Read the book: «Rivalinnen - Schweden-Krimi»
Åsa Nilsonne
Rivalinnen - Schweden-Krimi
Gabriele Haefs
Saga
Rivalinnen - Schweden-Krimi ÜbersetzerinGabriele Haefs Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2000, 2020 Åsa Nilsonne und LUST All rights reserved ISBN: 9788726445114
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.
Prolog
Der Oberarzt fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
»Noch einmal, bitte.«
»Der Mann ist tot. Todesursache war ein schwerer Infarkt. Und wir haben damit einige Probleme: Zum einen wissen wir nicht, wer er ist. Zum anderen hat er vor seinem Tod eine hohe Dosis Viagra eingenommen, zugleich aber hatte er Betablocker geschluckt, was möglicherweise zum Infarkt geführt hat. Und drittens hat einer von Ihren Ärzten die Betablocker verschrieben. Vorgestern.«
Der Oberarzt brauchte Zeit zum Nachdenken. Deshalb wandte er sich zunächst der Frage zu, die nichts mit ihm zu tun hatte.
»Wieso wissen Sie nicht, wer er ist?«
»Was mit dem Rezept ist, meinen Sie? Die Person, als die er sich ausgegeben hat, existiert nicht. Er hatte drei Pässe, von denen einer mit seinem Personalausweis übereinstimmt. Und jetzt ist er tot, und wir wissen nicht einmal, welche Botschaft wir informieren müssen.«
»Botschaft?«
»Bei uns hat er sich als Grieche mit schwedischer Staatsbürgerschaft ausgegeben. Das steht auch in seinem Ausweis, der jedoch gefälscht ist. Ansonsten hat er einen libanesischen Pass, der zweite ist aus Costa Rica, und dem dritten zufolge ist er Belgier.«
»Und wir haben ihm die Betablocker verschrieben?«
»Falls das Rezept nicht auch gefälscht ist, ja.«
»Und die Viagra?«
»Die hatte er offenbar schon vorher bei sich. Die Packung ist auf Portugiesisch beschriftet.«
»Geben Sie mir bitte seine Personenkennnummer, dann sehe ich in seiner Krankengeschichte nach. Ich bin gleich wieder da.«
Der Oberarzt stellte fest, dass er wirklich Angst hatte, so große Angst wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr.
1
»Heute haben wir einen Fall, der Schlagzeilen machen wird.«
Gruppenleiterin Daga Eriksson von der Kriminalpolizei City ließ ihren Blick über die bleiche Runde schweifen und legte eine Kunstpause ein.
Es war Montagmorgen an einem der dunkelsten Tage des Jahres, und als ob das nicht schon ausreichte, war die Temperatur über Nacht auch noch dramatisch gesunken. Polizeiinspektorin Monika Pedersen nahm an, dass ihre Chefin gerne in interessierte und gespannte Gesichter gesehen hätte, unternahm aber nicht einmal den Versuch, diesen Erwartungen zu entsprechen. Es war der schlimmste Herbst gewesen, den sie je erlebt hatte: viele schreckliche Verbrechen, resignierte Stimmung auf der Wache, Konflikte im Kollegenkreis. Zu allem Überfluss fror sie außerdem noch immer von ihrem Weg von der U-Bahn hierher in die Bergsgata ‒ vierzehn Grad unter Null wären im Januar und Februar ebenfalls schlimm gewesen, doch jetzt im Dezember sorgte die Kälte dafür, dass sie sich regelrecht betrogen fühlte.
Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie darauf wartete, dass Daga weiterredete.
Schlagzeilen.
Das bedeutete vermutlich, dass irgendwer sich auf eine so ungewöhnliche oder entsetzliche Weise an jemand anderem vergriffen hatte, dass die Presse mit hohen Verkaufszahlen rechnen konnte. Es konnte auch bedeuten, dass es sich um keines der üblichen Opfer handelte, sondern vielleicht sogar um ein Kind. Oder um einen Prominenten, zu dem einige Millionen Menschen ein pseudo-intimes Verhältnis hatten. Keine dieser Alternativen sprach Monika an. Sie hatte nie einen Hang zum Bizarren oder Scheußlichen gehabt, und sie hatte niemals Prominente als Ersatzgeschwister oder -freunde betrachtet. Wenn sie ‒ und das war nur selten der Fall gewesen ‒ auf ein Gesicht gestoßen war, das sie aus dem Kino oder dem Fernsehen kannte, hatten diese Leute dermaßen selbstsicher und gelassen gewirkt, dass Monika sich noch unansehnlicher als sonst gefühlt hatte. Zu diesen Menschen wollte sie einfach keinen engeren Kontakt haben.
Dieser Montag, der so übel angefangen hatte, schien seinen Tiefpunkt noch längst nicht erreicht zu haben.
Schließlich senkte Daga ihren Blick auf die Protokolle der vergangenen Nacht.
»Heute Morgen um Viertel nach fünf hat ein Mann beim Notruf angerufen und mitgeteilt, dass unten bei Kungsholms Strand auf der Igeldammsgata eine Frau liegt«, sagte sie.
Es war also eine Frau. Monikas Stimmung sank noch weiter in den Keller. Sie hatte sich nie daran gewöhnen können, dass Frauen fast routinemäßig ermordet wurden. Sie hatte sich nie mit der Ohnmacht anfreunden können, die ein kleiner Mensch angesichts eines viel größeren empfindet, und außerdem wusste sie, dass es nicht ausreichte, Frau zu sein und ermordet zu werden, um Schlagzeilen zu machen. Es würde noch schlimmer kommen. Es war jedenfalls die falsche Jahreszeit für impulsive Vergewaltigungen unter freiem Himmel ‒ Winterkleidung war gar kein schlechter Schutz, und bei vierzehn Grad unter Null versagte sogar die härteste Erektion. Monika war nun doch neugierig darauf, was eigentlich passiert war.
Daga jedoch schien noch immer auf irgendeine Pointe loszusteuern.
»Ein Krankenwagen wurde hingeschickt, aber die Jungs konnten nur feststellen, dass die Frau tot war, vermutlich schon seit Stunden. Bei dieser Kälte lässt sich das ja nicht so leicht sagen. Das meinen auch unsere lieben Ärzte.«
Daga zog eine Grimasse, was die ganze Runde nachahmte ‒ die Ärzte, die durch die Gegend fuhren und Todesfälle registrierten, waren nicht besonders beliebt, da sie oft nicht wussten, wie man sich an einem Tatort zu verhalten hat, was der Polizei dann allerlei Probleme bescherte. Außerdem wurden sie viel zu gut bezahlt, zumindest sah die Polizei das so, für die einfache und ungefährliche Arbeit, die sie da verrichteten.
»Die Frau hatte eine Handtasche mit Brieftasche, Ausweis und jede Menge Kram. Und es handelt sich um Lottie Hagman.«
Das war also die Pointe, und jetzt reagierten alle. Monika sah die wechselnden Gefühle in den Gesichtern der anderen ‒ Neugier, Trauer, Zweifel. Sogar die Kriminalpolizei kann von einem unerwarteten Todesfall schockiert sein, wenn sie zu dem oder der Toten irgendeine Beziehung hat.
Lottie Hagman gehörte der Generation von Prominenten an, die das ganze Land kannte. Sie hatte seit ihrem Debüt als ‒ selbstverständlich strahlend schöner ‒ Backfisch Theater gespielt und war in zahllosen Filmen aufgetreten. Und sie war immer den aktuellen Trends gefolgt und allen anderen um den berühmten Schritt vorausgewesen. Sie hatte ihr Leben praktisch vor dem Vorhang geführt, hatte auf allen Bildern immer gleich gut ausgesehen und war eine zuverlässige Vertreterin des jeweiligen Zeitgeistes gewesen. Und jetzt war sie plötzlich tot. Überrascht stellte Monika fest, dass sie eine gewisse Trauer empfand, obwohl sie Lottie nie begegnet war und sie auch nicht sonderlich geschätzt hatte.
Daga hatte nun immerhin die Aufmerksamkeit aller Anwesenden geweckt: Nicht einmal Lottie Hagman würde hier bei der Kripo diskutiert werden, wenn sie zum Beispiel einem Herzinfarkt erlegen wäre.
Daga hatte wie üblich keine Hemmungen damit, das zu sagen, was ohnehin auf der Hand lag.
»Ihr möchtet jetzt sicher wissen, was wir damit zu tun haben.«
Natürlich sagte niemand etwas dazu.
»Also, vor einer halben Stunde hat Derek Cremer von der Gerichtsmedizin angerufen und erzählt, dass der Arzt, der sich die in der Nacht eingelieferten Leichen angesehen hat, die Verletzungen an dem Leichnam seltsam fand. Lottie ist auf einer Treppe im Freien gefunden worden, und die beiden Kollegen, die als Erste beim Tatort waren, und die Ärzte glaubten zuerst, sie sei gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen, entweder auf das eiserne Geländer oder auf eine Treppenstufe. Ungefähr auf der Höhe der rechten Augenbraue ist die Haut zerfetzt, und die darunter liegenden Knochen sind verletzt. Sie hatte außerdem auf der rechten Wange, mit der sie auf der Treppe lag, eine große und frische Schürfwunde. Die anderen dachten, sie sei einfach ausgerutscht oder hätte einen Infarkt erlitten, einen epileptischen Anfall oder etwas Ähnliches, und sei dabei gestürzt. Später aber hat der Techniker dann auch auf der anderen Kopfseite eine schwere Verletzung entdeckt ‒ es sieht aus wie eine Impressionsfraktur, also eine Eindellung der Schädelknochen, ungefähr so wie ein eingedrücktes Ei. Derek schlägt vor, dass wir morgen bei der Obduktion zusehen; er kann natürlich noch nicht viel sagen, aber diese Befunde geben ihm doch reichlich zu denken.«
Sie legte eine Pause ein.
»Mehr wissen wir noch nicht«, sagte sie dann. »Aber ‒ soweit die Technik das sehen konnte, sind ihre Kleider unversehrt, nichts weist auf einen sexuellen Übergriff oder anderweitige Gewaltanwendung hin. Wir haben zwei Kollegen in die Igeldammsgata geschickt, um den Tatort abzusperren. Und jetzt möchte ich...«
Daga schaute sich im Zimmer um. Nun würde sie entscheiden, auf welchem ohnehin schon überfüllten Schreibtisch dieser Fall landen würde.
»Monika geht zur Obduktion. Und Idriss. Idriss Al-Khalili hat heute seinen ersten Tag bei uns, was euch sicher allen schon aufgefallen ist. Idriss, würdest du dich bitte kurz vorstellen?« Das war wieder eine von Dagas rhetorischen Fragen.
Monika versuchte, ihren Blick einzufangen, was ihr jedoch nicht gelang.
Verdammt.
Sie bereute jetzt schon, an diesem Morgen überhaupt das Bett verlassen zu haben. Sie hatte keine Zeit für die Ermittlung in einem Mordfall, ihre anderen Fälle würden sie die nächsten Tage über voll in Anspruch nehmen, und war zu müde, um irgendwelche Energie in die Bekanntschaft mit einem neuen Kollegen zu investieren, solange es andere gab, mit denen sich die zusammenarbeit bereits eingespielt hatte. Und dann noch mit einem Araber! Was dachte Daga sich bloß dabei? Und was hatte Monika verbrochen? Zuerst Lottie Hagman und die Schlagzeilen. Und als ob das nicht schon ausreichte, nun auch noch Idriss Al-Khalili.
Idriss war im Rahmen einer Kampagne rekrutiert worden, deren Ziel es war, die Polizeischule mit Leuten zu bevölkern, die nicht Anders Larsson oder so ähnlich hießen. Die Kampagne war nicht von langer Dauer gewesen, aber immerhin waren Idriss und noch einige andere aufgenommen und ausgebildet worden und sollten jetzt in den regulären Dienst integriert werden.
Monika hatte schon allerlei Klatsch über ihn gehört, war ihm jedoch noch nie begegnet ‒ er galt als tüchtig, sollte eine ungeheuer schöne Frau haben und ansonsten den Einzelgänger spielen. Sie sah ihn sich genauer an ‒ schließlich ist es gestattet, jemanden anzustarren, der sich gerade vorstellt. Er war hochgewachsen und gut gebaut und trug einen Anzug, der besser saß als die Kleidungsstücke, die Polizisten sich normalerweise leisten können. Die Kombination aus dem Anzug, den schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen ließ ihn völlig anders aussehen als einen normalen schwedischen Polizisten. Aber genau aus diesem Grund war er aufgenommen worden, und vielleicht hatte ihm seine Kleidung sogar noch Pluspunkte eingebracht.
Monikas erster Eindruck war nicht gerade positiv.
Er stellte sich kurz vor, berichtete nur, er habe bisher bei der Ausländerpolizei gearbeitet und freue sich nun auf die Zusammenarbeit mit den neuen Kolleginnen und Kollegen. Er sagte weder etwas über seine Herkunft noch über sein Heimatland, Monika nahm jedoch an, dass er aus dem Iran oder dem Irak stammte, Länder, die sie ohnehin nur mit Mühe auseinander halten konnte. Zu ihrer Erleichterung sprach er immerhin tadellos Schwedisch, abgesehen davon, dass bestimmte Vokale ihm leichte Probleme zu bereiten schienen.
Monika wusste auf jeden Fall, dass er seine Versetzung aus der Ausländerabteilung beantragt hatte. Das hatte viele überrascht, doch Monika konnte ihn verstehen ‒ immerhin bestand kein Grund zu der Annahme, dass er für Ausländerfragen größeres Interesse oder besondere Neigungen haben könnte, bloß weil er Al-Khalili hieß, ebenso wenig wie Monika besonders geeignet für die Arbeit an Fällen war, die von oder an Frauen begangen wurden, nur weil sie selbst eine Frau war.
Sie wusste auch, dass Daga ihn nur ungern übernommen hatte. Kann er denn überhaupt mit Frauen zusammenarbeiten, hatte sie gefragt. Kann er sich von einer Frau Befehle erteilen lassen? Sonst nehme ich ihn nicht, Multikulti hin oder her.
Die Lage war, fachlich, politisch und psychologisch betrachtet, nicht leicht gewesen, und Daga hatte für Idriss eine Art Probezeit erwirkt. In einer von Einsparungen, Neuregelungen und großer fachlicher Unzufriedenheit geprägten Zeit hatte Idriss ein kleineres Problem dargestellt, aber Daga, die Problemen niemals aus dem Weg ging, wollte ihn offenbar sofort auf die Probe stellen. Er sollte direkt unter Daga und zusammen mit Monika arbeiten. Dabei würde sich auf jeden Fall herausstellen, ob er mit Kolleginnen und weiblichen Vorgesetzten umgehen konnte.
Und Monika sollte eine Mischung aus Versuchskaninchen, Anleiterin und sogar Spitzel sein, wenn Daga ihre Ansicht über Idriss hören wollte ‒ dies alles zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit und ohne weitere Vergütung. Sie versank noch tiefer in ihrem Sessel.
»Ehe wir zum Ende kommen, habe ich noch eine Bitte.«
Das war Anders Lindqvist von der Informationsabteilung, der bisher stumm an seiner üblichen Tischecke gesessen hatte. Anders war so sympathisch und hatte eine dermaßen perfekte Telefonstimme, dass Monika sich manchmal fragte, ob er nicht in Wirklichkeit Schauspieler war, der angestellt worden war, um die Polizei gegenüber der Außenwelt zu vertreten. Andere aber, die ihn länger kannten, beteuerten, er sei ein echter Polizist.
»Die Zeitungen wissen, dass wir bei Kungsholms Strand eine Leiche gefunden haben. Sie wissen, dass es sich um eine Frau handelt, und sie kennen ihr ungefähres Alter. Wir haben die Angehörigen informiert, zwei Töchter, die wir sofort erreicht haben. Sie werden nicht mit der Presse sprechen ‒ und bitte, bitte ‒ sorgt dafür, dass wir Lotties Identität so lange wie möglich geheim halten können, damit Daga, Monika und Idriss genügend Ruhe für ihre Arbeit haben.«
Alle nickten, wohl wissend, dass es nur eine Frage von Stunden war, bis die Zeitungen wussten, wer dort in der Dunkelheit gelegen hatte. Ihnen war jedoch auch klar, dass eine Frist von einigen Stunden für die Ermittlungen sehr viel bedeuten konnte.
Daga ging noch einige andere Fälle durch, doch Monika hörte nicht mehr zu. Sie dachte darüber nach, dass es einigermaßen unwahrscheinlich war, dass sie zu Weihnachten Überstunden machen müsste, dass eine Zusammenarbeit mit Idriss vermutlich unmöglich war und was sie dem Leiter des Västra Sjukhus sagen sollte, der ungeduldig darauf wartete, dass sie sich mit einer Anklage befasste, bei der es um einen Vorfall auf einer der Stationen des Krankenhauses ging. Dabei hätte sie doch eigentlich an Lottie denken müssen. An Lottie, die unter freiem Himmel tot aufgefunden worden war, gefunden wie ein verlorener Handschuh vom erstbesten Menschen, der gerade vorbeigekommen war. Wieso hatte ihr Leben auf diese Weise geendet? War sie auf dem Heimweg gewesen und vor ihrer Haustür niedergeschlagen worden, ein zufällig ausgewähltes Opfer? Hatten sie vielleicht nur wenige Meter oder Sekunden von der Sicherheit ihres Hauses getrennt? Oder war sie einfach ausgerutscht und hatte dabei ungewöhnliche Verletzungen davongetragen? Sie hatte vielleicht kalkarme, brüchige Knochen, die dem Aufprall auf den harten Boden nicht hatten widerstehen können. Oder sollten sie glauben, dass sie wirklich ermordet worden war, dass jemand gewollt hatte, dass sie gerade dort den Tod fand? Das war vielleicht statistisch gesehen die unwahrscheinlichste Alternative. Monika fühlte sich plötzlich noch müder.
Dann war die Besprechung zu Ende, und alle machten sich an die Arbeit dieser Woche, der letzten hektischen Woche vor Weihnachten. Sie waren schweigsam und antriebslos. Monika wusste, dass sie unaufgeklärte Morde und Misshandlungsfälle hinter sich herschleppten wie ein schlechtes Gewissen und dass in jeder Woche neue Fälle dazukamen.
Daga trat neben Monika, die noch immer zusammengesunken in ihrem Sessel saß. Dagas 182 Zentimeter kamen ihr noch überwältigender vor, und ihre eisblauen, mit blauer Wimperntusche umrandeten Augen sahen noch gebieterischer aus.
»Ich weiß, wie nervig dieser neue Fall ist, aber du kannst zwei von deinen anderen Fällen Janne überlassen, sein Vaterschaftsurlaub geht doch heute zu Ende ‒ eigentlich müsste er schon hier sein, ich möchte ja wissen, wo er steckt. Das wird dich vielleicht ein wenig entlasten. Ich sage ihm, dass er sich bei dir melden soll, sobald er hier eintrifft. Ich muss noch ein paar Anrufe erledigen, das dauert höchstens eine halbe Stunde, und danach fahren wir in die Igeldammsgata. Ihr könnt inzwischen ja das Wenige lesen, was wir schon haben.«
Sie reichte Monika einen schmalen Ordner und verließ das Zimmer.
Idriss, der neben seinem Sessel gestanden hatte, während die anderen an ihm vorüberdefilierten, kam jetzt auf Monika zu und streckte ihr die Hand hin.
»Wir sollten uns vielleicht richtig miteinander bekannt machen. Idriss.«
Seine Hand war groß, verriet keinerlei Nervosität, und sein Handgriff war perfekt ‒ fest und weder zu lang noch zu kurz.
»Monika. Pedersen. Dänische Abstammung väterlicherseits, daher der Name.«
Idriss sah sie verständnislos an.
»Pedersen. Das ist ein dänischer Name. In Schweden heißen die Leute Pettersson oder Persson oder so.«
»Al-Khalili ist ein irakischer Name, die Familie meines Vaters kommt von dort.«
Danach schwiegen beide, und Monika hätte gern die Zeit zurückgedreht und noch einmal von vorn angefangen. Warum hatte sie ihm von der Herkunft ihres Vaters erzählt, und warum hatte sie sich dabei angehört wie eine Grundschullehrerin? Gleich darauf ärgerte sie sich wieder ‒ sie hatte weder die Zeit noch die Energie für derartige Komplikationen. Wenn sie den neuen Kollegen nicht einmal begrüßen konnte, ohne dass Probleme entstanden, wie sollten sie dann jemals zusammen einen Fall aufklären können? Sie wandte sich den praktischen Angelegenheiten zu.
»Wir können zu mir gehen und dort alles lesen. Daga holt uns sicher bald ab.«
Idriss nickte und schloss sich ihr an. Er ging dicht hinter ihr, und diese Nähe machte ihr zu schaffen, er war so groß, er trug so teure Schuhe, er kam ihr einfach nicht vor wie »einer von uns«, sondern wie »einer von denen«. Sie fühlte sich bedrängt, aber da er sie nicht berührte, konnte sie ihn nicht bitten vorzugehen.
Sie setzten sich einander gegenüber an ihren Schreibtisch, und sie gab ihm drei der sechs Unterlagen, die sie von Daga erhalten hatte, dann rief sie im Västra Sjukhuset an. Sie wollte mit Håkan Götsten sprechen, dem Leiter der Orthopädie, wo eine Nachtschwester behauptet hatte, einen Pfleger in einer verfänglichen Situation mit einer bewusstlosen jungen Patientin ertappt zu haben. Die Schwester hatte keinen Zweifel daran gehabt, was vor sich gegangen war: Der Mann hatte eine Hand auf die nackte Brust der Patientin gelegt, während die andere, wie sie sagte, »sein erigiertes Geschlechtsorgan« umschlossen hatte. Der Mann stritt diese Vorwürfe empört ab. Er bezeichnete die Schwester als frustrierte Zicke in den Wechseljahren, die ihn niemals habe leiden können, und die jetzt einfach eine neue Schikane ausprobieren wolle. Er erinnerte daran, dass er seit zehn Jahren Dienst tat und dass es noch niemals irgendwelche Klagen über ihn gegeben hatte, was auch zutraf. Das übrige Personal teilte sich in zwei Fraktionen, die eine verlangte seine sofortige Entlassung, die andere hielt dies aufgrund der unbewiesenen Behauptungen für einen Verstoß gegen Demokratie und Arbeitsrecht. Der Betriebsrat vertrat ebenfalls letztere Ansicht. Der Krankenhausleiter hatte angerufen und Monika angefleht, diesen Fall vorzuziehen, da die Station wie gelähmt war, solange Aussage gegen Aussage stand.
Monika lauschte dem Klingeln und überflog ihren Teil der vorhandenen Informationen über die tote Lottie Hagman.
Sie lasen schweigend, und Monika sehnte sich plötzlich mit einer Intensität, die ihr Angst machte, nach Mikael, ihrem Kollegen und besten Freund. Er arbeitete jetzt auf der Polizeihochschule, und seit etwas mehr als sechs Wochen war ihr früher so enger Kontakt wirklich abgekühlt ‒ Mikael hatte sich verliebt und setzte jetzt andere Prioritäten. Seine Abwesenheit wurde durch Idriss’ Anwesenheit auf seltsame Weise noch verstärkt. Idriss saß vollkommen still da, er las und dominierte trotzdem das Zimmer ‒ sogar die Luft füllte er mit dem schwachen Duft von Rasierwasser oder Parfüm. Monika fühlte sich bedrängt, obwohl sie sich in ihrem eigenen Revier aufhielten, und kam sich auf merkwürdige Weise wehrlos vor.
Sie versuchte sich zu konzentrieren, obwohl sie instinktiv am liebsten die Flucht oder vielleicht auch einen Streit begonnen hätte: sie könnte das Zimmer verlassen oder den Eindringling vor die Tür setzen. Da beides jedoch nicht ging, wandte sie sich wieder den kurz gefassten Berichten zu. Das Krankenhaus hatte gerade mitgeteilt, dass alle Leitungen besetzt seien, dass sie aber bald an der Reihe sein werde.
Einar Jakobeus, wohnhaft Kungsholms Strand 173, hatte Lottie gefunden, als er gegen fünf Uhr morgens seinen kleinen Hund Gassi geführt hatte. Er hatte zuerst versucht ihr auf die Beine zu helfen, hatte aber kein Lebenszeichen entdecken können. Er hatte Angst bekommen und war in seine Wohnung gelaufen, um einen Krankenwagen zu alarmieren. Er hatte sie offenbar nicht erkannt. Sein Anruf war um Viertel nach fünf registriert worden, zehn Minuten später hatte der Krankenwagen den Unfallort erreicht. Der Leichnam war bereits starr, es waren keine Lebenszeichen mehr vorhanden gewesen, deshalb hatte die Besatzung des Krankenwagens die Polizei verständigt statt Lottie ins Krankenhaus zu bringen. Die Polizei hatte die Verletzungen im Gesicht entdeckt, nicht aber die am Hinterkopf, sie hatten das Gelände abgesperrt, den Tod festgestellt und die Zentrale gebeten eventuelle Angehörige ausfindig zu machen und diese zu benachrichtigen.
Alles schien also seine Ordnung zu haben, doch Monikas Erfahrung mit Situationen, in denen alles in Ordnung zu sein schien, war kein Grund zur Beruhigung. Sie wusste, dass eine genauere Untersuchung sehr leicht ergeben könnte, dass Einar Jakobeus Lottie durchaus nicht als Erster gefunden hatte, dass Einar ganz andere Dinge unternommen hatte als den Versuch, ihr auf die Beine zu helfen, dass der Leichnam durchaus nicht so steif gewesen sein musste, wie die Krankenwagenbesatzung es in ihrem Bericht schrieb, dass der Tatort zu spät abgeriegelt worden war und so weiter.
Über das alles hätte sie mit Mikael zusammen ihre Witze machen können, was die Aufgabe überschaubarer gemacht hätte, aber ihre Zusammenarbeit mit Idriss konnte doch nicht damit anfangen, dass sie die polizeilichen Vorgehensweisen in Frage stellte. Sie wünschte sich, dass er aufstand und das Zimmer verließ, und sei es nur für einige Minuten, damit sie ein wenig Atem holen könnte, doch er rührte sich nicht. Sie las weiter.
Die Mitteilungen des Einwohnermeldeamtes waren immerhin schlicht und klar. Lottie wohnte nicht in Kungsholmen, sondern in Östermalm, genauer gesagt in der Storgata. Dort lebte auch eine der beiden Töchter, die andere war in Söder gemeldet. Die Namen der beiden sagten ihr nicht viel. Jenny und Pernilla. Zwei Menschen, über die Monika bald viel zu viel wissen würde. Und am Ende würden sie aus ihrem Leben wieder verschwinden und einen kleinen Teil von Monikas Kraft und Engagement mitnehmen.
Auch Idriss hatte jetzt alles gelesen und schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte. Er sah sie aus seinen dunklen Augen unergründlich an. Was dachte er? Wo sollte sie anfangen? Könnte sie ihn fragen, ob er Lottie kannte? Wenn er einigermaßen assimiliert war, könnte ihn eine derartige Frage beleidigen, wenn nicht, dann ärgerte er sich vielleicht, weil er sie nicht beantworten konnte. Monika verabscheute den so schnell einsetzenden Machozorn angesichts von wirklichen oder eingebildeten Beleidigungen und nahm an, dass eine Provokation jede weitere Zusammenarbeit unmöglich machen könnte. Ohne große Begeisterung suchte sie nach einem weniger persönlichen Einstieg in ein Gespräch, doch leider fiel ihr keiner ein.
Sie hoffte so sehr auf die Erkenntnis, dass Lottie doch einen Herzinfarkt erlitten hatte oder einfach ausgerutscht und dabei umgekommen war. Sie wollte nicht mit Idriss zusammenarbeiten, und die Tatsache, dass Idriss ihr nicht einmal etwas getan hatte, verstärkte ihr Unbehagen nur noch.
Dann meldete sich endlich das Västra Sjukhus. Monika wurde mit Håkon Götstens Zimmer verbunden, wo er allerdings nicht erreichbar war. Was um Viertel vor neun an einem Montagmorgen nicht wirklich überraschend kam.
Ehe das Gespräch auf seinen Europieper gelegt werden konnte, wurden sie von Daga abgeholt.
2
Wer die Tiefgarage der Polizei in Kungsholm verlässt, gelangt nicht in eine kleinen Seitenstraße, sondern direkt auf die eine Querseite des Fridhemsplans. Zentraler geht es eigentlich nicht, und Monika kam sich auf dieser Fahrt immer wichtig vor, zumindest beruflich gesehen. In der letzten Zeit hatte es an professionellen Erfolgserlebnissen gefehlt, deshalb genoss sie diese Momente ganz besonders. In gewisser Hinsicht war es schön, an einem solchen Tag keine weiten Strecken zurücklegen zu müssen, zugleich aber war es ein wenig beunruhigend, dass ein Unglücks- oder Tatort nur fünf Minuten von der Wache entfernt war.
Daga saß hinter dem Lenkrad, Idriss neben ihr, und Monika hatte auf dem Rücksitz Platz nehmen müssen. Sie betrachtete Idriss’ gepflegten Hinterkopf. Sie hatte schon häufiger erlebt, wie Männer, die ungefähr so aussahen wie er, zuerst nichts begriffen, dann empört waren und schließlich in Panik gerieten, wenn ihnen aufging, dass Monika fahren würde. Sie hatte festgestellt, dass sie das unverhohlene Unbehagen dieser Männer genoss und dass sie sich ihrer Rachsucht nicht schämte, so sehr provozierte diese Haltung sie. Sie nahm an, dass diese Männer vermutlich mit dem Hinweis auf kulturelle Unterschiede verlangen könnten, von einem Mann gefahren zu werden, aber sie hatte dieses Thema nie mit Leuten besprochen, die dieser Frage auf den Grund gehen wollten. Idriss schien jedenfalls nichts dagegen zu haben, dass Daga fuhr, denn er saß gelassen und entspannt neben ihr.
Igeldammsgata.
Wenn Mikael jetzt hier wäre, würden sie über die Blutegel reden, denen die Straße ihren Namen verdankte, und darüber, welche Bedeutung die Nähe eines Krankenhauses für Straßennamen haben konnte. Sie hätten über die Häuser gesprochen. Doch nun saß Monika stumm da und betrachtete die vertraute Umgebung, die sich doch jedes Mal, wenn sie vorbeikam, verändert zu haben schien. Es war der erste richtige Wintertag, inzwischen war es halb zehn, und die Sonne war vor einer guten Stunde über den Horizont geklettert, beschrieb aber ihren flachen Winterbogen und hing noch immer so tief, dass das Licht indirekt zu sein schien.
Monika hatte eine regelrechte Liebesbeziehung zu Kungsholmen. Immerhin gab es doch einen Ort auf der Welt, an dem sie sich zu Hause fühlte, wo Boden und Bebauung ihr freundlich gesinnt zu sein schienen. Jetzt würde sie ein weiteres Haus hier kennen lernen, Igeldammsgata 32. Sie wusste nicht genau, welches Haus das war, aber die Straße war kurz, und sie war an vielen Abenden und Wochenenden hier unterwegs gewesen, mit und ohne Mikael. Jetzt würde eines dieser Häuser aus dem privaten in den beruflichen Teil ihres Lebens übersiedeln, genau wie Lottie das auch gerade machte.
Sie hatten das Ende der Fleminggata erreicht. Auf der rechten Seite führte nun die Igeldammsgata zum Kungsholms Strand hinunter. Eigentlich müsste die Straße Igeldammshang heißen, dachte Monika, als sie abwärts fuhren, oder Igeldammsabgrund oder Igeldammsschlucht. Links lagen der Felshang, rechts die individuell dem Terrain angepassten Häuser aus Monikas Lieblingsarchitekturperiode, dem Beginn des 20. Jahrhunderts.
Sie brauchten die Hausnummern nicht zu lesen, um die richtige Stelle zu finden, denn die Streifenwagen und Absperrbänder waren schon von weitem zu sehen.
Nummer 32 entpuppte sich als schmales Haus mit nur vier Fenstern nebeneinander und war etwas niedriger als das fünfstöckige Nachbarhaus. Monika tippte auf ein Baujahr um 1920 ‒ das Haus wirkte solide und harmonisch proportioniert, ohne auffällige Verzierungen. Gestrichen war es in dem derzeit so beliebten orangeroten Farbton, der gut zu der strengen Form passte. Es hätte als ganz normales Haus seiner Epoche durchgehen können, wenn es nicht eine sehr ungewöhnliche Eigenheit aufgewiesen hätte: Dort, wo eigentlich ein Eingang zu erwarten gewesen wäre, führte eine Art Tunnel durch das Haus schräg nach unten. Heutzutage hätte man zuerst den Boden eingeebnet und dann ein kastenförmiges Haus errichtet, damals jedoch hatte man das Haus dem Boden angepasst. Von der Igeldammsgata aus schlängelte sich eine Treppe durch das Haus, über einen langen, schmalen Hof und durch das nächste mit Tunnel versehene Haus, dessen Front dem Kungsholms Strand zugekehrt war. Monika war schon oft über diese Treppe gegangen, und nicht einmal Mikael hatte erklären können, wie jemand auf die Idee gekommen war, auf diese Weise zu bauen.
Das Haus war, ebenso wie Lottie, bekannt, jedenfalls in der Umgebung.
Daga hatte es offenbar noch nie gesehen, denn sie wirkte ehrlich erstaunt.
»Aber was ist das denn hier? Eine Abkürzung zum Strand? Mitten durch das Haus?«
Monika nickte. Es war wie so oft eine Frage, die nicht beantwortet zu werden brauchte.
Sie gingen zu dem Hof weiter, der als Durchgang benutzt wurde. Die Treppe endete an einem kahlen, verschneiten Hangstück, wo es nicht mehr ganz so steil war. Das Ganze sah aus wie ein Stillleben in weiß, schwarz und braun, ein Stillleben, bei dem der Künstler impulsiv ein wenig Farbe hatte einbringen wollen und deshalb zwei Treppenstufen mit großen hellroten Flecken versehen hatte. Neben diesen Flecken standen zwei junge Polizisten mit vor Kälte weißen Gesichtern. Monika hatte den Eindruck, dass die beiden wider besseren Wissens darauf warteten nach Hause geschickt zu werden.
Es stellte sich heraus, dass sie nicht viel zu sagen hatten, da sie erst angekommen waren, nachdem Lotties Leichnam bereits abgeholt worden war. Die Kollegen, die als Erste an den Tatort gerufen worden waren, hatten für diesen Tag ihren Dienst bereits beendet.
Lottie hatte, wenn die beiden Polizisten das richtig verstanden hatten, ausgesehen, als sei sie auf der Treppe gestolpert. Am besten wusste das sicher Einar Jakobeus, der Mann, der sie gefunden hatte und zu Hause bereits auf den Besuch der Polizei wartete. Er wohnte in einem der Häuser am Kungsholms Strand.
Daga schaute sich auf dem kahlen Hof um. Dann fragte sie den einen der halb erfrorenen Kollegen:
»Und was habt ihr gefunden?«
»Nicht viel«, antwortete der junge Mann gleichgültig. »Keine Fußspuren ‒ die Treppe war doch freigeschaufelt und mit Sand bestreut worden, wir können also nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob die Tote selbst hergekommen ist. Es gibt auch sonst keine Fußspuren, wie ihr ja selbst seht.«
Monika, Daga und Idriss sahen sich um. Der Schnee war beiseite geräumt worden, als er noch weich gewesen war, und war inzwischen zu Eis gefroren. Die Treppe war schneefrei und mit Sand bestreut. Die einzigen Fußspuren, die zu erkennen waren, stammten von Hunden.
»Wir müssen feststellen, wer für das Schneeräumen und das Streuen zuständig ist und wann das gemacht worden ist.«
Daga schrieb, während sie das sagte; zum Ärger vieler Kollegen verteilte sie inzwischen die Aufgaben in schriftlicher Form.
»Wir müssen außerdem feststellen, wann genau das Wetter umgeschlagen ist und wie lange es gedauert haben kann, bis der Schnee gefroren war. Die Leute von der Technik können jeden Moment hier sein. Wenn sie kommen, könnt ihr beide die Nachbarschaft abklappern und fragen, ob jemand etwas gehört oder gesehen hat.«
Sie schauten zu den Häusern hinauf ‒ zu der unteren Reihe, die auf den Kanal hinausging, und zur oberen an der Igeldammsgata. Die Häuser stammten zumeist aus derselben Epoche, hatten fünf oder sechs Etagen, waren gut erhalten und in verschiedenen sanften Farben angestrichen ‒ hellgelb, ein etwas dunkleres Gelb, hellgrün. Sämtliche Fenster schauten wie Augen auf den Hof ‒ Lottie war nicht an einem abgelegenen Ort ums Leben gekommen, und mit etwas Glück müssten sie einen oder mehrere Menschen ausfindig machen können, die im richtigen Moment aus dem Fenster gesehen hatten. Wenn Monika nicht so müde gewesen wäre, hätte sie einen leichten Neid verspürt hatte immer gern solche Befragungen durchgeführt, im ment jedoch war sie froh darüber, dass es ihr erspart blieb. Hier in dieser Gegend wohnten vor allem jüngere berufstätige Menschen, die jetzt ihre Arbeitsplätze in der ganzen Stadt oder im Umland bevölkerten. Es würde seine Zeit brauchen, bis sie mit allen gesprochen hatten, sie konnten schließlich auch nach Uppsala oder Enköping pendeln oder ihre Zeit zwischen Stockholm, London und Singapur teilen.
Daga beschloss, auf die Technik zu warten und wandte sich an Monika.
»Ihr könnt doch schon mal mit Jakobeus reden, er wohnt Kungsholms Strand 173, angeblich gleich hinter der Ecke da unten. Und danach wäre es gut, wenn ihr euch noch einmal mit den Töchtern unterhalten könntet, wir müssen wissen, was Lottie gestern gemacht hat. Am besten nehmt ihr das Auto.«
Sie reichte Monika die Schlüssel.
Monika nickte und ging gemeinsam mit Idriss die Treppe hinunter und durch das nächste Haus, wo sie für einen Moment stehen blieb. Unmittelbar vor ihnen lag der Karlsbergskanal, dessen Oberfläche zu einer ersten dünnen Eisschicht erstarrt war, und dahinter stand das am Ufer errichtete Schloss Karlsberg.
Gleich links lag eine Wayne’s Bakery, wo es caffè latte und Möhrentorte gab. Rechts befand sich eine traditionellere Variante, eine Kaffeestube mit Weihnachtsdekoration im Fenster, wo Kaffee und Zimtbrötchen oder Bratwurst mit Makkaroni serviert wurden. Monika spürte, wie sie hier im wahrsten Sinne des Wortes zwischen dem Alten und dem Neuen stand, und fragte sich, ob es illoyal war, Wayne’s mit dem Duft von Kaffee und Croissants dem von Tabakrauch und Essensgerüchen erfüllten anderen Lokal vorzuziehen.
Die Restaurants zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich, ebenso wie das Schloss, alles schien plötzlich viel wichtiger als der Gedanke an die Arbeit. Sie fragte sich besorgt, wie sie diesen Tag überstehen sollte ‒ sie spürte, dass sie einfach nicht an das denken wollte, woran sie denken musste. Für den Moment löste Idriss das Problem für sie, indem er hustete, die Sorte Husten, mit der man sein Glück versucht, wenn man vorher vergeblich an eine Tür geklopft hat.
»173, stimmt das?«
Monika nickte und riss sich zusammen. Immerhin schien Idriss Taktgefühl zu haben. Einar Jakobeus, der Lottie gefunden hatte, wohnte im ersten Haus auf der rechten Seite. Auch dieses Haus war gut in Schuss, die Fassade war frisch renoviert und die Diele in Marmor gehalten.
Einar wohnte im fünften Stock und öffnete gleich nach dem ersten Klingeln. Er war ein kleiner Mann von vielleicht vierzig, der dennoch schon alt aussah; ein unauffälliger Mann, der offenbar auf seinen Platz im Leben gestellt und dann vergessen worden war, dachte Monika.
Sie betraten eine enge Diele, deren Möbel ebenso müde und resigniert aussahen wie ihr Besitzer, die dann aber plötzlich von einem gefleckten Hundebaby aufgemuntert wurde, das zielstrebig angewackelt kam und die Fußmatte beschnupperte. Einar machte ein stolzes Gesicht.
»Das ist Klara, sie ist zehn Wochen alt, und ich habe sie seit zehn Tagen. Mein erster Hund.«
Er bückte sich ein wenig ungeschickt, um Klara zu streicheln, worauf sie ihn in die Hand biss. Mit leicht enttäuschter Miene richtete er sich wieder auf.
»Wir müssen einander noch richtig kennen lernen. Kommen Sie herein!«
Aus der kleinen Diele gelangten sie in ein Wohnzimmer, das ebenso trist möbliert war, jedoch einen prachtvollen Blick auf den Kanal und auf das Schloss bot, das in dem kalten, sonnigen Tag funkelte wie ein Palast aus Eis und Schnee.
Monika stellte zuerst sich und dann Idriss vor. Einar nickte zerstreut, während er zu verhindern versuchte, dass Klara ein Sofabein annagte, das schon von schmalen spitzen Bissspuren übersät war. Dass Idriss ein etwas ungewöhnlicher Polizist war, schien ihn nicht weiter zu irritieren.
Am Ende machte Klara sich über einen der vielen Plastikknochen her, die überall auf dem Boden herumlagen, und Einar widmete sich seinen Gästen.
»Nehmen Sie Platz.«
Er hatte auf dem schmutzigen Couchtisch bereits staubige Kaffeetassen und eine Thermoskanne bereitgestellt. Die meisten Menschen, die Monika zu Hause aufsuchte, boten etwas an, Kaffee zumeist, und sie lehnte fast nie ab. Sie wusste, wie viel leichter es ist, ungewohnte Situationen mit einer Kaffeetasse in der Hand zu überstehen, wie beruhigend es auf die Leute wirkte, im eigenen Heim als Gastgeber oder Gastgeberin auftreten zu können, auch dann, wenn die Gäste ungebeten auftauchen.
Einar öffnete die Thermoskanne und Monika hielt ihm ihre Tasse hin. Sie war schon längst zu dem Schluss gekommen, dass Kaffee Bakterien tötet ‒ sie hatte schon aus so vielen schlecht gespülten Tassen getrunken, war aber niemals krank geworden.
Idriss ließ sich in einen weichen Sessel sinken, der eine Staubwolke abgab, als er sich setzte. Klara fand das interessant, lief zu ihm und ließ sich zu seinen Füßen auf den Rücken fallen. Monika hatte fast damit gerechnet, dass er Angst vor Hunden hätte, doch er streichelte mit seinen Fingerknöcheln Klaras weichen runden Bauch. Klara schaute eine Weile forschend zu ihm hoch, dann schlug sie plötzlich ihre nadelspitzen Zähnchen in seine Hand. Idriss zog die Hand nicht zurück, sondern beugte sich über sie, runzelte drohend die Stirn und knurrte mit tiefer Stimme:
»Noooo. Bad Dog, off.«
Klara ließ sofort seine Hand los und kehrte ihm wieder den Bauch zu.
Einar schien beeindruckt zu sein.
»Wie haben Sie das gemacht? Was haben Sie zu ihr gesagt?«
Idriss lachte zum ersten Mal an diesem Tag.
»Was man sagt, spielt keine Rolle, es kommt darauf an, wie man es sagt. Man muss sich böse anhören, das verstehen alle Hunde.«
Einar schien von dieser Lösung nicht gerade angetan.
»Ich will aber nicht böse auf sie sein, sie ist doch noch so klein. Trotzdem achtet sie überhaupt nicht darauf, was ich ihr sage.«
»Sie sollen sich böse anhören«, sagte Idriss freundlich, »nicht böse sein.«
Einar dachte eine Weile darüber nach, dann nickte er nachdenklich. Auf diesen Gedanken schien er noch nicht gekommen zu sein.
Monika ärgerte sich schon wieder. Sie waren nicht hier, um Einar gute Ratschläge über Hundeerziehung zu erteilen, sondern um sich ein Bild von den nächtlichen Ereignissen zu machen. Andererseits aber schärfte sie jungen Kollegen immer wieder ein, wie wichtig es war, einen guten Kontakt zu den Zeugen zu bekommen, ehe man sie befragte, und Idriss war das zweifelsohne gelungen. Das überraschte sie. Und es ärgerte sie, dass es sie überraschte.
Was für ein Elend!
Sie übernahm wieder das Kommando.
»Also, Herr Jakobeus, Sie sind ein wichtiger Zeuge für uns, und wir möchten Sie bitten, uns genau zu erzählen, was heute Morgen passiert ist.«
Einar setzte sich ein wenig auf, als mache die Aufmerksamkeit der beiden Gäste ihn in seinen eigenen Augen ein wenig größer.
»Klara hat mich gegen fünf geweckt, sie musste raus, und deshalb habe ich mir einen Trainingsanzug über meinen Schlafanzug gezogen.« Er sprach jetzt mit einer Stimme, die er wohl für diese Gelegenheit als angemessen erachtete, die ihn jedoch wie eine Parodie auf einen Nachrichtensprecher klingen ließ. »Ich wusste nicht, dass es so kalt geworden war, wir bekamen beide fast einen Schock, als wir nach draußen kamen, den ersten, aber nicht den letzten. Es war natürlich noch dunkel, aber die Straßenlaternen hier sind jetzt wirklich ziemlich hell. Ich gehe immer mit ihr auf den Hof hinter der Nummer 175, die Nachbarn wollen nicht, dass Hunde das auf unserem Hof machen, der andere gilt irgendwie eher wie ein Ort für die Allgemeinheit.«
Er legte eine besorgte Pause ein, so als fürchte er Monikas und Idriss’ Kommentar zu der Frage, wo sein Hund nachts pissen durfte.
»Ich habe sie ‒ Klara, meine ich ‒ um die Ecke auf den Hof getragen. Sie war verwirrt von der Kälte, glaube ich, und stand einfach nur zitternd neben mir. Sie hat ja noch kein dickes Fell, das muss doch so sein, als wäre sie nackt unterwegs.«
Noch eine Pause. Monika zählte in Gedanken bis zehn, ihr war klar, dass Einar aller Wahrscheinlichkeit zu der Sorte Zeugen gehörte, die in ihrem eigenen Tempo erzählen mussten, und dass alles noch viel länger dauern würde, wenn sie ihn bedrängte. Zugleich war sie zu müde und genervt, um seine Umständlichkeit ertragen zu können. Er sollte so schnell wie möglich alles erzählen, doch das tat er nicht. Sie war bis sieben gekommen, als er weitersprach:
»Dann bin ich ein Stück weitergegangen, die Treppe hinauf, und da lag sie dann.«
»Würden Sie uns bitte genau beschreiben, was Sie gesehen haben?«
»Ich habe nur mitten auf der oberen Treppe etwas Dunkles gesehen. Zuerst wusste ich nicht, was es sein könnte, aber dann habe ich gesehen, dass es ein Mensch war, der mit den Füßen nach oben lag, so als sei er vornüber gekippt.«
Er erschauderte ein wenig theatralisch und zugleich ein wenig wollüstig und verstummte.
Monika hielt es nicht mehr aus und versuchte, das Tempo zu steigern.
»Und was haben Sie dann gemacht?«
Er blickte sie vorwurfsvoll an.
»Das kommt gleich, ich muss nur zuerst nachdenken, damit ich nichts Falsches erzähle.«
Es folgte eine weitere und längere Pause, genau wie Monika befürchtet hatte. Sie holte tief Luft und verfluchte ihre Ungeduld. Sie hatte sich gerade zur Gelassenheit ermahnt, als er endlich weiterredete.
»Also, ich dachte, sie könnte doch gestolpert oder krank sein oder so. Ich habe Klara auf den Arm genommen und bin hinaufgegangen, das war nur ungefähr ein Dutzend Meter. Beim Näherkommen habe ich gesehen, dass es eine Frau war. Sie lag auf dem Bauch, einen Arm unter dem Körper, sie trug so einen gefütterten Regenmantel mit Kapuze und hatte ziemlich kleine Füße.«
Einar wurde plötzlich blass und schien kurz vor einer Ohnmacht zu stehen.
»Klara wollte nicht mehr getragen werden, deshalb habe ich sie auf den Boden gesetzt. Dann bin ich zu der Frau gegangen und habe gefragt, was los ist, was passiert ist, aber sie gab keine Antwort, sie lag einfach nur da. Ich hätte ihr so gern geholfen.«
Um für einen Tag oder eine Woche als Held zu gelten, dachte Monika und staunte wieder über ihre Gehässigkeit. Normalerweise hätte Einars klares Bedürfnis nach Aufmerksamkeit an ihr Mitgefühl appelliert, aber an diesem Tag war alles anders, ein solches Engagement hätte sie mehr psychische Energie gekostet als sie im Augenblick aufbrachte. Sie ärgerte sich sogar über seine kleinen rosa Hände, die sie an Mäusepfoten erinnerten, als er seine Tasse vor sich hielt.
Jetzt begann Einars Stimme zu zittern.
»Ich wusste nicht, was ich tun sollte, deshalb habe ich ein wenig ihre Schulter geschüttelt. Darauf hat sie auch nicht reagiert, deshalb dachte ich, sie hätte vielleicht zu viel getrunken und das Bewusstsein verloren, aber sie roch nicht nach Alkohol. Ich bin also auf ihre andere Seite gegangen, um ihr Gesicht sehen zu können.«
Er kniff die Augen zusammen und schlug die Hände vors Gesicht. »Ich sehe das alles noch vor mir, das werde ich nie wieder vergessen. Ihr linkes Auge sah mich an, es war weit offen und wütend und...«, seine Stimme war kaum noch zu hören. »Das rechte war verschwunden, da gab es nur noch ein blutiges Loch, wer kann so etwas tun? Und das andere Auge starrte mich nur an, klar und unbeweglich.«
Monika bildete sich plötzlich ein, seinen raschen Herzschlag sehen zu können ‒ sein schmächtiger Leib schien zu beben, als er diesen schrecklichen Moment noch einmal durchlebte.
»Und dann, dann kam Klara, und sie...«
Plötzlich stürzte er aus dem Zimmer, und gleich darauf hörten Monika und Idriss die Geräusche eines leeren Magens, der trotzdem verzweifelt versuchte, seinen Inhalt von sich zu geben.
Was da wohl passiert war? Was hatte Klara getan? Was macht ein Hundebaby, das ein herausgerissenes Auge findet? Monika sah Klara an und stellte fest, dass auch ihr mit einem Mal schlecht zu werden drohte.
Erst nach einigen Minuten kam Einar mit feuchtem Gesicht und Händen wieder zurück.
»Verzeihen Sie. Es war nur so schrecklich und so unerwartet, und dass Klara sich dann nicht zusammenreißen konnte.«
Monika schauderte wieder und fragte sich, ob auch sie sich gleich übergeben würde.
»Was genau hat sie gemacht?«
»Gemacht? Herumgeschnuppert, sie wollte spielen.«
»Hat sie nichts mit dem Auge gemacht?«
»Mit dem Auge? Es gab doch kein Auge. Das war ja gerade das Schreckliche.«
»Entschuldigung. Ich dachte, sie hätte das Auge gefunden...« Monikas Stimme versagte, teilweise aus Erleichterung.
»Ich bitte um Verzeihung, das war ein unnötiges Missverständnis.«
Einar holte einige Male tief Luft und fuhr mit zitternder Stimme fort:
»Viel mehr ist dann nicht mehr passiert ‒ ich habe mir Klara geschnappt und bin so schnell wie möglich in meine Wohnung gerannt, ich habe so stark gezittert, dass ich kaum die Nummer wählen konnte, aber dann habe ich es ja doch geschafft, und sie haben einen Krankenwagen geschickt.«
»Wissen Sie noch, ob Sie sonst irgendjemanden gesehen haben?«
»Nein. Die Gegend war menschenleer, das ist um diese Zeit immer so, das weiß ich, ich war jetzt ja seit zehn Tagen immer so früh draußen. Übrigens, ein paar Mal habe ich eine Frau mit einem Einkaufswagen gesehen.«
»Auch heute Morgen?«
»Nein.«
Er hatte sich jetzt einigermaßen gefasst und schien mit seiner Leistung zufrieden zu sein, sich in seiner Rolle als Actionheld fast schon zu bewundern. Monika hatte plötzlich Lust aufzuspringen und Bu! zu rufen.
»Sagen Sie ‒ haben Sie in der Nähe der Toten irgendeinen Gegenstand gesehen?«, fragte sie stattdessen freundlich.
»Nein. Ich habe nichts gesehen, ich glaube nicht, dass dort etwas lag, aber ganz sicher bin ich nicht, ihr schreckliches Gesicht hat irgendwie alles andere ausgelöscht. Hätte ich etwas sehen sollen?«
In ihr keimte der Verdacht, wenn sie nach einer blauen Bowlingkugel gefragt hätte, dann wäre ihm bestimmt eingefallen, dass eine neben Lotties Kopf gelegen hatte. Sie war froh darüber, dass sie mit ihm gesprochen hatten, ehe er zu viele Veränderungen an seinem Erinnerungsbild vornehmen konnte.
»Jetzt habe ich nur noch ein paar Fragen, Einar. Haben Sie Handschuhe getragen?«
»Nein, wieso denn?«, fragte er überrascht.
»Sie haben gesagt, dass Sie die Tote ein wenig an der Schulter gerüttelt haben ‒ würden Sie uns das bitte vorführen?«
Einar berührte mit den Fingerspitzen ein verschlissenes braunmeliertes Kissen und drückte einige Male zu.
»Ungefähr so. Ihre linke Schulter oder eigentlich eher ihren Rücken.«
»Haben Sie den Leichnam oder die Kleider sonst noch berührt?«
»Nein. Nein, wirklich nicht. Warum wollen Sie das wissen? Ich habe nur das getan, was ich Ihnen erzählt habe, Sie glauben doch wohl nicht, ich hätte ihr etwas getan?«
Plötzlich hatte sich seine Heldenhaftigkeit in Luft aufgelöst, und er sah aus, als würde ihm gleich wieder übel.
»Wir glauben noch gar nichts, wir versuchen nur herauszufinden, was passiert ist. Und es war uns eine große Hilfe, mit Ihnen zu sprechen.« Monika fügte diese letzte Bemerkung als eine Art Entschuldigung dafür hinzu, dass sie in Gedanken so viel Kritik an diesem kleinen Mann geübt hatte, der nicht einmal mit einem zehn Wochen alten Hundebaby fertig wurde.
Dann standen sie auf und gingen. Monika hätte gern gewusst, ob irgendein Grund bestand, Einar zu verdächtigen ‒ ob er wohl imstande wäre, jemanden zu ermorden, um dann die Leiche zu finden und von der Polizei befragt zu werden. Der Mann hatte Angst, aber das war ja nicht schwer zu verstehen, er hatte schließlich allerhand mitgemacht. Aber diese banale Erklärung konnte vielleicht einen anderen Grund für seine Angst verdecken. Nicht zum ersten Mal wäre ein scheinbar unwahrscheinlicher Täter als Zeuge aufgetreten. Es konnte sich aber auch um eine Variante des irrationalen Schuldbewusstseins handeln, das viele Menschen überkommt, wenn die Polizei ihnen gegenübersteht. Und dann würde seine Angst sich sicher bald legen.
Im Fahrstuhl dachte Monika vor allem über die Sache mit dem Auge nach. Warum hatte Daga nichts davon gesagt? Wenn ein Auge aus der Augenhöhle gerissen worden war, konnte doch niemand mehr von einem Unfall ausgehen? Das Letzte, was sie sich wünschte, war eine Konfrontation mit einem schwachen Mann und seinem so großen Wunsch nach Macht über andere, dass er zum Mörder wurde und groteske und symbolische Verletzungen hinterließ. An diesem Morgen stellte die Vorstellung eines solchen Täters keine Motivation, sondern nur einen Grund dar, sich ernsthaft nach einem anderen Job umzusehen.
Sie sehnte sich nach Mikael. Was sie über ihre Arbeit dachte und empfand, machte ihr Angst, es war so, als hätte sie plötzlich einen Menschen, mit dem sie seit vielen Jahren zusammenlebte, angesehen und erkannt, dass sie nicht wusste, ob sie dieses Zusammenleben fortsetzen sollte. Sie musste mit jemandem sprechen, doch sie hatte niemanden. Sie musste einfach versuchen, auf irgendeine Weise diesen Tag zu überleben.
Trotz aller Unklarheiten mussten sie sich jetzt mit denen befassen, die von Lotties Tod vermutlich am schwersten betroffen waren, ihren beiden Töchtern.
Erkundigt euch, was Lottie am Sonntagnachmittag gemacht hat, hatte Daga gesagt, als sei das ganz einfach, als müssten sie dafür nicht mit zwei jungen Frauen sprechen, die nachmittags noch eine gesunde, schöne, arbeitsfähige Mutter und jetzt gar keine mehr hatten. Monika konnte sich nicht erinnern, dass die Arbeit ihr jemals so schwer gefallen wäre. Es war doch ein Routineeinsatz, aber gerade an diesem Tag kam er ihr fast unüberwindlich schwierig vor.
3
Der Verkehr in der Fleminggata war dichter geworden, weshalb sie mit dem Auto kaum schneller vorankamen, als wenn sie zu Fuß gegangen wären. Diese Langsamkeit schien das Schweigen, das zwischen Monika und Idriss herrschte, noch um einiges belastender zu machen. Am Ende sagte sie, vor allem, um überhaupt etwas zu sagen: »Ob die wohl wissen, dass wir kommen? Wir sollten vielleicht mal nachfragen.«
Sie wollte schon nach dem Telefon greifen, überlegte es sich dann jedoch anders. Wenn sie mit Mikael oder einem anderen Kollegen unterwegs gewesen wäre, hätte sie den gebeten, den Anruf zu erledigen. Und es gab keinen Grund, Idriss anders zu behandeln.
»Mach du das doch bitte.«
Jetzt würde es sich ja herausstellen, ob er Befehle von einer Frau entgegennehmen könnte. Monika wusste nicht genau, was sie tun würde, wenn er sich weigerte, aber diese Entscheidung wurde ihr abgenommen, da er einfach nickte und auf der Wache anrief, wobei er wie ein ganz normaler Kollege klang. Sie hörte trotzdem aufmerksam zu, während sie Meter um Meter weiterschlichen. Sie fragte sich, ob sie vielleicht lächeln und aufmunternd nicken sollte ‒ aber das könnte er ja auch als Beleidigung auffassen ‒ oder ob sie überhaupt keine Reaktion zeigen und damit vielleicht unfreundlich wirken könnte. Am Ende fühlte sie sich dermaßen unbehaglich, dass sie sich fragte, wie sie wohl von außen wirkte: wie eine kleine bleiche Frau mit unbeholfener Körpersprache, die verkrampft am Steuer saß, ein passiver Mensch, der aus einer quälenden Situation einfach keinen Ausweg fand. Sie warf einen Rat suchenden Blick in den Rückspiegel und blickte in ihre wie immer neutral wirkenden Augen, die weder blau noch wirklich grau waren, sie sah ihr wie immer ausdrucksloses Gesicht und dieselben öden blonden, halblangen Haare. Dieser Anblick konnte wirklich nicht zur Verbesserung der Lage beitragen.
Sie nahm an, dass sie Mitleid mit ihm haben und deshalb besonders freundlich sein müsste ‒ sie müsste Mitleid mit ihm haben, weil er dunkelbraune Augen hatte, keine blauen, weil er nicht in Schweden geboren war und weil seine Eltern aus dem Irak stammten. Doch sie hatte kein Mitleid mit ihm, wer ihr hier Leid tat, war sie selbst, und deshalb packte sie das Lenkrad mit noch festerem Griff. Sie hoffte wider besseres Wissen, dass die Kollegen von der Wache sie zurückrufen und sagen würden, es sei alles ein Irrtum gewesen, die Ermittlungen seien abgeblasen. Aber nein, sie mussten sich anhören, dass niemand auf die Idee gekommen war, die Töchter zu informieren. Doch das sollte aber sofort geschehen, damit sie nicht unerwartet hereinplatzten. Wie gut, dass mir das eingefallen ist, dachte sie.
Idriss sprach ihre Gedanken laut aus.
»Danke. Es wäre sicher nicht so gut, unangemeldet dort aufzutauchen.«
Danke? Bedankte er sich bei ihr, weil sie ihre Arbeit tat? Wollte er hier entscheiden, was gut oder schlecht war, richtig oder falsch? Glaubte er, er könne ihren Einsatz bewerten und sie dann nach Lust und Laune belohnen? Oder wollte er vielleicht nur höflich sein oder sich vielleicht sogar einschmeicheln? Sie wusste nicht, was sie glauben sollte, deshalb konnte sie sich auch für keine Reaktion entscheiden und nickte einfach nur stumm.
Dann schwiegen sie wieder.
Der Weihnachtsverkehr schien in der Hamngata, wo eine dicht gedrängte Menschenmenge langsam durch die Straßen und über die Zebrastreifen kroch, seinen Höhepunkt zu erreichen. Menschen, die sonst bei Rot immer stehen blieben, ließen sich nun von der Masse leiten und wurden in einem kompakten Strom vorangetrieben, der nicht auf den Versuch der Autos achtete, sich einen Weg zu bahnen. Die Fußgänger betrachteten die Autofahrer mit freundlicher Nachsicht und einer gewissen Schadenfreude ‒ heute sind wir an der Reihe, heute haben wir die Übermacht, heute musst du einfach warten! Die Autofahrer schienen die Lage zu akzeptieren, sie hupten nicht und drängelten auch nicht.
Das Schweigen steigerte Monikas Anspannung noch. Sie brauchte ohnehin immer lange, um sich an neue Menschen zu gewöhnen, und Idriss gegenüber fühlte sie sich so unsicher, wie ihr das schon lange nicht mehr passiert war. Weshalb sie sich dummerweise noch mehr über ihn ärgerte. Es half auch nichts, dass sie einsah, wie unsinnig sie sich verhielt.
Endlich lag das ärgste Gedränge hinter ihnen. Sie fuhr durch den Strandväg und versuchte durch das Betrachten der Häuser auf andere Gedanken zu kommen.
Östermalm war der Teil der Innenstadt, der sie am wenigsten interessierte. Sie fand die Straßen zu breit und zu leer, die Häuser zu aufdringlich, die Mehrzahl der Verbrechen zu ausgefeilt. Sie konnte kaum verstehen und noch weniger verzeihen, dass Gewerkschaftsbonzen und Künstler plötzlich, wenn sie zu Geld kamen, in eine so genannte bezaubernde Jugendstilwohnung in Östermalm zogen, als weise ihr bisheriges Wohnviertel irgendeinen Makel auf, weshalb man von dort fortzog, sobald man es sich leisten konnte. Monika selbst wäre natürlich gern aus ihrem Vorort nach Kungsholmen gezogen, aber sie empfand das nicht als illoyal, da sie Zeit genug gehabt hatte, um diesen Stadtteil sehr genau kennen zu lernen.
Sie fand den Weg zur Storgata ohne Probleme. Nummer 12 erwies sich als prachtvolles, ansprechend hell gehaltenes Eckhaus, von dem sie trotz seiner Lage einfach hingerissen war, und obwohl es von allem ein wenig zu viel hatte, wie eine Zwölfjährige, die eben anfängt, sich zu schminken.
Sie stellten den Wagen vor dem 7-Eleven-Kiosk gegenüber ab. Wäre Mikael dagewesen, hätte Monika gesagt, dass bald jeder Winkel in der Stadt einen rund um die Uhr geöffneten Kiosk haben würde, wo man Kaffee, Schnellmahlzeiten und Grundnahrungsmittel zu einem übertriebenen Preis kaufen konnte, jetzt aber fürchtete sie, dass sie sich übellaunig und quengelig anhören könnte, und deshalb schwieg sie auch weiterhin.
Die Haustür war nicht ganz so reich verziert wie das übrige Haus. Es war eine solide Tür aus dunklem Holz mit großen, geschliffenen Glasfenstern. An der Wand gegenüber war eine kleine Tafel angebracht, die die Gäste darüber informierte, dass das Haus in den Jahren 1905 bis 1906 errichtet und vom Architekten Sam Kjellberg entworfen worden war. Diesen Namen kannte Monika, und sie fragte sich, ob Sam noch weitere Häuser hinterlassen hatte, die so strikt gegen das Gebot, nur ja nie aufzufallen, verstießen wie dieses hier.
Durch die Glasscheiben war eine leere und einfarbige Eingangshalle mit zwei weiteren Türen zu sehen, die wie die elegantere Antwort auf die Haustür wirkten. Sie gaben den Türcode ein, durchquerten die Eingangshalle und erreichten einen der scheußlichsten Fahrstühle, die Monika seit langem gesehen hatte. Ein grüner Blechkasten, der offenbar als Notlösung während einer akuten Fahrstuhlkrise aufgebaut und niemals wieder ersetzt worden war. Monikas Laune wurde noch schlechter. War auch das hier ein Haus, das in den siebziger Jahren politisch unkorrekt gewesen war und sich deshalb diesen Fahrstuhl zugelegt hatte? Waren wohl gleichzeitig Kachelöfen, geschnitzte Verzierungen, Parkett und Stuck herausgerissen worden?
Der Fahrstuhl war von innen ebenso deprimierend wie von außen, brachte sie jedoch ohne zu murren in den vierten Stock hinauf.
Die Tür zu Lotties Wohnung bestand aus demselben dunklen Holz wie die Haustür und war mit zwei selbst gemachten Namensschildern sowie einem aus Messing dekoriert, auf dem einfach nur »Hagman« stand. Auf dem einen der beiden Schilder stand »Hier wohnt Pernilla«, das andere zeigte eine rote und rosa Collage zum Thema Dahlien. Ein Stück weiter unten war mit Klebestreifen eine Visitenkarte angebracht, auf der der Name Sara Gottman geschrieben stand.
Monika fühlte sich ein wenig besser. Sie hatte immer schon gern die Wohnungen anderer Menschen besucht, wo sie häufig das Gefühl hatte, die Gedanken der Menschen vor sich sehen zu können ‒ wer sie sein wollten, wie sie sich selber sahen.
Aber das war auch der einzige Pluspunkt. An Minuspunkten dagegen hatte sie eine reiche Auswahl. Menschen zu treffen, die eben erst einen nahen Angehörigen verloren haben, ist immer schrecklich, und gerade an diesem Morgen wusste Monika nicht, woher sie die Kraft nehmen sollte, diese Begegnung durchzustehen. Außerdem machte ihr Einars überraschende Mitteilung zu schaffen, dass Lottie ein Auge fehle. Sie hatte nicht vor, den Töchtern davon zu erzählen, doch ihr Unbehagen wurde durch dieses Wissen noch vergrößert. Und zu allem Überfluss war da ja noch ihr unwillkommener irakischer Schatten.
Sie drückte auf den Klingelknopf.
Jetzt würde sie auf jeden Fall erfahren, wie Lottie ihre Umgebung gestaltet hatte.
Eine bleiche junge Frau mit verweinten Augen trat zur Seite, um sie eintreten zu lassen. Warme Luft, die nach Duftölen, Tee, Toast und Parfüm roch, strömte ihnen entgegen. Die junge Frau hatte sich in einen viel zu großen Morgenrock gehüllt und erwiderte ihre Blicke nicht, schien sich auf diese Weise gegen ihre unerwünschte Anwesenheit schützen zu wollen. Sie erschauderte ein wenig, vielleicht wegen der Kälte, die mit den Gästen in die Wohnung eindrang.
Die Diele hätte als geräumige Einzimmerwohnung genutzt werden können ‒ das Bett hätte bequem an die linke Wand gestellt werden können, rechts eine Kochnische, und trotzdem wäre noch immer genug Platz für ein kleines Sofa, einen Tisch und zwei Sessel gewesen. Die Diele war jedoch nicht als Wohnung eingerichtet, sondern eben als Diele, als Übergang zwischen der Außenwelt und dem Inneren der Wohnung, und bot ausreichend Platz für die große Menge an Mänteln, die hier aufbewahrt wurden. Und das alles ließ auf die Ausmaße der restlichen Wohnung schließen.
»Legen Sie ab.« Die Stimme klang leise und ausdruckslos. »Ich bin Pernilla. Die jüngste Tochter.«
Monika wollte sich und Idriss vorstellen, doch Pernilla hatte ihnen schon den Rücken gekehrt. Sie führte die Gäste durch einen Bogengang in einen für Monikas Maßstäbe riesigen Raum, in dem es von Möbeln, Katzen und Menschen nur so zu wimmeln schien.
»Da sind sie.« Mit diesen Worten schien Pernilla ihre Pflichten als erfüllt zu betrachten. Sie lief zwischen Stühlen, Hockern, niedrigen Tischen und hohen Kissen umher, bevor sie sich auf die Ecke eines großen roten, abgenutzten Ledersofas sinken ließ.
Bei genauerem Hinsehen stellte es sich heraus, dass sich nur drei weitere Personen in dem Zimmer aufhielten, zwei junge Frauen und ein etwas älterer Mann. Dazu kamen eine lebendige Katze und einige Dutzend aus Ton oder Stoff. Der Eindruck von Gewimmel entstand dadurch, dass die Wände von Plakaten, Portraits und Fotos bedeckt waren, die allesamt Menschen zeigten. Auf dem Couchtisch und dem Flügel standen zahlreiche gerahmte Fotos, zwei Büsten, eine aus Gips und eine aus Ton, flankierten den Bogengang. Die eine stellte vermutlich Lottie im Alter von fünfundzwanzig dar. Es war eines der ungewöhnlichsten und schönsten Zimmer, die Lottie je gesehen hatte.
Die eine Frau erhob sich und kam ihnen entgegen. Ihre Kleidung sorgte dafür, dass man zuerst ihren Körper ansah ‒ groß, durchtrainiert und nahezu ohne Hüften oder Brüste. Als Nächstes fielen die Haare mit ihrem modischen Schnitt und die schmale schwarze Brille mit den dicken Bügeln auf.
»Hallo. Jenny Hagman. Könnten Sie uns sagen, was eigentlich los ist? Zuerst stehen Sie um sechs Uhr morgens vor der Tür und behaupten, meine Mutter sei aller Wahrscheinlichkeit nach schnell und schmerzlos gestorben, dann ruft jemand an und sagt, wir müssten einige Fragen beantworten, und gleich darauf kommen dann Sie.«
Plötzlich erkannte Monika, wen sie vor sich hatte. Jenny Hagman entwarf kühle und nüchterne Kleidungsstücke für kühle und nüchterne Zwanzigjährige, und zwar mit großem Erfolg.
Jetzt war es wohl angebracht, sich endlich vorzustellen.
»Hallo. Polizeiinspektorin Monika Pedersen und Polizeiinspektor Idriss Al-Khalili von der Kriminalpolizei City.«
Monika hasste ihren Titel. Sie wollte Kriminalkommissarin sein, Polizeiinspektorin klang wie etwas ganz anderes, wie Ladenkontrolleurin oder Warenprüferin. Dieser Titel ließ sie kleiner werden. Sie war umklassifiziert worden, ohne dass jemand sie gefragt hätte, was ihr wie eine halbe Kündigung erschien.
Jenny starrte sie noch immer an, deshalb fuhr Monika fort: »Ja, es tut mir Leid, dass wir Sie gerade jetzt stören müssen, wo Sie natürlich in Ruhe gelassen werden wollen, und wir möchten Ihnen unser Beileid aussprechen. Aber wir sind gekommen, um Ihnen zu helfen.«
Sie berichtete kurz über die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchung und sagte, dass sie mehr Informationen über Lottie brauchte. Die Sache mit dem Auge ließ sie unerwähnt.
»Sie wissen also nicht, was passiert ist«, sagte Jenny herausfordernd.
»Wir wissen, dass ein einfacher Sturz höchstwahrscheinlich nicht zu diesen Verletzungen geführt haben könnte. Deshalb sind wir hier.«
»Unwahrscheinliche Dinge können aber trotzdem passieren. Hätten Sie nicht warten können, bis Sie sicher sind, falls Sie das überhaupt jemals sein werden? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der sie gekannt hat, sie ermordet haben könnte, und wenn es jemand war, der sie nicht kannte, dann können wir Ihnen auch nichts sagen, das weiterhilft.«
Kühle Logik, und interessant. Sie hatte nicht das Übliche gesagt, nämlich, dass niemand Lottie etwas angetan haben könnte, dass sie der liebste Mensch auf der ganzen Welt gewesen sei.
Monika fragte sich, wie sie hier irgendeine Form von Zusammenarbeit entwickeln sollte. Die kleine Menschengruppe in diesem Zimmer hatte sich gegen die Eindringlinge zusammengeschlossen und kam ihr alles andere als hilfsbereit vor. Ein misstrauischeres Gemüt hätte vielleicht angenommen, dass sie etwas zu verbergen hatten, aber Monika konnte sich noch allerlei andere Gründe vorstellen, aus denen sie nichts mit ihr zu tun haben wollten.
Jenny stand noch immer vor Monika, und dieses Mal ergriff Idriss die Initiative ‒ er ging ganz einfach um sie herum und begrüßte die übrigen Anwesenden. Er reichte zuerst Pernilla die Hand, danach dem kräftigen Mann von etwa Mitte dreißig, der auf der anderen Seite des Sofas saß und sich als Johan vorstellte, dann wandte er sich der schmächtigen dunkelhaarigen jungen Frau mit den violetten Augen zu, die unter einer Decke auf einem breiten schwarzweißgestreiften Hocker mit krummen Beinen aus Weißmetall mehr lag als saß. Sie hieß Dahlia, wie das Schild an der Tür schon hatte vermuten lassen. Monika folgte Idriss und ließ sich rasch und ungebeten in einen zum Sofa passenden Sessel sinken. Die Katze, die auf der Armlehne gesessen hatte, sprang mit einer fließenden, kurzen Bewegung auf den Boden. Sie war klein und kohlschwarz, und Monika hielt sie für irgendeine Rassekatze, da sie aussah wie die Antwort der Katzenwelt auf ein Vollblutpferd.
Jenny stand noch immer schräg hinter Monika, doch Monika beschloss, sich nicht um diese stumme Aufforderung, so schnell wie möglich wieder zu verschwinden, zu kümmern.
Sie wandte sich Dahlia zu, da sie nicht davon ausgehen konnte, dass Lotties Töchter Antworten liefern würden.
»Wir brauchen ein paar Hintergrundinformationen. Sie wohnen hier, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Ja. Seit einem Jahr. Damals habe ich die Theaterschule verlassen und zugleich meine Wohnung verloren ‒ und da hat Lottie mir angeboten, hier ein Zimmer zu mieten. Sie hat manchmal an der Schule unterrichtet, und so habe ich sie kennen gelernt.« Dahlias Augen füllten sich mit Tränen. »Sie war ein großzügiger Mensch, niemand hätte ihr etwas angetan, da können Sie sicher sein. Ich kann nicht begreifen, dass sie nicht mehr da ist.« Jetzt strömten ihr die Tränen über die Wangen. »Wir haben zusammen gefrühstückt, das machen wir nicht immer, hier essen alle, wenn sie Hunger haben. Wir sind beide erst spät aufgestanden, so gegen zwölf. Sie hatte nachmittags eine Vorstellung, weil Sonntag war. Sie war so wie immer ‒ las die Zeitung, plauderte ein wenig. Ich bin sicher, dass sie keine Ahnung davon hatte, dass das ihr letztes Frühstück war, das hätte ich gemerkt.«
»Natürlich hatte sie keine Ahnung davon, dass das ihr letztes Frühstück war, kein Mensch glaubt ja wohl, dass sie sich selber umgebracht hat«, warf Jenny gereizt ein.
Dahlia setzte sich auf und zog die Decke über ihren schmalen Schultern zusammen.
»Ich verstehe dich nicht, Jenny. Die Polizei ist hier. Sie arbeiten für dich, aber du bist ihnen nicht im Geringsten behilflich. Setz dich und benimm dich anständig. Lottie zuliebe, wenn schon aus keinem anderen Grund.«
Aber Jenny blieb stehen, und die Kälte in ihrer Stimme ließ Monika zusammenzucken.
»Es ist nicht deine Mutter, die hier gestorben ist und an der alle einen Anteil zu besitzen glauben. Niemand hat sich in dein Zuhause gedrängt. Also solltest du die Klappe halten!«
Monika hatte noch nie einen weniger gelungenen ersten Kontakt mit Hinterbliebenen erlebt. Sie beschloss, nicht auf Jenny zu achten und hoffte, dass Dahlia ihrem Beispiel folgen würde.
»Also, hier in Lotties Wohnung leben Dahlia und Pernilla. An der Tür steht noch ein dritter Name, wer ist das?«
»Sara, Sara Gottman.« Dahlia hatte sich von Jennys Ausbruch nicht ins Bockshorn jagen lassen. »Sie will auch Schauspielerin werden. Sie ist in Indien und kommt erst nach Weihnachten zurück.«
Monika hörte Idriss’ Füllfederhalter kratzen. Sie hatten nicht über die Arbeitsverteilung gesprochen, aber er hatte offenbar die Protokollführung übernommen.
Monika wandte sich dem Mann zu, der stumm und aufmerksam, aber seltsam distanziert dasaß wie ein offizieller Beobachter oder Diplomat, den die Geschehnisse jedoch persönlich nicht betrafen. Er war untersetzt und grob gebaut, wenn auch nicht dick, hatte ein viereckiges Gesicht und dunkle Locken. Seine Augen waren hellbraun und in romantischen Situationen sicher brauchbar. Er beantwortete ihre stumme Frage: »Johan Lindén, Freund der Familie. Ich habe heute hier übernachtet, habe Lottie aber nicht gesehen. Das kommt häufiger vor. Kam häufiger vor.«
Monika hätte gern gewusst, ob er mit Pernilla oder mit Dahlia zusammen gewesen war, doch deren Verhalten gab keinerlei Hinweis darauf. Sie verkniff sich die Frage ‒ den minimalen Kontakt, den sie bisher aufgebaut hatte, wollte sie nicht durch Fragen zerstören, die unnötig persönlich wirken könnten. Im Laufe der Zeit würde sie schon alles in Erfahrung bringen, wenn es von Bedeutung für den Fall war.
»Na gut. Dann möchte ich vor allem wissen, ob Lottie Ihres Wissens nach jemals bedroht worden ist.«
Alle, die Monika sehen konnte, schüttelten den Kopf. Sie sahen verängstigt und ein wenig verständnislos aus, als könnten sie noch immer nicht glauben, dass das hier wirklich passierte.
»Aber was ist das denn für ein Unsinn! Niemand hat Lottie bedroht!«, protestierte Jenny.
»Woher wissen Sie das?«
»Das hätte sie auf jeden Fall aller Welt erzählt, aber sie hat kein Wort gesagt.«
Die anderen nickten zustimmend.
»Wissen Sie, was sie in Kungsholmen wollte?«
Niemand wusste eine Antwort.
»Was machte sie sonst nach den Nachmittagsvorstellungen?«
Nach einer ziemlich langen Pause sagte Johan zögernd, das sei ganz unterschiedlich gewesen. Manchmal sei sie nach Hause gekommen, manchmal hätte sie aber auch ihre vielen Bekannten besucht oder sei mit Kolleginnen oder Kollegen essen gegangen.
»Wissen Sie, was sie gestern gemacht hat?«
Das wusste niemand, oder sie verschwiegen es, falls sie es wussten. Sie hatten sich jedenfalls keine Sorgen gemacht, als sie abends nicht nach Hause gekommen war, sie waren an Lotties unregelmäßige Lebensführung gewohnt und deshalb wie sonst schlafen gegangen.
»Können Sie mir sagen, woran Lottie im Moment gearbeitet hat? Sie haben das Theater erwähnt, aber sie wirkte ja offenbar auch in einer Fernsehserie mit?«
Jenny gab nach und ließ sich zwischen Pernilla und Johan auf das Sofa sinken, sodass sie Monikas Blick erwidern konnte.
»Sie hatte viele Eisen im Feuer. Da war das Theater, die Revue im Maximtheater, gleich hier in der Nähe. Und dann ›Unsere verrückte Familie‹, eine Seifenoper, wo sie eine Großmutter spielte, die sich immer wieder in das Leben der anderen einmischte, Sie haben sicher einige Folgen gesehen, die Serie läuft schon seit einer Ewigkeit. Soviel wir wissen, hatte sie keine Feinde, sie hatte weder mit Drogenhandel noch mit Erpressung oder anderen Dingen zu tun, die auf die Dauer gefährlich werden können. Sie fürchtete sich vor nichts und niemandem. Ich hoffe, Sie sind jetzt zufrieden, denn damit ist dieses Gespräch beendet.«
Jenny sprang wieder auf, und dieses Mal folgte Monika ihrem Beispiel. Sie nahm an, dass sie hier nicht weiterkommen würden. Und da noch immer nicht feststand, ob Lottie wirklich ermordet worden war, gab es auch keinen Grund, auf der Fortsetzung des Gesprächs zu bestehen und sich den trauernden Töchtern noch länger aufzudrängen.
Doch zugleich fragte Monika sich, wen Jenny zu beschützen versuchte. Sich selbst, vor Trauer und Schock? Pernilla, die in ihrer Sofaecke wie ein verzweifeltes Kind in sich zusammenkroch? Lotties eventuelle Geheimnisse? Wenn Lottie wirklich ermordet worden war, dann würden sie bald ihre Wohnung auf den Kopf stellen, doch bis dahin sollten die Töchter ihre Ruhe haben. Oder vielleicht hatte Jenny einfach seit ihrer Kindheit um ihr Privatleben kämpfen müssen. Sie war vielleicht diejenige gewesen, die Grenzen zog, die einen ständigen Kampf darum ausfocht, einen kleinen Teil von Lotties öffentlich geführtem Leben zu behalten. Vielleicht hatte sie Pernilla schützen müssen, weil Lottie das nicht tat. Zum ersten Mal seit sie diese Wohnung betreten hatte, empfand Monika eine gewisse Sympathie, stellte sich plötzlich die vielen Fragen vor, die neugierigen Blicke, die vielen Eindringlinge ins Familienleben, mit denen Lotties Kinder hatten leben müssen. Das könnte durchaus erklären, dass weder Jenny noch Pernilla das Bedürfnis zeigten, ihr Leben, die Ereignisse und ihre Reaktionen genau zu beschreiben, wie es Monika so oft bei Angehörigen begegnet war.
Eine andere Erklärung war natürlich, dass die Polizei nun zu der Feindin geworden war, die um keinen Preis die Wahrheit über Lotties Tod in Erfahrung bringen durfte.
Sie hatten den Bogengang schon fast durchquert, als Jenny noch hinzufügte: »Wenn Sie schon jemanden schikanieren wollen, dann versuchen Sie es doch bei Eva-Maria, unserer Halbschwester. Die wohnt übrigens dort in der Gegend.«
»Wir wussten nicht, dass es noch eine Schwester gibt. Ist sie schon unterrichtet worden?«, fragte Idriss.
Jenny schüttelte den Kopf.
»Von uns jedenfalls nicht. Wir haben keinen Kontakt zueinander.«
»Aber dann weiß sie vermutlich noch nicht einmal, dass ihre Mutter nicht mehr lebt. Sicher hat sie ihren Namen geändert und ist uns deshalb nicht aufgefallen.«
»Sie ist mit einem Marokkaner verheiratet. Er heißt Mossati, Mossa... so was in der Art. Aber das ist doch egal ‒ für sie ist Lottie seit über zwanzig Jahren tot.«
Am Ende war es Johan, der anbot nach dem Namen und der Adresse zu suchen. Die anderen schienen sich nicht im Mindesten daran zu stoßen, dass er, der Gast, Lotties Habseligkeiten durchsuchte, oder genauer gesagt, ihren Nachlass.
»Hier ist es«, rief Johan aus dem Inneren der Wohnung. Seine Stimme schien von weither zu kommen. Er hielt ein kleines, abgegriffenes Notizbuch und ein Telefonbuch in der Hand, als er zurückkam.
»Ich habe auch eine Nummer, aber keine Adresse. Ich sehe mal im Telefonbuch nach.«
Er fing an zu blättern. Monika notierte inzwischen die Nummer.
»Moussaoui. Moussawi. Die Franzosen sind schuld daran, dass dieser Name M-o-u-s-s-a-o-u-i geschrieben wird. Wenn Marokko eine englische Kolonie gewesen wäre, dann würde es M-o-o-s-a-w-e-e geschrieben. Ein Buchstabe weniger!«
Idriss war der Einzige, der lachte.
»Hier. Kassem und Eva-Maria.«
Er verstummte plötzlich und sah peinlich berührt aus.
»Seltsam. Sie wohnen in der Igeldammsgata 26. Das muss doch ganz in der Nähe sein.«
Monika sah Jenny und Pernilla an. Wollten sie ihr wirklich einreden, sie wüssten den Namen und die Adresse ihrer Schwester nicht? Oder war es einfach so, dass kein warmes Zimmer, kein Erfolg, keine Begabung vor den Kräften schützt, die die Bindungen zwischen Frauen mit derselben Mutter, zwischen Mutter und Tochter zerreißen können?
»Wollen Sie Eva-Maria anrufen oder sollen wir das übernehmen?«
»Ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden ‒ wir kennen sie nicht, wir hatten noch nie Kontakt, und es gibt wohl keinen Grund, jetzt damit anzufangen«, sagte Jenny sofort.
Monika verkniff sich die Bemerkung, dass der Tod eines Menschen die Hinterbliebenen oft in Kontakt miteinander bringt. Unbekannte Kinder, entlaufene Ehemänner, Geschwister, die abgeschrieben wurden oder verschwunden sind.
»Könnte Lottie nicht trotzdem auf dem Weg von oder zu Eva-Maria gewesen sein? Früher oder später versöhnen sich die meisten doch wieder, und zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.«
»Eva-Maria hat Lottie gehasst«, sagte Jenny, bevor sie etwas leiser fortfuhr. »Und Lottie wäre niemals zu ihr gegangen.«
Monika wartete vergeblich auf eine Erklärung.
»Dann werden wir sie verständigen. Ja, und wir möchten die Presse so lange wie möglich aus der Sache heraushalten. Würden Sie uns dabei behilflich sein?«
»Wir werden alle dichthalten.« Dahlia hatte sich zur Sprecherin der Gruppe erhoben, und Monika hoffte, dass Jenny nicht sofort aus Protest bei irgendeiner Abendzeitung anrufen würde.
Sie gab sich alle Mühe, das Gespräch auf freundliche Weise zu beenden. Menschen, die gerade erst einen nahen Angehörigen verloren haben, setzen schließlich andere Prioritäten als die Zusammenarbeit mit der Polizei. Idriss notierte Adressen und Telefonnummern, während Monika den Anwesenden die Hand gab und nach ein paar freundlichen Worten suchte. »Wir melden uns, wenn wir mehr wissen«, schloss sie.
Jenny reichte ihr eine Visitenkarte, als sie die Wohnung schon fast verlassen hatten. »Rufen Sie diese Nummer an ‒ das ist Lotties Geheimnummer für wichtige berufliche Verbindungen und gute Freunde. Wir haben den Stecker des anderen Anschlusses herausgezogen.«
Die Visitenkarte ließ Monika erschaudern ‒ Lottie hatte ihre Augen, die großen violetten Augen, als Hintergrund gewählt. Sie schienen sie anzusehen, und Monika wollte lieber nicht daran denken, was mit dem einen geschehen war. Aber daran musste nicht unbedingt der Täter schuld sein, in der Stadt wimmelte es doch von hungrigen kleinen Tieren, und sie wusste, was Ratten oder Krähen einem Leichnam antun konnten. Die weichen Augen verschwinden meistens als Erstes.
Dieser Fall kam ihr aus so vielen Gründen seltsam und bedrohlich vor, dass sie sie gar nicht alle aufzählen konnte.
Im Fahrstuhl spielte Monika mit dem Gedanken, jemand anderen zu Eva-Maria schicken zu lassen, beschloss dann aber, sie doch selbst aufzusuchen. Die Reaktion auf die Todesnachricht konnte von großer Bedeutung sein, deshalb sah sie sie lieber mit eigenen Augen. Aber das brachte sie zum nächsten Problem: sie wusste nicht, was sie zu Idriss sagen sollte.
Im Fahrstuhl hatte sie ihm den Rücken zugekehrt, um keine Kommentare abgeben zu müssen. Der Fahrstuhl kam ihr ungewöhnlich langsam vor, und am Ende fühlte sie sich zu irgendeiner Bemerkung gezwungen, also drehte sie sich zu Idriss um, der jedoch völlig in Gedanken versunken zu sein schien. Schweigend gingen sie auf die Haustür zu.
Als sie die Straße betraten, sahen sie als Erstes eine junge Frau, die vor dem Kiosk Zeitungsplakate aufhängte. Sie trug keinen Mantel, hob die Schultern und spannte ihren ganzen Körper an, um sich vor der Kälte zu schützen. Ihr Atem gefror zu Eis und hing wie eine leere Sprechblase vor ihrem Gesicht, während sie mit schnellen, ruckartigen Bewegungen arbeitete. Das Plakat, das sie aufhängte, machte Monika und Idriss bewusst, dass ihnen noch weniger Zeit blieb, als sie erwartet hatten.
Die Zeitung Expressen hatte den Wettlauf gewonnen. Ein dicker schwarzer Rahmen umgab Lotties Gesicht, und die Schlagzeile fragte kurz und bündig: »Lottie Hagman tot ‒ Mord?«
Aftonbladet hatte sich mit dem Wetter begnügen müssen, und die Schlagzeile »—14, wir frieren«, stellte keinerlei Konkurrenz dar.
Verdammt!
4
Verdammt. Verdammt. Verdammt, dachte Monika. Seit sie mit einem Pietisten aus Jonköping zusammengearbeitet hatte, fluchte sie nicht mehr laut.
Von dem Kiosk her lächelten nun drei Ausgaben einer etwa dreißigjährigen Lottie verführerisch und in makaberem Kontrast zu den dicken Trauerrändern zu ihnen herüber.
Verdammte Hölle, dachte Monika.
Sie wusste wirklich nicht, ob Idriss Einwände erheben würde, nicht einmal, ob die Hölle zum muslimischen Weltbild dazu gehörte, und wenn ja, ob es verboten war, dieses Wort auszusprechen.
Idriss blieb stehen und schaute Lottie ins Gesicht. Ein Gesicht mit heruntergezogenem Hut und sichtbarem Atem, eins mit in der Sonne leuchtenden Haaren, die im Wind eines vergangenen Sommers wehten.
»Verflucht«, sagte er nachdrücklich und fügte dann eilig hinzu: »Oder, Verzeihung... vielleicht bist du ja religiös?«
Monika prustete los, ihre erste spontane Reaktion seit diesem Morgen. Es war befreiend.
»Nein, aber ich dachte, du vielleicht, und deshalb habe ich nicht gewagt meine Gedanken laut auszusprechen. Wie, zum Teufel, konnte das nur passieren? Wir ‒ wir müssen eine Zeitung kaufen, und dann können wir auch gleich einen Happen essen. Ich hoffe, Eva-Maria muss das nicht lesen, ehe ich sie erreicht habe ‒ aber woher weiß die Zeitung jetzt schon, dass es Lottie war? Und sie müssen doch auch noch die Zeit gehabt haben, den Text zu schreiben, Bilder herauszusuchen und all das.«
Obwohl sie nur einige Minuten im Freien verbracht hatten, drang die Kälte bereits durch ihre Kleidung und die Schuhsohlen, sodass sie dankbar den warmen Kiosk betraten. Sie kauften eine Zeitung, zwei überteuerte belegte Brote und Kaffee.
Monika zog ihr Telefon hervor und wählte Eva-Marias Nummer, ohne jedoch damit zu rechnen, jemanden anzutreffen. Eva-Maria war sicher bei der Arbeit, und Monika wusste nicht, wo das war.
Sie fuhr leicht zusammen, als gleich nach dem ersten Klingeln eine Stimme sagte: »Moussaoui.«
Die Stimme klang müde und so traurig, dass Monika sich fragte, ob sie wohl schon Bescheid wusste. Bestimmt hatten irgendwelche Bekannten die Schlagzeilen gesehen und sofort angerufen.
»Hier spricht Polizeiinspektorin Monika Pedersen von der Kriminalpolizei City. Ich würde mich gern sofort mit Ihnen treffen.«
Ein solcher Gesprächsanfang konnte anderen Menschen eine Heidenangst einjagen, doch Eva-Maria stellte nicht einmal eine Frage.
»Es geht um Ihre Mutter, Lottie Hagman«, sagte Monika. »Wir können in einer guten halben Stunde bei Ihnen sein, ist Ihnen das recht?«
Das war ihr recht, und Monika dachte kurz nach. Sie konnten die Brote im Auto essen, aber sie wollte noch den Artikel über Lottie lesen, und das ging nicht, wenn sie fahren musste. Sie beschloss eine Pause einzulegen, sich an einen der kleinen Tische zu setzen und das Brot zu essen, während sie sich einen Überblick über Lotties Leben verschaffte. Sie hoffte, dass sie diesen Entschluss nicht bereuen würde.
Auf der Vorderseite der Zeitung war dasselbe Bild zu sehen wie auf den Plakaten. Mangels einer besseren Erklärung hatte die Zeitung beschlossen, dass Lottie vermutlich der blinden Gewalt zum Opfer gefallen war, es war vage die Rede von Bandenbildung, abwesenden Vätern und testosteronverstärkter Aggression. Das Textproblem war dadurch gelöst worden, dass es fast keinen gab, stattdessen hatte man systematisch das Bildarchiv geplündert. Die Zeitung brachte Bilder aus Filmen und aus ihrem Privatleben, falls in Lotties Fall überhaupt von einem Privatleben die Rede sein konnte ‒ Szenen aus Lotties erstem Film, in dem sie als unschuldiges Opfer in einem Psychothriller sämtliche Herzen betört hatte. Etwas weiter unten tauchte das erste und einzige Bild von Eva-Maria auf. Es handelte sich um eine professionelle Aufnahme, die an einem Strand gemacht worden war, auf der Lottie einen äußerst knappen Badeanzug trug und einladend lächelte, während hinter ihr, nicht ganz deutlich zu erkennen, Eva-Maria mit einem abwartenden Ausdruck in ihrem alltäglichen Gesichtchen stand. Sie sah aus wie eine etwa dreijährige sommerblonde Statistin im Leben ihrer schönen Mutter.
Monikas Mutter hatte ihre Enttäuschung darüber nie verbergen können, dass sie keine schöne Tochter bekommen hatte, eine langbeinige attraktive Tochter, die Geld und Ansehen erheiraten konnte. War Lottie ebenso enttäuscht gewesen wie Eva-Maria? Diese Frage war in ihr Bewusstsein gedrungen, ehe Monika sie abwehren konnte, doch sie verwarf sie sofort wieder. Sie hatte nicht vor, sich von diesen Menschen berühren zu lassen, sie hatte nicht vor ‒ sie hasste diesen Ausdruck —, sich selbst als Instrument zu benutzen. Normale, banale, nicht-introspektive Polizeiarbeit, dafür wurde sie bezahlt, und an diesem Tag wollte sie nicht mehr leisten als das.
Sie versuchte, in dem verschlossenen Kindergesicht auf dem Bild eine Auskunft zu finden, doch es gelang ihr nicht.
»Wie kann eine den Kontakt zu Mutter und Schwestern verlieren, die in derselben Stadt leben? Wie können sie einander einfach fallen lassen?«, fragte sie sich leise.
Idriss, der ihr gegenüber saß, schien sich angesprochen zu fühlen und blickte von seiner Zeitung auf: »Das kommt sicher häufiger vor. Denk doch an all die Teenys und an die verschuldeten Familienväter, die abgetaucht sind, an die Frauen, die Männern aus dem Weg gehen müssen, wenn diese Männer nicht begreifen, dass die Beziehung zu Ende ist.«
»Ich kann mir Lottie einfach nicht als eine so erbärmliche Mutter vorstellen. Und deine anderen Beispiele sind für unseren Fall sicher nicht relevant.«
Was sie gemeint hatte, war die Tatsache, dass Töchter oft Familien verlassen, in denen sie schlecht behandelt werden, doch sie hatte nicht beabsichtigt, sich so unfreundlich anzuhören. Sie hatte mit Klagen über die schwedische Gesellschaft gerechnet, über die Kälte, mit der die Menschen in Schweden einander behandelten, und sie hatte zum Gegenschlag ausgeholt, obwohl der erwartete Angriff ausgeblieben war. Es war ihr unangenehm, dass sie seine Reaktionen nicht vorausgesehen hatte.
Sie wäre gern nach Hause gegangen, um sich ins Bett zu legen und diesen Tag zu vergessen, am liebsten hätte sie die Zeit ein Stück vorgespult. Sie wollte Idriss vergessen. Wollte Lottie vergessen, die staatliche Verschuldung, die Rentenreform (die bedeutete, dass ihre Rente niedriger ausfallen würde als vor der Reform). Wollte Håkon Götsten von der Orthopädie und seinen Pfleger mit dem ‒ noch unbewiesenen ‒ Hang zu bewusstlosen jungen Frauen vergessen.
Die Forderungen, die die Gemeinschaft an sie stellte, kamen ihr plötzlich unüberwindlich vor.
Trotz allem aber hätte sie sich wegen Idriss vielleicht keine Sorgen zu machen brauchen, denn er sagte nur freundlich:
»In zwanzig Jahren kann viel passieren. Es wird interessant sein, diese Tochter kennen zu lernen.«
Er hatte Recht. Sogar an diesem kalten und anstrengenden Tag wollte sie gern wissen, was aus dem kleinen Mädchen am Strand geworden war, das jetzt zum zweiten Mal in seinem Leben die Mutter verloren zu haben schien. Das jetzt die Möglichkeit verloren hatte, das wieder gutzumachen, was zwischen ihnen vorgefallen war. Die junge Frau, die, wenn Jenny die Wahrheit sagte, Lottie gehasst hatte.
Reine Routinearbeit, schärfte Monika sich ein, in diesem Fall gibt es nur einen Routineeinsatz. Nicht vergessen, dass du jetzt keine Reserven hast, nichts, worauf du im Notfall zurückgreifen könntest.
Sie schaute sich um, um sich abzulenken. Neben ihnen saß ein Mann von Mitte vierzig, der zu viel gegessen, zu viel getrunken und zu viel geraucht hatte, sie brauchte nicht Sherlock Holmes zu sein, um das zu sehen. Seine dicken nikotingelben Finger spielten an einer leeren Kaffeetasse herum, und seine wässrigen Augen waren auf Lotties Haustür gerichtet. Sein verschlissener grauer Kaschmirmantel zeugte von besseren Zeiten, sein gelber Schal von einer gewissen Eitelkeit und die Flecken darauf von der verlorenen Kontrolle über den Lauf der Dinge. Monika sah ein Leben, das ausgelöscht wurde, ein Leben, das in den Fugen ächzte, ein Leben, in dem ein verängstigter Mensch sich fragte, wieso er eine dermaßen falsche Richtung eingeschlagen hatte. Sie nahm an, dass er auf Geld wartete, nicht auf Liebe, vielleicht wollte er eine Schuld eintreiben oder jemanden anpumpen, der ihn noch immer nicht satt hatte. Vielleicht würde er demnächst Gesellschaft von einem Polizisten bekommen, der dann ebenfalls Lotties Haustür anstarren würde.
Sie erhob sich, sie gingen zum Auto und fuhren nach Norden.
»Das war kein leichtes Gespräch.« Mit irgendetwas musste sie schließlich anfangen, und ihr fiel auf, wie defensiv sie klang. »Aber so ist das manchmal.«
»Unter diesen Umständen haben wir eine Menge herausbekommen, finde ich.« Idriss schien wunderbarerweise noch immer guter Laune zu sein. »Wir können schließlich nichts dafür, dass den Töchtern zuerst etwas Falsches erzählt worden ist und dass sie sich nicht sofort mit der neuen Situation und den Ergebnissen der Gerichtsmedizin abfinden konnten. Kein Mensch wünscht sich doch, dass seine Mutter ermordet wird, und es ist bestimmt schwer, etwas zu glauben, das man einfach nicht wahrhaben will. ‒ Außerdem«, fügte er hinzu, »haben wir im Grunde zwei Möglichkeiten. Entweder haben sie die Wahrheit gesagt. Dann wissen wir erstens, dass Lottie keine Feinde hatte, niemanden, vor dem sie sich fürchtete, zweitens, dass etwas zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter passiert ist, was sie nicht wieder gutmachen konnten, und drittens, dass die jüngeren Schwestern in diesem Konflikt auf Lotties Seite standen. Wir können davon ausgehen, dass Lottie in Kungsholmen etwas vorhatte, wovon sie ihren Töchtern nichts erzählt hat. Die andere Möglichkeit ist, dass sie lügen, oder sagen wir, dass Jenny lügt und Pernilla und die anderen sie durch ihr Schweigen unterstützen. Und dann wissen sie vielleicht, wer Lottie ermordet haben könnte, und dann werden wir das bei unserem nächsten oder übernächsten Treffen herausbekommen.«
Die ausgebliebene Kritik milderte Monikas Anspannung ein wenig.
Idriss spekulierte munter weiter:
»Ich möchte wissen, was Johan Lindén dort macht ‒ er wohnt in der Brahegata, nur ein paar Blocks von Lottie entfernt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er die Nacht mit Pernilla oder Dahlia verbracht hat, und wenn er Lotties Liebhaber war, dann hätte er sich doch bestimmt Sorgen gemacht, als sie nicht nach Hause kam. Falls es nicht normal war, dass Lottie irgendwo anders schlief, aber das hätte sie sicher nicht gemacht, wenn ihr Liebhaber zu Besuch war. Es sei denn, sie hätten sich an diesem Abend gestritten. Aber dann wäre doch wohl eher er gegangen. Und wenn er bei einer der anderen übernachtet hat, dann kann es doch nicht schwer sein, das herauszufinden. Lottie hat ihre Wohnung mit drei jungen Frauen geteilt, viele Geheimnisse kann es da nicht gegeben haben. Wenn sie sich mit Johan oder sonst jemandem zerstritten hatte, dann müssten wir, wenn wir kein allzu großes Pech haben, gleich mehrere Zeuginnen für einen heftigen Wortwechsel oder was auch immer zur Auswahl haben.«
Falls wir es schaffen, diese möglichen Zeuginnen zum Reden zu bringen, dachte Monika.
Sein Engagement wollte sich nicht auf sie übertragen, lockerte die Stimmung im Wagen jedoch zumindest ein wenig auf. Der Valhallaväg erwies sich außerdem als kluge Wahl, der Verkehr verlief dort praktisch normal, und danach erreichten sie verhältnismäßig leicht den Sankt Eriksplan und von dort die Igeldammsgata.
Es war vielleicht auch gut, dass sie nicht mit Idriss reden konnte, sie hatte keine Lust, sich mit verlorenen Geschwistern, toten Müttern, Hass und Streit zu befassen. Doch gleichzeitig waren sie unterwegs zu einer Tochter, deren Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet worden war, einer Tochter, die Grund hatte, böse auf ihre Mutter zu sein, falls auf Jennys Aussagen Verlass war, und deshalb blieb für Monika nur eine kurze Galgenfrist.
5
Zum zweiten Mal an diesem Tag sahen sie die Fleminggata unterhalb der Igeldammsgata auftauchen. Das Licht war beim ersten Mal milder gewesen, und die Straße kam ihnen jetzt ein wenig normaler vor, ein wenig härter in den Konturen. Die Nummern 24 bis 28 gehörten zu einem langen Haus mit Betonbalkons über die gesamte Fassade; soweit Monika sehen konnte, handelte es sich um das einzige Haus in der Straße, das aus den sechziger Jahren stammte. Lottie war an diesem Morgen oberhalb der Nummer 32 gefunden worden, eine Nummer 30 gab es offenbar nicht. Monika schüttelte den Kopf.
»Das kann einfach kein Zufall sein.«
Das hätte ihr eigentlich eher zusagen müssen. Wenn Lotties älteste Tochter jetzt mit einem blutigen Baseballschläger in der Hand in ihrer Wohnung saß und sich danach sehnte, alles gestehen zu dürfen, dann wäre der Fall gelöst und würde bald aus der Welt sein. Monika könnte sich wieder ihrer normalen Arbeit widmen und die Verantwortung für Idriss jemand anderem überlassen, eine einfache und arbeitssparende Lösung. Überrascht stellte Monika fest, dass sie hoffte, es werde doch nicht ganz so einfach sein. Plötzlich wollte sie nicht, dass sich das am wenigsten geliebte Kind gerächt hatte, dass ein Keim, der in der Kindheit gepflanzt worden war, am Ende zu Lotties eingeschlagenem Schädel geführt hatte. Wie sollte man sich in einer solchen Welt denn sonst jemals sicher fühlen können?
Idriss schien ähnlichen Gedanken nachgehangen zu haben, denn er sagte leise: »Kann man wirklich plötzlich von einem Hass überwältigt werden, den man schon so lange mit sich herumschleppt? Ich habe das einmal nachgerechnet: wenn Eva-Maria auf dem Foto in der Zeitung drei war, dann ist sie jetzt Anfang vierzig. Jenny sagt, dass Eva-Maria Lottie immer noch hasste, aber wie wollte Jenny das wissen, wenn sie doch keinen Kontakt zueinander hatten? Und was bedeutet das überhaupt? Wir sehr können wir unsere Eltern hassen?«
»Genug, um sie zu töten, das solltest du doch wissen. Und es braucht kein Grund von früher zu sein, der hier herumspukt, Lottie kann diesen Grund dafür, dass jemand ihr den Tod gewünscht hat, auch erst vor kurzem geliefert haben.«
Sie hielten am Bürgersteig an und stellten den Wagen vor dem Hauseingang ab, der auch hier aus einer Art Tunnel bestand, nur war dieser gerade und rechteckig, genau wie das übrige Haus, und besaß eine Einfahrt für Autos und einen Fußweg. Die eine Mauer war grau gefliest, unter der Decke hingen Neonröhren. Den Architekten der sechziger Jahre hatte es an Selbstvertrauen jedenfalls nicht gefehlt ‒ das Haus war entworfen und gebaut worden, als bestünde nicht der geringste Grund, auf irgendjemanden oder irgendetwas in der Umgebung Rücksicht zu nehmen. Es war in einer Zeit entstanden, in der Schweden zu den reichsten Ländern der Welt gehört hatte, in einer Zeit ohne Staatsverschuldung, einer Zeit, in der die Bevölkerung glauben konnte, dass das Land im Gegensatz zu den meisten anderen nicht zu Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit neigte. Einer Zeit, als Reihen von identischen eckigen Betonhäusern auf frisch asphaltierte Felder gesetzt wurden und alle das so in Ordnung fanden. Auf einem Feld wäre es vielleicht logisch erschienen, die Balkons auf der einen und die Eingänge auf der anderen Seite anzulegen. Heute jedoch wirkte es alles andere als selbstverständlich, zuerst durch das Haus gehen zu müssen, ehe man es betreten konnte, doch da die Querseiten mit denen der Nachbarhäuser zusammengebaut waren, blieb keine andere Wahl.
Links, vor Eva-Marias Haus, verlief ein Straßenende, das in einer etwas breiteren Fläche endete, die von einem Schild als Wendehammer deklariert wurde und von einigen Rhododendronbüschen umgeben war, deren dunkle Blätter sich in der Kälte aufgerollt hatten. Dahinter verlief eine niedrige Betonmauer mit schwarzem Eisengeländer. Monika ging am Haus entlang, zwängte sich dann durch die Büsche und beugte sich vor, um festzustellen, ob es einen Durchgang zum Hinterhof von Nummer 32 gab. Dabei erkannte sie, dass sie auf einem Absatz stand, der schräg oberhalb vom eventuellen Tatort lag. Unter sich sah sie die Treppe mit dem hellroten Blutfleck und die Kollegen von der Technik sowie einen jungen Schäferhund, die systematisch den Hof durchsuchten. Der Hund schien als Einziger mit Freude und Enthusiasmus an der Arbeit zu sein.
Es waren bestimmt sieben oder acht Meter bis nach unten, und es gab keine Treppe. Es war offenbar nicht möglich, von Eva-Marias Hinterhof in den der Nummer 32 zu gelangen, solange man sich nicht abseilte. Vermutlich war das alles nicht wichtig, dennoch war es ein befriedigendes Gefühl, etwas Konkretes zu wissen ‒ als Gegenstück zu den Grübeleien über Lottie und ihre Familie, die der Besuch bei den jüngeren Töchtern ausgelöst hatte.
Sie gingen am Haus vorbei zu Eva-Marias Eingang. Moussaoui, K., wohnte im zweiten Stock. Monika klingelte, und sie wurden sofort eingelassen.
Als sie oben ankamen, stand die Wohnungstür bereits offen. Die Frau sah wesentlich älter aus, als Monika erwartet hatte, deshalb hielt sie sie zuerst für eine Freundin oder eine Nachbarin.
»Eva-Maria Moussaoui.«
Sie sprach ihren Namen fast tonlos aus, als habe sie kaum noch Herrschaft über ihre Stimme. Lotties älteste Tochter trug eine alte Trainingshose, die immer schon von schlechter Qualität gewesen war, ein verschlissenes T-Shirt und ein Paar Frotteesocken, die in der Wäsche Farbe und Form eingebüßt hatten. Ihre hellbraunen Haare wiesen bereits graue Strähnen auf, und ihre nachlässige Frisur verstärkte den Eindruck von Müdigkeit und Resignation noch. Monikas erster Gedanke war, dass diese Frau einfach nicht genug Energie besitzen konnte, um einen Mord zu begehen.
Sie stellten sich vor, und Eva-Maria führte sie durch eine enge Diele und einen schmalen Gang in ein Wohnzimmer, das noch kleiner war als erwartet. Vielleicht sah es auch nur so klein aus, weil zwei riesige Sofas fast beinahe den gesamten Raum einnahmen. Oder weil Lotties Wohnung so riesig gewesen war. Es roch nach kaltem Zigarettenrauch und Staub.
Sie setzten sich. Eva-Maria bot ihnen nichts zu trinken an.
»Sind Sie allein zu Hause?«, fragte Monika.
»Ja. Mein Mann ist bei der Arbeit, und mein Sohn besucht einen Freund. Wieso?«
»Wir bringen leider sehr schlechte Nachrichten. Und in einer solchen Situation ist es oft besser, sich auf einen lieben Menschen stützen zu können.«
Abgenutzte Worte.
Früher waren sie ihr wichtig erschienen, bedeutungsschwer, und sie auf die richtige Weise vorzubringen, hatte für sie als berufliche Herausforderung gegolten. Auch so schwierige Situationen wie diese hatte sie gemeistert. Es hatte einen Teil ihres Berufsstolzes ausgemacht.
Heute klangen sie nur dürftig. Solche Nachrichten dürften nicht von unbekannten Staatsdienern vorgebracht werden. Nicht einmal dann, wenn es nach allen künstlichen Regeln der Kunst geschah.
Eva-Maria zeigte keine nennenswerte Reaktion, sondern starrte lediglich einen kleinen Perlenteppich auf dem Tisch an. Monika wusste genau, dass es nichts zu bedeuten hatte, dass Eva-Maria im Augenblick keine Fragen stellte, doch sie wunderte sich dennoch darüber. Eva-Maria wusste vielleicht schon mehr als Monika selbst, sie konnte ihnen vielleicht erzählen, wie, wann, von wem und warum. Oder sie wusste nichts, obwohl Lottie nur einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt zu Tode gekommen war, schräg gegenüber von ihrem Hinterhof.
Am Ende sagte Eva-Maria ohne aufzublicken: »Das spielt keine Rolle. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben.«
»Wir wissen nicht sehr viel. Heute Morgen, gegen fünf, kam eine Meldung über die Notrufnummer. Auf der Treppe zwischen der Igeldammsgata und dem Kungsholms Strand war eine Frau gefunden worden. Sie war tot«, sagte Monika so freundlich wie möglich.
Sie legte eine Pause ein.
»Es war Lottie Hagman, Ihre Mutter. Es tut uns Leid.«
Noch immer schwieg Eva-Maria und starrte die Perlen an.
Als Eva-Maria endlich etwas sagte, schien sie beinahe mit sich selbst zu sprechen.
»Offenbar kommt aller Dreck an diese Adresse hier. Aller verdammter Dreck auf der Welt.« Danach schaute sie Monika zum ersten Mal ins Gesicht: »Wie ist sie gestorben?«
»Das wissen wir noch nicht genau. Sie lag auf der Treppe, als sei sie gestürzt. Sie hatte eine Kopfverletzung. Wir glauben, dass es sehr schnell gegangen ist, aber wir wissen nicht, wie.«
Eva-Maria schaute sie verständnislos an. »Wie meinen Sie das? Was wissen Sie nicht?«
»Es ist möglich, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod oder einen Unfall handelt.«
Eva-Maria setzte sich plötzlich auf und blickte Monika trotzig an. »Deshalb kommen Sie also gleich zu zweit, und auch nicht mit Anfängern. Sie vermuten, dass jemand sie ermordet hat, und da denken Sie an mich. Oder an meinen marokkanischen Mann.« Ihre Stimme wurde schriller, wenn auch nicht wesentlich lauter. »Ich kann mir schon denken, dass irgendein armer Teufel, der ihr zu nahe gekommen ist, die Nerven verloren hat. Aber wenn Sie glauben, wir hätten sie hergelockt und sie dann vor unserem eigenen Haus erschossen, dann irren Sie sich.« Dann brach sie plötzlich in Tränen aus, lehnte ihren Kopf an den Sofarücken und weinte leise vor sich hin.
Nach einer Weile verstummte sie schließlich und murmelte: »Gibt es denn gar nichts, woran nicht ich schuld sein soll?«
»Wie meinen Sie das?«
»Das Personal in meinem Kinderhort kündigt ‒ und ich soll daran schuld sein, obwohl niemand mich gefragt hat, als der neue Dienstplan festgelegt wurde. Für die Kinder sind die neuen Großgruppen nicht gut, ich soll etwas unternehmen, ich bin dafür verantwortlich. Neulich bin ich mit meinem Sohn im Fahrstuhl gefahren, und da sind zwei Typen von vielleicht zwanzig gekommen und haben mich an die Wand gedrückt. Sie wollten wissen, ob schwedische Kinder nicht gut genug für mich seien. Jetzt stirbt Lottie, und auch daran soll ich schuld sein, nur weil sie in der Wahl ihres Todesortes genauso rücksichtslos war wie in jeder anderen Hinsicht.« Jetzt weinte sie. »Begreifen Sie das nicht? Ich hatte keinen Kontakt zu ihr. Ich weiß nichts über ihr Leben oder ihren Tod. Ich will meine Ruhe haben.«
Monika hätte sie gern getröstet, ihr gesagt, dass sie sie durchaus nicht für die Zustände in ihrem Kinderhort oder für Lotties Tod verantwortlich machten, aber da das ja streng genommen nicht gestimmt hätte, schwieg sie lieber. Sie hätte gern gefragt, warum Eva-Maria und Lottie den Kontakt zueinander abgebrochen oder verloren hatten, aber es schien dafür einfach nicht der richtige Moment zu sein.
Sie begnügte sich mit der Mitteilung: »Eine Untersuchung eines ungeklärten Todesfalls ist immer eine große Belastung für die Angehörigen, für alle Beteiligten. Sie hätten natürlich schon früher unterrichtet werden müssen, aber wir hatten Ihre Telefonnummer nicht. Ich kann verstehen, wie sehr Ihnen das zu schaffen macht. Wir können später wiederkommen, wenn Sie möchten.«
»Nein, das ist nicht nötig. Aber ich habe nichts zu sagen. Ich weiß sicher weniger über Lotties Leben als die meisten anderen. Ich lese keine Illustrierten. Wie gesagt, wir hatten keinen Kontakt. Sie hat sich nicht einmal für meinen Sohn interessiert, obwohl er ihr einziges Enkelkind ist. Er hat nie etwas zu Weihnachten von ihr bekommen, nie ein Geburtstagsgeschenk.«
»Das muss für Sie und für ihn sehr hart gewesen sein.«
»Er kann ja nichts vermissen, was er nie gehabt hat. Für mich war es schlimmer. Sie war in vieler Hinsicht ein böser Mensch, aber ich habe sie nicht umgebracht.«
»Wie stand Ihr Mann zu all dem?«
»Was glauben Sie wohl? Er hält sie für eine unnatürliche Mutter. Seine Eltern sind arm und können kaum lesen und schreiben, aber sie kümmern sich mehr um meinen Sohn als sie, und dabei haben sie an die dreißig Enkelkinder.«
Inzwischen war sie etwas weniger apathisch.
»Er hatte keine Möglichkeit sie umzubringen. Sie sind sich nur einmal begegnet, er ist zu ihr gegangen, weil sie wissen sollte, mit wem ihre Tochter verheiratet ist.«
»Und was ist passiert?«
»Sie konnte Araber nicht leiden, sie konnte Menschen, die nicht schön sind, überhaupt nicht leiden, und außerdem legte sie großen Wert auf Geld. Sie hat ihm deutlich gemacht, was mit ihm alles nicht stimmte. Aber das ist lange her.«
»Wann ist er am Sonntag nach Hause gekommen?«
»Er ist U-Bahnführer, sonntags kommt er um Punkt 10. Er kommt immer sofort nach Hause, damit wir uns keine Sorgen machen. Er steigt an der Station Stadshagen aus und geht dann zu Fuß durch die Igeldammsgata.«
»Wir werden vielleicht auch noch mit ihm sprechen müssen, würden Sie ihn bitte darauf vorbereiten?«
»Das wird ihm gar nicht gefallen. Als ich ihn kennen gelernt habe, war er illegal hier im Land, und damals hat er keinen guten Eindruck von der Polizei bekommen, und seither hat sich seine Ansicht kaum verbessert.«
Die Wohnungstür wurde geöffnet, und Eva-Maria rief mit einer plötzlichen Wärme in der Stimme:
»Hallo, Liebling, wir haben Besuch!«
Ein Junge von etwa zehn Jahren kam hereingerannt. Er war schlank und hatte dunkle Locken, und er musterte Monika und Idriss aus großen neugierigen Augen, die so dunkel waren, dass die Pupille kaum zu erkennen war.
»Hallo. Ich bin Murad.«
Er betonte seinen Namen auf der ersten Silbe, nicht wie den des napoleonischen Marschalls.
Seine kleine Hand lag eiskalt in Monikas.
Sein Kommen bildete einen natürlichen Abschluss für das Gespräch. Sie verabschiedeten sich von Eva-Maria und ihrem Sohn und versprachen, sich am nächsten Tag zu melden.
Dann versanken Monika und Idriss wieder in Schweigen. Sie hätte gern gewusst, was er dachte. Eva-Maria hatte sicher nicht Unrecht ‒ wenn Kassem Engländer oder Belgier gewesen wäre, hätte Lottie ihn vielleicht eher akzeptieren können. Monika hatte keine Ahnung, wie sie mit Idriss darüber reden sollte. Sie wusste ja nicht einmal, ob Iraker sich selber als Araber betrachten. Aber sie musste mit ihm reden, wo sie doch zusammenarbeiten sollten.
Doch sie sollte nie erfahren, was Idriss gedacht hatte.
»Ich frage mich, woher sie so genau weiß, dass ihr Sohn Lotties einziges Enkelkind war, wenn sie zu ihrer Familie keinen Kontakt hatte«, sagte er nur.
Dazu fiel Monika nichts ein.
Sie glaubte plötzlich nicht mehr, dass sie diesen Fall klären würde.
6
Der Spiralblock hatte A5-Format, auf der Vorderseite war eine beruhigende japanische Illustration, eine Chrysantheme in allerlei diskreten Rosatönen, aber im Augenblick schien der gefährliche Inhalt des Blocks diesen regelrecht zum Glühen zu bringen.
Gerd wusste, dass sie sich des Blocks entledigen musste und stellte sich allerlei Möglichkeiten vor: ihn verbrennen. Unmöglich, sie hatte keinen offenen Kamin und verspürte keinerlei Lust, die engbeschriebenen Seiten nacheinander über dem Spülbecken abzufackeln. Wegwerfen? Ihn zusammenknüllen und in den Müll werfen, die Tüte verknoten und weg damit. Sie war davon überzeugt, dass die Tüte platzen und der Block gefunden würde, er schien ja auf dem kleinen Dielentisch, wo er nun schon die ganze Zeit gelegen hatte, fast schon zu leuchten.
Ihn zur Polizei zu bringen wäre natürlich auch eine Möglichkeit, aber eine so unangenehme, dass sie sie einfach nicht in Betracht ziehen wollte.
Sie könnte den Block nicht ins Wasser werfen, da alles gefroren war, und ihn vergraben ging auch nicht, da sie die gefrorene Erde nicht würde lockern können.
»Das geht sehr gut«, hatte sie zu Lottie gesagt. »Ich höre, wenn sie kommt, und ich höre, wenn sie geht. Der Block liegt gleich neben der Tür, und ich schreibe sofort alles auf. Sie merkt nicht, dass ich sie beobachte, von draußen ist das nicht zu sehen.«
Lottie hatte sie mit einem Lächeln belohnt, das sich über ihr ganzes Gesicht gezogen hatte. Ein Lächeln, für das ich sterben könnte, hatte sie gedacht, und diese Erinnerung machte ihr jetzt eine Gänsehaut.
Sie wollte nicht sterben. Nicht für Lottie, nicht für deren Lächeln, nein, überhaupt nicht.
Und deshalb musste sie sich von diesem Block befreien.
Sie war davon überzeugt, dass Lotties Tod kein Zufall sein konnte. Und sie war davon überzeugt, dass sie in derselben Gefahr schwebte wie Lottie. Der Unterschied war nur, dass sie den Mund halten konnte. Sie war diskret und anonym. Wenn der Block erst verschwunden wäre, dann wäre nichts geschehen und sie hätte nichts gesehen.
Ohne den Block konnte sie behaupten, dass sie nichts gesehen hätte, dass sie die Falsche fragten.
Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, und ihre Angst war so groß, dass sie einen Moment lang glaubte, gleich sterben zu müssen. Sie glaubte, ihr Herz würde aufhören zu schlagen. Dass sie glaubte, ihr Herz werde anhalten. Doch der Fahrstuhl fuhr nur in den zweiten Stock, und als sie Erik Janssons abgehackten Husten hörte, konnte sie wieder atmen.
So konnte das nicht weitergehen. Sie brauchte Schutz. Besser, alles auf sich zu nehmen, die eigene Schuld einzugestehen, als zu sterben. Sie musste zur Polizei gehen. So gefährlich konnte es doch nicht sein, die Katholiken machten das jede Woche, und ein Geistlicher und ein Polizist waren ja ungefähr dasselbe. Beide waren an solche Geständnisse gewöhnt. Sie nahm ein Taxi. Die Zeit drängte.
7
Sie hatten die Bergsgata fast schon wieder erreicht, als bei Monika ein Anruf von der Wache einging, wo sich ein Zeuge gemeldet hatte. Ein Flieger namens Erik Olsson.
Endlich! Wenn Lottie wirklich ermordet worden war, dann konnte ein zuverlässiger Zeuge beide Probleme lösen; die Frage nach Lotties Tod und die nach Idriss. In ruhigeren Zeiten hatte Monika Zeugen bisweilen als zu leichte Lösung betrachtet, als Pfusch sozusagen. Jetzt aber hoffte sie nur, dass sie bald in Erfahrung bringen würde, wie Lottie ums Leben gekommen war und wer dafür die Verantwortung trug. Sie nahm an, dass die von Tür zu Tür gehenden jungen Kollegen den Zeugen gefunden hatten und bedachte sie mit einem freundlichen Gedanken.
Der Zeuge war jetzt wichtiger als der Anrufbeantworter mit seinen vorwurfsvollen roten Augen und die Briefstapel. Sie bat Idriss, die Gespräche dieses Tages zusammenzufassen.
Erik Olsson entpuppte sich als hilfsbereiter Mann von Mitte 30 mit frischgebügeltem Hemd und frischgeschnittenen Haaren.
»Ja, also, der erste Polizist, mit dem ich gesprochen habe, hat gesagt, ich sollte mich an Sie wenden wegen etwas, das am Donnerstag passiert ist.«
»Am Donnerstag? In der Igeldammsgata?«
»In der Igeldammsgata?«, wiederholte der Mann verwirrt.
Erik Olsson war offenbar nicht der Zeuge, auf den Monika gehofft hatte. Sie fragte sich, warum David ihn an sie verwiesen hatte, doch da David niemand war, der Aufgaben weiterreichte, um sich damit selbst Ruhe zu verschaffen, musste Erik Olsson ihr doch etwas Wichtiges zu berichten haben.
Sie führte ihn in ein kleines Besprechungszimmer und setzte sich auf einen der unbequemen Stühle.
»So, und nun erzählen Sie mir bitte, was am Donnerstag passiert ist.«
»Also, ich wollte nach Hause gehen, genauer gesagt, ich wollte zum Bus, ich wohne in Jakobsberg, und da habe ich etwas gesehen, was mir keine Ruhe lässt...«
Monika begann, in Gedanken zu zählen. Eins, zwei, drei...
»Zuerst zwei Brüste, die gegen das Glasfenster in einer Haustür gepresst wurden.«
Er wand sich sichtlich.
»Ich war auf dem Weg nach Hause zu meiner Frau und meinen beiden kleinen Töchtern. Es war... sie waren...« Er errötete, verstummte und sagte dann unsicher: »Irgendwie... ästhetisch.«
Monika versuchte es ihm ein wenig einfacher zu machen.
»Es wäre sicher unnatürlich, nicht stehen zu bleiben, wenn man durch eine einsame dunkle Straße geht und hinter einer Glasscheibe zwei ästhetische Brüste sieht.«
Er nickte dankbar.
»Ja, und dann wurde der Oberkörper einige Male sehr viel härter gegen das Glas gepresst. Es war so eine Tür, wo das obere Drittel aus einem Fenster besteht.«
Dann verstummte er wieder und starrte auf den Boden.
»Dann ist die Person hinter der Tür nach unten gesunken, mit Brust und allem, sie hatte lange dunkle Haare, und danach war das Fenster leer.
Als ich meiner Frau am nächsten Morgen zum Abschied einen Kuss gegeben habe, musste ich wieder an das Mädchen hinter der Tür denken ‒ ich konnte nicht begreifen, wie ihre Brust in Fensterhöhe sein konnte. Wenn meine Frau dort gestanden hätte, wäre höchstens ihr Gesicht zu sehen gewesen.«
Jetzt hatte er den peinlichen Teil hinter sich und sein Redefluss stockte nicht mehr ganz so sehr. »Ich dachte, dass sie vielleicht auf einem Hocker gestanden hat und heruntergerutscht war, oder dass jemand sie hochgehoben und dann fallen gelassen hatte, aber das kann nicht stimmen. Sie fiel so glatt zu Boden, und das tut man doch nicht, wenn man das Gesicht einer Wand oder einer Tür zukehrt ‒ dann fällt man rückwärts oder zur Seite.«
Er blickte Monika mit hilfloser Miene an.
»Und ich glaube, dass sie vielleicht Blutspuren am Fenster hinterlassen hat. Deshalb habe ich mich die ganze Zeit gefragt, ob ich die Sache melden sollte. Aber vielleicht habe ich mir das meiste ja nur eingebildet. Auf alle Fälle konnte ich seitdem nicht schlafen.«
Monika hatte das Gefühl, nur eine bleiche Kopie ihrer üblichen freundlichen Miene liefern zu können. Sie sagte: »Was Sie da erzählen, passt genau zu einem Fall, den wir gerade untersuchen. Sie haben eine Misshandlung gesehen, und es ist sehr gut, dass Sie hergekommen sind. Für uns ist das eine große Hilfe.«
»Wie geht es ihr?«
»Sie hat schwere Verletzungen, aber keine lebensgefährlichen. Wissen Sie noch, welches Haus das war?«
»Ja, hier ist die Adresse.«
Die Adresse war sorgfältig auf dem Briefpapier einer Fluggesellschaft notiert, außerdem waren dort der Name des Mannes und seine Telefonnummer angegeben.
»Danke. Ein Kollege, Janne Larsson, wird diesen Fall übernehmen. Er meldet sich bei Ihnen. Danke für Ihren Besuch.«
Erik Olsson wirkte jetzt so entspannt, als sei soeben das größte Problem seines Lebens gelöst worden. Als er zur Tür ging, sah er aus, als hätte er aus purer Erleichterung am liebsten zu pfeifen angefangen.
Monika steckte den Zettel in ihre Tasche. Sie hatte zwanzig Minuten verloren, aber das konnte sie Janne zuliebe ja bestimmt verkraften.
Der Mann mit den Brüsten war bewusstlos, nackt und mehr mit Blut verschmiert, als sie es je für möglich gehalten hatten, vor dem Västra Sjukhus gefunden worden. Der Dienst habende Chirurg hatte eine gerichtsmedizinische Untersuchung vorgenommen, Polaroidfotos angefertigt und danach die Polizei verständigt. Er erklärte, dass er sich Sorgen um die Sicherheit des Patienten mache, es liege ein Fall von grober Misshandlung vor, und er wolle auf seiner Station keine Gewalttätigkeiten erleben müssen. Nebenbei erwähnte er, dass den muskulösen Rücken des jungen Mannes zwei formvollendete Brüste zierten. Monika hatte sofort am nächsten Morgen vorbeigeschaut.
Der Mann mit den Brüsten war bei Bewusstsein, als sie kam. Er war schwer verletzt, wollte aber keine Anzeige erstatten, obwohl er den Täter kennen musste. Er glaubte nicht, dass er noch in Gefahr schwebte. Es sei ein Unfall gewesen, sagte er, sein Beruf, so wie ihrer, bringe eben Risiken mit sich. Sein Lächeln war überzeugend gewesen, trotz seiner geplatzten Lippe, als er ihre Frage nach seinen Brüsten mit einem Scherz abgetan hatte. »Die? Die sind total gefühllos und damit einer meiner wenigen Körperteile, die mir im Moment keine Probleme machen.«
Als Polizistin fühlte sie sich manchmal nicht nur den Tätern gegenüber hilflos, bisweilen war es fast schlimmer, wenn das Opfer die Zusammenarbeit verweigerte. Wenn sie Hilfe und Schutz anbot und dann abgewiesen wurde.
Aber jetzt musste eben Janne sehen, wie er mit der Sache fertig wurde.
Sie ging ihre Post holen. Das Fach war fast voll, was sie so schrecklich fand, dass sie am liebsten alles liegen gelassen hätte. Sie wusste ungefähr, was sich in diesem Stapel versteckte ‒ vor allem Mitteilungen von Menschen, die von ihr Dinge verlangten, für die ihre Zeit einfach nicht ausreichte.
Sie schleppte den Poststapel in ihr Zimmer. Einen Augenblick lang fühlte sie sich versucht, alles ungelesen in den einladenden blauen Papiercontainer zu stopfen, riss sich aber zusammen.
Ganz oben lag ein Fax von Håkan Götsten, Orthopädie, Västra Sjukhuset.
EILT SEHR.
Ruf! Mich! An!
Er hatte die Nummer seines Büros, seines Mobiltelefons und seines Europiepers hinterlegt. Sie schob die Unterlagen, die sie aussortiert hatte, in eine gelbe Plastikmappe, legte das Fax dazu und schrieb in großen Buchstaben: »DRINGEND!« darauf. Dann rief sie Håkan Götstens Mobilbox an und informierte ihn, dass ein tüchtiger Kollege namens Janne Larsson den Fall übernommen habe, er sei eben erst aus dem Erziehungsurlaub zurückgekehrt und werde sich sicher sehr bald melden.
Sie versuchte noch einmal Janne anzurufen, der jedoch nicht an seinem Platz war, wie sie besorgt feststellte.
Danach suchte sie sich die Unterlagen über den Mann mit den Brüsten heraus, zog Erik Olssons Zettel aus der Tasche und legte ihn dazu. Danach fühlte sie sich ein wenig besser, sie hatte Angst gehabt, ihn zu vergessen und ihn als gewaschenen und geschleuderten Papierklumpen in ihrer Hosentasche zu finden, wenn sie die Hose zum nächsten Mal anzog. Sie schrieb einige erklärende Zeilen und endete mit einem PS: Stell fest, ob der Mann mit den Brüsten Abzüge der Polaroidfotos hat ‒ besteht das Risiko, dass er sich als Erpresser versucht?
Schön. Zwei Sachen fast aus der Welt.
Sie fing an ihren Poststapel zu sortieren. Alles durchzuarbeiten, würde fast einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Danach wären die Unterlagen gelesen, die Briefe beantwortet, die Telefongespräche geführt und die Berichte geschrieben gewesen. Außerdem wären die Zeugen verhört und die Hintergrundinformationen überprüft worden. Das Fach wäre wieder leer gewesen, und Daga hätte sich Kommentare zu ihren Vorschlägen für weiter gehende Effektivierung der Tagesabläufe anhören müssen. Die Kollegen von der Wache Norrmalm hätten eine Unterschrift auf eine Liste bekommen, in der die Wiedereinstellung bestimmter ziviler Mitarbeiter gefordert wurde, und Monika hätte sich Zeit nehmen können, um die Personalzeitung zu lesen.
Das meiste aber würde sie niemals schaffen. Die Personalzeitung landete gleich im Papierkorb. Alles, was nicht dringend war, legte sie auf einen der wachsenden Papierstapel auf ihrem Schreibtisch. Was sofort erledigt werden musste, kam auf einen anderen Stapel, mit dem sie nach besten Kräften arbeiten musste. Vielleicht könnte sie Daga dazu überreden, Janne noch einen oder zwei Fälle zu übertragen, damit Monika sich auf Lottie konzentrieren könnte, sollte sich das alles nun tatsächlich als Mordfall erweisen.
Die Stapel schienen ihr sämtliche Energie zu rauben ‒ es schien keinerlei Sinn zu haben, irgendetwas anzufangen, sie würde ja ohnehin nicht einmal das Wichtigste schaffen.
Sie wünschte sich jemanden, mit dem sie reden könnte. Und weil sie niemanden hatte, versuchte sie es mit sich selbst.
»Etwas ist immer besser als nichts. Besser ein Drittel zu schaffen als ein Zehntel, ich kann nur einen Schritt nach dem anderen machen, eine Aufgabe nach der anderen erledigen. Also los!«
Sie begann mit einer Sache, die eigentlich schon längst hätte abgeschlossen sein sollen. Es ging um einen Russen, der sehr schnell eine Schwedin geheiratet hatte, deren Schwangerschaft ungefähr ebenso alt war wie die Bekanntschaft der beiden. Die Eheschließung und das erwartete Kind hatten die Ausweisung verhindert, weshalb der Mann jetzt ein Problem für die schwedische Justiz statt für die russische darstellte. Monika fand, dass seine neue Frau auf irgendeine Weise zur Rechenschaft gezogen werden müsste. Sie versuchte, das letzte Gerichtsprotokoll noch einmal zu lesen, verlor dabei aber immer wieder den Faden.
Als an die Tür geklopft wurde, war sie froh über diese Unterbrechung.
»Monika, hier ist eine Zeugin für dich.«
»Das geht nicht. Ich muss all das hier erledigen. Außerdem soll ich mich auf Lottie Hagman konzentrieren.«
»Diese Zeugin will über Lottie Hagman reden. Sie ist außer sich vor Panik.«
»Hat sie etwas gesehen?«
»Das musst du sie selbst fragen ‒ ich weiß nur, dass sie glaubt, sie könnte eine ungeheuer wichtige Aussage machen, und dass sie Angst hat.«
Die Zeugin entpuppte sich als eine große Frau von Mitte siebzig, die wirklich verängstigt aussah, trotz ihrer trüben Blicke und der leicht verlangsamten Bewegungen, die Monika zu der Annahme brachten, dass eine Durchsuchung der Taschen dieser Frau mindestens eine Flasche mit Beruhigungsmitteln zu Tage fördern würde.
Die Frau reichte ihr zu ihrer Überraschung als Erstes einen in mehrere Plastiktüten gewickelten Gegenstand.
Monika nahm das Paket ‒ ein Buch? ‒ entgegen und stellte sich vor.
»Ich heiße Gerd Hellsing. Ich wohne im Kattgränd 6, in Söder, und ich muss ein Geständnis machen.«
Monika warf einen geschulten Blick auf die Unterarme der Frau. Runzlige weiße Haut hing locker über der wenigen noch vorhandenen Muskelmasse. Ihre Kraft reichte zweifellos aus, um eine Kaffeetasse zu heben, aber nie im Leben für den Mord an Lottie. Schade.
»Ja?«
»Ich habe überwacht, oder vielleicht sollten wir sagen, spioniert. Es steht alles in dem Buch. Ich brauche Schutz.«
»Vor wem?«
»Vor denen da draußen.« Sie beugte sich zu Monika vor. »Die Lottie umgebracht haben.«
»Wissen Sie, wer das war?«
»Die, die nicht wollten, dass alles herauskommt.«
»Was denn?«
»Die Wahrheit über Jennys Liebhaber.«
»Und die steht hier in diesem Buch?«
Gerd nickte.
Monika spielte mit dem Gedanken, einfach aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Diese Oma hier war ein Fall für den Psychiater, aber wenn die Adresse stimmte, dann wohnte sie immerhin im selben Haus wie Jenny. Außerdem war die Alternative ‒ Monikas überladener Schreibtisch ‒ auch nicht gerade verlockend.
Sie wickelte die Plastiktüten auseinander, bis sie auf einen Spiralblock stieß, in den täglich Zeiten und kurze Kommentare mit umständlicher, steifer Handschrift eingetragen worden waren. Die Handschrift war umständlich und starr. Monika schlug die letzte Seite auf. Unter dem Datum vom Sonntag fand sie drei Vermerke:
09.30: Geht. Aktentasche.
18.30: Kommt nach Hause, zusammen mit M.
23.30: M. geht. J. badet.
Monika schaute in die graublauen Augen, die sie unsicher anblickten.
»Haben Sie Buch über Jenny Hagmans Tagesablauf und über ihre Besucher geführt?«
»Lottie brauchte Hilfe. Jenny war keine einfache Tochter. Erzählte nichts.«
»Und deshalb haben Sie sie Lottie zuliebe im Auge behalten?«
Die Frau nickte. Sie sieht aus wie ein Gespenst, dachte Monika, fast blutleer mit ihrer weißen Haut, fast nicht mehr menschlich mit ihrem starren Gesicht.
»Wir wohnen ganz oben im Haus, und ich habe einen Türspion. Ich kann den Fahrstuhl und Jennys Tür sehen.«
»Und warum glauben Sie, dass jemand Lottie ermorden würde, um diesen Block an sich zu bringen?«
»Weil er Macht hat. Ich brauche Schutz.«
»Wer hat Macht?«
»Der Mann, der Jenny besucht. Er hat Kontakte. Er ist verheiratet.«
»Und Sie glauben, dass seine Kontakte Lottie umgebracht haben, weil Sie ihr erzählt haben, dass er sich mit Jenny trifft?«
»Ja. Wie werden Sie mich vor ihm schützen?«
»Weiß Jenny, dass Sie über sie Buch führen?«
»Nein.«
»Woher kann der Mann, den Sie im Verdacht haben, es dann wissen?«
»Sicher hat Lottie es verraten. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Vielleicht hat sie meinen Namen erwähnt.«
»Sind Sie sicher, dass die Zeiten am Sonntagabend stimmen?«
Gerd nickte.
»Und Sie haben wirklich Jenny und denselben Mann wie vorher gesehen?«
»Die beiden kann man nicht verwechseln. Ich traue mich kaum noch allein zu sein.«
»Wenn Sie uns den Block überlassen könnten, dann bitten wir die Kollegen in Söder, Ihr Haus besonders gut im Auge zu behalten. Und Sie können jederzeit anrufen. Sind Sie damit zufrieden?«
Gerd machte ein skeptisches Gesicht, vermutlich wären ihr zwei uniformierte Polizisten, die rund um die Uhr vor ihrer Tür Wache standen, lieber gewesen. Am Ende nickte sie jedoch, und Monika sah, dass sie ungeheuer müde wirkte, ihre Kräfte waren jetzt wohl wirklich aufgezehrt. Vermutlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass die Polizei lügen könnte. Monika hatte keineswegs vor, die Kollegen in Södermalm zu verständigen.
Als die alte Dame gegangen war, fragte Monika sich, ob sie sich wohl jemals daran gewöhnen könnte, nicht mehr alles mit Mikael zu besprechen. Sie hätte ihn gern gefragt, was er von einer Mutter hielt, die ihre Tochter überwachen ließ, ob er Gerds Geschichte für wahr hielt oder nicht, ob er glaubte, dass auf die Beobachtungen der alten Frau Verlass sei. Ob er glaubte, dass manche ihre Strafe sofort bekamen.
Sie hatte ihn schon länger nicht mehr angerufen, weil sie sich vor Patriks Reaktion fürchtete. Sie wollte nicht aufdringlich oder eifersüchtig wirken, und deshalb rief sie überhaupt nicht an. Und da sie ihn auch nicht im Dienst stören wollte, hatten sie seit mehreren Tagen nichts mehr voneinander gehört.
Plötzlich fiel ihr auf, dass sie den Anrufbeantworter nicht ausgeschaltet hatte. Sie drückte auf den Knopf, und sofort klingelte das Telefon.
Es war Mikael. Ihr Herz machte einen vertrauten kleinen Freudensprung.
»Hallo, Monika, wie geht’s?«
Er klang hektisch und redete sofort weiter, ohne ihre Antwort abzuwarten:
»Ich brauche deine Hilfe ‒ könntest du heute Abend zwei Stunden Zeit erübrigen?«
Sie wusste, dass sie ablehnen sollte, da sie ohnehin Überstunden machen musste, um wenigstens die wichtigsten Dinge zu erledigen. Sie wusste auch, dass sie ja sagen sollte ‒ auch das Privatleben muss behütet werden, vor allem jetzt, wo nur noch so wenig davon übrig war.
»Sicher. Für dich immer. Was soll ich tun?«
»Das erfährst du dann, wenn du dort bist ‒ ich kann dir nur sagen, dass du improvisieren und kreativ sein musst.«
»Wird das ein lustiger Abend? Das würde mir gut tun.«
»Sehr lustig. Und für dich ist es eine Abwechslung. Entspannung. Du musst um sieben im Karlaväg 85 sein. Vierter Stock. Der Türcode lautet 2001. Danke. Kuss!«
Sie hätte gern gesagt, »wann können wir uns sehen«, oder »du fehlst mir«, aber das hätte sich dumm angehört, fand sie. Sie fragte sich, warum sie je geglaubt hatte, Freundschaft sei weniger kompliziert als Liebe. Sie versuchte sich einzureden, dass sie für diesen Abend wirklich einige entspannende Stunden brauchte. Dass es vielleicht trotz allem richtig wäre, unbezahlte Überstunden zu verweigern. Jedenfalls ab und zu.
Doch die Papierstapel auf ihrem Schreibtisch sandten andere Signale aus: du musst mehr arbeiten. Schneller. Jetzt. Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte fordernd.
Es beunruhigte sie, dass sie Janne nicht erreichen konnte. Sie unternahm noch einen Versuch, doch er nahm noch immer nicht ab. Der Gedanke an Håkan Götsten und den Mann mit den Brüsten ließ ihr keine Ruhe. Sie beschloss, den Anrufbeantworter noch nicht abzuhören, um zumindest die Unterlagen über den Russen in Ruhe bearbeiten zu können.
Etwas später brachte Idriss die Zusammenfassung der Gespräche dieses Tages. Er hatte außerdem die Bilderfolge durchgesehen, die Expressen über Lotties Leben gebracht hatte, und hatte alle Personen notiert, die mit auf den Bildern zu sehen waren. Auch dem Artikel hatte er noch allerlei entnehmen können, zum Beispiel, dass Jenny und Pernilla denselben Vater hatten, einen ebenfalls bekannten Schauspieler.
Monika erzählte, was sich inzwischen bei ihr ergeben hatte.
»Ich habe Neuigkeiten über mögliche Feinde von Lottie. Sie hatte eine Nachbarin überredet, über Jennys Unternehmungen Buch zu führen. Die Nachbarin hat aufgeschrieben, wann Jenny kam und ging. Wer sie besucht hat. Wenn diese Notizen stimmen, dann können weder Jenny noch ihr Bekannter um zehn Uhr in Kungsholmen gewesen sein. Dieses Großmütterchen glaubt ansonsten, dass Lottie vom Geheimdienst ermordet worden ist oder so, um irgendeinen Skandal zu verhindern, und dass auch ihr die Liquidierung droht.«
Idriss lachte.
Wieder klingelte das Telefon. Die Gefahr war groß, dass es Håkan Götsten war, doch dann hörte sie eine dünne verängstigte Frauenstimme.
»Spreche ich mit Monika Pettersson von der Polizei?«
»Pedersen«, korrigierte Monika automatisch. »Ja, am Apparat. Wer spricht da?«
»Pernilla... Hagman. Sie waren heute Morgen bei uns. Es ist etwas Seltsames passiert...« Die Stimme zitterte. »Es ist so schrecklich....«
Monikas erster Gedanke war, dass noch jemand tot sein, dass ihr misslungenes Gespräch mit den Töchtern eine weitere Katastrophe ausgelöst haben könnte. Sie spürte, wie ihr Herz zu hämmern begann. Sie war wirklich nicht in Form.
»Auf Mamas Schreibtisch liegen Drohbriefe. Gemeine, widerliche Briefe. Was soll ich tun?«
»Ganz ruhig bleiben.« Monika empfand ihre eigene Stimme nicht als beruhigend ‒ sie klang schrill, und sie redete viel zu schnell. »Ist das Zimmer offen?«
Pernilla schluchzte auf. »Ja.«
»Dann schließen Sie die Tür. Fassen Sie nichts an. Schließen Sie ab, wenn das möglich ist. Wenn wir morgen mehr darüber wissen, wie Lottie gestorben ist, dann werden wir uns die Briefe ansehen. Schließen Sie jetzt die Tür, ich bleibe so lange dran.«
Nach einer Weile war Pernilla wieder am Apparat.
»Jetzt habe ich abgeschlossen. Was soll ich mit dem Schlüssel machen?«
»Behalten. Und sprechen Sie mit den anderen nicht über die Briefe.«
Damit hätte sie das Gespräch beenden müssen, aber sie konnte sich eine Frage nicht verkneifen. »Haben Sie eine Ahnung, wer diese Briefe geschrieben haben kann?«
Pernilla schluchzte noch einmal auf, dann sagte sie: »Das ist das Seltsamste daran ‒ das war sie selbst.«
»Sie selbst? Sind Sie sich da sicher?«
»Ja. Sie hat, hatte, eine ganz besondere Schrift. Ich kenne sonst niemanden, der so schreibt. Was kann das bedeuten?«
»Das müssen wir erst noch herausfinden. Wie geht es Ihnen sonst?«
»Wir haben wohl noch immer nicht richtig verstanden, dass sie nie wieder nach Hause kommen wird. Jetzt sind gerade Bekannte hier, wir reden über alles, es ist fast unwirklich.«
Sie verabschiedeten sich, und Monika stützte den Kopf in die Hände.
»Zuerst lebensgefährliche geheime Liebhaber und jetzt Drohbriefe. Das war Pernilla, sie hatte sie auf Lotties Schreibtisch gefunden. Sie glaubt, dass Lottie sie selbst geschrieben hat.«
»Fahren wir heute Abend hin?«
Er schien es kaum erwarten zu können, und Monika fand es immerhin positiv, dass er sich für die Arbeit interessierte, statt einfach nur nach Hause zu wollen.
»Ich muss leider zu einem Familienessen. Wir müssen das auf morgen verschieben, nach der Obduktion. Lotties Zimmer ist jetzt abgeschlossen, deshalb ist es nicht ganz so eilig.«
Sie wusste nicht, warum sie Idriss belogen hatte, und vielleicht hätte sie auch nicht vorgeben sollen, dass sie alles unter Kontrolle hatten, aber er nickte nur und erklärte, er werde auch bald nach Hause gehen. Aus der Türöffnung winkte er ihr freundlich zu.
»Wir sehen uns morgen.«
Die Worte klangen in Monikas Ohren fast wie eine Drohung.
8
Der Karlaväg. Eine Prachtstraße, einst als Boulevard geplant, und eine Adresse für Menschen, die sich ihren Wohnort aussuchen können. Als sie in der U-Bahnhaltestelle auf der Rolltreppe stand, fluchte Monika stumm und wenig kreativ. Sie hätte jetzt in der Storgata die Drohbriefe durchsehen müssen, die Pernilla gefunden hatte, und wenn das nicht möglich gewesen wäre, weiterhin auf der Wache sitzen und die Ereignisse des Tages durchgehen, Notizen lesen, aus Gedanken und Tatsachen ein Fundament bauen sollen, auf dem die Arbeit des kommenden Tages aufbauen könnte. Stattdessen war sie unterwegs zu einem völlig nebulösen Termin, der zwei Stunden von ihrer ohnehin schon knappen Zeit verschlingen würde. Es machte ihr Angst, dass sie bereit war ihre Arbeit zu opfern, um das Gefühl zu haben, noch immer ein wenig an Mikaels Alltag teilnehmen zu dürfen.
Oben auf dem Karlaplan war es so kalt und dunkel wie in Kungsholmen, und Monika dachte mit ungewohnter Schadenfreude, dass manche sich zwar von Urin und Graffiti in der U-Bahn freikaufen konnten, nicht aber vom Klima. Sie bog nach rechts in den Karlaväg ab ‒ Karl wie Karl XII, der Kriegerkönig, unter dessen Herrschaft sich die Anzahl der jungen schwedischen Männer um ein Drittel verringert hatte. Monika hatte nichts übrig für Karl XII, ebenso wenig wie für die schweren Steinhäuser, an denen sie jetzt vorbeikam. Sie sollten beeindruckend aussehen und Bewohnern und Bauherren Status verleihen, statt so vielen Menschen wie möglich ein möglichst billiges Dach über dem Kopf zu bieten, und an diesem Abend ärgerte sie sich ganz besonders darüber. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch Gegenwind.
Der Karte zufolge müsste Nummer 85 das letzte Haus in der Straße sein. Ein scharfer Wind wehte, ihre Wangen brannten, und ihre Augen tränten. Sie hatte sich den Schal um das Gesicht gewickelt und hielt den Kopf gesenkt. Vor dem ersten Haus sah sie zur Hausnummer hinauf, wo sie stattdessen ein ovales Glasfenster in Brusthöhe sah, falls man eine Brust hatte, die ungefähr 165 cm über den Fußsohlen saß. Sie glaubte fast, ebenfalls die perfekten Brüste sehen zu können ‒ die werden später wieder abgenommen, hatte der Mann mit gleichgültigem Schulterzucken gesagt, wenn das große Geld nicht mehr hereinkommt. Dabei bleiben nur zwei winzige Narben zurück.
Monika musste ihre Aufmerksamkeit ins Jetzt zurückzwingen ‒ dieses Fenster hier war leer, Erik Olsson hatte nicht vor dieser Tür gestanden, und die Frage war jetzt nur noch, ob die Hausnummer sich als Nummer 87 erweisen würde. Auch Nummer 85 hatte ein Fenster in der Tür, das jedoch viereckig war und durch das ein großer und spärlich geschmückter Weihnachtsbaum zu sehen war. Die Christbaumkerzen erfüllten die Eingangshalle mit einem sanften Licht, das über einen langen roten Perserteppich fiel. Dieser Teppich begann an der Haustür und erweckte den Eindruck, das Haus werde nur von VIPs betreten, die gebührend empfangen werden mussten. Monika war nicht in der passenden Stimmung, um prachtvolle Eingangshallen genießen zu können, sondern gab rasch den Code ein, wobei sie beinahe damit rechnete, dass sie den falschen hatte.
Zu ihrer Überraschung und Erleichterung hörte sie sofort ein leises Klicken im Schloss, schob die schwere Eichentür auf und blieb stehen. Die Halle war nicht nur gastlich und warm, sie duftete außerdem nach Apfelsinen und Nelken.
Monika wollte schon kehrtmachen und wieder hinausgehen, folgte dann aber dem dicken Teppich zum Weihnachtsbaum, der mit duftenden Apfelsinen und geschnitzten Weihnachtsmännchen, Engeln und Schlitten fahrenden Kindern geschmückt war. Der Schmuck sah alt und teuer aus, und sie fragte sich, wie es möglich war, dass die Hausbewohner sich nicht im Vorübergehen das eine oder andere Stück in die Tasche steckten. Ihr war klar, dass dieser Baum in ihrem eigenen Treppenhaus innerhalb von wenigen Stunden kahl gewesen wäre.
Derselbe Gedanke kam ihr im Fahrstuhl, einer gepflegten Antiquität, die bestimmt annähernd hundert Jahre alt war. Irgendein wildes Kind hätte ihn innerhalb von wenigen Minuten zerstören können ‒ die Spiegel einschlagen, den roten Samtsitz von der kleinen Bank reißen, Leisten und Täfelung verbiegen. Offenbar war während des vergangenen Jahrhunderts hier kein wildes Kind vorübergekommen. Monikas verbrechenssoziologische Überlegungen wurden davon unterbrochen, dass der Fahrstuhl im vierten Stock anhielt und ein älterer Mann in einem dunklen Anzug die Tür öffnete. Er wollte weder nach oben noch nach unten, wie sich herausstellte, sondern schien einzig und allein aufgetaucht zu sein, um sie einige Meter über den Marmorboden und durch eine offene Tür zu geleiten.
Sie betrat eine Wohnung, die mehr Quadrat- und Kubikmeter zu umfassen schien als ein geräumiges Wohnhaus. Der Mann im Anzug führte sie in ein kleineres Zimmer, das offenbar als Garderobe diente. Vielleicht war diese Wohnung ursprünglich für Menschen gebaut worden, die häufiger dreißig oder vierzig Gäste zum Essen erwarteten.
In der Garderobe war nur eine breitschultrige Frau, die sich aus einem langhaarigen Pelz schälte. Schließlich drehte sie sich um und sagte unerwartet überschwänglich:
»Hallo! Ich bin Cilla!«
Ihr kleines, rundes Gesicht war mit roten Flecken übersät und ihre Haare waren hellbraun. Cilla kam ihr bekannt vor, und Monika versuchte sich zu erinnern, wo sie sich begegnet sein könnten. Dann ging ihr auf, dass Cilla sie an eine alte Klassenkameradin erinnerte ‒ eine große Person ohne jeden Charme, die die tonangebende Clique in der Klasse immer begeistert begrüßt hatte, obwohl sie nur selten Antwort bekommen hatte, und die noch immer zu den Pfadfindern gegangen war, als die anderen schon längst damit aufgehört hatten. Monika hatte damals ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie dieses Mädchen nicht leiden konnte, und deshalb lächelte sie jetzt freundlicher, als sie es sonst getan hätte.
»Monika.«
Sie wurde ein wenig nervös, während sie sich weiterhin über diesen verlorenen Abend ärgerte. Wo war sie hier nur gelandet? Oder wobei? Sie konnte Cilla oder den Mann, der die Tür geöffnet hatte, ja wohl kaum fragen ‒ und würde der Mann sie jetzt weiter geleiten? Oder hatte er nur verhindern wollen, dass sie den Blumenschmuck mitgehen ließ? Rasch hängte Monika ihren Mantel auf und stellte fest, dass der Mann tatsächlich als Fremdenführer diente.
Sie durchquerten das größte Wohnzimmer, das Monika je in einer Privatwohnung gesehen hatte, bevor sie ein fast ebenso großes Esszimmer erreichten. Mitten im Zimmer stand ein dunkler Holztisch, der vermutlich ideal war für intime Imbisse mit den zwanzig besten Freunden, der an diesem Abend jedoch nur acht Stühle an der einen Querseite aufwies. Sechs davon waren bereits von vier Frauen und zwei Männern besetzt.
Für Monika ergab die ganze Szene keinen Sinn ‒ sie sah Mineralwasser, alkoholfreies Bier, Teller, kleine elegante und trendgemäß belegte Brote. Zwei Tischmikrofone waren an ein Tonbandgerät angeschlossen, wie es auch die Polizei verwendete. Eine Frau mit üppigen schwarz gefärbten Haaren, großem roten Mund und eng sitzendem blauen Kleid in Größe 44/46 erhob sich und kam auf sie zu.
»Willkommen, willkommen! Ich bin Agnes Videgård, die Gastgeberin. Bitte, nehmen Sie Platz, jetzt sind wir ja vollzählig und können anfangen, wie schön! Greifen Sie zu, wenn Sie Appetit auf einen Bissen haben oder etwas trinken möchten.«
Eine Frau reichte Teller herum, während eine andere Monika fragte, ob sie Wasser oder Bier wolle.
Monika machte sich ernsthafte Sorgen ‒ sie wusste, dass Mikael sie nicht zu wirklich unangenehmen Dingen wie zum monatlichen Treff einer SM-Gruppe oder einem religiös geprägten Nähkränzchen schicken würde, aber sie konnte sich nicht vorstellen, was für eine Art von Treffen das hier sein sollte oder warum sie unbedingt daran teilnehmen musste.
Dann wurden die Brote herumgereicht und die Gläser gefüllt, und die Gastgeberin lächelte freundlich in die Runde.
»Danke, dass Sie heute Abend gekommen sind ‒ ich weiß, dass Sie alle viel zu tun haben, deshalb wissen wir das ganz besonders zu schätzen. Ich weiß aber auch, dass es Ihnen wichtig ist, uns dabei zu helfen, für unsere kleinen und großen Freunde das Beste zu finden.«
Alle außer Monika schienen zu wissen, wovon hier die Rede war, und einer Meinung zu sein. Sie nickten und lächelten, und Monika ertappte sich dabei, wie sie ebenfalls nickte und lächelte.
»Ja, ich dachte, wir könnten zuerst eine Vorstellungsrunde machen und von unseren lieben Freunden erzählen.« Sie schaute einen Mann von Mitte dreißig, der rechts von ihr saß, auffordernd an.
Der Mann nickte, ein warmes, charmantes und geübtes Lächeln. Plötzlich wusste Monika, wer er war ‒ er hatte in einer Endlosserie im Fernsehen eine Endlosrolle, allerdings nicht in der, in der Lottie die Großmutter gespielt hatte.
»Jan Andersson. Von Beruf stattlicher junger Mann, nein, Schauspieler, um korrekt zu sein. Ich wohne mit Glücksklee zusammen ‒ ich habe ihm diesen Namen gegeben in der Hoffnung, dass er großen Reichtum mitbringen würde, was er auch getan hat, aber ich hatte dabei vor allem an materiellen gedacht, was jedoch nicht der Fall war. Er ist eine englische Bulldogge ‒ Sie wissen sicher, wie die aussehen, kurz, breit, mit Unterbiss und phänomenaler Ausstrahlung.«
Die Gastgeberin sah entzückt in die Runde. »Glücksklee. Was für ein origineller Name. Und wie alt ist Glücksklee?«
»Er wird in ein paar Tagen vier, und dann gibt es ein Fest.«
»Danke, Jan.«
Die Gastgeberin richtete ihren Blick auf die nächste Teilnehmerin, eine kleine zarte, grauhaarige Frau. Die Frau erzählte, sie sei Richterin am Obersten Gericht und Frauchen des fünfjährigen Nestor, eines Borsoi, also eines russischen Windhundes, des edelsten und elegantesten aller Hunde.
»Und des dümmsten«, flüsterte Cilla in Monikas Ohr, als wären sie alte Freundinnen. Als habe ihr gleichzeitiges Eintreffen hier sie zu einer kleinen Gruppe innerhalb der Gruppe gemacht. Monika dachte darüber nach, ob Cilla unter dem Einfluss irgendeines Rauschmittels stand, doch dann fielen ihr die heftigen Kontaktversuche ihrer Klassenkameradin wieder ein, die dieselbe Intensität und dasselbe egozentrische Desinteresse an den Reaktionen der anderen aufgewiesen hatten.
Als Nächste stellte Cilla sich vor, aber Monika hörte kaum zu, da sie sich den Kopf darüber zerbrach, was sie selbst sagen könnte. Improvisieren, hatte Mikael gesagt. Aber wie sollte sie das anstellen? Sie hatte noch nie einen Hund besessen, und eigentlich konnte sie Hunde nicht einmal leiden.
Cilla erzählte in aller Ausführlichkeit, dass ihr Vater beim Militär gewesen war, was immer neue Schulen und immer neue Umzüge bedeutet hatte, weshalb die Dackel der Familie ihre einzige Zuflucht und ihre einzige Sicherheit gewesen seien. Sie war als Einzelkind aufgewachsen, und die Hunde hatten ihr die Geschwister ersetzt. Jetzt hatte sie wieder einen Dackel, den vermutlich kleinsten Zwergdackel Stockholms. Taxita. Sie selbst war Ärztin, klinische Physiologin.
Als Monika endlich an der Reihe war, wurde sie von der Gastgeberin unterbrochen, sobald sie ihren Namen genannt hatte.
»Monika Pedersen, haben Sie gesagt? Kann da ein Irrtum vorliegen, Sie stehen nicht auf meiner Liste...«
Improvisieren, dachte Monika. Mikael, es sollen dir alle Zähne ausfallen, und dein Gesicht soll schon als junger Mann wie das eines Greises aussehen!
»Nein, ich bin für einen guten Freund eingesprungen...«
»Patrik Löfgren«, sagte die Gastgeberin. Ihr Lächeln wurde durch eine schmale rote Linie ersetzt.
Monika nickte. Mikael, du verdammtes Arschloch! Du Süßwasserpirat!
»Naja, das spielt sicher keine große Rolle.«
Die Gastgeberin hatte Monikas Haare, ihre Kleider und die Halskette aus dem Indienladen auf eine Weise angesehen, die sagte, dass es durchaus eine große Rolle spiele, doch als formvollendete Gastgeberin durfte sie die Stimmung nicht trüben, und deshalb lächelte sie wieder, wenn auch etwas weniger herzlich, und fragte: »Und wie heißt Ihr spezieller Freund?«
Mikael, der Teufel soll dich holen. Und zwar möglichst bald!
»Faule Fia«, erwiderte Monika ohne nachzudenken und versuchte sofort mit dem Zusatz »Aber sie wird Fifi genannt« die Lage zu retten.
»Sie ist ein kleiner Pudel«, sagte sie dann, da Pudel und Schäferhunde die einzigen Hunderassen waren, die ihr auf die Schnelle einfielen, und Schäferhunde ihr noch mehr zuwider waren als Pudel. Sie hatte noch nichts über ihren Beruf gesagt, doch die Gastgeberin hatte offenbar ohnehin schon jedes Interesse an ihr verloren und ging zum Nächsten über.
Es handelte es sich um einen großen bärtigen Mann mit eigener Computerfirma, der von seinem unerhört klugen Yorkshire-Terrier erzählte. Auf ihn folgte eine sehr magere Journalistin, deren Wangen Falten warfen, wenn sie lächelte und die von ihrer Promenadenmischung berichtete, einem wunderbaren Hund, der sich seines Wertes durchaus bewusst war. Die letzte Teilnehmerin, eine Frau mittleren Alters, sagte nur kurz, dass sie auf dem Lande lebe, zusammen mit ihrem Rhodesian Ridgeback.
Daraufhin versuchte die Gastgeberin geschickt, ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Und jetzt würden wir gern hören, was das Besondere gerade an Ihren Hunden ist, sie sind doch so große Persönlichkeiten und so unterschiedlich wie wir Menschen selbst... und ich möchte hören, was sie gern essen.«
Mit einem Mal redeten alle, berichteten, verglichen. Monika erfuhr, dass eine Tagesstätte für Hunde fünfzehnhundert Kronen pro Monat kostete, dass Cillas Dackel Taxita sie überall hin begleitete und den Vorabend auf einem Treffen für Ärztinnen verbracht hatte, dass die Promenadenmischung Pluto in einer Krise hilfreicher war als ein Psychiater. Sie hatte sich selten so ausgeschlossen gefühlt, stellte jedoch zugleich fest, dass sie das alles durchaus interessant fand. Es brachte sie auf andere Gedanken, wie Mikael gesagt hatte. Sie hatte schon seit geraumer Zeit weder an Lottie noch an irgendwelche anderen Toten gedacht.
Die Gastgeberin lächelte strahlend und aufmunternd.
»Jetzt möchte ich ein anderes Thema ansprechen und Sie alle Folgendes fragen: Woran denken Sie, wenn von Fünf-Sterne-Gourmetkost die Rede ist?«
Na, ich denke jedenfalls nicht an Hundefutter, wollte Monika schon sagen, begnügte sich jedoch damit, sich die überwiegend positiven Assoziationen der anderen anzuhören.
Die Gastgeberin lächelte erneut aufmunternd, bevor sie fortfuhr. »Glauben Sie, ein Hundefutter namens Fünf Sterne könnte Ihnen gerade für Ihren Hund passend erscheinen?«
Monika war nicht weiter überrascht, dass wieder eine positive Reaktion folgte.
Vor der nächsten Frage ersetzte die Gastgeberin ihr überschwängliches Lächeln durch eine eher nachdenkliche Miene. Monika ahnte, was kommen würde, und das tat es auch.
»Ja, wir wissen ja alle, dass ein Fünf-Sterne-Essen in einem Restaurant mehr kostet als eine ganz und gar sternlose Pizza. Wie Sie sicher auch wissen, wird Hundefutter häufig aus Rohstoffen hergestellt, die sich auf keine andere Weise nutzen lassen. Doch Hundefutter, das nur erstklassige, frische und gesunde Zutaten enthält, muss zwangsläufig teurer werden.«
Die Gäste am Tisch nickten, um zu beweisen, dass sie für diese Logik zugänglich waren. Monika nickte in der Eile mit.
»Die Frage ist also: Würden Hundebesitzer für ein Essen von Fünfsternequalität bezahlen, oder ist ihnen die Ernährung ihres Hundes nicht wichtig?«
Die magere Journalistin kicherte.
»Ich kaufe für Pluto oft Roastbeef ‒ er ernährt sich schon auf Fünf-Sterne-Niveau, und ich finde, das ist er wert.«
Die Frau, die auf dem Lande lebte ‒ in einem Schloss, dachte Monika, nicht auf einem Bauernhof ‒ schlug einen sachlichen Ton an.
»Auf die Dauer ist es doch auch finanziell vernünftig, den Hund so gut wie möglich zu ernähren, denn das spart später Tierarztkosten.«
Der Mann mit dem Yorkshire-Terrier erklärte, sein Hund fresse so wenig, dass der Futterpreis deshalb unwichtig sei, doch dass er das vielleicht anders sehen würde, wenn es sich um eine dänische Dogge handelte.
Monika erkannte plötzlich, was die anderen Gäste miteinander verband ‒ neben den Hunden: Sie alle hatten Geld, was sich an Kleidung, Frisur, Selbstsicherheit unmissverständlich zeigte. In der Wohnung, in der sie sich vorkam wie eine Touristin bei einer Schlossführung, fühlten die anderen sich vermutlich wie zu Hause. In einer Hinsicht musste sie ihre Ansicht über Patrik zumindest ändern: Wenn diese Gruppe mit Hilfe einer Liste über allein stehende Hundehalter mit überdurchschnittlich hohem Verdienst zusammengestellt worden war, dann verdiente Patrik wesentlich viel mehr als sie vermutet hatte.
»Die Frage ist also, wie viel Ihnen die Sache wert wäre ‒ wenn Ihr derzeitiges Futter an die fünfunddreißig Kronen pro Kilo kostet, wären Ihnen dann fünfundvierzig zu viel?«, fragte die Gastgeberin jetzt.
Die Antwort lag auf der Hand ‒ diese Zielgruppe achtete nicht auf den Preis. Monika sagte nicht viel, sondern formulierte im Geiste amüsiert den Bericht, den die Gastgeberin ihren Auftraggebern überreichen würde: »Ja, Scheiße, nehmt tausend Kronen pro Dose und schmeißt noch Gänseleber (vitaminreich) und Trüffel (exklusiv) mit hinein. Fünf-Sterne-Hundefutter kann mit einem treuen Kundenkreis rechnen. Ich würde übrigens gern ein paar Aktien von Ihrem Unternehmen kaufen.«
Dann änderte die Gastgeberin wieder den Kurs und verwischte die Spuren der Finanzfragen, indem sie das Gespräch wieder den einzelnen Hunden zuwandte ‒ an diesen letzten Teil sollten die Anwesenden sich später besonders gut erinnern.
Jetzt wurde es etwas persönlicher ‒ die Möglichkeit, über sich selbst mit Menschen zu reden, die man niemals wieder sehen würde, durfte nicht ungenutzt verstreichen. Der Schauspieler bezeichnete seine Beziehung zu Glücksklee als die längste, die er je gehabt hatte, und die klapperdürre Journalistin deutete Ernährungsprobleme an. Cilla erzählte, dass sie wohl nicht mehr sehr viel länger allein leben würde. Die Richterin bedachte sie daraufhin mit einem Blick, der anzudeuten schien, dass Cilla die gemeinsame Sache verraten hatte, und fragte, ob sie sich bereits über die Folgen für Taxita Gedanken gemacht hatte.
Die Gastgeberin setzte sofort ihr Jetzt-ist-es-aber-genug-Lächeln auf und sagte, in ihrem tiefsten Herzen wisse sie, dass bei ihnen allen Hunde an erster Stelle stünden. Jetzt, wo sie sie kannte, zweifelte sie keinen Moment mehr daran, dass sie alles tun würden, damit ihre Freunde sich wohlfühlten.
Danach dankte sie allen für Zeit und Engagement, schaltete das Tonbandgerät aus, und dann war die Sache vorbei, dreißig Sekunden früher als angekündigt. Eine professionelle Frau, dachte Monika, und fragte sich, wie hoch wohl ihr Stundenlohn war.
Monika ging als Erste, ihre Kleidung ließ sich vielleicht schneller überstreifen als die der anderen, und es überraschte sie, dass es draußen inzwischen noch kälter zu sein schien. Die Luft schnitt in ihre Nasenlöcher, und die Kälte begann auf dem kurzen Weg zur U-Bahn bereits durch ihre Stiefelsohlen zu dringen.
Als sie über den Verlauf des bisherigen Tages nachdachte, überraschte es sie nicht weiter, dass der Zug ihr vor der Nase davonfuhr. Sie rannte die letzten fünfzehn Meter, doch die Bahn fuhr davon und hinterließ nichts als einen Luftzug und das immer leiser werdende Geräusch von Metall auf Metall. Hinter ihr kam die Rolltreppe zum Stillstand, und plötzlich war sie umgeben von dem Schweigen, das in großen künstlich entstandenen Räumen immer aufkommt.
Fünfzehn Minuten bis zum nächsten Zug, verkündete die Anzeige. Fünfzehn Minuten ihres Lebens würden in einer einsamen U-Bahnstation verrinnen. Sie dachte, dass sie vielleicht die Zeit nutzen und sich wieder auf Lottie und deren Töchter konzentrieren könnte.
Plötzlich setzte die Rolltreppe sich wieder in Bewegung. Monika musste an die vielen Frauen denken, die allein in Parkhäusern, U-Bahnstationen oder einfach auf der Straße gewesen und in falsche Gesellschaft geraten waren. Frauen, die bedroht und geschlagen worden waren, denen noch Schlimmeres zugestoßen war, einfach, weil sie im falschen Moment am falschen Ort gewesen waren. In diesem Moment kam ihr der leere Bahnsteig ohne jeden Zweifel als falscher Ort vor. Monika konnte sich zwar verteidigen, aber ihre fünfundfünfzig Kilo halfen nicht viel, wenn der Gegner achtzig Kilo wog ‒ das Gerede von der Überlegenheit der Technik über die rohe Kraft war, wie so vieles andere, eine Wahrheit, die nur bedingt zutraf. Warum mussten Boxer und Ringer sonst in Gewichtsklassen antreten?
Das Geräusch der Rolltreppe füllte das akustische Vakuum ‒ machte sie wirklich immer solchen Lärm? Monika spürte, wie sie sich anspannte ‒ wenn dieser Tag so enden würde, wie er angefangen hatte, dann würde auf der Rolltreppe eine Bande von jungen Männern auf der Jagd nach einer blonden Frau zum Zusammenschlagen stehen oder ein angetrunkener und wütender Fünfundzwanzigjähriger, der gerade von drei Frauen nacheinander abgewiesen worden war.
Bevor sie ihre Überlegungen fortführen konnte, hatte die Wirklichkeit sie eingeholt. Auf der Treppe erschien eine große Frau in einem hellen Pelz, die Monika an diesem Abend schon einmal gesehen hatte. Es war Cilla, die mit weit ausholenden, wenig eleganten Schritten auf Monika zukam. Nicht einmal der weite Pelz konnte ihre kantigen Bewegungen verbergen.
Noch bevor sie auf normale Hörweite herangekommen war, begann Cilla bereits zu reden.
»Hallo! Hast du die Belohnung nicht mitgenommen?«
Sie hielt eine große weiße Plastiktüte in der Hand und lachte breit und ein wenig verlegen. Monika registrierte ihre perfekten Zähne ‒ klein, weiß und gerade, wie sie überrascht feststellte, obwohl sie sich sofort dafür schämte.
»Hundefutter für dreihundert Kronen.«
Etwas in Cillas Gesicht machte es Monika unmöglich, weiter an ihrer Lüge von vorhin festzuhalten. »Nein. Ich brauche kein Hundefutter. Ich habe gar keinen Hund. Ich habe heute Abend nur einen Bekannten vertreten, dem etwas dazwischen gekommen war«, gestand sie.
»Ach, wirklich? Gibt es keine Fifi?«
Monika schüttelte den Kopf. Sie hoffte, dass Cilla begreifen würde, dass sie keine Lust auf ein Gespräch hatte, doch Cilla schien für ihre Signale nicht aufnahmebereit zu sein.
»Das hast du aber gut gemacht. Aber vielleicht ist das ja immer so ‒ was wir tun müssen, schaffen wir auch. Wenn es absolut nötig ist, schaffen wir wirklich alles. Wir überraschen uns damit selber.«
Wieder nickte Monika. Sie hatte sich noch nie vor den Kontaktbedürfnissen anderer Menschen schützen können, und unter ihrer wenig feinfühligen Oberfläche erschien Cilla ihr plötzlich verletzlich. Cilla redete weiter, und Monika hörte zerstreut zu. An diesem Tag schien ihr wirklich keine ruhige Minute vergönnt zu sein.
Nach einigen Minuten wurde sie von Cillas U-Bahn gerettet, glücklicherweise fuhren sie nicht in dieselbe Richtung. Einen entsetzlichen Moment lang schien Cilla mit dem Gedanken zu spielen, die nächste Bahn zu nehmen, um Monika weiter Gesellschaft leisten zu können, doch dann überlegte sie es sich anders, stieg ein und war verschwunden.
Früher hätte Monika nach diesem Abend nicht nach Hause fahren müssen, sondern hätte bei Mikael am Jaktvarvsplan übernachten und morgens den kurzen Weg zur Wache zu Fuß zurücklegen können. Aber jetzt war nichts mehr so wie früher, jetzt hatte Mikael sie Agnes Videgård und deren Marktforschungsgruppe ausgesetzt, er hatte ihren Abend geopfert, um mit Patrik zusammen sein zu können. Sie war sich sicher, dass sie ihm die Verliebtheit gönnte, wie sich das für eine gute Freundin gehörte, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Sache für sie so hart werden würde. Verdammt. Dieser Abend hatte sie zwar ein wenig auf andere Gedanken gebracht, aber doch nicht so weit, dass es die Mühe gelohnt hätte.
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