie sahen ein paar Haustiere, die irgendwie ihren Weg in die Freiheit gefunden hatten, oder in der großen Panik einfach ausgesetzt worden waren. Ein Wellensittich pfiff von einem Baum herunter, der Papagei einen Ast tiefer beäugte sie misstrauisch. Ein abgemagerter Hund fraß aus einer Mülltonne, während sich ihm eine Katze mit gesträubtem Fell von hinten näherte, um selber auch etwas von dem Festschmaus zu ergattern.

Plötzlich fuhr ein Ruck durch das Fahrzeug. Stark hatte eine Vollbremsung hingelegt. Frank konnte nur mit Mühe verhindern, dass er gegen den Pfarrer prallte. Er entdeckte eine Schildkröte vor ihrem Wagen, die gemächlich ihren Weg kreuzte. Als sie vorbei war, fuhr der Pfarrer weiter. Sandra fragte Stark, warum er denn ausgerechnet in Richtung Poll fahren würde, anstatt den schnellsten Weg auf die andere Rheinseite zu nehmen. Stark brummelte etwas von starkem Verkehr, und dass sie auf Umwegen besser zu ihrem Ziel gelangen würden, als auf dem scheinbar einfachen und direkten. Sandra sah sich um und nickte. Dann holte sie ihre Pistole hervor. Mit geschickten Griffen begann sie, die Waffe zu zerlegen. Frank sah ihr erstaunt zu.

»Lernt man das durch die Rambofilme?«

»Nein. Von seinem Vater.«

Sandra fand das Problem mit der Waffe. Eine Patrone hatte sich auf dem Weg vom Magazin zum Lauf verkantet.

»War er Polizist?«

»Nein.«

»Gangster?«

Sandra blickte auf. Frank zuckte unmerklich zurück.

»Du nervst.«

»Entschuldige. Ich wollte nur ein wenig Small Talk halten und dich näher kennenlernen.«

Sandra senkte wortlos den Blick und fuhr fort, die Pistole wieder einsatzbereit zu bekommen. Frank sah sich um. Die Häuser glotzten aus blinden, zerbrochenen und dunklen Fenstern zurück. Er erschauerte und fragte sich, warum hier so wenige der Zombies waren. Er setzte gerade zu einer entsprechenden Frage an Stark an, als der das Fahrzeug nach rechts lenkte. Er hielt unter einer Brücke. Frank sah sich erstaunt um.

»Die Südbrücke?«

Stark stieg aus dem kleinen Gefährt und nickte.

»Richtig, mein Sohn.«

»Aber … das ist ganz am anderen Ende von Köln, quer durch die Stadt von unserem Ziel entfernt!«

»Auch richtig. Aber diese Brücke ist die Einzige, die wir passieren können. Die Deutzer Brücke ist meines Wissens nach vermint, die Severinsbrücke hast du vielleicht selber gesehen. Vollkommen verstopft. Alle anderen Brücken würden uns vielleicht unserem Ziel näher bringen, aber vorher müssten wir uns ebenso durch halb Köln durchschlagen. Wenn auch auf der falschen Seite. Und ich weiß nicht, wie es auf den anderen Brücken aussieht. Also ist das der Weg, den der Herr uns weist.«

Sandra stieg aus dem Wagen. Sie nickte Frank zu.

»Ja, er hat recht. Außerdem ist auf der anderen Seite unsere Chance größer, unsere Ausrüstung aufzubessern. Dort gibt es auf unserem Weg mehr Fachgeschäfte, Apotheken ...«

Frank nickte mit einer säuerlichen Miene.

»Ja. Und mehr von diesen Dingern, die uns als kleine Canapés betrachten.«

Stark lächelte.

»Fürchte dich nicht, mein Sohn. Der Herr ist unser Hirte, und es wird uns an nichts mangeln.«

Vor allem nicht an Gründen, die Beine in die Hand zu nehmen, dachte Frank, schwieg aber. Der Pfarrer war ihm einerseits willkommen, andererseits aber auch suspekt. Er war eine lebende Erinnerung an eine Zeit, als seine Eltern noch lebten, und als die Welt noch in Ordnung war. Die Sprüche des Pfaffen kannte er zur Genüge. Stark sah sich um. Gedankenverloren strich er sich über seinen Bart.

»Wartet hier«, sagte er unvermittelt. »Ich bin sofort wieder da.«

»Wo willst du hin?«, fragte Frank, ohne auf die persönlich gewordene Anrede zu achten, die ihm herausgerutscht war. Stark war schon halb auf der Straße. Er blieb stehen und drehte sich um.

»Wir werden zu Fuß weitergehen müssen, mein Sohn. Und damit wir unsere Ausrüstung auch vernünftig werden tragen können ...«

Er deutete ein Stück die Straße hinunter. Ein Schuhladen mit einer Scheibe, die noch intakt war. Stark war schon auf dem Weg dorthin.

»Willst du dir Wanderschuhe klauen?«

»Eine gute Idee, mein Sohn«, rief Stark über die Schulter zurück. »Nennt mir eure Größen, dann sehe ich nach.«

»Geht es auch etwas leiser?«, fauchte Sandra. »Mit eurem Gegröle lockt ihr noch alle Zombies aus ganz Köln her!«

Frank senkte seine Stimme.

»Ja, okay. Trotzdem frage ich mich, was der Herr Pfarrer da in dem Laden will?«

Sandra sah ihn erstaunt an. In ihrem Blick flackerte so etwas wie eine enttäuschte Erkenntnis auf. Das Gefühl der Nähe, das sich zart zwischen ihnen aufgebaut hatte, zerriss wie ein Spinnfaden.

»Du gehst nicht oft shoppen, oder?«

»Was hat das damit zu tun?«

»In diesem Schuhladen gibt es nicht nur vernünftiges Schuhwerk, es gibt dort auch Rucksäcke. Zwar keine besonders guten, aber immer noch besser als solche aus Kopfkissenbezügen. Willst du alles mit den bloßen Händen tragen, was wir brauchen? Ich dachte, du wärst so ein guter Planer, ein Typ, der zwar erst überlegt bevor er handelt, dann aber auch anpackt?«

»Ja schon, aber …«

»Kann es sein, dass dir das alles etwas zu spontan wird? Wir müssen improvisieren!«

Bevor Frank antworten konnte, hallte das klare Klirren und Scheppern von zerbrochenem Glas über die Straße. Sandra schüttelte den Kopf.

»Und der Herr Pfarrer ist in seinem Gottvertrauen auch ein wenig unvorsichtig. Welche Schuhgröße hast du?«

»Hä?«, machte Frank, durch den plötzlichen Themen- und Stimmungsumschwung total aus der Bahn gebracht.

»Deine Schuhgröße!«

»Vierundvierzig, eher breit.«

Sandra lief zum Schuhladen.

»Halte die Stellung und warne uns, falls wir Besuch bekommen.«

Frank sah ihr verdattert hinterher. Das ging ihm alles in der Tat ein wenig zu schnell. Mit einem mürrischen Knurren griff er nach seiner Maschinenpistole. Grimmig schaute er die Straße entlang, ob sich dort vielleicht Feindbewegung zeigte. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Frank vermutete, dass bald ein Unwetter aufziehen würde. Das bedeutete Dunkelheit. Und das wiederum würde die Zombies schneller machen. Und sicher auch die, die schon jetzt viel zu schnell für normale Untote waren, sofern man überhaupt von normalen Zombies sprechen konnte. Er schluckte trocken und hielt seine Maschinenpistole fester.

Dann wurde ihm bewusst, dass er keine Munition mehr hatte.

Mit einem herzhaften »Scheiße!« drehte er sich auf dem Absatz um und lief Sandra hinterher.

*

Die schattenhafte Gestalt beobachtete die Gruppe Zombies, die sich um den versammelt hatte, der sich selber Papa nannte. Ihre Schritte waren fest, ja. Aber ihre Orientierung ließ zu wünschen übrig. Sie irrten durch Seitenstraßen, gingen in Hauseingänge, kamen wieder heraus … So würde das nichts werden.

ER würde eingreifen müssen.

Die Gestalt, bisher nur ein formloser, vager Schatten, bewegte sich langsam von hinten auf die Gruppe Zombies zu. Mit jedem Meter wurde sie greifbarer und nahm Formen an.

Teure Schuhe, die im Licht des Tages glänzten. Ein dunkler Anzug aus feinstem Stoff, der bei jedem Schritt leise raschelte. Lange, schlanke Hände mit feingliedrigen Fingern, ein blasses Gesicht, hager und asketisch, eigenwillig frisierte hellblonde Haare, die mit ihrem Scheitel an David Bowie erinnerten. Eisblaue Augen funkelten mit einem zeitlosen Blick in die Welt. Ein dunkles Leuchten ging von der Gestalt aus, eine Kälte, die aus dem unendlich leeren Raum zwischen den Sternen zu kommen schien. Je mehr die Gestalt des Mannes Form annahm, umso dunkler wurde es am Himmel.

Der dunkle Mann erreichte die Nachzügler der Gruppe.

Eine hochgewachsene Frau in einem engen Minirock aus beigefarbenem Wildleder und einer taillenbetonten Jacke aus dem gleichen Leder stöckelte unbeholfen auf ihren absurd hohen Pumps als Schlusslicht der Gruppe über die Straße. In ihrer Hand baumelte eine Lederhandtasche.

Der dunkle Mann verzog sein Gesicht zu einem anerkennenden Grinsen. Louis Vuitton-Täschchen, stramme Waden, griffiger Hintern, auf dessen oberem Ansatz die Ausläufer einer wasserstoffblonden Mähne wippten … Schade, dass sie jetzt wohl keine Lust mehr verspüren würde. Für Geld hätte er sie zu anderen Zeiten bestimmt überreden können, mit ihm ein paar vergnügliche Stunden zu verbringen, und hinterher sogar von ihr eine Entlohnung für seine Mühen angeboten bekommen. Mit einem verächtlichen Schnaufen berührte er sie beiläufig von hinten an der Schulter.

Die Untote brach auf der Stelle zusammen.

Besser so.

Ihr unbeholfenes Stöckeln war einfach nicht mit anzusehen gewesen. Davon abgesehen war Stille eine Waffe, die man nicht so ohne Weiteres hergeben sollte.

Als der Mann an ihrem auf dem Boden liegenden Körper vorbeiging, sah er aus dem Augenwinkel etwas, das ihn kurz innehalten ließ.

Er sah genauer hin und bemerkte einen Bartschatten im herben Gesicht der Sexbombe. Unter dem knappen Rock ihres Kostüms erkannte er einen prall gefüllten Stringtanga. Mit einem leisen Auflachen schüttelte er den Kopf.

»Typisch Köln. Ob wir uns morgens wohl um den Rasierer gestritten hätten?«

Mit einem breiten Lächeln drängte er sich weiter an die Spitze der Gruppe, hielt sein Ziel fest im Auge. Den Zombie mit dem Hausmeisterkittel und dem affigen Hütchen auf dem Kopf. Die Zombies, die er passierte, fielen zu Boden und wanden sich in stummer Agonie. Drei Schritte hinter dem Hausmeisterzombie, der sich selber Papa nannte, blieb der dunkle Mann stehen.

Papa drehte sich um.

Der dunkle Mann breitete die Arme aus, als wolle er einen alten Freund begrüßen. Eine unglaubliche Kälte ging von ihm aus und Papa stolperte ein paar Schritte rückwärts. Dann fiel er zu Boden, wand sich in Krämpfen, versuchte mit unbeholfenen Bewegungen sein Gesicht mit den Unterarmen zu schützen, das dunkle Leuchten des Mannes abzuwehren.

»Ja«, sinnierte der dunkle Mann. »So ist es recht. Winde dich voller Demut vor mir im Staub, mein Freund.« Der dunkle Mann schloss die Augen, griff mit seinem Geist nach dem kruden Bewusstsein Papas, und nickte versonnen vor sich hin.

»Du hast recht, mein Freund. Ich bin alt. Ich war schon alt, als das Universum noch jung war. Und ja, wenn du es gerne so siehst, bin ich ein Engel. Ein Engel des Todes. Ihr liebt ja solche Bilder, selbst nachdem ihr eure kümmerliche Existenz ausgehaucht habt. Ich atme ganze Welten ein, um sie anschließend leer und kalt wieder aus meinem Inneren zu entlassen. Ich bin die Nemesis des Lebens.« Er ließ die Arme sinken, und Papa beruhigte sich allmählich wieder. Der dunkle Mann blickte beinahe liebevoll auf den wehrlosen Zombie herunter.

»Ja. Wenn du es so möchtest, bin ich Gabriel, mein Freund.« Der dunkle Mann streckte Papa seine Hand entgegen.

»Steh auf. Ich glaube, wir zwei haben sehr viel zu besprechen.«

*

Im Keller der Kirche schreckte Jonas aus einem dämmerigen Halbschlaf hoch. Auch die anderen waren wach. Vorsichtig drehte Jonas das Licht der Lampe nur ein klein wenig heller.

Die Augen der anderen Kinder schwammen in bleichen Seen der Angst. Sie hatten es auch bemerkt. Trotzdem musste Jonas sein Unbehagen einfach in Worte fassen.

»Habt ihr auch …«

Peter nickte.

»Ja. Ich habe IHN auch gespürt.«

Rosi wimmerte leise und klammerte sich an Peters Arm. Gerhard holte tief Luft. Seine Stimme zitterte.

»Wir sollten Frank warnen.«

»Wovor?«

»Vor dem dunklen Mann. Wovor denn sonst?«

Jonas schüttelte den Kopf.

»Ob er uns das glauben oder uns überhaupt verstehen wird?«

Das war eine gute Frage. Nachdenklich blickten die Kinder vor sich hin. Für einen verrückten Moment sahen sie aus, wie die absurd junge Ausgabe eines militärischen Kommandostabs, der vor einer schwierigen Entscheidung stand.

Dann sah Jonas auf. Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich werde ihm nichts sagen. Je weniger Frank weiß, umso größer die Chance, dass ER ihn nicht wahrnimmt.«

Nacheinander nickten Gerhard, Peter, Michael und Rosi Jonas Entscheidung ab. Dann begann wieder das lange, schweigsame Warten.

Und das Knirschen der Anderen da draußen wurde immer stärker.

*

Der Schuhladen hatte vor dem Armageddon tatsächlich auch andere Lederwaren im Angebot gehabt. Schnell wurden Stark und Sandra fündig. Zwei große Rucksäcke, für längere Trekkingtouren geeignet, lagen schon an der zerbrochenen Schaufensterscheibe bereit, als Frank dazukam. Er hörte die Stimmen der beiden zwischen den Regalen in dem dunklen Laden.

»Ich kenne dich«, sagte Stark, »Bist du nicht die Kleine der Adamcyks?«

»Ja.«

Sandras Stimme klang merkwürdig belegt, fand Frank. Leise stieg er in den Laden ein, und belauschte die beiden, den Blick nach draußen gerichtet.

»Ich hätte dich eben beinahe nicht wiedererkannt.«

»Kein Wunder. Ich habe obenherum ein wenig zugelegt.«

Stark räusperte sich, und Frank musste sich ein Auflachen verkneifen, um sich nicht zu verraten.

»Wie geht es deinem Vater? Ich meine, wenn ich das in dieser Situation überhaupt fragen darf.«

»Er ist tot, und das ist gut so.«

»Hier, probier mal diese Schuhe.« Rascheln im Hintergrund. »Da ist viel Zorn in dir.«

»Was ja wohl kaum verwundert, oder?«

Ein tiefes Brummen, das sowohl Zustimmung, als auch Skepsis sein konnte.

»Findest du nicht, dass es an der Zeit wäre, ihm zu vergeben? Angesichts der herrschenden Umstände?«

»Er hat das bekommen, was er verdient.« Kurzes, dumpfes Aufstampfen. »Die passen.«

»Nun gut. Wenn du reden möchtest, ich bin ja bei euch.«

Seufzen. Eher genervt, als ergeben.

»Vater, ich bin jahrelang in die Kirche gekommen, habe immer und immer wieder darum gebetet, dass ER mir und meiner Mutter doch bitte helfen soll. Und was ist passiert? Nichts, nichts und nochmal nichts! Ihr großer Boss da oben hat wohl immer ausgerechnet dann seinen freien Tag genommen, wenn ich ihn gerade am dringendsten gebraucht hätte.«

»Sandra!«

»Nein! Es kommt ja alles noch viel besser, Herr Pfarrer! Ich hatte ihn schon im Visier, hatte endlich die Möglichkeit, ihm all das heimzuzahlen, was er mir und meiner Mutter all die Jahre angetan hat. Es wäre sogar eine Erlösung für ihn gewesen, wenn man die derzeitige Situation bedenkt, wie sie das da draußen so schön beschreiben. Und was passiert? Der da oben kommt aus seinem freien Tag zurück und hält seine Hand schon wieder schützend über diesen elenden Bastard!«

»Du hast deinen Vater gesehen?«

»Ja. Er ist jetzt einer von denen da draußen. Und ich schwöre bei allem, was Ihnen heilig ist, Herr Pfarrer, wenn er mir das nächste Mal vor die Flinte läuft, blase ich ihm das Hirn aus dem Schädel! Und wenn die wieder nicht ballert, trete ich ihm derartig in die Eier, dass eben seine kleinen vertrockneten Dinger quer durch seinen verdorrten Leib sausen und sein Gehirn zu Mus zerquetschen!«

»Aber mein Kind, du musst -«

»Finger weg! Als ich SIE brauchte, waren SIE auch nie da. Also brauchen wir jetzt erst gar nicht mit irgendwelchen Vertraulichkeiten anzufangen.«

Schritte im Dunkel zwischen den Regalen. Frank hüpfte über die Reste der zerbrochenen Scheibe nach draußen und tat so, als wäre er gerade erst angekommen. Sandra kam aus einer Regalreihe und blickte ihn finster an.

»Was machst du hier?«

»Es braut sich ein Unwetter zusammen. Ich wollte euch holen, bevor es losgeht. Du weißt ja, Dunkelheit und so.«

Sandra starrte ihn einen Moment misstrauisch an. Dann warf sie ihm ein Paar fest aussehende, knöchelhohe Wanderschuhe hin.

»Hier. Die müssten passen. Vierundvierzig, extra breit.«

Ohne ein weiteres Wort schnappte sie sich die Rucksäcke und ging zu Pfarrer Starks Papamobil. Frank atmete tief durch. Dann folgte er ihr.

Der dunkle Mann fand viele gute Anlagen in Papa. Zorn, Neid, Gier … Aber auch die Vergangenheit dieses Untoten war interessant.

Einst ein Soldat, war er unehrenhaft aus der Armee entlassen worden. Alkohol und eine Prügelei mit einem Vorgesetzten, danach der Absturz im Privatleben. Arbeitslos, nur geringe Bezüge, schließlich Hilfsarbeiter in einer Zeitarbeitsfirma und zuletzt dann ein Ausweg aus diesem Teufelskreis, ein richtiger Job als Hausmeister. Ein Absprung jedoch, der für diesen Mann, der andere Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten gewohnt war, keinen Ausgleich darstellte. Als alternativlos hatte er damals seine Lage eingeschätzt, und die Tätigkeit letztendlich angenommen, die ihm zwar mehr Geld einbrachte, ihn aber noch weiter herunterzog in den Strudel aus Selbstmitleid und Selbsthass.

Und die Wut in Tomasz war immer größer geworden.

Zwischen all dem sah der dunkle Mann immer wieder den Alkohol, die Gier nach Macht und die heiße Wut auf die Welt der glücklichen Faulenzer um Tomasz herum aufblitzen. Wut, Neid und Gier auf die anderen, mit ihren schicken Autos, ihren teuren Klamotten und den heißen Bräuten, während daheim auf ihn nur ein farbloses Weib und ein plärrendes Gör warteten. Und immer wieder sah der dunkle Mann die Gewalt, die Tomasz gegen seine Frau und seine Tochter richtete, einen kleinen rothaarigen Teufel.

Das war nicht immer so gewesen. Es gab da in der Vergangenheit eine Zeit, in der er ein guter Vater gewesen war. Was hatte ihn so verändert?

Der dunkle Mann griff noch tiefer in das Bewusstsein des Untoten, und dann fand er die Antwort.

Krieg.

Tomasz Adamcyk war im Kosovo eingesetzt gewesen, hatte als Mitglied der Friedenstruppen so viel Leid und Gewalt gesehen, dass er sich in den Alkohol geflüchtet hatte.

Ja, fand der dunkle Mann. In dieser Kreatur hatte er tatsächlich ein beinahe perfektes Werkzeug gefunden. Vorsichtig flüsterte er dem Bewusstsein Geheimnisse zu. Nur einflüstern, nicht direkt eingreifen. So lauteten die Regeln. Aber ein wenig würde er sie schon beugen können, wenn er nur vorsichtig genug war.

Und so gab er Papa, der sich jetzt selbst als Tomasz verstand, ein klein wenig von der Fähigkeit zurück, welche die Menschen in ihrem Größenwahn Denken nannten.

Als der dunkle Mann fertig war, hingen schwere Wolken über dem verwüsteten und entvölkerten Köln. Ein schwacher Wind brachte die erste Ahnung von einem nahenden Sturm, trieb Papier und vergessene Kleidung über die Straße. Irgendwo in der Nähe heulte ein Hund. Der dunkle Mann lehnte sich zurück, tauchte aus den Tiefen des fremden Bewusstseins wieder auf. Sein Finger deutete auf eine schmale Brücke, die über den Rhein führte.

»Dort drüben.«

Tomasz öffnete die Augen. Dumpfes Verstehen glomm in ihnen auf, und der Zombie folgte mit seinem Blick der Geste des dunklen Mannes. Als er sich wieder umwandte, war Gabriel weg. Aber das war egal.

Tomasz hatte eine Aufgabe.

Tomasz würde wieder in den Krieg ziehen.

Ein letzter Blick auf seine Truppen, die sich langsam wieder aufrappelten, dann marschierte er los.

Die Wolken über Köln versprachen ein kräftiges Gewitter.

Kapitel VIII - Auf der Flucht

Sandra bildete die Vorhut der kleinen Gruppe. Mit ihren ausgreifenden Schritten legte sie ein enormes Tempo vor, dem Pfarrer Stark mit seiner schweren Ausrüstung kaum folgen konnte. Sie hatten beschlossen, dass er ihre Nachhut bilden sollte, weil er von ihnen am besten ausgerüstet war. Frank hielt sich in der Mitte und versuchte krampfhaft, den Anschluss an Sandra nicht zu verlieren und gleichzeitig den Pfarrer nicht abzuhängen. Frank und Sandra trugen die beiden Trekkingrucksäcke, in die sie so viel an Konserven und Trinkwasser aus den erbeuteten Vorräten des Pfarrers gepackt hatten, wie eben hineinpasste. Stark hatte einen etwas kleineren Rucksack, der für Medikamente und Erste-Hilfe-Material vorgesehen war, sollten sie welches finden.

Sie befanden sich etwa auf der Mitte der Brücke, als die ersten Regentropfen schwer auf sie niederprasselten. Der war endgültig mit dunklen Wolken zugezogen. Ein unangenehmer Wind blies über die Brücke. Er brachte einen süßlichen Duft mit, der Frank würgen ließ. Irgendwie war er stärker geworden. Über ganz Köln hing dieser Geruch, aber Frank hatte ihn bisher noch nie so intensiv wahrgenommen.

»Sobald dieser Geruch stärker wird, droht Gefahr«, brummte Stark hinter ihm. »Das ist der Hauch des Bösen, der Geruch der Zombies.«

»Quatsch«, rief Sandra über die Schulter, ohne dabei langsamer zu werden. »Seht in den Rhein, dann wisst ihr, warum es hier so stinkt.«

Frank blieb stehen und sah über das Geländer der Südbrücke. Der Rhein trug Niedrigwasser, was zu dieser Jahreszeit sehr ungewöhnlich war. In der schmalen Fahrrinne trieben Körper. Und das keineswegs leblos. Sie zappelten, griffen nach oben und wurden von der Strömung unter der Brücke weggetragen. Wieviele von diesen Dingern waren das? Er sah den Fluss entlang in Richtung Deutzer Brücke. Es waren Massen von Untoten, die den Rhein hinuntertrieben. Ein leises Murmeln erklang hinter ihm. Frank wandte sich um und sah Pfarrer Stark, der einen Segen über die Kreaturen im Rhein sprach.

»Was machen die alle dort unten?«, fragte Frank, nachdem Stark mit einem Amen geendet hatte.

»Der Rhein hat in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt, mein Sohn. Er teilt die Stadt in zwei Hälften. Die eine ist ein mehr oder weniger reines Wohngebiet, die andere ist für den Konsum.«

»Aber warum nehmen sie denn nicht eine der Brücken?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht macht sie ihre Suche nach den schönen Dingen ihres alten Lebens blind? Vielleicht rufen auf der anderen Rheinseite aber auch andere Kräfte nach ihnen, und sie folgen diesem Ruf blindlings.«

»Sie glauben also auch nicht, dass diese Dinger lernen können, oder?«

Stark neigte den Kopf zur Seite.

»Ich weiß es nicht, mein Sohn.«

»Kommt ihr jetzt endlich, oder wollt ihr noch eine Weile die schöne Aussicht genießen?«

Die beiden sahen zum Ende der Brücke. Sandra stand dort schon fast unter dem letzten Bogen, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Frank und Stark sahen sich kurz an, dann machten sie sich auf den Weg. Plötzlich winkte Sandra hektisch. Frank runzelte die Stirn.

»Ist ja gut, wir kommen schon«, brummte er verdrossen.

Sandras Gesten wurden immer hektischer. Warum rief sie denn nicht? Frank wandte sich zu Stark um, der so nah hinter ihm ging, dass er ihren bisherigen Weg nicht erkennen konnte.

»Wissen Sie, was sie will?«

»Nein.«

Frank wandte sich wieder nach vorne, als eine Windböe einen intensiven Schwall süßlich fauler Luft mitbrachte. In diesem Moment sah er, wie Sandra hektisch auf ihn und Stark deutete und ihre Waffe zog. Frank wirbelte herum, stieß den Pfarrer zur Seite, sah die Brücke entlang … und erstarrte.

Eine riesige Horde Zombies kam auf sie zu, nutzte sowohl den Gehweg als auch die Gleise der Brücke. Sie waren schnell. Ungewöhnlich schnell. Sie rannten zwar nicht, aber sie schlurften auch nicht so über die Brücke, wie es normale Zombies tun sollten. Die Horde wirkte eher wie eine Truppe von Soldaten auf dem Weg durch besetztes Gebiet. Langsam, unaufhaltsam und zu allem entschlossen. Und an ihrer Spitze marschierte sein spezieller Freund mit dem Hausmeisterhütchen. Noch waren sie erst am anderen Ende der Brücke. Auch Stark bemerkte endlich, was da hinter ihnen los war.

»Allmächtiger!«

»Keine Zeit für fromme Gebete. Laufen ist jetzt die bessere Alternative«, sagte Frank mit einem letzten Blick auf die Horde und trabte los. Keuchend kam er bei Sandra an.

»Ich habe noch deine Handgranaten«, brachte Frank atemlos hervor. Stark schloss schnaufend zu ihnen auf.

»Das wäre eine Möglichkeit«, sagte Sandra. »Aber wir riskieren damit, die Brücke so stark zu beschädigen, dass wir uns unseren einzigen Rückweg selber abschneiden.«

»Sie hat recht«, sagte Stark schwer atmend. Der Regen wurde allmählich stärker. Es blitzte. Ohne ein weiteres Wort ging Sandra zu einer Treppe, die von der Brücke hinunter führte. Frank und Stark folgten ihr. Donner rollte über die leere Stadt.

»Laufen oder Haken schlagen?«, fragte Frank, als sie unten angekommen waren. Er hatte keine Lust zu streiten und überließ Sandra die Führung. Sie sah die Uferstraße in Richtung Innenstadt entlang und deutete auf einen schmalen Weg mitten zwischen üppig wucherndem Grün.

»Da lang. Da können wir beides und sind erstmal außer Sicht.«

Die Drei liefen quer über die Uferstraße, wichen liegengebliebenen Fahrzeugen und anderem Müll aus. Dann erreichten sie den Weg. Ohne innezuhalten, lief Sandra weiter, hieb im Laufen herabhängende Äste und in den Weg gewucherte Büsche zur Seite. Frank riskierte einen Blick zurück. Die Armee der Untoten hatte die Brücke knapp zur Hälfte überquert. Immer noch haftete ihr eine Aura des Unausweichlichen an. Sie rannten nicht, sie torkelten nicht … sie marschierten einfach stumm weiter. Und es waren mehr als noch kurz zuvor. Es sah beinahe so aus, als würden alle rechtsrheinischen Zombies aus ihren Löchern kriechen, um sie zu jagen. Notfalls quer durch die Stadt, wo sie weitere Verstärkung erhalten würden. Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel, dem ein kräftiger Donner umgehend folgte. Frank wandte sich ab und lief Sandra und Pfarrer Stark hinterher.

Sie folgten dem Weg, der durch eine kleine Parkanlage führte. Dann kamen sie an einen Spielplatz. Sandra blieb stehen und sah sich um. Frank dankte ihr im Geiste und stützte sich schwer atmend mit den Händen auf den Knien ab. Auch Stark zeigte erste Probleme mit der Kondition. Sandra atmete nur etwas schneller, schien aber sonst noch fit zu sein. Sie waren alle nass bis auf die Knochen. Eine ganze Batterie von Blitzen zuckte über den tiefdunklen Himmel, einer heller als der andere, und der Donner rollte wie ein himmlisches Artilleriesperrfeuer in rascher Folge über sie hinweg.

»Wir müssen irgendwo Schutz suchen«, sagte sie zwischen zwei himmlischen Paukenschlägen. »Die Frage ist nur, wo.«

»Die Häuser dort?«, fragte Frank.

»Zu unsicher«, brummte Stark. »Wir wissen nicht, wer oder was da noch lebt.«

»Und die Straßen sind total zugeparkt und vermüllt«, sagte Sandra. »Wir haben also die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder weiter bei diesem Unwetter zwischen den Autos herumturnen, oder versuchen in einem Haus Schutz zu finden, ohne die Bewohner zu wecken.«

Frank richtete sich auf, fuhr sich mit einer Hand durch das Gesicht ... und wurde plötzlich zur Seite gerissen. Er roch Fäulnis und spürte kalte Klauen, die sich in sein Gesicht krallen wollten. Ein unbeherrschter Laut der kreatürlichen Angst raste haltlos seinen Hals hoch. Noch im Fallen versuchte er, sich aus dem Griff des Zombies zu winden.

»NEHMTESWEGVONMIRNEHMTESWEGNEHMTESWEG«

»Dreh dich um! Pack seinen Kopf!«

Sandra hatte gut reden! Das Ding, das da auf seiner linken Seite lag, drückte seinen rechten Arm auf den Boden.

»So helft mir doch! HELFT MIR!«

Etwas zerrte an dem Ding, das Gewicht auf Franks Seite wurde leichter. Er drehte sich auf den Rücken. Stark hatte den Zombie von ihm heruntergerissen, doch der Untote war wie ein tollwütiges Tier, dass nur noch ein Ziel kannte. Mit einer nahezu lässigen Bewegung warf er den schwer gepanzerten Pfarrer zur Seite und sprang erneut auf Frank zu, anstatt sich Stark zuzuwenden. Frank hob abwehrend die Hände, als der Schädel des Zombies in einer Wolke aus Haaren und Knochensplittern explodierte. Frank konnte gerade noch seine Füße wegziehen, als der leblose Körper des Zombies zu Boden fiel.

Frank blieb zitternd liegen. Langsam ließ er die Hände sinken und drehte den Kopf. Sandra stand mit gebeugten Knien hinter ihm, ihre rechte Schusshand mit ihrer Linken abstützend. Abwartend fixierte sie die Reste des Zombies.

»Musstest du unbedingt schießen, während das Ding auf mir rumhockte?«, fragte er mit zittriger Stimme.

Sandra entspannte sich.

»Steh auf, Frank. Alles in Ordnung, Vater?«

Stark schob sich seitlich in Franks Blickfeld.

»Ja. Bei Gott, das Ding war unglaublich stark!«

»Und wo eines ist, sind bestimmt noch mehr.« Sandra wandte sich von den beiden ab. »Die haben für uns die Wahl getroffen. Wir nehmen die Pest«, sagte sie und hielt auf die Straße zu. Stark griff nach Franks Hand und half ihm auf.

»Alles okay mein Freund?«

»Ja. Besser wir machen, dass wir hier wegkommen. Die Schnellen von der Brücke werden den Schuss gehört haben.«

Ein Blitz zuckte über den Himmel, gefolgt von einem Donnerschlag, der Frank bis ins Mark erschütterte. Stark bekreuzigte sich. Schweigend folgten die beiden ungleichen Männer Sandra, die fast schon hinter der nächsten Ecke verschwunden war, als plötzlich die Sirenen losheulten. Ihr an- und abschwellendes Heulen wurde immer wieder vom Donnern des Gewitters übertönt. Sandra blieb stehen und sah sich um. Frank und Pfarrer Stark schlossen schwer atmend zu ihr auf.

»Verdammt!«, rief Sandra. »Was soll das?«

»Wie jetzt weiter?«, keuchte Frank. Sandra drehte sich suchend einmal im Kreis. Sie standen kurz vor dem liebevoll Eierplätzchen genannten Kreisverkehr mit dem innen liegenden Parkplatz. Aus allen Richtungen sah sie Bewegungen. Die Reanimierten kamen aus ihren Löchern. Verständnislos blickten sie umher. Zum Glück hatten sie die Drei bisher noch nicht entdeckt.

»Jemand jagt uns«, stellte Sandra fest. »Wer immer es ist, er will, dass wir einen Spießrutenlauf mitmachen.«

Sie deutete die Straße hinunter, die sie gerade entlanggelaufen waren. Ganz am Ende kamen schon die Ersten der Horde, die sie über die Südbrücke verfolgt hatten. Sie blickte noch einmal die vor ihnen liegende Straße entlang. Autos, Müll, Hauseingänge … ihr kam eine Idee.

»Richtung Rheinufer! Los!«

Frank sah sie erschrocken an. Die Zombies, die im Rhein schwammen, kamen ihm in den Sinn.

»Was?«

»Na los!«

Sandra wandte sich ab und legte ein schnelles Dauerlauftempo vor. Frank sah Stark ratlos an.

»Vertraue ihr bitte, Frank. Sie ist eine Kämpferin und weiß, was sie tut.«

»Na hoffentlich«, brummte Frank und lief Sandra hinterher. Pfarrer Stark sah noch einmal die Straße entlang, über die die Zombies ihnen folgten. Er sah durch den nassen Vorhang des Regens den typischen Hut und den grauen Kittel eines Hausmeisters. Aus den Hauseingängen torkelten weitere Untote, schlossen sich dem schweigenden Zug ihrer Verfolger an.

»Selbst im Tod noch zerfressen von dieser unbändigen Wut. Tomasz Adamcyk, ich bete für deine Seele und werde deine Tochter vor dir und deiner unseligen Wut schützen, die dir selbst im Tod keinen Frieden lässt. Und wenn es das Letzte ist, was ich in diesem Leben tue. Amen.«

Die Sirenen untermalten seinen Schwur mit ihrem klagenden Gesang. Stark drehte sich um und folgte den beiden.

*

Die Kinder horchten auf, als der Klang der Sirenen in ihr dunkles Versteck drang. Jonas neigte fragend den Kopf zur Seite, schloss für einen Moment die Augen. Rosi keuchte entsetzt auf.

»Er ist es! Er ist hier, ich kann es spüren!«

Jonas nickte.

»Ja. Er ist hier, aber er weiß nichts von uns. Er jagt Frank. Bei Frank sind eine Sandra und ein ...« Jonas runzelte die Stirn. »... Pfarrer?«

Peter und Michael schlossen nun auch die Augen, griffen mit ihren Sinnen nach draußen, suchten … sondierten … und zuckten entsetzt zurück.

»ER hat einen von Ihnen beeinflusst! ER hat einen von Denen zum Anführer einer Armee gemacht!«

Gerhard stand auf und griff nach der Lampe. Er drehte sie so hell wie möglich.

»Wir müssen handeln. Wir können nicht warten, bis Frank hier ist.«

Jonas stand auf und sah Gerhard ernst an.

»Wir haben Jacqueline verloren. Wir haben keinen Fokus mehr. Deswegen sitzen wir hier fest, wie du weißt. Wie sollen wir es ohne sie schaffen, die da oben abzuwehren?«

Gerhard nickte.

»Ja. Du hast recht. Trotzdem müssen wir es versuchen.«

Rosi stellte sich zwischen die beiden Jungen.

»Ich bin dabei. Ich werde unser Fokus sein.«

Peter und Michael stellten sich schweigend dazu. Jonas sah sie der Reihe nach an.

»Ihr wisst, wie gefährlich das ist? Wir sind noch nicht voll ausgebildet, wissen nur sehr wenig über das, was wir können …« Er schluckte. »Verdammt, wir sind Kinder. Keiner von uns ist älter als dreizehn. Rosi, du bist sogar erst elf, und somit die Jüngste von uns! Wenn selbst Erwachsene nicht gegen die Knirscher ankommen, was sollen wir da schon ausrichten können?«

»Wir werden es darauf ankommen lassen müssen, Jonas«, sagte Gerhard. Er wirkte in diesem Moment wie der kleinste Erwachsene der Welt. Die Sorgen und Ängste der letzten Wochen hatten ihn härter gemacht, als man es einem Kind seines Alters zutrauen mochte. Das galt für sie alle, aber Gerhard hatte es besonders hart erwischt, denn der Soldat, der sie hatte in Sicherheit bringen sollen, war sein Vater gewesen. Sein Vater, oder das, was die Krankheit aus ihm gemacht hatte, lauerte nun dort oben auf sie.

Tot und doch nicht tot.

Hungrig.

Nicht mehr sein Vater, sondern einer von denen.

Ein Knirscher.

Gerhard sah der Reihe nach die anderen an.

»Wenn wir Frank und den anderen nicht entgegengehen, sitzen wir hier fest, bis wir verhungert oder verdurstet sind. Sie schaffen es nicht bis hierher, und das weißt du genau, Jonas. Wer ist also dafür, dass wir es versuchen?«

Nacheinander nickten die Kinder Gerhards Vorschlag ab. Jonas zögerte, doch dann nickte auch er.

»Dann lasst es uns versuchen. Rosi, glaubst du, du schaffst es?«

»Ja«, sagte sie und stellte sich mit ausgebreiteten Armen so hin, dass sie die verbarrikadierte Tür des Kellers sehen konnte. Jonas nahm ihre linke, Gerhard ihre rechte Hand. Peter und Michael stellten sich ganz außen hin, und gaben jeweils Jonas und Gerhard die Hand. Im schwächer werdenden Licht der Propangaslampe sahen die Fünf aus wie ein Scherenschnitt, der als Dekoration für einen Kindergeburtstag gedacht war. Kaum hatten die Kinder eine Linie gebildet und ihre Augen geschlossen, wurde es dunkler und die Luft schien dicker zu werden. Die Zeit wirkte wie zähflüssiges Glas, gewann eine nahezu greifbare Konsistenz. Die Stühle und andere Gegenstände, die die Kinder als zusätzliche Barrikade auf den oberen Treppenabsatz vor der Tür gestapelt hatten, begannen zu zittern. Ein leises Wispern erfüllte den Raum, obwohl die Kinder alle schwiegen, vollkommen in ihre Konzentration versunken waren.

Dann riss Rosi die Augen auf.

Und die Tür zum Keller explodierte nach außen.

Sandra hielt ihr Tempo bei, wofür Frank sie verfluchte. Sie rannten am Rheinufer entlang in Richtung Innenstadt. Nicht weit voraus sah er schon das Schokoladenmuseum. Hinter sich hörte er die festen Schritte von Pfarrer Stark, der trotz seiner Panzerung und seiner enormen Körpergröße scheinbar mühelos mithalten konnte. Das Gewitter hatte sich inzwischen verzogen, aber der Regen und der schrille Gesang der Sirenen waren geblieben. Rechts zog an Frank der Rhein vorbei, und immer wieder sah er, wie vereinzelte Reanimierte es ans Ufer schafften. Er wagte es nicht, zurückzublicken, ahnte aber, dass die unheimliche Streitmacht der Zombies, angeführt von seinem speziellen Freund Hausmeister Krause, ihnen auf den Fersen war.

Unaufhaltsam.

Schweigend.

Sie passierten die Severinsbrücke und liefen am deutschen Sport- und Olympiamuseum vorbei. Frank sah aus dem Augenwinkel hinter den Fenstern Bewegungen, hörte trotz seines rasselnden Atems das Klopfen von toten Händen, sah gierig aufgerissene Münder mit fauligen Zähnen und die hilflose Wut über ein Schicksal, dass die hungrigen Untoten von den leckeren Häppchen fernhielt, die da unten um ihr Leben rannten.

Verdammt, da drin gab es noch mehr von denen!

Hoffentlich hielten die Türen!

Plötzlich zischte ein Fauchen über den Himmel. Ein Geräusch so erschreckend in diesem Augenblick und zugleich doch so schön in seiner Erinnerung an bessere Zeiten, dass sogar Sandra stehen blieb und in den verregneten Himmel spähte.

Über Köln schoss ein Düsenjäger der Einsatzkräfte im Tiefflug hinweg!

Frank und Stark schlossen zu ihr auf.

»Ob es noch Hoffnung gibt?«, fragte Stark, während er dem Flugzeug hinterher sah. Sandra schüttelte den Kopf.

»Wegen eines einzigen Flugzeugs am Himmel? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein einzelner Düsenjäger am Himmel ist noch keine Hilfe.«

Frank drehte sich um und sah zum Rheinufer hinab.

»Leute, ich würde vorschlagen, unser kleines Sit-in zu vertagen. Wir bekommen Besuch.«

Sandra und Stark drehten sich ebenfalls um. Die Horde Zombies, mit Hausmeister Krause an der Spitze, hatte inzwischen gewaltige Ausmaße angenommen. Sie liefen nicht, aber sie waren trotzdem schnell und ungewöhnlich sicher unterwegs.

»Möge der Herr uns beistehen! Das ist eine Armee der Untoten«, hauchte Stark und bekreuzigte sich.

Frank verkniff sich einen Kommentar und lief los. Schweigend lief Sandra hinter ihm her und nach einem letzten Blick auf die Horde Zombies folgte Stark ihnen.

Kapitel IX - Die Kinder

Die Kinder gingen in einer Reihe durch die Kirche. Nach wie vor hielten sie sich an den Händen. Rosi, die jetzt an der Spitze der Kette ging, hatte die Augen weit aufgerissen, während die anderen ihre in tiefer Konzentration geschlossen hielten. Die Finger der Kinder waren mit solcher Intensität ineinander verkrallt, dass die kleinen Knöchel wie weiße Spitzen aus ihren Handrücken hervortraten. Die Zeit in der Kirche schien stillzustehen, während unbekannte Kräfte dunkel um die kleine Gruppe aus Flüchtlingen waberten.

Rosi war ihr Fokus, Rosi war Augen und Ohren für sie.

Ein unglaublicher Kraftaufwand, der seine Spuren an dem kleinen Mädchen hinterließ. Ihr dunkles Haar bekam allmählich weiße Strähnen und aus ihren Augenwinkeln flossen blutige Tränen. Hinter den Kindern lagen verdrehte und zerschmetterte Körper vor dem Altar und über den Bänken. Vor ihnen standen mehrere Zombies, die zwischen Gier und Unbehagen wankten.

»Lasst uns passieren«, sagte Rosi mit einer Stimme, die wie ein atonaler Chor aus mehreren Kinderstimmen klang. Die Zombies reagierten nicht, neigten nur wie fragend ihre Köpfe zur Seite.

»Lasst uns passieren«, wiederholte Rosi mit der merkwürdigen Stimme ihren Befehl. Die Zombies wichen zurück. Langsam. Dann schwang die Tür des Gotteshauses auf. Ein Zombie in der Kampfuniform der Einsatzkräfte stand dort. Sein Gesicht war zu einem zähnefletschenden Grinsen verzerrt. Rosi zuckte zurück, als Gerhards Geist in der Kette ihrer verbundenen Bewusstseine aufschreckte. Sie konnte die gebündelte Energie ihrer Freunde einen Sekundenbruchteil lang nicht halten. Blitze zuckten durch das Gotteshaus, Bänke klapperten auf dem harten Boden. Die zurückweichenden Zombies wurden von unsichtbaren Fäusten weggeschleudert, zerdrückt, zerrissen. Blut spritzte grausige Muster an die Wände und auf den Boden. Knochensplitter rasten als schreckliche Schrapnells durch die Kirche. Aufstöhnend sank Rosi in die Knie, ließ unbewusst Gerhards Hand los, um den Sturz abzufangen. Die Kette der Energie zerriss. Haltlos fielen die Kinder nacheinander stöhnend zu Boden. Die Anstrengung war zu groß gewesen, forderte ihren Tribut.

Langsam kam das, was das Virus aus Gerhards Vater gemacht hatte, in die Kirche. Speichel lief sein zähnefletschendes Grinsen herab.

*

Franks Beinmuskeln waren glühende Stacheldrähte, seine Lungen fühlten sich trotz der Kälte des Regens so trocken an, dass er befürchtete, sie könnten sich mit jedem nächsten Atemzug selbst entzünden. In seinen Ohren klingelte es. Ob es durch das Heulen der Sirenen oder durch die ungewohnte Anstrengung verursacht wurde, wusste er nicht. Sie waren weiter am Rheinufer entlanggelaufen, hatten die verwaisten Schiffs-Anlegestellen der Köln-Düsseldorfer passiert, waren an der Frankenwerft vorbeigelaufen und standen nun vor einem Hotel direkt am Rhein. Linker Hand würde es zu der Kirche gehen, in der die Kinder sich versteckt hielten. Sandra hatte eine kurze Pause befohlen, da sie mit Widerstand rechnen mussten. Die Hände auf die Knie gestützt und nach Luft ringend, glitt sein Blick den Weg entlang, den sie zurückgelegt hatten.

Sie waren immer noch da.

Sie waren noch mehr, als zu Beginn ihrer Hatz.

Sie mussten sich nicht beeilen, denn sie brauchten keine Pausen.

Niemals.

Und das schienen sie zu wissen.

»Es ist wie ein Rennen zwischen dem Hasen und dem Igel«, keuchte er zwischen zwei Atemzügen. »Je schneller wir laufen, umso mehr Atempausen benötigen wir, und sie können wieder aufholen. Immer weiter und weiter, bis wir irgendwann nicht mehr können.«

»Es ist nicht mehr weit«, sagte Sandra, die nun ebenfalls schwer atmete. Sie spähte durch den Regen und beobachtete die Zombies. »Ich schätze, die sind noch ungefähr achthundert Meter entfernt. Bis wir in der Kirche sind, die Kinder gefunden und rausgeschafft haben, werden sie ebenfalls da sein.«

»Also eine Belagerung?«, fragte Stark.

»Ja, das befürchte ich.«

Kaum hatte Sandra ausgesprochen, als weitere Düsenjäger über sie hinweg schossen. Stark spähte zur anderen Rheinseite, wo die Jäger hergekommen waren.

»Was ist das?«, fragte er, und deutete in den Himmel. Kleine Schatten an Fallschirmen segelten auf der anderen Rheinseite zu Boden.

»Keine Ahnung«, sagte Frank. »Das könnte ...«

Die Ersten der kleinen Objekte verschwanden in grellen Lichtblitzen. Flammen ergossen sich aus dem Himmel über die Straßen und Häuser, wälzten sich wie feurige Schlangen durch Gassen und Straßen und leckten gierig an der Uferpromenade der anderen Rheinseite. Scheiben zerplatzten unter der Hitze und den Druckwellen, Autos explodierten. Rauchpilze stiegen wie dunkle Fäuste in den verregneten Himmel. Scherben, Unrat und Untote wurden in das plötzlich entstandene Vakuum der Explosionszonen gezogen, wo sie innerhalb von Sekunden zu Asche verbrannten.

»So endete einst Sodom und Gomorrha«, hauchte Stark. Frank riss sich von dem schrecklichen Anblick los. Er zog den Rucksack von seinen Schultern und drückte ihn gegen die Brust des Pfarrers. Stark sah ihn verständnislos an.

»Den müssen Sie jetzt eine Weile tragen, Vater.«

Sandra runzelte die Stirn.

»Was hast du vor?«

»So haben sie auch Paris und München versucht zu desinfizieren. Dort waren es aber größere Kaliber, wenn ich die wenigen Bilder aus dem Fernsehen noch richtig im Kopf habe. Das sind thermobare Sprengsätze. Nicht radioaktiv, aber am Ground Zero fast genauso heiß wie eine kleine, taktische Atombombe. Entweder gehen die Vorräte zur Neige oder sie wollen so viele wie möglich zu einem ganz bestimmten Punkt treiben. Deswegen wohl auch die Sirenen.«

»Und was hast du jetzt vor?«

Frank sah zu der Armee der Untoten, die etwas langsamer geworden war und das Schauspiel auf der anderen Rheinseite mit dumpfer Fassungslosigkeit beobachtete. Sie waren noch etwa sechshundert Meter entfernt.

»Ein Versprechen einlösen. Lauft. Holt die Kinder, und dann lauft weiter. Das da drüben ist bestimmt erst der Anfang.«

»Aber …«, setzte Sandra an. Frank schnitt ihr das Wort mit einem Kuss ab.

»Und ich kann doch spontan sein«, sagte er mit einem schiefen Lächeln. »Pass auf die Kinder auf, hörst du? Wir treffen uns in Weiden. Immer die Aachener runter. Vor dem Einkaufszentrum.«

Frank strich Sandra zärtlich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Frank, du … das schaffst du nicht!«

Frank zwinkerte ihr zu.

»Wetten? Ich habe noch ein paar Asse im Ärmel. Und jetzt lauft, holt die Kinder und dann lauft weiter. Wenn ihr irgendwo ein Fahrzeug ans Laufen bekommt, nehmt es. Geschwindigkeit ist alles. Ich habe keine Ahnung, wann die nächsten Bomber kommen.«

Die Masse der Zombies wandte sich ihnen langsam wieder zu. Bevor Sandra oder Stark reagieren konnten, lief Frank den Zombies entgegen und wedelte mit den Armen.

»He, ihr Penner! Habt ihr Hunger? Dann kommt her! Na los, macht schon, ihr lahmen Enten! Hier gibt es fangfrischen Frank zu verkosten!«

»FRAAANK!«, rief Sandra, aber er drehte sich nicht mehr um, lief immer weiter auf die Zombies zu und rief seine Schmähungen.

»Wir sollten los, damit seine Tat nicht umsonst ist«, sagte Stark. Sandra schluckte.

»Ja, Sie haben recht.«

Nach einem letzten Blick auf Frank, der jetzt etwa hundert Meter vor den Zombies nach rechts in Richtung Innenstadt abbog, wandte sie sich um und lief los. Der Regen kaschierte ihre Tränen, das Heulen der Sirenen übertönte …

*

… ihr leises Weinen.

Weinen?

Rosi weinte?

Jonas öffnete die Augen, blickte sich orientierungslos um und sah IHN.

Gerhards Vater.

Er war noch etwa fünf Schritte von Rosi entfernt, hatte schon seine Hände gierig nach ihrem zarten Fleisch ausgestreckt, während aus seinen Mundwinkeln Speichelfäden herabhingen. Die Muskeln seiner Arme hingen als blutige Fetzen von den Knochen, die erschreckend weiß aus dem roten und grünen Durcheinander von Fleisch, Muskeln und den Resten seiner Uniform baumelten.

»NEEEEIIIIIN!«

Jonas Schrei hallte durch die Kirche. Der Zombie hielt inne, erzitterte, seine Wangen schlugen plötzlich Wellen, so als würden sich unter seiner Gesichtshaut dicke Würmer durch das Fleisch fressen. Jonas schrie weiter, ohne Atempause. Das Kreuz über dem Altar wackelte, die Wellen unter der Gesichtshaut des Zombies wurden stärker. Er zuckte wie unter schweren Krämpfen und taumelte einige Schritte rückwärts. Rauch stieg aus seinen Augen.

Jonas Schrei endete abrupt.

*

Sandra erreichte den Haupteingang der Kirche, als sie den Schrei eines Kindes hörte. Sie hastete durch das Halbdunkel des Portals, sah einen Zombie, der zuckte, als würde er unter Strom stehen, bemerkte vor dem Zombie eine Gruppe Kinder, die bewusstlos am Boden lagen. Sie zog im Laufen ihre Pistole, bremste ab, um eine ruhige Schusshand zu haben, als der Schrei abrupt abbrach.

Bevor sie reagieren konnte wurde sie von einem Regen aus Hirnmasse, halb getrocknetem Blut und Knochensplittern überschüttet. Erschrocken sprang sie einen Schritt zurück. Als sich ihr Blick wieder klärte, sah sie den Torso des Zombies auf den Boden sacken, wie eine Vogelscheuche, der man den Ständer weggezogen hatte.

Fassungslos starrte sie auf einen Jungen, der zwischen den anderen Kindern aufrecht saß. Sie fasste sich, suchte mit vorgehaltener Waffe die Kirche nach dem Schützen ab, der mit einer schallgedämpften Waffe hier irgendwo sitzen musste.

»Wir sind Lebende! Nicht schießen!«, rief sie.

»Das war ich.«

Die Stimme des Jungen klang heiser und kläglich. Sandra sah ihn stirnrunzelnd an, entdeckte aber keine Waffe in der Hand des Jungen.

»Du bist Sandra, stimmt´s?«

Sandra nickte. Stark drängte sich an ihr vorbei und beugte sich zu Rosi hinunter.

»Wo ist Frank?«

Sandra schluckte und ging ebenfalls zu den Kindern. Sie versuchte, alle Ecken gleichzeitig im Auge zu behalten. Auf Höhe des Altars bemerkte sie etliche Reanimierte, die mit verdrehten Gliedmaßen, eingedrückten Gesichtern und Brustkörben wie achtlos weggeworfene Puppen eines Riesen herumlagen ... aber keiner der endgültig toten Untoten wies Schussverletzungen auf.

»Wir treffen uns später.«

Stark hatte die Kinder inzwischen flüchtig untersucht.

»Sie sind bewusstlos. Wahrscheinlich unterernährt und fast ausgetrocknet. Wir werden es nicht zu Fuß schaffen.« Er sah sich um und bekreuzigte sich. Mit einem zitternden Finger deutete er auf Rosi. »Ich weiß nicht, was mit ihr geschehen ist. Aber sie atmet gleichmäßig und ihr Puls scheint ebenfalls in Ordnung zu sein. Herr im Himmel, was für ein Inferno hat hier gewütet?«

»Hinter der Kirche steht ein Armeelaster«, sagte Jonas.

»Ein Armeelaster?«

»Ja. Die Schlüssel hat … der da.« Der Finger des Jungen zeigte auf den kopflosen Zombie in Armeeuniform. Sandra ging zu der Leiche und griff in eine Hosentasche. Sie zog einen großen Schlüsselbund heraus.

»Ich sehe nach dem Laster, Vater. Versuchen sie die Kinder halbwegs auf die Beine zu bekommen. Wir können sie nicht in den Laster tragen.«

Ohne auf eine Antwort zu warten rannte Sandra hinaus. Vielleicht würden sie es damit sogar schaffen, unterwegs Frank unverletzt wieder einzusammeln!

Frank hatte die Orientierung verloren. Er suchte einen ganz bestimmten Ort, war aber irgendwann falsch abgebogen. Egal, solange er die Zombies lange genug von Sandra und den Kindern ablenken konnte, lief alles nach Plan. Er hatte keineswegs Todessehnsucht, auch wenn Sandra das vielleicht so gesehen haben mochte. Er spielte auch nicht den großen Helden. Nein, Frank hatte noch ein paar Asse im Ärmel.

Drei, um genau zu sein.

Und er hatte vor, sie möglichst effektiv einzusetzen.

Ein Blick über die Schulter. So wie es aussah, ging sein Plan auf. Hausmeister Krause und seine Kumpane waren ihm ganz nah auf den Fersen. Jetzt fielen sie sogar in einen leichten Trab, statt einfach nur zu marschieren. Frank erhöhte sein Lauftempo und hoffte und betete, dass seine Beine und seine Lunge ihn jetzt nicht im Stich lassen würden.

Dann entdeckte er ein Straßenschild.

Perfekt!

Er wusste wieder, wo er war.

*

Das Gebiet rund um die Kirche schien tatsächlich eine zombiefreie Zone zu sein. Sandra fand den Lastwagen. Vorsichtig öffnete sie die hintere Plane. Keine Zombies, aber dafür jede Menge Kisten mit Aufschriften, die sie im Halbdunkel der Ladefläche nicht entziffern konnte. Und genug Platz für die Kinder. Sie lief um den Laster herum, riss mit vorgehaltener Waffe die Fahrertür auf.

Die Kabine war leer. Hoffentlich traf das nicht auch auf den Tank zu! Sie warf ihren Rucksack auf den Beifahrersitz, stieg ein, zog die Tür hinter sich zu und durchsuchte den Schlüsselbund.

Verdammt! Der Fahrer des Wagens musste in seiner Freizeit Schließer im Kölner Klingelpütz gewesen sein, so viele Schlüssel, wie der mit sich herumgetragen hatte. Dann fand sie den Richtigen. Schlüssel ins Schloss, umdrehen, warten … der Tank war noch zu drei Viertel voll. Mit einem Stoßgebet an den lieben Gott drehte sie den Schlüssel im Zündschloß ganz herum ...

Und nichts geschah!

*

Frank rannte eine schmale Gasse entlang. Wenn er an Einmündungen vorbeikam, sah er aus dem Augenwinkeln, dass sich die Zombies aufgeteilt hatten und die Straßen und Wege parallel zu seinem Weg benutzten.

Sie wurden schneller.

Und cleverer.

Und Frank verließen allmählich seine Kräfte. Er bog rechts in eine der Seitenstraßen ein, schlug an der nächsten Möglichkeit einen Haken nach links. Dann sah er sein Ziel.

Eine Tiefgarage mit Tankstelle.

Er mobilisierte seine letzten Reserven und sprintete auf das Gebäude zu.

*

Sandra suchte hektisch das Armaturenbrett ab. Hatte sie etwas übersehen? Tankanzeige voll, Dieselmotor vorgeglüht … Der Startknopf! Dieser LKW wurde per Startknopf gestartet! Sie presste ihren Finger auf den Knopf, der Motor röhrte stotternd auf und lief dann laut nagelnd rund. Sie beobachtete den Druckanzeiger für die Luftbremsen. Quälend langsam wanderte die Nadel in den grünen Bereich. Wo war hier das Schaltschema des Fahrzeugs? Mehr als fünf Gänge kannte sie nicht.

Keines zu sehen.

Egal, es würde auch so gehen. Auch ein LKW mit mehr Gängen als ein normaler Wagen würde dem typischen H-Schema für die Schaltung folgen. Sie trat die Kupplung, rammte den Schalthebel in die am weitesten links oben mögliche Stellung und ließ die Kupplung kommen.

Ruckelnd wie ein bockiges Kamel fuhr der LKW an.

*

Frank erreichte die Abfahrt der Tiefgarage. Schwer atmend blieb er vor den Zapfsäulen stehen. Super war wieder enorm teuer geworden. Typisch für einen Freitag. Zum Wochenende hin zogen die Spritpreise immer an.

Er schüttelte über seinen albernen Gedanken den Kopf. Er musste konzentriert bleiben, wenn er überleben wollte. Mit hektischen Fingern angelte er zwei der Handgranaten aus dem provisorischen Beutel an seiner Hüfte. Wie ging das doch gleich? Bügel an die Granate pressen, Splint abziehen und beten. Die erste Granate war relativ leicht scharf zu machen. Bei der Zweiten gestaltete sich das schon schwieriger. Den Bügel der einen fest umklammert, versuchte er mit dem Zeigefinger den Sicherungssplint der Zweiten abzuziehen. In Filmen sah das immer so leicht aus, wenn der Held die Splinte mit den Zähnen abzog. Im wahren Leben ein Ding der Unmöglichkeit, selbst wenn man noch im Besitz seiner eigenen, unverkronten Zähne war. Aus Sicherheitsgründen saßen die Stifte auch bei gedrücktem Sicherungshebel ziemlich fest, damit sie sich nicht unbeabsichtigt lösen konnten. Der zweite Splint fiel nach einiger Mühe mit einem leisen Klirren auf den Betonboden.

Stöhnen und Schritte hinter ihm.

Frank drehte sich um.

Sie kamen.

Wie er erwartet hatte, strömten sie aus beinahe allen Ecken auf ihn zu. Die Zombies liefen inzwischen so gut sie es mit ihren verrottenden Körpern noch vermochten, statt zu gehen. Seinen Freund Hausmeister Krause konnte er nirgends entdecken. Also hatte sich die Armee aufgelöst. Hoffentlich waren sie auch alle schön brav hinter ihm her.

Frank atmete tief durch, legte die Granaten auf zwei Zapfsäulen, griff sich die Dritte aus seinem Beutel, zog den Splint, warf sie den Zombies entgegen und rannte auf die einzige Straße zu, aus der keine Zombies kamen.

Mit einer Bremsung, die sie fast aus dem Sitz hob, brachte Sandra den Laster am Hauptportal der Kirche zum Stehen. Der Motor ruckelte protestierend. Sandra trat die Kupplung und gab ordentlich Gas. Stark stand schon am Portal mit den Kindern bereit. Er trug ein kleines Mädchen auf den Armen. Kaum stand der Laster, als er mit den Kindern im Schlepptau zur Ladefläche lief. Sandra kurbelte die Scheibe herunter.

»Sagen sie Bescheid, wenn alle drin sind«, rief sie über das Orgeln des Lasters und das Heulen der Sirenen hinweg. Im Seitenspiegel sah sie Stark, der zum Zeichen des Verstehens eine Hand hob.

Ein Düsenjäger schoss heulend über den Himmel.

Und irgendwo in der Nähe ballte sich die feurige Faust einer Explosion in den Himmel.

*

Frank lief.

Er lief, wie er noch nie in seinem Leben gelaufen war.

Die dritte Granate explodierte mitten in einer Gruppe Zombies, die versucht hatten, den Schlenker ihres vermeintlich sicheren Opfers mitzumachen. Gliedmaßen, halb geronnenes Blut, Knochen und Betonsplitter zischten wie bösartige Wespen auf einer gehörigen Portion Speed hinter ihm her. Ein Hut, wie er so klischeehaft typisch für deutsche Hausmeister war, segelte durch die Luft, aber das sah Frank nicht. Er duckte sich, holte noch mehr aus seinem erschöpften Körper heraus, als hinter ihm die beiden Granaten auf den Zapfsäulen explodierten.

Auf ihr ohrenbetäubendes Doppelknallen folgte ein nahezu lässig wirkendes FAWUUUP. Frank fühlte sich von einer glühenden Hand angeschoben, seine Füße verloren den Kontakt zum Boden und für einen verrückten Moment glaubte er, er könne fliegen. Glas klirrte, als die Druckwelle der ersten Explosion die Fensterscheiben der Häuser zerbersten ließ. Nur Sekundenbruchteile später folgte das nächste, beinahe sanfte Schnaufen, als auch die Tanks unter den Zapfsäulen explodierten. Frank geriet auf seinem Flug ins Trudeln. Er prallte gegen die Ecke einer Hauswand, änderte seine Flugrichtung wie eine Flipperkugel und landete auf hartem Kopfsteinpflaster. Der Schwung ließ ihn noch einige Meter weit rutschen, bevor ein Laternenpfahl ihn unsanft bremste.

Frank sah verschwommen eine Feuerwalze durch die Straße rollen. Ein Teil dieser feurigen Schlange zweigte sich vom Hauptkörper ab und raste auf ihn zu.

Alles versengende Hitze.

Dann Dunkelheit.

*

Sandra starrte durch die Windschutzscheibe auf den Rauchpilz. Tränen rannen ihr über die Wangen.

Frank.

Er hatte die Granaten benutzt, mit denen sie die Gänge in der zur Notstation umfunktionierten Schule gesichert hatte.

Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein, dass sie ihn dort getroffen und so unwirsch behandelt hatte. Sie schämte sich für ihre Worte und ihr Verhalten ihm gegenüber, als sie noch drüben auf der anderen Rheinseite gewesen waren und den Schuhladen nach Rucksäcken durchsucht hatten. Ein Klopfen an die Rückwand der Fahrerkabine holte sie zurück.

»Alles klar da hinten?«, rief sie so laut sie konnte.

»Ja, alles klar. Kann losgehen«, hallte es dumpf zurück. Sandra wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

»Machs gut Frank, du unspontaner Dippel-Inch«, murmelte sie leise. Sie legte den ersten Gang ein und ließ die Kupplung kommen.

»Festhalten da hinten«, rief sie. »Könnte ein holpriger Ritt werden. Ich habe meinen Lappen nämlich erst vor Kurzem abgeben müssen.«

Sandra grinste über ihren eigenen Spruch.

Frank hätte ihn zu schätzen gewusst.

Kapitel X - Desinfizierung

Gabriel schritt durch die verwüsteten Straßen. Die Sirenen hatten ihr Heulen eingestellt. Stille hing über dem Ort des Infernos. Er war unzufrieden, obwohl er das Chaos und die Zerstörung genoss, die sich ihm darbot. Zwischen verkohlten und zerfetzten Leichenteilen, von denen manche noch zuckten und sich wanden wie Würmer, schritt er dahin. Welch eine Kraft, was für eine Zähigkeit der kleine Mensch doch an den Tag gelegt hatte! Gabriel entdeckte Tomasz, der mit dem Rücken an eine Hauswand gelehnt auf dem Boden saß. Seine Beine lagen seltsam verdreht auf dem Boden, sein Gesicht war eine rohe Masse aus versengtem Fleisch.

Sein General.

Die Kreatur, in die er so viel Hoffnung gesteckt hatte.

Eine einzige und allumfassende Enttäuschung.

Tomasz zuckte und wand sich, versuchte aufzustehen, aber selbst einem wie ihm war es unmöglich, mit einem derart beschädigten Körper weiterzumachen.

Gabriels Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse. Er schloss die Augen, griff mit seinem Geist nach dem Bewusstsein des Zombies, schenkte ihm die Gabe der Empfindung. Tomasz heulte auf, als das unbekannte Gefühl starker Schmerzen durch seinen wiederbelebten Körper raste. Gabriel öffnete die Augen. Er wandte sich von dem gefallenen Anführer seiner Armee ab und ging an ihm vorbei in eine schmale Gasse. Auf einen Fingerzeig hin fing der zerbrochene Körper von Tomasz Feuer. Die gellenden Schreie des brennenden Zombies waren Musik in seinen Ohren.

Dann entdeckte er den kleinen Menschen, der all das hier angerichtet, seine Armee besiegt, und die Reste in alle Winde zerstreut hatte. Gabriel ging auf den leblosen Körper zu. Der bunte Rennanzug hatte den Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt, als das Inferno, das er selbst ausgelöst hatte, über ihn hinweggerollt war. Nur sein Gesicht wies schwerste Brandverletzungen auf, seine Haare waren bis auf die blasenübersäte Kopfhaut versengt.

Noch war Leben in ihm. Gabriel hörte das Raunen des wachen Bewusstseins, roch den Schmerz des Körpers.

Sollte er einen weiteren Versuch wagen?

Der hier war immerhin noch nicht tot, sein Gehirn noch funktionsfähig, sein Wille ungebrochen.

Nachdenklich betrachtete er den immer noch qualmenden Körper.

Dann traf er eine Entscheidung.

*

Je weiter sie kamen, umso sicherer wurde Sandra in der Handhabung des Lasters. Kleinere Hindernisse, zu denen auch vereinzelte Reanimierte gehörten, überfuhr oder rammte sie einfach, größeren wich sie mit teilweise haarsträubenden Manövern aus. Am Himmel flog schon wieder einer dieser Jäger vorbei.

Sahen die denn nicht, dass hier unten jemand um sein Leben kämpfte? Wollten sie diese Rheinseite jetzt etwa auch desinfizieren, wie Frank das genannt hatte?

Sandra riss den Laster in eine enge Kurve. Am Ende der Straße sah sie die Aachener Straße. Mühsam fing sie den Laster ab, der sich plötzlich unkontrolliert in seiner Federung aufschaukelte.

»Alles klar da hinten?«, rief sie so laut sie konnte.

»Bis jetzt ja«, drang Starks Bass dumpf durch die Rückwand. »Wenn du bitte nur das hektische Schaukeln ein wenig einschränken, und die Kurven ein wenig langsamer nehmen könntest?«

Sandra bremste ab und riss das Lenkrad herum. Der Laster neigte sich zur Seite, die Reifen auf der rechten Seite verloren für ein paar bange Sekundenbruchteile den Kontakt zum Asphalt, als sie auf die Aachener Straße Richtung stadtauswärts einbogen. Mit einem Krachen fiel er wieder in die Waagerechte, als Sandra erneut einlenkte, um das schwere Fahrzeug abzufangen.

»´tschuldigung«, rief sie nach hinten. »Kotztüten sind unter den Sitzbänken.«

Sie hatten Glück.

Soweit Sandra sehen konnte, war die Straße relativ frei von Autowracks und Hindernissen.

Mit einem breiten Grinsen gab sie Gas.

*

General Pascal Dupont stand mit dem Rücken zur Tür und blickte aus einem Zimmer, das einmal einem Musikprofessor gehört hatte. Draußen wurde es langsam dunkel und das schwache Licht einer Schreibtischlampe spiegelte sich in der Scheibe. Das Ticken eines Metronoms schnitt die Zeit in leicht verdauliche Häppchen. Es klopfte an der Tür. Dupont wandte sich um. Er stoppte mit einem Zeigefinger die Pendelbewegung des Metronoms.

»Herein.«

Die Tür öffnete sich. Ein junger Captain des letzten amerikanischen Kontingents der Einsatzstreitkräfte betrat den Raum und salutierte.

»Bericht.«

»Mon Général. Die Bomber befinden sich kurz vor dem Zielgebiet.«

Dupont nahm mit einem zufriedenen Nicken die französische Aussprache seines Ranges zur Kenntnis.

»Einheit sieben?«

»Wir haben noch keinen Kontakt herstellen können, mon Général.«

Dupont setzte sich an den Schreibtisch. Er faltete die Hände wie zum Gebet, stützte die Ellenbogen auf und legte sein Kinn auf die gefalteten Hände. Sein Blick streifte eine Bibel. Er hatte sie aus Paris mitgebracht. Paris, wo Marie ... Er schloss die Augen und verdrängte ihr Bild aus seinen Gedanken.

»Mon Général?«

Dupont sah auf.

»Oui?«

»Darf ich offen sprechen?«

Dupont nickte.

»Unsere Aufklärer haben Bewegung im Zielgebiet ausgemacht. Es sind große Fahrzeuge, vermutlich ein Schulbus und einer unserer Laster auf den Straßen unterwegs, mon Général. Und sie haben eine größere Explosion ausgemacht.«

»Überlebende?«

»Sehr wahrscheinlich. Sie bewegen sich in Richtung stadtauswärts.«

Dupont lehnte sich zurück. Mit Daumen und Zeigefinger massierte er sich müde den Nasenrücken.

»Und der fünfte Engel stieß in die Posaune«, murmelte er. »Und ich sah einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war, und es wurde ihm der Schlüssel zum Schlund des Abgrunds gegeben. Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und werden ihn nicht finden, und werden zu sterben begehren, und der Tod flieht vor ihnen.«

»Mon Général?«

Dupont blickte auf und starrte dem jungen Captain ins Gesicht. Der versuchte, sich sein Unbehagen nicht anmerken zu lassen.

»Die Bibel, Soldat. Die Offenbarung des Johannes. Buch neun, die Verse eins und sechs. Sie sollten das Buch der Bücher aufmerksam studieren. Es erscheint mir in diesen Zeiten mehr als angebracht.«

Der Captain nickte. Unsicher darüber, was der General jetzt von ihm erwartete. Dupont senkte den Blick und starrte die Bibel an. Schließlich beugte er sich vor, nahm sie in beide Hände und murmelte nur ein Wort.

»Zündung.«

*

Hauptmann der Luftwaffe Jörg Weimer saß in seinem Eurofighter Typhoon und wartete auf Anweisungen des Oberkommandos. Er kreiste als Leader seiner Staffel über Köln. Vier weitere Staffeln zogen weiter nördlich und südlich über dem rechtsrheinischen Raum ihre Schleifen. Weimer verdrängte den Gedanken an das, was man ihm möglicherweise befehlen würde. Unter den Flügeln seines Mehrzweckkampfflugzeugs hing sogenannte Freifallmunition. Nach dem Abwurf fielen diese thermobaren Bomben relativ kontrolliert an Fallschirmen zu Boden. Dabei versprühten sie über dem Ground Zero einen Nebel aus einem hoch entzündlichen Aerosol. Sobald sie eine gewisse Höhe erreicht hatten, zündeten die Bomben. Der Rest war eine Hölle aus Flammen, Hitze und den durch das Vakuum der plötzlichen Verbrennung entstehenden Unterdruck.

Jörg Weimer war ein gebürtiger Kölner. Es brach ihm das Herz, dass er jetzt über seiner geliebten Heimatstadt kreisen und sie vielleicht sogar in Schutt und Asche legen musste. Er hoffte, der Einsatzbefehl würde nie kommen.

Eine törichte Hoffnung, denn anders konnten sie diese Kreaturen da unten nicht bekämpfen. Général Dupont wollte Köln als Brückenkopf sichern, um anschließend einen halbwegs sicheren Korridor zu ihrem Standort in Bonn zu schlagen. In diesem Korridor wollte er die militärische Hoheit erhalten, bis Nachschub oder neue Befehle eintreffen würden. Eigentlich eine gute Taktik, aber der Feind ging nicht militärisch vor, ja er war noch nicht einmal militärisch organisiert. Er schlug schlimmer zu als ein Guerilla, war hinterhältiger als ein schleichendes Gift, galt als beinahe unverletzbar … und seine Soldaten waren Legion.

Soweit Jörg wusste, waren sie zudem die letzten aktiven Einsatzkräfte in Deutschland. Ihre Kontakte zu den anderen Standorten waren nach und nach abgebrochen. Wie es im restlichen Europa oder sogar im Rest der Welt aussah, wollte er sich lieber nicht vorstellen. In der Truppe machte das Gerücht die Runde, dass die Zombies alle Standorte in Europa nach und nach überrannt hätten und sie wie eine endlose Armada auf der Suche nach den letzten Lebenden waren.

»Leader Phoenix, Leader Phoenix«, knisterte es aus dem Funk. Jörg zuckte zusammen. »Eagles Nest is calling … over.«

»On air«, meldete er sich zurück.

»Leader Phoenix … the order is the great gig in the sky … I repeat … the great gig in the sky … over«

Jörg biss die Zähne zusammen. Ein heißes Brennen stieg in seine Augen.

The great gig in the sky.

Das war der Einsatzbefehl.

Irgend so ein Witzbold von den Amis hatte wohl einen Clown gefrühstückt, als er den Einsatzcode nach einem Song von Pink Floyd benannt hatte. Jörg zögerte, ließ seine Maschine weiter kreisen. Sein Flügelmann Leutnant Peter Immenhoff sah aus seinem Cockpit zu ihm rüber, wahrte aber Funkstille. Er konnte sich denken, was in seinem Staffelführer vorging. Jörg schüttelte den Kopf, versuchte die Tränen in seinen Augen wegzublinzeln. Jetzt sollten sie Köln also endgültig in einen Vorort der Hölle verwandeln.

»Leader Phoenix … confirm the order …«

Confirm du doch den Befehl, du Arschloch, schoss es Jörg durch den Kopf. Ich möchte dich gerne erleben, wenn du den Befehl erhältst, dein kleines Nest in Asshole City Alabama auszuräuchern!

Jörgs Hände zitterten.

Peter wackelte fragend mit den Flügeln.

»Leader Phoenix … confirm the order … the great gig in the sky … over …«

Durch den Regen sah Jörg die Domspitzen, den Colonius, sah vor seinem geistigen Auge den Kölner Zoo, seine Schule, das Haus seiner Eltern …

»Leader Phoenix … last call … confirm the order … over …«

Jörg holte tief Luft und sammelte sich. Wenn er jetzt aus der Reihe tanzte, würden seine Staffelkollegen den Befehl erhalten, ihn sofort vom Himmel zu pusten.

»Eagles Nest«, meldete er sich mit belegter Stimme. »Here is Leader Phoenix … I confirm the order … the great gig in the sky … over and out.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er bei, zog seine Maschine über die Kölner Innenstadt. Sein Zielpunkt war der Kölner Dom. Als er die erste Bombe abwarf, weinte er.

*

Das Rheinenergie-Stadion flog an ihnen vorbei. Sandra konnte ihr Glück kaum fassen, dass die Aachener Straße während des großen Exodus so frei geblieben war. Nicht mehr weit, und sie würden in Weiden ankommen, aber ... Hatte Frank es wider besseren Wissens geschafft? Würde er es überhaupt bis dorthin schaffen?

»Du bist verrückt, wenn du das glaubst«, sagte sie zu sich selber. Ihre Stimme kam ihr merkwürdig fremd und belegt vor. Ja, das war nur ein schöner Traum, eine haltlose Hoffnung. Frank hatte sich geopfert. Und wenn sie jetzt am vereinbarten Treffpunkt auf ihn warten würde, brächte sie nur die Kinder in Gefahr, wegen denen er sich von ihnen getrennt hatte.

Heiße Tränen schossen Sandra in die Augen, die sie mit einer trotzigen Geste umgehend wegwischte. Dabei fiel ihr Blick zufällig in den Seitenspiegel.

Am Himmel hinter ihnen flogen mehrere Flugzeuge. Aus ihren Rümpfen fielen kleine, längliche Gegenstände, die an Fallschirmen zu Boden segelten.

»Ach du Scheiße!« Sandra trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. »Die werfen die nächsten Brandbomben ab«, schrie sie nach hinten. »Festhalten!«

Sie raste mit irrwitzigem Tempo die Straße am großen Einkaufscenter vorbei, rammte kleinere Hindernisse aus dem Weg und wich größeren so gut sie konnte aus. Immer wieder musste sie die Tränen in ihren Augen wegblinzeln und versuchte, nicht an Frank zu denken.

Dann zündeten die ersten Bomben.

Hinter ihnen verging Köln endgültig in einem biblischen Flammenmeer.

Kapitel XI - Die Pilger

Zeit spielte für Sandra keine Rolle mehr. Sie fuhr wie in Trance immer weiter und weiter, folgte der Straße und sah nicht nach hinten. Sehen und reagieren waren wie atmen. Instinktive Verhaltensweisen, über die sie nicht nachdenken musste. Der Regen hatte aufgehört, aber die Scheibenwischer des Lasters quietschten immer noch über die inzwischen trockene Windschutzscheibe. Kurz vor dem Ortseingangsschild Königsdorf ruckelte der Laster einmal heftig. Sandras Blick klärte sich, als sie ins Hier und Jetzt zurückkehrte.

Eine rote Warnleuchte blinkte auf dem Armaturenbrett. Das Kühlwasser. Erst jetzt spürte sie den Schweiß auf ihrem Körper, die Hitze in der Fahrerkabine. Erst jetzt roch sie den intensiven Brandgeruch, den der Wind über das Land trug. Sie fuhr den Laster nach links, runter von der Aachener Straße. Sie fuhr so weit wie möglich die Straße hinein und hielt mitten zwischen Äckern an.

Freie Sicht in alle Richtungen.

Das war gut.

Sie stellte den Motor ab. Dann starrte sie wie blind durch die Windschutzscheibe.

Wie lange sie da gesessen hatte, konnte sie nicht sagen. Sie tauchte erst aus ihrer Erstarrung auf, als die Fahrertür geöffnet wurde. Es war eine ungewohnte Kraftanstrengung, den Kopf zu drehen.

»Wir haben es geschafft, mein Kind.«

Stark sah ihr in die Augen. Seine Stimme klang fürsorglich.

»Die Kinder?«

Der Pfarrer trat ein Stück zur Seite. Da standen sie. Ein kleines Häufchen ausgezehrter Überlebender. Sie wirkten verloren, auf Hilfe angewiesen.

Ihre Hilfe.

Mit Beinen, die nicht ihr zu gehören schienen, stieg Sandra aus. Stark deutete in Richtung Autobahn.

»Ich habe da hinten etwas aufblitzen sehen, das wie das Blaulicht eines Polizeiwagens aussah«, sagte er. »Vielleicht finden wir da Hilfe.«

Sandra sah hin. Ja, da blitzte tatsächlich regelmäßig etwas auf. Aber es wurde allmählich dunkel. Nicht nur weil die Sonne unterging, sondern auch wegen der Rauchentwicklung über Köln.

»Das sollten wir uns erst morgen ansehen«, sagte sie. »Es wird dunkel und die Kinder sind bestimmt hungrig und durstig.«

Stark nickte.

»Richtig. Hier im Laster oder dort vorne? Da scheint ein Gehöft zu sein.«

Sandra sah die Kinder abschätzend an.

»Schafft ihr es bis dahin zu Fuß?«

Die Kinder nickten. Sandra wandte sich wieder an Stark.

»Was ist eigentlich in den Kisten da hinten drin?«

»Soweit ich sehen konnte, nur Munition.«

Sandra ging an das hintere Ende des Wagens und stieg auf die Ladefläche. Ja, es waren Munitionskisten. Aber der Aufschrift nach nur für automatische Waffen. Sie wollte gerade wieder aussteigen, als sie eine kleinere Kiste entdeckte. Sie öffnete sie und seufzte erleichtert auf. Es war eine Kiste mit eintausendfünfhundert Schuss 9 mm Parabellum. Passend für ihre P6. Neben den Schachteln mit den Patronen lagen noch zehn leere Ersatzmagazine und zwei Waffenpflegesets in der Kiste. Ein Schatz, den sie in ihrer derzeitigen Lage nicht erwartet hätte.

»Und?«, fragte Stark von der Laderampe aus. »Hast du was gefunden?«

»Ja. Helfen Sie mir bitte, Vater. Diese kleine Kiste ist sauschwer, aber ungeheuer wertvoll.«

Stark stieg auf die Ladefläche und runzelte die Stirn, als er den Inhalt der Kiste sah.

»Bist du sicher, dass du diese Munition verwenden kannst?«

Ein bitteres Lächeln tanzte um Sandras Mundwinkel.

»Sie kannten meinen Vater. Statt Mickey Mouse oder Donald Duck habe ich Waffen- und Militärmagazine lesen dürfen. Glauben Sie mir, wenn ich ihnen sage, das hier ist Gold wert.«

Stark schluckte, sagte aber nichts. Gemeinsam hoben sie die Kiste aus dem Wagen. Dann stieg Sandra wieder auf die Ladefläche. Sie suchte im Halbdunkel und fand schließlich ein sogenanntes Tactical Medi-Pack. Es war eines von denen, die sowohl beim Militär, als auch bei Outdoorfreaks Verwendung fanden. Sandra trug die schwarze Tasche nach draußen und durchsuchte sie. Reichlich Antibiotika in Autoinjektoren, Morphin, Verbandszeug.

»Wir müssen die Munition auf uns beide verteilen, Vater. Die Kids sehen nicht so aus, als könnten sie viel tragen. Ich werde die Reservemagazine aufmunitionieren und einstecken.«

»Du rechnest mit allem, richtig?«

Sandra sah auf. Stark zuckte unter ihrem Blick zusammen. Sie sah ihrem Vater plötzlich so ähnlich. Da war die gleiche Wut, die gleiche berechnende Kälte in ihren Augen.

»Vater, ich habe vor weniger als einer Stunde einen Menschen in den sicheren Tod gehen lassen, damit ich diese Kinder vor all dem Wahnsinn hier beschützen kann, den Ihr Boss da oben auf uns losgelassen hat.«

Sie öffnete eine Schachtel mit Patronen, und lud ohne hinzusehen das Erste der Reservemagazine. »Und ich werde sie beschützen. Koste es, was es wolle. Wenn das also bedeutet, dass ich töten muss, dann ist es eben so.«

»Ich meinte ja nur …«

»Was?«, fuhr ihm Sandra ins Wort. »Dass es für eine junge Frau unangemessen ist, die Führung über eine Gruppe Pilger zu übernehmen, die nach einem sicheren Ort suchen? Unangemessen für eine Frau, die ihren Körper für Erwachsenenfilme hergegeben hat? Eine Frau, die nicht einfach nur in Sünde lebte, sondern sie tagtäglich ausgelebt hat? Sind wir denn überhaupt Pilger, oh mein heiliger Vater, oder sind wir einfach nur Menschen, die versuchen zu überleben?«

Stark seufzte.

»Und wohin sollen wir gehen?«

»Nach Südwesten, Vater.«

»Warum das?«

»Weil da ein Fliegerhorst der Bundeswehr ist. Von irgendwoher müssen die Jagdbomber ja wohl gekommen sein, oder?«

Stark sah sie schweigend an. Dann nickte er. Sandras Argumente waren gut. Ja, sie waren Pilger in einer von Gott verlassenen Welt. Und sie waren Überlebende einer Katastrophe von unvorstellbaren Ausmaßen.

Er traf einen Entschluss.

»Die Kinder sollten erst etwas essen und trinken, bevor wir uns auf den Weg machen.«

Er wandte sich ab.

Sandra hatte sich soeben zur Anführerin einer Gruppe Überlebender in dieser Welt des Grauens gemacht.

Gut.

Wenn sie die weltliche Führung über die Überlebenden übernahm, dann würde er die geistliche übernehmen müssen.

Und ihr Weg würde zu seinem ganz persönlichen Jakobsweg werden, von dem er hoffte, auf ihm seinen Glauben an Gott wiederzufinden.

Kapitel XII - Der dunkle Nomade

Frank sah sich orientierungslos um.

Wo war er?

Wie war er hierhin gekommen?

Um ihn herum herrschte die totale Verwüstung. Geschmolzenes Glas glitzerte wie Miniaturgletscher auf welligem Asphalt. Die Luft schmeckte nach ätzenden Dämpfen, über allem lag der schwere Geruch von Rauch. Schwarze Hausruinen blickten aus Fenstern, die leeren Augenhöhlen glichen, auf ihn herab. Mit zitternden Beinen folgte er dem, was einst eine Straße gewesen musste.

Plötzlich blieb er stehen.

Er erkannte diesen Ort.

Das war die Aachener Straße.

Hier wollte er sich mit jemandem treffen. Jemandem, der sehr wichtig für ihn war. In seiner Erinnerung blitzte das Bild roter Haare auf, die im Sonnenuntergang wie flüssiges Feuer ein blasses Gesicht umflossen. Katzengrüne Augen, die ihn polierten Jadesteinen gleich anfunkelten.

Ein Name stieg zu diesem Bild in seinem Geist auf.

Sandra.

Hier wollte er Sandra treffen, wer immer das auch war.

»Tja, mein Freund«, erklang hinter ihm eine freundliche Stimme. »Scheinbar hat sie dich versetzt.«

Frank wollte herumwirbeln, aber es wurde nur ein unbeholfenes Wanken daraus. Ein Mann stand da. Groß und hager, in einen teuer aussehenden, dunklen Anzug gekleidet. Aus der Westentasche seines Anzugs hing eine Kette heraus.

Eine Taschenuhr?

Frank sah genauer hin. Eigentlich sah der Mann gar nicht wie ein Mann aus. Er hatte etwas weibliches an sich, das seine Stimme Lügen strafte.

»Und wenn ich es recht bedenke, kann ich es ihr auch nicht im Geringsten verübeln.«

Wie von Zauberhand erschien ein Spiegel in der Hand des merkwürdigen Mannes. Er ging auf Frank zu und hielt den Spiegel so vor sich, wie ein Geisterjäger ein Kreuz einem Vampir vor das bleiche Gesicht halten mochte. Mit einem Aufschrei torkelte Frank zurück.

Eine blutige Masse aus rohem Fleisch sah ihm aus dem Spiegel entgegen. Die Nase ein dunkles Loch in einem unruhigen, blasenübersäten Meer aus roter Masse, die Augen zwei eiskalt funkelnde Seen ohne Lider.

Ein Monstrum!

Aus ihm war ein Monstrum geworden!

Frank ließ sich weinend auf die Knie fallen, bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wollte nichts mehr sehen, nichts mehr spüren.

»Du Dummerchen«, sagte der merkwürdige Mann mit einer Stimme, in der boshafte Belustigung mitschwang. »Du kannst gar keine Schmerzen verspüren. Merkst du das nicht?«

Frank horchte in sich hinein. Doch, da war Schmerz. Aber er war nicht körperlich. Er lag viel tiefer.

»Ah, siehst du? Jetzt nähern wir uns dem Kern der Sache.«

Eine Hand legte sich tröstend auf Franks Schulter. Er nahm seine Hände vom Gesicht und sah auf. Der Mann hielt ihm mit spitzen Fingern und angewidertem Gesicht ein dunkles Tuch hin.

»Bedecke damit dein Antlitz, mein Freund. Mach es wie die Nomaden der Wüste. Damit ersparst du deiner Umwelt ... nun ... es wäre schicklicher, wenn du verstehst, was ich meine.«

Frank nahm das Tuch und tat, was der Fremde von ihm erwartete. Er spürte tatsächlich nichts, als der Stoff sein wundes Fleisch berührte. Nur den Schmerz der Scham und des Verlustes, der in ihm bohrte und nagte. Was würde Sandra sagen, wenn sie ihn so sehen könnte?

»Spürst du außer diesem kindischen Schmerz, den ihr so poetisch Liebeskummer nennt, denn nicht noch etwas anderes? Da unten, da ganz tief in dir drin? Dort, wo ihr Menschen all das Dunkle gut verschlossen aufbewahrt, das ihr in dem Miteinander, das ihr so hochtrabend als Zivilisation bezeichnet, niemals offen zeigt? Diese natürliche Wut und die Gier nach Macht und Anerkennung, die ihr lieber vor eurem Nächsten versteckt haltet?«

Die Fragen prasselten dicken Hagelkörnern gleich auf Frank ein. Verdammt nochmal, das Denken fiel ihm so schwer! Warum konnte der Fremde ihn nicht einfach in Ruhe lassen. Einfach gehen, und ihn hier alleine und in Frieden sterben lassen?

»Weil du schon tot bist, du Narr.«

Frank erstarrte.

»Du bist tot, weil SIE sich ihrer Wut und ihrer Gier nicht verschlossen hat. SIE ist jetzt die Heldin, SIE ist jetzt die Anführerin derjenigen, für die DU dich geopfert hast. Sag mir, mein Freund, ist das gerecht?«

Frank erzitterte.

Nein, es war nicht gerecht!

»Ist es dir also egal, dass du jetzt einer von denen bist? Ein Zombie, eine hirnlose, triebgesteuerte Fressmaschine?«

Wut kochte in Frank hoch.

»Tja, dann muss ich dir leider sagen, dass du ein Ausgestoßener bist. Ein Wanderer zwischen den Welten. Die Untoten werden dich nicht akzeptieren, weil immer noch Leben in dir ist, und die Lebenden werden dich jagen, weil du für sie tot bist.«

Ein Laut des Schmerzes drang aus dem Tuch vor Franks Gesicht. Ein Schrei, der scheinbar endlos über die verwüstete Straße hallte. Als der letzte Ton seines Schreis in der Luft verblutete, nur noch ein haltloses Wimmern aus seinem Mund drang, hockte der Fremde in dem dunklen Anzug sich neben Frank. Er nahm ihn in den Arm, wie es nur ein guter Freund tun würde.

»Dann bleibt dir eigentlich keine große Wahl, findest du nicht?«

»Welche Wahl meinst du?«

Frank kam seine eigene Stimme fremd und Angst einflößend vor. Krächzend, tief, nicht von dieser Welt.

»Du kannst auf ewig ein einsamer Wanderer bleiben. Ständig auf der Flucht vor den Untoten und den Lebenden. Oder du entscheidest dich für eine Seite.«

Frank horchte in sich hinein. Sandra hatte ihn im Stich gelassen, ihn verraten, um sich selber zur Anführerin über die Kinder aufzuschwingen. Der Fremde klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Ja, so sehe ich das auch. Also bleibt ja nur eine Seite übrig.«

Frank sah verwundert auf, als vor ihm Schritte erklangen. Fünf Untote standen reglos vor ihm. Sie sahen nicht allzu verletzt aus. Als er sich umblickte, war von dem seltsamen Fremden nichts mehr zu sehen. Seine Stimme schien jedoch von überall zugleich zu kommen.

»Dies, mein Freund, ist erst der Anfang. Es ist der Grundstock für eine Streitmacht, die unter deinem Kommando steht. Gehe hin, jage und vernichte die letzten Überlebenden der Menschheit. Töte die letzten Sünder, die sich Gottes Gericht entzogen haben. Werde der dunkle Nomade, die Nemesis der Letzen. Dann, mein hasserfüllter Freund, wirst du endlich den Frieden und die Anerkennung finden, nach denen dich dürstet.«

Frank stand auf. Der Fremde hatte recht. Ihn dürstete nach Frieden und Anerkennung. Nach einem letzten Blick auf die Trümmer der Stadt drehte er sich um und marschierte los.

Und die Toten folgten ihm, dem dunklen Nomaden, der Nemesis der Letzten.

Ende des ersten Buches der Chronik von Eden


Zweites Buch: Die Vergessenen

von D.J. Franzen

Kapitel I - Kriegsrecht

Einige Zeit vor den Ereignissen, die im ersten Buch geschildert wurden ...

Martin erwachte im matten Licht der Nachttischlampe und spürte Karins Körper an seiner Seite. Ein Gefühl, als läge ein Stück weißer Kohle neben ihm. Vorsichtig richtete er sich auf und griff nach dem Fieberthermometer. Karin hustete und Martin schalt sich selber einen Narren. Fiebermessen war so ziemlich das Nutzloseste, was er für Karin tun konnte. Seit fünf Stunden war ihre Körpertemperatur bei konstant neununddreißigfünf. Das Rumpeln eines Lasters hallte durch die Dunkelheit. Martin sah auf die Uhr. Halb vier. Der letzte Wadenwickel lag eine Dreiviertel Stunde zurück. Immerhin. Dreißig Minuten Schlaf am Stück.

Mit einer müden Geste rieb er sich über das Gesicht. Er wollte zippeln und zappeln, sich kratzen und streicheln, seine Finger fingern, seine Knöchel knöcheln lassen.

Martin wollte einen Schuss.

Ein Sniff würde es auch tun, aber ein Schuss wäre besser.

Viel besser!

Nur einen Kleinen, der ihn beruhigen würde, keinen zum Wegdämmern in das Land der Träume und des Vergessens. Er atmete tief durch, kämpfte gegen die Dämonen seines Verlangens an. Ein weiterer Atemzug, und das Verlangen wich langsam zurück. Lauernd wie ein Raubtier auf der Jagd. Er wandte sich zur Seite und strich Karin eine Haarsträhne aus den Augen. Sie waren offen, aber ihr Blick ging in eine Ferne, in die er ihr nicht folgen konnte. Feiner Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Atem kam in schweren Stößen, begleitet von einem leise gurgelnden Geräusch.

»Liebling? Bist du wach?«

Keine Reaktion. Ob er ihr noch ein Fieberzäpfchen geben könnte? Oder doch besser einen frischen Wadenwickel? Nein, entschied er. Hier konnte nur noch ein Arzt helfen. Martin nahm Karins Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken.

»Halte durch, Kleines. In zwei Stunden ist der Notverkehr wieder erlaubt. Ich werde einen Arzt für dich finden.«

Karins Kopf rollte haltlos in seine Richtung. Ihr Blick war immer noch verschleiert, aber ihre Stimme kam überraschend klar über ihre aufgesprungenen Lippen.

»Vergisses.«

Martin zuckte zusammen. Karin hustete. Zwischen den einzelnen Attacken holte sie röchelnd Luft. Er wollte ihr helfen, sich aufzusetzen, aber sie drückte ihn mit einer schwachen Geste weg.

Vergisses. Dieses eine Wort hatte ihn tiefer getroffen als er es sich selber gegenüber zugeben wollte. Instinktiv blickte er zum Ringfinger ihrer linken Hand. Nackt. Warum auch nicht? Seine eigene Schuld, wenn er seinen Ring immer noch offen zur Schau stellte. Martin schreckte aus seinen Gedanken auf. Karin hatte sich aufgesetzt und sah ihn an.

»Was hast du gesagt?«, fragte er.

Karin schüttelte schwach den Kopf.

»Du hörst mir nie zu. Ständig schwebst du in Gedanken bei der nächsten Story, dem nächsten Sensationsbericht oder deinem Scheißroman.«

»Karin, bitte. Ich –«

»Ich habe dich gefragt, warum du überhaupt zurückgekommen bist«, fuhr sie ihm ins Wort.

»Ich dachte, du würdest mich brauchen.«

Karin sah ihn mit einem undefinierbaren Blick an. Verlegen sah er weg.

»Und das ist alles? Du dachtest, ich würde dich brauchen?«

Er seufzte. Zwecklos darüber noch ein Wort zu verlieren. Sie war es schließlich gewesen, die ihm den Ring vor die Füße geworfen hatte, bevor die Welt in Richtung Abgrund taumelte. Nicht er. Martin beschloss, dass es besser wäre, das Thema zu wechseln.

»Sobald es geht, fahre ich dich ins Krankenhaus. Du brauchst Hilfe. Ich kann hier nichts mehr für dich tun.«

»Den Weg kannst du dir sparen.«

Er sah sie verwundert an.

»Warum?«

»Ich habe die Seuche. Egal was die auf den Notsendern sagen. Du kannst es auch in deinen eigenen vier Wänden kriegen. Ohne Kontakt zu anderen Menschen.«

Martin schüttelte energisch den Kopf.

»Wenn es dich erwischt hätte, wärst du schon vor Stunden verblutet. Jedenfalls sagen das die Experten im Radio. Außerdem hast du keine Wahnvorstellungen.«

Martin musterte sie misstrauisch.

»Oder etwa doch?«

Karin lachte leise auf.

»Hast du eine Ahnung. Ich habe eben tatsächlich geglaubt, dass wir beide wieder in Spanien sind. Du hast Durchfall und verpestest im gesamten Hotel die Luft. Ich liege am Strand und schaue den braun gebrannten Eingeborenen hinterher.«

Jetzt musste Martin auch lächeln. Ihre Flitterwochen, wie sie das verlängerte Wochenende zu ihrer Verlobung großspurig genannt hatten. Ein Kichern rollte seine Kehle hoch.

»Du hattest diesen mörderischen Badeanzug eingepackt. Den Knallroten, mit dem Ausschnitt vom Hintern bis zum Hals. Ich wollte dich so nicht an den Strand lassen. Aber die spanische Küche ...«

Er kicherte und Karins Lächeln wurde breiter, als sie den Satz vollendete.

»Hat dich God save the Queen aus der falschen Körperöffnung pfeifen lassen.«

Für einen Moment vergaß Martin alles um sie herum. Keine Seuche, keine Leichen auf den Straßen ... es gab nur sie beide für ihn. Vorsichtig legte er einen Arm um Karins Schultern und genoss das Kitzeln ihrer Haare auf seinem Gesicht. Sie ließ es geschehen und lehnte ihren Kopf bei ihm an.

»Wir hatten auch unsere guten Zeiten, oder nicht?«, fragte er.

»Ja. Die hatten wir wirklich, du rasender Reporter des Unglaublichen.«

Ja, ihre guten Zeiten. So wie ihr erster Ausflug ins Grüne. Martin lächelte und schloss die Augen. Und das warme Gefühl der Vertrautheit brachte ihm die Bilder der Vergangenheit.

*

Die letzten Prüfungen hatten hinter ihnen gelegen, der Stress der Abschlussfeier war verflogen, und Karins Blick aus dem offenen Fenster seines Minis war verträumt gewesen. Verträumt und erwartungsvoll, was ihnen die Zukunft wohl bringen mochte. Der Wind hatte mit seinen luftigen Fingern in ihrem Haar gespielt. Im Schein der Frühlingssonne war es zu einem Feuer geworden, in dem er ohne mit der Wimper zu zucken verbrennen würde, sollte sie es von ihm erwarten.

Sie waren jung.

Sie waren frisch verliebt.

An einer abgelegenen Stelle hatte er den Wagen abgestellt und sie waren in die Büsche gelaufen. Karins Augen hatten listig gefunkelt. Dann waren sie an eine kleine Lichtung gekommen, umschlossen von dichtem Unterholz. Ein Zwinkern und Karins Bluse hatte den Blick auf ihre Brüste freigegeben. Martin hatte sich im siebten Himmel geglaubt, während Karin sich lächelnd an ihn geschmiegt hatte und er ...

*

... schreckte auf.

Verdammt! Er war eingenickt. Karins Wange lag auf seiner nackten Brust. Sie fühlte sich angenehm kühl an. Endlich. Das Fieber war weg. Er atmete auf.

»Karin?«

Keine Antwort. Keine Atemgeräusche. Die Erleichterung wich eisigem Schrecken. Er schüttelte sie sachte.

»Karin?«

Ihr Körper fiel haltlos auf seinen Schoß.

Aus ihren Augen flossen blutige Tränen.

*

In den Kliniken der Universität zu Köln herrschte Chaos. Martin sah Notbetten im Hauptgang, hustende Menschen, Menschen mit Fieber und Solche, die sich nicht mehr selber auf den Beinen halten konnten. Dazwischen Ärzte, Schwestern und Pfleger, die verzweifelt versuchten, Ordnung in das Chaos zu bringen. Martin stand im Eingang und blickte hilflos umher. In seinen Armen trug er den leblosen Körper Karins. Er sah einen hustenden Mann zwischen zwei Betten stehen. Plötzlich wurde aus dem Husten ein Würgen. Ein Schwall Blut schoss dem Mann aus dem Mund. Die Menschen stoben schreiend auseinander und rempelten sich gegenseitig an. Ein Kind stürzte und verschwand im Meer der Beine. Der Mann brach zusammen. Ein Arzt rannte zu dem Gestürzten. Pfleger und Schwestern versuchten die Menschen zu beruhigen. Jemand stieß Martin zur Seite und stürmte würgend, eine Hand vor dem Gesicht, an ihm vorbei. Martin taumelte und konnte nur mit Mühe das Gleichgewicht halten.

»Keine Sorge, Karin. Ich finde einen Arzt für dich«, murmelte er. Dann sah er in dem Getümmel den Arzt, der sich um den Gestürzten kümmerte. Martin schob sich rücksichtslos durch das Gedränge auf ihn zu.

»Hallo? Ich brauche Hilfe.«

Der Mann seufzte und sah Martin aus rotgeränderten Augen von unten her an. Dann bemerkte er den Körper in seinen Armen. Wortlos stand er auf und hob die Haare aus Karins Gesicht. Den Gefallenen beachtete er nicht weiter.

Egal.

Es ging um Karin.

»Sie ist erst gestern Morgen erkrankt. Wissen Sie, wir haben uns in unsere Wohnung eingeschlossen und sind nicht vor die Tür gegangen. Sie kann die Seuche also nicht haben.«

Der Arzt legte ihr die Fingerspitzen an den Hals.

»Ich wäre ja früher gekommen, aber die Ausgangssperre und die Soldaten auf den Straßen ...«

Martin stockte. Tränen verschleierten seinen Blick. Der Arzt hob den Blick und schüttelte den Kopf.

»Sie ist tot.«

»Das kann nicht sein. Sie hat die Seuche nicht. Wir waren doch seit drei Wochen nicht mehr draußen gewesen.«

Der Arzt nickte jemandem hinter Martin zu und verschwand in dem Gewühl auf dem Gang. Martin starrte hilflos hinter ihm her.

»Aber sie ist nicht tot!«

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er drehte sich um und sah einen Soldaten im Schutzanzug vor sich stehen. Hinter dem Soldaten standen zwei weitere.

»Geben Sie sie her«, kam es dumpf aus der Maske.

»Aber ... das ist meine Verlobte. Sie kann die Krankheit nicht haben.«

»Und wenn es die heilige Jungfrau Maria persönlich wäre. Der Arzt hat sie für tot erklärt. Ihre Leiche wird wie die der anderen Toten verbrannt.«

Wut und Verzweiflung kamen in Martin hoch. Seine Muskeln spannten sich. Die Soldaten hinter dem, der ihn angesprochen hatte, hoben langsam ihre Waffen. Die Menschen wichen in dem engen Gang so gut es ging zurück. Martin schluckte. In Deutschland herrschte Kriegsrecht. Sollte er es riskieren, standrechtlich erschossen zu werden? Er konnte für Karin nichts mehr tun.

Es war zu spät.

Dieser letzte Gedanke rollte mit einer Wucht durch sein Denken, das es ihm schwindelte. Ein heißes Brennen schoss in seine Augen. Er blickte auf den leblosen Körper in seinen Armen. Ein dumpfer Schmerz schnürte ihm die Kehle zu. Die Stimmen der Menschen wurden zum sinnlosen Murmeln eines weit entfernten Meeres, dessen Wellen an einer einsamen Küste leckten. Sein Blickfeld zerfranste an den Rändern seiner bewussten Wahrnehmung. Die Wirklichkeit kippte.

Zu spät.

Er hatte zu lange gewartet.

Die Worte hallten wie ein Mantra immer wieder durch sein Denken. Er hob den Blick, ohne zu sehen. Der Soldat neigte den Kopf zur Seite.

»Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen und sie selber ins Feuer legen.«

Die Stimme, eben noch dumpf und ohne eine Spur Emotion, bekam einen weichen Klang. Martin nickte dem Soldaten zu. Sein Körper gehörte nicht mehr ihm, als er hinter dem Soldaten auf die Straße trat.

Karin war tot.

*

Vor dem Eingang zur Notaufnahme stand ein Lastwagen mit offener Ladefläche. Unzählige Leichen bildeten dort bereits einen Berg aus verdrehten Körpern. Zwei Soldaten nahmen ihm Karins Leiche ab und warfen sie auf den Berg zu den anderen. Der Anblick versetzte Martin einen Stich, durchdrang den Schmerz, der sich betäubend um sein Denken gelegt hatte. Dann kam die bittere Erkenntnis.

Es war zu Ende.

Endgültig.

Der Soldat, der Martin hinausgeführt hatte, deutete ihm die Richtung zu einem Militärlaster mit Plane. Ein blasses Gesicht schaute aus der Dämmerung unter der Plane hervor. Martin schlich mit hölzernen Beinen in die angegebene Richtung. Bevor er in den Wagen stieg, schaute er hoch. Der Himmel hatte die Farbe eines Blutergusses und der Wind trieb tiefschwarze Wolken vor sich her. Es würde bald anfangen zu regnen. Mit einem letzten Blick zu dem Wagen, auf dem Karin zwischen all den anderen Toten lag, kletterte er auf die Ladefläche und setzte sich auf eine Pritsche. Am vorderen Ende der Ladefläche, zur Fahrerkabine hin, saßen zwei Soldaten. Auch sie trugen Masken und Schutzanzüge.

Ameisen.

Einfache Arbeiter ohne Hirn, die nur den Duftspuren ihrer Befehle folgten.

Martin wandte seinen Blick ab und sah vor sich den einzigen anderen Zivilisten sitzen. Einen hohlwangigen Mann in einem zerschlissenen Anzug. Der Mann bemerkte seinen Blick. Er griff in die Innentasche seines Jacketts. Die Soldaten hoben ihre Waffen. Mit einem schwachen Lächeln, und einem Seitenblick zu den Soldaten, zog der Mann ein silbernes Zigarettenetui hervor. Mit einem fragenden Blick hielt er es vor Martin. Der zögerte. Vor drei Monaten hatte er es endlich geschafft, dieses Laster aufgegeben, genauso wie das Schnupfen. Dafür hatte er jetzt in der Leiste, direkt neben den Hoden, einen Stelle, die wie das kalte Buffet einer Horde Moskitos aussah. Ein weiterer Moment des Zögerns. Dann nickte er und nahm dankend eine Zigarette heraus. Vor seinem geistigen Auge sah er Karin, wie sie missbilligend die Stirn runzelte.

»Declan Smith«, sagte der Mann in akzentfreiem Deutsch. Er beugte sich vor und gab Martin Feuer.

»Freier Handelsvertreter für Gentronics Pharmaka.«

Martin inhalierte den Rauch der Zigarette tief. Karin war tot. Es war keiner mehr da, der wegen einer Zigarette Streit anfangen würde. Hinter einem Vorhang aus blauem Dunst stellte er sich vor.

»Martin Martinsen. Ehemals freier Journalist für die XXX-NEWS. Jetzt arbeitslos.«

Declans Lächeln wuchs in die Breite.

»Das Revolverblatt, mit den wöchentlichen Meldungen über Wiedergänger, Entführungen durch Außerirdische und UFO-Sichtungen?«

Martin nickte. Die Zigarette schmeckte nach alter Matratzenfüllung. Karins Rache aus dem Reich der Toten, oder eine Folge seines nahenden Turkeys?

»Dann muss das hier für Sie ein gefundenes Fressen sein, oder? Was halten sie von den Gerüchten, die man überall hört? Die Grippetoten sollen als Zombies wiederauferstehen und die Lebenden fressen«, sagte Declan. Sein Lächeln wirkte aufgesetzt und er machte eine vage Handbewegung nach draußen. Martin schüttelte den Kopf.

»Wie gesagt, ich bin arbeitslos.«

Zwei weitere Soldaten stiegen ein und blockierten den Ausstieg. Mit einem Ruck fuhr der Lastwagen an.

»Wo waren Sie als es losging?«, fragte Declan. Martin zog noch einmal kräftig an der Zigarette und schnippte den Stummel auf die Straße. Unter den derzeitigen Umständen würde er dafür wahrscheinlich keinen Strafzettel bekommen. Der Affe in seinem Nacken begann ihn langsam und gleichmäßig durchzurütteln.

»Ich war bei meiner Verlobten.«

»Und ich war auf dem Weg nach Hause. Saß im Flieger von Genf nach London.«

Declan zögerte. Dann holte er zitternd Luft.

»Der Pilot musste die Flugroute ändern. Im Korridor über dem Kanal war die Hölle los. Kurz vor dem Flughafen Charles-de-Gaulle kam dann die nächste Hiobsbotschaft. Paris wurde unter Quarantäne gestellt und desinfiziert. Was immer das auch heißen mag. Mit dem letzten Tropfen sind wir dann auf dem Köln-Bonner gelandet.«

Sehr interessant. Karin war tot. Was juckte ihn da die Lebensgeschichte eines Fremden? Vielleicht könnte sie noch leben, wenn er auf die Ausgangssperre geschissen hätte. Hatte er falsch reagiert? Martin griff in die Innentasche seiner Jacke. Dort hatte er einen kleinen Notvorrat an Nasenzucker. Er holte die kleine Phiole hervor. Declans Blick brannte auf seinem Gesicht. Martin hielt ihm die Phiole unmerklich hin, was Declan mit einem Kopfschütteln beantwortete. Martin schnippte den Deckel auf und tat so, als müsse er sich vorsichtig schnäuzen.

Eine angenehme Ruhe überkam ihn. Vorsichtig steckte er sein kleines Geheimnis wieder in die Jackentasche. Eine heisere Stimme schallte in das Innere des Armeelasters und riss Martin aus seinen Gedanken.

»Der Herr aber sprach zu Gideon: Des Volkes ist zu viel, das mit dir ist. So lass nun ausrufen vor den Ohren des Volkes und sagen: Wer blöde und verzagt ist, der kehre um. Da kehrten des Volks um Zweiundzwanzigtausend, dass nur Zehntausend übrig blieben.«

Der Laster hielt mit einem Ruck an und die Soldaten, die ihnen bisher den Ausgang versperrt hatten, sprangen raus. Martin schaute ihnen desinteressiert hinterher. Ein nackter Mann torkelte über den nassen Asphalt. Er hielt ein Schild über seinen Kopf erhoben. Ein großes Kreuz und die Worte Gehet hin und tuet Buße, ihr Sünder, prangten in blutroter Schrift auf schwarzem Hintergrund.

»Und der Herr sprach zu Gideon: Des Volks ist noch zu viel. Führe sie hinab ans Wasser, daselbst will ich sie dir prüfen. Und er führte das Volk hinab ans Wasser.«

Martin runzelte die Stirn. War das nicht eine Passage aus der Bibel? Das Buch Gideon oder so? Einer der Soldaten sprach den Propheten an. Martin konnte seine Worte nicht verstehen. Sie kamen nur als dumpfe Laute unter Maske hervor. Der Prophet reagierte nicht und schrie weiter.

»Und der Herr sprach zu Gideon: Wer mit seiner Zunge Wasser leckt, wie ein Hund, den stelle besonders. Desgleichen, wer auf seine Knie fällt zu trinken. Da war die Zahl derer, die geleckt hatten aus der Hand zum Mund, dreihundert Mann.«

Der Soldat schrie etwas, das Martin wegen der Maske aber nicht verstehen konnte. Der nackte Prediger holte Luft und der Soldat verpasste dem Mann einen Fausthieb auf den Mund. Martin zuckte zusammen. Er glaubte das Knirschen der Zähne zu hören, aber das konnte nur eine Einbildung sein. Der Irre rief weiter seine Botschaft ans Volk, jetzt aber wesentlich undeutlicher.

»Und der Herr sprach zu Gideon: Durch die dreihundert Mann will ich euch erlösen. Aber das andere Volk lass gehen.«

Das letzte Wort ging in einen erstickten Klagelaut über. Martin sah zurück auf die Straße. Der Nackte hielt sich mit beiden Händen den Schritt und sackte in die Knie. Sein Mund ein rotes O der Überraschung und des Schmerzes. Das Schild lag neben ihm im Schmutz der Straße. Einer der Soldaten zielte mit seiner Pistole und schoss. Die Schädeldecke des Propheten verschwand in einer rosa Wolke.

Martin wollte aufstehen, den Soldaten anschreien, herrschte doch schon genug Leid überall, als er ein scharfes Knacken hinter sich hörte. Er blieb ganz steif in seiner halb aufgerichteten Position. Eine Hand legte sich auf seinen Arm. Er drehte sich um. Einer der Soldaten, die im Laster geblieben waren, hielt ihm seine Pistole vor das Gesicht. Declan schüttelte leicht den Kopf.

Es dauerte einen Augenblick, bis Martin sich dieser Situation voll bewusst wurde. Declans Stimme drang dumpf durch den Vorhang aus Unglauben um sein Denken.

»Kriegsrecht.«

Kapitel II - Angenehm betäubt

Während der restlichen Fahrt schwieg Martin. Sein Denken und sein Fühlen waren in dichte Watte gepackt. Etwa so, als hätte ihm ein Zahnarzt die Doppelte Dosis Novokain direkt ins Gehirn injiziert. Das waren bei ihm die typischen Anzeichen dafür, dass er bald wieder etwas brauchte, um die Stimmen in seinem Kopf zu dämpfen. Die Intervalle wurden immer kürzer, wenn er unter Stress stand oder sich unter vielen Menschen befand. Martin tauchte erst aus seiner dumpfen Erstarrung auf, als der Laster anhielt und die Soldaten ihn und Declan Smith von der Ladefläche zogen. Erstaunt blickte er sich um.

Sie standen mitten auf den Jahnwiesen, unmittelbar vor dem Rheinenergie Stadion. Etwa ein Drittel der Rasenfläche diente als Start- und Landefläche für Hubschrauber. In unmittelbarer Nähe sah er eine bunte Mischung aus den verschiedensten Fahrzeugen. Militärische Jeeps und Laster, zwei Feuerwehrwagen, mindestens vier große Kühllaster, Einsatzfahrzeuge der Polizei und mittendrin die vollgepackten Familienkutschen von Menschen, die auf der Flucht vor der Seuche waren. Zwischen all den Autos hasteten Menschen umher. Dort wurde ein Wagen beladen, hier einer mit einer Handpumpe aufgetankt und daneben ein Motor mit farbenprächtigen Beschimpfungen dazu überredet, endlich anzuspringen. Über allem wehte ein undefinierbarer Gestank. Etwa so, wie Schweinefleisch riecht, wenn es zu lange auf dem Grill liegt.

Das Chaos hatte etwas von einem Rockfestival an sich. Aber da waren die Gesichter der Menschen. Hart, verschlossen und manch eines wirkte, als wären eben noch Tränen daran heruntergelaufen. Ein Soldat nahm Martin am Ellenbogen und zog ihn in die andere Richtung, einer behelfsmäßigen Zeltstadt entgegen.

Martin sah Kinder. Leise vor sich hin weinend oder mit erloschenem Blick in eine nicht fassbare Ferne starrend. Einige hielten ein kaputtes Spielzeug so fest in den kleinen Händen, als wäre es ein Anker in diesem Albtraum. Er sah ein Zelt, vor dem eine Gulaschkanone aufgebaut war. Nach dem zu urteilen, was der Koch den hungrigen Menschen auf die schmutzigen Teller klatschte, war es wohl nicht mehr, als heißes Wasser, das man an einer ordentlichen Portion Suppengrün und Gemüse vorbeigeschossen hatte. Ein alter Mann mit Anzug und Hut irrte suchend in den matschigen Gassen der Zeltstadt umher. Er fragte jeden in erreichbarer Nähe, ob denn niemand seine Vera gefunden hätte. Sie müsste ihre Medikamente nehmen, und ohne ihn wäre sie doch so hilflos. Ein Soldat packte den alten Mann grob an der Schulter und zog ihn weg, bevor er Martin erreichen konnte. Eine Nonne kam mit abschätzigem Blick den matschigen Weg auf ihn zu. Sie musterte erst Martin und dann Declan.

»Welche Blutgruppe haben Sie?«, fragte die Nonne Martin.

»Ich wollte nur meine Verlobte hier abgeben. Sie ...«

»Welche Blutgruppe haben Sie?«, fiel ihm die Nonne ins Wort. »Wir haben einen akuten Notstand an Blutkonserven. Also?«

»Null negativ.«

»Sehr gut.«

»Hören Sie ...«

Die Nonne nickte. Martin hörte hinter sich ein metallisches Knacken. Er drehte sich langsam um. Der Soldat hatte sein Gewehr auf ihn angelegt. Declan starrte mit blassem Gesicht und großen Augen auf das Schauspiel. Martin kniff die Lippen zusammen. Der Prophet, den sie auf dem Weg hierher gesehen hatten, kam ihm in den Sinn. Der Soldat winkte mit dem Lauf des Gewehrs und Martin ging in die angegebene Richtung. Hinter sich hörte er die Nonne Declan die gleiche Frage stellen.

»Und welche Blutgruppe haben Sie?«

Karins Leiche sah er nie mehr.

*

Zwei Stunden später saß Martin auf einem notdürftig aufgestellten Bett. Man hatte ihn in ein Zimmer gebracht, das zum ehemaligen VIP-Bereich des Stadions gehörte. Eine breite Fensterfront bot ihm einen Ausblick auf das Notlager. Von hier aus konnte er den Rauch des Leichenfeuers sehen. Ob Karin schon ...

Er verdrängte den Gedanken. Er griff in seine Hosentasche und fingerte seinen Verlobungsring hervor. Gedankenverloren drehte er ihn in den Fingern. Sein Blick fiel auf die Innenseiten seiner Arme.

»Du siehst aus wie ein typischer Junkie«, murmelte er. Hier eine Ampulle Blut, dort eine Injektion. Und dann die Fragen. Endlose Fragen, die ihn einfach nur ermüdeten, weil sie nach einer Weile alle gleich klangen. Nur die Gesichter hatten ständig gewechselt.

Wie alt sind Sie?

Welche Krankheiten hatten Sie bisher?

Kinderkrankheiten?

Erbkrankheiten?

Welche Krankheiten hatten Ihre Eltern?

Ihre Großeltern?

Er hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass ihn endlich jemand zu dem Blutspendezelt des Roten Kreuzes brachte. Aber je länger er hin und her geschoben wurde, je mehr Fragen und Nadeln und Untersuchungen auf ihn eingestürmt waren, umso weniger hatte er noch daran geglaubt, dass er jemals dieses Zelt von innen sehen würde. Auf seine schwachen Fragen, was denn jetzt los sei und was mit ihm geschehen würde, hatte man ihm keine Antwort gegeben. Nur die Blicke, die man ihm zugeworfen hatte, die waren merkwürdig gewesen. Die Ärzte und Schwestern hatten ihn gemustert, wie man ein besonders seltenes Insekt unter dem Mikroskop betrachten mochte. Statt einem Soldaten, der ihn zum Untersuchungszelt gebracht hatte, hatte er plötzlich drei bewaffnete Begleiter bekommen. Alle trugen ABC-Schutzmasken, so dass er sie nicht unterscheiden konnte. Aber Martin hatte ihnen im Geiste die Namen Tick, Trick und Track gegeben. Karin hätte zu dieser Namensgebung bestimmt wieder etwas sagen können. Von wegen Kindsköpfigkeit und so. Aber Karin ... war nicht mehr da.

Martin ignorierte den Schmerz, der sich wie ein Eisenring um seine Brust legte. Er verdrängte jeden Gedanken an sie.

Besser so.

Sonst würde er vielleicht weinend zusammenbrechen, sich auf dem Bett zusammenkrümmen, wie ein Kind mit schlimmen Bauchschmerzen. So ein Bild des Elends wollte er niemandem bieten. Herrgottnochmal, er war ein Mann. Zeit, sich endlich wie ein solcher zu benehmen. Er holte mehrmals tief Luft. Seine Hand ballte sich um den Ring zur Faust. Der Affe in seinem Nacken kam zurück. Und er hatte seinen Bruder mitgebracht. Unruhig wippte Martin mit den Füßen, zitterte und begann zu schwitzen, als das Murmeln und Summen in seinem Kopf wieder zunahm.

Martin würde so gerne Zippeln und zappeln, sich kratzen und streicheln, seine Finger fingern und seine Knöchel knöcheln lassen ... Um sich abzulenken rief er sich noch einmal das Bild der drei Soldaten in Erinnerung.

Tick hatte in seinem Schutzanzug wie ein zu klein geratenes Michelin-Männchen gewirkt. Er war auch der aggressivste der Gruppe gewesen und hatte an der Spitze der kleinen Prozession von seinem Gewehrkolben reichlich Gebrauch gemacht, um Platz zu schaffen. Trick und Track hatten auf ihn wie zwei Kleiderschränke gewirkt, die man für die Wintermonate im Sommerhaus mit einer Plastikplane abgedeckt hatte. Die beiden hatten auch vor der Tür seines Zimmers Posten bezogen. Ob sie immer noch dort standen? Martin seufzte und beschloss es nicht auszukundschaften. Ihm war nicht nach Streit zumute. Sollten sie doch mit ihm machen, was sie wollten. Ihm egal. Karin war tot, was kümmerte es ihn, wenn der Rest der Scheißwelt vor die Hunde ging.

Der Affe in seinem Nacken rüttelte ihn für einen kurzen Moment besonders heftig durch.

Nur ein kleiner Sniff, das wäre doch machbar, oder?

Die Tür ging auf. Martin sah zwei Männer hereinkommen. Beide trugen nur Gesichtsmasken, aber keine Schutzanzüge. Einer trug einen weißen Kittel, der andere eine Uniform mit unzähligen Ordensspangen auf der Brust. Seine Augen waren rotgerändert, so als hätte er vor kurzem noch geweint. Hinter den beiden kamen Trick und Track in den Raum. Der Weißkittel stellte sich neben Martin an das Bett, als wolle er das Ergebnis jahrelanger Forschung präsentieren. Der Uniformierte mit den roten Augen musterte Martin mit unverhohlener Neugier. Seine Augen funkelten kalt. Trick und Track flankierten den Uniformierten.

Einige Augenblicke vergingen schweigend. Martin wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Uniform sich an den Arzt wandte.

»Ist er das?«

Ein leichter Akzent, in dem für Martins Empfinden ein Hauch Baguette und Gauloises mitschwang. Belgier? Franzose?

»Ja, mon Général. Er scheint absolut immun zu sein. Alle Tests verliefen negativ.«

Martin runzelte die Stirn. Was wurde hier gespielt? War also doch etwas an den Gerüchten, dass die NATO inzwischen das militärische Oberkommando über Köln übernommen hatte? Uniform nickte und etwas stach Martin in den Arm. Er zuckte heftig zurück. Weißkittel kannte keine Gnade und drückte ihm irgendeine klare Flüssigkeit in den Muskel seines Oberarms.

»Autsch! Verdammt was soll ...«

Martins Zunge wurde schwer. Das Zimmer verzerrte sich und die Wirklichkeit schlug Wellen. Seine Kopf summte. Er drehte sich zu dem Arzt um.

»Was hamse mirda geschpritzt?«, nuschelte Martin. Die Silben purzelten haltlos aus seinem Mund. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Uniform wandte sich an Trick und Track.

»Bringt ihn weg. Vielleicht ist er ein Ansatz für die Lösung.«

Die Lösung? Für was sollte er die ...

Der Gedanke ertrank, bevor Martin ihn vollenden konnte. Das Bettlaken fiel ihm entgegen. Dann kam die Dunkelheit.

Kapitel III - Erwachen

Die Welt war zeitlose Schwärze. Langsam wuchsen Geräusche und Stimmen aus dem Nichts.

»Immer noch keine Reaktion?«

Eine verschwommene Gestalt zeichnete sich hell aus dem Nichts heraus ab.

»Nein Sir. Wir haben ihm sogar eine doppelte Dosis intravenös verabreicht. Sein Immunsystem spült alle Erreger sofort wieder aus.«

Die Gestalt sah aus wie ein Astronaut.

»Wie kann das sein? Ab sofort ist dieser Mann wie ein Patient Null zu behandeln. Halten Sie ihn ruhig. Vielleicht ist er die Lösung.«

Ein Stich in den Arm.

Dann wieder zeitlose Dunkelheit.

In der Dunkelheit eine Gestalt, heller als tausend Sonnen und doch nicht blendend, heißer als es ein Mensch ertragen konnte und doch nicht verbrennend. In die zeitlose Dunkelheit kam das Gefühl von Frieden und Liebe.

Und damit die vage Ahnung einer Aufgabe.

Nach einer nicht messbaren Zeitspanne schwamm das Bewusstsein erneut an die Grenze zum Licht. Ein Name tauchte aus dem Nichts auf.

Martin.

Mit dem Namen kamen Schmerzen. Druck auf der Brust, der das Atmen erschwerte. Ein brennendes Stechen im Arm. In der Schwärze hinter seinen Lidern ein Piepsen. Ein gleichmäßiges, elektronisches Geräusch, das mit entnervender Gleichgültigkeit in sein Bewusstsein tropfte. Die Stimmen murmelten unverständliche Worte. Dann verstummten sie. Martin öffnete die Augen und blickte verständnislos umher.

Wo war er?

Das gelbliche Licht eines späten Nachmittags flutete ins Zimmer, stach mit heißen Nadeln in seinen Augen. Mit einem leisen Stöhnen kniff er sie zusammen. Vorsichtig wandte er den Kopf. Stille hinter dem Metronom des Piepens.

Ein Krankenhausbett?

Seine trockene Zunge fuhr über die Lippen. Sie fühlten sich wie zwei taube Wülste in seinem Gesicht an. Langsam öffnete er die Augen ein kleines Stück. In seinen Armen steckten Infusionsnadeln. Über seiner Brust lag ein umgekippter Galgenständer. Mühsam verfolgte er mit seinem Blick einen Schlauch, der aus seinem Arm wuchs. Ein Gefühl, als müsste er sich wie ein antiker Held einen Weg aus einem Labyrinth suchen. Seinen eigenen Weg zurück in die Realität.

Er sah neben dem Bett einen Monitor und einen weiteren Galgenständer mit einer Infusionsflasche. Ein Blick auf die Flasche. Leer und zerknüllt wie eine Coladose am Haken.

Okay, du liegst in einem Krankenhaus, dachte Martin. Wie zum Teufel bist du hierhin geraten? Ich war doch eben noch im Stadion, wo ...

Er schloss die Augen, als die Bilder der Erinnerung auf ihn einstürmten.

Karin, das Feuer, Baguette und Gauloises ... der Stich in den Arm.

Langsam erwachte Martin endgültig aus dem Dämmerzustand. Ein Gefühl wie durch ein Meer aus Watte zu schwimmen. Er öffnete seine Augen erneut, diesmal vorsichtiger, und blickte sich um. Stumpfes Licht fiel in sein Zimmer. Ein Einzelzimmer, während draußen die Menschen in Massen starben? Über das Piepsen des Monitors hinweg bemerkte er etwas Ungewöhnliches.

Ruhe.

Nicht nur Ruhe, sondern das absolute Fehlen jeden Geräuschs. Selbst in einem ländlichen Krankenhaus würde man die üblichen Geräusche hören.

Nichts.

Absolutes Nichts.

Keine Autos draußen, keine Schritte auf dem Flur. Kein Türenknallen, keine Lautsprecherdurchsagen, die nach irgendeinem Doktor riefen ... die Welt begrüßte Martin mit eisigem Schweigen. Ächzend hob er den Kopf und stützte sich auf die Ellenbogen. Einer der Galgenständer fiel laut scheppernd zu Boden. Martin verzog das Gesicht und kniff die Augen zu. Er holte tief Luft, um das Summen im Kopf unter Kontrolle zu bekommen.

Zu viel Anstrengung, alter Junge. Gehs langsamer an.

Martin lächelte müde. Mit Hilfe des dreieckigen Plastikgriffs über dem Bett setzte er sich ganz auf. Schweißgebadet hielt er einen Moment inne. Außer dem Echo des Herzschlags in seinen Ohren hörte er nichts. In seinem Kopf hämmerte es furchtbar. Was war das hier für ein Laden? Martin fand den Rufknopf für die Schwester. Ein Griff, ein Druck mit dem Daumen, und im Schwesternzimmer würde jetzt eine rote Lampe blinken und allen mitteilen, dass Martin wieder unter den Lebenden weilte.

Soweit die Theorie.

Nichts tat sich.

»Hallo?«

Seine Stimme war ein heiseres Krächzen. Ein schmerzhaftes Schlucken.

»Hallooho?«

Der einsame Ruf verblutete in der Stille. Martin saß in seinem Bett und hypnotisierte die Tür. Der gleichgültige Gesang des Monitors hallte durch die Stille.

Keine Schritte.

Keine Stimmen.

Keine Autos ... und draußen dämmerte der Morgen.

*

Martin vergaß die Zeit und erst als seine Pobacken einschliefen, kam wieder Leben in ihn. Mit einer fahrigen Geste griff er an seine Arme und zog die inzwischen nutzlosen Infusionsnadeln heraus. Dann waren die Pflaster an der Reihe, die die Elektroden an seine Brust klebten. Der Monitor bekam eine Herzattacke und pfiff wie ein heiserer Dampfkessel. Jetzt würde man im Schwesternzimmer aber bestimmt Alarm schlagen.

Zehn Minuten später war immer noch niemand da, um nach dem Rechten zu sehen. Aus dem mulmigen Gefühl in Martins Bauchhöhle wurde langsam ein Eisklumpen. Wer hatte ihn aus welchen Gründen hierhin verschleppt? Vorsichtig schwang er die Beine aus dem Bett und wankte ans Waschbecken.

Wasser! Schnell, viel und kalt.

Sein Körper schrie nach Flüssigkeit. Der Wasserhahn röchelte und ein Strahl dunkelbrauner Brühe schoss hervor, der nur langsam klarer wurde. Martin fragte sich, wie lange es her war, dass hier jemand den Wasserhahn benutzt hatte. Ein oder zwei Tage reichten normalerweise, damit die Leitungen sich mit Rost belegten. Sollte so lange niemand nach ihm gesehen haben?

Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, wagte er einen Rundblick durch sein Zimmer. Nach einem normalen Krankenzimmer sah es nicht aus. Sein Bett, der Monitor ... alles wirkte auf Martin wie notdürftig aufgestellt. Und über allem diese nervtötende Stille. Sein Blick schwankte zwischen Fenster und Tür hin und her. Er entschied sich für das Fenster. Bei jedem schlurfenden Schritt schwappte es gefährlich in seinem Bauch und seiner Blase. Ein unangenehmes Gefühl, jedoch nichts im Vergleich zu dem, das ihn überrollte, als er aus dem Fenster blickte.

Ein schiefergrauer Himmel, auf dem die Wolken wie dicke, nasse Wäschebündel lagen. Darunter im Zwielicht ein Grünstreifen, hinter dem sich im Dämmerlicht die Umrisse der Kölner Innenstadt als noch dunklere Scherenschnitte abhoben. Vereinzelt sah Martin den hellen Schein ungezügelter Feuer. Das musste auf der anderen Rheinseite sein. Über den verwaisten Parkplatz unter seinem Fenster segelte ein Blatt Papier im Wind. Niemand bereitete die Aufnahme unzähliger Notfälle vor. Im Gegenteil. Aus einem der abgestellten Krankenwagen baumelten zwei Füße mit weißen Socken und billigen Turnschuhen. Blass, und mit ängstlich aufgerissenen Augen, wankte Martin zur Tür.

Drei Schritte und einige ungläubige Momente später plumpste er kraftlos auf das Bett.

Die Tür zu seinem Zimmer war abgeschlossen.

*

Die Erschöpfung hatte Martin trotz seines bohrenden Hungergefühls erneut einschlafen lassen. Dazu kam eine ordentliche Prise Nasenzucker aus seinem Jackenvorrat, der sich bedenklich dem Ende näherte.

Als er die Augen öffnete, lag er eingerollt wie ein Embryo auf den zerwühlten Bettlaken. Seine Augen waren verklebt, er fühlte sich schwach und zittrig. Draußen war es heller geworden. Das Pochen zwischen seinen Schläfen war zu einem beständigen Begleiter geworden, der im Rhythmus seines Herzschlags den Takt eines unhörbaren Lieds vorgab. Vorsichtig setzte er sich auf und schaute sich um. Alles unverändert. Sein Gesicht verzog sich. Wütend griff er hinter den Monitor und riss das Stromkabel aus der Wand.

»Schickt mir ruhig die Rechnung«, flüsterte er in die Stille.

Keine Antwort.

»Wenn ich mit euch fertig bin, ist das da nur noch ...«, er deutete hilflos auf das Kabel in seiner Hand. Sein Atem wurde schneller und seine Hände begannen zu zittern. Schließlich brüllte er mit aller verbliebenen Kraft in das Schweigen der Welt.

»DANN IST DAS HIER NUR EINE LAPPALIE! HÖRT IHR?«

Seine Stimme brach, wurde zum heiseren Flüstern eines verängstigten Kindes. Tränen brannten heiß in seinen Augen.

»Gottverdammt noch mal, was ist hier los?«

Sein Hals tat weh von der ungewohnten Anstrengung. Das Piepen des toten Monitors hallte als totes Echo in seinen Ohren nach. Die Stille sprang ihn an wie ein wildes Tier. Martin stand auf und ging an das Fenster. Er versuchte auf dem Parkplatz etwas zu erkennen.

Alles unverändert.

Der Schein der Feuer, der Ambulanzwagen mit offenen Türen stand immer noch am selben Fleck, und die weißen Socken mit den billigen Turnschuhen hatten sich nicht bewegt. Die Angst wollte nicht weichen, setzte sich in seinem Denken fest.

Hatte die Seuche die Menschheit ausgerottet?

War dass das Ende der Welt?

Unmöglich!

Informationen.

Er brauchte Informationen, um sich ein Bild der Lage zu machen. Fernsehen? Radio? Fehlanzeige. Im Zimmer gab es weder das eine noch das andere. Martin ballte die Fäuste und starrte zur Tür. Massives Holz, ein einfaches Schloss. Martin holte tief Luft und ging zur Tür. Mit beiden Fäusten und laut brüllend veranstaltete er einen Lärm, der Tote aufgeweckt hätte.

Martin hätte später nicht mehr sagen können, wie lange dieser Anfall von Jähzorn gedauert hatte. In Schweiß gebadet und mit zitternden Muskeln rutschte er an der Tür herunter und setzte sich auf den kalten Boden.

Raus! Ich muss hier raus!

Ein alles beherrschender Gedanke, der wie ein monotones Mantra immer wieder durch sein Denken hallte. Er blickte zum Fenster.

»Ihr habt mich eingesperrt?«, flüsterte er. »Okay, dann eben anders.«

Mühsam richtete er sich auf und wankte zum Schrank. Erst mal anziehen und seine Vorräte an Nasenzucker checken. Ein kleiner Sniff konnte nicht schaden. Selbst wenn dies hier nur ein verrückter Albtraum war, musste er sich nicht unbedingt halb nackt und mit einem beginnenden Turkey am Fenster zeigen. Außerdem war es inzwischen empfindlich kalt geworden. Mühsam streifte er anschließend seine Kleidung über. Der intensive Geruch der Feuer zog durch das geöffnete Fenster ins Zimmer. Martin hörte nichts. Keine Autos, keine Vögel. Die Welt hüllte sich in Schweigen. Eine stumme Botschaft, die er nicht verstand. Aus dem Fenster neben seinem Zimmer wehte ein weißer Vorhang mit einem merkwürdigen, braunen Sprenkelmuster. Die Turnschuhe baumelten immer noch aus dem Rettungswagen. Knapp eine Beinlänge unter dem Fenster zog sich ein schmales Sims an der Wand entlang. Ob seine Füße darauf Platz finden würden? Zumindest die vorderen Fußballen, schätzte er. Die Entfernung zum Nachbarfenster erschien ihm nicht zu groß, und sein Zimmer lag im zweiten Stock. Verlockend breite Fugen zwischen den Platten der Außenwand gaben den Ausschlag. Ein letzter Blick ins Zimmer. Er würde nichts Wichtiges zurücklassen. Beherzt schwang er ein Bein aus dem Fenster und machte sich auf den Weg ins Nachbarzimmer.

*

Martin verfluchte sich, seinen Leichtsinn und das unsichtbare Personal dieses Irrenhauses. Verkrampft hing er zwischen den Fenstern. Seine Finger klammerten sich in die schmalen Fugen zwischen den Platten der Außenwand. Seine Beine zitterten, da sein ganzes Gewicht auf den vorderen Fußballen lastete. Seine Waden verkrampften sich schmerzhaft.

Welcher Teufel hatte ihn da geritten? Er wusste nicht, wie lange er ohne feste Nahrung in seinem Zimmer gelegen hatte, als er zum ersten Mal erwacht war. Und da fiel ihm nichts Besseres ein, als an einer Häuserwand zwischen zwei Zimmern entlang zu klettern? Schweiß lief ihm in die Augen. Seine Beine summten unter der Anstrengung wie zwei Hochspannungsleitungen unter Volllast, und der Wind kühlte seine ohnehin geschwächten Muskeln noch weiter aus. Er hing zwischen den Fenstern. Von beiden Öffnungen etwa eine handbreit entfernt. Er sah zwei Möglichkeiten.

Erstens: Zurück ins Zimmer.

Nichts zu Essen, keine Informationen und eine verschlossene Tür.

Keine gute Wahl.

Zweitens: Er konnte versuchen, sich weiter in Richtung Nachbarzimmer zu hangeln und dabei riskieren abzustürzen.

Karins spöttisch lächelndes Gesicht schob sich vor sein Denken.

»Verschwinde. Du bist tot. Ich kann dich jetzt nicht brauchen«, murmelte er der rauen Fassade zu. Es half. Karin verschwand. Er biss die Zähne zusammen und schob seine Füße ein Stück weiter in Richtung Nachbarfenster. Noch ein Schritt, und er müsste die Finger der rechten Hand von der Wand lösen.

Einen Moment noch, oh Gott bitte nur diesen einen Moment.

Die Angst vor einem Sturz griff mit einer klammen Hand nach seinen Eingeweiden. Der Klammergriff der Rechten löste sich von der Wand, die Fingerkuppen schmirgelten über die raue Haut der Fassade. Martin schob seine Füße weiter nach links und zog gleichzeitig mit seiner linken Hand. Ihr Griff lockerte sich. Jetzt stand er bäuchlings an die Wand gepresst, die Füße eng beisammen auf dem schmalen Sims. Seine Rechte hing nutzlos an der Wand runter. Ein vorsichtiger und tiefer Atemzug und Martin löste den verzweifelten Griff seiner linken Hand, sein Arm schnellte nach links, seine Finger suchten verzweifelt nach dem Fensterrahmen. Ein Windstoß schob sich sanft zwischen Bauch und Wand und riss ein panisches Stöhnen mit sich. Krampfhaft versuchte Martin das Gleichgewicht zu behalten und seine Finger griffen nach einem Halt.

Endlich.

Seine Finger klammerten sich fest an das kalte Metall. Langsam schob er sich weiter in Richtung Nachbarzimmer.

Einen Moment ausruhen.

Seine Stirn lag an der Wand. Der intensive Geruch der Feuer wehte um sein Gesicht. Aber ein anderes Aroma, viel stärker und ekelhaft süßlich, lag nun deutlich in der Luft. Darum würde er sich später kümmern. Jetzt hieß es weitermachen, bevor er kurz vor dem Ziel seiner Träume doch noch auf den Asphalt stürzte. Martin drehte den Kopf vorsichtig nach links. Der Vorhang mit seinem seltsamen Sprenkelmuster wehte wie ein Segel nach draußen.

Auf den musste er aufpassen. Wenn der ihm im falschen Moment die Sicht nahm und er sein Gleichgewicht verlieren würde ...

Martin wollte diesen speziellen Gedankengang nicht weiterverfolgen. Er schob seinen Körper noch dichter an das offene Fenster. Dann war er so nah, dass er es riskieren konnte, sein linkes Bein zaghaft über die Brüstung zu heben und sich rittlings auf den Rahmen zu setzen. Schließlich plumpste Martin auf den Boden des Nachbarzimmers und blieb mit vor Erschöpfung zitternden Gliedern auf dem Rücken liegen. Die Fenster der Zimmer gingen alle nach innen auf. Darüber hatte er nicht nachgedacht! Ein falscher Luftzug, und das zufallende Fenster hätte ihm die Finger abgehackt. Egal, er war drinnen und alles andere zählte jetzt nicht mehr.

Martin betrachtete das Muster des Vorhangs genauer. Etwas an diesem Bild alarmierte ihn. Er erkannte dieses Muster, und der merkwürdige Geruch, draußen schwach und vom Rauchgeruch überlagert, lag hier schwer und deutlich in der Luft. Immer noch auf dem Rücken liegend drehte er den Kopf nach rechts ... und starrte in den Schädel einer Krankenschwester.

*

Saures Wasser kam in harten Stößen aus seinem Magen. Martin keuchte zwischen den Krämpfen nach Luft. Sein Bauch schmerzte und seine Knie schrien. Als das Würgen endlich nachließ, besah er sich das Zimmer und die Tote genauer.

Martin glaubte, in den getrockneten Resten ihrer offenen Schädeldecke blonde Haare zu erkennen. Ihre Augen waren im Tod weit aufgerissen. Das Zimmer hier sah genauso aus wie seines nebenan. Blassgrüne Wände, jede Menge medizinische Apparate. Er hob den Blick, sah auf das Bett und entdeckte eine weitere Leiche. Diesmal ein Mann. Zahllose Kabel führten von medizinischen Geräten zu seinem Körper. Die behaarten Unterarme lagen in einer Schutzgeste auf dem Gesicht des Toten. Hemd und Bettdecke waren voller Blut und zerfetzt. Vielleicht hatte er aufspringen und sich in Sicherheit bringen wollen, als sein Mörder in das Zimmer gestürmt war. Der Monitor neben dem Bett war ein Trümmerhaufen.

Was für ein Massaker! Aber warum das Ganze?

Martin versuchte, alles in einen erklärbaren Zusammenhang zu bringen. Kopfschüttelnd rappelte er sich auf. Wie lange, und vor allem wie tief, mochte er weg gewesen sein, dass er nichts hiervon mitbekommen hatte? Wieso war niemand bei ihm vorbeigekommen, um ihn ebenfalls zu erschießen? Was um Himmels Willen war hier passiert? Er stand auf und ging an das Bett. Irgendetwas an dem Toten kam ihm bekannt vor. Als Martin am Kopfende des Bettes ankam, wusste er warum.

Declan Smith.

Freier Handelsvertreter für Gentronics Pharmaka.

Martin schluckte trocken und wandte sich ab. Sein Blick fiel auf die Hand der toten Krankenschwester. Sie hielt im Tod etwas krampfhaft fest. Mit knackenden Knien ging Martin in die Hocke, öffnete ihre steifen Finger und sah, was ihre Hand im Tod beschützte. Er schluckte das heiße Brennen in seinem Hals herunter. Das ging. Nur die Tränen konnte er nicht zurückhalten.

In ihrer Hand lag ein großer Schlüsselbund.

Martin erwachte aus der Erstarrung und schloss der Toten die Augen. Den Schlüsselbund nahm er an sich. Die Tür zum Zimmer hing halb aus den Angeln. Martin kannte diese Spuren. Einer seiner Pflegeväter war geübt darin gewesen, Türen aufzutreten. Seine Pflegemutter hatte sich oft genug vor ihm in Sicherheit bringen müssen, wenn er Einen oder Zwei über den Durst getrunken hatte.

Sein Blick glitt in den Flur hinaus. Ein Fleisch gewordenes Gemälde von Hieronymus Bosch erwartete ihn hier. Ärzte, Pfleger, Schwestern und Patienten lagen mit verdrehten Gliedmaßen auf dem grünen Linoleum des Bodens. Die Wände waren mit Einschusslöchern übersät und über allem lag das unverwechselbare Parfüm des Todes. Drei Schritte entfernt lag ein Uniformierter. Martin blinzelte verwirrt. Trug der nicht einen Schutzanzug? Merkwürdig nur, dass der Tote keine Maske angelegt hatte. Auf jeden Fall hielt er eine Waffe in der Hand und hatte Ersatzmagazine an seinem Gürtel. Was immer hier passiert war, eine Waffe war in einer Situation wie dieser ein Geschenk Gottes. Martin ging vorsichtig zu der Leiche. Um den Gurt der Waffe zu lösen musste er den Toten drehen. Ein Blick den Flur hinauf und hinab. Niemand zu sehen oder zu hören. Martin fasste die Leiche unter den Schultern, wuchtete sie ächzend an ... und ein jodelndes Stöhnen aus dem Mund des Toten zerriss die Stille.

Martin schrie erschrocken auf, robbte auf dem Hintern rückwärts von der Leiche weg. Sein Herzschlag raste, feiner Schweiß stand auf seiner Stirn und seine Arme zitterten. Die Leiche blieb ruhig liegen. Martin erinnerte sich, irgendwann ein Gerücht aufgeschnappt zu haben das besagte, dass ein Toter, der lange genug liegt, in seinen Därmen jede Menge Gase sammelt. Diese Gase kommen nicht an der erschlafften Zunge vorbei, die wie eine Sperre im Hals eines Toten liegt. Bewegt man eine Leiche, liegt es im Bereich des Möglichen, dass sich diese Gase lautstark ihren Weg nah draußen suchen.

Martin beobachtete den Toten genau.

Hatte er sich nicht gerade bewegt, war da nicht so ein beinahe unmerkliches Zucken der Finger zu sehen gewesen?

Martin atmete tief durch. Seine Angst hatte ihm einen Streich gespielt. Der Tote lag regungslos auf dem Boden vor ihm, wie es sich für einen anständigen Leichnam gehörte. Vorsichtig kroch er zurück zu dem reglos daliegenden Körper, jederzeit bereit, aufzuspringen und abzuhauen, sollte der Tote vielleicht doch auf die Idee kommen, nachzusehen, wer da seine Ruhe störte. Mit zitternden Fingern nahm Martin alles an sich, was ihm brauchbar erschien. Die Waffe, die Magazine und in einer Tasche des Toten fand er einen Schokoriegel. Heißhungrig riss Martin das Papier von diesem Riegel göttlichen Ambrosia. Ein lustvolles Stöhnen quetschte sich zwischen seinen kauenden Zähnen hindurch. Die Schokolade machte Martin auf das laute Grummeln in seinem Bauch aufmerksam. Gierig durchsuchte er die anderen Taschen des Toten und fand nichts mehr. Dann sah er zwei Schritte entfernt eine Dose Cola liegen. Auf allen Vieren robbte er auf den glänzenden Schatz zu. Ein Griff, ein Zischen und Martin erlebte eine ungeahnte Reanimation seiner Geschmacksnerven. Noch nie hatte etwas so gut geschmeckt, wie diese billige, warme Limonade. Die süße und klebrige Flüssigkeit rauschte durch seinen Hals und ein schmales Rinnsal lief an seinem Bart herunter. Martin setzte die Dose erst ab, als nichts mehr herauskam. Schwankend kniete er auf dem Boden. Das Grummeln in seinem Bauch wurde lauter und lauter. Martin riss die Augen auf. Seine Wangen blähten sich und ein lautstarkes Rülpsen donnerte über den Flur der Toten. Martin ließ sich vornüber auf seine Hände fallen. Nur für den Fall, das sein Magen die ungewohnte Ladung per Expresslift zurückschicken würde.

Lange Zeit hockte er einfach nur da. Seine Haare hingen ihm in fettigen Strähnen ins Gesicht. Dann begannen seine Schultern unkontrolliert zu zucken. Ein leises Kichern drang durch den Vorhang aus Haaren, wurde lauter und lauter. Ein hysterisches Lachen brach aus Martin heraus.

»ICH LEBE! HABT IHR GEHÖRT? ICH LEBE UND ICH WERDE WEITERLEBEN!«

Das Echo seines Schreis hallte über den Flur. Die Toten nahmen den Ausbruch gelassen zur Kenntnis.

Schön für dich, alter Junge.

Kapitel IV - Draußen

Martin stand in der Eingangshalle des Gebäudes und starrte aus der Glastüre in die Dämmerung hinaus. Es hatte angefangen zu regnen. In der Scheibe spiegelte sich das Chaos, das hinter ihm herrschte. Eine Reflektion seiner Gefühle.

Dieses Gebäude war kein Krankenhaus, wie Martin zuerst geglaubt hatte. Es war eine Schule, die man in Windeseile in ein Feldlazarett verwandelt hatte. Wo früher Kinder über die Flure gehastet waren, stapelten sich jetzt leere Munitionskisten. Tüten gefriergetrockneter Nahrungsmittel und Trinkwasserbehälter lagen verstreut zwischen Leichen. Vor dem Gebäude war das Kinderlachen befestigten Schützenstellungen gewichen. In den Klassenzimmern hatte man notdürftige OP-Säle und Laboratorien eingerichtet. Im ehemaligen Lehrerzimmer hatte Martin eine Art Kommandozentrale entdeckt. Dort hatte er ein dumpfes Brummen und Rattern gehört. Bei seinem vorsichtigen Blick aus dem Fenster hatte er einen militärischen Notstromgenerator entdeckt, der an einen großen Tank angeschlossen war. Eines von den Ungetümen, die mehrere Tage ein Haus wie dieses mit Energie versorgen konnten. So wie der Generator geklungen hatte, würde er aber nicht mehr lange durchhalten. Mit einem dumpfen Gefühl der Hoffnungslosigkeit war Martin aus dem Lehrerzimmer gegangen. Die Vitrine mit den Pokalen der Schulmannschaft lag zertrümmert am Boden der Eingangshalle. Zwischen den Scherben lagen selbst gemalte Bilder von Kindern neben Patronenhülsen und fallen gelassenen Ausrüstungsgegenständen. Hier eine Feldflasche, dort ein Feldbesteck.

Martin atmete zitternd tief durch und starrte in den Regen. Er versuchte das, was ihm das Chaos in seinem Rücken sagen wollte, irgendwie zu verstehen. Was war geschehen? Wie lange war er weg gewesen? Er legte seine Stirn gegen die Eingangstür. Seine Augen brannten. Entweder war die Menschheit tatsächlich untergegangen, oder es hatte eine Evakuierung gegeben.

Und ihn hatte man vergessen.

Aber warum war er hier?

Wer hatte ihn betäubt und warum?

Die Stimmen aus der Dunkelheit kamen Martin in Erinnerung. Langsam hob er seine Arme und besah sich die Einstiche an den Ellenbeugen.

Hatte man ihn als Versuchskaninchen missbraucht? Martin verdrängte mit einer bewussten Anstrengung diesen dunklen Gedanken, der ihn mit seiner zersetzenden Kraft lähmen wollte. Wenn das wirklich so gewesen wäre, dann würde er jetzt bestimmt nicht hier herumlaufen. Und vom Jammern würde er weder Antworten bekommen, noch würde sich sein knurrender Magen beruhigen.

Er musste zuerst an sich denken. Der Rest der Welt konnte ihm jetzt scheißegal sein. Nur sein knurrender Magen und seine eigene Haut waren ab jetzt wichtig. Mit einer trotzigen Geste wischte er sich über das Gesicht. Zuerst müsste er ...

In der Glasscheibe spiegelte sich eine Bewegung. Martin fuhr herum, riss die Waffe hoch und blickte in das blasse Gesicht eines Jungen. Die Sekunden dehnten sich wie zähflüssiges Glas, während Martin und der Junge sich einander taxierten und zu entscheiden versuchten, ob der jeweils andere eine Gefahr darstellte. Der Junge sah sauber und gesund aus. Seine Kleidung hätte eine Wäsche vertragen können, doch unter den gegebenen Umständen erschien Martin die Erscheinung von beruhigender Normalität. Er ließ die Waffe sinken.

»Hi.«

Keine Reaktion. Der Junge starrte ihn an. In seinem Blick lag keine Angst, eher Misstrauen. Martin schätzte sein Alter auf zehn Jahre. Langsam streckte er dem Jungen eine Hand entgegen.

»Ich dachte, hier würde keiner mehr leben. Ich heiße Martin. Und du?«

Der Junge wich einen Schritt zurück. Ein Lichtreflex tanzte auf seinem blonden Haar.

»Ich tue dir nichts. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben.«

Der Junge runzelte die Stirn, als würde er angestrengt auf etwas lauschen, das Martin nicht hören konnte. Für einen Augenblick glaubte er zu sehen, dass sich die Augen des Jungen verdunkelten. Kälte ging von dem Kind aus. Martin taumelte und griff sich an den Kopf. Er verzog das Gesicht und stöhnte leise auf. Blut tröpfelte aus seiner Nase. Dann verflog der Augenblick. Martin blies den angestauten Atem durch seine gespitzten Lippen und hob den Blick.

Der Junge war weg.

»Na Klasse«, murmelte er in die Stille.

»Der erste Mensch, der mir in diesem Irrenhaus begegnet, ist Copperfield Junior.«

Er schaute sich um. Wohin war der Kleine verschwunden? Ein leises Knarren gab ihm die Antwort. Direkt unter der nach oben führenden Treppe sah Martin eine schwere Eisentür zuschwingen. Ein Schild wies darauf hin, dass es hier zum Heizungskeller ging und Unbefugten der Zutritt strengstens untersagt sei.

Martin wischte mit sich etwas Blut von seiner Oberlippe und nickte.

»Wo würde ich mich am liebsten verstecken, wenn die Welt untergeht? Im Keller, wo sonst.«

*

Wenige Augenblicke später stand Martin wie eine Statue in der Tür zum Heizungskeller. Das leise Surren einer Heizungs- und Belüftungsanlage hallte von den Wänden wider. Am Ende der Treppe führten zwei Gänge nach links und rechts, tiefer in den Keller hinein. Martin zitterte und auf seiner Oberlippe bildeten sich feine Schweißperlen.

Der Junge war der erste lebende Mensch, dem er nach seinem Erwachen begegnet war. Er musste ihm folgen, wenn er erfahren wollte, was geschehen war. Aber ein Wächter, mit dem Martin niemals gerechnet hätte, bewachte die Treppe. Geduldig auf Beute lauernd hing er auf Höhe der dritten Stufe von der Decke.

Eine Spinne.

Wenn Martin etwas hasste, dann waren es die diese kleinen, haarigen Monster auf acht Beinen. Und dieses Exemplar hier, war ein besonders dickes. Sie schwang leicht an ihrem Faden hin und her und schien ihn dabei zu verspotten. Wie war der Junge an ihr vorbeigekommen? Hatte er durch den Luftzug seiner Bewegung dieses Monster dazu gebracht, aus ihrem Netz zu kommen und sich auf die Lauer zu legen?

Martin holte zitternd Luft.

»Okay. Ich tue dir nichts, wenn du mich auch in Ruhe lässt.«

Mit Beinen, die nicht zu seinem Körper gehörten, drückte Martin sich rücklings an das Geländer. Vorsichtig betrat er die erste Stufe. Sein Atem kam in harten Stößen und Schweiß brannte in seinen Augen. Dann erreichte er die dritte Stufe und stand Auge in Auge mit der Spinne. Sein Atem verstärkte ihr Schwingen. Mit jedem Atemzug kam sie näher an sein Gesicht. Martin wollte die nächste Stufe betreten, aber der Befehl an seine Beine ging auf dem Weg durch seine Nervenbahnen verloren. Mit grausiger Faszination bemerkte Martin, wie die Spinne sich an ihrem Faden lässig in seine Richtung drehte. Der kalte Glanz der Neonröhren spiegelte sich in ihren Augen. Ein weiterer Atemzug ließ die feinen Haare auf ihrem Körper erzittern, gab ihr nochmals einen Schwung und unaufhaltsam kam sie mit jeder Amplitude ihrer Schwingung seinem Gesicht näher. Ein unartikulierter Laut kroch in Martins Hals hoch. Das Zittern erreichte seinen ganzen Körper. Gleich würde dieses handtellergroße Ungeheuer in seinem Gesicht landen, sich mit seinen Beinen an seinen Wangen festklammern und –

»Kommst du endlich?«

Mit einem entsetztem Aufschrei fuhr Martin herum. Seine Beine verhedderten sich im Riemen der Maschinenpistole. Laut polternd fiel Martin die letzen Stufen der Treppe hinunter.

Unten angekommen rappelte er sich auf, tastete mit hastigen Bewegungen seinen Körper ab.

»IstsiewegistsieirgendwoanmirsiehstdudasVieh?«

»Maximilian ist kein Vieh.«

Schwer atmend schaute Martin die Treppe herauf. Die Spinne hing an Ort und Stelle. Dann wandte er sich zu der Stimme um. Der blonde Junge blickte ihm grinsend ins Gesicht. Martin besann sich auf dessen Alter und versuchte, erwachsen zu klingen.

»Wenn du es sagst. Ich finde aber trotzdem, dass es ein Ungeheuer ist. Eine Vogelspinne ist kein Haustier, sondern eine giftige Waffe auf acht Beinen.«

Der Junge schüttelte den Kopf und das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.

»Wenn Max dich gebissen hätte, wäre es nicht schlimmer als ein Bienen- oder Wespenstich geworden.«

»Und woher willst das wissen, du kleiner Klugscheißer?«

»Max ist keine asiatische Vogelspinne. Bei denen kann ein Biss in manchen Fällen zu Muskelkrämpfen führen.« Der Junge wandte sich von Martin ab. »Und wenn hier einer ein Klugscheißer ist, dann doch wohl du. Vogelspinnen bauen keine Netze und können deshalb auch nicht an Fäden von der Decke baumeln.«

Martin blickte dem Jungen mit offenem Mund hinterher.

»He«, rief Martin. Der Junge blieb an der Ecke stehen und drehte sich zu Martin um.

»Ich heiße Tom. Und du bist Martin Martinsen.«

»Woher weißt du meinen Namen?«

»Was glaubst du, wer die ganze Zeit nach dir gesehen hat, seit sich hier alle gegenseitig umgebracht haben?«

Tom griff in seine Hosentasche und holte ein gigantisches Schlüsselbund hervor. Martin schüttelte ungläubig den Kopf. Der Junge holte Luft, als wolle er noch etwas hinzufügen, als er plötzlich erstarrte und den Kopf zur Seite neigte. Sein Blick wandte sich nach innen und wieder bemerkte Martin, dass die Augen des Jungen sich verdunkelten. Martin hatte plötzlich das Gefühl in einem dicken Sirup zu liegen. Seine Wahrnehmung veränderte sich. Eine Staubfluse am Boden wuchs zur Größe eines Dornenbuschs, das leise Surren der Maschinen schwoll zu einem dumpfen Grollen heran. Martin bemerkte, das Toms linker Arm eine Prothese war. Ihm wurde schwindelig. Ein merkwürdiges, knisterndes Geräusch wurde allmählich lauter und drängender. Es klang entfernt nach Speck, der in einer Pfanne brutzelte. Martin wollte sich an den Kopf fassen, wollte sich davon überzeugen, dass er noch er selber war, als der Moment verflog.

Tom blickte besorgt auf.

»Martin. An deiner Stelle würde ich jetzt mitkommen.«

Martin rappelte sich schwankend auf und versuchte sich zu orientieren. Der Gang schien Wellen zu schlagen und der Boden fühlte sich an, wie das Deck eine Schiffs auf hoher See.

»Was?«

»Ein Unwetter zieht auf und es wird dunkel. SIE kommen. SIE kommen immer, wenn es dunkel wird.«

»Wer sind SIE?«

»SIE?« Ein leichtes Lächeln legte sich auf Toms Züge, erreichte aber seine Augen nicht. Er fasste mit seiner gesunden Hand nach Martins Arm. »Wenn du schon Angst vor einer ausgestopften Vogelspinne hast, möchtest du die Knirscher bestimmt nicht kennen lernen.«

Ein Gefühl der Hilflosigkeit stieg in Martin auf. Die Welt war für ihn innerhalb eines Augenblicks zu einem Ort geworden, in dem er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr zurecht fand. Er blickte in Toms Augen und sah darin eine Härte, die nicht in die Augen eines Kindes gehörte. Martin nickte ergeben und ließ sich von Tom in die Tiefen des Kellers führen.

Und das Knistern und Knirschen wurde immer lauter.

*

Martin hastete hinter Tom durch ein Labyrinth aus schmalen Gängen. Graue Türen zogen an ihm vorbei, dann ging es durch einen Maschinenraum. Das Tosen einer Anlage, ob Heizung oder Klima, vermochte er nicht zu erkennen, unterdrückte das Knistern und Knirschen. Martin fragte sich, wie groß die Schule sein mochte und machte eine entsprechende Bemerkung.

»Dies ist keine Schule«, sagte Tom, während er eine der Türen öffnete und Martin in einen dunklen Gang lotste, an dessen Ende eine Treppe nach unten führte. »Wir sind hier in einem Teil der Sporthochschule Köln.«

Martin legte Tom eine Hand auf die Schulter.

»Warte bitte. Ich kann nicht mehr.«

Er stützte seine Hände auf die Knie und atmete schwer. Seine Beine zitterten und sein Blick verschwamm. Ungeduldig trat Tom von einem Fuß auf den anderen. Das Knirschen und Knistern war zu einem ständigen Begleiter der beiden geworden. Martin kam ein Gedanke.

»Du sagtest vorhin, ich würde die ... Knirscher nicht kennen lernen wollen, wenn ich vor einer ausgestopften Spinne Angst hätte. Was meintest du damit?«

Ein Lächeln huschte über Toms Gesicht und Martin bemerkte zum ersten Mal einen Anflug kindlichen Vergnügens in seinen Augen.

»Ich sagte doch schon, das Vogelspinnen keine Netze bauen. Sie sind Jäger.«

»Aber warum dann dieses Monster an der Treppe?«

»Abschreckung. Machen viele Amazonasstämme heute noch. Sie stecken die Köpfe ihrer Feinde auf Pfähle und markieren somit die Grenzen ihres Stammesgebiets.«

Das Lächeln in Toms Gesicht wuchs in die Breite und das abgeklärte Verhalten eines Erwachsenen fiel endgültig von ihm ab. Das Kind kam zum Vorschein.

»Bei dir hat es doch geklappt, oder? Wer weiß denn genug über Vogelspinnen, um unsere Abschreckung zu durchschauen? Jetzt müssen wir aber weiter. Es ist nicht mehr weit. Dann kannst du etwas essen und dich ausruhen, während ich dir die anderen vorstelle.«

»Haben noch mehr dieses Massaker überlebt?«

»Ja. Aber jetzt komm. Schnell.«

Auf hölzernen Beinen stakste Martin hinter Tom die Treppe herunter. Die Wände wechselten von grauem Verputz zu rotem Backstein. Martin stützte sich beim Abstieg schwer auf das Geländer und verzog das Gesicht. Seine Hand wanderte an seine rechte Seite und er stöhnte unterdrückt auf. Seitenstiche bohrten sich wie ein stumpfes Messer durch seinen Bauch. Tom führte ihn zu einer weiteren grauen Eisentür. Martin keuchte und stützte sich an der Wand ab. Tom öffnete die Tür und Martin fühlte, wie er mit einer ungeduldigen Bewegung in einen schmalen Gang geschoben wurde. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Das Knirschen verstummte abrupt. Martin sah sich verwirrt um.

»Was ist los? Warum höre ich nichts mehr?«

»Weil wir da sind. Wenn wir alle nah beieinander sind, können wir IHRE ...« Tom zögerte. Dann zuckte er mit den Schultern. »Es wird ruhiger, wenn wir alle zusammen sind. Vertrau mir.«

Tom fasste Martin am Arm und führte in zu einer Biegung am Ende des Ganges. Sie kamen um die Ecke und betraten eine runde Halle mit einer kuppelförmigen Decke. Mehrere Gänge führten aus diesem unterirdischen Dom hinaus. An den Wänden standen Kisten mit Lebensmitteln und Trinkwasserbehältern im typischen Farbton des Militärs, mit gelber Aufschrift. Neonröhren an der Decke tauchten die Halle in kaltes Licht. Zwischen zwei Gängen sah Martin ein Schlagzeug. Direkt daneben mehrere Ständer mit Gitarren. Rechts von ihm stand ein kleiner Tisch mit einer Funkanlage. Eine Karte Kölns hing an einer der Wände. In der Mitte der Halle hatten sich fünf Kinder zusammengekauert. Martin bemerkte an den Sweatshirts und Pullovern aller Kinder ein rundes Emblem, das wie das Ergebnis einer Handarbeitsstunde der vierten Klasse aussah. Eine schwarze Spinne auf gelben Hintergrund. Tom wandte sich an Martin. Sein Blick verriet Stolz.

»Martin. Darf ich dir die Spider-X vorstellen?«

Kapitel V - Flucht

Die Kinder saßen im Halbkreis vor Martin, der einen Müsliriegel aß. Im Hintergrund rauschte und knisterte das Funkgerät. Er versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Draußen herrschten offenbar Krieg und Chaos. Wenn es hart auf hart käme, wären die Kinder für ihn schlimmstenfalls ein Klotz am Bein. Wie würde er reagieren, wenn es für ihn ums nackte Überleben ginge? Martin wusste darauf keine vernünftige Antwort. Zumindest ließen ihn die Kids in Ruhe essen, ohne ihn sofort mit Fragen, Gejammer und Tränen zu bestürmen.

Martin blickte auf und Tom begann ihm mit leiser Stimme die anderen vorzustellen. Ein blondes Mädchen mit einfältigen Gesichtszügen stellte Tom als Gabi vor. Sie kicherte und wurde rot, als Martin ihr mit prallen Wangen und gespielt fröhlich zublinzelte. Karl und Kurt waren eineiige Zwillinge. Tom erklärte ihm, das Karl stumm und Kurt taub sei.

»Wenn du Karl ansprichst, gibt er Kurt ein Zeichen, damit er dich ansieht und von deinen Lippen ablesen kann.«

Ritchie, einen verwachsenen Jungen in einem elektrischen Rollstuhl, nannte Tom The Brain.

»Die Idee, Maximilian an der Treppe aufzuhängen, stammt von ihm«, sagte er. Martin bemerkte mit Erstaunen in Toms Stimme einen Hauch von Heldenverehrung. Bisher hätte er Tom eher als Anführer der kleinen Gruppe eingeschätzt. Ritchie grinste und griff mit seiner verkrümmten Rechten an einen Hebel an seinem Rollstuhl. Ein kleiner Metallarm mit einem Kehlkopfmikrofon fuhr ihm vor das Gesicht.

»Und?«, schnarrte seine künstliche Stimme. »Hat es gewirkt?«

Martin spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. In einer verlegenen Geste zuckte er mit den Schultern und nickte leicht. Tom deutete auf die Letzte der Gruppe.

»Das ist Melanie. Sie ist die älteste von uns und Gabis Schwester. Sie ist taubstumm, kann aber von deinen Lippen lesen.«

»Okay. Und wie seid ihr hierher gekommen? Was ist passiert, während ich weg war?«, fragte Martin.

Die Kinder blickten sich an und er glaubte für einen Augenblick leise Stimmen zu hören. Aber da war nichts. Keines der Kinder bewegte die Lippen und doch ... es wirkte als würden sie stumme Zwiesprache halten. Einen Dialog, von dem er ausgeschlossen war. Dann verging der Moment, Ritchie nickte, und Tom wandte sich an Martin.

»Vor ein paar Wochen gab es im Fernsehen die ersten Berichte über eine Art Supergrippe.«

Martin winkte Toms Worte ab.

»Das habe ich mitbekommen. Niemand wollte es zugeben, aber dieses Virus mutierte fröhlich weiter und war gegen alle Versuche es zu bekämpfen immun.«

Das Mikrofon fuhr vor Ritchies Hals.

»Ja. Und während die großen Anführer und Lobbyisten sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schoben, ging so richtig die Post ab«, schnarrte seine künstliche Stimme. »Paris, Genf, Zürich, München ... ist eine ziemlich lange Liste mit Totalverlusten geworden.«

Ein schiefes Grinsen verzerrte Ritchies Gesicht noch mehr. Martin vermutete, dass man so wurde, wenn man ständig von der Gnade anderer abhängig war. Trotzdem, einem Kind stand so viel Sarkasmus nicht zu, fand er. Er wandte sich wieder an Tom.

»Das weiß ich alles. Was mich interessiert, ist, was in der Zeit passiert ist, in der ich weg war.«

»Erst wurden die Leute einfach nur krank und starben. Dann kamen SIE«, antwortete Tom.

»SIE? Das sind die ... Knirscher, stimmts?«

Tom nickte. Für einen Augenblick kamen ihm die Worte von Declan Smith in den Sinn. Über die Gerüchte, dass die Toten der Seuche als Zombies wieder auferstehen würden. Aber das konnte nichts anderes sein als die typischen Anzeichen einer Massenhysterie. Martin schob den Gedanken beiseite. Panik und Hysterie waren ganz schlechte Ratgeber, wenn man in der Scheiße saß.

»Wie kam ich hierher?«

»Die Soldaten haben hier ein notdürftiges Krankenhaus eingerichtet. Wann du gekommen bist, weiß keiner von uns. Wir durften unsere Zimmer nicht mehr verlassen. Dann ging da oben plötzlich alles drunter und drüber. Die Soldaten und Ärzte haben sich gegenseitig angeschrien. Dann haben sie sich geprügelt. Einer der Soldaten hat uns hier unten versteckt. Oben wurde plötzlich geschossen und ...« Tom stockte. Martin konnte sich vorstellen, was in dem Jungen vorging. Schließlich holte Tom zitternd Luft und fuhr in seinem Bericht fort. »Wir warteten, bis es ruhiger wurde. Dann sind wir hoch. Kurt, Karl und ich haben dich gefunden. Du warst außer uns der letzte Lebende hier. Wir haben dann jeden Tag nach dir gesehen.«

Toms Lippen bildeten einen blutleeren Strich in seinem blassen Gesicht. Martin glaubte er wolle noch viel mehr sagen, aber der Junge schwieg. Martin versuchte irgendwie einen Sinn hinter den Schleier der vergangenen Tage zu bringen, die er bewusstlos in seinem Zimmer gelegen hatte. Die Kinder standen unter Schock. Kein Wunder, denn selbst für ihn war das Ausmaß dieser Katastrophe nicht endgültig erfassbar. Dann war da noch die Frage, warum man ihn hierhin verschleppt hatte.

Martin schaute seufzend auf. Hier würde er keine Antworten finden. Die Kinder beobachteten ihn schweigend und warteten. Er seufzte erneut und schüttelte den Kopf. Bisher hatten sie sich gut gehalten. Aber sie könnten nicht ewig hier unten hocken. Martin stand ächzend vom Boden auf und ging an den Tisch mit dem Funkgerät.

»Was hast du vor?«

Martin drehte sich um und sah einen der Zwillingsbrüder direkt hinter ihm stehen.

»Wir können nicht ewig hier unten hocken und hoffen, dass sich da oben alles von alleine klärt oder ein himmlischer Retter in unserer Mitte erscheint.«

Der Junge sah ihn zweifelnd an, sagte aber nichts mehr.

»Habt ihr eine bessere Idee?«

»Warum bist du nicht krank?«, schnarrte Ritchie.

»Bitte?«

»Hast du wirklich nichts mitbekommen? Hier war ein Spezialist der Armee. Ein Colonel der Einsatzkräfte, den alle mit Doc ansprachen obwohl er unter seinem Kittel eine Uniform trug. Er hat uns alle ständig untersuchen lassen. Wir bekamen dauernd Spritzen, wurden untersucht ... und dir hat er sogar eine richtige Dröhnung verabreichen lassen. Neben dem Zeug, was du sonst noch nimmst.«

Am liebsten hätte Martin dem verwachsenen Zwerg das Grinsen aus dem Gesicht gehämmert. Woher wussten die Kids von seinem ... speziellen Problem und der Lösung, die er dafür gefunden hatte? Martin beschloss Letzteres einfach im Raum stehen zu lassen. Besser keine schlafenden Hunde wecken. Er atmete tief durch.

»Wie kommst du denn darauf, das mir irgendwas gefährliches injiziert wurde? Ich denke, ihr durftet euer Zimmer nicht verlassen?«

Melanie, Gabis taubstumme Schwester, griff hinter sich und holte einen Injektionsbeutel hervor. Martin sah das Biohazard-Zeichen, das Behälter mit gefährlichen Viren oder Bakterien kennzeichnete.

»Das haben wir in deinem Zimmer gefunden«, sagte Tom. Seine Stimme klang kläglich. Martin schluckte und dachte an die Stimmen.

»Habt ihr das Zeug auch bekommen?«

»Ja.«

»Und? Seid ihr krank geworden?«

Die Kinder schüttelten den Kopf.

»Na also. Alles halb so schlimm. Oder? War bestimmt eines der Gegenmittel für die Seuche.«

Die Kinder sahen skeptisch drein. Für einen Moment fragte Martin sich, warum auch die angeblich Tauben ihn so gut zu verstehen schienen. War es so leicht, von den Lippen abzulesen, selbst wenn der Sprecher –

Eine Stimme aus den Lautsprechern der Funkanlage unterbrach seinen Gedankengang.

»Hier Einheit Sieben an Basis Bonn. Kommen.«

»Basis Bonn hört.«

»Einheit Sieben. Wir sind am ehemaligen Hauptquartier Köln. Das Gebäude ist voll von ihnen. Kein Zutritt möglich, wiederhole, kein Zutritt möglich. Wenn es dort Überlebende gibt, kommen wir nicht an sie heran und sie nicht zu uns.«

Während die Stimme von Einheit Sieben flüsterte, rauschte im Hintergrund wieder dieses verrückte Geräusch. Ein hundertfaches Mahlen und Knirschen, Rascheln und Nöhlen. Es klang, als wäre der Funker der Einheit in einen riesigen Ameisenbau geraten. Eine Gänsehaut lief Martin über den Rücken. Er drehte sich um und hastete an das Funkgerät.

»Einheit Sieben. Bitte wiederholen Sie.«

»Einheit Sieben hier. Ich wiederhole, das Gebäude ist voll mit ihnen. Wir können es nicht betreten. Es sind zu viele. Colonel Wright und seine Männer müssen als Totalverlust angesehen werden.«

»Verstanden, Einheit sieben. Bleiben Sie bedeckt und warten Sie auf weitere Befehle.«

Martin versuchte herauszufinden wo der verdammte Sendeknopf war. Er kannte nur die alten Anlagen, in denen man noch in ein Mikrofon mit Standfuß und Knopf sprach. Und was gab es hier? Ein gottverdammtes Headset aber nirgends einen Sendeknopf! Eine befehlsgewohnte Stimme erklang.

»Einheit Sieben, hier spricht Major Mainhardt im Auftrag von Général Dupont. Sofortiger Rückzug. Ich wiederhole: Sofortiger Rückzug. Die geplante Sterilisation des Bezirks dreiunddreißig beginnt in dreißig Minuten.«

»Sir?«

»Achten Sie auf den Mindestsicherheitsabstand von fünf Meilen.«

Feiner Schweiß perlte über Martins Oberlippe. General Dupont? Baguette und Gauloises? Geplante Sterilisation? Was wurde da gespielt? Was bedeutete das Wort Sterilisation, wenn ein General ... Ein Bild schob sich vor seine Gedanken. Ein Verdacht schwoll in ihm an. Mit zitternden Fingern griff er nach dem Headset. Wenn er die anderen hören konnte, würde man ihn doch auch empfangen, oder?

»Hallo? Hört mich jemand? Wir sind hier unten. Jemand muss uns rausholen. Hallo?«

»Hier Einheit Sieben. Befehl verstanden Sir. Wir ziehen uns zurück.«

Martin schlug mit der flachen Hand gegen das Funkgerät.

»Hallo? Verdammt, hört mich jemand?«

Nur das monotone Rauschen der leeren Frequenz antwortete ihm. Großflächige Sterilisation ... Was hatte dieser General vor? Martin wollte erneut um Hilfe funken, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Auf Martins Stirn brach kalter Schweiß aus. Wie säuberte man ein Gebiet, das mit Bakterien oder Viren verseucht war?

Mit Feuer.

Mit sehr viel Feuer.

Mit blassem Gesicht drehte er sich zu den Kindern um. Gabi wimmerte leise in den Armen ihrer Schwester. Karl, Kurt und Tom starrten sich mit bleichen Gesichtern an. Ritchie hatte sein Gesicht an die Decke des Gewölbes gewandt, als könnte er alleine Kraft seines Willens den Stein mit seinem Blick durchdringen. Langsam senkte er den Blick. Ein sarkastisches Grinsen verzerrte sein Gesicht.

»Leute. Ich glaube wir haben ein Problem.«

*

Martin und die Kinder hasteten durch einen der Gänge, die von dem unterirdischen Dom wegführten. Ritchie, der an der Spitze der Gruppe die Geschwindigkeit vorgab, spielte den Reiseführer.

»Wir sind hier unter der ehemaligen Toilettenanlage des Westflügels der Hochschule. Hier wurden früher die Abwässer abgeleitet. Je würziger also die Luft riecht, umso näher kommen wir an das Ende des alten Kacketunnels.«

Martin verzog in einer Mischung aus Schmerz und Abscheu das Gesicht. Konnte der neunmalkluge Zwerg da vorne nicht einmal die Klappe halten? Die Seitenstiche kehrten mit brutaler Gewalt zurück, und Martin stöhnte unterdrückt auf. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Beine brannten, als würde er durch ein Meer aus brennendem Kerosin waten. Erschöpft blieb er stehen und stützte sich an einer der Wände ab. Tom leuchtete ihm mit einer der mitgenommenen Taschenlampen ins Gesicht.

»Alles in Ordnung?«

»Ich brauche eine Pause.«

»Wir sind gleich da.«

»Wohin führt der Weg?«

»Immer weiter geradeaus. Der Tunnel macht nur einen leichten Bogen.«

Martin nickte Tom zu.

»Dann geht vor. Ich komme nach.«

Tom blickte Martin zweifelnd an. Schließlich gab er ihm die schwere Maglite und rannte hinter seinen Freunden her, die schon ein ganzes Stück weiter gegangen waren. Martin lehnte sich schwer atmend mit dem Rücken gegen Wand.

Karins Gesicht schob sich vor sein geistiges Auge. Irgendwo in seinem Kopf erklang ihre spöttische Stimme. Martin Martinsen, Retter von Witwen und Waisen.

Ein heiseres Lachen floh aus seinem Mund. Bisher hatte er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Es waren eher die Kinder, die ihn aus der Scheiße zogen. Wohin würden sie ihn führen? Was kam dann? Was sollte er mit einer Horde behinderter Kinder anfangen? Ritchie ging ihm schon jetzt tierisch auf die Nerven. Gabi war ganz offensichtlich nicht ganz klar in der Murmel, und auch der Rest der Truppe war nicht unbedingt seine erste Wahl an Gefährten, für eine Flucht durch unbekanntes Gebiet. Ein metallisches Kreischen und Toms Stimme holten Martin zurück in die Gegenwart.

»Martin?«

Was sollte er tun?

»Martin? Alles in Ordnung?«

Was, wenn er genau wie bei Karin, wieder versagen würde? Schritte kamen näher. Ein Lichtstrahl kam aus dem dunklen Ende des Tunnels auf ihn zu. Martin bemerkte, dass er unbewusst in Tränen ausgebrochen war. Schnell wischte er sie sich aus dem Gesicht und stellte fest, dass er auf dem Boden saß. Hastig richtete er sich auf und stieß sich fast den Kopf an der niedrigen Decke des Tunnels. Toms Gestalt wuchs aus dem Dunkel heraus.

»Martin?«

Seine Muskeln spannten sich. Er atmete tief durch.

»Ich bin hier.«

Seine Stimme zitterte. Aus dem Schatten wurde Tom.

»Alles okay, Martin? Die Tür ist auf. Wir müssen nur noch durch den Gerätekeller, dann können wir versuchen auf den Parkplatz zu gelangen.« Tom runzelte die Stirn und blickte Martin ins Gesicht. »Ist wirklich alles Okay mit dir?«

Martin nickte.

»Ich musste nur gerade an jemand besonderes denken.«

Tom blickte Martin fragend an.

»Meine Verlobte. Ist schon lange tot.« Martin zuckte mit den Schultern und deutete auf den vor ihnen liegenden Weg. »Komm jetzt. Die Zeit wird knapp.«

Tom drehte sich um und hastete zurück. Martin folgte ihm in den Tunnel. Und hoffte auf ein Licht an seinem Ende.

*

Kurze Zeit später starrte Martin auf die graue Metalltür, die den Gerätekeller des Internats vom Tunnel trennte. Die Tür wirkte nur leicht eingebeult. Aber das Schloss und die zugehörige Aussparung im Rahmen, hingen verbogen im grellen Licht der Taschenlampe. Sollten die Kinder gemeinsam soviel Kraft entwickelt haben? Aber wie hatten sie das Schloss derartig zerstören können? Das Knirschen war hier wieder intensiver geworden. Auf subtile Art erinnerte es Martin daran, dass sie nicht gerade ein Vermögen an Zeit auf ihrem Guthabenkonto hatten. Martin riss sich von dem merkwürdigen Anblick los. Vom anderen Ende des Kellers erklang Ritchies Stimme.

»Schön, dass ihr Turteltauben zu uns stoßen konntet.«

Martin beschloss bei nächster Gelegenheit dem Zwerg die Batterie für sein Mikro zu klauen. Er lief durch die Schatten der eingelagerten Geräte auf den Jungen im Rollstuhl zu. Von den anderen war nichts zu sehen und Martin sah auch schnell den Grund dafür.

Ritchie stand mit seinem schweren Gefährt vor einer in die Wand eingelassenen Eisenleiter. Martin schaute hoch und sah im Licht seiner Taschenlampe, dass sie in einem senkrechten Schacht nach oben führte. Verwundert schaute er zu Ritchie.

»Für mich ist hier Endstation«, schnarrte die Stimme des Jungen.

»Gibt es keinen anderen Weg?«

»Nein«, warf Tom ein. »Der Schacht führt direkt zu einem Parkplatz. Dort steht noch unser Schulbus, mit dem wir hierher gebracht wurden. Der einzige andere Weg ist der alte Lastenaufzug dort drüben. Aber der führt direkt ins Auditorium.«

Das Geräusch, dass laut Tom von den Knirschern ausging, hallte nervenaufreibend den Schacht herunter.

Also gut.

Keine Fahrt im Aufzug.

Martin schluckte und sah sich suchend um. Hier musste es doch etwas geben, das er für seine Zwecke nutzen konnte. An der Wand stand eine Bühnendekoration, auf die ein Wald gemalt war. Davor standen mehrere schwere Geräte, die Martin unter ihren staubigen Planen nicht erkennen konnte. Unter einer der Planen schaute ein langes Stromkabel hervor. Martin wandte sich an Tom.

»Wo steht der Bus?«

»Was hast du vor?«

»Wo steht der Bus?«, wiederholte Martin seine Frage.

»Wenn du oben ankommst, musst du dich nach links halten. Direkt auf einen Blumenkübel zu. Dahinter beginnt der eigentliche Parkplatz. An der Ecke des Gebäudes steht der Bus. Jedenfalls, wenn die Soldaten ihn nicht weggefahren haben.«

Martin drückte Tom die Taschenlampe in die Hand.

»Schaffst du die Leiter?«

»Ich habe zwar nur einen gesunden Arm, aber ja. Ich schaffe das.«

»Gut. Du gehst vor und sagst den anderen Bescheid. Wenn ich in zehn Minuten nicht da bin, versucht irgendwie von hier wegzukommen. Haltet euch nicht damit auf, den Bus zu starten, sondern lauft.«

»Martin. Was hast du vor?«

»Ja. Das würde ich auch gerne wissen«, schnarrte Ritchie. Martin deutete auf Ritchie.

»Du bist ruhig. Und du«, er zeigte auf Tom. »Du machst dich jetzt auf den Weg. Die Zeit rast. Lauft um euer Leben. Weg von der Innenstadt. Schaut nicht zurück. Wenn ihr irgendwo einen Unterschlupf findet, den ihr richtig dicht machen könnt, dann versteckt euch dort. Aber keine Holzscheune. Hörst du? Es muss ein Gebäude aus Stein sein, dass weit genug weg ist. Und haltet euch von den Fenstern fern.«

Martin ging zu der Ecke, in der das Kabel lag.

»Martin?«

»Was ist? Todessehnsucht?«

Er sah wie Tom Luft holte und zum Reden ansetzte. Aber dann sanken seine Schultern herab und er umarmte Ritchie. Ein letzter Blick zu Martin und er klemmte sich die schwere Taschenlampe in seinen Hosenbund. Vorsichtig begann Tom den Aufstieg. Martin holte das Kabel unter der Plane hervor und stellte sich vor Ritchie. In seiner Hand schwang das Stromkabel, wie das dunkle Seil eines Henkers.

»Was hast du vor?«, fragte Ritchie schnarrend.

Martin grinste und zog das Kehlkopfmikrofon vom Hals des Jungen weg. Dann riss er es mit einem Ruck vom Metallarm des Rollstuhls.

»Weißt du Ritchie, ich kenne dich erst eine knappe Stunde. Aber das hier ...« Er blickte mit einem breiten Grinsen auf die Sprechhilfe in seiner Hand. »Das war mir jetzt ein ehrliches Bedürfnis.«

*

Wenige Minuten später hing Martin in dem nach oben führenden Schacht. Die Zeit verlor für ihn jeden Bezug zur Wirklichkeit. Sie war nur noch ein abstrakter Gedanke zwischen zwei keuchenden Atemzügen. Die Geräusche der Knirscher verloren ihren bedrohlichen Klang und stumpften zum gleichgültigen Rauschen eines weit entfernten Meeres ab. Seine Welt bestand nur noch aus zwei Bezugspunkten.

Die nächste Sprosse.

Der nächste Klimmzug.

Schwer atmend klammerte er sich an das kalte Metall der Leiter und schaute hoch. War der Eingang zum Schacht näher gerückt? Ja. Nicht viel, aber immerhin. Vielleicht noch vierzig Sprossen, dann wäre die Tortour überstanden. Das abgerissene Stromkabel biss sich in das Fleisch seiner Schultern.

»Alles okay, Ritchie?«

Seine Stimme ein atemloses Krächzen. Eine zierliche Hand klopfte schwach an seine Hüfte.

»Gut. Bleib locker. Wir haben es gleich geschafft.«

Martin holte zitternd Luft und griff nach der nächsten Sprosse.

Neununddreißig.

*

Tom, Karl und Kurt starrten aus den Fenstern des Busses auf den Parkplatz. Das helle Licht der Laternen hielt die Knirscher zurück. Doch in den Schatten zwischen den Büschen konnten die Kinder ihr unablässiges Huschen und Wuseln sehen. Tom wandte sich ab.

»Sie werden es nicht schaffen. Wir müssen ihnen helfen.«

Kurt wandte sich verwundert an Tom.

»Wie das? Wir sind nicht vollzählig.«

»Es muss auch so gehen. Du, Karl, Mel und Gabi. Ihr versucht Martin und Ritchie zu helfen. Ich werde mich um den Bus kümmern.«

»Das schaffst du nicht. Das hat noch keiner von uns ohne die gesamte Gruppe geschafft.«

Tom zuckte mit den Schultern.

»Wie würde Ritchie jetzt sagen? Wir haben auch noch nie bis zum Hals in der Scheiße gesteckt.«

Kurt nickte und ging zu den anderen. Tom setzte sich hinter das Steuer des Busses und schloss die Augen. Kurt, Karl, Melanie und Gabi setzen sich auf den Boden im Fahrgastraum und gaben sich die Hände. Auch sie schlossen ihre Augen.

Zuerst rührte sich nichts. Doch dann veränderte sich die Atmosphäre um die Kinder. Das Licht der Straßenlaternen wurde dumpfer, die Geräusche der Knirscher gedämpfter. Die Wirklichkeit verdichtete sich zu einem Ball aus kritischer Masse.

Und etwas Unfassbares griff nach ihren Freunden im Schacht.

*

Martin zitterte am ganzen Körper. Wie lange kletterte er schon mit seinem lebenden Gepäck diesen verdammten Schacht hoch? Wie lange noch, bis der Befehl des Generals alles in ein Feuer tauchen würde, gegen dass die Fegefeuer sämtlicher Höllen wie ein Samstagnachmittagsbarbecue in Nachbars Garten wirkten? Seine Beine gehörten nicht mehr ihm selber, seine Schultern waren zwei taube Anhängsel eines fremden Körpers. Erschöpft schloss er die Augen und lehnte seine Stirn gegen eine Sprosse. Ein Bild schob sich vor sein Denken.

Luke Skywalker, sein Lieblingsheld aus der Star Wars Saga, wie er mit seinem Jedi-Meister auf dem Rücken durch einen Dschungel turnte. Unbekümmert schlug er Salti, landete auf seinen Füßen und rannte weiter, während Meister Joda auf seinem Rücken weise Sprüche abließ.

Ein Kichern rollte Martins Brust hoch, verdrängte die Angst und den Schmerz.

Oh ja! Möge die Macht mit mir sein.

Aus dem Kichern wurde ein unterdrücktes Lachen. Ritchies Hand klopfte drängend gegen seine Hüfte.

Schon gut, Meister Joda. Ich werde die Prüfung mit Bravour bestehen.

Martin versuchte diese kindischen Gedanken zu verdrängen, sich wieder auf das vor ihm Liegende zu konzentrieren. Doch wenn König Lachen bei ihm anklopfte, konnte er nicht widerstehen. Er musste ihm einfach die Tür öffnen. Immer wieder sah er diese alte Filmszene vor seinem geistigen Auge, und allmählich wurde aus der Filmkulisse eines Dschungels ein dunkler Schacht. Das Gesicht Luke Skywalkers veränderte sich und bekam seine Gesichtszüge. Aus der Puppe auf seinem Rücken wurde die verkrümmte Gestalt Ritchies.

Martins Schultern zuckten unkontrolliert.

Martin Martinsen.

Jedi-Meister im Dienste seiner Majestät.

Karin wäre von ihm begeistert gewesen.

Das Gefühl, durch das Lachen eine geheime Kraftreserve in seinem Inneren geöffnet zu haben, durchströmte ihn. Immer noch dieses Lachen im Gesicht hob er den Blick.

Zwanzig Sprossen?

Lächerlich, für einen Meister der Macht.

Martin holte tief Luft, zog sich hoch und glaubte plötzlich zu fliegen.

*

Tom saß mit geschlossenen Augen auf dem viel zu großen Fahrersitz des Busses. Seine Augen rollten hinter den geschlossenen Lidern. Seine Finger zuckten. Feiner Schweiß perlte auf seiner Stirn. Hinter ihm ertönte ein leises Stöhnen. Ein sanfter Druck gegen seinen Rücken, dann erklang ein leises Plumpsen.

Tom widerstand dem Drang die Augen zu öffnen und sich nach seinen Freunden umzusehen. Ein Zucken durchfuhr ihn. Er runzelte die Stirn und der Motor des Busses erwachte rumpelnd zum Leben. Aufseufzend ließ er sich in den Sitz zurückfallen. Dann rutschte er soweit wie möglich nach vorne und versuchte mit seinen Füßen die Pedale zu erreichen. Wie ging das noch mal? Er rief sich das Bild des Soldaten in Erinnerung, der sie hierher gebracht hatte. Wie er in seiner grauen Uniform hinter dem Steuer dieses Ungetüms saß und das Fahrzeug scheinbar mühelos durch den Verkehr führte.

Kupplung treten, Gang einlegen, Gas geben und Kupplung kommen lassen. Tom blickte auf und atmete tief durch. Na, das konnte ja auch mit anderthalb gesunden Armen nicht so schwer sein. Mit einem gewaltigen Ruck setzte sich der Bus in Bewegung.

*

Martin lag bäuchlings halb im Schacht und halb draußen. Es goss wie aus Eimern. Seine Finger suchten auf dem nassen Asphalt nach einem Halt. Er schwang sein rechtes Bein hoch, und durch den Ruck rutschte er soweit aus dem Schacht, dass er sich endgültig herausziehen konnte. Keuchend ließ er seinen Kopf auf den Boden sinken. Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Turnschuhe und die weißen Socken, die er aus seinem Zimmer in dem offenen Krankenwagen bemerkt hatte, in die Schatten eines Gebüschs gezogen wurden.

Ein rumpelndes Geräusch ließ den Boden unter seiner Wange erzittern und verdrängte die Frage, die sich in seinem Denken formte. Alarmiert, aber zu erschöpft, um angemessen zu reagieren, drehte er den Kopf und sah einen gigantischen schwarzen Reifen auf sein Gesicht zuhalten. Martin kniff die Augen zu. Ein schrilles Aufkreischen, dicht gefolgt vom erschöpften Schnaufen einer Luftdruckbremse, hallte über den Parkplatz. Vorsichtig blinzelte Martin durch ein halb geöffnetes Auge. Der Reifen stand etwa eine handbreit von seinem Gesicht entfernt. Die Rillen des Reifenprofils waren tiefe Täler.

»Martin? Alles in Ordnung?«

Toms Stimme.

»Ja«, brummte Martin in den Asphalt. »Was habe ich dir gesagt? Du sollst den Bus in Ruhe lassen, verdammt noch mal.«

Tom murmelte etwas Unverständliches. Martin holte tief Luft und versuchte im Liegen den Knoten für das behelfsmäßige Geschirr auf seiner Brust zu lösen. Es klappte und er drehte sich sacht zur Seite. Vorsichtig ließ er Ritchie von seinem Rücken auf den Asphalt rollen. Dann stand er schwankend auf. Hier draußen klang das Knirschen und Knistern in seinem Kopf, als würde er in einer riesigen Bratpfanne stehen. Dazu kam unablässiges ein Stöhnen, das in ihm eine kreatürliche Angst auslöste.

Was zur Hölle war das?

»Fass mit an. Wir müssen Ritchie in den Bus bekommen und dann nichts wie weg hier.«

Tom griff nach Ritchies Beinen. Martin sah Tränen in den Augen des verwachsenen Jungen schimmern.

»Hast du etwa geglaubt, nur weil du nervst, würde ich dich zurücklassen?«, fragte er. Ritchie nickte leicht. Tom und Martin ächzten, als sie Ritchie über die Stufen in den Innenraum trugen. Vorsichtig legten sie ihn neben die anderen Kinder, die Martin mit erschöpftem Blick anschauten. Unsicher erhob er sich und wankte zum Fahrersitz.

»Bleibt da unten. Ich hab keine Ahnung, wo´s langgeht. Aber es dürfte ein verdammt heißer Ritt werden.«

*

Martin reagierte nur noch auf der Ebene eines vererbten Instinktes, der schon seine Urahnen zu Zeiten des Säbelzahntigers am Leben erhalten hatte. Der Gedanke an Flucht tobte übermächtig durch sein Denken und peitschte Adrenalin durch seinen erschöpften Körper. Er wollte weg. Raus aus diesem Albtraum, weg von dem Feuer, das bald vom Himmel regnen würde.

Aber wohin?

Hinweisschilder, Autowracks und verlassene Häuser flogen vorbei. Ein Huschen im Augenwinkel. Weiter vorne sah Martin im Licht der Scheinwerfer eine T-Kreuzung und ein weiteres Schild. Die Dürener Straße? Die führte doch stadtauswärts, oder? Martin bremste den Bus brutal ab und zog ihn nach rechts. Das große Fahrzeug neigte sich bedenklich. Ausrufe der Angst hinter ihm. Dann fiel der Bus mit einem harten Ruck zurück in die Waagerechte. Martin grinste schwach vor sich hin. Die Kurve hatte er wortwörtlich gekratzt. Sein Blick verschwamm allmählich. Die Anstrengung der letzten Minuten hatten ihm auch die letzten Kraftreserven abverlangt. Seine Augenlider flatterten. Er hob den Arm und hieb sich die Faust auf den Schenkel. Zwecklos. Er war längst über den Punkt hinaus, an dem er noch so etwas wie Schmerz empfinden könnte. Wie weit waren sie schon gekommen? Reichte der Abstand? Schwankend hob er den Blick und sah in den Rückspiegel. Ein Schatten huschte über den verregneten Himmel.

»Scheiße«, fiel Martin ein atemloser Fluch wie ein abgebrochenes Stück Zahn aus dem Mund.

Dann öffnete die Hölle ihre Pforten.

Ein Blitz zeriss den regengrauen Himmel. Er erbrach mit einem dumpfen Grollen einen Schwall aus flüssigem Feuer. Eine gigantische Druckwelle raste vor der brennenden Wand her. Bäume zerplatzten unter der Wucht und brannten in Sekundenschnelle ab, Fenster explodierten und Martin sah im Rückspiegel eine menschliche Gestalt, die in von den Flammen überrollt wurde. Er konnte den Blick nicht vom Rückspiegel wenden. Ein unmenschlicher Laut der Angst kroch in Martins Hals hoch. Ein Schlag riss ihm das Lenkrad aus den Händen. Der Bus neigte sich zur Seite. Die Kinder schrien auf. Die ersten Ausläufer der Druckwelle erreichten den Bus. Die Welt war nur noch ein heißes Fauchen, die Realität kippte. Mit einem lauten Krachen und dem hellen Geräusch von splitterndem Glas fiel der Bus auf die Seite. Funkensprühend rutschte er über den Asphalt. Aus dem Grollen wurde ein Fauchen. Der Bus rutschte unaufhaltsam weiter. Martin lag auf der Seite und sah den Pfeiler einer Brücke auf sie zurasen. Etwas saugte ihm die Atemluft aus den Lungen. Die Schreie der Kinder verblassten.

Zu langsam, schoss es Martin durch den Kopf. Ich war zu langsam und habe wieder versagt.

Ein heftiger Stoß erschütterte den Bus.

Dann Dunkelheit.

Kapitel VI - Ritchies Traum

Ein leises Weinen im Dunkeln. Ein Bezugspunkt im Nichts. Martin konzentrierte sich darauf, zog sich an diesem Geräusch zurück in die Realität, heraus aus der Finsternis der Bewusstlosigkeit.

»Er ist bestimmt tot. T-O-T. So buchstabiert man das.«

Gabi?

»Nein. Er ist nicht tot, er schläft.«

Tom?

»Aber warum höre ich seinen Kopf nicht? Ich kann doch sonst seinen Kopf hören. Aber da ist nichts. N-I-C-”

»Gabi. Bitte.«

Trotz der Schmerzen und des allumfassenden Gefühls der Erschöpfung stahl sich ein Lächeln in Martins Mundwinkel. Die Kinder. Sie lebten. Sie hatten die Hölle überlebt. Waren alle unverletzt? Er musste aufstehen und nach ihnen sehen. Keine Zeit zum Ausruhen. Eine Hand auf seiner Brust hielt ihn zurück, bevor er den Gedanken in die Tat umsetzen konnte.

»Nein Martin, du musst nichts«, sagte Tom.

Hatte er laut gesprochen?

»Er lebt, er lebt. Martin lebt. L-E-B-T.«

Eine Hand tastete unbeholfen nach seiner Wange. Martin öffnete die Augen zu schmalen Schlitzen und sah Gabis rundliches Gesicht nah an seinem. Ihre Augen strahlten und Martin bemerkte Tränenspuren auf ihren Wangen. Sie wurde knallrot, als sie Martins Blick bemerkte. Ihre Hand zuckte zurück, als wäre Martin eine giftige Schlange. Er lächelte leicht und griff nach ihrer Hand.

»Hallo Gabi.«

Sie zog ihre Hand aus seinem Griff und schaute ihn mit einem Blick an, den er als erschrockenes Misstrauen deutete. Martin ließ es auf sich beruhen und drehte den Kopf zur Seite.

»He Tom. Alles klar? Wie geht es den anderen?«

»Alle sind soweit wohlauf. Ritchie hat sich ordentlich den Kopf angeschlagen. Aber ich glaube, er ist wieder fit.«

Martin bemerkte, dass er aus einem Seitenfenster den Himmel sehen konnte, obwohl er auf dem Rücken lag. Die Morgendämmerung zeichnete sich schwach zwischen dichten Wolken dunklen Rauchs ab. Tom bemerkte Martins fragenden Blick.

»Ich weiß nicht wie, aber du hast den Bus zur Seite gekippt. Wir liegen mit dem Boden des Busses in Richtung Stadt. Das hat uns offenbar das Leben gerettet, weil er die Hitze soweit abgehalten hat.«

»Keiner hat Verbrennungen?«

»Nein. Es ist trotzdem ziemlich heiß geworden. Ich glaube, die Reifen unseres Busses sind angeschmolzen.«

Martin pfiff leise.

»Dann haben wir verdammtes Glück gehabt.«

Tom blickte ihn zweifelnd an.

»Bist du sicher?«

Martin nickte.

»Ich weiß, was du meinst. Hätten die einen atomaren Sprengsatz gezündet, wären wir jetzt ein Häufchen qualmende Schlacke.«

Tom nickte beruhigt und wandte sich ab. Die Gesichter von Karl und Kurt schoben sich in Martins Blickfeld. Beide hatten die Mienen von Ringrichtern, die sich über den geschlagenen Champion beugten, um ihn auszuzählen. Sie schauten sich kurz an. Karl nickte heftig und Kurt wandte sich an Martin.

»Also, Martin. Mein Bruder und ich sind uns einig. Egal wo es jetzt hingeht, du solltest ab sofort kein motorisiertes Fahrzeug mehr anfassen.«

Martin schloss seufzend die Augen.

Diese kleinen Klugscheißer.

Dann richtete er sich ächzend auf und sah aus der zerborstenen Windschutzscheibe. Der Bus musste den Brückenpfeiler mit dem Heck erwischt haben. Das hatte ihre unfreiwillige Rutschpartie aufgehalten. Er kletterte aus dem Wrack und pfiff leise. Etwa zehn Meter vor ihnen begann ein Stau. Eine endlose Schlange aus Blech und Plastik, die sich auf allen Fahrspuren bis zum Horizont dahinschlängelte. Er vermutete, dass dies die Reste der Massenflucht aus Köln waren.

»Martin? Ich glaube Ritchie geht es nicht gut«, rief Tom. Martin runzelte die Stirn. Ritchie hatte sich doch angeblich nur den Kopf angeschlagen? Es würde sowieso noch ein Heidenspaß werden, mit Ritchie ohne seinen Rollstuhl irgendwo Hilfe zu finden. Vorsichtig stieg er über die Trümmer des Armaturenbretts zurück.

Ritchie lag zwischen zwei Fenstern in verkrümmter Haltung auf dem Boden. Die anderen Kinder hockten vor ihm. Mit fragenden Gesichtern sahen sie Martin an. Er kniete sich hin und legte eine Hand auf Ritchies Schulter. Vorsichtig drehte er ihn auf den Rücken. Sein Gesicht sah friedlich aus. Zu friedlich. Erstaunt bemerkte Martin dunkle Ringe um Ritchies Augen. Es sah aus, als hätte er sich die Augen wie ein Soldat hinter feindlichen Linien mit einem Fettstift unterstrichen. Dann sah er die merkwürdige Pfütze unter Ritchies Kopf. Es war kein Blut. Vorsichtig drehte Martin Ritchies Kopf noch ein Stück weiter. Die Flüssigkeit kam aus dem rechten Ohr. Martin keuchte auf. Einblutungen unter den Augen, klare Flüssigkeit, die aus den Ohren lief ... Ritchie hatte einen Schädelbruch! Ein wimmernder Laut kroch seinen Hals hoch.

»Ritchie?«

Martins Hände zitterten. Angst lähmte seine Bewegungen und ließ jeden Gedanken durch einen dicken Sirup schwimmen. Je verzweifelter er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, umso schlimmer wurde dieses Gefühl. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Eine andere Hand legte sich auf Ritchies Kopf. Eine Pipeline aus einer anderen Welt. Martin blickte auf. Melanie hockte neben ihm. Eine Hand auf seiner Schulter, die andere auf Ritchies Stirn. Ihre Augen schwammen in Tränen.

Schließ die Augen und mache deinen Kopf frei, Martin.

Martin runzelte die Stirn. Diese Stimme ... kam aus seinem Kopf?

Ja. Ich bin es, Martin. Melanie. Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit. Ritchie will mit dir reden.

Ritchie wollte mit ihm reden? Martin schaute zu dem Jungen herunter und sah, dass er ihm schwach zublinzelte.

Martin. Bitte!

Das konnte alles nicht wahr sein!

Ein Schock?

Ja, das musste es sein. Er stand unter Schock und halluzinierte. Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen, um sich die Tränen abzuwischen ... und verschwand aus dieser Welt.

*

Martin kniff geblendet die Augen zusammen. Er stand auf einer sonnenüberfluteten Wiese. Das leise Summen von Insekten untermalte den Gesang von Vögeln. Zu seinen Füßen erstreckte sich ein Meer aus Blumen in voller Blüte. In der Luft lag ein süßer Hauch, der ihn an die Frühlingstage seiner Kindheit erinnerte. An eine Zeit, als seine Eltern noch lebten. Martin hob schützend einen Arm vor das Gesicht. Ein strahlendes Licht erstreckte sich über den ganzen Horizont. Alles war in ein Meer aus Gras, Blumen und Friedfertigkeit gehüllt. Suchend drehte Martin sich im Kreis.

Wo war er?

Wo war der Bus?

Wo waren die Kinder?

»Die sind nicht hier.«

Martin wandte sich zu der Stimme um. Aus dem strahlenden Gleißen trat ein Junge hervor. Martin holte keuchend Luft.

»Ritchie?«

»Ja Martin. Ich bin es.«

»Wo sind wir? Was passiert hier?«

Ritchie machte eine bedauernde Geste.

»Tut mir leid Martin. Wir haben nicht soviel Zeit, als dass ich dir alles erklären könnte. Nur eine Frage habe ich. Warum hast du mich nicht zurückgelassen?«

Martin hatte sich an das Licht gewöhnt und ließ den Arm sinken. Ritchie stand aufrecht auf seinen Beinen? Wo war sein Rollstuhl abgeblieben?

»Den brauche ich hier nicht. Warum hast mich nicht zurückgelassen? Du wolltest es doch, oder? Im Kacketunnel, als du Tom vorgeschickt hast, da ist es dir doch durch den Kopf gegangen, uns alleine zu lassen. Stimmts?«

Martin schluckte und nickte.

»Ja.«

»Und? Warum hast du es dann nicht getan? Warum bist weitergegangen und hast mich auch noch nach oben gebracht?«

Ja, genau. Warum eigentlich? Wegen Tom? Wegen Karin? Warum hatte er die Kinder nicht ihrem Schicksal überlassen? Martin hob in einer verzweifelten Geste die Hände und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht, Ritchie. Es ... es erschien mir einfach nicht richtig.«

Ritchie nickte.

»Ich weiß es jetzt. Du bist einer von uns.«

»Einer von euch? Du meinst, einer der Spider-X-Gang?«

»Nein. Du bist einer von uns. Du weißt es nur noch nicht. Aber das werden dir die anderen erklären müssen. Ich muss jetzt gehen. Meine Mutter wartet.«

Martin sah hinter Ritchie eine weitere Gestalt aus dem Licht kommen. Eine Frau. Nicht besonders groß, mit langen blonden Haaren. Sie lächelte Martin zu.

»Danke Martin.«

»Wofür?«

Sie legte Ritchie einen Arm um die Schultern und sah ihren Sohn mit einem strahlenden Lächeln an. Dieses Bild tat Martin im Herzen weh. Es erinnerte ihn an seine Mom.

»Wofür danken Sie mir? Ihr Sohn stirbt, und ich kann nichts für ihn tun. Ich habe versagt. Schon wieder. Erst Karin, jetzt Ritchie ... wer ist als nächstes dran? Wäre ich nur etwas schneller gewesen, hätte ich nur ein wenig mehr Zeit oder Kraft aufgebracht ... wir hätten vor der Druckwelle ausweichen können. Der Bus wäre nicht umgekippt und Ritchie würde jetzt noch leben!«

Martin versagte die Stimme. Es gab noch so vieles zu sagen, aber keine Worte, die auch nur annähernd seine Gefühle beschreiben könnten. Seine Knie gaben nach. Tränen schossen ihm in die Augen. Weinend hockte er im Gras und vergrub sein Gesicht in den Händen. Eine Hand streichelte seinen Kopf. Mit verschleiertem Blick schaute er auf und sah in Ritchies Gesicht.

»Es tut mir leid, Ritchie. Es tut mir so unendlich leid, hörst du?«

Ritchie strich ihm mit einem Finger eine Träne von der Wange.

»Machs gut, alter Klugscheißer.«

Das Gleißen des Lichts wurde stärker. Martin riss geblendet beide Arme vor das Gesicht. Die Gestalten von Ritchie und seiner Mutter verschwammen. Martin rappelte sich auf.

»Ritchie?«

Das Summen der Insekten wurde lauter.

»Ritchie?«

Martin spürte einen Zug, der ihm vom starken Licht wegzog. Aber er konnte doch nicht weg! Er konnte doch nicht ohne Ritchie von hier weg gehen! Der Sog wurde zu einem Zerren, das Summen zu einem drohenden Röhren. Das Licht wurde so grell, das es ihn sogar durch seine geschlossenen Augen blendete. Er verkrümmte sich, versuchte gegen diese unbekannte Macht anzukämpfen, die ihn unaufhaltsam wegzerrte und ...

*

... kniete im Buswrack.

Keuchend fiel Martin nach vorne auf die Hände. Seine Muskeln zitterten und sein Gesicht war tränennass. Die Wirklichkeit stürmte mit widersprüchlichen Eindrücken auf ihn ein. Der Boden, der mit den falschen Diamanten der Glassplitter bedeckt war, das Rumpeln in seinem Bauch, das von Hunger und Übelkeit zugleich kündete, der Gestank von verbrannter Erde und Unrat und der leblose Körper Ritchies, den er eben noch auf einer Wiese gesehen hatte.

Ritchie?

Martin blickte sich um und robbte auf Händen Knien zu dem Jungen. Seine Hände suchten hilflos nach einem Punkt, an dem sie den leblosen Körper gefahrlos berühren konnten.

»Ritchie? Wach auf Ritchie, ich bin es. Martin, der alte Klugscheißer.«

»Martin?«

Toms Stimme?

»Ritchie? Komm, lass den Unfug. Wir haben’s geschafft. Die haben uns nicht grillen können, mit ihrer Scheißbombe. Wir sind draußen, hörst du?«

»Martin?«

Martin fuhr herum.

»WAS?«

Tom schrak zurück.

»Ritchie ist tot.«

Toms Worte sickerten nur langsam in Martins Bewusstsein. Fassungslos drehte er den Kopf und sah hinab. Ritchies Kopf war leblos zur Seite gerollt. Seine Augen glänzten stumpf. Seine Brust hob und senkte sich nicht mehr im Takt seines Atems. Auf seinen Lippen lag ein friedliches Lächeln, das auch seine Behinderung nicht mehr zu verzerren vermochte. Martin schluckte.

Tom hatte Recht.

Ritchie war tot.

Heiße Tränen rannen Martin über das Gesicht, als er sich vorbeugte und Ritchie mit einem sanften Streicheln über das Gesicht die Augen schloss. Er holte tief Luft und wischte sich die Tränen aus den Augen. Karins Stimme erklang in seinem Kopf.

Zeit, sich der Realität zu stellen, Sunnyboy. Such einen vernünftigen Platz, wo der Kleine in Frieden ruhen kann, und dann weg hier.

Martin nickte sich selber zu. Karin hatte Recht. Selbst im Tod behielt sie immer noch Recht. Er schaute auf und sah den Kindern in die blassen Gesichter.

»Kommt. Wir suchen einen Platz, wo Ritchie seine Ruhe finden kann.«

Kapitel VII - Die Schlacht am OK-Corral

Martin stand vor dem Bus. Er hatte so heimlich wie möglich seinen letzten Nasenzucker gesnifft. Jetzt ging es ihm wieder etwas besser. Nur keinen Stress machen, sonst hielt die Wirkung nicht lange vor. Er atmete tief durch, um seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. In seinen Armen trug er den leblosen Körper Ritchies. Er fühlte sich nicht schwerer an als ein kleiner Sack mit altem Herbstlaub. Martin sah in die Ferne ohne richtig zu sehen. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Unmöglich, einen davon zu fassen zu bekommen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung. Tom stellte sich neben ihn.

»Ich glaube, wir haben einen Platz für Ritchie gefunden. Und was dich betrifft ...«

Tom griff in seine Hosentasche. Er holte ein Glasfläschchen mit weißem Pulver hervor.

»Das hier haben sie dir immer gegeben. Ich weiß nicht was es ist, aber vielleicht hilft es dir ja.«

Martin spürte wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Er nickte stumm, ging in die Hocke und legte Ritchies Leiche auf seine Knie. Dann nahm er das Fläschchen von Tom, schraubte es auf und kostete eine Zungenspitze voll.

»Ja. Das wird mir eine Weile helfen. Danke dir.«

Kein Wort darüber, was das für ein Zeug war, keine Bemerkung über seine Sucht ... Martin schämte sich in diesem Moment wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er fragte auch nicht, woher der Junge um seine Sucht wusste. Ein Gespräch darüber wäre Martin noch peinlicher geworden. Tom nickte ihm zu. Dann gingen sie auf das Stauende zu, wo die anderen Kinder bereits standen. Sie schauten mit den feierlichen Mienen von Menschen die einen heiligen Ort betrachten, nach oben. In ihren Augen schimmerten Tränen. Gabi schluchzte leise. Tom deute hoch, auf eine Stelle hinter Martin.

»Dort«, sagte er. »Dort ist der richtige Ort, an dem Ritchie in Frieden ruhen kann. Dort wird sich auch sein größter Wunsch erfüllen.«

Martin sah hoch und entdeckte einen Polizeiwagen auf einer Brücke, der nahe am Geländer stand. Wortlos stieg er über die Leitplanke auf die Gegenfahrbahn und machte sich auf den Weg zur Brückenauffahrt.

*

Kurze Zeit später saß Ritchies Leiche am Steuer des Wagens. Martin kuppelte die Gangschaltung aus und startete den Wagen. Dann schaltete er die Einsatzbeleuchtung ein. Die roten und blauen Lichter flackerten im Zwielicht. Ein weithin sichtbares Zeichen, als Ersatz für einen Grabstein und ein Grablicht. Gabi ging zu Martin und nahm seine Hand. Er spürte es nicht.

»Das war sehr gut, Martin. Das würde Ritchie sehr gefallen haben.«

Martin schwieg. Kurt trat an die Fahrertür und legte Ritchies Leiche eine Hand auf die Schulter.

»Machs gut, Ritchie Stark.«

Dann schlug er die Tür zu.

Es klang für Martin wie das Verschließen einer Gruft. Ein Gefühl der Leere breitete sich in ihm aus, nahm ihm die Luft zum Atmen und ließ Tränen in seinen Augen schimmern.

Erst Karin.

Jetzt Ritchie.

War er Schuld an dem Tod der beiden? Hatte er versagt? Martin atmete tief durch und wandte sich an die andere Seite des Überwegs. Er stützte sich mit den Händen auf das Geländer und versuchte das Chaos in seinem Kopf zu entwirren. Fragen schossen ihm durch den Kopf. Rational, kühl und dadurch in dieser Situation auch tröstend, denn sie zwangen ihn zum Handeln. Er musste ihr weiteres Vorgehen planen. Sie konnten hier oben nicht bleiben. Der Ort war zu ungeschützt. Vielleicht lebten die Soldaten dieser Einheit Sieben noch. Falls ja, blieb die Frage ob sie hier auf ihrem Rückzug vorbeikämen. Vielleicht würden sie das Einsatzlicht des Polizeiwagens bemerken. Sie mussten also einen Platz finden, an dem sie geschützt waren und der nicht zu weit weg lag. Martin nickte sich selber zu. Das wäre Punkt eins seines Plans.

Blieb noch die zweite Frage.

Die Kinder.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihnen. Sie reagierten trotz ihrer körperlichen Einschränkungen und ihrer Jugend zu gut, ja fast schon erwachsener als er, auf ihre Situation. Dann waren da die Augenblicke, in denen er den Verdacht hatte, die Kinder würden hinter seinem Rücken tuscheln. Und zuletzt sein Erlebnis, als Ritchie in seinen Armen gestorben war. Was zur Hölle war da passiert? Ein Flashback durch die Mittel, die ihm seine Kidnapper injiziert hatten? Was verheimlichten ihm die Kinder? Martin hatte zwar einen Verdacht, aber der war so ungeheuerlich ... das er einen Versuch wert war.

Er schloss die Augen, kämpfte gegen das Gefühl des Verlustes und der Trauer und konzentrierte sich auf einen ganz bestimmten Gedanken. Es war die Frage, die ihn am meisten beschäftigte. Immer und immer wieder ließ er sie in seinem Kopf aufblitzen. Alles andere um ihn herum wurde unwichtig. Der Wind, der mit seiner scharfen Zunge an seinem Gesicht leckte. Der Geruch nach Verbranntem, der schwer in der Luft lag und jeden Atemzug zu einem Kampf gegen den Hustenreiz machte. Das Gefühl des Hungers in seinem Magen ... alles verschwamm in seiner Wahrnehmung.

Ein leises Aufstöhnen hinter ihm.

Er verstärkte seine Konzentration.

Stimmengemurmel.

Kam es aus seinem Kopf?

Egal. Weitermachen. Immer und immer und immer wieder die gleiche Frage. Nichts anderes zählte jetzt.

Das klägliche Wimmern einer ungeschulten Stimme, die niemals in normal verständlichen Lauten erklingen würde. Eindeutig nicht aus seinem Kopf. Dann Kurts Stimme.

Martin! Bitte hör auf!

Er öffnete die Augen und kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Er drehte sich nicht um. Sollten sie kommen. Sie hatten ihn hinters Licht geführt. Zumindest hatten sie ihm nicht die Wahrheit über sich gesagt. Kleine, verlogene ...

»Du hast uns nicht gefragt.«, sagte Kurt. Seine Stimme klang trotzig. »Und Zeit für lange Erklärungen hatten wir auch keine.«

Martin drehte sich langsam um. Konnte es also tatsächlich wahr sein? Der Junge stand mit verschränkten Armen und trotzig vorgestrecktem Kinn vor ihm.

»Du hättest uns sowieso nicht geglaubt. Obwohl du einer von uns bist.«

»Ich? Einer von euch?«

Tom stellte sich neben Kurt.

»Ja, Martin. Du bist ebenfalls begabt. Du weißt es nur nicht. Und weil du begabt bist, glaubst du, dass du das weiße Zeug in deiner Hosentasche so dringend brauchst, um die Stimmen in deinem Kopf zu dämpfen.«

Martin zog die Stirn kraus. Gabi und Melanie stellten sich neben die beiden. Karl blieb im Hintergrund. Martin bemerkte, dass er sich die Hand vor die Nase hielt. Sie blutete. Die Gesichter der Kinder verrieten eine gewisse Kampfbereitschaft. Gabis Gesicht glühte und ihre Augen funkelten vergnügt.

»Ich hab es schon gewusst, als du noch im Zimmer gelegen hast«, sagte sie. Ein leichtes Lächeln umspielte dabei ihre Mundwinkel. Martin schüttelte den Kopf.

»Ihr wollt mir allen Ernstes sagen, ihr könnt Gedanken lesen?«

»Am einfachsten ist es, wenn wir mit einem Menschen Körperkontakt haben«, sagte Tom. »Mit einem Unbegabten geht es meistens nicht anders. Mit anderen Begabten, so wie dir, können wir auch ohne Körperkontakt kommunizieren.«

Martin schnaufte ein verächtliches Lachen.

»Und was habt ihr sonst noch so drauf? Löffel verbiegen, Gegenstände schweben lassen und all so‘n Zeugs?«

Tom blickte weg.

»So in etwa. Wenn wir ...« Er stockte und blickte zu dem Polizeiwagen. Dann holte er tief Luft und fuhr fort. »Wenn wir vollzählig sind, und Gabi als unser Fokus dient, dann können wir etwas mehr. Manchmal auch alleine. Aber es erschöpft uns sehr.«

Martin wandte sich ab. Freaks.

Er hatte eine Gruppe minderjähriger Freaks an der Backe. Karin würde sich ausschütten vor Lachen, könnte sie ihn sehen. Ausgerechnet er, Martin Martinsen, ehemaliger Starreporter der XXX-NEWS, der die unglaublichsten Geschichten über Ufos, Wiedergänger und Seelenwanderung geschrieben hatte, erlebte gerade eine seiner eigenen Storys. Er ballte die Faust und klopfte mit den Knöcheln auf das Metall des Geländers.

Sollte er den Unfug wirklich glauben? Telepathie und Telekinese waren wissenschaftlich nachgewiesen. Alles im Bereich des Möglichen und vorstellbar. Aber so eine Erfahrung selber mitzumachen, war eben etwas anderes, als sich in einem warmen Büro eine entsprechende Story aus den Fingern zu saugen, damit die Auflage eines futuristischen Käseblatts in die Höhe schoss. Wie sollte er damit umgehen? Woher wollten die Kinder wissen, dass er seit seiner Pubertät Stimmen in seinem Kopf hörte? Dass er sie lange Jahre hatte ignorieren können, bevor sie immer stärker geworden waren, und er sie zuerst noch mit Medikamenten und am Ende schließlich nur noch mit kleinen Dosen Heroin zu dämpfen vermochte?

Eine Windböe zerrte an seiner Jacke und holte ihn zurück aus seinen Gedanken. Martin holte tief Luft und blies sie mit aufgeblasenen Wangen wieder heraus. Sie hatten schlimmere Probleme als irgendwelche dubiosen, pseudowissenschaftlichen Fragen. Es war empfindlich kalt und die Kids hatten unpassend dünne Kleidung an. Sie hatten kein Essen, nichts zu trinken und keine Ahnung, wohin sie sich wenden sollten.

Martin seufzte. Das waren die Probleme, die es zuerst anzupacken galt. Alles andere, der Schmerz um Karins Verlust, der allmählich in ihm hochkam, und die angeblichen Fähigkeiten der Kinder, musste sich neue Wartenummern ziehen. Er wollte Antworten. Aber jetzt war nicht der passende Zeitpunkt dafür. Er drehte sich wieder zu den Kindern um.

»Okay. Lassen wir diese ... Sache ... jetzt mal außen vor. Darüber reden wir später. Wir haben eine ganze Reihe anderer Probleme am Arsch.«

Gabi kicherte bei dem letzten Wort und Martin hielt irritiert inne. Dann wurde ihm bewusst, was er gesagt hatte und er beschloss, in Zukunft besser auf seine Worte zu achten. Ein entschuldigendes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er fortfuhr.

»Ihr habt nichts Vernünftiges am Leib. Es wird immer kälter werden. Also brauchen wir andere Kleidung für euch. Wir benötigen außerdem Proviant und sollten uns entscheiden, wohin wir uns wenden.«

Tom machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Und wo sollen wir das alles herbekommen?«

Martin ging auf die andere Seite des Überwegs, dorthin, wo die leblose Blechschlange des Staus in Richtung Autobahn unter ihnen lag. Er deutete mit einer Hand herunter.

»Da unten. Ich bin mir sicher, dass wir dort alles finden werden, was wir brauchen.«

Kurt verzog angewidert das Gesicht.

»Wir sollen Leichenfleddern?«

Martin grinste.

»Nein. Wir gehen Einkaufen.«

*

Eine Stunde später suchten Martin und die Kinder in der Autoschlange immer noch nach dem dringend benötigten Proviant und warmer Kleidung. Entweder hatte die Panik die Flüchtigen derartig überrascht, dass niemand etwas Brauchbares mitgenommen hatte, oder sie waren zu spät gekommen. Aber andererseits ... wer sollte ihnen zuvorgekommen sein?

Martin warf eine Autotür zu und hieb der Faust auf das Dach des Wagens, den er gerade durchsucht hatte. So kamen sie nicht weiter. Er blickte in den dämmerigen Himmel und schätzte, dass es bald richtig dunkel werden würde. Dann müssten sie irgendwo Unterschlupf finden, bevor die Knirscher, wer oder was auch immer diese Wesen waren, wieder auf der Bildfläche erschienen. Suchend blickte er sich um.

Die Autobahn wirkte auf ihn, wie die Arterie eines starken Rauchers. Die Fahrspuren beider Richtungen waren vollkommen verstopft. Offenbar war die Situation derart schlimm gewesen, dass die Polizei beide Fahrtrichtungen zur Flucht freigegeben hatte. Nur weg aus Köln. Das war der einzige Gedanke der Flüchtlinge gewesen.

Zum Glück hatten sie bisher keine Leichen gefunden, wofür Martin sehr dankbar war.

Er bemerkte, wie Karl und Kurt auf ihn zukamen und biss sich auf das Wangenfutter, um ein Auflachen zu verhindern. Die Jungen hatten zwei lange Mäntel gefunden, in denen sie wie zwei kleinwüchsige Mönche auf Pilgerreise daherstapften. Beide hatten sich Abschleppseile als Gürtel um die Hüften geknotet, damit sie die Mäntel etwas höher raffen konnten und beim Gehen nicht ständig stolperten. Er nickte ihnen aufmunternd zu. Hauptsache die beiden waren warm angezogen.

Er beugte sich zu dem kleinen Bündel herunter, dass sie schweigsam vor ihm auf den Boden legten, und sein Lächeln verschwand. Ihre Ausbeute an Kleidung und Proviant war erschreckend mager. Zwei Flaschen abgestandenes Mineralwasser, eine Handvoll Schokoriegel und eine Taschenlampe. Mit einer resignierten Geste rieb Martin sich über das Gesicht. So kamen sie nicht weiter. Schritte näherten sich und er schaute auf. Melanie kam zwischen den Autos auf sie zu. Ihr Gesicht war gerötet und sie winkte heftig.

»Tom, Gabi und Mel haben einen Bauernhof gesehen«, sagte Kurt. Melanie erreichte die drei. Sie nahm Martin bei der Hand und schloss die Augen.

»Bitte nicht«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Kurt hat es mir schon gesagt. Ja, vielleicht sind wir da vorerst in Sicherheit und können in Ruhe weitersehen.«

Martin bemerkte einen Anflug von Enttäuschung in Melanies Gesicht. Also konnte sie seine Gedanken auch lesen, wenn er sich nicht bewusst darauf konzentrierte, ihr etwas mitzuteilen? Interessant. Er hob in einer entschuldigenden Geste die Schultern an.

»Sorry, aber ich muss mich erst mit dem Gedanken an eure Fähigkeiten anfreunden.«

Martin bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Karl die Augen geschlossen hielt. Er war stumm, aber nicht taub. Fungierte er Melanie als Simultandolmetscher für Sprache in Gedanken? Er wusste nichts über Telepathie und jetzt war der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Trotzdem, in Zukunft würde er etwas vorsichtiger mit seinen Gedanken sein. Man konnte ja nie wissen. Melanie blinzelte ihm verschwörerisch zu und Martin folgte ihr, als plötzlich Gabis Schrei über die verlassene Autobahn gellte und Karl unartikulierte Laute ausstieß.

»Ischer«, rief er. Sein Finger deutete in die ungefähre Richtung, aus der Gabis Schrei erklungen war. »Ie Ischer gommen!«

Martin rannte los. Er wusste auch, ohne Gedanken lesen zu können, was der Junge meinte. Er hörte bereits das leise Rascheln, Knistern und Knirschen in seinem Kopf.

*

Sandra saß in der Küche des Bauernhofs. Ihre Finger zerlegten mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sig-Sauer P225. Ihr Blick fiel auf die Reservemagazine. Zum Glück waren sie ebenfalls für dieses Modell ausgelegt, das im Gegensatz zu ihrem modifizierten Schwesterstück, der P226, nur über einen einreihigen Ladestreifen verfügte. Sie hätte gerne die P226 gehabt. Fünfzehn, statt acht Schuss pro Magazin konnten in brenzligen Situationen einen gewaltigen Unterschied ausmachen. Aber dafür lag ihr die Waffe hier besser in der Hand. Sie hatte einen schmaleren Griff und war leichter. Reinigen, ölen ... die notwendigen Handgriffe hatten für Sandra etwas von einer Zen-Übung an sich. Ihr Körper arbeitete, während ihr Geist abtauchte. Frank. Was war aus ihm geworden? Eine dumme Frage. Köln war abgebrannt. Frank würde nicht mehr sein, als ein Häufchen Asche, das im Wind in alle Himmelsrichtungen trieb. Blieben die Kinder. Sie sah vor ihrem geistigen Auge erneut den Zombie in der Kirche, hörte den Schrei von Jonas, und erlebte immer und immer wieder, wie der Kopf der Kreatur zerbarst.

Das war ich, hatte Jonas gesagt.

Sie hatte aber keine Waffe bei den Kindern finden können. Wie kam Jonas dann darauf, dass er den Zombie so effektvoll erledigt haben könnte?

Schwere Schritte holten sie ins Hier und Jetzt zurück. Pfarrer Stark betrat die Küche. Ächzend und schnaufend zog er seine schwere Schutzweste aus. Er trug darunter doch tatsächlich seine dunkle Dienstkleidung, wie Sandra mit einem kurzen Blick und einem feinem Lächeln feststellte. Mit einem Schlag wurde ihr die Unwirklichkeit der Situation bewusst. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden hatte sie noch in der verlassenen Notstation in Köln-Deutz gesessen. Dann war Frank gekommen, sie hatten den Notruf der Kinder aufgefangen, waren vor den Zombies davongelaufen, hatten Pfarrer Stark gefunden, waren wieder vor den Untoten geflüchtet, und jetzt lag Köln hinter ihnen in Schutt und Asche. Desinfiziert ... Sie stöhnte kurz auf. Und jetzt saß sie hier. Mit den Kindern und dem Pfarrer, und sie reinigte eine Schusswaffe, weil es die einzige Hoffnung auf ein Überleben in dieser neuen Welt war. Und nichts lief mehr so, wie sie es mal geplant hatte. Ihr Leben und diese neue Welt glichen einer kaputten Spieluhr, die nur noch sporadisch, und äußerst sinnlos, einen Ton von sich gab. Eine Spieluhr mit einer ganzen Reihe grausiger Ballerinenfiguren, deren abgehacktes Zucken den Tod und Schlimmeres bedeutete. Sandra atmete tief durch, verdrängte die aufkommende Depression und den Schock. Zwei natürliche Reaktionen auf das Erlebte, die sie aber lähmten, würde sie ihnen nachgeben. Und Stillstand bedeutete in dieser Welt den Tod. Darin glich sie der alten Welt.

»Die Kinder?«, fragte sie und hoffte, dass ihre Stimme fester klang als sie sich in ihrem Hals anfühlte.

»Schlafen. Ich habe sie im oberen Schlafzimmer untergebracht.« Stark ließ sich kraftlos auf den Stuhl plumpsen. »Sie haben etwas gegessen und getrunken. Gönnen wir ihnen ein wenig Ruhe.«

Sandra nickte nur, während ihre Finger wie selbstständige Fortsätze ihres Körpers die Waffe zusammenbauten. Ihr Blick glitt immer wieder prüfend aus dem Fenster. Stark beobachtete sie schweigend. Als sie mit ihrer Waffe fertig war, nahm sie sich die Patronen und die Reservemagazine vor. Nach und nach füllte sie die Streifen auf. Als auch das erledigt war, lehnte sie sich zurück und sah aus dem Fenster.

»Möchtest du reden?«, fragte Stark.

»Ich wüsste nicht worüber.«

»Über das, was dich bedrückt?«

»Es gibt nichts, was mich im Moment bedrückt, Herr Pfarrer.«

Stark seufzte.

»Könnten wir das mit dem Pfarrer weglassen? Patrick reicht auch, finde ich.«

Sandra sah ihn mit einem undefinierbaren Blick an.

»Auf einmal so zutraulich, Herr Pfarrer? Wir werden doch angesichts der gegebenen Umstände nicht plötzlich wankelmütig, oder?«

Patricks Nasenflügel bebten kurz. Ob vor unterdrückter Wut oder Heiterkeit, hätte Sandra nicht zu sagen vermocht.

»Wie meinst du das?«

»So wie ich es sagte. Ich weiß, dass Sie wissen, dass ich etwas über Sie weiß, dass Ihnen in Ihrer Vergangenheit heftig zu schaffen gemacht hat. Deswegen frage ich Sie ja, ob sie nicht plötzlich wankelmütig werden, im Angesichts des jüngsten Gerichts.«

Sie grinste boshaft.

»Immerhin sind Sie ein Mann, ich bin eine Frau ...«

Patrick lehnte sich zurück. In seinen Augen sah Sandra einen so tiefen Schmerz, dass sie ihre Worte umgehend bereute.

»Du rührst in alten Wunden ohne zu ahnen, wie sehr sie selbst nach all den Jahren noch schmerzen.«

Sandra sah verlegen aus dem Küchenfenster in die Dämmerung hinaus.

»Es tut mir leid.«

»Nein. Schon gut. Du hast im Grunde ja recht. Ich bin damals vom Weg abgewichen. Aber statt mir, hat der Herr dem ... Lohn dieser Sünde die Strafe auferlegt.«

Sandra sah Stark in die Augen, lehnte sich über den Tisch und nahm seine Hände in ihre.

»Es tut mir ehrlich leid. Ich wollte Ihnen nicht wehtun. Wie alt wäre er heute?«

»Die Sünderin, die dem Beichtvater vergibt?«

»Nein. Eine Freundin, die in der Stunde der Not für einen Freund da ist, den sie lange Jahre nicht gesehen hat, obwohl er die ganze Zeit da war.«

Tränen schimmerten plötzlich in Patricks Augen.

»Dreizehn. Ritchie wäre dieses Jahr dreizehn geworden. Ich hoffe nur, dass der Herr gnädig zu ihm war.«

»Sie sagten, der Herr hätte Ihre Strafe ihm auferlegt? Ich wusste nur, dass sie da ein pikantes Geheimnis haben. Welche Strafe meinen Sie?«

Stark schluckte. Langsam zog er seine Hände unter denen von Sandra hervor.

»Progressive Muskelschwäche. Seine Mutter hat ihn gut unterbringen können, bevor sie sich nach Afrika ins Exil begab.«

»Und wer kam für die Kosten auf?«

»Eine Stiftung. Teils privat, teils aus der freien Wirtschaft, aber auch der Klerus hat dort einige Einlagen geleistet.«

»RITCHIE IST TOT!«, fuhr plötzlich Rosis Stimme dazwischen. Sandra und Stark sprangen auf. Das kleine Mädchen stand in der Tür zur Küche. Ihre Augen waren zwei große Scheinwerfer des Entsetzens in ihrem bleichen Gesicht.

»Ritchie ist tot, und die anderen kommen, und sie werden von den Knirschern verfolgt, und wir müssen helfen!«

»Was erzählst du da?«

Sandra hielt das Mädchen an den Schultern und musste sich beherrschen, es nicht nach allen Regeln der Kunst durchzuschütteln.

»Was erzählst du da für einen Mist?«

Statt einer Antwort deutete Rosi auf das Küchenfenster. Sandra unterdrückte ihre Wut. Oh, wie ähnlich sie in diesem Moment ihrem verhassten Vater war! Mühsam atmete sie tief durch, folgte mit ihrem Blick dem Fingerzeig des Kindes und erstarrte.

Über die Felder sah sie in der Dämmerung die undeutlichen Schemen von mehreren Personen. Sie liefen, sofern man das auf dem aufgeweichtem Acker überhaupt laufen nennen konnte. Sie sah eine große, und mehrere kleine Silhouetten, konnte aber keine Einzelheiten erkennen. Eigentlich waren sie zu schnell und zu koordiniert in ihren Bewegungen für Zombies, obwohl ... Dann sah sie dahinter eine ganze Reihe weiterer Schatten.

Und diese liefen nicht.

Sie gingen.

Schleppend.

Unaufhaltsam.

»Das sind Martin und die letzten der Spider-X Gang«, sagte Rosi mit weinerlicher Stimme.

»Und die Knirscher sind hinter ihnen her. Die Knirscher, verstehst du? Sie werden kommen und uns holen!«

*

Martin kämpfte sich durch den schlammigen Acker. Links zog er Gabi, rechts Tom, so gut es ging mit sich.

»Bleibt zusammen«, rief er. »Haltet euch an den Händen und bleibt zusammen!«

Der aufgeweichte Boden schien Finger zu haben. Gierige Finger, die ihm bei jedem Schritt entweder die Schuhe ausziehen, oder noch besser ihn direkt festhalten wollten, damit diese Dinger ihn und die Kinder auch bekommen würden. Der Bauernhof kam einfach nicht näher. Die Knirscher, wie die Kinder sie nannten, dafür schon. Und das, obwohl diese Kreaturen nicht liefen. Das waren also die Knirscher? Handelsübliche Zombies, wie sie seit Romeros Kultklassiker in jedem dritten B-Movie vorgekommen waren? Martin versuchte, seine Angst unter Kontrolle zu halten, die wie ein wildes Tier an den Gitterstäben seiner Vernunft rüttelte. Das war kein Film, das war kein billiges Buch, das hier war brutale Wirklichkeit, wie verrückt sie auch sein mochte. Auf dem Bauernhof vor sich sah er Bewegung. Jemand lief auf einen kleinen Zaun zu, der ein Stück schlammige Wiese vom eigentlichen Feld abtrennte. Das konnte nur ein lebender Mensch sein.

»HILFE!«, rief er atemlos. »Wir brauchen Hilfe!«

Plötzlich surrte etwas heißes an seinem Ohr vorbei. Martin wandte den Kopf und sah hinter sich einen Zombie zusammensacken. Als er sich wieder ihrem Weg zuwandte, sah er einen der Zombies, der von der Seite auf ihn und die Kinder zuhielt. Er war bereits so nah, dass der unbekannte Schütze ihn nicht aus dem Weg räumen konnte, ohne ihn oder die Kinder zu gefährden.

»Karl! Komm weiter hier rüber!«, rief Martin. Karl sah sich erschrocken um, bemerkte den Zombie und strauchelte. Eine Welle der Angst um den Jungen schlug über Martin zusammen. Er schrie, lies Toms Hand los, hob sie in einer verzweifelten Geste der Kreatur entgegen, die nur noch wenige Schritte von Karl entfernt war ... und dann geschah etwas, das Martin vollkommen aus der Bahn warf.

Die Zeit wurde zu etwas Greifbarem, das sich zäh um seine Hand wickelte. Er hörte wieder dieses Knirschen und Knistern, das er schon im Keller der Schule vernommen hatte, spürte etwas durch seinen Geist greifen, das sich zu einem Speer aus purem Willen formte und dem Zombie entgegen flog, der plötzlich mehrere Meter wie in Zeitlupe rückwärts durch die Luft segelte. Martin hörte die brechenden Knochen über das Knirschen und Knistern hinweg. Karl rappelte sich auf und lief unendlich langsam weiter auf den Bauernhof zu. Martin stand wie zur Salzsäule erstarrt auf dem Acker. Tom hatte Gabi an die Hand genommen und war weitergelaufen.

»MARTIN!«

Der Ruf des Jungen. In seinem Kopf oder real? Wie ein Schlafwandler drehte Martin sich wieder den Zombies zu, hörte das leise Knallen von Pistolenschüssen, nicht lauter als Mais der in einem abgedeckten Topf zu Popcorn geröstet wurde, sah weitere Zombies in Zeitlupe zusammenbrechen, bemerkte einen Hünen in einer merkwürdig langen Schutzweste, der etwas über seinem Kopf schwang und auf die Kreaturen losstürmte. Wieder griff etwas nach seinem Geist, formte Willen zu Energie ... und der Kopf eines Zombies, der vielleicht noch zehn Schritte von ihm entfernt war, verschwand in einer rosa Wolke. Ein anderer wurde von dem merkwürdigen Ding in der Hand des Hünen getroffen, und der Kopf des Zombies hüpfte wie ein grausiger Kinderball über den Acker. Das alles geschah mit einer derartigen Langsamkeit, dass Martin sogar Details erkennen konnte. So sah er einen der letzten vier Zombies, wie er sich mit quälender Langsamkeit im Rücken des Hünen auf seinen tödlichen Biss vorbereitete. Die Hände der Kreatur waren im Begriff, den nur von normaler Kleidung geschützten Arm des Mannes zu packen. Martin sah, das dieser Zombie in seinem früheren Leben sehr schlechte Zähne gehabt haben musste, dass er Gummistiefel trug (ein Bauer?), dass ihm ein Stück Nacken fehlte ... Martin konzentrierte sich auf dieses Bild. Er wollte den Fremden warnen, vielleicht den Kopf des Zombies zurückreißen, um ihn am Biss zu hindern, aber er war zu weit weg. Eine tiefe, kreatürliche Angst schoss gepaart mit hilfloser Wut in Martin hoch. Der Kopf des Zombies blähte sich plötzlich auf, seine Gesichtshaut begann zu kochen und bevor er zubeißen konnte, regneten Knochensplitter, Hirnmasse, Haarbüschel und Flocken geronnenen Blutes über die Weste des Hünen. Aus dem Augenwinkel sah Martin mit unbestechlicher Klarheit, wie die Kinder die Sicherheit des Bauernhofes erreichten, und wie der letzte der Zombies von einer Kugel des Schützen getroffen wurde und zusammenbrach. Dann fiel die Zeit mit ihrer gewohnten Macht über ihn herein, spülte über ihn hinweg wie ein unerwarteter Wasserfall. Torkelnd griff Martin sich an den Kopf, der plötzlich vom Summen unzähliger Stimmen erfüllt war. Eine war dabei besonders laut und kräftig, so als würde jemand direkt neben ihm stehen.

Bei Gott, sagte diese Stimme. Das ist beinahe wie die Schlacht am OK-Corral gewesen. Nur dass dort niemand wie der Zauberer von OZ mit unsichtbaren Kräften eingegriffen hat.

Martin sah sich unsicher um. Der Hüne kam auf ihn zu.

Ich muss mich erstmal um den jungen Mann kümmern. Er sieht verletzt aus. Hoffentlich wurde er nicht gebissen. Alles andere kann warten.

Martin traf die Erkenntnis wie ein Vorschlaghammer.

Ich kann tatsächlich Gedanken lesen! Ich bin wahrhaftig selbst ein Freak!

Mit einem Ächzen flüchtete er sich in die dunklen, weichen Arme einer Ohnmacht.

Kapitel VIII - Unbequeme Wahrheiten

Frank stand zwischen den Häusern, die die ersten Ausläufer der Ortschaft Königsdorf bildeten. Regungslos beobachtete er das Massaker, dass die paar Menschen unter den Zombies angerichtet hatten. Nicht dass ihm die wandelnden Leichen leid taten. Von Ihnen gab es mehr als genug, auch wenn es Zeit kosten würde, sie zu rufen.

Sie zu rufen. Ja, das war eines der Dinge, über die er nachdenken musste. Das andere waren die Kinder und der schlaksige Mann auf dem Acker, und das, was da mit den Zombies geschehen war. Leise zog Frank sich in eines der leer stehenden Häuser zurück. Zwei weibliche Zombies gingen mit ausgestreckten Armen und aufgerissenen Mündern auf ihn zu. Ein kurzer Blick auf die zwei, ein Gedanke ... und sie vergaßen umgehend ihre Feindseligkeit. Ihre Arme fielen kraftlos herunter, ihre Münder schlossen sich. Der typisch tumbe Ausdruck von Untoten machte sich auf ihren Gesichtern breit. Frank schauderte. Sie hatten auf ihn gehört, ohne dass er ein Wort gesagt hatte. Die anderen Zombies, da hinten auf dem Acker, waren seinen Gedanken ebenso gefolgt, wie die, die ihm aus dem zerstörten Köln hierher gefolgt waren. Sie waren wie ferngesteuerte Spielzeuge gewesen, während er sich einfach nur vorstellte, was sie als nächstes tun sollten. So hatten sie auch die Kinder attackiert, als er sie auf der Autobahn bemerkt hatte. Gefolgt waren sie ihnen freiwillig, gelenkt durch ihrem Instinkt. Aber die Art, wie sie ausgeschwärmt waren und die Flüchtlinge in die Zange genommen hatten ... das waren Franks Vorstellungen gewesen. Hatte der merkwürdige Fremde ihm etwas gegeben, das ihm Macht über die Untoten gab? Wenn ja, dann war es nur logisch, dass die Kinder oder der Schlaksige auch etwas erhalten hatten, das ihnen die Möglichkeit gab, die Zombies ohne Waffen zu bekämpfen. War das auch der Fremde gewesen?

»Nein, das war mein Freund gewesen.«

Die Stimme in Franks Rücken vibrierte vor schlecht unterdrückter Enttäuschung. Eisige Kälte strömte von dort aus, wo Frank den Fremden vermutete. Ohne sich umzudrehen stellte er seine Frage.

»Haben Sie mir die Kontrolle über die Zombies gegeben?«

Ein leises Lachen.

»Natürlich. Sonst wärst du trotz all deiner Vorzüge recht nutzlos für mich.«

»Warum?«

»Warum?« Genervtes Seufzen. »Warum, warum, warum ... ihr Menschen seid so besessen auf Antworten, dass ihr die Fragen gar nicht mehr seht oder euch an Geschenken erfreuen könnt, die man euch macht.«

»Hüte dich vor den Griechen, wenn sie Geschenke machen. Ich bin kein echter Mensch mehr. Schon vergessen?«

Wieder dieses leise Lachen.

»Touché. Selbst in deinem jetzigen Zustand scheinst du mir ein würdiger Gegner für ein verbales Gefecht unter Freunden zu sein.«

Eine Hand legte sich auf Franks Schulter. Sie war so kalt, dass er fröstelte.

»Und das ist der Grund, warum ich dich auserwählt habe.«

»Wer sind Sie? Was sind Sie?«

»Mann nennt mich Gabriel, mein Freund.«

»Gabriel, wie der Erzengel?«

Der Fremde schwieg, was Frank als Zusage deutete. Er wollte sich immer noch nicht umdrehen, dem merkwürdigen Fremden nicht ins Gesicht blicken. Sein Hass war auf dem Weg hierher verraucht. Zurückgeblieben war eine merkwürdige Leere in ihm, eine Gefühlskälte, welche die dunklen Flecken auf der Landkarte seiner Erinnerung nur noch schlimmer machte. Sandra. Wie hatte sie ausgesehen?

»Erinnerung und Gefühle werden allenthalben weit überschätzt. Sie hindern einen nur daran, das zu tun, was getan werden muss.«

»Lesen Sie meine Gedanken?«

Die Hand verschwand mit einem leisen Rascheln von feinstem Stoff. Zurück blieb nur eine Stelle an Franks Schulter, die sich wie gefroren anfühlte.

»Für mich eines der einfachsten Dinge des Universums, mein Freund.«

»Warum lassen Sie mich nicht einfach sterben.«

»Weil du eine Aufgabe hast. Erst wenn die erfüllt ist, kann ich dir diese Gnade gewähren.«

»Und bis dahin?«

Seufzen im Dunkeln.

»Schon wieder eine Frage.«

»Ich bin keine Schachfigur.«

»Ach, glaubst du?«

»Ich habe einen freien Willen.«

»Na gut. Wenn du das so siehst ...«

»Welche Aufgabe?«, fuhr Frank dem Fremden dazwischen.

»Du sollst mir Seelen bringen.«

»Und wenn ich mich weigere?«

Heißer Schmerz brandete unvermittelt in Frank auf. Stöhnend brach er in die Knie, als die verletzten Teile seines Körpers ihre Hilferufe durch seine Nervenbahnen an sein Gehirn sandten.

»Eine Ewigkeit, mein Freund, eine Ewigkeit. Das, was ihr Menschen als Fegefeuer bezeichnet, wird sich durch deinen Körper fressen, immer und immer wieder, auf alle Ewigkeit. Und du wirst nichts dagegen tun können.«

»Das ... hält kein ... Mensch aus!«

»Richtig. Ein Mensch wäre bei diesen Schmerzen schon ohnmächtig zusammengebrochen. Du bist aber kein Mensch mehr, wie du selber noch vor wenigen Augenblicken so eloquent dargelegt hast.«

»Hilfe«, röchelte Frank. »Helfen Sie mir ... bitte!«

Die Schmerzen verschwanden so abrupt, wie sie gekommen waren. Frank lag zitternd auf dem Boden.

»Nimmst du meine Geschenke an? Und somit auch deine Aufgabe?«

Frank konnte nur nicken.

»Dann gehe hin, und tue wie dir geheißen. Gehe hin, mein Sohn, und vollende ... Gottes Werk.«

Frank stellte sich auf unsicheren Beinen wieder auf. Täuschte er sich, oder hatte der Fremde für einen Moment gezögert, als er den Namen des Herrn in den Mund nahm? Unsicher sah Frank sich um. Der Fremde war weg.

»Und dennoch beobachte ich dich.«

»Das habe ich befürchtet.«

»Und? Wirst du folgen?«

Eine bittere Erkenntnis machte sich in Frank breit, ohne dass er sie richtig fühlen konnte. Sie war wieder da. Die große Leere in ihm. Aber hinter dieser Leere lauerte auch die Angst. Die Angst vor dem Schmerz.

»Ja. Ich werde folgen.«

*

Martin öffnete die Augen. Sein Kopf summte, ihm war schlecht.

»Langsam, mein Freund.«

Eine weibliche Stimme. Martin spürte, dass er nackt auf einem Bett lag. Verwirrt sah er sich um, ohne sich aufzusetzen. Das gelbe Licht einer Propangaslampe erhellte einen Raum, der wie ein altmodisches Schlafzimmer eingerichtet war. Vor den Fenstern waren alle Rollos heruntergelassen. Eine Rothaarige stand links neben ihm. Weit genug weg, dass er sie nicht greifen konnte. Aber nah genug, um ihm einen sicheren Fangschuss in den Schädel setzen zu können. Aus den Händen der Frau starrte ihn mit unheimlicher Ruhe das dunkle Auge einer Pistole an.

»Ich bin nackt«, stellte Martin mit einem fragenden Unterton fest.

»Und ich bin Sandra.«

Martin versuchte ein Lächeln.

»Normalerweise bevorzuge ich, beim ersten Date besser gekleidet zu erscheinen.«

»Wir wollten nur auf Nummer Sicher gehen.«

Martin nickte. Ja, das konnte er nachvollziehen, wenn da draußen wirklich Zombies rumliefen. Mit diesem Gedanken fuhr ihm eisiger Schrecken durch die Glieder.

»Die Kinder?«

»Sind in Sicherheit.«

»Gut.«

»Nichts ist gut, du Junkie.«

»Bitte?«

»Ich habe die Einstiche gesehen.«

Unbewusst griff Martin sich an die Hoden. Die Rothaarige grinste.

»Keine Angst. Ich habe deine Kronjuwelen nur beiseite gelegt, aber nicht geklaut.« Sie entspannte sich sichtlich, und auch Martin wurde ruhiger.

»Machst du uns Ärger?«

»Inwiefern?«

Sandra griff auf den Schminktisch neben sich und warf Martin das Fläschchen mit Heroin zu.

»Hier. Wie lange kommst du damit hin?«

Martin griff vorsichtig nach dem Fläschchen auf seiner Brust.

»Keine Frage nach einer Spritze?«

»Du spritzt selten. Die Einstiche sind zu gut verheilt, als dass du dir regelmäßig eine Nadel neben die Eier setzt. Du sniffst mehr. Ich habe auch deine Nasenschleimhäute gesehen. Also, wie lange und wie sieht es mit Ärger aus?«

»Lange genug, und keinen Ärger.«

Das Auge der Pistolenmündung sank nach unten. Sandra ging zur Tür.

»Zieh dich an. Wir warten unten in der Küche auf dich.«

*

Eine Stunde später saß Martin in der Küche des Bauernhofs. Eine Propangaslampe spendete gelbliches Licht und bei allen Fenstern waren die Fensterläden geschlossen, damit kein Licht nach draußen dringen konnte. Die Kinder waren versorgt und lagen nebenan im Wohnzimmer. Sandra und Pfarrer Stark hatten Martin schon berichtet, wie sie hierher gelangt waren. Jetzt war es an ihm, ihnen seine Geschichte zu erzählen. Er begann mit Karins Tod. Als er über seine schwammigen Erinnerungen nach seiner Festsetzung berichtete, schüttelten Sandra und der Pfarrer ungläubig die Köpfe. Sie schwiegen aber und stellten keine Fragen. Martin erzählten den beiden über sein Treffen mit den Kindern und ihrer Flucht. Als Martin Ritchies Namen und seinen Tod erwähnte, wurde der Pfarrer blass. Sandra zuckte sichtlich zusammen.

»Und jetzt sind wir hier«, beendete er seinen Bericht. Sandra sah ihn misstrauisch an.

»Und was ist mit deinem speziellen Problem?«

Martin schluckte. Sollte er den beiden die Wahrheit sagen? Würde sie ihm glauben? Er atmete tief durch und fasste einen Entschluss.

»Es fing sehr früh an bei mir. Ich war vierzehn. Erst war es nur dieses ständige Rauschen in meinem Kopf. Dagegen halfen ab und zu ein paar Aspirin. Dann kam ich in die Pubertät, und es wurde immer schlimmer.«

Seine Finger wanden sich unruhig umeinander, als wären sie selbstständige Lebewesen.

»Erst waren es nur nichtopioide Schmerzmittel. Dann halfen sie nicht mehr, ich nahm das starke Zeug. Tetrazepham, Novalgin ... aber das half irgendwann auch nicht mehr. Jedenfalls nicht langfristig. Ich bin dann durch Zufall auf einen Kommilitonen gestoßen, der Connections hatte. Ich wollte Gras, doch der Typ meinte, ich solle direkt was Ordentliches nehmen.«

Martin sah auf. Weder in Sandras Gesicht, noch in dem des Pfarrers sah er einen Vorwurf. Ein gutes Gefühl, trotz der Scham über seine Schwäche.

»Tja, und jetzt schnupfe ich an guten Tagen nur ein oder zweimal eine kleine Prise. An schlechten, oder wenn ich unter viele Menschen muss, setze ich mir eine Nadel.«

»Wie lange?«, fragte Sandra.

»Beides inzwischen etwa ein halbes Jahr. Ich habe immer neue Nadeln genommen.«

»Du wirst runterkommen müssen. Die Columbia-Connection dürfte zusammengebrochen sein.«

Eine Feststellung, keine Frage. Martin nickte Sandra zu.

»Ja.«

»Das wird hart.«

Stark stand auf und holte eine Notration.

»Wir werden hier nicht lange bleiben können«, sagte er. »Du wirst das Meiste unterwegs durchzustehen haben.«

»Ich dachte, ihr wolltet euch hier verschanzen und bleiben?«

Sandra schüttelte den Kopf.

»Mit unseren begrenzten Vorräten? Das wird nicht funktionieren. Außerdem erscheint mir dieser Hof als sehr ungünstig zu verteidigen. Sicher, wir haben rundum freie Sicht. Aber was uns nutzt, hilft auch dem Feind.« Sie stand auf und ging an das Fenster. »Aber es gibt da noch eine Sache, die mich stutzig macht.«

Sie holte tief Luft, sammelte sich und wandte sich dann Martin.

»Was ist da draußen genau passiert? Hast du irgendetwas sonderbares bemerkt, als die Zombies euch angegriffen haben?«

Martin ahnte, worauf sie hinauswollte.

»Ich weiß nicht was du meinst?«

»Ich weiß genau, wohin ich geschossen habe, und wohin nicht. Außerdem lässt die Munition, die ich in meiner Waffe habe, keine Schädel platzen, als seien es Melonen in einer Mikrowelle.«

Martin rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.

»Das ist nicht so leicht zu erklären.«

Sandra zuckte mit den Schultern.

»Dann versuche es einfach. Das war nämlich nicht das erste Mal, dass ich den Kopf eines dieser Dinger habe platzen sehen. Wenn du etwas weißt, das uns in dieser Scheiße helfen kann, dann heraus damit.«

Martin holte tief Luft.

»Das Rauschen, von dem ich euch erzählt habe und wegen dem ich ... äh ... abhängig geworden bin ...«

Martin stockte. Wie sollte er das in Worte fassen, was er selber noch nicht so richtig glauben konnte, obwohl er es bewusst ausprobiert und wahrgenommen hatte?

»Die Kinder können es viel besser. Glaube ich jedenfalls.«

»Was?«, fragte Sandra. Martin schluckte trocken.

»Ich kann Gedanken lesen.«

Sandra lachte spöttisch auf. Sie schüttelte den Kopf.

»Schwachsinn. Bist du schon so auf Droge, dass du nicht mehr zwischen Realität und stoned Dreams unterscheiden kannst?«

Bevor Martin etwas sagen konnte, wurde ein warnendes Gefühl in ihm breit. Es war, als würde ihm Karins Stimme warnen und ihn dazu drängen, jetzt auf keinen Fall auf seiner Aussage zu beharren. Sandra wandte sich ab. Sie seufzte tief.

»Ich glaube eher, dass es etwas mit der Seuche zu tun hat. Wenn sie dafür sorgt, dass Tote wieder aufstehen und Menschen fressen, warum soll sie dann nicht auch dafür sorgen, dass den Dingern irgendwann die Schädel platzen? Vielleicht müssen wir nur lange genug überleben und diese Dinger da draußen sterben von alleine aus?«

Stark sah Martin die ganze Zeit tief in die Augen. Er nickte langsam.

»Ich stimme Sandra zu«, sagte er langsam. »Alles andere wäre wider Gottes Natur. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, die Gedanken eines anderen Menschen zu lesen ... oder sogar schlimmeres.«

Martin stemmte sich gegen die Stimme in seinem Kopf.

»Und das Rauschen, dass ich höre? Das Knirschen, wenn die Zombies in der Nähe sind?«

Sandra schüttelte den Kopf. Ihr Blick war hart.

»Ich hatte mal einen Freund, der war HNO-Arzt. Er hatte eine kleine Patientin, die genau das gleiche behauptet hat, wie du. Und weißt du, was sich nach etlichen Untersuchungen herausgestellt hat? Sie hatte einen Geburtsfehler. Irgendetwas in ihrem Innenohr war nicht in Ordnung. Sie hörte ihren eigenen Puls hämmern, das Rauschen ihres Blutes, und sie ist beinahe verrückt geworden. Ihre Eltern waren kurz davor, sie wegen Schizophrenie einweisen zu lassen. Waren deine Eltern nie mit dir bei Spezialisten?«

Martin schluckte. Bilder kamen in ihm hoch, die er gerne dort gelassen hätte, wo sie bis zu diesem Augenblick gewesen waren. In einem dunklen und verlassenen Winkel seiner Erinnerungen.

»Ich bin eine Vollwaise«, sagte er leise. »Meine Eltern starben, als ich Vier war. Ich bin in Pflegefamilien groß geworden.«

»Pflegefamilien?«, fragte Stark nach. »Plural?«

Martin atmete tief durch.

»Ja. Insgesamt bei vieren.«

Sandra kam auf ihn zu. In ihrem Blick vermischten sich Mitleid und Härte, als sie ihm eine Hand auf die Schulter legte.

»Martin, es könnte eine Erklärung für all deine Probleme sein, dass du einfach einen körperlichen Defekt hast. Nichts Schlimmes, aber niemand hat es offenbar je für notwendig erachtet, dich mal ordentlich auf den Kopf stellen zu lassen oder dir diese Möglichkeit als Grund zu nennen. Und wenn du in derartigen Verhältnissen aufgewachsen bist ...«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Ich will deine Sucht ja nicht rechtfertigen, aber verstehen kann ich sie. Zumindest ansatzweise. Aber ich halte sie auch für eine ziemlich feige Reaktion. Du hattest als erwachsener Mensch lange genug die Chance, dieser Sache auf den Grund zu gehen. Jetzt ist es zu spät, und wir alle hier sind in einer Situation, die keinerlei Fehler oder Schwächen verzeiht. Also reiß dich zusammen.«

»Und wenn ich es nicht schaffe?«

»Dann wirst du zu einem Klotz an unserem Bein.«

Kapitel IX - Der Mann ihrer dunklen Träume

Gabi träumte.

Sie träumte eigentlich immer sehr intensiv, und konnte sich auch immer an ihre Träume erinnern. Aber so intensiv wie dieser, war schon lange keiner mehr gewesen. Gabi wusste, dass sie träumte. Aber sie wusste auch, dass dieser Traum nur die Realität erneut abspielte. Eine vergangene Realität, die sie nicht würde ändern können. Sie konnte ihren Träumen ebensowenig davonlaufen, wie sie in der Lage war die Vergangenheit zu ändern. Und mit dieser Erkenntnis ergab sie sich schließlich ihrem Traum.

*

Gabi lief.

Sie lief um ihr Leben, ihr Atem brannte ihr in der Lunge, und nicht zum ersten Mal wurde sie sich bewusst, dass sie anders war als andere Kinder. Nicht so anders wie Tom, der nur einen gesunden Arm hatte, oder wie Kurt und Karl, wo der Eine nicht sprechen und der andere nicht hören konnte. Und nein, es war auch nicht ihre Fähigkeit die Kraft der anderen bündeln zu können. Eine Kraft die sie, gleich ob behindert oder nicht, sowieso von allen anderen Kindern und Erwachsenen unterschied. Nein, Gabi wusste dass sie vollkommen anders war, als die Anderen, und dieses Anderssein bezog sich nur auf ihren Körper, den sie manchmal regelrecht hasste. Diesen unbeholfenen und plumpen Fleischsack.

Und dazu kam, dass in ihrem Traum der Asphalt unter ihren Füßen zu einem gierigen Monster wurde, das sie festhielt, jeden kraftvollen Schritt in ihrem Traum zu einem hilflosen Tippeln werden ließ, sie scheinbar auf der Stelle festhielt, während SIE hinter ihr her waren.

Gabi lief im Traum vor den Wesen weg, die sie Knirscher getauft hatten, verfluchte schluchzend ihren tumben Körper, der so ungraziös war und ihr jetzt ein Hindernis statt einer Hilfe war.

Eigentlich hatte sie sich nicht so weit von den anderen entfernen wollen, als sie in den Autos nach lebenswichtigen Dingen gesucht hatten. Aber irgendwie hatte sie die anderen verloren. Es war, als wäre eine Stimme in ihr gewesen, die sie leise rief und von den Anderen weggelockt hatte. Vielleicht war es der leise Ruf einer bösen Hexe, wie der aus dem Märchen?

Nein, entschied Gabi, während sie im Traum immer noch versuchte, wegzulaufen und ihre Füße im zähen Schlamm flüssigen Asphalts stecken blieben. Es war keine böse Hexe gewesen, die sie gerufen hatte.

Es war viel schlimmer.

Es war der dunkle Mann gewesen.

Und sie hatte ihn gesehen!

Ihn, seinen Schergen und die Knirscher, die den Befehlen seines Schergen folgten.

Und wer dem dunklen Mann ins Antlitz sah, für den war der Weg ins Verderben festgeschrieben und unabwendbar.

»Aber aber, meine Kleine ...«

Da war sie! Die Stimme des dunklen Mannes, ganz nah an ihrem Ohr. Mit einem kalten Hauch, der nach Tod und Verwesung und noch viel Schlimmerem roch!

»Findest du wirklich, ich sollte ein Pfefferminz zu mir nehmen?«

Mit einem entsetzten Wimmern drehte Gabi den Kopf, wollte nicht sehen, musste aber sehen, wusste, dass ER es sein würde, der neben ihr schwebte und sie spöttisch mit seinem metallischen Haifischgrinsen ansah, wusste, dass sie aus dem Tritt kommen würde, sollte sie sich wirklich umdrehen und konnte dennoch die Realität nicht ändern.

Was geschehen musste, würde geschehen.

Sie versuchte weiter zu fliehen, schlängelte sich unbeholfen durch die verlassenen Autos, wandte dabei ihren Blick der Stimme neben ihrem Ohr zu ... und fiel hin!

Etwas riss an ihrem Bein. Es brannte höllisch an ihrer Wade. Die Stimme war weg, der dunkle Mann nicht zu sehen. Aber die Knirscher ... die konnte sie ganz deutlich hören.

Weinend setzte sie sich auf. Ihre Hose war ein Stück über ihrem Knöchel leicht eingerissen. Ein kleiner Blutfaden lief in ihre Socke. Gabi zitterte am ganzen Körper. Wo waren die Anderen?

Sie stand auf.

Da!

Sie sah Martin, der sich durch die Autos auf sie zuschlängelte. Mit einem erleichterten Laut auf den Lippen wollte sie ihm entgegenstürmen ... und stolperte erneut.

Eine Hand war unter dem Auto hervorgekommen! Und mit der Hand eine Schulter, ein Kopf ... das Ding zog sich an ihrem Bein unter dem Auto hervor. Gabi sah vor Schreck erstarrt auf das Schauspiel. Der Knirscher zog sich vollends unter dem Auto hervor. Sein Mund war gierig geöffnet, in seinen toten Augen brannten heißer Hass und dunkler Hunger. Gabi wollte gerade ihr Bein aus der Umklammerung des Toten ziehen, als sie etwas sah, dass sie vollends lähmte.

Der Knirscher hatte keine Beine mehr! Unterhalb seiner Taille hing ein Fetzen seines Rückgrats auf dem Boden, zerfetzte Darmschlingen folgten dem zerstörten Körper wie grausige Festtagsgirlanden.

Instinktiv riss sie ihr verletztes Bein zurück.

»Zier dich nicht so, meine Kleine.«

Da war er wieder! Der dunkle Mann! Aber wo?

»Ich bin überall, meine Kleine, und du kannst nicht entkommen. Denn weißt du, du bist mongoloid und deshalb plump. Das schreibt man M-O-N-«

Ein heißer Schmerz schoss durch Gabis Bein! Sie sah wie der Knirscher versuchte den Stoff ihrer Jeans zu durchbeißen. Erneut sammelte sie alle Kraft, riss ihr Bein zurück und dem Knirscher die Zähne aus dem Mund. Mit einem Blick, der in seiner Verblüffung in einem Film komisch gewesen wäre, sah der Untote auf seine Dritten Zähne, die an der Naht von Gabis Jeans hängen geblieben waren. Sie schrie vor Entsetzen auf, versuchte aufzustehen und ...

*

... erwachte mit tränennassen Augen.

Der gleichmäßige Atem der Anderen war ein Metronom der Ruhe, das sie allmählich beruhigte.

Keiner hatte etwas bemerkt. Das war gut, aber auch nicht verwunderlich. Gabi konnte, wenn sie es wollte, ihre Gedanken vor den Anderen abschirmen, ihre Geheimnisse für sich behalten.

Und es war ja auch nichts passiert. Der Knirscher hatte sie nicht gebissen. Sie waren in Sicherheit. Aber warum brannte dann ihr Bein so schlimm?

Gabi versuchte sich zu beruhigen, den Schmerz in ihrem Bein zu ignorieren. Um sich abzulenken, und um sofort zu spüren, sollte der dunkle Mann doch hierher kommen, lies sie ihre geistigen Fühler in den Äther greifen.

Sie erspürte Martins Geist.

Martin, der sie von dem Knirscher ohne Beine weggezogen hatte. Martin, der ihr Retter war, ihr Prinz und Ritter ohne Rüstung.

Mit einem Lächeln fiel sie schließlich in einen traumlosen Schlaf.

Und in ihrem Bein breitete sich etwas aus, das mit dem Speichel des Knirschers in ihren Blutkreislauf geraten war.

Sie sah nicht den dunklen Schatten, der sich in dem Zimmer ausbreitete, spürte nicht die Kälte, die sich plötzlich breit machte, hörte nicht das leise Lachen, das durch den Äther der Gedanken wehte, wie ein eisiger Nordwind.

»Meine Kleine. Ich sagte dir doch, dass ich dich kriegen würde. Du wärst eine gute Sergeantin für meinen vermummten General.«

Die Kälte wich aus dem Zimmer, der Schatten verschwand allmählich.

»Noch nicht sofort, meine Kleine. Aber bald. Sehr bald.«

Kapitel X - Nachtwache

Martin konnte nicht schlafen. Pfarrer Stark lag mit ihm zusammen in einem Zimmer, direkt neben dem, in dem sie die Kinder untergebracht hatten. Der Pfarrer schnarchte. Leise zwar, aber Martin bekam dennoch kein Auge zu.

Leise stand er auf und nach den Kindern. Sie schliefen. Das war gut. Sie hatten viel mehr durchgemacht als Kindern in ihrem Alter zugemutet werden sollte. Ein wenig Ruhe würde ihnen helfen, die kommenden Strapazen besser zu verarbeiten.

Sein Blick glitt noch ein letztes Mal über die schlafenden Kinder hinweg, dann ging er leise zu der Treppe, die ihn nach oben führen würde. Sandra hielt auf der Dachterrasse Nachtwache. Vielleicht könnte er sie ja ablösen?

Als Martin das große Gästezimmer im obersten Geschoß des Hauses erreichte, sah er Sandras Umriss im fahlen Licht der Sterne. Der Regen hatte aufgehört und dichte Rauchwolken zogen von Köln aus über das Land. Martin trat auf die Terrasse und Sandra drehte sich um. In diesem Moment zog eine dichte Wolke direkt über sie hinweg und für einen Augenblick konnte Martin die Hand nicht vor Augen sehen. Der Wind trug das scharfe Aroma ferner Feuer durch die Dunkelheit.

»Was willst du?«, flüsterte Sandra.

»Ich kann nicht schlafen.«

Die Wolke zog vorüber und gab das Licht der Sterne wieder frei. Martin sah, das Sandra offenbar geweint hatte.

»Alles okay?«

Sandra drehte sich wieder um, blickte in Richtung Köln und nickte.

»Ja.«

Martin trat näher an die Brüstung der Terrasse heran, stellte sich neben Sandra und folgte ihrem Blick. Für einen verrückten Moment fühlte er sich wie der Kapitän eines aufgetauchten U-Bootes. Im Turm stehend und die nächtliche See nach Feindbewegung absuchend. Aus dem Augenwinkel bemerkte er einen kurzen Lichtreflex.

Sandras Waffe.

Wenn hier einer der Kapitän war, dann sie. Martin lächelte still in sich hinein. Dann würde ihm vielleicht noch der Posten des Ersten Offiziers bleiben.

»Kommst du zurecht?« Sandras Stimme riss Martin aus seinen Gedanken. Verwirrt sah er sie von der Seite an. »Was meinst du?«

Sandra sah zu ihm auf und ihrem Blick lag etwas, das Martin frösteln ließ.

»Ich meinte das eben ernst. Wenn du deine Sucht nicht in den Griff bekommst, bist du raus.«

»Will sagen?«

Sandra hob als Antwort nur ihre Waffe leicht an.

»Es würde schnell gehen. Ich würde dich nicht denen da draußen überlassen.«

Martin lächelte säuerlich.

»Sehr beruhigend.«

»Mehr kann ich dir nicht bieten. Ich habe jetzt die Verantwortung für einen Haufen Kinder. Stark ist zwar ein respektabler Kämpfer, aber im Grunde hilflos. Frank ist ...« Sandra stockte. Martin bemerkte in ihren Augen ein verräterisches Glitzern, das sie versuchte wegzublinzeln. »Er hat alles gegeben, um die Kinder zu retten. Und er hat mich gerettet. Wenn das also meine Aufgabe in dieser Welt ist, die Kinder irgendwie in Sicherheit zu bringen, dann nehme ich sie an. Ich werde sie an einen sicheren Ort führen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.«

Verstehen keimte in Martin.

Sandra stand unter Schock. Und sie brauchte einen Anker, um sich aufrecht zu halten. Die Kinder waren dieser Anker, Stark und er nur die Glieder der Kette, die diesen Anker hielten. Würden sie zu schwach, um mit dieser Belastung fertig zu werden, würde Sandra sie ohne mit der Wimper zu zucken töten.

»Gut. Ich verstehe«, flüsterte Martin. »Und wie soll es weitergehen? Wohin willst du mit uns ziehen?«

»Nach Nörvenich. Die Flieger, die Köln desinfiziert haben, müssen ja irgendwo landen.«

»Warum dann nicht der Flughafen Köln-Bonn?«

»Glaubst du allen Ernstes, die Einsatzkräfte hätten ein derartig großes und offenes Areal zur zombiefreien Zone machen können?«

Ein gutes Argument, fand Martin.

»Du hast Recht. Aber das wird ein ziemlich langer Fußmarsch bis nach Nörvenich.«

Sandra starrte in die Dunkelheit.

»Ja.«

»Wir haben kaum Vorräte geschweige denn Wasser.«

»Ja.«

»Das wird ein hartes Stück Arbeit werden.«

»Ich weiß. Aber ich sehe keine andere Möglichkeit.«

Martin atmete tief durch.

»Na gut. Du bist der Boss. Leg dich hin und schlaf etwas, ich übernehme.« Sandra sah ihn fragend an. »Unausgeschlafen nutzt du uns nichts«, fügte Martin hinzu.

»Ich kann nicht schlafen.«

»Dann leg dich einfach nur hin und ruhe dich aus. Du kannst mir vertrauen.«

»Das wird sich noch zeigen müssen. Außerdem ...« Sandra stockte, atmete tief durch und sah auf die Straße, die sie morgen nehmen würden. »Ich glaube, wir werden beobachtet. Jemand lauert auf uns.«

Martin legte ihr zögernd eine Hand auf die Schulter.

»Dann lass uns beide gemeinsam Wache halten. Ich kann nämlich auch nicht schlafen.«

Kapitel XI - Luzifer, das Licht im Dunkel

Auch Patrick Stark träumte. Doch wo Gabi die Geschehnisse der Vergangenheit erneut durchlebte, wanderte der Geist des Pfarrers im Traum durch eine tiefe Dunkelheit. Seine Traumhände zur Seite gestreckt, kalte Wände der Ewigkeit berührend, schritt er immer tiefer einen endlosen Gang der Finsternis entlang. Sein Ich murmelte leise das Vaterunser, das ihm auch im echten Leben immer ein Leitfaden und Trost war.

Stark verspürte keine Angst in seinem Traum, nur eine endlose Traurigkeit, die ihm fast die Luft zum Atmen nahm und seine geistige Stimme beinahe in Tränen erstickte.

Plötzlich weitete sich der enge Gang vor ihm, und an seinem Ende wuchs ein Licht immer stärker an. Im Traum verstärkte Patrick seine Bemühungen aus dem Tunnel zu kommen. Das Licht kam näher und wurde dabei immer größer. Schließlich hüllte es ihn vollkommen ein.

Der dunkle Gang war verschwunden.

Es gab nur noch das Licht, Patrick und ... eine Gestalt, die sich langsam aus dem Licht herausschälte.

Stark sah einen Körper, so unirdisch schön, dass allein der Anblick lange vergessen geglaubte Gefühle in ihm wachrief. Er sah Augen, die so unendlich weise und gütig auf ihn niedersahen, dass er am liebten auf die Knie gesunken wäre.

»Bitte nicht«, erklang eine Stimme wie tausend klare Glocken. »Du sollst nicht vor mir knien, mein Kind.«

Im Traum stockte Patrick der Atem.

Mein Kind?

War das etwa ... Nein, das konnte nicht sein, denn es würde bedeuten, das er tot wäre! Oder dass er eine Vision erlebte, etwas, das nur Heiligen vorbehalten blieb!

»Keine Vision. Und nein, du bist nicht tot. Ich musste dich aber sehen, mit dir reden. Deshalb komme ich zu dir, mein Kind.«

Ohne es beeinflussen zu können, sackte Stark im Traum auf die Knie, senkte den Blick und weinte leise vor Glück.

»Mein Vater«, keuchte er. »Ob im Leben oder im Tod, mein Herz gehört dir für alle Ewigkeit.«

»Patrick, du sitzt da einem Irrtum auf, wie ich vermute.«

Stark sah im Traum auf.

Die Lichtgestalt sah mit einer Mischung aus Amusement, Bedauern und tiefer Liebe auf ihn herab.

»Ich bin nicht der große Vater aller Dinge. Ich bin Luzifer. Und du, Patrick Stark, bist mein liebstes Kind. Deshalb habe ich dich ...«

Ein Schrei des Entsetzens kollerte in Starks Hals hoch, warf hohle Echos in den Hallen seiner Träume. Alle Sünden seines Lebens, egal ob groß oder klein, kamen ihm wieder zu Bewusstsein.

Luzifer?

Er war Luzifers liebstes Kind?

Hatte Gott ihn verstoßen?

Der Schrei endete einfach nicht, stieß Stark mit gnadenloser Gewalt immer weiter weg von der Lichtgestalt, zerrte ihn rücklings in den dunklen Gang des Vergessens.

Luzifer! Der Gefallene Engel hatte ihn als sein liebstes Kind bezeichnet!

Zitternd und in Schweiß gebadet erwachte Stark. Er starrte in das dunkle Zimmer und versuchte die letzten Fetzen seines Traums, die sich wie dunkle Lumpen alten Tuchs um seinen Geist gelegt hatten, abzuschütteln.

Vorsichtig sah er sich um.

Er war alleine.

Martin war offenbar aufgestanden. Gut. Mit zitternden Fingern griff Stark unter seine Jacke, holte einen kleinen Flachmann hervor und nahm einen tiefen Zug.

Gott hatte sich von ihm abgewandt.

Wer mochte seiner Seele jetzt noch gnädig sein?

Kapitel XII - Dunkler Ruf

Frank stand reglos in der Dunkelheit und lauschte. Sie waren hier, seine Soldaten. Aber es waren zu wenige, als dass er seine Aufgabe mit ihnen erledigen könnte. Gabriel war zwar weg, aber Frank war sich sicher, dass der dunkle Mann ihn weiterhin beobachtete. Frank wollte nicht noch einmal den Fehler begehen, und die Kinder unterschätzen.

Oder Sandra.

Die Schmerzen, die ihm Gabriel zufügen konnte, wollte er auch nicht noch einmal erleben. Ein röchelndes Seufzen rollte seinen Hals hoch.

Frank sehnte sich nach Frieden.

Aber hatte er den denn nicht?

Er spürte keine Kälte, keinen Hunger, und die Erinnerungen an sein altes Leben taten ihm nicht mehr so weh, wie noch vor Kurzem. War das nicht eine ganz eigene Art von Frieden? Es gab keine Sorgen mehr um solch profane Dinge wie dem nächsten Gehaltsscheck, dem nächsten Sex, Krankheiten oder sogar dem Tod. Das alles war für ihn entrückt und unwichtig geworden wie lästige Fliegen, die man mit einem nachlässigen Wedeln der Hand verscheuchte, um sich wichtigeren Dingen zuwenden zu können. Nur noch das schwache Rauschen von Erinnerungen, Fetzen von uralten Radiosendungen gleich, die man vielleicht irgendwo in der Leere des Alls noch empfangen mochte.

Frank spannte seinen verbrannten und untoten Körper unbewusst an. Im Grunde war er wie ein kleiner Gott. Er konnte über die tumben Hüllen der anderen Untoten gebieten, sie wie die Lemminge in ein Feuer laufen, oder sie einen schwankenden Walzer tanzen lassen. Er würde ewig leben, gefangen in diesem Nimbus zwischen wahrem Leben und echtem Tod.

Ein bitteres Lächeln breitete sich unter dem Tuch über seinem Gesicht aus. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen der Konzentration und des eisernen Willens. Langsam trat Frank aus dem Schatten des Hauses in das Licht der Sterne und sah zum Himmel. Dichte Wolken zogen über ihn hinweg. Die letzten Ausläufer der Brände, mit denen Köln desinfiziert worden war.

Er sah sich um.

Hier war nicht mehr viel zu holen für ihn. Die Untoten hatten sich in diesem kleinen Ort zu weit verstreut, als dass er sie schnell genug zusammenrufen konnte.

Wo wollte Sandra hin?

Wo würde sie glauben, Hilfe finden zu können?

Frank beschloss, sich auf seinen Instinkt zu verlassen. Vorsichtig ließ er seinen Geist in den Äther hinausgreifen, spürte die knirschenden und dunklen Gedankenfetzen der anderen. Irgendwo musste er schließlich beginnen. Warum also nicht hier?

Langsam ging er der Straße entlang, ließ seinen unhörbaren Ruf durch den Äther der Gedanken erklingen. Untote, die vorher noch ziellos umher gelaufen waren, hielten inne, sahen sich verständnislos um ... und folgten seinem dunklen Ruf.

Frank, der General des dunklen Mannes, sammelte seine Truppen.

Kapitel XIII - Der Zug der Vergessenen

Es versprach ein schöner Tag zu werden. Die Sonne kämpfte sich durch die letzten Ausläufer der Qualmwolken, die von Köln aus über den Himmel zogen.

Sandra, Martin, Pfarrer Stark und die Kinder hatten sich vor dem Haus versammelt. Sandra hielt ihre Waffe gesenkt, war aber jederzeit bereit zu schießen, sollte sich einer der Untoten zeigen. Stark hielt seinen selbstgebauten Morgenstern lässig in der Hand. Er hatte Martin seinen Plexiglasschild gegeben, mit dem er die Kinder schützen sollte.

»Sollen wir eine bestimmte Marschordnung einhalten?«, fragte Martin. Sein Blick glitt skeptisch über die trügerische Idylle des Morgens.

Sandra nickte, ohne ihn anzusehen.

»Ja. Ich gehe als Erste. Patrick wird unsere rechte Flanke sichern. Die Kinder gehen in der Mitte und du, Martin, sicherst die linke Seite.«

Martin seufzte verhalten. Es gefiel ihm nicht, die relative Sicherheit des Hauses zu verlassen. In den zwei Rucksäcken der Gruppe befand sich nur noch Munition. Ihre letzten Notrationen waren für ein karges Frühstück draufgegangen, und Trinkwasser würde ebenfalls ein Problem werden.

»Ich finde immer noch, wir sollten nicht zu Fuß gehen«, murmelte er leise. Sandra sah ihn über die Schulter an. »Kannst du einen LKW reparieren? Nein? Dann wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben. Außerdem macht so ein Ding Lärm.«

»Und wie sollen wir unsere Vorräte tragen?«

Sandra schüttelte den Kopf und ging langsam auf die Straße zu, die sie nach Königsdorf führen würde.

»Erstmal sollten wir Essen und Wasser finden. Wenn es soweit ist, können wir uns immer noch Gedanken darüber machen.«

Martin holte Luft, als sich eine kleine Hand in seine schob. Verblüfft sah er herab. Gabi lächelte mit einer Heldenverehrung zu ihm auf, dass es ihn beinahe schon schmerzte.

»Das ist wie ein Ausflug«, sagte sie. »Das buchstabiert man A-U-S-F-L-U-G.«

Eine Hand legte sich schwer auf Martins Schulter.

»Sandra hat Recht«, sagte Stark. »Hier können wir nicht bleiben. Und ich glaube, die Kinder können mehr verkraften und leisten als wir ihnen zutrauen.«

Martin runzelte die Stirn. Glaubte der Pfarrer vielleicht doch an das, was Sandra gestern Abend als Hirngespinst abgetan hatte? Und roch er da etwa eine Fahne im Atem des Pfarrers? Stark nickte in Richtung Ortschaft.

»Und jetzt sollten wir los, bevor Sandra uns allen davonläuft. Wenn diese Frau sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht sie es auch durch.«

Stark wandte sich von Martin ab und folgte Sandra, die schon ein gutes Stück voraus war. Mit einem letzten Blick auf die Kinder nickte Martin.

»Also gut. Ihr habt gehört, was unsere Anführerin gesagt hat. Seid leise, bleibt dicht zusammen und sagt sofort Bescheid, wenn ihr etwas verdächtiges bemerkt.«

Eine Welle bejahender Gedanken prasselte auf Martin ein. Verwirrt sah er die Kinder an und hob die Hand.

»Und bitte ... macht es mit Worten. Nicht mit ... ihr wisst schon.«

Gerhard und Kurt traten grinsend vor.

»Du kannst es ruhig aussprechen«, sagte Gerhard.

Kurt nickte heftig.

»Ja, wir können es alle, wie wir gestern festgestellt haben.«

»Bitte?«

»Wir alle sind ... hm ... anders«, sagte Gerhard. »Wir haben es schon gespürt, als ihr gestern auf der Flucht vor den Knirschern ward.«

Martin seufzte tief.

»Na gut. Mich haut eh nichts mehr um. Wenn es Tote gibt, die mit einem Mordshunger auf frisches Menschenfleisch umherwandeln, warum soll ich DAS nicht auch noch glauben?«

Er ging vor den Kindern in die Knie und sah sie eindringlich an.

»Behaltet aber bitte eure Fähigkeiten für euch! Ich weiß nicht, wie die anderen beiden Erwachsenen darauf reagieren. Vor allem Sandra. Sie hat eine Waffe. Sie sie ist ... naja, etwas ruppig, und ich möchte deswegen nicht, dass sie etwas von euren Fähigkeiten erfährt. Und jetzt los. Und seid vorsichtig.«

Die Kinder nickten mit einem absurd feierlichem Ernst, als Martin aufstand. Mit einem letzten, zweifelnden Blick wandte er sich ab und marschierte los. Nach einigen Schritten griff Gabi nach seiner Hand.

Martin sah zu ihr herab.

Wieder dieser Blick voller unverhohlener Heldenverehrung.

Dürfen wir ein Lied singen?

Martin zuckte zusammen. Konzentriert dachte er seine Antwort.

Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?

Wir würden ja auch leise singen. Du weißt schon ...

Bevor Martin eine Antwort geben konnte, erklangen leise die Stimmen der Kinder in seinem Kopf.

Wir sind die Pilger nach Eden

dort wollen wir in Frieden leben

und unter Seinem hellen Licht

das Dunkel uns niemals anficht

wir sind die Vergessenen

beschimpft als die Besessenen

doch wir sind nur die Pilger nach Eden

wo in Frieden wir werden ewig leben

*

Ganz in der Nähe des Hauses stand ein Schemen mitten auf dem Feld. Je weiter sich die Flüchtlinge entfernten, um so schärfer wurden die Umrisse des Schemens, bildeten zuerst die Kontur eines menschlichen Körpers, dann ganz langsam die Gestalt einer Frau, und schließlich war die Metamorphose von Licht in Fleisch und Blut vollendet.

Es war eine Frau.

Groß und mit feinen Gliedern, gekleidet in einen weißen Anzug. Ihr Haar fiel in dunklen Wellen über ihre Schultern. In ihrem Blick lagen Weisheit, Liebe und Trauer.

Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel der Frau.

»Ja, ihr seid wahrhaftig Pilger«, sagte sie leise. Ihre Stimme war tief und klar, strafte ihr Aussehen Lügen. »Und ihr seid wirklich die Vergessenen. Aber ich habe euch nicht vergessen. Ich werde euch auf eurem Weg schützen, so wie ich es nach Kräften vermag.«

Die Frau seufzte.

»Vielleicht wird ER mich dann endlich verstehen, vielleicht darf ich dann endlich wieder zu seiner Rechten sitzen.«

Die Frau folgte mit festen Schritten der Gruppe.

»Ich werde euch schützen und nach Eden geleiten. Das schwöre ich bei meinem Namen. Luzifer, der Lichtbringer.«

Ende des zweiten Buches der Chronik von Eden


Drittes Buch: Verlorene Hoffnung

von Ben B. Black

Kapitel I - Das Häuschen im Grünen

Die aufgehende Sonne suchte sich einen Weg durch die Schlitze des Rollladens, kleine Staubpartikel tanzten in ihren Strahlen und reflektierten das Licht. Stephan drehte sich grunzend auf die andere Seite, ließ donnernd einen Darmwind entweichen und versuchte, mit einem »nur noch fünf Minuten« auf den Lippen wieder einzuschlafen.

Dann bemerkte er den beißenden Geruch, der definitiv nicht von ihm verursacht worden war, denn kein lebendes Wesen war in der Lage, so einen Gestank zu verbreiten. Vorsichtig öffnete er sein rechtes Auge ein winziges Stück weit und linste in Richtung der Sauerei am anderen Ende seines Schlafzimmers.

»Schade«, seufzte Stephan, »dabei hatte ich gehofft, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Du meine Fresse, muss ich strack gewesen sein, als der Freak hier aufgetaucht ist.«

Kopfschüttelnd setzte er sich auf und bereute die schnelle Bewegung sofort. Ein stechender Schmerz suchte sich gleißend einen Weg durch sein Großhirn, nur um sogleich Kurs auf die Sehorgane zu nehmen, die Stephan umgehend schloss, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

»Erstmal eine Aspirin einwerfen«, murmelte er, als er sich mit geschlossenen Augen langsam aus seinem Bett erhob und sich noch kurz an dessen Rand festhielt, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen.

Als er einen einigermaßen stabilen Stand gefunden hatte, fühlte er sich auch wieder stark genug für das, was es hier zu sehen gab. Entschlossen hob Stephan seine Lider und schaute sich die versaute Zimmerecke an.

In einer Lache geronnenen Blutes lag eine Gestalt mit merkwürdig verrenkten Gliedern, bei denen das teilweise fehlende Fleisch die Knochen hervorblitzen ließ. Dort wo der Kopf hätte sein sollen, befand sich nur noch eine breiige Masse, von der offenbar auch der größte Teil des widerlichen Gestanks ausging, der das Zimmer erfüllte.

Stephans Magen rebellierte mit Macht und brachte sein Herrchen dazu, den wieder aufflammenden stechenden Kopfschmerz zu ignorieren und sich schnellstmöglich in Richtung der Kloschüssel in Bewegung zu setzen, um die Schweinerei im Schlafzimmer nicht noch weiter zu vergrößern.

*

Stephan saß am Küchentisch und sah der großen weißen Tablette dabei zu, wie sie sprudelnd in einem Glas Wasser tanzte. Mit zitternden Fingern rieb er sich einen Rest Erbrochenes aus dem Mundwinkel. Er schwankte noch ein bisschen auf dem Stuhl, auf den er sich hatte fallen lassen.

Schließlich hatte sich das Schmerzmittel vollends aufgelöst, und Stephan stürzte gierig die schäumende Flüssigkeit hinunter. Es gluckerte kurz in seinem völlig entleerten Magen, dann brach sich ein ausgewachsener Rülpser Bahn, den Stephan hemmungslos in die Freiheit entließ.

»Besser!«, stellte er zufrieden fest.

In etwa einer Viertelstunde würde das leichte Medikament seine Wirkung entfalten und ihn endlich von den Kopfschmerzen befreien, die sich mittlerweile so anfühlten, als ob eine Horde Zwerge ein Bergwerk in seinem Kopf eröffnet hätte und dort begierig nach Bodenschätzen schürfte. Bis die ungebetenen Gäste vollends vertrieben waren, würde er sich ein leichtes Frühstück genehmigen, um anschließend genug Kraft zu haben, sich des Zustands seines Schlafgemachs anzunehmen.

Stephan erhob sich von seinem Stuhl und schlurfte zum Fenster, um den Rollladen hochzuziehen. Zufrieden stellte er fest, das vor dem Haus alles so aussah wie immer. Der tote Freak in seinem Schlafzimmer musste sich offenbar verlaufen haben, denn von seinen Kumpels war weit und breit keiner zu sehen.

»Tja, dein Pech, dass du meine Ruhe gestört hast.« Stephan grinste gehässig. »Mein Alu-Baseballschläger leistet eben immer noch hervorragende Dienste. Das ist Qualitätsarbeit Made in the USA, rockergangerprobt und unverwüstlich.«

Dann entdeckte er den umgestoßenen Gartenzwerg und fluchte: »Scheiße, du Arsch! Wenn ich das gleich gesehen hätte, wären Deine Eier vor Deiner Matschbirne fällig gewesen!«

Nun doch ein wenig verstimmt, wandte Stephan sich dem Küchenschrank zu und kramte eine Büchse Corned Beef und eine Packung Pumpernickel hervor. Beides so unverwüstlich wie der Baseballschläger aus Aluminium, solange es in der Dose war, doch wesentlich wohlschmeckender und nahrhafter. Zum Glück hatte er jede Menge von diesem und ähnlichem Zeugs gebunkert, bevor draußen alles zusammen-gebrochen war.

*

Gut eine Stunde später war Stephan wieder soweit bei Kräften, sich der Herausforderung des Saubermachens stellen zu können. Zuvor hatte er aber noch etwas anderes zu erledigen, das jetzt keinen Aufschub mehr duldete.

Mit entschlossener Mine betrat er den Vorgarten des Hauses, wo er die Fäuste in die Hüften stemmte. Missbilligend schüttelte er den Kopf und betrachtete einen Moment lang das Bild, das sich ihm hier bot.

Ein schmucker gepflegter Jägerzaun grenzte den Vorgarten gegen eine nahe Wiese ab, die sich in nicht allzu großer Entfernung an einen Wald anschloss. Innerhalb der Umzäunung lag ein kleiner aber feiner Ziergarten, der bis in die letzte Ecke liebevoll gestaltet war. Das Zentrum dieser Pracht bildete ein Gartenteich, in dem normalerweise ein kleiner Springbrunnen plätscherte, aber dessen »innere Werte« sich standhaft weigerten, ohne elektrischen Strom zu funktionieren.

Überhaupt lag das Häuschen mit seinem kleinen Grundstück idyllisch im Grünen, fast zwei Kilometer von Königsdorf entfernt am Rande des Forstes, dem die Ortschaft seinen Namen gegeben hatte. Stephans Eltern hatten das kleine Anwesen vor etwas mehr als fünfundzwanzig Jahren erworben und waren zusammen mit ihrem einzigen Kind hierher gezogen.

Anfangs hatte Stephan das Leben hier draußen gehasst, aber mit zunehmendem Alter fand er es immer angenehmer, sich vom Trubel der Menschen hierher zurückziehen zu können. Als seine Eltern dann vor fünfzehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte er sich hier sein eigenes kleines Paradies geschaffen.

Wie es aussah, war die Ruhe hier draußen nicht nur Balsam für die Nerven, sondern offenbar auch der Grund dafür, dass Stephan von den Freaks, wie er sie nannte, die als Folge der Pandemie entstanden waren, bislang nicht behelligt worden war. Bis gestern Abend jedenfalls.

Stephan kratze sich am Bauch und versuchte, sich die Geschehnisse des Abends noch einmal ins Gedächtnis zurückzurufen, was ihm nicht ganz leicht fiel, denn aufgrund der Biermenge, die er getankt gehabt hatte, war er kurz vor einem Filmriss gestanden, als sich der ungebetene Besucher bemerkbar gemacht hatte.

*

Ein paar Stunden zuvor

Köln brannte. Obwohl das Wetter alles andere als gut war, konnte man den schwarzen Rauch, der von der ehemaligen Rhein-Metropole aufstieg, deutlich erkennen.

Stephan hatte die Stadt nie gemocht, trotzdem berührte ihn der Anblick irgendwie auf eine merkwürdige Weise. Fast schon automatisch ging er ins Haus zurück und griff nach einem Bier, nur um den Inhalt der Flasche in einem Zug hinunterzustürzen.

Ein paar Bier später tauchte Julia vor seinem inneren Auge auf. Stephan sah die langen blonden Haare, die ihr liebliches Gesicht umrahmten, vor sich, und er vermeinte, ihr glockenhelles Lachen hören zu können. Ach, Julia …

Nach einem weiteren Bier war Stephan gerade dabei, seinen Hosenladen aufzufummeln, um die Gedanken an Julia würdig zu zelebrieren, als ein leises Scharren zu hören war, das er zunächst einem der Wildtiere aus dem nahen Wald zuschrieb, von denen sich immer wieder eines vor seine Haustür verirrte.

Aus dem Scharren wurde eine Art Klopfen. Schließlich gab Stephan den Kampf mit seiner Unterhose auf und sah leise fluchend nach, was der Lärm zu bedeuten hatte. Wutentbrannt öffnete er die Tür, um das blöde Vieh zu verscheuchen, das ihn in seiner Andacht gestört hatte. Doch stattdessen stand einer dieser widerlichen Freaks vor ihm und ging auf ihn los.

»Scheiße!«, fluchte Stephan, denn das Ding auf seiner Türschwelle bewegte sich viel schneller als er es jemals für möglich gehalten hatte.

Der kurze Moment des Schreckens, der Stephan hatte erstarren lassen, genügte dem Angreifer. Zwei Arme schnellten nach oben und die Hände daran packten unerbittlich zu. Stephan fühlte sich nach vorne gezerrt und riss in einem Reflex seinen rechten Ellenbogen hoch, so dass dieser krachend in dem einschlug, was einmal der Mund des Dings gewesen war. Obwohl die Abwehrbewegung die restlichen Schneidezähne aus der fauligen Öffnung geschlagen hatten, biss das zugehörige Etwas unerbittlich zu.

»Scheiße!«, schrie Stephan erneut, allerdings mehr vor Schreck als vor Schmerz, denn die nun zahnlosen Kiefer taten sich schwer damit, die Haut seines Arms zu durchdringen. Aber er wollte es erst gar nicht so weit kommen lassen, dass ihm ebenfalls ein Stück Fleisch aus dem Arm fehlte, so wie es bei seinem Angreifer an mehreren Stellen der Fall war. Deshalb zerrte Stephan mit aller Macht an seinem Arm, um ihn wieder freizubekommen.

Zunächst stellte sich jedoch ein Art Pattsituation ein. Der Schmerz an Stephans Arm nahm zwar immer weiter zu, trotzdem wollte dem Angreifer der Biss einfach nicht gelingen. Als das Ding jedoch anfing, den Kopf ruckartig hin und her zu bewegen, bekam Stephan Panik, denn nun würde es nicht mehr lange gutgehen, bis ihm dennoch ein Stück seines Armes herausgerissen würde. Er zappelte und wand sich in dem Griff, doch obwohl das Genick des anderen ein paarmal gefährlich knirschte, ließ dieser nicht locker.

Schließlich wurde Stephans Gezappel so wild, dass beide der Länge nach hinfielen. Der Schädel des Freaks krachte dabei hart auf die Waschbetonsteine, und der bis eben eiserne Griff lockert sich soweit, dass Stephan sich losmachen konnte. Schnell sprang er auf, hastete nach drinnen und versuchte, die Eingangstüre hinter sich ins Schloss zu schlagen, allerdings hatte sich der Angreifer ebenfalls schon wieder aufgerappelt und einen seiner Arme zwischen Tür und Rahmen gebracht.

»Dich mach ich fertig, Du Freak!«, schrie Stephan außer sich. Er holte mit dem schweren Türblatt aus und schmetterte es immer und immer wieder gegen den Arm des Dings. Das ließ sich davon jedoch in keiner Weise beeindrucken, auch wenn immer mehr vom Knochen des Arms zum Vorschein kam. Dafür begann sich ein modriger Geruch im Hausflur auszubreiten.

Stephan blieb nichts anderes übrig, als seine Taktik zu ändern. Er ließ von der Haustür ab und rannte ins Schlafzimmer, denn dort wusste er ein Werkzeug, das ihm in diesem Fall behilflich sein konnte. Mehr im Unterbewusstsein nahm er wahr, dass das Ding ihm folgte und dabei die Haustüre krachend ins Schloss fiel, nachdem es sie passiert hatte.

Aha, der Freak hat wenigstens ein bisschen Anstand übrig behalten und macht die Tür hinter sich zu, stellte Stephan in Gedanken fest. Vielleicht geht sein Anstand ja sogar so weit, dass er sich die Schuhe abputzt, um mir ein wenig Zeit zu verschaffen.

Tatsächlich gelang es Stephan, den Raum mit genügend Vorsprung zu erreichen, um den Freak dort gebührend empfangen zu können. Als der seinen stinkenden Körper durch die Schlafzimmertür schob, krachte ihm Stephans Alu-Baseballer genau in die Fresse. Das Ding taumelte ein wenig nach links, und Stephan drosch erbarmungslos erneut auf dessen hässlichen Schädel ein. Wieder und wieder sauste das Sportgerät auf den Angreifer nieder, bis sich der Kopf am Ende in eine breiige Masse verwandelt hatte. Die lief zäh am Körper seines Besitzers herunter und erinnerte dabei an fauliges Müsli, in dem noch andere kleine Brocken schwammen, von denen Stephan gar nicht so genau wissen wollte, wo sie herkamen.

Als sich das Etwas, das offenbar einmal ein Mensch gewesen war und nun in der Ecke des Zimmers lag, nicht mehr regte, ließ Stephan den Baseballschläger keuchend fallen und ging ein paar Schritte zurück. Das Adrenalin, das bis eben mit Macht durch seinen Körper gepumpt worden war, befand sich nun auf dem Rückzug, was sich nicht nur darin bemerkbar machte, dass Stephans Hände anfingen zu zittern, sondern auch daran, dass der durch den Alkohol verursachte Nebel in seinem Kopf langsam zurückkehrte.

Stephan ließ sich auf das Bett fallen, wo er einem Moment lang einfach so dasaß, dann kippte er zur Seite und schlief ein. Kurz darauf war der Raum vom Schnarchen der Gerechten erfüllt.

*

»Ja, so in der Art muss das wohl gewesen sein«, überlegte Stephan laut, als er wieder aus seiner mehr bruchstückhaften Erinnerung in das Hier und Jetzt zurückkehrte.

Plötzlich riss er wie elektrisiert die Augen auf, krempelte seinen rechten Ärmel hoch und betrachtete den Arm, der darunter zum Vorschein kam. In der Nähe des Ellenbogens war ein großer blauer Fleck zu sehen, und das Gewebe wirkte ein wenig geschwollen. Als Stephan genauer hinsah, entdeckte er feine Schorfspuren, die durch die dunkle Färbung der Haut schwer zu sehen waren.

»Du Mistsau!«, entfuhr es ihm, denn auch er hatte schon Zombiefilme gesehen, und wusste daher, dass man selbst zu einem der Freaks wurde, wenn sie einen bissen. Zumindest, was man so als »wissen« bezeichnen konnte, denn die Filme hatte sich jemand ausgedacht, aber das hier war die Realität.

Stephan hatte sich aus der ganzen Sache bislang heraushalten können. Als es »dort draußen« ernst geworden war, hatte er sich krankgemeldet, obwohl ihm seine Arbeit bei der Post eigentlich viel Spaß machte. Aber es gab einfach Dinge, die waren wichtiger. Er hatte die Zeit, die ihm der »gelbe Urlaubsschein« verschafft hatte, dazu genutzt, seine Vorräte aufzustocken, so gut es eben ging, und sich dann hierher zurückgezogen. Aber wie es aussah, hatte ihn die Sache nun doch eingeholt. Was sollte er also tun?

Eine Weile kratzte sich Stephan nachdenklich am Kopf, dann zuckte er mit den Schultern und tat das, weswegen er überhaupt in den Vorgarten gekommen war. Um alles andere konnte er sich später noch kümmern, und falls er wirklich ebenfalls ein Freak werden würde, dann wollte er hier wenigstens alles ordentlich zurücklassen.

»Na, Anton, alles klar bei Dir?«

Beinahe zärtlich hob Stephan den Gartenzwerg, den der Zombie gestern Abend umgestoßen haben musste, auf und betrachtete ihn sorgfältig von allen Seiten. In einer Falte der grünen Schürze des kleinen Kerls hing ein wenig Erde, die Stephan vorsichtig entfernte, bevor er Anton wieder liebevoll an dessen angestammten Platz zurückstellte.

Ansonsten schien hier draußen alles so zu sein, wie es sich gehörte, also war nun das Schlafzimmer an der Reihe. Der ungebetene Besucher zahlte keine Miete, was ihm jetzt den verdienten Rausschmiss einbrachte. Die Kündigung hatte Stephan ja bereits gestern Abend in Form einer Reihe kräftiger Hiebe persönlich überbracht, das sollte eigentlich unmissverständlich gewesen sein, und den Rechtsweg gab es ja nun offenbar nicht mehr.

Stephan holte einen großen Eimer und eine Schaufel aus der Garage, zog sich ein Paar Gummihandschuhe über und betrat entschlossen sein Schlafzimmer.

»Boar, Alter, Du stinkst vielleicht!«, erklärte er dem Ding in der Zimmerecke. »Da brauchst du dich aber auch nicht zu wundern, wenn dich keiner bei sich haben will.«

Langsam begann er, die Überreste des Schädels zusammen mit allem anderen, was einen mehr flüssigen als festen Eindruck machte, in den Eimer zu schaufeln. Als dabei der obere Teil des Torsos zum Vorschein kam, in dem Luft- und Speiseröhre sowie das eine Ende der Wirbelsäule deutlich zu erkennen waren, begann Stephans Magen erneut zu rebellieren.

Schnell ging er ans Fenster, das er bereits beim Hereinkommen geöffnet hatte, um den Gestank nach draußen zu lassen, und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Er ließ den Blick eine Weile über den Waldrand schweifen und lauschte dabei dem Zwitschern der Vögel. Ja, da draußen würden die Reste des Freaks gut aufgehoben sein, dort konnte er sich wenigstens noch als Dünger nützlich machen.

*

Gegen Mittag hatte Stephan alles soweit erledigt. Die Überreste des Zombies erfreuten die Würmer im Wald, das Schlafzimmer war wieder blitzblank geputzt, die eingesaute Stelle der Raufasertapete frisch gestrichen. Stephan war mit sich und der Welt zufrieden, bis sich sein Magen erneut meldete und ihn nachhaltig daran erinnerte, dass es Zeit fürs Mittagessen war.

Stephan fand, dass er sich zur Belohnung ein wenig Abwechslung auf dem Speiseplan verdient hatte, daher wollte er eine kleine Einkaufstour unternehmen. In einem der Läden und Restaurants entlang der Aachener Straße sollte sich doch irgendwo noch die eine oder andere Leckerei auftreiben lassen.

Da zu befürchten stand, in Königsdorf auf weitere Zombies zu treffen, packte Stephan zur Sicherheit seinen Baseballer, der ihm diesbezüglich ja bereits gute Dienste geleistet hatte, in den Rucksack, den er sich mit einer schwungvollen Bewegung umhängte, nachdem er sein Fahrrad aus des Garage geholt hatte.

Der Regen vom Vorabend hatte sich verzogen, und die Sonne ließ sich immer öfter zwischen den Wolken blicken. Vom schöner werdenden Wetter sowie der Aussicht auf ein besonderes Mittagessen beflügelt, pedalte Stephan munter seinen Ziel entgegen, wobei er die Melodie von »Joh, mir san mi’m Radl doh!« pfiff. Er liebte Volksmusik und bedauerte zutiefst, dass er wohl so schnell keine entsprechende Veranstaltung mehr würde besuchen können.

Was wohl aus dem Flori und seinen Kollegen geworden ist?, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf. Na, ihre CD-Verkäufe dürften auf jeden Fall ganz schön eingebrochen sein.

Stephan hatte sich als Junge am Erlernen eines Musikinstruments versucht, um im örtlichen Musikverein mitspielen zu können, dabei aber feststellen müssen, dass er völlig taktlos war. Daran hatte auch ein später von der Schule organisierter Tanzkurs, der ihn hätte auf den Abschlussball vorbereiten sollen, nichts ändern können.

Wie es seine Art war, hatte ihn das jedoch nicht wirklich lange beschäftigt. Die Mädchen seines Jahrgangs, die er mit der Tanzerei vielleicht hätte beeindrucken können, interessierten ihn nicht wirklich, und Musik konnte man auch beim Hören genießen, wozu man schließlich mehr Zeit hatte, wenn man diese nicht mit Üben verbringen musste.

Stephan war schon immer ein wenig anders als die anderen Jungs seines Alters gewesen. Weder in der Schule noch später als Erwachsener hatte er viele Freunde gehabt. Seine Kollegen hatten ihn durchaus geschätzt, immerhin war er jederzeit bereit gewesen, ihre Bezirke zu übernehmen, wenn sie einen Tag frei haben wollten, aber echte Freundschaften hatte er nie geschlossen, an keinem Betriebsfest oder Ausflug teilgenommen. Er machte sich nicht viel aus menschlicher Gesellschaft, ging lieber alleine im Wald spazieren oder hörte Musik.

Als die Welt da draußen allmählich in sich zusammenfiel, die Menschen wie die Fliegen starben, um als Zombies wieder aufzuerstehen, hatte ihn das nicht sonderlich berührt. Die Welt verfiel mit lautem Getöse in die letzte Stille, und das war okay so. Stephan liebte die Stille.

Er hatte sich auch nie einsam gefühlt. Er war allein, weil er das so mochte. Angst war für ihn auch etwas, dass nur gedämpft zu ihm durchdrang. Während er mit dem Rad durch die leere Welt fuhr, beschlich ihn noch nicht einmal ein leichtes Gefühl der Beklemmung, denn die Ruhe war angenehm. Ob Julia jetzt wohl auch ruhig war?

Mit einem misstönenden Pfiff endete seine Interpretation des alten Gassenhauers. Hier und jetzt wollte er nicht an sie denken, denn auch wenn er keine Angst verspürte, dufte er nicht unvorsichtig werden! Und der Gedanke an Julia brachte ihn immer dazu, ein wenig … abgelenkt zu sein.

Schließlich bog Stephan in der Nähe des Ortseingangs auf die Aachener Straße ein und hielt an. Er spähte die Fahrbahn entlang und hielt dabei nach verdächtigen Bewegungen Ausschau. Gleichzeitig strengte er seine Ohren an, ob vielleicht irgendetwas zu hören war, das nach Gefahr klang.

»Besser, ich gehe ab hier zu Fuß weiter«, murmelte er und lehnte seinen Drahtesel an einen Laternenpfahl. Kurz dachte er darüber nach, ob er sein Fahrrad abschließen sollte, dann winkte er ab. Die Freaks fuhren nicht Rad, wer also sollte es stehlen wollen?

*

Der Supermarkt, den Stephan als erstes angesteuert hatte, erwies sich als Reinfall. Die Regale waren größtenteils geplündert, was sich noch darin befand, nicht mehr zu gebrauchen. Er war gerade im Begriff, sich in dem Bereich, der eigentlich den Angestellten des Marktes vorbehalten war, umzusehen, als er hinter der betreffenden Tür ein Rumpeln vernahm. Mit einem »Schade, schon besetzt« wandte er sich zum Gehen und sah zu, dass er aus dem Markt kam, ohne dass ihn das Ding dort drinnen bemerkte, denn im Moment war ihm nicht nach weiterer sportlicher Betätigung.

Als nächstes nahm er sich ein Restaurant vor, das früher für seine hervorragende Küche bekannt gewesen war, wobei dieses »früher« eigentlich gar nicht lange zurücklag, obwohl es sich so anhörte, als würde man von einer längst vergangenen Epoche sprechen. Aber Zeit war etwas Flüchtiges, egal wie sehr man auch versuchte, darin einen Ruhepunkt zu finden und sich kleine Anker in Form von Erinnerungen zu schaffen. Wenn es dem Universum beliebte, fegte es einfach alles mit einer lässigen Handbewegung beiseite, gerade so, wie ein Mensch ein lästiges Insekt verscheuchen würde.

Doch jetzt war nicht der Augenblick für tiefe philosophische Gedanken, denn überall konnte Gefahr lauern. Mit Wehmut dachte Stephan an früher zurück – da war es schon wieder, dieses komische Wort – als er sich gerne in einen Park zurückgezogen hatte, um dort vor sich hin zu träumen. Oft suchte er dazu die Nähe eines Spielplatzes, denn das Lachen und Lärmen der Kinder hatte ihm dabei geholfen, seine Gedanken wie auf einer Wolke davonschweben zu lassen.

»Scheiß auf früher!«, knurrte Stephan ärgerlich über sich selbst. »Die alten Zeiten sind nicht mehr, die Karten wurden neu gemischt. Eine Spezies, die sich nicht anpassen kann, ist dem Untergang geweiht, und das trifft auch für einzelne Individuen zu.«

Entschlossen ging er vollends um das Haus herum und suchte dabei nach dem Kellereingang. Vielleicht würden sich hier ja wenigstens ein paar Flaschen eines guten Weines finden lassen, mit deren Hilfe er sich genussvoll wegbeamen konnte. Wenn man einmal von dem Intermezzo mit dem ungebetenen Besucher absah, hatte Stephan den gestrigen Abend eigentlich als recht angenehm empfunden, und auch die Erinnerung an Julia war dabei in ein Licht gerückt worden, das ihm seit längerem wieder einmal Freude bereitet hatte. Ach, Julia …

Die Kellertüre war zwar abgeschlossen, aber nicht sehr stabil. Stephan warf sich zweimal dagegen, dann sprang sie mit einem Krachen auf, als das Schloss aus dem hölzernen Rahmen splitterte. Kurz wunderte er sich darüber, dass der Vorratskeller des ehemaligen Nobelrestaurants so schlecht gesichert war, dann entdeckte er die Drähte der Alarmanlage, die inzwischen aus dem selben Grund nicht mehr funktionierte wie der Springbrunnen in seinem Gartenteich.

Für einen kurzen Moment fand er es sehr interessant, wie sehr sich die Zivilisation von der Elektrizität abhängig und auch genau durch diesen Umstand äußerst verwundbar gemacht hatte, wenn jene nicht mehr zur Verfügung stand.

Vielleicht haben wir ja kurz vor einer Art Zeitenwende gestanden, dachte Stephan, als er seine Dynamotaschenlampe hervorholte und noch ein paarmal an deren Kurbel drehte, um den Akku vollends aufzuladen. Wenn man uns mehr Zeit gelassen hätte, dann wäre aus der Menschheit vielleicht noch etwas Anständiges geworden. Oder mag das Universum vielleicht keine Anständigen und hat uns deshalb so in den Arsch getreten?

Er stellte fest, dass er schon wieder dabei war, sich im Philosophieren zu verlieren, deshalb knipste er kurzerhand seine Lampe an und begann, sich in dem alten Gewölbekeller umzusehen.

Tatsächlich waren die Regale überwiegend mit den verschiedensten Weinen bestückt, und es grenzte schon an ein Wunder, dass noch niemand anders versucht hatte, sich dieser Schätze zu bemächtigen. Täuschte er sich, oder lagerten weiter hinten sogar Lebensmittel? Das Klima dieser alten Keller war für einige Dinge ideal, mit ein wenig Glück war Stephan soeben auf einen kleinen Schatz gestoßen.

Kurz war er versucht, sich den Inhalt einer Weinflasche in den Hals zu kippen, um die gestern rüde unterbrochene Andacht für Julia angemessen nachholen zu können, dann entschied er sich jedoch anders. Zuhause würde es bestimmt mehr Spaß machen als in diesem Gewölbe, außerdem war die Gegend nicht wirklich sicher, wie er im Supermarkt mitbekommen hatte.

Stephan wollte sich gerade daranmachen, die hier gelagerten Lebensmittel näher in Augenschein zu nehmen, um sich für seine erste Tour ein paar besonders leckere Dinge auszusuchen, als von der Treppe her Geräusche zu hören waren, die verdammt an den Freak vom Vorabend erinnerten …

Kapitel II - Schießübungen

Schweigend folgte die Gruppe ihrer Anführerin. Sandra ging an der Ortsgrenze von Königsdorf entlang Richtung Süden. Dabei bedeutete sie ihnen ab und zu stehenzubleiben. Sandra huschte dann flink in eines der Häuser, nur um kurz darauf wieder mit grimmiger Miene und einem Kopfschütteln aufzutauchen.

Diese Vorgehensweise ließ sie nur relativ langsam vorankommen. Die Sonne kletterte nach und nach höher am Himmel. Das Versprechen, es würde ein schöner Tag werden, schien sich zu erfüllen – zumindest was das Wetter anging.

Sie hat wieder nichts gefunden, erklangen Toms Gedanken in Martins Kopf. Ich kann ganz deutlich spüren, dass sie hofft, in einem der Häuser noch etwas Essbares aufzutreiben.

Schicksalsergeben verdrehte Martin die Augen. Er konnte sich immer noch nicht an diese stille Art der Verständigung gewöhnen. Für die Kinder schien es jedoch so selbstverständlich zu sein, dass sie schon gar nicht mehr darüber nachdachten. Er hatte sie zwar gebeten, es zu lassen, aber eigentlich war es egal, solange nur Patrick und vor allem Sandra nichts davon mitbekamen.

Martin war sich immer noch nicht sicher, wie sie darauf reagieren würde. Auf der einen Seite sorgte sie sich zwar um das Wohl der Kinder, auf der anderen schien sie aber auch nicht sehr zögerlich zu sein sein, wenn es darum ging, sich Dingen zu entledigen, die ihr hinderlich erschienen.

Ich frage mich sowieso, warum sie hier sucht. Martin hatte sich einen Ruck gegeben und antwortete auf dem gleichen Weg. Ich fände es sinnvoller, in einem der Restaurants oder Geschäfte in Königsdorf nachzusehen, ob es dort noch etwas brauchbares gibt. Stattdessen gehen wir langsam aber sicher in Richtung Autobahn.

Ich frage sie.

Noch bevor Martin reagieren konnte, hatte sich Tom aus der Gruppe gelöst und mit ein paar schnellen Schritten zu Sandra aufgeschlossen.

»Was willst du?« Sandras Stimme klang nicht sehr erfreut darüber, dass der Junge den bescheidenen Schutz, den ihm die Gruppe bot, verlassen hatte. »Du siehst doch, dass ich noch nichts gefunden habe.«

»Ja, sehe ich.« Tom nickte bedächtig, was so gar nicht zu dem passen wollte, wie sich ein Dreizehnjähriger normalerweise in einer solchen Situation verhielt. »Ich denke, dass du einen Grund dafür hast, nicht in Königsdorf selbst nach Vorräten zu suchen, sondern in Richtung der A4 zu gehen. Und sag mir nicht, es sei wegen der Zombies.«

»Du bist ein kluges Kerlchen. Also streng deinen Kopf noch ein bisschen mehr an und sag mir, was wir mindestens so dringend brauchen wie Essen, um die ganze Scheiße hier einigermaßen heil zu überstehen.«

Tom musste nicht nachdenken, denn er wusste die Antwort ebenso gut wie jeder andere in der Gruppe. »Waffen und Munition natürlich. Patricks Morgenstern mag zwar beeindruckend aussehen, aber wirklich effektiv ist er nicht. Ein paar zusätzliche Schusswaffen wären daher sicher kein Fehler.«

»Siehst du, du bist in der Tat ein kluges Kerlchen«. Sandra grinste, wurde aber sofort wieder ernst. »Weißt du denn auch, was südlich von Königsdorf in der Nähe der Autobahn ist?«

»Nein, ich war hier noch nie.«

Mir einem Mal wallten die Erinnerungen wieder in Sandra hoch. Im Gegensatz zu Tom war sie schon einige Male hier gewesen, zusammen mit ihrem Vater. Damals hatte er sie noch nicht so oft verprügelt, dafür später umso mehr. Manchmal vermeinte sie auch heute noch, die Schläge förmlich zu spüren. Und sie war jedes Mal froh gewesen, noch am Leben zu sein, wenn es vorüber gewesen war.

»Dann lernst du heute also etwas dazu«, sagte sie schärfer als beabsichtigt. »Und jetzt geh zu den anderen zurück und stör mich nicht länger!«

Sandra drehte sich abrupt um und stapfte weiter die Straße entlang. Tom sah ihr ein wenig verdattert hinterher.

»Ich wollte dich warnen«, raunte Martins Stimme neben seinem Ohr. »Aber du warst zu schnell. Lass Sandra besser in Ruhe.«

Der junge Mann war geräuschlos herangekommen und legte nun seine Hand auf Toms Schulter.

Der schaute ihn an und grinste. »Ach, es ist schon gut. Immerhin weiß ich jetzt, warum wir diesen Weg hier nehmen.«

Martin schüttelte unmerklich den Kopf, doch Patrick war ebenfalls nähergekommen und hatte den letzten Satz noch gehört. »Warum denn?«, wollte er prompt wissen. »Was hat dir Sandra erzählt?«

»Sie hofft, in der Nähe der Autobahn weitere Waffen zu finden.«

»Es wäre sicher kein Fehler, wenn wir mehr davon hätten, denn der Herr hält seine Hand auch über die Wehrhaften. Also sollten wir uns beeilen, den Anschluss nicht zu verlieren.«

Er nickte den anderen zu, und die Gruppe nahm wieder ihre »Marschordnung« ein. Die beiden Männer sicherten die Flanken, die Kinder gingen in der Mitte.

Es gibt dort ein Schützenhaus, meldete sich Tom unhörbar bei Martin. Ich habe es in ihren Gedanken gesehen. In Erinnerungen an eine bessere Zeit.

Du kannst ihre Gedanken lesen?!? Martin war so verblüfft, dass er die Frage beinahe laut ausgesprochen hätte.

Nur wenn sie schreien, so wie vorhin. Sie sind dann so laut, dass man sie gar nicht überhören kann.

*

Das Knallen mehrerer Schüsse zerriss die Stille des Vormittags. Aus dem Inneren des Hauses tauchte eine Gestalt auf. Sandra!

Es knallte zwei weitere Male, dann war nur noch ein metallisches Klicken zu vernehmen.

»Scheiße!«, brüllte Sandra und zog sich rasch noch ein paar Schritte von dem Gebäude zurück.

In der Haustür erschien eine weitere Gestalt. Die zögerte einen Moment an der Grenze zwischen Licht und Schatten, dann setzte sie sich wieder in Richtung auf die junge Frau in Bewegung.

Ein neuerlicher Knall ertönte, und der Kopf des Zombies zerplatze wie eine überreife Melone. Sandra hatte in Windeseile das Magazin gewechselt und wischte sich nun angewidert die stinkenden Schleimspritzer aus dem Gesicht.

»Hat er dich überrascht, mein Kind?«, wollte Patrick wissen.

»Nein, hat er nicht. Da drin war ein ganzes Rudel von denen. Fast als ob sie nur darauf gewartet hätten, dass jemand in das Haus geht. Außerdem bin ich nicht Ihr Kind.« Bei den letzten Worten schienen die Augen der jungen Frau eisige Blitze zu verschießen.

»Das … das ist mir nur so herausgerutscht.«

»Denkst du wirklich, dass in einem der Häuser hier noch etwas zu holen ist?«, beteiligte sich nun Martin an dem Gespräch, und Patrick schien ihm für den Themenwechsel dankbar zu sein.

»Es war zumindest einen Versuch wert. Irgendwo in dem Dreckskaff muss es ja schließlich noch was zu futtern geben. Konserven, Eingemachtes, irgendwas. Ich habe einen scheiß Hunger, und ich könnte wetten, dass das keinem von euch anders geht.«

»Vielleicht sollten wir …«

»Ja, ich weiß, was du sagen willst. Im Ortskern suchen, nicht wahr? Stell dir vor, darauf bin ich selbst schon gekommen. Aber zuerst müssen wir zur A4, sonst reißt uns die neue ›Königsdorfer Bürgerwehr‹ den Arsch auf, und zwar mit ihren Zähnen.«

Martin verkniff sich die Frage, was Sandra an der A4 zu finden hoffte. Wenn Tom recht hatte, und es dort ein Schützenhaus gab, dann konnten sie mit ein wenig Glück die eine oder andere großkalibrige Waffe erbeuten. Gasdruckwaffen und Kleinkaliber waren nutzlos, die bauten bei einem Treffer nicht genug Druck im Gewebe auf. Das wusste selbst Martin, obwohl er mit Waffen ansonsten nicht viel am Hut hatte. Aber die Zeiten änderten sich, und es blieb einem nichts anderes übrig, als sich an diese Veränderungen anzupassen, wenn man überleben wollte.

*

Eine gute halbe Stunde später näherte sich die Gruppe einem Hain, in dem wohl das Schützenhaus untergebracht war. Martin nutzte einen Moment, in dem Sandra sich zu den anderen umdrehte, und machte sie durch ein Zeichen auf sich aufmerksam.

»Was willst du?«, flüsterte sie, nachdem sie zu ihm hingegangen war.

»Ich habe nachgedacht.«

»Ach, das kannst du auch?« Sandra hob eine Augenbraue. »Und ganz ohne weißes Pulver?«

»Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt für Sarkasmus.«

»Dann rede endlich!«

»Es ist wegen dem Haus. Das, in dem die Zombies waren. Du hast gesagt, sie hätten dort regelrecht auf jemanden gewartet.«

»Und weiter?«

»Wenn es nun ein Hinterhalt ist?«

»In dem Haus krabbelt nichts mehr. Ich habe dort gründlich aufgeräumt.« Sandra tätschelte ihre Pistole.

»Ich meine das Schützenhaus. Manchmal habe ich den Eindruck, dass nicht alle Zombies doof sind, sondern dass einige von ihnen gezielt handeln oder von jemandem gelenkt werden. Und dieser jemand kann sich denken, dass wir uns hier Waffen beschaffen wollen, was also liegt näher, als hier einen Hinterhalt zu legen?«

»Nun, da ist was dran. Anscheinend bist du ja doch zu etwas zu gebrauchen.«

»Fein.« Martin verdrehte die Augen. »Und was machen wir jetzt?«

»Was wollen wir schon groß machen? Wir sind leise und legen alles um, was sich uns in den Weg stellt. Punkt. Noch Fragen?«

Martin, ich habe Angst. Das war Rosis »Stimme«, wenn er sich nicht täuschte.

Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Martin versuchte, zusammen mit den Worten auch ein Gefühl der Zuversicht zu übermitteln.

»Hallo? Noch jemand zu Hause?« Sandras Stimme machte ihm klar, dass er soeben abwesend gewirkt haben musste.

»Äh, ja, natürlich.«

»Ich will es nicht nochmal sagen müssen«, knurrte sie. »Wenn du zum Problem wirst, dann muss ich es lösen. Also, was ist jetzt? Noch Fragen?«

Martin schüttelte stumm den Kopf.

»Gut. Du bleibst bei den Kindern. Patrick und ich gehen rein und sehen uns um. Wenn in fünf Minuten nicht einer von uns wieder draußen ist, macht ihr, dass ihr von hier verschwindet, und zwar so schnell es geht. Also los!«

*

»Leise« hat sie gesagt, dachte Martin, als die Tür des Schützenhauses mit einem Krachen aus den Angeln flog, und er wusste nicht, ob er belustigt oder eher besorgt sein sollte.

Patrick hatte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen geworfen, und das Holz konnte diesem Ansturm roher Gewalt nichts entgegensetzen. Fast nichts. Vermutlich würde sich an der Schulter des Mannes ein beachtlicher blauer Fleck bilden.

Martin und die Kinder lauschten angespannt auf die Geräusche, die gedämpft zu ihnen drangen. Bislang schien das Haus verlassen zu sein, zumindest waren keine Schüsse oder sonstiger Kampflärm zu hören.

Glaubst du, sie schaffen es? Gabi hatte sich eng an ihren Helden geschmiegt. Wir brauchen dringend noch eine Waffe. Das buchstabiert man W-A-F-F-E.

»Sie schaffen es bestimmt.« Kurz war Martin versucht, dem Mädchen beruhigend über den Kopf zu streicheln, unterließ es dann aber doch lieber. Die Verehrung der Kleinen war ihm unangenehm, und er wollte ihr keine weitere Nahrung geben.

»Ich denke, in dem Haus sind keine Knirscher«, ließ sich Michael vernehmen. »Die, die ich spüren kann, sind weiter weg. Vielleicht auf der Autobahn oder so.«

»Ihr sollt doch nicht über eure Fähigkeiten reden.« Martin klang besorgt.

»Die beiden sind doch im Haus und können uns nicht hören.«

»Aber das kann sich jeden Moment ändern.«

Wie um Martins Worte zu bestätigen, tauchte in diesem Augenblick Sandra im Eingang auf und winkte ihnen zu. »Alles sauber. Los, kommt rein!«

*

»Wer den Herrn fürchtet, der hat eine sichere Festung, und seine Kinder werden auch beschirmt!« Mit diesen Worten empfing Patrick Martin und die Kinder in der kleinen Schankstube des Schützenhauses.

Hier drin schien alles in Ordnung zu sein. Zwar herrschte eine gewisse Unordnung, dennoch war alles intakt, und es schien auch nichts zu fehlen.

Sandra verschwand durch die Tür hinter dem Tresen, nur um kurz darauf mit ein paar blau-roten Päckchen in der Hand wieder aufzutauchen.

»Ich habe Kekse gefunden. Nur trockenes Zeug, aber besser als nichts. Wohl bekomm’s!«

Sandra warf den anderen die Päckchen zu, und riss dann selbst eines davon auf.

»Wenn feder waff im Bauff hat, fau iff naff der Waffenbammer«, erklärte sie mit vollen Backen kauend.

»Nach der was?« Martin war als einziger noch nicht am essen und schaute sie nun erstaunt an.

»Waffenkammer.« Sandra hatte den Keksbrei mit einem kräftigen Schluck Bier hinuntergespült.

Patrick hatte die Kiste hinter dem Tresen entdeckt und sich sogleich eine der Flaschen gekrallt. Sandra hatte nicht lange gezögert und es ihm gleichgetan. Das »flüssige Gold« schien ihr zu munden. Zumindest ließ dass der laute Rülpser erahnen, der soeben aus ihrem Mund kam.

»Wohlsein!« Martin feixte. Insgeheim frage er sich, ob der Pfarrer in diesen Chor einstimmen oder bessere Manieren an den Tag legen würde.

»O tempora, o mores!«, ließ sich dieser auch prompt vernehmen, zwinkerte Martin zu, nahm noch einen kräftigen Schluck und versuchte dann, Sandras Vorlage zu überbieten.

»Das habe ich sogar verstanden«, stelle Martin fest. »Ich habe ebenfalls Asterix gelesen.«

»Und es ist zwischen all dem Staub in Deinem Kopf hängengeblieben?« Sandra sah ihn provozierend an.

»Lass ihn in Ruhe!« Gabi schob sich vor ihren Helden. »Er hat dir nichts getan. Das buchstabiert man G-E-T-A-N.«

»Ach wie süß.« Sandra grinste schief. »Denkst du, ich habe Angst vor dir?«

»Sandra, es reicht!« Die Heiterkeit war mit einem Mal aus Patricks Gesicht verschwunden, und er sah die junge Frau tadelnd an. »Das Mädchen hat recht, Martin hat dir nichts getan.«

»Und wenn schon!«, giftete sie zurück. »Wo wärt ihr denn alle ohne mich, hm? Würdet immer noch in einem Dreckloch kauern und darauf warten, dass ihr gefressen werdet. So sieht es nämlich aus!«

»Das ist der Alkohol. Du weißt nicht, was du redest.«

»Als ob ich noch nie ein Bier getrunken hätte!« Sandra begann merklich zu lallen.

»Das vielleicht schon, aber wohl nicht, nachdem du ein paar Tage lang nichts mehr gegessen hast, oder?«

»Aaaach, scheisssss draufffff! Ihr gönndmich allemaaal!«

Sandra stürzte den Rest der Flasche hinunter und wollte sich eine zweite greifen. Für einen Moment stand sie wankend vor der Bierkiste und stierte sie mit leerem Blick an. Mit einem Mal wurde ihr Körper von einem gewaltigen Schluckauf erschüttert.

»Isch glaub, mirwirdschle …«

Laut »Ullrich!« rufend kotzte Sandra den Inhalt ihres Magens über die Bierkiste, dann sackte sie in die Knie. Mit einem leisen »Scheiße!« kippte sie langsam zur Seite und blieb einfach liegen.

»Was hat sie?«, wollte Rosi, die jüngste in der Gruppe, wissen. »Ist sie krank?«

»Zum Glück sind die Flaschen dicht und lassen sich wieder abwaschen«, murmelte Patrick. Laut sagte er: »Nein, keine Angst, die wird wieder. Sie hat den Alkohol zu schnell auf nüchternen Magen getrunken, und ihr Körper hat ihr gezeigt, was er davon hält. In ein oder zwei Stunden ist sie wieder auf den Beinen.«

*

Während Sandra ihren Rausch ausschlief, suchte Patrick zusammen mit Martin die Waffenkammer. Deren Eingang befand sich unweit des Schießstands und war durch eine stabil wirkende Tür gesichert.

»Einrennen ist wohl nicht«, stellte Martin fest.

»Mit meiner Schulter laufe ich heute gegen keine Türe mehr, soviel ist sicher«, machte Patrick klar. »Aber vielleicht geht es ja auch mit Treten.«

Er hatte das letzte Wort noch nicht zu Ende gesprochen, da krachte sein Stiefel auch schon gegen das Holz der Tür. Diese erzitterte unter der Wucht des Tritts, hielt aber stand.

Es bedurfte zweier weiterer Versuche, bis das Holz ein Stück weit nachgab, doch die Tür war damit noch lange nicht offen.

»Scheint zusätzlich durch ein großes Querriegelschloss gesichert zu sein«, sagte Patrick mehr zu sich selbst. »Da kommen wir so nicht weiter.«

»Dann versuchen wir es halt damit!« Martin deutete auf einen Stuhl, der unweit der Tür an der Wand lehnte.

»Ich glaube nicht, dass sich der Riegel von einem Sitzstreik beeindrucken lässt.«

Statt einer Antwort schnappte sich Martin den Stuhl und hieb ihn mit aller Wucht auf den Boden. Bereits beim ersten Mal brachen dabei zwei der Stuhlbeine ab.

»Jetzt weiß ich, was du meinst!« Patricks Gesicht hellte sich auf. »Ja, so könnte es gehen.«

Jeder von ihnen schnappte sich ein Stuhlbein und rammte es in den Türspalt. Sie drückten mit aller Kraft gegen die improvisierten Hebel, und schließlich gab die Tür mit einem lauten Knall nach, als der Querriegel auf einer Seite aus seiner Verankerung gerissen wurde.

»Das wäre geschafft!« Patrick klang zufrieden.

Doch der Erfolg hielt nicht lang an. In dem relativ kleinen Raum befand sich nichts außer einer Reihe Stahlschränke, die allesamt einen sehr massiven Eindruck machten.

»So ein Mist!« Patrick hämmerte seine Faust gegen die Wand. »Hier helfen uns auch die Stuhlbeine nicht weiter.«

»Dann muss es eben anders gehen.« Martin flitzte aus dem Raum, ohne eine Antwort abzuwarten.

Sofort fiel Patrick Sandras Pistole ein, aber er verwarf den Gedanken daran wieder. Wenn Martin mit der Waffe ankam, würde er ihm erklären müssen, dass das ein sinnloses Unterfangen war, denn im Gegensatz zu dem, was in manchem Hollywood-Film zu sehen war, konnte man ein solches Schloss keinesfalls aufschießen. Im Gegenteil musste man sich sogar höllisch vor Querschlägern in Acht nehmen, was es ratsam erscheinen ließ, erst gar nicht den Versuch zu unternehmen.

Kurz darauf war Martin wieder da. Freudestrahlend schwenkte er einen Schlüsselbund vor dem Gesicht des anderen.

»Wo hast du die her?«

»Waren hinter dem Mehl in einem der Küchenschränke versteckt.« Martin grinste.

»Und wie kommt man auf so etwas?«

»Ich will es einmal so ausdrücken: Ich musste schon öfter in meinem Leben Dinge verstecken, also weiß ich auch, wie man Verstecke findet.«

»Klingt logisch. Und wenn es jetzt noch tatsächlich die Schlüssel für die Waffenschränke sind, dann hast du dir einen Orden verdient, mein Junge. Oh, entschuldige bitte, alte Gewohnheit.«

*

Die meisten Schränke enthielten nur Sportwaffen, doch in einem wurden die beiden Männer fündig. Neben einem antiquiert wirkenden Vorderlader befand sich ein halbwegs passabel aussehendes Gewehr darin, das für ihre Zweck geeignet schien.

»Oh ein original K98k« stellte Patrick mit Kennerblick fest. »Das war das Standardgewehr der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.«

»Sie kennen sich mit Waffen aus?«

»Nicht wirklich, dafür aber mit Geschichte. Und diese Waffe ist mir in Erinnerung geblieben, weil mir einst ein Jugendfreund in höchsten Tönen davon vorschwärmte. Mit einer entsprechenden Zieleinrichtung versehen, soll es sich selbst heute noch bestens als Scharfschützengewehr eignen. Das hat wohl mit dem starr verriegelnden Verschluss zu tun, wie er es ausdrückte, was irgendwie Einfluss auf die Präzision beim Schießen hat. Genau verstanden habe ich es aber nicht.«

»Ich denke, die Theorie dahinter ist nicht wirklich wichtig. Hauptsache man kann sich damit effektiv gegen die Zombies zur Wehr setzen.«

»Und der Herr belohnt all jene, die beharrlich sind. Das hier dürfte die passende Munition sein.«

*

Mit ihrer Ausbeute zufrieden hatten sich die beiden wieder im Schankraum bei den anderen eingefunden und warteten darauf, dass Sandra zu sich kam. Diese tat ihnen nach gut einer Stunde den Gefallen, öffnete die Augen und setzte sich stöhnend auf. Ihr Rausch war wie weggeblasen, dafür hatte sie einen ordentlichen Kater, was ihre Laune nicht unbedingt hob.

»Wir waren zwischenzeitlich in der Waffenkammer und haben das hier gefunden.« Stolz hob Martin ihr den Karabiner unter die Nase.

»Scheint ein Original aus dem Zweiten Weltkrieg zu sein.« Sandra musterte die Waffe abschätzig. »Was besseres gab es da nicht?«

»Wenn dir ein Vorderlader lieber ist …«

»Ha, ha, wie witzig!«

»Doch ehrlich, es gibt einen im gleichen Schrank, wo wir das Ding hier her haben.«

»Das glaube ich dir sogar, du Spaßvogel, aber mit so einem ollen Teil kannst du deine Gegner leichter totwerfen als erschießen. Gib mal her!«

Damit nahm Sandra ihm den Karabiner aus der Hand und musterte ihn eindringlich. Sie betrachtete das Schloss, das kleine Magazin und den Lauf. Dann prüfte sie den Abzug und nickte zufrieden, als der Schlagbolzen wie erwartet nach vorne schoss.

»Munition?«

»Hier.« Martin gab ihr die Päckchen.

»Weißt du, wie man damit umgeht?«

»Sehe ich etwa so aus?«

»Nein, natürlich nicht.« Sandra feixte. »Aber ich dachte, ich frage trotzdem einfach mal. Patrick?«

»Gott bewahre! Zwar habe ich keine Hemmungen, die erbarmungswürdigen Kreaturen dort draußen zu erlösen und in das Reich des Herrn zu schicken, aber Schusswaffen fasse ich nicht an! Ich bin ein Mann des Geistes.«

»Mit einem selbstgebauten Morgenstern.«

»Der nur der Selbstverteidigung oder dem Schutze Hilfloser dient.«

»Du hast den Pfarrer gehört«, erklärte Sandra an Martin gewandt. »Du gibst ihm also den Schild zurück, und dafür zeige ich dir, wie man dieses Schätzchen hier zum Bellen bringt.«

*

»Nur fünf Schuss? Ist das nicht ein bisschen wenig?« Martin sah Sandra skeptisch an.

»Den Soldaten hat es damals auch genügen müssen, also stell dich nicht so an! Mehr geht in das Magazin halt nicht rein, aber es ist immer noch besser, als mit Steinen zu schmeißen, oder?«

Sandra hatte auf dem Schießstand eine Klappscheibe gefunden und diese in Position gebracht. Anschließend hatte sie Martin erklärt, wie er die Waffe lud, entsicherte, spannte und damit schoss.

»Ja klar ist es besser als Steineschmeißen.« Martins Gesicht war anzusehen, dass er am liebsten eine Maschinenpistole oder einen Flammenwerfer gehabt hätte.

»Und vergiss nicht, das Schulterstück ordentlich einzuziehen, bevor du abdrückst.«

»Häh? Was soll ich?«

Sandra verdrehte die Augen. »Du sollst den Schaft fest gegen die Schulter drücken, sonst bekommst du mächtig Aua. Jetzt verstanden?«

»Klar, schließlich bin ich nicht doof.«

»Das klang eben noch anders.«

»Ist ja schon gut«, nörgelte Martin. »Kann ja nicht jeder so ein Waffenexperte wie du sein.«

»Da du offenbar erkannt hast, wer von uns beiden der Experte ist, wärst du dann jetzt vielleicht auch geneigt, endlich das zu tun, was ich dir sage?«, flötete Sandra und klimperte dabei mit den Augen, dann brüllte sie ohne Vorwarnung los: »Entsichern! Zielen! Schießen! Los jetzt!«

Mit einem lauten Krachen brach der Schuss. Martin ließ vor

Schreck beinahe die Waffe fallen. Er setzte sie vorsichtig ab und rieb sich die rechte Schulter.

»Ich habe doch gesagt, du sollst das Ding ordentlich dagegen pressen. Der Verschluss verriegelt starr, und es gibt auch keine Nachlademechanik, die einen Teil des Rückschlags auffangen könnte. Aber du bist ein ganzer Kerl, du schaffst das schon.«

Martin wusste in diesem Moment nicht, ob er Sandra dafür hassen oder lieben sollte. Auf der einen Seite bewunderte er diese toughe Frau, auf der anderen mochte er die Art nicht, wie sie von oben herab mit ihm sprach. Schließlich fügte er sich seufzend in sein Schicksal und versuchte, mit dem nächsten Schuss wenigstens in die Nähe der Zielscheibe zu kommen …

*

»Wir brechen auf«, wies Sandra die anderen an, nachdem sie mit Martin wieder in die Schankstube zurückgekehrt war. »Unser Held hier trifft inzwischen immerhin ein Scheunentor, wenn es direkt vor ihm steht und sich nicht zu schnell bewegt. Das muss fürs Erste genügen. Außerdem ist davon auszugehen, dass der Lärm der kleinen Schießübung bald unsere Freunde auf den Plan rufen wird.«

»Dann gehen wir jetzt nach Königsdorf hinein?«, wollte Patrick wissen.

»So ist es.« Sandra nickte. »Es ist inzwischen fast Mittag, also wollen wir doch mal schauen, was die hiesigen Restaurants so auf der Tageskarte haben.«

Da alles gesagt war, machte die Gruppe sich auf den Weg. Ohne dass es einer Anweisung Sandras bedurft hätte, nahmen sie dabei wieder die alte Marschordnung ein. Die Kinder hatten sich während des Aufenthalts einigermaßen stärken und ausruhen können und stimmten kurz nach dem Aufbruch wieder ihr stilles Lied an.

Wir sind die Pilger nach Eden

dort wollen wir in Frieden leben

und unter Seinem hellen Licht

das Dunkel uns niemals anficht

wir sind die Vergessenen

beschimpft als die Besessenen

doch wir sind nur die Pilger nach Eden

wo in Frieden wir werden ewig leben

Kapitel III - Proviant

Sandra führte die Gruppe durch die Felder nach Königsdorf zurück. Als sie die ersten Häuser erreichten, bedeutete sie den anderen, stehenzubleiben und sich ganz ruhig zu verhalten.

Eine Zeitlang stand Sandra einfach nur da und schien zu lauschen. Plötzlich riss sie ihre Pistole hoch und visierte ein knapp 50 Meter entferntes Gebüsch an. Dort raschelte es kurz, dann war wieder Ruhe.

»Was auch immer es war, es ist abgehauen«, knurrte sie und ließ die Waffe wieder sinken. »Vermutlich irgendein Straßenköter.«

»Ein Hund, der abhaut, wenn man auf ihn anlegt?« In Martins Stimme klang Unglauben mit. »Muss ja ein kluges Tier sein.«

»Was weiß denn ich?« Sandra zuckte mit den Schultern. »Auf jeden Fall können wir weitergehen. Und haltet euch in der Mitte der Straße, falls sich noch weitere Zombies in den Häusern herumtreiben.«

*

Kurze Zeit später erreichten die Gruppe wieder die Achener Straße. Alles machte einen verlassenen Eindruck.

»Wir gehen nach Westen weiter, denn in diese Richtung wollen wir ohnehin«, erklärte Sandra. »Wenn wir irgendetwas entdecken, was nach einem Restaurant oder Lebensmittelladen aussieht, schauen wir es uns näher an.«

»Aber die Supermärkte waren doch in Köln schon geplündert.« Patrick kratze sich nachdenklich im Nacken. »Denkst du wirklich, dass das hier anders sein wird?«

»Wenn wir nicht nachschauen, werden wir es nicht herausfinden. Außerdem wäre es ziemlich dämlich von uns, einfach an einem Laden vorbeizumarschieren, der aus irgendeinem Grund noch randvoll mit Lebensmitteln ist, nur weil wir davon ausgehen, dass es nicht sein kann.«

»Da … da vorne ist etwas!« Jonas zeigte auf eine Stelle, an der eine Seitenstraße in die Achener einmündete.

Sofort fuhr Sandra herum und hatte wieder ihre Pistole im Anschlag. Martin hob ebenfalls sein Gewehr, wobei ihm deutlich anzumerken war, dass er sich mit der Waffe in der Hand nicht wirklich wohlfühlte.

»Wenn er rauskommt, blase ich ihm den Schädel weg«, knurrte Sandra. Langsam spannte sie den Abzug, bis er mit einem leisen Klicken einrastete.

Dort vorne ist kein Knirscher, vernahm Martin Toms »Stimme« in seinem Kopf.

Vor Schreck und Anspannung hätte er deshalb beinahe den Abzug seines Karabiners durchgerissen, fasste sich aber schnell wieder.

Was ist es dann?

Ich weiß es nicht. Es … es fühlt sich irgendwie merkwürdig an. Ich kann es spüren, aber es ist kein Knirscher und auch kein Mensch.

Ein Tier vielleicht?

»Ich habe dich gesehen, also komm raus!« rief Sandra in diesem Moment. »Ich werde auch nicht auf dich schießen.«

Dann setzte sie leise hinzu: »Zumindest fürs Erste nicht …«

Tatsächlich war jetzt an der Hausecke eine Bewegung zu erkennen. Langsam schob sich der Kopf eines Hundes hervor. Das Tier ließ die Pilger dabei für keine Sekunde aus den Augen. Schließlich blieb er stehen und wedelte langsam mit dem Schwanz. Sein gesamtes Fell war schneeweiß, wirkte gesund und gepflegt.

»Ist der schön!« Rosi seufzte. »So einen habe ich mir immer gewünscht.«

»Mit dem Köter stimmt etwas nicht.« In Sandras Stimme klang deutliches Misstrauen mit.

»Es ist ein Hund, nichts weiter.« Martin zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich hat er Hunger.«

»Und warum kommt er dann nicht her?«

»Vielleicht denkt er ja, dass mit uns etwas nicht in Ordnung ist.« Martin feixte.

»Blödsinn! Hunde können nicht denken. Zumindest nicht richtig.«

»Aber dumm sind sie auch nicht. Und dieses prächtige Exemplar scheint die Wirren der letzten Zeit recht gut überstanden zu haben, weiß also, auf was es ankommt.«

»Und wenn schon.« Sandra zog hörbar die Nase hoch. »Mitkommen kann er auf jeden Fall nicht, denn wir haben auch so schon nicht genug zu essen. Da können wir nicht auch noch einen Köter durchfüttern, und wenn er noch so schön ist.«

»Aber … aber«, machte Rosi einen zaghaften Versuch, die junge Frau umzustimmen.

»Nichts da!« Der Ton in Sandras Stimme machte klar, dass sie keinen Widerspruch duldete, und dass die Diskussion hiermit beendet war. »Nachdem wir das Schlaraffenland gefunden haben, können wir gerne nochmal darüber reden, aber jetzt schauen wir uns zuerst den Supermarkt dort drüben an.«

Damit setzte sie sich in Bewegung, und den anderen blieb – wieder einmal – nichts anderes übrig, als ihr nachzugehen.

*

Der weiße Hund folgte ihnen in gebührendem Abstand, und Sandra äugte immer wieder misstrauisch in seine Richtung. Als sie den Eingang des Supermarkts erreicht hatte, bellte das Tier plötzlich. Sandra fuhr herum und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen.

Einen Moment lang standen sie sich so gegenüber, keiner machte Anstalten, sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Schließlich schnalzte Sandra missbilligend mit der Zunge und wandte sich wieder der Eingangstür des Ladens zu.

Wieder bellte der Hund, und wieder drehte sich Sandra zu ihm um. »Was willst du? Habe ich etwa deiner Schönheit nicht genug gehuldigt?«

Wie um zu verneinen, schüttelte das Tier den Kopf. Dann bellte es erneut, und machte langsam ein paar Schritte zurück.

»So ein Affentheater!« Sandra schüttelte den Kopf und drehte sich erneut um. Entschlossen ging sie auf den Eingang des Supermarkts zu, dabei das wieder einsetzende Bellen ignorierend.

»Wenn er herkommt, knall ihn ab!« Diese Anweisung war an Martin gerichtet gewesen. »Blödes Vieh.«

Noch einmal schüttelte Sandra unwillig den Kopf, dann machte sie sich an der Ladentür zu schaffen, um sie aufzudrücken. Sie fluchte leise, als sie einmal abrutschte, dann ließ sich die Tür mit ein wenig Mühe zur Seite schieben, und Sandra zwängte sich durch den so entstanden Spalt.

»Patrick kommt mit mir, Martin wartet zusammen mit den Kindern, bis wir wieder da sind. Und lasst euch bezüglich der Töle keine Dummheiten einfallen, klar?«

*

»Was ist das für ein Hund?« Gabi sah Martin fragend an. »Ich finde, er ist sehr schön. Das buchstabiert man S-C-H-Ö-N.«

»Ja, ein prächtiger Kerl.« Martin nickte. »Aber ich finde ehrlich gesagt auch, dass er sich irgendwie merkwürdig verhält.«

Nachdem Sandra das neuerliche Gebell ignoriert hatte, hatte sich das Tier in einiger Entfernung auf den Boden gelegt und verfolgte nun angespannt, was am Eingang des Supermarkts vor sich ging. Seine Zunge hing seitlich ein wenig aus dem Maul, und sein Gesicht schien ein gewisses Maß an Sorge auszudrücken.

Bevor Martin sich darüber weitere Gedanken machen konnte, erklangen Schüsse aus dem Inneren des Supermarkts. Kurz darauf tauchte Patrick auf, dicht gefolgt von Sandra, die zwei weitere Schüsse abgab.

»Weg hier!« Patrick atmete schwer. »Los, macht schon. Da drin wimmelt es nur so von Zombies! Ein Glück, dass wir sie zuerst gesehen haben!«

Eilends rannten alle über den Parkplatz davon und sahen zu, dass sie möglichst schnell Abstand zum Eingang bekamen. Schon tauchten die ersten Zombies darin auf, wurden jedoch merklich langsamer, als sie das Licht der Sonne erfasste.

Der Rückzug der Pilger wurde von einem »Wuff! Wuff!« des weißen Hundes begleitet, so als ob er sagen wollte »Ich habe euch doch gewarnt.«

*

»Wir haben sie abgehängt.« Sandra blieb keuchend stehen.

Martin ließ sich einfach neben ihr auf den Boden plumpsen. Er zitterte am ganzen Leib, und zu allem Überfluss konnte er spüren, dass er bald wieder von einem Affen in seinem Genick durchgerüttelt werden würde.

»Der Hund ist weg.« Rosis Stimme klang traurig, und Gabi ging zu ihr, um sie zu trösten.

»Wenn uns der Köter nicht mit seinem Gekläffe abgelenkt hätte, hätten wir die Zombies viel früher bemerkt«, giftete Sandra. »Von daher bin ich froh, dass er endlich weg ist.«

»Unsinn!« Patrick sah sie streng an. »Ich bin sicher, der Herr hat uns dieses Tier gesandt, und wenn wir auf seine Warnung gehört hätten, wäre uns der Ärger erspart geblieben.«

»Man kann Gott sicherlich für vieles verantwortlich machen, aber wohl kaum für das Bellen einer streunenden Töle.« Sandra lachte verächtlich.

»Versündige dich nicht! Auch dieses Tier ist ein Geschöpf Gottes, so wie jeder von uns.«

»Die Zombies also auch?« In Sandras Stimme lag ein Lauern.

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Wie auch immer.« Sandra winkte ab. »Auf jeden Fall ist das Vieh endlich weg, und wir haben unsere Ruhe vor ihm.«

Der Hund ist nicht weg, meldete sich Tom bei Martin und den anderen. Ich kann ihn immer noch deutlich spüren. Er versteckt sich nur. Vermutlich weil er Sandras Ablehnung fühlt.

Wer spürt die nicht? Martin seufzte innerlich. Aber zumindest mit einem hatte sie im Schützenhaus recht, bevor sie umgekippt ist: Ohne sie wären wir alle schon längst nicht mehr am Leben.

Laut fragte er: »Und was machen wir jetzt?«

»Wir schauen mal, ob wir in der Apotheke dort vorne etwas finden, dass dich in der Spur hält.«

Offenbar hatte Sandra ebenfalls bemerkt, dass sich bei Martin die ersten Symptome eines Entzugs ankündigten. Dieser fragte erst gar nicht, was sie mit ihm vorhatte, wenn sie nicht fündig würden, denn er glaubte die Antwort bereits zu kennen.

*

»Nasenspray?« Martins Augen weiteten sich. »Was soll ich damit?«

»Das ist zwar kein Ersatz für Deinen Puder, aber es hilft dir dabei, den Arsch oben zu halten.«

»Wenn du meinst …«

»Ja, meine ich. Was besseres gibt es hier nicht.« Sandra taxierte ihn mit ihren Blicken. »Wie viel hast du noch in deiner Zuckerdose?«

»Bisschen noch. Wenn ich es einteile, reicht es für ein paar Tage.« Und in Gedanken setzte er hinzu: Oder weniger …

Für einen Moment machte es den Anschein, als wolle Sandra noch etwas sagen, doch dann drehte sie sich um und ging wieder hinaus zu den anderen. Martin fiel ein wenig in sich zusammen. Unentschlossen schaute er auf das Nasenspray in seiner Hand, dann atmete er hörbar aus. Schließlich zuckte er mit den Schultern und sah zu, dass er sich den anderen anschloss, bevor diese womöglich ohne ihn weitergingen.

*

»Dort vorne ist ein Restaurant.« Sandra deutete mit dem Daumen auf das Gebäude. »Vielleicht finden wir da etwas.«

»Ich kenne das Lokal«, ließ sich Patrick vernehmen. »Ich bin dort früher ab und zu zum Essen hingegangen. Die Küche ist vorzüglich. Oder war es zumindest einmal …«

Vorsichtig näherten sie sich der Vordertür. Kurz davor blieben sie stehen und lauschten, doch in dem Gebäude war es still.

»Sie scheinen heute Ruhetag zu haben.« Martin grinste, aber es wirkte verunglückt.

»Klappe!«, zischte Sandra. »Ich habe keine Lust auf eine neuerliche Überraschung da drin.«

Martin versuchte, Tom eine mentale Botschaft zu schicken, merkte aber im gleichen Moment, dass er sich nicht mehr ausreichend konzentrieren konnte. Der Affe war schon zu nahe.

Langsam drückte Sandra die Türklinke nach unten. Diese bewegte sich geräuschlos, und tatsächlich war die Tür nicht abgeschlossen. Vorsichtig streckte die junge Frau den Kopf nach drinnen und lauschte erneut.

Nach einem kurzen Moment huschte sie in den kleinen Vorraum, der als Windfang diente. Dort presste sie ihr Ohr gegen die innere Tür. Ein erhobener Zeigefinger bedeutete den anderen, still zu sein und noch zu warten.

Doch auch dieses Mal konnte sie offenbar nichts Verdächtiges feststellen, öffnete behutsam die zweite Tür und betrat den Schankraum. Nachdem Sandra hatte ihr Blicke über den Raum gleiten lassen, winkte sie den Rest der Gruppe zu sich herein.

»Es würde mich ja brennend interessieren, nach welchen Kriterien sich die Zombies über dieses Kaff verteilt haben«, knurrte sie, als Patrick, der als letzter hereingekommen war, beide Türen hinter sich geschlossen hatte. »In manchen Häusern stehen sie sich gegenseitig auf den Füßen, in anderen lässt sich keiner von ihnen blicken. Das soll einer verstehen.«

»Diese armen Kreaturen sind verwirrt. Möge der Herr ihnen gnädig sein.« Patrick bekreuzigte sich. »Ihr Tun scheint mir nur noch von niederen Instinkten getrieben zu sein, daher denke ich nicht, dass wir in ihrem Handeln so etwas wie Logik entdecken werden.«

»Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll«. Martin kratze sich im Nacken, wobei er merkte, dass ihm das Nachdenken immer schwerer fiel. Seine Finger wurden unruhig, und sein ganze Körper fühlte sich immer zappeliger an.

Falls Sandra bemerkte, dass die Entzugserscheinungen bei ihm stärker wurden, ließ sie es sich nicht anmerken. Stattdessen ging sie zielstrebig auf die Tür hinter dem Tresen zu, die offensichtlich in die Küche führte.

»Wir bleiben diesmal zusammen«, entschied sie. »Seid aber trotzdem leise, nicht dass sich hier doch noch einer unserer Freunde herumtreibt.«

Martin hielt es nicht mehr aus. Er brauchte ein wenig Nasenzucker. Jetzt!

Während die anderen Sandra folgten, tat er so, als ob er plötzlich etwas im Auge hätte, drehte sich zur Seite und rieb mit einem Finger darin herum.

»Ich komme gleich nach«, nuschelte er. »Ich hab’s gleich.«

Er legte den Karabiner auf einem der Tische ab und fummelte mit der jetzt freien Hand hektisch in seiner Jacke herum. Fast wäre ihm das kleine Fläschchen entglitten, aber er konnte es im letzten Moment festhalten. Zu allem Überfluss hatte ihn sein Affe wiedergefunden. Der saß nun wie gewohnt in seinem Genick und rüttelte ihn kräftig durch.

»Scheiße!«, fluchte Martin leise, als er sah, dass das Fläschchen fast leer war. »Von wegen noch ein paar Tage …«

Aber das war jetzt egal. Gierig zog er den weißen Puder die Nase hoch. Mit geschlossenen Augen wartet er darauf, dass die Wirkung einsetzte und den Affen aus seinem Genick vertrieb.

»Bist du dann auch soweit?«

Sandras Stimme erklang direkt neben seinem Ohr. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie zu ihm zurückgekommen war. Dann entdeckte sie die leere Phiole.

»Ich hoffe für dich …«, setzte sie an, aber Martin fuhr ihr barsch ins Wort: »Ja, ja, ich weiß, was Du sagen willst. Herrgottnochmal! Glaubst du, mir gefällt das? Ich schaff’s schon irgendwie.«

»Dann istes ja gut. Und jetzt komm! Die anderen schauen sich schon den Inhalt der Küchenschränke an.«

*

»Auch nichts.« Martin klang enttäuscht. »In den Schränken hier befinden sich nur Küchenutensilien und Gewürze. Bis jetzt sind zehn Packungen Spaghetti alles, was wir an Brauchbarem gefunden haben.«

»Sofern wir eine Möglichkeit finden, einen Topf heißes Wasser zu machen, ist das doch schon einmal ein Anfang«, versuchte sich Sandra zur Abwechslung in Zweckoptimismus.

»Igitt!«, ließ sich in diesem Moment Patrick vernehmen. »Der Inhalt dieses Kühlschranks fängt demnächst an, sich zu bewegen.«

»Solange er nicht unsere Sprache spricht, ist es harmlos.« Martin feixte, dann stieg ihm der Geruch von Starks Entdeckung in die Nase, und er wedelte angewidert mit der Hand vor seinem Gesicht herum.

»Sieht ganz danach aus, als ob es das hier schon war.« In Sandras Stimme schwang Enttäuschung mit, obwohl sie sich Mühe gab, sich diese nicht anmerken zu lassen.

»Das kann nicht sein.« Patrick massierte sein stoppeliges Kinn. »Ein Restaurant dieser Größe muss über einen Vorratsraum verfügen. Die ganzen Sachen, die man für einen Abend mit vielen Gästen braucht, können unmöglich alle hier gelagert worden sein.«

»Und wo soll dieser Raum sein?« Sandra sah sich demonstrativ um. »Ich wette, wenn wir die Küche durch die andere Tür verlassen, kommen wir auf einen Gang, der uns zu den Toiletten führt. Und viel mehr Räume dürfte es hier nicht geben, dazu ist das Haus einfach zu klein.«

»Du denkst zu zweidimensional.« Patrick grinste. »Wenn es auf dieser Etage keinen Vorratsraum hat, denn vielleicht auf einer anderen.«

»Natürlich!« In Martins Gesicht hielt die Erkenntnis Einzug. »Das Gebäude ist so alt, dass es sicherlich noch einen Gewölbekeller besitzt. Die sind zum Lagern von Lebensmitteln ideal.«

In diesem Moment wurde es draußen vor dem Küchenfenster laut. Auch wenn keine Schüsse fielen, war das eindeutig Kampflärm!

*

Ein Mann hastete die Kellertreppe, die sich hinter dem Haus befand, nach oben. Er blutete an mehreren Stellen, die nach Kratz- und Bisswunden aussahen. Der Mann mochte Ende 30 sein, war knapp 1,80 Meter groß und hatte braune Haare. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung, seine Miene eine Mischung aus Panik und Hass.

Hinter dem Mann tauchten jetzt mehrere Zombies auf der Kellertreppe auf. Für einen kurzen Moment behinderten sie sich in ihrer Gier nach frischem Fleisch gegenseitig, dann stieß der kräftigste von ihnen die anderen zur Seite und stieg die Treppe hoch, so schnell er es am helllichten Tage vermochte.

Der Mann blieb am Ende der Treppe stehen und drehte sich um. In seiner Hand hielt er einen Baseballschläger, den er jetzt mit einer geübt wirkenden Bewegung nach hinten schwang.

»Los, komm schon, Du Freak!«, schrie er. »Ich mach dich fertig!«

Der Zombie, der seinen Kumpanen voranstakste, ließ sich von den Worten jedoch nicht beeindrucken. Unbeirrt hielt er weiter auf den Mann zu. Kurz bevor er ihn erreichte, krachte dessen Baseballschläger mit Macht in sein Gesicht.

Von der Wucht des Schlages wurde der Zombie nach hinten gerissen. Kurz rang er um seine Balance, dann stürzte er die Kellertreppe wieder nach unten. Dabei riss er die anderen mit sich.

»Ich habe es dir doch gesagt!« Der Mann lachte gehässig. »Du und die anderen Arschlöcher habt keine Chance gegen mich. Wenn ihr nicht so stinken würdet, fräße ich jeden Tag einen von euch zum Frühstück.«

In diesem Moment tauchten weitere Zombies im Hinterhof auf. Dadurch wurden die Karten neu gemischt, diesmal deutlich zu Ungunsten des Fremden. Selbst wenn er Profi mit dem Baseballer war, würde er der schieren Masse der Angreifer auf Dauer nichts entgegensetzen können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihn die »Freaks« in Stücke reißen würden.

Plötzlich krachte ein Schuss. Der Kopf des Zombies, der dem Mann am nächsten war, wurde nach hinten gerissen. Der Getroffen kippte wie in Zeitlupe zur Seite und blieb liegen.

Der Mann riss den Kopf herum und schaute zu dem Fenster, aus dem geschossen worden war. In seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab.

In der Fensteröffnung stand eine rothaarige Frau Anfang 20, deren auffallendstes Merkmal ihre üppige Oberweite war. In der Hand hielt sie eine Pistole, mit der sie jetzt ein regelrechtes Tontaubenschießen auf die Zombies im Hof veranstalte. Dabei zeigte ihre Miene grimmige Entschlossenheit.

Neben der Frau stand ein junger Mann, der linkisch an einem Gewehr herumhantierte. Schließlich schien er erreicht zu haben, was er wollte, und legte nun ebenfalls an.

Mit ohrenbetäubendem Donnern löste sich eine Kugel aus dem Gewehrlauf. Ein weiterer Zombie brach getroffen zusammen.

»Na also«, lobte die Frau, ohne mit der Pistole innezuhalten. »Dann haben die Schießübungen ja doch etwas genutzt.«

Wieder nestelte der junge Mann an dem Gewehr herum. Der Fremde im Hof erkannte, dass dieses offenbar nach jedem Schuss von Hand nachgeladen werden musste. Dann blieb keine Zeit mehr für solcherlei Betrachtungen, denn die Zombies auf der Kellertreppe hatten es nun wieder nach oben geschafft, und der erste angefaulte Arm wurde gierig nach der vermeintlichen Beute ausgestreckt.

Wieder krachte der Baseballschläger gegen den Schädel des Zombies und ließ ihn einige Schritte zurücktaumeln. Diesmal wurde der neuerliche Sturz jedoch vom Treppengeländer verhindert.

»Das hast du dir so gedacht, du Mistsau!«, höhnte der Mann im Hof »Wolltest dich wohl heimlich anschleichen, während ich mit deinen Freunden spiele. So nicht!«

Wieder donnerte das Gewehr. Das Knallen der Pistole nahm sich dagegen aus wie die Geräusche eines Kinderspielzeugs. Drei weitere Zombies brachen getroffen zusammen.

Dann geschah etwas, mit dem keiner gerechnet hätte. Mit einem lauten »Platsch!« platzten die Köpfe der restlichen Zombies, und es kehrte wieder Ruhe in dem Hof ein.

*

»Es ist schon wieder passiert.« Sandra sah fassungslos auf die Sauerei im Hof. »Sie sind geplatzt. Einfach so. Also stimmt es wohl doch, dass sie irgendwann einfach zerplatzen. Vielleicht, wenn sich genügend Fäulnisgase in ihren hässlichen Schädeln angesammelt haben.«

»Gottes Wege sind unergründlich«, murmelte Patrick. Laut sagte er: »Danket dem Herrn, dass er seine Hand schützend über uns hält.«

»Danke, dass ihr mir geholfen habt«, erklang es in diesem Moment unten aus dem Hof. »Alleine hätte ich das vermutlich nicht geschafft.«

»Wer bist du, und was hast du hier zu suchen?« Sandra sah den Mann misstrauisch an.

»Ich heiße Stephan, Stephan Mertens. Und ich wohne in Königsdorf. Euch habe ich hier allerdings noch nie gesehen.«

»Wir sind auch nur auf der Durchreise.«

»Wartet einen Moment, ich komme zu euch hoch.«

»Das halte ich für keine gute Idee.« Sandra wog ihre Pistole in der Hand, so als sei sie unschlüssig.

»Und warum, wenn man fragen darf?«

»Schau dich doch an. Du wurdest gebissen. In ein paar Stunden bist du einer von denen.«

»Quatsch! Das sind doch nur Kratzer.«

»Und wenn schon? Dann dauert es halt ein paar Tage, aber am Ergebnis ändert es nichts. Wenn du Anstalten machst näher zu kommen, jage ich dir eine Kugel in deinen Kopf.«

Während Sandra sprach, hatte sie sich den Fremden näher angesehen. Er war ein wenig mollig, und wirkte irgendwie spießig, was so gar nicht zu dem passen wollte, wie er sich noch vor ein paar Minuten benommen hatte.

»Ich mache dir einen Vorschlag.« Stephan sah Sandra direkt in die Augen, und in seinem Blick lag keinerlei Angst. »Ihr helft mir, die Schätze aus diesem Keller zu mir nach Hause zu schaffen, und dort besprechen wir alles in Ruhe.«

»Und was sollte mich daran hindern, dich jetzt gleich zu erschießen, damit wir nicht mit dir teilen müssen? Du bist sowieso schon so gut wie tot.«

»Bin ich nicht!« In Stephans Augen flackerte kurz etwas Undefinierbares auf. »Außerdem ist es nur logisch, dass sich die letzten Nicht-Infizierten in Zeiten wie diesen zusammentun. Falls ich auch zu einem dieser Freaks werde, was ich aber nicht glaube, kannst du mir ja immer noch den Gnadenschuss setzen. Also, was sagst du?«

Sandra sah ihn eine Weile mit zusammengekniffenen Augen an. Hinter ihrer Stirn schien es angestrengt zu arbeiten.

Ich mag diesen Stephan nicht. Unvermittelt erklang Gabis Stimme in Martins Kopf. Er macht mir Angst. Das buchstabiert man A-N-G-S-T.

Ich mag ihn auch nicht, sandte Martin zurück. Und Sandra geht es anscheinend ebenso. Ich denke nicht, dass sie auf sein Angebot eingeht.

»Also gut«, sagte Sandra in diesem Moment. »Ich bin einverstanden. Aber sobald du irgendwie auch nur ein Bisschen merkwürdig wirst, blase ich dir das Licht aus, verstanden?«

Kapitel IV - Mit Sack und Pack

Stephan hatte nicht zu viel versprochen. Der Vorratskeller des Restaurants glich einer Schatzkammer, nur dass diese nicht mit Gold und Edelsteinen gefüllt war, sondern mit allerlei Köstlichkeiten. Neben den verschiedensten Weinen fanden sich hier Käse, Mehl, haltbare Wurst und andere Dinge, die gut in einem Gewölbekeller gelagert werden konnten.

Die Gruppe hatte aus den Tischtüchern der Gaststube provisorische Tragen gefertigt, und transportierte die Beute nun zu Stephans Haus. Damit dieser ebenfalls bei der Schlepperei helfen konnte, hatte Gabi die Aufgabe übernommen, sein Fahrrad zu schieben.

»Kommt ihr aus Köln?«, wollte Stephan wissen, nachdem sie die Aachener Straße verlassen hatten.

»Und wenn es so wäre?« Sandra kniff die Augen zusammen.

»Dann habt ihr ganz schön Schwein gehabt, aus dem Schlamassel zu entkommen. Der Rauch der brennenden Stadt war gar nicht zu übersehen.«

»Mhm.«

»Ist es irgendwie ein Geheimnis, wo ihr her seid?«

»Dass vielleicht nicht, aber es spielt auch keine Rolle mehr. Oder siehst du das irgendwie anders?«

Stephan zuckte mit den Schultern. »Vermutlich hast du recht.«

»Bist du der einzige Immune in Königsdorf?«, beteiligte sich nun auch Martin an der Unterhaltung.

Sandra sah ihn mit einem schwer zu deutenden Blick an. »Wenn es andere gäbe, hätten sie sich vermutlich zusammengeschlossen. Das Kaff hier ist klein genug, damit man im Laufe der Wochen mitbekommt, was selbst am anderen Ende vor sich geht. Oder etwa nicht?«

Die letzte Frage war an Stephan gerichtet gewesen, woraufhin dieser erneut die Schultern zuckte.

»Kann schon sein. Aber ich wohne ein wenig außerhalb und wusste meine Ruhe bislang zu schätzen.«

»Ach ja?« Sandra hob eine Augenbraue. »Und warum hat sich das auf einmal geändert?«

»Weil mir vorhin mehr als deutlich klar geworden ist, dass ich es auf Dauer nicht alleine schaffen kann. Die Freaks sind einfach zu viele.«

»Und etwas anderes steckt nicht dahinter?«

»Was meinst du?«

»Nichts.« Sandra winkte ab. »Es ist schon gut.«

Martin war sich sicher, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hatte. Irgendetwas stimmte mit diesem Stephan nicht, und Sandra spürte das offenbar ebenso wie er. Umso verwunderlicher war es, dass sie ihm trotzdem gestattet hatte, sich der Gruppe anzuschließen. Stephan wusste sich seiner Haut zu wehren, soviel war klar. Von daher konnte er eine wertvolle Bereicherung sein, sofern er aufgrund seiner Wunden nicht ebenfalls zu einem der Knirscher wurde und das Merkwürdige an ihm sich nicht sonst auf irgendeine Weise als Gefahr offenbarte. Sie würden es herausfinden, auf die eine oder andere Weise.

*

Frank hatte sich in den Schatten eines größeren Gebäudes zurückgezogen. Aus sicherer Entfernung beobachtete er die Gruppe um Sandra. Gabriel ließ sich im Moment nicht sehen, und Frank war das nur recht.

Zweimal hatte er versucht mit Hilfe seiner Armee zumindest einen Teilsieg zu erringen, und beide Mal war er gescheitert. Vor dem Supermarkt waren sie seinen Zombies einfach davongerannt, die sich im Licht der Sonne nicht schnell genug bewegen konnten. Da hatte auch die ganze Macht seines kalten Zorns nichts geholfen.

Beim Restaurant hatte er es für eine gute Idee gehalten, sich zuerst den fremden Einzelgänger vorzunehmen. Obwohl Sandra und dieser andere Kerl ein Tontaubenschießen auf seine Armee veranstaltet hatten, wäre ihm das auch beinahe gelungen. Und dann waren wieder die Köpfe seiner Soldaten geplatzt. Einfach so! Das waren bestimmt wieder diese verfluchten Kinder gewesen.

Ein unangenehmer Schauer rieselte durch seinen ansonsten gefühllosen Körper. Das würde Gabriel gar nicht gefallen. Der dunklen Mann mochte keine Fehler. Wäre Frank doch nur bei seiner ersten Einschätzung geblieben, dass er seine Soldaten würde nicht schnell genug zusammenziehen können.

Aber es war so verlockend gewesen! Nachdem Sandra einen Abstecher zur Autobahn gemacht hatte, hatte er tatsächlich geglaubt, die Zeit würde reichen. Und dann das!

Nun, Fehler waren dazu da, um aus ihnen zu lernen. Und sollte Gabriel ihn dafür bestrafen, so war das nicht zu ändern. Schon einmal hatte sich der »Große Meister« in der Wahl des Anführers für die Truppen der Finsternis geirrt, also war er auch nicht so perfekt, wie er gerne tat. Sollte er Frank ebenfalls schnell wieder aus seinen Diensten entlassen müssen, wäre das ein neuerliches Fehlereingeständnis.

Gut, das würde Frank nichts nützen, denn auf diese Weise würde er um seine Rache gebracht. Aber auch der dunkle Mann wusste, dass das Feuer der Vergeltung tief in ihm brannte und dass sich noch genug Gelegenheiten ergeben würden, diese zu vollenden. Also wäre es dumm von Gabriel, ihm nicht die Chance dafür zu geben.

Und dann war da noch dieser weiße Hund. Irgendetwas stimmte mit dem Vieh nicht. Für ein Tier – selbst für ein gut abgerichtetes – verhielt sich der Köter viel zu intelligent. Den würde er im Auge behalten müssen. So wie jetzt, wo der Hund der Gruppe in einigem Abstand folgte. Sandra und die anderen schienen nichts davon zu bemerken, aber Frank entging es nicht, und nur das zählte.

So schwer es ihm auch fallen mochte, er musste sich in Geduld üben. Vielleicht machte die Gruppe ja nun selbst einen Fehler und übernachtete in der trügerischen Sicherheit, die das Haus des Einzelgängers bot. Nachts waren seine Soldaten viel schneller als am Tag. Und bis Mitternacht sollte es ihm möglich sein, genug von ihnen zu rufen. Dieses Mal würde es kein Entkommen geben.

*

»Willkommen in meinem bescheidenen Heim.« Stephan öffnete das grün lackierte Gartentürchen und umfasste mit einer Geste den Garten mitsamt des schmucken Einfamilienhauses, das darin stand.

Alles machte einen sehr ordentlichen Eindruck. Der Garten war liebevoll gepflegt, das Haus besaß weiße Wände, sein Dach war mit roten Ziegeln gedeckt. Der Anblick wirkte unwirklich, fast wie ein Echo aus einer längst vergangenen Zeit, in der alles besser gewesen war.

»Netter Garten.« Martin feixte und bückte sich, um sich einen der zahlreichen Gartenzwerge näher anzusehen.

»Nicht anfassen!« Stephans Stimme klang wie der Knall einer Peitsche. Bedeutend leiser setzte er hinzu: »Sie mögen das nicht.«

Martin verkniff sich eine Antwort. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Sandra die Augen verdrehte. Dieser Stephan hatte offensichtlich gehörig einen an der Waffel. Aber wenn das Wohlbefinden der Gartenzwerge seine größte Sorge war, dann war er wohl wirklich als harmlos anzusehen. Ein Spinner zwar, aber keiner, der einem gefährlich wurde – zumindest solange man sich von den Bewohnern seines Gartens fernhielt.

»Schau mal, ein Gartenteich.« Begeistert zeigte Rosi auf die betreffende Stelle des Vorgartens. »Im Sommer baden bestimmt Vögel darin.«

Über Stephans Gesicht huschte ein versonnenes Lächeln. »Du bist ein kluges Kind. Wie heißt du denn?«

»Mein Name ist Rosi. Magst Du Vögel auch so sehr wie ich?«

»Ja, sehr sogar.« Stephan nickte. »Wenn du willst, zeige ich dir nachher noch mehr von meinem Garten. Möchtest du?«

»Dafür ist keine Zeit.« Sandra trat mit entschlossener Miene zwischen Stephan und das Mädchen. »Wir sollten zusehen, dass wir nach drinnen kommen und uns um das Zusammenstellen der Ausrüstung kümmern.«

Stephan nickte stumm und ging auf die Haustür zu, um sie aufzuschließen.

Hast du es gesehen? Toms Stimme klang unvermittelt in Martins Kopf auf.

Was meinst du?

Dieser Stephan. Er hat Rosi so merkwürdig angesehen.

Ja, das ist mir auch aufgefallen. Und Sandra scheint es ebenfalls bemerkt zu haben.

Nein, hat sie nicht. Toms Gedanken transportierten ganz eindeutig, dass er sich mit seiner Einschätzung ziemlich sicher war.

Und warum ist sie dann dazwischengegangen?

Weil sie vorankommen will. Ich glaube, Sandra sieht derzeit nur, dass uns Stephan nutzen kann. Zur Gefahr wird er in ihren Augen erst, wenn er zu einem der Knirscher wird.

Vielleicht hat Sandra aber auch einfach recht. Wir halten trotzdem die Augen offen.

»Kommt ihr dann auch?« Sandras Stimme war voller Ungeduld. Sie stand in der Haustür und schaute Martin und Tom missbilligend an, die zurückgeblieben waren, ohne es zu merken.

»Sorry.« Martin machte eine entschuldigende Geste. »Wir haben uns nur noch kurz den Garten angesehen.«

Nun setzten sie sich wieder in Bewegung und folgten den anderen nach drinnen. In Sandras Blick flackerte kurz Misstrauen auf, dann schüttelte sie den Kopf.

»Den Garten angesehen, aha. Na, wem es gefällt. Mein Geschmack ist er jedenfalls nicht.«

*

Ein verführerischer Duft durchzog das Haus. Patrick stand in der Küche und hantierte eifrig mit den dortigen Gerätschaften. Es hatte in ein wenig Mühe gekostet, Sandra davon zu überzeugen, dass sie alle endlich einmal wieder eine warme Mahlzeit brauchten. Schließlich hatte sie nachgeben und ihn mit einem »Zwei Stunden, und keine Minute länger!« gewähren lassen.

Obwohl sie im Moment über etliche Vorräte verfügten, gestaltete sich das Kochen als gar nicht so einfach, wie man meinen sollte, denn egal, für welches Gericht man sich entschied, es fehlte immer die eine oder andere Zutat. Schließlich hatte Patrick einfach damit begonnen zu improvisieren und aus dem, was er hatte, das Beste zu machen.

»Die Spaghetti sind gleich soweit«, sagte er an Miriam gewandt, die ihm assistierte. »Hast du das Corned Beef in feine Streifen geschnitten?«

»Ja, habe ich.« Das Mädchen nickte. »Und der Käse ist ebenfalls geraspelt. Das wird bestimmt lecker.«

Patrick ließ die Nudeln abtropfen, dann gab er sie in eine große Auflaufform, mischte die Corned-Beef-Streifen darunter und streute den Käse darüber.

»Und jetzt für ein paar Minuten in den Ofen, bis der Käse zerlaufen ist.« Patrick nickte zufrieden. »Dazu gibt es Löwenzahnsalat und frische Teigfladen. Autsch, ist das heiß!«

Patrick wedelte hektisch mit seiner Hand, dann fischte er den nächsten Fladen aus dem Backofen, um darin Platz für die Auflaufform zu schaffen.

Gut zehn Minuten später hatte jeder etwas auf seinem Teller. Trotzdem aß noch niemand, denn Patrick hatte sie gebeten zu warten.

»Magst du das Tischgebet sprechen, Rosi?«, wandte er sich schließlich an die jüngste in der Gruppe.

»Ich?« Das Mädchen sah erstaunt von seinem Teller auf.

»Warum denn nicht?« Patrick lächelte freundlich. »Irgendjemand muss ja damit beginnen, denn Herrn wieder in unseren Kreis zu holen. Und wer könnte besser dafür geeignet sein als ein Kind, dessen Seele noch rein ist?«

Sandra war anzusehen, was sie davon hielt, trotzdem sagte sich nichts und ließ den Pfarrer gewähren.

Rosi blickte unsicher zwischen Patrick und Sandra hin und her, dann presste sie hervor: »Herr, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.«

»Das hast du prima gemacht.« In Patricks Stimme lag Anerkennung. »Ich wünsche euch allen einen guten Appetit.«

»Amen«, murmelte Sandra, dann tat sie es den anderen gleich und begann ebenfalls zu essen.

*

»Ich habe mir überlegt, dass jemand die Kinder unterrichten muss«, eröffnete Patrick nach dem Essen. »Wir sollten versuchen, in diesen wirren Zeiten wenigstens ein kleines Stückchen Zivilisation aufrecht zu erhalten.«

»Und welche Fächer schweben Ihnen dabei konkret vor?« Sandra runzelte die Stirn. »Streitkolben schwingen, Schießen und Zombies filetieren?«

»Diese Dinge gehören ins Fach ›Sport‹«, erwiderte Patrick trocken. »Das ist sicherlich eine Überlegung wert. Aber mir ging es in erster Linie um die Grundlagen einer jeglichen schulischen Ausbildung: Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion.«

»Religion?«, echote Martin, der bislang interessiert zugehört hatte. »Also die anderen Sachen kann ich ja noch einsehen, aber hat die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten nicht schon genug Unheil angerichtet?«

Aus dem Augenwinkel bemerkte er Sandras beifälliges Nicken.

»In der Vergangenheit sind von meinen Glaubensbrüdern im Übereifer sicherlich einige Fehler begangen worden. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Kirche auch viel Gutes getan hat.«

»Ach ja?« Sandras Körper spannte sich. »Zum Beispiel kleinen Jungs Aufklärungsunterricht der besonderen Art zu erteilen?«

»Ich bitte dich, Sandra. Aus dir spricht die Verbitterung. Bei diesen Vorkommnissen handelt es sich um bedauerliche Einzelfälle. Was sie keineswegs verzeihlicher macht, damit wir uns nicht missverstehen. Und ich bin mir sicher, dass diese Frevler ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass Gottes Wort schon immer eine Stütze in dunklen Zeiten war.«

»Und diejenigen, die sich nicht stützen lassen wollten, hat man kurzerhand auf den Scheiterhaufen gestellt.«

Patrick wollte protestieren, doch Sandra hob abwehrend die Hände: »Schon gut, schon gut. Wenn es Ihnen so wichtig ist, dann versuchen Sie Ihr Glück. Unterrichten Sie die Kinder, denn das ist sicherlich kein Fehler. Aber wenn Sie versuchen, Ihnen dabei irgendwelchen fundamentalistischen Unfug in die Köpfe zu pflanzen, dann sind wir die längste Zeit Freunde gewesen. Klar?«

»Sehe ich aus wie ein religiöser Eiferer?« Patricks klang verletzt.

»Diese Antwort verkneife ich mir jetzt besser.« Sandra grinste schief, und bevor Patrick etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: »Außerdem ist zu diesem Thema alles besprochen. Jetzt sehen wir zu, dass wir unsere Sachen packen und uns vom Acker machen.«

»Du willst aufbrechen?« Martin sah die junge Frau erstaunt an. »Ich dachte, wir übernachten heute hier.«

»Ja, ganz bestimmt. Das ist der beste Plan überhaupt: Eine Nacht vor Königsdorf, die nächste dahinter. So kommen wir ganz schnell voran.«

Mit zwei Schritten stand sie vor ihm und patschte ihm gegen die Stirn. »Mensch, überleg doch mal! Es ist Herbst, und der Winter steht vor der Tür. Bislang hatten wir mit dem Wetter Glück, das wird aber nicht ewig so bleiben. Also sollten wir zusehen, dass wir uns heute wenigstens noch bis zum nächsten Kaff durchschlagen.«

»Vermutlich hast du recht«, nuschelte Martin und sah sich dabei hilfesuchend nach Patrick um, doch dieser machte keinerlei Anstalten, etwas dazu zu sagen.

»Natürlich habe ich recht. Also los jetzt! Wir haben heute noch einiges vor.«

*

Knapp zwei Stunden später zeigte Sandras Gesicht eine gewisse Zufriedenheit. Zusammen mit Stephan hatte sie dessen Vorräte durchforstet und dabei entschieden, was sie davon mitnehmen würden. Zu ihrer Überraschung war sie in einem der Zimmer auf eine Nähmaschine gestoßen. Patrick hatte zu verstehen gegeben, dass er damit leidlich umgehen konnte, und versucht, aus den Tischtüchern des Restaurants und Dingen, die er in Stephans Haus vorfand, improvisierte Rucksäcke zu fertigen. Zum Erstaunen aller war ihm das sogar relativ gut gelungen.

»Unsere Marschordnung können wir nun auch optimieren«, stellte Sandra fest, als alle zum Aufbruch bereit waren. »Da wir vier Erwachsene sind, können wir die Kinder jetzt von allen Seiten beschützen. Stephan, du gehst voraus. Auf diese Weise kann ich dich besser im Auge behalten.«

Der Angesprochene nickte stumm.

»Ich übernehme die linke Flanke, Martin geht rechts.«

»Damit du mich besser im Auge behalten kannst, schon klar …«

»Das auch.« Sandra grinste. »Außerdem befinden sich auf diese Weise die beiden Schusswaffenträger der Gruppe in der Mitte, können also schnell in alle Richtungen eingreifen.«

»Dann bilde ich das Schlusslicht«, stellte Patrick überflüssigerweise fest.

»Na, besser der letzte als das Letzte«, murmelte Stephan so leise, dass es niemand außer ihm selbst hören konnte. Dabei wanderte sein Blick kurz zwischen Martin und dem Pfarrer hin und her, dann richteten sich seine Augen auf Sandra. »Können wir?«

Auf das Nicken der jungen Frau hin setzen sich die Pilger in Bewegung. Keiner von ihnen bemerkte, dass ihnen in einigem Abstand ein großer weißer Hund folgte.

*

Frank fluchte innerlich. Hatte Sandra womöglich geahnt, dass das Haus dieses Stephans zur tödlichen Falle werden würde, wenn sie ihm nur genügend Zeit dafür ließ? Oder steckte etwas anderes hinter dem fast schon hastig wirkenden Aufbruch?

Aber egal. Wie es aussah, würde sich die Gruppe wohl wieder zur Aachener Straße begeben und auf dieser weiter Richtung Westen gehen. Ihm blieb im Moment nichts anderes übrig, als ihnen mit dem Teil seiner Armee, den er bislang um sich sammeln konnte, zu folgen.

Unterwegs würden Sandra und ihre Begleiter in Sicherheit sein, denn Frank spürte deutlich, dass die nächsten seiner willenlosen Diener in dieser Richtung noch einige Kilometer entfernt waren. Vermutlich in der nächsten Ortschaft.

Er hatte sich nie für diese Gegend interessiert, konnte also auch nicht genau sagen, welche Ortschaften als nächstes kamen. Kerpen war ihm ein Begriff, aber es war fraglich, ob die Gruppe es heute noch bis dorthin schaffen würde.

Frank konzentrierte sich. In Kerpen gab es sicher weitere Mitglieder seiner dunklen Armee. Er streckte seine geistigen Fühler aus, tastete vorsichtig nach ihren tumben Gedanken. Vielleicht würde es ihm gelingen, die Flüchtenden in die Zange zu nehmen, ihnen seine Truppen aus Richtung Westen entgegenzuschicken.

Wäre er noch ein normaler Mensch gewesen, wäre ihm vor Anstrengung der Schweiß auf die Stirn getreten. Aber Frank hörte noch nicht einmal das Schlagen seines Herzens. War es überhaupt noch an seinem Platz?

Unwillig schüttelte er diese Gedanken ab. Sie hinderten ihn daran, seine Soldaten zu erreichen. Wenn es ihm gelang, Sandra, die Kinder und die drei Männer zu erledigen, würde Gabriel ihn belohnen, und nur das zählte im Moment!

Frank schloss die Augen. Seine Anstrengungen vervielfachten sich. Da! Endlich! Er kam zu einem seiner Soldaten durch!

Geht nach Osten! Frank legte alle Macht in diesen einen Gedanken.

Osten?, kam es zurück, und Frank spürte, dass keinerlei Verstehen darin lag.

Kommt zu mir! Das hatten die anderen bislang immer verstanden.

Zu mir … zu mir … zu mir …, echote der andere, und die Verbindung riss ab.

Frank wankte einen kuren Moment, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Die Energie, die ihn dieser Versuch gekostet hatte, zehrte sogar an den übermenschlichen Kräften, die ihm der Dunkle Mann verliehen hatte. Aber was viel wichtiger war: Hatte seine Kompanie in Kerpen den Befehl empfangen? Und vor allem auch richtig verstanden?

Er wusste es nicht, konnte es nur hoffen.

Frank richtete sich auf und setzte sich in Bewegung, um der Gruppe um Sandra zu folgen. Dabei bemerkte er wieder den weißen Hund, den er vor einigen Stunden aus den Augen verloren hatte.

Was wollte das Vieh denn schon wieder hier? In Frank wallte dunkle Wut hoch. Am liebsten hätte er seinen Soldaten befohlen, den Köter in Stücke zu reißen, aber am Tag war dieser viel zu schnell für sie. Es würde sie zu lange aufhalten, und das durfte keinesfalls passieren, denn wenn er Sandra verlor, würde die Strafe Gabriels schrecklich sein.

*

Am späten Nachmittag erreichten Sandra und ihre Begleiter die Ortschaft Horrem.

»Suchen wir dort auch nach Vorräten?«, wollte Martin von der jungen Frau wissen.

Sandra schüttelte stumm den Kopf und machte Stephan mit einem »Pssst!« auf sich aufmerksam. Als dieser den Kopf drehte, deutete sie nach links und erklärte: »Wir biegen hier nach Süden ab und lassen die Häuser rechts liegen.«

Stephan nickte und schlug wortlos die neue Richtung ein.

»Für eine Frau kennst du dich verdammt gut mit Himmelsrichtungen aus.« In Martins Stimme lag Bewunderung.

Sandra schenkte ihm jedoch nur einen kalten Blick, zuckte kurz mit Schultern und wandte sich von ihm ab, um mit ihren Augen wieder das Gelände zu sondieren.

Martin schluckte trocken. Was war nur mit dieser Frau los? Im einen Moment sorgte sie sich um die Kinder in der Gruppe wie eine Glucke um ihre Küken, im nächsten war sie ein eiskalter Klotz, der nichts menschliches an sich zu haben schien und an dem alles abglitt, als wäre seine Oberfläche mit Teflon beschichtet. Welche Erfahrungen hatten sie zu dem werden lassen, was sie heute war?

Zusammen mit den anderen setzte sich Martin in Bewegung. In der Ferne konnte er bereits wieder seinen Affen spüren. Martin hatte die kurze Pause genutzt, um sich etwas von dem Nasenspray zu verabreichen, aber das konnte den Affen nicht wirklich aufhalten – zumindest nicht auf Dauer. Hoffentlich hatte Sandra nicht gerade wieder eine »eiskalte Phase«, wenn er in die wirklich harte Zeit des Entzugs eintrat …

*

»Nun mein Freund, wie geht es dir?«

Frank hatte das Auftauchen des Dunklen Mannes zuerst nicht bemerkt, aber nun packte ihn die eisige Kälte wie eine physische Gewalt. Er registrierte jetzt auch wieder das leise Rascheln feinen Stoffs, das für die Präsenz Gabriels so charakteristisch zu sein schien.

»Wie soll es mir schon gehen?« Frank zuckte mit den Schultern. »Ich warte auf meine Gelegenheit, und die wird sicher bald kommen.«

»Möchtest du mir deinen kleinen Plan vielleicht verraten?«

Täuschte Frank sich, oder klang in der Stimme des anderen so etwas wie leichter Spott mit? Und wenn dem so war, was hatte Gabriel davon? Frank fragte sich sowieso, warum dieser ihn die Drecksarbeit machen ließ. Bei der Macht, über die der Dunkle Mann verfügte, musste es ihm doch ein Leichtes sein, den Flüchtenden den Garaus zu machen. Einfach so. Mit dem Zucken eines Augenlids.

Was also hatte Gabriel davon, Frank mit dieser Aufgabe zu betrauen? Seelen sollte er ihm bringen, das hatte er zumindest gesagt. Aber warum holte er sich diese nicht selbst? Ja, das waren Fragen. Viele Fragen sogar. Und der Dunkle Mann liebte keine Fragen, das hatte er ihm klargemacht.

»Der Plan ist eigentlich ganz einfach …«, setzte Frank an, doch der andere unterbrach ihn mit einem Handzeichen.

»Du bist ein braver Junge, dass du artig auf meine Fragen antwortest.« Gabriel lächelte vieldeutig. »Trotzdem möchte ich mir die Spannung nicht verderben, behalte ihn also bitte für dich.«

War es das? Hatte der Dunkle Mann ihn testen wollen, sehen, ob er auch loyal war?

Erneute fühlte Frank sich herumgeschoben wie eine Schachfigur, und das gefiel ihm nicht. Er war niemandes Spielzeug, er war ein Mensch! Wirklich? War er das noch? Und spielte das überhaupt noch eine Rolle?

Wieder wallte Zorn in ihm hoch, doch dieser war nicht heiß, sondern merkwürdig kalt, fast wie ein wütender Klumpen.

Dann riss Gabriels Stimme Frank aus seinen Gedanken: »Ich habe gesehen, wie deine Soldaten zwei weitere Male versagt haben. Trotzdem war es – nun, wie soll ich sagen? - auf eine ganz eigene Art erheiternd. Du testest deine Möglichkeiten aus, und das ist gut so. Deine kleine Freundin führt dich an der Nase herum.« Der Dunkle Mann kicherte.

Sandra! Diese miese kleine selbstsüchtige Schlampe! Gabriel hatte recht, sie war ihm immer eine Nasenlänge voraus. Vermutlich hatte sie von Anfang an alles genau so geplant, selbst dass er sich in Köln für sie und die Kinder opfern würde.

Aber sie würde schon noch sehen, was sie davon hatte! Er war schließlich kein Idiot, und er verfügte über etwas, das sie nicht besaß: Macht über die Untoten!

Er hatte zu Gabriel gesagt, dass seine Chance noch kommen würde, und er hatte es genau so gemeint. Und dann würde sie für alles bezahlen, was sie ihm angetan hatte. Qualvoll sterben lassen würde er sie, damit sie sich noch lange an ihn erinnerte, wenn sie schon längst in der Hölle schmorte.

»Ich sehe, du weißt, was du zu tun hast.« Gabriel nickte zufrieden. »Dann will ich dir mal nicht länger deine kostbare Zeit stehlen.«

Wieder dieser Spott in der Stimme, gefolgt von einem Kichern. Wurde der Dunkle Mann langsam verrückt?

Dann war er von einem Moment auf den anderen verschwunden, so als sei er nie da gewesen. Oder hatte Frank das eben nur geträumt?

Die eisige Kälte, die nur langsam wieder wich, belehrte ihn jedoch eines Besseren.

*

»Dort vorne richten wir uns für die Nacht ein.« Sandra deutete auf ein Gebäude am südlichen Ortsrand von Götzenkirchen.

Sie hatten Horrem im Osten umgangen, mittlerweile die A4 überquert und ein gutes Stück weit hinter sich gelassen. Eigentlich hatte Sandra damit gerechnet, sich den Weg über die Autobahn erkämpfen zu müssen, aber zu ihrer Überraschung hatten sie wohl mehr durch Zufall eine Stelle erwischt, die frei von Autos und somit auch frei von Zombies war.

Das Gebäude vor ihnen war ein schnuckeliges Einfamilienhaus, wie es sich jeder gestandene Familienvater für sich und seine Lieben wünschte. Hier war man nicht weit von Äckern und Wäldern entfernt. Ein traumhaftes Idyll vor den Toren Kölns, wären da nicht die ein wenig unangenehmen Umstände gewesen, die dafür gesorgt hatten, dass Sandra und die anderen hierhergekommen waren.

Martin sah Sandra verstohlen von der Seite an, dann wanderte sein Blick zurück zu dem schmucken Häuschen. Hätte er sich in einer besseren Zeit vielleicht hier zusammen mit ihr niedergelassen und eine Familie gegründet? Der Gedanke hatte etwas Verlockendes. Dann packte ihn sein Affe wieder – noch sanft – im Genick und begann damit, ihn ein wenig durchzurütteln.

Sandra schien nichts davon zu bemerken, oder tat zumindest so. »Nachdem wir sichergestellt haben, dass das Haus sauber ist, teilen wir die Wachen für die Nacht ein«, erklärte sie gerade. Dann bedeutete sie Patrick und Martin, bei den Kindern zu warten, und betrat zusammen mit Stephan das Haus.

Keine fünf Minuten später tauchte Stephan wieder im Türrahmen auf und winkte die anderen zu sich. Wie es aussah, hatten sie eine Bleibe für die Nacht gefunden.

»Patrick übernimmt die erste Wache.« Sandras Stimme duldete – wie so oft – keinen Widerspruch. »Stephan macht die zweite und ich die dritte. Martin ist als letzter dran.«

»Wir können auch Wachen übernehmen«, erklärte Tom, wobei er sich bemühte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte.

»Das ist nicht nötig.« Sandra schüttelte den Kopf. »Wir schaffen das schon.«

»Ist es, weil du es uns nicht zutraust?«

»Das hat damit nichts zu tun. Ihr seid Kinder, wir sind die Erwachsenen. Also sind wir für euch verantwortlich und schützen euch. Seht lieber zu, dass ihr euch heute Nacht gut erholt, damit wir morgen zügig vorankommen.«

Einen Augenblick sah es so aus, als wollte Tom noch etwas sagen, dann nickte er stumm und ging wieder zu den anderen Kindern. Diese waren bereits dabei, sich notdürftig für die Nacht einzurichten, so gut es eben ging.

Kapitel V - Unerwartete Bekanntschaften

»Der schwarze Mann!« Zitternd zeigte Rosi in die Richtung, in der sie das dunkle Schemen erblickt hatte.

Doch die anderen hörten nicht auf sie. Sie saßen im Kreis und sangen fröhlich ein Lied.

»Schnell!« In Rosis Stimme schwang Panik mit. »Wir müssen hier weg, solange es noch geht!«

Immer noch keine Reaktion.

Rosi packte Peter an der Schulter und rüttelte daran.

»Hörst du denn nicht? Der schwarze Mann ist da, um uns zu holen!«

Peter drehte den Kopf und grinste sie an. »Ach, hör doch mit dem Unfug auf, Rosi. Damit macht man höchstens kleinen Kindern Angst. Den schwarzen Mann gibt es doch gar nicht.«

»Aber ich habe ihn gesehen. Er stand gleich dort drüben!«

»Und wohin ist er dann so schnell verschwunden?«

»Spürst du denn gar nicht, wie kalt es hier auf einmal ist?«

»Es ist nicht kalt, was redest du da? Setz dich lieber zu uns und sing mit!«

Rosi wollte jedoch nicht. Der schwarze Mann machte ihr zu viel Angst. Und warum konnte Peter die Kälte nicht spüren? Sie zitterte schon am ganzen Leib. Aber auch die anderen schenkten ihr keine Beachtung, sangen einfach weiter, so als wäre nichts.

Übergangslos begann Rosi zu laufen. Nur weg von hier! Weg vom schwarzen Mann!

Ohne sich umzusehen, hastete sie die verlassene Straße entlang. Die Häuser schienen sie aus leeren Fensteröffnungen regelrecht anzustarren. War denn niemand hier, der ihr helfen konnte?

Rosis Beine brannten, ihr Atem ging rasselnd. Lange würde sie ihre Flucht nicht mehr durchhalten können.

Da! Mit einem Mal war der schwarze Mann über ihr, hielt sie fest. Rosi konnte sich nicht mehr bewegen, war ihm hilflos ausgeliefert. Leise begann sie zu weinen.

»Pssssst, nicht weinen.« Die Stimme des schwarzen Mannes klang merkwürdig sanft. »Es wird alles wieder gut. Psssst, alles wird gut.«

Rosi spürte sanfte Berührungen, die so gar nicht zu der herrschenden Kälte passen wollten. Zuerst an den Schultern, dann an Bauch und Beinen. Irgendetwas glitt langsam die Innenseite ihres Schenkels nach oben.

Dann wachte sie auf.

*

»Was tust du da?« Martin sah Stephan fragend an. Dieser hatte sich über Rosi gebeugt und sprach leise zu ihr.

Stephans Kopf ruckte herum. »Mann, hast du mich vielleicht erschreckt! Was machst du hier? Deine Wache ist doch erst in einer Viertelstunde, ich hätte dich schon rechtzeitig geweckt.«

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.« Martins Stimme bekam eine gewisse Schärfe. »Ich will wissen, was du da machst.«

»Die Kleine hat offenbar schlecht geträumt.« Stephan zuckte mit den Schultern. »Da habe ich versucht, sie ein wenig zu trösten.«

»Zwischen ihren Beinen?!?«

»Wie? Ach das! Nein, es ist nicht so, wie es aussieht.«

»Aha? Wie ist es dann?«

»Ich … ich bin abgerutscht. So war das.«

»Am besten wecken wir Sandra und fragen sie, was sie von der Sache hält.«

»Das halte ich für keine gute Idee.« In Stephans Augen flackerte es kurz. »Sie braucht ihren Schlaf, denn schließlich hat sie die Verantwortung für die ganze Gruppe. Der Alptraum ist ja jetzt vorbei, nicht war?«

Der letzte Satz war an Rosi gerichtet gewesen. Diese hatte sich ein wenig aufgerichtet und schaute die beiden Männer aus schläfrigen Augen an.

»Ja, danke, es ist alles ok«, versicherte sie schließlich.

»Dann ist es ja gut.« Martins misstrauische Blicke straften seine Worte Lügen. An Stephan gewandt sagte er: »Du kannst dich hinlegen, ich übernehme jetzt.«

Als Stephan an ihm vorbeiging, zischte er ihm zu: »Ich behalte dich im Auge.«

»Mach das, Junkie, mach das …«, kam es ebenso leise zurück, dann war Martin mit den Kindern alleine.

*

Zufrieden rieb sich der Dunkle Mann die Hände. Besser hätte es gar nicht laufen können!

Eigentlich hatte er nur vorgehabt, sich in die Träume eines der Kinder zu schleichen, um sie ein wenig zu bespitzeln. Diese Rosi – was für ein dämlicher Name! - hatte seine Anwesenheit gespürt und mit einem Alptraum darauf reagiert.

Er musste vorsichtig sein. Die Kinder konnten mehr als ihm lieb war. Aber das machte das Spiel auch spannend. Ohne Spannung war es langweilig, und all die Vorbereitungen mussten sich doch schließlich am Ende auch auszahlen, oder etwa nicht?

Das Mädchen hatte also schlecht geträumt. Dann war dieser Neue in der Gruppe darauf aufmerksam geworden und hatte sich um sie gekümmert, wenn auch auf eine eigentümliche Weise. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Kerl, aber das konnte Gabriel nur recht sein.

Der Langhaarige musste etwas bemerkt haben. Auf jeden Fall war es zwischen ihm und dem anderen zu Spannungen gekommen, das hatte Gabriel deutlich spüren können. Unfrieden konnte die Gruppe spalten, das spielte ihm in die Hände.

Aber da war noch Luzifer, sein Gegenspieler. Deutlich spürte er dessen Präsenz, auch wenn er im Moment nicht ausmachen konnte, wo genau sich dieser herumtrieb. Es war jedoch auch nicht wirklich wichtig, denn Luzifer war ein Korinthenkacker, was die Regeln des Spiels anging. Das war er schon immer gewesen, und das würde er immer bleiben. Er stellte keine wirklich Bedrohung dar, eher eine Art Gewürz in der Suppe des Spiels.

Er, Gabriel, würde gewinnen. Wieder einmal. Und das bewies, dass er im Recht war.

Es war an der Zeit, nach seinem General zu sehen. Nicht mehr lange, und der Dunkle Mann würde am Ziel sein.

*

Der Rest der Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle. Sandra hatte Martin aufgetragen, die Gruppe im Morgengrauen zu wecken. Hastig schlangen sie nun ein karges Frühstück hinunter.

»Warum isst du nichts?«, wollte Sandra von Martin wissen, der wieder am Fensterrahmen stand und hinaus starrte.

»Ich habe keinen Hunger.« Der Affe streckte seine Hand nach ihm aus.

»Wenn du mir unterwegs zusammenklappst, lass ich dich einfach liegen. Klar? Wir können keinen Bremsklotz brauchen, wir sind auch so schon langsam genug.«

Martin zog es vor, nicht darauf zu antworten. Stattdessen schaute er weiter aus dem Fenster und versuchte einzuschätzen, wie das Wetter heute werden würde.

Sein Affe packte ihn im Genick und rüttelte ihn ganz sanft durch. Martin fragte sich, ob er ihn vermissen würde, wenn er den Entzug überstanden hatte. Aber er glaubte nicht wirklich daran.

Ein merkwürdiges Geräusch hinter ihm zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Keuchen und Japsen, immer wieder unterbrochen von einer kläglichen Parodie dessen, was ein Husten hätte sein können.

»Hey, Gabi, was ist los?« Toms Stimme klang besorgt.

Melanie hielt den Kopf ihrer Schwester und versuchte, sie in eine Lage zu bringen, in der sie besser Luft bekam.

»Was hat sie?«, fragten Patrick und Sandra unisono, die nun ebenfalls darauf aufmerksam geworden waren. Stephan hielt sich im Hintergrund.

»Asthma«, erklärte Tom. »Gabi hat Asthma.« Und an Melanie gewandt: »Was ist mit dem Spray?«

Melanie schüttelte den Kopf.

»Was will sie uns sagen?« Patricks Miene zeigte deutliche Sorge um das Kind.

»Das Spray ist alle.« Auf Toms Stirn bildeten sich Sorgenfalten, was bei einem dreizehnjährigen Jungen, den man gut und gerne auch für zehn halten konnte, irgendwie unpassend wirkte. »Sie hat gestern Abend die letzte Dosis verbraucht.«

»Woher weißt du das?«, platzte es Stephan heraus. »Die Kleine hat doch gar nichts gesagt. Kannst du etwa ihre Gedanken lesen?«

»Blödsinn!« Martin sah Stephan herausfordernd in die Augen. »Niemand kann die Gedanken eines anderen lesen.«

»Das ist mir auch klar, J… , äh, Martin. Es ist doch nur ein Spruch. Kein Grund, gleich ungeschmeidig zu werden.«

»Sind die Gockel dann mit dem Revierabstecken fertig?« Sandra sah die beiden vorwurfsvoll an.

»Wir brauchen Medizin«, stellte Martin überflüssigerweise fest.

»Hältst du es noch so lange aus?«, wollte Sandra von Gabi wissen.

Diese hatte sich inzwischen wieder ein wenig beruhigt und nickte schwach.

»Dann werden wir mal schauen, was Kerpen in dieser Richtung zu bieten hat. Wir brechen auf.«

*

Normalerweise brauchte man zu Fuß vom südlichen Ende Götzenkirchens bis zur Ortsmitte Kerpen nicht einmal eine Stunde. Durch das Gepäck sowie den angeschlagenen Gesundheitszustand von Gabi benötigte die Gruppe jedoch fast drei, um nur den Ortsrand zu erreichen.

Immer wieder mussten sie anhalten, damit sich das Mädchen ein bisschen erholen konnte. Patrick bot mehr als einmal an, sie zu tragen, aber sie weigerte sich standhaft. Tragen lassen würde sie sich nur von Martin, aber der war dazu im Moment nicht in der Verfassung, denn der kalte Entzug nahm seinen Körper mehr und mehr in Besitz.

»Was denkst du?«, wollte Patrick von Sandra wissen. »Wie viele der bedauernswerten Seelen haben sich hier versammelt?« Dann setzte er leise hinzu: »Möge der Herr ihnen gnädig sein.«

»Egal, wie viele es sind«, knurrte Sandra. »Im Zweifelsfall genügt einer, um uns Ärger zu machen.«

»Vielleicht sollten wir uns aufteilen«, schlug Stephan vor. »Ich bleibe mit den Kindern hier, und ihr seht nach, ob ihr ein paar Medikamente finden könnt.«

Martin wollte schon aufbrausen, als ihm Sandra zuvorkam: »Nichts da, wir bleiben zusammen! Was mich überhaupt darauf bringt: Wie geht es dir denn heute, Stephan? Irgendwelche Merkwürdigkeiten im Befinden?«

»Häh? Was meinst du?«

»Sie will sehen, ob du schon ein Stück weit zu einem der Freaks – wie du sie nennst – geworden bist.« Martin grinste. »Wundert dich das?«

»Bei euch wundert mich so langsam gar nichts mehr«, brummte Stephan, dann ergab er sich in sein Schicksal und ließ sich von Sandra ausgiebig mustern.

»Die Wunden heilen erstaunlich schnell bei dir«, stellte sie schließlich fest. »Aber es scheint alles okay zu ein.«

»Das waren ja auch nur ein paar oberflächliche Kratzer. Außerdem bin ich hart im Nehmen.«

»Gooock-gogooock-gogoooock!«, machte Martin das Gackern eines Huhns nach, was ihm von Stephan einen giftigen und Sandra einen vorwurfsvollen Blick einbrachte.

»Gibt es etwas zwischen euch beiden, von dem ich wissen sollte?«, fragte sie die beiden Männer. »Ich meine, bevor mir einer von euch in falsch verstandenem Geschlechterkampf ein Messer in den Rücken rammt oder so …«

»Nein, es ist alles bestens«, beeilte sich Stephan zu versichern. »Das ist so ein Männerding zwischen uns. Du weißt schon, die Rangordnung ermitteln, wenn ein Neuer ins Rudel kommt und all sowas. Nichts worüber man sich Sorgen machen müsste.«

»Siehst du das genauso?« Die Frage war an Martin gerichtet gewesen.

Einen kurzen Moment überlegte er, ob er Sandra davon erzählen sollte, was heute Nacht beim Wachwechsel vorgefallen war, ließ es dann aber lieber. Sie schien im Moment eh nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen zu sein, und wie es aussah, hielt sie Stephan für eine Bereicherung der Gruppe. Solange er nichts handfestes gegen diesen komischen Typen in der Hand hatte, war es wohl besser, den Ball erst einmal flach zu halten.

»Ja«, sagte er deshalb. »Stephan hat recht. Das ist so ein Männerding. Sobald wir ein paar Flöhe ausgetauscht haben, werden wir uns schon vertragen.«

»Genau das wollte ich hören.« Sandra nickte. »Aber reißt euch bei eurem ›Männerding‹ am Riemen, sonst mache ich euch nachhaltig klar, wer das Alphatier in diesem Rudel ist. Und dem ersten, der meint, sein Revier durch das Anpinkeln von Bäumen abstecken zu müssen, schieße ich die Eier weg.«

Ja, das bringst du fertig, ging es Martin durch den Kopf, dabei rieselte ihm ein wohliger Schauer den Rücken herunter, den er schnell seinen immer stärker werdenden Entzugserscheinungen zuschrieb.

*

»Wenn du den Karabiner fallen lässt, ist er hinterher vermutlich zu nichts mehr zu gebrauchen.« Sandra sah Martin skeptisch an.

Der war stehengeblieben, und sein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt.

»Es geht gleich wieder«, presste er hervor. »Nur einen Moment noch. Und auf das Gewehr passe ich auf.«

So vorsichtig, wie es ging, lehnte er die Waffe gegen eine Hauswand, dann stütze er sich mit beiden Händen gegen die Mauer und wartete, bis sein Körper sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

»Bist du dann soweit?«

Martin hätte sich nicht gewundert, wenn Sandra jeden Augenblick damit begonnen hätte, ungeduldig mit dem Fuß zu tappen. Er holte noch einmal tief Luft, dann drückte er sich von der Wand ab, nahm den Karabiner wieder auf und nickte. »Fertig, wir können.«

Sandra hatte recht, sie mussten weiter. Bislang hatte sich zwar kein Zombie blicken lassen, aber das konnte sich jederzeit ändern. Wenn es soweit war, waren die Pilger besser bereits wieder auf dem Weg aus der Ortschaft hinaus.

»Dort vorne!« Jonas zeigte auf eine Stelle, an der eine Seitenstraße einmündete. »Der weiße Hund ist wieder da!«

»Du musst dich irren«, meinte Patrick. »Das ist sicher ein anderes Tier. Ich denke nicht, dass uns der Hund aus Königsdorf hierher gefolgt ist, andernfalls hätte wir das sicherlich bemerkt.«

Martin war sich da nicht so sicher, konnte im Moment aber sowieso kaum einen klaren Gedanken fassen. Diese kreisten nämlich zunehmend nur noch um ein Thema: Stoff!

Der Hund stand ruhig da und schien die Gruppe zu beobachten. Plötzlich versteifte sich seine Haltung. Er knurrte, dann stieß er ein kurzes Bellen aus.

Sandra hob ihre Pistole und legte auf das Tier an. Die entsetzt aufgerissenen Augen der Kinder ignorierte sie dabei geflissentlich.

Doch bevor sie zum Schuss kam, zog sich der Hund zurück. Stattdessen tauchte im Eingang des Hauses, neben dem er eben noch gestanden hatte, ein Zombie auf. Fast im selben Moment krachte ein Schuss.

Da Sandra die Waffe sowieso schon grob in diese Richtung gehalten hatte, hatte es nur einer kleine Bewegung ihres Arms bedurft, um dem Untoten eine Kugel in den Kopf zu jagen.

»Er hat uns gewarnt.« Das war Tom. »Der weiße Hund hat uns wieder gewarnt. Jetzt bin ich mir sicher, dass es derselbe wie in Königsdorf ist.«

»Quatsch!« Sandra wischte mit der freien Hand durch die Luft, so als wolle sie Toms Schlussfolgerung verscheuchen wie ein lästiges Insekt. »Das ist nur Zufall. Hunde bellen eben von Zeit zu Zeit, daran ist nichts besonderes.«

Bevor der Junge widersprechen konnte, tauchten drei weitere Zombies auf.

Stephan fackelte nicht lange. Mit einem »Wir müssen Munition sparen!« rannte er auf die Neuankömmlinge zu und schwang dabei seinen Baseballschläger.

»Was macht der Idiot?«, zischte Sandra. »Er läuft mir genau in die Schusslinie!«

Martin wollte etwas sagen, wurde aber in diesem Moment wieder von einem Krampfanfall durchgeschüttelt.

»Wir müssen ihm helfen, alleine schafft er das nicht.« Patrick hatte den Satz noch nicht richtig zu Ende gesprochen, da setzte er sich ebenfalls in Richtung der Zombies in Bewegung. Dabei entwickelte er ein Tempo, dass man ihm gar nicht zugetraut hätte.

Diesmal war es also an Sandra, den anderen einfach nachzulaufen, wollte sie ihre »strahlenden Recken« nicht einfach hängen lassen.

Mit einem eklig feuchten »Kaflatsch!« landete Stephans Baseballer mitten im Gesicht des vordersten Zombies. Wie bereits im Hinterhof des Restaurants wurde auch dieser von der Wucht des Treffers ein paar Schritte zurückgetrieben.

»Du den linken, ich den rechten!«

Patrick hatte die Untoten ebenfalls erreicht und rammte seiner »Zielperson« den Plastikschild mit voller Wucht gegen die Brust. Der Zombie ließ sich davon aber nur marginal beeindrucken und versuchte sogleich, seinen Angreifer am Schild vorbei zu fassen zu bekommen. Ein wuchtiger Hieb mit dem Streitkolben riss ihm fast den Kopf von den Schultern und beendete sein untotes Dasein.

In diesem Moment war auch Sandra heran. Durch einen gezielten Schuss gab sie dem Zombie, den Stephan zuerst getroffen hatte, den Rest. Dann war auch schon alles vorbei.

Vor ihnen lagen vier Untote, die nun endgültig tot waren. Zwei davon hatten ein Loch zwischen den Augen, und es fehlte ihnen die hintere Hälfte des Kopfes. Einem war der Schädel halb von den Schultern gerissen und hing merkwürdig zur Seite, der andere hatte dort, wo sein Kopf hätte sein sollen, nur noch einen schleimigen Klumpen.

»Ich sag doch: Munition sparen.« Stephan grinste zufrieden. »Hat doch prima geklappt. Und ich habe dabei nicht mal einen Kratzer abbekommen.«

In Sandras Gesicht arbeitet es. Sie reckte ihr Kinn nach vorne, sog hörbar die Luft ein. Dann atmete sie ebenso geräuschvoll wieder aus und steckte ihre Pistole weg.

»Okay, weiter. Diese Penner haben uns schon genug Zeit gekostet.«

*

Kurze Zeit später fanden sie tatsächlich eine Apotheke, deren Eingangstür einen unversehrten Eindruck machte. Dieser Zustand hielt jedoch nicht lange an, als Stephans Baseballschläger dagegen krachte. Er benötigte nur drei Hiebe, dann war eine ausreichend große Öffnung entstanden um hindurchzuschlüpfen.

Stephan betrat als erster den kleinen Verkaufsraum. Aufmerksam sah er sich nach allen Seiten um, dann winkte er den anderen, dass sie ihm folgen konnten.

Zielstrebig ging Sandra auf die Ziehschränke hinter dem Tresen zu. »Die sind alphabetisch sortiert«, erklärte sie. »Gabi, wie heißt das Mittel, das du brauchst?«

Das Kind nannte einen unaussprechlichen Namen, wie ihn sich nur die Marketing-Abteilung eines großen Pharmakonzerns ausdenken konnte. Glücklicherweise waren die ersten beiden Buchstaben klar zu erkennen, so dass Sandra nicht lange suchen musste.

»Ist nur eine Packungen, und die ist schon ein paar Tage über dem Verfallsdatum, aber das ist erst einmal besser als nichts.« Sie drückte Gabi die Schachtel in die Hand.

»Lass uns nachsehen, ob sie auch Antibiotika dahaben«, schlug Patrick vor. »Verbandszeug und ein paar Schmerztabletten wären vermutlich auch nicht schlecht.«

Sandra nickte und begann, die Schränke zu durchforsten. »Los, helft mit! Ihr wisst doch auch, wie das Zeugs aus der Werbung ausschaut.«

Ein paar Minuten später betrachteten sie ihre Ausbeute. Viel war es nicht, die Apotheke schien die benötigten Präparate wohl überwiegend erst bei Bedarf bestellt zu haben.

Früher war das kein Problem gewesen, denn der gut funktionierende Pharmaapparat hatte sichergestellt, dass jede Apotheke mindestens zweimal am Tag beliefert worden war, manche sogar drei- oder viermal. »Just in time« hatte man das genannt, und es hatte geholfen, die Kosten zu drücken und somit den Gewinn zu maximieren.

Nun stellten die wenigen Überlebenden, die noch normal waren, schmerzlich fest, dass man Geld tatsächlich nicht essen konnte.

Immerhin verfügten die Pilger jetzt über mehrere Schachteln Schmerztabletten, einen Verbandskasten und zwei Packungen mit einem Breitbandantibiotikum. Bislang hatten sie nichts in dieser Art benötigt, aber das war wohl mehr Glück als alles andere.

Patrick wurde kurzerhand zum Apotheker der Gruppe erklärt, da er sich mit diesen Dingen offenbar am besten auskannte.

»Wohin jetzt?« fragte er, nachdem er die Sachen in seinem Rucksack verstaut hatte. »Wollen wir noch nach etwas Essbarem schauen?«

Sandra schüttelte den Kopf. »Im Augenblick sind wir notdürftig damit versorgt, viel mehr können wir sowieso nicht ohne weiteres tragen. Daher sollten wir lieber nach einer Unterkunft für die Nacht schauen.«

»Jetzt schon?« Stephan sah sie überrascht an. »Es ist doch noch helllichter Tag!«

»Das mag schon sein, aber schau dir doch mal unsere beiden ›Problemfälle‹ an. Die brauchen jetzt Ruhe. Alleine die Suche nach einer Unterkunft wird sie vollends an den Rand dessen führen, was sie heute noch zu leisten vermögen.«

Stephan nickte mit undurchdringlicher Miene.

»Suchen wir uns wieder etwas am Ortsrand?« Martins Stimme klang brüchig.

»Das wird das beste sein. Vielleicht finden wir ja einen Bauernhof, der ein wenig abseits der anderen Häuser steht, und sich im Zweifelsfall gut verteidigen lässt.«

Nachdem keiner mehr Fragen hatte, machten sich die Pilger wieder auf den Weg.

*

Das Rauschen und Wispern in Martins Kopf nahm zu, er konnte sich nicht dagegen wehren. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Mühsam hielt er mit den anderen Schritt und versuchte dabei weiterhin krampfhaft sich zu konzentrieren.

Immer wieder vermeinte er, kleine spitze Laute durch das Rauschen zu vernehmen. Sie erinnerten ihn an die Angstschreie von kleinen Säugetieren. Das war natürlich Blödsinn, denn wenn hier irgendwo Tiere schrien, würden die anderen es auch hören und in irgendeiner Weise darauf reagieren.

Das Rauschen schwoll an, schien sich dabei regelrecht zu fokussieren. Diese Empfindung war neu. Martin versuchte, sie zu verdrängen, doch es war zwecklos. Das Geräusch klang mit einem Mal so, als würde man ein »Pfff!« rückwärts abspielen, dann hörte er eine Stimme in seinem Kopf: Martin, ich bin es, Tom!

Verwirrt hob Martin den Kopf. Der Junge ging ein paar Schritte vor ihm. Dabei machte er nicht den Anschein, mit ihm zu kommunizieren, aber das konnte täuschen.

Martin! Sag, hörst du mich? Komm schon, antworte bitte!

Es kostet ihn einige Mühe, aber schließlich schaffte er es, eine Antwort zu senden: Was ist denn? Ich bin so schwach, so schwach …

Hörst du die anderen?

Martin wurde hellhörig. Welche anderen? Plötzlich war ein Teil seiner Müdigkeit wie weggewischt, und er konnte sich wieder besser konzentrieren.

Die anderen Kinder. Du musst ihre gedanklichen Hilferufe doch ebenfalls empfangen haben!

Diese … diese Geräusche, das Fiepen, das sind andere Kinder? Bist du sicher?

Klar bin ich sicher. Wir müssen ihnen helfen! Melanie sagt, sie müssen irgendwo gleich dort vorne in der Seitenstraße sein!

»Sandra?«

Die junge Frau drehte den Kopf und sah Martin unwillig an. »Was gibt es denn? Müssen wir schon wieder eine Pause machen?«

»Nein, keine Pause. Aber wir sollten dort vorne rechts abbiegen.«

»Warum? Kennst du dich auf einmal hier aus?«

»Nenn es meinetwegen ein Gefühl, aber lass uns dort vorne in die Seitenstraße gehen. Bitte.«

Sandra blieb abrupt stehen. »Kannst oder willst du mir nicht sagen, was dort vorne ist?«

»Ich kann es nicht.«

»Und warum sollte ich deinem Wunsch dann nachkommen, hm?«

»Weil …, weil …, weil es richtig ist. Vertrau mir bitte einfach.«

In Stephans Blick war zu sehen, dass er seine Chance witterte, den »Junkie« endlich loszuwerden: »Wenn er meint, dann lass ihn doch. Vielleicht hat er ja gerade wirklich einen lichten Moment.«

Sandra schien hin- und hergerissen zu sein. Schließlich gab sie sich einen Ruck. »Also gut, wir schauen nach. Aber wenn uns das nur Zeit kostet, trete ich dir in den Arsch, mein Lieber.«

*

Die Seitenstraße lag verlassen da, so wie die anderen Straßen auch, durch die sie gekommen waren. Nicht ein Untoter ließ sich blicken, und auch sonst bewegte sich rein gar nichts.

»Und?« Sandra schaute Martin herausfordernd an. »War’s das? Können wir weiter?«

»Einen Moment noch bitte.«

Tom, wo müssen wir suchen?

Melanie sagt,sie müssen in dem kleinen Haus dort vorne sein. Das mit den hellblauen Wänden.

»Das Haus mit den hellblauen Wänden. Dort müssen wir hin.«

»Willst du mich verarschen?« Sandras Augen schienen förmlich Blitze zu versprühen. »Hier ist nichts, das siehst du doch selbst. Oder vernebelt dir der Turkey schon so die Birne, dass du rosa Elefanten tanzen siehst?«

»Lass uns bitte in dieses Haus gehen. Wenn dort nichts ist, darfst du mit mir alles machen, was du möchtest.«

»Vielleicht will ich ja gar nichts mit dir machen, sondern einfach nur zusehen, dass wir endlich weiterkommen?«

»Diese Diskussion kostet auch nur Zeit«, mischte sich nun Patrick ein. »Wir sind seinem Wunsch schon gefolgt und in diese Seitenstraße eingebogen, also können wir auch noch kurz nachsehen, was es mit diesem Haus auf sich hat. Auf die paar Minuten kommt es nun wirklich nicht mehr an.«

»Also gut«, stimmte Sandra mit säuerlicher Miene zu. »Dieses Haus noch, aber dann gehen wir weiter Richtung Ortsrand.«

Kurz darauf drückte Sandra gegen die Tür des Gebäudes, diese ließ sich aber nicht öffnen.

»Du bist dran«, sagte sie an Stephan gewandt. »Aufmachen!«

Dieser ließ sich nicht zweimal bitten und trat mit Wucht gegen die Seite der Tür, an der die Angeln waren. Weitere zwei Tritte später rissen diese aus dem Holz, und das Türblatt ließ sich mit ein wenig Mühe vollends zur Seite drücken.

»Bitteschön!« Stephan verbeugte sich galant und wirbelte dabei mit der Hand in der Luft herum.

Sandra schien die Geste jedoch kein bisschen zu beeindrucken. Wortlos ging sie an ihm vorbei und betrat den kleinen Windfang. Dann erstarrte sie plötzlich und hatte im gleichen Moment ihre Pistole in der Hand.

»Ist da jemand?« Ein zaghaftes Stimmchen klang durch die Glastür, die den Windfang nach innen abschloss.

In Sandras Gesicht spiegelte sich Überraschung. Sie überwand diese jedoch schnell und drückte beherzt die Türklinke nach unten.

Vor ihr stand ein Mädchen von vielleicht acht oder neun Jahren. Sie hatte ein zart geschnittenes Gesicht, und ihre langen blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst.

Jetzt drehte sie den Kopf zu Seite und rief: »Alles klar, ihr könnt kommen. Es sind keine Knirscher.«

Kapitel VI - Unterricht

Langsam schälten sich drei kleine Gestalten aus dem Halbdunkel des Hausflurs und traten neben das blonde Mädchen.

»Ich heiße Jessica«, stelle sie sich nun vor, dann zeigte sie auf einen etwa zwölfjährigen Jungen mit hellbraunen Haaren und Sommersprossen. »Und das ist mein Bruder Mark.«

Der Junge nickte freundlich, und Jessica fuhr fort: »Miriam und Regina waren unsere Nachbarn, bevor unsere Eltern sich verwandelten. Jetzt wohnen sie bei uns.«

Auch ohne Jessicas Hinweis war sofort klar, dass es sich bei den beiden Mädchen um Schwestern handeln musste. Sie mochten in etwa 12 und 14 Jahre alt sein, hatten beide lange schwarze Haare, und ihre Gesichtszüge glichen sich wie ein Ei dem anderen.

»Habt ihr denn keine Angst?« Sandra klang verwundert. »Schließlich sind wir Fremde und könnten euch Gott weiß was antun.«

»Ihr seid anständige Menschen, das spüren wir. Bis auf den da vielleicht.«

Bei den letzten Worten zeigte Jessica auf Stephan, der bislang einfach nur dagestanden und das Mädchen angestarrt hatte.

»Stephan ist schon in Ordnung. Er hat mehr als einmal unter Beweis gestellt, dass er sich gegen die Zombies zu wehren weiß. Was dagegen, wenn wir reinkommen?«

*

Kurz darauf saßen oder standen alle in dem überraschend geräumigen Wohnzimmer des Hauses. Patrick hatte es übernommen, sich und den Rest der Gruppe vorzustellen.

»Wie konntet ihr euch bislang schützen?«, wollte Sandra wissen. »Ihr scheint gar keine Angst zu haben.«

»Ich vermute, wir hatten bislang einfach Glück.« Mark, der nun für die vier Kinder sprach, zuckte mit den Schultern. »Sie haben uns in Ruhe gelassen, und wir haben sie nicht gefragt warum.«

Martin konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Junge log. Egal wie man es auch anstellen mochte, aber es war schlicht und ergreifend einfach nicht möglich, jeglichen Kontakt mit den Untoten zu vermeiden. Selbst Stephan in seinem abgelegenen Haus hatte irgendwann »Besuch« bekommen – zumindest hatte er das so erzählt.

Für einen Moment kämpfte Martin gegen die Übelkeit, die in ihm hochkam, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Er schaute Mark noch einmal genauer an und entdeckte dabei, dass dieser verstohlene Blicke mit Tom wechselte.

Natürlich, das musste es sein! Diese Kinder hier verfügten ebenfalls über Fähigkeiten! Und vermutlich war Tom so schlau gewesen, sie davor zu warnen, sich Sandra zu offenbaren. Daher die ausweichenden Antworten des Jungen.

Martin nahm sich vor, Tom bei Gelegenheit danach zu fragen. Jetzt musste er zuerst einmal zusehen, dass er das Klo erreichte, bevor er die ganze Bude vollreiherte.

*

»Geht es wieder?«

Martin hing über der Kloschüssel und hatte gar nicht bemerkt, dass Patrick ihm gefolgt war. Bevor er dem Pfarrer antworten konnte, verkrampfte sich sein Magen erneut. Ein schleimiger grün-gelber Faden kam aus seinem Mund. Dieser war bitter und stank. Ein Rest Magensäure war alles, was sich noch in Martins Bauch befand, und selbst das würde nicht mehr lange der Fall sein, wenn es noch ein wenig so weiterging.

Nachdem sich Martin sicher war, dass sein Körper nicht länger rebellierte, erhob er sich wieder. Seine Beine fühlten sich wackelig an, und seine Hände zitterten.

»Hier.« Patrick streckte ihm ein Glas Wasser entgegen. »Aber nimm kleine Schlucke, sonst geht es gleich wieder los.«

Martin nickte und nahm das Glas entgegen. Wie Patrick es ihm geraten hatte, nippte er vorsichtig daran.

»Es ist ein Wunder, dass die Wasserleitungen hier noch intakt sind.« Patrick sprach mehr zu sich selbst. »Und das Wasser scheint auch nicht verunreinigt zu sein. Danke, oh Herr. In deiner Güte gewährst du uns Schutz und Nahrung.«

»Dabei hat Wasser gar keine Kalorien.« Martin versuchte ein Grinsen, aber es misslang.

»Ich sehe, dass der Glaube in dir noch schwach ist. Aber das wird sich von ganz alleine ändern, wenn dich der Herr erst mehr von seinen Wundern schauen lässt.«

»Im Augenblick würde mir ein weiches Bett fürs Erste als Wunder genügen.«

»Oh, natürlich, wie dumm von mir.« Patrick machte eine entschuldigende Geste. »Dir geht es nicht wirklich gut. Komm, wir schauen gemeinsam, ob du dich hier irgendwo hinlegen kannst.«

*

»Es gibt eine kleine Planänderung«, eröffnete Sandra, als Patrick zusammen mit Martin wieder im Wohnzimmer bei den anderen eintraf. »Wir haben unsere Bleibe für die Nacht gefunden. Die Zombies scheinen aus irgendeinem Grund einen Bogen um dieses Haus zu machen, also sollten wir die Chance nutzen, uns hier ein wenig auszuruhen. Morgen versuchen wir dann, den Fliegerhorst in Nörvenich zu erreichen. Dort kann man uns sicher weiterhelfen.«

»Wie geht es Gabi«?, erkundigte sich Patrick. »Hilft das Spray?«

»Ein wenig.« Sandra nickte. »Die Beschwerden sind zwar nicht ganz weg, aber zumindest gelindert.«

»Na, immerhin. Dann mache ich uns jetzt etwas zu essen, und heute Nachmittag gebe ich den Kindern den ersten Unterricht. Wer hilft mir in der Küche?«

Miriam und Regina erhoben sich wie auf Kommando und schlossen sich dem Pfarrer an.

»Sonst niemand?« Patrick blickte auffordernd in die Runde.

»Das ist okay so«, erklärte Regina. »In der Küche ist ohnehin gerade mal Platz für uns drei. Wir können den anderen ja den Abwasch überlassen.«

Abwasch?!? Martin glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Das alles war grotesk. Die Welt, wie er sie einst kannte, existierte nicht mehr. Draußen hatten Zombies das Land übernommen, die nichts kannten außer ihrer Gier nach frischem Fleisch. Und in diesem Haus machte man sich Gedanken darüber, wer das Geschirr spülte?

Lass sie, drangen Toms Gedanken zu ihm durch. Das ist ihr Weg, um nicht vor lauter Verzweiflung und Kummer den Verstand zu verlieren.

Dann packte Martins Affe ihn wieder im Genick und schüttelte ihn so heftig, dass der Kontakt zu Tom abriss.

*

Ein altes Sprichwort besagt »Hunger ist der beste Koch«. Ob es daran lag oder einfach an Patricks Geschick in dieser Richtung, vermochte niemand zu sagen, trotzdem herrschte beim Essen gefräßige Stille.

Als alle fertig waren, griff Patrick grinsend hinter sich und meinte: »Für die Erwachsenen unter uns habe ich noch etwas gefunden, dass das Mahl vollends abrundet.«

Er holte seine Hand wieder hinter dem Rücken hervor und hielt eine Flasche mit Klarem hoch.

»Die stand im obersten Schrank ganz hinten. Wer möchte?«

Sandra und Stephan lehnten dankend ab. Martin verzog nur angewidert das Gesicht, ihm war auch so schon schlecht.

»Kein Problem, dann trinke ich für euch einen mit. Gesegnet seien die Gaben des Herrn.«

Patrick schraubte die Flasche auf, setzte sie direkt an und nahm einen kräftigen Schluck. Dann schüttelte er sich. »Pfui Deibel, tut das gut.«

»Übertreiben Sie’s aber nicht mit dem Zeug.« Sandra sah den Pfarrer kritisch an. »Wenn sie sich den Kanal zusaufen und nicht mehr auf eigenen Beinen gehen können, dann lasse ich Sie genauso zurück wie jeden anderen, der uns über die Maßen aufhält.«

»Von zusaufen kann gar keine Rede sein. Ich habe mir nur einen zur Verdauung genehmigt. Das wird wohl noch erlaubt sein.«

»Ich wollt’s nur klarstellen, nicht dass es hinterher heißt, ich hätte mal was sagen können.«

»Nachdem das geklärt ist, können wir ja jetzt mit dem Unterricht beginnen. Selbstverständlich sind die Erwachsenen herzlich eingeladen, ebenfalls daran teilzunehmen.«

»Und was ist mit dem Abwasch?«, wollte Rosi wissen.

»Das war doch nur ein Witz.« Tom grinste schief. »Regina weiß doch so gut wie alle anderen, dass sie dieses Haus morgen früh zusammen mit uns für immer verlassen wird.«

»Ach so.« Rosi wurde ein wenig rot. »Steht es denn schon fest, dass wir nie wieder hierher zurückkehren werden?«

»Für den Moment sieht es zumindest so aus, ja.« Sandra nickte. »Jetzt ist zuerst einmal wichtig, dass ich euch in Sicherheit bringe. Danach sehen wir weiter.«

»Ich verstehe.« Rosi versuchte, ein tapferes Gesicht zu machen, obwohl jeder sehen konnte, dass sie in diesem Moment am liebsten losgeheult hätte.

»Ich denke, es ist das beste, den Unterricht mit einer Lesung aus der Bibel zu beginnen«, ergriff Patrick wieder das Wort. »Denn in den Worten des Herrn hat schon so mancher Trost gefunden, der sich verloren glaubte.«

»Ich suche mir ’ne Ecke zum Pennen.« Martin stand mühsam auf. »Ich will heute Nacht fit sein, um auch eine Wache übernehmen zu können.«

Während er das Zimmer verließ, hörte er, wie Patrick damit begann, gemeinsam mit den anderen ein Vater Unser zu beten.

*

Martin wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er plötzlich hochschreckte. Draußen war es noch hell, und er musste ein paarmal blinzeln, bis er wieder einigermaßen klar sehen konnte.

Sein Affe war fürs Erste verschwunden, und sein Magen hatte sich ebenfalls beruhigt. Trotzdem war er sich sicher, den Entzug noch nicht überstanden zu haben.

Martin trat ans Fenster und blickte hinaus. Die Straße lag immer noch verlassen da. Hatte er geglaubt, dort draußen würden sich nach und nach Zombies zusammenrotten, um sich das Frischfleisch aus dem kleinen hellblauen Haus zu holen, so hatte er sich getäuscht.

Am Stand der Sonne erkannte er, dass es auf den Abend zugehen musste. Hunger verspürte er trotzdem keinen, auch wenn sein Magen immer noch leer war. Kurz überlegte er, ob er sich vorbeugend eine Dosis Nasenspray verabreichen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er würde auch so wieder vollends auf die Beine kommen.

Sein Traum fiel ihm wieder ein. Ja, er hatte geträumt, wenn auch merkwürdig diffus und verwaschen. In seinem Traum war er durch eine wunderschöne Parklandschaft gegangen. Auf einer Wiese war eine Gruppe Kinder gewesen, die einen Kreis bildeten und sich an den Händen hielten. Während sie langsam um den imaginären Mittelpunkt des Kreises gingen, sangen sie ein fröhliches Kinderlied.

Die ganze Szenerie hatte etwas Unwirkliches gehabt, aber das war bei einem Traum nicht weiter verwunderlich. Dann fiel ihm wieder ein, was ihn so sehr daran gestört hatte. Immer wieder war eine Stimme zu hören gewesen, die sanft »das ist der Garten Eden« gewispert hatte, und im Hintergrund waren Sphärenklänge zu hören gewesen.

Martins Miene verfinsterte sich. Hier hatte sich wohl der Text aus dem Lied der Kinder mit Patricks ständigem Gerede über Gott und die Bibel zu einem kitschigen Gemälde der Glückseligkeit vereint. Es hatte nur noch gefehlt, dass weiße Tauben aufflogen und die Chöre der Engel aus den Wolken hervorbrachen, um ein Hosianna anzustimmen. Und das ihm, wo er doch mit der Kirche rein gar nichts am Hut hatte und auch keinerlei Interesse zeigte, dies zu ändern.

Überrascht stellte Martin fest, dass er plötzlich doch Hunger bekam. Vielleicht war ja vom Mittagessen noch etwas übrig. Auf dem Weg in die Küche verflogen die Gedanken an den Traum und machten denen an weltlichere Dinge Platz.

*

Nachdem Martin sich ein wenig gestärkt hatte, betrat er das Wohnzimmer. Dort ging Sandra wie ein gereizter Tiger auf und ab. Patrick, Stephan und die Kinder hatten sich offenbar in andere Bereiche des Hauses zurückgezogen.

»Was ist denn los?«, wollte er von ihr wissen. »Ist irgendetwas passiert?«

»Nein.«

»Aha. Und warum versucht du dann, eine Rille in den Teppichboden zu gehen?«

»Wie?« Sandra blieb stehen und sah ihm direkt ins Gesicht. »Ach so, das. Dieses Herumgesitze macht mich wahnsinnig.«

»Es war deine Entscheidung, die Nacht hier zu verbringen.«

»Das weiß ich selbst. Schließlich habe ich mein Gehirn nicht mit irgendwelchen Drogen ruiniert. Du wirst es kaum glauben, aber ich kann mich abends durchaus noch daran erinnern, was ich mittags gesagt habe.«

»Es war nicht böse gemeint.«

»Das will ich dir auch geraten haben, denn schließlich bist du einer der beiden Gründe, warum ich mich überhaupt entschlossen habe, hier einen weiteren halben Tag zu verlieren, anstatt endlich in die Sicherheit des Fliegerhorsts zu gelangen.«

Martin wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Wieder einmal stellte er fest, dass er sich zu Sandra hingezogen fühlte, egal wie gemein, ruppig und kalt sie auch mit ihm umsprang. Er fragte sich, ob diese Frau selbst überhaupt wusste, über welche Kraft sie verfügte? Hätte er sie schon vor ein paar Jahren kennengelernt, hätte er das mit dem Nasenzucker vielleicht nie angefangen. Dann riss ihn Sandras Stimme aus seinen Gedanken.

»Wenn es dunkel wird, hauen wir uns alle hin. Vorher werden noch die Wachen eingeteilt. Bleibst du dabei, dass du auch eine übernehmen willst?«

Martin nickte stumm.

»Gut. Ich mache auf jeden Fall die Schicht vor dir. Wenn ich dich wecke, schaue ich mir genau an, ob du auch wirklich dazu in der Lage bist.«

*

Patrick hatte die zweite Schicht der Nachtwache. Er fand das logisch, denn auf diese Weise hatte Sandra die dritte und Martin die letzte, so dass sich dieser noch einmal gründlich ausschlafen konnte, bevor er für die Sicherheit der anderen zuständig war.

Der Entzug des jungen Mannes schien merkwürdigerweise in Wellen zu verlaufen. Patrick hatte noch nie gehört, dass das der Fall war, aber er kannte sich auch nicht wirklich gut mit so etwas aus. Vielleicht war es ja auch einfach ein Geschenk des Herrn, der damit dafür sorgte, dass auch Martin seinen Teil zum Schutz der Gruppe beitragen konnte.

Unwillkürlich sank Patrick auf die Knie und schickte ein kurzes, aber inbrünstiges Gebet zu seinem Gott. Er dankte darin für die sichere Unterkunft für die Nacht, die Nahrungsmittel und die Medikamente. Und natürlich auch dafür, dass sie alle noch am Leben waren.

Ja, es war ein Wunder, wie glatt alles gelaufen war, nachdem sie Köln erst hinter sich gelassen hatten. Nicht nur, dass sie keine Verluste zu beklagen hatten, ihre Gruppe war seither sogar größer geworden. Und mit den verlorenen Seelen, mit denen sie es bislang zu tun bekommen hatten, waren sie auch ohne nennenswerte Probleme fertig geworden. Möge der Herr geben, dass das so blieb!

Patrick stellte erfreut fest, dass der Glaube in ihm wieder größer geworden war. Er war sein Anker, sein Halt in diesen turbulenten Zeiten. Als er heute Mittag gesagt hatte, dass man in Gottes Wort Trost finden konnte, war das kein leeres Geschwätz gewesen.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er noch daran gezweifelt, war sich wie ein Lügner vorgekommen, der nur Phrasen drosch, die man von einem Mann seines Standes erwartete. Aber nun erschloss sich ihm endlich wieder, was es bedeutete, seine Wurzeln im Glauben zu haben.

Und noch etwas anderes spendete ihm Trost. Nein, das war nicht das richtige Wort. »Vergessen« traf es besser, vielleicht auch »Linderung«. Patrick nahm einen großen Schluck aus der Flasche mit Klarem.

Er hatte diesen kleinen Schatz mit den anderen teilen wollen, doch diese hatten abgelehnt. Nun, das war deren Sache. Schon im Mittelalter hatten die Mönche gewusst, dass der Alkohol ein Geschenk Gottes war, und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Manche vermuteten sogar, der Heilige Geist höchstpersönlich würde diesen Stoff mit seiner Essenz zu dem machen, was er war, aber das ging Patrick zu weit. Man musste die Geschenke des Herrn auch akzeptieren können, ohne zu viel hineinzudeuten. Und von der zweiten Flasche, die direkt hinter der ersten gestanden war, und die sich nun in seinem Rucksack befand, brauchte er den anderen vorerst ja nichts zu erzählen.

Patrick trat vors Haus in die kühle Nachtluft. Einen Moment lauschte er in die Dunkelheit, aber es war nichts zu hören. Der Himmel war wolkenlos, und das Licht der Sterne erhellte die Szenerie. Alles wirkte friedlich, so als sei nie etwas geschehen.

Aber das täuschte. Patrick wusste ganz genau, dass jeden Moment eine der verlorenen Seelen auftauchen konnte. Die arme Kreatur würde keinen Moment zögern und auf ihn losgehen, so dass ihm nichts anderes übrigbleiben würde, als sie von ihrem irdischen Leid zu erlösen.

Manchmal kamen ihm in solchen Momenten Zweifel, ob er das richtige tat, ob es wirklich das war, was der Herr ihm aufgetragen hatte. Wenn es nun doch der Teufel, dieser dunkle und hinterlistige Verführer, war, dessen tückischen Einflüsterungen er unterlag? Der Gehörnte war schon immer ein Meister der Täuschung gewesen.

Patrick musste an den Traum denken, den er vor gar nicht allzu langer Zeit gehabt hatte. Darin war ihm eine wunderschöne strahlende Lichtgestalt erschienen, die sich ihm dann als Luzifer vorgestellt hatte. Luzifer, der gefallene Engel!

Aber das konnte nicht sein. Patrick winkte unwillig ab. Es war nur ein Traum gewesen – ein Alptraum, wenn er genau darüber nachdachte. Auch damals hatten ihn die Zweifel geplagt, und diese hatten sich dann offenbar zu einem schrecklichen Nachtmahr verdichtet.

Er spürte deutlich, dass er jetzt wieder auf dem richtigen Pfad war. Der Unterricht mit den Kindern hatte ihm nicht nur Freude bereitet, sondern auch gezeigt, dass es richtig war, was er tat. Als sie am Schluss noch ein einfaches Kirchenlied gesungen hatte, waren seine Augen vor Rührung feucht geworden. Etwas, das sich so wunderschön anfühlte, konnte nicht verkehrt sein.

Aus dem Augenwinkel nahm Patrick plötzlich etwas wahr. Sofort hob er Schild und Streitkolben an und konzentrierte alle Sinne auf die betreffende Stelle. Dann glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können.

Über dem Rasen des Vorgartens schwebte ein kleiner Lichtpunkt. Im ersten Moment konnte man ihn für ein Glühwürmchen halten, aber der Punkt bewegte sich nicht, stand einfach ruhig in der Luft.

Dann fing das Licht an zu wachsen, wurde größer und größer, ohne dabei an Leuchtkraft zu verlieren. Schließlich begann sich eine Gestalt zu formen, deren Umrisse an die eines Menschen erinnerten. Patrick starrte mit aufgerissenen Augen auf die Erscheinung.

Plötzlich flackerte die Gestalt, schien instabil zu werden. Sie verfestigte sich noch einmal kurz, dann verblasste sie vollends.

Ohne zu merken, was er tat, sank Patrick auf die Knie, seine Augen füllten sich mit Tränen. »Herr, lass mich bitte nicht alleine! Ich bin dein treuer Diener, war es schon immer.«

Dann kamen ihm Zweifel. Warum war die Lichtgestalt wieder verschwunden? War sein Glaube noch nicht stark genug? Je länger Patrick darüber nachdachte, umso mehr kam er zu dem Schluss, dass nur dieser die Energiequelle für die Erscheinung sein konnte.

Vor lauter Glück schienen ihm die Sinne zu schwinden. Das war der Beweis! Er war auf dem richtigen Weg. Der Herr unterzog sie alle einer Prüfung, und nur diejenigen, die stark genug im Glauben waren, würden sie bestehen.

Und nicht nur das. War ihr Glaube erst einmal weit genug gefestigt, dann würde sich die Lichtgestalt endlich vollends manifestieren können und ihnen dabei helfen, das alles hier zu bewältigen.

*

Tom fühlte sich leicht, er schien zu schweben. Doch bevor er sich darüber Gedanken machen konnte, tauchten Gabi, die Zwillinge Karl und Kurt sowie Melanie in seinem Blickfeld auf. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, sie alle schwebten mehrere Zentimeter über dem Boden!

Ein gutes Stück entfernt erschienen weitere Gestalten. Obwohl sie eigentlich zu weit entfernt waren, um Einzelheiten zu erkennen, wusste Tom sofort, dass es sich dabei nur um Gerhard, Jonas, Michael, Peter und Rosi handeln konnte. Die Kinder kannten sich zwar erst ein paar Tage, trotzdem waren sie bereits über ein unsichtbares Band miteinander verbunden.

Übergangslos schwebten die beiden Gruppen direkt nebeneinander und vermischten sich zu einer einzigen. In diesem Moment manifestierten sich vier weitere Kinder in ihrer Nähe. Es handelte sich um Jessica, Mark, Miriam und Regina. Freudig wurden sie von den anderen begrüßt.

»Wo sind wir hier?« Jessica sah sich staunend um. »Das ist nicht die Wirklichkeit, oder?«

»Zumindest nicht die Wirklichkeit, die die anderen Menschen kennen, die nicht so sind wie wir.« Tom grinste. »Aber es ist Teil unserer Realität, eine Realität, in der wir frei von den Dingen sind, die es uns in der normalen Welt schwer machen.«

Überrascht stellte Jessica fest, dass Tom statt seiner Prothese einen ganz normalen gesunden Arm hatte. Auch Gabis Gesichtszüge wirkten normal, waren nicht durch das Down-Syndrom verändert, das ihrem physischen Körper innewohnte und in der anderen Welt auch ihren Geist ein Stück weit lähmte.

»Aber wir schlafen doch.« Jessica runzelte die Stirn. »Oder sind wir wach und merken es nur nicht?«

»Ja, es ist eine Art Traum, aber auf eine sonderbare Weise auch wieder nicht. Wir sind noch nicht dahintergekommen, was es genau ist und wie es funktioniert. Derzeit wissen wir nur, dass wir uns am nächsten Morgen alle an den gleichen Traum erinnern können, also muss mehr dahinterstecken als nur ein Hirngespinst oder bloßer Zufall.«

»Und ihr habt uns hierher geholt?«

»Nicht aktiv.« Tom lächelte. »Das war nicht nötig. Alle, die so sind wie wir, und sich in unserer Nähe befinden, kommen von ganz alleine dazu. Wir haben es selbst noch nicht wirklich verstanden, aber solange es funktioniert, spielt das auch keine allzu große Rolle.«

»Martin fehlt«, stellte Gabi traurig fest.

»Martin war noch nie dabei.«

»Aber er ist doch so wie wir, oder etwa nicht?«

»Ja, ist er.« Tom schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein. »Ich weiß auch nicht, warum er nicht herkommt. Irgendetwas scheint ihn daran zu hindern. Noch.«

»Du magst Martin, nicht wahr?«, wollte Miriam wissen.

»Ja, er ist nett, nicht so wie dieser Stephan. Der macht mir Angst.«

Toms Miene verfinsterte sich. »Ich weiß, was du meinst. Irgendetwas ist mit dem nicht in Ordnung. Aber Martin hat es ebenfalls bemerkt, er wird auf uns aufpassen.«

»Und was ist mit Sandra?«

»Sandra meint es gut mit uns. Aber sie kämpft mit ihrer Vergangenheit.« Tom seufzte. »Ich empfange immer wieder Gedankenfetzen von ihr, regelrechte kleine Aufschreie. Und was ich darin sehe, gefällt mir gar nicht.«

Die anderen Telepathen in der Gruppe nickten. Ihnen schien es ähnlich zu ergehen, zumindest verstanden sie, was Tom meinte, und dass ihm diese Eindrücke zu schaffen machten. Es war nicht immer leicht, die Gedanken der anderen Menschen zu ertragen, die vor allem immer dann besonders laut wurden, wenn es den Menschen nicht gut ging, oder sie besonders unter diesen Gedanken litten.

»Da!« Melanie zeigte in die Richtung, die in Toms Rücken lag, und niemand wunderte sich darüber, dass sie hier sprechen konnte. »Dort ist der weiße Hund!«

Die Köpfe der Kinder flogen herum. Staunend betrachteten sie das prächtige Tier, das viel größer war, als sie es in Erinnerung hatten.

»Was will er hier?«, hauchte Karl. »Denkst du, er ist auch einer von uns?«

»Ein Hund?« Toms Gesicht drückte Zweifel aus.

»Und wenn es gar kein Hund ist?«

»Dann würden wir ihn als das sehen, was er wirklich ist. Soweit wir bisher wissen, zeigt in dieser Ebene der Existenz jedes Wesen seine wahre Gestalt. Es geht nicht anders.«

Der Hund sah auffordernd zu den Kindern hinüber. Seine Zunge hing seitlich aus dem Maul, die Körperhaltung war entspannt.

Plötzlich drehte er sich um und ging ein paar Schritte davon. Dann blieb er wieder stehen und drehte sich erneut zu den Kindern, so als würde er auf sie warten.

»Was will er?« Melanie kratze sich am Kopf. »Meinst du, wir sollen ihm folgen?«

»Ich schätze, darum geht es. Also tun wir ihm einfach den Gefallen.«

Sanft gleitend setzten sich die Kinder in Bewegung. Als der Hund das sah, nahm er seinen Weg wieder auf. Tom und die anderen folgten ihm mit ein wenig Abstand.

Niemand konnte sagen, wie lange diese eigentümliche Wanderung wirklich dauerte, denn hier schien die Zeit ohne Bedeutung zu sein. Nach und nach veränderte sich die Landschaft, wurde üppiger und grüner. Die Natur gewann zunehmend an Kraft, und nichts erinnerte mehr daran, dass es bereits Herbst war.

Dann blieb der Hund stehen. Langsam schlossen die Kinder zu ihm auf. Als sie ihn fast erreicht hatten, löste er sich übergangslos auf und war verschwunden.

Die Kinder standen am Rand eines sanften Abhangs. Vor ihnen breitete sich ein blühendes Tal aus. Vögel zwitscherten und das glitzernde Band eines Flusses durchschnitt das Grün.

»Ist das schön!«

Niemand konnte sagen, von wem der Ausruf gekommen war, alle sogen ergriffen diesen Anblick in sich auf.

»Da sind Menschen!« Wieder war es Melanie, die die Entdeckung gemacht hatte. »Seht nur, sie scheinen fröhlich und glücklich zu sein.«

Gerade als die Kinder den Menschen im Tal zuwinken wollten, verfinsterte sich der Himmel. Mit einem Mal wurde es empfindlich kalt, und Wind kam auf.

»Ein Gewitter.« Tom kniff die Augen zusammen.

»Das ist kein Gewitter.« In Gabis Stimme lag plötzlich Panik. »Das ist der Dunkle Mann! Er stellt uns nach!«

Schweißgebadet wachten die Kinder auf.

Kapitel VII - Die Wege des Herrn

Am nächsten Morgen drängte Sandra zum Aufbruch: »Los, packt eure Sachen zusammen, wir wollen gehen.«

»Ich würde es vorziehen, wenn wir zuerst noch ein wenig Unterricht halten könnten.« Patrick sah sie fragend an. »Wer weiß, wann wir das nächste Mal einen geeigneten Ort dafür finden.«

»Das Unterrichten muss warten.« Sandras Miene verfinsterte sich. »Ich will heute den Fliegerhorst erreichen, dann sind alle in Sicherheit. Dort können Sie dann unterrichten, soviel Sie wollen.«

»Gabi geht es nicht gut«, ließ sich Tom in diesem Moment vernehmen. »Sie bekommt wieder keine Luft.«

»Dann gib ihr noch etwas von dem Spray.«

Tom schüttelte den Kopf. »Das haben wir schon. Es wirkt nicht richtig.«

»Ein Grund mehr, den Fliegerhorst so schnell wie möglich zu erreichen. Dort gibt es sicher auch Medikamente.«

»Und wenn nicht?«, zeigte sich Stephan skeptisch. »Was macht dich so sicher, dass dort noch so etwas wie ›normaler Betrieb‹ herrscht, also gesunde Leute da sind, die noch über Vorräte verfügen und all das?«

»Er hat recht«, beteiligte sich nun auch Martin an dem Gespräch. »Was, wenn du mit der vermeintlichen Sicherheit des Fliegerhorstes einem Hirngespinst nachjagst?«

»Was gibt das denn hier?« Sandra schaute grimmig von einem zum anderen, dann schnaubte sie. »Probt ihr den Aufstand, oder was?«

»Vielleicht sollten wir doch erst einmal in Ruhe darüber …«, setzte Patrick an.

»Da gibt es nichts zu reden!« Jetzt wurde Sandra laut. »Ich habe euch alle heil hierher gebracht, und jetzt sorge ich dafür, dass ihr vollends in Sicherheit kommt. Ist das denn so schwer zu verstehen? Nicht genug damit, dass ich die Verantwortung für mittlerweile fünfzehn Kinder habe, anscheinend muss ich jetzt auch noch den Babysitter für drei ›große Jungs‹ spielen, die eigentlich alt genug sind, um auf sich selbst aufpassen zu können. Und zum Dank nähen mir diese drei dann auch noch eine Diskussion über die beste Vorgehensweise an die Backe. Na prima! Genau das kann ich jetzt am allermeisten gebrauchen.«

»Aber Sandra, so beruhige dich doch erst einmal«, versuchte Patrick, die Wogen zu glätten. »So wie du es gerade darstellst, ist es nun auch wieder nicht.«

»Ach nein? Wie ist es denn dann? Wobei: Ich frage mich gerade, ob mich das überhaupt noch interessiert. Irgendwie könnt ihr mich so langsam alle mal. Ich brauche jetzt dringend frische Luft. Wenn ihr euren Mumm wiedergefunden habt, könnt ihr mich ja vor der Tür besuchen kommen.«

Damit rauschte sie hinaus. Die Haustür fiel hinter ihr dermaßen heftig ins Schloss, dass im Wohnzimmer die Fensterscheiben bebten. Tom und die Männer sahen ihr mit offenem Mund hinterher.

*

Sandra lehnte sich mit dem Rücken an die Außenwand des Hauses und schloss die Augen. Ihr Körper bebte. Sie versuchte, bewusste, tiefe Atemzüge zu machen, um sich wieder zu beruhigen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen.

Was dachten sich diese drei Holzköpfe nur? Hatte ihnen die scheinbare Sicherheit das Gehirn vernebelt? Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis auch hier wieder Zombies auftauchen würden. Irgendwann würden sie deren schierer Anzahl nicht mehr widerstehen können, und dann war alles umsonst gewesen.

Herrgottnochmal! Auf was hatte sie sich da nur eingelassen? Sandra verstand sich selbst nicht mehr. Sie und Kinder hüten, das passte ja wie die Faust aufs Auge! Kein normaler Mensch würde jemandem wie ihr seine Kinder anvertrauen, nicht einmal für fünf Minuten. Und verdammt, die Leute hatten recht!

Hätten sie zumindest, wenn das hier noch normale Zeiten wären. Waren sie aber nicht, ätsch!

Ätsch?!?

Sandra schüttelte unwillig den Kopf. Was war auf einmal mit ihr los? Verlor sie den Verstand? Fühlte es sich etwa so an, wenn sich ein Teil des Ichs vom Rest abspaltete und damit begann, ein Eigenleben zu führen? Tauchten dann in den eigenen Gedanken plötzlich Wörter auf, die man gar nicht hatte denken wollen und die nicht wirklich passend waren?

Sandra fand den Gedanken faszinierend, dass in ihr ein böser Zwilling erwachen könnte. Dieser würde immer dann die Kontrolle übernehmen, wenn es brenzlig wurde. Er wäre tough, würde ohne mit der Wimper zu zucken die richtigen Entscheidungen fällen, egal wie hart diese auch sein mochten. Und sie konnte dann endlich das brave Mädchen sein, die angesehene und ruhige Bürgerin, die freundlich zu den Menschen und bei allen beliebt war.

Ein Kichern stieg Sandras Kehle empor. Aber es klang nicht heiter, sondern irgendwie kratzig und auch viel zu schrill. Es erinnerte an eine alte Hexe, die gerade dabei war, den Kessel für die frisch gemästeten Kinder anzuheizen.

Da waren sie schon wieder, diese unpassenden Gedanken! Sandra schüttelte erneut den Kopf, aber diese hielten sich hartnäckig darin fest.

Selbstmord, was war damit? War das vielleicht eine Lösung? Einfach die Pistole an den Kopf ansetzen, abdrücken, und alles wäre vorbei. Schluss. Aus. Ende. Einfach so.

Aber was wurde dann aus den Kindern? Richtig, die Kinder! Nur wegen ihnen nahm sie das alles hier auf sich. Alleine hätte sie vermutlich viel bessere Chancen. So war es bisher immer gewesen. Sandra konnte sich auf sich selbst verlassen, jemand anderen brauchte sie nicht. Früher nicht, und jetzt auch nicht.

Ein Geräusch schreckte sie aus ihren Gedanken auf.

*

»Sandra, wir sind soweit.« Das war Martins Stimme.

Die Angesprochene schaute hoch. In ihrem Gesicht schien es für einen Moment zu flackern, dann sah sie wieder aus wie immer.

»Habt ihr euch also doch eines Besserem besonnen, ja?«

»Nenne es wie du willst.« Auf Martins Stirn bildete sich eine Unmutsfalte. »Wichtig ist erst einmal nur, dass wir alle zusammenbleiben.«

»Schafft du das denn, mit uns mitzuhalten?« Sandra taxierte ihn mit einem eisigen Blick. »Aber wenn ich es mir recht überlege, sollten wir dich auf jeden Fall mitnehmen.«

»Weil ich mich bisher bewährt habe?«

»Nein, weil wir dich prima brauchen können, wenn uns das nächste Mal eine Horde Untoter nachjagt. Wir könnten dich dann zum Beispiel einfach liegen lassen, wenn du wieder einen Turkey-Schub bekommst, sozusagen als kleinen Snack. Das würde sie bestimmt ein paar Minuten aufhalten und unseren Vorsprung sichern.«

»Ich weiß zwar nicht, was ich dir getan habe, aber ich gewöhne mich langsam daran, wie du mich behandelst. Tu mir aber bitte wenigstens den Gefallen, und sei nett zu den Kindern, okay?«

»War ich das jemals nicht?«

»Zumindest warst du ihnen gegenüber nicht unfreundlich. Für deine Verhältnisse warst du also vermutlich nett zu ihnen.«

»Bevor du anfängst zu flennen, gehe ich lieber meine Sachen holen. Und du solltest das ebenfalls tun, wenn du mitkommen willst, denn wir brechen jetzt auf.«

*

Gut eine halbe Stunde später hatten sie den Ortsrand von Kerpen erreicht. Gabi bekam nur mühsam Luft und musste immer wieder stehenbleiben, um Atem schöpfen zu können. Martin hatte versucht, sie zu tragen, das Unterfangen dann aber schnell aufgeben müssen, da auch er erheblich geschwächt war. Er hatte damit gerechnet, dass von Sandra wieder ein spitzer Kommentar kommen würde, diese hatte die Situation jedoch zur Überraschung aller achselzuckend akzeptiert.

Sandra hatte eigentlich vorgehabt, die kürzeste Strecke zu nehmen und die Wege zwischen den Feldern zu benutzen. Nun kamen ihr Zweifel, den speziell an den Stellen, wo der Mais noch nicht abgeerntet war, bot sich das Gelände höchst unübersichtlich dar. Für die Zombies war das geradezu ideal, um sich auf die Lauer zu legen.

Während sie noch zögerte, tauchte etwa hundert Meter vor der Gruppe ein weißer Hund aus einem seitlichen Feldweg auf. Dort blieb er stehen und sah die Pilger an.

»Da ist der Köter schon wieder«, sagte Sandra mehr zu sich selbst.

»Du glaubst also inzwischen auch, dass es immer derselbe ist?« Tom sah sie fragend an.

»Was ich glaube, spielt keine Rolle. Und ebenso egal ist es, ob es immer der gleiche Wauwau ist, oder ob dessen Mutter ein ganzes Rudel davon in die Welt gesetzt hat, das nun über die Gegend verstreut lebt.«

»Bislang sind immer arme Seelen aufgetaucht, wenn der Hund in der Nähe war.« Patrick fuhr sich nachdenklich mit der Hand über das stoppelige Kinn, was ein schabendes Geräusch verursachte.

»Dann ist er vielleicht mit ihnen im Bunde.« Stephan hob seinen Baseballschläger und machte sich schlagbereit.

»Nein, ist er nicht.« Tom schien sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein. »Er hat uns bisher immer vor ihnen gewarnt.«

»Das kann genauso gut ein Trick gewesen sein, um uns in Sicherheit zu wiegen«, knurrte Stephan. »Erst hilft er uns zum Schein zwei- oder dreimal, und am Ende lockt er uns dann in die Falle.«

»Wir sind uns aber schon einig, dass wir über einen Hund und nicht über einen ausgebufften Superschurken reden, ja?« Sandra sah Stephan von der Seite an.

»Was weiß denn ich?« Er zuckte mit den Schultern. »Ich konnte Hunde noch nie leiden, also habe ich mich auch nicht mit ihnen beschäftigt. Von daher habe ich keine Ahnung, ob und wieviel so ein Vieh planen oder denken kann.«

»Vielleicht sollten wir ja versuchen, ihn herzulocken«, schlug Patrick vor. »Der Hund war schon immer der treueste Freund des Menschen, und unserer Gruppe könnte es sicher nicht schaden, auch einen dabei zu haben. Wenn uns der Herr schon dieses Zeichen schickt, sollte wir auch darauf hören.«

»Ich denke, mit Gott hat das recht wenig zu tun«, zeigte sich Martin deutlich erdverbundener. »Das Tier wird einfach nur Hunger haben.«

»Die Wege des Herrn sind unergründlich, und wir alle sind seine Diener.«

Man konnte Martin ansehen, was er davon hielt, aber er zog es vor, diese Meinung für sich zu behalten.

»Wenn die Herren dann genug philosophiert haben, würde ich gerne weitergehen.« In Sandras Stimme lag ein spitzer Unterton. »Oder hat jemand etwas dagegen?«

Als ihr dreifaches Kopfschütteln antwortete, setzte sie sich wieder in Bewegung. In diesem Moment begann der Hund zu bellen.

»Ich sage doch, dass er uns vor etwas warnen will«. Tom war unwillkürlich stehengeblieben, ebenso die anderen Kinder.

Noch bevor einer der Erwachsenen etwas antworten konnte, waren plötzlich Geräusche zu hören. Dann tauchten die ersten Zombies am Rand des Ackers auf.

»Das Mistvieh hat sie angelockt!« In Stephans Stimme lag Triumph. »Ich wusste es doch gleich, dass er gemeinsame Sache mit ihnen macht!«

»Und wenn schon!« Sandra hatte auf dem Absatz kehrtgemacht. »Lauft!«

*

»Ich kann nicht mehr!« Japsend rang Gabi nach Luft. »Ich brauche eine Pause. Das buchsta…«

»Ja, ich weiß, wie man das buchstabiert«, fiel ihr Sandra ins Wort. »Spar dir deine Luft lieber, denn ein paar Meter musst du noch durchhalten.«

In Gabis Gesicht trat ein weinerlicher Ausdruck. Der Rotz in ihrer Nase begann, Blasen zu werfen.

Martin nahm ihre Hand und zog sie mit sich. Wie selbstverständlich packte Tom die andere und half.

»Wir müssen dort vorne nach rechts«, ließ sich Mark vernehmen.

»Das führt uns aber noch weiter von unserem eigentlichen Ziel weg«, widersprach Sandra.

»Trotzdem ist es richtig, denn …«

In diesem Moment gellte ein »Nein, sag es ihr nicht!« durch Martins Kopf. Es war Toms geistige Stimme gewesen.

Erst jetzt wurde Martin bewusst, dass er Tom hatte seit einiger Zeit nicht mehr »hören« können. Mit Erstaunen stellte er dabei fest, dass er diese Art der Kommunikation zu vermissen begann.

Was soll er ihr nicht sagen?

Martin konzentrierte sich mit aller Macht auf diesen einen Gedanken, doch es kam keine Antwort.

»Es ist richtig weil?«, hakte Sandra in diesem Moment nach.

»Weil … weil es eine Sackgasse ist.«

»Eine Sackgasse? Bist du sicher?«

»Klar doch. Schließlich bin ich hier aufgewachsen. Oder willst du es darauf ankommen lassen, dass die Knirscher uns dort festsetzen?«

Sandra schüttelte den Kopf, dann schlug sie die Richtung ein, die Mark ihr genannt hatte. Ein paar Minuten später war sie sich sicher, die Zombies abgehängt zu haben. Keuchend blieb die Gruppe stehen.

*

»Die wären wir fürs erste los«, stellte Sandra fest. »Allerdings sind wir jetzt so weit wie heute Morgen.«

»Die Wege des Herrn sind unergründlich, …«, setzte Patrick an.

»Ja, ja, und wir alle sind seine Diener, ich weiß. Das hatten wir gerade schon einmal.« Sandra sah den Pfarrer mit einer schwer zu deutenden Miene an.

»Hatten wir?« Patrick kratzte sich am Kopf. »Kann es sein, dass ich langsam vergesslich werde? So alt bin ich doch noch gar nicht.«

»Und was hast du jetzt vor?«, wollte Stephan von Sandra wissen.

»Wir suchen uns einen anderen Weg, was denn sonst?«

»Wir hätten uns auch einfach den Weg freiprügeln können. Was hältst du davon?«

»Nichts.«

»Und warum nicht, wenn man fragen darf?«

»Weil wir zum einen nicht über unendlich viel Munition verfügen und zum anderen die Gefahr viel zu groß ist, dass einer von uns bei dem Versuch gebissen wird. Sonst noch Fragen?«

»Nee, soweit ist’s klar.« Stephan grinste schief.

»Das bringt mich überhaupt darauf: Du bist immer noch okay. Das scheint mir ein kleines Wunder zu sein.«

»Lobpreiset den Herrn!«, kam es reflexhaft aus Patricks Mund.

»Vielleicht macht es ja gar nichts aus, wenn man gebissen wird.« Stephan zuckte mit den Schultern. »Wir alle scheinen immun zu sein, andernfalls wären wir doch längst ebenfalls zu Freaks geworden. Also wird uns auch der Biss nichts anhaben können, das ist doch nur logisch. Schau ruhig genau hin, ich bin noch so normal wie eh und je, und mich haben diese Viecher definitiv gebissen.«

»Bitte, sprich nicht so despektierlich von diesen armen Seelen.« Patrick sah Stephan tadelnd an. »Sie mögen uns zwar nicht mehr menschlich erscheinen, aber trotzdem gehören sie zu Gottes Schöpfung und waren einmal Menschen und keine ›Viecher‹.«

»Dann würde ich vorschlagen, Sie beten für deren Erlösung, Hochwürden, und lassen uns solange in Ruhe über harte Fakten reden.«

Patricks Mundwinkel zuckten. Er schien einen Moment mit sich zu ringen, dann nickte er. »Also gut, reden wir über die Fakten. Was wissen wir?«

»Wir haben jetzt keine Zeit, die ganze Geschichte beginnend bei Adam und Eva durchzukauen.« Sandra sah die Männer fassungslos an. »Falls ihr es vergessen haben solltet: Wir wollten heute noch zum Fliegerhorst kommen, und wie es ausschaut, haben unsere Freunde genau in dieser Richtung einen kleinen Ausflug ins Grüne unternommen.«

»Ich finde es schon wichtig, ob deren Bisse für uns nun gefährlich sind oder nicht«, beharrte Stephan.

»Pass auf, mein Lieber, ich sage dir jetzt etwas, und ich sage es nur einmal, also hör besser ganz genau zu: Ich bringe diese Kinder in Sicherheit, und wenn es das letzte ist, was ich tue. Jeder der sich mir dabei in den Weg stellt, mich über Gebühr behindert oder aufhält, läuft Gefahr, sich eine Kugel zwischen den Augen einzufangen. Capiche?«

»Du hast eine unnachahmliche Art, deinen Standpunkt klarzumachen.« Stephan strahlte wie ein Honigkuchenpferd. »Also lass uns meinetwegen weitergehen. Wir können auch unterwegs darüber reden.«

*

Mark hatte die Führung der Gruppe übernommen und leitete sie über kleine Sträßchen zum nordwestlichen Rand der Ortschaft. Währenddessen hatten Stephan und Patrick eifrig darüber geredet, wie immun man als Immuner sein konnte, waren aber nicht wirklich zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Klar war nur, dass Stephan die Bisse der Zombies bislang nichts hatten anhaben können. Aber keiner wusste, ob dieser Zustand von Dauer war und ob das auch auf alle anderen Mitglieder der Gruppe zutreffen würde. Merkwürdigerweise wollte sich niemand freiwillig für einen Selbstversuch melden.

Nun standen die Pilger erneut am Ortsrand und schauten auf die Felder, die vor ihnen lagen. In etwa einem halben Kilometer Entfernung waren wieder Gebäude zu sehen. Es schien sich um ein Industriegebiet zu handeln.

»Mein Gefühl sagt mir, dass wir dem Gewerbegebiet besser nicht zu nahe kommen sollten.« Sandra sah ihre Begleiter an. »Dort vorne scheint eine Straße zu sein. Zu der schlagen wir uns querfeldein durch und sehen dann, wo sie uns hinführt.«

Da niemand Einwände erhob, setzte sich die Gruppe in Bewegung. Dabei nahmen sie wieder die alte Marschordnung ein. Sandra und Martin ging links und rechts von den Kindern, Stephan vorne und Patrick am Ende.

Sie schlugen ein mäßiges Tempo an, denn Gabis Atembeschwerden wurden immer schlimmer. Auf der einen Seite tat Martin das Mädchen leid, auf der anderen war er aber auch froh darüber, dass nicht er der »Bremsklotz« der Gruppe war. Sandra würde nie soweit gehen, eines der Kinder als »Snack« zurückzulassen, so wie sie es ihm heute Morgen indirekt angedroht hatte, dessen war er sich sicher.

»Wir könnten gemeinsam etwas singen, um uns das Gehen zu erleichtern«, schlug Patrick vor. »Wie wäre es zum Beispiel mit Lied 257 ›Großer Gott wir loben Dich‹?«

Sandra warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Einmal ganz davon abgesehen, dass ich dieses Lied früher schon nicht sehr mochte, fürchte ich, dass uns die Singerei ›Freunde der Musik‹ auf den Hals hetzen könnte, von denen uns bereits ihr Mundgeruch mehr als unangenehm wäre. Sie verstehen, was ich meine?«

»Ja, vermutlich hast du recht. Aber dann lasst uns wenigstens leise beten.«

Sandra verdrehte die Augen, sagte aber nichts mehr.

Patrick sagte leise ein Gebet vor und forderte die Kinder auf, es nachzusprechen. Diese blickten unsicher zu den anderen Erwachsenen, schließlich taten sie dann aber, was der Pfarrer von ihnen wollte.

*

Nach einer Weile machten sie eine Rast. Melanie versuchte noch einmal, Gabis Atembeschwerden mit dem Rest des Asthmasprays zu lindern, doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. Patrick nutzte die Pause, um erneut über die Bibel zu referieren, was zumindest den Erwachsenen langsam sichtlich auf die Nerven ging.

»Ich dachte, sie wollten die Kinder auch in etwas Anderem als nur Religion unterrichten?« Stephan sah den Pfarrer an. »Oder glauben Sie etwa, wenn man nur lange genug betet, stellt sich der Rest des Wissens von ganz alleine ein?«

»Natürlich nicht.« Patricks Miene verfinsterte sich. »Das ist blasphemischer Unfug, was du da redest.«

»Ich wollte ihre religiösen Gefühle nicht verletzten, es tut mir leid. Aber was ist denn jetzt mit dem anderen Unterricht?«

»Dafür benötigt man eine Möglichkeit, um schreiben zu können. Ich habe ja heute Morgen nicht ohne Grund darum gebeten, noch ein wenig in dem Haus zu bleiben, aber mein Wunsch wurde abgelehnt.« Patrick sah Sandra tadelnd an.

»Dann üben sie doch das kleine Einmaleins mit den Kindern«, schlug diese vor. »Das geht auch ohne Schreibzeug. Und lauter als Beten ist es auch nicht.«

»Gut, der Vorschlag ist nicht von der Hand zu weisen. Und über die Grundlagen von Mathematik und Rechtschreibung sprechen kann man auch. Da gibt es durchaus das eine oder andere an theoretischem Stoff, den man so vermitteln kann. Trotzdem sollte uns allen klar sein, dass auch das nur auf der Güte des Herrn und seiner allumfassenden Weisheit gründet.«

Überraschend fing Martin wieder einen Gedanken von Tom auf: Langsam weiß ich nicht mehr, wer mir mehr Angst macht, Stephan oder der Pfarrer.

Erneut versuchte Martin zu antworten, doch er scheiterte ein weiters Mal. Es war, als ob irgendetwas verhindern würde, dass er sich auf diesem Weg mitteilen konnte. Dann wurde ihm schlecht.

*

»Kannst du nicht aufpassen?« Sandras Augen blitzten Martin böse an. »Beinahe hättest du mir die Schuhe vollgekotzt!«

»Du hättest es ihn ja sauberlecken lassen können.« Stephan grinste gehässig. »Das hätte ihm sicher gefallen.«

»Was willst du denn damit sagen?« Sandra sah überrascht drein. »Hältst du ihn etwa für pervers oder sowas?«

»Das hat mit pervers nichts zu tun. Sag bloß, dir ist noch nicht aufgefallen, wie dich unser Held immer anschaut? Wie ein treues Hündchen seinen Herrn – Pardon – seine Herrin.«

»Spinnst du jetzt vollends?« Martins Blick war entgeistert. »Was quatscht du denn da für einen Blödsinn?«

»Bitte reißt euch ein wenig zusammen.« In Patricks Stimme lag Strenge. »Es sind Kinder zugegen, und ihr seid im Moment kein wirklich gutes Vorbild.«

»Ich habe nichts gesagt.« Stephans Gesicht war von einem Moment auf den anderen die personifizierte Unschuld. »Von meiner Seite aus ist alles bestens.«

»Aber von meiner nicht!« Martin richtete sich drohend auf. »Du hast doch von Anfang an gegen mich gestänkert, seit du zu uns gestoßen bist. Wenn’s mir im Moment nicht so dreckig ginge, dann würde ich dir mit meinen Fäusten zeigen, was ich davon halte!«

»Oh, tu dir nur keinen Zwang an. Den ersten Schlag hast du frei.«

»Schluss jetzt!«, donnerte Sandra. »Ich habe euch schon einmal gesagt, was ich von diesem ›Männer-Ding‹ halte. Entweder das hört jetzt auf, oder ich ent-manne euch, klar?«

»Ist schon gut, du bist der Chef.« Stephan machte eine entschuldigende Geste. »Ich hab’s ja nicht böse gemeint.«

»Und was ist mit dir?« Sandras Frage war an Martin gerichtet gewesen.

»Er soll mich einfach in Ruhe lassen, dann ist es für mich auch okay.«

»Na, das ist doch ein Anfang.« Sandra lächelte sarkastisch. »Und in zwei bis sieben Jahren habt ihr euch zu einer klassischen Männerfreundschaft zusammengerauft. Falls wir dann noch leben …«

Der Rest der Pause verging, ohne dass noch jemand sprach. Als Gabi sich einigermaßen erholt hatte, setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung. Patrick verzichtete sogar darauf, neuerlich Unterricht halten zu wollen. Stattdessen sahen seine Augen ein wenig glasig aus.

*

Gegen Abend erreichten die Pilger die Ausläufer der nächsten Ortschaft. Die häufigen Pausen hatten sie erheblich aufgehalten, zusätzlich hatten sie zweimal einen Umweg in Kauf nehmen müssen, um größeren Gruppen von Zombies auszuweichen. Der Fliegerhorst, der eigentlich ihr Ziel war, musste sich nun grob südlich von ihnen befinden.

»Wir werden unsere Plan leider ändern müssen«, stellte Sandra mir säuerlicher Miene fest. »Bis zum Militärgelände schaffen wir es heute nicht mehr. Wenn es dunkel ist, sind die Untoten wieder viel zu schnell, das ist einfach zu gefährlich. Also suchen wir uns hier eine Übernachtungsmöglichkeit.«

»Schau, da ist wieder der weiße Hund!« Tom hatte den Arm ausgestreckt und deutete die Straße entlang. »Jetzt geht er in das Haus dort vorne.«

»Dann sollten wir um das Gebäude wohl besser einen großen Bogen machen«, knurrte Stephan. »Wo der Köter ist, sind unsere ›Freunde‹ nicht weit.«

»Bislang hat er immer gebellt, wenn Zombies in der Nähe waren«, überlegte Martin laut. »Diesmal war er ganz still. Kann es sein, dass er uns dieses Haus für die Nacht empfehlen will?«

»Ja klar, erst warnt er uns, dann sucht er nach geeigneten Übernachtungsmöglichkeiten für uns.« Stephan lachte trocken auf. »Was kommt als nächstes? Der Sechser im Lotto?«

»Wenn wir nicht nachsehen, finden wir es auch nicht heraus.« Sandra wirkte entschlossen. »Wir schauen uns die Hütte an, und wenn sie zombiefreie Zone ist, dann pennen wir heute dort. Außerdem würde ich mir das Tierchen zu gerne einmal aus der Nähe betrachten.«

Tatsächlich erwies sich das Haus als geeignet für ein Nachtlager. Weit und breit waren keine Zombies zu sehen, Fenster und Türen machten einen stabilen und intakten Eindruck. Allerdings fehlte auch von dem Hund jegliche Spur. Vermutlich war er durch die Terrassentür verschwunden.

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22 December 2023
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1497 p. 12 illustrations
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