Read the book: «Katharine Blum»
Erstes Kapitel
Vor der Erzählung
Gestern warfst Du mir vor, daß ich nicht genug Bücher wie »Conscience« schriebe; ich antwortete, daß Du jedes Buch erhalten würdest, das Du fordern wolltest, und fragte, was für eins Du wünschtest.
Da sagtest Du: »Ich möchte eine Geschichte aus Deiner Jugend, ein kleines unbekanntes Drama, das unbemerkt im Schatten der großen Bäume jenes Waldes spielt, dessen geheimnisvolle Tiefen Dich zum Träumer, dessen melancholisches Rauschen Dich zum Dichter machte, eines von den Ereignissen, die Du zuweilen im Familienkreise erzählst, wenn Du von den langen Romanen ausruhen willst, die Du schreibst. Ich liebe Dein Heimathland, obgleich ich es nicht kenne, obgleich ich es nur von fern, durch Deine Erinnerungen, gesehen habe, wie man im Traume eine Landschaft sieht. —«
Auch ich liebe Dich, Vaterland, liebes Dorf! denn es ist doch nichts weiter, als ein Dorf, wenn es sich auch den Titel »Marktflecken« oder »Stadt« anmaßt. Ich liebe es so sehr, daß ich, nicht Euch, meine Freunde, wohl aber die Gleichgültigen mit Erzählungen davon ermüde. Für mich ist Villers-Cotterets das, was Colmar für meinen alten Rusconi; für ihn ist Colmar der Mittelpunkt der Erde, die Achse, um die sich die ganze Welt dreht; in Colmar hat er alle Leute kennen lernen. Mit Carrel hat er hier sich 1821 verschworen, Talma hat er hier 1816 spielen, Napoleon 1808 hier durchreisen sehen. Für mich datiert sich Alles von Villers-Cotterets, wie für Rusconi Alles von Colmar.
Nur hat Rusconi vor mir, ich weiß nicht ob den Vorteil oder Nachtheil, daß er nicht in Colmar geboren ist; er ist in Mantua, der Herzogsstadt, der Vaterstadt Virgils und Sordellas geboren, während ich in Villers-Cotterets zur Welt kam.
Du siehst, liebes Kind, daß ich, ohne sehr gedrängt zu werden, von meiner Vaterstadt spreche, deren weiße Häuser im Hintergrunde der Hufeisenform ihres ungeheuren Waldes das Aussehen von Vogelnestern haben, und von der Kirche mit dem langhälsigen Thurme überragt und überwacht werden. So bald Du von meinen Lippen das Siegel nimmst, welches meine Gedanken und Worte verschließt, quellen sogleich Gedanken und Worte rasch hervor, wie der Schaum aus einer Bierflasche, welcher uns zu einem Schrei zwingt und uns im Exil an der Tafel von einander entfernt oder wie der Schaum des Champagners, der ein Lächeln auf unsere Gesichter bringt und uns wieder vereinigt, indem er uns an die Sonne unseres Vaterlandes erinnert.
Nun, habe ich nicht wirklich dort gelebt, da ich dort das Leben erwartet habe? Man lebt viel mehr durch die Hoffnung, als durch die Wirklichkeit. Was vergoldet den Himmel und macht ihn blau? Ach, liebes Kind, Du wirst es einst erfahren; – die Hoffnung. Dort bin ich geboren, dort habe ich meinen ersten Schmerzensschrei ausgestoßen, dort sah meine Mutter mein erstes Lächeln, dort habe ich, ein Blondkopf mit rothen Wangen, nach jenen kindlichen Täuschungen gejagt, welche uns entweder entgehen oder uns, wenn wir sie erreicht haben, nur ein wenig samtartigen Staub an den Fingern zurücklassen, und die Schmetterlinge heißen. Ach, es ist nur zu wahr und sonderbar, was ich Dir sagen will: nur in der Kindheit sieht man schöne Schmetterlinge, dann kommen stechende Wespen, später Fledermäuse, die Vorboten des Todes.
Man kann die drei Altersstufen so zusammenfassen: Jugend, reifes Alter, Greisenthum; Schmetterlinge, Wespen, Fledermäuse. —
Dort starb mein Vater. Ich stand in dem Alter, wo man nicht weiß, was der Tod ist, kaum weiß, was ein Vater ist.
Dorthin habe ich meine Mutter nach ihrem Tode gebracht; auf dem reizenden Gottesacker – der mehr einem Blumengarten gleicht, worin Kinder spielen sollen, als einem Trauerfeld, wo Leichen schlafen – da schläft sie an der Seite des Soldaten vom Mauldefeld, des Generals von den Pyramiden. Ein Stein, den die Hand einer Freundin auf ihr Grab gesetzt hat, schützt sie Beide.
Zu ihrer Rechten und Linken liegen die Großeltern, der Vater und die Mutter meiner Mutter, Tanten, an deren Namen ich mich erinnere, aber deren Gesicht ich nur durch den gräulichen Schleier langer Jahre sehe.
Dort endlich werde ich selbst schlafen, so spät wie möglich, denn gewiß werde ich Dich nur ganz gegen meinen Willen verlassen, liebes Kind.
Da werde ich an der Seite der Frau, die mich stillte, die finden, die mich wiegte; Mutter Zine, von der ich in meinen »Erinnerungen« spreche und an deren Bett der Schatten meines Vaters mir Lebewohl gesagt hat.
Warum soll ich nicht gern von dem großen grünen Blätterdache sprechen, wo Alles für mich eine Erinnerung ist? Ich kannte dort nicht allein die Leute aus der Stadt, sondern auch die Steine der Häuser und selbst die Bäume des Waldes. In dem Maße, als diese Jugenderinnerungen verschwunden sind, habe ich sie beweint. Ihr Greise der Stadt, teurer Abbé Gregoire, guter Capitain Fontaine, würdiger Vater Niguet, geliebter Vetter Deviolaine, zuweilen habe ich Euch zu erwecken gesucht; aber ihr armen Schatten habt mich fast erschreckt durch eure Bleichheit und Stummheit, die trotz meiner zärtlichen und freundschaftlichen Erweckung an Euch blieb.
Ich habe euch beweint, ihr düsteren Steine vom St. Rémy-Kloster, euch, ihr ungeheuren Fenstergitter, euch, ihr riesenhaften Treppen, euch, enge Zellen, dich, des Cyclopen Küche; Stein nach Stein habe ich euch fallen sehen, bis Steinhaue und Spitzhacke eure Grundsteine fanden, die breit waren, wie die Grundmauern von Wällen, und eure Keller, die Abgründen glichen. Euch vorzugsweise habe ich beweint, ihr schönen Bäume des Parkes, ihr Riesen des Waldes, euch Massen von Eichen mit runzligem Stamme, euch Buchen mit glatter silberartiger Rinde, euch Zitterpappeln und Kastanienbäume mit pyramidenförmigen Blüthen, um die im Mai und Juni Bienenschwärme summten, die Körper voll Honig geschwollen, die Beinchen mit Wachs beladen. Ihr, die ihr noch so viele Jahre zu leben, so viele Geschlechter unter eurem Schatten zu beschützen, so viele Liebesabenteuer geheimnißvoll vorbeigehen zu sehen hattet, seid in einigen Monaten plötzlich und still auf den Moosteppich gefallen, den die Jahrhunderte zu euren Füßen hingebreitet hatten. Ihr hattet Franz I. und die Frau von Erampes, Heinrich II. und Diana von Poitiers, Heinrich IV. und Gabrielen gekannt; auf euren gefurchten Rinden spracht ihr von diesen berühmten Todten; ihr hofftet, daß die dreifach verschlungenen Halbmonde, daß die liebend vereinigten Buchstaben, daß die Lorbeer- und Rosenkrone euch vor dem gemeinen Tode und vor dem Kirchhofe der Bäume, dessen Name Holzhof ist, bewahren würden. Ach, ihr habt Euch getäuscht, ihr schönen Bäume. Eines Tages hörtet ihr den schallenden Lärm der Axt und das dumpfe Knirschen der Säge. Es war euer Untergang; es war der Tod, der euch zuschrie: »Nun ihr, ihr Stolzen!« Und ich habe euch auf der Erde liegen sehen, vom Gipfel bis zu den Wurzeln verstümmelt, eure Zweige um euch herum zerstreut, und es schien mir, als ob ich, um fünftausend Jahre älter, das ungeheure Schlachtfeld durchlief, das zwischen dem Pelion und Ossa liegt, und als ob ich jene dreiköpfigen, hundertarmigen Titanen zu meinen Füßen sähe, die den Olymp zu erstürmen versucht hatten und die Jupiter mit seinen Blitzen erschlagen.
Wenn Du jemals mit nur und an meinem Arme, liebes Herzenskind, durch alle diese großen Waldungen gehst; wenn Du durch jene Dörfer wandelst; wenn Du Dich auf jene bemoosten Steine setzest; wenn Du Deinen Kopf zu diesen Gräbern wendest, wird es Dir. zuerst scheinen, als ob Alles still und stumm wäre, aber wenn ich Dich die Sprache aller dieser meiner Jugendfreunde werde gelehrt haben, dann wirst Du begreifen, wie süß sie, todt oder lebendig, an mein Ohr murmeln. Wir werden im Osten anfangen; für Dich geht die Sonne kaum auf; bei ihren ersten Strahlen blinzeln Deine großen blauen Augen noch, in denen sich der Himmel spiegelt; da werden wir, indem wir uns etwas nach Süden wenden, das niedliche Schlößchen Villers-Helon besuchen, wo ich bei den Spielen meiner frühesten Jugend, mitten in dem dichten Gehölze, durch die Hecken hindurch lebende Blumen suchte, die das Spiel zerstreut hatte, und die Louise, Auguste, Karoline, Henriette und Hermine hießen. Ach! heute sind zwei oder drei von diesen schönen und so schlanken Blumen unter dem Winde des Todes gebrochen, die anderen sind Mütter, einige Großmütter; – vierzig Jahre sind seit der Zeit verflossen, von der ich mit Dir spreche, liebes Kind, und Du wirst erst in zwanzig Jahren wissen, was vierzig Jahre sind.
Auf der Fortsetzung unseres Weges kommen wir durch Lorey. Siehst Du diesen steilen Abhang, der mit Apfelbäumen bedeckt ist und seinen Fuß in jenem Teich badet? Hier fuhren eines Tages drei Jünglinge in einem Wagen, den ein Pferd zog – ob es ein einfältiges oder wütendes gewesen sei, haben sie nie erfahren – wie eine Lawine dahin, indem sie geraden Weges in diese Art von Cocytus eilten. Glücklicherweise blieb ein Rad an einem Apfelbaum hängen, der fast entwurzelt wurde. Zwei von den jungen Leuten wurden über das Pferd hinaus geschleudert; der dritte blieb, wie Absalon, an einem Zweige hängen, nicht an den Haaren – obgleich diese ganz dazu geeignet waren – sondern an der Hand. Von den beiden jungen Leuten, die über das Pferd geschleudert wurden, war der eine mein Vetter Hyppolite Leroy, von dem Du mich zuweilen hast reden hören, der andere mein Freund Adolf de Leuven, von dem Du mich immer reden hörst – der dritte war ich.
Was wäre aus meinem Leben und folglich aus dem Deinigen geworden, armes Kind, wenn der Apfelbaum nicht an dem genannten Orte auf meinem Wege gestanden hätte?
Indem wir immer von Osten nach Süden weiter gehen, müssen wir, ungefähr eine halbe Stunde entfernt, eine große Meierei finden. Sieh, da ist sie, das Hauptgebäude mit Ziegeln, die Wirtschaftsgebäude mit Stroh gedeckt, das ist Bouty.
Da, liebes Kind, wohnt noch, wie ich hoffe, obgleich er jetzt älter als achtzig Jahre sein muß, ein Mann, der, wenn ich mich so ausdrücken darf, meinem moralischen Leben das gewesen ist, was der liebe Apfelbaum, den ich Dir so eben gezeigt habe und der unsern Bankwagen aufhielt, für mein körperliches Leben war. Wenn Du in meinen »Erinnerungen« liest, wirst Du seinen Namen finden. Es ist der alte Freund meines Vaters, der einst auf der Rückkehr von der Jagd bei uns eintrat, nachdem seine Flinte geplatzt und seine halbe Hand weggerissen war. Als die Sucht mich ergriffen hatte, Villers-Cotterets zu verlassen und nach Paris zu gehen, sagte er zu mir:
»Geh! das Schicksal treibt Dich!« und er gab mir den berühmten Brief an den General Foy, der mir das Haus dieses Mannes und die Geschäftszimmer des Herzogs von Orleans öffnete.
Wir werden den alten guten Mann recht zärtlich umarmen, ihn, dem wir so viel verdanken und unseren Weg fortsetzen, der uns auf einer Straße auf den Gipfel eines Berges führen wird.
Betrachte von der Höhe dieses Berges herab das Thal, den Fluß und die Stadt.
Das Thal und der Fluß heißen das Thal und der Fluß Quroy.
Die Stadt ist la Ferté-Milon, die Vaterstadt Nacine's.
Wir brauchen uns nicht die Mühe zu nehmen, den Abhang hinabzusteigen und in die Stadt zu gehen; niemand würde uns das Haus zeigen können, das der Nebenbuhler Corneille's, der undankbare Freund Moliere's, der in Ungnade gefallene Dichter Ludwigs XIV., bewohnte. Alle Bibliotheken besitzen seine Werke; seine Statue, ein Werk des großen Bildhauers David, steht auf dem öffentlichen Platze; aber sein Haus ist nirgends, oder vielmehr die ganze Stadt, die ihm ihren Ruhm verdankt, ist sein Haus.
Man kennt doch wenigstens die Vaterstadt Nacine's, während die Homers unbekannt ist. —
Jetzt gehen wir von Süden nach Westen. Das hübsche Dorf, das nur eben aus dem Walde gekommen zu sein scheint, um sich an der Sonne zu erwärmen, ist Boursonne. Erinnerst Du Dich, liebes Kind, an die »Gräfin von Charny,« ein Werk von mir, das Du sehr liebst? Nun, dann kennst Du den Namen Boursonne ganz gut. Das kleine Schloß, das mein alter Freund Hutin bewohnt, ist das Isidor's von Charny. Aus diesem Schlosse sprengte der junge Edelmann alle Abend heimlich, auf den Hals seines englischen Pferdes nieder gebückt, und war in einigen Minuten auf der andern Seite des Waldes unter den Schatten dieser Pappeln; von da konnte er Katharine ihr Fenster öffnen und schließen sehen. Eines Nachts kam er von Blut ganz bedeckt zurück; eine der Kugeln des Vater Billot war ihm durch den Arm gegangen, eine andere hatte ihn in die Seite getroffen. Endlich verließ er es eines Tages, um nie wiederzukehren; er begleitete den König nach Montmedy und lag auf dem Markte von Varenes, dem Hause des Krämers Sausse gegenüber.
Wir sind von Süden nach Westen durch den Wald gegangen, haben Plessis-au-bois, In Chapelle aux Auvergnats und Coyalles durchschritten; noch einige Schritte und wir sind auf der Spitze des Berges von Vauciennes.
Hundert Schritt hinter uns fand ich eines Tages oder vielmehr in einer Nacht, bei der Zurückkunft von Crépy den Leichnam eines sechzehnjährigen Jünglings. In meinen »Erinnerungen« habe ich dieses düstere und geheimnißvolle Drama erzählt. Nur Gott und die Windmühle, die sich links vom Wege erhebt und langsam und melancholisch ihre großen Flügel dreht, wissen, wie die Sachen sich verhielten. Alle beide sind stumm geblieben; die menschliche Gerechtigkeit hat dem Zufalle nach gestraft; glücklicherweise gestand der Mörder auf dem Todtenbette, daß die Strafe gerecht war.
Der Kamm des Gebirges, dem wir folgen wollen und der die große Ebene zu unsrer Rechten und das schöne Thal zu unsrer Linken beherrscht, ist der Schauplatz meiner Jäger-Heldenthaten. Dort habe ich in das Geschäft der Nimrode und Braillants gepfuscht, die, wie ich mir habe sagen lassen, die beiden größten Jäger des Alterthums und der Neuzeit waren. Rechts war das Gebiet der Hasen, Rebhühner und Wachteln, links das der wilden Enten und Wasserschnepfen. Siehst Du dort den Fleck, der grüner als die andern ist, und der einem reizenden, von Watteau gemalten Rasen ähnlich sieht? Es ist Torfland, wo ich beinahe meine Beine gelassen hätte; ich sank dort ganz allmählich ein; glücklicherweise hatte ich den Gedanken, meine Flinte zwischen meine Beine zu bringen; auf der einen Seite der Kolben, auf der andern das Ende des Laufes trafen auf Erde, die etwas fester war, als die, wo ich einsank, und dies hielt mich auf in meinem geraden Hinabsteigen, welches mich geraden Wegs ins Reich der Schatten führen mußte. Auf mein Geschrei lief der Müller von der Mühle, die Du von hier bemerkst, herbei und warf mir seinen Hundestrick zu; ich faßte ihn an, er zog mich daran herauf und ich war gerettet. Um meine Flinte zu retten, die ich sehr werth hielt, weil sie sehr weit trug und ich nicht reich genug war, um mir eine andere zu kaufen, brauchte ich nur die Beine zu schließen und sie wurde mit mir gerettet.
Gehen wir jetzt weiter von Westen nach Norden. Diese Ruine dort unten, von der ein Stück wie der Turm von Vincennes dasteht, ist der Thurm von Vez, der einzige Überrest einer seit langem niedergerissenen Feudalburg. Dieser Thurm ist das granitene Gespenst der Vergangenheit; er gehört meinem Freunde Paillet. – Du wirst Dich des nachsichtigen Mannes erinnern, der mit mir, auf der Jagt, von Crépy nach Paris kam und dessen Pferd, wenn wir einen Feldhüter sahen, den Reiter, dessen Flinte Hasen, Rebhühner, Wachteln entführte, während der andere Jäger, ein friedlicher Reisender, mit den Händen in den Taschen herumging, die Landschaft bewunderte und Botanik studirte.
Jenes kleine Schloß ist das Schloß des Fosses. Hier erwachten meine ersten Gefühle, von hier datieren sich meine ersten Erinnerungen. Hier sah ich meinen Vater aus dem Wasser steigen, woraus er, mit Hilfe Hyppolite's, jenes verständigen Negers, der, um die Blumen nicht erfrieren zu lassen, dieselben hinaus- und die Töpfe herein that, die drei ertrinkenden jungen Leute gezogen hatte.
Der eine – den mein Vater rettete – hieß Dupuy. Hyppolite, der im Schwimmen ausgezeichnet war, hatte die beiden andern gerettet.
Hier wohnten auch Moquet, der vom Alp gedrückte Feldhüter, der auf seiner Brust eine Falle aufstellte, um die Mutter Durand zu fangen, und der Gärtner Peter, der mit seinem Spaten Nattern in zwei Stücke schlug, aus deren Leibe lebende Frösche herauskamen. Hier endlich alterte majestätisch Truff, ein Tier, das, halb Hund, halb Bär, in keine Klasse Buffons gerechnet werden kann. Auf seinen Rücken setzte man mich rittlings und er erlaubte mir, die Anfänge der hohen Reitkunst auf ihm zu lernen.
Jetzt wenden wir uns nordwestlich und erreichen Haramont, ein niedliches Dorf, das von Apfelbäumen ganz verdeckt in einer Lichtung des Waldes steht und durch die Geburt des ehrlichen Auge Pitou berühmt ist, des Neffen der Tante Angelika, des Zöglings des Abbés Fortier, des Mitschülers des jüngeren Gilbert und des Waffengefährten des Patrioten Billot. Da dies die einzige Berühmtheit ist, auf die Haramont Anspruch machen kann und die überdies noch von Leuten bestritten wird, die, vielleicht nicht mit vollem Unrecht, behaupten, daß Pitou nur in meiner Phantasie existiert habe, so wollen wir unsern Weg bis zu dem doppelten Pfuhle an den Weg von Compiegne und von Vivieres fortsetzen, in dessen Nähe ich von Boudous gastlich aufgenommen wurde, als ich aus dem mütterlichen Hause floh, um nicht in das Seminar von Soissons gehen zu müssen, wo ich zwei oder drei Jahre später wahrscheinlich, wie mehrere meiner jungen Kameraden, durch die Explosion der Pulvermühle getötet worden wäre. In der Mitte des breiten Durchhaues, der von Süden nach Norden geht, haben wir eine halbe Stunde hinter uns das massive Schloß, das Franz I. baute und worauf der Sieger von Marignan und der Besiegte von Pavia sein Salamander Siegel gedrückt hat, und, am Ende des Horizonts, einen hohen Berg, der mit Ginster- und Farrenkraut bedeckt ist. Eine schreckliche Jugenderinnerung hängt an diesem Berge. – In einer Winternacht, als der Schnee seinen weißen Teppich auf diese lange und breite Allee gebreitet hatte, bemerkte ich, daß mir in einer Entfernung von zwanzig Schritten ein Thier folgte, das die Größe eines großen Hundes hatte und dessen Augen wie glühende Kohlen glänzten.
Ich brauchte das Thier nicht zwei Mal anzusehen, um es zu erkennen.
Es war ein ungeheurer Wolf!
Ach! wenn ich meine Flinte, oder meinen Karabiner, oder auch nur meinen Feuerstahl und Feuerstein gehabt hätte! Aber ich hatte kein Pistole, kein Messer, nicht einmal ein Federmesser.
Glücklicherweise kannte ich, da ich schon im fünfzehnten Jahre seit fünf Jahren Jäger war, die Art des nächtlichen Herumschweifers, mit dem ich zu tun hatte; ich wußte, daß ich, so lange ich mich aufrecht halten und nicht fliehen würde. Nichts zu fürchten hatte. Aber siehe, liebes Kind, der Berg war mit Löchern ganz bedeckt, ich konnte in ein solches Loch fallen, dann wäre der Wolf mit einem Sprung auf mir gewesen und wir hätten sehen müssen, wer von uns beiden bessere Nägel und Zähne gehabt hätte.
Mein Herz klopfte stark; ich fing an zu singen, ich habe aber immer gräulich falsch gesungen; ein nur etwas musikalischer Wolf hätte Reißaus genommen; der Meinige war es durchaus nicht; die Musik schien ihm vielmehr zu gefallen; er machte die zweite Stimme mit klagendem und hungrigem Heulen. Ich schwieg und ging still weiter, den Verdammten ähnlich, denen Satan den Hals umgedreht hat und denen Dante in der dritten Höllenregion begegnet, wie sie vorwärts gingen und rückwärts sahen.
Aber ich bemerkte bald, daß ich eine große Dummheit beging; weil ich nach den Wolf hin sah, sah ich nicht auf meine Füße und stolperte; der Wolf nahm einen Anlauf.
Glücklicherweise fiel ich nicht ganz, aber der Wolf war mir zehn Schritte näher gekommen. Einige Sekunden lang konnte ich mich fast nicht mehr auf den Beinen halten, trotz einer Kälte von achtzehn Grad rann der Schweiß von meiner Stirn. Ich blieb stehen; der Wolf gleichfalls.
Ich brauchte fünf Minuten, um mich wieder etwas zu erholen; diese fünf Minuten schienen meinem Reisegefährten lang zu werden; er setzte sich auf seinen Hintern und stieß ein noch hungrigeres und kläglicheres Heulen aus als das erste war.
Bei diesem Heulen schauderte ich bis in das Mark.
Ich ging weiter, indem ich von nun an auf meine Füße sah und jedes mal stehen blieb, wenn ich sehen wollte, ob der Wolf mir noch immer folge, näher käme, oder zurück bliebe.
Als ich wieder anfing zu gehen, fing auch der Wolf wieder an; er blieb stehen, wenn ich stehen blieb, ging weiter, weim ich weiter ging, aber immer in derselben Entfernung; ja er näherte sich sogar mehr, als er sich entfernte.
Nach einer Viertelstunde war er nur noch fünf Schritte von nur entfernt.
Ich näherte mich dem Parke, d. h. ich war jetzt kaum eine halbe Stunde von Villers-Cotterets entfernt; aber hier war der Weg von einem breiten Graben unterbrochen, – dem berühmten Graben, bei dem ich, als ich ihn übersprang, um der schönen Laurentia eine Idee von meiner Beweglichkeit zu geben, unglücklicherweise die Nankinbeinkleider zerplatzte, in denen ich zum ersten Male zur Kommunion gegangen war; erinnerst Du Dich? – Diesen Graben hätte ich ganz gut übersprungen und gewiß mit mehr Behändigkeit noch, als an dem fraglichen Tage, aber zu dem Sprunge mußte ich einen Anlauf nehmen und ich wußte, daß der Wolf auf meiner Schulter sein würde, bevor ich den vierten Theil gelaufen hätte.
Ich mußte also einen Umweg machen und durch ein Drehkreuz gehen. Das wäre Alles ganz leicht gewesen, wenn das Drehkreuz nicht in dem Schatten der großen Bäume des Parks gelegen hätte. Was konnte in diesem Schatten geschehen?! Konnte die Dunkelheit nicht ganz anders auf den Wolf einwirken, als auf mich? Sie er« schreckte mich; konnte sie ihn nicht kühn machen? Je dichter die Finsternis ist, desto heller sieht da der Wolf.
Aber ich durfte nicht zögern; ich wagte mich in die Dunkelheit; ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß jedes von meinen Haaren einen Tropfen Schweiß trug, daß jeder Faden meines Hemdes naß war. Als ich durch das Drehkreuz ging, warf ich einen Blick hinter mich. Die Dunkelheit war so groß, daß die Gestalt des Wolfes nicht mehr zu erkennen war; man sah nur in der Finsternis zwei glühende Kohlen.
Nachdem ich hindurch war, drehte ich schnell das bewegliche Querholz um; das Geräusch dabei erschreckte den Wolf, und er blieb eine Sekunde stehen, aber fast in demselben Augenblicke sprang er so behend über das Kreuz, daß ich den Schnee unter seinen Tatzen nicht knirschen hörte. Er befand sich wieder in derselben Entfernung von mir.
Ich ging schnell wieder in die Mitte des Weges, befand mich wieder im Hellen, und sah, nicht mehr blos die beiden schrecklichen Augen, welche feurig im Dunkel glühten, sondern auch den ganzen Wolf.
Je mehr ich mich der Stadt näherte und sein Instinkt ihm sagte, daß ich ihm bald entgangen sein würde, desto mehr näherte er sich mir. Obgleich er aber höchstens nur noch drei Schritte von mir entfernt war, hörte ich doch weder seinen Gang, noch seinen Atem. Man hätte ihn für ein Geschöpf meiner Phantasie, für das Gespenst eines Wolfes halten können.
Nichts desto weniger ging ich immer weiter; ich durchschritt den Ballspielplatz; und kam zu jenem Teil, der Parterre heißt, einem weiten, offenen und ebenen Grasplatz, wo ich keine Löcher mehr zu fürchten hatte.
Der Wolf war mir so nahe, daß er, wenn ich plötzlich stehen geblieben wäre, mit seiner Nase auf meine Kniekehle hätte stoßen müssen. Ich hatte Lust, mit dem Fuße auszuschlagen, oder die Hände in einander zu schlagen und dabei irgend einen derben Fluch auszustoßen; aber ich wagte es nicht; wenn ich es gewagt hätte, wäre er zweifelsohne entflohen oder hätte sich wenigstens für einen Augenblick entfernt.
Ich brauchte zehn Minuten, um über den Grasplatz zu gehen, und kam an das Ende der Schloßmauer.
Da blieb der Wolf stehen; wir waren kaum hundertfünfzig Schritt von der Stadt entfernt.
Ich ging durchaus nicht schneller weiter; er setzte sich, wie früher, und sah zu. wie ich mich entfernte.
Als ich etwa hundert Schritte von ihm entfernt war, heulte er hungriger und kläglicher, als die beiden früheren Male. Die fünfzig Jagdhunde des Herzogs von Bourbon antworteten mit einstimmigem Bellen.
Dieses Heulen.war der Ausdruck seines Bedauerns, nicht etwas von meinem Fleisch fressen zu können, diese Hoffnung mußte er durchaus aufgeben.
Ich weiß nicht, ob er dort, wo er stehen geblieben war, die Nacht zubrachte, denn kaum fühlte ich mich sicher, als ich im schnellsten Laufe weiter eilte und bleich und fast todt in den Laden meiner Mutter kam.
Du hast meine arme Mutter nicht gekannt, sonst brauchte ich Dir nicht zu sagen, daß sie bei der Erzählung eine ganz andere Furcht empfand, als ich bei der Sache selbst.
Sie kleidete mich aus, ließ mich ein andres Hemd anziehen, wärmte mir mein Bett und brachte mich hinein, wie sie es zehn Jahre vorher getan hatte, dann brachte sie mir ein Glas Glühwein an das Bett, der nur in den Kopf stieg, und mein Bedauern verdoppelte, eine Tat, wie ich sie auf dem ganzen Wege im Kopfe gehabt hatte, nicht versucht zu haben, um mich meines Feindes zu entledigen.
Jetzt, liebes Kind, erlaube, daß ich als kluger Erzähler bei diesem Ereignisse abbreche; ich könnte Dir doch nichts Rührenderes erzählen. Außerdem ist diese Vorrede lang, und sogar länger geworden, als sie es sein sollte. Wähle aus allen den Geschichten, die ich Dir zehn Mal erzählt habe, diejenige aus, die ich dem Publikum erzählen soll. Aber wähle gut; denn, wenn Du schlicht gewählt hast, wird man nicht allein mich, sondern auch Dich, wegen der Langweiligkeit tadeln.
»Nun wohl, Vater, erzähle uns die Geschichte von Katharine Blum.«
»Diese wünschest Du vorzüglich?«
»Ja, sie gehört zu denen, die mir vorzugsweise gefallen.«
»Nun, weil Du sie so sehr liebst, mag es sein.«
Hören Sie also, meine lieben Leser, die Geschichte von Katharine Blum. Das Kind, dem ich Nichts abschlagen kann, das Kind mit den blauen Augen, will es, daß ich sie Euch erzähle!
Brüssel, den 2. September 1853.
Alexander Dumas.
Zweites Kapitel
Das neue Haus am Wege nach Seiffons
Gerade in der Mitte des Raumes, zwischen dem nördlichen und östlichen Theile des Waldes von Villers-Cotterets, den wir bei unsrer Übersicht vermessen haben, da wir im Schlosse Villers-Helon angefangen und auf dem Berge Villieres geendet haben, erstreckt sich in den Windungen einer ungeheuren Schlange die Straße von Paris nach Soissons.
Nachdem die Straße schon einmal auf den Wald getroffen ist, den sie bei Gondreville eine halbe Stunde lang durchschneidet und, nachdem sie den Weg nach Crépy links gelassen, vor den Steinbrüchen von Fontaine-Eau-Claire etwas gewendet hat, in das Tal von Vauciennes hinabgegangen und dann wieder heraufgekommen ist, nachdem sie in ziemlich gerader Linie Villers-Cotterets erreicht hat, das sie in einem stumpfen Winkel durchschneidet, kommt sie am entgegengesetzten Ende der Stadt wieder heraus und zieht sich längs des Waldes und der Ebene hin, wo ehemals die schöne Abtei St. Denis stand, in deren Ruinen ich in meiner Jugend so fröhlich herumgelaufen bin und die heutigen Tages nur noch ein niedliches Landhäuschen ist, weiß angestrichen, mit Schiefer bedeckt, mit grünen Fensterläden geschmückt, in der Menge von Blumen und Apfelbäumen ganz versteckt.
Dann geht sie kühn mitten in den Wald, den sie in seiner ganzen Breite einnimmt, um erst in einer Entfernung von zwei und ein halb Stunden bei der Poststation Verte-Feuille wieder herauszukommen. Auf diesem langen Wege steht ein einziges Haus auf der rechten Seite des Weges; es wurde zur Zeit Philipp Egalité's erbaut, um einem Oberaufseher als Wohnung zu dienen. Damals erhielt es den Namen »das neue Haus«, und obgleich fast siebzig Jahre vergangen sind, seit es wie ein Pilz am Fuße der Buchen und Eichen aufgeschossen, so hat es doch, wie eine alte Koquette, die sich bei ihrem Taufnamen nennen läßt, den Jugendnamen bewahrt, unter dem es zuerst bekannt wurde.
Warum auch nicht? Der Pont-neuf (die neue Brücke in Paris), der unter Heinrich III. 1577 erbaut wurde, heißt doch noch immer Pont-neuf!
Das neue Haus steht auf dem Wege von Villers-Cotterets nach Soissons etwas über dem »Hirschsprung«, wo der Weg auf beiden Seiten von Abhängen begrenzt wird, und wo bei einer Jagt des Herzogs von Orleans – man weiß, daß Louis Philipp durchaus kein Jäger war – ein Hirsch von einem Abhang zum andern sprang, das heißt über dreißig Fuß weit.
Beim Heraustreten aus dieser Art Engpaß bemerkt man ungefähr fünfhundert Schritt weiter hin das neue Haus, das zwei Stockwerke, ein Ziegeldach, zwei Fenster im Erdgeschoß und zwei im ersten Stock hat.
Diese Fenster, die auf einer Seite des Hauses angebracht sind, sehen nach Westen, das heißt nach Villers-Cotterets, während der Vorderteil des Hauses, der nach Norden hin steht, auf die Straße selbst durch die Türe führt, durch welche man in die Unterstube tritt, sowie durch ein Fenster, welches einer Kammer in dem zweiten Stocke Licht giebt.
Das Fenster ist gerade über der Türe.
Hier ist die Straße, wie die bei den Thermopylen, wo nur für zwei Wagen Platz war, nur so breit, wie ihr Fahrgeleise und wird auf der einen Seite von dem Hause, auf der andern von dem Garten begrenzt, der, statt, wie gewöhnlich, hinter, oder an der Seite des Gebäudes zu liegen, ihm gegenüber sich befindet.
Je nach den Jahreszeiten gewährt das Haus einen verschiedenen Anblick.
Im Frühling wärmt es sich, bekleidet von grünem Weinlaube, wie einem Frühlingskleid, in der Sonne; dann könnte man sagen, es sei aus dem Walde gekommen, um an der Straße zu schlafen. Die Fenster, und vorzüglich eines in der ersten Etage, sind mit allerlei Blumen beseht, welche grünen mit Blumen ganz befielen Vorhängen gleichen. Der Rauch, der dem Schornstein entsteigt, ist nur ein bläulicher durchsichtiger Dunst, der kaum eine Spur in der Luft zurück läßt. Die beiden Hunde, welche die beiden Abteilungen der rechts von der Türe gebauten Hütte bewohnen, sind aus ihrem bretternen Zufluchtsort herausgekommen; der eine schläft friedlich, die Schnauze zwischen beiden Pfoten, der andere, der wahrscheinlich in der Nacht genug geschlafen hat, sitzt ernsthaft da und blinzelt mit gerunzeltem Gesicht vor der Sonne mit den Augen. Diese beiden Hunde, welche unabänderlich dem ehrwürdigen, krummbeinigen Dachsgeschlecht angehören, welches die Ehre hat, meinen berühmten Freund Decamps zum gewöhnlichen Maler zu haben, sind eben so unabänderlich ein Männchen und ein Weibchen; das Weibchen heißt Navaude, das Männchen Barbaro.
Anders ist es im Sommer; da schläft das Haus; es hat seine hölzernen Augenlider geschlossen; kein Licht kann eindringen, der Schornstein bleibt ohne Hauch, nur die Türe, die nach Norden zu liegt, bleibt offen, um den Weg zu überwachen; die beiden Dachshunde sind entweder in ihre Hütte zurückgekehrt, in deren Tiefe der Wanderer nur eine ungestaltete Masse erblickt, oder längs der Mauer ausgestreckt, an der sie zugleich die Frische des Schattens und die Feuchtigkeit des Bodens suchen.
Im Herbste ist das Weinlaub roth geworden; das grüne Kleid des Frühlings hat warme und schillernde Farben angenommen, gleich denen des getragenen Sammet und Atlas. Die Fenster öffnen sich ein wenig, aber den Blumen des Frühjahrs folgten Tausendschön und die Wucherblume. Der Schornstein fängt wieder an, weiße Rauchflocken herumzustreuen, und wenn man vorübergeht, so zieht das Feuer, das auf dem Heerde brennt, obgleich es durch Töpfe halb verdeckt ist, den Blick des Wanderers auf sich.
Navaude und Barbaro haben die Schlafsucht des April und den Schlaf des Juli abgeschüttelt und sind lebhaft und selbst ungeduldig; sie ziehen an ihrer Kette, bellen und heulen; sie fühlen, daß die Stunde der Thätigkeit für sie gekommen, daß die Jagt eröffnet ist und daß sie mit ihren ewigen Feinden, Kaninchen, Füchsen und selbst Ebern, kämpfen und ernsthaft kämpfen müssen.
Im Winter wird der Anblick düster; das Haus friert und bebt. Kein grünes Kleid ist mehr da; der Weinstock hat nach einander seine Blätter unter traurigem Murmeln der fallenden Blätter fallen lassen; er streckt nur seine kahlen Glieder an der Mauer hin. Die Fenster sind luftdicht verschlossen; jede Blume ist daraus verschwunden, und man bemerkt da, wo sie früher gestanden, nur noch den Bindfäden, der wie die Saiten einer ruhenden Harfe ausgespannt ist. An dem ungeheuren Zuge dichten Rauches, der aus dem Schornstein schneckenförmig heraufsteigt, sieht man, daß da das Holz wohlfeil ist und nicht geschont wird.
Navaude und Barbaro würde man jetzt vergeblich in dem leeren Stalle suchen; aber wenn die Haustüre sich zufällig in dem Augenblicke öffnet, da der Wanderer vorübergeht und einen neugierigen Blick in das Innere des Hauses tun kann, könnte er sie am Heerde sitzen sehen. Zwar entfernt sie jeden Augenblick ein Fußtritt des Hausherrn oder der Hausfrau vom Feuer, aber hartnäckig suchen sie wieder eine Hitze von fünfzig Grad, welche ihnen die Pfoten und die Schnauze verbrennt, und die sie nur dadurch zu mildern suchen, daß sie nach rechts oder links den Kopf wegwenden und mit kläglichem Heulen abwechselnd eine Pfote aufheben.
So war und ist noch – vielleicht bis auf die Blumen, welche mir die Gegenwart eines Mädchens mit zärtlichem und unruhigem Herzen verraten – das »neue Haus,« auf dem Wege nach Soissons von außen gesehen.
Von innen bot es zuerst im Erdgeschoß die große Stube, welche wir schon ein wenig betrachtet haben, und deren Möbel ein Tisch, ein Schrank und sechs Stühle bildeten. Die Wände waren mit fünf oder sechs Kupferstichen »geschmückt,« welche, je nach den verschiedenen Regierungen, entweder Napoleon, Josephine, Marie Louise, den König von Rom, den Prinzen Eugen und den Tod Poniatowskys, oder den Herzog und die Herzogin von Angouléme, Ludwig XVIII, dessen Bruder »Monsieur« und den Herzog von Berry, oder endlich den König Ludwig Philipp, die Königin Marie Amalie, den Herzog von Orleans, und eine Gruppe blonde und braune Kinder darstellten, die aus dem Herzoge von Nemours, dem Prinzen Joinville, dem Herzoge von Aumale und den Prinzessinnen Louise, Clementine und Marie bestanden.
Was jetzt da hängt, weiß ich nicht.
Aber dem Kamin hingen drei doppelläufige Flinten, in geschmierter Leinwand zum Trocknen vom letzten Regen oder Nebel.
Hinter dem Kamine steht ein Backhaus, das durch ein kleines Fenster auf den Wald sieht.
Auf der Ostseite befindet sich eine Küche, die einst an das Haus angebaut worden, als es für die Bewohner zu klein geworden war und man die Küche in eine Kammer umwandeln mußte.
Diese Kammer, die vorher Küche war, ist gewöhnlich die des Sohnes vom Hause.
Im ersten Stock sind zwei andere Kammern, die des Herrn und der Frau, das heißt des Oberaufsehers und seiner Frau und eine für ihre Tochter oder Nichte, wenn sie eine Tochter oder Nichte haben.
Wir müssen noch hinzufügen, daß fünf oder sechs Geschlechter von Aufsehern in diesem Hause gelebt haben, und daß an der Türe und in der Unterstube 1829 das blutige Drama vorging, wie wir in den »Erinnerungen« erzählt haben, das den Tod des Oberaufsehers Choron herbeiführte.
Zu der Zeit in der die Geschichte beginnt, die wir erzählen wollen, das heißt in den ersten Tagen des Mai 1829, waren die Bewohner des neuen Hauses Wilhelm Watrin, Oberaufseher des Bezirks Chavigny, Marianne Charlotte Choron, seine Frau, welche man nur die Mutter nannte und Bernhard Watrin, ihr Sohn, den man nur unter dem Namen Bernhard kannte.
Ein Mädchen, – die Heldin dieser Geschichte, – Namens Katharine Blum, hatte dieses Haus bewohnt, aber sie bewohnte es seit achtzehn Monaten nicht mehr.
Übrigens werden wir die Ursachen der Abwesenheit und Anwesenheit, das Alter, das Aussehen und den Charakter der Personen bei ihrem Austreten angeben, wie wir es gewöhnlich tun.
Versetzen wir uns zunächst in die genannte Zeit, nämlich den 12. Mai 1829.
Es ist halb vier Uhr früh; der erste Schein des Tages schimmert durch die Baumblätter, welche noch jene jungfräuliche grüne Farbe haben, die nur einige Wochen dauert; beim kleinsten Wind regnet kalter Thau herab, der auf der äußersten Spitze der Zweige zittert und auf das grüne Gras wie ein Diamantregen fällt.
Ein blonder junger Mann, drei- bis vierundzwanzig Jahre alt, mit lebhaften und verständigen Augen, kam in dem taktmäßigen Schritte, der geübten Fußgängern eigen ist, in der kleinen Uniform der Aufseher, das heißt mit der blauen Jacke mit dem silbernen Eichenblatt am Kragen, einer ähnlichen Mütze, Rippsammet-Beinkleidern, und großen ledernen Gamaschen mit kupfernen Schnallen, mit der einen Hand die Flinte auf der Achsel und mit der andern einen Hund an der Koppel haltend, durch eine Bresche der Parkmauer und schritt, indem er, mehr aus Gewohnheit, als um den Tau zu vermeiden, der ihn bereits ganz durchnässt hatte, in der Mitte des Weges auf das neue Haus zu, dessen westliche Seite er schon lange bemerkte.
Als er am Ende des Weges angekommen, sah er, daß die Türe und die Fenster geschlossen waren. Alles schlief bei Watrin's noch.
»Hm!« murmelte der junge Mann, »man macht es sich wahrhaftig gar recht bequem beim Vater Wilhelm! Vom Vater und von der Mutter begreife ich es; aber Bernhard, ein Verliebter! Kann ein Verliebter schlafen?«
Und er ging über den Weg, und näherte sich dem Hause in der augenscheinlichen Absicht, die Ruhe der Schlafenden gewissenlos zu stören.
Als die beiden Hunde Schritte hörten, kamen sie ans ihrer Hütte heraus, um gegen den Mann, als auch gegen den Hund zu bellen; aber sie erkannten ohne Zweifel zwei Freunde, denn ihre Schnauzen öffneten sich übermäßig, nicht zu einem drohenden Bellen, sondern zu einem freundschaftlichen Gähnen, während ihre Schwänze wedelnd den Boden fegten, je mehr die Beiden näher kamen, welche übrigens, ohne eigentlich zum Hause zu gehören, da nicht ganz fremd zu sein schienen.
An der Türe machte sich der Hund mit den beiden Dachshunden vertraut, während der Aufseher den Flintenkolben auf die Erde stützte und mit der Hand an die Türe pochte.
Auf dieses erste Klopfen erfolgte keine Antwort.
»Heda, Vater Watrin!« sagte der junge Mann, der zum zweiten Male und derber, als das erste Mal, anklopfte; »sollten Sie vielleicht zufällig taub geworden sein?«
Und er legte sein Ohr an die Türe.
»Endlich,« sagte er, nachdem er einen Augenblick aufmerksam gehorcht hatte; »'s ist auch ein Glück.«
Diesen Ausruf der Zufriedenheit veranlaßte ein leichtes Geräusch, welches er im Innern hörte.
Dieses Geräusch, das durch die Entfernung und vorzüglich durch die Dicke der Türe geschwächt wurde, kam von der Treppe, die unter den Tritten des alten Obereraufsehers knarrte.
Der junge Mann hatte ein viel zu geübtes Ohr, um sich zu täuschen und den Tritt eines Fünfzigjährigen für den eines Fünfundzwanzigjährigen zu halten. Darum dachte er denn auch sogleich bei sich:
»'s ist Vater Watrin,« und laut setzte er hinzu: »Guten Morgen! . . . Machen Sie nur auf; ich bin's.«
»Ah,« antwortete eine Stimme drinnen, »Du, Franz? Ich komme schon, ich komme.«
»Nehmen Sie sich immer die Zeit, erst die Hosen anzuziehen; 's hat keine so große Eile, wenn's auch gar nicht sehr warm ist. Brrr!« Und der junge Mann stampfte abwechselnd mit dem einen und dem andern Fuße auf, während der Hund, vom Tau naß, zitternd neben ihm saß.
In diesem Augenblicke ging die Türe auf und man sah den grauen Kopf des alten Holzaufsehers, der, so früh es auch noch war, schon die Tabakspfeife im Munde hatte, wenn sie auch nicht brannte.
Diese Pfeife, welche in Folge von allerlei Unfällen sehr kurz geworden war, verließ die Lippen Watrins eigentlich nur in der Zeit, welche er bedurfte, um die Asche aus dem Kopfe zu klopfen und frisch zu stopfen: war dies geschehen, so nahm sie unfehlbar an der linken Seite des Mundes zwischen zwei Zähnen, die eine Art Zange bildeten, ihren Platz wieder ein.
Allerdings gab es auch noch einen Fall, in welchem die Pfeife Watrins in dessen Hand, statt zwischen den Lippen rauchte, nämlich wenn sein Inspektor ihm die außerordentliche Ehre erzeigte, mit ihm zu sprechen. Da nahm Vater Watrin ehrerbietig die Pfeife aus dem Munde, wischte sich die Lippen mit dem Ärmelaufschlage ab, legte die Hand mit der Pfeife auf den Rücken und antwortete.
Vater Watrin schien ein Schüler des Pythagoras zu sein; wenn er den Mund zu einer Frage auftat, hatte diese stets die kürzeste Form; that er ihn auf zu einer Antwort, so lautete diese jedes Mal kurz und bündig. Eigentlich hätten wir nicht sagen sollen: wenn er den Mund auftat, denn der Mund Vater Watrins that sich nur zum Gähnen auf, wenn er jemals gegähnt hat, was freilich weder bewiesen, noch auch wahrscheinlich ist.
In aller übrigen Zeit trennten sich die Kinnladen Watrins nicht, da sie fortwährend eine Tabakspfeife halten mußten, die freilich meist nur der Stummel einer Pfeife war; die Folge dieses Nichtauseinandermachens war eine Art Zischen, das dem einer Schlange nicht unähnlich klang, weil die Worte zwischen dem schmalen Räume hindurch mußten, den die Dicke der Pfeifenspitze zwischen den Zähnen bildete.
Wenn die Pfeife den Mund Watrins verlassen hatte, entweder um von der Asche befreit oder neu gestopft zu werden, oder, um ihm zu gestatten, einem angesehenen Manne zu antworten, wurden die Worte keineswegs deutlicher oder fanden einen leichteren Ausgang; das Zischen minderte sich nicht, sondern nahm zu und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: da die Pfeifenspitze die Zähne nicht mehr auseinander hielt, drückten die oberen mit aller Wucht auf die unteren.
Es gehörte dann auch viel Geschick dazu, das zu verstehen, was Vater Watrin sagte.
Er war, wie gesagt, ein Fünfziger, etwas über mittelgroß, dürr und gerade, mit nur noch wenigem grauen Haar, dicken Augenbrauen, einem Backenbart, der das Gesicht wie ein Rahmen umgab, kleinen scharfen Augen, einer langen Nase, einem etwas höhnischen Munde und einem spitzen Kinn. Obgleich er meist that, als sähe und höre er nach nichts, war Auge und Ohr bei ihm doch stets auf der Lauer und so sah und hörte er vortrefflich Alles, was im Hause zwischen Frau, Sohn und Nichte vorging, und was draußen im Walde die Rebhühner, die Kaninchen, die Hasen, die Füchse, die Marder vornahmen.
Watrin verehrte namentlich meinen Vater und mich selbst hatte er auch sehr lieb. Unter einer Glasglocke bewahrte er das Glas, aus welchem der General Dumail zu trinken pflegte, wenn er mit ihm auf die Jagt ging und aus dem er später mich trinken ließ, wenn wir zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre nachher jagten.
Das war der Mann, der mit dem Pfeifenstummel im Munde das spöttische Gesicht an der halbgeöffneten Türe des neuen Hauses zeigte, um früh vier Uhr den jungen Mann einzulassen, den er Franz genannt hatte und der sich über die Kälte beklagte, obgleich man seit einem Monat und siebenundzwanzig Tagen, der Aussage des Kalendermannes zu Folge, in die schöne Zeit des Jahres eingetreten war, die man Frühling nennt.
Vater Watrin machte die Türe ganz auf, als er sich überzeugt hatte, wen er vor sich habe, und der junge Mann trat ein.
Drittes Kapitel
Mathias Goguelue
Franz ging geraden Weges nach dem Kamine und stellte seine Flinte in die Ecke, während sein Hund, welcher den charakteristischen Namen Schielax hatte, ohne weiteres sich in die vom vorigen Abende her noch warme Asche setzte.
Den Namen hatte der Hund von einem Buschelchen rother Haare, einer Art Schönheitsfleckchen, erhalten, das am Augenlidwinkel gewachsen war und ihn bisweilen, nicht immer, schielen ließ.
Schielax galt übrigens für die feinste Spürnase drei Stunden in der Runde, während Franz, obgleich noch zu jung, als daß er sich bereits durch große Jagdtaten hätte ausgezeichnet haben können, in ziemlich gleichem Rufe stand, das heißt für einen derjenigen galt, welche der Fährte eines Wildes mit der größten Sicherheit zu folgen vermögen. Wenn irgend ein angeschossenes Wild aufzusuchen, ein Wildschwein abzutreiben war und dergleichen, so erhielt stets Franz den Auftrag dazu.
Für ihn hatte der Wald, so düster und dunkel er auch war, kein Geheimniß; ein zertretener Grashalm, ein umgewendetes Blatt, ein an einem Dornbusch hängen gebliebenes Haarbüschelchen enthüllte ihm ein ganzes nächtliches Drama, von der ersten bis zur letzten Szene, welches keine andern Zeugen gehabt zu haben glaubte, als die Bäume und keine andere Leuchte, als die Sterne am Himmel.
Da am nächsten Sonntag das Kirchweihfest in Corcy war, so hatten die Aufseher in der Nähe dieses Dorfes von dem Inspektor Deviolaine die Erlaubniß erhalten, ein Wildschwein zu schießen, und damit man nicht viele Mühe dabei habe, hatte Franz den Auftrag erhalten, das Tier an einen Ort zu treiben, wo man es leicht finden und schießen könne.
Er hatte diesen Auftrag mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit ausgeführt, als wir ihm durch den Wald nach dem neuen Hause zukommen und dann an der Türe anpochen sahen.
»Was?« fragte Watrin. als Franz seine Flinte hingestellt und Schielax sich in die Asche gesetzt hatte. »Kalt wäre es? Im Mai? Was würdest Du da bei dem russischen Feldzuge gesagt haben?«
»Nun, warten Sie nur. Wenn ich sage kalt, so ist das eine Redensart, wie Sie sich wohl denken können, Vater Watrin. Ich meine, in der Nacht ist's kalt. Sie wissen recht gut, daß die Nächte nicht so geschwind vorrücken, wie die Tage, wahrscheinlich weil's in der Nacht finster ist. Am Tage haben wir richtig Mai, aber in der Nacht ist's noch Februar. Ich bleibe also dabei: 's ist kalt. Brrr!«
Watrin schlug Feuer an, blickte dabei von der Seite, wie Schielax, nach Franz hin und fragte:
»Soll ich Dir was sagen?«
»Immer zu, Vater Watrin,« antwortete Franz, der seinerseits einen schelmischen, pfiffigen Blick von der Seite auf den Alten richtete; »immer zu! Sie wissen ja so gut zu reden, wenn Sie einmal zu reden anfangen.«
»Du machst Dich zum Esel, um Kleie zu bekommen.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Nicht?«
»Auf Ehre!«
»Du sagst, es sei kalt, damit ich Dir einen Schnapps anbieten soll.«
»So wahr Gott lebt, daran habe ich nicht gedacht, aber damit will ich nicht etwa sagen, ich würde ihn ausschlagen, wenn Sie mir einen anböten; o nein, nein, Vater Watrin, ich weiß zu gut, daß ich Ihnen nicht widersprechen darf.«
Und er sah fortwährend den Alten pfiffig von der Seite an.
Vater Watrin sagte weiter nichts, als »hm,« wodurch er wohl seine Zweifel über Franzens Uneigennützigkeit und dessen Nichtwidersprechendürfen ausdrücken wollte, fing von Neuem an, den Stahl an den Stein zu schlagen, und bei dem dritten Schlage fing der Schwamm sprühend Feuer. Dann legte er mit einem Finger, der gegen Feuer völlig unempfindlich zu sein schien, den Schwamm auf den frisch eingestopften Tabak und begann den Rauch einzuziehen, den er anfangs in kaum bemerklichem Dunste, dann in immer stärker werdenden Wolken ausstieß, bis er die Überzeugung erlangt zu haben schien, daß die Pfeife hinreichend brenne, worauf er in den gewöhnlichen ruhigen und regelmäßigen Zügen weiter rauchte.´
In der Zeit, welche er zu diesem wichtigen Geschäfte verwendete, drückte sein Gesicht nur die demselben gewidmete Aufmerksamkeit aus, als aber die Sache genügend im Gange war, stellte sich das Lächeln auf seinem Gesichte wieder ein, er trat an den Schrank, holte aus demselben eine Flasche und zwei Gläser und sagte:
»Nun meinetwegen, so wollen wir erst ein Wörtchen mit der Cognacflasche und dann von unsern Geschäften reden.«
»Ein Wörtchen nur? Ach wie wortkarg Vater Watrin ist!«
Als wolle Vater Watrin Franz auf der Stelle Lügen strafen, schenkte er die beiden Gläser voll bis an den Rand, dann stieß er das seinige an das des jungen Mannes und sagte:
»Auf Deine Gesundheit!«
»Auf die Ihrige auch und auf das Wohl Ihrer Frau und daß der liebe Gott sie nicht mehr so eigensinnig sein lasse!«
»Gut!« antwortete Watrin und verzog das Gesicht, womit er wohl ein Lächeln vorstellen wollte. Dann nahm er seinen Pfeifenstummel in die linke Hand, legte dieselbe nach seiner Gewohnheit auf den Rücken, führte mit der Rechten das Glas an die Lippen und leerte es in einem Zuge.
»Ei da warten Sie doch'« fiel Franz lachend ein; »ich war noch nicht fertig und wir werden nun noch einmal von vorn anfangen müssen. – Auf die Gesundheit Bernhards!«
Darauf trank er selbst sein Glas aus, mit mehr Behagen, nicht so hastig, wie der Alte. Als der letzte Tropfen verschwunden war, stampfte er aber, wie in Verzweiflung, mit dem Fuße auf und sagte:
»Nun habe ich das Beste doch vergessen!«
»Was hast Du vergessen?« fragte Watrin, indem er eifrig an der Pfeife zog, die während ihres Aufenthaltes in der linken Hand auf dem Rücken beinahe ausgegangen war.
»Was ich vergessen habe?« antwortete Franz. »Katharine, Ihre Nichte, 's ist doch recht schlecht, die Abwesenden zu vergessen, aber das Glas ist leer – sehen Sie, Vater Watrin.«
Er machte die Nagelprobe.
Watrin verzog das Gesiebt nochmals, um zu sagen:
»Spaßvogel, ich kenne Dich, aber der guten Absicht wegen soll es verziehen sein.«
Watrin sprach, wie gesagt, wenig, aber groß war er in der Pantomime.
Er nahm die Flasche noch einmal und schenkte so reichlich ein, daß die Gläser überliefen.
»Da!« sagte er.
»Das lasse ich mir gefallen,« antwortete Franz; »heute knickert Vater Watrin nicht. Man sieht's, daß er seine hübsche Nichte lieb hat.«
Er führte das Glas an die Lippen mit einem Enthusiasmus, von dem das Mädchen und der Cognac einen Teil für sich in Anspruch nehmen konnten und sagte:
»Wer sollte auch die liebe Mamsell Katharine nicht lieb haben! 's ist mit ihr, wie mit dem Cognac.«
Nach dem Beispiele, mit dem ihm der Alte vorangegangen war, stürzte er dies Mal den Inhalt des Glases auf einmal hinunter.
Watrin machte dieselbe Bewegung mit ganz militärischer Regelmäßigkeit, aber Jeder der beiden Trinker drückte seine Befriedigung über den Genuß in verschiedener Weise aus.
»Hm!« sagte der Eine.
»H. . .m!« sagte der Andere.
»Kommt Dir's noch immer kalt vor?« fragte Vater Watrin.
»Nein,« antwortete Franz, »im Gegenteil, es wird mir warm.«
»So geht's besser?«
»Sapperlot, ja; es steht bei mir auf beständig schön wie bei Ihrem Wetterglas.«
»In diesem Falle können wir auch von der Hauptsache, von dem Wildschwein, reden,« sagte Watrin.
»O, das Wildschwein?« entgegnete Franz; »ich glaube, das haben wir.«
»Wie das letzte Mal wohl?« sagte eine kreischende, höhnische Stimme plötzlich hinter den beiden Männern.
Sie drehten sich gleichzeitig um, obgleich sie beide recht wohl Denjenigen erkannt hatten, welchem die Stimme angehörte. Dieser ging, als gehöre er in das Haus, weiter, und setzte nur hinzu:
»Guten Morgen mit einander!«
Dann setzte er sich an den Kamin, störte die hier und da noch glühende Asche auf, und warf ein Stück Holz darauf, das bald Feuer fing. Aus der Tasche seiner Jacke nahm er einige Kartoffeln, legte sie neben einander in die Asche und deckte sie vorsichtig zu.
Der, welcher die Erzählung unterbrach, welche Franz eben beginnen wollte, verdient wegen der Rolle, die er in dieser Geschichte spielen wird, eine ausführlichere Beschreibung.
Es war ein Bursch von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren mit schlichtem, rothen Haar, niedriger Stirn, schielenden Augen, aufgestülpter Nase, vorstehendem Munde, zurückweichendem Kinn und dünnem schmutzigen Barte. An seinem, durch den zerrissenen Hemdkragen so gut als nicht verhülltem Halse bemerkte man einen Kropf. Seine ungeschickt angefügten Arme schienen verhältnismäßig zu lang zu sein und gaben seinem schleppenden, gewissermaßen schläfrigen Gang, die Bewegung der großen Affen, welche die Naturforscher Schimpanse nennen. Kauerte er auf den Fersen, oder saß er auf einem Bänkchen, so wurde die Ähnlichkeit zwischen dem verfehlten Menschen und dem vollkommenen Affen noch auffallender, denn dann konnte er, gleich jenen Menschen-Carricaturen, die verschiedenen Gegenstände, die er haben wollte, mit den Händen oder Füßen fassen, und zwar fast ohne den Rumpf zu bewegen, der so schlecht geformt war als das Übrige. Die ganze unangenehme Person ruhte auf Füßen, die der Größe und Breite nach mit denen Karls des Großen hätten sich messen können.
In geistiger Hinsicht war die Gabe, welche die Natur dem armen Teufel zugeteilt hatte, vielleicht noch geringer. Während schlechte und schmutzige Scheiden bisweilen eine gute und schöne Klinge bergen, enthielt der Körper des Mathias Goguelue – so hieß der Bursch – eine schwache Seele. So viel ist gewiß, daß jedes Wesen, das schwächer war als Mathias, einen Schmerzenslaut von sich gab, sobald er es berührte: Der Vogel, weil er ihm die Federn auszupfte; der Hund, weil er ihn auf die Pfote trat; das Kind, weil er es am Haar zupfte. Dagegen war Mathias neben den Stärkeren demütig, wenn er auch Spott und Hohn nicht ließ; empfing er eine Beleidigung, einen Schimpf, einen Schlag, wie heftig und empfindlich sie auch waren, so behielt sein Gesicht das stumpfsinnige Lächeln, aber die Beleidigung, der Schimpf, der Schlag blieb unvertilgbar in dem Herzen eingeprägt; irgend einmal wurde das Leid, ohne daß man ahnte, woher es kam, hundertfach vergolten und Mathias hatte in der tiefsten Tiefe seines Innern einen Augenblick unheimlicher Freude, die ihn oftmals zu dem Gedanken brachte, das Böse, das er erlitten, sei ein Glück für ihn, da er Böses habe dafür tun können.
Uebrigens muß man zu seiner Entschuldigung hinzufügen, daß sein Leben immer ein schmerzensreiches und unsicheres gewesen. Eines Tages hatte man ihn aus einer Schlucht hervorkommen sehen, wo ihn ohne Zweifel herumziehende Zigeuner zurückgelassen. Er war damals drei Jahre alt gewesen, halb nackt und konnte kaum sprechen. Der Bauer, der ihn zuerst gesehen, hieß Mathias, die Schlucht aus der er gekommen, Goguelue, deshalb wurde das Kind Mathias Goguelue genannt. Von einer Taufe war niemals die Rede gewesen und Mathias vermochte nicht zu sagen, ob er überhaupt getauft worden sei, oder nicht. Wer sollte sich auch mit seiner Seele beschäftigen, da der Körper in einem Zustande sich befand, daß er doch immer von Almosen und Diebstahl leben mußte.
So war er herangewachsen. Obgleich schlecht geformt und hässlich, besaß er doch Kräfte, und obgleich scheinbar stumpfsinnig, war er schlau und pfiffig. Wäre er in Ozeanien, an den Ufern des Senegal, oder im japanischen Meere geboren worden, hätten die Wilden von ihm sagen können, was sie von den Affen sagen: »sie reden nicht, weil sie fürchten, man würde sie für Menschen halten und sie zum Arbeiten nötigen.«
Mathias stellte sich schwach und stellte sich blödsinnig; zeigte sich aber eine Gelegenheit, daß er seine Körperkraft oder seinen Verstand gebrauchen mußte, so gab er Beweise von der rohen Kraft des Bären und der Schlauheit des Fuchses. War dann die Gefahr vorüber, oder der Wunsch befriedigt, so wurde Mathias wieder Mathias, der bekannte, verspottete, kraftlose, blödsinnige Mathias.
Der Abbé Gregoire, – der vortreffliche Mann, von dem ich in meinen »Memoiren« spreche, und der auch in dieser Geschichte eine Rolle zu spielen hat – hatte Mitleid mit dem armen, geistesschwachen Wesen gehabt, sich als den geborenen Vormund des Verwaisten angesehen und ihn um eine Stufe in der Reihenfolge der Geschöpfe höher stellen wollen, deshalb ein Jahr lang sich unsägliche Mühe gegeben ihm lesen und schreiben zu lehren. Nach einem Jahre hatte er den Versuch als unausführbar aufgeben müssen. Der allgemeinen Meinung nach, welcher auch der würdige Abbé folgte, kannte Matthias keinen Buchstaben und vermochte keinen zu schreiben, aber Alle täuschten sich; Mathias las zwar nicht vortrefflich, aber er las und sogar ziemlich geläufig; er schrieb nicht wie in Kupfer gestochen, aber er schrieb und recht leserlich. Nur hatte Niemand ihn jemals lesen hören und schreiben sehen.
Auch Vater Watrin hatte das Seinige getan, Mathias aus seiner Vertierung zu reißen, und zwar aus der körperlichen, wie der Abbé aus der geistigen. Er hatte bemerkt, daß Mathias die Gabe oder das Geschick besaß, das Geschrei der Thiere, den Gesang der Vögel nachzuahmen und einer Fährte zu folgen; er hatte erkannt, daß Mathias mit seinen Schielaugen einen Hasen oder ein Kaninchen im Lager recht gut sehe; es war ihm mehrmals aufgefallen, daß ihm Pulver und Blei fehlte, und geschlossen, daß er die Anlagen des Mathias vielleicht nützlich verwenden, und ihn zu einem brauchbaren Gehilfen im Walde machen könne. Er hatte deshalb mit dem Inspector Deviolaine gesprochen und von diesem die Ermächtigung erhalten, seinem Schützlinge eine Flinte in die Hand zu geben.
Das war denn geschehen, aber nach einer halbjährigen Probezeit hatte Mathias zwei Hunde erschossen, einen Treiber verwundet, aber nie ein Stück Wild getroffen. Da hatte Vater Watrin erkannt, Mathias habe alle Anlage zu einem Wilddiebe, aber keine zu einem Aufseher, und ihm die Flinte wieder abgenommen, von der er einen so schlechten Gebrauch gemacht, worauf der Bursch ohne Scham sein früheres Bettelleben von Neuem angefangen.
Auf seinen Wanderungen blieb das neue Haus und der Heerd des Vaters Watrin ein Lieblingsruhepunkt, trotz dem Hasse, oder vielmehr dem Abscheu, welche Mutter Watrin gegen ihn empfand, die eine zu gute Hausfrau war, als daß sie nicht hätte bemerken sollen, wie sehr die Anwesenheit des Mathias ihren Garten und ihren Speiseschrank benachteiligte, und trotz der Abneigung, mit welcher Bernhard, der Sohn vom Hause, ihn stets angesehen.
Wie übrigens Niemand die Fortschritte kannte, welche Mathias bei dem Unterrichte des Abbé Gregoire im Lesen und Schreiben gemacht hatte, war es auch Allen unbekannt, daß die Ungeschicklichkeit im Schießen von Mathias ebenfalls nur erheuchelt wurde, und daß er, wenn er wollte, ein Rebhuhn und ein Wildschwein so gut traf wie, der beste Schütze im Walde.
Warum entzog Mathias seine Talente den Blicken? Weil er glaubte, es könne ihm nicht blos nützlich sein, lesen, schreiben und schießen zu können, sondern vielleicht in höherem Grade nützlich, wenn man ihm das Geschick dazu nicht zutraue.
Derjenige also, welcher eintrat und Franz gleich im Anfange seiner Erzählung unterbrach, war also ein böswilliger Bursch.
»Wo ist das Wildschwein?« fragte Vater Watrin, der eben die Zunge frei hatte, da er die Pfeife wieder stopfen mußte.
»Im Pökelfaß, da es Franz ja schon hat,« sagte Mathias.
»Noch nicht,« erwiderte dieser, aber ehe die Uhr da die siebente Stunde vermeldet, wird es da sein. Nicht wahr, Schielax?«
Der Hund, den das neu auflebende Feuer in eine wahre Glückseligkeit versetzte, drehte sich auf den Ruf seines Herrn um, kehrte mit dem langen Schweife die Asche hin und her und ließ ein freundliches Knurren hören, welches bejahend auf die gestellte Frage zu antworten schien.
Franz wendete, zufrieden mit der Antwort seines Schielax, die Augen von Mathias mit einem Unwillen ab, den er gar nicht zu verheimlichen suchte, und setzte sein Gespräch mit Vater Watrin fort, der, mit der frisch gestopften Pfeife im Munde, den jungen Mann behäbig anzuhören sich anschickte.
»Das Wildschwein ist etwa eine Viertelstunde von hier,« begann Franz, »in dem Dickicht der Tétes des Salmon. Halb drei Uhr früh ist es von dem Gebüsch am Wege von Dampleur aufgebrochen . . .«
»Woher weißt Du das,« fragte Mathias, »da Du erst um drei hinausgegangen bist?
»Hören Sie nur, Vater Watrin! Fragt der, woher ich das weiß! – Ich will es Dir erzählen, Schielax, und merke es Dir.«
Franz hatte eine üble Gewohnheit, welche Mathias sehr verletzte, die nämlich, den Burschen und den Hund gleichmäßig Schielax zu nennen, obgleich, seiner Meinung nach, der Hund um Vieles zierlicher schielte.
Auf den ersten Blick schienen Beiden – dem Hunde und dem Burschen – die Benennung gleichgültig zu sein, aber die Äußerung dieser Gleichgültigkeit war doch nur bei dem Hunde unverstellt.
Franz selbst achtete nicht darauf und fuhr fort:
»Um welche Zeit fällt der Thau? Um drei Uhr früh, nicht wahr? Nun, wenn das Wildschwein nach dem Thaufalle sich aufgemacht hätte, würde es über die nasse Erde gegangen sein und kein Wasser in seinen Fährten stehen, während es über die trockene Erde gegangen, der Thau erst später gefallen ist, und längs des Weges Tränkstellen für die Rotkehlchen gemacht hat.«
»Wie alt ist es?« fragte Watrin, welcher entweder der Bemerkung des Mathias gar keine Bedeutung beilegte, oder die gegebene Erklärung für vollkommen genügend hielt.
»Sechs bis sieben Jahre,« antwortete Franz ohne Zögern.
»Oho! Nun hat das Schwein dem gar seinen Geburtsschein vorgewiesen!«
»Allerdings, und so deutlich unterzeichnet, wie es nicht Jeder kann . . . Wenn das Tier nicht besondere Gründe hat, sein Alter zu verheimlichen, stehe ich dafür, daß ich mich nicht um drei Monate irre. Nicht wahr, Schielax? Sehn Sie's, Vater Watrin, Schielax bestätigt, daß ich mich nicht irre.«
»Ist es allein?« fragte Vater Watrin.
»Nein, mit seiner trächtigen Sau . . .«
»Oho!«
»Die bald werfen wird.«
»Ohoho!« fiel Mathias ein.
»Vater Watrin, der Mensch da ist im Walde gefunden worden, und weiß nicht einmal, wenn eine Sau trächtig ist, oder nicht . . . Was hast Du denn gelernt?«
»Ein neues Tier?« fragte Vater Watrin, der zu wissen wünschte, ob die Zahl der Wildschweine in seinem Revier zu- oder abnähme oder sich gleich bliebe.
»Die Sau, ja,« antwortete Franz mit seiner gewöhnlichen Sicherheit; er nicht. . . Sie kenne ich nicht, ihn sehr gut. Er ist derselbe, dem ich vor vierzehn Tagen eine Kugel in die linke Schulter geschickt habe.«
»Warum glaubst Du das?«
»Das muß ich Ihnen sagen, der dem Schielax da anzuraten geben kann? Daß ich ihn getroffen hatte, wußte ich; aber die Kugel war nicht neben dem Schulterblatte hineingegangen, sondern in die Schulter selbst.
»Hm!« entgegnete Watrin; »er hat nicht geschweißet . . .«
»Nein, weil die Kugel zwischen Haut und Fleisch, im Speck sitzen geblieben ist. Jetzt fängt die Wunde an zu heilen; das juckt und das Thier reibt sich an den Bäumen; er hat an einem sogar ein Büschelchen Haar hängen lassen. Sehen Sie einmal.«
Bei diesen Worten nahm Franz aus seiner Westentasche ein Büschelchen Haar, das feucht von geronnenem Blut war, und seine Angabe bestätigte.
Watrin nahm es, sah es mit Kennerblick an, und gab es zurück als sei es etwas höchst Kostbares.
»'s ist so,« sagte er dabei, »und 's ist so gut als sähe ich das Tier. Ich habe nicht übel Lust, einen Gang ihm zu Gefallen zu tun.«
»Thun Sie das; Sie werden Alles finden, wie ich es gesagt habe. Sie brauchen mit ihm auch gar nicht besonders vorsichtig zu sein, sondern kennen sich ihm nähern so weit Sie wollen, er wird sich nicht rühren; die Frau Gemahlin befindet sich nicht recht wohl, und der Herr ist galant.«
»So werde ich auf der Stelle gehen,« sagte Vater Watrin mit einer Gebärde der Entschlossenheit, bei der er die Zähne so fest auf einander drückte, daß er noch ein Stück von dem schon so kurzen Pfeifenstummel abbiß.
»Wollen Sie Schielax mitnehmen?«
»Wozu?«
»Nun ja, Sie haben selbst gute Augen; Sie werden suchen und finden . . . den Namensvetter des Mathias will ich lieber in seine Hütte bringen, nachdem ich ihm ein Stück Brod gegeben habe, das er diesen Morgen redlich verdient hat.«
»Hast Du Alles gehört, Mathias?« sagte Watrin, welcher ruhig seine Kartoffeln verzehrte. »So gute Augen wirst Du nie bekommen.«
»Ist mir auch ganz und gar einerlei,« antwortete der Angeredete.
Watrin zuckte die Achseln über diese Gleichgültigkeit des Mathias, die ihm unerklärlich war; dann zog er seinen Uniformrock an, legte die Halbgamaschen an, nahm sein Gewehr, blos weil er ohne dasselbe nicht gewusst haben würde, was er mit dem rechten Arme anfange, reichte Franz die Hand und ging fort.
Dieser trat an den Schrank, schnitt etwa ein halbes Pfund Schwarzbrot ab, und murmelte:
»Dem Alten juckten die Beine als ich erzählte. . . Na, komm, Schielax, da ist ein tüchtiges Stück Brod. Jetzt vorwärts in die Hütte!«
Er ging mit dem Hunde hinaus, dem die Aussicht auf das Stück Brot die Verweisung in die Hütte in etwas versüßte, und ließ Mathias mit den Kartoffeln in der Asche allein.
Viertes Kapitel
Der Unglücksvogel
Kaum war Franz verschwunden, als Mathias den Kopf empor richtete und ein Ausdruck von Schlauheit, den man ihm schwerlich zugetraut hätte, blitzschnell über sein Gesicht zog.
Dann forschte er auf die sich entfernenden Schritte des jungen Mannes, und als er nichts mehr von denselben vernahm, schlich er zu der Cognacflasche, schielte nach der Türe, griff nach der Flasche und hielt sie ins Licht, um zu sehen wie viel darin sei und wie viel er also daraus trinken könne.
»Der alte Geizhals! mir bietet er nichts an!«
Um diese Vernachlässigung auszugleichen, führte er den Flaschenhals an seine Lippen und nahm daraus rasch drei oder vier Züge von dem Feuerwasser, als wäre es unschuldiges Wasser.
In diesem Augenblicke hörte er die Schritte Franzens wieder näher kommen und er kehrte geräuschlos auf seinen Schemel an dem Kamine zurück, wo er mit einer Miene der Unschuld, die selbst den Franz täuschen mußte, ein Lied zu summen begann, das durch die Dragoner in Villers-Cotterets bekannt geworden war. Ohne sich durch die Anwesenheit Franzens stören zu lassen, summte er weiter, dieser aber blieb vor ihm stehen und fragte:
»Du singst gar?«
»Ist es denn verboten? Dann muß es der Maire bekannt machen lassen und man wird nicht mehr singen.«
»Verboten ist es nicht,« sagte Franz, »aber Unglück wird es mir bringen.«
»Warum?«
»Wenn ich früh im Walde zuerst eine Eule schreien höre, denke ich bei mir: das fängt schlimm an.«
»So bin ich eine Eule? Meinetwegen. Ich bin Alles was ich sein soll.«
Er hielt beide Hände aneinander, nachdem er die unumgängliche Vorsicht gebraucht hatte, in dieselben zu spuken und ahmte täuschend den traurigen und eintönigen Eulenruf nach.
Franz selbst erbebte.
»Willst Du still sein, Unglücksvogel!« sagte er.
»Wenn ich Dir aber etwas vorzusingen hätte, was würdest Du sagen?«
»Ich würde sagen: ich habe keine Zeit, Dich anzuhören. Thue mir lieber einen Gefallen.«
»Dir?«
»Ja, mir. Meinst Du, Du könntest keinem Menschen einen Gefallen tun?«
»Was verlangst Du?«
»Du sollst mein Gewehr vor das Feuer halten, damit es trocken werde, während ich andere Gamaschen anziehe.«
»Andere Gamaschen! Der Franz fürchtet, sich einen Schnupfen zu holen!«
»Das gar nicht; ich will die Dienstgamaschen anziehen, weil der Inspektor zur Jagt kommen kann und ich nicht unvollständig dienstmäßig bekleidet vor ihm erscheinen mag. Willst Du mein Gewehr halten?«
»Weder das Deinige noch ein anderes. Man soll mir lieber den Kopf mit Steinen zerpochen, ehe ich von heute an bis ich sterbe ein Gewehr anrühre.«
»Da Du immer ungeschickt damit umgehst, wird es kein Verlust sein,« sagte Franz, der einen kleinen Schrank öffnete, in dem mehrere Gamaschen lagen, unter denen er die seinigen hervorsuchte.
Mathias sah ihm mit dem linken Auge zu, während das rechte sich ausschließlich mit der letzten Kartoffel zu beschäftigen schien, die er langsam und ungeschickt schälte; dann murmelte er:
»Warum sollte ich besser mit einem Gewehre umgehen für Andre? Wenn ich eins einmal für mich brauche, wirst Du schon sehen, daß ich nicht ungeschickter bin als Du. Ein Jahr, zwei, drei Jahre dem Herzoge umsonst dienen? Schönen Dank. Da werde ich lieber Bedienter bei dem Herrn Maire.«
»
»Wie so Bedienter bei dem Maire? bei Raisin, dem Holzhändler?«
»Bei Raisin, dem Holzhändler oder bei dem Maire, das bleibt sich gleich.«
»Meinetwegen,« sagte Franz. indem er die Gamaschen anknöpfte und verächtlich die Achseln zuckte.
»Es ist Dir nicht recht?«
»Mir?« antwortete Franz; »mir ist es sehr gleichgültig. Ich frage mich nur, was dann aus dem alten Peter werden soll.«
»Nun,« entgegnete Mathias; »der geht.«
»Der geht?« wiederholte Franz mit sichtbarer Theilnahme für den alten Diener, von dem die Rede war.
»Gewiß. Wenn ich an seine Stelle komme, muß er wohl gehen,« fuhr Mathias fort.
»Das ist nicht möglich,« fiel Franz ein. »Er ist ja seit zwanzig Jahren in dem Hause Raisins.«
»Ein Grund mehr, daß endlich einmal die Reihe auch an einen Andern kommt,« entgegnete Mathias mit seinem boshaften Lachen.
»Du bist ein schlechter Kerl, Schielax!« sagte Franz.
»Erstens,« antwortete Mathias mit dem dummen Gesichte, das er anzunehmen verstand, »heiße ich nicht Schielax; der Hund, den Du in die Hütte geführt hast, heißt so, nicht ich.«
»Du hast Recht,« entgegnete Franz; »und als er erfuhr, daß man Dir zufällig seinen Namen gab, machte der arme Hund Einspruch, und seitdem nennt man Dich nicht mehr Schielax, obgleich Du noch immer schielst.«
»Ich bin also Deiner Meinung nach, Franz, ein schlechter Kerl?«
»Ja, meiner Meinung und Aller Meinung nach.«
»Warum denn?«
»Schämst Du Dich nicht, einem armen alten Manne, wie Peter, das Brod wegzunehmen? Was soll aus ihm werden, wenn er keinen Dienst mehr bat? Er wird das Brod für sich, seine Frau und seine beiden Kinder an den Türen suchen müssen.«
»Du kannst ihm ja eine Pension von Deinen fünfhundert Francs Gehalt geben.«
»Das kann ich nicht,« antwortete Franz; »weil ich von den fünfhundert Francs meine Mutter mit erhalte, die Allen vorgeht, aber so oft er zu uns kommen will, soll er einen Teller voll Zwiebelsuppe und ein Stück Kaninchen finden, das tägliche Gericht von unser Einem. Bedienter bei dem Maire!« fuhr Franz fort, der nun auch die zweite Gamasche angeknöpft halte. »Es sieht Dir ähnlich, Bedienter zu werden.«
»Ein Bedientenrock ist so gut wie der andere,« sagte Mathias; »und der ist mir der liebste, in dem Geld steckt.«
»Halt einmal, Freund! – Nein, das war versprochen, mein Freund bist Du nicht. Unser Rock ist kein Bedientenrock, sondern eine Uniform.«
»Ob ein Eichenblatt in den Kragen gestickt, oder eine Tresse an den Ärmel genäht ist, bleibt sich ziemlich gleich,« antwortete Mathias mit einer Bewegung des Kopfes, welche seine Worte bestätigen sollte.
»Ja,« fuhr Franz fort, welcher dem Andern das letzte Wort nicht lassen wollte, »es ist nur der Unterschied, daß man mit dem Eichenblatt am Kragen arbeitet, und mit der Tresse am Ärmel faulenzt. Darum ziehst Du wohl auch die Tresse dem Eichenblatte vor, nicht wahr?«
»Das ist auch möglich,« antwortete Mathias, der plötzlich von einem Gedanken zum andern überging, als stelle sich dieser ihm eben jetzt dar. »Katharine soll ja heute aus Paris kommen.«
»Katharine? Wer ist das?« fragte Franz.
»Katharine? Nun, wer soll's sein? Katharine, die Nichte Vater Watrins, die Cousine Bernhards, die als Putzmacherin in Paris ausgelernt hat und den Laden der Mamsell Rigolot an dem Brunnenplatze in Villers-Cotterets übernehmen soll.«
»Nun und . . .?« fragte Franz.
»Wenn sie heute kommt, gehe ich erst morgen fort, denn es geht doch gewiß hier hoch her zur Feier der Rückkehr dieses Tugendspiegels.«
»Mathias,« sagte Franz um vieles ernster als bisher, »ich will Dir etwas sagen: wenn Du vor andern Leuten in diesem Hause von Mamsell Katharine sprichst, so merke wohl auf, vor wem Du sprichst.«
»Warum?«
»Weil Mamsell Katharine die Tochter der leiblichen Schwester Watrins ist.«
»Ja, und die Geliebte Bernhards, nicht wahr?«
»Wenn man Dich darum fragt, Mathias, wirst Du wohl tun, ganz einfach zu sagen, Du wüßtest Nichts.«
»Da bist Du auf dem Holzwege; ich werde sagen was ich weiß . . . Man hat gesehen, was man gesehen hat und gehört, was man gehört hat.«
»Höre einmal an, Mathias,« sagte Franz mit einem Ausdruck von Widerwillen und Verachtung, die so in einander verschmolzen waren, daß man nicht wußte, welches dieser beiden Gefühle vorherrschte, »Du hast wahrhaftig recht daran getan, Bedienter zu werden; es war Dein Beruf – Spion und Zuträger. Viel Glück im neuen Geschäfte! . . . Wenn Bernhard herunterkommt, sage ihm, ich erwartete ihn hundert Schritt von hier, auf dem Sammelplatze, – verstanden?«
Er warf bei diesen Worten das Gewehr auf die Achsel mit jener Bewegung, die denen eigen ist, welche fortwährend mit dieser Waffe umgehen, ging hinaus und sagte noch einmal:
»Ich bleibe dabei, Mathias, Du bist ein ganz schlechter Kerl.«
Mathias sah ihm mit seinem ewigen Lächeln nach, als aber der junge Mann verschwunden war, blitzte von neuem der Ausdruck der pfiffigen Klugheit über sein Gesicht und mit drohender Stimme sagte er:
»Du bleibst dabei? Ich bin ein schlechter Kerl? Ich schieße schlecht? Der Hund Bernhards hat Einspruch getan, als man mich Schielax nannte, wie ihn? Ich bin ein Spion, ein Zuträger, ein Faullenzer? Nur Geduld, Geduld! die Welt geht heute noch nicht unter und vielleicht kann ich Dir's noch einmal vergelten.«
In diesem Augenblicke knarrten die Stufen der Treppe, die in das erste Stock hinauf führte, die Türe ging auf und herein trat ein schöner, kräftiger, junger Mann von fünfundzwanzig Jahren in vollständigem Jägeranzuge, aber ohne Gewehr.
Bernhard Watrin war es, der Sohn vom Hause, von dem schon ein Paarmal die Rede gewesen ist.
Der Anzug des jungen Mannes war untadelig; sein blauer Frack mit silbernen Knöpfen, von oben bis unten zugemacht, hob den vortrefflichen Wuchs heraus; anliegende Sammetbeinkleider und Ledergamaschen, die bis über die Knie reichten, zeigten tadellose Schenkel und Waden; das blonde Haar endlich und der etwas dunklere Backenbart paßten vollkommen zu den Wangen, deren Jugendfrische Sonne und Wetter nicht hatten tilgen können.
Man fühlte sich auf den ersten Blick zu dem jungen Manne hingezogen, trotz dem festen Blicke seines hellblauen Auges und der etwas harten Form des Kinnes. Mathias aber gehörte nicht zu denen, welche sich so leicht hinziehen ließen. Die Körperschönheit Bernhards, die so stark von seiner Hässlichkeit abstach, war stets für den Herumstreicher eine Veranlassung zu Neid und Haß gewesen, und wenn er nur nöthig gehabt hätte sich selbst ein Unglück zu wünschen, damit dem Bernhard ein doppelt so großes betreffe, würde er gewiß keinen Augenblick gezögert haben, ein Auge verlieren zu wollen, damit Bernhard um beide Augen käme, oder ein Bein zu brechen, damit Bernhard beide Beine breche.
Dieses Gefühl war so, festgewurzelt bei ihm, daß er Bernhard trotz allen seinen Anstrengungen nie zulächeln konnte.
An dem heutigen Tage fiel sein Versuch zu lächeln noch essigsaurer aus als gewöhnlich. Es lag in diesem Lächeln etwas wie eine ungeduldige Freude, gleich dem Kalibans bei dem ersten Rollen des Donners, das ein Unwetter verkündet.
Bernhard achtete nicht auf dieses Lächeln, da in seinem Herzen Alles fröhlich zu sein schien. Er sah sich verwundert um und sagte endlich:
»Es war mir doch, als hätte ich Franz reden hören. War er nicht eben hier?«
»Er war da, aber er wollte nicht länger auf Sie warten und ging fort.«
»So werde ich ihn auf dem Sammelplatz treffen.«
Damit trat Bernhard an den Kamin, nahm sein Gewehr herunter, bließ in die Rohre, um sich zu überzeugen, daß sie rein und leer seien, ließ dann in jedes eine Ladung Pulver laufen und nahm zwei Filzpfropfen.
»Sie brauchen immer noch solche Pfropfe?« fragte Mathias.
»Ja, weil sie das Pulver gleichmäßiger zusammendrücken . . . Wo habe ich denn mein Messer?«
Er suchte in allen Taschen, fand aber das Gesuchte nicht.
»Wollen Sie das Meinige haben?« fragte Mathias.
»Gieb es her.«
Bernhard nahm das Messer, machte damit zwei Kreuze auf die zwei Kugeln und ließ sie in die Rohre seines Gewehres gleiten.
»Was machen Sie denn da, Herr Bernhard?« fragte Mathias.
»Ich zeichne meine Kugeln, um sie zu kennen, wenn es Streit giebt. Wenn Zwei auf ein Wildschwein schießen und dies bekommt nur eine Kugel, weiß man gern, von wem sie kommt.«
Er ging nach der Türe zu.
Mathias sah ihm mit seinem schielenden Auge nach, und in diesem Auge lag ein unglaublicher Ausdruck von Wildheit. Als Bernhard beinahe die Schwelle erreicht hatte, sagte er:
»Noch ein Wörtchen, Herr Bernhard . . . Da Ihr guter Freund, Ihr Herzensfreund, Ihr Dutzbruder, der Franz, das Wildschwein schon halb und halb in Sicherheit gebracht hat, gehen Sie nicht vergeblich. Und so früh haben die Hunde auch keine Witterung.«
»Was willst Du von mir?« fragte Bernhard.
»Ist es wahr, daß das Weltwunder heute kommt?«
»Was meinst Du?« fragte Bernhard und seine Stirn runzelte sich.
»Nun . . . Katharine.«
Kaum hatte Mathias diesen Namen ausgesprochen, als eine derbe Ohrfeige ihm auf den Backen fiel. Er trat ein Paar Schritte zurück, ohne daß der Ausdruck seines Gesichts sich änderte, aber er legte die Hand auf die betroffene Stelle und fragte:
»Was haben Sie denn heute, Herr Bernhard?«
»Nichts,« antwortete dieser, »ich wollte Dich nur lehren, diesen Namen mit der Achtung auszusprechen, die ihm gebührt.«
»Na,« fuhr Mathias fort, der noch immer die eine Hand auf den Backen hielt und mit der andern in seinen Taschen suchte, »wenn Sie erfahren, was in dem Papiere da steht, werden Sie doch bedauern, mich geschlagen zu haben.«
»In dem Papiere?« wiederholte Bernhard.
»Ja.«
»So laß das Papier sehen.«
»Geduld!«
»Her das Papier, sage ich!« und er entriß es ihm.
Es war ein Brief mit der Adresse:
»An Mademoiselle Katharine Blum,
Paris,
Straße Bourg-l'Abbé, Nr. 15.«
Fünftes Kapitel
Katharine Blum
Schon die Berührung dieses Papieres, schon das Lesen dieser Adresse trieb einen Schauer durch alle Glieder Bernhards, als errate er, daß dieser Brief für ihn eine ganz neue Lebensperiode, eine ganze Reihe unbekannter Unglücksfälle enthalte.
Das Mädchen, an welches der Brief gerichtet und von dem wir schon einige Worte gesprochen, war die Schwestertochter Vater Watrins und folglich Geschwisterkind mit Bernhard.
Wie aber kam das Mädchen zu dem deutschen Namen? Warum war sie nicht bei ihren Eltern erzogen worden? Warum befand sie sich in Paris? Das wollen wir jetzt erzählen.
Im Jahre 1808 zog eine Kolonne deutscher Gefangener von den Schlachtfeldern von Friedland und Eylau durch Frankreich, und wurde, wie die französischen Soldaten, in den Privathäusern einquartirt.
Ein junger Soldat, der in der ersten jener Schlachten schwer verwundet worden war, wurde durch sein Quartierbillet zu Wilhelm Watrin gewiesen, der seit vier oder fünf Jahren verheiratet war und in dessen Hause sich Rosa Watrin, seine Schwester, ein Mädchen von siebzehn oder achtzehn Jahren, befand.
Die Wunde des Fremden hatte sich auf dem Marsche in Folge der Anstrengung und des Mangels an Pflege so verschlimmert, daß er, auf ein ärztliches Zeugnis, in der Geburtsstadt dessen zurückgelassen werden mußte, welcher diese Geschichte erzählt.
Man wollte ihn in das Hospital bringen, aber er äußerte so großen Widerwillen gegen diese Fortschaffung, daß Vater Watrin, der damals ein Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren war und Watrin geradeweg hieß, selbst zuerst den Vorschlag machte, bei ihm zu bleiben in der Fasanerie.
So hieß 1808 die Wohnung Watrins, kaum ein Viertelstündchen vor der Stadt unter den schönsten und größten Bäumen jenes Teiles des Waldes, welcher der Park heißt.
Die starke Abneigung Friedrich Blums – so hieß der junge Soldat – gegen das Hospital wurde nicht bloß durch die Freundlichkeit seiner Wirte, die Reinlichkeit in dem Hause, die vortreffliche Luft bei demselben und der hübschen Aussicht auf den Garten und die grünen Bäume des Waldes, sondern auch und vorzugsweise durch den Anblick der lebendigen reizenden Blume dieses Gartens, Rosa Watrin, veranlaßt.
Auch diese hatte, als der so schöne, so blasse und so leidende Fremde in das Hospital gebracht werden sollte, eine so tiefe schmerzliche Empfindung in ihrem Herzen gefühlt, daß sie zu ihrem Bruder gegangen war, mit gefalteten Händen und Thränen in dem Auge, ohne daß sie ein Wort auszusprechen wagte; aber ihr Schweigen war um vieles beredter gewesen, als es die dringendsten Worte hätten sein können.
Watrin hatte alsbald erraten, was in dem Herzen seiner Schwester vorging und, weniger wegen des Wunsches des Mädchens, als aus dem tiefen Mitleide, das man stets bei einsam und abgeschlossen lebenden Menschen findet, seine Einwilligung für das Verbleiben des jungen Deutschen in der Fasanerie gegeben.
Von diesem Augenblicke an hatte, nach einem still« schweigenden Übereinkommen, Frau Watrin die Arbeiten ihrer Wirtschaft und die Aufsicht über ihren damals drei« jährigen Sohn Bernhard ganz und gar wieder übernommen, während Rosa, die schöne Waldblume, sich ausschließlich der Pflege des Verwundeten widmete.
Die Wunde war dadurch entstanden, daß eine Kugel am Hals des Schenkelknochens getroffen hatte, durch die breite Sehne hindurch und in die Fleischteile hineingegangen war, in denen sie saß und einen heftigen Reiz hervorbrachte. Anfangs hatten die Ärzte geglaubt, der Schenkelknochen sei gebrochen und deshalb ihn aus dem Gelenk nehmen wollen; aber der Verwundete hatte sich vor dieser Operation gefürchtet, nicht sowohl wegen des Schmerzes, von dem sie begleitet sein müßte, als wegen des Gedankens an lebenslängliche Verkrüppelung. Er hatte deshalb erklärt, er ziehe den Tod vor, und da er es mit französischen Chirurgen zu tun hatte, denen es ziemlich gleichgültig war, ob er sterbe oder nicht, hatten sie ihn im Feldlazarett gelassen, so daß die Kugel allmählich im Fleisch einwuchs.
Unterdes war der. Befehl eingegangen, die Gefangenen nach Frankreich zu bringen. Alle, Verwundete und Nicht verwundete, waren auf Wagen an den Ort ihrer Bestimmung abgegangen – Friedrich Blum mit den Andern. In solcher Weise hatte er eine Strecke von zweihundert Stunden zurückgelegt; als er aber in Villers-Cotterets ankam, waren, wie erwähnt, seine Schmerzen so bedeutend geworden, daß er die Reise nicht weiter hatte fortsetzen können.
Zum Glück war das, was als Verschlimmerung aussah, ein Anfang der Genesung. Die Kugel hatte, vielleicht in Folge ihrer eigenen Schwere, in Verbindung mit der fortdauernden Reisebewegung, die Hülle zerrissen, die sich um sie gebildet hatte, und war tiefer gesunken.
Natürlich geht ein solches Wunder, das die Natur für sich selbst zur Heilung unternimmt, nicht in einem Augenblicke und nicht ohne heftige Schmerzen von statten. Der Verwundete lag drei Monate auf seinem Schmerzenslager; dann trat allmählich Besserung ein; er konnte aufstehen, bis an das Fenster, dann bis an die Türe gehen, dann hinaus und am Arme Rosa's unter den großen Bäumen umher, die ganz nahe an der Fasanerie standen. Eines Tages endlich fühlte er deutlich zwischen den Muskeln einen Körper sich bewegen; er ließ den Chirurgen rufen; dieser machte einen ganz kleinen Einschnitt und die Kugel, die ihm beinahe den Tod gegeben hätte, fiel ihm in die Hand.
Friedrich Blum war geheilt; aber nach dieser Heilung zeigte es sich, daß sich in dem Hause Watrin zwei Verwundete, statt des Einen, befanden.
Zum Glück kam der Friede von Tilsit. Im Jahre 1807 war ein neues Reich gegründet worden, welches Westfalen hieß. Nachdem es im Zustande der Mythe geblieben, so lange die große Frage, um die mit den Waffen gehandelt wurde, durch die Siege von Friedland und Eylau nicht gelöst wurden, wurde es in dem Frieden von Tilsit durch den Kaiser Alexander anerkannt und gehörte nun zu den europäischen Reichen, unter denen es freilich nur sechs Jahre figurieren sollte.
Eines Morgens erwachte auch Friedrich Blum als Westfale und folglich als Bundesgenosse, nicht mehr Feind, Frankreichs.
Da war denn ernstlich die Rede von der Ausführung des Gedankens, welcher die beiden jungen Leute seit fast sechs Monaten beschäftigte, nämlich von der Heirat.
Die Hauptschwierigkeit war beseitigt. Wilhelm Watrin war ein viel zu guter Franzose, als daß er seine Schwester einem Manne gegeben hätte, der in die Notwendigkeit kommen konnte, gegen Frankreich zu dienen und wohl gar ein Mal auf Bernhard zu schießen, den Watrin im Geiste schon in der Uniform und gegen die Feinde seines Vaterlandes marschieren sah; jetzt war Friedrich Blum Westfale – folglich fast Franzose – und die Heirath der bei den jungen Leute konnte ohne Weiteres erfolgen.
Friedrich Blum gab sein Wort als ehrlicher Deutscher, vor drei Monaten wiederzukommen und reiste ab.
Viele Thänen flossen bei dem Abschiede, aber die Ehrlichkeit stand dem Fremden so unverkennbar und deutlich im Gesicht, daß Niemand an seinem Wiederkommen zweifelte.
Er hatte sich einen Plan ausgedacht, aber Niemanden etwas davon gesagt; er wollte nämlich geradenwegs zu dem neuen Könige nach Kassel gehen, ihm ein Bittschreiben übergeben, in demselben seine Geschichte erzählen und um eine Jäger- oder Försterstelle bitten.
Der Plan war einfach und zeugte von gutem Glauben; vielleicht gerade deshalb gelang er.
Der König stand eines Tages auf dein Balkon seines Schlosses und sah einen Soldaten, der ein Papier in der Hand hielt und eine Gnade zu erbitten schien; er war guter Laune, wie es die Könige sind, die eben auf den Thron stiegen, und statt dem Soldaten das Schreiben abnehmen zu lassen, ließ er den Mann selbst kommen der dann in ziemlich gutem Französisch berichtete, was das Schreiben enthielt. Der König schrieb »Genehmigt« unter das Gesuch und Friedrich Blum war Förster. Auch erhielt er die Erlaubnis, seine Braut zu holen und fünfhundert Gulden Gratifikation als Reisegeld und Einrichtungskosten.
Blum hatte nach drei Monaten zurückzukehren versprochen und kam schon nach sechs Wochen wieder, ein Beweis seiner Liebe, die so laut sprach, daß Wilhelm Watrin keine Einwendung zu machen wußte.
Wohl aber machte seine Frau eine Einwendung, und zwar eine recht ernste.
Sie war eine gute Katholikin, die alle Sonntage die Messe in der Kirche zu Villers-Cotterets hörte und an den vier großen Festen des Jahres zum Abendmahl ging. Friedrich Blum aber war Protestant und, der Frau Watrins nach, seine Seele sowohl verloren, als die ihrer Schwägerin schwer gefährdet.
Man ließ den Abbé Gregoire rufen.
Der Abbé war ein vortrefflicher Mann, körperlich kurzsichtig wie ein Maulwurf, aber mit dem Geistesauge sah er um so schärfer. Unmöglich konnte Jemand die irdischen, wie die himmlischen Angelegenheiten richtiger beurteilen, als der würdige Abbé, und kein Priester, dafür verbürge ich mich, ist seinem Gelübde treuer geblieben, als er.
Abbé Gregoire antwortete, die Religion, die vor allen Dingen zu befolgen, sei die der Herzen, und da die Herzen der beiden jungen Leute sich gegenseitig Liebe geschworen, so möge Friedrich Blum bei seinem Glauben, Rosa Watrin bei dem ihrigen bleiben, die Kinder aber sollten sie in dem Glauben ihrer Heimat erziehen lassen und am Tage des letzten Gerichts würde Gott, der vor allem ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit, nicht sowohl die Protestanten von den Katholiken, als die Guten von den Schlechten scheiden.
Da dieser Vorschlag des Abbé Gregoire von den beiden Verlobten und von Wilhelm Watrin unterstützt wurde, also drei Stimmen für sich erhalten hatte, während nur eine einzige dagegen war, die der Frau Watrin, so kam man überein, daß die Verheiratung erfolgen solle, sobald die bürgerlichen und kirchlichen Formalitäten erfüllt wären.
Diese Formalitäten nahmen drei Wochen in Anspruch, worauf Rosa Watrin und Friedrich Blum in der Maine zu Villers-Cotterets – wo man es in dem Register unter dem 12. September 1809 noch sehen kann – und !n der Stadtkirche getraut wurden.
Einen Monat später wurden sie auch nach dem protestantischen Ritus in Deutschland getraut.
Nach zehn Monaten kam ein Kind, ein Mädchen, zur Welt, welches in der Taufe den Namen Katharine erhielt, und nach dem in der Gegend herrschenden Glauben, in dem protestantischen, erzogen wurde.
Es vergingen drei und ein halbes Jahr ungetrübten Glückes für das junge Paar; dann kam der Feldzug von 1812, aus welchem der nicht minder unglückliche von 1813 hervorging.
Die große Armee verschwand im Schnee Rußlands und unter dem Eis der Beresina, Eine neue mußte geschaffen werden und alle, die bereits gedient hatten und noch nicht über dreißig Jahre zählten, wurden wiederum einberufen.
Friedrich Blum war nach diesem Decret zweifach Soldat; ein Mal, weil er schon gedient hatte, und zweitens, weil er erst vier Monate über neunundzwanzig Jahre zählte.
Vielleicht hätte er, um sich frei zu machen, bei dem Könige von Westfalen angeben können, daß er in Folge seiner alten Wunde noch heftige Schmerzen erleide, aber das fiel ihm gar nicht ein. Er ging nach Kassel, um wiederum, wie früher, in der Reiterei dienen zu dürfen, empfahl dem Könige seine Frau und sein Kind, und brach als Wachtmeister auf.
Er war bei Lützen und bei Bautzen; er war auch bei Leipzig und da unter den Toten.
Eine Kugel war ihm dies Mal durch die Brust gegangen und hatte ihn unter den sechzigtausend Verstümmelten niedergestreckt – zum Nimmerwiederaufstehen. Bei Leipzig waren hundersiebzehntausend Kanonenschüsse gefallen, hundert-elftausend mehr als bei Malplaquét – ein Beweis von dem Fortschreiten.
Der König von Westfalen vergaß sein gegebenes Versprechen nicht; die Witwe Friedrich Blums erhielt eine Pension von dreihundert Gulden, aber schon im Anfange des Jahres 1814 gab es kein Königreich Westfalen mehr, und der König Jerome hatte aufgehört unter die gekrönten Häupter gezahlt zu werden.
Friedrich Blum war auf französischer Seite gefallen und das reichte damals hin, daß man seine Witwe scheel ansah in Deutschland, welches sich ganz gegen Frankreich erhoben halte, Sie machte sich darum mit den Trümmern des französischen Heeres auf, ging mit denselben über die Grenze und klopfte eines Tages an die Türe ihres Bruders Wilhelm.
Mutter und Kind wurden von dem braven Manne als Gottgesandte aufgenommen.
Das kleine Mädchen – damals drei Jahre alt – wurde die Schwester des neunjährigen Bernhard, und die Mutter nahm auf dem Schmerzenslager Blum, in dem Stübchen, von wo aus man die großen Bäume des Waldes und den Garten des Häuschens sah, den Platz Blums ein.
Ach, die arme Frau war kränker, als es ihr Mann gewesen. Die Anstrengung und der Kummer hatten eine Brustkrankheit ausgebildet, die in Auszehrung überging und, trotz der besten Pflege, den Tod herbeiführte.
So kam es, daß gegen Ende 1814, das heißt im vierten Jahre, die kleine Katharine Blum Waise war, Waise dem Namen nach, wohlverstanden, denn in Watrin und dessen Frau hatte sie einen Vater und eine Mutter gefunden, wenn ein verlorener Vater und eine verlorene Mutter je wieder gefunden würden. Gewiß aber fand sie in Bernhard einen so liebevollen Bruder, als hätten sie gleiche Eltern gehabt.
Die beiden Kinder wuchsen heran, ohne sich im mindesten um die politischen Wechselfälle zu kümmern, welche Frankreich beunruhigten und ein Paarmal die materielle Existenz ihrer Eltern in Frage stellten.
Napoleon dankte ab in Fontainebleau, kam nach einem Jahre nach Paris zurück, fiel zum zweiten Male zu Waterloo, schiffte sich in Rochefort ein, wurde auf den Felsen Helena gefesselt und starb da, ohne daß alle diese großen Katastrophen in ihren Augen die Bedeutung hatten, welche ihnen einst die Geschichte geben sollte.
Das Wichtigste für die Familie im Walde, wo der Tod der Mächtigen dieser Erde ein so schwaches Echo fand, war, daß der Herzog von Orleans, dem der Wald von Villers-Cotterets wiederum zufiel, Wilhelm Watrin in seiner Stelle beließ.
Diese Stelle wurde sogar verbessert. Nach dem tragischen Tode Chorons wurde Watrin versetzt; er mußte die Fasanerie verlassen und das neue Haus an der Straße nach Soissons beziehen.
Hundert Franes mehr waren eine ansehnliche Verbesserung in dem Gehalte des Alten.
Bernhard seinerseits war herangewachsen, seinem Vater mit dem achtzehnten Jahre als Gehilfe beigegeben worden und hatte am Tage seiner Mündigkeit eine Stelle mit fünfhundert Francs erhalten. So bezog man in dem Hause vierzehnhundert Francs nebst freier Wohnung und Schießgelde, so daß ein gewisser Wohlstand in der Familie herrschte.
Dieser Wohlstand kam Allen zu Gute; Katharine Blum war in eine Pension in Villers-Cotterets gegeben worden und hatte da eine Erziehung erhalten, die sie zu einer Städterin machte. Gleichzeitig mit ihrer Bildung erblühte ihre Schönheit, und im sechzehnten Jahre war Katharine eines der reizendsten Mädchen in Cotterets und der Umgegend.
Da wandelte sich die Bruderliebe, welche Bernhard stets für Katharine gehegt hatte, allmählich und unmerklich in die Liebe eines Liebhabers um.
Freilich erkannten Beide dies nicht so recht genau; sie wußten nur, daß eins das andere mehr und mehr liebe, je älter sie wurden, aber keins von Beiden gab sich genaue Rechenschaft von dem Zustande seines Herzens, bis ein Umstand eintrat, der ihnen bewies, daß ihr Leben eine einzige Quelle habe, wie zwei Blumen auf einem Stengel.
Als Katharine die Pension verließ, kam sie zu Mlle. Rigolot, um bei dieser ersten Putzmacherin in Villers-Cotterets zu lernen. Bei ihr blieb sie zwei Jahre, und sie gab in dieser Zeit so viele Beweise von Geschicklichkeit und Geschmack, daß Mlle. Rigolot erklärte, wenn Katharine ein oder anderthalbes Jahr nach Paris gehe und sich in ihrer Kunst vervollkommne, werde sie sich nicht bedenken, ihr – selbst ohne bare Anzahlung, sondern gegen jährliche Zahlung von zweitausend Francs sechs Jahre lang – ihr Geschäft und ihre Kundschaft abzutreten und zwar ihr lieber, als jeder andern.
Diese Mitteilung war zu wichtig, als daß sie von Wilhelm Watrin und dessen Frau nicht hätte in reifliche Überlegung genommen werden sollen.
Es wurde dann beschlossen, daß Katharine, mit einem Schreiben der Mlle. Rigolot an ihre Geschäftsfreundin in Paris, Villers-Cotterets verlasse und ein oder anderthalb Jahr in der Hauptstadt bleibe.
Die Straße Bourg-l'Abbé war nun vielleicht diejenige nicht, in welcher die Moden in den neuesten und elegantesten Formen entstanden, aber in ihr wohnte die Geschäftsfreundin der Mlle Rigolot.
Da, als Bernhard und Katharine sich trennen sollten, erkannten sie genau, wie es mit ihrer Liebe stand und bemerkten, daß dieselbe keineswegs die Elastizität der Geschwisterliebe mehr besitze.
Es wurden Versprechungen, ewig an einander zu denken, wenigstens drei Mal wöchentlich zu schreiben, und unerschütterliche Treue zu bewahren, zwischen den jungen Leuten gewechselt, die, stumm wie ächte Liebende, in ihren Herzen das Geheimnis ihrer Liebe verschlossen.
In der anderthalbjährigen Abwesenheit Katharinens hatte Bernhard zwei Mal auf vier Tage Urlaub erhalten und ihn beide Male zu einer Reise nach Paris benutzt, welche das Band nur noch enger zog, das Beide vereinigte.
Endlich war die Zeit der Rückkehr gekommen, und zur Feier derselben hatte der Inspektor ein Wildschwein zu schießen erlaubt. Zu diesem Zwecke war Franz um drei Uhr früh aufgestanden, hatte das Wildschwein aufgesucht und Bericht an Vater Watrin erstattet, der dann selbst ging, um sich zu überzeugen; zu diesem Zweck versammelten sich die Freunde und Bekannten bei dem Hirschsprunge; zu diesem Zwecke war Bernhard, vollständig geputzt, aus seiner Kammer heruntergekommen – um von Mathias den Brief zu erhalten, welcher mit einem Male sein freudiges Lächeln in Stirnrunzeln, seine Hoffnung in Unruhe und Besorgniß umwandelte.
Sechstes Kapitel
Der Pariser
In der Adresse dieses Briefes hatte Bernhard sogleich die Hand eines jungen Mannes, Louis Chollet, erkannt, des Sohnes eines Holzhändlers in Paris, der sich seit zwei Jahren bei Raisin, dem ersten Holzhändler in Villers-Cotterets und Maire der Stadt befand. Er erlernte da das Praktische seines Geschäftes, das heißt, er führte die Aufsicht über die Holzverkäufe, wie in Deutschland, namentlich am Rhein, die Söhne der größten Hotelbesitzer bei dm Kollegen ihrer Väter die Stelle des ersten Kellners vertreten. Der alte Chollet war sehr reich und gab seinem Sohne monatlich fünfhundert Franes Taschengeld. Für eine solche Summe kann man sich in Villers-Cotterets ein Reitpferd und einen eleganten Einspänner halten; überdies ist man, wenn man namentlich seine Kleidungsstücke aus Paris bezieht, und die Schneiderrechnung durch seinen Vater bezahlen lassen kann, König der Mode.
Das war denn mich bei Louis Chollet der Fall.
Als reicher hübscher junger Mann, an das Leben in Paris gewöhnt, wo er im Umgange mit leichtfertigen Frauen, von dem weiblichen Geschlechte jene Vorstellung sich gebildet hatte, welche alle jungen Männer hegen, die nur Grisetten und Mädchen von leichter Tugend kennen gelernt haben, hatte Louis Chollet geglaubt, keine könne ihm widerstehen, und er werde, wenn sich in Villers-Cotterets die fünfzig Töchter des Königs Danaus befänden, in einer mehr oder minder langen Zeit die dreizehnte Arbeit des Herkules mit ihnen verrichten.
Gleich am ersten Sonntag nach seiner Ankunft erschien er in dem Tanzsaal mit dem Glauben, er brauche wegen seines Frackes nach dem neuesten Schnitt, wegen seiner zartfarbigen Beinkleider, seines gestickten Hemds und seiner Uhrkette mit zahlreichem Gehänge, wie ein zweiter Soliman, nur sein Taschentuch fallen zu lassen. Nach erfolgter Musterung der anwesenden Mädchen bestimmte er sein Taschentuch der Katharine Blum.
Leider widerfuhr ihm, was vor drei Jahrhunderten dem großen Sultan widerfahren war, mit dem wir ihn zu vergleichen wagten; das Taschentuch wurde von der modernen Roxelane so wenig aufgehoben, wie von der Roxelane des Mittelalters, und der Pariser – so hatte man den jungen Herrn aus Paris sogleich benannt – hatte sich umsonst bemüht.
Und nicht blos dies; da sich der Pariser auffallend mit Katharinen beschäftigt hatte, war diese am nächsten Sonntage nicht zum Tanze erschienen. Aus einem ganz einfachen Grunde: sie hatte in den Augen Bernhards die Unruhe und Besorgnis gelesen, welche der Eifer des jungen Holzhändlers in ihm geweckt, und deshalb ihrem Vetter vorgeschlagen – was dieser mit großer Freude angenommen – den nächsten Sonntag im »neuen Hause« zuzubringen, statt daß der Vetter den Sonntag in Villers-Cotterets zubrachte, seit Katharine sich in der Stadt befand.
Der Pariser aber hatte sich nicht für besiegt gehalten; er bestellte Hemden, Taschentücher, Halskragen bei Mamsell Rigolot, und verschaffte sich so vielfache Gelegenheit Katharinen zu sehen, welche als erste Arbeiterin in dem Geschäft ihn mit großer Artigkeit behandeln mußte, wenn sie ihm auch als Mädchen sehr kalt begegnete.
Diese Besuche des Parisers bei Mamsell Rigolot, über deren Absicht er sich nicht täuschen konnte, beunruhigten Bernhard sehr, aber wie konnte er sie verhindern? Der künftige Holzhändler hatte doch sicherlich ganz allein und ausschließlich die Zahl der Hemden, Taschentücher und Kragen zu bestimmen, welche er zu brauchen glaubte, und wenn er sich achtzig Dutzend Hemden, achtundvierzig Dutzend Taschentücher und sechshundert »Vatermörder« machen ließ, ging das Bernhard Watrin durchaus Nichts an.
Es stand ihm überdies unbestritten frei, die Hemden, die Taschentücher, die Kragen einzeln, ein Stück nach dem andern, zu bestellen, und so nach jährlich dreihundert-fünfundsechzig Mal zu Mamsell Rigolot zu gehen.
Von diesen Tagen müssen wir freilich die Sonntage abziehen; nicht etwa, weil Mamsell Rigolot am Sonntage ihr Geschäft geschlossen hätte, sondern weil Bernhard alle Sonnabende Abends acht Uhr seine Cousin abholte und sie erst den Montag früh um acht Uhr zurückbrachte. Sobald der Pariser diese Gewohnheit erfuhr, fiel es ihm nicht ein, am Sonntage bei der Rigolot etwas zu bestellen, ja nicht einmal sich zu erkundigen, ob die Gegenstände, die er die Woche über bestellt, fertig wären.
Mittlerweile hatte also die Rigolot den Vorschlag gemacht. Katharinen nach Paris zu schicken. Wie wir gesagt, war dieser Vorschlag von Wilhelm und der Mutter Watrin beifällig aufgenommen worden, obgleich Bernhard einen andern Widerstand geleistet haben würde, wenn er nicht daran gedacht hätte, daß in dieser Weise die Entfernung zwischen dem verabscheuten Louis Chollet und seiner geliebten Katharine um ein Ansehnliches vergrößert werde.
Bei Bernhard war also der Schmerz der Trennung durch diesen Gedanken etwas gemildert worden.
Obgleich es damals noch keine Eisenbahnen gab, war doch jene Entfernung kein Hindernis für einen Verliebten, vorzüglich da dieser Verliebte, der nur aus Liebhaberei den Aufseher bei Holzverkäufen machte, keinen Herrn um Urlaub zu bitten brauchte, und monatlich fünfhundert Francs Taschengeld hatte.
Es ergab sich also, daß statt der zwei Reisen, die Bernhard in einer Zeit von achtzehn Monaten nach Paris gemacht hatte. Chollet, der in seinen Handlungen ganz ungebunden war, und jeden 30. eines Monats dieselbe Summe empfing, die Bernhard nur den 365. Tag eines Jahres erhielt, oder vielmehr erhalten hatte, zwölf Mal in Paris gewesen war.
Bemerkenswert war dabei noch, daß Chollet seit der Abreise Katharinens nach Paris aufgehört hatte, Hemden bei der Rigolot am Brunnenplatz in Villers-Cotterets machen zu lassen, und sich dergleichen bei Madame Cretté und Compagnie, Straße Bourg-l'Abbé Nr. 15 in Paris bestellte.
Es versteht sich, daß Bernhard unverzüglich durch Katharine von diesem Umstände benachrichtigt war, der für die Rigolot eine große Wichtigkeit hatte, für ihn aber noch Viel wichtiger war.
Das menschliche Herz ist einmal so. Obgleich er dessen ganz sicher war, was seine Cousine für ihn empfand, beunruhigte ihn doch diese Nachstellung des Parisers sehr.
Zwanzig Mal hatte er daran gedacht, mit Louis Chollet einen Streit von jener Art anzufangen, die gewöhnlich mit einem Degenstoß oder Pistolenschuß enden, und da, Dank seinen besonderen Übungen, Bernhard ausgezeichnet schoß, da er, Dank einem seiner Gefährten, der in einem Regimente Vorfechter gewesen war, und ihm aus nachbarlicher Gefälligkeit, so viel Fechtstunden gegeben, als er hatte nehmen wollen, den Degen ganz gut handhabt, so würde ihn die Sache, wenn sie auch aufs Äußerste getrieben worden wäre, nicht gerade sehr beunruhigt haben; aber wie konnte er mit einem Manne Streit anfangen, über den er sich durchaus nicht zu beklagen hatte, der gegen alle Leute höflich war, vielleicht gegen ihn mehr, als gegen jeden Andern? Die Sache war rein unmöglich!
Er mußte also auf eine Gelegenheit warten. Er hatte achtzehn Monate gewartet, und während dieser achtzehn Monate war sie nicht ein Mal erschienen. Erst an dem Tage, da Katharine Blum zurück erwartet wurde, übergab man Bernhard einen Brief an das Mädchen, und erkannte er, daß die Aufschrift des Briefs von der Hand seines Nebenbuhlers geschrieben sei.
Man kann sich denken, wie bewegt und bleich Bernhard schon beim Anblick dieses Briefes wurde.
Wie wir schon erzählt haben, drehte er ihn in seiner Hand hin und her, zog das Tuch aus der Tasche und trocknete sich die Stirne ab.
Als glaube er, das Taschentuch noch öfters brauchen zu müssen, behielt er dasselbe unter dem linken Arme, anstatt es in die Tasche zu stecken, und brach mit der Miene eines Mannes, der einen großen Entschluß faßt, den Brief auf.
Mathias sah ihm mit seinem boshaften Lächeln zu, und sagte, da er bemerkte, daß jener bleicher und bewegter wurde, je weiter er las:
»Sehen Sie, Herr Bernhard, das dachte ich mir, als ich den Brief aus der Tasche Peters nahm, und ich sagte mir: ich werde Herrn Bernhard über den Pariser aufklären, und zugleich Petern von seiner Stelle bringen. Ich habe mich auch nicht getäuscht; als Peter sagte, er habe den Brief verloren, . . . der Dummkopf! Ich frage Sie um Gotteswillen, ob er nicht sagen konnte, er habe ihn auf die Post getragen? Das hätte den Vortheil gehabt, daß der Pariser geglaubt, der erste Brief sei abgegangen, und darum keinen zweiten geschrieben. Dann hätte Mamsell Katharine ihn nicht erhalten, und wenn sie ihn nicht erhalten, hätte sie auch nicht geantwortet.
Bei diesem Worte fuhr Bernhard, der den Brief zum zweiten Male las, plötzlich auf, und sagte heftig:
»Was, geantwortet? Unglücklicher, Du sagst, Katharine habe dem Pariser geantwortet?«
Mathias bedeckte seine Wange, aus Furcht vor einer zweiten Ohrfeige, mit der Hand, und antwortete: »Das sage ich gerade nicht.«
»Was sagst Du sonst?«
»Ich sage, Katharine ist ein Frauenzimmer, und alle Eva'stöchter werden von der Sünde versucht.«
»Ich will eine bestimmte Antwort haben, ob Katharine geantwortet hat, oder nicht; hörst Du?«
»Vielleicht nicht . . . Aber Sie wissen ja, wer nichts sagt, stimmt bei.«
»Mathias!« rief der junge Mann und machte eine drohende Bewegung.
»In jedem Falle wollte er heute Morgen ihr mit dem Tilbury entgegenfahren.«
»Und ist er fort?«
»Ob er fort ist? Weiß ich das?« sagte Mathias. »Ich habe ja hier in der Backstube geschlafen. Wollen Sie es wissen?«
»Gewiß will ich es.«
»Das ist leicht zu erfahren. Wenn Sie sich in Villers-Cotterets erkundigen, wird Ihnen der erste Beste, den Sie fragen, ob man Louis Chollet in seinem Tilbury nach Gondreville habe fahren sehen, antworten: Ja.«
»Ich, ich bin, wie Sie recht gut wissen, ein dummer Teufel und sage wohl, daß er fahren wollte; ob er wirklich gefahren ist, weiß ich nicht.«
»Wie kannst Du wissen, daß er fahren wollte? – Der Brief war freilich erbrochen und wieder versiegelt.«
»Das weiß ich nicht. – Vielleicht hat ihn der Pariser wieder aufgemacht, um ein Postscriptum, wie man es nennt, dazu zu schreiben.«
»Du hast ihn nicht erbrochen, und wieder versiegelt?«
»Warum das? frage ich Sie, kann ich denn lesen? Ich bin ja ein unvernünftiges Vieh, dem man das A, B, C nicht in den Kopf bringen konnte.«
»Das ist wahr,« murmelte Bernhard, »aber woher wußtest Du, daß er ihr entgegen fahren wollte?«
»Weil er sagte Mathias, Du mußt das Pferd frühzeitig striegeln, weil ich um sechs Uhr mit dem Tilbury Katharinen entgegen fahre.«
»Er sagte kurzweg, Katharine?
»Glauben Sie, daß er große Umstände gemacht?«
»Ach!« flüsterte Bernhard, »wenn ich da gewesen wäre, wenn ich das Glück gehabt hätte, ihn zu hören!«
»Sie hätten ihn doch nicht geohrfeigt, wie mich.«
»Und warum nicht?«
»Es ist wahr, Sie schießen ganz gut mit dem Pistole; aber in dem Holzhofe des Herrn Raisin sieht man an genug Bäumen, daß auch er nicht schlecht schießt . . . Es ist wahr, Sie wissen mit dem Degen gut umzugehen, er aber hat vor einigen Tagen mit dem Unterinspektor, der bei den Soldaten stand, mit dem Rappiere gefochten und ihn, wie man sagt, schön zugerichtet.«
»Und das,« sagte Bernhard, »würde mich zurückgehalten haben?«
»Das meine ich nicht; aber Sie hätten sich vielleicht etwas länger besonnen, dem Pariser eine Ohrfeige zu geben, als dem armen Mathias Goguelue, der sich nicht besser als ein Kind verteidigen kann.«
Ein Gefühl des Mitleidens und fast der Scham zog durch das Herz Bernhards, und er sagte zu Mathias, indem er ihm die Hand reichte:
»Ich hatte Unrecht, nimm's nicht übel.«
Mathias gab ihm schüchtern seine kalte und zitternde Hand.
»Obgleich . . . obgleich,« fuhr Bernhard fort, »Du mich nicht liebst, Mathias!«
»Ah, heiliger Gott!« rief der Landstreicher aus, »was sagen Sie, Herr Bernhard?«
»Und, daß Du lügst, so oft Du den Mund auftust.«
»Gut,« erwiderte Mathias, »wir wollen annehmen, ich habe gelogen. Was liegt mir daran, ob der Pariser der gute Freund der Mamsell Katharine ist, oder nicht, ob er ihr in seinem Tilbury entgegen fährt, oder nicht, da Herr Raisin, der tut, was Herr Chollet will, weil er hofft, er werde seine Tochter Euphrosine heiraten, Petern entlassen, und mich an die Stelle angenommen hat . . . Ich muß selbst sagen, daß es besser für mich ist, wenn man nicht weiß, daß ich, aus Freundschaft gegen Sie, den Brief aus der Tasche des Alten genommen habe. Der Peter ist ein Duckmäuser; und wenn der Eber gereizt wird, das wissen Sie, Herr Bernhard, dann muß man sich vor den Hauern in Acht nehmen.«
Während Bernhard in Gedanken den Brief mit den Händen zerknitterte, hörte er auf Mathias, obgleich es gar nicht so aussah.
Plötzlich wendete er sich zu diesem, stampfte mit dem Fuße und dem Flintenkolben auf und sagte:
»Mathias, Du bist ausgemacht ein. . .«
»Mäßigen Sie sich nicht, Herr Bernhard,« sagte Mathias mit seinem halb einfältigen, halb boshaften Wesen; »es ist nicht gut, wenn man sich Gewalt anthut.«
»Du bist ein Halunke,« sagte Bernhard; »packe Dich!«
Und er that einen Schritt gegen den Vagabunden, um ihn mit Gewalt hinaus zu bringen, wenn er nicht gutwillig gehen wollte; aber Mathias setzte ihm nach seiner Gewohnheit keinen Widerstand entgegen. Nach dem einen Schritt, den Bernhard vorwärts tat, schritt er zwei rückwärts, aber während er sich entfernte, und hinter sich sah, um die Türe nicht zu verfehlen, erwiderte er:
»Vielleicht hätte ich einen andern Dank verdient, aber das ist so Ihre Art . . . Jeder nach seiner Art, wie man sagt. Auf Wiedersehen, Herr Bernhard, auf Wiedersehen.«
Auch aus der Türe rief er noch einmal in einem Tone, in welchem sein alter und neuer Haß zu erkennen war: »Hören Sie, ich sage auf Wiedersehen!«
Dabei beschleunigte er seinen gewöhnlich langsamen und schläfrigen Schritt, sprang über den Graben und ging tief hinein in den Schatten der großen Bäume, wo er verschwand.
Siebentes Kapitel
Eifersucht
Das Auge Bernhards folgte dem Mathias nicht auf der Flucht, sondern richtete sich auf den Brief zurück.
»Ja,« murmelte er; »ich begreife ganz gut, daß er als Pariser den Brief geschrieben hat; er zweifelt an Nichts; aber daß sie nur auf dem Wege zurückkommen sollte, den er ihr angiebt, daß sie einen Platz in seinem Tilbury annehmen sollte, kann ich nicht glauben! Ah! Du bist es, Franz; sei willkommen.«
Diese Worte galten dem jungen Manne, von dem wir sowohl die Türe des Vaters Wilhelm Watrin, als auch das erste Kapitel unsres Romans eröffnen ließen.
»Ja, ich bins,« sagte er. »Ich wollte nur sehen, ob Dich nicht etwa der Schlag gerührt hätte.«
»Noch nicht,« sagte Bernhard, welcher seine Lippen zusammenkniff.
»Dann, vorwärts!« fuhr Franz fort. »Robineau, la Feuille, la Jeunesse und Berthelin sind schon beim Hirschsprunge, und wenn Vater Knurrbart uns hier noch findet, bekommen wir unser Teil, aber nicht von dem Wildschwein.«
»Komme erst her!« sagte Bernhard.
Diese Worte wurden rau und befehlerisch gesprochen, was so wenig mit der Gewohnheit Bernhards übereinstimmte, daß Franz ihn erstaunt ansah; als er da das bleiche Gesicht, die erregten Züge und den Brief erblickte, den Jener in der Hand hielt, und der die Ursache der plötzlichen Veränderung des Gesichts und des Wesens des jungen Mannes zu sein schien, trat er halb lächelnd, halb besorgt näher, legte die Hand an die Mütze, wie Soldaten, die einen Vorgesetzten grüßen und sagte:
»Zu Befehl!«
Da das Auge Franzens aus den Brief gerichtet war, hielt Bernhard die Hand mit dem Papiere auf den Rücken und fragte, während er die andere auf Franzens Schulter legte:
»Was sagst Du vom Pariser?«
»Von dem jungen Manne, der beim Holzhändler Raisin ist?«
»Ja.«
Franz bewegte beifällig den Kopf und schnalzte mit der Zunge.
»Ich sage, daß er sehr gut gekleidet geht,« erwiderte er; »und immer nach der neuesten Mode, wie es scheint.«
»Es handelt sich nicht um seine Kleidung.«
»So meinst Du sein Gesicht? Nun, er ist ein ganz hübscher Mann, das muß Jeder sagen,« antwortete Franz.
»Ich rede gar nicht von seinem Körperlichen,« fiel Bernhard ungeduldig ein, »sondern von seinem Charakter.«
»Charakter?« entgegnete Franz, der durch den Ton seiner Stimme schon andeutete, daß, wenn von dem Charakter die Rede sei, seine Meinung sich sehr ändern werde.
»Ja, von dem Charakter,« wiederholte Bernhard.
»Nun, als Mädchenjäger scheint er gar nicht ungeschickt zu sein,« sagte Franz.
»Mir sehr gleichgültig,« entgegnete Bernhard, der die Faust ballte; »er mag sich nur in Acht nehmen, nicht in mein Gehege zu kommen.«
Bernhard hatte diese Worte in so drohendem Tone gesprochen, daß Franz ihn ganz bestürzt ansah.
»Was hast Du nur?« fragte er.
»Komm noch näher.«
Franz gehorchte. Bernhard legte seinen rechten Arm um den Nacken des Freundes und hielt ihm mit der linken Hand den Brief Chollets vor die Augen.
»Was sagst Du zu dem Briefe?« fragte er.
Franz sah erst Bernhard, dann den Brief an und endlich las er:
»Liebe Katharine . . .«
»Oho,« unterbrach er sich; »ist das Deine Cousine?«
»Ja,« antwortete Bernhard.
»Ich glaube doch, er bekäme die Mundsperre nicht, wenn er »Mademoiselle Katharine« sagte, wie alle andern.«
»Lies nur weiter; Du bist noch nicht zu Ende.«
Franz las und begann einzusehen, um was es sich handele:
»Liebe Katharine, ich erfahre, daß Sie nach anderthalbjähriger Abwesenheit zurückkommen werden, in welcher ich Sie bei meinen kurzen Reisen nach Paris kaum sehen, viel weniger mit Ihnen sprechen konnte. Ich brauche Ihnen Wohl nicht zu sagen, daß in diesen anderthalb Jahren Ihr reizendes Gesichtchen mir nicht aus dem Sinne gekommen ist, und daß ich diese ganze Zeit über nur an Sie gedacht habe. Da ich Ihnen nun so bald als möglich mündlich sagen möchte, was ich Ihnen schreibe, so werde ich Ihnen bis Gondreville entgegenkommen, und ich hoffe, daß Sie nach Ihrer Rückkehr billiger denken werden, als vor Ihrer Abreise, da Sie in der Pariser Luft hoffentlich den Bauernlümmel Bernhard Watrin ganz vergessen haben.
»Ihr Verehrer bis an den Tod,»Louis Chollet.«
»Das hat der Pariser geschrieben?« fragte Franz.
»Zum Glück! »den Bauernlümmel Bernhard Watrin!« Du hast es gelesen.«
»Nun ja, aber . . . Mamsell Katharine . . .?«
»Das frage ich auch, Franz.«
»Glaubst Du, daß er ihr wirklich entgegen gefahren ist?«
»Warum nicht? Solche Stadtherren zweifeln an gar Nichts, und warum sollte er auf einen Bauernlümmel Rücksicht nehmen?«
»Und Du. . .?«
»Ich?«
»Du weißt doch, wie Du mit Mamsell Katharine stehst.«
»Das wußte ich, ehe sie nach Paris ging, aber wie es bei ihrem anderthalbjährigen Aufenthalte dort geworden, kann ich nicht wissen.«
»Du hast sie ja besucht.«
»Zweimal; seit acht Monaten sah ich sie nicht und in acht Monaten kann in einem Mädchenkopfe sehr viel vorgehen.«
»Pfui! das ist ein schlechter Gedanke,« sagte Franz. »Ich kenne Mamsell Katharine auch und wollte mich für sie verbürgen.«
»Franz! Franz! Die Beste ist, wenn auch nicht falsch, doch gefallsüchtig. Dieses anderthalbe Jahr in Paris. . . ach!«
»Ich sage Dir, Du wirst sie wiederfinden, wie Du sie bei dem Abschiede verlassen hast.«
»Wenn sie sich zu ihm in das Tilbury setzt, sitzt Du , . .,« fiel Bernhard mit drohender Gebärde ein.
»Was wäre dann?« fragte Franz erschrocken.
»Die beiden Kugeln in dem Gewehr,« antwortete Bernhard, »die ich des Wildschweins wegen mit dem Kreuze gezeichnet habe . . .«
»Nun?«
»Eine davon wäre für ihn und die zweite für mich . . . Komm!«
»Bernhard! Bernhard!« sagte Franz, der sich mitzugehen sträubte.
»Komm! Komm!« wiederholte Bernhard ungestüm. Er zog ihn mit sich fort, blieb aber plötzlich stehen, denn in der Türe trat ihm seine Mutter entgegen.
»Sehr gut!« sagte Franz und er rieb sich die Hände, weil er hoffte, die Anwesenheit der Mutter würde die Vorsätze Bernhards ändern.
Die gute Frau trat lächelnd mit einer Tasse Kaffee in der Hand ein. Sie brauchte aber nur mit einem Blicke den Sohn anzusehen, um mit dem Muttergefühle sofort zu erkennen, daß etwas Ungewöhnliches in ihm vorgehe. Sie ließ sich indes nichts merken und sagte mit ihrem gewöhnlichen Lächeln:
»Guten Morgen, Bernhard.«
»Guten Morgen, Mutter!« antwortete Bernhard, dann wollte er fortgehen, sie hielt ihn aber auf und fragte:
»Wie hast Du geschlafen?«
»Sehr gut, Mutter.«
»Du gehst schon?« fuhr sie fort.
»Sie warten am Hirschensprung auf mich und Franz wollte mich holen.«
»Es hat keine Eile,« fiel Franz ein; »sie mögen warten. Zehn Minuten mehr oder weniger macht doch nichts aus.«
Bernhard that wieder einen Schritt.
»So warte doch einen Augenblick,« sagte die Mutter;
»ich habe Dir ja kaum guten Morgen gesagt. – Es ist recht trübes Wetter,« setzte sie mit einem Blicke nach dem Himmel hinzu.
»Es wird sich schon aufhellen,« antwortete Bernhard. »Adieu, Mutter.«
»So warte doch und genieße etwas, ehe Du gehst.«
Dabei reichte sie dem Sohne die Tasse Kaffee, die sie für sich selbst bereut hatte.
»Ich danke, Mutter; ich habe keinen Appetit,« antwortete Bernhard.
»Du trinkst ja den Kaffee so gern, gerade wie Katharine,« fuhr die Mutter fort.
Bernhard schüttelte den Kopf.
»Du willst nicht? Nun, so nimm wenigstens einen Schluck. Er wird mir dann besser schmecken.«
»Gute Mutter!« sagte Bernhard, der die Tasse nahm und sie wieder hinstellte, nachdem er einen Schluck daraus getrunken hatte.
»Zitterst Du nicht, Bernhard?« fragte die Mutter besorgt.
»Im Gegenteil, ich habe nie eine sicherere Hand gehabt; sieh einmal.«
Er warf sein Gewehr aus der rechten in die linke Hand, und um die Kette zu zerreißen, woran er sich gefesselt fühlte, setzte er hinzu:
»Adieu, für diesmal, Mutter. Ich muß nun fort.«
»Wenn Du nicht anders willst, so gehe, aber bleibe nicht lange; Du weißt, daß Katharine früh kommt.«
Bernhard wollte fort, in der Türe aber begegnete ihm der Vater.
»Nun auch der Vater!« dachte er, und trat einen Schritt zurück.
Vater Watrin kam mit der Pfeife im Munde Zurück, wie er gegangen war, aber sein graues Auge glänzte. Er sah Bernhard gar nicht, oder stellte sich wenigstens als sähe er ihn nicht; er sagte zu Franz:
»Bravo! Bravo! Du weißt, daß ich keine Komplimente mache.«
»Im Gegentheil,« antwortete Franz, der ein Lachen nicht unterdrücken konnte, obwohl es ihm nicht leicht ums Herz war. »Nicht wahr, es ist so, wie ich gesagt habe?«
»Alles.«
Bernhard machte wieder eine Bewegung hinaus zu gehen, da sein Vater nicht auf ihn zu achten schien, aber diesmal hielt ihn Franz zurück.
»Bernhard,« sagte er; »'s ist wegen des Wildschweins.«
»Ja,« antwortete Bernhard; »wir haben keine Zeit zu verlieren. Adieu!«
»Setze Dich keiner unnötigen Gefahr aus, Bernhard,« empfahl die Mutter.
Watrin sah seine Frau mit dem stillen Lächeln an, dazwischen den aufeinandergedrückten Zähnen gar nicht durchkommen zu können schien, und sagte:
»Nun, Mutter, wenn Du für ihn schießen willst, kann er in der Küche bleiben. – Eine Jägersfrau! Schäme Dich.«
Bernhard war unterdessen zu Franz getreten und sagte:
»Nicht wahr. Du entschuldigst mich bei den Andern?«
»Warum?«
»Weil ich nicht mitgehe. Ich muß nach Gondreville zu.«
»Bernhard!« rief Franz und faßte den jungen Mann am Arme.
»Schon gut.« antwortete dieser; »ich bin doch mündig und kann tun, was mir beliebt.«
Er fühlte, daß eine Hand sich auf seine Achsel legte, drehte sich um und fragte:
»Was, Vater?«
»Dein Gewehr ist geladen?«
»Ja.«
»Zwischen die Schulter schießest Du.«
»Ich kenne die Stelle,« antwortete Bernhard und er reichte dem Vater, dann der Mutter die Hand zum Abschiede worauf er hinaus eilte, während Vater Watrin seine Frau ansah und dann mit einer gewissen Besorgnis frage:
»Was hat der Junge heute. Mutter? Er sieht mir ganz anders aus wie sonst.«
»Mir kommt er auch so vor,« antwortete die Mutter »Du solltest ihn zurückrufen, Alter.«
»Warum? um zu fragen, ob er schlechte Träume gehabt hat?«
Er trat darauf in die Türe, die Hände in den Taschen, die Pfeife in dem Munde und rief Bernhard nach: »Hörst Du? Zwischen die Schulter treffen?
Bernhard hatte aber Franz schon verlassen, der allein nach dem Hirschsprung ging. Gleichwohl antwortete eine Stimme, die Stimme Bernhards, aber in einem Tone, welcher den Alten erschreckte:
»Ja, ja, Vater; ich weiß schon, wohin die Kugel gehört.«
»Gott sei mit dem Kinde!« sagte die Mutter, die das Kreuz schlug.
Achtes Kapitel
Vater und Mutter
Watrin und seine Frau sahen einander um, als sie allein waren; dann sprach der Vater mit sich selbst, als könne die anwesende Mutter ihm durchaus keine Aufklärung geben und fragte:
»Was will der Bernhard auf dem Wege nach der Stadt vornehmen?«
»Auf dem Wege nach der Stadt?« fragte die Frau. »Er geht nach der Stadt zu?«
»Ja, und auf dem kürzesten Wege, durch den Wald.«
»Weißt Du das gewiß?«
»Frage nicht so töricht,« entgegnete der Alte, der nicht zu wissen schien, ob er Franz zurückrufen oder selbst zu dem Sammelplatze gehen solle. Die Frau hielt ihn zurück und sagte:
»Bleibe da, Alter, ich habe mit Dir zu reden.«
»Vater Watrin sah sie von der Seite an; sie nickte bestätigend.
»Wenn man Dich anhören wollte, Du hättest immer etwas zu sagen; es ist nur nicht immer gewiß, ob's des Anhörens wert ist.«
Er wollte jetzt wirklich hinaus gehen, die Frau aber hielt ihn zum zweiten Male zurück.
»So bleibe doch,« sagte sie, »da ich Dir etwas zu sagen habe.«
Watrin blieb, aber in sichtlicher Ungeduld.
»Was willst Du?« fragte er.
»So sei doch geduldig! Bei Dir soll man immer fertig sein, ehe man anfängt.«
»Hm!« antwortete Watrin, der mit einem Mundwinkel zu lächeln versuchte. »Man weiß wohl, wenn Du anfängst, aber nicht, wenn Du aufhörst. Du fängst bei dem alten Schielax an und hörst bei dem Großtürken auf.«
»Dies Mal werde ich mit Bernhard anfangen und aufhören. Bist Du zufrieden?«
»Schieß nur los!« antwortete Watrin, der die Arme, ergeben in sein Schicksal, übereinander schlug.
»Du hast selbst gesagt, Bernhard wäre nach der Stadt zu gegangen.«
»Ja.«
»Auf dem kürzesten Wege durch den Wald.« »Nun? Weißt Du etwa, wohin er gegangen ist? Wenn Du es weißt, so sag's, daß die Sache ein Ende hat – Du siehst, ich höre Dich an. Wenn Du's nicht weißt, verlohnte es nicht die Mühe, mich aufzuhalten.«
»Jetzt redest Du, was nicht nötig ist.«
»Ich bin schon ganz still,« sagte Watrin.
»Er ist in die Stadt gegangen . . .« begann die Frau.
»Um Katharine schneller zu sehen? Wenn das Deine Neuigkeit ist, so behalte sie in Gottes Namen für Dich.«
»Du bist auf dem Holzwege. Er ist nicht in die Stadt gegangen, um Katharine früher zu sehen.«
»Warum ist er sonst in die Stadt gegangen?«
»Um Mamsell Euphrosine zu sehen.«
»Die Tochter des Holzhändlers, die Tochter des Maire, die Tochter Raisins? Geh weg!«
»Ja, wegen der Tochter Raisins, des Holzhändlers und Maires.«
»Hör' auf!«
»Warum denn?«
»Hör' auf, sag' ich.«
»Hab' ich doch in meinem Leben keinen solchen Menschen gesehen!« entgegnete Mutter Watrin, welche die Hände in Verzweiflung zusammenschlug. »Niemals einen Grund. Mache ich das so, habe ich Unrecht; mache ich es anders, habe ich Unrecht; rede ich, soll ich still sein; sage ich Nichts, hätte ich den Mund auftun sollen. Du mein lieber Gott, warum hat man denn die Zunge, als daß man sagen soll, was man auf dem Herzen hat?«
»Nun,« antwortete Watrin, indem er die Frau schelmisch ansah, »ich denke, Du lässt Deine Zunge nicht einrosten.«
Als wisse er, was er wissen wollte, fing Watrin an, seine Pfeife frisch zu stopfen und pfiff dazu ein Jagdstückchen, um,. wie es schien, dadurch seine Frau aufzufordern, nicht Weiter zu reden. Diese ließ sich aber so leicht nicht abschrecken. Sie fuhr fort:
»Wenn ich Dir nun sage, daß mir's das Mädchen selbst gesagt hat.«
»Wann?« fragte Watrin lakonisch.
p»Am vorigen Sonntage, auf dem Wege aus der Messe.«
»Was hat sie gesagt?«
»Sie sagte . . . Willst Du mich anhören oder nicht?«
»Ich höre ja schon.«
»Also sie sagte: »Wissen Sie, Madame Watrin, daß Ihr Bernhard recht unternehmend ist?«
»Der Bernhard?«
»Ich wiederhole nur ihre Worte: »Wenn ich vorbei gehe, sieht er mich an, so an, daß ich nicht wüßte, wohin ich die Augen tun sollte, wenn ich den Fächer nicht hätte.«
»Hat sie Dir denn auch gesagt, daß Bernhard mit ihr gesprochen?«
»Davon hat sie Nichts gesagt.«
»Also!«
»So warte doch nur! Mein Gott, bist Du ein ungeduldiger Mensch! Sie sagte noch: »Wir werden Sie in diesen Tagen einmal besuchen, Madame Watrin, aber sorgen Sie dafür, daß dann Ihr Sohn nicht da ist; ich käme in gar zu große Verlegenheit, denn, das gestehe ich, hübsch ist Ihr Sohn.«
»Und das kitzelt Dich, Alte, nicht wahr?« fiel Watrin achselzuckend ein. »Das schmeichelt Deiner Eitelkeit, wenn ein Stadtmädchen, die Tochter des Maire, Dir sagt, Dein Bernhard sei hübsch?«
»Gewiß.«
»Und dann geht die Einbildung gleich mit dem Verstand durch; . . . da werden, Pläne gemacht . . .«
»Warum denn nicht?«
»Du denkst Dir den Bernhard schon als Schwiegersohn des Maire. . .«
»Und wenn er die Tochter heirathete . . .«
»Na!« fiel Vater Watrin ein, indem er mit der einen Hand die Mütze abnahm und mit der andern einen Büschel seiner grauen Haare faßte, als wolle er sie ausraufen, »und man soll nicht aus der Haut fahren, wenn man solche Dinge anhören muß!«
Als habe Watrin auch nicht ein Wörtchen gesagt, fuhr die Frau fort:
»Wenn ich nun sage, Herr Raisin selbst hat mich erst gestern angeredet, als ich vom Markte kam, und gesagt: »Madame Watrin, Sie sollen ja die Kaninchen so vortrefflich zurichten; ich werde mich einmal ohne Umstände zu einem solchen Gerichte einladen?«
»Und die Absicht davon suchst Du nicht?« fragte der Alte, der gewaltige Rauchwolken um sich blies, wie er es nur zu tun pflegte, wenn er hitzig zu werden anfing, so daß er endlich, wie Jupiter der Donnerer, in Wolken verschwand.
»Nein,« antwortete die Frau, die nicht einsah, wie die Worte, die sie eben wiederholt hatte, noch einen andern geheimen Sinn haben könnten.
»So will ich Dir's erklären.«
Da die Erklärung lang sein mußte, so nahm Vater Watrin, wie bei allen feierlichen Gelegenheiten, die Pfeife aus dem Munde, hielt die Hand auf den Rücken, drückte die Zähne noch mehr zusammen, als gewöhnlich, und begann:
»Der Herr Maire ist gescheit, pfiffig und klug und besitzt gerade nur so viel Ehrlichkeit, um nicht gehangen zu werden. Wenn er durch seine Tochter mit Dir von Deinem Sohne reden ließe und selbst mit Dir von Deinem Kaninchengerichte spräche, meint er, würdest Du mir die Schlafmütze über die Ohren und die Augen ziehen, damit ich nichts merke, wenn er eine Buche oder eine Eiche umschlagen lässt, die ihm nicht gehört . . . Aber damit ist's nichts, Herr Maire . . . Wenn Sie das Gras von den Stadtwiesen für Ihre Pferde holen lassen, so geht das mich Nichts an, aber Komplimente mögen Sie mir machen, so viel Sie wollen, Sie dürfen keine Ruthe mehr aus dem Walde nehmen, als Sie gekauft haben.«
Die Frau war zwar nicht überführt, machte aber eine Bewegung mit dem Kopfe, welche bedeutete, es könne allerdings etwas Wahres in dem sein, was der Alte sage.
»Nun meinetwegen,« sagte sie mit einem Seufzer; »wir wollen davon nicht weiter reden, aber leugnen wirst Du nicht, daß der Pariser in Katharine verliebt ist?«
»Na,« fiel Watrin ein, und that, als wolle er seine Pfeife an den Boden werfen, »nun kommen wir gar aus dem Regen in die Traufe.«
»Warum das?« fragte die Frau.
»Bist Du fertig?«
»Noch nicht.«
»Da,« sagte Vater Watrin, indem er in die Tasche griff, »das Übrige kaufe ich Dir mit dem Geldstücke da ab . . . unter der Bedingung, daß Du Nichts mehr sagst.«
»Was hast Du gegen ihn?«
Watrin nahm wirklich das Geld aus der Tasche.
»Gilt der Handel?« fragte er.
»Er ist doch ein schöner, junger Mensch,« fuhr die Frau hartnäckig fort.
»Zu schön,« antwortete Watrin.
»Reich,« fuhr die Frau fort.
»Zu reich.«
»Galant.«
»Zu galant, viel zu galant! Seine Galanterie könnte ihn einmal um die Ohrläppchen, wenn nicht um die ganzen Ohren bringen.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Das ist auch nicht nöthig und mir sehr gleichgültig, wenn ich nur weiß, was ich will.«
»Das mußt Du aber zugeben, daß es eine schöne Partie für Katharine wäre.«
»Für Katharine?« wiederholte Vater Watrin. »Für Katharine ist Nichts zu schön.«
Die Alte machte eine fast verächtliche Gebärde.
»Du willst doch nicht etwa sagen, das Mädchen sei nicht schön?«
»I, schön ist sie, ja, wie der liebe Tag.«
»Oder sie sei nicht keusch und züchtig?«
»Die heilige Jungfrau ist nicht reiner, als sie.«
»Sie sei nicht reich?«
»Nun, wenn's Bernhard zufrieden ist, bekommt sie die Hälfte von dem, was wir haben,« »
Vater Watrin lächelte still und antwortete:
»Du kannst ganz ruhig sein, Bernhard wird Nichts dagegen haben.«
»Das ist nicht Alles,« fuhr die Frau kopfschüttelnd fort.
»Was noch?«
»Die Religionssache,« antwortete die Frau mit einem Seufzer.
»Nun ja, weil Katharine protestantisch ist, wie ihr armer Vater. Immer die alte Leier.«
»Es wird gar nicht viel Leute geben, die eine Ketzerin gern in ihrer Familie sehen.«
»Eine Ketzerin wie Katharine? Da bin ich ganz anders gesinnt, denn ich danke dem lieben Gott jeden Morgen, daß sie in unserer Familie ist.«
»Ketzer sind Ketzer,« fuhr die Frau mit einer Bestimmtheit fort, welche einem Theologen des sechzehnten Jahrhunderts Ehre gemacht haben würde.
»Das weißt Du?«
»Der Herr Bischof von Soissons hat es in der letzten Predigt gesagt, die ich von ihm gehört, alle Ketzer würden verdammt.«
»Was der Herr Bischof sagt, hat bei mir nicht mehr Werth, als die Tabakasche in meiner Pfeife da,« antwortete Vater Watrin, indem er den Kopf seines Pfeifenstummels auf dem Daumennagel ausklopfte. »Hat nicht der Abbé Gregoire, nicht bloß in seiner letzten Predigt, sondern in allen seinen Predigen gesagt, alle guten Menschen kämen in den Himmel?«
»Das wohl,« entgegnete die Frau hartnäckig, »aber der Bischof muß das besser wissen, weil er Bischof und der Abbé nur Abbé ist.«
»Na,« sagte Vater Watrin, der die Pfeife frisch gestopft hatte und in Ruhe rauchen zu wollen schien, »bist Du nun fertig?«
»Ja, und ich habe Katharinen doch auch lieb.«
»Das weiß ich.«
»Als wäre sie meine eigene Tochter.«
»Daran zweifle ich nicht.«
»Und dem sollte es schlecht bekommen, der schlecht von ihr spräche oder ihr etwas zu Leid täte.«
»Gut. Run noch einen Rath, Mutter.«
»Welchen?«
»Du hast genug geredet.«
»Ich?«
»Ich glaub's . . . Künftig rede nicht mehr, als man Dich fragt, oder . . . tausend Millionen Donnerwetter!«
»Was ich getan habe, habe ich getan, eben weil ich Katharinen gerade so lieb habe wie Katharine,« entgegnete die Frau, die, wie Frau von Sévigné, das Interessanteste für das Postscriptum aufgespart zu haben schien.
»Da soll doch gleich . . .!« fuhr Watrin fast erschrocken auf; »Du willst noch nicht genug geschwatzt haben?
getan hast Du etwas? Was hast Du getan? Laß hören.«
Watrin steckte den Pfeifenstummel, der gestopft, aber noch nicht wieder angezündet war, weit in den Mund hinein, schlug die Arme auf der Brust über einander und wartete.
»Wenn Bernhard Mamsell Euphrosinen und der Pariser Katharinen heiratete . . .« begann die Frau.
»Schon gut! Was hast Du getan?« fragte der Alte.
». . . Würde mich der alte Watrin gewiß nicht »dumme Gans« schimpfen, wie er es oft thut.«
»Schieß los! Schieß los! Was hast Du getan?«
»Ich habe zu dem Herrn Maire gesagt: »Nun, Herr Maire, morgen ist doppeltes Fest bei uns: Kirchweih in Corcy und Ankunft meiner Nichte Katharine. Kommen Sie also morgen, um meine Kaninchen zu kosten, mit Mamsell Euphrosine und Herrn Chollet. Wenn's schön Wetter ist, gehen wir dann zusammen nach Corcy.«
»Und das hat er angenommen, nicht wahr?« fragte Watrin, der so heftig auf die Pfeife biß, daß wieder ein Stück abbrach.
»Ohne allen Stolz.«
»Die alte dumme Frau!« rief Watrin in Verzweiflung aus. »Sie weiß, daß ich ihren Maire nicht ausstehen kann; sie weiß, daß ich die zimperliche Euphrosine nicht riechen mag; sie weiß, daß ich dem Pariser von weitem aus dem Wege gehe, und ladet mir doch die ganze Gesellschaft in's Haus! Und wann? Zu einem Festtage.«
»Nun,« entgegnete die Frau, die froh war, ihre Sünde bekannt zu haben, »eingeladen sind sie nun.«
»Ja wohl, eingeladen sind sie!«
»Absagen können wir es nicht lassen.«
»Leider nicht; aber das weiß ich, daß mir nun heute kein Bissen schmeckt. . . Adieu!«
»Wo willst Du hin?« fragte die Frau.
»Ich will sehen, ob das Schwein tot ist. Ich hörte einen Schuß.«
»Alter!« sagte die Frau bittend.
»Nein!«
»Wenn ich's nicht recht gemacht habe . . .«
»Das hast Du . . .«
»So nimm's nicht übel, Wilhelm; ich hatte die beste Absicht dabei.«
»Mit guten Absichten und Vorsätzen ist der Weg zur Hölle gepflastert.«
»So höre doch. . .«
»Laß mich in Frieden, oder . . .« und Watrin erhob die Hand.
»Oho,« entgegnete die Frau, »das ist mir einerlei. Du darfst so nicht fortgehen, Du darfst mich nicht im Zorn verlassen. Wenn in unserem Alter Eins von dem Andern geht, weiß nur der liebe Gott, ob man einander wieder sieht.«
Und große Thränen rannen über ihr Gesicht.
Watrin sah die Thränen, die in seinem Hause sehr selten waren. Er zuckte die Achseln, trat zu seiner Frau und sagte:
»Alte dumme Frau, gegen den Maire bin ich aufgebracht, nicht gegen meine Alte. Komm her, Plappertasche, und gieb mir einen Schmatz,« setzte er hinzu, indem er die Gefährtin in die Arme schloß, den Kopf aber mit der Pfeife zur Seite wendete.
»Horch! Was ist das?« unterbrach er sich.
Ein Wagen rollte auf der Straße draußen und fuhr an die Türe des neuen Hauses heran; zu gleicher Zeit hörte man eine jugendliche, heitere Stimme, die rief:
»Vater! Mutter! Ich bin's!«
Bei diesen Worten sprang ein schönes Mädchen von etwa achtzehn Jahren von dem Wagentritte und auf die Schwelle des Hauses.
»Katharine'« riefen die beiden Alten im Hause, und eilten der Ankommenden mit offenen Armen entgegen.
Neuntes Kapitel
Die Rückkehr
Es war wirklich Katharine Blum, die von Paris zurückkam.
Sie war, wie wir schon sagten, ein schönes Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren, schlank wie ein Rohr, und die liebliche deutsche Sanftmut sprach sich in ihrem ganzen Wesen aus, wie das blonde Haar, die blauen Augen und die zarte Weichheit der Wangen die deutsche Abkunft verriet.
Zuerst sank sie in die ihr sich entgegenstreckenden Arme des Vaters Watrin, weil sie wahrscheinlich wußte, daß er sie am innigsten liebte. Dann kam die Reihe des Umarmens auch an die Mutter. Unterdeß sah sich Watrin um, denn er konnte es nicht begreifen, daß Bernhard jetzt fehlen sollte, da Katharine da war.
Gleich darauf vernahm man draußen Jubel und Fanfaren, denn Franz brachte mit den Kameraden den erlegten Eber.
Vater Watrin schwankte einen Augenblick, ob er Katharine noch ein Mal umarme oder hinauseile, um die Jagdbeute zu sehen, da er nicht zweifeln konnte, daß man das Wildschwein bringe.
In dem Augenblicke, als er sich für das Letztere entscheiden zu wollen schien, kamen die Jäger am Hause an, und trugen das mit den vier Beinen zusammen- und angebundene Thier an einer Stange.
Diese Erscheinung lenkte die Aufmerksamkeit der Alten von Katharinen für den Augenblick ab, die Jäger aber stimmten bei dem Anblicke des Mädchens ein freudiges Hurra an.
Wir dürfen indes nicht verschweigen, daß Vater Watrin, nachdem er die alte und die neue Wunde des Wildschweins besichtigt, und seine Anweisung über das Ausweiden und Verteilen gegeben hatte, seine Aufmerksamkeit sofort wiederum der Nichte zuwendete.
Franz seinerseits, der sich freute, Katharinen wieder zu sehen, welche er von ganzem Herzen liebte, der sich namentlich freute, daß sie lachte, folglich nichts Schlimmes geschehen sein sollte, erklärte, er glaube genug getan zu haben, und werde bei Katharinen bleiben. Die Folge davon war, daß sich bald eine sehr lebhafte Unterhaltung entspann.
Vater Watrin sah sich endlich genöthigt, einige Ordnung wenigstens in das Reden zu bringen.
»Wie geht es zu,« fragte er. »daß Du so bald, und über Ferté-Milon kommst?«
Franz spitzte bei dieser Frage die Ohren, denn er erfuhr durch dieselbe was er noch nicht wußte, daß Katharine nämlich nicht über Gondreville gekommen.
»Ja,« fragte auch die Mutter, »wie geht es zu, daß Du früh um sieben, statt um zehn Uhr kommst?«
»Das will ich Euch erklären, lieber Vater und liebe Mutter,« antwortete das Mädchen. »Ich bin anstatt mit der Post von Villers-Cotterets, mit der von Meaux und la Ferté-Milon gekommen, die um fünf Uhr von Paris abfährt, anstatt um zehn Uhr wie die andere.«
»Gut,« murmelte Franz sichtbar zufrieden, nun ist der Pariser mit seinem Tilbury doch umsonst gefahren.«
»Und warum bist Du so gefahren?« fragte Watrin, dem es nie recht war, wenn man einen Umweg statt des geraden Weges, unnötig vier Stunden zu viel machte.
»Nun,« sagte Katharine, die in ihrer Unschuld über die Lüge errötete, es war kein Platz mehr in der Post von Villers-Cotterets.«
»Ja. ja,« sagte Franz leise, »weil Du einen Gedanken hattest, Engel, für den Dir Bernhard danken wird.«
»Aber sieh sie nur an!« rief Mutter Watrin, die nun ins Einzelne einzugehen anfing; »um einen ganzen Kopf ist sie größer geworden.«
»Warum nicht auch noch mit um einen Hals!« sagte Watrin, der die Achseln zuckte.
»Nun,« sagte Mutter Watrin mit der Hartnäckigkeit, die bei ihrem Charakter ganz natürlich war, und die sie bei den kleinsten, wie bei den größten Dingen sehen ließ; »das ist leicht nachzuweisen; bei ihrer Abreise habe ich sie gemessen, das Zeichen ist an der Türepfoste, da, ich habe es alle Tage angesehen. Komm, Katharine, wir wollen sehen.«
»Wir haben also den armen Alten nicht vergessen?« sagte Vater Wilhelm, der Katharinen zurückhielt.
»O kannst Du fragen, lieber Vater?« entgegnete das Mädchen.
»Komm, Katharine, an's Zeichen,« rief die hartnäckige Alte.
»Wirst Du mit Deinen Dummheiten schweigen, Alte!« lief Watrin und er stampfte mit dem Fuße auf.
»Ja doch,« murmelte Franz, der die Mutter Watrin ganz gut kannte, »sie und schweigen!«
»Bin ich denn wirklich so sehr gewachsen?« fragte Katharine den Vater.
»Komm an die Türe, da wirst Du es sehen,« sagte die Mutter.
»Alter Eigensinn!« sagte Watrin; »sie läßt nicht ab. So geh' denn an die Türe, Katharine, sonst wird den ganzen Tag kein Frieden.«
Katharine ging lächelnd an die Türe und stellte sich an ihr Zeichen, das hinter ihrem Kopfe verschwand.
»Seht ihr, was ich sagte,« rief triumphierend Mutter Watrin; »mehr als ein Zoll.«
»Freilich keinen ganzen Kopf, aber es schadet nichts.«
Als Katharine ihre Tante zufrieden gestellt hatte, kehrte sie zu Watrin zurück, der sie fragte:
»Du bist also die ganze Nacht gereist?«
»Ja, die ganze Nacht, Vater,« antwortete das Mädchen.
»Dann, armes Kind,« sagte die Mutter, »mußt Du ja wie gerädert und halb verhungert sein! . . . Was willst Du? Kaffee, Wein, Fleischbrühe? Der Kaffee würde das beste sein; ich will ihn Dir selbst kochen.«
Mutter Watrin durchsuchte alle ihre Taschen.
»Wo sind denn meine Schlüssel? Weiß ich nun nicht mehr, was ich mit meinen Schlüsseln gemacht habe. Sind meine Schlüssel verloren! Wohin habe ich nur meine Schlüssel gelegt? Warte nur, warte!«
»Wenn ich Dir sage, daß ich Nichts bedarf, liebe Mutter!«
»Nichts, nachdem Du eine Nacht im Wagen zugebracht hast? Wenn ich nur wüßte, wo meine Schlüssel sind.«
»Und Mutter Watrin wendete ihre Taschen noch ein Mal um.
»Das ist wirklich unnötig,« sagte Katharine.
»Da sind meine Schlüssel,« rief die Mutter. »Es wäre nicht nötig? Ich weiß das besser, als Du; wenn man gereist ist, und vorzüglich des Nachts, muß man sich stärken. Die Nacht ist keines Menschen Freund! Jetzt sind noch dazu die Nächte kühl. – —Und früh um acht Uhr noch nichts Warmes im Magen! Du sollst Deinen Kaffee im Augenblick haben, mein Kind, Du sollst ihn gleich haben.«
Und die gute Alte lief hinaus.
»Endlich,« sagte Wilhelm Watrin, der ihr mit dem Blicke folgte. »Gott sei Dank!«
»Mein gutes, liebes Väterchen,« sagte Katharine die ihrer Zärtlichkeit gegen den Alten jetzt freien Lauf ließ, da sie nicht mehr zu fürchten brauchte, die Eifersucht der Mutter zu erregen; »denke Dir, daß der Postillon mir meine ganze Freude verdorben bat, da er im Schritte fuhr, und drei Stunden zu dem Wege von la Ferté-Milon hierher brauchte.«
»Welche Freude hat er Dir oder vielmehr uns verdorben?«
»Ich wollte, wenn ich früh um sechs angekommen wäre, still in die Küche gehen, und wenn Du gerufen hättest: Frau, mein Frühstück! hätte ich es Dir gebracht, und wie früher gesagt: Hier Väterchen!«
»Das wolltest Du tun, liebes Gotteskind;« sagte Vater Watrin. »Da muß ich Dir gleich einen Kuß geben, als ob Du es getan hättest. Der dumme Postillion! Du hättest ihm kein Trinkgeld geben sollen.«
»Ich sagte es ihm so, wie Du; aber er hat es doch.«
»Wie so?«
»Ja, als ich das liebe Haus sah, wo ich meine Jugend verlebt habe und das mir da an der Straße entgegen schimmerte, vergaß ich Alles; ich nahm einen Thaler aus der Tasche und sagte: »Hier, das ist für Sie, und möge Gott Sie segnen!«
»Liebes Kind! Liebes Kind! Liebes Kind!« rief Watrin aus.
»Aber sage mir, Vater,« sagte Katharine, die seit ihrer Ankunft immer nach Jemand gesehen und doch nicht den Mut hatte, sich länger mit dieser stummen Umschau zu begnügen.
»Ja. nicht wahr?« fragte Wilhelm Watrin, der die Ursache der Traurigkeit des Mädchens erriet.
»Es scheint . . .« murmelte Katharine.
»Als ob der, der vor allen andern da sein sollte, fehlte?« fiel Vater Wilhelm Watrin ein.
»Bernhard!«
»Ja, aber sei ruhig, er war noch vor kurzem da, und kann nicht weit sein. Ich will zum »Hirschsprung« laufen; von da kann ich den Weg auf eine Viertelstunde übersehen, und werde ihm, sobald ich ihn bemerke, ein Zeichen geben.«
»Du weißt auch nicht, wo er ist?«
»Nein,« sagte Wilhelm Watrin; »aber wenn er nicht weiter, als über eine Viertelstunde im Umkreise entfernt ist, wird er meine Art, ihn zu rufen, erkennen.«
Und Vater Watrin, der eben so wenig, als Katharine, die Abwesenheit Bernhards begriff, trat aus dem Hause und ging so schnell er konnte nach dem »Hirschsprunge«, wie er es Katharinen versprochen hatte.
Katharine, die mit Franz allein blieb, näherte sich, dem jungen Manne, der, wie man gesehen hat, in der vorhergehenden Scene fast stumm geblieben war, und fragte ihn, während sie ihn ansah, als ob sie im Grunde seines Herzens lesen wollte, sobald er ihr etwas verbergen sollte:
»Und Du, Franz, weißt Du, wo er ist?
»Ja,« erwiderte Franz zugleich mit den Lippen und dem Kopfe.
»Wo ist er?«
»Auf dem Wege nach Gondreville,« sagte Franz.
»Auf dem Wege nach Gondreville!« rief Katharine aus. »Mein Gott!«
»Ja,« fuhr Franz langsam fort, um den Worten die Wichtigkeit zu geben, die sie wirklich verdienten, »er ist Ihnen entgegen gegangen.«
»Mein Gott!« wiederholte Katharine mit wachsender Aufregung; »ich danke Dir, Du hast mir es eingegeben über la Ferté-Milon zurückzukommen, statt über Villers-Cotterets.
»Still! Die Mutter kommt!« sagte Franz. »Nun hat sie aber den Zucker vergessen.«
»Desto besser,« sagte Katharine.
Dann näherte sie sich mit einem Blick auf Mutter Watrin, die den Kaffee hinstellte und schnell wieder hinausging, um, wie Franz gesagt hatte, den Zucker zu holen, dem jungen Mann, ergriff seine Hand und sagte zu ihm:
»Franz, eine große Gefälligkeit!«
»Eine? Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig; Tag und Nacht stehe ich zu Ihren Befehlen.«
»Lieber Franz, geh' ihm entgegen, und sage ihm, daß ich auf dem Weg von la Ferté-Milon gekommen bin.«
»Das ist Alles?« rief Franz.
Und schnell wollte er durch die Türe auf die Straße gehen; aber Katharine hielt ihn lächelnd zurück und sagte:
»Nein, auf diesem Wege nicht.«
»Sie haben Recht; ich bin ein Esel. Vater Brummbär würde mich sehen, und fragen, wohin ich gehe.«
Und Franz sprang, anstatt durch die Türe zu gehen, die nach der Straße führte, durch ein Fenster, das nach dem Walde sah.
Es war die höchste Zeit, die Mutter kam mit dem Zucker zurück.
Bevor Franz unter den Bäumen verschwand, gab er Katharinen ein letztes Zeichen.
Dabei rief er ihr zu: »Seien Sie ruhig, Fräulein Katharine, ich werde ihn zurückbringen.«
Mutter Watrin trat ein, warf den Zucker in den Kaffee, wie sie es für ein Kind getan haben würde, reichte die Tasse Katharinen und sagte:
»Nimm Deinen Kaffee, aber warte, er ist vielleicht zu heiß, ich will darauf blasen.«
»Danke, Mutter,« sagte Katharine lächelnd und nahm die Tasse; »glaube mir, daß ich seit meiner Abreise gelernt habe, meinen Kaffee selbst zu blasen.«
Die Mutter sah Katharinen mit einer Zärtlichkeit an, die mit Bewunderung gemischt war, faltete die Hände und schüttelte freudig den Kopf.
Dann fragte sie:
»Ist es Dir recht schwer geworden, die große Stadt zu verlassen?«
»O! lieber Gott, nein! Ich kenne ja Niemand dort.«
»Du hast die schönen Herren, die Schauspiele, die Spaziergänge nicht ungern verlassen?«
»Ich habe Nichts vermisst, gute Mutter.«
»Du liebtest also dort unten Niemanden?«
»Dort unten?«
»In Paris?«
»In Paris? Nein. Niemanden.«
»Desto besser,« sagte die Alte, die ihren Gedanken nachhing, den Wilhelm Watrin vor einer Stunde so schlecht aufgenommen hatte; »denn ich habe einen Gedanken für Dich.«
»Für mich?«
»Ja; Du weißt, Bernhard . . .«
O, liebe, gute Mutter!« rief Katharine voller Freude aus, denn sie täuschte sich bei diesem Anfang.
»Nun ja, – Bernhard . . .«
»Bernhard?« wiederholte Katharine nicht ohne einige Furcht.
»Nun ja,« fuhr die Mutter vertraulich fort, »Bernhard liebt die Euphrosine.«
Katharine stieß einen Schrei aus, und wurde bleich.
»Bernhard?« stammelte sie mit zitternder Stimme; »Bernhard liebt Euphrosine? Mein Gott! Mein Gott! was sagst Du mir da, Mutter!«
Sie setzte ihre Tasse Kaffee, die sie kaum berührt hatte, auf den Tisch, und sank auf einen Stuhl.
Wenn die Mutter Watrin einem Gedanken nachging, hatte sie die freiwillige Kurzsichtigkeit der Starrköpfe, das heißt sie beachtete nur ihren Gedanken.
»Ja,« fuhr sie fort, »Bernhard liebt Euphrosine, und sie, sie liebt den Bernhard, so daß man nur noch zu sagen braucht: »Ich willige ein,« und die Sache ist abgemacht.«
Katharine strich seufzend mit dem Taschentuch über die Stirn, von der der Schweiß herabfloss.
»Nur,« fuhr die Mutter fort, »will der Alte nicht.«
»Wirklich?« murmelte Katharine, die wieder etwas mehr Leben erhielt.
»Ja, er behauptet, es wäre nicht wahr, und ich wäre blind wie ein Maulwurf, und Bernhard liebe die Euphrosine nicht.«
»Ah!« rief Katharine aus, die wieder freier atmete.
»Ja, er behauptet das; er sagt, er wisse es gewiss.«
»Mein lieber Onkel,« murmelte Katharine.
»Aber, Gott sei Dank, jetzt bist Du hier, mein Kind, und Du wirst nur schon helfen ihn zum Glauben zu bringen.«
»Ich?«
»Und,« fuhr die Mutter fort, wie um einen guten Rat zu geben, »wenn Du heiratest, suche ja Deine Macht über Deinen Mann zu bewahren, denn wenn Du das nicht tust, geht es Dir, wie mir.«
»Wie denn?«
»Ja . . . Du wirst Nichts im Hause gelten.«
»Liebe Mutter,« sagte Katharine, welche die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke zum Himmel erhob, wenn mein Leben dem Deinigen gleicht, werde ich am Ende meiner Tage sagen, daß Gott mich mit Güte überhäuft hat.«
»Oho!«
»Beklage Dich nicht! Der Oheim liebt Dich so sehr.«
»Gewiß liebt er mich,« erwiderte die Alte verlegen; »aber . . .«
»Kein Aber,« liebe Tante! Du liebst ihn, er liebt Dich; der Himmel hat Eure Vereinigung gestattet; das Lebensglück besteht in diesen Worten.«
Und Katharine erhob sich und tat einen Schritt gegen die Treppe.
»Wohin gehst Du?« fragte die Mutter.
»In mein Kämmerchen,« sagte Katharine.
»Ja, ja; wir erwarten Besuch und da willst Du Dich putzen.«
»Besuch?«
»Ja . . . Herrn Raisin, Euphrosine, Herrn Louis Chollet, den Pariser. Den kennst Du wohl?«
Und die Mutter, die diese Frage mit einem schelmischen Lächeln begleitet hatte, setzte hinzu:
»Putze Dich, putze Dich, mein Kind!«
Aber Katharine schüttelte traurig den Kopf und sagte:
»Ah! Gott weiß, daß ich nicht deshalb hinaufgehe.«
»Warum denn sonst?«
»Weil mein Kämmerchen auf die Straße sieht, auf welcher Bernhard zurückkommen muß, und weil Bernhard der Einzige ist, der mich in diesem lieben Hause noch nicht willkommen geheißen hat.«
Und Katharine stieg langsam die Treppe hinauf, deren hölzerne Stufen unter ihren Füßen knarrten, so leicht und niedlich dieselben auch waren.
In dem Augenblicke, als das Mädchen die Kammer betrat, hörte die Mutter einen tiefen Herzensseufzer, und da erst schien sie die Wahrheit zu ahnen.
Ohne Zweifel wäre Mutter Watrin, deren Geist nicht leicht von einem Gedanken zum andern überging, in der Aufsuchung des Lichtpunktes versunken geblieben, der sich ihr plötzlich gezeigt, wenn nicht ein: Stimme hinter ihr sich hätte hören lassen.
»Hören Sie doch, Mutter Watrin!« sprach diese Stimme.
Mutter Watrin wandte sich um und erkannte Mathias in einem schlechten Rocke, der einmal eine Livree gewesen sein wollte.
»Ach, Du bist es, Taugenichts?« rief sie.
»Danke,« sagte Mathias, der seinen Hut abnahm, auf dem eine alte Tresse von unechtem Gold schwarz wurde; »nur bemerken Sie, daß ich von heute an die Stelle des alten Peters einnehme, und im Dienste des Herrn Maire stehe. Wenn Sie mich schimpfen, schimpfen Sie auch den Herrn Maire.«
»Was willst Du?«
»Ich komme als Läufer – man hat noch keine Zeit gehabt, mir die Milz auszuschneiden, deshalb bin ich außer Atem – ich komme also als Läufer, um anzuzeigen, daß Euphrosine und ihr Vater im Augenblicke in der Kalesche ankommen werden.«
»In der Kalesche!« rief die Alte, wie geblendet von dem Glück, den Besuch von Leuten zu empfangen, die in einer Kalesche ankommen.
»Ja, weiter Nichts.«
»Mein Gott!« rief Mutter Watrin aus, und wo sind sie?«
»Der Vater und Herr Watrin sprechen mit einander von Geschäften.«
»Und Euphrosine?«
»Sehen Sie,« sprach, Mathias, »da ist sie!«
Er nahm seine Bedientenrolle an, und meldete: »Fräulein Euphrosine Raisin, Tochter des Herrn Maire.«
Zehntes Kapitel
Euphrosine Raisin
Das Mädchen, das so pomphaft angekündigt wurde, trat majestätisch herein und schien keinen Augenblick zu zweifeln, daß sie dem Hause eine sehr große Ehre erzeige.
Euphrosine war unbestreitbar schön, aber in jener mehr abstoßenden, als gewinnenden Art, die ein Gemisch von Hochmut und Gemeinheit mit Jugendfrische ist.
Gekleidet war sie mit dem übertriebenen Putz, welcher eine Modedame in einem Landstädtchen immer bezeichnet.
Gleich bei dem Eintreten sah sie sich um, und offenbar suchte sie zwei Personen, die nicht da waren – Bernhard und Katharine.
Mutter Watrin stand wie geblendet vor der strahlenden Schönheitssonne, die sich früh um neun Uhr so geputzt zeigte, wie etwa Abends bei Kerzenlicht zu einem Balle. Dann stürzte sie nach einem Stuhle, rückte ihn der schönen Besucherin näher und sagte:
»Ach, meine liebe Demoeiselle!«
»Guten Tag, Mutter Watrin,« antwortete Euphrosine herablassend, während sie andeutete, daß sie lieber stehen bleibe.
»Sie sind's also wirklich?« fuhr Mutter Watrin fort. »In unserm armen Häuschen? . . . Ach, setzen Sie sich doch. Unsere Stühle sind freilich nicht so weich gepolstert, wie die Ihrigen, aber setzen Sie sich nur . . . Und ich bin nicht einmal ordentlich angezogen! So früh erwartete ich Sie nicht.«
»Sie werden das nicht übel nehmen, meine gute Madame Watrin,« antwortete Euphrosine, »aber zu Leuten, zu denen man gern geht, kommt man immer je eher, je lieber.«
»Sie sind sehr gütig! Und . . . Sie beschämen mich ganz.«
»Ach,« entgegnete Euphrosine, welche die Mantille auseinander machte und ihr kostbares Kleid zeigte, »ich mache, wie Sie sehen, auch keine Umstände.«
»Ich sehe,« antwortete Mutter Watrin geblendet, »daß Sie schön sind, wie ein Engel und geputzt, wie ein Heiligenbild . . . Aber, daß ich noch so weit zurück bin, ist meine Schuld nicht; unser Mädchen ist heute früh aus Paris wieder angekommen.«
»Ihre Nichte meinen Sie, die kleine Katharine?« fragte Euphrosine leicht hin.
»Ja wohl, ja wohl, aber klein ist sie nicht mehr; groß ist sie geworden, einen Kopf größer, als ich.«
»Das freut mich,« entgegnete Euphrosine, »denn ich gestehe, ich habe Ihre Nichte recht lieb.«
»Viel Ehre für das Mädchen,« antwortete Mutter Watrin mit einem Knix.
»Wo haben Sie denn Ihren Sohn?« fragte Euphrosine weiter. »Er ist wohl auf der Jagt? Habe ich nicht gehört, der Inspektor habe die Erlaubnis gegeben, ein Wildschwein zu schießen?«
»Ja, zur Kirchweih und zu Ehren Katharinens.«
»Glauben Sie, daß der Inspektor an das Mädchen gedacht hat?« fragte Euphrosine mit einer Miene, welche sagen zu wollen schien: »er müßte herzlich wenig zu tun haben, wenn er an ein solches Mädchen denken kann.«
Mutter Watrin fühlte das Übelwollen Euphrosinens und suchte dem Gespräche eine ihr wahrscheinlich angenehmere Richtung zu geben.
»Wo Bernhard sei, fragten Sie? Das weiß ich wahrhaftig nicht. Er sollte hier sein, da Sie da sind . . . Weißt Du, wo er ist, Mathias?«
»Wie sollte ich's wissen?« antwortete dieser.
»Wahrscheinlich ist er bei seiner Cousine,« meinte Euphrosine spitz.
»Ach nein, nein!« fiel die Alte abwehrend ein.
»Ist denn Ihre Nichte . . . hübsch geworden?« fragte die Tochter des Maire.
»Nun,« antwortete Mutter Watrin verlegen, »sie ist ein ganz nettes Ding.«
»Mich freut es, daß sie wieder zurück ist,« fuhr Fräulein Euphrosine mit besonders gnädiger Gönnermiene fort.
»Wenn sie sich in Paris nur nichts über ihren Stand an« gewöhnt hat.«
»Damit hat es keine Gefahr. Sie wissen doch, daß sie nur nach Paris ging, um das Putzmachen ordentlich zu erlernen.«
»Und Sie glauben nicht, daß sie dabei auch etwas Anderes gelernt hat? Um so besser! Meine gute Madame Watrin, Sie kommen mir recht unruhig vor.«
»Ach, liebe Demoiselle, achten Sie nicht darauf. . . Wenn Sie es erlauben, will ich die Katharine rufen, daß sie Ihnen Gesellschaft leistet, während ich . . .«
Mutter Watrin blickte verzweifelnd auf ihren Anzug.
»Ganz, wie Sie wollen,« antwortete Euphrosine mit würdevoller Unbefangenheit. »Ich werde mich jedenfalls freuen, die Kleine zu sehen.«
Kaum hatte Mutter Watrin die Erlaubniß erhalten, so ging sie an die Treppe und rief:
»Katharine! Komm geschwind herunter, Demoiselle Euphrosine ist da.«
Bald daraus kam Katharine herunter und Mutter Watrin sagte:
»Nun, erlauben Sie?«
»Gehen Sie in Gottes Namen,« antwortete die Tochter des Maire«, welche dabei von der Seite nach Katharinen sah und bei sich dachte: »sie ist mehr als nett, wie die Alte sagte.«
Katharine kam unterdeß unbefangen näher und blieb vor Euphrosinen stehen, die sie mit ihrer majestätischen Miene ansah.
»Ich bitte um Entschuldigung,« begann Katharine ruhig, »aber ich wußte Nichts von Ihrer Ankunft, sonst würde ich sogleich erschienen sein, um Ihnen mein Compliment zu machen.«
»Wie sie die Worte setzt!« dachte Euphrosine. »Sie ist ganz und gar Pariserin geworden und der Pariser muß sie heiraten. Das gäbe ein Paar!« Darauf sagte sie etwas steif: »Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen!«
»Hat die Tante schon gefragt, ob Sie Etwas wünschen?« fiel Katharine ein, ohne im Geringsten merken zu lassen, daß sie den Hohn in den Worten recht wohl gefühlt.
»Ich bedarf durchaus Nichts,« entgegnete sie, und um sich eine andere Stellung Katharinen gegenüber zu geben, fuhr sie fort:
»Haben Sie etwas Neues aus Paris mitgebracht?«
»Ich habe seit vier Wochen das Neueste zu sammeln mich bemüht.«
»Haben Sie Häubchen zu machen gelernt?«
»Häubchen und Hüte.«
»Waren Sie in einem der ersten Häuser?«
»Nein, ich war in einem bescheideneren, hoffe aber trotzdem, in meinem Fache Alles gelernt zu haben.«
»Das werden wir sehen,« antwortete die Tochter des Maire mit ihrer Gönnermiene; »sobald Sie das Geschäft der Rigolot übernommen haben, werde ich Ihnen Einiges zu ändern schicken.«
»Ich sage Ihnen im Voraus meinen Dank,« antwortete Katharine mit einer Verbeugung. Plötzlich aber richtete sie sich auf, horchte und zuckte zusammen. Es war ihr, als höre sie ihren Namen nennen, und allerdings rief eine ihrem Herzen gar teure Stimme draußen:
»Katharine! Wo ist Katharine?«
Gleichzeitig stürzte Bernhard in die Stube herein, bestaubt und erhitzt.
»Ach!« rief er, als er Katharine erblickte, mit dem Tone eines Menschen etwa, der im Wasser an die Oberfläche heraufkommt und wieder atmen kann. »Gott sei Dank, da bist du ja! Endlich! Endlich!« Er sank dabei erschöpft auf einen Stuhl und hielt beide Hände Katharinas fest.
»Bernhard! Lieber Bernhard!« sagte Katharine, die ihm um den Hals fiel.
Mutter Watrin, welche die Stimme des Sohnes gehört hatte, kam herein, und als sie die Tochter des Maire allein und unbeachtet, offenbar sehr ärgerlich, auf der einen Seite sah, während Bernhard und Katharine auf der andern in ihrem Glücke Alles um sich her vergaßen, erkannte sie wohl ihren Irrtum über die Gefühle ihres Sohnes gegen Euphrosine. Ärgerlich darüber, daß ihr Scharfblick sich so sehr getäuscht, rief sie:
»Bernhard! Bernhard, ist denn das Lebensart?«
Bernhard hörte eben so wenig auf die Mutter, als er auf Euphrosinen achtete und sagte zu Katharine:
»Wenn Du wüßtest, was ich gelitten habe! Ich glaubte . . . ich fürchtete . . . aber es ist gut, Du bist da! Du bist über La Ferté Milon gekommen? Ich weiß es; Franz hat es mir gesagt; die ganze Nacht bist Du gefahren, arme Katharine! Aber wie freue ich mich, daß Du da bist!«
»Bernhard! Bernhard!« rief die Mutter unwillig, »siehst Du denn nicht, daß Demoiselle Euphrosine da ist?«
»Ah, ich bitte um Verzeihung,« entgegnete Bernhard, der erstaunt aufsah; »ich hatte Sie nicht gesehen . . . Ihr gehorsamer Diener!«
Sogleich aber richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Katharine, denn er fuhr fort:
»Ist sie groß und hübsch geworden! Mutter, sieh sie nur einmal an!«
»Haben Sie eine gute Jagt gehabt?« fragte Euphrosine.
Bernhard hörte wohl den Klang der Stimme, aber den Sinn der Worte verstand er nicht.
»Ich? – —Nein. . . ja, doch. . . ich weiß nicht,« sagte er. »Jagt? Nehmen Sie's ja nicht übel, ich kann vor Freude keinen Gedanken festhalten . . . Ich bin nur Katharinen entgegen gegangen.«
»Sie trafen sie aber nicht, wie es scheint.«
»Zum Glück nicht,« antwortete Bernhard.
»Zum Glück?«
»Ja wohl . . . und dies Mal, weiß ich, was ich sage.«
»Ich aber,« fiel Euphrosine ein, welche die Hand ausstreckte, als suche sie etwas, »ich weiß nicht, wie mir wird . . . so übel . . .«
Bernhard war so ganz mit Katharinen beschäftigt, lächelte sie so zärtlich an, drückte ihr so dankbar die Hand, daß er wieder nicht hörte, was Euphrosine sagte und noch weniger sah. wie sie zu zittern und zu erbleichen begann.
Mutter Watrin dagegen ließ die vornehme Dame aus der Stadt nicht aus den Augen.
»Ach, du lieber Gott!« rief sie. »Bernhard, hörst Du nicht, daß Demoiselle Euphrosine unwohl wird?«
»Ein Wunder ist es nicht,« antwortete Bernhard, »es ist so heiß hier . . . Führe sie hinaus, Mutter, und Du, Franz, trage ihr einen Stuhl hinaus.«
»Nein, nein!« fiel Euphrosine ein. »Es vergeht bald wieder.«
»Aber, meine liebe Demoiselle,« sagte Mutter Watrin, »Sie sehen wahrhaftig ganz blaß aus, als wollten Sie in Ohnmacht fallen.«
»Frische Luft,« bemerkte Bernhard, »wird die Dame sogleich wieder gesund machen.«
»So führen Sie mich hinaus,« sagte Euphrosine schmachtend zu ihm.
Bernhard sah, daß er nicht ausweichen konnte und antwortete:
»Mit dem größten Vergnügen.«
Katharinen flüsterte er zu:
»Bleibe hier, ich komme sogleich wieder.«
Er bot dann Euphrosine den Arm und ging schneller mit ihr fort, als ihre scheinbare Schwäche zu gestatten schien, während Franz den Stuhl nachtrug und Mutter Watrin mit der Essigflasche kam, um der Halbohnmächtigen die Schläfe zu reiben.
Katharine blieb allein zurück. Alles, was eben vor ihr geschehen war, hatte deutlicher zu ihrem Herzen gesprochen, als Erläuterungen und Schwüre. »Mag die Mutter nun sagen, was sie will!« dachte sie bei sich.
Gleich darauf kam Bernhard zurück und Franz drückte hinter ihm die Türe zu, so daß das glückliche Paar allein war. Sie sahen selbst das häßliche Gesicht des Mathias nicht, welcher die Küchentüre halb aufmachte und vor sich hin brummte:
»Eine Ohrfeige, Bernhard? Die soll Dir teuer zu stehen kommen!«
Elftes Kapitel
Liebesträume
Eine Stunde später waren die beiden Liebenden in dem Walde verschwunden und an ihrer Stelle saßen in der Unterstube des Häuschens zwei Männer, die auf einem großen Plane des Waldes von Villers-Cotterets einen Kreis zogen, den der Eine fortwährend auszudehnen sich bemühte, während der Andere auf jedes absichtliche Versehen dieser Art achtete und auf Einhalten des rechten Maßes drang.
Die beiden Männer waren Anastasius Raisin, Maire in Villers-Cotterets, und Wilhelm Watrin, unser alter Freund.
Die Grenzen, welche der Holzhändler fortwährend zu erweitern suchte und welche Watrin stets auf die Linie zurückführte, die der Zirkel des Inspektors gezogen hatte, waren die des letzten Holzkaufes Raisins in dem Walde.
Endlich nickte Watrin zustimmend; klopfte seinen Pfeifenstummel aus und sagte zu dem Holzhändler:
»Wissen Sie, daß Sie da ein schönes Stück haben und gar nicht teuer?«
»Was?« entgegnete Raisin, der sich rasch empor richtete; zwanzigtausend Francs und nicht teuer? Sie scheinen Geld leicht zu verdienen.«
»Darüber ließe sich wohl reden,« meinte Watrin. »Neunhundert Francs jährlich, freie Wohnung und Heizung, alle Tage zwei Kaninchen zum Essen, an allen großen Festen ein Stück Wildschwein, damit kann man schon Millionär werden, nicht wahr?«
»Hm!« sagte der Holzhändler und er sah den alten Watrin mit dem pfiffigen Lächeln an, welches man das Kaufmannslächeln nennen könnte. »Millionär wird man immer, wenn man will, . . . natürlich im Verhältnis, reich, meine ich.«
»So teilen Sie mir doch Ihr Geheimnis mit,« entgegnete Watrin; »ich würde es wahrhaftig gern kennen lernen.«
Der Holzhändler sah ihn nochmals mit glänzenden Augen fest an, aber er schien zu glauben, die rechte Zeit zu einer so wichtigen Mitteilung sei noch nicht gekommen, denn er sagte:
»Ja, ich will Ihnen das Geheimnis nach Tische, unter vier Augen, mit dem Glas in der Hand, mitteilen, wenn wir auf das Wohl unserer Kinder trinken, . . . und sollte sich ein Mittel finden, Vater Watrin, so machen wir Geschäfte . . .«
Watrin sah nun seinerseits kopfschüttelnd den Mann an, und es ließ sich nicht wohl voraussehen, was er auf eine solche halbe Eröffnung antworten würde, als die Frau vom Hause erschrocken eintrat.
»Ach, das Unglück, Herr Maire!« sagte sie.
»Was für ein Unglück, Madame Watrin?« fragte dieser nicht unbesorgt.
Watrin seiner Seils, der seine Frau schon kannte, schien weniger Gewicht auf die Worte zu legen.
»Was ist geschehen, Alte?« fragte er.
»Was ist geschehen?« wiederholte die Frau. »Demoeiselle Euphrosine ist unwohl geworden.«
»Es wird nicht so gefährlich sein,« meinte der Maire, der seine Tochter wahrscheinlich so gut kannte, wie Watrin seine Frau.
»Das Äffchen!« murmelte Watrin, der seinerseits eine feststehende Meinung von dem Mädchen zu haben schien.
»Sie will durchaus nach Hause,« sagte Mutter Watrin.
»Meinetwegen,« entgegnete Raisin. »Ist Chollet da? Er könnte sie nach Hause bringen.«
»Man hat ihn noch nirgends gesehen und deshalb ist, glaube ich, das Mädchen um so unwohler.«
»Wo ist sie?«
»Sie hat sich in den Wagen gesetzt und verlangt nach Ihnen.«
»So warten Sie auf mich; das wollen wir gleich abmachen. Auf Wiedersehen. Ich werde sie nach Hause bringen und nach einer Stunde – die Pferde sind gut – bin ich wieder da.«
Mutter Watrin begleitete den Maire unter fortwährendem Knixen und sagte dann:
»Auf Wiedersehen, Herr Maire, und entschuldigen Sie uns ja bei Mademoiselle Euphrosine.«
Vater Watrin war kopfschüttelnd sitzen geblieben. Er schien die Überzeugung erlangt zu haben, daß er sich in der Ursache der Freundschaft des Maire nicht getäuscht. Es sollte ihm allerdings die Schlafmütze über die Augen und Ohren gezogen werden.
Als seine Frau, jammernd über die Umkehr Euphrosinens, wieder zu ihm kam und sagte: »Diesmal, Alter, wirst Du einmal ernsthaft mit Bernhard reden,« fragte er barsch:
»Weswegen?«
»Weil er nur Augen hat für Katharine, und Euphrosine kaum grüßte.«
»Nun, Mutter, die Euphrosine hat er alle Tage gesehen, seine Cousine aber in anderthalb Jahren nur zwei Mal.«
»Das bleibt sich gleich . . . Ach, Gott! Ach Gott!« flüsterte Mutter Watrin.
Diese Verzweiflung rührte Watrin nicht nur nicht, sie schien ihn sogar etwas ungeduldig zumachen. Er sah seine Frau an und begann:
»Willst Du mir wohl etwas sagen?«
»Was?«
»Hast Du gehört, was der Maire sagte?«
»Worüber?«
»Nun, er gab Dir einen guten Rath; Du solltest ja in der Küche hübsch nachsehen.«
»Schon gut,« antwortete die Frau, die sich in ihrer Würde verletzt fühlte, »ich gehe schon.«
»Mutter,« rief ihr Watrin nach, »siehst Du, es ist Dir so leicht, recht liebenswürdig zu sein, und Du bist es so selten!«
»Weil ich gehe, bin ich liebenswürdig? Das ist hübsch von Dir, geh!«
Vater Watrin trat an das Fenster und pfiff, vor Freuden, denn er sah Bernhard und Katharine kommen. »Sehen sie nicht aus,« sagte er, obgleich ihn Niemand hören konnte, »wie ein Paar Engel, so schön und so glücklich sind sie? Sie kommen hierherwärts; wir wollen sie nicht stören.«
Er hörte zwar nicht auf, leise zu pfeifen, ging aber die Treppe hinauf. Eben hatte er dort sein Stübchen erreicht, als die beiden Liebenden unten in die Stube traten. Er murmelte da Oben noch: »Gott segne Euch, Kinder!«
»Wirst Du mich auch immer lieben?« fragte Katharine Bernhard.
»Immer!« antwortete dieser.
»Seltsam!« fuhr das Mädchen fort. »Dies Versprechen, das mir das Herz mit Freude füllen sollte, macht mich traurig.«
»Arme Katharine,« sagte Bernhard im sanftesten Tone, »wenn ich Dich dadurch traurig mache, daß ich Dir sage, ich liebe Dich, so weiß ich nicht mehr was ich Dir Angenehmes sagen soll.«
»Bernhard,« fuhr das Mädchen mehr als Antwort auf ihre eigenen Gedanken, als auf die Worte des Geliebten fort, »Deine Eltern sind seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet und leben noch so glücklich mit einander, wie am ersten Tage, kleine Streitigkeiten abgerechnet. So oft ich sie ansehe, frage ich mich, ob wir wohl auch so glücklich, namentlich ob wir so lange glücklich sein werden.«
»Warum nicht?«
»Diese Frage, die ich an Dich richte,« entgegnete Katharine; »würde die Mutter, wenn ich eine hätte, an Dich tun; aber ich habe ja weder Vater noch Mutter, und mein ganzes Glück, wie meine ganze Liebe liegt in Deiner Hand. Bernhard, wenn Du es für möglich hältst, mich einmal weniger zu lieben als jetzt, laß uns heute brechen . . . Es würde das mein Tod sein, ich weiß es, aber wenn Du mich einmal weniger lieben solltest, würde ich doch lieber sterben so lange Du mich noch liebst, als bis zu jener Zeit warten.«
»Sieh mich an, Katharine,« antwortete Bernhard, »und Du wirst meine Antwort aus meinen Augen lesen.«
»Hast Du Dich geprüft, Bernhard? Weißt Du es gewiss, daß Du nicht brüderliche Liebe, sondern wirkliche Liebe für mich fühlst?«
»Ich habe mich nicht geprüft, Katharine, aber Du hast mich geprüft, Du.«
»Ich? Wie so?« fragte Katharine.
»Durch Deine anderthalbjährige Abwesenheit. Hältst Du liest für keine genügende Prüfung? Abgesehen von meinen beiden kurzen Reisen nach Paris und einigen glücklichen Tagen habe ich seitdem gar nicht gelebt, denn man kann es nicht leben nennen, wenn man ohne Herz lebt, Nichts liebt, an Nichts Gefallen findet und fortwährend übler Laune ist. Alle meine Bekannten werden Dir sagen, daß mir, seit Du fort warst, Nichts mehr gefallen hat, nicht einmal mein schöner Wald, die rauschenden großen Eichen und die schlanken Buchen. Wenn ich sonst hinaus ging, hörte ich in allen Vogelstimmen, die in dem Walde erklangen. Deine Stimme; Abends, auf dem Heimwege, schritt ich mitten durch den Wald, und es war mir, als schwebe zwischen den Bäumen vor mir hin eine weiße freundliche Gestalt, die mehr und mehr schwand, je näher ich dem Hause kam und die mich dann in der Türe erwartete. Seit Du fort wärst habe ich gewiss jeden Morgen gefragt: »Wo sind nur die Vögel? Ich höre sie nicht mehr singen wie sonst, und jeden Abend bin ich zuletzt, müde und verstimmt, nach Hause gekommen.«
»Du guter Bernhard!« sagte Katharine, die ihn ans die Stirn küßte.
»Seit Du nun wieder da bist, Katharine,« fuhr Bernhard mit der jugendlichen Begeisterung der ersten Liebe fort, hat sich Alles geändert. . . Die Vögel hüpfen und singen wieder auf den Zweigen, im Walde erwartet mich gewiss auch die lieblich lockende weiße Gestalt wieder, und in der Türe hier finde ich von nun sicherlich nicht nur den Traum meines Glückes, sondern das Glück selbst.«
»Ach, Bernhard, wie liebe ich Dich!«
»Dann,« fuhr Bernhard fort, der die Stirn runzelte und mit der Hand darüber strich, . . . »aber ich will lieber gar nicht davon sprechen.«
»Sprich von Allem mit mir! Sage mir Alles; ich will Alles wissen.«
»Heute früh, Katharine, als der Versucher, der Mathias, mir den Brief des Parisers zeigte, – den Brief, in welchem dieser Mensch mit Dir, mein Waldvergißmeinnicht, wie mit leichtfertigen Stadtmädchen spricht, da gab es mir einen so heftigen Stich ins Herz, daß ich sterben zu müssen glaubte und ich kam sogleich so in Wut, daß ich zu mir sagte: »gut, ich will sterben, aber vorher will ich ihn erst umbringen.«
»Ja,« sagte Katharine mit ihrem liebkosendsten Tone, »und deshalb gingst Du auf die Straße von Gondreville mit dem geladenen Gewehre, statt Deine Katharine ruhig hier zu erwarten; deshalb bist Du wie besessen gelaufen . . . Aber Du bist dafür auch gestraft: Du sahst Deine Katharine eine ganze Stunde später. Freilich wurde die Unschuldige ebenso gestraft wie der Schuldige . . . Eifersüchtiger, Du!«
»Ja, eifersüchtig bin ich!« sagte Bernhard zähneknirschend, »und Du weißt nicht, was Eifersucht ist.«
»Nun – ich bin auch eifersüchtig gewesen,« antwortete Katharine, »aber Du kannst ganz ruhig sein, ich bin es nicht mehr.«
»Siehst Du,« fuhr Bernhard fort und er drückte die geballte Faust gegen die Stirn, »wenn Du unglücklicherweise jenen Brief nicht bekommen oder keinen andern Weg genommen hattest; wenn Du über Villers-Cotterets gekommen und dem Narren begegnet wärst, . . . siehst Du, wenn ich daran nur denke, greift die Hand unwillkürlich nach dem Gewehre.«
»Schweig!« fiel Katharine ein, denn sie erschrak über den Ausdruck des Gesichtes Bernhards und zugleich über eine Erscheinung.
»Warum soll ich schweigen?« fragte der junge Mann.
»Dort! Dort!« flüsterte Katharine. »Er steht dort . . . an der Türe.«
»Er?« wiederholte Bernhard. »Was will er hier?«
»Still!« bat Katharine dringend und sie drückte Bernhards Arm; Deine Mutter selbst hat ihn mit dem Maire und Euphrosinen eingeladen . . . Bernhard, er ist Dein Gast.«
Der junge Herr, in kurzem Rock und buntem Halstuch, eine Reitpeitsche in der Hand, erschien wirklich in der Türe und als er das Pärchen fast Arm in Arm sah, schien er mit sich zu Rate zu gehen, ob er umkehre oder eintrete.
Der Blick Bernhards traf jetzt den seinigen und der Pariser erriet, daß er in die Höhle des Löwen trete.
»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er, »ich suchte. . .«
»Ja, ja,« unterbrach ihn Bernhard, »und Sie fanden, was Sie nicht suchten?«
»Bernhard! Bernhard!« bat Katharine leise.
»Laß mich!« antwortete er und suchte sich von Katharine frei zu machen. »Ich habe einige Worte mit Herrn Chollet zu reden; ist das geschehen, dann werden wir bestimmt wissen, wie wir mit einander stehen.«
»Bernhard, sei ruhig!« bat Katharine.
»Sei Du ruhig! laß mich ein Paar Worte mit ihm reden oder . . . es werden mehr.«
Und er schob das Mädchen kräftig nach der Türe zu. Katharine ihrerseits erkannte wohl, daß jedes Hindernis den Zorn ihres Geliebten noch höher steigern werde, sie ging also mit einem flehentlichen Blicke fort.
Die beiden jungen Männer waren allein. Bernhard überzeugte sich, daß die Türe fest verschlossen sei, dann trat er zu dem Pariser und begann:
»Auch ich suchte Etwas oder vielmehr Jemanden, und ich war glücklicher, als Sie, denn ich fand den Gesuchten. Ich suchte Sie, Herr Chollet.«
»Mich?«
»Ja, Sie.«
Der junge Mann lächelte. Er fand seinen Mut vollständig wieder.
»Ich bin, denke ich, nicht schwer zu finden.«
»Ausgenommen, wenn Sie früh in dem Tilbury fortfahren, um auf die Pariser Post zu warten.«
»Ich gehe oder fahre aus, wenn es mir beliebt und wohin es mir beliebt,« antwortete der Pariser mit verächtlichem Lächeln. »Das ist nur meine Sache.«
»Sie haben ganz Recht; Jeder kann tun was er will, aber etwas Anderes werden Sie eben so wenig bestreiten.
»Nun?«
»Das, was dem Einen gehört, geht dem Andern nichts an.«
»Das bestreite ich nicht.«
»Wenn ich Bauer bin, gehört mir mein Feld; bin ich Viehzüchter, mein Vieh . . . Kommt ein Wildschwein aus dem Walde und verwüstet mir mein Feld, so lauere ich ihm auf und schieße es nieder. Kommt ein Wolf aus dem Walde und stiehlt mir Schafe, so schieße ich ihm eine Kugel in den Leib; kommt ein Fuchs in meinen Hühnerstall und erwürgt mir die Hühner, so fange ich ihn im Fuchseisen und schlage ihm dann den Kopf entzwei. Ist das Feld, das Vieh, der Hühnerstall nicht mein, so Maße ich mir ein solches Recht nicht an; sind sie mein, so ändert sich die Sache . . . Also, Herr Chollet, ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich, die Einwilligung der Eltern vorausgesetzt, Katharine heirathe, daß Katharine binnen vierzehn Tagen meine Frau wird, meine Frau, mein Eigentum. Das heißt: wehe dem Wildschweine, das auf meinem Felde wühlt; wehe dem Wolfe, der um meine Schafe schleicht; wehe dem Fuchse, der nach meinen Hühnern geht! . . . Haben Sie etwas dagegen zu sagen, so tun Sie es, Herr Chollet, . . . ich bin ganz Ohr.
»Leider,« sagte der Pariser, der trotz seinem Muthe froh zu sein schien, in guter Manier aus der unangenehmen Stellung zu kommen, »sind Sie es nicht allein. Soll ich Ihnen in Gegenwart einer Frau und eines Geistlichen antworten?«
Bernhard drehte sich um und sah den Abbé Gregoire mit Katharine an der Türe stehen.
»Sie haben Recht,« sagte er, »schweigen Sie.
»Also morgen?« fragte Chollet.
»Morgen – übermorgen, . . wenn Sie wollen, wo und wie Sie wollen.«
»Sehr wohl.«
»Bernhard,« sagte Katharine, froh durch den Abbé Gregoire diese Unterbrechung herbeiführen zu können, »da ist unser lieber Abbé, den ich für meine Person seit achtzehn Monaten nicht gesehen.«
»Guten Tag, Kinder!« sagte der Abbé!
Die beiden jungen Männer wechselten einen letzten Blick, der einer gegenseitigen Aufforderung gleichkam, und während dann Chollet mit einer Verbeugung sich entfernte, küßte Bernhard dem Geistlichen die Hand, während er sagte: »Willkommen, Mann des Friedens in dem Hause, in dem man so gern in Frieden leben möchte!«
Zwölftes Kapitel
Der Abbé Gregoire
Selbst in dem einfachsten Leben kommen Ereignisse vor, welche als Fügung der Vorsehung angesehen werden können. Das Erscheinen des Abbé gerade in dem Augenblicke, als die beiden jungen Männer vielleicht eine Aufforderung aussprechen wollten, war ein solches Ereignis.
Da es ein anstrengender Gang für den Abbé war, zwischen der stillen Messe und der Vesper in das »neue Haus« zu kommen, in welchem er überhaupt erst ein Mal erschienen war, da sein Erscheinen zu dieser Zeit durchaus nicht zu erklären war, fragte denn auch Bernhard lachend:
»Was suchen Sie hier, Herr Abbé? Ich wette, daß Sie nicht geahnt haben, was Sie hier tun werden.«
»Der Mensch denkt und Gott lenkt,« antwortete der Geistliche, ohne lange über diese rätselhafte Rede nachzudenken. »Er möge über mich verfügen . . . wollte ich nur dem Vater einen Besuch machen.«
»Haben Sie ihn schon gesehen?« fragte Bernhard.
»Noch nicht.«
»Herr Abbé,« fuhr Bernhard, mit einem zärtlichen Blicke auf Katharine, fort, »Sie sind immer willkommen, heute aber am willkommensten.«
»Wahrscheinlich wegen der Ankunft des guten Kindes da,« bemerkte der Abbé.
»Etwas, ja, mehr aber aus einem andern Grunde.«
»Ihr werdet mir es erzählen,« entgegnete der Geistliche, indem er sich nach einem Stuhle umsah.
Bernhard rückte ihm sogleich den Lehnsessel zurecht, auf dem dann der ermüdete Abbé auch ohne Weiteres Platz nahm.
»Herr Abbé,« sagte er dann, »ich sollte vielleicht eine große Rede halten, aber ich will die Sache lieber mit einem Paar Worten sagen. Wir Beide da, Katharine und ich, wollen einander heiraten.«
»So liebt Ihr einander?«
»Von ganzem Herzen,« antwortete Katharine.
»Das hättet Ihr aber zunächst den Eltern zu sagen.«
»Ja wohl, Herr Abbé,« sagte Bernhard, »aber Sie sind ein Freund des Vaters, der Gewissensrat der Mutter und uns Allen lieb und werth; sprechen Sie mit dem Vater, der dann schon mit der Mutter reden wird. Verschaffen Sie uns die Einwilligung, was hoffentlich nicht schwer sein wird, und Sie werden zwei Menschen glücklich machen. Da,« setzte er hinzu, indem er seine Hand auf die Achsel des Abbé legte, »da kommt der Vater von oben herunter; Sie wissen, welche Schanze Sie zu nehmen haben, stürmen Sie, wir wollen unterdes draußen umhergehen und für das Gelingen beten. Komm, Katharine.«
Beide eilten hinaus und nach dem Walde zu.
Vater Watrin war unterdes oben an dem Treppenanfang stehen geblieben, der Abbé sah ihn da und grüßte ihn.
»Ich sah Sie kommen,« sagte Watrin, »und dachte bei mir: hm! hm! der Abbé? Ich konnte es fast nicht glauben. Wie gut sich das trifft! Gerade heute! Sie kommen gewiss auch des Mädchens wegen, nicht wahr?«
»Das nicht . . . Ich wußte von ihrer Ankunft Nichts.«
»So werden Sie sich um so mehr gefreut haben, sie zu finden, nicht? Ist sie nicht recht hübsch geworden? Sie bleiben doch zum Essen? Herr Abbé, das sage ich im voraus, wer heute zu uns kommt, darf vor zwei Uhr früh nicht wieder fort.«
»Zwei Uhr früh?« wiederholte der Abbé. »Das wäre mir doch noch nicht vorgekommen. Wie sollte ich auch wieder nach Hause kommen?«
»Der Herr Maire nimmt Sie in seinem Wagen mit.«
Der Abbé schüttelte den Kopf und sagte:
»Der Maire und ich stimmen nicht gut zusammen.«
»Ihre Schuld,«
»Warum meine Schuld?« fragte der Abbé erstaunt.
»Sie haben das Unglück gehabt, in seinem Beisein zu sagen: »Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Gut.««
»Nun, ich dachte mir es wohl,« sagte der Abbé, »daß ich nicht so bald wieder fortkommen würde und habe deshalb den Pfarrer gebeten, bei der Vesper mich zu vertreten.«
»Bravo, Abbé! Sie geben mir meine gute Laune wieder.«
»Um so besser,« sagte dieser, indem er die Hand auf den Arm des Alten legte, »denn in solcher Laune brauche ich Sie.«
»Mich?« fragte Watrin erstaunt.
»Ja . . . Sie gehören doch manchmal zu den Brummbären. Wenn Sie die gute Laune haben, ist mir's drum lieb, denn ich habe Sie um Einiges zu bitten.«
»Mich? Um Einiges?«
»Um zweierlei, will ich sagen, damit Sie nicht erschrecken.«
»Für wen?«
»Daran gewöhnt müssen Sie schon sein, denn so oft ich Ihnen die Hand entgegenstrecke, bitte ich auch um eine milde Gabe.«
»Nun was ist's jetzt? Heraus damit!« sagte Watrin lachend.
»Zuerst betrifft's den alten Peter.«
»Ja . . . der arme Teufel! Ich kenne sein Unglück schon . . . dem Mathias ist's gelungen, ihn auszubeißen.«
»Er war seit zwanzig Jahren im Dienste und nun. . . wegen eines verlorenen Briefes!«
»Herr Raisin hat nicht wohl daran getan,« sagte Watrin, »ich hab's ihm auch nicht verschwiegen und Sie können es ihm auch wiederholen, wenn er wieder kommt. Einen Diener, der zwanzig Jahre ausgehalten hat, jagt man nicht so ohne Weiteres fort; er gehört fast mit zur Familie. Ich könnte keinen Hund fortjagen, der zehn Jahre in meinem Hofe gewesen.«
»Ich kenne schon Ihr gutes Herz, deshalb machte ich mich denn auch sogleich auf, um etwas einzusammeln für den alten Armen. Manche haben mir zehn, Manche zwanzig Sous gegeben. Da dachte ich: nun gehe ich noch in das neue Haus – anderthalbe Stunde hin, anderthalbe Stunde her, zusammen drei Stunden. Zwanzig Sous für die Stunde muß Watrin geben . . . macht drei Francs, ungerechnet das Vergnügen, ihn einmal zu sehen.«
»Gott vergelt's Ihnen, Abbé Sie sind ein Goldherz!«
Watrin griff in die Tasche, brachte zwei Fünffrancstücke heraus und gab sie dem Abbé.
»Zehn Francs?« sagte dieser. »Das ist viel für Sie, mein lieber Watrin.«
»Ich muß schon etwas mehr geben, als die Andern,« weil ich den jungen Wolf Mathias hergebracht habe und er eigentlich von diesem Hause ausgegangen ist,«
»Es wäre mir lieber,« sagte der Abbé, welcher die beiden Geldstücke zwischen den Fingern drehte, als tue es ihm leid, der nicht reichen Familie eine solche Summe zu entziehen, »es wäre mir lieber, Sie gäben mir nur die drei Francs oder auch gar Nichts, und daß Sie ihm erlaubten, sich etwas Holz zu holen.«
Vater Watrin sah den Abbé scharf an; dann sagte er in seiner rauen Ehrlichkeit:
»Das Holz gehört dem Herrn Herzog von Orleans, mein lieber Abbé, und das Geld ist mein. Nehmen Sie also das Geld, und Peter soll ja kein Holz anrühren . . . Nun ist eine Sache abgemacht, also zur andern. Was haben Sie noch?«
»Ich bin mit einer Bitte beauftragt.«
»Für wen?«
»Für Sie.«
»Von wem?«
»Von Bernhard.«
»Was will er?«
»Er will . . .«
»Nun?«
»Heiraten will er.«
»Oho!« sagte Vater Watrin.
»Warum »oho?« Ist er nicht alt genug dazu?«
»O ja; wen will er heiraten?«
»Ein gutes Mädchen, das er liebt und das ihn liebt.«
»Wenn's Euphrosine nicht ist, kann er heiraten wen er will, meinetwegen seine Großmutter.«
»Er liebt – Katharine.«
»Wirklich? Das ist wahr?« fragte Vater Watrin erfreut. »Bernhard liebt Katharine und sie ihn?«
»Haben Sie Nichts gemerkt?«
»O ja, ich fürchtete nur, mich zu irren.«
»So geben Sie Ihre Einwilligung?«
»Von ganzem Herzen,« sagte Vater Watrin, der indes plötzlich inne hielt und hinzusetzte: »Aber. . .«
»Was für ein Aber?«
»Wir müssen nur erst mit der Alten sprechen. Alles, was wir seit sechsundzwanzig Jahren getan haben, taten wir in Einigkeit. Bernhard ist so gut ihr Sohn, wie der meinige; wir müssen also die Alte fragen.«
Er ging an die Küchentüre und rief:
»He, Mutter! Komm einmal herein!«
Dann kehrte er um, biss derb auf die Pfeife und rieb sich die Hände, was bei ihm ein Zeichen großer Zufriedenheit war.
»Der Bernhard!« sagte er. »Das ist der gescheiteste von seinen Streichen, die er gemacht hat.«
In diesem Augenblicke erschien Mutter Watrin in der Türe und wischte sich die Stirn mit der weißen Schürze ab.
»Was ist's?« fragte sie.
»Hierher sollst Du kommen, Alte,« antwortete Watrin.
»Ist es so nöthig gerade jetzt? Ich habe keine Zeit.«
Mit einem Male bemerkte sie den Gast, den sie noch nicht gesehen hatte, und sogleich sagte sie:
»Ei, der Herr Abbé Gregoire? Ihre Dienerin, Herr Abbé! Ich wußte nicht, daß Sie da waren, sonst würde ich mich nicht erst haben rufen lassen.«
»Hören Sie?« sagte Watrin zu dem Abbé. »Nun ist die Zunge in Bewegung.«
»Sie befinden sich doch hübsch wohl?« fuhr Mutter Watrin fort. »Und auch ihre Nichte? Sie wissen wohl schon, daß heute bei uns große Freude ist, weil Katharine angekommen?«
»Das geht! Das geht! Nicht wahr, Herr Abbé, Sie helfen mir ihr den Mund zuhalten, wenn ich es allein nicht sollte durchsetzen können?«
»Warum hast Du mich gerufen,« antwortete die Frau, die von dem vorigen Male noch einigen Groll hegte, »wenn ich dem Herrn Abbé meine Complimente nicht machen und ihn nicht nach seinem Befinden fragen soll?«
»Ich habe Dich gerufen, daß Du mir eine Freude machst.«
»Welche?«
»Du sollst mir mit einem Paar Worten und ohne Umschweife Deine Meinung über eine wichtige Sache sagen. Bernhard will heirathen.«
»Bernhard? Heiraten? Wen?«
»Seine Cousine.«
»Katharine?«
»Ja, Katharine . . . Also Deine Meinung . . . geschwind!«
»Katharine,« sagte Mutter Watrin, »ist ein gutes Kind, ein braves Mädchen.«
»Das fängt gut an . . . Weiter!«
»Die uns keine Schande machen würde. . .«
»Schnell! Schnell!«
»Sie hat nur Nichts.«
»Frau, lege in die Waagschale nicht einige erbärmliche Thaler und das Unglück der armen Kinder.«
»Ohne Geld, Alter, lässt es sich schlecht leben.«
»Ohne Liebe, Alte, noch viel schlechter.«
»Das ist freilich wahr.«
»Hatten wir Geld, als wir heirateten?« fuhr Vater Watrin fort. »Wir waren Beide arm wie die Kirchenmäuse – wir sind freilich jetzt auch noch nicht sehr reich. . . Was würdest Du gesagt haben, wenn uns die Eltern hätten trennen wollen, weil uns einige hundert Thaler zum guten Anfange fehlten?«
»Das ist Alles recht schön und recht gut,« antwortete Mutter Watrin, »und auch nicht die Hauptsache . . . Das größte Hinderniß . . .«
Sie sagte dies in einem Tone, aus dem Watrin erkennen mußte, daß er sich sehr irre, wenn er glaube, die Sache sei abgemacht.
»Nun,« fragte er, und machte sich seinerseits kampfbereit, »was für ein Hindernis giebt's denn?«
»Du weißt es schon,« antwortete die Frau.
»Rede nur als wüßte ich es nicht.«
»Wilhelm, Wilhelm,« sagte die Frau kopfschüttelnd, »wir können diese Heirat nicht auf unser Gewissen nehmen.«
»Warum nicht?«
»Weil Katharine eine Ketzerin ist.«
»Frau, Frau,« fiel Watrin ein, und er stampfte mit dem Fuße auf, »ich merkte wohl, daß dies der Stein des Anstoßes sein würde, mochte es aber nicht glauben.«
»Ja, Alter, wie ich vor zwanzig Jahren war, so bin ich noch. Ich habe mich nach Kräften der Heirat ihrer armen Mutter mit Friedrich Blum widersetzt. Leider war sie Deine Schwester, frei und brauchte meine Einwilligung nicht, aber ich sagte zu ihr: »Rosa, denke an meine Prophezeiung; die Heirat mit einem Ketzer bringt Dir Unglück.« Sie hörte nicht auf mich, heiratete und meine Prophezeiung ging in Erfüllung: Der Vater blieb im Kriege, die Mutter starb und die Kleine blieb als Waise allein.«
»Das willst Du ihr doch nicht zum Vorwurf machen?«
»Nein; ich mache ihr nur den Vorwurf, daß sie eine Ketzerin ist.«
»Unglücksweib, weißt Du denn nur, was ein Ketzer ist?«
»Ein Mensch, der nicht in den Himmel kommt.«
»Selbst wenn er rechtschaffen ist?«
»Selbst wenn er rechtschaffen ist.«
»Unsere Katharine auch, wenn sie eine gute Tochter, eine gute Frau und eine gute Mutter ist?«
»Wenn sie alles das ist.«
»Wenn sie alle Tugenden besitzt?«
»Alle Tugenden helfen ihr Nichts, wenn sie eine Ketzerin ist.«
»Himmel tausend . . .!« rief Vater Watrin.
»Fluche so viel Du willst,« antwortete die Frau; »es hilft Nichts.«
»Da hast Du Recht; ich mische mich auch nicht mehr ein,« sagte Watrin, der sich an den würdigen Geistlichen wendete, welcher bisher schweigend zugehört hatte. »Herr Abbé,« fuhr er fort, »Sie haben gehört; es ist jetzt Ihre Sache.«
Er ging dabei rasch nach der Türe zu, als ersticke er, wenn er nicht bald frische Luft atme, und brummte vor sich hin:
»Ach, die Weiber, die Weiber! Sie sind doch nur in die Welt gekommen, um die Männer unglücklich zu machen.«
Die Frau schüttelte unterdes den Kopf und sprach bei sich:
»Was er auch sagt – es geht nicht. Bernhard darf keine Ketzerin heirathen . . . Alles, was er will, nur das nicht. . . Nein, das nicht!«
Dreizehntes Kapitel
Vater und Sohn
Es versteht sich von selbst, daß der Abbé den Antrag Watrins annahm als derselbe den Kampfplatz verließ, nicht als Besiegter, sondern als Mann, welcher sich scheut, den Sieg mit Mitteln zu erringen, deren er sich schämt.
Leider kannte der Abbé Gregoire seit den dreißig Jahren, da sie bei ihm beichtete, die Frau recht gut, und da ihre hervorragendste Sünde der Eigensinn war, hatte er keine große Hoffnung, weshalb er denn auch, trotz seinem vertrauensvollen Gesichtsausdrucke. mit einem gewissen Zweifel an die Sache ging.
»Liebe Madame Watrin,« sagte er, »haben Sie keinen andern Grund gegen die Heirat als den Glaubensunterschied?«
»Herr Abbé,« antwortete Mutter Watrin, »das scheint mir hinreichend zu sein.«
»Sie sollten doch Ja sagen.«
»Herr Abbé,« entgegnete die Frau und schlug die Augen gen Himmel auf, »Sie drängen in mich, meine Zustimmung zu einer solchen Heirat zu geben?«
»Unbedenklich.«
»Ihre Pflicht wäre es, dagegen zu sein.«
»Meine Pflicht, liebe Madame Watrin, auf dem schmalen Wege, auf dem ich gehe, besteht nur darin, den mir Folgenden das höchstmögliche Glück zu gewahren; meine Pflicht ist es, die Traurigen zu trösten, und denen, die das Glück erlangen könnten, zu demselben behilflich zu sein.«
»Mein Sohn würde durch diese Heirat sein Seelenheil verlieren, darum bin ich dagegen.«
»Lassen Sie uns ruhig und verständig darüber sprechen,« sagte der Abbé. »Hat Katharine, obgleich sie Protestantin ist, Sie immer wie eine Mutter geehrt und geliebt?«
»Darüber habe ich Nichts zu sagen . . . Immer . . . Diese Gerechtigkeit muß ich ihr widerfahren lassen.«
»Sie ist sanft, gilt von Herzen und wohlwollend?«
»Das Alles ist sie.«
»Fromm, züchtig und rechtlich?«
»Ja.«
»Nun, meine gute Madame Watrin, so möge Ihr Gewissen sich beruhigen. Die Religion, welche Katharine alle diese Tugenden lehrt, wird auch das Seelenheil Ihres Sohnes nicht gefährden.«
»Nein, nein, Herr Abbé, es kann nicht sein,« wiederholte Mutter Watrin, die mehr und mehr ihrem blinden Eigensinn verfiel.'
»Ich bitte Sie!« sagte der Abbé!
»Nein!«
Der Abbé erhob die Augen gen Himmel und flüsterte:
»Mein Gott, mein Gott, Du bist so gütig, so gnädig und barmherzig, Du prüfst die Menschen mit einem einzigen Blicke, Du siehst auch, in welchem Irrtum diese Mutter befangen ist, die ihre Verblendung Frömmigkeit nennt, gieb ihr Licht!«
Aber die gute Frau schüttelte noch immer den Kopf.
In diesem Augenblicke trat Watrin wieder ein, der wahrscheinlich an der Türe gehorcht hatte.
»Nun, Herr Abbé,« fragte er mit einem Seitenblicke auf seine Frau, »ist die Alte vernünftiger geworden?«
»Madame Watrin wird die Sache hoffentlich reiflicher bedenken.«
»Ah!« sagte Watrin, der den Kopf schüttelte und die Faust ballte.
Die Mutter sah diese Gebärde, sagte aber in ihrem Eigensinn:
»Thue was Du willst; Du bist ja Herr im Hause; aber wenn Du sie zusammengiebst, ist es gegen meinen Willen.«
»Tausend . . .! Hören Sie, Herr Abbé?«
»Geduld, Watrin, Geduld!« antwortete der Abbé, der wohl sah, daß der Alte hitzig zu werden anfing.
»Geduld?« antwortete er. »Der Mann, der hier Geduld hätte, wäre gar kein Mann, sondern ein Vieh, keinen Schuß Pulver wert.«
»Nun,« fiel der Abbé begütigend ein, »sie hat doch ein gutes Herz. Sie können ruhig sein, sie wird von selbst wieder kommen.«
»Sie soll auch meine Meinung nicht annehmen, als sei sie dazu gezwungen worden; sie soll mir die Dulderin, die trostlose Mutter nicht spielen. . . Ich gebe ihr einen ganzen Tag Bedenkzeit, wenn sie aber heute Abend nicht kommt und sagt: Alter, Du hast Recht, die Kinder müssen einander heiraten . . .«
Er sah von der Seite nach seiner Frau, aber diese schüttelte den Kopf, was die Erbitterung des Alten noch mehr reizte.
»Wenn sie das nicht von freien Stücken tut,« fuhr er fort, . . . »Herr Abbé, wir leben nun sechsundzwanzig Jahre mit einander – ja, nächsten 15. Juni Werdens sechsundzwanzig Jahre – Herr Abbé, auf mein Wort, dann gehen wir noch von einander und verleben die wenigen Tage, die nur noch übrig sind, ich hier, sie dort.«
»Was sagt er?« fragte die Alte.Herr Watrin!« sagte der Abbé.
»Ich sage, . . . ich sage die Wahrheit; hörst Du, Frau?«
»Ja, ja, ich höre . . . Ich unglückliche Frau!«
Und Mutter Watrin ging schnell und schluchzend in die Küche, ohne indes, trotz ihrer Trostlosigkeit, einen Versuch zur Versöhnung zu machen.
Die beiden Männer sahen einander an, der Abbé brach zuerst das Schweigen und sagte:
»Fassen Sie Muth, lieber Watrin! Behalten Sie vor allem kaltes Blut!«
»Ist Ihnen so etwas schon vorgekommen?« entgegnete Watrin außer sich.
»Ich habe noch immer die beste Hoffnung,« sagte der Abbé, freilich offenbar mehr, um den Alten zu trösten, als weil er überzeugt war. »Die Kinder müssen zu ihr gehen und mit ihr reden.«
»Nein, das soll nicht geschehen. Es soll nicht heißen, sie sei nur aus Mitleiden gut gewesen; sie soll der Sache selbst wegen nachgeben, oder ich mag gar Nichts mehr mit ihr zu tun haben. Die Kinder sollen zu ihr gehen, mit ihr reden? Da müßte ich mich schämen . . . Die Kinder dürfen gar nicht wissen, daß die Mutter so albern und hartköpfig ist.«
In diesem Augenblicke zeigte sich das ungeduldige Gesicht Bernhards in der halb geöffneten Türe. Watrin bemerkte es und sagte leise zu dem Abbé:
»Still jetzt von der eigensinnigen Alten!«
Bernhard hatte den Blick seines Vaters bemerkt, und das Schweigen, in dem er verharrte, verringerte seine Besorgniß nicht.
»Nun, Vater?« entschloss er sich endlich schüchtern zu fragen.
»Wer hat Dich gerufen?« entgegnete der Alte.
»Vater!« sagte Bernhard leise und fast flehentlich.
Dieser Ton des Sohnes ging Watrin tief ins Herz, aber er sträubte sich gegen den Eindruck, und fragte mit barscher Stimme nochmals:
»Wer hat Dich gerufen?«
»Niemand, . . . ich weiß es, . . . aber ich hoffte. ..«
»Geh! Narren hoffen.«
»Lieber, guter Vater, . . . ein einziges gutes Wort!«
»Geh!«
»Um Gottes willen, Vater!«
»Geh, sage ich Dir!« rief Watrin nochmals. »Du hast hier Nichts zu schaffen.«
In der Familie Watrin hatte jedoch Jedes seinen Teil Eigensinn. Statt also die Wolke sich verziehen zu lassen, die auf der Stirn seines Vaters lag, und später wiederzukommen, wie dieser es selbst empfahl, wenn auch in etwas barscher Weise, trat Bernhard in die Stube herein und sagte mit festerer Stimme:
»Vater, die Mutter weint und antwortet nicht; Du antwortest nicht und jagst mich fort . . .«
»Ruhe, Bernhard! Ruhe,« sagte der Abbé. »Es wird sich Alles ausgleichen lassen.«
Statt aber auf die Worte des Abbé zu hören, hörte er auf die Stimme der Verzweiflung, die in ihm zu grollen begann.
»Ich Unglücklicher!« sagte er, da er glaubte, die Mutter willige in die Heirat und nur der Vater sei dagegen. »Ich Unglücklicher! Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich meinen Vater geliebt und er liebt mich nicht.«
»Unglücklicher. Sie lästern!« fiel der Abbé ein.
»Sie sehen ja, Herr Abbé, daß mein Vater mich nicht liebt, weil er mir das Einzige versagt, was mich glücklich machen kann.«
»Hören Sie?« sagte Watrin, in dem der alte Zorn, durch den neuen verstärkt, aufflammte. »So urteilt man. Ach, die Jugend! Die Jugend!«
»Aber man soll nicht sagen,« fuhr Bernhard fort, »ich habe das arme Mädchen einer unglaublichen Laune wegen verlassen; wenn sie hier nur einen Freund hat, soll dieser alle andern ersetzen.«
»Ich habe Dir nun schon drei Mal gesagt, Bernhard, Du sollst gehen.«
»Ich gehe, gut,« antwortete der junge Mann, »aber ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, ich bin mein eigener Herr, und was man mir hartherzig verweigert, darf ich mir nach dem Gesetze selbst nehmen, und das werde ich tun.«
»Das Gesetz?« fuhr Vater Watrin auf. »Gott verzeihe mir, ich glaube ein Sohn spricht vor seinem Vater von dem Gesetze!«
»Ist es denn meine Schuld?«
»Das Gesetz!«
»Du treibst mich zum Äußersten . . .«
»Das Gesetz' Jetzt geh! Vom Gesetz sprichst Du gegen Deinen Vater? . . . Geh, Unglücklicher, und laß Dich nicht wieder vor meinen Augen sehen . . . Gesetz!«
»Vater,« sagte Bernhard, »ich gehe, weil Du mich verstößest, aber gedenke immer der Stunde, in der Du zu Deinem Sohne gesagt hast: »verlaß mein Haus!« und alle Folgen mögen über Dich kommen!«
Bernhard nahm sein Gewehr und stürzte wie wahnsinnig hinaus.
Vater Watrin war nahe daran, auch nach seinem Gewehr zu greifen.
Der Abbé hielt ihn zurück.
»Was tun Sie, Abbé?« entgegnete der Alte. »Haben Sie nicht gehört, was der Ungeratene sagte?«
»Vater, Vater!« fiel der Abbé ein, »Sie sind gegen den Sohn zu hart gewesen.«
»Zu hart?« wiederholte Watrin, »Sie auch? Bin ich zu hart gewesen, oder die Mutter? Sie und Gott wissen es. Zu hart! Und die Tränen standen mir in den Augen, als ich mit ihm redete, denn ich liebe ihn doch – ich liebte ihn wenigstens – wie man den einzigen Sohn liebt. Nun,« fuhr der Alte mit fast erstickter Stimme fort, »nun mag er gehen wohin er will, und es mag werden aus ihm was will, wenn ich ihn nur nicht wiedersehe.«
»Aus einer Ungerechtigkeit folgen andere, Watrin!« sagte der Abbé feierlich . . . »Sehen Sie sich vor, damit Sie nicht mit ruhigem Blute ungerecht werden, nachdem Sie im Zorne zu hart gewesen sind. Den Zorn verzeiht Ihnen Gott, die Ungerechtigkeit wird er nicht verzeihen.«
Der Abbé hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als Katharine blass und ängstlich in die Stube trat. Ihre großen blauen Augen stierten gerade aus und große Thränen rollten wie Perlen über, ihre Wangen.
»Ach, guter Vater,« sagte sie mit ängstlichem Blicke auf das finstere Gesicht des Alten, »was ist geschehen?«
»Nun kommt die auch noch!« brummte Watrin, der die Pfeift aus dem Munde nahm und sie in die Tasche steckte, – bei ihm ein Zeichen der höchsten Aufregung.
»Bernhard hat mich weinend geküßt,« fuhr Katharine fort, »und ist dann wie außer sich fortgelaufen.«
Der Abbé wischte die nassen Augen mit dem Taschentuche ab.
»Bernhard . . . Bernhard ist ein Unglücklicher,« sagte Watrin, » und – Du – Du . . .«
Ohne Zweifel wollte er auch etwas Heftiges gegen Katharinen sagen, aber sein gereizter Blick begegnete dem sanften, bittenden Blicke des Mädchens und aller Zorn in ihm schmolz wie Schnee vor einem Strahle der Aprilsonne.
»Du . . ., Du . . . murmelte er gerührt, »Du, Katharine, bist mein liebes, gutes Kind.«
Er küßte sie, schob sie dann sanft von sich und sagte zu dem Abbé:
»Herr Gregoire, 's ist wahr, ich bin hart gewesen, aber Sie wissen es, die Alte ist daran Schuld. Gehen Sie und suchen Sie die Sache mit ihr ins Geleise zu bringen . . . Ich werde einen Gang in den Wald machen . . . Schatten und Einsamkeit bringen immer, habe ich bemerkt, guten Rat.«
Er reichte dem Abbé die Hand, aber ohne nach Katharinen zu sehen, verließ das Haus und schritt in den Wald hinein.
Der Abbé hätte gern dasselbe getan, um einer Erklärung auszuweichen, er ging indes nach der Küche zu, wo er Mutter Watrin sicherlich traf, aber Katharine hielt ihn auf.
»Um Gotteswillen, Herr Abbé,« sagte sie, »haben Sie Mitleid mit mir und erzählen Sie mir, was hier vorgegangen ist.«
»Mein Kind,« antwortete der würdige Geistliche, welcher die beiden Hände des Mädchens ergriff, »Sie sind so gut, sanft und fromm, daß Sie hier auf Erden und droben im Himmel nur Freunde haben können. . . Hoffen Sie also, klagen Sie Niemanden an und überlassen Sie es der Güte Gottes, dem Gebete der Engel und der Liebe Ihrer Eltern, Alles wieder in Ordnung zu bringen.«
»Was habe ich dabei zu tun?« fragte Katharine.
»Beten Sie, daß Vater und Sohn, die in Zorn und unter Tränen von einander gegangen, einander mit Freude wiederfinden!«
Er verließ die etwas beruhigte Katharine und trat in die Küche, wo die Mutter noch immer von Zeit zu Zeit eigensinnig den Kopf schüttelte und dabei ihre Arbeit verrichtete.
Katharine sah den Abbé fortgehen, wie sie Vater Watrin hatte fortgehen sehen, und verstand die Empfehlung des Ersteren so wenig, als das Schweigen des Letzteren.
»Mein Gott, mein Gott!« fragte sie sich laut, »kann mir Niemand sagen, was hier vorgeht?«
»Das kann ich, mit Ihrer Erlaubnis,« sagte Mathias, der sich draußen auf das Fensterbrett legte.
Dies plötzliche Erscheinen war fast eine Freude für Katharinen, und so kam ihr Mathias kaum noch hässlich vor.
»So sage mir geschwind, wo Bernhard ist, und warum er fortgegangen.«
Mathias lachte plump und sagte dann:
»Wollen Sie's wirklich wissen?«
»Ich bitte Dich darum.«
»Nun. . . er ist fortgegangen, weil ihn sein Vater fortgejagt hat.«
»Fortgejagt? Der Vater den Sohn? Warum?«
»Warum? Weil er Sie heirathen wollte.«
»Fortgejagt? Meinetwegen? Aus dem Vaterhause?«
»Ja, . . . es sind harte Worte gefallen. . . Ich war da am Backofen und hörte Alles . . . ohne zu horchen . . . Ich horche nicht; . . . sie schrien aber so sehr, daß ich Alles hören mußte. Einmal, als Bernhard sagte, die Folgen möchten über seinen Vater kommen, glaubte ich beinahe, der Alte würde nach seiner Flinte greifen. Da wäre gewiss ein Unglück geschehen, denn der Vater Watrin ist ein tüchtiger Schütze.«
»Mein Gott! Mein Gott! Der arme Bernhard!«
»Ja, nicht wahr, was er für Sie gewagt hat, verdient, daß Sie ihn noch einmal sehen, wäre es auch nur, um ihn zu hindern einen dummen Streich zu machen?«
»Ja, ja . . . ich wünsche Nichts mehr als ihn noch ein Mal zu sehen, aber wie?«
»Er wird Sie heute Abend erwarten. Er hat mir's aufgetragen, Ihnen das zu sagen.«
»Wo will er warten?«
»Bei der Prinzenquelle.«
»Um welche Zeit?«
»Um neun Uhr.«
»Ich komme, Mathias, ich komme.«
»Das tun Sie ja, sonst müßte ich darunter leiden, denn Bernhard spaßt nickt. Heute früh schon hat er mir eine Ohrfeige gegeben, von der mir die Backe noch brennt, aber ich bin ein guter Kerl und trage Nichts nach.«
»Ich komme gewiß, Mathias und der liebe Gott wird es Dir vergelten,« sagte Katharine, die in ihr Kämmerchen hinaufging.
Mathias dagegen kehrte mit dem Lachen des Teufels, der eine arme unschuldige Seele in einen Fallstrick geraten sieht, nach dem Walde zurück, in dem er unter Winken bald verschwand.
Auf dieses Winken kam ein Reiter herbei.
»Nun,« fragte dieser, indem er sein Pferd vor Mathias anhielt.
»Alles geht gut. Der Andere hat so viele Dummheiten gemacht, daß man genug zu haben scheint, und. . . man sehnt sich auch wieder nach Paris.«
»Was habe ich zu tun?«
»Reiten Sie in die Stadt, holen Sie sich so viel Geld als möglich, finden Sie sich um acht Uhr in Corcy ein und um Neun . . .«
»Um Neun?«
»Wird Sie eine gewisse Person, die heute früh mit Ihnen nicht sprechen Konnte und die nicht über Gondreville kam, um kein Aufsehen zu machen, an der Prinzenquelle erwarten . . .«
»Sie willigt also ein mit mir durchzugehen?« fragte der Pariser, der Reiter, ganz vergnügt.
»In Alles.«
»Fünfundzwanzig Louisdor sind Dein, wenn Du nicht lügst, Mathias. Also heute Abend um neun Uhr.«
Darauf gab er seinem Pferde die Sporen und ritt im Galopp nach der Stadt zu.
»Fünfundzwanzig Louisdor!« wiederholte Mathias, der ihm nachsah. »Ein schönes Geld . . . abgesehen von der Rache! . . . Eine Eule bin ich? Ein Unglücksvogel? Herr Bernhard, die Eule sagt: »gute Nacht!«
Er hielt beide Hände an den Mund und machte zwei Mal den Eulenruf nach, dann ging er im Walde nach Corcy zu.
Vierzehntes Kapitel
Corcy
Vor fünfundzwanzig Jahren, in der Zeit, in welcher unsere Geschichte geschah, waren die Kirchweihen in den Dörfern um Villers-Cotterets her wirkliche Feste, nicht blos für die Dörfer selbst, sondern auch für die Stadt, um welche die Dörfer her lagen wie Monde um ihren Planeten.
Einen doppelten Reiz hatte ein solches Fest, wenn es mit den ersten Tagen des schönen Frühjahrs zusammenfiel und das Dorf in den Strahlen der Maisonne zwitschernd und singend erwachte wie ein Nest voll Vögel in grünem Laube.
Vierzehn Tage vorher im Dorfe, acht Tage vorher in der Stadt begannen die Vorbereitungen derer, welche irgendwie Theil an dem Feste nehmen wollten.
In den Wirtshäusern strich man die Tische frisch an, putzte die Fenster, scheuerte die zinnernen Becher und Krüge und erneuerte die Schenkzeichen draußen.
Die Musikanten reinigten und ebneten den Platz, auf dem getanzt werden sollte, unter den Bäumen wurden Schenkbuden und Zelte aufgeschlagen, und die jungen Männer und Mädchen sorgten für ihren Putz wie Soldaten für die Waffen vor einer großen Musterung.
Früh an dem wichtigen Tage endlich standen Alle zeitig auf und arbeiteten von dem frühesten Morgen an. Die verschiedenen Spiele wurden aufgestellt; die Kaninchen warteten ängstlich mit zurückgelegten Ohren auf ihr Schicksal, und für das Dorf begann also das Fest schon früh. Nicht so für die Vertreter, welche die Stadt senden sollte und die erst um drei oder vier Uhr früh aufbrachen, wenn nicht besondere Einladungen oder Verwandtschaften etwas Anderes bestimmten.
Um drei oder vier Uhr Nachmittags also, je nachdem das Dorf mehr oder weniger entfernt von der Stadt lag, begann eine lange Prozession auf dem Wege dahin sich zu entfalten. Sie bestand in Modeherren zu Pferde, in Aristokraten zu Wagen und in Mitgliedern des dritten Standes zu Fuße. Diese Mitglieder des dritten Standes waren Advokatenschreiber, Subalternbeamte von der Steuer und elegante Handwerker, die meist an jedem Arme ein hübsches Mädchen in einem Häubchen mit rosa oder blauem Band und einem Kleid von Kattun oder Muslin, das mit keckem Auge und weißen Zähnen nach der Dame in Hut und Wagen sah.
Um fünf Uhr waren Alle an Ort und Stelle und das Fest hatte seine wirkliche Bedeutung, denn es enthielt die drei Elemente: Aristokraten, Bürger und Bauern.
Alle tanzten auf einem und demselben Platze zwar, aber ohne sich zu vermengen; jede Kaste bildete ihre Quadrille, und wenn eine dieser Quadrillen beneidenswert war oder beneidet wurde, war es die der Mädchen in den Häubchen mit blauem und rosa Band.
Um neun Uhr Abends hörte der Tanz allmählich auf; die Städter traten den Rückweg an, wie sie gekommen waren, zu Pferd, zu Wagen, zu Fuß.
Das Schönste sogar am ganzen Feste war, für viele wenigstens, dieser Rückweg unter den großen Bäumen, im Mondscheine, in der ersten lauen Frühlingsluft.
Diese Feste wurden mehr oder minder zahlreich besucht, je nach der Wichtigkeit des Dorfes oder nach seiner mehr oder minder malerischen Lage.
Corcy nahm in dieser Hinsicht den ersten Rang ein.
Es kann nichts Lieblicheres geben, als dies Dorf am Eingange des Nadonthales. Zehn Minuten von dem Wege namentlich befindet sich ein eigentümlich schöner Punkt, der lieblich und wild zu gleicher Zeit ist, die sogenannte Prinzenquelle, zu welcher, wie wir gehört haben, Mathias sowohl den Pariser als Katharine bestellt hatte.
Um vier Uhr war das Fest in Corcy bereits in vollem Gange.
Versehen wir uns an den Eingang einer der improvisierten Schenken, von der wir gesprochen haben. Sie lebte alle Jahre ein Mal, für drei Tage, zu ephemerem Leben auf und war ein ehemaliges leerstehendes Wachthaus.
Auf diese drei Tage stellte der Inspektor dieses Haus zur Verfügung einer Frau, die man Mutter Tellier hieß, und Wirtin in Corcy war. An dem ersten der genannten drei Tage wurden die nöthigen Vorbereitungen gemacht, am zweiten war das Fest und den dritten brauchte man, um Alles wieder in den vorigen Stand zu setzen.
Dies Haus stand halben Weges von Corcy zur Prinzenquelle, so daß alle diejenigen da einsprachen, welche jenen Lieblingsplatz besuchen wollten. Und in den Tanzpausen gingen fast Alle, entweder der Schönheit der Gegend oder des Bedürfnisses der Liebenden nach Einsamkeit wegen, zu der Quelle, wobei sie natürlich bei der Mutter Tellier einsprachen,
Um fünf, sechs und sieben Uhr war es in dem Hause am lebhaftesten; von da an wurde es wieder stiller, bis um zehn Uhr Alles sich entfernt hatte und das Haus seine hölzernen Augenlider schließen konnte.
Die Gäste hielten sich vorzugsweise vor dem Hause unter einer Art großer Laube von Epheu und Wein auf die an Säulen empor rankten.
Gegenüber, am Fuße einer Buche, eines Riesen aus längst vergangener Zeit, stand eine Laubhütte, in welcher am Tage über der Wein sich frisch erhielt, den man allerdings Abends in das Haus brachte, da das Vertrauen der Mutter Tellier in die Ehrlichkeit der Leute nicht so weit ging, die verführerische Flüssigkeit die Nacht über im Freien zu lassen, wie sehr er sich da auch würde abgekühlt haben.
Gegen sieben Uhr befand sich in diesem Hause der Mutter Tellier eine äußerst zahlreiche Gesellschaft von Personen, die dreierlei Sorten Wein trank und Kuchen dazu aß. Manche Hungrige brachten es sogar bis zu Eierkuchen und Salat oder zu Wurst.
Fünf Tische von den dastehenden sechs waren besetzt und Mutter Tellier mit der Magd Babette reichten kaum hin, alle Kunden zu befriedigen.
An einem der Tische saßen zwei von den Männern, welche früh bei der Erlegung des Wildschweins gewesen waren, Bobineau und Lajeunesse. Bobineau, ein wohlbeleibter Mann mit vorstehenden Augen und vollen Backen, aus der Provence gebürtig, heiteren Temperaments, redelustig, geschickt im Angriffe und in der Verteidigung, stieß mit der Junge an und kam nicht selten auf Redensarten und Ausdrücke, von denen man heute noch, fünfzehn Jahre nach seinem Tode, spricht.
Lajeunesse (der Junge) war groß, hager und dürr, hatte diesen jugendlichen Namen 1784 von dem Herzoge von Orleans, Philipp Egalité, erhalten, weil er damals der Jüngste gewesen, und ihn seitdem behalten, ob er gleich jetzt beinahe der älteste war. Dabei war er so ernsthaft, wie Bobineau lachlustig und mit Worten so karg, wie jener verschwenderisch.
Links vom Hause, an der Morgenseite befand sich der Überrest einer Hecke, die vielleicht sonst rund herum gegangen war, jetzt aber nur noch etwa sechs Fuß weit, bis an die Laubhütte reichte, in welcher der Wein abkühlte.
Hinter dieser Hecke, durch welche eine Türe führte, von welcher nur noch die beiden Pfosten übrig waren, erhob sich ein Hügel und auf diesem stand eine große Eiche mit moosbewachsenem Stamme, die das kleine Tal mit der Quelle überschaute.
Unten an diesem Hügel, vor der Hecke, spielte Mathias Kegel mit drei Personen, die ihm so ziemlich glichen, wenigstens an Nichtsnutzigkeit.
Weiterhin, im geheimnisvollen Waldesschatten, auf dem Moosteppich, im Dunkel, das einzutreten begann, wandelten einzeln, und mehr noch Paarweise, mehrere Spaziergänger.
Von dem Tanzplatze her hörte man die Geigen und die Clarinetten und auf ihren Ruf eilten fast immer tanzlustige Paare hinzu.
Nun, da unser Theater aufgebaut und der Vorhang aufgezogen ist, mögen die Leser unter die Laube der Mutter Tellier treten, die eben einem Schwelger einen Eierkuchen mit Speck und eine Flasche Wein bringt, während Babette unsern Bekannten Bobineau und Lajeunesse ein großes Stück Käse brachte, um mit dessen Hilfe die zweite Flasche Wein gemächlicher vertilgen zu können.
»So ist's,« sagte Lajeunesse in seiner ernsten Weise zu Bobineau, der lächelnd zuhörte, »und wenn Du's nicht glaubst, kannst Du Dich mit eigenen Augen überzeugen, wie man zu sagen pflegt. Der Mann ist erst vor Kurzem aus Deutschland angekommen und heißt Milder.«
»Wo wird er bleiben?« fragte Bobineau in seinem stark provenzalischen Accente.
»Am andern Ende des Waldes, in Montaigu. Er hat einen ganz kleinen Stutzen, das Rohr nur fünfzehn Zoll, für Kugeln nicht größer als Posten. Er nimmt Dir ein Hufeisen, nagelt es an eine Wand und schießt auf fünfzig Schritt eine Kugel in eines der Löcher nach dem andern.«
»Warum wird er nicht Hufschmied?« fragte Bobineau lachend. »Er brauchte sich vor dem Ausschlagen der Pferde nicht zu fürchten und könnte die Hufnagel hinein schießen . . . Sobald ich es sehe, glaube ich es auch, nicht wahr, Molicar?«
Diese Anrede galt einem Hinzutretenden, welcher die Kegel umgestoßen hatte und von den Verwünschungen der Spieler verfolgt wurde, welche drohten, die Kugeln nach seinen Beinen zu werfen, auf denen er an sich schon nicht recht fest mehr stehen konnte.
Molicar drehte sich um, als er seinen Namen hörte, und als er den, welcher ihn genannt hatte, wie durch Nebel hindurch erkannt hatte, riß er die Augen auf und fragte:
»Du bist's, Bobineau?«
»Ich bin's.«
»Und was sagst Du? Sag's noch ein Mal, wenn Du ein Freund bist.«
»'s war Nichts. Der Spaßvogel Lajeunesse höhnt mich.«
»Aber,« fiel Lajeunesse ein, der sich in seiner Erzählerehre verletzt glaubte, »wenn ich Dir sage . . .«
»Molicar,« begann Bobineau wieder, »wie steht's mit Deinem Prozeß mit dem Nachbar Lafarge?«
»Mit meinem Prozesse?« fragte Molicar, der bei dem Zustande seines Geistes einige Mühe hatte, von einer Vorstellung zur andern zu gelangen. »Mit dem Friseur Lafarge?«
»Ja.«
»Den hab' ich verloren.«
»Wie ist das zugegangen?«
»Ich wurde verurteilt.«
»Von wem?«
»Von dem Friedensrichter Bassinot.«
»Wozu wurdest Du verurteilt?«
»Zu drei Francs Strafe.«
»Was hattest Du dem Lafarge getan?« fragte Lajeunesse in seinem gewöhnlichen Ernste.
»Was ich ihm getan hatte?« wiederholte Molicar, der auf den Beinen hin- und herwankte wie ein Pendel. »Ich hatte ihm die Nase beschädigt, aber ohne böse Absicht, auf Ehre. Du kennst doch die Nase des Friseurs Lafarge, Bobineau?«
»Drücke Dich besser aus, Molicar. Das ist keine Nase, sondern ein Stiel.«
»Das ist das rechte Wort, wahrhaftig. Ein verfluchter Kerl, der Bobineau.«
»Erzähle uns die Geschichte von der Nase.«
»Meinetwegen. Es war heute vor vierzehn Tagen,« antwortete Molicar, der wiederholt eine Bewegung machte, als wolle er eine zudringliche Fliege verscheuchen, die aber gar nicht da war; »wir kamen aus der Schenke.«
»Und Ihr wäret angetrunken?« sagte Bobineau.
»Wahrhaftig nicht,« antwortete Molicar.
»Ich bleibe dabei, daß Ihr angetrunken wart.«
»Und ich sage Dir, es ist nicht wahr; wir waren – betrunken.«
Molicar lachte über den Witz.
»Das ist etwas Anderes,« meinte Bobineau.
»Wirst Du Dich denn nie ändern. Molicar?« fragte Lajeunesse im Tone des Vorwurfs.
»Warum denn?«
»Die Frage gefällt mir,« sagte Bobineau. »Ein Glas Wein, Molicar!«
Molicar schüttelte den Kopf.
»Du willst nicht?«
»Nein.«
»Du schlägst ein Glas Wein aus?«
»Eins, ja. Zwei oder gar Nichts.«
»Bravo!«
»Warum zwei?« fragte Lajeunesse, der von Allem den Grund wissen wollte.
»Eins noch wäre das Dreizehnte heute Abend.«
»Ah!«
»Und dreizehn würde mir Unglück bringen.«
»Abergläubiger! Du sollst zwei haben.«
»Wir kamen also aus der Schenke,« begann Molicar zu erzählen.
»Welche Zeit war es?«
»O, ziemlich früh.«
»Nun?«
»Es mochte ein oder halb zwei Uhr früh sein und ich wollte nach Hause gehen, wie es sich für einen ordentlichen Mann mit einem Kind und drei Frauen geziemt.«
»Drei Frauen?«
»Drei Frauen und ein Kind.«
»Ein Türke!«
»Nein, nein, eine Frau und drei Kinder! Ist der Bobineau schwer von Begriff. Kann man denn drei Weiber haben? Und wenn ich drei gehabt, wäre ich gewiss nicht nach Hause gegangen. Ich gehe oft schon nicht nach Hause, weil mir die eine zu viel ist. Um's kurz zu machen, ich kam auf den schlechten Einfall, zu Lafarge zu sagen, der am Brunnenplatz wohnt, während ich bekanntlich weit davon wohne: »Nachbar, Einer bringt den Andern nach Hause. Erst begleiten Sie mich, dann gehe ich mit Ihnen, dann kommen Sie wieder mit mir und jedes Mal trinken wir bei der Mutter Moreau einen Schoppen.«
»Du hattest an jenem Tage wahrscheinlich auch nur dreizehn Gläser getrunken und fürchtetest, es könnte Dir Unglück bringen,« meinte Bobineau.
»Nein,« antwortete Molicar, »an jenem Tage hatte ich sie gar nicht gezählt und das ist nicht recht; es soll mir auch nicht wieder passieren. Wir gingen mit einander als gute Freunde und Nachbarn, als wir an der Türe der Posthalterin, der Chapuis, ankamen. Da lag ein großer Stein und es war pechfinster . . . Du hast gute Augen, Lajeunesse, nicht wahr? Du auch, Bobineau? Nun, in dieser Nacht hättet Ihr gewiß eine Katze für einen Nachtwächter angesehen.«
»Niemals,« antwortete Lajeunesse ernsthaft.
»Unterbrich ihn nicht,« empfahl Bobineau.
»An der Türe der Posthalterin, der Chapuis, stolperte ich an den Stein. Ich armer Teufel sah ihn nicht. Wie hätte ich ihn auch sehen können? Der Nachbar Lafarge sah nicht einmal seine Nase, die doch näher an seinen Augen ist, als meine Augen an dem Steine waren. Ich stolpere also, strecke die Hand aus und fasse das Erste, was mir vorkommt. Es war die Nase des Nachbars Lafarge. Ihr wisst nun, wenn man beinahe ersoffen, hält man fest, wenn man aber besoffen, greift man noch viel derber zu. Mein Zugreifen hatte auch seine Folgen, so ungefähr als wenn Du den Hirschfänger aus der Scheide ziehst, Bobineau. Der Nachbar Lafarge zog endlich seine Nase aus meiner Hand, aber die Haut der Nase blieb mir. Ihr seht, daß es meine Schuld nicht war, auch habe ich mich keinen Augenblick geweigert, sie ihm wieder zu geben, die verfluchte Nasenhaut. Der Friedensrichter verurteilte mich aber doch zu drei Francs Schadenersatz.«
»Und Nachbar Lafarge ist so kleinlich gewesen, Deine drei Francs anzunehmen?«
»Ja, aber wir spielten darum, ich gewann sie wieder und dann vertranken wir sie. Mein vierzehntes Glas, Bobineau!«
»Sagen Sie, Vater Bobineau,« fiel Mathias ein, »sagten Sie nicht, Sie suchten den Inspektor?«
»Nein,« antwortete Bobineau.
»Ich glaubte es, und da er hierher kommt, wollte ich's Ihnen sagen, damit Sie ihn nicht aufzusuchen brauchten.«
»Wenn's so ist . , .« sagte Lajeunesse und griff in die Tasche.
»Was thust Du?« fragte Bobineau.
»Ich bezahle für uns Beide; ein andermal thust Du's. Der Inspektor braucht uns nicht in der Schenke zu sehen. Wenn man auch nur zufällig ein Glas trinkt, könnte er doch glauben, man sei sehr oft da. Vierunddreißig Sous, nicht wahr, Mutter Tellier?«
»Ganz recht,« sagte diese.
»Da ist das Geld. Auf Wiedersehen.«
»Die Memmen, die Hasen!« sagte Molicar, indem er sich an den Tisch setzte, welchen die Beiden verlassen und die kaum angebrochene dritte Flasche in den Strahlen der untergehenden Sonne hielt. »Die Memmen! Vom Kampfplatz zu weichen, wenn noch Feinde da sind!«
Er füllte die beiden Gläser bis an den Rand, stieß sie an einander und sagte:
»Du sollst leben. Molicar!«
Unterdes waren die beiden Andern, so eilig sie sich entfernen zu wollen schienen, neben einander stehen geblieben und sahen staunend Einen an, der eben erschien.
Es war Bernhard, aber bleich, verstört, von Schweiß bedeckt, mit aufgerissenem Halstuch.
Fünfzehntes Kapitel
Die Schlange
Der junge Mann war so verändert, daß seine beiden Kameraden ihn eine Zeit lang ansahen, ohne ihn zu erkennen. Endlich sagte Lajeunesse.
»'s ist Bernhard . . .Guten Tag, Bernhard,«
»Guten Tag,« antwortete Bernhard barsch, dem es offenbar unangenehm war, sie da zu sehen.
»Du bist auch da?« fragte Bobineau.
»Warum nicht? Ist es denn verboten hierherzukommen?«
»Verboten ist's freilich nicht,« antwortete Bobineau. »Ich wundere mich nur, Dich allein zu sehen.«
»Mit wem sollte ich sein?«
»Wenn man eine junge schöne Braut hat . . .«
»Reden wir davon nicht,« sagte Bernhard stirnrunzelnd; dann stieß er den Gewehrkolben auf den Tisch und rief: »Wein!«
»Still!« sagte Lajeunesse.
»Warum?«
»Der Inspektor ist da.«
»Nun. . .?«
»Ich sage weiter nichts, als, der Inspektor ist da.«
»Was kümmert's mich, ob der Inspektor hier oder anderswo ist?«
»Dann ist es etwas anderes.«
Bobineau stieß Lajeunesse mit dem Einbogen an und sagte:
»Es ist zu Hause etwas vorgekommen.«
Lajeunesse gab zu verstehen, daß er derselben Meinung sei, dann sagte er zu Bernhard:
»Bernhard, ich wollte Dir weder Vorschriften machen, noch Dich ärgern, aber Du weißt es ja, der Inspektor sieht unser einen nicht gern in der Schenke.«
»Wenn ich aber gern in das Wirtshaus gehe?« entgegnete Bernhard. »Glaubst Du, der Inspektor hintere mich daran?« Er pochte noch stärker als das erste Mal mit dem Kolben auf den Tisch und rief lauter: »Wein! Wein!«
»Wir wollen gehen,« sagte Bobineau zu Lajeunesse. »Will er dumme Streiche machen, so mag er's tun. Komm. Leb wohl, Bernhard.«
»Adieu!« antwortete dieser kurz.
Die beiden andern entfernten sich in einer Richtung, in welcher sie dem Inspektor nicht begegnen konnten, der übrigens in ein Gespräch vertieft war, nicht gut sehen konnte und vorüberging, ohne seine Leute zu erkennen.
»Kommt denn Niemand?« rief Bernhard und klopfte zum dritten Male als wolle er den Tisch zertrümmern.
Mutter Tellier kam endlich mit einer Flasche Wein in jeder Hand, ohne zu wissen, wer der ungestüme Gast sei.
»Da! Da!« sagte sie. »Der Wein auf Flaschen war ausgegangen und wir mußten erst wieder abziehen.«
Jetzt erst erkannte sie Bernhard.
»Ach. Sie sind's?« fragte sie. »Du lieber Gott, wie blass Sie aussehen!«
»Meinen Sie? Eben darum will ich trinken. Der Wein giebt Farbe.«
»Sie sind gewiß krank,« fuhr die Frau fort.
Bernhard zuckte die Achseln, nahm ihr eine Flasche aus der Hand und sagte:
»Geben Sie her.«
Er setzte die Flasche an den Mund und trank daraus.
»Herr Gott!« rief da die gute Frau, die staunend zusah, da etwas der Art ganz gegen das Wesen Bernhards war. »Sie werden sich schaden.«
»Ah!« entgegnete Bernhard, indem er sich setzte. »Lassen Sie mich immer diese Flasche austrinken, wer weiß, ob Sie mir jemals eine andere bringen.«
Das Staunen der Mutter Tellier wuchs mehr und mehr, so daß sie alle ihre andern Gäste vergaß.
»Was ist denn geschehen?« fragte sie teilnehmend.
»Gar Nichts; aber geben Sie mir Tinte, eine Feder und Papier.«
Mutter Tellier eilte fort.
»Tinte, eine Feder und Papier,« wiederholte Molicar, welcher die dritte Flasche Bobineaus und Lajeunesses beinahe geleert hatte und noch mehr betrunken geworden war . . . »Geht man denn ins Wirtshaus, um Tinte, Feder und Papier zu verlangen? Ins Wirtshaus geht man, um Wein zu fordern.« Und um seine Behauptung sogleich praktisch auszuführen, rief er: »Wein! Mutter Tellier, Wein!«
Mutter Tellier überließ es der Magd Babette, Molicar zu bedienen, war unterdes zurückgekommen und hatte Bernhard die Schreibmaterialien gebracht. Er sah zu ihr empor und da sie schwarzgekleidet ging, fragte er:
»Warum trauern Sie?«
Die gute Frau erblasste nun ihrerseits und sagte halb schluchzend:
»Wissen Sie denn das große Unglück nicht mehr, das mir widerfahren ist?«
»Ich erinnere mich nicht.«
»Sie waren ja selbst mit bei dem Begräbnisse . . . Ich traure über meinen Anton, der vor vier Wochen starb.«
»Arme Frau!«
»Ich hatte nur ihn, den einzigen Sohn und der liebe Gott hat mir ihn doch genommen. Er fehlt mir überall. Wenn eine Mutter ihren Sohn zwanzig Jahre lang immer bei sich gehabt hat und auf einmal ist er fort, . . . kann sie Nichts tun als weinen, wenn's auch Nichts hilft; denn verloren ist verloren.«
Und die gute Frau schluchzte.
Diesen Augenblick wählte Molicar, um ein Liedchen anzustimmen, sein Lieblingslied, den Gradmesser seiner »Seligkeit.« Wenn er das Lied zu singen anfing, war er betrunken. Er sang:
»Wenn nur ein einz'ger Traubenstock,
In meinem Garten stände.«
Da dieses Lied einen schneidenden Kontrast zu dem Schmerze der Mutter Tellier machte, an welchem Bernhard so innigen Anteil nahm, sprang dieser auf und rief:
»Willst Du wohl schweigen?«
Molicar achtete auf das Verbot nicht und fing noch einmal an:
»Wenn nur ein einz'ger Traubenstock . . .«
»Schweige, sage ich Dir!« wiederholte der junge Mann mit einer drohenden Gebärde.
»Warum soll ich nicht singen?« fragte Molicar.
»Hörst Du denn nicht, was die Frau sagt? Siehst Du nicht, daß eine Frau hier weint, um ihren Sohn weint?«
»'s ist wahr. Ich will leise singen.« Und er begann leiser:
»Wenn nur ein . . .«
»Nicht leise und nicht laut!« fiel Bernhard ein. »Schweig oder geh!«
»'s ist schon gut,« antwortete Molicar; »ich gehe. Mir gefallen die Wirtshäuser, wo man lacht, die gar nicht, wo man weint. Mutter Tellier, Mutter Tellier,« setzte er hinzu und klopfte auf den Tisch; »hier ist das Geld.«
»Geh nur,« bemerkte Bernhard, »ich werde Deine Zeche mit bezahlen.«
»Auch gut,« antwortete Molicar, der aufstand und wankend, an den Bäumen sich anhaltend fortging und immer lauter sang, je weiter er fortkam:
»Wenn nur ein einz'ger Traubenstock,
In meinem Garten stände.«
Bernhard sah ihm eine Zeit lang nach, dann sagte er zu der noch immer still weinenden Wirtin:
»Recht haben Sie: verloren ist verloren . . . Ich wollte, ich wäre an der Stelle Ihres Sohnes und Ihr Sohn nicht gestorben.«
»Ach. Gott behüte Sie!« fiel die Frau ein.
»Wahrhaftig, 's geht mir von Herzen.«
»Und Sie haben so gute Eltern!« fuhr die Frau fort. »Wenn Sie wüßten, wie weh es einer Mutter thut, ihr Kind zu verlieren, würden Sie einen solchen Wunsch nicht aussprechen.«
Bernhard versuchte unterdes zu schreiben, aber vergeblich; die Hand zitterte ihm so sehr, daß er keinen Buchstaben zuwege brachte.
»Ich kann nicht! Es geht nicht!« sagte er und stampfte die Feder auf den Tisch.
»Freilich, Sie zittern ja, als hätten Sie das Fieber.«
»Mutter Tellier, tun Sie mir einen Gefallen.«
»Recht gern, Herr Watrin,« antwortete die Frau. »Was denn?«
»Es ist gar nicht weit von hier nach dem »Neuen Hause.«
»Ein Viertelstündchen, wenn man gut geht.«
»Thun Sie mir den Gefallen, gehen Sie hin und fragen Sie nach Katharine.«
»Ist sie wieder da?«
»Ja, seit heute früh, und sagen Sie ihr, ich würde ihr bald schreiben.«
»Sie würden ihr bald schreiben?«
»Morgen, sobald ich nicht mehr zittere.«
»Wollen Sie fort von hier?«
»Es soll Krieg mit den Algeriern haben.«
»Ach, was geht Sie der Krieg an? Sie haben sich ja bei der Stellung freigelost.«
»Sie gehen hin und sagen so, nicht wahr?«
»Ja, recht gern, aber . . .«
»Nun?«
»Was soll ich Ihren Eltern sagen?«
»Nichts.«
»Nichts?«
»Nichts, als daß ich bei Ihnen gewesen wäre, daß sie mich nicht wiedersehen würden und daß ich ihnen Lebewohl sagte.«
»Lebewohl?« wiederholte Mutter Tellier.
»Sagen Sie ihnen noch, sie möchten Katharine bei sich behalten, ich würde ihnen dankbar für Alles sein, was sie für sie tun, und wenn ich sterben sollte, wie Ihr Anton, sollten sie Katharine ihre Erbin sein lassen.«
Darauf ließ er erschöpft den Kopf auf die beiden Hände sinken.
Mutter Tellier sah ihn mitleidig an und sagte dann:
»Ich will's ausrichten. Es wird Nacht und die Leute sind schon fast Alle fort; Babette wird Alles allein verrichten können. Ich will gehen.«
In der Ferne hörte man Molicar noch immer singen:
»Wenn nur ein einz'ger Traubenstock,
In meinem Garten stände.«
Bernhard saß einige Augenblicke in tiefen, schmerzlichen Gedanken, die sich in seinem krampfigen Gliederzucken verrieten, dann richtete er sich empor, schüttelte den Kopf und sprach mit sich selbst:
»Muth! Noch ein Glas und dann fort!«
»Ich ginge so nicht,« sagte hinter ihm eine Stimme, bei deren Klange er zusammenfuhr.
»Du bist es, Mathias?« fragte er.
»Ich bin's.«
»Was sagtest Du?«
»Haben Sie's nicht gehört?«
»Gehört wohl, aber nicht verstanden.«
»Ich sagte, an Ihrer Stelle ginge ich nicht so fort.«
»Nicht?«
»Nein, wenigstens nicht ohne . . .«
»Ohne was?«
»Ohne mich an der einen oder andern Person zu rächen. Nun ist's heraus.«
»Kann ich mich an Vater und Mutter rächen?« entgegnete Bernhard achselzuckend.
»An Vater und Mutter? Von denen ist gar nicht die Rede.«
»Von wem sonst?«
»Von dem Pariser und Mamsell Katharine.«
»Von Katharine und Chollet?« wiederholte Bernhard, und er sprang auf als habe ihn eine Viper in den Fuß gebissen.
»Mathias! Mathias!«
»Schon gut; ich merke, daß ich Nichts sagen darf, sonst geht es mir wieder schlecht.«
»Nein, Mathias; ich schwöre es Dir zu. Sprich!«
»Errathen Sie's denn nicht?«
»Was soll ich errathen? Rede! Rede!«
»Sie wollen ein gescheiter Mann sein und sind blind und taub?«
»Hast Du etwas gesehen oder gehört?«
»Die Eule sieht ganz deutlich in der Nacht,« antwortete Mathias; »sie hat die Augen offen, wenn die Andern sie zudrücken; sie wacht, wenn die Andern schlafen.«
»Nun, was hast Du gesehen und gehört?« fragte Bernhard so ruhig als möglich. »Lass mich nicht lange schmachten.«
»Es hat sich ein Hindernis bei Ihrer Heirath gefunden, nicht wahr?«
»Ja.«
»Wissen Sie, wo es liegt?«
Bernhards Stirn bedeckte sich mit Schweißperlen.
»An meinem Vater,« sagte er.
»An dem Vater? der wünscht nichts mehr, als Sie glücklich zu sehen. Er hat Sie ja so lieb.«
»Es liegt also an Jemand, der mich nicht liebt?«
»Hm!« sagte Mathias, der die schielenden Augen von keiner Bewegung Bernhards abwendete. »Manche Leute stellen sich, als liebten sie Sie und es heißt bei ihnen: mein lieber Bernhard hier und mein lieber Bernhard da, und am Ende führt man Sie doch an.«
»Wo liegt das Hindernis, Mathias?«
»Ich werde mich hüten; wenn ich es sage, packen Sie mich an der Kehle und erwürgen mich.«
»Gewiß nicht, Mathias.«
»Ich will aus Vorsorge wenigstens etwas wegtreten.« Er trat ein Paar Schritte zurück und sagte: »das Hindernis liegt an Katharine.«
Bernhard wurde totenbleich, rührte sich aber nicht.
»An Katharine?« wiederholte er. »Und meinst Du, Katharine liebe mich nicht?«
»Das meine ich,« antwortete Mathias, den die Ruhe Bernhards kühner machte. »Manche Mädchen, wenn sie in Paris gewesen sind, sind lieber in Paris die Maitressen eines jungen Herrn, als die Frau eines armen Teufels auf dem Dorfe.«
»Das soll sich doch nicht auf den Pariser und Katharine beziehen?«
»Wer weiß?«
»Unglückseliger!« rief Bernhard, indem er aufsprang und mit einem Satze Mathias packte.
»Sagte ich's nicht?« entgegnete dieser halb erwürgt unter heftigen Anstrengungen, sich frei zu machen. »Sie erwürgen mich! Um Gottes willen! Ich sage Nichts mehr.«
Bernhard wollte Alles wissen. Wer einmal die Lippen an dem bitteren Becher der Eifersucht benetzt hat, will ihn leeren vom Schaum bis zu dem Bodensatze. Er ließ also den Mathias los und sagte:
»Nimm's nicht übel . . . Rede weiter, . . . Aber wehe Dir, wenn Du lügst!«
»Nun, wenn ich lüge, ist's Zeit, daß Sie bös werden .. . Sie werden aber im voraus bös und deshalb schweige ich lieber.«
»Ich that nicht recht.« entgegnete Bernhard, der sich zur Ruhe zwang, obgleich alle Nattern der Eifersucht in seinem Herzen wühlten.
»Ich will doch lieber Nichts sagen,« fuhr Mathias fort, »aber Ihnen die Sache zeigen. Sie sind ein ungläubiger Thomas. Unter einer Bedingung.«
»Welche?«
»Daß Sie mir Ihr Wort geben, bis zu Ende zuzusehen.«
»Ich gebe Dir mein Wort. Aber wie weiß ich, daß es das Ende ist? Wann habe ich Alles gesehen?«
»Wann Sie Chollet und Katharine an der Prinzenquelle gesehen haben,«
»Wann werde ich dies sehen?«
»Wie weit ist es über acht Uhr?«
Bernhard zog mit fester Hand seine Uhr hervor. Je näher er dem Kampfe kam, um so ruhiger wurde er wieder.
»Drei Viertel auf Neun,« sagte er.
»Also in einer Viertelstunde,« entgegnete Mathias. »Das ist doch nicht lange?«
»Um neun Uhr!« wiederholte Bernhard und strich mit der Hand über die Stirn. »Katharine und der Pariser! . . . Was wollen sie an der Prinzenquelle?«
»Ja, das weiß ich nicht . . . Vielleicht sich wegen der Abreise besprechen,« sagte Mathias.
»Abreise?« wiederholte Bernhard, der seinen Kopf mit beiden Händen hielt, als fürchte er, derselbe werde ihm zerspringen.
»Der Pariser suchte wenigstens heute Abend in der Stadt Gold.«
»Mathias, Du lässt mich lange leiden. Tust Du das aus Mutwillen, dann wehe Dir!«
»Still!« sagte Mathias.
»Pferdegetrappel,« murmelte Bernhard.
Mathias legte eine Hand auf Bernhards Arm, streckte die andere nach der Gegend aus, wo man das Pferd kommen hörte und sagte:
»Da, sehen Sie!«
Bernhard sah in dem beginnenden Dunkel unter den Bäumen einen Reiter herankommen, in dem sein Haß sofort den Nebenbuhler erkannte.
Unwillkürlich trat er hinter den nächsten Baum.
Sechzehntes Kapitel
Gelegenheit macht Diebe
Der Reiter hielt etwa fünfzig Schritt von dem Hause der Mutter Tellier an, sah sich um, stieg ab und band das Pferd an einen Baum.
Nach einem zweiten forschenden Blicke nach dem Dunkel umher, trat er auf das Wirtshaus zu.
»Da ist er!« flüsterte Bernhard. »Er kommt.« Und er wollte ihm entgegentreten, aber Mathias hielt ihn zurück.
»Wenn Sie nicht gelassen sind, sehen Sie Nichts,« sagte er.
»Du hast Recht,« antwortete Bernhard, und er trat in die Schattenseite des Baumes, während Mathias in die Laubhütte schlüpfte wie eine Schlange, die er wirklich gespielt hatte.
Der Reiter kam immer näher und befand sich nun in dem Lichtkreise der Leuchter, die noch auf den Tischen standen, die allmählich von allen Trinkern verlassen worden waren. Das Wirtshaus war leer, oder schien es doch zu sein; Louis Chollet glaubte allein zu sein.
»Das muß das Haus der Mutter Tellier sein,« sagte er halblaut; »aber der Teufel mag wissen, wo die Prinzenquelle ist.«
Bernhard war so nahe bei ihm, daß er die leise gesprochenen Worte hören konnte. Er sah sich nach Mathias um, der aber, wie wir wissen, in der Hütte sich versteckt hatte.
»Heda! Frau Tellier!« rief Chollet.
Babette kam auf den Ruf herbei und sagte:
»Frau Tellier ist nicht da. Sie ist zu Watrins gegangen.«
»Wenn sie nur der Katharine nicht begegnet und sie abhält.«
Bernhard hörte zitternd auch diese Worte.
»Komm einmal her, Kind,« sagte der Pariser zu dem Mädchen. »Vielleicht kannst Du mir sagen, was ich wissen möchte.«
»Vielleicht.«
»Ist es weit von hier zur Prinzenquelle?«
»Ach nein, höchstens hundert Schritte,« sagte Babette, wies auf die große Eiche und setzte hinzu: »von der Eiche aus können Sie sie sehen.«
»Zeige sie mir.«
»Das Mädchen ging den kleinen Hügel hinan, auf dem die Eiche, eine Zeitgenossin Franz I., stand und sagte,:
»Dort unten, wo im Mondscheine das Wässerchen wie Silber schimmert, das ist die Quelle.«
»Schönen Dank.«
»Nicht Ursache.«
»Und da etwas für die Mühe,«
Chollet, den das Glück freigebig machte, zog seine goldgefüllte Börse, um ein Stück heraus zu nehmen; aber die schwere Börse entfiel ihm, und ein Teil ihres Inhaltes rollte an den Boden.
»Warten Sie,« sagte Babette, »ich will leuchten . . . Sie brauchen nicht zu säen, das geht nicht auf.«
»Ach!« seufzte Bernhard, welcher das Geld klingen hörte; »es ist also doch wahr,«
Babette hatte ein Licht geholt, hielt es nahe an den Erdboden und beleuchtete so eine große Anzahl Goldstücke, die im Sande umher lagen, während noch viel mehr in der Börse selbst geblieben waren.
Chollet bückte sich und las das Gold auf, Wären seine Gedanken nicht ganz bei dieser Arbeit gewesen, würde er den breiten Kopf des Mathias haben sehen können, der mit seinen begehrlichen Augen aus der Hüfte sich herausstreckte.
»Da ist ein Mal viel Gold!« murmelte er. »Manche Leute haben so viel, und Manche gar keines.«
Als Chollet ein Mal aufsah, zog Mathias den Kopf in die Hütte hinein, wie eine Schildkröte den ihrigen in den Panzer. Der Pariser hatte alles Verlorene aufgelesen und das letzte Stück gab er Babette mit den Worten:
»Ich danke Dir; das ist Dein,«
»Ein Goldstück?« fragte das Mädchen erfreut. »Sie irren sich wohl?«
»Nein, hebe es auf zu Deiner Ausstattung.
»In diesem Augenblicke schlug es im Dorfe Neun. Chollet legte die Hand auf die Brust, um sich zu überzeugen, daß die Börse fest in der Brusttasche liege, sah von der Eiche nach der Prinzenquelle hin, ging dann nach derselben und verschwand bald.
Babette betrachtete ihr Goldstück freudig, kehrte in das Haus zurück und fing an, die Fensterladen desselben zuzumachen, worauf sie auch die Türe schloß.
Bernhard blieb allein im Dunkel, oder glaubte wenigstens allein zu sein, denn er dachte auch an Mathias nicht mehr. Er lehnte noch an der Buche. Eine Hand drückte er auf das Herz; die andere hielt den Lauf des Gewehres.
Mathias betrachtete ihn von der Hütte aus.
Bernhard schien in eine Bildsäule verwandelt zu sein, so ganz bewegungslos und still stand er ein Paar Minuten da. Endlich schien wieder Leben in ihn zu kommen, er sah sich um und rief leise:
»Mathias! Mathias!«
Dieser hütete sich wohl zu antworten, da ihm aber der Klang der Stimme Bernhards dessen große Aufregung verriet, verdoppelte er seine Aufmerksamkeit.
»Er ist fort,« sprach Bernhard leise weiter; er wird sich gescheut haben vor dem, was geschehen dürfte, und mit Recht, wenn Katharine wirklich kommt.«
Er trat darauf hinter dem Baume hervor und ging einige Schritte in derselben Richtung, nach welcher sein Nebenbuhler gewendet. Plötzlich blieb er stehen und sagte:
»Er braucht doch auch nicht blos in Katharinen verliebt zu sein. Mathias kann sich geirrt haben, und die, welche er hier erwartet, ist vielleicht ein Mädchen aus der Stadt oder aus Corcy . . . Wir werden ja sehen.«
Die Füße schienen ihm den Dienst zu versagen und er fuhr fort:
»Mut, Bernhard . . . Es ist immer besser, man weiß woran man ist. Ach, Katharine,« sagte er mit einem tiefen Seufzer, als er an die Eiche gelangte, »wenn Du so sehr falsch bist, wenn Du mich so hintergehst, glaube ich an Nichts mehr, nein, an gar Nichts in der Welt. Ich liebte Dich so sehr, so tief, so aufrichtig, ich hätte mein Leben für Dich gegeben.«
Mit einem unbeschreiblich drohenden Ausdrucke sah er sich um, dann fuhr er fort:
»Zum Glück sind Alle fort und die Lichter aus. Wenn etwas geschieht, ist es zwischen den Beiden, der Nacht und mir abgemacht.«
Er lehnte sich an den Eichenstamm und atmete tief.
Der Pariser war noch allein und hatte das Gewehr angelegt wie ein Jäger auf dem Anstand. Bernhard verlor keine Bewegung des Nebenbuhlers aus den Augen. »Wenn ich ihr entgegen ginge?« dachte er dann. »Wenn ich sie in Verlegenheit brächte? Aber nein. Ich erführe doch Nichts; sie würde lügen.«
Er blickte nach der Seite.
»Da Geräusch?« sagte er. »Nein, es ist sein Pferd, das ungeduldig scharrt . . . Aber hier! Mein Gott, bewegt sich Nichts unter den Bäumen?«
Er strich mit der Hand über die Augen.
»Ja, ja,« fuhr er dumpf fort; »ein Frauenzimmer . . . Sie zögert . . . Nein, sie geht weiter . . . Sie muß jetzt über die Lichtung, . . . da werde ich ja sehen . . .«
Es folgte eine Pause, dann sagte Bernhard in grauenhaftem Ton:
»Es ist Katharine. Und er hat sie gesehen, er will ihr entgegen . . . Weit soll er nicht kommen.«
Er richtete sich empor und flüsterte:
»Katharine! Katharine! Das Blut, das ich vergieße, komme über Dich!«
Er zog langsam das Gewehr an die Achsel. Drei Mal senkte sich seine Wange auf den Kolben, drei Mal berührte der Finger den Drücker, aber jedes Mal entfernte sich Wange und Finger wieder. Endlich trat ihm der Angstschweiß auf die Stirn und er ächzte:
»Nein, nein, ein Mörder bin ich nicht . . . Ich bin ein ehrlicher Mann. Herr, mein Gott, stehe mir bei!«
Er warf das Gewehr von sich, und floh ohne zu wissen wohin.
Es folgte eine neue Pause, Mathias aber streckte den Kopf aus der Hütte, kroch mit angehaltenem Atem bis an den Fuß der Eiche, sah von da nach der Prinzenquelle, streckte die Hand nach dem Gewehre Bernhards aus, fasste dasselbe krampfhaft und flüsterte:
»Warum hat er so viel Gold! Gelegenheit macht Diebe.«
Er legte an und zielte nach dem jungen Pariser.
Ein Blitz leuchtete durch die Nacht, ein Knall folgte, und Louis Chollet stürzte mit einem Aufschrei nieder.
Darauf folgte ein anderer Schrei, ein Schrei Katharinens, die zögernd stehen geblieben war, als sie den Pariser da fand, wo sie ihren Geliebten zu finden geglaubt hatte, und entsetzt entfloh, als sie den Nebenbuhler Bernhards fallen sah.
Siebzehntes Kapitel
Bei dem Vater Watrin
Während dieses nächtliche Drama, das nur dem Auge Gottes sichtbar war, an der Prinzenquelle vor sich ging, nahte sich das Mittagessen, welches die Kochkunst der Mutter Watrin zeigen sollte, seinem Ende. Wegen der Abwesenheit Bernhards war es dabei zur Heiterkeit nicht gekommen.
Die Wanduhr schlug halb Neun. Der Abbé Gregoire, der schon ein Paar Mal Miene gemacht hatte fortzugehen, schien endlich wirklich aufstehen zu wollen. Aber Watrin ließ seine Gäste Glicht so leicht fort.
»Nein, nein, Herr Abbé,« sagte er, »erst wenn Sie eine letzte Gesundheit getrunken haben.«
»Aber,« sagte die Mutter, die mit traurigem Blicke häufig auf den leeren Platz des Sohnes blickte, »Katharine und Franz müßten dann da sein.«
Von Bernhard wagt« sie nicht zu sprechen, obgleich sie immer an ihn dachte.
»Wo sind sie?« fragte Watrin. »Sie waren ja eben noch da.«
»Sie sind einzeln hinausgegangen, und es soll Unglück bedeuten, wenn man am Ende einer Mahlzeit in Abwesenheit derer, welche beim Anfange waren, eine Gesundheit trinkt.«
»Katharine wird nicht weit sein . . . Rufe sie, Frau.«
Mutter Watrin schüttelte den Kopf und sagte:
»Ich habe sie schon gerufen und keine Antwort erhalten.«
»Sie ist seit fast zehn Minuten fort.« sagte der Abbé.
»Hast Du oben hinauf gesehen?« fragte Watrin.
»Ja. sie ist nicht da.«
»Und Franz?«
»Der hilft einspannen,« sagte der Maire.
»Herr Watrin,« bemerkte der Abbé; »wir wollen Gott um Verzeihung bitten, daß wir eine Gesundheit in Abwesenheit zweier Tischgenossen ausbrachten, denn es wird spät und ich muß aufbrechen.«
»Frau, schenke dem Herrn Abbé ein, und Alle mögen nach ihm trinken.«
Der Abbé erhob sein halbvolles Glas« und sprach mit seiner sanften Stimme:
»Ich trinke auf den häuslichen Frieden, auf die Einigkeit des Vaters und der Mutter, aus der allein das Glück der Kinder hervorgehen kann.«
»Bravo!« rief der Maire.
»Schönen Dank,« setzte Watrin hinzu, »und möge das Herz nicht taub sein, das Sie rühren wollten.«
Um noch deutlicher zu werden, blickte er seine Frau von der Seite an.
»Und nun, lieber Watrin,« fuhr der Abbé fort, »werden Sie es nicht übel vermerken, daß ich meinen Mantel, meinen Stock und Hut suche, auch den Herrn Maire bitte, mich recht bald in die Stadt zu bringen.«
»Während Sie suchen,« bemerkte der Maire, »will ich noch ein Wörtchen mit Watrin reden.«
»Kommen Sie, Herr Abbé,« sagte die Frau, die durch den Toast nachdenklich gemacht worden war, »Ihre Habseligkeiten werden in der Kammer sein.«
Der Abbé folgte ihr.
Eben schlug es Neun.
Watrin und der Maire blieben allein.
Es trat eine Pause ein; jeder schien zu erwarten, daß der Andere zuerst spreche.
Watrin that es und begann:
»Nun, Herr Maire, teilen Sie mir Ihr Mittelchen mit, ein reicher Mann zu werden.«
»Erst die Hand zum Zeichen guter Freundschaft,« antwortete de Maire.
»Recht gern.«
Und die beiden Männer reichten einander die Rechte über den Tisch hinüber.
Der Maire hustete.
»Sie haben sieben hundertfünfzig Francs Gehalt jährlich, nicht wahr?« fragte er.
»Und hundertfünfzig Gratification, neunhundert im Ganzen.«
»In zehn Jahren also nehmen Sie neuntausend Francs ein.«
»Gut rechnen können Sie, Herr Raisin.«
»Was Sie in zehn Jahren verdienen, könnten Sie in einem einzigen einnehmen.«
»Das möchte ich doch wissen,« sagte Watrin, der die Einbogen auf den Tisch und den Kopf auf die Hände stützte.
»Hm!« antwortete der Maire pfiffig lächelnd, »Sie brauchen dabei weiter Nichts zu tun, als abwechselnd das rechte oder linke Auge zuzudrücken, je nachdem Sie an gewissen Bäumen vorübergehen, die rechts oder links von meinem Lose stehen. Das ist leicht.«
Er drückte wirklich abwechselnd das rechte und das linke Auge zu.
»Und das ist Ihr Mittelchen?« fragte Vater Watrin.
»Es scheint so gut zu sein, wie ein Anderes.«
»Und dafür wollen Sie mir neuntausend Francs zahlen?«
»Fünf-hundertfünfzig für das rechte, fünf-hundertfünfzig für das linke Auge.«
»Und während der Zeit machen Sie. . .?«
Vater Watrin machte eine Bewegung wie ein Mann, der einen Baum umhaut.
»Unterdes mache ich . . .« antwortete Raisin und wiederholte dieselbe Bewegung.
»Das heißt, unterdes bestehlen Sie den Herrn Herzog von Orleans.« . .
»Bestehlen? Bestehlen?« entgegnete Raisin. »Es stehen so viele Bäume im Walde, daß Niemand weiß wie viele.«
»Ja,« antwortete Watrin mit einer gewissen, fast drohenden Feierlichkeit, »Niemand, außer der, welcher nicht blos die Zahl der Bäume, sondern auch die der Blätter kennt, der Alles sieht und hört, und der schon jetzt weiß, ob wir gleich allein hier sitzen, daß Sie mir einen schändlichen Antrag gemacht haben,«
»Herr Watrin!« rief der Maire laut, denn er glaubte dadurch dem Alten zu imponieren. Dieser aber stand auf, stützte die eine Hand auf den Tisch, zeigte mit der andern nach dem Fenster und fragte:
»Sehen Sie dies Fenster?«
»Warum?« entgegnete der Maire, der halb vor Zorn, halb vor Furcht blass wurde.
»Wenn dies Haus nicht mein wäre, wenn Sie nicht an meinem Tische mit mir gegessen, hätten Sie bereits den Weg durch dieses Fenster gefunden.«
»Herr Watrin?!«
»Sehen Sie die Türe dort?«
»Ja.«
»Je schneller Sie durch dieselbe hinauskommen, um so besser für Sie.«
»Herr!«
»Still! Man kommt, und ich möchte nicht, daß es Jemand wisse, es habe ein Schuft an meinem Tische gesessen.«
Watrin drehte dem Maire den Rücken zu und pfiff das Jagdstückchen, das unsere Leser schon kennen, und das er für Hauptfälle sich aufsparte.
Gregoire und Mutter Watrin traten ein.
»Da bin ich, Herr Maire,« sagte der Abbé. »Sind Sie bereit?«
»Er wartet schon draußen auf Sie,« antwortete Watrin. Der Maire hatte wirklich das Weite gesucht.
Der Abbé konnte nicht erraten, was geschehen sei, ging ebenfalls und sagte:
»Gute Nacht, Watrin. Möge mit dem Segen, den ich Ihnen gebe, der Friede Gottes über Ihr Haus kommen!«
»Ihre Dienerin, Herr Abbé! Ihre Dienerin, Herr Maire!« sagte Mutter Watrin, welche knixend ihren Gästen folgte.
Watrin sah ihnen nach, so lange er sie sehen konnte, dann nahm er achselzuckend die Pfeife aus dem Munde, stopfte sie frisch, schob sie zwischen die beiden Hakenzähne, und murmelte, während er Feuer anschlug:
»Wieder ein Feind mehr! Schadet aber Nichts, Man ist ein ehrlicher Mann oder ist es nicht. Ist man's, so mag geschehen, was da will . . . Man thut, was ich getan habe. Abgemacht. Da kommt die Alte.«
Er drückte den brennenden Schwamm mit dem Feuersteine auf den Tabak und begann Rauchwolken um sich zu blasen.
Mutter Watrin brauchte ihn nur ein Mal anzusehen, um zu wissen, daß etwas Ungewöhnliches geschehen.
Sie ging mehrmals an ihm hin und her. Vergebens. Endlich entschloss sie sich, anzufangen.
»Sage einmal,« begann sie.
»Was?« antwortete Watrin wortkarg.
»Was hast Du?«
»Nichts.«
»Warum redest Du nicht?«
»Weil ich Nichts zu sagen habe.«
Mutter Watrin machte sich etwas zu schaffen. Dann begann sie wieder:
»Alter. . .«
»Was ist's?«
»Wann ist die Hochzeit?«
»Welche?«
»Nun, die Hochzeit unserer Kinder.«
Watrin fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber er ließ sich Nichts merken; nur sagte er, indem er die Hände auf die Hüften stemmte und die Frau scharf ansah:
»Du bist also wieder vernünftig geworden?«
»Je eher die Hochzeit, desto besser,« fuhr die Frau fort. »Wenn wir nächste Woche annähmen?«
»Und das Aufgebot?«
»Wir können uns ja in Soissons Dispens holen.«
»Nun hast Du mehr Eile als ich.«
»Ja, siehst Du, Alter, weil . . .«
»Nun weil . . .? weil?«
»Weil ich in meinem Leben keinen solchen Tag gehabt habe.«
»Bah!«
»Wir uns trennen! Eins da°sterben, das andere dort? Und haben sechsundzwanzig Jahre mit einander gelebt!«
Sie begann zu schluchzen.
»Gieb mir die Hand, Mutter!«
»Von Herzen gern.«
Watrin zog die alte Lebensgefährtin an sich und sagte:
»So. Du bist doch die beste Frau, . . . wenn Du willst,« setzte er mit einer Einschränkung hinzu, die nicht unbillig war.
»Von heute an, das verspreche ich Dir, will ich gewiß immer.
»Amen!« sagte Vater Watrin.
In diesem Augenblicke kam Franz herein. Wer ihn aufmerksamer angesehen hätte, als es Watrin tat, würde bemerkt haben, daß er nicht so ruhig war, wie gewöhnlich.
»Ah!« sagte er, offenbar nur, um sich bemerklich zu machen.
Watrin drehte sich auch um und fragte:
»Nun, sitzen sie im Wagen?«
»Da fahren sie eben fort,« antwortete Franz, als man einen Wagen rollen hörte.
Dann ging er nach seinem Gewehre, das er herunter nahm.
»Wo willst Du hin?« fragte Watrin.
»Das kann ich Ihnen nur unter vier Augen sagen.«
Watrin wendete sich zu seiner Frau und sagte:
»Alte, Du könntest den Tisch abräumen. Du brauchst es dann morgen nicht zu tun.«
»Und was tue ich?« antwortete die Frau, die eine leere Flasche unter dem Arme und ein halbes Dutzend Teller in der Hand hatte, und so nach der Küche zu ging, die sich hinter ihr schloß.
»Nun?« fragte Watrin.
Franz trat nahe an ihn und sagte leise:
»Als ich das Pferd des Herrn Maire einspannte, hörte ich einen Schuß.«
»In welcher Richtung?«
»Nach Corcy zu, etwa an der Prinzenquelle.«
»Und Du vermutest da einen Wilddieb?« fragte Watrin.
Franz schüttelte den Kopf.
»Nicht?«
»Nein,« sagte Franz.
»Was sonst?«
»Der Schuß kam aus dem Gewehre Bernhards,« sagte Franz noch leiser.
»Weißt Du das gewiss?« fragte Watrin in einer gewissen Unruhe, denn er konnte sich nicht denken, warum Bernhard in solcher Zeit geschossen haben sollte.
»Unter Fünfzigen würde ich seinen Schuß erkennen,« antwortete Franz. »Sie wissen, er ladet mit Filzscheibchen, und die geben einen andern Knall, als ein Papierpfropf.«
»Was sollte der Schuß bedeuten?« fragte Vater Watrin immer ängstlicher.
»Ja, wer das wüßte! Ich habe mich auch schon gefragt.«
»Horch!« fiel Watrin ein. »Ich höre etwas.«
Franz horchte und sagte dann:
»Es kommt eine Frau.«
»Katharine vielleicht.«
Franz schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, es ist eine alte Frau; Mamsell Katharine geht leichter . . . Diese Tritte sind von Beinen über vierzig Jahre.«
Man klopfte an die Türe.
Achtzehntes Kapitel
Der Blick eines ehrlichen Mannes
Die beiden Männer sahen einander an. Es schien die Ahnung eines großen Unglücks in der Luft zu liegen.
In der Pause hörte man zwei Mal den Namen Watrin rufen.
Vater Watrin erkannte nun die Stimme und sagte zu seiner eintretenden Frau:
»Mache auf; Mutter Tellier ist draußen.«
Die Alte eilte auf die Türe, machte auf und herein trat fast atemlos Mutter Tellier.
»Guten Abend mit einander,« sagte sie, »und einen Stuhl. Ich komme von der Prinzenquelle.«
Die beiden Männer sahen einander wieder an, dann fragte Vater Watrin mit bewegter Stimme:
»Was verschafft uns das Vergnügen, Sie so spät noch bei uns zu sehen?«
»Ihr Sohn schickt mich,« antwortete die Frau, nachdem sie etwas wieder zu Atem gekommen war.
»Bernhard?« fragten die Alten.
»Was ist denn mit dem Armen geschehen?« fragte Mutter Tellier. »Vor etwa einer Stunde kam er leichenblass zu mir.«
»Frau!« fiel Vater Watrin gegen seine »Alte« ein.
»Sei still! Sei still'.«entgegnete diese, denn sie fühlte recht wohl, welcher Vorwurf in diesem einzigen Worte lag.
»Er stürzte ein Paar Gläser Wein hinunter, das heißt, er trank gleich aus der Flasche,« erzählte die Wirtin weiter.
Dies erschreckte Vater Watrin sehr, denn es war so ganz gegen die Art und Weise Bernhards.
»Aus der Flasche trank Bernhard?« fragte er. »Unmöglich.«
»Und er sagte Nichts?« fragte die Mutter.
»O ja,« antwortete die Botin. »Mutter Tellier, sagte er, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie ins neue Hans, sagen Sie Katharinen, ich würde bald schreiben.«
»Katharinen schreiben? Warum schreiben?« fragte Watrin ängstlich.
»Der Schuß! Der Schuß!« murmelte Franz,
»Sonst sagte er Nichts?« fragte die Mutter.
»Und dem Vater, der Mutter Nichts? fragte ich ihn,« fuhr Mutter Tellier fort.
»Das war recht,« bemerkten die beiden Alten, und sie atmeten auf, denn sie hofften, nun Etwas zu erfahren.
Die Wirtin fuhr fort:
»Da antwortete er: Sagen Sie ihnen, ich wäre bei Ihnen gewesen, und bringen Sie ihnen mein Lebewohl.«
»Sein Lebewohl?« wiederholten drei Stimmen in verschiedenem Tone, worauf Vater Watrin zu seiner Frau gewendet hinzusetzte:
»Frau! Frau!«
Er strich mit der Hand über die Augen.
»Es ist noch nicht Alles,« fuhr die Wirtin fort. »Er sagte noch: Sagen Sie ihnen, sie möchten Katharine bei sich behalten, ich würde ihnen dankbar sein für Alles, was sie Gutes an ihr tun, und wenn ich sterben sollte, wie Ihr armer Anton . . .«
»Sterben?« wiederholten die alten Eltern erbleichend.
»So sollen Sie Katharine Ihre Erbin sein lassen,« setzte die Botin hinzu.
»Frau! Frau! Frau!« jammerte Vater Watrin und rang die Hände.
»Der unglückselige Schuß!« flüsterte Franz.
Die Mutter war schluchzend auf einen Stuhl gesunken, denn die Arme fühlte, daß sie die Ursache zu Allem gewesen und empfand die schmerzlichste Gewissenspein.
In diesem Augenblicke hörte man draußen einen schmerzlichen Aufschrei.
»Zu Hilfe! Zu Hilfe!« rief eine fast erloschene Stimme, die indeß sogleich von Allen erkannt wurde, denn Alle riefen:
»Katharine!«
Vater Watrin eilte an die Türe und öffnete sie. Dann stürzte Katharine herein, bleich, mit stieren Augen, mit aufgelöstem Haar, fast wahnsinnig.
»Ermordet!« rief sie. »Ermordet!«
»Ermordet?« wiederholten die Anwesenden in wachsendem Entsetzen.
»Wer ist ermordet?« fragte Vater Watrin, dem das Mädchen in die Arme gesunken war.
»Chollet. . .«
»Der Pariser!« sagte Franz, und er wurde fast so bleich wie Katharine.
»Aber so erzähle doch! Rede, rede!« sagte Watrin.
»Wo ermordet?« fragte Franz.
»An der Prinzenquelle,« antwortete Katharine.
Watrin ließ sie fast aus den Armen fallen.
»Von wem ermordet?« fragten gleichzeitig Mutter Watrin und Mutter Tellier, die noch fragen konnten, weil sie Nichts von dem Schusse wußten.
»Das weiß ich nicht,« antwortete Katharine.
Die beiden Männer atmeten wieder freier.
»Wie ist es zugegangen?« fragte Vater Watrin. »Wie kamst Du dahin?«
»Ich glaubte Bernhard dort zu treffen. Mathias hatte mich in seinem Namen dorthin bestellt.«
»Wenn Mathias dabei im Spiele ist, werden wir noch mehr erfahren,« sagte Franz.
»Du warst an der Prinzenquelle?« fragte Watrin.
»Ich glaubte, Bernhard erwarte mich da und wolle von mir Abschied nehmen. Es war aber nicht wahr; er war nicht da.«
»Er war nicht da?« fragte Vater Watrin, der neue Hoffnung schöpfte.
»Ein Anderer.«
»Der Pariser!« sagte Franz.
»Ja. Als er mich erblickte, kam er auf mich zu, denn in dem hellen Mondscheine konnte er mich fünfzig Schritte weit sehen. Als wir etwa zehn Schritte von einander waren, erkannte ich ihn und merkte, daß ich in einen Fallstrick geraten. Ich wollte schreien, um Hilfe rufen, als plötzlich ein Blitz an der großen Eiche leuchtete. Es folgte ein Knall, Chollet schrie, fuhr mit der Hand nach der Brust und fiel. Ich lief da wie wahnsinnig fort, lief immer weiter und da bin ich; wenn aber das Haus noch zwanzig Schritte weiter gewesen wäre, hätte ich es nicht erreicht, sondern wäre ohnmächtig umgefallen.«
»Ein Schuß!« sagte Watrin.
»Derselbe, den ich hörte,« meinte Franz.
Plötzlich schien ein schrecklicher Gedanke sich Katharinens von Neuem zu bemächtigen; sie sah sich um und fragte:
»Wo ist Bernhard? Um Gottes willen wo ist er?«
Die unheimlichste Stille würde die Antwort auf diese Frage gewesen sein, wenn nicht an der halb offen gebliebenen Türe eine kreischende Stimme gesagt hätte:
»Wo Bernhard ist? Ich weiß es. Arretiert ist er.«
»Arretiert?« stammelte Watrin.
»Das fürchtete ich,« flüsterte Katharine, die den Kopf auf die Brust sinken ließ, als nahe ihr eine Ohnmacht.
»Mein Gott, welches Unglück!« sagte Mutter Tellier, welche die Hände faltete.
Franz allein sah den Mathias an, als wollte er bis in das Herz desselben blicken.
»Warum arretiert?« fragte Vater Watrin.
»Genau kann ich es nicht sagen,« antwortete Mathias, der hereintrat und sich an seinen gewöhnlichen Platz am Kamine begab. »Es scheint auf den Pariser geschossen worden zu sein. Die Gendarmen, die in Corcy gewesen, sahen Bernhard fliehen, liefen ihm nach, packten ihn, fesselten ihn und bringen ihn.«
»Wohin?« fragte Vater Watrin.
»Das weiß ich nicht; wahrscheinlich dahin, wohin man Mörder bringt. Ich dachte bei mir: Du mußt es gleich sagen, welches Unglück den armen Bernhard betroffen hat, wenn es vielleicht noch ein Mittel gäbe, ihn zu retten .. .«
»Mein Gott! mein Gott!« jammerte die Mutter. »Und ein Eigensinn ist an Allem Schuld!«
Vater Watrin sah ruhiger aus, obgleich er vielleicht sogar noch mehr litt.
»Du erkanntest Bernhards Gewehr?« fragte er leise Franz.
»Ganz gewiss.«
»Bernhard ein Mörder?« murmelte Vater Watrin. »Nicht möglich!«
»Drei Viertel Stunden Zeit!« bat Franz.
»Wozu?«
»Um Ihnen zu sagen, ob Bernhard der Mörder Chollets ist, oder nicht.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte Franz hinaus und sogleich verschwand er in dem Walde.
Vater Watrin saß so tief in Gedanken versunken da, daß er nicht bemerkte, daß seine Frau ohnmächtig geworden und der Abbé Gregoire zurückgekommen war.
Katharine bemerkte den würdigen Geistlichen zuerst.
»O, Sie sind es!« sagte sie und ging ihm entgegen.
»Ja, ich bin es. Ich ahmte, daß hier Thränen zu trocknen sein würden und kam darum zurück.«
Mutter Watrin kam wieder zu sich, fiel aber nun auf ihre Knie, schlug auf ihre Brust und jammerte in schmerzlicher Reue:
»Meine Schuld ist es, meine Schuld!«
Vater Watrin stand auf und nahm seinen Hut.
»Wohin?« fragte der Abbé.
»Ins Gefängnis. Bernhard ist hitzig, jähzornig, aber er lügt nicht.«
»Sie brauchen nicht zu gehen. Wir trafen ihn zwischen zwei Gendarmen auf der Straße und der Herr Maire befahl, ihn hierher zubringen, um ihm in Ihrer Gegenwart das erste Verhör abzunehmen. Er hofft, Sie würden so viel Einfluss auf ihn haben, daß er die Wahrheit sage.«
Bald darauf trat der Maire wirklich ein.
Watrin erbebte unwillkürlich. Er fühlte, daß er einem Feinde gegenüber stand.
»Herr Watrin,« sagte der Maire mit schadenfrohem Lächeln, »Sie haben mir zwar Ihr Haus verboten, aber ein solcher Umstand macht wohl eine Ausnahme . . .«
»Und der Umstand kommt Ihnen nicht ungelegen?« fragte Watrin dagegen.
Der Maire antwortete nicht, sondern drehte sich um und sagte zu den beiden Gendarmen:
»Führt den Angeklagten herein und besetzt die Türe.«
Gleich darauf erschien Bernhard, bleich, von Schweiß bedeckt, aber ruhig, mit gebundenen Händen in der Türe.
Mutter Watrin wollte ihn in ihre Arme schließen und rief:
»Mein Bernhard, mein Bernhard'«
Vater Watrin aber faßte sie am Arme und hielt sie zurück.
»Jetzt nicht,« sagte er. »Erst müssen wir erfahren, ob er unser Sohn noch ist oder ein Mörder.«
Während die Gendarmen Bernhard weiter hinein in die Stube führten, sagte Vater Watrin zu dem Maire:
»Ich will Bernhard nur ansehen und ihm ein Paar Worte sagen, dann werde ich selbst erklären, ob er schuldig ist oder nicht.«
Die Erlaubnis war nicht wohl ganz zu versagen. Der Maire brummte also Etwas in den Bart.
Darauf trat Vater Watrin vor, streckte seine Hand aus und sagte in einem Tone, der etwas Feierliches hatte:
»Seid Alle Zeugen, die Ihr hier seid, was ich ihn fragen werde und was er antworten wird. – Vor der Frau, die Deine Mutter ist – vor dem Mädchen, das Deine Braut ist – vor dem würdigen Geistlichen, der einen Christen aus Dir gemacht hat – frage ich, Dein Vater, der Dir die Liebe zur Wahrheit und den Haß gegen die Lüge einpflanzte – frage ich Dich, Bernhard, wie Dich Gott einst fragen wird: Bist Du schuldig, oder unschuldig?«
Dabei sah er den Sohn so fest an, als wolle er in der tiefsten Tiefe des Herzens lesen.
»Vater,« antwortete der junge Mann mit sanfter und ruhiger Stimme; aber der Vater unterbrach ihn mit dm Worten:
»Nimm Dir Zeit, Bernhard – übereile Dich nicht – damit Dein Herz nicht in einen Abgrund gerathe . . . Sieh mir gerade in die Augen – und Ihr Alle sehet ihn an, höret auf ihn. Nun antworte, Bernhard.«
»Ich bin unschuldig, Vater,« sagte Bernhard so ruhig, als habe er auf die gleichgültigste Frage zu antworten.
»Gott sei Dank!« sprachen Mutter und Braut. Der Vater aber streckte die Hand aus, legte sie auf die Achsel Bernhards und sagte:
»Auf die Knie!«
Bernhard gehorchte, und mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke festen Glaubens sagte der Vater:
»Ich segne Dich, mein Sohn; Du bist unschuldig, ich brauche Nichts weiter zu wissen. Der Beweis Deiner Unschuld wird sich finden, wenn es Gott gefällt; das ist nur noch eine Sache zwischen ihm und den Menschen. Möge die Gerechtigkeit ihren Lauf haben.«
Bernhard stand auf und sank in die Arme seines Vaters.
»Nun,« sagte der letztere, indem er einen Schritt bei Seite trat, »komm auch Du, Mutter.«
»Mein Bernhard, mein lieber Bernhard!« rief Mutter Watrin, die ihre Arme um den Nacken des Sohnes schlang. »Meine gute Mutter!« sagte Bernhard.
Katharine wartete, aber als sie eine Bewegung machte, um zu dem Gefangenen zu gehen, wehrte sie dieser mit der Hand ab und sagte:
»Später, später. Auch ich habe Dir, bei Deinem Seelenheile, eine Frage vorzulegen.«
Katharine trat mit sanftem Lächeln zurück, denn auch sie war von der Unschuld Bernhards so fest überzeugt, wie von der eigenen.
»Er ist unschuldig!« sagte die Mutter im freudigsten Gefühle. »Nun freilich,« meinte der Maire, »wenn er schuldig ist, wird er nicht gleich sagen: ja, ich habe Chollet erschossen. So dumm ist er nicht.«
Bernhard richtete sein ruhiges Auge auf den Maire und sagte:
»Nicht Ihretwegen, Herr Maire, sondern um deretwillen, die mich lieben, spreche ich es aus, und Gott, der mich hört, weiß, ob ich lüge oder die Wahrheit sage, ja, ich hatte anfangs die Absicht, Herrn Chollet zu ermorden, als ich Katharinen kommen und ihn ihr entgegen gehen sah; ich legte mein Gewehr an, aber Gott stand mir bei, und gab mir die Kraft, der Versuchung zu widerstehen, ich warf das Gewehr von mir und floh; auf der Flucht verhaftete man mich, aber ich floh nicht, weil ich ein Verbrechen begangen hatte, sondern um es nicht zu begehen.«
Der Maire winkte; ein Gendarm reichte ihm eine Flinte.
»Erkennen Sie dies als Ihr Gewehr?« fragte er Bernhard.
»Ja, es ist das meinige,« antwortete der Beklagte.
»Der rechte Lauf ist abgeschossen. Man hat es an der großen Eiche vor dem Thale der Prinzenquelle gefunden.«
»Dort hatte ich es von mir geworfen,« sagte Bernhard.
In diesem Augenblicke stand Matthias mit einiger Anstrengung auf, griff an seinen Hut und sagte in einem Thone, dessen Unsicherheit man seiner Blödigkeit zuschrieb:
»Entschuldigen Sie, Herr Maire, aber ich habe Et« was anzuführen, was vielleicht die Unschuld Bernhards beweist . . . Wenn man suchte, fände man vielleicht die Propfe. Bernhard ladet nicht wie die Andern mit Papier, sondern mit Filzstückchen.«
Niemand hatte bisher auf Mathias geachtet, aber man hörte seine Bemerkung mit Freuden an.
»Gehe einer von Euch Gendarmen an Ort und Stelle und suche nach dem Pfropfen,« sagte der Maire.
»Gleich morgen früh soll es geschehen,« antwortete Einer.
»Dann,« fuhr Mathias fort, »weiß ich noch Etwas.«
»Was?« fragte der Maire.
»Ich war heute früh dabei, als Bernhard sein Gewehr lud. Um seine Kugeln wieder zu erkennen, bezeichnete er sie mit einem Kreuze. Ich borgte ihm dazu mein Messer, mit dem er das Kreuz einkratzte.«
Bernhard fühlte in der Angabe, welche Mathias in scheinbar wohlwollender Absicht machte, den scharfen giftigen Zahn der Natter, und er antwortete nicht.
Der Maire wartete einige Augenblicke, dann fragte er:
»Angeklagter, ist dem so?«
»Ja.« sagte Bernhard, »es ist die Wahrheit.«
»Wenn man die Kugel fände,« fuhr Matthias fort, »und sie hätte kein Kreuz an sich, dann wollte ich dafür stehen, daß Bernhard den Schuß nicht getan hat. Wenn freilich ein Kreuz darauf wäre, dann wüßte ich nicht, was ich sagen sollte.«
Ein Gendarm trat zu dem Maire und sagte:
»Der Mensch sagt die Wahrheit. Ich habe die Ladung aus dem linken Lauf gezogen. Die Pfropfe sind von Filz und aus der Kugel ist ein Kreuz.«
»Sie haben zu Ihrer Verteidigung sonst Nichts zu sagen?« fragte der Maire Bernhard.
»Nein, Nichts, als daß ich unschuldig bin, wenn auch der Schein gegen mich ist.«
»Ich hatte gehofft,« fuhr der Maire fort, »der Anblick Ihrer Eltern, Ihrer Braut und des würdigen Geistlichen da würde Sie veranlassen, die Wahrheit zu sagen, und deshalb ließ ich Sie daher bringen. Ich irre mich.«
»Ich kann weiter Nichts sagen, Herr Maire . . . Ich habe mich eines bösen Gedankens schuldig gemacht, nicht aber einer bösen That.«
»So wollen Sie nicht gestehen?«
»Ich kann weder gegen, noch für mich lügen.«
»So führt ihn fort, Gendarmen!«
»Sie haben aber doch gehört, Herr Maire, daß er unschuldig ist,« fiel Mutter Watrin ein.
»Meine liebe Frau,« antwortete der Maire, »es ist eine harte Pflicht für mich, aber ich bin Beamter; es ist ein Verbrechen begangen worden; ich kann nicht darnach fragen, wie nahe mir der angebliche Thäter steht; ich frage auch nicht darnach, daß der Ermordete ein junger Mann ist, den die Eltern mir anvertraut hatten; nein, Chollet, wie Ihr Sohn sind mir Fremde, aber die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Auf, Gendarmen!«
»Leb wohl, Vater! Leb wohl, Mutter,« rief Bernhard zum Abschiede, während ihn die Gendarmen nach der Türe zu zu führen begannen.
»Und mir hast Du Nichts zu sagen, Bernhard?« fragte Katharine.
»Katharine,« antwortete er mit halb erstickter Stimme, »wenn ich sterben, unschuldig sterben muß, verzeihe ich Dir vielleicht; in diesem Augenblicke habe ich nicht die Kraft dazu.«
»Bernhard,« fiel die Mutter ein, »um Gottes willen, sage der Armen, daß Du ihr nicht zürnst.«
»Mutter,« entgegnete Bernhard in tiefer Trauer, »ich muß sterben und werde sterben als dankbarer Sohn, der Gott dem Herrn dafür dankt, daß er ihm so gute Eltern gegeben.«
Zu den Gendarmen setzte er hinzu:
»Ich bin bereit.«
Unter lautem Schluchzen der Familie entfernte er sich, aber auf der Schwelle der Türe kam ihm Franz athemlos entgegen.
Neunzehntes Kapitel
Die Fußtapsen des Mathias
An den Gebärden, die Franz machte, erkannten Alle, daß er wichtige Nachrichten bringe und Alle traten zurück.
Franz warf den Rock von sich und lehnte sich an die Türepfoste, um auszuruhen; dann sagte er:
»Herr Maire, ich habe etwas dagegen zu sagen.«
»Gegen was?«
»Gegen Ihren Befehl, Bernhard fortzuführen. Es wird freilich etwas lang werden.«
»Wenn es so lang ist, wollen wir es morgen anhören,« meinte der Maire.
»Nein, nein, Herr Maire, heute muß es noch geschehen, denn was ich zu sagen habe, ist wichtig. Zuerst ist Niemand ermordet worden, wenn es auch einen Mörder giebt.«
»Niemand ermordet?« fragte der Maire.
»Der Herr sei gepriesen!« betete der Abbé.
»Chollet ist durch die Kugel niedergeworfen und dann ohnmächtig geworden, die Kugel aber bat sich auf der mit Gold gefüllten Börse, die er in der Tasche hatte, breit gedrückt.«
»An der Börse breit gedrückt?« wiederholte der Maire.
»Das Gold war gut angelegt, nicht?« meinte Franz.
»Dem mag sein wie ihm will,« entgegnete der Maire, »ein Mordversuch hat stattgefunden.«
»Das wohl,« antwortete Franz, »und ich will Ihnen erzählen, wie der Hergang gewesen ist.«
»Wie können Sie das wissen, da Sie hier bei uns am Tische saßen als die That geschah?« fragte der Maire.
»Ich brauche nicht dabei gewesen zu sein; ich brauche ein Wildschwein auch nicht zu sehen, sondern nur die Fährte, um genau sagen zu können, ob es ein Eber oder eine Sau, ob es zwei, drei, fünf Jahr alt ist.«
Den Mathias überlief es kalt.
»Meiner Meinung nach,« fuhr Franz fort; »ist die Sache so gewesen: Bernhard kam zur Mutter Tellier, nicht wahr?«
»Ja,« sagte die Wirtin.
»Er war sehr aufgeregt, nicht wahr?«
»Das war er.«
»Er ging wenigstens so«,« fuhr Franz fort; »er machte große Schritte und stampfte ein Paar Mal mit dem Fuße auf.«
»Ja,« bestätigte die Wirtin; »als er Wein verlangte.«
Mathias wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß von der Stirn.
»Wie konnten Sie das sehen?« fragte der Maire«.
»Der Mond scheint hell, und die Fußtapsen kenne ich,« antwortete Franz. »Dann kam Chollet zu Pferde an, stieg etwa dreißig Schritte von dem Wirtshaus ab, band sein Pferd an und ging an Bernhard vorüber. Ich glaube sogar, er hat etwas verloren und gesucht, vielleicht Geld, denn es liegen Talgtropfen am Boden, als hätte man mit einem Lichte umher geleuchtet. Unterdes war Bernhard hinter der Buche vor dem Hause versteckt und noch immer in großer Aufregung, denn an einigen Stellen ist das Moos von dem Baumstamm abgekratzt. Nachdem der Pariser gefunden, was er suchte, ist er nach der Prinzenquelle gegangen und hat sich da niedergesetzt, dann ist er wieder aufgestanden und zweiundzwanzig Schritte weit gegangen. Da traf ihn der Schuß und er fiel.«
»Ja, ja, so ist's!« rief Katharine aus.
»Morgen werden wir wissen, von wem der Schuß gekommen ist,« sagte der Maire; »man wird die Pfropfen und die Kugel suchen.«
»Die bringe ich schon mit,« entgegnete Franz und auf dem bleichen Gesicht des Mathias leuchtete Freude.
»Die Pfropfen,« erzählte Franz weiter, »lagen in der Schusslinie und waren leicht zu finden, die Kugel freilich machte mehr Mühe; sie war von der Geldbörse abgeprallt, aber ich habe sie doch gefunden, in einer Buche; da ist sie.«
Franz übergab dem Maire die beiden Pfropfe und die Kugel.
Der Maire ließ sich leuchten.
»Die Pfropfen sind von Filz,« sagte er, »und auf der Kugel sieht man noch das eingegrabene Kreuz,«
Vater Watrin ließ beinahe die Pfeife aus dem Munde fallen, denn die Kinnladen schlugen ihm zitternd zusammen.
»Sie erkennen also an,« fragte der Maire den Erzähler, »daß der Schuß aus dem Gewehre des Angeklagten gekommen ist?«
»Gewiss,« antwortete Franz. »Es ist das Gewehr Bernhards, es ist seine Kugel, es sind seine Pfropfe, aber das Alles beweist noch nicht, daß Bernhard den Schuß getan hat.«
»Sollte der etwas merken?« dachte Mathias bei sich.
»Ich glaube sogar,« fuhr Franz fort, »Bernhard hat schießen wollen. Er ist bis an die Eiche gegangen, hat dort wahrscheinlich das Gewehr angelegt, aber sich eines bessern besonnen, einige Schritte zurück getan, das Gewehr weggeworfen und ist entflohen.«
»Nun, Herr Maire?« fiel Bernhard ein. »Was habe ich gesagt?«
»Laß den Franz reden, Bernhard; er ist auf der Fährte, wie immer,« sagte Vater Watrin.
»Das kann schlimm ablaufen,« dachte Mathias.
»Nun kam ein Anderer,« erzählte Franz.
»Welcher Andere?« fragte der Maire.
»Das weiß ich nicht,« antwortete Franz; »genug, er hob das Gewehr auf, kniete nieder – ein Beweiß, daß er kein so guter Schütze ist wie Bernhard – und schoß. Da fiel Chollet.«
»Welches Interesse konnte der Andere haben, Chollet zu ermorden?«
»Ich weiß es nicht, vielleicht um ihm das Geld abzunehmen.«
»Woher wußte er, daß Chollet Geld bei sich hatte?«
»Wie gesagt, ich glaube, der Pariser ließ seine Börse in der Nähe der Laubhütte fallen, in welcher Mutter Tellier den Wein kühl erhält . . . Ich würde mich nicht wundern, wenn der Mörder in jenem Augenblicke in dieser Hütte gewesen wäre.«
»Und ist Chollet bestohlen worden?«
»Das glaube ich; man hat ihm zweihundert Louisdor abgenommen.«
»Verzeih, Bernhard,« fiel hier Vater Watrin ein; »ich wußte nicht, daß man den Pariser beraubt hat, als ich Dich fragte, ob Du sein Mörder wärst.«
»Und der Räuber?« fragte der Maire.
»Ich kenne ihn nicht,« antwortete Franz, »aber als er von der Stelle, wo er geschossen, nach der lief, wo Chollet gefallen, trat er in einen Kaninchenbau und verstauchte sich den linken Fuß.«
»Der Teufel!« murmelte Mathias, dem das Haar zu Berge stand. . .
»Das ist ein starkes Stück,« sagte der Maire. »Wie können Sie wissen, daß er sich den Fuß vertreten?«
»Das ist keine Hexerei,« antwortete Franz. »Dreißig Schritte sind beide Füße gleich aufgetreten, von da an trug nur Einer die ganze Last des Körpers, der rechte; der linke hinterließ kaum eine Spur, also hat er sich den linken vertreten und sich gescheut ihn zu gebrauchen, weil es schmerzte. Darum ist er auch nicht geflohen. Hätte er das getan, so wäre er jetzt schon fünf, sechs Stunden weit. Aber nein; er hat seine zweihundert Louisdor zwanzig Schritte von der Straße, etwa hundert Schritte von hier zwischen zwei Büschen an einer Birke vergraben, die sehr kenntlich ist, weil sie ganz allein da steht.«
Mathias wischte sich nochmals die Stirn ab und stieg mit dem einen Beine durch das offene Fenster.
»Wohin ist er von da gegangen?« fragte der Maire.
»Auf die Straße,« antwortete Franz, »auf der man Fußtapfen nicht verfolgen kann.«
»Und das Gold? Haben Sie das auch mitgebracht?«
»O, davor habe ich mich wohl gehütet. Diebesgeld verbrennt Einem die Finger. Besser, dachte ich, die Behörde geht selbst dahin, und da der Dieb nicht weiß, daß ich sein Versteck kenne, wird sie den Schatz finden.«
»Da irrst Du Dich,« murmelte Mathias, der vollends durch das Fenster stieg; »man soll es nicht finden.«
Damit schlich er fort, ohne daß Jemand auf ihn achtete, außer Franz.
»Die Justiz,« sagte der Maire, »wird Ihre Aussage würdigen; vor der Hand muß Watrin da in Haft bleiben, da Sie einen Andern nicht nennen können. Es thut nur leid, ich muß ihn in das Gefängnis abführen lassen.«
Der Maire winkte den Gendarmen zum Aufbruch, Franz aber sagte:
»Noch einen Augenblick Geduld . . . Nehmen wir einmal an, ich kenne den Schuldigen . . .«
Die Aufmerksamkeit Aller verdoppelte sich wieder.
»Nehmen wir an,« fuhr Franz fort, »er wäre eben hier gewesen; nehmen wir an, ich hätte Bobineau und Lajeunesse bei dem vergrabenen Schatz versteckt und sie packten den Dieb, wenn er käme, um das Gold zu holen.«
Man hörte draußen Lärm, als wolle Jemand nicht gehen und Andere trieben ihn mit Gewalt dazu an.
»Sehen Sie!« sagte Franz lachend. »Sie haben ihn schon, er will aber nicht herein.«
Bobineau und Lajeunesse schleppten jetzt Mathias herein.
»Mathias!« riefen Alle gleichzeitig.
»Da ist die Börse, Herr Maire,« sagte Lajeunesse.
»Und da ist der Dieb,« setzte Bobineau hinzu, und er zog Mathias näher, der hinkte.
»Habe ich es nicht gesagt,« bemerkte Franz; »daß er auf dem linken Fuße hinke?«
Mathias erkannte, daß er nicht leugnen konnte und er sagte also:
»Nun ja, ich habe geschossen . . . ich wollte nur Bernhard mit Katharinen veruneinigen, weil er mir eine Ohrfeige gegeben. Das Gold, das ich sah, verdrehte mir den Kopf. Bernhard hatte sein Gewehr weggeworfen; der Teufel führte mich in Versuchung, ich hob es auf und da geschah's. Aber keine Spur von Vorbedacht, und da der Pariser nicht tot ist, komme ich mit zehn Jahren Zwangsarbeit weg.«
Alle atmeten wieder frei, Aller Arme streckten sich Bernhard entgegen, an dessen Herzen zuerst Katharine lag.
»Herr Maire,« sagte der Abbé Gregoire, »hoffentlich werden Sie sofort Bernhard losbinden lassen.«
»Gendarmen, der junge Mann ist frei; nehmt ihm die Fesseln ab.«
Die Gendarmen gehorchten und es entstand großer Jubel unter Tränen der Rührung und Freude in der Familie. Selbst der Maire wischte sich eine Thräne aus den Augen.
»Den Verbrecher bindet und führt ihn nach der Stadt ins Gefängnis!« setzte er hinzu.
Mathias hielt vorher noch einmal die Hände an den Mund und machte den Eulenruf nach; dann ließ er sich die Hände binden und ging mit den Gendarmen fort.
Letztes Kapitel
Mathias wurde also an der Stelle Bernhard Watrins in das Gefängniß von Villers-Cotterets geführt.
Nachdem der wahre Schuldige gefangen, und von den Gendarmen auf der Straße weggeführt war, nachdem der Maire mit gesenktem Kopfe und reuigem Blicke aus dem Hause gegangen war, nachdem die brauen Bewohner des neuen Hauses wieder etwas zu sich gekommen und unter sich waren, (Mutter Tellier, die gute Wirtin, der ehrwürdige Abbé Gregoire, Lajeunesse und Bobineau, die zur Entwickelung des Drama's beigetragen hatten, Freund Franz, der die Spuren so geschickt verfolgt und mit einem Scharfsinn erklärt hatte, der dem letzten der Mohikaner Ehre gemacht haben würde, waren keine Fremden) störte Nichts mehr die Freude, die in der Familie ausbrach.
Zuerst schüttelten Vater und Sohn einander bieder die Hände. Der Händedruck des Sohnes sagte: »Du siehst, lieber Vater, daß ich nicht log.«
Der Händedruck des Vaters sagte: »Habe ich jemals im Ernste Dich für schuldig gehalten?«
Dann gaben Sohn und Mutter einander die Hände, wobei die Mutter leise flüsterte:
»Und wenn ich bedenke, daß Alles dies durch meine Schuld geschehen ist!«
»Still!« erwiderte Bernhard, »wir wollen nicht mehr von der Geschichte sprechen.«
»Ich bin durch meine Hartnäckigkeit Ursache von Allem.«
»Willst Du das immer sagen?«
»Armes liebes Kind, wirst Du mir verzeihen können?«
»O, liebe Mutter, liebe Mutter!«
»Jedenfalls bin ich sehr bestraft worden.«
»Und ich hoffe, daß Du sehr belohnt werden wirst.«
Dann fasste Bernhard die beiden Hände des Abbé Gregoire und fragte den guten Priester, indem er ihm in das Gesicht sah:
»Nicht wahr, Herr Abbé, auch Sie haben nicht an mir gezweifelt?«
»Kannte ich Dich denn nicht noch besser als Dein Vater und Deine Mutter?«
»Besser, Herr Abbé?« sagte Mutter Watrin.
»Ja, besser,« sagte der Vater.
»Ich möchte doch wissen,« rief die Alte, die Willens zu sein schien, einen neuen Wortwechsel anzufangen, ,»wer ein Kind besser kennt, als die eigene Mutter.«
»Der den Verstand gebildet hat,« sagte der alte Watrin. »Widerspreche ich denn? Mache es, wie ich, Alte, und schweige.«
»Nein, Ich werde nicht schweigen, wenn man mir ins Gesicht sagt, daß Jemand mein Kind besser kenne, als ich selbst.«
»Du wirst schweigen, liebe Mutter,« sagte Bernhard, »und ich werde nur ein Wort zu sagen brauchen, da Du ja eine so religiöse Frau bist.« Lachend setzte er hinzu: »Hast Du denn vergessen, daß der Herr Abbé mein Beichtvater ist?«
Dann kam Bernhard zu Katharinen, die er sich bis zuletzt aufgespart, um sie länger zu bewahren, der selbstsüchtige Mensch.
Als er zu ihr kam, sagte er mit fast erstickter Stimme: »Katharine, liebe Katharine. . .«
»Bernhard, mein guter Bernhard;« murmelte diese, die Augen und die Stimme voller Thränen.
»Komm, komm,« sagte Bernhard zu ihr und er zog sie durch die offen gebliebene Türe.
»Wohin gehen sie?« rief die Mutter Watrin, fast wie in Eifersucht.
Der Vater zuckte die Achseln.
»Zu ihren Geschäften, wie es scheint,« sagte er, indem er seine Pfeife stopfte; »laß sie nur gehen, Frau.«
»Aber?«
»Hätten wir in solchem Alter und unter solchen Umständen uns nicht auch etwas zu sagen gehabt?«
»Hm!« murmelte die Mutter und warf einen letzten Blick nach der Tür.
Aber selbst wenn die Türe offen gewesen wäre würde sie Nichts gesehen haben. Die beiden jungen Leute hatten schon den Wald erreicht, und sich im dichtesten Schatten verloren.
Bobineau, Lajeunesse, Franz und Vater Watrin hatten angefangen, die Flaschen gegen die Lichter zu halten, um zu sehen, ob noch etwas darin sei.
Der Abbé Gregoire benutzte diese Beschäftigung, in welche die vier Männer ganz vertieft waren, nahm leise seinen Stock und seinen Hut, schlich sich durch die halbgeöffnete Türe und gelangte auf den Weg nach Villers-Cotterets; in der Stadt fand er seine Schwester, Fräulein Adelaide, die ihn mit der größten Angst erwartete.
Die beiden Frauen, Mutter Watrin und Mutter Tellier, kauerten sich am großen Kamine nieder, und fingen eine Unterhaltung an, die, trotzdem, daß sie leise geführt wurde, nicht weniger lang und verwickelt wurde.
Beim ersten Schimmer des Tages erschienen Bernhard und Katharine wieder, wie zwei Wandervögel, die zusammen fortfliegen und zusammen wiederkommen. Katharine umarmte mit lächelndem Gesicht Vater und Mutter Watrin, wobei sie so wenig als möglich ihren Bräutigam aus den Augen verlor, und dann wollte sie in ihr Kämmerchen gehen.
Aber kaum hatte sie den ersten Schritt von dem Tische hinweg getan, an dem die vier Männer saßen, als Bernhard sie zurückhielt, als ob sie etwas vergessen hätte.
»Nun?« sagte er in dem Tone sanften Vorwurfs.
Katharine brauchte keine Erklärung zu verlangen; ihr Herz verstand ihn sofort. Sie ging zu Franz und bot ihm beide Wangen dar.
»Was?« fragte Franz, ganz erstaunt über ein solches unverhofftes Glück.
»Sie küßt Dich, um Dir zu danken,« sagte Bernhard. »Ich dächte, wir wären Dir das wenigstens schuldig.«
»Ah!« rief Franz. »Ah. Mamsell Katharine,« und er wischte sich den Mund mit der Serviette ab, und gab dann auf jede Wange dem errötenden Mädchen einen derben, klatschenden Kuß.
Darauf reichte Katharine zum letzten Male Bernhard die Hand und ging in ihre Kammer hinauf.
»Vorwärts!« sagte Bernhard, »vorwärts, Kinder! Ich dächte, es wäre Zeit, sich auf den Weg zu machen. Es ist nicht genug, glücklich zu sein, die Arbeit für den Herzog von Orleans muß auch getan werden.«
Mit einem unerklärbaren Blick nahm er seine Flinte, die von den Gendarmen zurückgebracht war. Dabei flüsterte er:
»Wenn man denkt . . . aber still!«
Er drückte seinen Hut auf dm Kopf und rief; »Vorwärts, vorwärts!«
Beim Hinausgehen sah Bernhard nach den oberen Fenstern hinauf.
Katharine stand an ihrem Fenster und lächelte der aufgehenden Sonne zu, die einen ihrer guten Tage bescheinen sollte. Als sie Bernhard erblickte, pflückte sie eine Nelke, küßle sie und warf sie ihm zu.
Bernhard ließ die Blume nicht auf die Erde fallen. Er faßte sie im Fluge auf, küßte ihr den Kuß ab, der in den wohlriechenden Blättern verborgen war, und steckte die Nelke an seine Brust.
Dann ging er mit seinen drei Kameraden schnell in den Wald hinein.
Der Tag rief die Mutter Tellier zu ihrer Schenke zurück; sie nahm Abschied von ihren Freunden Watrin, und machte sich auf den Weg nach dem Hause an der Prinzenquelle in demselben eiligen Schritt, mit welchem sie gekommen war, und nahm eine Menge von Neuigkeiten mit, welche alle Gespräche des Tages beleben mußten. Bernhard unschuldig, Mathias schuldig, die Hochzeit Katharinens und Bernhards in vierzehn Tagen. Schon lange war kein solcher Gegenstand zum Plaudern den Gevatterinnen im Dorfe geboten worden.
Darauf gab es einen Streit zwischen Vater und Mutter Watrin, denn Jedes wollte das Andere zu Bett schicken, und sich zur Bewachung des Hauses opfern. Als durch die Hartnäckigkeit der Mutter dieser Wettstreit in der Entsagung in Zank auszuarten drohte, nahm Vater Watrin seinen Hut, steckte die Hände in die Taschen und ging auf der Straße nach Villers-Cotterets spazieren.
Als er zum »Hirschsprung« kam, sah er Herrn Raisin in dem kleinen Wagen mit seinem alten Diener Peter kommen.
Als Watrin den Maire erblickte, machte er eine Bewegung um den Wald zu erreichen, aber er war schon erkannt.
Raisin hielt seinen Wagen an, sprang heraus und lief zu dem Alten, indem er rief:
»He! Herr Watrin! Lieber Herr Watrin!«
Watrin blieb stehen.
Der Grund, der ihn den Maire zu fliehen nötigte, war das Gefühl der Scham, das jeder ehrliche Mensch in der Tiefe seines Gewissens hat, das sich von ihm auf Andere erstreckt und das ihm für Andere die Schamröte ins Gesicht treibt, wenn diese Handlungen verrichten, die nicht die besten sind.
Man erinnert sich, daß die Antrage, welche der Holzhändler dem Vater Watrin in der vorigen Nacht gemacht hatte, nicht die redlichsten waren.
Während Vater Watrin stehen blieb, dachte er darüber nach, was ihm der Maire wohl sagen wolle. Er wartete und drehte dabei dem Maire den Rücken zu; erst als dieser ganz nahe bei ihm war, wendete er sich um.
»Nun,« fragte er barsch Herrn Raisin, »was giebt es noch?«
»Ich habe, seit ich Sie heute Morgen verlassen, Herr Watrin, viel nachgedacht,« sagte der Maire, ziemlich verlegen und mit unbedecktem Kopfe, während Watrin ihn anhörte, und dabei den Hut aufbehielt.
»Wirklich, und worüber?«
»Über Alles, lieber Herr Watrin, besonders darüber, daß es weder gut, noch schön ist, sich des Eigentums seines Nächsten bemächtigen zu wollen, wenn dieser Nächste auch ein Prinz ist.«
»Warum sagen Sie mir das, und an wessen Eigentum habe ich je mich vergreifen wollen?« fragte der Alte.
»Mein lieber Herr Watrin,« fuhr der Maire mit einer gewissen Demut fort, »glauben Sie ja nicht, daß ich das auf Sie bezogen habe.«
»Auf wen bezieht es sich sonst?«
»Nur auf mich, Herr Watrin, und auf die schlechten Anträge, die ich Ihnen in voriger Nacht wegen der Bäume gemacht, welche nahe an meinem Holzschlag stehen könnten.«
»Das führt Sie her?«
»Warum nicht, da ich einsah, daß ich Unrecht hatte, und daß ich einen braven und ehrlichen Mann, den ich beschimpft, um Entschuldigung bitten muß.«
»Mich? Sie haben mich nicht beschimpft, Herr Maire.«
»Freilich. Man beschimpft einen ehrlichen Mann, wenn man ihm Anträge macht, die er nur dann annehmen kann, wenn er sein ganzes Leben Lügen strafen will.«
»Sie brauchten sich nicht durch eine so geringfügige Sache stören zu lassen, Herr Raisin.«
»Sie nennen das geringfügig, wenn man vor seines Gleichen erröten muß, und nicht mehr wagen darf, ihm die Hand zu geben, wenn man ihm ein Mal begegnet? Ich, ich nenne das bedeutend. Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Watrin.«
»Mich?« fragte der alte Aufseher.
»Ja. Sie.«
»Ich bin nicht der Abbé Gregoire, um Ihnen zu vergeben,« sagte der Alte, halb gerührt, halb lachend.
»Nein, aber Sie sind Herr Watrin, und alle ehrlichen Leute bilden eine Familie. Ich bin einen Augenblick aus derselben getreten; reichen Sie mir die Hand, damit ich wieder eintreten kann, Herr Watrin.«
Der Maire sprach diese Worte mit einem so bewegten Tone, daß dem Alten die Tränen in die Augen traten. Er nahm seinen Hut mit der linken Hand ab, wie er es vor dem Herrn Deviolaine, dem Inspektor, getan haben würde, und reichte dem Maire die Hand.
Dieser ergriff sie und sagte:
»Herr Watrin, das ist noch nicht Alles.«
»Wie? Das ist nicht Alles?« fragte Vater Watrin.
»Nein.«
»Was giebt es denn noch, Herr Raisin?«
»Ich habe nicht allein Ihnen gegenüber diese Nacht Unrecht begangen.«
»Ah, ja; Sie meinen Ihre Anklage Bernhards. Sie sehen, Herr Maire, man muß nicht zu schnell im Verurteilen sein.«
»Ich sehe ein, daß mein Zorn gegen Sie mich ungerecht gemacht hat, und ich eine Handlung beging, die ich, wenn Bernhard mir nicht verzeiht, mein ganz«s Leben lang bereuen werde.«
»O! Beruhigen Sie sich, Herr Maire; Bernhard ist so glücklich, daß er schon Alles vergessen hat.«
»Ja, mein lieber Watrin, aber irgend ein Mal kann er sich wieder daran erinnern, dann mit dem Kopfe schütteln und zwischen den Zähnen murmeln: »Der Maire ist doch ein schlechter Kerl.«
»Daß er einmal solche Gedanken hat. kann ich freilich nicht hindern,« sagte Watrin lächelnd.
»Es giebt ein Mittel, daß er solche Gedanken, wenn sie kommen, zurückweist.«
»Welches Mittel?«
»Daß er mir von Herzen verzeihe, wie Sie es getan haben.«
»Dafür stehe ich. Bernhard hat fast gar keine Galle. Sehen Sie die Sache als abgemacht an. Da er der Jüngere ist, soll er noch zu Ihnen kommen.«
»Das hoffe ich, und auch, daß er bei mir bleibt, wie Sie und Ihre Frau, Katharine und Franz und alle Kameraden.«
»Wann?«
»Nach der Trauung.«
»Wozu?«
»Wegen des Hochzeitsschmaußes.«
»Nein, das geht nicht.«
»Sagen Sie das nicht, Watrin. Es steht fest bei mir, Sie müßten denn entschlossen sein, mir immer zu grollen. Ich habe es mir einmal m den Kopf gesetzt, den Hochzeitsschmauß auszurichten, und auch schon den Küchenzettel gemacht. Wir haben Keule von dem Wildschwein, das gestern geschossen worden ist; der Inspektor wird wohl erlauben, daß man ein Reh schießt, die Fische bestelle ich selbst, und im Keller habe ich Champagner direct aus Epernay und alten Burgunder.«
»Aber, Herr Raisin.«
»Kein »Aber«, Watrin.«
»Ich kann es nicht zusagen.«
»Wenn Sie es nicht zusagen, geht es meinen Frauenzimmern schlecht, denn die haben mir alle die dummen Gedanken in den Kopf gesetzt. Der Abbé hat wohl Recht, durch die Weiber kommt alles Unglück in die Welt.«
Vater Watrin wollte sieh noch länger sträuben, aber er fühlte, daß ihn Jemand am Ärmel zupfte. Er drehte sich um, der alte Peter war es.
»Herr Watrin,« sagte dieser, »schlagen Sie's dem Herrn Maire nicht ab, im Namen . . .«
Er schien sich zu besinnen.
»Im Namen der beiden Geldstücke, die Sie dem Abbé für mich gegeben haben, als Sie hörten, daß ich aus dem Dienste sei.«
»Das war auch ein Gedanke der Frauenzimmer,« fiel Raisin ein. »Die Weiber! Die Weiber! Nur die Ihrige ist ein Engel, Watrin.«
»Meine Alte?« entgegnete Watrin . . . »Man sieht wohl . . .
Er wollte sagen: »man sieht wohl, daß Sie sie nicht kennen,« aber er besann sich und sagte lächelnd:
»Man sieht wohl, daß Sie meine Alte gut kennen . . . Also abgemacht. Wir essen zur Hochzeit bei Ihnen, Herr Maire,« setzte er hinzu.
»Und die Hochzeit ist acht Tage früher.«
»Wie so?«
»Rathen Sie ein Mal, Watrin, wohin ich will?«
»Nun?«
»Zu dem Bischof in Soissons, um selbst den Dispens zu holen.«
»In diesem Falle stehe ich für Bernhard,« sagte Watrin lachend, während der Maire wieder einstieg und weiter fuhr.
»Ich hätte ihn nicht für einen so braven Mann gehalten,« brummte der Alte für sich. »Aber Recht hat er: Die Weiber, die Weiber!«
Nachdenklich kehrte er nach Hause zurück.
Vierzehn Tage darauf klang die Orgel lustig in der kleinen Kirche zu Villers-Cotterets, während Bernhard und Katharine vor dem Abbé Gregoire knieten.
Die Frau und die Tochter des Maire wohnten der Trauung bei, und Euphrosine blickte von der Seite nach dem hübschen Pariser, der zwar noch recht blass war, aber sich doch so weit erholt hatte, daß er in die Kirche hatte gehen können. Aber er beschäftigte sich da offenbar mehr mit der schönen, errötenden Braut, als mit der Tochter Raisins. Auch der Inspektor mit seiner ganzen Familie war zugegen, und die dreißig oder vierzig Kameraden Bernhards bildeten gleichsam die Ehrenwache.
Der Abbé Gregoire hielt eine Rede, die zwar nur etwa zehn Minuten währte, aber Thränen in Aller Augen lockte.
Als der Zug aus der Kirche kam, hörte man einen Eulenruf.
»Das bringt Unglück,« sagte Katharine.
»O nein,« sagte Franz; »es ist ein nachgemachter, von Mathias, der dort gegenüber an dem Kerkerfenster steht und mit den Zähnen knirscht.
Am Tage darauf wurde Mathias in das Gefängnis zu Laon gebracht, wo die Assisen abgehalten werden.
Wie er vorhergesehen, wurde er zu zehnjähriger Zwangsarbeit verurtheilt.
Nach anderthalb Jahren las man in den Zeitungen:
»In dem Bagno zu Toulon ist ein Fluchtversuch »gemacht worden, der aber für den Fliehenden schlimm ablief.«
»Ein Sträfling, der sich, man weiß nicht wie, eine
»Feile verschafft, hatte seine Kette durchgefeilt und sich
»unter einem Holzstoße auf dem Werft versteckt, auf dem die
»Züchtlinge arbeiten.
»Abends gelangte er kriechend, und ohne von der
»Wache gesehen zu werden an das Meer; als er aber in
»das Wasser sprang, hörte es die Schildwache, die sich
»umdrehte und fertig machte, auf den Flüchtigen zu
»schießen, sobald er emporkomme, um Luft zu schöpfen. Dies
»geschah nach einigen Sekunden und alsbald folgte der »Schuß.
»Der Flüchtling tauchte wiederum, aber um nicht
»wieder zum Vorschein zu kommen.
»Der Schuß zog sogleich einen Teil der Soldaten
»und der angestellten Aufseher herbei; man setzte ein Paar
»Bote aus, suchte aber vergeblich.
»Erst am anderen Tage, gegen zehn Uhr früh,
»erschien ein Körper an der Oberfläche des Wassers, der
»Leichnam des Sträflings, der zu entfliehen gesucht hatte.
»Der Unglückliche, welcher wegen eines Mordversuchs
»mit Vorbedacht, aber unter mildernden Umständen, zu
»zehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war, stand unter
»dem Namen »Mathias« in den Büchern der Anstalt.«