Read the book: «Wenn die Liebe nicht wär»

Font::

Anny von Panhuys

Wenn die Liebe nicht wär

Saga

Wenn die Liebe nicht wärCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1920, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629439

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Der ganze westliche Himmel schwamm in Gluten. Wie mit Blut überrieselten die Strahlen der scheidenden Sonne die vor kurzem noch weissrosigen Wölkchen und wandelten sie zu schimmernden Purpurdecken. Gleich einem weichen Gespinst aus Altgoldfäden hingen die Strahlen nieder und drängten sich durch die schmalen Kirchenfenster, deren kleine Quadrate mit Heiligen in bunten, wallenden Gewändern gemalt waren. Das ergab ein wirres, schönes Farbenspiel.

Prinzessin Christine huschte durch die breite, eisenbeschlagene Kapellentür und ging auf den Fussspitzen den Mittelgang bis zum Altar hinauf. Die Sonnenfädchen verfingen sich in dem reichen, mattblonden Haargelock und verzauberten es, ein Kopfschmuck aus lichtem Golde zierte jetzt die kleine, schmale Prinzessin.

Es war, als ahne sie, wie wunderschön sie in diesem Augenblicke aussah, denn ein Lächeln hing sich um ihren Mund und blieb dort, wie der Nachklang eines lieben Wortes, liegen.

Prinzessin Christine trat an das Gestühl zur Linken und schob sich in eine hochlehnige Bank, die nur zwei Plätze aufwies. Darin sass die blonde, zierliche Prinzessin wie verloren, und der feine Kopf drückte sich gegen die Rückwand der Bank, deren wuchtige, schwerfällige Schnitzerei sich um ein Wappen wand. Ein Kreuz, eine Reiterpistole und zwei Lilien.

Das war das Wappen der Fürsten Ittenhausen-Sirrenbach. Das Wappen wiederholte sich an der Kanzel und auf den Steinplatten des Fussbodens um den Altar herum.

Unter den Steinplatten befand sich die Familiengruft, und sie lagen alle da unten, die dem Geschlechte Ittenhausen-Sirrenbach angehört hatten, bis auf die Frau, durch die ehedem die Lilien in das Wappen gekommen. — —

Prinzessin Christine war eine Träumernatur und sann gern über Zeiten nach, deren Schritte längst verweht waren, sie grübelte Dingen nach, deren einstige Wirklichkeiten in der raschen Geschäftigkeit unserer Tage wie Sagen anmuteten. Aus der Geschwätzigkeit und dem Klatsch des Ittenhausener Schlosses rettete sich Prinzessin Christine gern — wie auf eine Oase in der Wüste — in Vergangenheiten, die sie nicht kannte, aber deren Odem sie noch zu spüren meinte, sie fand da so vieles, über das sie nachgrübeln konnte. —

Drüben an der Wand lockte die Sonne ganze Strahlenbündel aus einem mit einem breiten Holzrahmen eingefassten Bilde. Ein Märtyrer, ungeschickt und doch liebevoll auf Elfenbein gemalt, war von einem kunstvoll geflochtenen Kranze von Golddrähten eingeschlossen, an deren hochgebogenen Enden grüne und rote Steine wie Blätter von scharfem Frühlingsgrün und dicke schwere Blutstropfen sassen. Das Kunstwerk hatten einst die geschickten Hände der Klosterfrau Theresia, durch welche die Lilien in das Familienwappen gekommen, in einem Kloster am Rhein, in dem sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens zugebracht, angefertigt. Die Klosterfrau Theresia war, ehe sie die Stille der Zelle und den Rosenkranzgürtel erkor, eine Gräfin Ittenhausen-Sirrenbach gewesen — den Fürstentitel erhielten die Ittenhausen erst später — und hatte, da sie sich nach dem Tode ihres Gemahls nicht mit den beiden Söhnen verstand, Namen und Heimat aufgegeben. In dem rheinischen Kloster sollte sie ruhen. Aber da das Kloster schon seit über hundert Jahren seinem eigentlichen Zwecke nicht mehr diente, wusste heute niemand mehr, wo die Klosterfrau Theresia ihre letzte Stätte gefunden. —

Prinzessin Christine hob lauschend den Kopf, die schwere Tür hatte etwas geknarrt. Die Prinzessin wandte sich leicht zur Seite und mit einer kleinen Sorgenfalte zwischen den schmalgestrichenen Brauen sah sie dem sehr mageren, in seiner Haltung leicht vornüber geneigten Herrn entgegen, der langsam den Gang heraufkam. Eine sehr gepflegte Hand hob sich Christine schon von weitem wie grüssend entgegen, und ein paar kostbare Ringe blitzten auf.

Minister Reichsfreiherr von Sorkum lächelte mit zu unnatürlich jungen, zu unnatürlich weissen Zähnen.

Er war inzwischen ganz nahe gekommen.

„Immer findet man Prinzessin in der Kapelle,“ flüsterte der alte Herr dem jungen Mädchen zu, und ihr die Rechte bietend, nahm er neben ihr Platz.

„Guten Tag, Onkel Exzellenz,“ die schönen, blauen Mädchenaugen ruhten wie fragend auf dem feinen, rosigen Altmännergesicht, in dem der winzige, kohlrabenschwarz gefärbte Schnurrbart wie angeklebt sass.

Der alte Herr zuckte die Achseln.

„Hier ist nicht der rechte Ort, Ihnen Näheres zu erklären, Prinzesschen, aber Ihr Papa rief mich noch just zur rechten Zeit, das möge Ihnen vorerst genügen.“

„Just zur rechten Zeit,“ sprachen die Mädchenlippen nach. „Gottlob, dann lässt sich also alles wieder ins rechte Geleise bringen.“

Es klang wie eine Frage.

„Ich hoffe, Prinzesschen,“ flüsterte es zurück, „immerhin handelt es sich um grosse Summen, die der Vater schuldet, doch es muss sich Rat finden. Aber wir wollen in irgendeinem Zimmer darüber reden, Christine,“ ging die Flüsterstimme weiter, „der Ort hier eignet sich, wie gesagt, nicht zu einer so weltlichen Unterhaltung.“

Die schmale Prinzessin erhob sich und die Lackstiefel des alten Hofmannes knarrten leise, da er neben ihr den Kapellenraum des Schlosses verliess.

Im sogenannten grünen Zimmer setzten sich beide nieder, und der Minister erklärte in leicht gedämpftem Tone:

„Ihr Papa hat Sie ja eingeweiht, dass seine Finanzen arg zerrüttet sind, und ich habe mich ordentlich mit ihm über die Lage der Dinge ausgesprochen. Auch ist bereits — und das ist wie ein förmliches Wunder — ein Mittel gefunden, alle Schwierigkeiten zu benehmen —, und zwar ist das in Ihre Hand gegeben.“

Das letzte ward fast am leisesten, aber so stark betont hervorgebracht, dass es sich über die anderen Worte erhob.

„Weiss Papa, dass Sie jetzt mit mir über seine Angelegenheiten reden?“ fragte Prinzessin Christine wie in scheuer Befangenheit.

„Natürlich,“ nickte der alte Herr, „auf Sie kommt es doch bei der ganzen Geschichte an.“ Nach einer kleinen Pause stand er auf, verbeugte sich tief und sagte mit weicher, verschleierter Diplomatenstimme:

„Ich habe die Ehre, im Namen meines Herrn, Seiner Hoheit des Herzogs von Langenbruch, um die Hand der Prinzessin Christine zu bitten.“

Die Prinzessin ward rot und blass, während es sich stossweise über ihre Lippen quälte:

„Das ist doch wohl nur ein Scherz, Onkel Exzellenz.“

Der alte Herr legte seine Rechte, an der die Nägel wie Perlmutter glänzten, auf die feingesältelte, gestärkte Hemdbrust.

„Mit solchen Dingen scherzt man nicht, dazu steht mir sowohl die Person meines Herzogs als auch Ihre Person viel zu hoch.“

„Aber der Herzog kennt mich nicht, und ich kenne ihn ebenfalls nicht,“ sprach der Jungmädchenmund erregt.

Reichsfreiherr von Sorkum lächelte sein verschmitztestes Diplomatenlächeln.

„Der Herzog kauft keine Katze im Sack, er hat Sie bereits mehrmals gesehen und sich sogar ganz unrettbar verliebt in die hübscheste Prinzessin weit und breit.“

„Dann müsste ich ihn doch auch kennen — —“ antwortete das junge Mädchen kurz. Plötzlich blitzte es zornig in den Blauaugen auf.

„Ich bin keine xbeliebige Ware, die man einfach erwirbt, weil man sie zu besitzen wünscht, Onkel Exzellenz, und Sie als Vaters alter Jugendfreund müssten das doch wissen. Ihr Herzog hätte, wenn ihm etwas an mir liegt, lieber in eigener Person kommen sollen, anstatt so selbstverständlich anzunehmen, ich würde gleich ,Ja‘ und ,Amen‘ sagen, wenn er mir die Ehre antut. Wenn ich auch nur eine arme Prinzessin bin und er ein regierender Fürst ist, so bin ich doch zu stolz, ohne Liebe zu heiraten, und ich liebe ihn nicht. Nein, nein, nein, ich liebe ihn nicht!“

Minister von Sorkum machte grosse Augen.

„Aber, Prinzesschen, wie kann man sich nur so gehen lassen, gut, dass niemand ausser mir hier im Zimmer anwesend ist!“

Sieh mal einer an, er wusste gar nicht, dass die kleine Ittenhausen solch Temperament entwickeln konnte. War doch für gewöhnlich immer so sanft und still, die einzige Tochter vom lebenslustigen Wolfgang Ittenhausen. — Hm — und er kannte sie doch von klein an. Hatte sogar Pate bei ihr gestanden.

Die Prinzessin sank jetzt wie ermüdet auf ihren Stuhl zurück.

„Verzeihen Sie, Onkel Exzellenz, aber dass ich, damit Vaters Verpflichtungen geordnet werden können, einen ungeliebten Mann heiraten soll, das hat mich in Harnisch gebracht.“

Der alte Herr schüttelte den Kopf.

„Mädelchen, Sie reden ohne Überlegung! Dinge, die einem im ersten Augenblick gar nicht einfallen, nach denen greift man, wenn man sich besonnen hat, oft mit Begeisterung. Hören Sie mir, bitte, zunächst einige Minuten lang ruhig zu und dann wollen wir weiter sehen.“

Prinzessin Christine faltete die Hände lose im Schosse zusammen, und leise sagte sie nach einer winzigen Pause:

„Bitte, ich höre, Onkel Exzellenz.“

Der alte Herr fuhr sich mit den sehr schmal verlaufenden Fingerspitzen über den weissen, dünnen Scheitel, liess die Hand dann wieder sinken, und seine Augen gerade auf dem Antlitz des Mädchens ruhen lassend, begann er zu sprechen. Halblaut, mit dem kleinen Bodensatz von Müdigkeit in der Stimme, den Prinzessin Christine schon von je an ihm kannte.

„Ihr Vater, Prinzesschen, ist mein bester Jugendfreund oder, um mich richtiger auszudrücken, da sein Titel hoch über dem meinen steht, ich bin der beste Freund Seiner Durchlaucht des Fürsten Wolfgang Ittenhausen. Schloss Ittenhausen und das Stammhaus meiner Familie, Gut Gerstingen, waren sich zu nahe, als dass sich nicht ein Verkehr ergeben hätte. Als kleine Jungen spielten und rauften wir miteinander, der Wolfgang und ich, wir besuchten gemeinsam das Maturum und bezogen gleichzeitig die Bonner Universität.“ In den tiefliegenden Augen des Sprechenden leuchtete ein warmer Glanz auf. „Das verbindet, kittet Freundschaften. Aber das alles wissen Sie ja, Kind, und ich will deshalb weitergreifen. Später brachte uns dann das Leben auseinander. Nachdem ich Jura studiert und nach verschiedenen Übergangsphasen Regierungsrat geworden, wurde ich nach Langenbruch berufen. Dort besuchte er mich mehrmals, lernte dadurch die Hofgesellschaft kennen und in ihr auch die junge Dame, die er als Gattin heimführte. Es war zufällig dieselbe, für die sich auch mein Herz entschieden hatte. Das gab unserer alten Freundschaft einen Riss, der erst nach Jahren wieder geschlossen ward.“

Er wollte fortfahren, doch die Prinzessin unterbrach ihn.

„Aber, Onkel Exzellenz, davon ahnte ich nicht das geringste, Sie hätten meine Mutter geliebt?“

„Ja, Prinzesschen,“ der alte Herr neigte den Kopf, „ich habe Komtesse Agnes Ellrode unendlich geliebt.“ — Er hob die weissen, tadellos gleichmässig gebürsteten Brauen hoch und seufzte leise. „Die Komtesse liebte mich nicht, und der Freund zog den Glückstreffer in der Lebenslotterie. Aber von da an standen wir uns feindlich gegenüber, der Fürst Ittenhausen und ich. Sein Sohn ward geboren, ich hörte es von Fremden, und dann fünfzehn Jahre später ein kleines Mädel. Da rief er mich, es war kurz nachdem ich Minister geworden. Ich folgte dem Rufe und war dabei, als das Mädelchen in der Taufe den Namen Christine erhielt.“

Die Prinzessin lächelte versonnen und streckte dem vor ihr Sitzenden beide Hände entgegen.

„Lieber Onkel Exzellenz!“

Zärtlich und weich klang es.

Der alte Herr nickte vor sich hin.

„Bald nach der Taufe des kleinen Mädels starb die Fürstin, und ich stand neben ihrem Manne drüben in der Kapelle, da man ihre irdische Hülle einsegnete. Die alte Freundschaft war wieder stark wie einst in den Jugendtagen. Von da an kam ich zuweilen nach Ittenhausen, meist ward ich gerufen.“

Christine sagte schleppend:

„Ich weiss, ich weiss, das war immer der Fall, wenn sich Vater nicht mehr zu helfen wusste, wie jetzt auch wieder.“

Der Minister spielte mit seinen blitzenden Ringen.

„Ich half ja gern mit Rat und Tat,“ und die Stimme noch mehr senkend, fuhr er fort. „Besonders Ihretwegen, Kind, weil mein altes Herz an Ihnen hängt.“ Und dann, als vertraue er ihr ein Geheimnis an: „Sie sehen Ihrer toten Mutter sprechend ähnlich.“

Da wiederholte die Prinzessin noch einmal: „Lieder Onkel Exzellenz!“ und nach einer Weile meinte sie fragend: „Aber das hat doch gar nichts mit dem Herzog Georg zu tun?“

Der alte Herr erhob sich.

„Doch, Prinzesschen, doch, Herzog Georg ist ein guter, edler Mensch, an seiner Brust wären Sie für Lebenszeit gut geborgen, zugleich würde er immer Ihres Vaters Verhältnisse ordnen, was seinem Reichtum kaum bemerkbar sein dürfte.“

„Und mein Vater ist mit allem einverstanden, Onkel Exzellenz?“

„Aber gewiss, das erklärte ich Ihnen ja bereits. Ihr Vater ist vollkommen unterrichtet, Prinzessin, und wäre sehr glücklich über Ihr ,Ja‘, woran er keinen Augenblick zweifelt.“ Über das mattweisse Mädchengesicht huschte eine glühende Röte.

„Sie raten mir ebenfalls zu, Onkel Exzellenz?“

„Ja, unbedingt,“ erfolgte die kurze Antwort.

Da neigte Prinzessin Christine das blonde Haupt. als drücke es eine Last nieder.

„Lassen Sie mir Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen.“

Der Minister stand in leicht vorgebeugter Haltung.

„Klug sein, Prinzesschen, klug sein, solch ein Glück ist selten, mit beiden Händen zugreifen, wenn es sich bietet.“ Er nahm eine der zarten Mädchenhände.

„Vergessen Sie, wenn Sie mit sich zu Rate gehen, besonders das eine nicht, ich meine es gut mit Ihnen, Prinzesschen, und rate nur zu, weil ich völlig sicher bin, es ist das Rechte für Sie, glauben Sie es mir.“ Sorkum sprach wärmer, und der Bodensatz von Müdigkeit in seiner Stimme war vollständig geschwunden. „Herzog Georg ist ein Mann von Gemütstiefe und umfassender Bildung. Schon sein Vater, unter dem ich Minister wurde, war mehr Gelehrter als Regent, ohne allerdings seine Regierungspflichten auch nur im geringsten zu vernachlässigen. Und dann vergessen Sie auch das andere nicht bei Ihren Erwägungen, Kind, das Wichtigste, dass Herzog Georg Sie liebt.“

Prinzessin Christine senkte die Wimpern.

„Ich will alles bedenken und mich dann entscheiden, Onkel Exzellenz. Sie gehen wohl nun zu meinem Vater — ich bringe vielleicht schon in einem halben Stündchen Bescheid.“

Der alte Herr nickte, und während er den weiten hallenartigen Schlossgang rechts hinaufschritt, wandte er sich einmal. Da sah er noch gerade das lichte, blumengemusterte Kleid der Prinzessin hinter der schweren, eisenbeschlagenen Kapellentür verschwinden, durch die man vom Schlosse gleich in die angebaute Kapelle eintreten konnte.

Minister von Sorkum dachte, dass es für die zwanzigjährige Prinzessin ein Segen wäre, wenn sie dem Herzog ihr Jawort gab, denn hier in der Stille von Ittenhausen musste so ein junges, nachdenkliches Gemüt zu ernst werden. Als Landesmutter traten viele Pflichten an sie heran, die ihr nicht Zeit liessen, sich so sehr ins Spintisieren zu verlieren. Das war nichts für ein so junges, hübsches Blut. Und man tat nur ein gutes Werk, wenn man ihr hier heraushalf.

Der Fürst war wenig daheim, benützte jeden Grund, nach Berlin zu reisen, um dort vergnügt herumzubummeln, während sein Mädel in dem grossen, weiten Schlosse sass und sich von dem etwas verbitterten Fräulein von Lanz, ihrer Gesellschafterin, erzählen liess, wie schlecht die Welt und die Menschen waren.

Nun, Prinzesschen würde hoffentlich vernünftig sein und seinem Rate folgen.

Der Diener kam den Gang herauf.

„Wissen Sie, wo Seine Durchlaucht ist?“ fragte Exzellenz den Mann, dessen blauer Rock silberne Knöpfe und eine auffallend grosse Krone zeigte.

„Der Kammerdiener Seiner Durchlaucht sagte mir eben, Seine Durchlaucht erwartet Eure Exzellenz in seinem Arbeitszimmer,“ erwiderte der Mann mit respektvoller Verneigung.

„Es ist gut.“

Der Minister wandte sich einer Tür zu und klopfte an.

Fürst Ittenhausen stampfte mit einer gewissen Ungeduld auf dem Teppich umher, und auch sein „Herein“ klang ungeduldig.

Der Fürst war trotz seiner Zweiundsechzig immer noch ein vorzüglich aussehender Mann, und es gab viele Frauen, die auch heute noch gerne den Platz der längst verstorbenen Schlossherrin eingenommen hätten. Das ziemlich kurz verschnittene Braunhaar war nur wenig ergraut und die dunklen Augen hätten einem Dreissigjährigen gehören können. Das fast klassisch zu nennende Gesicht war vollkommen rasiert, und um den Mund lag ein Zug, der von Leichtsinn und Lebensgenuss erzählte.

„Nun, lieber Sorkum, hast du Christine gesprochen?

Detlev von Sorkum lächelte und nahm ohne Aufforderung auf dem Sessel Platz.

„Ich habe mich bei Christine melden lassen, doch war sie nicht in ihren Gemächern, aber Fräulein von Lanz meinte, ich würde die Prinzessin wohl in der Kapelle finden. Nun, da holte ich sie denn auch heraus. Daran reihte sich eine Unterredung im grünen Zimmer, die damit schloss, dass mir Christine versprach, sich die Sache zu überlegen,“ erklärte der Minister kurz. „Nun müssen wir abwarten, in einer halben Stunde schon sollen wir das Ergebnis ihres Nachdenkens erfahren.“

Fürst Ittenhausen atmete mehrmals rasch und laut.

„Was es da zu bedenken gibt! Du lieber Himmel, solch ein Glück für das Mädel, dass einer Lust verspürt, ihre zwanzig Jahre auf einen richtigen Thron zu setzen. Mein Fürstentitel ist ja kein Zwetschenkern, aber ,regierender Herzog, Hoheit‘, davon wird unsereins an die Wand gedrückt, wird platt wie ein Schatten.“ Er trat zu Detlev von Sorkum und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Dunnerlittchen, was hätte der Herzog für eine Auswahl unter den Töchtern der regierenden Häuser gehabt, und er läuft an allen vorbei und will mein stilles, bescheidenes Blondchen. Wenn das nicht ein Volltreffer für uns Ittenhausen ist! Mein Junge, der sich mit einer grossen Familie in Potsdam als Gardehauptmann auch nicht so rühren kann, wie er möchte, wird Hurra schreien, wenn er hört, welches Heil den Ittenhausen widerfahren ist!“

Detlev von Sorkum wehrte leicht ab, und ernst sprach er:

„Noch wissen wir nicht, wie sich deine Tochter entscheidet, bester Freund.“

Der Fürst warf den Kopf zurück.

„Nun, so töricht wird doch das Mädel nicht handeln und ,Nein‘ sagen, das wäre ja, wäre ja —“

Er fand gar nicht die richtige Bezeichnung.

„Gewiss wäre ein ,Nein‘ vom Klugheitsstandpunkt durchaus zu verwerfen,“ fiel ihm der Minister in die Rede, „und nicht allein von dem Standpunkt. Denn Herzog Georg liebt das Mädel, ist tatsächlich verliebt in sie, wie es nur irgendein Mann sein kann, der nicht nach Rang und Stand zu fragen hat.“

„Ich weiss.“ Der Fürst hatte seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. „Der einfache Herr von Langen, der uns einige Wochen in Kissingen gegenüber wohnte und mit dem Christine und ich zuweilen ein paar Reden austauschten, war Seine Hoheit. Aber wenn wir Christine das erklären, dann sagt sie schon bestimmt ,Nein‘ und behauptet, er hätte sich schon damals entschliessen müssen, dass er erst heute anfrage, käme einer Beleidigung gleich. Christine ist zuweilen sehr schwierig. Und dass die Langenbrucher lieber eine aus regierendem Hause auf ihrem Thrönchen hätten, darf sie schon gar nicht erfahren, sie ist trotz ihrer Bescheidenheit in manchen Dingen masslos stolz.“ Er seufzte: „Mein Mädel ist nicht so bequem wie es aussieht!“

Detlev von Sorkum bewegte seinen Kopf mit dem peinlich gescheitelten Haar sacht hin und her.

„Es waren viele Schwierigkeiten zu beheben, ehe ich mit der bedeutungsschweren Frage hierher reisen konnte, und es passte gerade, da du mich wieder einmal riefst, Wolfgang, weil du wieder feststecktest.“

Der Fürst lachte sorglos auf.

„Ach, nun habe ich bald ausgesorgt und sehe lebenslänglich freie Bahn vor mir.“ Er trat vor einen hohen Spiegel und grüsste sein Bild darin. „Fürst Ittenhausen, Schwiegervater Seiner Hoheit des Herzogs von Langenbruch.“

Der Minister musste wider Willen lächeln.

„Du bist unverbesserlich, alter Freund!“

Der Fürst blickte an seiner tadellosen Gestalt herunter.

„Die Weiber haben mich verwöhnt, Alterchen!“

Da musste der Reichsfreiherr von Sorkum an eine kleine, blonde Frau denken, die nun schon lange in der Ittenhausener Gruft ruhte. Sie war seine einzige Liebe gewesen, um ihretwillen hatte er nie gefreit. Sie war des Fürsten Weib geworden, und Christine trug ihre Züge, ihre sanften, geliebten Züge. — Ob die Tote an der Seite des genusssüchtigen Mannes das wahre Glück gefunden — wer vermochte es zu sagen?

Christine aber sollte glücklich sein, und was er dazu tun konnte, das sollte geschehen, das gelobte er sich.

Herzog Georg war der richtige Lebensgefährte für sie.

Herzog Georg, dessen rechte Hand er war. O, vor Jahren, da sein Ehrgeiz noch immer auf der Lauer lag, hätte er mit dem Ministerportefeuille auch lieber in Berlin gesessen statt in Langenbruch, aber nun fand er, dass der Platz an der Fürstensonne, den er jetzt einnahm, auch ganz schön war, und beschied sich.

Herzog Georg tat nichts ohne ihn und befragte ihn über alle wichtigen Dinge wie einen Vater. —

Indessen war die Prinzessin in die Kapelle zurückgeschlüpft. Sie sass wieder auf der hochlehnigen Bank und ihre Gedanken versuchten sich zur Klarheit durchzuringen.

Ein regierender Herzog wollte sie zur Gemahlin.

Sie kannte den Herzog nicht, und ihr Sinn stand nicht nach äusserem Glanz.

Onkel Exzellenz, der bisher geholfen, würde auch wiederum des Vaters verwickelte Vermögenssachen entwirren, und sie konnte warten, bis ihr das Schicksal einmal einen Mann entgegenführte, den sie liebte. — Übrigens hatte Onkel Exzellenz behauptet, der Herzog liebe sie, habe sie gesehen.

Sie musste doch fragen, wo das geschehen sein sollte.

Das waren wohl nur Redensarten, um ihrem Jungmädchenherzen ein kleines, süsses Tränklein vorzusetzen.

Sie faltete die Hände.

„Ich will nur dem Manne gehören, den ich von ganzer Seele liebe,“ sagte sie leise, und ein mattes Echo geisterte an den Wänden hin.

„Oder muss ich mich um des Vaters willen fügen?“ so erwachte eine quälende Frage in ihr.

„Fürsten sollen immer sehr reich sein,“ grübelte sie kindisch, „dann gäbe es keine kleinlichen Sorgen auf Ittenhausen.“ —

Die Sonne war nun völlig gesunken und feines Dämmern wob sich rings über dem Gestühl zu einem verschwimmenden grauen Schleier zusammen.

„Ich sage ,Nein‘,“ flüsterte sie, und ihr Auge ruhte dabei auf dem Bilde des Märtyrers, den die breiten Goldfäden mit den grünen und roten Steinen unter der Umrahmung umwanden. Selbst jetzt, in dem beginnenden Zwielicht, leuchtete das Gold noch, und Christine dachte an die Klosterfrau Theresia, die wohl Jahre über der mühevollen Arbeit gesessen. Und dann sprang die Prinzessin jählings empor und ihre Hände krampften sich um das vor der Bank stehende Pult. Denn da vor dem Bilde stand eine hochgewachsene Frau in langem, schwarzem Gewande, das ein weit niederhängender Rosenkranz umgürtete. Über die schneeweisse Haube legte sich eng ein schwarzes Tuch, und müde Hände hoben sich aus weit zurückfallenden Ärmeln dem Bilde entgegen.

Wie ein Hinzeigen auf das Bild war es.

Ein todblasses, trauriges Frauenantlitz lächelte, ohne die Lippen zu bewegen, und dann löste sich die dunkle Gestalt gleichsam auf und zerfloss in dem Dämmer, das sich leichtwolkig in dem Raume zwischen Kanzel und Altar zusammendrückte.

Prinzessin Christine durchrieselte es gleich einem Frostschauer.

Was war das gewesen, was bedeutete das? —

Doch gleich darauf hob sich ihre Brust wie befreit. Sie hatte wahrhaftig mit offenen Augen geträumt, hatte sich von ihren Nerven einen Streich spielen lassen. —

Aber dennoch verliess sie, von einem unbehaglichen Gefühl dazu gedrängt, sofort die Kapelle. Sie wollte dem Vater und dem Onkel Exzellenz ihren Entschluss mitteilen, dass sie für den Herzog von Langenbruch ihrer vollsten Überzeugung nach leider nur ein „Nein“ habe.

* * *

„Das kann doch unmöglich dein Ernst sein, Christine!“

Der Fürst hatte aus allem, was seine Tochter vorbrachte, nur das Wort „Nein“ herausgehört, und er blickte nun zweifelnd, mit einem ärgerlichen Lippenzucken auf das blonde Mädchen, das in seiner schlanken, zierlichen Anmut mitten im Zimmer stand.

Der Minister sagte ruhig:

„Ich verstand auch ,Nein‘ und bedaure den Entschluss der Prinzessin sowohl um ihrer selbst, als auch um des Herzogs willen. Herzog Georg wird traurig sein.“

Ein Gedanke durchzuckte Christine.

„Äusserten Sie nicht, der Herzog kenne mich und —“ sie zögerte flüchtig, „liebe mich. Wenn aber die Person Seiner Hoheit schon einmal in meine Nähe gekommen wäre, so müsste ich doch mindestens etwas davon wissen.“

Der Minister überlegte. Sollte er Farbe bekennen, sollte er erzählen, dass da im vorigen Jahre in Kissingen ein einfacher Herr von Langen im Nebenhause der vom Fürsten Ittenhausen gemieteten Villa gewohnt hatte. Aber rechtzeitig erinnerte er sich noch der Warnung des Fürsten, davon nichts verlauten zu lassen, Christine könne daraus ganz falsche Folgerungen ziehen.

So meinte er denn nebensächlich:

„Seine Hoheit hat zufällig Bilder von Ihnen gesehen, Prinzesschen und ist Ihnen irgendwo unterwegs auf einer Reise begegnet, hat Sie nach den Bildern erkannt und so weiter.“

Da lachte die Prinzessin hellauf.

„Ach, Onkel Exzellenz, wenn es weiter nichts ist, dann sitzt die Liebe sicher nicht allzu tief. Dann soll Seine Hoheit nur woanders auf die Brautschau gehen.“

„Der Herzog wird sich zufrieden geben müssen,“ erwiderte Detlev von Sorkum, und bei sich dachte er: Törichtes Prinzesschen, das die Tür, an die ein grosses Glück anklopft, nicht öffnet!

Er sann, ob es kein Mittel gäbe, das Nein in ein Ja zu verwandeln.

Der Fürst war dunkelrot im Gesicht.

„Gestatte mal, mein liebes Kind, dass ich in der Angelegenheit auch noch ein Wörtchen mitrede, schliesslich kannst du dich doch nicht so einfach über mich hinwegsetzen. Zunächst werden wir also die Sache besprechen und nicht darüber so eins, zwei, drei zur Tagesordnung übergehen. Es handelt sich doch um keinen Pappenstiel. Komm, setze dich,“ er drückte die zarte Gestalt in einen der hier umherstehenden tiefen Ledersessel.

Die Prinzessin hob die Hand wie zur Abwehr.

„Und wenn wir den Antrag Seiner Hoheit auch noch so oft besprechen, ändert das nicht das allergeringste an meinem Entschluss.“ Sie nickte zu Detlev Sorkum hinüber. „Ich danke dem Herzog natürlich sehr für die ausserordentliche Ehre, die er mir erwiesen, aber ich kann mich nicht ohne Liebe binden.“

Der Fürst mischte sich fast hastig ein.

„Liebe! Weisst du denn, was Liebe ist, spielt da hinter meinem Rücken gar so ein sentimentaler Roman?“

Der Zorn, seine schönen, hochfliegenden Hoffnungen begraben zu müssen, riss ihn hin.

Prinzessin Christine zeigte ein gleichmässig ruhiges, heiteres Gesicht.

„Aber Vater!“ — Eine Beimischung von Vorwurf lag in diesem „Aber Vater!“

„Na also!“ Sichtlich befriedigt sagte es der Fürst, und seine Züge glätteten sich. „Darauf kommt es doch an. Wenn dir kein anderer im Herzen und im Kopf herumspukt, dann liegt doch gar kein Hinderungsgrund für dich vor, Herzogin zu werden.“

„Aber ich wiederholte doch schon mehrmals, ich liebe den Herzog nicht,“ erwiderte das junge Mädchen mit Nachdruck.

„Das findet sich in der Ehe,“ lachte der Fürst, „aber wenn du magst, kannst du dir ja den Herzog erst angucken, eigentlich gehört das ja auch gewissermassen mit dazu.“

Er wandte sich an den Minister.

„Sonderbar ist’s, weshalb Seine Hoheit nicht — na, sagen wir, nicht Schloss Ittenhausen zu besichtigen wünscht. Da hätte sich die Sache besser deichseln lassen.“

Detlev von Sorkum verzog sein rosiges Altherrengesicht ein wenig.

„Ich begreife selbst nicht, dass der Herzog und ich nicht darauf verfielen.“

Die Prinzessin lächelte, und es war beinahe, als hinge dabei ein Trutzwölkchen über ihrer Stirn.

„Lieber Vater, gib dir doch, bitte, gar keine Mühe, einen Mann, der es nicht für nötig gehalten, mir Gelegenheit zu geben, ihn kennenzulernen und mich selbst zu befragen, wie ich über ihn denke, ein Mann, der sich womöglich einbildet, ich müsse selig sein, wenn er mir durch einen Vermittler seine regierende Hand anträgt, der hat bei mir gar keine Aussicht, und wenn er Schloss Ittenhausen und mich dazu ein ganzes Jahr lang besichtigte.“

Der Fürst wollte eine barsche Erwiderung geben, doch der Jugendfreund verhinderte ihn daran.

„Ich muss, wenn ich die Dinge so betrachte, wie Prinzesschen, diese Meinung teilen,“ sprach Exzellenz von Sorkum, und dabei zwinkerte er dem Fürsten zu, als wollte er ihm raten, auf seinen Ton einzugehen.

Wolfgang Ittenhausen stutzte. Der alte Freund war ein gescheiter Kopf und sehr für den Plan einer Ehe zwischen dem Herzog und Christine eingenommen. Wenn er das Mädel also scheinbar in seiner Torheit noch unterstützte, so musste das einen Grund haben, denn es war doch kaum anzunehmen, dass Detlev von Sorkum die romantischen Phrasen Christines unterschrieb.

Er musste sich vergewissern, was es mit diesem „Sich-rasch-fügen“ der Exzellenz auf sich hatte.

„Wir wollen später die Angelegenheit weiter erörtern,“ sagte er langsam, „lass uns deshalb vorläufig allein, Christine, ich muss mit Onkel Exzellenz noch etwas anderes verhandeln.“

Christine erhob sich sofort und streifte beim Hinausgehen das Gesicht des Ministers mit scheuem Blick.

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
130 p. 1 illustration
ISBN:
9788726629439
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format: