Read the book: «Mehr ausbrüten, weniger gackern»

Andreas Müller
Mehr ausbrüten, weniger gackern Denn Lernen heißt: Freude am Umgang mit Widerständen Oder kurz: Vom Was zum Wie Reihe: LernCoaching ISBN Print: 978-3-0355-0059-2 ISBN E-Book: 978-3-0355-0060-8
Gestaltung: lernenbewegt, Roland Noirjean, Beatenberg
2. Auflage 2013
Alle Rechte vorbehalten
© 2013 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.com
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhaltsverzeichnis

Vorwort – Das Gelbe vom Ei
Eine kleine Auslegeordnung
LRF 1: Orientierung
LRF 2: Auseinandersetzung
LRF 3: Arrangements
LRF 4: Evaluation
LRF 5: Interaktion
LRF 6: Lernort
Menschenbild
Rollenverständnis
Lernverständnis
Funktionsverständnis
Die Wie-Wende
Literatur
Links
Das Gelbe vom Ei


LernCoaching heißt …
… den Lernenden zum Erfolg zu verhelfen
Veränderungen prägen das heutige Leben. Change happens. Das Tempo nimmt zu. Ein statisches Schulsystem passt schlecht in eine dynamische Welt.
Die Sozialisierungshintergründe von Kindern und Jugendlichen weichen zunehmend voneinander ab. Ein konstruktiver Umgang mit Vielfalt ist gefragt: diversity management.
Heterogenität ist so gesehen nicht ein Problem – sondern eine Chance. Aber das setzt eine neue – oder andere – Lernkultur voraus. Und eine neue – oder andere – Professionalität.
Dazu gehören auch Beziehung und Erziehung: jene Kompetenzen ins Visier nehmen, die nicht nur abschlussfähig machen, sondern anschlussfähig – an relevante Lebenssituationen.
Das Ziel: in integraler Weise die Voraussetzungen schaffen für erfolgreiches Lernen. Denn zum Erfolg gibt es keine Alternative.
Aber: Erfolg setzt Leistung voraus. Lernen heißt also: konstruktiv mit Schwierigkeiten und Widerständen umgehen. Lernende müssen Freude entwickeln am Umgang mit Widerständen.
Eine Voraussetzung dafür: Selbstwirksamkeit. Und damit das Gefühl von Machbarkeit. Das wird unter anderem sichergestellt durch individuelle Ziele. Und Verbindlichkeiten.
Vereinbarungen haben aber nur Sinn, wenn sie Folgen haben.
Im Klartext: Verbindlichkeiten gilt es einzufordern. Das hat mit Wertschätzung zu tun.
Damit ist klar: LernCoaching ist eine Art Einforderungsdidaktik. Das erfordert manchmal Mut zu konstruktiver Unpopularität. Motto: Mehr Tugend für die Jugend.
Lernen – und Verstehen – kann der Mensch nur selbst. Das tut er auch: selbst und ständig. Dabei braucht er in differenzierter Weise Unterstützung – Hilfe zur Selbsthilfe.
Ziel von schulischem Lernen ist die Förderung der Selbstgestaltungskompetenz. Dazu muss das Denken die Richtung ändern – weg von der Pädagogik, hin zur Autagogik1.
LernCoaching wirkt durch …
… ein bewusstes Gestalten lernrelevanter Faktoren
Lernen — auch schulisches — ist keine eindimensionale, monokausale Angelegenheit. Im Gegenteil: Der individuelle Konstruktionsprozess namens »Lernen« gestaltet sich höchst komplex und entzieht sich weitgehend der äußeren Einflussnahme. Anders gesagt: Es wird nicht gelernt, was gelehrt wird.
Ein bisschen mehr als nur dem Zufall nachhelfen kann LernCoaching dennoch. Durch entsprechend professionelles Handeln lassen sich die lernrelevanten Faktoren (LRF) beeinflussen – mit dem Ziel, Lernen erfolgswahrscheinlich zu gestalten.
LRF 1: Orientierung
Inhaltliche Landkarte. Wo stehe ich? Wo will ich hin? Wie komme ich dorthin?
LRF 2: Auseinandersetzung
Verstehen. Lernkompetenz und Lernnachweise durch individuelle Zielformulierungen.
LRF 3: Arrangements
Vielfalt »organisieren«. Ermöglichungsstrukturen. Aktivitätsschwerpunkt bei Lernenden.
LRF 4: Evaluation
Förderdiagnostik. Leistungen mit Referenzwerten in Beziehung bringen. Einforderungskultur.
LRF 5: Interaktion
Lösungs- und entwicklungsorientiert. Fragen statt sagen. Angebote machen.
LRF 6: Lernort
Umgebung als Determinante – »dritter Pädagoge« und Inspirationsquelle.
LernCoaching ist nicht einfach eine andere Arbeit im System. Es ist auch – und vor allem – Arbeit am System. Es geht darum, auf die lernrelevanten Faktoren bewusst Einfluss zu nehmen und so die individuelle Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Denn zum Erfolg gibt es keine Alternative.

| 1 | Autagogik versteht sich als übergeordnetes Konzept für selbstkompetentes, selbstwirksames Lernen. Der Begriff setzt sich zusammen aus griech. autós, »selbst, aus eigener Kraft« und ágein »führen«. |
Eine kleine Auslegeordnung

Wir alle sind ein Produkt unserer eigenen Geschichte: Alles, was jetzt – in der Gegenwart – geschieht, ist das Ergebnis von Entscheidungen, die wir vorher einmal getroffen haben. Mit anderen Worten: Jede Zukunft hat eine Herkunft.
Und Lernen, das sind die Schritte zwischen Herkunft und Zukunft. Schritte hinterlassen Spuren. Auf diesen »Gebrauchsspuren« (Spitzer 2006) bewegt sich unser Denken. »Gute« Spuren ausbauen oder neu anlegen, das ist also – ein bisschen plakativ – das Ziel schulischen Lernens. Dazu müssen die Lernenden aktiv sein, etwas tun. Sie müssen vor allem lernen, konstruktiv mit Schwierigkeiten und Widerständen umzugehen. Und eben nicht: Widerstände zu umgehen.
Das bedeutet: Es geht darum, sich auseinanderzusetzen – mit Dingen, mit anderen Menschen, mit sich selbst. Sich auseinandersetzen wiederum, das funktioniert nicht per Mausklick oder Knopfdruck. Denn sich auseinandersetzen heißt: Widerstände meistern, nicht mit der erstbesten Lösung zufrieden sein. Und es heißt auch: Umwege gehen. Denn: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Für die Schule bedeutet das im Kern:
Lernende müssen Freude entwickeln am Umgang mit Widerständen und Schwierigkeiten.
Das Leben ist gestaltbar. Das Lernen auch. Alles – jede noch so kleine Aufgabe – lässt sich verwandeln in etwas, das wirklich Sinn macht. Es ist letztlich eine Frage des angeborenen oder erlernten Widerwillens, sich in die langweilige Ecke drängen zu lassen. Oder den Widerwillen, die eigene Phantasie auf das Format einer karierten Heftseite zu beschränken.
Lernen versteht sich also keineswegs als ein lineares und monokausales Geschehen. Wissen lässt sich nicht bequem von einem Kopf (jenem des Lehrers) in einen anderen (jenen des Schülers) übertragen. Lernen ist ein individueller Konstruktionsprozess. Wissen wird stets neu konstruiert. Lernen ist – neurobiologisch gesehen – eine Umstrukturierung neuronaler2 Verbindungen. Es entstehen Gebrauchsspuren. Auf diesen – ausgetretenen – Wegen verläuft unser Denken. Wer lernt, legt also auch neue Wege an. Neue Denkspuren. Diese Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen (Spitzer 2006).

Gebrauchsspuren
Schulisches Lernen – ist es auf Nachhaltigkeit ausgerichtet – folgt dem Ziel zu verstehen. Verstehen meint: Informationen umwandeln in Bedeutung. Oder: aus etwas Fremdem etwas Eigenes machen. Kapieren, nicht kopieren. Denn: Aha!, das beglückende Gefühl, etwas verstanden zu haben, ist ein hochgradig emotionales Erlebnis. Wenn der Groschen fällt, steigt das Dopamin3. Das produziert Glücksgefühle.
Und so macht Lernen Freude. Es ist Freude an Leistung. An der eigenen! Etymologisch gesehen sind nämlich Lernen und Leistung gleichbedeutend. Und damit wird zum Ausdruck gebracht: Lernen, Verstehen und die Freude daran sind das Resultat einer Leistung. Oder eben: das Ergebnis eines konstruktiven Umgangs mit Schwierigkeiten.
Der Prozess des Lernens hat also im Grunde genommen nichts mit dem Was zu tun. Sondern einzig und allein mit dem Wie! Auf die Frage »Was lernst du?« gibt es so gesehen keine vernünftigen Antworten. Die Englischvokabeln von Kapitel 12. Das Kürzen von gemeinen Brüchen. Der Verlauf der Schlacht bei Bibrakte. Das sind allenfalls zukünftige Ergebnisse von Lernaktivitäten. Das Lernen selber findet aber immer in der Gegenwart statt. Hier und jetzt. Lernen ist Tun. Und die entsprechenden Aktivitäten antworten nur auf die Frage nach dem Wie!
a u f g e p i c k t
Um sich selbst zu erkennen, muss man handeln. Albert Camus
Es ist das Wie des Lernens, das die Spuren von der Herkunft in die Zukunft legt.

Kompetenzen
Wer kreativ und konstruktiv sein Lernen (und sein Leben) gestalten will, braucht Kompetenzen. Kompetenzen sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, die von Lernenden entwickelt werden und sie befähigen, bestimmte Tätigkeiten in variablen Situationen auszuüben.
Oder ein bisschen genauer (Weinert): »Kompetenzen sind die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.« Lernen zielt also darauf ab, Kompetenzen zu entwickeln.
Dabei geht es einerseits um fachliche Kompetenzen. Um den Aufbau eines lebendigen und anwendungsbezogenen Fachwissens. Je mehr Wissen ein Lernender hat und je besser es strukturiert ist, umso leichter kann er damit »spielen« und neue Informationen damit in Beziehung setzen.
Es geht damit auch um methodische Kompetenzen. Oder neudeutsch: um learning skills. Ums Handwerk also. Und um die Werkzeuge dazu. Ein vielfältiges Strategie- und Methodenrepertoire erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit. Weshalb sonst sagte Abraham Maslow: Wer als einziges Werkzeug einen Hammer kennt, für den ist jedes Problem ein Nagel.
a u f g e p i c k t
Was nicht in die Wurzeln geht, geht nicht in die Krone. Friedrich Georg Jünger
Und es geht um Anschlusskompetenzen. Um Haltungen und Einstellungen. Dazu gehört der Umgang mit sich selber. Aber auch der Umgang mit anderen: Kommunikations-, Konflikt- und Integrationsfähigkeit. Und dazu gehört: beginnen, die Dinge nicht vor sich herzuschieben wie eine Wanderdüne. Und auch: zu Ende führen. Freude an der Widerständigkeit.
Wer den Anforderungen mehr oder weniger systematisch aus dem Weg geht, wird permanent von so etwas wie einem schlechten Gewissen verfolgt sein. Wer im Grunde genommen weiß, was er sollte, und es trotzdem nicht tut, findet sich nicht so toll. Und wer sich selber nicht mag, ist, so jedenfalls glaubt Friedrich Nietzsche, »fortwährend bereit, sich dafür zu rächen«. Schule muss also auch ein Ort sein, der den Lernenden gute Gründe gibt, sich selber zu mögen.
Die Bereitschaft, aktiv zu werden, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, ist gekoppelt an die Wahrscheinlichkeit, damit erfolgreich zu sein. Es braucht Selbstwirksamkeitsüberzeugungen4. Es braucht den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Auch das ist eine Gebrauchsspur. Und das heißt im Klartext:
Die Schule muss ein Ort sein, den die Lernenden als erfolgreich erleben.
Denn eben: Zum Erfolg gibt es schlichtweg keine Alternative.
Lernrelevante Faktoren
Lernen und Lernkompetenz – dahinter verbirgt sich ein komplexes Geschehen. Lernen ist immer individuell und persönlich. Und es entzieht sich weitgehend der Fremdsteuerung. Der Mensch lernt selbst und ständig.
Damit ist klar: Der Komplexität des Lernens ist mit einfachen Strickmustern nicht beizukommen. Jedenfalls nicht nachhaltig. Das gilt auch und gerade für schulisches Lernen. Und dieses schulische Lernen wird mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreich und Sinn stiftend, wenn es gelingt, das Zusammenspiel der lernrelevanten Faktoren bedürfnisgerecht zu gestalten.
Lernen lässt sich nicht in Einzelteile zerlegen. Die Erfolgsfaktoren wirken integral durch die Dynamik ihrer Rückkoppelungsprozesse. Aufgabe von LernCoaches ist es deshalb, für ein optimales Zusammenwirken zu sorgen, die sechs lernrelevanten Faktoren im Hinblick auf eine individuelle Erfolgswahrscheinlichkeit möglichst günstig zu beeinflussen.


❶ Orientierung
Grundlage ist eine transparente und einsichtige Orientierung – quasi eine inhaltliche Landkarte. Es geht darum, zu wissen, was man können könnte. Es geht darum, die Erwartungen abzustecken (Referenzwerte). Und es geht um das Bewusstsein der eigenen Situation.
❷ Auseinandersetzung
Das Ziel heißt: Verstehen. Aus etwas Fremdem etwas Eigenes machen. Einer Spur folgen und konstruktiv mit Widerständen umgehen. Lernnachweise auf individuellem Herausforderungsniveau sind das Ergebnis eigener Zielformulierungen.
❸ Arrangements
Offene und bedürfnisgerechte Arbeitsformen führen zu einer Verlagerung des Aktivitätsschwerpunktes. Umgang mit Vielfalt auf der Grundlage einer Vereinbarungs- und Einforderungskultur. Lernorganisation ist immer auch (und vor allem) Selbstorganisation.
❹ Evaluation
Den Evaluationsabsichten kommt eine präformierende Wirkung zu. Kompetenzorientiertes Lernen verlangt nach entsprechendem Umgang mit Lernleistungen: referenzieren, präsentieren, reflektieren, dokumentieren. Förderung statt Selektion, Checks and Balances.
❺ Lernort
Der Lernort wirkt als »dritter Pädagoge« determinierend auf das Verhalten (z. B. Aktivitätsschwerpunkt). Räume dienen der Funktionalität, der Ästhetik und der Inspiration. Außerschulische Lernorte systematisch einbeziehen. Strukturierte Materialien als Lernanlässe offerieren.
➏ Interaktion
Eine lösungs- und entwicklungsorientierte Interaktion folgt der Logik des Gelingens. Das setzt ein Interesse an den Lernenden und an ihrem Erfolg voraus. In einer Kultur des Voneinander- und Miteinanderlernens werden Betroffene zu Beteiligten.
Die sechs lernrelevanten Faktoren sind eingebettet in vier basale Faktoren. Dabei geht es in erster Linie um Haltungen und Einstellungen – zu sich, zu anderen und zu den Dingen.
❶ Menschenbild
Kein Kind steht am Morgen auf und sagt: »Heute bin ich ein schlechter Mensch.« Lernende wollen lernen. Sie wollen »gut« sein, anerkannter Teil der Gemeinschaft. Das verlangt nach Vertrauen und Wertschätzung.
❷ Rollenverständnis
Menschen leben die Rollen, die sie sich geben oder die ihnen zugewiesen werden. Die Förderung von Selbstgestaltungskompetenz verlangt nach Hilfe zu Selbsthilfe. Weniger Schüler, mehr Lernunternehmer hier und mehr Coaches und Berater da.
❸ Lernverständnis
Lernende konstruieren sich die Welt. Sie lernen – vor ihrem biografischen Hintergrund – selbst und ständig. Das hat aber nichts mit einem Jahrmarkt der Beliebigkeiten zu tun. Schulisches Lernen soll als zielführend, erfolgreich und Sinn stiftend wahrgenommen werden.
❹ Funktionsverständnis
Die Funktion bestimmt die Form. Eine individuellen Kompetenzentwicklung verlangt nach massgeschneiderten Programmen. Ziel ist der persönliche und schulische Erfolg aller Lernenden. Nicht abschluss-sondern anschlussfähig sollen sie sein, anschlussfähig an relevante Lebenssituationen.
Ein Faktor ist – so erklärt das Herkunftswörterbuch – eine »Vervielfältigungszahl«, eine »mitbestimmende Ursache«. Und in der Tat: Lernrelevante Faktoren sind mitbestimmende Ursachen, denen es zielführend Rechnung zu tragen gilt, damit die Möglichkeiten erfolgreichen Lernens sich vervielfältigen.
Autagogik
Lernen, das können Menschen nur selber tun. Es geschieht einfach. Aber es lässt sich auch gestalten, ermöglichen, behindern. Die Schule bedient sich dafür des Begriffs »Pädagogik«. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen: paîs (-idós) = Kind, Knabe und ágein = führen. Der paidagogós war der Kinderführer, ein Sklave, der die Kinder außer Haus begleitete.
Diese bedeutungsmäßige Herkunft hat sich erfolgreich in die heutige Bildungslandschaft hinübergerettet. Zwar führt der Lehrer (der mehrheitlich durch die Lehrerin abgelöst worden ist) die Kinder kaum mehr außer Haus. Sie kommen zu ihm. Ohne Führung. Stattdessen führt er sie auf virtuellen Wegen entlang von Themen hin zu Prüfungen. Der Lehrer weiß, wie weiland der Sklave, wo es lang geht. Er kennt den Weg, er weiß, welches der richtige ist und welches der falsche.
Chris Shute bezieht dazu unmissverständlich Stellung: »In neun von zehn Schulen, an neun von zehn Tagen, in neun von zehn Stunden sind Lehrende damit beschäftigt, eine dünne Informationsschicht über den kindlichen Verstand zu legen und sie nach kurzer Verweildauer wieder abzusahnen, um selbstzufrieden feststellen zu können, dass die Informationsschicht vorschriftsgemäß aufgelegt wurde« (Shute 1998).

Lernen sollte jedoch die Selbstgestaltungskompetenz fördern.
Dann aber müssen die Gebrauchsspuren auch entsprechend gelegt werden. Dann müssen die Lernenden und ihr aktives, selbstbestimmtes Lernen ins Zentrum der schulischen Arbeit rücken. Und dann würde »Autagogik« besser passen. Wesentlich besser sogar.
Der Begriff setzt sich zusammen aus autós = selbst, aus eigener Kraft und ágein = führen. Autagogik bezeichnet ein übergeordnetes Konzept für selbstkompetentes, selbstwirksames Lernen (Müller 2002/2004 / Fuchs 2005). Es versteht sich als »Bezeichnung für ein didaktisches Lehr-Lern-Arrangement mit dem Ziel einer selbstwirksamen Kompetenzerweiterung im schulischen Kontext. Selbstwirksam lernen bedeutet, dass Lernende sich ihre eigenen, ihnen sinnvoll erscheinenden Ziele setzen, die sie dann entsprechend ihren eigenen, ihnen bedeutsam erscheinenden Strategien gemäß verfolgen und umsetzen« (Fuchs 2005),
Ein Beispiel: Vor der letzten Fußballweltmeisterschaft, das Panini-Fieber hat die westliche Zivilisation erfasst. Unzählige Kinder landauf, landab haben die farbigen Bildchen gesammelt. Und wie! Mit Eifer. Mit Begeisterung. Mit Ausdauer und Beharrlichkeit. Sie kannten plötzlich Länder, von deren Existenz sie zuvor nicht den Dunst vom Schimmer einer Ahnung gehabt hatten. Und Kinder, die normalerweise keine zehn Französisch-Vokabeln auf die Reihe kriegten, kannten mit einem Mal Spieler, deren Namen wesentlich komplizierter klangen als irgendein unregelmäßiges Verb im Passé simple. Unselbstständige Schüler entwickelten Erfolgsstrategien, die ihnen kein paidagogós beigebracht hatte. Und selbst solche, die sich eigentlich gar nicht für Fußball interessierten, fanden sich in kürzester Zeit in der Welt der Mannschaften und der Spieler zurecht.
| Pädagogik | Autagogik |
| Aus griech. pais, paidos „Kind, Knabe“ und griech. ágein „führen“. Kinder-, Knabenführer. Bezeichnete ursprünglich einen Sklaven, der die Kinder in die Schule und wieder zurück nach Hause geleitete. | Zusammengesetzt aus griech. autós „selbst, aus eigener Kraft“ und ágein „führen“. Übergeordnetes Konzept für selbstkompetentes, selbstwirksames Lernen |
| Handlungsleitendes Prinzip: LehrenAktivitätsschwerpunkt beim Lehrer Stichwort: FremdsteuerungLernen = Übertragen, Vermitteln von WissenAuf der Suche nach Defiziten, gegen die etwas getan werden sollPart of the problemSchülerKollektive Ziele und Verbindlichkeiten als kleinstes gemeinsames VielfachesLeistungsvergleich am Klassendurchschnitt (Punkte, Zensuren)LinearAdaptiv | Handlungsleitendes Prinzip: LernenAktivitätsschwerpunkt beim einzelnen Lernenden. Stichwort: SelbststeuerungLernen = individuelle Konstruktion von Wissen, Können und WollenAuf der Suche nach Ressourcen, für die etwas getan werden sollPart of the solutionLernpartnerIndividuelle Ziele und Verbindlichkeiten. Anerkennen von und Arbeit mit UnterschiedenIndividueller Leistungsvergleich an transparenten Standards/Referenzwerten (Referenzieren)ZirkulärAntizipativ |
![]() | ![]() |
| Lehrer | |
| Arbeit im SystemLehrer, WissensvermittlerCage on the stageSystemfokus: Klasse | Arbeit im System und am SystemLernCoachGuide on the sideSystemfokus: Schule |
Das heißt: Die Kinder offenbarten all jene Fähigkeiten und Eigenschaften, die ihnen das Dasein in der Schule wesentlich erleichtern würden. Das heißt weiter: Sie könnten es eigentlich. Wenn es darauf ankommt. Wenn es für sie darauf ankommt.
Autagogik zielt darauf ab, das »Panini-Prinzip« auf schulisches Lernen zu übertragen. Der Aktivitätsschwerpunkt liegt beim Lernenden. Selbstwirksamkeit und Selbststeuerung sind Stichworte dazu. »Lernen wird verstanden als Folge von individueller Konstruktion von Wissen, Können und Wollen. (…) Wissen wird zirkulär gebildet: über Erfahrungslernen, Nachdenken über das Lernen und antizipatives Verhalten.« (Fuchs 2005)
In einem autagogischen Denken braucht es nicht mehr den »Knabenführer«.
Vielmehr braucht es Menschen, die Lernende dabei unterstützen, sich auf eigenen Wegen die Welt zu erschließen, sie fassbar und lesbar zu machen, sich in dieser Welt zu erfahren und zu erproben.
Auf einer solchen Reise, so Renate Girmes, »wird er oder sie Fremdes kennen lernen und sich zu eigen machen können, wird neue Freunde und interessante Gesprächspartner finden, mehr wissen, Verständnisse überdenken und revidieren und neue Einsichten gewinnen. (…) In Wirklichkeit ist unterrichtliches Reisen selten so – weil Unterricht selten ›gut‹ ist? Weil man sich als lernbegieriger Unterrichtsreisender nicht selten wie ein Pauschaltourist in einer Reisegruppe von Busgröße mit einem festen gemeinsamen Besichtigungsprogramm und den dazu passenden Standarderläuterungen wiederfindet, immer zusammen als Gruppe, orientiert am jeweiligen Busparkplatz und den Hauptsehenswürdigkeiten?« (Girmes 2004). Kommt dazu: Reiseführer, die schon zum hundertsten Mal gelangweilten Gruppen von Pauschaltouristen die gleichen Geschichten und Jahrzahlen heruntergespult haben, laufen mit der Zeit Gefahr, die Inspiration zu verlieren. Davor sind auch die schulischen Reiseführer nicht gefeit. Zumal die Kinder und Jugendlichen mit immer vielfältigeren und divergierenderen Ansprüchen zum Unterrichtskonsum erscheinen.
Die Pädagogik hat – zumindest begrifflich — eine lange Tradition. Nicht ganz so weit in die Geschichte zurück reicht das Schulsystem, das mit diesem Begriff operiert. Aber immerhin. Anderthalb Jahrhunderte hat die Volksschule auch schon auf dem Buckel. Sie hat in dieser Zeit reichlich Fett angesetzt. Und sie funktioniert deshalb im Kern noch immer nach den gleichen Mustern: Jahrgangsklassen, Lektionen, Fächer, Prüfungen …
Die damaligen Ideen für die Gestaltung des Schulwesens entsprangen dem damaligen Denken und orientierten sich an den damaligen Bedürfnissen. Und man muss nicht hundertfünfzig Jahre alt sein, um festzustellen, dass sich einiges verändert hat in Gesellschaft und Wirtschaft. Radikal verändert sogar. Das müsste eigentlich Anlass genug sein, die Schule ähnlich radikal zu verändern. Und das hieße dann eben beispielsweise: von der Pädagogik zur Autagogik.
Zehn Merkmale der Volksschule des 19. Jahrhunderts
nach J.C. Hirzel, 1829(!)
1. Unterrichtsfächer
2. Lehrstoff und Lehrmittel
3. Jahrgangsklassen
4. Klassengröße
5. Stundenplan
6. Lehrerausbildung
7. Jahresbesoldung
8. Prüfungen
9. Lehrerwahl und -entlassung
10. Schulaufsicht
Megatrends
Der Blick aus dem Schulhausfenster zeigt: Aha, da passiert etwas in der »richtigen« Welt. Wenn die Schule nicht den Anschluss verpassen will, muss sie erst einmal lernen, mit Veränderungen umzugehen. Denn im Gegensatz zu anderen Bereichen der Gesellschaft hat sie in dieser Beziehung keine Tradition. Keine Übung. Klar standen immer irgendwelche »Reformen« ins Haus. Passiert ist zwar nicht wirklich etwas. Dafür hat sich eine veritable Aufregungskultur entwickelt. Kurzatmig, in hektischem Aktionismus wird reformiert, was das Zeug hält.
Ein neues Zeugnisformat, eine Wochenlektion mehr oder weniger, die Einführung von Blockzeiten, solche und ähnliche Dinge lösen Diskussionen aus, und alle laufen wie aufgescheuchte Hühner durchs Gehege, als ob es tatsächlich um etwas gehen würde. Von wegen: Das sind bei Lichte besehen doch Peanuts. Marginalien. Die Änderungen, die eigentlich anstehen würden, die sind viel grundsätzlicher. Und die gingen ans Eingemachte.
Im Wesentlichen sind vier Megatrends (Trend = Grundtendenz, Richtung, in die eine Entwicklung geht) zu erkennen. Sie fordern das Bildungswesen heute und in Zukunft heraus. Kosmetik reicht dabei nicht mehr. Herkömmliche Strukturen, Konventionen und Rollenbilder müssen viel radikaler in Frage gestellt werden.

Großes Gegacker mit Riesenwirbel, wenn eine Reform die Bühne betritt. Keine Idee, wie die Reform umgesetzt werden könnte, sondern nur, warum sie nicht funktioniert. Meist legt sich die Aufregung dann bald wieder und alles ist wie vorher.

a u f g e p i c k t
Wenn eine Gesellschaft ihre jungen Menschen nicht braucht und sie dies ausdrücklich wissen lässt, indem sie sie in Schulen, an Orten, von denen nichts ausgeht, kaserniert und mit sich selbst beschäftigt, sie von allen Aufgaben ausschließt, dann zieht sie ihre eigenen Zerstörer groß. Hartmut von Hentig
❶ Geschlossene Marschkolonnen auflösen
Die Sozialisierungshintergründe von Kindern und Jugendlichen weichen zunehmend voneinander ab. Es beschränkt sich nicht auf die offenkundigen kulturellen und ethnischen Unterschiede. Die Lebensgewohnheiten haben sich insgesamt grundlegend verändert. Andere Menschen waren zwar schon immer eines: anders. Aber heute sind sie noch deutlich »anderser«. Das Stichwort »Heterogenität« prägt denn auch allerorts die schulischen Diskussionen – meist in Kombination mit dem Wort »Problem«. Und in der Tat: Die Schule ist herausgefordert, mit dieser Diversität gescheit umzugehen. Das heißt beispielsweise: Es geht nicht einfach darum zu akzeptieren, dass Lernende unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, unterschiedliche Vorstellungen, unterschiedliche Ziele. Es geht auch darum, diese Unterschiede als Chance und Ressource zu nutzen. Und wenn man nur ein bisschen ernst nimmt, was man heute so weiß über unterschiedliche Lernvoraussetzungen, dann müsste das erhebliche Konsequenzen haben. Ein einigermaßen gesunder Menschenverstand reicht um zu erkennen, dass die geschlossenen Marschkolonnen in den tradierten Strukturen immer weniger tauglich sind, mit der zunehmenden Vielfalt konstruktiv und Sinn stiftend umzugehen.
❷ Mehr Sprachigkeit
Konstruktiv mit Vielfalt umgehen, das heißt in erster Linie mit einer Vielfalt von Menschen. Es heißt aber ebenso: mit einer Vielfalt von Dingen, mit einer allgemeinen und fast uneingeschränkten Verfügbarkeit. Das heißt: Immer mehr geht es auch darum, Mengen zu bewältigen. Dazu gehört unter anderem auch die Menge an Informationen.
Die Schleusen der globalen Informationskanäle stehen sperrangelweit offen. Pausenlos dringen Datenfluten in die hintersten Winkel der Welt. Sich darin zurechtzufinden ist ähnlich einfach, wie aus einem voll geöffneten Feuerwehrschlauch Wasser zu trinken. Die Schule muss Lernende deshalb befähigen, dieses permanente Wildwasser der Information für sich zu bändigen. Viele Grenzen lösen sich auf. Nicht nur die politischen. Auch die Grenzen der Sprachen verschwinden im Staub der Völkerwanderungen. Was heißt beispielsweise heute »Muttersprache« in einer durchschnittlichen Schulklasse in einem durchschnittlichen Dorf? Deutsch? Das war einmal. Mehrsprachigkeit ist nicht einfach Thema bildungspolitischer Sonntagsreden, es ist eine schulpraktische Realität. Die Menge an Sprache und die Menge an Sprachen, damit gescheit umgehen zu können, das will gelernt sein.
Mehrsprachigkeit verlangt sozusagen nach mehr Sprachigkeit. Verbalisierungs- und Visualisierungsfähigkeit sind Motor und Treibstoff zugleich, um das Boot des eigenen Denkens geschickt durch die Hochwassergebiete der Informationen zu manövrieren und sichere Ankerstellen zu finden.


»Ich wanderte im Land umher und suchte Antworten auf Dinge, die ich nicht verstand Warum sich Muscheln auf den Berggipfeln finden, zusammen mit Abdrücken von Korallen und Pflanzen und Meeresalgen, die für gewöhnlich im Meer vorkommen. Warum der Donner eine längere Zeit dauert als das, was ihn verursacht, und warum der Blitz dem Auge unmittelbar nach dem Zeitpunkt seiner Erzeugung sichtbar wird, während der Donner hundertmal länger für seinen Weg braucht. Wie die verschiedenen Kreise im Wasser sich um die Stelle formen, die von einem Stein getroffen wurde, und warum sich ein Vogel in der Luft hält. Diese Fragen und andere merkwürdige Phänomene haben mein Denken während meines ganzen Lebens beschäftigt.«
Leonardo da Vinci
❸ Mehr Tugend für die Jugend
Der Schlüssel zum Erfolg steckt innen. Mit Erfolg ist gemeint: Anschlussfähigkeit. Und das ist weit mehr als das Wissen, dass die Rigi aus Nagelfluh besteht. Anschlussfähigkeit, das sind vor allem soziale und personale Kompetenzen. Es ist der Umgang mit sich und mit anderen. Es sind Werthaltungen und Tugenden. Anstand zum Beispiel. Wenn ein Kind vor noch nicht allzu langer Zeit etwas haben wollte, hieß das Schlüsselwort »bitte«. Heute heißt es »subito«.
Früher wuchsen Kinder meist mit mehreren erwachsenen Personen zusammen auf. Und sie hatten Geschwister. In diesem Geflecht von Auseinandersetzung und Rücksichtnahme wurden sie erzogen. Der Mehrpersonenhaushalt ist im Verlaufe der Jahre drastisch zusammengeschrumpft. Das sich daraus entwickelnde Leben in ungeteilter Aufmerksamkeit birgt die Gefahr, dass ganze elementare Tugenden verkümmern, Tugenden wie warten, zuhören, sich nützlich machen, bitte sagen und danke.
Auch wenn solchen Dingen der Geruch der Mottenkiste anhaftet: Die Schule – will sie zur Anschlussfähigkeit beitragen – muss sich ganz zentral um die Sozialisierung der Kinder kümmern. Oder ein bisschen direkter: um die Erziehung. Sie muss ein Ort sein, wo Kinder lernen, mit sich und mit anderen konstruktiv umzugehen.
Und sie muss ein Ort sein, wo Leistung einen Wert hat. Leistung verlangt auch immer wieder, sich selber zu überwinden. Und das Ergebnis: Stolz. Lernende sollen deshalb möglichst häufig die Erfahrung machen, dass es ein cooles Gefühl ist, sich überwunden und eine Leistung erbracht zu haben. Denn das Leben belohnt die Anstrengung, nicht die Ausreden.
❹ Erfahrungen aus erster Hand
Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare, hat Christian Morgenstern einst formuliert. Daraus folgt: Körperliche Aktivitäten wirken sich positiv auf das Lern- und Leistungsverhalten aus. Lernende brauchen also Bewegung. Täglich. Und viel. Doch viele Kinder sind (auch) in dieser Beziehung arm dran. Die Medienorientierung und die damit einhergehende Passivität ist ein erschreckender Aspekt davon. Bereits zehn Prozent der Vier- bis Fünfjährigen haben in ihrem Zimmer einen eigenen Fernseher. Die Jugendlichen sitzen täglich mehrere Stunden in Konsumhaltung vor dem Bildschirm. Das hat Auswirkungen. Für Hirnforscher Manfred Spitzer jedenfalls ist klar: »Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig.« (Spitzer 2005)
Klar ist: Wer vor dem Bildschirm sitzt (oder liegt oder etwas dazwischen), bewegt sich nicht. Bewegungsarmut, eine zunehmende Beziehungslosigkeit zum eigenen Körper und damit eine Generation »Kartoffelsack« ist ein Ergebnis davon.
Kinder erleben die Welt häufig nur noch aus dritter Hand. Schulen müssen deshalb zu Orten der Aktivierung werden. Des Tuns. Des Herstellens. Des Handelns. Dabei geht es nicht um die Frage einer zusätzlichen Turnstunde. Vielmehr geht es darum, sich als handelndes Wesen überhaupt wahrnehmen zu lernen und Aktivität und Bewegung als integrale Bestandteile des täglichen Schullebens Zeit und Raum zu geben. Viele zwingende Arrangements, den Hintern zu heben, sind verschwunden. Und was nicht natürlicherweise geschieht, muss inszeniert werden. Etwas aktiv tun – körperlich zumal – ist eine Quelle der Erkenntnis, dass es zum Wohlbefinden beiträgt, den inneren Schweinehund an die kurze Leine zu nehmen. Nietzsche passt deshalb auch hier: »Wer sich selber nicht mag, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen.« An sich, an anderen und an den Dingen.

Reality-TV
Geist oder Glotze
In den Jahren 2004 und 2005 untersuchten Forscher die geistige Entwicklung von knapp 1900 Vorschulkindern. Grundlage der Untersuchung war ein Test, bei dem die Kinder aufgefordert wurden, einen Menschen zu zeichnen. Je differenzierter und realistischer die Abbildung war, desto höher wurde die Leistung des Kindes eingestuft.
Die Abbildungen zeigen typische Zeichnungen von Kindern …
… die täglich bis zu einer Stunde fernsehen

… die täglich mindestens drei Stunden fernsehen


| 2 | Lernen beruht auf einer mittel- und längerfristigen Umstrukturierung von Netzwerken in unterschiedlichen Zentren des Gehirns. Dabei wird die synaptische Übertragungsstärke physiologisch und anatomisch verändert. Diese Veränderungen werden durch das limbische System und damit durch Aufmerksamkeit, Motivation und Emotion gesteuert. Wissen kann deshalb nicht übertragen werden; es wird im Gehirn eines jeden Lernenden neu geschaffen (Roth 2003). |
| 3 | Dopamin ist ein endogenes Opiat. Es wirkt selbstbelohnend und positiv stimulierend. |
| 4 | Selbstwirksamkeit (self-efficacy) umschreibt die subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Aufgaben auf Grund eigener Kompetenzen bewältigen zu können. Sie beeinflusst dabei allgemein das Denken, Fühlen und Handeln sowie – in motivationaler Hinsicht – Zielsetzung, Anstrengung und Ausdauer eines Menschen. Eine Erhöhung der Selbstwirksamkeit korrespondiert mit größerer Leistungsfreude und besserer Gesundheit. (Bandura 1997) |

Orientierung
Wer nicht weiß, wohin er will, muss sich nicht wundern, wenn er ganz woanders ankommt.
LRF 1:
Orientierung bieten

Angenommen, jemand fährt in dunkler Nacht auf Nebenwegen nach Paris. Plötzlich taucht im Scheinwerferlicht ein Ortsschild auf. Der Fahrer kennt den Ort nicht. Aber er nimmt die Karte hervor. Und er sieht: Ah, da liegt diese Ortschaft. Und er kann erkennen, wie weit es noch geht bis Paris. Und wo die Autobahn verläuft. Anders gesagt: Er kann sich orientieren. Das gibt Sicherheit.
Orientierungslosigkeit dagegen schafft Unsicherheit. Unsicherheit macht Angst und führt zu Abhängigkeiten. Das gilt auch und gerade fürs Lernen. Denn lernen soll ja von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit führen. Das beginnt beim Kleinkind. Und es sollte in der Schule weitergehen. Das heißt: Die Schule muss den Lernenden Orientierung bieten auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit.
a u f g e p i c k t
Wer in die falsche Richtung geht, dem hilft auch Rennen nichts.
In tradierten schulischen Settings dreht sich die Orientierung um die Lehrperson. Sie ist die Orientierung. Sie sagt, wann was zu geschehen hat. Sie sagt, was gut ist und was nicht. Die zentrale Frage, die Lernende sich stellen müssen, ist einfach: Was will er oder sie da vorne unter der Wandtafel? Die entsprechenden Anpassungsleistungen werden honoriert. Unter anderem durch gute Noten.
Folgende Szene: Ein Lernender erklärt, er hätte eine Fünf5 haben sollen. Er habe jetzt aber nur eine Vier geschafft. Deshalb reiche es ihm nicht für den Übertritt. Wird dieser Lernende gefragt, was er denn mehr gewusst oder gekonnt hätte mit einer Fünf, wird er die Antwort wohl schuldig bleiben. In der Schule (und in den Diskussionen um Schulleistungen in der Familie) geht es selten um Inhalte. Es geht fast ausschließlich um Stellvertreter von Inhalten – in Form von Zensuren.
Für alle Fächer legt ein Lehrplan die Themen fest. Bestimmt wird aber das, was in der Schule »durchgenommen« wird, von den Lehrmitteln – Kapitel um Kapitel, Seite um Seite. Sie sind, zusammen mit den Vorlieben der Lehrpersonen, der heimliche Lehrplan. Verstärkt ist jetzt noch das Teaching-to-the-test im Hinblick auf die Standards aller möglichen Vergleichsarbeiten und Testverfahren dazugekommen. Lernende haben sich an externe Drehbücher zu halten. Sie haben nachzusingen, was andere vorgesungen haben – Karaoke-Lernen.
Wer hat, dem wird gegeben
Die Orientierung an Inhalten erleichtert den Wissensaufbau. Denn: »Wissen ist der entscheidende Schlüssel zum Können« (Stern 2007). Damit ist nicht eine Ansammlung lebloser Fakten gemeint. »Mit derartigem Wissen kann man mit etwas Glück einige Runden im Fernsehquiz überstehen. Ansonsten ist isoliertes Faktenwissen unbrauchbar. Zweifellos sieht ein Großteil des in der Schule erworbenen Wissens genau so aus: einige korrekte Fetzen aus einem wüsten Haufen Müll. (…) Es gibt intelligentes und weniger intelligentes Wissen. Die Redewendung ›Wissen vermitteln‹ ist, wenn es um intelligentes Wissen geht, unangemessen. Intelligentes Wissen kann nicht über eine Art Fotokopierprozess vom Kopf des Lehrers in den Kopf des Schülers übertragen werden. Es muss vom Lernenden konstruiert werden, indem er mit der neu eingegangenen Information an sein bereits bestehendes Wissen anknüpft. Je mehr Wissen er hat und je besser dieses strukturiert ist, umso leichter kann er neu eingehende Informationen aufnehmen« (Stern 2007). Oder wie heißt es in der Bibel: Wer hat, dem wird gegeben.
Lernen ist also ein individueller Konstruktionsprozess. Lernende lernen selbst. Es geschieht einfach. Wer aber sein Lernen zielführend gestalten will, muss sich orientieren können. Und zwar an Inhalten! Lernende müssen wissen, was man können könnte. Sie müssen wissen, wo sie stehen. Sie müssen Ziele sehen. Und das alles auf der Basis von klaren und transparenten Inhaltsbeschreibungen.
Denn kompetenzorientiertes und selbstwirksames Lernen braucht Orientierung in Form von Referenzwerten.
Selbstwirksamkeit kann auch umschrieben werden als Gegenteil des Gefühls, ausgeliefert zu sein. Dieses Gefühl der Abhängigkeit kann leicht entstehen in einem System, in dem Lehrpersonen, unterstützt durch Lehrmittel, den Stoff und die Dosierung weitgehend bestimmen.
Selbstwirksames Lernen verlangt indes nach anderen Arrangements. Lernende müssen ihr Lernen selbst in die Hand nehmen können. Ein methodischer Ansatz dabei: Referenzieren.
Worum geht es? Vereinfacht ausgedrückt geht es darum, individuelle Leistungen mit einem Referenzwert in Beziehung zu bringen. Diesen Referenzwert und damit die inhaltliche Basis bilden so genannte Kompetenzraster.
»Unbestritten ist«, stellt Anton Strittmatter klar, »dass aus dem heutigen Nebel der überladenen Lehrpläne und diffusen sowie widersprüchlichen Ansprüche an Schule und Unterricht herausgefunden werden muss, dass der Bildungsauftrag stärker fokussiert werden muss, und dies in Form von Kompetenzbeschreibungen (in der Art des Europäischen Sprachenportfolios) und zugeordneten Standards des Erreichens durch die Lernenden der verschiedenen Bildungsstufen. Dieser Ansatz macht jedoch nur dann Sinn, wenn die Standards eben auch Standards des Erreichens sein dürfen, was eine Politik des ›Mastery Learning‹ voraussetzt« (Strittmatter 2006).

Beispiel Kompetenzraster

Solche Referenzwerte sind anschaulich beschrieben in Kompetenzrastern. Kompetenzraster definieren die Kriterien (was?) und die Qualifikationsstufen (wie gut?) in präzisen »Ichkann«-Formulierungen. Das heißt: Ein Fachgebiet (zum Beispiel Englisch) wird aufgegliedert in relevante Kompetenzkriterien. Das Europäische Sprachenportfolio liefert ein Muster dazu. Was für Englisch und für das Europäische Sprachenportfolio gilt, gilt für andere Fächer und Fachgebiete in gleicher Weise. Es geht letztlich darum, ein Curriculum in eine Matrixform zu bringen. Und in die einzelnen Felder dieser Matrix wird in ansteigendem Anspruchsniveau das beschrieben, was man können könnte. Seit PISA ruft alle Welt nach klaren und transparenten Standards. Voilà!

Zu diesen Referenzwerten bringen die Lernenden ihre Leistungen in Beziehung und setzen farbige Punkte in die entsprechenden Felder der Kompetenzraster. Auf diese Weise entwickelt sich für jedes Fach ein individuelles und differenziertes Kompetenzprofil. Die Lernenden sehen immer, wo sie stehen. Sie können ihre Situation anschaulich vergleichen mit den Anforderungen weiterführender Ausbildungen. Und sie können ihr Programm entsprechend bedürfnisgerecht gestalten. Der Ausgangspunkt liegt immer beim Ich-kann. Auf den Kompetenzrastern werden diese archimedischen Punkte des Lernprozesses sichtbar gemacht. Kompetenzraster schaffen Orientierung für die Schülerinnen und Schüler. Damit wird das Fundament gelegt für ein individuelles Lernen, das nicht Gefahr läuft, irgendwo in Frust oder Beliebigkeit zu enden. Denn die Lernenden können erkennen, wo sie stehen. Und sie können sehen, was die nächsten Schritte sind. Die Ziele sind klar. Sie sind der individuellen Situation angepasst. Das wiederum erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit.
Kompetenzraster begleiten den Lernprozess und machen die Entwicklung eines gemeinsamen Qualitätsverständnisses möglich. Bedingung ist freilich, dass die Lernenden mit den Rastern arbeiten. Auf diese Weise sind sie nicht einfach von einer Leistungsbeurteilung betroffen. Nein, sie sind aktiv daran beteiligt. Wenn schulisches Lernen stärker mit dem Wort »selbst« verbunden werden soll, braucht es die Lernenden dazu. Das heißt: Sie müssen sich als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems fühlen. Kooperatives und partnerschaftliches Arbeiten verlangt nicht nur nach einem Klima des Vertrauens, sondern – und das ist damit verbunden – nach einer Klärung der Erwartungen. Oder anders gesagt: Lernende müssen wissen, was individuell gesehen »gut« ist, damit sie »gut« sein können.

Zusammenspiel von Kompetenzraster und Checklisten
Beispiel Checklisten
Die Formulierungen in den Kompetenzrastern sind – auch aus Platzgründen — manchmal etwas allgemein gehalten. Deshalb werden sie in Form von Checklisten ausdifferenziert. Im Kompetenzraster heißt es beispielsweise: »Ich kann mich in Alltagssituationen verständigen.« In der entsprechenden Checkliste wird ausgeführt, was darunter alles zu verstehen ist. Zum Beispiel: »Ich kann nach dem Weg fragen.« »Ich kann mich und meine Familie vorstellen.« »Ich kann eine Fahrkarte kaufen«. Und so weiter. Checklisten operationalisieren die Kompetenzraster.

Beispiel Roadmaps

Lernen ist ein Ausflug in unbekanntes Gelände. Da ist es hilfreich, eine Landkarte oder eine Wegskizze dabei zu haben. Roadmapping versteht sich als Methode, die relevanten Lernziele (zum Beispiel aus der Checkliste) in die grafische Form einer Karte – eben einer Roadmap – umzugestalten. Sie zeigt – in Analogie zu einer Straßenkarte – mögliche Wege von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel. Lernende verbalisieren das, was für sie an einem bestimmten Thema wichtig, bedeutsam, relevant ist. Und dann zeichnen sie den Weg dorthin auf. Er enthält beispielsweise Meilensteine, Aufenthaltsorte, Abstecher, Verbindungen zu anderen Themen, mögliche Hindernisse. In jedem Fall ist die Roadmap ausgestaltet mit kleinen Skizzen, mit Symbolen, allenfalls mit Fotos. Die emotionale Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Lernzukunft dient der Volition und erhöht die Eintretens- und Erfolgswahrscheinlichkeit. Roadmaps können erstellt werden für einzelne Themenbereiche oder Zeitabschnitte. Großformatig können sie aber auch fortlaufend die Verbindung zwischen Herkunft und Zukunft visualisieren.
Beispiel Indikatorenlisten
Wenn es weniger um fachliche als vielmehr um soziale oder personale Kompetenzen geht, können auch Indikatorenlisten als Orientierungsinstrumente dienen. Indikatorenlisten beschreiben, woran man etwas erkennen kann. Also: Woran lässt sich beispielsweise »Beharrlichkeit« erkennen? Oder »Einfühlungsvermögen«? Oder »Integrationsfähigkeit«? Auch und gerade bei solchen Anschlusskompetenzen müssen alle Beteiligten sich im Klaren darüber sein, wer was darunter versteht. Und ob wirklich alle vom Gleichen sprechen, wenn sie vom Gleichen sprechen.
Die Indikatorenlisten können ergänzt werden durch eine Zehnerskala. Diese Skala gibt den Lernenden die Möglichkeit, sich selber einzuschätzen. Und sie gibt die Möglichkeit für Fremdbeurteilungen, sei es durch LernCoaches, durch Mitlernende oder durch Drittpersonen außerhalb der Schule. Die Gemeinsamkeiten und mehr noch die Unterschiede solcher Selbst- und Fremdeinschätzungen kommen einer lösungsorientierten Förderdiagnose gleich: Wo stehe ich? Wohin will ich? Was brauche ich dazu?

Beispiel Advance Organizer
Der Advance Organizer bildet Ankerpunkte für das Verstehen. Das bedeutet: Er versteht sich als Orientierungshilfe, als Vorspann, der das Denken organisieren hilft. Wörtlich: Vorausorganisator. Der Einstieg in ein Thema, in eine Arbeit, beginnt damit, gedankliche Andockstellen zu schaffen (Lernende selber) oder zur Verfügung zu stellen (Lehrkraft*). Es handelt sich um die Dinge, die bereits bekannt sind (Vorwissen) und/oder um Inhalte, um die es gehen wird und über die es mehr zu erfahren gilt (leitende Fragestellungen). Die Elemente des Advance Organizers sind Bilder, Grafiken, Schlüsselbegriffe, kurze Texte. Sie werden grafisch zu einem Gedankengerüst zusammengefügt (Müller/Noirjean 2007).
Advance Organizers sind während des gesamten Themas sichtbar. Oder noch besser: Sie dienen den Lernenden als Notizvorlage: Neue Informationen und Erkenntnisse werden laufend ergänzt. Der Advance Organizer entwickelt sich auf diese Weise permanent weiter. Zahlreiche Studien haben deutlich gezeigt, dass sich der Einsatz von Advance Organizers durchwegs positiv auf das Lernverhalten und die Lernleistungen auswirkt, speziell bei Lernenden, deren Vorkenntnisse als gering und deren Lernkompetenz als niedrig eingestuft wurde (Wahl 2006).


Advance Organizer zum Thema ›Lehrer‹

| 5 | In der Schweiz ist die Sechs die höchste Schulnote. |

Auseinandersetzung
Mehr ausbrüten, weniger gackern
LRF 2:
Auseinandersetzung und Verstehen evozieren

Lernen zielt darauf ab zu verstehen. Das heißt: Es geht nicht darum, etwas zu »behandeln«. Es geht darum, sich – durchaus auch lustbetont – damit auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, Antworten zu geben. Es geht zuerst und vor allem darum, Fragen zu stellen. Daran – am Verstehen und am Umgang mit Widerständen – müssen Lernende Freude entwickeln.
| A | Anbinden, einordnen, andocken, Bezug herstellen, grobe Orientierung, (voraus) organisieren | Was weiß ich schon? Wo kann ich das einordnen? |
| K | Kombinieren, elaborieren, erweitern, verbinden, zusammenfügen, ergänzen, visualisieren | Welches sind die Unterschiede/Gemeinsamkeiten? |
| T | Treffen, auf den Punkt bringen, reduzieren, Kernaussagen herausarbeiten, verbalisieren | Was sind die drei zentralen Aussagen? |
| I | Informieren, Zusatzinformationen einholen, klären, nachschlagen, verifizieren | Was heißt …? Was bedeutet …? |
| V | Verankern, Transfer herstellen, trainieren, anwenden, übertragen (andere Situationen/Formen), üben | Woran ist es zu erkennen? Was wird anders sein? |
Fragen nachzugehen heißt einer Spur folgen. Das – eben einer Spur folgen – entspricht ja auch der etymologischen Bedeutung des Wortes »lernen«. Wer neugierig ist, wer Fragen stellt – sich oder anderen – will etwas wissen und verstehen. Mit anderen Worten: Es entsteht eine Art inneres Auftragsverhältnis. Der Auftrag nämlich, etwas einer Klärung zuzuführen.
»Neugier«, so bringt es Heiko Ernst auf den Punkt, »ist Weltzuwendung: Sie hungert nach aktiver Auseinandersetzung mit der Welt da draußen, und sie ist der Ausdruck eines Gehirns, das fast unablässig beschäftigt, stimuliert und überrascht sein will« (Ernst 2006). Neugier ist aber nicht einfach flüchtige Lust auf Spannung und Unterhaltung. Neugier ist vielmehr der Drang, sich selbst permanent weiterzubringen. Denn: »Nichts macht so zufrieden wie das Gefühl, ein Problem gelöst oder etwas begriffen zu haben.«
(Ernst 2006)
Alle Erkenntnis beginnt bei der Erfahrung. Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen entwickeln sich also aus dem, was Menschen unternehmen oder unterlassen. Auch in der Schule. Lernende müssen folglich die Erfahrung machen, dass aktives Verstehenwollen gewinnbringend ist. Wer versteht, hat aus etwas Fremdem etwas Eigenes gemacht. Das ist ein gutes Gefühl. Und deshalb sollten die Lernenden dieses gute Gefühl, etwas wirklich verstanden zu haben, immer und immer wieder erleben.

Mit der geistigen Nahrung ist es wie mit dem Essen: Wir ernähren uns nicht von dem, was uns vorgesetzt wird, sondern von dem, was wir verdauen. In unserem Körper wird die Nahrung umgewandelt in Energie. Mit dem Lernen ist es ähnlich. Lernen passiert nicht durch wiederholte Eingabe, sondern durch entsprechendes Handeln. Verstehen entwickelt und zeigt sich im Tun, in tätiger Auseinandersetzung. Je intensiver und je häufiger, desto tiefer wird die Gebrauchsspur im Gehirn, die sich dabei entwickelt.
Verstehen lohnt sich also. Mehr noch: es be-lohnt sich. Denn die Erfahrung, etwas verstanden zu haben, tut gut. Und jede emotionale Bewertung löst biochemische Vorgänge im Gehirn aus: Positive Emotionen stimulieren zum Beispiel das so genannte Dopaminsystem, das Motivation und Belohnungseffekte steuert. Je häufiger positive Lernerfahrungen gemacht werden, umso geringer wird der Widerstand der Leitungen zwischen den Neuronen und umso leichter wird die Erregungsenergie weitergeleitet. Lernen legt Gebrauchsspuren ins Gehirn. Die Wege entstehen quasi durchs Gehen.
Lern- statt Erledigungsnachweise
Ziel schulischen Arbeitens sind Lernnachweise. Sich selber und anderen durch aktives Tun den Nachweis erbringen, etwas verstanden, aus etwas Fremdem etwas Eigenes gemacht zu haben. Das Gegenteil davon wären Erledigungsnachweise: die Aufgaben »erledigt« und die Dinge »gehabt« zu haben.
Lernnachweise zeigen sich in Aktivitäten.
Wer Französischvokabeln gelernt hat, kann etwas tun mit ihnen. Er kann sie in Handlungen transformieren. Der Begriff ist keineswegs neu: »Der Schüler soll nicht nur über die Worte, sondern vor allem über den Sinn und Inhalt dessen, was er gelernt hat, Auskunft geben können; der Nutzen, den er davon gehabt hat, soll sich nicht im Gedächtnis, sondern bei der Anwendung im Leben zeigen; der Inhalt der neuen Unterweisung muss sich auf hundertfache Weise ausdrücken lassen, er muss sich auf verschiedene Objekte anwenden lassen; dann erst kann der Lehrer sehen, ob der Schüler das Wesentliche wirklich erfasst und sich zu eigen gemacht hat. Es ist ein Zeichen von ungenügender Verdauung, wenn man die Speisen unverändert wieder von sich gibt, so wie man sie geschluckt hat; der Magen hat nicht funktioniert, wenn er das, was er zu verarbeiten hatte, nicht ganz und gar verändert und umgestaltet hat.« Michel de Montaigne hat in diesen Worten von Lernnachweisen gesprochen – vor notabene mehr als vierhundert Jahren. Vielleicht scheinen sie deshalb nicht so ganz in die heutige Schulwelt zu passen. Denn Lernnachweise lassen sich nicht konsumieren. Sie lassen sich nicht durch Mausklick oder Knopfdruck produzieren. Sie sind meist das Ergebnis eines Auseinandersetzungsprozesses. Und das ist halt nicht immer bequem.

Aber Erfolg bei der Arbeit, im Leben, ja sogar in der Liebe ist meist nicht auf dem bequemen Weg zu haben.
Der Weg des geringsten Widerstandes führt bergab.
Für Heiko Ernst ist denn auch klar: »Erfolg ist fast immer eine Frage der Ausdauer, und mit der Ausdauer kommt das Können, und mit dem Können entsteht die Lust, die wiederum die Ausdauer beflügelt. Diese positive Spirale in Gang zu setzen ist der Kern pädagogischer Kunst« (Ernst 2006). Eben: Die Schule muss ein Ort sein, wo Menschen lernen, Widerständigkeit als sportliche Herausforderung anzunehmen. Dabei geht es allerdings gerade nicht um ein verkrampftes Auf-die-Zähne-Beißen. »Vielmehr ist Hartnäckigkeit als eine besondere Form der Selbstmotivation gefragt, als eine Kraft, die sich im Tun immer wieder selbst erneuert. Das ist eine wichtige Erkenntnis, gerade heute, wo sofortige Bedürfnisbefriedigung, Zerstreuung und die Sucht nach schnellen Erfolgen zu dominieren scheinen« (Doskoch 2006).
a u f g e p i c k t
Der Mensch soll lernen. Nur die Ochsen büffeln.
Erich Kästner
Vor diesem Hintergrund ist es Quatsch zu postulieren, Schule müsse Spaß machen. Denn: Nicht die Schule muss Spaß machen. Vielmehr sollen die Lernenden Spaß und Freude entwickeln an ihren Leistungen (in der Schule). Das heißt:
Die Quelle der Freude sind nicht die anderen, sondern sie selber und ihre Leistungen.
»Leistung« muss positiv besetzt sein. Es braucht eine Art »Anstrengungskultur«. Es braucht Freude am Umgang mit Schwierigkeiten. Es verlangt nach der Lust, mehr zu tun als den Dienst nach Vorschrift. Es verlangt nach dem Bedürfnis, nicht mit der erstbesten Lösung zufrieden zu sein. Die Lernenden müssen »Arbeit« und »Leistung« als Quellen der Zufriedenheit und des Stolzseins auf sich selber erleben.
Anstrengungsbereitschaft, Gratifikationsaufschub, Beharrlichkeit, Leistungswille können nur dann erstrebenswert klingen, wenn sie auf der Erkenntnis fußen, dass es sich lohnt. Basis aller Erkenntnis ist die Erfahrung. Das heißt: Positive Erfahrungen sind eine Voraussetzung, damit Menschen den nicht immer unbeschwerlichen Weg im unwegsamen Gelände des Lernens auf sich nehmen. Und: Es braucht das Gefühl von Machbarkeit.
Machbarkeit muss man sich vorstellen können. Sie muss sich in Worte kleiden lassen. Denn: »Die Sprache ermöglicht das Fassen der Gedanken in Begriffe. Sie ist damit ein wichtiges Interpretationsinstrument des Gehirns und ein wichtiger Katalysator für das Lernen« (Stadelmann 2005). Oder anders gesagt: Die Sprache ist konstitutiv für menschliches Denken, Fühlen und Wissen. Oder noch anders: Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage …?
Die Sprache ist ein Faktor, der unsere Kognitionen und unser Verhalten bestimmt. »Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken«, formuliert es die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Werbung. Kurz: Mit der Sprache geben wir dem Denken eine Richtung. Beispiel: Wer sagt, er wolle etwas erklären, wird anders denken und handeln, als wenn er etwas benennen, und noch einmal anders, wenn er etwas zuordnen will. Das heißt unter anderem: Lernende müssen in eigenen Worten – also mit ihren eigenen gedanklichen Konstruktionen – ein Bild dessen zeichnen können, was das Ergebnis ihres Engagements, was der Lernnachweis sein soll. Und sie müssen sich vorstellen können, wie sie den Erfolg bewerkstelligen wollen. Das Ziel ist der Weg.
| S | Spannender Aufbau, Dramaturgie, Struktur, pro Satz ein Gedanke, für das Ohr schreiben | Sind Struktur und Ablauf nachvollziehbar? |
| T | Treffende Ausdrücke. Wortschatz Synonyme suchen Präzis und bildhaft beschreiben | Sitzen die Ausdrücke? Ist klar, was gemeint ist? |
| A | Aktiv formulieren „Handelnde“ Verben Direkte Sprache Zur Sache kommen | Handelt die Sprache? Welche Verben werden wie eingesetzt? |
| R | Richtige Schreibweise, Rechtschreiberegeln korrekt angewendet Genauigkeit | Wie schreibt man …? Ist der Text überarbeitet? Gegengelesen? |
| K | Kurze Sätze: 5 -10 Wörter pro Satz Optimale Verständlichkeit: durchschnittlich 8 - 9 Wörter | Wie lang sind die Sätze? Macht man besser zwei daraus? |
Die entscheidende Frage nach dem Wie
Die Frage nach dem Was prägt schulisches Denken und Handeln. Was ist zu lernen? Französischvokabeln. Algebra. Kommaregeln. Doch eigentlich geht das gar nicht. Noch einmal: eigentlich geht das gar nicht. Lernen ist ein konstruktiver Prozess. Eine Tätigkeit. Aber Französischvokabeln sind ja keine Tätigkeit. Und Algebra auch nicht. Lernen hingegen, verstehen, sich auseinandersetzen, Gebrauchsspuren bilden, das ist an Aktivitäten gebunden. Nicht die Frage nach dem Was steht dabei im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Wie. Das Wie bestimmt das Was. »Wenn nämlich das Was des Wissens vom betreffenden Erkenntnisvorgang, dem Wie bestimmt wird, dann hängt unser Bild der Wirklichkeit nicht mehr nur davon ab, was außerhalb von uns der Fall ist, sondern unvermeidlich auch davon, wie wir dieses Was erfassen.« (Watzlawick 1995) Mit anderen Worten: Der Gewusst-wie-Faktor entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Ob es sich nun um Algebra oder um Kommaregeln handelt, ist dabei völlig unerheblich.

Quelle: Internet
Erfolgreich erfahren zu haben, wie etwas geht, gibt Sicherheit und Vertrauen. Und das wiederum sind entscheidende Voraussetzungen, um sich neugierig ins Halbdunkel des Lernens zu begeben. Aus der Könnenserfahrung, der Erfahrung also des Gewusstwie, entwickelt sich der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Diese Überzeugungen von der eigenen Wirksamkeit bestimmen maßgeblich, wie neugierig wir in die Welt schauen, welche Herausforderungen wir annehmen und wie wir an die Dinge herangehen. Auch in der Schule.
Die Erfahrungen des Gelingens und der prinzipielle Glaube daran entstehen aus dem Wie.
Und diese Gebrauchsspur des Sich-zu-helfen-Wissens wirkt sich fundamental aus auf das Was. Das Wie ist der Treibstoff, aus dem das Lernen ist.
Renate Girmes zeigt sich in dieser Beziehung nicht sehr zuversichtlich: »Leider bestätigen die Ergebnisse der PISA-Studie für Deutschland, dass das WIE des Lernens oft eher auf die Einübung — als auf das Verständnis — von Weltsichten und Wissenswelten setzt. Das geschieht aus meiner Sicht quasi aus der Tradition der alten Schule und zugleich aus der Not der Stofffülle. Es geschieht aber auch, weil die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern nur in Glücksfällen dafür sorgt, dass diese auf der Basis eines Verständnisses von Lernen agieren, das dazu Anlass gibt, Lernsituationen zu gestalten, die Schülerinnen und Schüler aktivieren, sich mit Lernangeboten so auseinanderzusetzen, dass sie sich zu verantwortlichen Lösungsversuchen herausgefordert fühlen, im Lernprozess ein Risiko übernehmen, Fehler machen und aus Fehlern lernen und bezogen auf all das mit ihren Lehrerinnen und Lehrern im kommunikativen Austausch stehen« (Girmes 2004).
Mit anderen Worten: Die Schule trägt dem Wie zu wenig Rechnung. Damit ist nun beileibe nicht etwa gemeint, dass zusätzliche Lektionen in Lerntechnik eingeführt werden sollen. Deren relative Wirkungslosigkeit ist sattsam bekannt. Es geht schlicht und ergreifend darum, das Wie in den Fokus zu nehmen. Und das ist eigentlich ganz simpel. Die Frage heißt dann eben nicht: »Was lernst du?« Sondern sie lautet: »Wie lernst du (das, was du lernst)?« Und dann kann die Antwort nicht mehr nur lapidar heißen: »Algebra«.

Persönliche Herausforderung (er-)finden
Selbstwirksamkeitserfahrungen und die damit einhergehenden positiven Bestärkungen bilden die Grundlage, sich Aufgaben und Herausforderungen mit der erforderlichen Zuversicht und konstruktiven Ausdauer anzunehmen. Mit anderen Worten: Eine Erhöhung der Selbstwirksamkeit korrespondiert mit größerer Lern- und Leistungsfreude. Und umgekehrt.
Und das ist auch nötig.
Denn Menschen nehmen nur dann Dinge in Angriff, wenn sie sich ihnen gewachsen fühlen.
Wer eine Situation als nicht beeinflussbar erlebt, meidet sie oder reagiert mit Angst oder Aggression. Wer aber glaubt, über die nötigen Kompetenzen zu verfügen, ist bereit, Herausforderungen anzunehmen und mit verstärktem Engagement sowie mit mehr Beharrlichkeit und Kreativität an die Dinge heranzugehen.

Jede Situation in unserem Leben stellt uns vor bestimmte Anforderungen. Genauer: Wir nehmen Situationen als in einer bestimmten Weise wahr. Wir konstruieren die Anforderungen vor unserem biografischen Hintergrund. Und ebenso muten wir uns bestimmte Fähigkeiten zu, mit diesen Situationen umzugehen. Wir befinden uns also permanent in drei möglichen Zuständen: Wir fühlen uns überfordert. Unterfordert. Oder herausgefordert.
Das Gefühl, überfordert oder unterfordert zu sein, muss keinen Anlass zur Sorge geben, wenn es zeitlich beschränkt ist. Sich mal ein bisschen langweilen oder blamieren, damit lässt sich leben. Langfristig sind Überforderungs- und Unterforderungssituationen aber krank machende Zustände. Das heißt: Schulsituationen müssen von den Lernenden als herausfordernd wahrgenommen werden.
The free sample has ended.

