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Gesammelte Werke, A. W. von Schlegel

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849635305

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August Wilhelm von Schlegel – Biografie und Bibliografie

Namhafter Kritiker, Sprachforscher und Dichter, geb. 8. Sept. 1767 in Hannover, gest. 12. Mai 1845 in Bonn, besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium, begann 1786 in Göttingen das Studium der Theologie, wandte sich jedoch bald, stark angeregt durch Heyne, ausschließlich der Philologie und schriftstellerischen Tätigkeit zu. Wesentlichen Einfluss auf ihn in ästhetischer Richtung gewannen Bürger, der ihm befreundet ward und in einem Sonett Schlegels Dichterberuf proklamierte, und Bouterwek, der ihm Vorliebe für romanische Poesie einflößte. Nach beendigten akademischen Studien bekleidete er 1791–95 eine Hofmeisterstelle im Hause des Bankiers Muilman zu Amsterdam und ließ sich, nachdem er im Herbst 1795 nach Deutschland zurückgekehrt war, im folgenden Frühjahr in Jena nieder. Hier war er, zum Teil in Gemeinschaft mit seiner geistreichen (später von ihm geschiedenen) Frau, einer Tochter des Professors Michaelis in Göttingen, als Dichter besonders für Schillers »Horen« und »Musenalmanach«, als Kritiker für die jenaische »Allgemeine Literaturzeitung« eifrig tätig (vgl. Alt, Schiller und die Brüder S., Weim. 1904); auch erwies er durch Verdeutschung von Dichtungen Shakespeares, Calderons, Dantes, Guarinis, Cervantes', Camões' u.a. seine eigenste Begabung und rasch erreichte Meisterschaft in der Kunst der poetischen Übertragung. 1797 geriet er ebenso wie sein Bruder Friedrich in einen feindseligen Gegensatz zu Schiller, während Goethe ihm weiterhin wohlwollende Gesinnung bewahrte. Keinen andern Gegner der Romantiker hat er jedoch mit so scharfem Spott verfolgt wie Kotzebue. Vom Herzog Karl August 1798 zum außerordentlichen Professor an der Universität Jena ernannt, gab er mit seinem Bruder Friedrich gemeinsam die Zeitschrift »Athenäum« heraus (1798–1900; Neudruck von Fritz Baader, Berl. 1905), blieb bis 1801 in Jena, ging dann nach Berlin und hielt dort Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst, die große Teilnahme fanden (nach der Handschrift hrsg. von Minor, Heilbr. 1884, 3 Bde.). Von 1804 an lebte er meist außerhalb Deutschlands auf dem der Frau v. Staël gehörigen Landgut Coppet am Genfer See sowie als deren Reisebegleiter nach Italien, Frankreich, Schweden und England. Er nahm Anteil an den Bestrebungen der Frau v. Staël, die Franzosen mit der neuen Phase des deutschen Geisteslebens bekannt zu machen; in seiner »Comparaison entre la Phèdre de Racine et celle d'Euripide« (Par. 1807) bekämpfte er vom Standpunkte der Romantik aus den französischen Klassizismus. Durch die Reisen angeregt, wendete er sein Interesse neben der Literatur immer mehr den bildenden Künsten zu. In Wien hielt er 1808 mit höchstem Beifall aufgenommene Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. Während der Feldzüge 1813 und 1814 stand er als Sekretär in Diensten des damaligen Kronprinzen von Schweden, dessen Proklamationen er zum größten Teil verfasste. Nach dem Kriege lebte S., der sich seit 1815 auf Grund eines seinem Urahnen von Ferdinand III. erteilten Adelsdiploms von S. nannte, wieder mit der Frau v. Stael in Coppet, bis er 1818 einem Ruf als Professor der Literatur an die neugegründete Universität in Bonn folgte. Eine zweite Ehe, die er mit Sophie, der Tochter des Kirchenrats Paulus, 1818 geschlossen, wurde noch rascher als die erste wieder getrennt. In Bonn betrieb er mit Vorliebe orientalische, namentlich indische, Studien, die ihn zu wiederholten Malen nach Frankreich und 1823 nach England führten und ihn zur Gründung einer Druckerei mit Sanskrittypen in Bonn veranlassten. Während eines längeren Besuches in Berlin (1827) hielt er Vorlesungen über die Theorie und Geschichte der bildenden Künste. Die Wandlung zum Katholizismus, die manche seiner früheren romantischen Genossen vollzogen, machte er nicht mit; in der »Berichtigung einiger Missdeutungen« (1828) hat er ausdrücklich seinen entgegengesetzten Standpunkt kundgegeben. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens entwickelte sich immer mehr seine Eitelkeit und Vornehmtuerei, durch die er sich vielfach dem Gespött aussetzte. Erbarmungslos verhöhnte ihn Heine, der als Student in Bonn sein begeisterter Schüler gewesen war. Doch hat er, wie seine literarischen Spottgedichte in Wendts »Musenalmanach auf 1832« beweisen, auch selber die. alte Streitlust nicht verloren. Schlegels eignes poetisches Schaffen erscheint gegenüber seiner sonstigen vielseitigen Produktivität unbedeutend. Bei aller formellen Virtuosität hat er es kaum zu einer wahrhaft lebensvollen dichterischen Schöpfung gebracht; seiner Lyrik fehlt die Herzenswärme, und so gelangen ihm eigentlich nur Epigramme oder Sonette, in denen die geistreiche Pointe und die durchgebildete Form die Hauptsache sind. Erwähnung verdient außerdem die Romanze »Arion« (1799 in Schillers »Musenalmanach«) und die Elegie »Rom«, die er 1805 der Frau v. Staël widmete. Sein dramatischer Versuch »Ion« (Hamb. 1803) gehört der reflektierten Philologenpoesie an. Unübertrefflich und unvergänglich dagegen ist, was S. als poetischer Übersetzer geschaffen. Dass die deutsche Nation Shakespeare wie einen Dichter des eignen Volkes ansehen kann, verdankt sie Schlegels Übertragung der Shakespeareschen Dramen, die jedoch nur 17 Stücke umfasst (die Königsdramen außer »Heinrich VIII.«, »Romeo«, »Julius Cäsar«, »Hamlet«, »Sommernachtstraum«, »Kaufmann von Venedig«, »Der Sturm«, »Was ihr wollt«, »Wie es euch gefällt«, Berl. 1797–1810, 10 Bde.; vgl. Bernays, Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen Shakespeare, Leipz. 1872). Geschickt, wenn auch nicht mit gleicher Meisterschaft, übertrug S. fünf Dramen Calderons (»Spanisches Theater«, Berl. 1803–09, 2 Bde.) und andre romanische Dichtungen (»Blumensträuße italienischer, spanischer und portugiesischer Poesie«, das. 1803). Als Ästhetiker eröffnete S. mit seinem Bruder den Reigen der deutschen Romantik. Die mit seinem Bruder gemeinsam herausgegebenen kritischen Schriften und Aufsätze (»Charakteristiken und Kritiken«, Königsb. 1801) und die von ihm allein verfassten (gesammelt als »Kritische Schriften«, Berl. 1828, 2 Bde.) enthalten vieles von dauerndem Wert, freilich auch viel gehässige Polemik. In den »Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur« (Heidelb. 1805–11, 3 Bde.) und »Über Theorie und Geschichte der bildenden Künste« (Berl. 1827) entfaltet S. die ganze Feinheit und den großen Überblick seines kunsthistorischen und ästhetischen Urteils. Unter seinen philologischen Arbeiten verdienen die »Observations sur la langue et la littérature provençale« (Par. 1818), die Zeitschrift »Indische Bibliothek« (Bonn 1823–30, 3 Bde.), die Ausgaben des »Bhagavad-Gitâ« (das. 1823) und des »Râmâyana« (das. 1829–1846) Auszeichnung, durch welch letztere Werke eine wissenschaftliche Behandlung der indischen Literatur in Deutschland zuerst eingeführt wurde. Eine Gesamtausgabe seiner deutschen Schriften hat Böcking veranstaltet (Leipz. 1846–47, 12 Bde.), der sich die von demselben redigierten »Œuvres écritesen français« (das. 1846, 3 Bde.) und die »Opuscula quae latine scripta reliquit« (das. 1848) anschließen. Eine Auswahl der »Gedichte« Schlegels erschien in Leipzig 1854. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Romantiker«. Vgl. Pichtos, Die Ästhetik A. W. v. Schlegels in ihrer geschichtlichen Entwickelung (Berl. 1894); Sulger-Gebing, Die Brüder A. W. und F. S. in ihrem Verhältnis zur bildenden Kunst (Münch. 1897) und Aug. Wilh. S. und Dante (in den »Germanistischen Abhandlungen, H. Paul dargebracht«, Straßb. 1902); Schwill, Aug. Wilh. S. über das Theater der Franzosen (Dissertation, Münch. 1898); Walzel, Frau von Staëls Buch, De l'Allemagne' und A. W. S. (in den »Forschungen zur neuern Literaturgeschichte, Festgabe für R. Heinzel«, Weim. 1898).

Zuschrift

Zuschrift

Vieles hat sich umgestaltet,

Manches Neu' ist schon veraltet,

Zwietracht hat sich mehr zerspaltet,

Grausam hat die Zeit geschaltet,

Doch die Lieb' ist nicht erkaltet,

So die Schwingen erst entfaltet,

Als ich jene Lieder sang.

Was der Jüngling zu vollenden

Stolzen Muths sich konnte blenden,

Will das Leben anders wenden;

Kaum beginnend, muß man enden.

Nehmt denn aus des Mannes Händen,

Deutsche, die geringen Spenden:

Euer bin ich Lebenslang.

Vermischte Gedichte

Dichtersinn

Sonett.

Obschon der Jünger ungehirnte Rotte

So frech entweiht des Sängers hohes Amt,

Obschon das Volk zu schlaffem Lob' und Spotte

Manch halbverstandnes Götterlied verdammt:

Doch schwör' ich Huldigung dem Musengotte,

So wahr ein Funk' in mir vom Himmel stammt.

Oft hat mir, einsam, in der Weihung Grotte

Sein wunderbares Wort den Geist entflammt.

Ich werbe nicht um Ruhm, um Lorbeerkronen;

Wer nicht um ihretwillen Phöbus Kunst

Mit Liebe pflegt, erbuhlt nicht Phöbus Gunst.

Des Dichters Werk soll seinem Schöpfer lohnen.

Sein goldner Pfeil ereilet rasch das Ziel,

Und still genügt ihm seiner That Gefühl.

An einen Kunstrichter

Ward Kraft und Genius dir angeboren,

Und modelst doch an dir mit feiger Qual?

Aus deinem Innern nimm dein Ideal,

Sonst geht dein Selbst an einen Traum verloren.

Den Geist des Dichters adelt die Natur.

Bist du's, so hemme nichts, was in dir wogt und lodert;

Stell's dar, und wandle kühn auch außer Bahn und Spur.

Doch wenn die Kunst Vollendung fodert,

So gieb sie auf: die ziemt den Göttern nur.

Natur ist Eins und Alles. Du erkennest

Die Himmlische nur träumend; darum wähnt

Dein grübelnder Verstand, daß du ihr Werk verschönt

Im Werke deines Hirnes spiegeln könnest.

Durchforsch' in stiller Einfalt dieses All;

Durchforsche, meistre nicht, und faß in deinen Busen

Der Dinge reines Bild. Die göttlichste der Musen

Ist Wahrheit: ohne sie ist dein Gedicht nur Schall.

Die Rede gab uns eine weise Güte

Zum Band der Liebe; Mittheilung im Schmerz,

Und Mittheilung in Freude heischt das Herz,

Und holde Poesie ist Duft der Red' und Blüthe.

Wer tiefes, eignes Leben in sich trägt,

Der athm' es aus, und frage keinen Richter,

Und wiße dann, er sei's, nicht der sei Dichter,

Des weiser Kopf Gefühle mißt und wägt.

An die Rhapsodin

Kunstlos, ohne Müh und Streben,

Giebst du dem Gedichte Leben,

Giebst ihm zarten Hauch und Ton.

Hat das Lied, das ich ersonnen,

Deine schöne Gunst gewonnen.

O gewähr' ihm diesen Lohn!

Daß zu höherem Gehalte

Der Gedanke sich entfalte,

Braucht's nur deinen Zauberblick.

Die Gefühle schweben milder,

Freundlicher begränzt die Bilder,

Mir in Sinn und Geist zurück.

Wie der Silberquelle Rauschen

Hör' ich's mit entzücktem Lauschen,

Wenn sich deine Stimm' ergießt,

Wenn ein Abbild meiner Seele,

Neugeschaffen, ohne Fehle,

Auf den ebnen Wellen fließt.

In Narcissus' Wahn versunken

Könnt' ich ewig schauen, trunken

Auf die Quelle hingeneigt.

Doch zu tiefern Huldigungen

Fühlt sich schnell das Herz gedrungen,

Wenn die Nymphe selbst sich zeigt.

An Fräulein Anna von W.

Bei Uebersendung der Krönung Mariä von Johann von Fiesole.

Sieh hier dein eignes Bild in diesen Engelbildern,

Die Fiesole so hold gewußt zu schildern;

Als jüng're Schwester darfst du voll Vertraun

Den Himmelsknaben in die Augen schaun.

Kein Sturm bedrohe deines Frühlings Blüthe!

Kein innrer Zwist den Frieden im Gemüthe!

So ahnde, frommer Unschuld dir bewußt,

Des Paradieses Wonn' in heitrer Lebenslust.

An Frau Sibylla F.

In ein Exemplar meiner Gedichte geschrieben.

Jene delphische Sibylle

Ward begeistert vom Apoll:

In der Schönheit Glanz und Fülle

War sie hoher Weisheit voll.

Diese kann mich neu begeistern:

Wenn ihr mein Gesang gefällt,

Wähn' ich mich den großen Meistern

Edler Dichtung beigesellt.

An Fräulein Cäcilie von G.

Gleich einer Rosenknosp' in zarter Hülle

Hat schon als Kind Cäcilie mich entzückt.

Ein jeder Zug verrieth der Schönheit künft'ge Fülle,

Die jetzt die holde Braut im Myrtenkranze schmückt.

Vergeßen hatt' ich längst die Kunst der Lieder,

Seit auf mein Haupt der Schnee der Jahre sich gesenkt.

Nun regt, verjüngt, sich die Begeistrung wieder,

Da sie noch aus der Ferne mein gedenkt.

Ein heitres Looß und jegliches Gedeihen

Verheißt die Mus' ihr durch des Dichters Mund:

Denn Schön'res können ja die Götter nicht verleihen,

Als edler Herzen inn'gen Bund.

Derselben

In ein Exemplar meiner Gedichte.

Cäcilia, die Hörerin

Der hohen Himmels Harmonieen,

Hat ihren Namen selbst bedeutsam dir verliehen.

Die Mutter ward dir sichre Führerin

Im vielverschlung'nen Labyrinth der Töne;

Sie hat schon früh für alles Schöne

Entfaltet deinen jugendlichen Sinn.

Musik und Dichtung steh'n im engen Bunde,

Drum biet' ich gern dir meine Lieder dar.

Leih' ihnen deine Stimme, süß und klar!

Gefallen werden sie aus deinem holden Munde,

Wenn auch nur selten mir die Muse günstig war.

Allegorie

Am freien Hügel hebt ein Tempel sich

Mit schlanken Säulen freudig himmelan,

Geweiht von seiner blüh'nden Priesterin,

Die selbst mit Lieb' und zartem Bildnergeiste

Dieß Denkmal ihren Göttern ausersann.

Der Grund erbebt, und öffnet sich, und schlingt

Des Daches Stützen halb hinab, den Bau

Mit wüster Willkür durcheinander werfend.

Die Priesterin entsetzt sich nicht; sie bleibt:

Es wohnt forthin nun keine Gottheit dort,

Sie selber wird des stillen Ortes Göttin,

Und Rosenbüsche keimen aus den Spalten

Des Marmors auf; die pflegt die Priesterin.

Da naht ein lebensmüder Wanderer

Sich ehrfurchtsvoll, sie reicht ihm eine Rose,

In deren frischem Duft ihm Ahndungsschauer

Entgegen säuseln. –

O Göttin, du! ich sah den Tempel nicht,

Er mußte schön und wunderherrlich glänzen,

Allein die Trümmern schatten doppelt heilig

Und doppelt liebevoll. –

Abendlied für die Entfernte

Hinaus, mein Blick! hinaus ins Thal!

Da wohnt noch Lebensfülle;

Da labe dich im Mondenstrahl

Und an der heil'gen Stille.

Da horch nun ungestört, mein Herz,

Da horch den leisen Klängen,

Die, wie von fern, zu Wonn' und Schmerz

Sich dir entgegen drängen.

Sie drängen sich so wunderbar,

Sie regen all mein Sehnen.

O sag' mir, Ahndung, bist du wahr?

Bist du ein eitles Wähnen?

Wird einst mein Aug' in heller Lust,

Wie jetzt in Thränen, lächeln?

Wird einst die oft empörte Brust

Mir sel'ge Ruh umfächeln?

Und rief' auch die Vernunft mir zu:

»Du mußt der Ahndung zürnen,

Es wohnt entzückte Seelenruh

Nur über den Gestirnen;«

Doch könnt' ich nicht die Schmeichlerin

Aus meinem Busen jagen:

Oft hat sie meinen irren Sinn

Gestärkt empor getragen.

Wenn Ahndung und Erinnerung

Vor unserm Blick sich gatten,

Dann mildert sich zur Dämmerung

Der Seele tiefster Schatten.

Ach, dürften wir mit Träumen nicht

Die Wirklichkeit verweben,

Wie arm an Farbe, Glanz und Licht

Wärst dann du Menschenleben!

So hoffet treulich und beharrt

Das Herz bis hin zum Grabe;

Mit Lieb' umfaßt's die Gegenwart,

Und dünkt sich reich an Habe.

Die Habe, die es selbst sich schafft,

Mag ihm kein Schicksal rauben:

Es lebt und webt in Wärm' und Kraft,

Durch Zuversicht und Glauben.

Und wär' in Nacht und Nebeldampf

Auch Alles rings erstorben,

Dieß Herz hat längst für jeden Kampf

Sich einen Schild erworben.

Mit hohem Trotz im Ungemach

Trägt es, was ihm beschieden.

So schlummr' ich ein, so werd' ich wach,

In Lust nicht, doch in Frieden.

Entsagung und Treue

Die Jugend flieht, die Hoffnung ist zerronnen,

Des Lebens Blüthen fallen welkend ab,

Und unerreichbar fern sind meine Wonnen,

Und stumm und einsam bin ich wie ein Grab.

Im ganzen weiten Reich der Wesen

Hast du allein die Zaubermacht,

Mich von dem Gram zu lösen,

Der jeden Trost verlacht.

Und ach! ich muß vor deinem Willen schweigen;

Was er verhängt, wird hoch von mir geehrt.

Was hülf' es auch zu reden? Ihn zu beugen?

So kühner Wahn hat nimmer mich bethört.

Du kennst das höchste Ziel des Lebens,

Und zeichnest deine Bahn dir vor.

Mein Flehen schlug vergebens

Voll Inbrunst an dein Ohr.

Zwar giengest du nicht taub vor mir vorüber,

Du bist ein Weib, und Weichheit ist dein Stolz.

Mein Busen bebte mir in jeder Fiber,

Als nun dein Blick um mich in Thränen schmolz.

Den süßen Thau der holden Augen

Verschlang mein Herz, wie dürres Land.

Weh mir! ihn einzusaugen,

Das nährte nur den Brand.

Ich kämpfte mich empor und wollte flüchten;

Ich stieß die dargebotne Hand zurück.

»O zürne mir, sonst wirst du mich vernichten,

Mich peinigt dieser göttlich milde Blick.

War's Frevel, daß ich so entglühte?

O du bist edel! gieb mich los!

Laß ab mit deiner Güte!

Wo nicht: sei minder groß!«

So rief ich aus. Was half mein Widerstreben?

Ich fühlte mich von unsichtbarer Kraft,

Vom Schicksal selbst in deine Hand gegeben,

Die, was sie will, aus meinem Wesen schafft.

Ich klage nicht; ich will es tragen.

Dank dir! Mich adelt dieses Leid.

Gestählt durch mein Entsagen

Besteh' ich jeden Streit.

Der Jugend Flur voll heller Gaukelscenen,

Der Wünsch' und Träume lächelndes Revier,

Wohin ich sonst mit hoffnungsvollem Sehnen

Mich oft verirrt, liegt öde hinter mir.

Gleichgültig steh' ich im Getümmel,

Das nach Genuß sich drängt; für mich

Wär' auch der Sel'gen Himmel

Ein Chaos ohne dich.

Das Glück ist arm; ich spotte seiner Gaben;

In mir ist mehr, als es mir bieten kann.

Ich habe das, und werd' es ewig haben,

Was ich von dir durch heiße Qual gewann.

Dein Bild hab' ich dir abgedrungen,

Und innig in mein Selbst verwebt,

Mit Liebeskraft umschlungen,

Durch Liebeskraft belebt.

Mir hallen in der Seele tiefsten Tiefen

Die Melodieen deiner Worte nach;

Da werden tausend Kräfte, welche schliefen,

Bei dem geheimnißvollen Rufe wach.

Erschaffen wird in mir ein Wille,

Zu hohen Thaten stark und frei,

Und deiner Tugend Fülle

Gebiert mein Innres neu.

Ich kann's nicht bergen, nicht mein Herz belügen,

Und träfe mich auch dein gerechter Spott;

Dich zu erreichen, dich zu überfliegen,

In dem Gedanken schwärm' ich mich zum Gott.

Du kannst nicht diesen Trotz verdammen,

Und siegt' ich auch, dein wär' der Ruhm:

Ich stahl ja diese Flammen

Aus deinem Heiligthum.

Doch sollt' ich nie es feßeln und umschlingen,

Das überirdisch lockende Phantom;

Wär' ich verdammt, umsonst dir nachzuringen,

Gewirbelt von des Wankelmuthes Strom:

So möcht ich meinen Geist verhauchen,

Den Haßer dieses Sonnenlichts,

Und mich hinunter tauchen

In's öde kalte Nichts.

Der letzte Wunsch

O ich weiß, beschränkt und nichtig

Ist des Menschen Sein und Thun;

Und wir schweifen in der Irre,

Und wir finden im Gewirre

Keine Stätt', um auszuruhn.

Traum nur bist auch du und Schatten,

Traum vom Schatten, süßes Weib!

Deine Leiden, deine Wonnen,

Waßerblasen gleich zerronnen,

Sind des Schicksals Zeitvertreib.

Aber sprich: sind unsre Herzen

Auch der Zeit, des Zufalls Spott?

Schwillt mein Busen nicht mit Beben

Mir von selbstgeschaffnem Leben?

Bin ich mir nicht selbst ein Gott?

Freilich wär's ein Spiel den Göttern,

Dieß, was allen Gram mir lohnt,

Was mich trotzen heißt den Wettern,

Mit dem Herzen zu zerschmettern,

Wo es stolz und muthig wohnt.

Doch so lang' es pocht, soll ringen

Nach dem Höchsten jeder Schlag.

Meinen heil'gen Kranz entblättern,

Meine Göttin mir entgöttern,

Welche Macht, die das vermag?

Sind dieß Wirbel rascher Flammen?

Taumel wilder Leidenschaft?

Nein, ich fühl' in diesem Streben

Inniges, geheimes Leben,

Seelenwürd' und Licht und Kraft.

Könnte je die Glut erlöschen,

Die auf deinem Altar flammt,

Göttin, o! so laß mich sterben,

Laß mich süßen Tod erwerben,

Eh' das Schicksal mich verdammt;

Mich verdammt zu ödem Leben,

Das dem Tode langsam weicht,

Freudenleer, in dumpfem Kummer,

Während sich des Grabes Schlummer

Kalt durch Mark und Nerven schleicht.

Laß vom Dasein mich genesen,

Sanftes Weib, an deiner Brust.

Wuth und Wonne wird mein Wesen

Auf im letzten Kuße lösen.

Ha! willkommen, Todeslust!

Age restriction:
18+
Release date on Litres:
24 April 2026
Volume:
350 p. 1 illustration
ISBN:
9783849635305
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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