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Nur der See sah zu
Acht Achensee-Krimis
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Erlesenes vom Achensee: kriminell spannend, aufregend schön
Tatjana Kruse – SINNEN, SCHAUEN, STERBEN – TOT! – Ein Besinnungsweg-Kurzkrimi
Es geht los!
Die erste Station
Die zweite Station
Die dritte Station
Die vierte Station
Die fünfte Station
Die sechste Station
Die siebte Station
Die achte Station
Das Finale
Martin Kolozs – Die Spur des Täters – Kriminalerzählung
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Epilog
„SPEKTAKULÄRE WENDUNG IM MORDFALL LIETZKOW“
Wiebke Lorenz – Ausgerechnet Achensee! – Kurzkrimikomödie
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Epilog
Aus einer Tiroler Tageszeitung:
Nachtrag
Joe Fischler – Der Tote vom Achensee – Ein Fall für den lyrischen Lois
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Alex Beer – 3 – 2 – 1 – tot – Kurzkrimi
Eins. Parkplatz
Zwei. Sichel
Drei. Brunnen
Vier. Rastbänke
Fünf. Kreuz
Sechs. Schlüssel
Sieben. Steine
Acht. Rodlhütte
Nicola Förg – Eine echte Spürnase – Kurzkrimi
Lena Avanzini – notburgastoechter.com
Eins. Vorstellung
Zwei. Der Startschuss
Drei. Champagnerfrühstück und erste Challenge
Vier. Die zweite Challenge
Fünf. Das Finale
Sechs. Ihr Auftrag
Herbert Dutzler – Stocks Hunger – Kurzkrimi
Impressum
Erlesenes vom Achensee: kriminell spannend, aufregend schön
Liebe Leserin, lieber Leser! Liebe Krimifans!
Wir freuen uns „mörderisch“, dass ihr nunmehr diese Krimi-Anthologie in Händen haltet. Das Buch ist eine Selektion aus 10 Jahren achensee.literatour – unserem mittlerweile schon traditionellen Literaturfestival, das alljährlich am und rund um den Achensee über die Bühne geht.
Einmal im Jahr treffen sich handverlesene Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum hier am „Meer der Tirolerinnen und Tiroler“, um uns an besonderen Plätzen und in historischen Räumen einen Einblick in ihr Werk zu gewähren. Fixer Bestandteil der Literaturtage ist die bereits traditionelle „Krimiwanderung“ entlang dem schönen, besinnlichen Dien-Mut-Weg. Im Laufe der Jahre haben acht Schriftstellerinnen und Schriftsteller je einen Kurzkrimi verfasst, den sie im Rahmen der achensee.literatour „erlesen“ und auch „erwandert“ haben.
All diese Krimis sind nun in unserem Jubiläumsband zusammengefasst und wir hoffen, dass euch diese kurzweiligen, spannenden und durchaus erheiternden Krimi-Geschichten ein wenig (Lese-)Freude bereiten. Lesen, genießen und Literatur erleben – das alles lässt sich in der wunderbaren Umgebung von Tirols größtem See wunderbar verbinden. Überzeugt euch selbst!
Bis dahin wünschen wir euch spannende Unterhaltung mit dem Band „Nur der See sah zu. Acht Achensee-Krimis“ und freuen uns auf ein Wiedersehen.
Herzlichst

Euer Martin Tschoner
GF Achensee Tourismus
#achenseeliteratour #achensee #bergundsee
Tatjana Kruse
SINNEN, SCHAUEN, STERBEN – TOT!
Ein Besinnungsweg-Kurzkrimi
Lasst, die ihr antretet, alle Hoffnung fahren …
(frei nach Dante)
Es geht los!
„Meine Damen und Herren, ich darf Sie sehr herzlich be…“
„Lauter!“, ruft eine Seniorin in altmodischen Kniehosen.
Ich hole tief Luft und brülle: „Ich darf Sie sehr herzlich auf unserer heutigen Führung über den Besinnungs-Dien-Mut-Weg begrüßen. Der Weg will Sie einladen, zu sehen, zu hören und zu sinnen.“
Sinnen, kein sehr gängiges Verb mehr. Von allein wär ich auch nicht drauf gekommen, aber es steht im Faltblatt, also lese ich es einfach ab. Um ehrlich zu sein, ist das meine allererste Führung. Überhaupt. Die will ich natürlich mit Bravour bewältigen. Aber das wissen die rund zwanzig Menschen nicht, die sich eingefunden haben. Ein bunt gemischter Haufen, der sich untereinander nicht kennt, was mir nur recht ist, einen Kegelverein hätte ich hier und heute nicht haben wollen. Sie schauen mich alle erwartungsvoll an. Erwartungsvoll und – im Fall der Seniorin – jetzt schon skeptisch.
Dennoch unerschrocken ziehe ich mein Programm durch. „Für die Gestaltung dieses Besinnungsweges hat sich der alte Bärenbadweg als sehr geeignet erwiesen. Er wurde im Ersten Weltkrieg von italienischen Kriegsgefangenen angelegt. Sind Italiener unter uns?“
Einer streckt die Hand hoch und erklärt, seine Großmutter mütterlicherseits sei Achtelsitalienerin gewesen. Ich entschuldige mich im Namen der Täter bei seiner Großmutter und will jetzt von der Notburga erzählen, zu deren Ehren der Besinnungsweg angelegt wurde, aber die Gruppe hört sichtlich nicht zu, sondern rechnet aus, wie viel südländisches Blut man mit einer achtelsitalienischen Großmutter noch in den Adern hat. Ein Hunderttausendstel? Es würde helfen, wenn wir einen Mathematiker bei uns hätten, der uns das rasch mal eben ausrechnet, haben wir aber nicht.
„Hm“, räuspere ich mich lautstark und fahre – Aufmerksamkeit einfordernd – fort. „Die heilige Notburga ist die beliebteste Heilige Westösterreichs und lebte im 13. Jahrhundert an den Gestaden des wunderschönen Achensees“, lese ich von meinem Faltblatt ab. Auswendig kann ich das natürlich nicht. Ich höre heute, ehrlich gesagt, auch zum ersten Mal davon. Mit Heiligen kenne ich mich nicht so aus … „Notburga war im besten Sinne eine emanzipierte Frau und ließ sich von ihrem hartherzigen Dienstherrn nicht von ihrer sozialen Arbeit für Geringverdiener und chronisch Kranke abbringen. Mutig verteidigte sie Feierabend und Sonntag, das allein muss sie einem doch schon sympathisch machen.“ Letzteres lese ich nicht ab, das ist meine ehrliche Meinung.
Die Gruppe knipst die Stellwand, von der ich das ablese, mehrheitlich mit der Handykamera, nur ein älterer Mann mit Bommelmütze hat eine japanische Hochleistungskamera dabei.
Gott belohnte sie mit dem Wunder der Sichel, steht noch daneben, aber keiner achtet darauf.
Ein Fehler, wie im Nachhinein gesagt werden muss.
„Notburga …“, fahre ich fort und werde unterbrochen.
„Geht das nicht lauter?“, ruft die Kniehosenseniorin. „Man versteht ja gar nichts!“
Ich zähle innerlich auf zehn.
„Notburga wurde als einfache mittelalterliche Bauernmagd zu einer Heiligen, zu der vor allem Dienstmägde und Knechte andachtsvoll aufblickten. Sie war eine von ihnen. Daher übrigens auch der Name dieses Weges, dienmuot, das ist mittelhochdeutsch und steht für Mut zum Dienen.“
„Mut zu was?“, ruft die schwerhörige Seniorin. „Jetzt sprechen Sie doch mal lauter!“
Zugegeben, der Verkehr rauscht relativ laut am Parkplatz unten vorbei, aber so leise rede ich nun auch wieder nicht. Soll sie sich halt ein Hörgerät zulegen!
Dennoch drehe ich etwas auf. „Notburgas letzter Wunsch war es, dass man ihren Leichnam auf einen Karren mit zwei Ochsen legen und sie dort begraben möge, wo der Karren stehen bleibt. Die Ochsen zogen den Karren bis vor die Kirche in Eben am Achensee, also dort hinten.“ Ich strecke den Arm ungefähr in die Richtung, wo ich Eben vermute, und alle Köpfe folgen ihm.
Eine hagere Frau, sicher Lehrerin, widerspricht. „Laut meiner Karte liegt Eben in der anderen Richtung.“
Ich werde muffig. „Wollen Sie die Führung übernehmen?“, frage ich spitz. „Dann los!“
Sie schüttelt den Kopf.
„Was? Geht’s jetzt los?“, ruft die Seniorin. „Wird ja auch Zeit.“
Das kann ja noch heiter werden, denke ich, sammle mich – OM! – und erläutere: „Unser Besinnungsweg erstreckt sich über circa zwei Kilometer. Wir werden an mehreren Stationen vorbeikommen, die zur Besinnung einladen. Und am Schluss kehren wir dann alle in der Rodlhütte ein. Sie sind auf einen kleinen Imbiss eingeladen. Und wir gehen weiter!“
Ich zeige auf das enge Holztor mit der Aufschrift Geh durch das enge Tor, es führt zum Leben. Für manche von uns trifft das nicht zu, ganz im Gegenteil, aber das wissen die Betroffenen noch nicht. Alle schreiten fröhlich voran.
Das Tor – bezeichnenderweise gestiftet von Sport Wöll – ist nicht nur niedrig, sondern auch schmal. Der lange Schlacks mit den karierten Golferhosen muss sich fast in der Mitte knicken, um hindurchzugelangen, das adipöse Ehepaar aus Amerika passt beim besten Willen nicht hindurch. Die Frau versucht es noch, bleibt aber stecken, und ihr Mann und ich müssen sie an den Armen rückwärts herausziehen. „Sie können über den Parkplatz und dann außen herum gehen“, sage ich und deute. „Wir machen etwas langsamer, da holen Sie uns bequem ein.“ Die beiden gucken nicht glücklich, und wären wir in Amerika, würden sie jetzt schon in Gedanken die Klageschrift vorbereiten von wegen Diskriminierung übergewichtiger Wanderer. Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Dicker auf den Besinnungsweg.
Die beiden Amerikaner kehren in Richtung Parkplatz um. Wir sehen sie nicht wieder und gehen alle davon aus, dass sie beleidigt sind und jetzt lieber allein am See entlangspazieren, wo man so breit sein kann, wie man will. Ein Irrtum, aber das weiß ebenfalls noch keiner.
„Und wir gehen weiter!“, rufe ich und führe meine Herde an.
Die erste Station
An der Futterhütte sammle ich meine Schäfchen wieder um mich.
„Wenn im kalten Winter das Reh, die Gämse und der Hirsch kein Gräslein mehr finden, kein Salz, kein Heu und kein Leck, müssen sie verhungern“, lese ich von meinem Faltblatt ab. „Diese Besinnungsstation will uns erinnern, dass wir den Tieren und den Menschen zu essen geben sollen. Für das Wild Futter, für die Menschen Geld. Darum die Münzschale da oben. Als Symbol dafür, dass wir unsere Börse denen öffnen sollen, die weniger haben. Und wir gehen weiter.“
Ein älterer Herr ruft: „Ich bin Numismatiker. Ich schaue mir die Münzen kurz einmal an … rein interessehalber.“
„Aber Herrmann!“, schimpft seine Frau.
„Geh halt mit den anderen, ich komm schon nach“, pampt er und stapft zu der Holzschale hoch, in die gutherzige Wanderer einen symbolischen Obolus deponieren.
Ich treibe meine Schäfchen voran. Hinter mir höre ich Münzen klappern. Schaut der sich wirklich nur die Münzen an, oder steckt er sich welche ein?, überlege ich, drehe mich aber nicht um. Wird schon alles seine Richtigkeit haben. Jeder kriegt, was er verdient. Am Ende …
„Also, Entschuldigung, mir geht das zu langsam“, ruft ein Rotblonder im karierten Flanellhemd. „Ich geh schon mal vor.“ Er läuft los.
„Gern, nur zu“, rufe ich seinem entschwindenden Rücken hinterher. Er wird schon sehen, was er davon hat. Dann wende ich mich lächelnd an meine Wandergruppler und sage: „Und wir gehen weiter!“
Die zweite Station
Gibt’s im Land koa Liebe mehr, stirbt die Quell, der Brunnen leer. Wir stehen vor dem Brunnen, und er ist leer – noch so ein Umstand, der der Gruppe hätte zu denken geben müssen. Tut er aber nicht. Meine Schäfchen stehen nur da und machen ah und oh.
Ich keuche derweil. Ich bin ja nicht von hier, komme aus dem norddeutschen Flachland, wohne erst seit einer Woche im Posthotel drüben in Achenkirch und habe in dieser Zeit nichts anderes getan, als viermal am Tag zu essen – Frühstück, Lunch, Kuchentafel, Abendessen. Meine Hose spannt, und die Lungen pfeifen. Ich hätte mehr sporteln sollen, aber diese Erkenntnis kommt jetzt zu spät. Hier war eigentlich gar kein Halt vorgesehen, aber ich muss erst mal zu Atem kommen. Um die Gruppe zu beschäftigen, zitiere ich ein Besinnungsgedicht. Auch aus dem Faltblatt. „Warum ist der Brunnen leer? Warum fließt kein Wasser mehr? Wenn jeder nur noch an sich selber denkt, dem andern keine Liebe schenkt, versiegt auf Erden jede Quelle und in den Menschen alles Helle.“ Ich schaue auf und improvisiere auf Teufel komm raus. „Die heilige Notburga kann uns da ein Vorbild sein. Sie hat ihre Liebe immer großzügig anderen zukommen lassen. Deswegen wurde sie ja auch heiliggesprochen, die Gute. In diesem Jahr feiern wir übrigens 700 Jahre Notburga mit zahlreichen Veranstaltungen und Feierlichkeiten. Der Höhepunkt ist im September, die Notburga-Prozession.“
Ich frage mich, wer von meinen Schäfchen das noch erleben wird … „Was wäre die Welt ohne Liebe. Wir sollten alle mehr Liebe verströmen“, flöte ich. Plattitüden kann ich gut.
Apropos Liebe … Ich zwinkere dem gut aussehenden Mann im pastellfarbenen Polohemd zu. Dabei sind Pastelltöne bei Männern eigentlich ein Deal Breaker für mich, aber die Auswahl in der Gruppe ist nicht berückend.
Mehr Liebe für die Welt, da sind sich alle einig. Die Gruppenköpfe nicken synchron, der Bommelmützenmann schießt mit seiner Hochleistungskamera ein Foto vom leeren Brunnen. Dann scharren aber schon alle ungeduldig mit den Hufen. Das Besinnen ist aus der Mode gekommen, und oben auf der Hütte wartet der Imbiss auf uns.
„Wo Herrmann nur bleibt?“, fragt die Frau des Numismatikers und schaut den Weg zurück, den wir gekommen sind.
Weit und breit kein Herrmann.
„Der holt uns schon noch ein“, beruhige ich sie. „Und wir gehen weiter.“
Die dritte Station
Leitet und sichert einander wie dieses Geländer. Wir halten wieder inne. Eigentlich nur, weil ich neuerlich verschnaufen muss. Keuchend will ich auf den Blick hinweisen, auf dieses prachtvolle Panorama, will etwas über den Achensee mit seinem fast karibisch türkisblauen Farbspiel erzählen, der zehn Kilometer lang und bis zu 133 Meter tief ist, Trinkwasserqualität hat und exzellente Windverhältnisse für Surfer und Segler bietet, aber da sehe ich unten am Hang einen, der sich in den Bäumen verhakt hat. Kein Freestyle-Wanderer, der abseits des Weges gestolpert ist und sich jetzt Halt suchend in eine Birke verkrallt hat, sondern ein – aufgrund der Gliedmaßenverrenkung – sichtlich Toter, der wohl den Hang hinuntergekullert wurde und versehentlich hängen blieb. Es ist der Rothaarige im Flanellhemd, dem es nicht schnell genug gehen konnte. Jetzt nur keine Panik in der Gruppe. Meine Schäfchen dürfen nicht hysterisch werden. Sonst laufen noch alle in Panik zurück, womöglich stürzen die Älteren und brechen sich die Hüfte. Nein, ich muss ruhig und besonnen vorgehen. Das ist das A und O einer guten Wanderführung.
Bevor einer den Toten bemerkt, zum Beispiel der Bommelmützenmann mit der Kamera, zeige ich rasch hangaufwärts, wo es eigentlich nichts weiter zu sehen gibt. „Die Flora und Fauna der Achenseeregion“, jubiliere ich gekünstelt, „Naturparadies der Alpen, unvergleichliches Refugium für Tiere und Pflanzen, Rückzugsgebiet für höchst bedrohte Arten, wie Sie sie dort sehen.“
„Ich sehe nichts“, ruft die Kniehosenseniorin mit dem schlechten Gehör.
„Doch, da!“, insistiere ich und zeige wahllos ins Grün. „Die höchst seltene Almrose, die nur noch im Karwendelgebirge zu finden ist.“
„Ich bin Biologin, meine Guteste, und da ist nichts Seltenes zu sehen“, widerspricht die Alte hartnäckig. „Und das, worauf Sie da zeigen, ist ein Baum, und zwar der hier für die Region ganz typische Bergahorn.“
Ich schaue die anderen schulterzuckend an. Ach, diese senilen Alten, was die immer so reden, will mein Schulterzucken sagen.
Blöderweise interpretiert das auch die Alte korrekt. „Sie machen das hier nicht oft, oder?“, fragt sie frech.
Sie hat ja recht. Aber taktlos ist es trotzdem.
Na, wenigstens hat keiner die Leiche bemerkt.
Schmollend rufe ich: „Und wir gehen weiter!“, und stapfe los.
Die vierte Station
So ungefähr nach der halben Strecke kommt man an ein Plateau und eine Kreuzung. Ich schaue im Faltblatt nach. Zwei Wege kann man gehen, der eine ist breit und bequem, der andere steil und beschwerlich, manchmal auch gefährlich. Das ist der Dien-Mut-Weg.
War ja irgendwie klar.
Ich hole tief Luft und sehe mich in der Gruppe um. Vom Feeling her würde ich sagen, wir sind auf die Hälfte geschrumpft. Ich vermisse neben dem Numismatiker und dem karierten Flanellhemd den Schlacks mit den Golferhosen und das nette Ehepaar aus irgendwo hinter Wien. Na, man kennt das ja, bei Führungen kommen immer mal wieder welche abhanden, weil ihnen die Puste ausgeht oder weil sie tot im Baum hängen oder weil die Führung jetzt nicht so wahnsinnig prickelnd ist. Man könnte auch einfach das Faltblatt des Achensee-Tourismusbüros mitnehmen und unterwegs selber nachlesen, was man sieht, da hätte man mindestens ebenso viel davon und müsste nicht mit völlig Fremden Schritt halten, aber das sage ich natürlich nicht. Fremdenführer und -führerinnen wollen ja schließlich auch leben und ihr Auskommen finden. Wo immer die Abgängigen geblieben sein mögen, es ist mir egal – alle haben im Voraus auf dem Parkplatz bezahlt, und Rückerstattungen gibt es nicht.
„Ich frage mich, wo mein Herrmann bleibt“, ruft die Numismatikergattin. „Vielleicht sollte ich mal nach ihm sehen.“
„Nein, bitte, die Gruppe muss zusammenbleiben.“ Ich packe sie fest am Ellbogen und hoffe, es gibt keine blauen Flecke. „Ihr Mann wird uns schon einholen. Und der Weg ist ja exzellent ausgeschildert. Sehen Sie, dort.“
Ich zeige auf das Schild. BESINNUNGSWEG.
Zögernd nickt sie.
Um sie abzulenken, sage ich: „Durchzählen!“
„Wie bitte?“, ruft die Greisin.
„Durchzählen!“, wiederhole ich lauter.
„Das ist doch albern“, erklärt ein Anfangdreißiger in stylischer, atmungsaktiver Designer-Sportswear.
„Durchzählen!“ Ich kann auch streng.
„Eins“, entfährt es dem Anfangdreißiger verschreckt.
Wir kommen auf vierzehn. Jetzt bin ich mir sicher, dass wir unterwegs sechs verloren haben, denn bezahlt haben zwanzig.
„Und wir gehen weiter!“, rufe ich und treibe meine Herde voran.
Die fünfte Station
Nächste Station: Wir sind alle in Gottes Hand. Stimmt, denke ich, während die anderen wie wild das Panorama fotografieren. Die Hand ist rot angerostet, blutrot. Das bekümmert aber sichtlich keinen. Oh, diese Ahnungslosen.
Carpe diem, kann ich da nur sagen, nutze den Tag. Man sollte jeden Morgen so aufstehen, als wäre es der letzte. Schneller, als einem lieb ist, tritt dieser Fall nämlich tatsächlich ein.
Im Faltblatt steht für diese Station: Er lässt die Sonne aufgehen über Gute und Böse. Ich kenne ja jetzt die einzelnen Mitwanderer nicht persönlich, aber ich tippe mal, von denen sind nicht alle gut. Ich bin es beispielsweise nicht. Dass ich hier und heute die Führerin abgebe, ist allein darin begründet, dass ich beim Streichholzziehen das kürzeste Streichholz gezogen habe. Aber das lasse ich meine Gruppe nicht merken. Ich bin ja Profi. Ich spiele quasi oscarreif die engagierte Besinnungswegführerin.
„Haben alle die sensationelle Aussicht fotografiert?“, rufe ich und zähle durch. Dreizehn. Ja, definitiv, es fehlt schon wieder einer. Ich tue natürlich so, als wäre nichts. Die Seniorin guckt misstrauisch, sieht mich an und schüttelt den Kopf. Vermutlich denkt sie, die Leute hätten sich klammheimlich abgeseilt, weil sie meine Führung so furchtbar finden. Die kann mich mal, die Alte. Die wird schon noch merken, dass ich mit dem Verschwinden dieser Leute nichts zu tun habe.
Forsch rufe ich: „Und wir gehen weiter!“
Die sechste Station
Beim Gekreuzigten bleiben wir wieder kurz stehen. Zwei junge Frauen haben Blumen mitgebracht und stecken sie der Holzfigur jetzt in die ausgestreckte rechte Hand. Eine nette Geste.
Der Gekreuzigte sieht anders aus, als man ihn sonst so kennt, ist glatt rasiert und trägt ein Goldkäppi. Er erinnert mich irgendwie an einen Ägypter aus dem Hollywoodkolossalstreifen Die zehn Gebote. Der Mitwanderer im Pastellpoloshirt hat entfernte Ähnlichkeit mit dem Hauptdarsteller Charlton Heston. Ich lächele ihm erneut kokett zu. Man darf ja bei der Arbeit auch mal Mensch sein. Immerhin er ist noch übrig. Der Bommelmützenmann mit der Kamera ist jetzt nämlich auch weg. Da waren’s nur noch zwölf. Das fällt auch der Lehrerin auf.
„Fehlt da nicht einer?“, ruft sie laut. „Der mit der Kamera?“
Ich nicke lässig. „Ja, er wollte sicher noch ungestört ein paar Aufnahmen vom Panorama machen. An der Hütte wird er uns schon einholen.“
„Bestimmt wartet er auf meinen Herrmann. Einer muss es ja tun“, sagt die Numismatikergattin, und es klingt vorwurfsvoll.
Der Vorwurf ist gegen mich gemünzt. Das kratzt mich nicht. Ich lächele sie milde an, weil ich so eine Ahnung habe, dass Herrmann, der Numismatiker, längst genüsslich mit einem Schweizermesser filetiert wurde und tot über der Schale mit den Münzen liegt. Den Bommelmützenmann vermute ich erschlagen unter einem Steinhaufen. Fröhlich rufe ich: „Und wir gehen weiter!“
Die siebte Station
„Bitte aufschließen!“, rufe ich an der nächsten Station, weil wieder ein paar ins Bummeln geraten sind. Mir liegt aus verschiedenen Gründen wirklich viel daran, dass die Gruppe als solche zusammenbleibt.
„Ach, wie herrlich!“, tönt die Seniorin. Wir sind an die Pension Dienmut gelangt, einen Holzverschlag mit Ruhebank. „Hier mache ich eine kleine Pause.“ Sie setzt sich und packt ein Käsebrot aus. Ich sage nichts, obwohl wir ohnehin gleich bei der Rodlhütte sind. Jeder hat schließlich ein Recht auf eine letzte Einkehr. Und die schwerhörige Alte wird mir ganz gewiss nicht abgehen.
Auf dem Schild vor der Hütte steht: Fünf waren geladen, zehn sind gekommen. Andersrum wird bei uns ein Schuh draus. Zwanzig waren gekommen, nicht ganz zwei Handvoll sind jetzt noch übrig.
„Und weiter!“, rufe ich.
„Also, ich bin jetzt sicher, dass da welche fehlen!“, erklärt die Lehrerin, hager und grauhaarig und spitzmündig. Sie schaut sich um.
„Möglich. Es biegen immer ein oder zwei an dem Schild ab, wo es zur Bärenbadalm hochgeht. Das ist ein Weg von etwas über einer Stunde, und samstags gibt es dort handgetriebene Zillertaler Krapfen, das verlockt manch einen.“ Das habe ich heute früh in der Morgenpost meines Hotels gelesen und mich jetzt Gott sei Dank daran erinnert.
„Was ist ein Zillertaler Krapfen?“, will die Seniorin mit vollem Käsebrotmund wissen.
Hm. Ich habe keine Ahnung. Da ich kein Pokerface beherrsche, sieht man mir das auch an.
„So, das wissen Sie gar nicht. Wissen Sie überhaupt etwas?“, lästert die Alte.
Ehrlich, um die wird es nicht schade sein.
„So langsam kriegen wir auch Appetit“, erklären die beiden Blumenmädchen unisono und schielen auf das Käsebrot der Seniorin.
„Wir haben es gleich geschafft“, verspreche ich und schiebe die Mädels vom Pensionsverschlag weg, bevor es hier zu einer Meuterei kommt und die Seniorin mit ihrem Käsebrot die Fütterung der Fünftausend nachstellt. „Und wir gehen weiter!“
Die achte Station
Der Lift öffnet Höhen, Dienen den Himmel! Zwei meiner Schäflein wollen stehenbleiben und den Blick ins Tal fotografieren, wo gerade die Karwendelbahn heranrauscht. „Weitergehen!“, dränge ich. „Wir haben es gleich geschafft. Dort oben über die Kuppe, dann rechts bei den drei Steinen sammeln wir uns.“ Die Gruppe schreitet brav voran. Gut erzogen!
Aus dem Tal nähern sich weiter fast lautlos die fünf Kabinen der Karwendelbahn. Aus der letzten Kabine wird, als sie direkt über mir ist, ein Seil mit einem Haken herabgeworfen. Ich fange es und hake das Eisen in den Rucksack des stylischen Dreißigjährigen im atmungsaktiven Sportsweardress. Er läuft nämlich zuhinterst. Seinen Designer-Rucksack hat er außerdem mit einem Gurt über seiner Brust befestigt, das wird gut halten. Er will verschreckt aufrufen, aber da stopfe ich ihm schon flugs mein geblümtes Halstuch in den Mund. Mit einem Ruck fährt er in die Höhe. Ich winke Adewale dem Nigerianer und Ilija dem Bulgaren oben in der Gondel zu. Sie winken grinsend zurück. Der Rucksackwanderer strampelt mit Armen und Beinen.
Die Gruppe merkt nichts.
Bei den drei aneinandergelehnten Steinen, die ein bisserl an Stonehenge erinnern, hole ich die anderen ein. Im Faltblatt steht für diese Station: Unser Weg ist nun zu Ende. Wir durften die Herrlichkeit der Schöpfung schauen.
Der Schöpfung und der Vergänglichkeit, denke ich.
„Schreit da nicht wer?“, fragt die hagere Lehrerin.
„Ist das mein Herrmann?“, fragt die Numismatikergattin.
Wir legen alle die Köpfe schräg und lauschen.
Ja, definitiv, da schreit wer. Der stylische Rucksackler muss sich mein Halstuch aus dem Mund gezogen haben.
„Das ist der berühmte Karwendeljodler“, improvisiere ich kühn. „Die Einheimischen jodeln aus purer Lebenslust und alter Tradition immer um …“ Ich schaue auf meine Uhr. „… um zwanzig nach elf.“
„Ich finde, das klingt nicht nach Jodeln“, sagt mein Pastellhemdträger, der dem Akzent nach offenbar aus der Schweiz kommt. „Das ist doch eine völlig falsche Atemtechnik.“
„Bei Ihnen mag man anders jodeln“, erkläre ich streng, „aber jeder darf doch wohl bitte schön jodeln, wie er mag, da wollen wir doch tolerant sein.“
„Natürlich“, sagt er rasch, weil er gut erzogen und Gast in diesem Lande ist.
„Weitergehen!“, befehle ich, was meine Schäfchen auch hurtig tun. Bis auf die Lehrerin.
„Machen Sie sich nichts draus, dass so viele abspringen“, raunt sie mir zu, allerdings in Bühnenflüstern, weswegen es alle hören. „Sie lernen schon noch, wie man eine Gruppe fesselt.“
„Ich finde, sie macht das sehr ordentlich“, erklärt eines der Blumenmädchen.
Das muss das Stockholm-Syndrom sein. Wenn man lange genug jemandem ausgeliefert ist – und aufgrund der Umstände keine Chance zur Flucht hat –, dann stellt sich Zuneigung ein. Man kennt das von Entführungsopfern. Und jetzt von meiner Besinnungswegwandergruppe.
„Danke“, sage ich gerührt und rufe: „Und wir gehen weiter!“
Das Finale
Und dann haben wir es geschafft. Vorbei an dem knallroten Rodlhütten-Transfer-Bus erreichen wir die Hütte. In weiser Voraussicht habe ich nur einen einzigen Tisch direkt vor der Hütte reservieren lassen, mit Blick auf den See. Der reicht lässig für uns paar Hansel. „Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, es war sehr nett mit Ihnen. Jetzt können Sie noch ein wenig die Seele baumeln lassen. Es ist mir ein Vergnügen, Sie auf ein Getränk einzuladen. Holunder-Prosecco für die Damen, ein Bier für die Herren? Gern!“
Meine stark dezimierte Schafherde setzt sich und genießt die Aussicht. Dieser Friede hier oben, diese Stille. Man hört nichts als den Wind, der mit der Fahne spielt, Vogelgezwitscher, das Knirschen von Kies unter den Rädern der Mountainbiker, die vorbeifahren, ein Schiffshorn von unten am See, den Zwölf-Uhr-Alarm und das Ave-Maria und das Schnaufen der Flachländer, die den breiten Weg aus Pertisau heraufkommen.
Ich mustere meine Gruppe. Es ist nichts Persönliches. Wir haben sie nicht mit Bedacht ausgewählt. Es war einfach Zufall. An diesem Samstag gab es diese Führung hier auf dem Besinnungsweg, und da kamen wir auf die Idee, uns gegenseitig Arbeitsproben zu zeigen, und ich habe, wie gesagt, beim Streichholzziehen verloren, und die richtige Besinnungswegführerin liegt seit zwei Stunden tot in meinem Kofferraum auf dem Parkplatz unten.
Ja, genau, wir sind Auftragsmörder: Adewale und Ilija aus der Karwendelbahn, Sandy und Mandy, die sächsischen Killerzwillinge, Augusto, der Professor und ich, um nur einige zu nennen. Wir morden normalerweise nur im Auftrag und für viel Geld. Aber einmal im Jahr treffen wir uns immer rein privat an verschiedenen Locations in aller Welt – im Waldorf Astoria in New York, im Peninsula in Hongkong und dieses Jahr eben im Posthotel in Achenkirch – zum netten Beisammensein unter Gleichgesinnten und zu Fachvorträgen wie beispielsweise zum Thema „Handarbeit“, also Würge- und Drosseltechniken. Höhepunkt unserer Auftragskillerjahrestreffen ist immer eine Exkursion ins Hinterland, wo wir uns – wie damals in Kolumbien – Spontanschießereien mit einheimischen Kriminellen liefern. Oder eben wo wir uns – wenn es zu wenig Kriminelle vor Ort gibt, wie heuer auf dem Besinnungsweg – gegenseitig voller Stolz unsere schönsten Mordmethoden zeigen. Ich wette, die schwerhörige Alte wurde von Madame Li aus Hongkong mit einem vergifteten Blasrohrpfeil ermordet und liegt jetzt mit Schaum vor dem Mund quer über der Holzbank in der Pension Dienmut. Es gab noch eine kleine Missstimmung, als es darum ging, ob wir die Leichen einfach liegen lassen oder ob wir sie – dafür stimmte vor allem Augusto, der immer sehr auf Ökologie und Nachhaltigkeit bedacht ist – mit Gewichten an den Beinen im Achensee versenken. Na, dieses Problem habe ich zumindest nicht.
Meine Gruppe sitzt ahnungslos am Tisch und zeigt sich gegenseitig die frisch geschossenen Handyfotos. Die Jungs und Mädels sind mir fast ein bisschen ans Herz gewachsen. Ich seufze sentimental. In der Hütte ist Selbstbedienung, deswegen gehe ich hinein und bestelle. Nein, ich schütte kein geheimnisvolles südamerikanisches Gift in die Gläser, das man bei Obduktionen nicht nachweisen kann. Ich serviere einwandfreien Prosecco und leckeres Bier. Das gehört sich so beim letzten Getränk. Dann sage ich: „Ich muss nur kurz telefonieren. Prost schon mal!“
Ich drehe mich um und kehre auf den Dien-Mut-Weg zurück. Runter wird es schnell gehen, in einer halben Stunde werde ich am Auto sein. Meinen Rucksack habe ich unter dem reservierten Tisch zurückgelassen.
Bei den drei Stonehenge-Steinen bleibe ich stehen und hole tief Luft. Hach, diese herrliche Bergluft. So belebend! Oder auch nicht.
Ich zücke mein Handy und gebe den Code ein – und da hört man außer Vogelgezwitscher, Kiesknirschen und Schiffshupen auch schon ein lautes BUMMMMMMMMMMMMMMMMMM!
Dann … Totenstille.
Lebt wohl, meine Schäfchen. So viele auf einen Streich! Den diesjährigen Jahrestreffen-Bodycount-Rekord werde definitiv ich einfahren …
Martin Kolozs
Die Spur des Täters
Kriminalerzählung
Prolog
Er ertappte sich bei einem schrecklichen Gedanken. Dieser war klarer als jede Vermutung, die er sonst in diesem Fall gehabt hatte, und stärker als jede Ahnung, die ihm im Laufe der Ermittlungsarbeiten gekommen war. Basil Riemer hatte einen konkreten Verdacht. Ja, er war fest davon überzeugt, die Lösung gefunden zu haben. Hier und jetzt war er auf sie gestoßen, was jedoch hieß: am Tatort und viel, viel zu spät.
Eins
„Weshalb tun Sie mir das an? Schon wieder!“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang jetzt verzweifelt bis zur Hysterie. „Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“
„Ich wünschte, es wäre so, aber …“ Basil Riemer wollte sich nicht im Mindesten vorstellen, wie Sandra Lietzkow sich gerade fühlen musste; in den vergangenen Wochen, seit der Ermordung ihres Mannes und der gemeinsamen Tochter, musste es schier unerträglich für sie gewesen sein. „… es kann Ihnen helfen, sich besser zu erinnern.“
„Ich habe Ihnen doch schon alles erzählt, was ich weiß!“
„Manchmal kommen die Erinnerungen erst später, Frau Lietzkow.“ Basil Riemer hasste sich plötzlich für diesen Satz; einerseits, weil er sich so verdammt altklug anhörte, andererseits, weil er seiner einzigen Augenzeugin damit gewissermaßen unterstellte, sie hätte bei ihren vorangegangenen Aussagen nicht alles darangesetzt, völlige Klarheit darüber zu schaffen, was damals im Wald geschehen war. „Ich meine, wenn Sie nochmals an den Tatort zurückkehren, könnten Ihnen eventuell Dinge einfallen …“
„Dinge!“, fuhr ihn Sandra Lietzkow durch das Telefon an. „Was für Dinge?“
„Kleinigkeiten.“ Basil Riemer korrigierte sich sofort noch einmal, um ihr keine weitere Gelegenheit zu geben, sich über seine unbedachte Wortwahl aufzuregen; sie sollte nicht einen Moment denken, dass ein so grausames wie feiges Verbrechen nicht all seine Aufmerksamkeit und das ganzes Mitgefühl, zu dem er nach so vielen Jahren Polizeiarbeit noch imstande war, abbekam. „Was ich meine, sind Details, Frau Lietzkow! Details, an welche man sich anfangs, im Schock und in der Trauer, nicht im vollen Umfang erinnert.“
„Hören Sie, ich weiß nicht mehr!“ Augenblicklich war alle Benommenheit aus Sandra Lietzkows Stimme gewichen; eine Art Ohnmacht, welche die junge Frau seit Beginn der Ermittlungen umgeben hatte und die sie zutiefst verletzt und von der ganzen Welt enttäuscht erscheinen ließ. „Ich habe Ihnen alles gesagt, was mir an diesem Tag aufgefallen ist!“
„Das bezweifle ich auch keinen Augenblick.“ Basil Riemer konnte ihren Gefühlswandel nicht richtig einordnen; er führte ihn schließlich aber darauf zurück, dass Sandra Lietzkow sich instinktiv dagegen wehrte, an jenen Ort zurückzukehren, an dem das Leben ihrer ganzen Familie ausgelöscht worden war und von welchem daher eine dunkle Gefahr für sie auszugehen drohte. „Unbewusst nehmen wir allerdings einiges mehr wahr, als wir denken, das dann allmählich an die Oberfläche dringt und …“
„Sie meinen wirklich, mir könnte etwas einfallen, von dem ich bisher noch nichts geahnt habe?“
„Das wäre nichts Ungewöhnliches.“ Basil Riemer bemerkte den erneuten Stimmungswechsel bei Sandra Lietzkow; nach der fast schon aggressiven Skepsis, die sie zuvor an den Tag gelegt hatte, schien sie nun sehr an der Möglichkeit interessiert zu sein, durch eine erneute Tatortbegehung ihre verschüttete Erinnerung aufzudecken und damit zu weiteren Erkenntnissen und eventuell zur Klärung des Falles beizutragen. „Und der Versuch ist es bestimmt wert!“
„In Ordnung, ich bin einverstanden, wenn Sie mir versprechen …“
„Ja?“
„… dass es das letzte Mal sein wird! Ich muss damit abschließen können, aber das geht nicht, wenn …“ Ihre Stimme versagte unter der Wucht der Gefühle; aber Sandra Lietzkow fasste sich schnell wieder. „Versprechen Sie es mir, hm?“
Basil Riemer wusste nicht, was er antworten sollte; die Wahrheit wäre gewesen, dass er nicht einfach Ja sagen konnte. Andererseits konnte schon ein einziges fehlendes Teil, das Sandra Lietzkow eventuell einfiel, das Bild vervollständigen und die Lösung des Falles bringen.
„Ja“, sagte er also in der Hoffnung, nichts Falsches zu tun, „treffen wir uns!“
Zwei
Vor dem Treffen studierte Basil Riemer noch einmal Auszüge der Fallakte; er wollte gut vorbereitet sein, damit er Sandra Lietzkows arme Seele nicht mehr quälen musste, als es unbedingt nötig war, indem er ihr nur solche Fragen noch einmal stellte, die in ihrer Zeugenaussage unzureichend beantwortet waren. Er betrachtete die Bilder der Spurensicherung und las aufmerksam die nüchterne Beschreibung des Tatorts:
„Die Opfer (Eugen Lietzkow, 38 Jahre; Klara Lietzkow, 5 Jahre) liegen in der rechten Schlafzelle eines Mehrpersonenkuppelzelts unbestimmten Fabrikats. Als Todesursachen können, aufgrund der Wundmerkmale, ein Kopfschuss (aus etwa dreißig Zentimeter Entfernung) beim Mann und ein Schuss (aus gleich großer Distanz) in den Brustkorb des Kindes angenommen werden. Bei beiden Opfern konnten keine Verteidigungsspuren festgestellt werden; vermutlich wurden sie im Schlaf erschossen.
Die Leiche des vermeintlichen Täters (Alexander Tillich, 27 Jahre) liegt auf dem Bauch im Gras, etwa fünfeinhalb Meter vom Zelteingang entfernt. Die vermutliche Todesursache sind mehrere Stiche in Bauchraum und Rücken; der Exitus erfolgte nach wenigen Minuten.
Zum Tathergang wurde die Ehefrau und Mutter der Opfer (Sandra Lietzkow, 33 Jahre) als Zeugin einvernommen, welche folgende Auskünfte geben konnte: Bis zum Abend verlief der Ausflug von Familie Lietzkow ohne besondere Vorkommnisse. Gegen 20 Uhr legte sich die Tochter im Zelt schlafen, circa zweieinhalb bis drei Stunden später folgten die Eltern. Frau Sandra Lietzkow gab an, dass ihr Mann sich zur gemeinsamen Tochter in die Schlafzelle legte, da sie sich krank fühlte und nicht riskieren wollte, ihn oder das Kind anzustecken. Spätnachts (vermutlich zwischen halb eins und zwei Uhr früh) schreckte Frau Sandra Lietzkow hoch, weil sie (Zitatbeginn) zwei laute Knalle gehört hatte (Zitatende). Sofort öffnete sie den Reißverschluss ihrer Schlafzelle und konnte einen großen, kräftig gebauten Mann erkennen, der eine Waffe in der Hand hielt. Frau Lietzkow rief laut um Hilfe, worauf der Mann augenblicklich die Flucht ergriff und von der Zeugin verfolgt wurde. Im Handgemenge, so sagt Frau Lietzkow weiter aus, habe sie ihn dann mehrmals mit dem Jagdmesser ihres Gatten gestochen, woraufhin der als Alexander Tillich identifizierte Täter an Ort und Stelle verstarb.“
So sahen also die harten Fakten aus; ein gewalttätiger Mann ging in den Wald, lauerte einer harmlosen Familie beim Camping auf und ermordete fast alle ihre Mitglieder, bevor er selbst von einer selbstbewussten und außerordentlich mutigen Rachegöttin mit dem Tod bestraft wurde. Basil Riemer konnte nicht anders, als sich Sandra Lietzkow als eine der drei Erinnyen vorzustellen, als Tisiphone, welche rasche Vergeltung für die kaltblütigen Morde übte.
Sie ist ohne Zweifel eine bemerkenswert starke Frau, dachte er anerkennend bei sich und heftete seinen Blick auf das Foto des erstochenen Alexander Tillich. Bemerkenswert in jeder Hinsicht.
Drei
Als Sandra Lietzkow auf ihn zukam, straffte sich Basil Riemer; er wollte stark wirken und sich der schwierigen Situation gewachsen zeigen, wie einer, der es ertragen konnte, den Kummer anderer auf sich zu nehmen. „Wie geht es Ihnen?“, fragte er und schalt sich sofort im Stillen, weil er allein die Hoffnung, es könne sich ein Mensch, der erst vor Kurzem durch die sprichwörtliche Hölle auf Erden gegangen war, nur ansatzweise anders fühlen als schlecht, für verwerflich hielt. „Ich meine …“, er atmete verzagt und hörbar durch den Mund, „… danke, dass Sie gekommen sind.“
„Ist schon gut“, antwortete Sandra Lietzkow tapfer, während jedoch ihre Miene eine ganz andere Geschichte erzählte. „Ich will es nur schnell hinter mich bringen!“
„Das verstehe ich.“ Basil Riemer wies ihr den Weg mit einer unter diesen Umständen doch recht einladenden Handbewegung. „Ich schlage vor, wir folgen derselben Route, die Sie und Ihre Familie an jenem Tag genommen haben.“
„Ich weiß nicht, was Sie sich davon erhoffen.“ Sandra Lietzkows Augen blitzten ihn vorwurfsvoll an. „Ich habe doch alles schon zu Protokoll gegeben!“ Sie gab ein recht hohes Tempo vor, als führten ihre Schritte über glühende Kohlen. „Ich werde Ihnen nichts anderes erzählen“, fauchte sie über die linke Schulter nach hinten, und Basil Riemer, der nicht versuchte, den knappen Abstand aufzuholen, weil er ihr etwas Zeit geben wollte, um sich zu beruhigen, begann, seine vielfältigen Eindrücke von dieser doch außergewöhnlichen Frau zu deuten.
Sandra Lietzkows Erscheinung war von zwei Merkmalen besonders geprägt: Einerseits war sie ohne Zweifel überdurchschnittlich attraktiv. Ihre schlanke und sportliche Figur hatte außerdem alle Vorzüge der reifen Weiblichkeit, und ihr ausnehmend schönes Gesicht erstrahlte in gesunder Frische und in jugendlichem Teint.
Andererseits ging von Sandra Lietzkow eine ursprüngliche Kraft aus, die auf besondere, vielleicht sogar irritierende Weise in einem harmonischen Widerspruch zu ihrem Körper stand. Nämlich insofern, als im Gegensatz zu dessen sanfter, wohlfülliger Gestalt etwas Wildes, Raubtierhaftes in ihm verborgen lag; eine Leidenschaft, die zwar noch geweckt werden musste, die aber, erst einmal entfesselt, auch gefährlich werden konnte.
Basil Riemer betrachtete die Frau vor sich; entschlossen und zügig folgte sie dem Weg, ohne einen Blick zur Seite oder nach hinten zu richten. Was mochten ihre Gedanken, was ihre Gefühle in diesen Minuten sein? Wie er es auch drehte und wendete, Basil Riemer kam nicht darauf, und das Bild, das er gehofft hatte, sich hier und jetzt von ihr machen zu können, ließ sich schwer zusammenfügen. Denn nicht alle Teile passten.
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