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Anne Richter
Fremde Zeichen

Roman

Saga

Für Judith

Personen

 Margret

 Hans

 Sonja, Hans’ und Margrets Tochter

 Johanna, Margrets Mutter

 Friedrich, Margrets Vater

 Lene, Hans’ Mutter

 Erwin, Hans’ Vater

Ein wärmeres Land
Sonja · 1992

Sonja schaute hinaus zu der Linie, die Himmel und Meer voneinander trennte. Sie hatte Afrika – den Kontinent, der dort begann, wo das Wasser auf Land traf – noch nicht bereist.

Zurückgelehnt und sich mit den Händen abstützend, saß sie auf ihrer Jacke, die sie an einer Stelle unweit des Strandes über einen der kalkfarbenen, das Ufer säumenden Steinbrocken gebreitet hatte. Einige hundert Meter hinter ihr verlief die Marseiller Küstenstraße, von der das unablässige Rauschen des Verkehrslärms zu ihr drang, während das Meer still und beinahe unbewegt mit sacht gekräuselter Oberfläche vor ihr lag.

In Deutschland war es Anfang März niemals so warm gewesen, dass sie außerhalb der Wohnung keine Jacke zu tragen brauchte. Ein Stück des vielfarbig gemusterten Stoffs hing rechts am Stein herab, und aus der Jackentasche lugte ein Streifen Papier hervor, der letzte Brief der Eltern. Ob sie, kaum zwanzigjährig, das Kind gewollt habe? Ob sie jetzt für immer dortbleiben wolle? Ob die Eltern Sonja besuchen kommen könnten?

Den Blick erneut auf die sonderbar klare Linie am Horizont gerichtet, strich Sonja mehrere Male über die Wölbung ihres Bauches.

Sie hatte den Eltern bereits geantwortet: Ja, sie habe das Kind gewollt, sie könnten sie auch gern besuchen kommen, doch ob sie für immer hierbleibe, das wisse sie nicht.

Mittlerweile war es dem Baby in der Enge des Bauches nicht mehr möglich, sich ohne Tritte oder zarte Faustschläge umzudrehen. Das Meer wurde jetzt unruhiger, ein leiser Wind trieb kleine Wellen an den Strand, als Sonja die Bewegungen des Kindes spürte. Kein Klopfen wie zu Anfang der Schwangerschaft, nein, nun kämpfte das Kind um mehr Platz.

Sonja schloss die Augen und hob den Kopf.

Sie sah die Eltern im Wohnzimmer einander gegenüberstehen, den Vater mit schwarzem Haar, die blonde Mutter, vor den bereits zugezogenen Gardinen, während draußen auf dem Armeegelände die sowjetischen Soldaten sangen, begleitet von einem Akkordeon. Die Worte der Eltern übertönten den Gesang.

Sie war acht Jahre alt gewesen und noch einmal aufgestanden, um zur Toilette zu gehen, ein dünnes Mädchen mit knabenhaft kurz geschnittenem Haar. Die Eltern schienen ihre im Türrahmen stehende Tochter nicht zu bemerken. Obwohl die Weise, in der die beiden sich anblickten, Sonja sehr erschreckte, ging sie erst hinaus, als der Vater seine Hand gegen die Mutter erhob.

Viele Abende lang hörte sie vom Kinderzimmer aus die erregten, unnachgiebigen Stimmen der Eltern und stand auf, um sie wieder und wieder einander gegenüberstehen zu sehen, sich mit Blicken unerbittlich angreifend und verteidigend.

Sonja öffnete ihre Augen. Der unbekannte Kontinent dort hinten. Hatte es nicht einmal die Suche nach dem innersten Afrika gegeben, bevor sie, so wie ihre Freunde, die ihr vertraute Stadt verlassen hatte?

Während der Vater Tag für Tag wie gelähmt die Nachrichten im Fernsehen verfolgte und die Mutter auf dem großen innerstädtischen Platz, im Gedränge Hunderter von Menschen, zu den Rufen, dass sie das Volk seien, nicht ohne Hoffnung schwieg, saßen Sonja und ihre Freunde, wenn sie nicht selbst demonstrierten, täglich nach dem Unterricht beieinander, redeten und gestikulierten, um passende Worte für Theaterstücke und Aufrufe zu finden, die sie an die Menschen ihrer Stadt richten und mit Zitaten und Vorschlägen versehen würden, wie es in den Schulen, den Büros, den Betrieben weitergehen könnte. Solange wir an unsere Zukunft glauben, brauchen wir uns vor unserer Vergangenheit nicht zu fürchten. – Was uns ersticken machen kann: aus der bewegten Zeit in eine stehende zu fallen. So nah schien ihnen plötzlich ein wärmeres Land, obwohl es auf den Winter zuging.

Später brüllten die Demonstranten auf dem Platz stakkatoartig, dass sie ein Volk seien, und die Mutter suchte schwitzend und von Übelkeit befallen einen Weg zum Rand der Menschenmenge, in der Bierflaschen geschwenkt und gepfiffen wurde, wenn einer sich am Mikrofon als Genosse zu erkennen gab. Wenn man bloß normal miteinander reden könnte!, hatte die Mutter einmal, als sie von einer Demonstration heimkehrte, gesagt, und Sonja war unsicher, ob sie dabei an die Menschen auf dem Platz oder an sich selbst und den Vater gedacht hatte.

Sie hätte auch Sonja und ihre Freunde meinen können, wenn Sonja ihrer Mutter je davon erzählt hätte, wie es ihnen plötzlich nicht mehr gelang, Sätze zu Papier zu bringen, die ihren Ideen entsprachen. Ein falsch gesetztes Komma, eine Bedeutungsnuance konnten mit einem Mal zu langen Diskussionen führen, an deren Ende sie missgelaunt auseinandergingen. Anfangs stritten sie noch miteinander, kompromisslos ein jeder, dann aber wichen ihre Auseinandersetzungen stetig einem schwunglosen Hin und Her der Meinungen. Die stehende Zeit. Die Sprechpausen wurden von Zusammenkunft zu Zusammenkunft länger, sie blickten einander seltener an, drehten ihre Weingläser mit gesenktem Kopf zwischen den Fingern, schwiegen. Bis der Tag kam, an dem einer der Freunde mit klarer Stimme in die bedrückende Stille hinein sagte, er habe vor kurzem einen Flug gebucht, weil es in Afrika, dem wirklichen Afrika, anderes zu tun gebe als lächerliche Gespräche über Wörter zu führen. Sonja hatte ihren Kopf hochgerissen und gedacht: Gar nichts gibt es für dich dort zu tun. Doch während sie in die erschrockenen Gesichter der anderen blickte, sah der Freund versonnen aus dem Fenster und murmelte: »Und die Wärme, wisst ihr.«

Kurz darauf verließ einer nach dem anderen den Kreis, und Sonja, die nicht die Letzte sein wollte, überlegte fröstelnd, wohin sie gehen werde.

Seit das Kind in ihrem Bauch wuchs, fror Sonja nicht mehr.

Trotz des Windes, der nun stärker wehte, zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und schmiegte ihre nackten Fußsohlen an den lauwarmen Stein. Sie wäre gern zum Ufer hinabgeklettert, um ein paar Schritte durch das Wasser zu gehen, fürchtete jedoch, auf den glatten Steinen auszugleiten und, durch ihren Bauch weniger beweglich, sich nicht geschickt abfangen zu können.

Sie wandte ihren Blick zur Seite, den schroffen, spärlich bewachsenen Kalkfelsen zu, die keine Ähnlichkeit mit den Hügeln ihrer Geburtsstadt hatten.

Als sie vor über einem Jahr hier angekommen war, hatte die große französische Stadt zunächst ihren Abscheu erregt, weil sie staubig und lärmend von Autos und Bussen war, die auch in unmittelbarer Nähe des Meeres fuhren und sich hupend gegenseitig antrieben, weil ihre Straßen endlos schienen und die Parks, in denen man sich für eine Weile zurückziehen konnte, in unmäßigen Abständen über die Stadt verteilt lagen. Dennoch war Sonja nicht zurückgefahren.

Einige Tage vor ihrer Abreise – sie wohnte noch bei ihren Eltern – hatte sie nach einem abendlichen Kinobesuch leise die Wohnungstür aufgeschlossen und war eingetreten, ohne dass die Eltern sie bemerkten. Wie damals blieb sie im Türrahmen des Wohnzimmers stehen und beobachtete die beiden.

Der Vater hielt die Hände der Mutter zwischen seinen, den Blick schamhaft gesenkt, und sagte fast unhörbar: »Meine liebe Margret.« Er wirkte verunsichert, beinahe ängstlich, während die Mutter lächelnd und langsam ihre Hände aus seinen löste und ihm kameradschaftlich über die Schulter strich.

Vor Erstaunen und mit dem Gefühl, Zeuge einer intimen Szene zu sein, schlich Sonja rasch aus dem Zimmer und ging zu Bett, ohne einschlafen zu können.

In den letzten Jahren vor dem Umbruch waren die Streitigkeiten zwischen den Eltern einem gleichgültigen Umgang miteinander gewichen. Sie beschimpften sich zwar nicht mehr, berührten sich jedoch auch nicht. Nie hörte Sonja sie liebevoll miteinander sprechen.

Vielleicht würde in der Ferne alles seinen Sinn bekommen, hatte Sonja schließlich gedacht.

Rechts, wo der weiße Kieselsteinstrand verlief, rannten mehrere Kinder ungestüm in Sonjas Richtung, bald auf den trockenen kreidigen Steinen, bald mit den Füßen im Wasser. Sonja würde nach der Geburt des Kindes wieder hierherkommen, weil es ein Ort war, an dem sich Kinder jenseits der großen Straßen ungehemmt bewegen konnten, kein vollkommen stiller, doch ein friedlicher Ort, auch zum Rückzug nach einem heftigen Streit mit Laurent geeignet.

Obwohl das Kind seit einer Weile unablässig gegen Sonjas Bauchdecke stieß, empfand sie nun zum ersten Mal einen leichten Schmerz rechts neben dem Nabel. Spürte es, wenngleich Sonja weder gesprochen noch ihre Sitzhaltung geändert hatte, ihre tiefe Beunruhigung? Darüber, dass kein Tag verging, ohne dass sie Laurent, mit dem sie gemeinsam das Kind großziehen wollte, bekämpfte.

Die fremden Kinder, sie waren vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, spielten jetzt in ihrer Nähe, bemüht, aus dem Kieselsteinsand Burgen und Wälle zu bauen, die, von unbeständiger, haltloser Form, sogleich zusammenbrachen. Daraufhin fuhren sie mit kleinen Kreidesteinen über ihre Waden und Füße, als ob sie etwas darauf zeichnen wollten. Weil nur rote Striemen sichtbar wurden, warfen sie die Steine mit lauten Rufen ins Wasser und wetteiferten, wessen Stein am weitesten flöge.

Sonja versuchte sich vorzustellen, wie ihr eigenes Kind in ein paar Jahren mit anderen Kindern spielte. Es gelang ihr nicht, dem Ungeborenen ein Aussehen zu verleihen. Stattdessen sah sie sich selbst, die nun Erwachsene, wie aus früheren Fotografien herausgelöst und in eine andere Umgebung versetzt.

Sie warf noch einmal einen Blick auf die Linie, die hellblau oder meeresblau sein konnte. Dann zog sie ihre Strümpfe und Schuhe wieder an, stand vorsichtig auf und verschränkte die Hände kurz unter ihrem Bauch, ehe sie dem Meer den Rücken zuwandte und mit den Füßen tastend über die allmählich flacher werdenden Steine in Richtung der Küstenstraße ging.

Kommunistenzicke
Margret · 1965

Heute Morgen begegnete ich meinem Vater im Hof der Universität. Unsere Schritte hallten im Karree der jahrhundertealten Gemäuer. Mein Vater wich meinem Blick aus, bis wir voreinander stehen blieben, uns verlegen musterten und er mich schließlich fragte, wie meine Prüfungen liefen und was ich in den Semesterferien vorhabe. Ich erzählte ihm, dass ich mit Hans gemeinsam eine kleine Reise plane.

Die Wut, die sein verständiges, unzugängliches Nicken einst hervorgerufen hatte, war verflogen. Ich nahm es hin, dass mein Vater weder Überraschung zeigte noch nachfragte, wohin wir reisen wollten.

Auf seiner Stirn zogen sich die beiden vertrauten Linien zu seinen Augen hin, die seinem Gesicht – wie ein Student mir gegenüber einmal behauptet hatte – den Ausdruck fortwährender Nachdenklichkeit verliehen. Seine sorgfältig gepflegte Kleidung erinnerte mich an Marie, die Haushaltshilfe, die ihm die Hemden und Krawatten bügelte, seine Fliegen zurechtzupfte, an ihr selbstbewusstes Stapfen durch unser Haus, ihr leises Ächzen beim Putzen der Badewanne und den Geruch nach Reinigungsmittel. Mein Vater hingegen roch nach süßlichem Pfeifentabak, ich schloss kurz die Augen und schwankte, weil ich müde vom nächtelangen Lernen war und weil sich mir Erinnerungsbilder aufdrängten.

Um unser Schweigen zu brechen, fragte ich ihn nach meiner Mutter. Er erwiderte, dass es ihr ganz gut gehe. Als er verstohlen auf seine Armbanduhr schaute, drehte ich mich um und hob meinen Kopf zu der großen Uhr am Turm des Universitätsgebäudes. Er schien es nicht zu bemerken. Beim Abschied streckte er mir seine Hand entgegen, die merkwürdig ungelenk und ohne Spannung in der Luft hing. Sie war warm, und ich konnte die Hornhaut auf seinen Fingerkuppen spüren.

Als ich wieder allein auf dem Hofplatz stand, suchten meine Augen die Fenster nach Zeugen unserer Begegnung ab. Erleichtert schweifte mein Blick weiter zum mittäglich hohen Himmel, an dem ein Mauersegler kreiste. Mir schwindelte erneut, so dass ich den Blick auf die Pflastersteine hinabsenkte und ein paar Schritte bis zur Wand des Universitätsgebäudes ging. Der flüchtige Geruch des Pfeifentabaks begleitete mich.

Was ist das für ein Mensch?, fragte ich mich, gegen die Mauer gelehnt. Vergangenen Herbst habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass er mich als sein Kind erkennt, mir Gedanken, gar Empfindungen widmet. Bei meinem letzten Versuch, ihn aus seiner Höhle zu locken, sprang er tatsächlich heraus, doch nur, um mich, den Angreifer, mit misstrauischem Knurren zu vertreiben und sich anschließend wieder in seinen Bau zurückzuziehen.

Während seiner Vorlesung für Hörer aller Fakultäten, die ich von Zeit zu Zeit besuchte, setzte ich mich gewöhnlich in eine der hinteren Reihen. An jenem Tag aber fand ich nur noch einen Platz in der Mitte des Hörsaals. Mein Vater sprach über die Aufgaben der jungen Generation bei uns und in Westdeutschland, über Bücher, die helfen könnten, diese Aufgaben zu erfüllen. Die jungen Leute, insbesondere im Westen, müssten lernen, gegen die Generation ihrer Eltern aufzubegehren und die faschistische Vergangenheit in Frage zu stellen. Die meisten Studenten beugten sich über ihre Hefter oder starrten meinen Vater unverwandt an. Obwohl ich die politischen Ansichten meines Vaters gut zu kennen glaube und sie sogar meist teile, reizte es mich in dem Moment, ihm zu widersprechen.

Meine Vermutung, dass mein Vater mich bislang in seiner Vorlesung nicht bemerkt hatte, schien sich zu bestätigen, als ich meinen Arm hob und langsam aufstand. Es erfüllte mich mit Genugtuung, dass ihn meine Anwesenheit beunruhigte. Seine glatte, stets rasierte und blasse Gesichtshaut rötete sich, er drehte sich vom Pult weg und lief einige Schritte in Richtung des hinteren Ausgangs, als ob er aus dem Saal flüchten wollte. Kurz bevor er die Tür erreichte, machte er überraschend kehrt, legte seinen Kopf in den Nacken und forderte mich mit einer unmerklichen Handbewegung zum Reden auf. Ich erschrak, errötete ebenfalls und sagte, mit starrem Blick zur hinteren Ausgangstür, dass ich nicht wisse, egal unter welchen Umständen, ob ich mit meinem Vater brechen könnte. Während ich eilig wieder Platz nahm, spürte ich die Blicke der Studenten auf mir ruhen. Dann klatschte jemand, andere begannen zu flüstern, einer erhob sich und sprach erregt von den Gaskammern, den Lagern, Leichenbergen, vom Schweigen der Massen. Im nächsten Augenblick schämte ich mich für meine Aussage.

Nachdem der Student zu Ende gesprochen hatte, sagte mein Vater mit fester Stimme, einem Zuhörer nach dem anderen ins Gesicht blickend: »In unseren Zeiten hat sich das Private dem Gesellschaftlichen unterzuordnen.«

Ein leises Murren zog durch den Raum; wessen Stimme an dem Geräusch beteiligt war, blieb unergründbar. Es stimmte mich nicht milder, endlich die Gewissheit zu haben, dass mein Vater mich und meine Schwestern nicht einfach vergaß, sondern dass sein Mangel an Aufmerksamkeit seiner Weltanschauung entsprach. So rief ich, ohne ein weiteres Mal aufzustehen, dass er schon einmal mutiger gewesen sei, damals, geriet aber ins Stammeln, weil ich merkte, dass ich kaum etwas darüber wusste. Es hatte ein Parteiverfahren gegeben, dessen genaue Umstände ich nicht kannte.

Mein Vater ging nicht darauf ein und setzte seine Vorlesung fort. Da seiner Rede jedoch nun der übliche Elan fehlte, wuchs in mir die Hoffnung, einen wunden Punkt berührt zu haben, und diese Hoffnung war noch auf dem Heimweg von der Universität stärker als jedes andere Gefühl. Je länger ich allerdings darüber nachdachte, desto unpassender kam mir mein Auftreten während der Vorlesung vor.

Einige Tage später läutete es am Abend zweimal an meiner Tür. In den vergangenen Tagen hatte ich bei jedem Klingeln gehofft, dass es noch einmal ertönen würde, weil zweimaliges Läuten unser Familienzeichen war. Wenn ich als Schulkind den Schlüssel vergessen oder in den ersten Studienjahren gelegentlich meine Eltern besucht hatte, erkannten sie an der Anzahl der Töne, dass es unnötig war, sich umzuziehen, benutzte Kaffeetassen vom Tisch zu räumen oder rasch ein Fenster zu öffnen, damit der Essensgeruch verschwand.

Mein Vater hatte nun, als er die Treppe hochstieg, seine steife Körperhaltung und seine häufig grüblerische Mimik aufgegeben. Unsicher, doch froh, dass er den Weg zu mir gefunden hatte, lächelte ich ihn an und bat ihn herein. Ohne sich umzuschauen lief er durch den Flur in die winzige Küche und setzte sich auf einen Stuhl, den ich ihm hinschob, den einzigen gepolsterten, den ich besaß. Ich bot ihm Brot und Wein oder Limonade an, doch er sagte, er wolle es kurz machen. Er bitte mich darum, dass ich mich nicht in seine beruflichen Angelegenheiten einmische. Wenn ich mich für Philosophie interessiere, so freue ihn das, aber es sei mir wohl kaum um Philosophie gegangen, sondern darum, ihn vor den anderen zu brüskieren. Warum, das sei ihm unklar. Ob es mit meiner Mutter zu tun habe? Ob ich ihm die Schuld an ihrer Krankheit gebe?

Ich schwankte zwischen Bestürzung und einer Spur bewahrter Hoffnung, die Sekunde um Sekunde schwand, während unser Schweigen das Zimmer erfüllte und ich darüber nachsann, was er soeben gesagt hatte. Reden, dachte ich verzweifelt, würde uns beiden nicht mehr helfen.

Als ich klein war, hatte ich zwei Mütter: meine leibliche und meine große Schwester Rosa, die mich tröstete, wenn meine Mutter mein Geschrei nicht ertrug, mir von ihrem Essen abgab, wenn meine Mutter bereits alles aufgeteilt hatte, und mich in den Luftschutzkeller trug, wenn meine Mutter unsere andere Schwester Tanja huckepack nahm.

Rosa war dünn und reichte meiner Mutter bis zu den Achselhöhlen. Sie weinte nie, schrie oder lachte nicht. Nach dem Krieg, als mein Vater wieder bei uns wohnte und Rosa meiner Mutter bis zum Kinn reichte, stürzte sie manchmal zu unserem Vater hin und vergrub ihr Gesicht in seiner grauen, wollenen Jacke. Mein Vater strich dann flüchtig über ihr dunkles Haar und schob sie mit behutsamer Geste von sich.

Die Strickjacke trug mein Vater im Winter wie im Sommer. Wenn er die Jacke über der Lehne des rauen Wohnzimmersessels ablegte oder sie im Badezimmer vergaß, roch auch ich zuweilen an der kratzenden Wolle, an welcher der milde Geruch des Pfeifentabaks haftete.

Als wir ein paar Jahre später ein Einfamilienhaus bezogen, stellte mein Vater den Wohnzimmersessel in sein neues Arbeitszimmer. Wurde es ihm während einer Mahlzeit zu warm, stand er auf, ging hinüber in sein Zimmer und kam ohne Jacke wieder. Nur einmal entdeckte ich die Jacke an der Klinke unserer hinteren Haustür, die in den Garten führte. Mein Vater ging dort auf und ab. An diesem Märztag war es draußen wärmer als in unserem Haus. Im Vorbeigehen griff ich unauffällig in die Wolle hinein.

Meine Mutter fand das Haus viel zu groß. Mein Vater benötigte einen Raum für seine Bibliothek, er hatte eine Professorenstelle an der Universität angetreten und verdiente gut. So bestand meine Mutter darauf, einen Gärtner und eine Haushaltshilfe zu engagieren. Tagsüber lag sie meist auf dem Sofa und erhob sich nur, um der Haushälterin Geld für den Einkauf zu geben oder Tanja und mich an unsere Hausaufgaben zu erinnern.

Wir vermieden es, unserer Mutter zu widersprechen, weil wir ihre sich überschlagende Stimme fürchteten. Eure Mutter muss sich schonen, sie hat ein schwaches Herz, hatte der Hausarzt bei einer seiner Verabschiedungen eindringlich gemahnt. Tanja und ich hatten beschämt genickt. Einige Tage darauf legte Tanja ihre Hand auf meine linke, noch flache Brust, und ich presste meine Hand neben die leichte Wölbung, die sich bei ihr an derselben Stelle befand. »Mein Herz ist stärker als deins, hörst du?«, kicherte ich. »Du musst deine Hand richtig drauflegen«, erwiderte Tanja, aber ich traute mich nicht. Wir hockten hinter einem Haselnussstrauch im hinteren Teil des Gartens, wo wir oft spielten, weil wir hofften, dass man uns von dort aus nicht hörte.

Manchmal, während ich mit Tanja den Eichhörnchen hinterherkletterte oder Fangen spielte, lehnte Rosa an der Hausmauer und schaute in Richtung eines bestimmten, entfernten Baums, den sie kaum wahrzunehmen schien. Erst wenn mein Vater einen halben Meter neben ihr das Fenster seines Arbeitszimmers öffnete und laut rufend um Ruhe bat, oder wenn meine Mutter in die Tür trat und schrie: Soll Marie die ganze Arbeit allein machen? oder: Wie sieht das Badezimmer oben aus? oder: Komm die Treppe fegen!, schrak Rosa zusammen und stakste auf ihren mageren Beinen ins Haus. Tanja und ich versteckten uns hinter dem Haselnussstrauch und beobachteten von dort das Geschehen hinter den Fenstern.

Rosa verließ uns von einem Tag auf den anderen. Sie zog einem hageren Militärarzt hinterher, über dessen zackiges Gebaren Tanja und ich oft lachten. Obwohl ich selten mit Rosa gespielt hatte, vermisste ich sie sehr. Zwar hatte sie sich in letzter Zeit schattengleich durchs Haus bewegt, doch war mir mit einem Mal, als ob die Abwesenheit dieses Schattens mir einen Schutz nähme, ohne den ich mich unsicher und ängstlich fühlte. Zu Rosa hatte ich gehen können, wenn ein Mitschüler über mich gespottet hatte oder ich ohne ersichtlichen Grund traurig gewesen war.

Nach Rosas Auszug ging ich auf den Vorschlag meiner Eltern ein, ab der neunten Klasse ein Internat zu besuchen. Dass Tanja bereits ab nächstem Herbst dort wohnen und ich, zwei Jahre später nachfolgend, für die erste Internatszeit ihrer Nähe sicher sein würde, erleichterte mir die Entscheidung. Außerdem klang Freie Schulgemeinde nach einem Ort, an dem sich niemand über geräuschvolles Spielen oder Lachen beklagte.

Fangen spielten wir jetzt nicht mehr. Tanja brachte Freundinnen mit nach Hause, mit denen sie hinter vorgehaltener Hand flüsterte, und ich stimmte in ihr schallendes Gelächter ein, ohne den Grund dafür zu kennen. Unser unvermittelt ausbrechendes und minutenlang anhaltendes Lachen störte meinen Vater beim Arbeiten und brachte meine Mutter aus der Fassung, so dass Tanjas Freundinnen mit der Zeit fortblieben und Tanja ihren Auszug schließlich herbeisehnte.

Um zum Internat zu gelangen, fährt man zuerst mit dem Zug durch eine Ebene und danach mit dem Bus hoch zu Dörfern, die zwischen weiten Wäldern liegen. Von der Haltestelle am Waldrand läuft man die Dorfstraße entlang, um rechter Hand in das Schulgelände einzubiegen. Die Dorfbewohner recken jeden September ihre Hälse nach den neuen Schülern, aber sie stecken ihnen auch Essen zu, Wurst und Honig, den Jungen Schnaps und Zigaretten. Tanja hatte einen Freund im Wohnhaus »Junger Patriot«, der sich mit anderen Jungen heimlich zum Kartenspielen traf. Sie erzählte mir, sie habe oft beobachtet, wie die Jungen an den darauffolgenden Morgen verstohlen Pfefferminzbonbons lutschten und bei Gesprächen mit Lehrern oder mit dem Hausältesten den Kopf zur Seite wandten.

Ich wohnte in der »Roten Fahne«, einem Häuschen mit Glockenturm. Heute würde ich den dumpfen Glockenton vielleicht als angenehm empfinden, doch damals riss er mich jeden Morgen dröhnend aus dem Schlaf. Bevor wir uns auf dem Schulhof zum Morgenappell einfanden, blieben uns zehn Minuten zum Zähneputzen, Waschen, Anziehen und fünfzehn zum Frühstücken.

Die Enge des Sechsbettzimmers störte mich nicht. Wir redeten und musizierten miteinander, machten uns über unsere Eigenheiten lustig, ohne einander zu verletzen. Hier nannte mich niemand Kommunistenzicke. Gemeinsam arbeiteten wir auf dem Feld und im Hühnerstall, badeten im Sommer im angrenzenden kühlen Teich, sammelten Pilze in den schattigen Wäldern oder fanden uns an Winterabenden im Speisesaal ein, wo unsere Lehrer, unter uns sitzend, leiser als im Unterricht sprachen. Der Kamin in der Mitte des Saals verbreitete bis zu den letzten Stuhlreihen eine behagliche Wärme. Wenn ich an anderen Abenden Ruhe suchte und allein sein wollte, zog ich mich in die Bibliothek des Internats zurück. Sobald ich ein Buch aufschlug und mich in die Lektüre vertiefte, erfasste mich eine sonderbare Erregung. Ich tauchte in das Erzählte ein und nahm meine Umgebung erst wieder wahr, wenn die Bibliothekarin prüfend durch die Reihen ging und die letzten Lesenden zum Aufbruch mahnte.

Mit Tanja hatte ich wenig zu tun. Wir begegneten uns oft auf dem Hof oder dem Flur des Schulhauses und alberten kurz herum, ehe jede zu ihren Freundinnen zurückkehrte.

In der ersten Zeit fuhr ich regelmäßig auf Besuch nach Hause. Sobald ich eintraf, warf meine Mutter mir die Unsauberkeit meiner Kleider, die durch mich zusätzlich entstehende Arbeit, gleichzeitig aber meine seltenen Besuche vor. Sie beklagte sich über ihre Müdigkeit, ihre Gelenk- und Kopfschmerzen und darüber, dass sie in Vielem eingeschränkt sei. Meinen Vater bekam ich nur zu den Mahlzeiten und zur Begrüßung und Verabschiedung zu Gesicht.

Ich wusch gemeinsam mit Marie meine Wäsche und die Wäsche meiner Eltern, überredete meine Mutter zu Spaziergängen, rieb ihre Gelenke und ihren Rücken mit Salbe ein und schob die verwirrenden Empfindungen beiseite, die der Anblick und die Berührung ihres weichen, aufgeschwemmten Körpers in mir auslösten.

Zurück im Internat machte ich mir jedes Mal Vorwürfe, dass ich meiner Mutter nicht mehr Zeit widmete. Einmal sprach ich Tanja darauf an, die unbekümmert erwiderte, dass dies nicht unser Problem sei. Mir missfielen ihre Worte, und obwohl ich zugleich Unwillen verspürte, öfter als notwendig nach Hause zu fahren, fuhr ich immer wieder hin.

Eines Tages – es war im letzten Schuljahr – erhielt ich einen Brief von meinem Vater, den ersten, seitdem ich im Internat wohnte. Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, was ich studieren wollte. Ich interessierte mich für Pflanzen und fragte mich häufig nach ihrem Namen, ihrer Bedeutung, ihrem Nutzen, ging aber auch gerne mit Menschen um und war fasziniert von dem Einfluss, den unsere Lehrer auf mich ausübten. Es erschien mir sehr erfüllend, Kinder oder Jugendliche zu erziehen, die miteinander in Eintracht arbeiten und wie wir im Internat in einer frohen Gemeinschaft leben würden.

Nun schrieb mein Vater, er und meine Mutter wünschten sich, dass ich vor Beginn des Studiums eine Zeit lang praktisch arbeite, da der Kontakt mit Arbeitern oder Bauern in unserem Staat eine wichtige Erfahrung sei, die sie selbst mir leider nicht hätten vermitteln können. Zudem würde ich einen eigenen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes leisten.

Ich sah die schmalen Hände meines Vaters vor mir, mit denen er einmal über die Rinde eines Baumes gestrichen, ein anderes Mal mit der Schere ungeschickt eine Blume im Garten abgetrennt hatte, um sie in ein Wasserglas auf seinem Schreibtisch zu stellen, sah seine flinken Tippbewegungen auf der Schreibmaschine, seine vom Lesen entzündeten Augen und die Linien auf seiner Stirn. Im Übrigen kam mir sein unerwartetes Interesse an meiner Entwicklung sonderbar vor. Doch es ging wohl nur insofern um mich, als ich, ein Teil der Gemeinschaft, eine Aufgabe zu erfüllen hatte, deren Sinn mir einleuchtete.

Zum Abschied von der Schulzeit fuhr ich mit einigen Mädchen zwei Wochen ans Meer.

Ehe wir bei unserer Rückkehr am Bahnhof auseinandergingen, umarmten wir einander lange. Ich nahm die Straßenbahn und stieg unweit unseres Hauses aus. Je näher ich dem Elternhaus kam, desto deutlicher vernahm ich die Stimme meiner Mutter. Ich öffnete das Gartentor und ging zum Küchenfenster, in der Erwartung, dass mich jemand bemerke. Meine Mutter stand knapp einen Meter von meinem Vater entfernt und schrie ihm ins Gesicht. Plötzlich strich sie behutsam über seine Wangen und sein Haar, bevor sie, in Schluchzen ausbrechend, auf einen Stuhl niederfiel. Mein Vater sprach leise mit ihr, ohne sie zu berühren. Ich hätte mich gern umgedreht und wäre davongerannt. Wenngleich ich die Szenen seit meiner Kindheit kannte, schmerzte mich der Anblick meiner Eltern auf unerwartete Weise. Gleichzeitig wollte ich verstehen, was zwischen ihnen vorging.

Doch auch in den folgenden Wochen redeten meine Eltern kaum mit mir. Mein Vater hatte sich auf meinen Wunsch hin um einen Praktikumsplatz gekümmert. Das Versuchsgut gehörte zur Universität und umfasste unzählige Felder und Weideflächen. Ich kannte das unmittelbar an die Stadt grenzende Dorf von Spaziergängen und hatte gesehen, wie das Getreide vor der Ernte in der Sonne noch einmal aufleuchtete, wie die Kühe friedlich grasten und wie Pferde die Ernte in Hängern über die Dorfstraße in Richtung Hof zogen. Die Bauern hatten uns Spaziergängern freundlich zugenickt oder uns nicht beachtet.

Anfang August war die Luft des alternden Sommers drückend und heiß, die Dorfstraße gesäumt von Pferdeäpfeln. Am Hoftor traf ich auf eine Bäuerin, die ein Pferd unter dem Torbogen durch eine mit Sägespänen gefüllte Mulde führte. Es roch scharf nach Desinfektionsmittel. Die Frau musterte kurz meine Kleidung und rief mir zu, ich solle meine Schuhe gründlich säubern, es gebe Maul- und Klauenseuche.

Meine Schuhe sanken tief in die feuchten Sägespäne ein, die sich an meinen Rocksaum hefteten. Im Hof setzte ich mich auf eine Holzbank unter einer kleinen Linde und zupfte die Späne aus meinem Wollrock. Ein paar junge Leute, vermutlich Lehrlinge, liefen in Gummistiefeln und verdreckten blauen Arbeitshosen an mir vorüber und grinsten mich spöttisch an. Erst später begriff ich, dass das Grinsen mich meinte, weil ich die Tochter eines Akademikers war.

An manchen Tagen gab ich beinahe auf. Das zeitige Wecken war ich gewohnt, die harte körperliche Arbeit hingegen fiel mir schwer. Sie war kaum vergleichbar mit den landwirtschaftlichen Tätigkeiten während meiner Schulzeit, als wir nachmittags Kartoffeln oder Rüben ernteten, Hühner fütterten und Blumenbeete bepflanzten.

Nun jedoch spürte ich abends befriedigt, wie der Schmerz aus meinen Gelenken wich, der Druck der Düngerwannen gegen meinen Bauch und das Gewicht der Kartoffelkörbe an meinen Unterarmen nachließ. Ich gewöhnte mich an den Anblick der braunen Ränder meiner Fingernägel, die im Mondlicht gespenstisch wirkten, aber die Arbeit auf dem Feld und im Stall forderte mir das Äußerste an Anstrengung ab. Dennoch schien meine Kraft auszureichen – bis zu jenem Tag Mitte September.

$11.60

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Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
260 p. 1 illustration
ISBN:
9788711448489
Publishers:
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Bookwire
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