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Ane-Marie Kjeldberg
Lagerkoller 5 - Christians Versuchung: Erotische Novelle
Übersetzt
Patrick Zöller
Lust
Lagerkoller 5 - Christians Versuchung: Erotische Novelle ÜbersetztPatrick Zöller
Original
Sommerfolket 5: Christians fortælling
Coverbild / Illustration: Shutterstock
Copyright © 2017, 2020 Ane-Marie Kjeldberg und LUST
All rights reserved
ISBN: 9788726396225
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.
Letzte Frühlingstage 1969
Das Ferienhaus Solhjem an der Nordsee hatten Christian und seine jüngere Schwester Bodil von ihren Eltern als gleichberechtigte Eigentümer geerbt.
Als Christian Witwer wurde, wieder heiratete und sich später scheiden ließ und Bodil jung zur Witwe geworden war, schien es eine gute Idee zu sein, im Alltag gemeinsame Sache zu machen. Eine Haushaltshilfe, die sich in der palaisartigen Villa nahe der Århusbucht um ihrer beider Belange kümmerte, war nahezu unumgänglich gewesen. Sie hatten selbst keine Zeit, sich um den Haushalt zu kümmern. Christian war ein gefragter Architekt, und Bodil hatte die Firma ihres Mannes geerbt und sich entschieden, den Chefsessel zu übernehmen. Viele hatten ihr ein Debakel prophezeit, aber entgegen aller Erwartungen war sie über die Maßen erfolgreich.
Ihre Haushaltshilfe Nook war Ursache des Zwists, der zwischen ihnen herrschte. Grundsätzlich war sie ein pflichtbewusstes Wesen, das ihnen zwölf Jahre lang beste Dienste geleistet hatte. Aber vor Kurzem war Nooks Mutter gestorben und die 33jährige Haushaltshilfe danach in eine tiefe Krise gestürzt. Der Arzt hatte von Nervenzusammenbruch gesprochen und Ruhe und Fürsorge verordnet.
„Ausgezeichnet“, sagte Bodil zum wohl zehnten Mal, „dann geht sie am besten nach Thailand zurück, wo sie herkommt. Da drüben wird's ja wohl säckeweise Familie geben, von der sie sich verhätscheln lassen kann.“
„Sie und ihre Mutter haben Thailand verlassen, als Nook 14 war. Sie kennt dort keine Menschenseele mehr.“
„Sie bekommt doch dauernd Briefe“, sagte Bodil und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.
„Das ist nicht dasselbe wie jemanden kennen“, sagte Christian leise.
„Da muss ich Christian Recht geben“, sagte Xenia, die zusammen mit Christians Stieftochter Ingrid zu Besuch war.
Christian hatte von den beiden immer nur diskret als Wohngemeinschaft gesprochen, seit sie sich Ingrids Ferienhaus teilten; tatsächlich waren sie aber weit mehr. Christian freute sich zu sehen, wie sie vor lauter Verliebtsein förmlich strahlten.
„Der Meinung bin auch“, pflichtete Ingrid bei.
„Herrgott! Was ist eigentlich mit euch los?“, sagte Bodil, stand ruckartig auf und verließ das Wohnzimmer.
„Nook ist ein Mensch, kein abgenutzter Putzlappen“, sagte Christian zu Xenia und Ingrid.
Er spürte, dass sie seine sensible Art zu schätzen wussten. Allerdings hatte er ihnen nicht erzählt, dass seine Haltung nicht nur die des verantwortungsbewussten Arbeitgebers war, sondern Ausdruck dafür, dass er Nook außerordentlich mochte. In all der Zeit in der Villa Pax war sie stets höflich gewesen und lächelte zumeist, jedoch völlig ausdruckslos. Manchmal allerdings geschah etwas, dass ihre Gesichtszüge lebendig werden ließ und zu einem variantenreichen Mienenspiel führte. Das faszinierte ihn, und er wollte sie beschützen in der Hoffnung, diese Lebendigkeit öfter zu sehen.
Er mochte sie, wie man eine Tochter mochte, so stellte er es sich jedenfalls vor, und er wollte ihr gerne in der Trauer beistehen, die ihr den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.
Aber er war nicht sicher, ob er dazu die Gelegenheit bekommen würde.
Am nächsten Tag kam er früher als gewöhnlich nach Hause und traf Nook in der Küche an, wo sie mit verweinten Augen das Abendessen für ihn und Bodil zubereitete.
Er hatte Berliner mitgebracht, weil er wusste, dass Nook sie für ihr Leben gern aß. Zwar bedurfte es ein wenig Überredungskunst, aber dann setzte sie sich mit ihm an den kleinen Küchentisch und verzehrte eins der süßen Gebäcke.
„Geht es Ihnen besser, Nook?“, fragte er, als sie den letzten Bissen herunterschluckte.
„Ja, tausend Dank, Herr Dahl“, sagte Nook und lächelte ihr maskenhaftes Lächeln.
„Erzählen Sie von Ihrer Mutter“, sagte Christian leise.
Erschrocken sah Nook ihn an. „Das kann ich nicht. Ich ertrage es nicht, an sie zu denken.“ Sie bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten. „Jetzt habe ich niemanden mehr.“
„So ist es doch nicht“, sagte Christian. „Es gibt Menschen, die Sie sehr mögen.“
Mit mattem Blick sah sie ihn aus ihren braunen Augen an.
In genau diesem Augenblick flog die Küchentür auf und Bodil hielt in ihrem tadellos sitzenden kornblumenblauen Kostüm Einzug.
„In Gottes Namen, Nook, ist das Abendessen etwa noch nicht fertig?“, bellte sie nach einem scharfkantigen Blick auf Tisch und Herd.
„Entschuldigen Sie, Frau Eriksen“, sagte Nook und stieß ihre halbleere Kaffeetasse um, als sie hastig vom Tisch aufstand.
„Jetzt reißen Sie sich aber mal zusammen!“, herrschte Bodil sie an.
Zitternd versuchte Nook, mit ihrer Schürze den verschütteten Kaffee aufzuwischen.
„Gehen Sie nur nach unten in Ihr Zimmer“, sagte Christian. „Ich regele das hier schon.“ Sanft schob er Nook in Richtung Tür.
„Und was ist mit dem Essen?“ Wütend sah Bodil von Nook zu Christian.
„Das erledige ich schon“, sagte Christian lauter, als er normalerweise sprach. Er schloss die Tür hinter der Haushaltshilfe.
„Es war meine Schuld, dass sie nicht fertig geworden ist“, sagte Christian. „Ich habe ihr einen Berliner spendiert.“
Bodil verdrehte die Augen Richtung Zimmerdecke.
„Und wer ist schuld daran, dass in der Halle nicht gestaubtsaugt wurde? Und der Türklopfer und der Briefkasten seit Wochen nicht gewienert wurden?“
„Ihre Mutter ist vor Kurzem gestorben.“
„Vor Kurzem? Das ist fast drei Monate her. So langsam muss sie sich mal am Riemen reißen.“
„Kannst du nicht ein bisschen Mitgefühl zeigen?“, sagte Christian.
„Nicht drei Monate lang. Sie ist erwachsen. Und sie wird dafür bezahlt, dass sie das Haus in Schuss hält, nicht dafür, heulend herumzustolpern.“
„Hör auf. Sie hat einen Nervenzusammenbruch.“
„Nervenzusammenbruch! Wenn es so ist, dann muss sie weg, dann holen wir uns jemand anderen.“ Bodils grauer Blick war rostfreier Stahl.
Mit einem Mal wusste Christian, dass sie recht hatte.
Nook musste weg.
„Nook“, sagte er behutsam, als er sie am selben Abend in sein Zimmer bat, „Sie müssen weg von hier, damit sie wieder auf die Beine kommen.“
„Oh nein, Herr Dahl, ich werde mir alle Mühe geben und alles richtig machen und nicht mehr weinen“, sagte Nook mit zitternden Lippen. „Bitte schicken Sie mich nicht weg. Ich spreche kaum noch Thai. Ich bitte Sie.“ Ein Weinkrampf übermannte sie.
„Aber Nook, ich will Sie doch nicht nach Thailand schicken“, sagte Christian. „Ich will Sie an die Nordsee schicken.“
„Nordsee? Kann ich dort denn Arbeit finden?“ Sie sah ihn an.
„Nein, nein, Sie sollen doch nicht arbeiten. Sie sollen sich ausruhen. Ich nehme Sie mit. Wir verbringen ein paar Wochen in Bodils und meinem Ferienhaus. Ich werde von dort oben aus arbeiten, aber auch frei machen, dann kann ich für uns kochen und mich um alles kümmern. Sie müssen überhaupt nichts tun.“
„Kommt Frau Eriksen auch mit?“, fragte Nook mit ausdruckslosem Gesicht.
„Nein, nur wir beide.“
„Aber wo soll ich schlafen?“ Nook senkte den Blick.
„Sie werden ihr eigenes Zimmer haben, genau wie hier.“ Er lächelte beruhigend. „Sie bekommen ein Zimmer in der oberen Etage, ich schlafe im Erdgeschoss.“
Nook blickte immer noch zu Boden.
In diesem Augenblick war das charakteristische Klacken von Bodils hohen Absätzen zu hören, die mit schnellen und ungeduldigen Schritten die Halle durchquerte. Ein nervöses Zucken befiel Nooks rechte Augenbraue.
„Ja“, sagte sie dann. „Ich komme mit, wenn ich meine Puppen mitnehmen darf.“
„Puppen?“
„Ja. Sie sind meine Freunde.“
Zwei Tage später war Nooks Sammlung fein gekleideter Puppen zusammen mit ihrem kleinen karierten Koffer, Christians lederner Reisetasche und seinen notwendigen Arbeitsutensilien im Kofferraum seines Citroën DS verstaut.
Im Ferienhaus angekommen, schlich Nook auf Socken herum und nahm alles in Augenschein. Die olivgrüne Truhe. Die Glasschiebetüren zwischen den zwei Wohnzimmern. Sie betrachtete das Gemälde, das Christians Mutter mit hochgesteckten Haaren und im weißen Rüschenkleid zeigte. Vorsichtig befingerte sie die mit feiner Spitze ausgestatteten Gardinen, die Korbmöbel mit den blau und weiß gestreiften Polstern und den weißen, schwedischen Porzellanofen. Sie trat durch die breiten Flügeltüren auf die überdachte Veranda, stand lange da und schaute über den Strand und das blaue Meer.
Im Badezimmer inspizierte sie den Unterschrank mit der Marmorplatte, das Waschbecken, die große Deckendusche und den Holzgriff der Toilettenschnur. In den Zimmern im ersten Stock nahm sie die cremefarbenen Ankleideschränke und die Erker mit ihren gebogenen Fenstern in Augenschein.
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