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Umgelegt vom Killer: Krimi Koffer 9 Romane

Alfred Bekker and A. F. Morland

Published by Alfred Bekker, 2021.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Umgelegt vom Killer: Krimi Koffer 9 Romane

Copyright

Wenn ein Killer Amok läuft

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Killer und sein Zeuge

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Maulwurfjagd

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Caravaggio verschwindet

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Stirb, McKee!

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Die programmierten Todesboten

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Mörderpost

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Killerpfeile

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Central Park Killer

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About the Publisher




Umgelegt vom Killer: Krimi Koffer 9 Romane


Alfred Bekker und A.F.Morland

1100 Seiten Thriller Spannung

––––––––


Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch - Ideal als Urlaubslektüre.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

––––––––


Dieses Ebook beinhaltet folgende Romane:

Wenn ein Killer Amok läuft (A.F.Morland)

Der Killer und sein Zeuge (Alfred Bekker)

Maulwurfjagd (Alfred Bekker)

Caravaggio verschwindet (Alfred Bekker)

Stirb, McKee! (Alfred Bekker)

Die programmierten Todesboten

Mörderpost (Alfred Bekker)

Killerpfeile (Alfred Bekker)

Central Park Killer (Alfred Bekker)




Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Wenn ein Killer Amok läuft


Ein Roberto Tardelli Thriller #75

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

Ganz auf sich allein gestellt verfolgt Mafiajäger Roberto Tardelli einen skrupellosen Mörder. Die Cosa Nostra hat den Killer ausgeschickt, aber nun wird er durch Tardellis Suche zum Risiko. Doch diese Verfolgungsjagd hat tödliche Nebenwirkungen – für alle Beteiligten.




Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

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Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Hauptpersonen des Romans:


Sergio Patana – Als er merkt, dass einer seiner Killer von Roberto Tardelli verfolgt wird, lässt er ihn eiskalt fallen.

Mel Kowalski – Ein Killer, der jeden umbringt, der versucht, sich ihm in den Weg zu stellen.

Claire Kowalski – Als ihr Bruder nach einem Jahr wieder bei ihr auftaucht, kostet es sie fast das Leben.

Alfredo Sevardo und Bingo Celentano – Ihr Auftrag lautet Mord, doch ihr Opfer dreht den Spieß um.

Roberto Tardelli – Er ist unterwegs, um einen Mord zu verhindern, aber er kommt zu spät. – Wieder ganz auf sich allein gestellt, verfolgt er den Mörder, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen.




1


Mel Kowalski beobachtete sein Opfer aus sicherer Entfernung. Der Mann, dem die Aufmerksamkeit des Killers gehörte, war Staatsanwalt George Burke. Ein Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, der Mafia in seiner Stadt kräftig auf die Finger zu schlagen. Er hatte das nicht nur überall – im Rundfunk, im Fernsehen und auf Versammlungen – laut hinausposaunt, sondern er hatte auch bereits Taten folgen lassen. Taten, die die Cosa Nostra schmerzlich getroffen hatten.

Man war sich innerhalb der Ehrenwerten Gesellschaft nach einer kurzen Zusammenkunft einig: Gegen Staatsanwalt Burke musste schnellstens etwas unternommen werden.

Man sprach sich ohne Gegenstimme für eine Maßnahme aus, die George Burke das Leben kosten würde und wandte sich danach unverzüglich an Sergio Patana, den Boss einer gut funktionierenden Liquidationstruppe namens „Black Friday“. Patana schickte sofort seinen besten Mann, Mel Kowalski, nach Miami Beach, wo Staatsanwalt Burke mit seiner Verlobten Bathseba Lane sich von den Strapazen der letzten Wochen und Monate erholen wollte.

Kowalskis Mund verzog sich unter dem schweren Fernglas, das er mit beiden Händen an die Augen hielt, zu einem breiten, zufriedenen Grinsen.

Der Killer war ein großer kompakter Bursche, unter dessen sonnengebräunter Haut stahlharte Muskeln spielten. Er hatte das eingeschlagene Nasenbein eines Raufbolds, dünnes braunes Haar und ein Kinn, das an eine Baggerschaufel erinnerte.

Er stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers, während sich George Burke mit seiner Verlobten auf der Terrasse des Nachbarhotels befand.

Was Kowalski dieses zufriedene Grinsen entlockte, war der Umstand, dass Burke offensichtlich Streit mit seiner Braut hatte. Die beiden saßen an einem der zahlreichen runden Tische, hatten Longdrinks vor sich stehen, aus denen bunte Plastikhalme ragten. Sie starrten einander mit finsteren Gesichtern an und verrieten in Mimik und Gestik, dass sie sich im Augenblick alles andere als grün waren.

„Ein Zank, so kurz vor dem Tod“, murmelte Mel Kowalski zynisch. „Wenn sie sich der Tatsache bewusst wären, wie kurz für manche Menschen das Leben ist, würden sie den Streit bleiben lassen und die wenige Zeit, die ihnen noch zur Verfügung steht, sinnvoller nützen. Aber wer kann schon in die Zukunft sehen?“

Der Hader erreichte binnen Kurzem den Höhepunkt.

George Burke warf seinem Mädchen mit wutverzerrtem Gesicht noch etwas an den Kopf, dann schlug er mit der Faust auf den Tisch – gleichsam, um einen Schlusspunkt zu setzen –, sprang auf und verließ die Terrasse.

Bathseba Lane putzte sich mit einem blütenweißen Taschentuch die Nase und griff dann mit einer zornigen, aggressiven Handbewegung nach ihrem Glas, während Burke die Terrassenstufen hinunterlief und die daran angrenzende Mole erreichte.

Mel Kowalski folgte seinem Opfer mit dem Fernglas.

Burke begab sich an Bord seiner Jacht, die er vor drei Tagen für den Rest des Urlaubs gemietet hatte. Er machte alle Taue los und fuhr dann mit rasch zunehmender Geschwindigkeit auf den Atlantik hinaus.

Der Killer setzte das Fernglas ab.

„Mehr entgegenkommen hätte er mir gar nicht können“, brummte er in seinen imaginären Bart. „Dort draußen werde ich mit ihm allein sein. Es wird keine Augenzeugen geben, wenn George Burke stirbt.“

Hastig machte der Vertragskiller der Mafia kehrt. Er stürmte durch das Hotelzimmer und hatte es sehr eilig, zum Bootsverleih zu kommen, denn eine günstigere Gelegenheit, Burke zu beseitigen, würde er wohl kaum mehr haben.




2


Roberto Tardelli traf auf dem Miami International Airport ein und hatte das Gefühl, in einen Backofen geraten zu sein. Die Sonne glühte vom Himmel. Kein Wölkchen verpatzte das perfekte Blau. Kein Lüftchen verschaffte den schwitzenden Menschen Linderung.

Roberto, ein schlanker, wendiger Bursche Ende zwanzig, dem man nicht ansah, wie zäh er war, steuerte den erstbesten Autoverleihschalter an.

Kurz darauf saß er in einem schiefergrauen Pontiac Firebird, dessen zusätzlich eingebaute Klimaanlage bei geschlossenen Fenstern für eine konstante Temperatur von angenehmen zwanzig Grad sorgte. Das war ein Grund, aufzuatmen.

Miami ist mit Miami Beach und einigen anderen Orten eines der bedeutendsten und modernsten Touristenzentren der Erde. In den Motels, Hotels, Ferienhäusern und Wohnungen ist Platz für mehr als 120.000 Touristen. Und in der Hochsaison ein Betrieb, der einem Hexenkessel gleicht.

Roberto konnte nicht verstehen, dass sich George Burke, der sich doch von seinen Strapazen erholen wollte, ausgerechnet hierher begeben hatte, wo er erholsame Ruhe doch nicht finden konnte.

Burke. Unvermittelt wurden Roberto Tardellis Züge hart. Er war in diesem Augenblick zu jenem Hotel unterwegs, in dem der Staatsanwalt mit seiner Verlobten abgestiegen war.

Nicht eine Sekunde durfte verschenkt werden. Roberto hatte den Eindruck, ohnedies schon verdammt spät dran zu sein.

COUNTER CRIME, die geheime Regierungsstelle, für die Roberto Tardelli als Agent arbeitete, und deren Aufgabe es war, die Mafia mit allen ihren Nebenerscheinungen und Auswüchsen zu bekämpfen, hatte erfahren, dass George Burke von der Cosa Nostra auf die Abschussliste gesetzt

worden war.

Und zwar als Nummer eins!

Es gab den verschleierten Verdacht, dass der Mord an Burke an die Unterorganisation „Black Friday“ delegiert worden war. Deshalb lag die Vermutung nahe, dass Sergio Patana seinen derzeit schlagkräftigen Mann losgeschickt hatte: Mel Kowalski.

Wenn man wusste, wie blitzschnell und eiskalt dieser Killer zuschlug, war klar, dass man in einer solchen Situation nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde vergeuden durfte.

Aus diesem Grund fuhr der Top Agent von COUNTER CRIME auf dem kürzesten Wege zu Burkes Hotel. Er konnte nur hoffen, dass Mel Kowalski seinen Auftrag noch nicht ausgeführt hatte.

Am Strand von Miami Beach reihte sich ein Superhotel an das andere.

Roberto ließ den Pontiac auf dem hoteleigenen Parkplatz ausrollen. Er sprang aus dem Wagen, warf die Tür zu und eilte in den schickesten Glas-Beton-Kasten, den es in weitem Umkreis gab.

Das Fünfsternehotel strahlte eine gediegene, vornehme Atmosphäre aus.

Roberto erfuhr an der Rezeption, dass sich George Burke mit seiner Verlobten auf der Hotelterrasse befand. Er spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel.

Solange der Staatsanwalt mit Bathseba Lane noch in der Lage war, auf der Terrasse einen Drink zu schlürfen, war der Ofen noch nicht aus. Roberto wollte ab jetzt dafür sorgen, dass sich an diesem Zustand auch in Zukunft nichts änderte.

Er trat ins gleißende Sonnenlicht.

Kleine Schweißtröpfchen bildeten sich auf seiner Stirn. Ein gut gebautes Bikinimädchen stelzte an ihm vorbei. Sie hatte sichtlich Langeweile und warf ihm deshalb einen Blick zu, der ihn wissen ließ, dass er von ihr so ziemlich alles haben konnte, wenn es ihm gelang, sie zu zerstreuen.

Er beachtete das Girl kaum. Sein Blick glitt an ihr vorbei. Er streifte rasch Tisch für Tisch und entdeckte schließlich Bathseba Lane. Sie war allein. Das gefiel Roberto ganz und gar nicht. Wo war der Staatsanwalt? Roberto suchte die restlichen Tische nach Burke ab, doch ohne Erfolg.

Das Bikinipüppchen blieb stehen und blies den Brustkorb auf, als wollte es den winzigen BH sprengen.

Roberto schob sie kühl zur Seite. „Gestatten Sie. Darf ich vorbei?“

Das war zu viel für die Kleine. Sie schwirrte wütend ab und würde wohl eine ganze Weile brauchen, um ihr Selbstvertrauen wiederzufinden.

„Miss Lane“, sagte Roberto, als er Bathsebas Tisch erreicht hatte.

Sie hob den Kopf.

Bathseba Lane war eine Augenweide. Rundherum üppig, aber nicht fett, blond und blauäugig. Sie trug weiße Shorts, die verdammt knapp saßen, und einen zyklamenfarbenen Blouson, den sie wegen der Hitze so weit wie gerade noch vertretbar offen gelassen hatte.

„Und wer sind Sie?“, gab das hübsche Mädchen mit einer wohlklingenden Stimme zurück. Roberto erkannte in ihren Augen, dass sie beschwipst war. Ihr Blick war glasig, und ihre Zunge huschte immer wieder über die vollen, sinnlichen Lippen.

„Mein Name ist Tardelli. Roberto Tardelli.“

Bathseba wies auf George Burkes Stuhl. „Wollen Sie sich zu mir setzen, Mr. Tardelli? Dann brauche ich keine Selbstgespräche mehr zu führen.“

Roberto nahm Platz. „Ich muss dringend mit Ihrem Verlobten sprechen, Miss Lane.“

„Wenn Sie möchten, dürfen Sie mich Bathseba nennen“, erwiderte das Mädchen und musterte den dunkelhaarigen jungen Mann eingehend. Sie war von dem, was sie sah, sichtlich angetan. Da war plötzlich ein Ausdruck in ihren großen blauen Augen, der Roberto sagte, dass er sich vor Bathseba in Acht nehmen musste.

Burke war zu bedauern. Dieses Mädchen würde ihm nie ganz allein gehören.

„Würden Sie mir bitte sagen, wo sich Mr. Burke befindet, Miss Bathseba?“, sagte Roberto eindringlich.

Burkes Verlobte zuckte mit den Achseln. Sie schob die Unterlippe trotzig vor. „Wir hatten unseren ersten größeren Streit, seit wir verlobt sind. Als George wegging, beschloss ich, mich zuerst zu betrinken und mich dann dem erstbesten Mann an den Hals zu werfen, der mir über den Weg läuft.“ Bathseba kicherte. „Sie haben Glück, Roberto. Ich bin zwar noch nicht so voll, wie ich es gern sein möchte, aber dafür sind Sie genau der Typ, in dessen Armen ich den Ärger mit George zu vergessen gedenke.“

Roberto schluckte. „Das ist gewiss sehr schmeichelhaft für mich, Bathseba, aber ...“

„Sagen Sie bloß, Sie wollen nicht.“

„Sie sind ein ganz außergewöhnlich attraktives Mädchen ...“

„Haben Sie moralische Bedenken oder fürchten Sie Georges Zorn?“

„Weder noch!“

„Dann kriege ich also meine Chance, George eins auszuwischen?“

„Tut mir leid, Bathseba, aber die Lage ist zu ernst, um an solche Dinge zu denken“, sagte Roberto mit finsterer Miene.

Das Mädchen schien zu begreifen. Sie fuhr sich mit der Hand an die Lippen. „Ihr Ton beunruhigt mich, Roberto. Weshalb sind Sie hier?“

„George Burkes Leben ist in Gefahr. Meine Aufgabe ist es, ihn vor schlimmen Schaden zu bewahren, deshalb ist es für mich von größter Wichtigkeit zu erfahren, wo sich Mr. Burke im Moment aufhält.“

Bathseba Lane wies auf das kobaltblaue Meer und sagte gepresst: „George ist irgendwo da draußen.“ Robertos Unruhe stellte sich sofort wieder ein.

Der Wettlauf mit dem Killer von „Black Friday“ war noch lange nicht gewonnen.




3


Die schnittige weiße Jacht trug den Namen ALRAUNE. Sie wiegte sich sanft in der Dünung. Kleine Wellen mit weißen Schaumkronen klatschten in unregelmäßigen Abständen gegen den Rumpf. Außer diesem gab es kein anderes Geräusch. George Burke hatte die Chrysler-Zwillingsmotoren abgestellt, um die hier draußen herrschende Ruhe genießen zu können. Dieser Friede war für den Staatsanwalt wie heilsamer Balsam.

Er stand am Bug der Jacht und pumpte seine Lungen mit der würzigen Meeresluft voll.

Burke war ein schlanker Enddreißiger mit scharf geschnittenem Profil. Seine ernste Miene verriet Entschlossenheit und Stehvermögen bei allem, was er anpackte. Burke hatte Mut und Zivilcourage. Und alle versteckten oder offenen Drohungen von Seiten der Cosa Nostra hatten ihn bis heute nicht zu erschrecken vermocht. George Burke war ein Mann, dessen Gewohnheit es war, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, egal, wie dick diese auch sein mochte. Damit hatte er bisher immer Erfolg gehabt, und er war nicht bereit, von dieser Grundeinstellung auch nur einen Millimeter abzuweichen.

Er hasste das Verbrechen und jene Parasiten, die von ihm lebten, und er hatte sich bereits in jungen Jahren geschworen, die Unterwelt mit allen Mitteln zu bekämpfen, sobald ihm dies auf Grund seiner Position möglich sein würde. Seit er den Posten des Staatsanwalts bekleidete, war er mit eiserner Verbissenheit darangegangen, diesen Schwur einzulösen. Wenngleich man ihm auch im wohlmeinenden Freundeskreis nahegelegt hatte, von diesen oder jenen Dingen lieber die Finger zu lassen. Das wären zu heiße Eisen, und es könne seiner Gesundheit schaden, wenn er sich in diesen Fällen zu sehr engagierte.

Gerade diese Fälle waren es, die Burkes Eifer besonders anstachelten.

Es machte ihm nichts aus, der von der Mafia meistgehasste Mann in Nashville zu sein. Dass ihn diese unerschrockene und unerbittliche Haltung gegenüber der Ehrenwerten Gesellschaft eines Tages den Kopf kosten könnte, hielt er für ausgeschlossen. Er stand zu sehr im Blickfeld der Öffentlichkeit. Die Mafia würde es nicht wagen, sich an ihm zu vergreifen.

Natürlich verlangte ein solcher Job den ganzen Mann, und manchmal hatte Burke schon das Gefühl gehabt, unter der schweren Bürde, die er sich selbst auferlegt hatte, ächzend in die Knie zu gehen.

Kein Wunder, dass er nachts nicht mehr so gut wie früher schlafen konnte. Kein Wunder auch, dass er angefangen hatte, nach der Pillenuhr zu leben: Morgens, mittags und abends zwei, drei Tabletten – und dazwischen auch mal eine Kapsel zur Stabilisierung des Kreislaufs ...

Folglich war es auch kein Wunder, dass er an manchen Tagen sehr leicht reizbar war.

Wie heute.

Vielleicht war auch die Hitze ein klein wenig daran schuld, dass er sich von Bathseba so leicht auf die Palme hatte bringen lassen. Jetzt, hier draußen in der erholsamen Stille, kam ihm der Grund, weshalb er sich mit seinem Mädchen gezankt hatte, geradezu lächerlich vor.

Er erkannte, dass es durch seine Schuld zum Streit gekommen war. Er hatte Bathsebas Worte in den falschen Hals bekommen. An jedem anderen Tag hätte ihm die gleiche Bemerkung nicht das Geringste ausgemacht. Nur heute – heute hatte er plötzlich rot gesehen. Ihm war das nun völlig unverständlich, und er beschloss, sich bei Bathseba zu entschuldigen.

Niemandem fällt eine Perle aus der Krone, wenn er zugibt, einen Fehler gemacht zu haben. Im Gegenteil, das ist ein Beweis wahrer charakterlicher Größe.

Der Staatsanwalt wandte sich um. Er wollte zum Cockpit zurückkehren und die Motoren wieder anlassen.

Doch plötzlich erstarrte er.

Er war nicht mehr allein auf der ALRAUNE.

Am Heck der Jacht stand ein Mann, den Burke nie zuvor gesehen hatte. Ein Kerl, dessen Haltung seine enorme Gefährlichkeit erahnen ließ. Burke war maßlos verblüfft, denn er hatte den Fremden nicht an Bord kommen gehört.




4


Mel Kowalski stand breitbeinig da. Sein Lächeln war eiskalt. Er hatte den Motor seines kleinen Bootes schon eine Meile von hier entfernt abgestellt und hatte sich dann kraftvoll an die Jacht des Staatsanwalts herangepaddelt. Die Überraschung war ihm voll gelungen.

Burke straffte seinen Körper. „Wer sind Sie? Was wollen Sie auf meiner Jacht?“, fragte er scharf.

Kowalski stellte fest, dass in der Stimme des Staatsanwalts nicht das geringste Quäntchen Furcht mitschwang.

Das kommt noch!, dachte der Killer.

George Burke hingegen fühlte sich vollkommen als Herr der Lage.

Kowalski feixte. „Ich sah Sie hier so allein und dachte, ich könnte Ihnen Gesellschaft leisten.“

„Was glauben Sie wohl, weshalb ich allein hier herausgekommen bin?“, erwiderte Burke giftig.

„Weiß ich nicht.“

„Um meine Ruhe zu haben. Wenn Sie jetzt wieder gehen wollen ...“

Kowalski angelte seinen stumpfnasigen Colt Cobra aus der Hosentasche. „Ich werde gehen, Burke, aber erst, wenn es mir passt!“

Der Revolver vermochte den Staatsanwalt nicht einzuschüchtern. „Was soll das?“, fragte er wütend. „Haben Sie vor, hier so etwas wie einen Piraten zu spielen?“

Kowalskis Züge verhärteten sich. „Du wirst gleich nicht mehr so große Töne spucken, George Burke! Und ich werde dafür sorgen, dass du mehr Ruhe bekommst, als dir lieb ist!“ Seine Stimme wurde leiser. „Ich soll dir innige Grüße bestellen.“

Der Staatsanwalt starrte den Killer unerschrocken an. Er schien davon überzeugt zu sein, dass der Mann nicht den Mumm haben würde, abzudrücken, wenn er sich furchtlos zeigte. Aber da schätzte er Kowalski verdammt falsch ein. Dem Vertragskiller war es völlig gleichgültig, wie sein Opfer den Tod hinnahm – ob ängstlich oder tapfer ... was zählt das schon? Tot ist tot.

„Willst du nicht wissen, von wem?“, fragte Kowalski.

„Interessiert mich nicht. Machen Sie, dass Sie von meiner Jacht runterkommen!“

„Ich stehe im Sold der mächtigsten Organisation von Amerika, Burke. Die Leute, für die ich arbeite, haben genug von den vielen Tritten, die du in letzter Zeit ausgeteilt hast. Du hättest die Warnungen, die man dir zukommen ließ, beherzigen sollen, dann wärst du ein alter Mann geworden – falls du nicht vorher von einem Auto überfahren worden wärst. So aber endet dein Leben hier und heute. Du hast es nicht anders gewollt!“

Kowalski hob seine Waffe.

Burke sagte überzeugt: „Sie werden es nicht wagen, auf mich zu schießen!“

„Nun werd bloß nicht komisch. Mein Auftraggeber lässt sich deinen Tod eine hübsche Stange Geld kosten. Und ich bin nicht gewillt, auf die Moneten zu verzichten.“ Der Killer sagte kein weiteres Wort mehr.

Er ließ seinen Colt sprechen.

Als Burke die Feuerblume aufplatzen sah und gleichzeitig einen furchtbar harten Schlag gegen die Brust bekam, riss er fassungslos die Augen auf, und so starb er auch.

In grenzenloser Fassungslosigkeit.




5


ALRAUNE hieß die Jacht, nach der Roberto Tardelli Ausschau hielt. Er war mit einer kleinen Nussschale unterwegs, deren Außenbordmotor einen höllischen Lärm erzeugte. Dreißig Minuten kreuzte Roberto nun schon auf dem Atlantik. Er hatte sich bei zwei Seglern nach der ALRAUNE erkundigt, hatte von den Leuten aber nur ein bedauerndes Achselzucken geerbt.

Seine Unruhe wuchs.

Es war ihm gar nicht recht, dass George Burke in die Einsamkeit hinausgefahren war, denn da würde sein Mörder leichtes Spiel mit ihm haben.

Die weibliche Besatzung eines Kajütkreuzers, teilweise nackt in der Sonne bratend, gab Roberto schließlich den entscheidenden Hinweis. Jetzt wusste er, wohin er seine Nussschale treiben musste, um die ALRAUNE zu erreichen. Sie tauchte wenig später in seinem Blickfeld auf. Groß, schick, beeindruckend. Ein modernes schwimmendes Heim, ausgestattet mit jedem erdenklichem Komfort.

Roberto drosselte den Außenbordmotor.

Das schrille Geräusch, das die ganze Zeit Robertos Ohren beleidigt hatte, reduzierte sich damit auf ein vertretbares Maß.

Als Roberto den Bug der ALRAUNE erreicht hatte, schaltete er den Motor so weit zurück, dass er nicht von der Dünung abgetrieben wurde.

Roberto richtete sich in dem kleinen, schaukelnden Boot auf. Er stellte sich auf die Zehen und machte den Hals lang. Es war ihm aber nicht möglich, einen Blick auf das Deck der Jacht zu werfen.

Er legte seine Hände trichterförmig um seinen Mund und rief: „Mr. Burke! Hallo, Mr. Burke!“

Keine Antwort.

„Mr. Burke!“

Stille.

Roberto spürte, wie sich seine Kopfhaut zusammenzog. Die Situation, die er hier vorfand, gefiel ihm nicht. Sie gefiel ihm ganz und gar nicht. Deshalb griff er nach seiner 38er Luger. Hatte George Burke den Besuch, den ihm Roberto ersparen wollte, bereits gehabt? Dann lebte der Staatsanwalt nicht mehr. Roberto ließ sein Boot an der Steuerbordseite der Jacht ein Stück entlangschnurren.

Von Bathseba Lane wusste er, dass sich George Burke noch nicht lange hier draußen befand.

Die Zeit konnte natürlich gereicht haben, um den Staatsanwalt zu killen. Hatte sie aber auch für den Mörder gereicht, um sich nach der Tat ungesehen wieder abzusetzen? Oder befand sich der Mann noch an Bord dieses Schiffes?

Fragen, auf die sich Roberto Tardelli sehr leicht eine Antwort verschaffen konnte. Er brauchte nur an Bord zu gehen.

Das tat er jetzt unverzüglich.

Mit schussbereiter Waffe huschte er über das Deck. Er war darauf trainiert, jederzeit sein Leben zu verteidigen. COUNTER CRIME nahm seine Agenten im Ausbildungslager jedes Mal so hart her, bis sie auf dem Zahnfleisch krochen.

Nichts wurde diesen Männern geschenkt, denn die raue Wirklichkeit schenkte ihnen auch nichts. Darauf wurden sie gedrillt – aufs Überleben in allen Lagen.

Burke noch einmal zu rufen, erachtete Roberto als sinnlos.

Wenn Burke in der Lage gewesen wäre zu antworten, hätte er es längst getan. Roberto hielt den Atem an und lauschte. Kein verräterisches Geräusch. Er schien sich mutterseelenallein auf dieser großen Jacht zu befinden. Aber er war nicht so verrückt, das einfach als gegeben hinzunehmen, ohne sich gründlich davon überzeugt zu haben.

Der Mafiajäger erreichte das Cockpit der Jacht.

Im selben Moment entdeckte er George Burke.

Der Anblick des Staatsanwalts drehte ihm den Magen um und sein Schweißausbruch verdreifachte sich.




6


Roberto Tardelli machte nicht den Fehler, vorwärtszustürmen und nur noch Augen für den ermordeten Staatsanwalt zu haben. Noch war nicht erwiesen, dass der Killer die Jacht bereits wieder verlassen hatte. Roberto verschaffte sich zuerst auf Deck und anschließend unter Deck Gewissheit, dass er mit dem Toten allein an Bord war.

Erst dann kehrte er zu Burke zurück.

Er schob die Luger in die Schulterhalfter und kniete sich neben den Leichnam, dessen Blut noch nicht geronnen war.

Zu spät!, hämmerte es in Roberto Tardellis Kopf. Du bist zu spät gekommen!

Obwohl ihn daran nicht die geringste Schuld traf, ging ihm dieser brutale Mord doch gewaltig an die Nieren. Er hatte sich gleich nach dem Anruf des COUNTER CRIME-Chefs Colonel Myer in Columbus, Ohio, in die nächste Maschine gesetzt, die nach Miami flog, und war unverzüglich zu Burkes Hotel gefahren, nachdem er eingetroffen war.

Vielleicht wäre das hier zu verhindern gewesen, wenn COUNTER CRIME eine Stunde früher von der Sache Wind bekommen hätte. Wenn! Aber ...

Zu spät.

Man hatte Roberto Tardelli zu spät informiert und dann nur noch gehofft, dass der clevere Mafiajäger das Wunder vollbringen würde, mit dem keiner ernstlich zu rechnen wagte.

Zu spät.

Roberto Tardelli zählte insgesamt sechs Einschüsse. Jeder einzelne Treffer war tödlich gewesen.

Roberto kannte nur einen Mann, der so arbeitete: Mel Kowalski. Jeder andere Killer hätte einmal, zweimal – höchstens dreimal abgedrückt, aber nicht sechsmal. Das tat nur Mel Kowalski. Weil er ein Satan war. Weil es ihm nicht genügte, ein Menschenleben zu vernichten. Er musste immer auch den Körper des Opfers zerstören.

Roberto erhob sich.

Er ballte die Hände und ließ seinen finsteren Blick über den Atlantik schweifen.

„Irgendwann kriege ich dich, Mel Kowalski!“, murmelte er grimmig. „Und dann präsentiere ich dir die Rechnung für das hier! Und für all die anderen Morde, die auf dein verdammtes Konto gehen!“




7


Der schiefergraue Pontiac Firebird rollte die schnurgerade Straße entlang. In dieser Gegend waren die billigeren Quartiere. Vor den Spielsalons hockten Hippie-Typen auf dem Bordstein, rauchten Haschisch oder Marihuana. Zumeist lutschten sie zu zehnt an einer einzigen Zigarette, denn für einen eigenen Joint reichte das Geld nicht.

Die Sonne stand schon tief am Horizont.

Bald würde sie hinter den Dächern der Hotels verschwunden sein.

Dann würden die Ratten, die es auch hier gab, wieder aus ihren Löchern kriechen, verbotene Geschäfte machen, Touristen hereinlegen, bestehlen, erpressen ... Und einige Verbrechen würden im Auftrag der Mafia verübt werden. Roberto Tardelli seufzte. Es war nirgendwo anders in den Staaten. Die Ehrenwerte Gesellschaft hatte ihre Drecksfinger überall. Und sosehr Roberto Tardelli dieser gefährlichen Unterweltorganisation auch schadete, indem er sie unerschrocken und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfte – sie restlos zu vernichten würde, das wusste er, ein Traum bleiben, der sich niemals erfüllte.

Der Mafiajäger war zu einer kleinen Spelunke unterwegs, die sich „Little Tattoo“ nannte.

Er hatte den Namen von Bathseba Lane.

Gleich nachdem er den toten Staatsanwalt an Bord seiner Jacht gefunden hatte, war Roberto Tardelli nach Miami Beach zurückgekehrt. Bathseba hatte inzwischen weiter getrunken und sich dann mit einer ziemlichen Schlagseite auf ihr Zimmer zurückgezogen. Dort erfuhr sie von Roberto, was mit George Burke passiert war. Ihr Weinkampf bewies dem Mafiajäger, dass das Mädchen den Staatsanwalt mehr geliebt hatte, als er vermutet hatte.

Er brauchte eine halbe Stunde, um sie so weit zu beruhigen, dass sie wieder ein vernünftiges Wort reden konnte.

Zwischendurch alarmierte er die Wasserpolizei, damit diese Burke hereinholte.

Und während diese Aktion lief, redete Roberto geduldig auf das gebrochene Mädchen ein. „Versuchen Sie sich an Dinge zu erinnern, die Ihnen in den vergangenen Tagen vielleicht ein wenig seltsam vorgekommen sind, Bathseba“, sagte Roberto eindringlich. „Die unscheinbarste Kleinigkeit kann mitunter von eminenter Wichtigkeit sein.“

Das blonde Mädchen schüttelte verzweifelt den Kopf. „Es ist mir nichts aufgefallen, Roberto. Nicht das Geringste.“ Sie wollte nicht nachdenken, oder besser gesagt: Sie konnte nicht. Sie war zu sehr betrunken. Der Schock hatte sie zwar zum Teil wieder ernüchtert, aber fürs Nachdenken war ihr Gehirn einfach zu lahm.

Doch Roberto ließ nicht locker.

Er wusste, dass er das Mädchen quälte, aber er konnte jetzt keine Rücksicht nehmen.

„Versuchen Sie das Rad der Zeit um achtundvierzig Stunden zurückzudrehen, Bathseba“, verlangte er.

„Das kann ich nicht!“

„Sie müssen sich dazu zwingen.“

„Es geht nicht.“

„Möchten Sie, dass der Kerl, der George Burke ermordet hat, für diese gemeine Tat zur Rechenschaft gezogen wird?“

„Ja. Ja, natürlich will ich das.“

„Dann müssen Sie mir helfen, ihn zu finden, Bathseba.“

„Wie denn? Wie?“, schluchzte das Mädchen.

„Ist Ihnen niemand aufgefallen, der sich heimlich für George Burke interessiert hat? Der ihn beobachtete. Vielleicht erinnern Sie sich an ein Gesicht, das Ihnen zwei-, dreimal, vielleicht sogar öfter, begegnet ist ...“

Bathseba Lane schüttelte unentwegt den Kopf, doch urplötzlich hielt sie damit inne. Sie erinnerte sich auf einmal an einen Mann, von dem sie sich im Miami Serpentarium, einer Schlangenfarm, angestarrt fühlte.

„Kann dieser Blick nicht auch George Burke gegolten haben?“, fragte Roberto Tardelli schnell.

„Natürlich könnte das der Fall gewesen sein. George stand ja dicht neben mir.“

„Beschreiben Sie den Mann“, verlangte Roberto, doch das konnte Bathseba nicht. Sie hatte kein Gedächtnis für Personen. Sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass der Mann eine Sonnenbrille getragen hatte, die so groß gewesen sei, dass sie fast die Hälfte seines Gesichtes verdeckt hatte. Aber etwas anderes wusste Bathseba Lane zu erzählen: Sie habe diesen Mann tags darauf wiedergesehen. Er sei es ganz sicher gewesen. Er trug wieder diese große Brille auf der Nase, saß vor einer kleinen Spelunke, die sich „Little Tattoo“ nannte, und hatte ein hübsches schwarzhaariges Mädchen mit gewaltigen Ohrringen auf seinen Knien.

Grund genug für Roberto Tardelli, diese Spelunke aufzusuchen!




8


Für zwanzig Dollar bekam Roberto im „Little Tattoo“, eine erschöpfende Auskunft. Die rassige Schwarzhaarige hieß Claudia Bregg und wohnte hinter dem Miami Wax Museum. Der Wirt pries die Vorzüge des Mädchens in schillernden Farben an und bat Roberto anschließend, er möge nicht vergessen zu erwähnen, wer ihn geschickt hatte. Vermutlich kassierte der Typ von Claudia für jeden Freier, den er ihr ins Haus schickte, eine kleine Vermittlerprovision. Es ist erstaunlich, woraus manche Menschen ihr Kapital schlagen, dachte Roberto Tardelli angewidert, während er zu seinem Leihwagen zurückkehrte.

Die Fahrt vom „Little Tattoo“ bis zu Claudias Adresse nahm nicht mehr als drei Minuten in Anspruch.

Roberto lief eine schmale Holztreppe hoch.

Fast alle Stufen waren morsch und knarrten entsetzlich.

Der Mafiajäger erreichte die erste Etage. Claudia Bregg wohnte unter dem Dach, hatte der Wirt gesagt, also im zweiten Stock, denn höher war das Gebäude nicht.

Die Stufen der nächsten Treppe waren in einem etwas besseren Zustand.

Zweiter Stock. Drei Türen. Grün, braun und violett gestrichen. An der grünen und an der braunen Tür waren Namensschildchen befestigt. MILLER. BOYD. Folglich musste die violette Tür zu Claudia Breggs Wohnung gehören.

Roberto trat darauf zu.

In dem Moment, wo er anklopfen wollte, drang ein derber Fluch an sein Ohr. Dann ein lautes Klatschen.

Und dann der schrille Schrei eines Mädchens ...




9


Das Schloss hielt Roberto Tardellis erstem vehementen Ansturm nicht stand. Die Tür flog zur Seite und knallte gegen die Wand. Mit einem weiten Satz war der Mafiajäger in der Wohnung. Ein Blick genügte, um die Szene zu überschauen. Claudia Bregg lag mit schreckgeweiteten Augen auf einer breiten französischen Liege.

Ihre Bluse – ein hauchdünnes Ding, durch das die rosige Haut schimmerte – war bis zum Nabel offen. Der Rock war so weit hochgerutscht, dass man den schneeweißen Slip und sehr, sehr viel von den endlos langen Beinen sehen konnte. An ihren kleinen Ohrläppchen baumelten jene großen Ohrringe, von denen Bathseba Lane gesprochen hatte.

Ihre rechte Wange glühte rot. Die fünf Finger einer großen Männerhand zeichneten sich deutlich darauf ab.

Der Bursche, der sie geschlagen hatte, war ein Schwergewicht, das man ernst nehmen musste. Ein Kerl mit Fäusten, die Betonsäulen knicken konnten, und überbreiten Schultern. Sein Gesicht war grau vor Wut.

In dem Augenblick, wo Roberto Tardelli zur Tür hereingeflogen kam, war der Vierschrötige gerade im Begriff, seinen schwarzen Ledergürtel aus den Schlaufen zu reißen, um das Mädchen damit zu züchtigen.

„Lass den Gürtel lieber, wo er ist, Junge“, sagte Roberto Tardelli eisig, „sonst marschierst du hier ohne Hosen raus!“

Der Große starrte Roberto verwirrt an und fragte Claudia: „Verdammt, wer ist das? Was hat der hier zu suchen?“

„Ich bin ein Freund von Claudia“, behauptete Roberto. „Und ich bin hier, um zu verhindern, dass du der Kleinen eine Verzierung abbrichst!“

„Zum Teufel, sie verdient die Prügel!“, schrie der Vierschrötige zornig.

„Wieso?“

„Sie hat mich bestohlen!“

„Das ist nicht wahr!“, verteidigte sich Claudia. „Ich habe ihm den Hunderter, den er vermisst, nicht aus der Brieftasche geklaut. Er muss ihn irgendwo verloren haben.“

„Du hörst, was die Lady sagt!“, knurrte Roberto.

„Diese Biester lügen doch alle wie gedruckt!“

„Ich sage die Wahrheit!“, schrie Claudia mit wild funkelnden Augen. Jetzt, wo Roberto da war, hatte sie keine Angst mehr vor dem Mann.

Dieser stemmte die klobigen Fäuste in die Seiten. „Zum Henker, ich will meinen Hunderter wiederhaben!“

„Dann such ihn da, wo du ihn ausgestreut hast!“, empfahl ihm Roberto Tardelli.

„Du hältst dich da besser raus, Junge!“, blaffte der Vierschrötige. „Das ist eine Angelegenheit, die nur mich und Claudia betrifft. Besser, du machst ‘ne Fliege, bevor ich unangenehm werde.“

„Wenn hier einer das Feld räumt, dann bist du das, Freund!“, gab Roberto Tardelli scharf zurück.

Der andere spannte seine Muskeln. „He, nimmst du dein loses Maul immer so voll?“

Roberto grinste den Großen schief an. „Möchtest du Claudia entscheiden lassen, wer von uns beiden bleiben darf?“

„Verdammt, es ist ganz klar, dass du gehst, und zwar auf der Stelle, weil ich dich nämlich höchstpersönlich an die Luft setzen werde!“

Das Schwergewicht walzte mit blutunterlaufenen Augen heran. Der Bursche verließ sich auf seine Kraft, mit der er Roberto Tardelli ungespitzt in den Boden hätte rammen können, wenn dieser den Fehler gemacht hätte, sich dem Gegner frontal entgegenzuwerfen.

Es wurde ein Kampf Hirn gegen Faust.

Der Vierschrötige schoss einen Hammer ab, der Roberto in der Mitte entzwei geschlagen hätte – wenn er getroffen hätte. Doch der wendige Mafiajäger wich diesem und den nachfolgenden Schlägen geschickt aus. Er konterte mit sicherem Auge und nutzte die Fehler des andern hart und blitzschnell zu seinem Vorteil aus.

Er geriet keine Sekunde in ernsthafte Gefahr.

Hingegen machten dem Großen Robertos brettharte Handkanten schwer zu schaffen. Binnen Kurzem kassierte der Vierschrötige drei Treffer, die ihn hart an den Rand einer schmählichen Niederlage bugsierten. Er versuchte, als Roberto auf dem Vormarsch war, einen Entlastungsangriff, der jedoch ziemlich schiefging. Als Roberto Tardelli die ungedeckte Kinnspitze des Gegners bemerkte, machte er das Maß mit einem kraftvoll hochgezogenen Uppercut voll.

Der streitsüchtige Kerl torkelte rückwärts aus der Wohnung.

Roberto folgte ihm bis auf den Gang, und als er zu einem neuerlichen Schlag ansetzte, riss der Schwere die Hände beschwörend hoch und gurgelte mit dick angeschwollenen Lippen: „Es reicht! Ich habe genug, verdammt!“

„Okay“, nickte daraufhin Roberto. Er blieb noch in Kampfstellung. „Dann darfst du dich jetzt empfehlen. Und ich würde an deiner Stelle nicht noch mal hierher kommen. Es könnte sein, dass wir uns wieder begegnen.“

„Gott behüte!“, ächzte der Große, machte auf den Hacken kehrt und trottete mit hängenden Schultern davon. An dieser Niederlage würde er noch lange knabbern. Er war doppelt so breit und etwas größer als Roberto – und hatte dennoch seine Dresche bekommen. Das muss einen ja ins Grübeln bringen.

Roberto Tardelli hörte die schweren Schritte des Burschen. Er vernahm das Ächzen der Stufen, die vom ersten Stock zum Erdgeschoss hinunterführten, und dann klappte die Haustür.

Das Feld war geräumt.

Als Roberto in Claudia Breggs Wohnung zurückkehrte, lag das Mädchen immer noch auf dem breiten Bett.

Jetzt erst brachte das Mädchen seine Kleidung in Ordnung. Sie warf Roberto einen erstaunten, dankbaren Blick zu. Dann stand sie auf, ging zu einer in die Wand eingebauten Bar, füllte zwei Gläser mit mildem Bourbon und reichte eines davon ihrem Schutzengel, der bei ihr im genau richtigen Moment aufgetaucht war.

„Danke“, sagte sie sanft. „Sie haben sehr viel für mich getan.“

Die fünf Finger an ihrer Wange verblassten langsam. Roberto erwiderte schmunzelnd: „Ich hab‘s gern getan. Ich kann Kerle, die Mädchen schlagen, nicht ausstehen.“

„Jetzt schulde ich Ihnen etwas“, sagte Claudia.

„Unsinn ...“

„Doch, doch.“ Sie wies auf das Bett. „Wollen Sie mit mir schlafen?“

Roberto blickte das Mädchen verwundert an. „Ich bin nicht deswegen hier, Claudia.“

„Das macht nichts. Ich wüsste nicht, wie ich mich anders dankbar erweisen könnte.“

„Ich schon“, sagte Roberto lächelnd. Er beschrieb den Mann, hinter dem er her war, und mit dem Claudia vor dem „Little Tattoo“ gesehen worden war. Es fiel ihm nicht schwer, Mel Kowalski zu beschreiben. Das Dossier, das COUNTER CRIME von diesem gefährlichen Killer angelegt hatte, war nicht nur viele Seiten stark, sondern ihm lagen auch eine Menge Aufnahmen bei, die diesen Berufsmörder in Badehose, Trainingsanzug, Smoking, Parka und so weiter zeigten.

Claudia wusste sofort, von wem Roberto sprach.

Sie hätte wohl kein Wort über Kowalski gesagt, wenn sie nicht in Robertos Schuld gestanden hätte. Schweigen gehörte zu ihren grundlegendsten Geschäftsprinzipien. Doch dieses eine Mal machte sie eine Ausnahme. Und so erfuhr der Mafiajäger, dass Mel Kowalski dem Mädchen erzählt hatte, er wolle heute nach Chicago fliegen.

Für Roberto stand fest: Wenn der Profikiller das gewollt hatte, dann hatte er es inzwischen auch bestimmt getan. Anders formuliert hieß das: Mel Kowalski noch länger hier in Miami Beach zu suchen, war vollkommen sinnlos. Seine Fährte würde erst wieder in Chicago aufzunehmen sein.




10


Obwohl die Hitze in Miami Beach beinahe unerträglich gewesen war, hatte sie ihm besser gefallen als dieser verdammte Regen, der Chicago in eine einzige riesige Pfütze verwandelte. Wie an grauen Schnüren rann das Wasser ununterbrochen vom Himmel. Seit acht Stunden. Und es war noch immer kein Ende abzusehen. Vom Michigansee pfiff ein kühler Wind durch die Straßenschluchten der Metropole und peitschte den wenigen Menschen, die bei diesem Sauwetter unterwegs waren, den Regen erbarmungslos ins Gesicht.

Roberto kroch die Feuchtigkeit in alle Glieder.

Er ging mit verdrossener Miene seines Weges.

Irgendwie kam ihm die Millionen-Einwohner-Stadt, in der er sich nicht zum ersten Mal aufhielt, feindselig vor. So als wollte sie ihn hier nicht haben, weil sie sich noch sehr gut an die vielen Unruhen erinnerte, die er in der jüngsten Vergangenheit hier gestiftet hatte.

COUNTER CRIME bestand nicht nur aus Agenten. Diese große Organisation, die sich so hervorragend zu tarnen wusste, verfügte über ein Netz von Kontaktleuten, Zuträgern, Sympathisanten und Spitzeln, das sich über die gesamten Vereinigten Staaten ausbreitete. Selbstverständlich gab es auch äußerst wichtige Stützpunkte in Übersee. Da waren sie allerdings nicht so dicht gesät wie in den USA.

Alle Leute, die mit COUNTER CRIME irgendwie in Verbindung standen, und in dieser Stadt lebten, waren von Roberto Tardelli bereits kontaktiert worden, doch ohne Erfolg. Keiner hatte Mel Kowalski gesehen.

Dennoch war Roberto felsenfest davon überzeugt, dass sich der Killer in Chicago aufhielt.

Roberto hatte sich auch da blicken lassen, wo man aus den verschiedensten Gründen etwas gegen die Mafia hatte, und er hatte mit Männern gesprochen, die im Allgemeinen sehr gut über die Ehrenwerte Gesellschaft Bescheid wussten. Ihnen allen hatte der COUNTER CRIME-Agent klargemacht, dass er scharf wie eine schwedische Rasierklinge auf einen Tipp war, der ihn auf Mel Kowalskis Spur brachte.

Mit einem vorwurfsvollen Blick zum Himmel stieg Roberto Tardelli aus seinem fuchsiaroten Plymouth Fury.

Er lief auf das Hotel zu, in dem er für die Dauer seines Chicagoer Aufenthalts abgestiegen war.

Er schüttelte sich im Foyer wie ein begossener Pudel.

Der Mann an der Rezeption nickte und lächelte. „Bei einem solchen Wetter ist es in unserer Bar am schönsten, Sir.“

„Eine ausgezeichnete Idee“, erwiderte Roberto. Er fuhr mit dem Lift zur sechsten Etage hoch, zog sich trockene Sachen an und bestellte wenig später in der Hotelbar eine Flasche kalifornischen Rotwein. Er trank, und dachte dabei an die herrliche Sonne, in der dieser köstliche Tropfen, der seine Kehle wie Öl hinunterrann, gereift war.

Das lange Warten begann.

Jedes Mal, wenn das Telefon anschlug, zuckte Roberto zusammen. Immer hoffte er, dass der Anruf für ihn sein würde.

Nach einer halben Stunde begann er sich zu fragen, ob er auch tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, um des Killers habhaft zu werden. Mitten in diese Überlegungen hinein schrillte abermals das Telefon.

Bestimmt wieder nicht für mich, dachte Roberto bitter.

Der Keeper nahm das Gespräch entgegen, drückte den Hörer sodann an seine Brust, wandte sich zu Roberto um, der auf einem Hocker jenseits des Tresens saß, und fragte: „Sind Sie Mr. Tardelli?“

„Seit meiner Geburt“, sagte Roberto aufgekratzt. Die Zeitbombe, die er gelegt hatte, schien jetzt hochzugehen.

„Ein Anruf für Sie.“

„Geben Sie her“, verlangte Roberto tatendurstig. Der Keeper brachte den Apparat und stellte ihn vor Roberto hin.

„Hallo, Mr. Tardelli ...“ Eine aufgeregte Stimme. Zitternd. Die Stimme eines Mannes, aber ziemlich schrill.

„Mit wem spreche ich?“, wollte Roberto wissen.

„Harry Mark.“ Ein Spitzel, der seine Informationen an jeden verkaufte, der sie haben wollte. Er machte seine Geschäfte mit der Polizei genauso wie mit den Gangstern, mit Privatdetektiven ebenso wie mit Mafiosi. Und manchmal verkaufte eiserne Informationen auch zweimal. Dass er an dieser Geschäftspraktik noch nicht zugrunde gegangen war, war vermutlich seiner großen Cleverness zuzuschreiben, und auch seiner langen Nase, mit der er rechtzeitig riechen konnte, wenn es für ihn brenzlig wurde.

„Was gibt‘s, Harry?“, fragte Roberto.

„Ich glaube, ich habe was für Sie, Mr. Tardelli.“

„Spuck‘s aus.“

„Nicht am Telefon und nicht umsonst.“

„Du würdest sogar dem Teufel deine Seele verkaufen, was?“

„Warum nicht?“ Harry Mark lachte nervös. „Ist nur schade, dass er sie nicht haben will.“

„Vielleicht bist du ihm noch nicht schlecht genug“, sagte Roberto. „Wie komme ich an die Information?“

„Kennen Sie den aufgelassenen Bootshafen in Evanston?“

„Ja“, antwortete Roberto.

„Da erwarte ich Sie. In einer halben Stunde.“

„Kannst du mir bei diesem Hundewetter keinen attraktiveren Treffpunkt anbieten?“, meckerte Roberto.

Harry Mark überhörte den Einwand. „Vergessen Sie nicht, einen Hunderter mitzubringen, Mr. Tardelli, denn so viel ist die Information, die ich für Sie habe, nämlich wert.“

Roberto wollte einen anderen Treffpunkt vorschlagen, doch Harry Mark ließ ihm dazu nicht die Gelegenheit, sondern hängte sofort auf. Der Mafiajäger blickte den Telefonhörer missmutig an und schimpfte: „Verflixt, jetzt muss ich noch mal ohne Schwimmweste in diese Sintflut hinaus.“

Der Regen hatte kein bisschen nachgelassen. Hinzu kam, dass der düstere Tag allmählich zum dämmerigen Abend wurde, und somit waren die Sichtverhältnisse hier draußen denkbar schlecht.

Der aufgelassene Bootshafen war so ziemlich das hässlichste Stück Chicago, das Roberto Tardelli kannte.

Die Mole war gebrochen, und hohe Wellen krachten immer wieder dumpf dagegen, als wollte der See dieses Gebilde von Menschenhand völlig zerstören. Die Gischt schoss steil zum Himmel empor, tat sich mit dem Regen zusammen und wurde vom Wind weit über das Gelände getragen.

Roberto hatte eine wasserundurchlässige Nylonjacke übergezogen. Er sprang über tiefe Pfützen, in denen man ertrinken konnte, stolperte über Unrat und Müll, dessen Lagerung hier eigentlich verboten war, wie mehrere unübersehbare Tafeln verkündeten, um die sich jedoch kein Mensch scherte.

Halb verfallene Baracken tauchten aus dem grauen Schleier der Wassermassen auf. Sie schienen geduldig darauf zu warten, bis sich eine Planierraupe ihrer erbarmte.

Roberto versuchte mit seinen Augen die Regenwand zu durchdringen. Das Wasser prasselte ihm unaufhörlich auf den Kopf, rann in breiten Bächen aus seinem Haar, über sein Gesicht, in seinen Nacken. Er fröstelte.

Harry Mark war nirgendwo zu entdecken.

Roberto vermutete den Spitzel in einer der beiden Baracken, die halbwegs Schutz vor dem ekelhaften Wetter boten. Er eilte darauf zu, blickte durch eines der eingeschlagenen Fenster.

„Harry?“

Nichts. Nur das Rauschen des Regens und das dumpfe Klatschen der Wellen im Hintergrund war zu hören.

Es gab mehrere Erklärungen dafür, dass Harry Mark nicht antwortete. Der Bursche konnte zum Beispiel im letzten Moment die Courage verloren haben, hatte auf den Hunderter gepfiffen und war zu Hause geblieben. Es konnte natürlich auch jemand anders dafür gesorgt haben, dass es Harry nicht möglich war, die Verabredung einzuhalten ...

Eine Vielzahl von Gedanken jagten durch Roberto Tardellis Kopf, während er zur zweiten Baracke hinüberwechselte.

Harry Mark war auch dafür bekannt, dass seine Gangart nicht immer ganz sauber war. Und die Mafia ließ es sich gewiss einiges kosten, wenn man ihr den meistgehassten Mann ans Messer lieferte.

Eine Falle?

Die Einsamkeit dieser Gegend war dafür geradezu prädestiniert.

Hatte Harry Mark sein Spiel mit gezinkten Karten gespielt?

Roberto angelte unverzüglich seine Luger aus der Schulterhalfter. Er wollte nicht unvorbereitet sein, falls die eben angestellte Überlegung sich als zutreffend erweisen sollte.

Der Mafiajäger erreichte die zweite Baracke.

„Harry?“, rief er auch hier zum Fenster hinein in die undurchdringliche Schwärze.

Abermals keine Antwort. Dafür aber ein Geräusch, das Roberto Tardelli aufhorchen ließ und warnte. Ein Geräusch, das hier nichts zu suchen hatte: das metallische Klacken eines Pistolenschlittens.

Es war eine Falle!

Roberto schnellte herum. Er suchte nach einer Deckung. Da rief ihn plötzlich jemand scharf an: „Tardelli!“

Und der COUNTER CRIME-Agent erstarrte.




11


Sie standen mitten in der dunkelgrauen Regenwand. Wie Gespenster. Unheimliche Erscheinungen, mit langen, bis fast auf den Boden reichenden glänzenden Regenmänteln. Zwei Hitmen der Cosa Nostra, die alles daransetzen würden, um zu erreichen, dass diese Begegnung für Roberto Tardelli einen tödlichen Ausgang nahm.

Robertos Erstarrung währte nur einen Sekundenbruchteil lang.

Nach dieser winzigen Zeitspanne, handelte der CC-Agent.

Er federte in die Combat-Stellung und schaffte es, ebenso schnell abzudrücken wie seine Gegner.

Donnernd entlud sich seine Luger. Drüben wetterleuchteten die Mündungsfeuer. Die Kugeln der Mafiosi verfehlten Roberto nur um Haaresbreite. Sein Projektil stanzte ein Loch in einen der beiden Regenmäntel, richtete aber außerdem keinen weiteren Schaden an.

Der Hitman, der nur knapp an einer Verletzung vorbeigekommen war, stieß einen kurzen Fluch aus und warf sich, erneut schießend, zu Boden.

Das gleiche tat Roberto. Er landete mitten in einer dreckigen Lache, aber das störte ihn nicht. Lieber schmutzig und am Leben, als sauber und tot. Mit großem Schwung rollte er sich durch die Pfütze und robbte dann über den schlammigen Boden auf die gegenüberliegende Baracke zu.

Zwei gezielte Schüsse ließen die Mafiosi die Gefährlichkeit des Mannes ahnen, den sie zu töten beabsichtigten. So leicht, wie sie es sich vorgestellt hatten, würde es nicht gehen, das begriffen sie in dem Augenblick.

Roberto erreichte die Baracke, fand dahinter Deckung und spähte vorsichtig hinter einem Mauervorsprung hervor in Richtung der Gegner.

Von den Gangstern war im Augenblick nichts mehr zu sehen. Sie schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Oder in Wasser?

Roberto ließ sich von diesem gläsernen Frieden nicht täuschen. Die Kerle waren garantiert noch da. So schnell gaben Typen ihrer Sorte nicht auf. Sie würden noch ein paarmal versuchen ihn zu töten, und es stand nirgendwo geschrieben, dass es ihnen nicht gelingen würde.

Roberto richtete sich vorsichtig auf.

Er lauschte mit angehaltenem Atem.

Das Rauschen des Regens drang an sein Ohr. Das Donnern der Wellen.

Und das Patschen von schnellen Schritten ...

Die Gangster entfernten sich. Bestimmt hatten sie nicht die Absicht, die Segel zu streichen. Sie wollten offensichtlich die Baracke umrunden und auf diese Weise in Robertos Rücken gelangen. Der Mafiajäger glitt an der klatschnassen Barackenwand entlang, erreichte die andere Ecke, lauschte wieder, während er spürte, wie seine Nerven vibrierten.

Zuerst vernahm er das leise Patschen.

Noch konnte er die Killer nicht sehen, aber er wusste, dass sie durch den Regen jagten. Genau auf ihn zu.

Er wartete mit verkanteten Zügen. Seine scharfen Augen suchten die Regenwand ab, die die Hitmen in wenigen Augenblicken durchdringen mussten. Roberto hob mit ruhiger, sicherer Hand die 38er.

Er hatte vor, den Kerlen zu beweisen, dass er eine Nummer zu groß für sie war.

Jetzt tauchten sie aus dem ungewissen, bleiernen Grau auf, waren nicht mehr als zwei schemenhafte, undeutlich erkennbare Figuren, deren Schritte vom Wasser verraten wurden: patsch, patsch, patsch ...

Roberto zielte eiskalt.

Als die Kerle nahe genug waren, drückte er zweimal kurz hintereinander ab. Es hörte sich fast wie ein Schuss an.

Die Hitmen brüllten getroffen auf.

Sie kreiselten in panischem Entsetzen herum und suchten mit langen Sätzen das Weite. Das Grau, das sie eben erst ausgespien hatte, verschluckte sie gleich darauf wieder.

Sekunden später heulte ein Automotor auf, und dann raste ein Wagen in lebensgefährlichem Tempo durch den peitschenden Regen.

Der Spuk war vorbei.

Roberto entspannte sich. Er schob die Luger ins Schulterhalfter und lief triefnass zu seinem Plymouth zurück. Das durch und durch nasse, schlammbedeckte Zeug klebte unangenehm und kalt auf seiner Haut. Zum Teufel, das hatte er Harry Mark zu verdanken. Er knirschte mit den Zähnen und ballte die Hände. Im Moment hatte er keinen größeren Wunsch, als Harry Mark gründlich zu vermöbeln. Aber das würde wohl ein Wunsch bleiben, denn es war gewiss müßig, Harry Mark finden zu wollen. Der gerissene Schurke war bestimmt längst in einem von der Mafia zur Verfügung gestellten Rattenloch untergeschlüpft. Es hätte sehr viel Zeit in Anspruch genommen, ihn da aufzustöbern. Roberto wollte sich nicht verzetteln. Er durfte das größere Ziel, das er vor Augen hatte, nicht vergessen. Er war wegen eines weit größeren Fisches als Harry Mark nach Chicago gekommen, und nichts sollte ihn davon ablenken: Mel Kowalski zu finden und unschädlich zu machen.

Um den widerlichen Spitzel würde er sich ein andermal kümmern.

Roberto besaß ein gutes Gedächtnis. Er würde Harry Mark nicht vergessen, was er ihm eingebrockt hatte.

Roberto kehrte zu seinem Hotel zurück.

Der Mann vor der Rezeption starrte ihn mit großen Augen an, als er seinen Zimmerschlüssel verlangte. „Mr. Tardelli ...“

„Ich komme soeben von einer Schlammschlacht, an der ich teilgenommen habe“, sagte Roberto grinsend. „Sie sollten das auch mal probieren. Ist schier zum Totlachen.“

Erst nachdem er warm geduscht hatte, begann er sich allmählich wieder wohlzufühlen. Er ließ die schmutzstarrenden Kleider abholen und zur Reinigung bringen. Im weichen, warmen Frotteemantel setzte er sich auf das Bett, griff nach dem Telefon, und ließ sich von der Zentrale mit einer Nummer in Washington verbinden.

Colonel Myers metallisch klingendes Organ drang Augenblicke später aus dem Hörer. Der Mann war ein Phänomen. Man konnte ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen. Mochte der Kuckuck wissen, wie er das fertigbrachte. Schlaf schien für Myer ein Ding zu sein, das er nur alle Schaltjahre mal konsumierte.

„Roberto, von wo aus rufen Sie an?“

„Chicago“, antwortete der CC-Agent. Er lieferte seinem Chef den Bericht, den er ihm noch schuldete. Bis jetzt war dafür noch keine Zeit gewesen. Wichtigeres hatte zuerst noch getan werden müssen. Colonel Myer hatte bereits über einen anderen Kanal erfahren, was sich in Miami Beach ereignet hatte.

„Der arme Staatsanwalt. Es trifft immer die besten“, brummte Myer missmutig. „Ich wollte, wir hätten mehr für ihn tun können.“

„Ich hätte mehr für ihn getan, wenn ich früher informiert worden wäre“, sagte Roberto.

„Sie haben das, was mir mitgeteilt wurde, noch in derselben Minute erfahren, Roberto. Schneller ging‘s wirklich nicht.“

Sie ließen dieses Thema fallen. Sie wussten beide, dass niemanden die Schuld traf, dass George Burkes Tod nicht verhindert werden konnte. Die Zeit war diesmal eben eindeutig auf Mel Kowalskis Seite gewesen. Dagegen war einfach kein Kraut gewachsen.

Der nächste Punkt, über den Roberto Tardelli mit dem Colonel sprechen wollte, war Mel Kowalski. Roberto erzählte Myer von Claudia Bregg und davon, dass sie ihm gesagt habe, der Profikiller habe nach Chicago abreisen wollen.

„Deshalb bin ich hier“, sagte Roberto abschließend. „Um Kowalski aufzuspüren.“

„Und? Schon fündig geworden?“

„Das nicht. Aber dafür haben schon zwei Hitmen des Mobs versucht, mich über den Jordan zu schicken.“

Robertos Antwort vermochte den Colonel nicht zu erschüttern. Jeder, der für COUNTER CRIME tätig war, musste ständig damit rechnen, vor einen Waffenlauf zu geraten, der ihm den Tod entgegenschleuderte. Wenn Myer jedes Mal, wenn man Roberto über die Klinge springen lassen wollte, eine halbe Herzattacke bekommen hätte, hätte er seinen Job schon längst zur Verfügung stellen müssen.

Der Colonel sagte nur: „Freut mich, dass den Kerlen nicht gelungen ist, was sie sich vorgenommen hatten.“

Roberto lachte. „Mich auch, Chef. Mich auch.“

„Da ist noch etwas, das mich beschäftigt, Roberto.“

„Was?“

„Chicago ...“, sagte Colonel Myer nachdenklich und gedehnt.

„Ich verstehe nicht, Sir.“

„Ich überlege gerade, weshalb Mel Kowalski ausgerechnet nach Chicago geflogen ist. Ich meine, es gibt in den Staaten Tausende von Städten. Warum hat sich Kowalski ausgerechnet für Chicago entschieden?“

„Ein neuer Job vielleicht?“, sagte Roberto Tardelli.

„Das bringt mich auf eine Idee“, sagte Myer mit einem Mal hastig. „In Chicago sitzt ein Gangsterboss namens Fatty Booger, Sie haben sicher schon von ihm gehört ...“

„Der Mann hat in letzter Zeit viel von sich reden gemacht.“

„Es heißt, dass Booger den Hals nicht voll kriegt. Er breitet sich mehr und mehr aus, wird immer größer – so groß schon, dass er der Ehrenwerten Gesellschaft bereits mehr als unangenehm auffiel. Und nicht nur das. Booger hat sich in der jüngsten Vergangenheit sogar erdreistet, in Gefilde einzudringen, die bislang ausschließlich die Domäne der Mafia waren.“

„Dann erscheint es mir durchaus nicht abwegig, anzunehmen, dass Kowalski den Auftrag erhalten hat, sich um diesen Mann zu kümmern“, sagte Roberto.

Wenn dieser Gedankengang sich als richtig erweisen sollte, brauchte sich Roberto nur in Fatty Boogers Nähe aufzuhalten. Alles Weitere würde sich dann von selbst ergeben. Roberto würde nur die Augen offenhalten müssen, und irgendwann – gewiss schon sehr bald – würde er dann dem Vertragskiller von „Black Friday“ gegenüberstehen ...

Wie ein Nilpferd tauchte Fatty Booger aus den glasklaren Fluten seines riesigen Penthouse-Swimmingpools auf. Er liebte das Überdimensionierte. Er fuhr den größten Wagen, den er für sein Geld bekommen konnte, besaß das größte Penthouse von Chicago und war selbst ein schwammiger Riese, dessen krankhafte Großmannssucht sich auch in allen geschäftlichen Belangen niederschlug. Leuchtstoffbahnen an der Decke machten den verfliesten Raum taghell.

Ein gewaltiges Mosaikbild zierte die Stirnwand.

Es zeigte eine weiße, flügelschwingende Taube auf karmesinrotem Grund.

Das Kunstwerk stammte von einem Maler, der zur Zeit in der Stadt „in“ war und sich der Aufträge, mit denen man ihn überhäufte, schon nicht mehr erwehren konnte. Bestimmt hätte der Maler keinen Finger für Fatty Booger gerührt, wenn dieser den Künstler nicht dezent unter Druck gesetzt hätte.

Ein schlichter Anruf hatte genügt: „Wenn Sie den Auftrag übernehmen, kriegen Sie von mir stolze siebzigtausend Dollar. Sollten Sie aber ablehnen, dann sorge ich persönlich dafür, dass Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden in der Hölle schmoren!“

Angesichts solcher Aussichten ließ sich der Künstler natürlich sogleich herbei, mit der Arbeit zu beginnen. Er stellte alles andere zurück und war bestrebt, Fatty Booger so rasch wie möglich zufriedenzustellen.

Booger war neunundvierzig. Er sah aus wie neunundfünfzig, aber niemand wäre so verrückt gewesen, ihm das zu sagen. Der Gangsterboss war dick, behäbig und schwerfällig. Nur im Wasser war er so erstaunlich beweglich wie ein unförmiges Walross. Er hatte einen kahlen Schädel, seelenlose Augen, eine breite Nase, dicke, aufgeworfene Lippen und ein schwabbeliges Doppelkinn.

Schnaufend schwamm er zum Beckenrand.

Drei Männer mussten ihm beim Planschen zusehen: seine beiden muskelbepackten Leibwächter und Phil O'Donnell, sein Rechtsanwalt. O'Donnels Figur bildete ein verhungertes Fragezeichen, und im Vergleich zu Fatty Boogers fülligen Maßen sah er noch armseliger aus. Er hatte schräg abfallende Schultern, einen eingesunkenen Brustkorb, kein Selbstvertrauen und den traurigen Blick eines Mannes, der die Leiden der ganzen Welt zu seiner persönlichen Sache machte.

Booger klammerte sich keuchend an die Chromstange.

Er setzte die Diskussion fort, die er mit seinem Anwalt führte, und die er nur kurz unterbrochen hatte, um einmal die Länge des Bassins zurückzulegen.

„Wir werden die Geschichte also so anpacken, wie ich mir das vorstelle.“

Phil O'Donnell machte ein unglückliches Gesicht. Es fiel ihm schwer, Booger zu widersprechen. Es kostete ihn jedes Mal größte Überwindung, denn Fatty hatte es gar nicht gern, wenn man seine Meinung nicht teilte.

„Was siehst du drein, als würde dich ein Dutzend Magengeschwüre plagen?“, schnauzte Booger den Rechtsanwalt an.

O'Donnell leckte sich nervös die Lippen. Er tänzelte von einem Bein auf das andere. „Fatty, du weißt, dass mir immer nur dein Bestes am Herzen liegt. Du darfst nicht glauben, dass ich aus purem Eigensinn gegen deine Idee bin.“

Booger nickte ärgerlich. „Verdammt, Phil, sei doch nicht immer so weitschweifig. Komm endlich zur Sache.“

„Die Sache ist die, Fatty ... Also ich meine, wenn du hören willst, wie ich darüber denke ...“ Es klappte erst beim dritten Anlauf. Da platzte es aus O'Donnell heraus: „Ich finde, du solltest den Bogen nicht allzu sehr überspannen.“

„So, Findest du.“

„Ja, Fatty, das ist meine Meinung zu dieser Sache. Ich finde, du solltest nicht zu viel riskieren.“

„Tu ich doch gar nicht.“

„Doch, Fatty ...“

„Um das beurteilen zu können, müsstest du über den Dingen stehen, das tust du aber nicht“, sagte Booger ärgerlich. „Dir fehlt der Überblick, deshalb glaubst du, die Angelegenheit ist zu riskant.“

„Wenn ich dich darauf hinweisen darf: Die Mafia ist bereits mächtig sauer auf dich.“

„Lass sie doch. Soll sie doch.“

„Du solltest diese Leute nicht noch mehr provozieren, Fatty. Mit denen ist nicht zu spaßen. Wenn die mal den Kanal voll haben, gibt‘s für uns alle nichts mehr zu lachen.“

Boogers Augen verengten sich. „Du hast Schiss, was?“

„Ja, das habe ich, Fatty, und ich finde, das ist keine Schande, wenn man weiß, was die Cosa Nostra mit Leuten macht, die sich ihren Unmut zugezogen haben. Fatty, ich beschwöre dich, unterlass dieses gefährliche Spiel mit dem Feuer. Begnüge dich mit dem, was du hast. Wenn du noch mehr willst, kann es passieren, dass du nicht mal mehr dein Leben behalten darfst.“

Booger lief rot an. „Verdammt noch mal, spar dir deine dämlichen Ratschläge, Phil. Ich will sie nicht hören! Ich habe keine Angst vor dem Mob. Im Gegenteil. Der Mob hat mich zu fürchten, so sieht‘s aus, aber das willst du Hosenscheißer ja nicht wahrhaben. In dieser Stadt bin ich die Nummer eins, verstehst du? Nicht Mortimer Jones. Nicht Hyram Bell. Nicht die Ehrenwerte Gesellschaft! Sondern ich. Ich, Fatty Booger! In dieser Stadt wird nach meiner Pfeife getanzt, merk dir das, du feiges Schwein! Und nun überleg dir deine Antwort auf die Frage, die ich dir stellen werde, verflucht gut. Wirst du tun, was ich von dir verlangt habe – oder möchtest du‘s lieber bleiben lassen?“

Phil O'Donnell warf einen nervösen Blick auf Boogers Leibwächter, die ihn mit frostigen Mienen anstarrten.

Fatty Booger brauchte nur mit dem Finger zu schnippen, und diese beiden Kerle würden kurzen Prozess mit ihm machen.

Vielleicht würden sie ihn wie einen räudigen Köter über den Haufen schießen. Oder im Pool ertränken. Oder einfach erschlagen ...

„Nun?“, blaffte Fatty Booger ungeduldig.

Der Anwalt hätte gern gesagt, dass sich sein Weg und der von Fatty jetzt besser trennen sollten.

Aber es gab nur eine einzige Möglichkeit, sich von Fatty Booger zu trennen: Man musste sterben.

Und das wollte er nicht, deshalb sagte O'Donnell hastig: „Okay, Fatty. Okay. Ich mach‘s.“

Booger griente. „Na also. Warum hast du nicht gleich mit Ja für meine Idee gestimmt?“

Der Anwalt wischte sich mit dem Taschentuch die Schweißtropfen von der Stirn. „Ich wollte dich lediglich auf die Gefahren aufmerksam machen, die uns daraus erwachsen können, Fatty. Nur das wollte ich. Sonst nichts.“

Es schellte.

Einer der beiden Leibwächter verließ das Penthouse-Bad. Als er wiederkam, hielt er ein regennasses, in braunes Packpapier eingewickeltes Paket in seinen riesigen Tatzen und sagte: „Das hat soeben ein Bote für Sie abgegeben, Boss.“

Mel Kowalski war seit fünfzehn Minuten auf dem Posten. Er trug einen schwarzen Gummimantel mit Kapuze. Der Regen tropfte ihm unaufhörlich auf den Schädel, doch das störte den Killer nicht. Er kniete gelassen auf dem Flachdach. Neben ihm lehnte ein FN-Karabiner am Schornstein, noch in eine wasserdichte Plastikhaut gehüllt.

Der Mann, der für „Black Friday“ killte, warf einen Blick auf seine Rolex.

In wenigen Augenblicken musste der Bote an Boogers Tür schellen.

Kowalski beobachtete den Gangsterboss. Er sah Boogers Anwalt und die beiden Leibwächter.

Sie alle würde er mit einem einzigen Schuss zur Hölle schicken.

Wieder sah Mel Kowalski auf seine Uhr. Es war soweit. Der Mann, dem er das Päckchen gegeben hatte, war zuverlässig. Kowalski entfernte die Plastikhülle von seinem Gewehr. Er setzte die Waffe an und brachte das rechte Auge an das Zielfernrohr.

Das Fadenkreuz tanzte über Boogers massigen Rücken.

Eine Kugel hätte genügt, um den Gangsterboss, der von der Mafia auf die schwarze Liste gesetzt worden war, auszulöschen. Dann hätten aber die beiden Leibwächter für einigen Ärger gesorgt, und dem wollte Kowalski vorsorglich begegnen, indem er die ganze Sippschaft dort drüben auf einmal ausrottete.

Jetzt entfernte sich einer der beiden Leibwächter.

Wenige Augenblicke vergingen. Kowalski war vollkommen ruhig. Er wusste, dass alles genau nach Plan verlaufen würde, und da er so gut wie keine Nerven hatte, fiel es ihm nicht schwer, gelassen auf den Moment zu warten, den er für Fatty Boogers Untergang bestimmt hatte.

Der Gorilla kam zurück.

Er hielt Kowalskis braunes Päckchen in seinen Händen und sagte etwas zu Fatty Booger. Es waren die letzten Worte, die dort drüben gesprochen wurden.

Das Fadenkreuz hatte sich langst von Booger entfernt, hatte den Mann mit dem Päckchen erreicht, glitt an diesem nach unten, stoppte, als es die Hände des Gorillas erreicht hatte ...

Und dann fiel der Schuss.

Trocken peitschte er über das Dach.

Die Kugel raste zum Penthouse hinüber, zertrümmerte das Glas des Schiebefensters und traf das Paket, das sich in den Händen des Mannes urplötzlich in eine alles vernichtende, riesige Glutkugel verwandelte.




12


Roberto Tardelli fuhr am South Water Market vorbei, erreichte wenig später den Adams Park und bog dann in die Paulina Street ein. Unermüdlich fegten die Scheibenwischer die Wassermassen, die vom Himmel stürzten, zur Seite. Obwohl die tickenden Wischer im Schnellgang arbeiteten, schafften sie es nicht, die Windschutzscheibe ganz freizubekommen.

Robertos Blick streifte die Armaturenbrettuhr.

Es war kurz vor neun.

Die Scheinwerfer des Plymouth Fury verwandelten die nasse Straße in einen grellen Spiegel.

Paulina Street 4124. Das war Fatty Boogers derzeitige Adresse.

Roberto befand sich gerade auf der Höhe von 4118, als es passierte. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Ein feuerroter Blitz zuckte über den schwarzen Himmel. Donner grollte gleich darauf durch die Straßenschlucht. Und im selben Augenblick zerlegte eine mörderische Explosion das Penthouse des Gangsterbosses.

Glühende Trümmer flogen in weitem Bogen davon.

Glaskaskaden stürzten sich in die Straßenschlucht.

Es war, als hätte eine Bombe von ungeheurer Sprengkraft in Boogers Penthouse eingeschlagen.

Der Swimmingpool brach auseinander wie ein schlecht gebauter Damm – und ein gewaltiger Wasserschwall sauste, sich während des Falls ständig verformend, in die Tiefe, während orangefarbene Flammen aus dem Gebäude zu den schweren Wolken hinauf leckten.

Roberto schluckte trocken.

Das war Mel Kowalskis Werk, darüber gab es nicht den geringsten Zweifel.

Darauf war der verdammte Killer jetzt bestimmt mächtig stolz!




13


Roberto zerbiss einen Fluch. Erneut war ihm der Vertragskiller von „Black Friday“ um eine Nasenlänge voraus gewesen. Roberto rechnete damit, dass sich der eiskalte Mörder im Augenblick noch in der Nähe des Tatorts aufhielt. Ein solches Schauspiel ließ sich ein Mann wie Mel Kowalski ganz bestimmt nicht entgehen. Er brauchte das zur Befriedigung seiner perversen Phantasie. Kowalski war mit Sicherheit noch da und ergötzte sich am Anblick der Katastrophe, für die er verantwortlich zeichnete.

Roberto gab Gas.

Der Plymouth bäumte sich auf und schoss mit heulendem Motor die Straße entlang.

Trotz des strömenden Regens quollen aus allen Häusern Menschen. Sie hatten die verstörten Gesichter nach oben gerichtet und bestaunten fassungslos das Feuer, das dort brannte.

Nummer 4124! Roberto trat auf die Bremse. Er musste das Lenkrad nach links reißen, sonst wäre der Wagen gegen einen schweren Betonklotz gestoßen, der mitten auf der Fahrbahn lag und vor wenigen Minuten noch zur Penthousewand des Gangsterbosses gehört hatte.

Als der Plymouth stand, federte Roberto Tardelli aus dem Wagen.

Er blickte jedoch nicht – wie alle anderen – nach oben, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Seine ruhelosen Augen suchten Mel Kowalski. Plötzlich glaubte er, ihn entdeckt zu haben.

Immer mehr Leute kamen gelaufen, um sich die Katastrophe aus der Nähe anzusehen. Ein Wald von Regenschirmen breitete sich auf den Gehsteigen und auf der Fahrbahn aus.

Alle Menschen rannten in dieselbe Richtung.

Nur einer nicht.

Der lief davon.

Das konnte nur Mel Kowalski sein!

Gleich einem dunklen Schatten wischte der Killer durch die Nacht. Roberto Tardelli sprintete augenblicklich los. Dicke Regentropfen klatschten ihm ins Gesicht. Zum dritten Mal an diesem Tag wurde er binnen Kurzem nass bis auf die Haut. Es war ihm egal. Dort lief Mel Kowalski. So nahe war Roberto noch nie an den Killer herangekommen. Der Bursche durfte nicht entkommen. Nur das zählte.

Kowalski, eingehüllt in einen schwarzen Regenmantel mit Kapuze, erreichte den Maschendrahtzaun, der das große Areal einer Lkw Werkstatt einfriedete. Behände kletterte er an den Maschen hoch. Mit einem weiten Sprung landete er auf dem Truck-Abstellplatz. Hier standen die Fahrzeuge, die entweder bereits repariert waren oder erst repariert werden sollten.

Die fertigen Lkw-Züge hatten zwischen Scheibenwischer und Windschutzscheibe in Plastik eingeschlagene Auftragszettel klemmen.

An den anderen Fahrzeugen klebten Magnetnummern, die die Reihenfolge bekundeten, in der sie von den Mechanikern repariert werden sollten.

Kowalski eilte auf die mächtigen Trucks zu und verschwand gleich darauf zwischen ihnen. Ein Zwerg unter Riesen.

Gleich nachdem Roberto Tardelli den Maschendrahtzaun überwunden hatte, zog er die Luger. Geduckt huschte er auf die schweren Brummer zu.

Der Jäger war wieder einmal auf der Jagd!

Roberto hüpfte über ölige Lachen und schillernde Fettflecken, die den weichen, glitschigen Boden bedeckten. Erst als er näher an die Trucks herankam, hatte er Beton unter den Füßen.

Er glitt an einem der Riesen vorbei. Das Rauschen und Plätschern des Regens war so laut, dass kaum ein anderes Geräusch zu hören war. Roberto bemühte sich, etwas ruhiger zu atmen. Seine Nerven waren angespannt wie Klaviersaiten. Es kribbelte ihn in den Fingern.

Er war mit Mel Kowalski auf diesem Gelände, und er würde alles daransetzen, dass der Vertragskiller des „Black Friday“ von hier nicht ungeschoren davonkam.

Der Mord an Fatty Booger – und mochte der Himmel wissen, wie viele Menschen bei diesem Anschlag noch das Leben verloren hatten – sollte das letzte Kapitalverbrechen gewesen sein, das Mel Kowalski im Auftrag der Mafia verübt hatte.

Roberto schlich am rechten Vorderrad eines riesigen Trucks vorbei. Der schwarze Pneu reichte ihm bis an die Schultern.

Er ging leicht in die Hocke und versuchte sich auf ein Geräusch zu konzentrieren, das ihm die Position des Mörders verriet. Zwei Möglichkeiten gab es. Entweder Mel Kowalski ahnte nicht, dass jemand hinter ihm her war, dann würde er das Areal vermutlich nur durchqueren, um auf der anderen Seite in seinen wartenden Wagen zu steigen und abzuschwirren – oder Kowalski wusste, dass er jemanden auf seinen Fersen hatte, dann würde er sich hier verbergen, sich zuerst seines Verfolgers entledigen und erst anschließend flüchten.

Was traf zu?

Auf diese Frage wollte sich Roberto Tardelli schnellstens eine Antwort verschaffen.




14


Kowalski war mit sich und seiner perfekten Leistung bis in die Seele hinein zufrieden. Was er hier fast mühelos auf die Beine gestellt hatte, das sollte ihm erst mal ein anderer Killer von „Black Friday“ nachmachen. Sergio Patana würde von der Art, wie er seinen Auftrag erledigt hatte, begeistert sein, und wenn Patana begeistert war, dann machte er zumeist ein paar Dollar mehr locker. Gewissermaßen als Prämie für besonders zufriedenstellende Arbeit.

Nachdem der Mörder genug gesehen hatte – er sog den Anblick der Katastrophe wie ein Schwamm in sich auf –, setzte er sich schleunigst ab.

Als er den Maschendrahtzaun erreichte, den er überklettern musste, bemerkte er einen Mann, der denselben Weg hatte wie er. Das ließ in Kowalskis wachem Unterbewusstsein augenblicklich die Alarmklingel ertönen.

Da ist einer hinter dir her!, schoss es ihm durch den Kopf. Verdammt!

Zorn wallte in ihm auf.

Er jagte auf die Trucks zu und verschwand gleich darauf zwischen ihnen. Hastig wandte er sich um. Der andere überkletterte den Zaun ebenfalls, und er war verflucht schnell. Ein wendiger Kerl. Kraftvoll und elastisch. Dunkelhaarig. Südländischer Typ! Zum Henker. Ihm fiel der Name Roberto Tardelli ein! Unwillkürlich überzog sich Kowalskis Körper mit einer Eisschicht.

Er hatte keine Angst vor der Polizei. Er fürchtete keine FBI-Agenten, und Privatdetektive kümmerten ihn fast gar nicht. Nur wenn er den Namen Roberto Tardelli hörte, krampfte sich ihm jedes Mal der Magen zusammen. Er hatte zwar keine Angst vor Tardelli, das nicht, aber er witterte instinktiv, dass dies der einzige Mann war, der ihm effektiv gefährlich werden konnte. Einer, über den er stolpern könnte, wenn er nicht höllisch aufpasste.

Tardelli war für jeden Mafioso ein rotes Tuch.

Seine Erfolge trieben den Dons den Schaum auf die Lippen.

Mel Kowalski hatte geahnt, dass ihm dieser Bursche eines Tages begegnen würde, und dann würde sich entscheiden, wer von ihnen beiden der bessere Mann war. Dann würde es sich erweisen, ob Roberto Tardelli tatsächlich so gut war wie sein Ruf.

Eines Tages. Insgeheim hatte Mel Kowalski gehofft, dass diese gefährliche Konfrontation noch lange auf sich warten lassen würde.

Doch nun war sie da, und Kowalski war entschlossen, diese Begegnung nicht nur zu überleben, sondern gleichzeitig auch dafür zu sorgen, dass Roberto Tardelli ins Gras biss.

Jetzt, wo sich die Möglichkeit zu einer Entscheidung bot, war Mel Kowalski nicht traurig darüber. Je eher er mit der Legende Roberto Tardelli aufräumte, desto früher wurde er sein unterschwelliges Solo-Trauma los.

Der Killer schob das Gewehr, das er benützt hatte, um vier Menschen ins Jenseits zu befördern, unter den Truck, hinter dem er sich verbarg. Dann zog er einen Colt Python, 357 Magnum. Schwer lag die Waffe in seiner Hand. Er zog sich im Krebsgang weiter in die Dunkelheit zurück.

Sein Vorteil war, dass er Roberto Tardelli kommen lassen konnte.

Und da kam er schon. Mit langen, federnden Sätzen ...




15


Roberto tauchte unter dem mächtigen Laster durch und gewahrte in derselben Sekunde eine vage Bewegung in der Dunkelheit. Das Wissen um Kowalskis enorme Gefährlichkeit ließ es ihm angeraten erscheinen, darauf sofort zu reagieren. Hier hatte er es mit keinem Waldläufer zu tun, der eben erst in das Geschäft hineingerochen hatte, sondern mit einem Gegner, der ihm durchaus ebenbürtig war.

Der COUNTER CRIME-Agent zuckte zur Seite.

Genau im richtigen Augenblick, denn Mel Kowalski hatte seine Waffe Feuer speien lassen. Die Kugel verfehlte Roberto nur knapp, hämmerte in den Truck-Rumpf und richtete da einigen Schaden an.

Der Mafiajäger wechselte blitzschnell seine Position und erwiderte das Feuer. Kowalski zog sich zurück. Er ballerte aus der Defensive, ließ sich von Roberto Tardelli jedoch niemals in die Enge treiben. Den Rücken hielt er sich immer frei.

Abwechselnd feuernd jagten sie über das Areal.

Kowalski versuchte Roberto mehrmals auszutricksen, doch was auch immer er anstellte, der Mafiajäger durchschaute die Absicht rechtzeitig und konterte eiskalt, wodurch Mel Kowalski zweimal in arge Bedrängnis kam.

Das machte den Killer wütend.

Er lockte Roberto näher an sich heran und versuchte dann unvermittelt und tödlich zuzuschlagen, doch der CC-Agent parierte die Attacke und holte gleich darauf zum gefährlichen Gegenschlag aus.

Die beiden kampferprobten Männer lieferten einander ein höllisches Feuergefecht, dessen Ausgang für jeden offen stand. Eine einzige Kugel konnte alles entscheiden, doch keinem gelang es, diesen wichtigen Treffer anzubringen.

Schwarze Umrisse tauchten zwischen dicken Zwillingsrädern auf.

Roberto zog sofort den Stecher seiner Waffe durch. Brüllend entlud sich die Luger und bäumte sich gleichzeitig auf.

Der Mafiajäger glaubte erkennen zu können, wie der Gegner heftig zusammenzuckte.

Getroffen?

Roberto hörte Mel Kowalski kurz stöhnen. Die schwarzen Umrisse verschwanden. Versuchte der Killer sich abzusetzen, weil er verletzt war? Weil ihm Robertos Kugel zu schaffen machte? Weil er wusste, dass er Roberto angeschossen unterlegen war?

Roberto huschte durch den Regen und erreichte die Zwillingsräder, neben denen Kowalski gestanden hatte. Auf einem der beiden Pneus glänzte ein dunkler Fleck. Roberto tastete mit den Fingerspitzen danach. Feucht Klebrig.

Blut!

Mel Kowalskis Blut!

Robertos Herz schien mit einem Mal hoch oben im Hals zu schlagen. Nun war es gewiss, dass er getroffen hatte. Nur wie schwer war der Killer verletzt? Es musste ihn an der Schulter erwischt haben. Nur ein Streifschuss? Oder saß die Kugel tiefer?

Robertos sichernder Blick suchte den Gegner. Ihm war klar, dass er sich jetzt keine Unvorsichtigkeit leisten durfte, denn ein angeschossener Mel Kowalski war doppelt gefährlich.

Lautlos schlüpfte Roberto Tardelli unter den Trucks hindurch. Er blieb immer wieder kurz stehen, um zu lauschen. Nichts. Kein Lebenszeichen mehr von Kowalski. Fast schien es, als hätte sich der Vertragskiller von „Black Friday“ in Luft aufgelöst.

Polizeisirenen in der Ferne.

Feuerwehrwagen kamen mit lauten Signalen angerast.

Plötzlich ein Schuss.

Roberto kreiselte wie von der Tarantel gestochen herum. Der Schuss hatte nicht ihm gegolten. Er war am anderen Ende des Geländes abgegeben worden. Roberto glaubte zu wissen, was das zu bedeuten hatte. Er fing zu laufen an, rannte, so schnell er konnte. Es quälte ihn der Gedanke, dass er zu spät kommen würde. Kowalski hatte sich klammheimlich abgesetzt und das Schloss einer Truck-Tür aufgeschossen. Jetzt brachte er den Motor in Gang. Ein donnerndes Grollen flog über das Areal.

Zehn Laster standen noch zwischen Roberto Tardelli und dem Truck, in dem Mel Kowalski hockte.

Der CC-Agent forcierte sein Tempo. Mit brennenden Lungen jagte er durch den Regen. Verbissen kämpfte er um den Sieg. Kowalski durfte ihm nicht entkommen, sonst ging die wilde Jagd weiter – und niemand konnte sagen, wie viele Menschen diesem eiskalten Killer noch zum Opfer fallen würden.

Der Truck, in dem der Mörder saß, machte einen kraftvollen Sprung vorwärts. Mit dröhnender Maschine rollte das schwere Fahrzeug auf das geschlossene Tor zu. Von Sekunde zu Sekunde wurde der Laster schneller. Roberto versuchte das Fahrzeug mit einer Kugel zu stoppen. Er schaffte es nicht. Mit pochenden Schläfen schob er die leer geschossene 38er in die Schulterhalfter.

Er mobilisierte sämtliche Kraftreserven.

So schnell war er in seinem ganzen Leben noch nicht gerannt. Er wollte nicht wahrhaben, dass sich das Glück auf Mel Kowalskis Seite geschlagen hatte. Er redete sich ein, immer noch eine Chance zu haben.

Mit verkrampften Gesichtszügen hetzte er hinter dem Truck her.

Das Fahrzeug erreichte in diesem Augenblick das große Eisentor. Jetzt kam der Aufprall. Blech kreischte. Eisen knirschte. Das Tor wurde von dem riesigen Laster aus der Verankerung gerissen und scheinbar mühelos niedergewalzt.

Roberto blieb nicht stehen.

Wenn er wenigstens das Heck des Trucks erreichte ... Dann konnte er die Fahrt mitmachen und die Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt erzwingen.

Der donnernde Truck verließ das Gelände.

Die Distanz zwischen Roberto Tardelli und dem mächtigen Fahrzeug vergrößerte sich mit jeder Radumdrehung. Roberto rannte so lange, bis es für den größten Optimisten offensichtlich war, dass es hier keine Aussicht mehr auf Erfolg gab. Erst dann blieb er ausgepumpt und zähneknirschend stehen und konnte die Wut. die in seinen Eingeweiden nagte, kaum Unterdrücken.

Nur höchst widerstrebend fand er sich damit ab. dass es Mel Kowalski geschafft hatte.

Der Regen rann ihm in Strömen übers Gesicht. Er merkte es nicht. Er dachte an den Killer und daran, dass er ihm eines Tages wieder begegnen würde. Dann würde er dafür sorgen, dass es Mel Kowalski nicht mehr schaffte!




16


Es war eine schmerzhafte Fleischwunde an der linken Schulter. Kein Arzt war nötig, um eine Kugel aus Kowalskis Schulter zu schneiden. Der Killer versorgte den stark blutenden Streifschuss selbst in seinem Hotel. Nachdem er die Blutung gestoppt hatte, legte er mit viel Geschick den Verband an. Danach kippte er einen Bourbon. Der Drink belebte ihn. Er schluckte eine schmerzstillende Tablette, spülte sie mit Mineralwasser hinunter, begab sich zum Zimmertelefon und verlangte die Rechnung. Mitten in der Nacht zog er aus. Er hatte sich erkundigt, wann das nächste Flugzeug nach Baltimore flog und war eine Stunde vor dem Start auf dem O'Hare Airport.

Die Schmerzen waren zu ertragen.

Dank der Tablette spürte Kowalski lediglich ein dumpfes Pochen in der verletzten Schulter.

Als sein Flug aufgerufen wurde, ging er an Bord eines zweistrahligen Jets.

Die freundliche Stewardess fragte ihn, ob er einen Wunsch hätte, den sie ihm erfüllen könne. Er verlangte ein paar Illustrierte und ein kleines Fläschchen Sekt.

Als die Maschine in zehntausend Meter Höhe durch die Nacht flog und Chicago – und auch Roberto Tardelli – immer weiter hinter sich ließ, lehnte sich Mel Kowalski entspannt zurück und schloss die Augen. Die Verletzung ließ es ihm angeraten erscheinen, sich eine kurze Ruhepause zu gönnen. Er würde Sergio Patana von dieser Absicht unterrichten. Er war sicher, dass der Boss von „Black Friday“ dagegen nichts einzuwenden hatte. Es wäre ein Fehler gewesen, einen lädierten Mann weiter einzusetzen, das wusste auch Patana. Deshalb würde er nichts dagegen haben, dass Mel Kowalski sich erst dann wieder für neue Aufgaben zur Verfügung stellte, wenn er wiederhergestellt war.

Nirgendwo konnte sich Mel Kowalski besser schonen als in Baltimore, denn da wohnte – seit nunmehr dreizehn Monaten – seine Schwester Claire.

Der Killer presste die Kiefer fest zusammen.

Er wollte im eigenen Interesse alles dazu beitragen, um so schnell wie möglich wieder topfit zu werden.

Und dann?

Dann würde er sich um Roberto Tardelli kümmern und sich diesen Bastard ein für allemal vom Hals schaffen!

Baltimore. Die Maschine zog eine Schleife über der Stadt am Patapsco River und sank dann langsam zur Landepiste des Friendship Airport hinunter.

Kowalski setzte sich in ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse seiner Schwester. Er hatte sich ein ganzes Jahr lang nicht mehr bei ihr blicken lassen. Claire war nicht so wie er. Er hatte sich nie mit ihr vertragen. Sie war ein verdammter Dickschädel und ließ aus Prinzip nicht gelten, was er sagte. Er machte sich nichts vor. Claire würde vor Freude nicht an die Decke springen, wenn er plötzlich wieder vor ihr stand. Eigentlich gehörten sie nur auf dem Papier zusammen. Ihre Dokumente wiesen sie als Geschwister aus, aber in Wirklichkeit waren sie beide so grundverschieden wie zwei Menschen, die sich völlig fremd waren.

Einen Moment wollte Kowalski den Taxifahrer bitten, vor dem nächsten Blumenladen kurz anzuhalten, doch dann verwarf er diesen Gedanken sofort wieder, tat ihn als Schnapsidee ab. Er hatte noch keiner Frau Blumen geschenkt, und am allerwenigsten verdiente diese Auszeichnung seine Schwester Claire.

Nichts hatte sich verändert.

Nur an der Ecke, da wo die Wäscherei gewesen war, war jetzt, ein Fotogeschäft.

Die Straße, in der Claire wohnte, hatte nichts von ihrer Trostlosigkeit eingebüßt. Der Driver stoppte den Wagen. „Wir sind da, Sir.“

Kowalski nickte. Er bezahlte die Fahrt, holte seine Reisetasche aus dem Kofferraum und verschwand in einem grauen, schmalbrüstigen Haus.

Claire hatte noch vom Schlaf verquollene Augen. Auf der linken Wange zeichneten sich die Abdrücke des Kopfkissens ab. In ihrem kastanienbraunen Haar baumelten Lockenwickler. Sie trug einen malvenfarbenen Morgenrock, der sich eng an ihre makellose Figur schmiegte. Obwohl sie unausgeschlafen war, sah sie sehr hübsch aus – und damit unterschied sie sich auch äußerlich auffallend von ihrem Bruder.

Kowalski grinste sie an. „Hallo, Schwester. Darf ich reinkommen?“

„Du hast Nerven. Was fällt dir ein, mich mitten in der Nacht zu wecken?“, fragte Claire schnippisch.

„Von wegen mitten in der Nacht. Es ist neun Uhr. Andere Leute kommen um diese Zeit bei der Arbeit schon ins Schwitzen.“

„Die sind bestimmt nicht erst im Morgengrauen nach Hause gekommen“, murmelte Claire und gab die Tür frei. „Na, komm schon rein.“

„Deine Begeisterung über unser Wiedersehen ist direkt ansteckend“, feixte Kowalski.

„Was erwartest du von mir? Dass ich mich vor Freude überschlage?“

„Du könntest irgend etwas Nettes sagen.“

„Weshalb? Du hast dich ein ganzes Jahr nicht um mich gekümmert. Es war dir egal, wie‘s mir geht ...“

„Ich habe oft an dich gedacht.“

„Davon habe ich nichts gemerkt. Nach zwölf Monaten erscheinst du plötzlich wieder auf der Bildfläche und tust so, als wärst du nur mal weg gewesen, um Zigaretten zu holen. Darf ich erfahren, was mir die Ehre deines Besuches verschafft?“

Sie hatte keine Ahnung, in welcher „Branche“ er tätig war, und so sollte es auch in Zukunft bleiben. Er zuckte die Achseln, die rechte etwas mehr als die linke.

„Ich bin ohne Grund hier“, sagte er.

„Das kannst du mir doch nicht weismachen. Du bezweckst mit allem, was du tust, etwas. Warst immer schon ein nüchterner Rechner, der niemals etwas tat, das ihm nicht in irgendeiner Form Profit einbrachte.“

Kowalski grinste. „Ist das nicht die beste Einstellung, die man sich zulegen kann?“

„Ich finde sie zum Kotzen.“

Kowalski wurde schlagartig ernst. „Hör zu, du verdammtes Luder, ich erwarte nicht von dir, dass du mir vor Freude an den Hals fliegst, aber wenn du mit mir keinen Verdruss haben willst, wäre es gut, wenn du dir einen anderen Ton aneignen würdest.“

Es funkelte in Claires nussbraunen Augen. „Wenn dir mein Ton nicht gefällt, kannst du gern wieder gehen!“

Sie ahnte nicht, wie knapp sie in diesem Augenblick an einer Ohrfeige vorbeiging. Kowalski schluckte seinen Zorn mühsam hinunter, trug seine Reisetasche in den Livingroom, ließ sich in einen Sessel fallen, streckte die Beine weit von sich und knurrte: „Ich werde ein paar Tage hier wohnen.“

Claire folgte ihm. Sie blieb in der Tür stehen und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Ach, und ich hab dazu wohl gar nichts zu sagen, wie?“

„Richtig“, sagte Kowalski mit einem frostigen Lächeln um die Lippen. „Ich bleibe hier, solange es mir gefällt, ob dir das nun passt oder nicht!“

„Na, das sind ja schöne Aussichten.“

„Du musst dich durch mich in deinen Lebensgewohnheiten nicht stören lassen. Tu ganz so, als wäre ich nicht da.“

„Das schaffe ich nie.“

„Ist mir auch egal. Mach jetzt Frühstück. Ich habe Hunger.“ Verdrossen begab sich Claire in die Küche. Sie brachte wenig später ein Tablett mit Kaffee, Butter, Toast und Honig. Alles nur für eine Person.

„Du isst nichts?“, fragte Kowalski.

„Mir ist der Appetit vergangen“, antwortete Claire missmutig und verschwand im Schlafzimmer, um da Ordnung zu machen. Danach ging sie ins Bad. „Was hättest du gemacht, wenn ich einen Freund hier gehabt hätte?“, fragte sie ihren Bruder.

„Ich hätte ihn mir angesehen, und wenn er mir gefallen hätte, hätte er bleiben dürfen.“

„Und du?“

„Ich wäre natürlich auch geblieben. Deinen Freund hätte das doch sicherlich nicht gestört.“

Als Claire aus dem Bad kam, sah sie hinreißend aus. Mel Kowalski stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Donnerwetter. Ich hatte ganz vergessen, dass ich eine so bildhübsche Schwester habe. Dir laufen die Jungs bestimmt in Scharen nach.“

„Kann schon sein“, gab Claire trocken zurück.

Kowalski versuchte sie auszuhorchen. Er wollte wissen, ob es einen Mann in Claires Leben gab, doch das Mädchen wich seinen direkten Fragen entweder aus oder überhörte sie einfach. Nachdem sie im Wohnzimmer ein wenig aufgeräumt hatte, blickte sie auf ihre Uhr.

Kowalski grinste. „Du kannst getrost zur Arbeit gehen, Baby. Ich pass inzwischen hier auf, dass nichts geklaut wird.“

Er wollte wissen, was für einen Job sie hatte, doch sie sagte es ihm nicht. Sie war überhaupt sehr wortkarg. Als es auf elf Uhr zuging, schlüpfte sie in ihre hochhackigen Pumps und verließ die Wohnung, ohne Mel zu sagen, wohin sie ging und wann sie zurückzukommen gedachte. Er zog die Mundwinkel nach unten. „Die Dame hat schon lange keine feste Hand mehr gespürt“, knurrte er. „Nun, das wird jetzt anders werden!“

Er fand es ganz selbstverständlich, dass er in Claires Schränken herumwühlte, sich alle Laden vornahm, das unterste zuoberst kehrte. Dabei fiel ihm ein Sparbuch in die Hände, in dem lächerliche zweihundert Dollar eingetragen waren. Rosig schien es Claire also nicht gerade zu gehen. Aber sie wäre viel zu stolz gewesen, dies ihm gegenüber zuzugeben. Er fand eine Telefonkladde mit vielen Nummern und wenigen Namen. Das kam ihm eigenartig vor, doch ehe er sich damit gedanklich eingehender befassen konnte, schellte es an der Tür.

Er öffnete.

Draußen stand ein mickriger Kerl im schwarzen Anzug. Seine Haut war blass. Er hatte tiefliegende, nichtssagende Augen, eine große, schiefe Nase, dünne Lippen und nervöse Hände. Er versuchte einen ungeduldigen Blick in die Wohnung zu werfen, doch Kowalski füllte die Öffnung voll aus. So war der Mickrige gezwungen mit seiner dünnen Fistelstimme zu fragen: „Ist Claire da?“

„Was wollen Sie von ihr?“, fragte Kowalski eisig.

Der Kleine kicherte verlegen und senkte den Blick. Kowalski stellte fest, dass der Bursche nicht minderbemittelt sein konnte. Der schwarze Anzug war Maßarbeit, ebenso die Schuhe. Und an den dünnen Fingern trug der Mann mehrere Ringe, die bestimmt keine Imitationen aus Hongkong oder Taiwan waren. Kowalski forderte den Mann auf, einzutreten. Er sagte ihm, Claire sei nicht zu Hause, und er habe keine Ahnung, wann sie wiederkommen würde.

„Oh“, stöhnte der Kleine enttäuscht. „Das ist aber schade. Ich bin nur für ein paar Stunden in Baltimore, und da Claire gesagt hat, ich könne ruhig vorbeikommen, wenn ich mal in der Stadt sei, dachte ich ... Jammerschade ist das.“

Kowalski erklärte dem Mann, er sei Claires Bruder.

Der Mickrige sah ihn daraufhin mit großen Augen an. „Claire hat nie erwähnt, dass sie einen Bruder hat, und Sie sehen ihr auch nicht im entferntesten ähnlich.“

„Tja, das ist nun mal nicht zu ändern, Mister ...“

„McIntosh. Lester McIntosh.“

„Hören Sie zu, Mr. McIntosh, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.“

Der Kleine fing schrill zu lachen an. Kowalski kam sich wie ein Idiot vor. Er wurde ärgerlich, und er schnauzte McIntosh an: „Verdammt noch mal, was ist denn daran so komisch?“

„Sie?“, kicherte der Mickrige mit Tränen in den Augen. „Sie wollen mir an Stelle Ihrer Schwester behilflich sein? Also wenn das nicht zum Totlachen ist ...“

Kowalski witterte plötzlich etwas. Der Typ da hatte anscheinend ein paar Dollar zu viel, die er anbringen wollte. Er war nur für kurze Zeit in der Stadt. Er war bei Gott kein Frauentyp. Anscheinend wollte er in dieser Richtung aber doch etwas erleben. Deshalb war er zu Claire gekommen. Um sich für sein Geld ein bisschen falsche Zärtlichkeit zu kaufen.

Dann war Claire ...

Verdammt, wenn es stimmte, was sich Mel Kowalski gerade überlegte, konnte Claire sich auf ein Donnerwetter gefasst machen.

Er wollte sich Gewissheit verschaffen. Ihm fiel ein, dass Claire mit ihm nicht über ihren Job reden wollte. Jetzt war ihm beinahe schon klar, weshalb sie dieses Thema gemieden hatte.

„Mr. McIntosh, ich glaube, ich verstehe Sie nicht“, sagte Mel Kowalski mit rauer Kehle.

Der Kleine rollte mit seinen Augen. „Sagen Sie bloß, Sie wissen nicht, dass Ihre Schwester ein Callgirl ist.“

Kowalski hatte das Gefühl, jemand hätte ihm Eiswasser über den Rücken gegossen. „Sag das noch mal!“, verlangte er.

„Sie ist ein Callgirl, und ich bin nicht zum ersten Mal hier.“

„Dafür aber bestimmt zum letzten Mal!“, fauchte Kowalski wütend. Seine Schwester war eine Hure. Er konnte es kaum fassen. Für ihn gab es auf der ganzen Welt keinen schmutzigeren Job als diesen. Das hatte seine Schwester doch nicht nötig, verdammt noch mal. Was war denn bloß in Claire gefahren? Eine Zornwelle schoss Kowalski in den Kopf. Er holte mit der gesunden Rechten aus und gab McIntosh einen gewaltigen Kinnhaken, der den unvorbereiteten Mann voll traf und gegen die Wand schleuderte.

Lester McIntosh stimmte ein schrilles Geheul an.

Kowalski schlug erneut zu.

Er nagelte den Kerl, den er stellvertretend für alle anderen Männer, die für Geld den Körper seiner Schwester benutzt hatten, hasste, mit nur einer Faust brutal zusammen. McIntosh versuchte zu fliehen, doch Kowalski ließ es nicht zu. Er war noch nicht fertig mit dem Burschen. Er hatte sich an dem Kleinen noch nicht genügend abreagiert.

Erst als der Killer völlig außer Atem war, hielt er schwer keuchend inne.

Mit hartem Griff riss er Lester McIntosh auf die Beine. Er öffnete die Tür und blaffte: „Merk dir‘s gut, du verdammter Lustmolch! Claire ist ab sofort nicht mehr im Geschäft! Hast du verstanden?“

Der Kleine nickte hastig. Sein zuckendes Gesicht war blutverschmiert. „Ja!“, krächzte er, an Kowalskis eiserner Faust herabhängend. „Ja!“

Der Killer setzte ihm den Fuß in den Hintern und beförderte ihn mit einem kraftvollen Tritt aus der Wohnung.

„Lass dich hier nie wieder blicken!“, schrie er dem davonsausenden Mann nach.

„Bestimmt nicht!“, stöhnte der Mickrige. „Ganz bestimmt nicht!“

Und Kowalski knallte mit zornesrotem Gesicht die Tür zu. „Claire!“, zischte er mit verzerrtem Gesicht. „Wenn du nach Hause kommst, kannst du was erleben!“




17


Roberto Tardelli hörte sich in Chicago noch in derselben Nacht und noch mehr am darauffolgenden Tag um. Hartnäckig versuchte er eine Spur von Mel Kowalski zu finden. Doch alle Anstrengungen, die er unternahm, zeitigten vorläufig keinerlei Erfolg. Dadurch ließ sich Roberto aber nicht entmutigen. Es gibt einen Spruch, der besagt, dass Beharrlichkeit alles überwindet, und beharrlich war der CC-Agent weiß Gott.

Am frühen Nachmittag gelang es ihm, einen Kerl aufzutreiben, der Mel Kowalski auf dem Flugplatz gesehen haben wollte. Und zwar nach dem Mord an Fatty Booger und nach der Schießerei auf dem Gelände der Lkw-Werkstatt. Der Mann erinnerte sich daran, dass Kowalski in der rechten Hand eine Reisetasche trug, während er anscheinend darauf achtete, den linken Arm so wenig wie möglich zu bewegen.

Roberto Tardelli besorgte sich umgehend eine Liste von allen Maschinen, die in der vergangenen Nacht Chicago verlassen hatten.

Über einen COUNTER CRIME-Kanal bekam er eine Stunde später sämtliche Passagierlisten. Aber Mel Kowalskis oberstes Gebot war die Vorsicht. Er war nicht unter seinem richtigen Namen abgereist.

Es gab gut ein Dutzend Richtungen, in die Mel Kowalski geflohen sein konnte. Indianapolis, Harrisburg, Dover, Raleigh, New York ... und noch eine Menge Städtenamen mehr standen auf Roberto Tardellis Liste, aber welcher Name war der richtige?

Das herauszubekommen war für Roberto im Augenblick ein beinahe unlösbares Problem, doch gerade dieser Umstand spornte ihn besonders an.

Er wollte alles tun, was in seiner Macht stand, um diese harte Nuss so bald wie möglich knacken zu können.




18


„Black Friday“ hatte keinen festen Sitz. Sergio Patana liebte es, seine Gegner zu verwirren, und so wechselte er in zumeist kurzen, unregelmäßigen Abständen seinen Aufenthaltsort. Vor sechs Wochen hatte die gefährliche Unterorganisation der Mafia ihren Hauptsitz noch in Texas. Davor war die Gruppe in Ohio gewesen, und zur Zeit hatte Sergio Patana und der harte Kern von „Black Friday“ seine Zelte in New York, auf Long Island, aufgeschlagen.

Das gemietete Grundstück war mehrere Morgen groß, und die Villa war ein hochherrschaftliches Gebäude, in dem man eher einen noblen Adeligen als eine gemeine Verbrecherclique vermutet hätte.

Die Räume waren mit alten, kostbaren Möbeln eingerichtet.

Patana hatte das Ganze von einem Strohmann mieten lassen, und er hatte seinen Männern eingeschärft, dass sie danach trachten sollten, in der Nachbarschaft so wenig wie möglich unangenehm aufzufallen.

Sergio Patana war ein drahtiger, dunkelhaariger Mann mit schwarzen Knopfaugen, vollgepfropft mit Vitalität und Spannkraft. Er entstammte der Gosse von San Francisco und hatte schnell gelernt, dass es auf der Welt nur zwei Möglichkeiten gibt, wenn man nichts ist und nichts hat: entweder treten – oder getreten werden.

Als er neunzehn war, hatte er genug von den Tritten, die er bis dahin bekommen hatte. Er fing an, die ersten Kontakte zur Cosa Nostra zu suchen, bekam alsbald kleine Aufgaben von der Ehrenwerten Gesellschaft übertragen, die natürlich nicht sehr viel Geld einbrachten, doch das störte Patana nicht. Er wusste, dass diese Aufträge mit den Sprossen einer Leiter verglichen werden konnten. Auf ihnen würde er allmählich höher steigen können ...

Mit einundzwanzig war er schon dick im Geschäft, verdiente hervorragend, und hatte bereits gelernt, sich dem Zugriff der Polizei immer rechtzeitig zu entziehen. Er kannte eine Menge Tricks, die es ihm ermöglichten, seine Aufgaben gewissermaßen mit der linken Hand zu erledigen.

Die Commissione erwähnte ihn immer wieder lobend, und so kam es, dass er bald nicht mehr bloß für einen Don, sondern einmal für diesen und dann wieder für jenen die Kastanien aus dem Feuer holte.

Das brachte ihn auf die Idee, mit dem Segen der Ehrenwerten Gesellschaft eine eigene kleine Organisation zu gründen, die allen Mafia-Familien zur Verfügung stehen sollte.

Er kam mit seinem Vorschlag erstaunlich gut an.

Die Familien gaben ihm eine kräftige Finanzspritze, und er baute mit diesem Geld sein eigenes kleines Imperium auf, das heute so gut funktionierte. dass man in Cosa Nostra Kreisen immer wieder voll des Lobes war.

Patanas Erfolg beruhte zum Teil auch auf seiner großen Umsicht und auf seiner noch größeren Vorsicht. Er hatte eine feine Nase für Dinge, die faul waren, und reagierte darauf zumeist schon, wenn andere noch nicht einmal ahnten, was im Busch war.

So auch diesmal.

Er hatte zwei Soldati zu sich beordert, Männer, denen man besser nicht im dunklen begegnete. Kraftstrotzende Typen, deren Geschäft das Morden war. Es waren zwei seelenlose Schlächter, die ein Menschenleben auslöschten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Patana hatte die beiden in letzter Zeit etwas kürzertreten lassen, weil er wollte, dass über all die Dinge, die sie in seinem Auftrag erledigt hatten, erst mal wieder Gras wachsen sollte.

Doch nun erschien es ihm angeraten, sich dieser Männer wieder zu bedienen.

Der eine hieß Alfredo Sevardo, hatte scharfe Luchsaugen und eine wulstige Narbe an der linken Wange.

Der muskulöse Bursche, der neben ihm stand, hieß Bingo Celentano und besaß Zähne, die so kräftig aussahen, dass man meinen konnte, er würde es mühelos schaffen, Drahtseile durchzubeißen.

Patana stand vor einem antiken Schreibtisch. Er hielt den Soldati ein hölzernes Zigarrenkistchen hin und bat sie, sich zu bedienen. Sie waren sich dieser Auszeichnung bewusst und strahlten.

Auch Sergio Patana nahm sich eine Zigarre. Wenig später nebelten sie sich paffend mit blauen Rauchschlieren ein.

„Ich könnte mir vorstellen“, begann Patana das Gespräch, „dass ihr darauf brennt, mal wieder etwas tun zu dürfen.“

Sevardo grinste. „Wer rastet, der rostet, Boss.“

„Die Pause, die wir gemacht haben, war lange genug“, meinte Celentano.

Patana nickte mit einem zufriedenen Lächeln. Die viele Ruhe hatte Sevardo und Celentano tatendurstig gemacht. Wenn er sie von der Leine ließ, würden sie doppelt so gefährlich sein wie früher.

Patana kratzte sich hinter dem Ohr. „Mir macht da ein Mann Kummer.“

„Sie brauchen uns nur seinen Namen sagen, Boss, den Rest erledigen wir“, sagte Sevardo eifrig.

Der Boss von „Black Friday“ nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete angelegentlich die rote Glutkrone. „Der Name ist Mel Kowalski“. sagte er leise, und er merkte, wie durch die beiden ein Ruck ging. Kowalski war ein Todesbringer von ganz besonderem Format. Bisher war Patana mit dem Mann immer sehr zufrieden gewesen. Hin und wieder hatte Patana Mel Kowalski sogar als leuchtendes Beispiel hingestellt und den Wunsch geäußert, alle seine Männer sollten versuchen, so zu sein wie er.

Wodurch war Kowalski so plötzlich in Ungnade gefallen?

Er hatte eben erst George Burke und Fatty Booger mit einem glatten Handstreich aus dem Verkehr gezogen. Die beiden Morde waren reibungslos über die Bühne gegangen. Patana hatte sich mit äußerst zufrieden klingenden Worten darüber geäußert.

Sergio Patana blickte seine beiden Soldati an und schmunzelte. „Ich sehe, ihr seid sehr erstaunt.“

„Allerdings, Boss“, sagte Sevardo.

Bingo Celentano nickte beipflichtend.

„Kowalski ist ein ausgezeichneter Mann“, sagte Sevardo.

„Das bestreite ich nicht“, meinte Patana. „Ich schätze ihn nach wie vor sehr. Was er für Black Friday getan hat, ist beispiellos. Aber wir wollen Kowalski nicht auf ein Podest stellen, vor ihm niederknien und ihn anbeten. Er hat in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet und wurde dafür auch gut bezahlt. Black Friday schuldet ihm also nicht das Geringste. Ich würde ihn gewiss weiter verwenden, wenn ...“ Patana brach ab. Er rauchte und sah seine Männer durchdringend an.

Sevardos Miene nahm einen erschrockenen Ausdruck an. „Hat er sich etwas zuschulden kommen lassen, Boss?“

Patana schüttelte langsam den Kopf. „Es ist nicht sein Verschulden, dass ich mir Sorgen mache.“

„Sondern?“, fragte Celentano.

„Woran denkt ihr. wenn ihr den Namen Roberto Tardelli hört?“, fragte Sergio Patana unvermittelt.

Sevardo schluckte nervös. „Der Mann ist ein Erzfeind der Cosa Nostra.“

„Wer Roberto Tardelli auf seinen Fersen hat, ist schlimm dran!“, behauptete Bingo Celentano.

Patana nickte. „Das ist es!“

„Was?“, fragte Celentano verwirrt.

„Mel Kowalski hat Tardelli auf seinen Fersen. Begreift ihr jetzt, weshalb ich mir Sorgen mache? Gewiss, Mel Kowalski hat seine Vorzüge, aber er hält nichts von Omertà. Er bekennt sich nicht zu unserer Schweigepflicht. Es ist zu befürchten, dass er, wenn Roberto Tardelli ihn erwischt, nicht den Mund halten wird, um selbst ein bisschen besser wegzukommen. Mit anderen Worten: Mel Kowalski wurde über Nacht zum Risiko für Black Friday. Ihr wisst, dass ich der Auffassung bin, dass sich unsere Organisation kein Risiko leisten darf ...“

„Was soll also geschehen?“, fragte Alfredo Sevardo mit harten Zügen.

Patana wies auf das Telefon, das neben ihm auf dem Schreibtisch stand. „Mel hat vor einer Stunde angerufen. Er hat mir erzählt, dass er einen Zusammenstoß mit Tardelli hatte. Er wurde dabei leicht verletzt. Ein Streifschuss nur, aber Mel hat mich gebeten, sich zuerst auskurieren zu dürfen, ehe er neue Aufträge übernimmt. Anschließend möchte er sich Roberto Tardelli vornehmen. Ich ließ ihn in dem Glauben, alles sei in Ordnung. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt. Ein großer Vorteil für euch. Mel wird bis zum letzten Augenblick ahnungslos sein.“

„Wo finden wir ihn, Boss?“, fragte Bingo Celentano gespannt.

„Er hält sich zur Zeit in Baltimore auf. Er wohnt bei seiner Schwester. Ich möchte, dass ihr dafür sorgt, dass ich mich um ihn nicht mehr zu sorgen brauche.“

„Wird gemacht, Boss“, sagte Sevardo.

„Und sollte euch Tardelli dabei über den Weg laufen ...“

„Knipsen wir ihn gleich mit ab. Ist ganz klar, Boss“, grinste Celentano.




19


Claire kam gegen achtzehn Uhr nach Hause. Mel Kowalski empfing sie mit einem eiskalten Blick. „Wie war‘s?“, fragte er knurrend.

„Wie war was?“ Claire musterte ihren Bruder beunruhigt. Sie kannte diesen Blick von früher. Jedes Mal, wenn Mel so dreingesehen hatte, waren kurz darauf die Fetzen geflogen. Sie fragte sich, was ihn so verstimmt haben mochte, und sie nahm sich vor, auf der Hut zu sein. Besser, sie kam Mel nicht zu nahe, denn wenn er explodierte ...

Er sah sie an. „Du weißt nicht, wovon ich rede?“

„Nein.“

„Dann muss ich eben deutlicher werden: Zu wie vielen Herrn warst du denn heute nett?“

Claire blickte ihren Bruder betroffen an.

Mel Kowalski lachte zornig. Er erhob sich. In Claire verkrampfte sich alles. Sie hatte plötzlich Angst vor ihrem Bruder.

„Ich weiß Bescheid“, sagte Kowalski aggressiv. „Lester McIntosh war hier. Der Drecksack wollte mit dir ein bisschen spielen. Ich hab‘s ihm tüchtig gegeben und hab ihn anschließend hinausgeworfen.“

„Dazu hattest du kein Recht!“, presste Claire heiser hervor.

„Ich hör wohl nicht richtig!“, fauchte Kowalski gereizt. „Was heißt hier, ich habe kein Recht? Du bist meine Schwester!“

„Ach. Jetzt auf einmal. Aber ein Jahr lang hat es mich für dich nicht gegeben!“

Kowalski wies auf die Tür. „Ich habe diesem Schwein gesagt, dass du ab sofort nicht mehr im Geschäft bist, und sag bloß nicht wieder, dazu hatte ich kein Recht, Claire!“

„Hattest du auch nicht!“

Kowalski starrte seine Schwester zornig an. „Sag mal, schämst du dich denn nicht?“

„Das geht dich nichts an, Mel. Es ist mein Leben. Und es ist mein Körper. Ich kann damit machen, was ich will.“

„Verdammt noch mal, da bist du aber gewaltig im Irrtum. Ich will nicht, dass meine Schwester eine Nutte ist. Für mich ist das das widerlichste Gewerbe, das es gibt!“

Claires Zorn drängte ihre Angst in den Hintergrund. Mit blitzenden Augen schrie sie: „Sag mal, was glaubst du denn, wer du bist?“

„Ich bin dein Bruder – ob dir das nun gefällt oder nicht!“

„Du hast mir trotzdem keine Vorschriften zu machen.“

„Das wollen wir doch mal sehen!“

„Du gottverdammter, scheinheiliger Mr. Saubermann!“, schrie Claire mit roten Wangen. „Zwölf Monate lang hatte ich keinen Bruder. Und plötzlich habe ich wieder einen. Und was für einen. Platzt hier in mein Leben, erteilt mir Befehle, stellt meine ganze Ordnung auf den Kopf, verprügelt meine Freunde und versaut mir meinen Job!“

„Du nennst diesen Kerl deinen Freund? Bist du denn noch zu retten?“

„Ich hätte ihn zehnmal lieber zum Bruder als dich!“, zischte Claire wild, obwohl sie wusste, dass sie mit Streichhölzern neben einem offenen Pulverfass spielte.

Mel Kowalski war nahe daran, zuzuschlagen. Er beherrschte sich nur mühsam. „Sag das nicht noch mal!“, fauchte er böse. „Verdammt, sag so was nicht noch mal, Claire.“

„Mel Kowalski“, sagte Claire spöttisch. „Mein Vormund, mein Beschützer. Wo warst du denn, als ich dich gebraucht habe, he? Wo warst du, als es mir dreckig ging? Da war ich dir egal. Da hattest du keine Schwester, was? Ich hätte vor die Hunde gehen können, du hättest es nicht einmal gewusst. Und nun tauchst du plötzlich wieder aus der Versenkung auf und willst mir sagen, was ich tun soll.“ Claire schüttelte heftig den Kopf. „Nein, mein Lieber. Da mache ich nicht mit. Jetzt brauche ich dich nicht mehr. Ich habe mir selbst geholfen, und du kannst dich zum Teufel scheren!“

Kowalski erdolchte seine Schwester mit den Augen. „Was hattest du für Schwierigkeiten?“

„Ich will nicht darüber reden.“

„Aber ich!“, schrie der Killer seine Schwester an. „Also heraus mit der Sprache. Wieso ging es dir dreckig?“

Claire holte sich einen Drink. Mel Kowalski packte sie am Arm. Er drückte fest zu. Es musste weh tun, aber Claire verzog keinen Augenblick das Gesicht.

„Willst du jetzt endlich reden?“, herrschte er sie an.

Ein stummer Vorwurf lag in ihrem Blick, als sie auf seine Hand schaute. Er ließ sie los. Dann sagte sie: „Eine Verkettung verschiedener unangenehmer Dinge ... Ich wurde krank, verlor meinen Job, konnte keinen neuen mehr finden. Die dürftigen Ersparnisse waren sehr schnell aufgebraucht, ich fing an, mir Geld zu borgen, konnte es aber nicht mehr zurückzahlen, hatte bald keine Freunde mehr. Ich ging Tag für Tag mit knurrendem Magen ins Bett, hoffend, dass am nächsten Morgen das Wunder geschehen würde, auf das ich so sehr angewiesen war, aber das Wunder blieb aus. Und als ich den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte – zu dieser Zeit gab es nichts mehr, was ich nicht getan hätte, um wieder zu Geld zu kommen – lernte ich einen Mann kennen, der sofort erkannte, wie mies es mir ging und der mir, ohne viele Fragen zu stellen, einfach half. Er wollte nicht, dass ich ihm für das Geld, das er mir gab, irgendeinen Gefallen tat. Als das Geld alle war, das ich von ihm bekommen hatte, gab er mir neues. Ich fragte ihn, warum er das für mich tat, doch er sagte nur, ich solle keine Fragen stellen, sondern das Geld einfach nehmen und es so ausgeben, wie ich es für richtig halte.“

Mel Kowalski schüttelte den Kopf. „Bist du denn nicht auf die Idee gekommen, dass dir dieser Kerl eines Tages die Rechnung für seine Hilfsbereitschaft präsentieren würde?“

„Nein. Und wenn ich daran gedacht hätte, wär‘s mir auch egal gewesen.“

„Wie heißt der Mann?“, wollte Kowalski wissen.

„Randy Gill.“

„Erzähl weiter!“, verlangte Kowalski.

Claire zuckte die Achseln. „Da gibt‘s nicht mehr viel zu erzählen. Randy kam nach zwei Monaten zu mir und sagte mir, er hätte über das Geld, das er mir gegeben habe, genau Buch geführt. Er teilte mir mit, dass es nun an der Zeit wäre, dass ich meine Schulden samt den aufgelaufenen Zinsen zurückzahle. Ich fragte ihn, womit ich denn bezahlen solle. Er sagte, dass ich, selbst wenn ich keinen einzigen Cent besitze, über ein unschätzbares Kapital verfüge. Er meinte meinen Körper. Ich konnte Randy das Geld, das ich ihm schuldete, nur dann zurückzahlen, wenn ich für ihn arbeitete. So fing ich an, meine Schulden nach und nach abzuarbeiten ...“

Kowalski ballte die Hände. „Ich kauf mir den Kerl!“

„Das wirst du nicht tun. Misch dich gefälligst nicht in meine Angelegenheiten!“

„Verflucht noch mal, du hast anscheinend immer noch nicht begriffen, dass von jetzt an nur noch das geschieht, was ich sage!“

„Ich lass mit mir nicht herumkommandieren!“

Kowalski konnte sich nicht mehr länger beherrschen. Er fiel über seine Schwester her. Und jedes Mal, wenn er zuschlug, knurrte er: „Du Hure! Du miese, kleine, dreckige Hure!“

Er ließ erst von Claire ab, als sie auf dem Boden lag und sich aus eigener Kraft nicht mehr erheben konnte.

Schwer atmend stand er über ihr.

„Ich werde deine Schulden bezahlen!“, sagte Mel Kowalski scharf. „Und wenn ich danach erfahre, dass du weiter arbeitest, bringe ich dich um!“




20


Roberto Tardelli versuchte sich in Mel Kowalskis Lage zu versetzen. Der Vertragskiller von „Black Friday“ war verletzt. Die Wunde war für ihn ein Handikap. Ein paar Tage Ruhe würden Kowalski gut tun. Und wo konnte Mel Kowalski besser ausspannen als bei seiner Schwester Claire? Diese Überlegung veranlasste Roberto, sich mit der COUNTER CRIME-Zentrale in Washington in Verbindung zu setzen. Er verlangte das Büro von Colonel Myer und hatte den Chef der Geheimorganisation wenige Augenblicke später an der Strippe.

Der Colonel meinte, nachdem Roberto geendet hatte: „Könnte durchaus sein, dass Sie mit Ihren Überlegungen den Nagel haargenau auf den Kopf getroffen haben, Roberto.“

„Wenn Sie mir die Adresse des Mädchens verschaffen, sehe ich nach, ob mein Tipp richtig ist“, sagte Roberto Tardelli.

„Hm. Ja. Ich würde Ihnen schrecklich gern helfen, aber soviel mir bekannt ist, haben wir das Mädchen vor ungefähr dreizehn Monaten aus den Augen verloren.“

„Wie ist denn das passiert?“

„Ganz einfach. Sie packte in Atlanta ihre Sachen und verließ die Stadt, ohne jemandem zu sagen, wohin sie ziehen wollte.“

„Ich habe von Ihnen auch schon erfreulichere Auskünfte erhalten“, sagte Roberto missmutig.

„Noch kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, Roberto. Ich werde sofort alle Hebel in Bewegung setzen, um die Anschrift des Mädchens ausfindig zu machen.“

„Darf ich dazu noch was sagen, Colonel?“

„Aber sicher.“

„Es eilt.“

Myer lachte gepresst. „Wie immer.“




21


Als die Soldati kamen, war Claire Kowalski allein zu Hause. Alfredo Sevardo und Bingo Celentano bauten sich beiderseits der Tür auf. Ihre Hand steckte in der Außentasche des Jacketts. Die Waffe, um die sich ihre Finger schlossen, war entsichert. Celentano nickte Sevardo kurz zu. Dieser hämmerte mit der Linken an die Tür. Claire machte die Tür einen Spalt auf. Celentano trat blitzschnell dagegen. Das Mädchen stieß einen heiseren Schrei aus und flog gegen die Wand.

Sevardo richtete seine Walther P 38 auf das verstörte Mädchen. „Keine Bewegung!“, zischte er, während Bingo Celentano mit gezogener Waffe an Claire vorbeistürmte und in alle Räume einen kurzen, aber dennoch gründlichen Blick warf.

Als er zurückkam, schloss er die Tür.

Dann schüttelte er mit grimmiger Miene den Kopf.

Sevardo bedrohte Claires weiter mit der Waffe. „Wo ist er?“

Das Mädchen starrte den Soldato mit großen Augen an. Eine Menge Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Als Mel sie so brutal zusammengeschlagen hatte, hatte sie sich geschworen, sich eines Tages an ihm dafür zu rächen. Sie hatte nicht geahnt, dass sich eine solche Chance so bald schon bieten würde. Diese beiden Männer sahen nicht so aus, als wollten sie mit Mel bloß reden. Die hatten anderes vor! Weshalb? Was hatte Mel verbrochen?

Claire wusste, wo Mel sich zur Zeit befand.

Zwei Stimmen waren plötzlich in ihr. Die eine drängte sie, sich von ihrem brutalen, tyrannischen Bruder zu befreien. „Sag‘s ihm!“, befahl ihr diese Stimme ungeduldig. „Nimm deine Chance wahr! Sag ihm, was er wissen möchte!“

Doch die andere Stimme sagte: „Das kannst du nicht tun. Mel ist trotz allem dein Bruder! Du darfst ihn nicht ans Messer liefern!“

Sie brachte es nicht fertig, Mel zu verraten.

„Wo ist er?“, bellte Sevardo noch einmal.

„Wer?“, fragte Claire krächzend.

„Mel Kowalski!“

„Ich –ich weiß es nicht!“, stotterte Claire.

„Mädchen, mach uns keinen Ärger!“

„Ich ... weiß es wirklich nicht.“

„Zwing uns nicht, dir wehzutun!“, warnte Alfredo Sevardo das Girl. „Entweder du sagst uns jetzt auf der Stelle, wo dein verdammter Bruder ist, oder du lernst uns von unserer bösesten Seite kennen!“

Claire schüttelte verzweifelt den Kopf. „Was soll ich denn machen, wenn ich nicht weiß, wohin Mel gegangen ist?“

„Du lügst leider nicht überzeugend genug, Baby!“, sagte Bingo Celentano mit einem eiskalten Grinsen. Er klebte dem Mädchen blitzschnell den Mund mit einem breiten Pflasterstreifen zu.

„Damit du mit deinem Geschrei nicht die Nachbarschaft alarmieren kannst“, erklärte Sevardo höhnisch.

Er steckte die Walther weg. Claire stemmte sich von der Mauer ab und warf sich nach vorn. Sie prallte gegen Sevardo und Celentano. Die Soldati griffen gleichzeitig zu. Claires Fluchtversuch wurde im Keim erstickt. Das Mädchen wand sich wild, trat nach den Mafiosi, versuchte, freizukommen.

„He, he, he, wohin willst du denn?“, fragte Bingo Celentano amüsiert. „Dort geht‘s doch ins Schlafzimmer.“

Claire riss verstört die Augen auf.

Sevardo und Celentano hoben sie hoch. Sie strampelte in der Luft, während sie von den Killern ins Schlafzimmer getragen wurde. Tränen glitzerten in ihren Augen. Die Soldati warfen das Mädchen aufs Bett. Bingo Celentano machte sich ein Vergnügen daraus, die Bluse des entsetzten Girls aufzureißen. Indessen brannte sich Alfredo Sevardo eine Zigarette an.

„Hübscher Busen“, sagte er anerkennend. „Jammerschade, dass er bald nicht mehr so schön anzusehen sein wird. Und die Narben der Brandwunden wird man bis an dein Lebensende sehen. Mädchen. Aber du hast es ja nicht anders gewollt.“

Er zog an seiner Zigarette.

Die Glut leuchtete hell auf.

Sevardo beugte sich über das zitternde Mädchen, das von Celentano niedergepresst wurde.

Claires Herz schlug hoch oben im Hals. Sie hatte wahnsinnige Angst vor den Schmerzen, die ihr dieser Mann zufügen wollte.

War Mel das denn überhaupt wert? Sollte sie sich für Mel foltern lassen? Die Tränen quollen aus ihren Augen und rollten über ihre Wangen. Es war das zweite Mal, dass sie Mels Hilfe ganz dringend gebraucht hätte, und Mel war wieder nicht da.

Sevardo sagte: „Gib uns ein Zeichen, wenn du reden möchtest, Baby.“ Er schnippte die Asche auf den Boden und kam näher.




22


Colonel Myer war vier Stunden später bereits in der Lage, Roberto Tardelli mitzuteilen, was dieser wissen wollte. Der CC-Agent bekam die genaue Anschrift von Claire Kowalski, und Myer konnte Roberto mit einer weiteren Information Freude machen: Ein COUNTER CRIME-Kontaktmann hatte vor dreißig Minuten gemeldet, dass er Mel Kowalski in Baltimore kurz gesehen, aber gleich wieder aus den Augen verloren hatte.

„Damit ist Ihre Annahme einwandfrei bestätigt, Roberto“, meinte der Colonel. „Der Killer hält bei seiner Schwester seinen kleinen Erholungsurlaub.“

„Hoffentlich bricht er ihn nicht ab, bevor ich in Baltimore eingetroffen bin“, sagte Roberto.

„Da er keine Ahnung hat, dass Sie bereits wissen, wo er untergekrochen ist, ist das wohl kaum zu befürchten.“

„Ich bedanke mich für die rasche Auskunft, Chef.“

„Keine Ursache. Dafür bin ich ja schließlich da.“

Roberto warf den Hörer in die Gabel. Er stopfte seine Sachen in die große Reisetasche, ließ die Rechnung fertigmachen und kehrte Chicago sodann den Rücken. Natürlich hätte es in dieser Stadt für ihn noch viel zu tun gegeben, doch im Augenblick hatte Mel Kowalski Vorrang.

Um alles anderes würde er sich zu einem späteren Zeitpunkt kümmern.

Roberto lieferte am O'Hare Airport den Plymouth Fury bei der Firma ab, von der er ihn geliehen hatte, holte sich anschließend sein Ticket, und war wenig später einer der ersten, die den Jet bestiegen, der in Kürze nach Baltimore fliegen würde.

Baltimore. Roberto Tardellis Backenmuskeln zuckten. Sein Blick nahm einen ungewöhnlich harten Ausdruck an. Er war entschlossen, dafür zu sorgen, dass dies Mel Kowalskis letzte Station war.




23


Kowalski hatte in der Nähe des Fort McHenry – einer der wesentlichsten Sehenswürdigkeiten von Baltimore – in einer kleinen Pizzeria einen guten Freund von früher getroffen. Zwei volle Stunden hatten sie ausschließlich über die Vergangenheit, ihre gemeinsame Jugend, geplaudert, und die Zeit war wie im Flug vergangen. Danach hatte sich Kowalskis Freund wegen dringender Geschäfte, die sich nicht aufschieben ließen, hastig verabschiedet. Der Killer war noch eine Weile in der Pizzeria geblieben und verließ sie nun, um zu seinem Mietwagen zurückzukehren und heimzufahren.

Der Chevrolet stand in einer schmalen Seitenstraße.

Als Kowalski die Tür aufschließen wollte, gewahrte er hinter sich eine Bewegung.

Er zuckte herum und erkannte Alfredo Sevardo und Bingo Celentano.

„Hallo, Mel“, sagte Sevardo. Es klang beinahe freundlich, aber Kowalski hatte gute Ohren und hörte die gefährlichen Schwingungen dahinter.

„Was sucht ihr in Baltimore?“, fragte Kowalski lauernd.

„Dich“, sagte Sevardo.

Kowalski blickte die beiden Soldati misstrauisch an. Er wusste nicht recht, was er von dieser unverhofften, jedoch keineswegs zufälligen Begegnung halten sollte.

„Wir nehmen unseren Wagen“, sagte Bingo Celentano. Es klang nicht nur wie ein Befehl. Es war auch einer. „Er steht gleich um die Ecke.“

„Verdammt noch mal, wollt ihr mir nicht verraten, was das soll?“, fragte Mel Kowalski aufbrausend.

„Mach keine Zicken, komm mit!“, brummte Sevardo.

Jetzt begann es bei Mel Kowalski allmählich zu dämmern. Er starrte die beiden Kerle fassungslos an. „Das ... das darf doch wohl nicht wahr sein!“, murmelte er wütend. Er wollte seinen Revolver aus dem Schulterhalfter reißen, doch Sevardo und Celentano waren schneller als er. Sie rammten ihm ihre Kanonen in den Bauch und nahmen ihm seinen Colt Python ab.

Dann stießen sie ihn zu ihrem Chrysler.

Er musste sich in den Fond setzen.

Bingo Celentano nahm neben ihm Platz.

Sevardo übernahm das Steuer.

Als der Wagen anfuhr, sagte Kowalski heiser: „Jungs, ihr macht einen schweren Fehler!“

„Ganz und gar nicht“, gab Sevardo knochentrocken zurück.

„Wohin bringt ihr mich?“

„Wir fahren ein Stückchen raus aus der Stadt.“

„Und dann?“

„Tja dann ...“,sagte Sevardo und hob die Schultern.

„Hört mal, das könnt ihr mit mir doch nicht machen!“, stieß Kowalski aufgeregt hervor. „Ich gehöre zur Spitze von Black Friday. Da muss ein Irrtum vorliegen!“

„Bestimmt nicht“, sagte Sevardo gelassen.

„In wessen Auftrag handelt ihr?“

„Kannst du dir‘s nicht denken?“

„Halt an!“, verlangte Kowalski schroff. Er wies auf eine Telefonbox, auf die sie soeben zurollten. „Halt an, Alfredo. Lass mich mit Sergio Patana reden. Ich bin sicher, dass sich die ganze Sache nach einem kurzen Telefonat in Wohlgefallen auflösen wird.“ Insgeheim schwor sich Mel Kowalski, Patana für diesen verdammten Befehl büßen zu lassen. Aber dazu musste er zuerst einmal diese gefährliche Klippe umfahren haben.

Sevardo schüttelte langsam und unnachgiebig den Kopf. „Kein Telefonat, Mel.“

„Zum Teufel, was denkst du denn, wer du bist? Hältst du dich für den Lieben Gott? Wenn ich sage, dass ich mit Patana telefonieren will, dann hast du meinem Wunsch zu entsprechen.“

„Die Zeiten, wo du etwas zu sagen hattest, sind vorbei. Mel. Tut mir leid für dich. Du warst ein fähiger Mann.“

„Wodurch bin ich bei Patana denn in Ungnade gefallen?“, fragte Kowalski heiser. Kleine Schweißtröpfchen bildeten sich auf seiner Stirn. Die Telefonbox war längst nicht mehr zu sehen. „Ich habe den Staatsanwalt erledigt und ich habe Fatty Booger fertiggemacht. Patana hat allen Grund, mit meiner Arbeit zufrieden zu sein!“

„Er meint, du bist über Nacht für Black Friday zum Risiko geworden“, sagte Sevardo.

„Ich? Zum Risiko? Hat er denn nicht mehr alle Tassen im Schrank? Wie kommt er denn auf diesen Blödsinn?“

„Es war ein Fehler, ihm zu erzählen, du seist von Roberto Tardelli angeschossen worden, Mel. Tardelli ist ein verdammt gefährlicher Bursche ...“

„Quatsch, mit dem werde ich doch fertig!“

„Tardelli könnte unserer Organisation großen Schaden zufügen“, sagte Sevardo.

„Herrgott noch mal, Tardelli weiß doch überhaupt nicht, wo ich bin!“, schrie Kowalski wütend.

Sie hatten die Stadtgrenze bereits hinter sich gelassen.

„Irgendwann könnte es Tardelli herausbekommen, wo du steckst“, sagte Sevardo ernst.

„Na, wenn schon. Dann kriegt er von mir eben eine Kugel in den Bauch, und die Sache hat sich.“

„Du hattest in Chicago deine Chance, ihm diese Kugel zu verpassen, Mel, hast sie aber nicht wahrgenommen. Im Gegenteil, du hast dich sogar von Tardelli anschießen lassen.“

„Der kleine Kratzer ist doch nicht der Rede wert!“

„Der Boss befürchtet, dass du auch beim zweiten Mal nicht über Tardelli hinwegkommen würdest“, sagte Sevardo. „Patana ist ein vorsichtiger, umsichtiger Mann, wie du weißt. Er bricht gefährlichen Lanzen rechtzeitig die Spitzen ab. Noch bevor sie ihm schaden können. Ihm ist bekannt, dass du nicht sehr viel von Omertà hältst. Also muss er rechtzeitig dafür sorgen, dass du den Mund hältst.“

Der Chrysler war über eine holprige Straße gefahren.

Nun hielt er.

Alfredo Sevardo stellte den Motor ab. Er drehte sich mit einem eisigen Grinsen um. „Pech für dich, mein Junge. Die Rückfahrt werden wir ohne dich machen.“

Mel Kowalski überlegte fieberhaft, wie er sich selbst aus dieser tödlichen Klemme heraushelfen konnte. Der Chrysler war an drei Seiten von einem Steinbruch umgeben, dessen schroffe Wände steil dem Himmel ragten.

Niemand würde die kaltblütige Hinrichtung miterleben.

Das war eine Situation, wie Mel Kowalski sie bevorzugt hatte, wenn er einen Auftrag erledigte.

Doch diesmal war er nicht der Killer, sondern das Opfer!

Eine brennende Wut stieg in ihm hoch. Er hasste Sergio Patana, der so leichtfertig das Todesurteil gesprochen hatte. Sein Inneres bäumte sieh gegen dieses schmähliche Ende auf. Er flehte den Himmel und die Hölle an, ihm die Möglichkeit zu bieten, Patana für das an ihm begangene Verbrechen mit aller Härte zu bestrafen.

Bingo Celentano, der die ganze Zeit mit seiner Walther auf Kowalski gezielt hatte, wies mit dem Kinn nun auf die Tür. „Mach sie auf und steig aus, Mel.“

Kowalski versuchte sich mit den Soldati zu arrangieren. Er bot ihnen einen Haufen Geld. Geld, das er ihnen zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgenommen hätte, doch Sevardo und Celentano waren nicht bestechlich.

„Trag dein Schicksal wie ein Mann“, sagte Sevardo hart. „Steig aus, Mel. Es gibt keinen mehr, der noch etwas für dich tun könnte.“

Doch! Einen gibt es noch!, dachte Kowalski aufgeregt. Ich selbst bin das. Noch bin ich nicht geschlagen. Noch hat mir keine von euren verfluchten Kugeln das Leben genommen. Noch besitze ich meinen Hass und den Willen, Rache zu nehmen, und weder ihr, noch sonst jemand wird mich davon abhalten können.

Er tat so, als würde er sich in sein Schicksal ergeben, als hätte er die Ausweglosigkeit seiner Lage erkannt und würde endgültig resignieren.

Es gelang ihm, durch Gestik und Mimik die Soldati zu täuschen.

Er machte auf sie einen geknickten, erledigten Eindruck, als er müde nach dem Türgriff langte. Er seufzte schwer. Vorne öffnete Alfredo den Wagenschlag. In dem Augenblick, wo der Soldato seinen Fuß auf den Boden setzte, handelte Mel Kowalski.

Er zuckte herum.

Die lädierte Schulter schmerzte sofort höllisch, doch er biss die Zähne zusammen und ignorierte den Schmerz. Wenn das Leben in Gefahr ist, verliert die schlimmste Qual ihre Bedeutung.

Aus der Drehung heraus schlug er zu. Seine Handkante traf Bingo Celentano. Der Soldato röchelte und sackte zur Seite. Er verlor augenblicklich die Besinnung. Die Walther entfiel seiner Hand. Kowalski ergriff sie, stieß die Tür auf und ließ sich nach draußen fallen. Alles in allem ging es so schnell, dass Alfredo Sevardo kaum mit dem Denken mitkam.

Jetzt stieß er einen wütenden Fluch aus.

Seine Hand zuckte zur Waffe, doch zu spät.

Mel Kowalski rollte über den Boden und feuerte kurz hintereinander zweimal.

Sevardo schrie getroffen. Die zweite Kugel hob ihn aus. Er kippte nach hinten und landete mit dem Kreuz auf der Motorhaube des Chrysler. Von dort glitt er langsam nach unten. Ein dünner Blutfaden sickerte aus seinem Mund. Seine Beine knickten ein. Er fiel um ... tot.

Mel Kowalski erhob sich. Ein triumphierendes Grinsen lag auf seinem Gesicht. „Ihr Idioten! Dachtet ihr wirklich, mit Mel Kowalski fertig werden zu können?“

Bingo Celentano regte sich im Fond. Kowalski begab sich zu ihm. Der Soldato riss erschrocken die Augen auf, als er in die Mündung seiner eigenen Kanone blickte. „Komm raus, Bingo!“, sagte der Killer frostig.

Der Mafioso glotzte verstört. „Dio mio, Mel, du wirst doch nicht ...“

„Raus aus der Blechschleuder!“, bellte Kowalski ungehalten.

Celentano quälte sich zitternd aus dem Wagen. Er massierte seinen schmerzenden Hals und hob dann langsam die Hände. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Er schwitzte so stark, dass Kowalski es riechen konnte.

„W-wo ist Alfredo?“, stammelte Bingo Celentano.

„Den musste ich umlegen“, antwortete Kowalski mit einem höhnischen Grinsen.

Celentano gluckste: „Hör zu, Mel, das Ganze war nicht meine Idee. Du weißt, wie‘s in der Organisation zugeht. Sergio Patana erteilt einen Befehl, und wir müssen ihn ausführen. Egal, ob uns die Sache unter die Nase geht oder nicht. Patana ist der Boss. Was er anschafft, hat zu geschehen, Mel, das weißt du doch! Du hast ja selbst lange Zeit von ihm Befehle entgegengenommen. Ich hätte unmöglich nein sagen können. Patana wäre wütend geworden und hätte mich noch in derselben Stunde umlegen lassen. Ich war gezwungen, zu gehorchen, Mel, das verstehst du doch, oder?“

Kowalski zeigte die Zähne. „Mann, mir kommen gleich die Tränen. Verdammt noch mal, tu jetzt nicht so, als wär‘s dir lieber gewesen, wenn Patana jemand anders damit beauftragt hätte. Du warst sicherlich ganz versessen darauf, mal wieder unter Beweis zu stellen, was du auf dem Kasten hast. Und woran kann man sich besser messen als an Mel Kowalski, he? Nun, du siehst, dass du nicht mal halb so gut bist wie ich. Alfredo musste das inzwischen auch einsehen!“

Celentanos Miene wurde weinerlich. „Mel, ich flehe dich an, gib mir noch eine Chance.“

„Hättest du mir eine gegeben?“

„Mel. bitte!“

Kowalski zielte auf Bingo. Der Soldato wurde mit dieser enormen Nervenbelastung nicht mehr fertig. Er stieß einen heiseren Schrei aus, der von den Steinbruchwänden als zitterndes Echo zurückkam, wirbelte gleichzeitig herum und fing zu rennen an, ohne zu wissen, wohin er laufen sollte.

Kowalski schenkte ihm fünf Schritte.

Dann schoss er ihn eiskalt in den Rücken!




24


Roberto Tardelli traf in Baltimore ein. Der Zeitdruck, der ihn zu größter Eile anspornte, würde erst zu Ende sein, wenn Mel Kowalski auf Nummer Sicher war. Roberto hastete durch das Flughafengebäude des Friendship Airport und erspähte ein Taxi.

Einige Menschen, die ihm im Weg waren, beiseite schiebend, erreichte er die elektronisch gesteuerte Glastür. Im Augenblick gab es nur noch dieses eine Taxi. Alle anderen waren bereits abgefahren. Roberto eilte darauf zu.

Von rechts schob sich ein dicker, schwitzender Mann auf dasselbe Fahrzeug zu. Er hatte ein knallrotes Gesicht und schnaufte fürchterlich. Links und rechts schleppte er voluminöse Koffer, die beinahe auf dem Boden schleiften.

Der Mann war um zwei Schritte schneller beim Wagen als Roberto. Er stellte umständlich die Koffer ab, holte ein Taschentuch aus dem Jackett und wischte sich die Schweißperlen ab.

Als er dann nach dem Türgriff fassen wollte, hatte Roberto diesen bereits in seiner Hand. Der CC-Agent öffnete den Wagenschlag und schwang sich an dem Dicken vorbei ins Taxi. Das war normalerweise nicht seine Art, deshalb sagte er zu dem Verdatterten: „Tut mir leid.“

„Also ...“, stammelte dieser entrüstet. „Also das ist doch die impertinenteste Frechheit, die mir jemals untergekommen ist!“

Roberto nannte dem Fahrer die Adresse, zu der er gebracht werden wollte. Das Taxi fuhr an.

Roberto bedauerte den Vorfall, aber im Augenblick gab es in dieser Stadt wohl keinen, der es eiliger haben konnte als er.




25


Mel Kowalski ballte grimmig die Rechte. Seine Augen waren ganz schmal. Er setzte sich in den Chrysler der beiden Soldati und lenkte ihn aus dem Steinbruch. Das alles hatte ihm Claire eingebrockt. Die eigene Schwester! Für Mel Kowalski war das der niederträchtigste Verrat, den Claire begehen konnte.

Er erinnerte sich an ihren Blick, als er sie verdroschen hatte. In ihren Augen hatte abgrundtiefer Hass geglitzert. Ihre ganze Haltung danach hatte den Wunsch nach Rache erkennen lassen.

Nun war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.

Nur Claire hatte gewusst, dass er zum Fort McHenry gefahren war. Nur sie konnte Sevardo und Celentano gesagt haben, wo er zu finden war.

Kowalski knirschte mit den Zähnen. „Na warte, du gottverdammte Kanaille. Diesen Verrat kriegst du mit Zinsen und Zinseszinsen zurück.“ Der Killer fing hämisch zu grinsen an. Er stellte sich Claires verstörtes Gesicht vor, wenn er nach Hause kam. Sie rechnete bestimmt damit, ihn nicht mehr wiederzusehen. Um so größer würde ihre Bestürzung sein, wenn er plötzlich in der Tür stand.

Der Killer nagelte das Gaspedal auf dem Wagenboden fest.

Zuerst würde Claire bekommen, was sie verdiente – und dann Sergio Patana. Allein der Gedanke an den Boss von „Black Friday“ reichte aus, um Mel Kowalski rot sehen zu lassen.

In dieser Stunde begann sein Amoklauf!

Er ließ sie nicht zu Wort kommen. Nachdem er die Wohnung betreten hatte, ging er mit aggressiven Schritten auf sie zu. Claire sah die Wut, die sein Gesicht verzerrte und verspürte plötzlich eine heillose Angst vor ihrem Bruder. Sie hatte schlimme Schmerzen. Sevardo und Celentano hatten sie übel zugerichtet, doch das konnte Mel Kowalski nicht sehen. Erst als die Schmerzen unerträglich geworden waren, hatte sie weinend ihre Bereitwilligkeit bekundet, zu reden.

Sie hatte, als die grausamen Kerle ihre Wohnung verlassen hatten, gehofft, dass Mel die Begegnung mit ihnen überleben würde.

Mel hatte überlebt.

Doch nun erkannte Claire, dass sie sich darüber nicht freuen durfte. Er versetzte ihr einen brutalen Faustschlag, der sie zu Boden warf. Sie stieß einen krächzenden Schrei aus.

„Mel ...“

„Das hast du dir so gedacht, du verdammtes Biest!“, fauchte Kowalski.

„Mel, ich konnte nicht ...“

„Dreckige Verräterin!“

„Mel, ich bitte dich, hör mich an!“

Kowalskis Gesicht schien zu einer Wachsmaske zu erstarren. In seinen Augen war ein gefährliches Glitzern. Er ließ seine Hand in die Hosentasche gleiten, und gleich darauf zog er ein Springmesser heraus. Als die Klinge aufschnappte, wusste Claire, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte.

Diese schreckliche Erkenntnis zwang sie, gellende Hilfeschreie auszustoßen!




26


Roberto hörte die Schreie und jagte die Treppe wie von tausend Teufeln gehetzt nach oben. Er rammte seinen Fuß gegen die Tür, nachdem er die Luger aus der Schulterhalfter gerissen hatte. Die Tür schwang zur Seite.

Roberto überblickte die Situation mit einem einzigen Blick.

Ein Mädchen lag auf dem Boden. Claire Kowalski. Sie schrie sich ihre Todesangst mit vollen Lungen von der Seele. Mel Kowalski stand über ihr. Er hatte ein Messer in seiner Rechten und wollte in dem Moment zustechen, wo die Tür gegen die Wand donnerte.

„Stopp, Kowalski!“, schrie Roberto Tardelli schneidend.

Er machte einen Sprung vorwärts.

Der Killer zuckte wie unter einer Serie von Faustschlägen zusammen. Er richtete sich aus seiner geduckten Haltung langsam auf, entspannte sich, drehte sich um, sah Roberto Tardellis entschlossene Miene und ließ das Messer wortlos fallen.

Roberto verlangte von ihm, er solle das Messer mit dem Fuß ein Stück zur Seite schieben.

Mel Kowalski kam dieser Aufforderung unverzüglich nach.

Claires Geschrei war verstummt Sie lag heftig zitternd und laut schluchzend auf dem Boden. Sie war nicht imstande, sich zu erheben. Ihr Bruder! Ihr eigener Bruder hatte sie ermorden wollen. Das ging in ihren pochenden Kopf einfach nicht hinein.

Roberto und Kowalski sahen einander lauernd an. Voll brennender Ungeduld hatte Roberto diesen Moment herbeigesehnt. Nun war er da.

„Diesmal“, sagte der COUNTER CRIME-Agent hart, „müsstest du zaubern können, um noch mal davonzukommen!“




27


Es war irre, aber es passierte. Roberto Tardelli war felsenfest davon überzeugt, dass Mel Kowalski keine Chance mehr hatte. Der CC-Agent war kein blutiger Anfänger. Er wusste, wie man sich in solchen Situationen zu verhalten hat, und es stand für ihn fest, dass für Mel Kowalski ab diesem Augenblick der Ofen aus war.

Wie hätte er auch ahnen sollen, dass ausgerechnet die Polizei dem Killer zu Hilfe kommen würde. Ausgerechnet die Polizei!

Zwei Cops kamen die Treppe hochgeschnauft. Die Leute im Haus hatten, als sie die Hilfeschreie des Mädchens vernahmen, die Polizei angerufen. Nun wollten die beiden Uniformierten mit schussbereiten Waffen schnellstens für Ordnung sorgen.

Sie verstanden die Situation so falsch, wie sie nur verstanden werden konnte.

Da lag ein Mädchen auf dem Boden, ein Mann stand mit erhobenen Händen neben ihr – und ein anderer Mann hielt die beiden mit seiner Luger in Schach.

Mel Kowalski bewies, dass er phänomenal zu reagieren wusste. Der Killer erkannte urplötzlich, dass die Bullen nicht die richtigen Schlüsse zogen. Er verwandelte diesen Irrtum augenblicklich zu einem riesigen Vorteil für sich, indem er krächzte: „Lieber Himmel, zu Hilfe!“

Die Dienstwaffen der Cops richteten sich auf Roberto, der vor Wut zu kochen anfing.

„Pass auf, Junge, du lässt jetzt auf der Stelle die Luger fallen!“, schnarrte der eine Cop.

„Er ... er ist in unsere Wohnung eingedrungen!“, rief Kowalski. Der Killer spielte den Verstörten so gut, dass die Cops auf ihn einfach hereinfallen mussten. „Er wollte meine Schwester und mich umbringen. Ich weiß nicht, weshalb. Er muss verrückt sein.“

„Wird‘s bald?“, hörte Roberto dieselbe Stimme noch einmal schnarren. „Trenn dich von deiner Kanone, sonst kann ich für deine Sicherheit keine Garantie übernehmen!“

„Hören Sie, ich ...“, wollte Roberto beginnen.

„Erst die Waffe weg.“

Roberto ließ die Luger fallen. Der Cop nahm sie an sich. In Kowalskis Augen war ein triumphierendes Flackern.

„Arme auf den Rücken!“, befahl der zweite Cop.

Roberto hörte Handschellen klimpern. „Sie verkennen die Situation!“

„Natürlich. Du wolltest den beiden nur mal zeigen, was du für eine schöne Luger hast. Konntest ja nicht wissen, dass das Mädchen gleich vor Schreck umfallen würde, nicht wahr?“, meinte der Polizist. Roberto wurden die Arme nach hinten gerissen, und dann machten die Achterspangen – klick. Darüber amüsierte sich Mel Kowalski. Doch das fiel leider nur Roberto Tardelli auf.

Roberto versuchte den Cops die Lage zu erklären, doch sie ließen ihn nicht zu Wort kommen. Sie rieten ihm, alles, was er sagen wollte, auf dem Revier vorzubringen, und sie baten Mel Kowalski – welche Ironie –, als Zeuge mitzukommen.

Der Killer erklärte sich damit selbstverständlich sofort einverstanden. Er bat die Uniformierten, sich nur noch schnell etwas aus dem Schlafzimmer holen zu dürfen.

Roberto warnte die Cops.

Er sagte ihnen, wenn sie das zuließen, würden sie Kowalski nie mehr wiedersehen.

Der Killer bekam ihre Erlaubnis trotzdem.

Mel Kowalski stieg im Schlafzimmer aus dem Fenster, tänzelte über den schmalen Sims davon – und kam nicht mehr wieder, wie Roberto Tardelli es prophezeit hatte.

Wenn jemand Roberto erklärt hätte, dass die Polizei Mel Kowalski einmal die Flucht ermöglichen würde, hätte er den Mann für verrückt gehalten. Doch die Wirklichkeit hatte gezeigt, dass alles möglich war.




28


Nachdem Kowalski aus dem Schlafzimmer nicht wiedergekommen war, war es Roberto gelungen, die Polizisten zu überreden, ihn eine COUNTER CRIME-Kontaktstelle in Baltimore anrufen zu lassen. Auf diese Weise konnten die herrschenden Unklarheiten schnellstens beseitigt werden.

Die Cops nahmen Roberto zerknirscht die Handschellen ab und gaben ihm, sich mehrmals entschuldigend, die Luger zurück. Sie baten ihn, zu versuchen, sie zu verstehen. Bei ihrem Eintreffen hatten sich drei Personen in dieser Wohnung befunden. Er, Roberto, sei als einziger bewaffnet gewesen ...

Claire, die endlich wieder imstande war, etwas zu sagen, bestätigte, was Roberto Tardelli den Polizisten erklärt hatte.

Einer der beiden Cops eilte zum Streifenwagen hinunter, um zu veranlassen, dass nach dem flüchtigen Killer gefahndet wurde.

Claire Kowalski saß erledigt im Sessel. Sie konnte nicht fassen, dass ein einziger Tag soviel Schmerzen und Schrecknisse bringen konnte,

Der nächste Schock traf sie mit der Wucht eines Keulenschlages, als Roberto Tardelli ihr eröffnete, dass ihr Bruder ein Berufskiller war.

Schleppend erzählte Claire von Sevardos und Celentanos Besuch. Als sie davon sprach, wie die Soldati sie zum Reden gezwungen hatten, fing sie wieder zu weinen an.

„Ich musste ihnen sagen, wo Mel war. Ich hielt diese entsetzlichen Schmerzen einfach nicht mehr aus“, schluchzte das Mädchen. „Als Mel vorhin zurückkam, wollte er mich für diesen Verrat bestrafen.“

Für Roberto stand fest, dass Kowalski die beiden Folterknechte umgelegt hatte.

Der Killer hatte somit das getan, was die Mafiosi mit ihm vorgehabt hatten. In wessen Auftrag?

Beinahe schien es, als könne Claire Gedanken lesen, denn sie erzählte, Mel Kowalski habe gesagt, dass er zuerst sie umbringen und dann Sergio Patana in New York über die Klinge springen lassen würde. Keiner dürfte ungestraft ein Todesurteil über ihn verhängen.

Patana in New York!

Roberto war sofort beim Telefon. Er rief den Friendship Airport an und fragte, wann die nächste Maschine nach New York flog.

Er erfuhr, dass soeben ein Jet gestartet war – und das nächste Flugzeug würde erst in vier Stunden abgehen.

Roberto blickte auf seine Uhr. Mit ein bisschen Glück hatte Mel Kowalski den eben gestartete Vogel noch erreichen können. Das bedeutete für den Mafiajäger, dass er schnellstens nach New York musste. Vier Stunden Wartezeit waren einfach zu viel. Er wusste, wie er dieses Problem lösen könnte. Ein zweiter Anruf bei der COUNTER CRIME-Kontaktstelle war nötig. Roberto schilderte dem Mann am anderen Ende der Leitung seine Situation, und der Knabe wusste augenblicklich Rat.

Es gab in Baltimore eine von COUNTER CRIME erst kürzlich gegründete Tarnfirma. Roberto bekam ein Codewort, das er dort nennen musste, dann würde ihm helfend unter die Arme gegriffen.

Und so war es tatsächlich.

Zwanzig Minuten später saß der Mafiajäger bereits in einem Jet jener Firma und war nach New York unterwegs. Der Pilot – ebenfalls ein Mann von COUNTER CRIME – händigte ihm einen kleinen Umschlag aus. Roberto fand darin alle nötigen Hinweise, die den derzeitigen Sitz von „Black Friday“ betrafen. Es gab zahlreiche Fotos von dem noblen Herrschaftssitz auf Long Island, aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen. Es waren sogar mehrere Luftaufnahmen dabei, an Hand derer sich Roberto Tardelli, während er in achttausend Meter Höhe New York entgegen raste, orientieren konnte.




29


Soviel Glück muss der Mensch erst mal haben!, dachte Mel Kowalski amüsiert. Er hielt es für den irrsten Witz in seiner Karriere, dass ihm die Bullen aus der Klemme geholfen hatten. Wenn die Cops nicht aufgetaucht wären, wäre er diesmal dran gewesen. Glück, zugegeben. Aber Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige, und Mel Kowalski hielt sich für ganz besonders tüchtig. Das wollte er sich und Sergio Patana in wenigen Minuten beweisen.

Kowalski hatte das große Grundstück bereits betreten.

Er spielte mit dem Gedanken, „Black Friday“ zu übernehmen, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass diese Unterorganisation der Mafia keinen Kopf mehr hatte. Vielleicht war es ihm möglich, sich mit den Dons zu arrangieren. Sie kannten ihn und wussten, dass er ein fähiger Mann war. Dass er Sergio Patana über den Jordan geschickt hatte, würden sie ihm bestimmt nachsehen. Schließlich war Patana nur eine Figur, die jederzeit durch eine andere ersetzt werden konnte.

Patana! Kowalski hatte ein dumpfes Hämmern in seinem Schädel, wenn er an diesen Mann dachte.

Seine Rache würde schrecklich sein.

Patana würde sich noch in dieser Stunde wünschen, niemals geboren worden zu sein.

Mel Kowalski huschte an Rhododendronsträuchern vorbei. Eine kalte Glut war in seinen Augen. Noch nie war er vom Wunsch zu töten, so besessen gewesen wie heute.

Die anderen Male war es ein Job gewesen, den er eiskalt für Geld erledigt hatte. Diesmal war es jedoch ein persönliches Anliegen.

Sergio Patana fühlte sich hier so sicher, dass er es nicht für nötig hielt, Wachen zu postieren.

Kowalski erreichte das große alte Gebäude, hinter dem der stahlblaue Long Island Sound glänzte.

Er näherte sich dem Hintereingang des Hauses. Plötzlich vernahm er Schritte. Sofort zog er sich in eine schattige Mauernische zurück. Ein schwarzhaariger Bursche mit dunklem Teint kam auf ihn zu. Ahnungslos. Mel Kowalski kannte ihn. Das war Aldo Fassa. Der Kerl war bereit, sich für Sergio Patana jederzeit in Stücke reißen zu lassen.

Kowalski wartete auf den richtigen Moment.

Fassa schob die Hände in die Hosentaschen. Er erreichte die Mauernische. Wie vom Katapult geschleudert flog ihm Mel Kowalski entgegen. Der Mafioso kam nicht einmal dazu, die Hände aus den Taschen zu ziehen. Ein gewaltiger Faustschlag streckte ihn nieder. Kowalski durchstöberte die Taschen des Ohnmächtigen und fand einen klobigen Schalldämpfer sowie eine funkelnagelneue Beretta.

Kowalski vergewisserte sich, dass die Waffe geladen war. Dann schraubte er den Schalldämpfer auf und erledigte Fassa aus kurzer Distanz. Er musste verhindern, dass ihm Aldo Fassa zu einen späteren Zeitpunkt Schwierigkeiten machen konnte.

Nachdem der Killer den Toten hinter Büsche verborgen hatte, wollte er das Haus betreten.

Da wurde die Hintertür aufgerissen, und ein bulliger Kerl trat aus dem Gebäude. Mel Kowalski ließ ihn in die schwarze Öffnung des Schalldämpfers sehen. Der Mann wurde blass.

„Mel ...“

„Erstaunt, mich wiederzusehen, wie? Hat der Boss bereits überall herumerzählt, Mel wäre abgetreten?“

„Mel, tu um Himmels willen die Kanone weg. Sie könnte losgehen.“

Kowalski lachte knurrend. „Ich würde das bestimmt nicht bedauern.“

„Ich bin dein Freund, Mel!“

„Ich habe keine Freunde!“

„Madre mia, was hast du vor?“

„Ich werde Patana umlegen. Ist er im Haus?“

„Ja.“

„Wer noch?“

„Außer ihm nur noch Tazzi. Alle anderen sind mit Aufträgen unterwegs.“

Kowalski nickte. „So wie Sevardo und Celentano.“

„Mel, ich steh hundertprozentig hinter dir, wenn der Boss nicht mehr ist.“

Kowalski schüttelte gleichmütig den Kopf. „Hab keine Verwendung für dich. Tut mir leid.“ Dann schoss er. Er kannte den Burschen zu gut. Auf ihn hätte er sich niemals verlassen können.

Hastig betrat der Killer das Gebäude. Kühle umfing ihn. Und Stille. Irgendwo tickte eine Uhr. Das dumpfe Gemurmel von Stimmen war zu hören. Trügerischer Friede herrschte im Haus. Kowalski eilte durch die große Halle, auf die Tür zu, hinter der sich Sergio Patanas Arbeitszimmer befand. Dort redete der Boss mit Umberto Tazzi.

Als er die Tür fast erreicht hatte, näherten sich ihr Schritte. Gleich darauf wurde sie geöffnet, aber da stand Kowalski bereits hinter einer dicken Marmorsäule. Das Mädchen auf dem gegenüberliegenden Gobelinbild schien ihm interessiert zuzusehen. Tazzi schloss die Tür hinter sich.

Jetzt war Sergio Patana allein in seinem Arbeitszimmer.

Kowalski konnte den Moment kaum noch erwarten, wo er dem Boss von „Black Friday“ gegenüberstehen würde.

Tazzi durchmaß die Halle mit großen Schritten.

Kowalski ließ den Mafioso an sich vorbei und machte dann: „Pst! He, Umberto!“

Tazzi wandte sich schnell um und erstarrte. Sein Blick war nicht auf Kowalskis Gesicht, sondern auf dessen Pistolenhand gerichtet.

„Mel, mach keinen Quatsch!“, presste Tazzi mühsam hervor. Er hob die Hände, um dem Killer zu zeigen, dass er nicht die Absicht hatte, ihn anzugreifen. „Mensch, Mel, dreh nicht durch. Es kommt alles wieder ins rechte Lot.“

„O ja, das kommt es“, zischte Kowalski gefährlich. „Aber das wirst du nicht mehr erleben!“

Diese Worte waren für Tazzi Grund genug, es wenigstens zu versuchen. Seine Rechte schob sich ins Jackett und blieb da, denn Kowalski zog augenblicklich den Stecher durch.

Nun gab es keine weitere Hürde mehr, die Mel Kowalski überwinden musste. Der Weg zu Sergio Patana war frei.

Der Killer stürmte mit grimmiger Miene in Patanas Arbeitszimmer. Der Boss von „Black Friday“ saß an seinem antiken Schreibtisch und legte fassungslos den Kugelschreiber weg.

„Von dem Moment an, wo Sevardo und Celentano mich in dem Steinbruch außerhalb von Baltimore erledigen wollten, bis zu diesem Augenblick habe ich nur noch dafür gelebt, Sergio“, zischte Mel Kowalski mit hassverzerrtem Gesicht, und Patana wusste, dass sich nur noch wenige Körnchen in seiner Sanduhr befanden, dann war sein Leben zu Ende.




30


Roberto Tardelli entdeckte einen Toten vor der Hintertür und den zweiten in der Halle. Mit entsicherter 38er lief er auf die offenstehende Tür des Arbeitszimmers zu. Dort redete Kowalski. Die geräuscharmen Kreppsohlen an Robertos Schuhen verhinderten, dass der Killer ihn vorzeitig kommen hörte. Gleich würde es zur dritten und letzten Begegnung mit Mel Kowalski kommen. Die Ereignisse von Miami Beach, Chicago und Baltimore schwirrten durch Roberto Tardellis Kopf. Es waren viele bedauerliche Dinge passiert, doch nun wollte der Mafiajäger hinter all diese Geschehnisse einen dicken Schlusspunkt setzen.

Roberto glitt in Patanas Arbeitszimmer.

Der Boss von „Black Friday“ saß leichenblass an seinem Schreibtisch.

Mel Kowalski stand davor. Er hielt eine Beretta mit Schalldämpfer in seiner Rechten.

Ein Mann ohne Gewissen hätte zuerst den Killer tun lassen, weswegen er in dieses Haus gekommen war und hätte erst anschließend eingegriffen. Doch Roberto widerstrebte es, Patanas Leben zu opfern, obgleich dieser Mann für den Tod vieler Menschen verantwortlich war.

Roberto war kein Richter.

Patana würde seine Strafe bekommen – aber von einem ordentlichen, vom amerikanischen Volk autorisierten Gericht!

Ein kurzes Zucken in Patanas Augen, ein kleiner Hoffnungsschimmer verrieten dem wachsamen Killer die Anwesenheit des Mafiajägers. In keiner anderen Situation wäre Roberto Tardelli dem Boss von „Black Friday“ so willkommen gewesen wie jetzt.

Patana wagte aufzuatmen, denn er glaubte, sein Leben nunmehr behalten zu dürfen. Alles andere war nicht so schlimm. Das konnte eventuell noch geregelt werden. Ein Schuss aus der Beretta hingegen war eine unwiderrufliche Angelegenheit.

Kowalski verschraubte den Körper.

Er drehte sich halb zu Roberto Tardelli um. „Du schon wieder? Verdammt, wie hast du das so schnell geschafft?“

„Schon mal was von einem fliegenden Teppich gehört? Ich besitze einen“, erwiderte Roberto, während er den gefährlichen Killer keine Sekunde aus den Augen ließ. „Lass die Waffe fallen, Kowalski!“

Der Vertragskiller von „Black Friday“ grinste. „Eine ähnliche Situation hatten wir schon mal.“

„Zum Unterschied dazu wirst du es diesmal nicht mehr schaffen, Kowalski. Diesmal kommen dir ganz bestimmt keine Cops zu Hilfe.“

Kowalski lachte. „Das war ein Gag, was?“

„Die Kanone, Mel!“, sagte Roberto ernst.

„Noch nicht. Erst lege ich dieses Schwein um.“

„Das wirst du nicht tun!“, knurrte Roberto.

„Er wollte mich killen lassen!“, schrie Kowalski wütend.

„Du willst dich an ihm rächen?“

„Ist das nicht ein verständlicher Wunsch?“

„Okay, du sollst deine Rache haben, Mel“, sagte Roberto eindringlich. „Sag gegen ihn vor Gericht aus. Du weißt verdammt viel über ihn und seine verdammte Organisation. Mit deinem Wissen kannst du Patana fix und fertig machen!“

Kowalski überlegte. Er schien alle Für und Wider von Roberto Tardellis Vorschlag gewissenhaft abzuwägen.

In Wirklichkeit dachte der Killer jedoch keine Sekunde daran, Robertos Angebot zu akzeptieren. Hier bot sich ihm die einmalige Möglichkeit, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Er konnte Patana und Tardelli erledigen.

Dann hatte er seine Rache – und frei war er außerdem.

Im anderen Fall wäre er nämlich genauso ins Zuchthaus gewandert wie der Boss von „Black Friday“. Da sich dies mit zwei schnellen Kugeln bestens regeln ließ, dachte Kowalski nicht im Traum daran, sich zu ergeben.

Aber er tat so, als gefiele ihm Robertos Vorschlag. „Wie viel kriegt er, wenn ich auspacke?“, wollte der Killer wissen. Gespannt wartete er auf seine Chance. Sie würde kommen, davon war er überzeugt, und dann würde er sich seine Rache und die Freiheit holen.

„Lebenslänglich“, sagte Roberto Tardelli.

„Und wie viel wird man mir aufbrummen?“

„Das kommt darauf an, was du alles über die Mafia zu erzählen weißt.“

Kowalski griente. „Oh, eine ganze Menge.“

„Dann wird man eventuell mit einem Handel einverstanden sein. Du bist zwar nicht gerade ein kleines Licht, aber wenn du‘s schaffst, ein paar großen Bossen ein Bein zu steilen, wird man verschiedene Punkte aus der Anklageschrift eliminieren.“

„Eine Hand wäscht die andere, eh?“

„So ist es“, bestätigte Roberto. „Darf ich dich daran erinnern, dass du dich von deiner Kanone immer noch nicht getrennt hast?“

Kowalski nickte.

Roberto war auf der Hut. Diesem gefährlichen Killer hätte er nicht einmal dann getraut, wenn er vor ihm im Sarg gelegen hätte. Mel Kowalski hatte noch nicht aufgegeben. Das bekundete die Beretta in seiner Hand, die er nicht hergeben wollte.

Das Gespräch diente Kowalski anscheinend nur dazu, um Roberto einzulullen, ihn in Sicherheit zu wiegen.

Die Spannung im Raum verdichtete sich.

„Ich warte!“, sagte Roberto bohrend.

Kowalski nickte wieder. „Okay, Tardelli. So machen wir‘s. Wir hauen Sergio Patana in die Pfanne!“

Er griff mit der Linken nach dem Schalldämpfer, als wollte er die Beretta aus seiner Hand lösen und sie mit dem Kolben voran Roberto entgegenhalten. Dabei seufzte er schwer.

Doch bevor sich die Finger seiner rechten Hand öffneten, schlug auf Sergio Patanas Schreibtisch das Telefon an. Mel Kowalski dachte, die schrille Klingel würde Roberto genügend ablenken, damit er seinen Plan blitzschnell in die Tat umsetzen konnte.

Sofort ließ die Linke den Schalldämpfer wieder los.

Die Beretta schwang in Gedankenschnelle herum. Sergio Patana riss entsetzt die Augen auf.

„Kowalski!“, brüllte Roberto. Es nützte nichts.

Die Beretta hatte bereits Feuer gespien und zuckte schon in Roberto Tardellis Richtung. Eine kaum messbare Zeitspanne entschied über Tod und Leben. Mel Kowalski war unvorstellbar schnell. Erst jetzt erschlaffte Patanas Körper. Der Boss von „Black Friday“ sackte zur Seite und fiel vom Stuhl.

Roberto Tardelli hasste Situationen wie diese, aus denen es nur einen einzigen Ausweg gab.

Er war gezwungen, schneller zu schießen als Mel Kowalski. Er musste den Mann so treffen, dass er ihm nicht mehr gefährlich werden konnte.

Robertos Luger krachte um den lebenserhaltenden Sekundenbruchteil früher als Kowalskis Beretta. Die Zeit hatte nicht gereicht, um einen gezielten Schuss abzufeuern.

Mel Kowalski hatte es erzwungen.

Seine Pistole nieste, aber der Schuss ging in die Decke. Verstört starrte der Killer auf das Loch in seiner Brust, aus dem nun dunkelrotes Blut zu fließen begann. Der Stoff seines Hemdes saugte die klebrige Flüssigkeit wie ein Löschblatt auf. Der rote Fleck wurde schnell größer.

Kowalski hielt sich krampfhaft auf den Beinen. Er wollte die Beretta noch einmal auf Roberto Tardelli richten, doch er hatte nicht mehr die Kraft, die Waffe zu heben.

Ächzend fiel er auf die Knie.

Dann kippte er nach vorn und fiel aufs Gesicht. Roberto eilte zu ihm und drehte den Sterbenden auf den Rücken. Er nahm ihm die Beretta aus den vibrierenden Fingern.

„Tardelli, du verdammtes Aas!“, gurgelte der Killer hasserfüllt. „Eines Tages wird es einer schaffen. Dann – dann sehen wir uns wieder. Ich geh jetzt nur voraus!“

Er seufzte ein letztes Mal. Dann war es vorbei mit ihm. Er hatte seine Rache bekommen, aber sein Leben verloren.

Roberto richtete sich auf. Er dachte an Mel Kowalskis Worte, und er hoffte, dass der Vertragskiller des „Black Friday“ damit nicht recht behielt.

ENDE




Der Killer und sein Zeuge


Thriller von Alfred Bekker

Die Hauptpersonen des Romans:

Thomas Hansen - ein Gebrauchtwagenhändler.

Katja Hansen - seine Frau.

Marc Hansen - sein Sohn, der Mühe haben wird, das Abi zu schaffen.

Kalli Radowski - sein angestellter Kfz-Meister.

Heiner Mahn - ein Azubi im Autohaus Hansen.

Jörn Brandes/Der Anrufer - kommt aus Thomas düsterer Vergangenheit im Dienst der Stasi.

Bremshey - ein Kriminalbeamter.

Grameier - seine Verstärkung.

Polizist - er muss eine schlechte Nachricht überbringen.




1


Bartels machte ein grimmiges Gesicht und lief rot an. Jörn knallte noch schnell den Hörer auf die Gabel, aber es war zu spät.

"Hören Sie...", fing Jörn Brandes ziemlich schwach an und hob dabei abwehrend die Hände.

"Nein, jetzt hörst du mir zu, Bürschchen! Und zwar Wort für Wort, klar?"

Was für eine Frage? Jörn wusste nur zu gut, dass er überhaupt keine andere Wahl haben würde, als seinem Arbeitgeber zuzuhören, wollte er den Job behalten. Er holte tief Luft, während Bartels den Verkaufstresen des kleinen Ladens für Surfzubehör umrundete.

"Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du Privatgespräche von diesem Apparat aus führst, dann bist du draußen! Kapiert?"

"Ja...", murmelte Jörn

"Schreib dir das hinter die Ohren!"

"Kommt nicht wieder vor."

Bartels machte eine wegwerfende Handbewegung und lachte heiser.

"Ja, das hast du beim letzten Mal auch gesagt!", versetzte er gallig.

"Ehrlich!", erwiderte Jörn.

Er kannte Bartels gut genug, um zu wissen, dass sich sein Zorn wieder legen würde, wenn man ihm keinen Widerstand entgegensetzte.

Bartels kratzte sich auf seiner Halbglatze. Dann nahm er die Rechte und hielt Jörn den Zeigefinger ziemlich dicht unter die Nase. Ein Zeichen dafür, dass es wirklich ernst war, soviel wusste Jörn.

"Ich habe dir eine Chance gegeben, Jörn!"

"Ja, ich weiß..."

"Ja, aber zu schätzen weißt du es nicht, verdammt noch mal!", schrie Bartels dann plötzlich los.

Gut so!, dachte Jörn. Er lässt Dampf ab! Vielleicht würde würde der Anfall dann schneller zu Ende gehen!

"Herr Bartels, ich weiß sehr wohl, was Sie für mich getan haben!", murmelte Jörn kleinlaut in eine Pause hinein.

Bartels stemmte seine kurzen, kräftigen Arme dorthin, wo vor vielen Jahren sicherlich mal so etwas wie eine Taille gewesen war, schüttelte stumm und mit hervorquellenden Augen den Kopf und meinte dann schließlich in gedämpftem Tonfall: "Jörn, ich bin ein gutmütiger Kerl, aber jede Gutmütigkeit hat ihre Grenzen, verstehst du?"

"Sicher."

"Und bei mir ist die Grenze jetzt erreicht."

"Herr Bartels..."

"Wenn ich dich irgendwann noch einmal mit dem Hörer in der Hand erwische, dann fliegst du in einem so hohen Bogen, dass du es dir jetzt vielleicht noch gar nicht vorstellen kannst!"

Jörn nickte.

"Ich sagte ja: Es kommt nicht wieder vor."

Bartels nickte jetzt auch, schien aber alles andere als überzeugt. Dafür kannte er Jörn zu genau.

"Die neuen Surfanzüge hast du auch noch nicht richtig ausgezeichnet! Ich frage mich, was du hier die ganze Zeit eigentlich so machst - außer Telefonieren, natürlich!", kartete Bartels dann noch nach. Aber das klang schon viel versöhnlicher. Fast schon freundlich.

Gott sei Dank!, dachte Jörn. Das wäre mal wieder überstanden.

"Ich gehe dann sofort an die Anzüge!", beeilte er sich.

"Möchte ich dir auch geraten haben."

Einen Augenblick später war Jörn dann bei dem Ständer mit den Surfanzügen und klebte Preisschilder auf. Aber mit den Gedanken war er nur halb dabei.

Bartels fragte: "Mit wem hast du denn diesmal telefoniert?"

"Niemand Wichtiges!"

"Wieder eine Nummer in den neuen Bundesländern?"

"Nein, ein Ortsgespräch", log Jörn.

"Sag mal...", druckste Bartels plötzlich herum.

"Ja?"

"Hast du irgendwie Probleme oder so?"

Jörn schüttelte den Kopf.

"Nein, warum?"

"War ja nur eine Frage."

"Es geht mir gut."

"Na, dann..."

"Wirklich!"

Bartels nickte nachdenklich. "Wenn was ist, dann kannst du es mir sagen, das weißt du!"

"Ja."

Bartels wollte sich umdrehen und in Richtung des Lageraums gehen, aber Jörns Stimme ließ ihn innehalten.

"Herr Bartels..."

"Ja?"

"Vielleicht kein günstiger Moment, um damit zu kommen, aber..."

Bartels seufzte. "Na, komm schon, auf den Tisch damit!"

"Ich bräuchte dringend etwas Urlaub!"

"Schon wieder?"

"Ja."




2


"Nein!"

"Jörn!"

"Nein!"

"Wach doch auf, verdammt noch mal!"

Er war schweißgebadet und als er jetzt die Augen aufmachte, wirkte er, als wäre er geradewegs von einem Besuch in der Hölle zurückgekehrt.

"Es ist alles gut", sagte Lisa und atmete dabei hörbar auf.

"Du hast nur wieder geträumt!"

Jörn nickte langsam, fast wie in Trance. Dann fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und setzte sich auf.

"Wieder ein Alptraum?", fragte sie.

"Ja."

"Du hast lange keine mehr gehabt! Wie kommt es, dass sie jetzt wieder da sind?"

Jörn lächelte matt.

Du hast sie nur nicht bemerkt, Lisa!, dachte er bitter.

Aber sie waren nie fort, diese Träume. Nie!

Er fragte: "Wie spät ist es?"

"Zehn Uhr."

Er sprang auf und fing an, sich anzuziehen.

"Was ist los?", fragte sie kopfschüttelnd. "Welche Tarantel hat dich jetzt gestochen, wenn ich mal fragen darf!"

Sein Blick sagte: Du darfst aber nicht fragen!

Sein Mund formulierte das eine Spur freundlicher.

"Ich habe eine Menge zu tun", sagte er lakonisch. Mit den Gedanken schien er sehr weit weg zu sein.

Sie runzelte die Stirn und strich sich das gelockte Haar zurück. "Du hast Urlaub!", sagte sie.

Als er sich das Hemd zuknöpfte, sah er sie plötzlich an und meinte, wie beiläufig: "Ich bin noch nicht dazu gekommen, mit dir darüber zu reden..."

In Ihre Stimme mischte sich jetzt ein misstrauischer Unterton. "Wovon sprichst du eigentlich?"

"Ich fahre einige Zeit weg."

"Schön, das ich das auch mal erfahre!"

"Ich sag's dir ja jetzt", meinte er schulterzuckend.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

"Und wie lange diesmal?"

Er zuckte die Achseln.

"Ich weiß noch nicht...", murmelte er abwesend und fuhr sich dann mit der flachen Hand über das Gesicht.

"Und wahrscheinlich hast du auch nicht vor, mir zu sagen, wo es hingeht."

Er zuckte die Achseln und schien nach den passenden Worten zu suchen. Er fand sie nicht. Stattdessen sagte dann Lisa etwas.

"Was denkst du dir eigentlich? Wir leben zusammen, aber du lässt mich nicht wirklich an deinem Leben teilhaben!"

Er wich ihrem Blick aus. "Red' nicht so einen Unfug!"

"Ist doch wahr!"

"Es wird nicht lange dauern. Eine Woche vielleicht."

Sie seufzte. "Es ist irgend etwas Krummes, worin du da verwickelt bist, nicht wahr?"

"Quatsch!"

"Und warum sagst du es mir dann nicht?"

Er schwieg.

Und sie sagte: "Na, also!"

"Es ist anders, als du denkst", erwiderte er schwach.

"Außerdem..."

Sie sah ihn prüfend an.

"Außerdem was?" fragte sie und ihre Stimme

"Ach komm, hör auf!"




3


Als es klingelte, hob Kalli Radowski den Kopf.

"Telefon, wa?", meinte Heiner, der Azubi, während Kalli langsam nickte.

Kalli erhob sich und blickte auf den aufgebockten VW.

"Zieh du die Reifen an", murmelte er und bewegte sich dann in Richtung des unansehnlichen Glaskastens, der dem Autohaus Hansen als Büro diente.

Ein Büro, das seit einer Woche nicht besetzt war, weil die Bürokraft ein Kind bekam. Seitdem regierte hier das vollkommene Chaos.

Es klingelte erneut.

Kalli beeilte sich, stieß die Tür auf, stolperte dann fast über die Rollen des Drehstuhls und war endlich am Ziel.

Er riss den Hörer von der Gabel und ächzte seinen Text herunter: "Hallo? Hier Autohaus Hansen. Kalli Radowski am Apparat. Sie wünschen?""

"Kann ich Herrn Hansen mal sprechen?", krächzte es von der anderen Seiter durch die Leitung.

Kalli atmete erst einmal tief durch und versuchte dabei verzweifelt, die Stimme des Anrufers irgendwo einzuordnen.

Aber es wollte ihm einfach kein Kunde einfallen zu dem sie gepasst hätte.

Auf jeden Fall klang sie recht unzufrieden - und das zusammen mit der Tatsache, dass der Mann den Chef sprechen wollte, konnte eigentlich nur Schlechtes bedeuten. Wahrscheinlich eine Reklamation oder so etwas.

Kalli nutzte die nächsten zwei Sekunden, um sich innerlich zu wappnen.

"Hm... Den Chef?", meinte er gedehnt.

"Ja", meinte der andere mit frostigem Unterton.

Kalli zuckte die Schultern.

"Also... Vielleicht kann ich Ihnen ja auch helfen, Herr...

Wie war nochmal Ihr Name?"

Der Anrufer tat, als hätte er das Letzte nicht gehört.

"Ist Herr Hansen da?", fragte er völlig ungerührt.

"Hören Sie..."

"Ja oder nein?"

Die Stimme des Anrufers hatte Klang von Metall und klirrendem Glas.

Kalli schluckte.

Er gab sich geschlagen, obwohl der Chef ihm die ausdrückliche Order gegeben hatte, Anrufe möglichst von ihm fernzuhalten und selber zu erledigen.

"Also gut, ich seh mal nach...", knurrte er, legte den Hörer auf den unordentlichen Schreibtisch und lief mit zwei Sätzen zur Tür.

"Chef?" Nach kurzer Pause rief er zum zweiten Mal: "Chef?"

"Was ist?", echote irgendwo die genervte Stimme von Thomas Hansen persönlich.

"Ein Anruf!"

"Mach du das, ich hab zu tun!"

"Ich bin ihm nicht gut genug!"

In der Werkstatthalle ließ irgendjemand einen Schraubenschlüssel fallen, ein Geräusch das an dem kahlen Beton mehrfach widerhallte.

"Ich komme!", rief Thomas Hansen.

Und Kalli grummelte indessen halblaut vor sich hin: "Der Kunde ist eben König!" Dann ging er zum Telefon. "Hallo? Noch da?"

"Ja."

So ein arroganter Sack! ging es Kalli dabei durch den Kopf. Aber so war das nun einmal, wenn man etwas verkaufen wollte: Immer freundlich sein, wenn es einem auch noch so sehr stank.

"Der Chef kommt sofort", kündigte Kalli also mit einem geschäftsmäßig höflichen Tonfall an und damit schien der Kerl auf der anderen Seite zufrieden zu sein.

Jedenfalls erwiderte er nichts darauf und das hielt Kalli für ein gutes Zeichen.

Die Tür ging auf und schlug dann mit einem scheppernden Geräusch wieder zu.

"Wer isses?", flüsterte Thomas Hansen, Ende vierzig, kräftig und noch mit vollem Haar, das allerdings in den letzten Jahren einen deutlichen Graustich bekommen hatte.

Kalli flüsterte ebenfalls.

"Keine Ahnung!"

"Wahrscheinlich der Bäumer!", vermutete Thomas. "Dessen Wagen hätte schon letzte Woche fertig sein sollen!"

Kalli grinste.

"Na, dann: Viel Vergnügen!"

Thomas verzog das Gesicht und nahm den Hörer.

"Hallo?"

"Ich geh noch an den Wagen vom Röder, okay?", rief Kalli dazwischen, während er sich zum Gehen wandte.

Thomas nickte knapp.

"Okay!"

Während Kalli das Büro verließ und die Tür hinter zufallen ließ, murmelte Thomas in den Telefonhörer: "Autohaus Hansen. Wer spricht da bitte?"

Pause.

Keine Antwort.

Durch den Hörer war nur das regelmäßige Atmen eines Menschen zu hören.

"Sind Sie noch dran?", fragte Thomas ungeduldig. "Hier spricht Thomas Hansen. Was möchten Sie, bitte?"

Pause.

Nichts geschah. Aber auf der anderen Seite war jemand, daran konnte es keinen Zweifel geben.

Dann machte es klick.

Das Gespräch war zu Ende.

"Seltsamer Kauz!", murmelte Thomas Hansen halblaut zu sich selbst. Es war nicht der erste Anruf dieser Art, den er bekam und er begann sich zu fragen, was das zu bedeuten haben konnte.

Die Tür ging auf.

Heiner kam herein, der schlaksige Azubi. Er kaute auf einem Kaugummi herum und das konnte Thomas Hansen auf den Tod nicht ausstehen. So eine Undiszipliniertheit, ging es ihm durch den Kopf. Zu unserer Zeit...

Aber wen interessierte das noch? Niemanden, wenn man ehrlich war. Aber Thomas Hansen stand heute nicht der Sinn nach Ehrlichkeit. Die war ein Luxus für bessere Tage.

Thomas blickte kurz auf.

"Was ist?

"Also, äh..."

"Kannst du nicht reden oder was?" Thomas verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln und fügte noch hinzu: "Mit dem DING da zwischen den Zähnen ist das auch schwierig, was?"

"Hm."

"Und wenn ich jetzt ein Kunde wäre? Der wär' doch längst über alle Berge bei der Konkurrenz, ehe du das Scheißding so in deinem Rachen platziert hast, dass du was 'rauskriegst!"

Heiner schluckte. Sein Adamsapfel wippte dabei auf und nieder.

Dann sagte er: "Sie sind aber kein Kunde, sondern nur der Chef, woll?"

"Wie wahr", seufzte Thomas. Bei jüngeren Leuten zog er irgendwie immer den Kürzeren. Das war mit seinem Sohn so und auch mit Heiner. Er hatte auch keine Ahnung, woran das lag. Es war einfach so.

Zu meiner Zeit...

Aber er hatte heute nicht die Energie, sich wirklich darüber aufzuregen. Ein lähmender Schatten lag schwer auf seiner Seele und drückte ihn nieder.

Heiner machte mit dem Kaugummi im Mund eine Blase, ließ sie mit einem knall platzen und meinte dann: "Ich fahre zur Pommesbude. Wollen Sie wieder ein halbes Hähnchen, wie immer?"

Thomas schüttelte den Kopf. Er schien gedanklich abwesend zu sein und nur halb hinzuhören.

"Nein", murmelte er.

Heiner runzelte die Stirn.

"Was dann?", fragte er.

"Nichts."

"Was?"

"Ich hab keinen Appetit."

Heiner zuckte die Achseln und machte ein ungläubiges Gesicht.

"Sind Sie krank oder was?

"Hau schon ab und lass mich in Frieden!"

"Ist ja schon gut!"

Heiner wandte sich um, steckte die Hände in die Taschen seines Blaumanns und ging hinaus.

Thomas Hansen sah ihm kurz nach.

Verdammter Mist!, dachte er dabei. So ein gottverdammter Mist!




4


"Holst du uns noch ein Bier, Heiner?", fragte Kalli Radowski kauend.

Heiner verzog das Gesicht und knurrte etwas Unverständliches. Dann murrte er: "Warum muss eigentlich immer ich das Bier holen?"

Kalli blickte auf. Will wohl den Aufstand im Gemüsegarten proben, der Kleine, schoss es ihm durch den Kopf.

Dann sagte er ziemlich gallig: "Weil du der Lehrling bist. Deshalb."

"Auszubildender heißt das", knurrte Heiner. Aber es klang schon ziemlich kleinlaut.

"Was auch immer. Jedenfalls holst du das Bier. Ob als Auszubildender oder als Lehrling. Hauptsache, du brauchst nicht den ganzen Tag und bist vor Feierabend noch zurück. Hast du mich verstanden?"

"Ja, ja..."

Heiner zog mit schlurfenden Schritten ab. Als er weg war, wandte sich Kalli an Thomas Hansen.

"Sag mal, Chef, war das der Bäumer heute Mittag?"

Aber der Chef schien mit den Gedanken meilenweit entfernt zu sein. Er brauchte volle zwei Sekunden, um zurückzukehren.

"Was?" Er blickte Kalli verständnislos an. "Wovon sprichst du eigentlich?"

"Na, von dem Anruf."

Thomas starrte ins Leere.

"Nein", murmelte er.

"Ach, wirklich nicht? Ich hätte darum gewettet!"

"Da hättest du verloren."

"Wer war's denn? Klang wie so'n arroganter Sack. Aber wenn du sagst, dass es der Bäumer nicht wahr... Also, die Stimme klang jedenfalls ganz ähnlich!"

Thomas atmete tief durch. Meine Güte, musste der denn immer tiefer in der Sache herumbohren?, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf.

Er sah Kalli ins Gesicht.

"Können wir nicht über etwas anderes reden?"

"Klar."

"Na, also!"

"Aber ich versteh das nicht..."

"Da gibt's nichts zu verstehen!"

Kalli verdrehte die Augen. Er war wirklich erstaunt. So kannte er den Chef gar nicht und er hatte geglaubt, ihn wirklich gut zu kennen.

Lange, korrigierte er sich. Ich kenne ihn schon ziemlich lange.

Aber gut?

Er war sich nicht mehr sicher.

Trotzdem machte er einen letzten Versuch. Das konnte er ruhig riskieren, glaubte er.

"Was machst du denn für ein Geheimnis draus? Wer war's denn nun? Man wird ja richtig neugierig! Ich habe den Wagen vom Bäumer nämlich heute extra fertig gemacht, weil ich angenommen habe, dass er es gewesen ist!"

"Er war's aber nicht! Kapiert?", brauste Thomas plötzlich auf. Seine Nerven schien blank zu liegen.

"Meine Güte", meinte Kalli erstaunt. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen! So kenn ich dich ja gar nicht!"

Thomas machte nur eine wegwerfende Handbewegung und sah zur Seite.

"Vergiss es!"

"Nun sag schon... Sind wir nun Freunde oder was?"

Thomas wurde etwas ruhiger.

Er sagte in gedämpftem Tonfall: "Sicher sind wir Freunde."

Kalli schlug ihm auf die Schulter.

"Na, also!"

"Ach komm! Der Anruf war nicht so wichtig!"

Aber Kalli ließ nicht locker.

"Wer war's denn nun? Mir kannst es doch sagen! Wir kennen uns doch schon eine Ewigkeit, also was soll das Versteckspiel! Auch wenn's was Unangenehmes ist!"

Kalli war sich eigentlich ziemlich sicher, dass es etwas Unangenehmes sein mußte. Fragte sich nur, wie unangenehm.

Und falls es die Firma betraf, dann betraf es auch Kalli Radowski. Schon deswegen hatte er ein Recht darauf nachzuhaken, so fand er.

Ein paar Augenblicke lang sagte keiner der beiden Männer ein Wort.

Schließlich murmelte Thomas wenig überzeugend: "Es war irgend so ein Idiot."

Kalli legte die Stirn in Falten und kratzte sich hinter dem Ohr. Er begriff nicht ein einziges Wort.

"Wieso?", fragte er.

"Er hat sich nicht gemeldet."

"Überhaupt nicht?"

Thomas schüttelte den Kopf. "Er hat nur geatmet, der blöde Hund. Und dann aufgelegt."

Kalli zuckte die Achseln, nahm seine Zigaretten hervor und zündete sich eine an.

"Was soll's", meinte er leichthin. "Da wollte dich jemand ärgern! Ich würde das nicht so ernst nehmen."

Thomas antwortete fast tonlos. Und Kalli spürte instinktiv, dass sein Chef Angst hatte.

"Er hat das schon dreimal gemacht", presste Thomas heraus. "Bisher immer abends, wenn ich zu Hause bin. Und jetzt zum ersten Mal in der Firma."

Kalli pfiff durch die Zähne.

"Hast du in letzter Zeit mal jemandem böse auf die Füße getreten?"

"Nein."

"Überleg mal!"

"Jedenfalls nicht, dass ich wüsste!"

Kalli versuchte heiter zu wirken.

"Vielleicht einer, der mit dem Auto nicht zufrieden war, das du ihm angedreht hast!"

"Quatsch!", erwiderte Thomas.

"Naja..."

"Ich fahre heute früher nach Hause. Du schaffst das hier auch alleine, oder?"

"Sicher, Chef!"

"Okay."




5


Thomas Hansen parkte den Wagen in der großzügigen Einfahrt seines Bungalows, drehte den Motor ab und saß dann einige Augenblicke lang einfach nur da.

Er fühlte sich scheußlich. Ein ungutes Gefühl machte sich sehr deutlich in seiner Magengegend breit. Er hatte kalten Schweiß auf seiner Stirn.

Thomas versuchte, ruhig zu atmen. Schließlich fühlte er sich ein wenig besser.

Mach dich nicht verrückt, sagte er sich.

Dann stieg er aus, knallte die Wagentür zu und schloss mit einer nachlässigen Bewegung ab.

Als er dann vor der Haustür stand, musste er feststellen, dass er mal wieder seinen Schlüssel vergessen hatte. Da er mit wechselnden Wagen fuhr, die er im Fuhrpark seiner Firma hatte, war der Haustürschlüssel nicht bei denen für das Auto.

Thomas fluchte leise vor sich hin.

Aber die Sache war halb so schlimm. Erstens hatte er einen Ersatzschlüssel auf der anderen Hausseite deponiert und zweitens musste Katja, seine Frau, jetzt bereits zu Hause sein.

Also klingelte Thomas einfach.

Es dauerte ein bisschen, bis Katja auftauchte, um ihm zu öffnen.

"Hallo, Schatz", sagte sie.

Sie lächelte und er versuchte es auch. Aber bei ihm blieb es beim Versuch.

Ein ziemlich kläglicher Versuch, um genau zu sein.

Katja war drei Jahre jünger als er und für ihr Alter immer noch sehr attraktiv. Früher war sie eine richtige Schönheit gewesen - einer der beiden Gründe, aus denen Thomas sie geheiratet hatte.

Der andere war, dass Katja einen ausgesprochenen Sinn fürs Praktische hatte. Das hatte ihn von Anfang an ihr angezogen.

"Na, wie war dein Tag?", fragte sie mit ihrer warm klingenden Stimme.

Thomas zuckte mit den Schultern.

"Nicht so besonders", murmelte er mit hängenden Schultern. "Und bei dir?"

Er nahm sie kurz und etwas nachlässig in den Arm und gab ihr schließlich einen Kuss. Dann trat er ein, pfefferte den Wagenschlüssel auf eine Anrichte und kratzte sich hinter dem rechten Ohr.

Er hatte Durst auf ein Bier.

"Was soll ich dir erzählen?", hörte er Katja indessen sagen. "Wie's bei der Post eben zugeht! Nicht gerade aufregend."

Thomas lächelte dünn.

Dann atmete er tief durch und ließ anschließend einen Teil der aufgesogenen Luft wieder ab. Wie ein ächzender Lastwagen vor der Ampel, der die überschüssige Bremsluft ins Freie ziehen ließ.

Er sagte: "Ich hab dir ja gesagt: Gib diesen Scheiß-Job auf und komm zu mir in die Firma. Die Kramer kriegt doch jetzt ihr Kind, dann will sie erst mal ein halbes Jahr aufhören und unsere Buchhaltung ist jetzt schon einziges Chaos.

"Immerhin ist dieser Scheißjob unkündbar, Thomas", gab Katja lächelnd zurück.

Thomas hob die Augenbrauen. Er versuchte auch zu lächeln, aber es wollte nicht so recht werden.

"Und wer sollte mir kündigen?", fragte er. Er strich mit einer schnellen Bewegung die Haare zurück.

Katjas Antwort ließ ihn dann stutzen.

"Du dir selbst", erklärte sie kühl.

Thomass Lachen wirkte gequält.

"Sehr witzig", murmelte er. In seiner Stimme war ein düsterer Unterton.

Katja sah ihn offen an. "Ich meine es ernst", erklärte sie dann nach einem kurzen Augenblick des Schweigens. "Ein paar Fehler und du bist ganz schnell pleite. Heute steht das Haus von Grote in der Zeitung. Es wird demnächst versteigert."

Thomas hob die Augenbrauen.

"Ach...", machte er erstaunt.

"Ja, dein ehemalig schärfster Konkurrent mit der Peugeot-Vertretung!"

"Das er pleite ist, ist ja nichts Neues, aber dass er jetzt auch noch sein Haus..."

"Siehst du und wenn es bei uns mal soweit ist, haben wir wenigstens das, was ich bei der Post verdiene!", gab Katja selbstsicher zu bedenken.

"Was man uns dann wahrscheinlich sofort pfänden würde!", erwiderte Thomas.

Katja verschwand im Wohnzimmer. Thomas ging in die Küche.

Er machte den Kühlschrank auf und seufzte hörbar.

"Sag mal, haben wir kein Bier mehr?", rief er zu seiner Frau hinüber.

"Ist alle!", rief Katja zurück. Dann kam sie ebenfalls in die Küche und erklärte: "Tut mir leid, ich musste auf dem Rückweg eine Umleitung fahren und die führte leider nicht nur um die Baustelle, sondern auch um den Supermarkt herum."

"Macht ja nichts", log Thomas und machte eine wegwerfende Handbewegung. Irgendwie schien sich im Augenblick alles und jeder gegen ihn verschworen zu haben.

Aber so eine Phase musste ja auch irgendwann mal zu Ende gehen.

"Mal was anderes", meinte Katja jetzt. "Mit deinem Herrn Sohn wird's wahrscheinlich Probleme mit dem Abi geben..."

"Das ist ja nicht neu."

"Das nicht. Aber es scheint ernst zu sein. Er hat mir nichts gesagt. Nichts Konkretes. Eben nur so Andeutungen. Aber ich habe das im Gefühl.“

"Ich habe immer gesagt, dass er sich das blöde Abi sonstwo hinschmieren kann! Er hätte bei mir im Betrieb lernen können, dann hätte er etwas Handfestes gehabt. Und was ist jetzt? Nur Flausen im Kopf!“

"Thomas..."

"Ja, ist doch wahr!"

"Aber wo ihn Autos doch gar nicht interessieren."

"Ja, meinst du, ich träume nur von Autos?"

"Nein, aber..."

"Aber Geld verdienen lässt sich damit!" Er seufzte und fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. "Wenn er wenigstens noch Aussichten hätte, das Abi auch zu bestehen. Aber er quält sich doch nur so herum auf der Schule. Das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes."

"Thomas, sieh das Ganze doch mal aus seiner Sicht - oder versuche es zumindest. Ich meine..."

Thomas Hansen war empört. "Sag mal, auf wessen Seite stehst du eigentlich?"

"Es geht doch nicht darum, wer auf welcher Seite steht!"

"Doch, Katja! Genau darum geht es! Und um sonst gar nichts!"

Sie schwiegen eine Weile. Katja kannte ihren Mann gut genug, um zu wissen, dass es jetzt Beste war, erstmal nichts zu sagen. Sie wartete einfach, so wie sie schon oft genug, abgewartet hatte, bis sich der Sturm wieder legte.

Aber diesmal hatte sie wohl nicht genug Geduld damit.

"Er will studieren", sagte Katja schließlich in die Stille hinein.

Für Thomas war das wie ein Schlag vor den Kopf.

"Was sagst du da?", fragte er ungläubig. Er konnte es nicht fassen, glaubte sich verhört zu haben.

"Ja. Hat er mir gesagt. Theaterwissenschaft."

"So'n Quatsch! Ich muss ihn wohl mal wieder in die Mangel nehmen!"

"Das bringt doch nichts!"

"Das werden wir ja sehen! Glaubst du, ich will, dass er uns auf der Tasche liegt, bis er fünfunddreißig ist?"

"Es gibt Wichtigeres", behauptete Katja allen Ernstes und Thomas machte ein Gesicht, als wäre sie nicht ganz richtig im Kopf.

"Ach, ja?", schnaubte er. „Dann möchte mal wissen, was zum Beispiel!"

"Zum Beispiel, dass er ein glücklicher Mensch wird und etwas macht, was ihn befriedigt, wo er sich verwirklichen kann."

"Sag bloß, du verwirklichst dich in den Büroräumen der Postdirektion!", gab Thomas ironisch zurück.

Sie verzog das Gesicht.

"Leider nicht", erwiderte sie. "Um so mehr wünsche es allerdings meinem Sohn."

Thomas hatte keine Lust, sich weiter darüber zu unterhalten. Heute war einfach nicht in Form, um argumentativ mithalten zu können.

Aber Katja schien auch wenig Freude an der Sache zu haben.

Auf jeden Fall beendete sie das Ganze ziemlich abrupt, indem sie beiläufig sagte: "Es hat übrigens jemand für dich angerufen."

"Und wer?"

Auf einmal war Thomas Hansen wieder mit allen Sinnen präsent. Und das ungute Gefühl in der Magengegend war auch wieder da. Ganz deutlich sogar.

"Moment", meinte Katja und schien einen Augenblick nachzudenken. Dann fuhr sie fort: "Nee, den Namen hab ich vergessen. Der sprach auch nicht sehr deutlich. Er wollte zurückrufen."

Das Telefon klingelte.

Einmal, zweimal...

Katja sagte: "Das wird er sein."

Der Anrufer schien Geduld zu haben.

Er gab nicht auf und ließ es immer wieder klingeln, während Thomas Hansen wie erstarrt dasaß und sich nicht einen Millimeter rührte.

"Willst du gar nicht dran gehen?", fragte Katja.

"Doch, doch..." Er ging die paar Schritte bis zum Telefon sehr langsam. Dann nahm er ab. In seinem Hals steckte ein dicker Kloß, der ihn kaum sprechen ließ.

"Ja?", krächzte er.

Thomas hatte intuitiv gewusst, dass er es war.

Auf der anderen Seite atmete jemand einige Augenblicke lang und legte dann auf. Klick und Ende.

Katja fragte: "Wer war's?"

"Verwählt."

Sie kam aus der Küche und stutzte unwillkürlich, als ihren Mann da so stehen sah. Dann trat sie an ihn heran. "Mein Gott, du bist ja ganz bleich", stellte sie unwillkürlich fest. "Was ist denn los?"

"Nichts ist los!"

"Hast du Ärger gehabt?"

"Komm lass mich in Ruhe!"

"War ja nur 'ne schlichte Frage!"

"Ja, ja..."

"Thomas..."

Ihre Hände berührten seine Schultern, aber war wie ein steifes Brett.

"Ich fahr noch los, um eine Kiste Bier zu holen", meinte er schließlich.

Katja nickte langsam.

"Gut."

"Bis nachher dann..."

"Bis nachher!"




6


Thomas spielte nervös mit dem Autoschlüssel, als er ins Freie trat. Der Himmel hatte sich bewölkt. Es war und diesig geworden.

Gedankenverloren schlenderte er zum Wagen, schloss auf und stieg hinein. Mit einer nachlässigen Bewegung steckte er den Zündschlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und startete. Dann drehte er das Autoradio an.

Eine Staumeldung reihte sich an die andere. Der Feierabendverkehr setzte ein.

Thomas Hansen wollte gerade die Handbremse lösen und blickte auf, da knallte es plötzlich. Während die Frontscheibe zersplitterte, warf er sich zur Seite. Der Schaltknüppel fuhr ihm dabei schmerzhaft in die Rippen.

Dreimal wurde insgesamt geschossen.

Dann heulte der Motor eines davonbrausenden Motorrads auf.

Thomas schnellte hoch, sah vom Fahrer aber nur noch den Rücken.

"Verfluchter Hund!", murmelte Thomas leise vor sich hin.

Wenigstens hatte er keine der kleinen Glasscherben in die Augen bekommen.

Im nächsten Moment hörte er Schritte und die Stimme seiner Frau.

"Thomas!", rief Katjas helle, jetzt leicht hysterisch klingende Stimme.

Thomas öffnete die Wagentür und krabbelte hinaus.

"Ja?", ächzte er, als er wieder auf zwei Beinen stand.

"Thomas, was ist passiert? Die Schüsse..."

"Eine Fehlzündung, sonst nix", meinte Thomas in einem Tonfall, dem nicht anzumerken war, ob das eine ironische Bemerkung war, oder ob er es ernst gemeint hatte.

"Thomas, jetzt erzähl doch keinen Unfug! Ich war in der Küche, ich habe alles genau gesehen. Jemand hat auf dich geschossen und dann ist ein Motorradfahrer davongebraust! Sieh dir die Scheibe an! Und das da im Blech! Einschusslöcher."

"Katja...", murmelte Thomas schwach, während sie ihn an sich drückte, froh darüber, dass ihm nichts passiert war.

"Ich ruf die Polizei", meinte sie dann entschieden und blickte ihm dabei geradewegs in die Augen. "Vielleicht schnappen die den Kerl noch!"

Katja wollte gehen, aber Thomas gelang gelang es gerade noch, sie am Arm zu halten, ehe sie ihm davonschlüpfen konnte.

"Katja, so warte doch!"

Ihr Blick drücke Verständnislosigkeit aus. Sie runzelte verwundert die Stirn.

"Was ist denn?", fragte sie.

"Bleib hier!"

"Jede Minute ist kostbar!"

"Du kannst die Polizei nicht rufen!"

Pause.

Zwei volle Sekunden lang sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort. Katja nicht, weil sie einfach zu baff war. Und Thomas nicht, weil ihm einfach nichts Gescheites einfallen wollte, so sehr er seine kleinen grauen Zellen auch anstrengte.

Natürlich war es Katja, die als erste die Fassung wiedererlangte.

"Sag mal, tickt's bei dir noch richtig? Jemand schießt auf dich und du willst die Polizei nicht rufen?“

"Ja, so ist es!"

Katja stemmte die Hände die geschwungenen Hüften.

"Das musst du mir schon erklären!", forderte sie.

Thomas zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geste mit der Linken. Nachdem er dann tief Luft geholt hatte, meinte er nicht gerade überzeugend: "Die würden den ja doch nicht kriegen!"

"Ach! Aber wenn dir jemand beim Autofahren den Stinkefinger zeigt, dann bist immer gleich mit einer Anzeige da!"

Thomas schluckte, machte einen verlegenen und etwas ratlosen Eindruck. Zweimal setzte er zu einer Erwiderung an, dann sagte er schließlich: "Ich bring jetzt den Wagen in die Werkstatt!"

Eigentlich kannte er sie gut genug, um zu wissen, dass er die Sache so nicht abtun konnte! Nicht bei Katja!

Sie fasste ihn am Oberarm.

"So kommst du mir nicht davon! Du erklärst mir das jetzt erst mal!"

Thomas zuckte die Achseln.

"Was soll's da zu erklären geben?"

"Kennst du den Kerl auf dem Motorrad?"

Er hob die Augenbrauen. Und seine Antwort kam um den Bruchteil einer Sekunde zu spät, um noch überzeugend wirken zu können.

"Wie kommst du denn darauf?", meinte Thomas schwach.

Katja fuhr sich mit der rechten durch das dichte Haar.

"Na, irgendeinen Grund muss es doch haben, dass du ihn nicht anzeigen willst", war ihr messerscharfer Schluss.

"Ich hab doch die Nummer gar nicht!"

"Er hatte keine Nummer."

"Was?"

"Wie gesagt, ich stand am Küchenfenster und hab's genau gesehen."

Thomas atmete tief durch.

"Na, siehst du!"

"Quatsch!", meinte Katja entschieden und äffte ihren Mann dann nach: "Na siehst du!"

"Ich meine ja nur, dass die Polizei dann wohl kaum eine Chance hat, den Kerl zu fassen."

Katja runzelte die Stirn.

"Wieso DEN KERL?"

"Häh?"

Als Katja das Gesicht Ihres Mannes sah, dachte sie unwillkürlich an einen Schuljungen, den man dabei erwischt hatte, wie er seine Hausaufgaben abschrieb.

Katja sagte schließlich: "Na, ich konnte unter der Motorradkluft mit dem Helm und so weiter nicht zweifelsfrei sehen, ob das nun ein Männlein oder Weiblein war. Kennst du IHN vielleicht doch?"

Er wurde jetzt gereizt, was sie nur noch mehr in der Auffassung bestätigte, dass hier etwas nicht stimmte.

"Sag mal, was soll das hier?", meinte er. "Wird das ein Detektivspiel oder was?"

"Irgend etwas verheimlichst du mir."

"Ach, Unsinn."

"Hat es vielleicht etwas mit den Anrufen zu tun? Die, bei denen sich keiner meldet?"

"Ach, Quatsch!"

"Ich hab das Gefühl, wir müssen miteinander reden, Thomas!", meinte sie.

Thomas nickte zögernd. "Gut, aber nicht jetzt."

"Und wann dann?"

"Nachher. In Ruhe."

Sie verdrehte die Augen.

"Ach ja, das musste ja kommen! Nachher!"

"Schatz..."

"Du weichst mir aus, Thomas! Und ich frage mich, warum! Jeder von uns kennt den anderen wie seine Westentasche. Wir hatten nie Geheimnisse voreinander und jetzt..."

Sie sprach nicht weiter und er nahm die willkommene Gelegenheit wahr, das Gespräch erst einmal zu beenden.

"Ich bring jetzt erstmal den Wagen in die Werkstatt und hol mir einen Kasten Bier", sagte er tonlos, während er sich bereits halb zum Gehen gewandt hatte.

Katja machte indessen einen letzten Versuch.

"Soll ich nicht doch die Polizei..."

Aber Thomas schüttelte energisch den Kopf.

"Keine Polizei, hörst du?", wies er sie sehr eindringlich an. "Ich erklär's dir ja. Aber nicht jetzt."

Katja seufzte.

"Du verlangst eine ganze Menge!"

"Versprichst du mir, dass du den Hörer auf der Gabel lässt?“

Katja überlegte einen Moment lang.

Dann sagte sie: "Okay."

Aber sie sah ihn dabei nicht an.




7


Thomas fuhr den Wagen direkt in die Werkstatthalle, bremste ziemlich abrupt, zog den Schlüssel ab und stieg aus.

Kalli Radowski näherte sich mit gerunzelter Stirn. Er hatte einen Lappen in den Fingern, mit dem er sich gerade die Hände abwischte.

"Hey, Chef, schon wieder zurück?", meinte er auf seine leutselige Art, für die sein Chef im Moment allerdings wenig Sinn zu haben schien.

"Ja", knirschte Thomas.

"Ich dachte, du wolltest für heute Schluss machen."

Thomas ging auf Kalli zu und reichte ihm den Schlüssel.

Dann sagte er: "Mach den Wagen wieder fertig, ja?"

"Heute noch?"

"Ja, heute noch!"

Kalli deutete auf den Wagen mit seiner zerstörten Frontscheibe und fragte dann: "Wat haste denn mit dem gemacht?"

"Hör zu: Lass die Fragerei und mach ihn einfach fertig, ja?“

"Ja, ja..."

"Ich nehme inzwischen den Passat mit nach Hause."

Thomas drehte sich um und ging, ohne noch ein Wort zu sagen.

"Meine Güte, hat der eine Laune heute", murmelte Kalli unterdessen vor sich hin.

"Ey, was ist denn mit dem hier?", war inzwischen die Stimme von Heiner Mahn, dem Azubi zu hören, der einige Augenblicke lang mit offenem Mund auf den Wagen gestarrt hatte. "Hat der Chef auf seinen Wagen geschossen?"

"Quatsch", knurrte Kalli.

"Ja, guck dir das doch mal an! Dieses Loch hier!"

Kalli hörte, wie sein Chef mit dem Passat davonfuhr und versuchte verzweifelt, sich einen Reim auf alles zu machen.




8


Auf dem Rückweg fuhr Thomas Hansen noch beim Supermarkt vorbei um sich einen Kasten Bier zu Kaufen. Als er den dann durch die Haustür wuchtete, kam ihm Katja schon entgegen.

"Thomas! Die Polizei..."

Sie schien ziemlich aufgeregt zu sein und Thomas stellte den Bierkasten erst einmal ab.

"Ich hab dir doch gesagt, dass..."

Katja legte ihm eine Hand auf den Mund und flüsterte: "Ein Mann von der Kripo sitzt im Wohnzimmer!"

Er blickte ungläubig drein.

"Was sagst du da?"

"Ich habe nichts damit zu tun."

"Ach, wirklich?"

"Es waren die Nachbarn. Kirchbaums, die beiden Alten von gegenüber, die den ganzen Tag nur am Fenster sitzen und nichts besseres zu tun haben, als die Straße zu beobachten! Sie haben alles gesehen."

"Verdammt."

"Warum ist das denn so schlimm?"

"Nicht jetzt!"

Aber Katja ließ nicht locker: "Du bist doch das Opfer! Aber du benimmst dich, als wärst DU der Täter, hättest jemanden überfallen und nun ein schlechtes Gewissen!"

Thomas ließ sie stehen und ging den Flur entlang ins Wohnzimmer. Katja folgte ihm.

In einem der Sessel saß ein unscheinbar wirkender Mann mit Halbglatze und kariertem Jackett. Er hatte sich bereits an den Erdnüssen vergriffen, die Katja immer auf den Wohnzimmertisch stellte.

"Guten Tag", sagte Thomas indessen.

"Bremshey, Kriminalpolizei", murmelte der Mann mit vollem Mund. "Sie sind Herr Hansen?"

Thomas nickte zögernd.

"Ja."

"Man hat auf Sie geschossen?"

Thomas antwortete erst nach kurzer Pause und einem Blick, den er mit Katja wechselte. "Ja", sagte er.

"Haben Sie vom Täter irgend etwas erkennen können? Ich habe gehört, er war auf einem Motorrad."

Thomas vergrub die Hände in den Hosentaschen, während seine Frau sich setzte.

"Ich habe kaum etwas gesehen", behauptete Thomas.

Bremshey hob die Schultern.

"Schade", meinte er.

"Nach dem ersten Schuss habe ich mich gleich geduckt. Die Scheibe ging zu Bruch und ich dachte nur daran, dass ich diese Splitter nicht in die Augen kriegen wollte.“

"Ich verstehe."

Jetzt mischte sich Katja ein.

"Ich habe aber alles gesehen. Der Motorradfahrer war maskiert. Er trug einen Helm und von seinem Gesicht konnte man nichts sehen."

Bremshey kniff die Augen etwas zusammen und erkundigte sich: "Sind Sie sicher, dass es der Motorradfahrer war, der geschossen hat?"

Katja rieb nervös die Hände aneinander und blickte hilfesuchend zu ihrem Mann.

"Also..."

"Sie vermuten es?", meinte Bremshey.

Katja zuckte die Achseln. "Erst kamen die Schüsse, dann brauste das Motorrad davon..."

"...und da hat sie natürlich gleich einen Zusammenhang gesehen!", vollendete Thomas, noch immer mit den Händen in den Taschen.

"Ja, ja...", machte Bremshey.

"Ist ja auch verständlich, oder?", rief Thomas und lief ein paar Schritte hin und her.

Bremshey hob die Augenbrauen und fixierte Thomas Hansen mit seinen aufmerksamen, dunklen Augen. "Sie glauben nicht an diesen Zusammenhang?"

"Ich?", schluckte Thomas und blieb stehen.

Bremshey nickte heftig.

"Ja, Sie!"

Thomas stand einen Augenblick lang unschlüssig da.

"Ich... Ich sagte doch schon, ich habe im Grunde am wenigsten von allen mitbekommen. Was ist denn mit den Kirchbaums von Gegenüber? Können die dazu nichts sagen?"

"Leider nein", sagte Bremshey. "Wo ist eigentlich der Wagen?"

"Welcher Wagen, ich meine...." Eine Pause. Dann murmelte Thomas: "In der Werkstatt."

Bremshey sprang auf. "Das ist nicht Ihr Ernst!" rief er.

"Doch, ich habe ihn meinem Kfz-Meister gegeben, er soll ihn wieder klarmachen."

Bremshey bedachte Thomas mit einem strengen Blick. "Rufen Sie ihn sofort an! Er soll Schluss machen! Sofort! Ich hoffe, es sind noch ein paar Spuren übriggeblieben!

"Ja, ich...", stammelte Thomas, rührte sich aber nicht.

"Ja, nun mach doch endlich, Thomas!", rief unterdessen seine Frau ungeduldig.




9


Wenig später stand Thomas Hansen zusammen mit Bremshey vor dem Wagen mit der zerschossenen Frontscheibe. Die passende Ersatzscheibe hatte Kalli schon bereitgelegt. Es war zwar kein Colorglas, wie die Alte, aber der Chef hatte ja gesagt, dass es schnell gehen sollte.

Und jetzt war es ohnehin erst einmal egal.

"Der Wagen ist für's Erste beschlagnahmt", sagte Bremshey provozierend ruhig. "Ich werde gleich ein Team vom Erkennungsdienst hier her schicken, das dann die Kiste mal unter die Lupe nimmt."

Thomas seufzte.

"Muss das denn sein?"

"Ja, das muss sein", nickte Bremshey.

"Ich meine ja nur...." Thomas hatte seine Hände wieder tief in den Hosentaschen vergraben. Und Kalli Radowski stand etwas abseits und sah sich das ganze mit einer Mischung aus Interesse und Verwunderung an.

Bremshey musterte Thomas mit einem nachdenklichen Blick.

Schließlich meinte er: "Sie scheinen gar nicht so interessiert zu sein, herauszukriegen, wer da auf Sie gefeuert hat."

Thomas schüttelte den Kopf.

"Nein, das verstehen Sie falsch."

"Naja, irren ist menschlich. Kam mir nur so vor."

Thomas fragte nach einer kurzen Pause: "Und was passiert jetzt?"

Bremshey hob die Schultern.

"Na, wir machen eine Untersuchung. Das war ein Mordversuch. Und der ist strafbar."

"Könnten Sie die Sache nicht einfach..." Thomas stockte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. "...einfach auf sich beruhen lassen? Ich meine, dieses ganze Theater und dann kommt am Ende nichts dabei heraus..."

Aber da war Bremshey natürlich anderer Meinung. Thomas hatte ihn offensichtlich an einem empfindlichen Punkt getroffen: seiner Berufsehre.

"Es kommt schon was dabei heraus, da machen Sie sich mal keine Sorgen, Herr Hansen!", versicherte der Mann von der Kripo. Sein Tonfall war eisig geworden. "Die Aufklärungsrate bei solchen Delikten ist recht ansehnlich!

"Naja, es war ja nur eine Frage", gab Thomas kleinlaut zurück.

Bremshey kratzte sich an der Nase.

"Selbst wenn ich es wollte - ich dürfte die Sache gar nicht auf sich beruhen lassen. Es ist ein Offizialdelikt. Ich muss die Sache verfolgen, ob Sie nun Anzeige erstatten oder nicht, das spielt dabei keine Rolle."

"Hm..."

"Herr Hansen..."

"Ja?"

Bremsheys Blick war sehr ernst. "Bitte sagen Sie mir die Wahrheit! Kennen Sie den Täter?"

"Nein", behauptete Thomas, aber es schien ihm selbst schon nicht überzeugend genug zu klingen. Eine Pause entstand.

"Herr Hansen", sagte Bremshey gedehnt, aber noch bevor er fortfahren konnte, war Thomas ihm zuvorgekommen.

"Nein, wirklich nicht!", versicherte er abermals entschieden zu eilfertig für Bremsheys geschulte Ohren.

Thomas zuckte die Achseln und nahm dann die Hände aus den Hosentaschen, bevor er fortfuhr: "Es ist nur so: Wenn die Sache an die Öffentlichkeit kommt, dann ist das nicht gut für die Firma." Thomas lachte unsicher. Heiser und unsicher. Er machte eine weit ausholende Geste, die diesen Eindruck wettmachen sollte, ihn in Wahrheit aber nur noch mehr unterstrich.

"Da läuft jemand frei herum, der ausgerechnet mich als seine Zielscheibe ausgewählt hat, das ist ja nun wirklich keine Reklame!"

Bremshey machte nur: "Hm."

"Am Ende traut sich niemand mehr in meine Werkstatt!", gab Thomas zu bedenken.

"Ich verstehe!", knurrte der Kriminalbeamte.

"Na, sehen Sie!"

Der Blick mit dem Bremshey sein Gegenüber nun bedachte war durchdringend. Der Kripo-Mann musste lange an diesem Blick geübt haben.

"Überlegen Sie, Herr Hansen! überlegen Sie ganz genau, ob Ihnen nicht doch jemand einfällt, der Sie so hasst, dass..."

Thomas hob die Hände.

"Tut mir leid."

"Sie sagen das sehr schnell!"

"Ja, es ist nun einmal so. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, welcher Verrückte das gewesen sein könnte.“

"Wirklich nicht?"

"Wirklich nicht!"

Bremsheys Gesicht blieb unbewegt. Es war nicht zu erkennen, ob er Thomas Hansen glaubte oder nicht. Offenbar traf letzteres zu, denn Bremshey ließ noch nicht locker.

"Niemand, dem Sie mal kräftig auf die Füße getreten sind?", hakte er nach.

"Sicher", gab Thomas schulterzuckend zu. "Aber niemand, dem ich zutrauen würde, deswegen gleich mit einer Waffe auf mich loszugehen. Ich bin Geschäftsmann und darauf angewiesen, dass mich die Leute mögen. Und ich tue auch einiges dafür. Schützenverein, jährliche Spende für die hiesige Fußballmannschaft und so weiter..."

"Ich verstehe", brummte Bremshey.

"Ich glaube, dass war nur ein dummer Jungenstreich oder so was."

"Den kriminalistischen Teil überlassen Sie besser mir, Herr Hansen. Und ich sage Ihnen, dass es nach was anderem aussieht! Denken Sie also nochmal darüber nach, ob Ihnen nicht ein Name einfällt."

"Sicher, ich..."

"Es könnte Ihr Leben davon abhängen, Herr Hansen! Je eher wir den Täter kriegen, desto besser. Vor allem für Sie!"

"Gut."

"Ich meine es ernst!"

"Wenn mir etwas einfällt, werde ich mich melden. Okay?"

"Okay."

Dann kramte Bremshey in seinen Taschen und suchte offenbar etwas. Schließlich hatte er es gefunden. Zigaretten. Er steckte sich eine in den Mund und dann ging die ganze Prozedur noch einmal von vorne los, als er seine Taschen nach dem Feuerzeug durchwühlte.

Thomas musterte den Polizisten die ganze Zeit über misstrauisch.

Nachdem dieser auch dann noch immer keine Anstalten machte, sich davonzumachen, als die Zigarette endlich brannte, fragte Thomas schließlich: "Ist noch irgend etwas?"

"Nein, warum?"

"Bleiben Sie jetzt hier, bis Ihre Kollegen kommen?"

"Ja sicher. Glauben Sie, ich lasse das Auto nochmal aus den Augen?" Bremshey schüttelte den Kopf.

"Aber mit mir sind Sie doch jetzt erst mal fertig, oder?", fragte Thomas zögernd.

Bremshey nickte und zog dann ausgiebig und mit offensichtlichem Genuss an seiner Zigarette, bevor er antwortete.

"Ja", sagte der Kripo-Mann und lächelte breit. "Erst mal."

"Sie haben also nichts dagegen, wenn ich mich jetzt aus dem Staub mache?", vergewisserte Thomas sich.

"Nein, habe ich nicht."

"Wissen Sie, meine Frau scheint die Sache ziemlich mitgenommen zu haben..."

"Och, ich fand, dass sie ihre Sinne recht gut beieinander hatte", meinte Bremshey und zuckte dann die Schultern. "Aber Sie kennen Ihre Frau sicher besser als ich."

"Wiedersehen!", knurrte Thomas und ging davon.

Als er an Kalli vorbeikam, raunte dieser: "Hey, Chef, vielleicht erklärt mir hier einer mal, worum es eigentlich geht!"

"Später, Kalli! Später!"




10


Als Thomas nach Hause kam, begrüßte Katja ihn genau so, wie er es befürchtet hatte.

"Wir müssen jetzt reden, Thomas!", sagte sie mit allem Nachdruck, zu dem sie fähig war. Und das war eine ganze Menge.

"Hör mal, Schatz", begann er, aber sie schnitt ihm einfach das Wort ab.

"Ich will jetzt wissen, was hier gespielt wird!", forderte sie.

"Ja, sicher..."

"Du druckst da herum und versucht mich mit irgendwelchen billigen Geschichten abzuspeisen, die so dämlich sind, dass du sie nicht einmal mir zumuten solltest!"

Er nahm sich eine von den Bierflasche, ging in die Küche, um sie zu öffnen und ließ dann im Wohnzimmer in einen der Sessel fallen.

"Was willst du denn hören?", fragte er nach dem ersten Schluck.

Sie stand inzwischen an der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt.

"Wie wär's mit der Wahrheit?"

"Welche Wahrheit?"

"Du kennst den Täter. Sonst wäre dein Verhalten nicht erklärbar!"

"Nein, ich kenne ihn nicht!"

"Thomas!"

"Nicht persönlich jedenfalls." Er nahm einen Schluck aus der Flasche. "Aber ich kann mir vorstellen, aus welcher Ecke das kommt!"

Katja schien wie vor den Kopf geschlagen. Sie schüttelte stumm den Kopf und brauchte eine ganze Weile, bis sie etwas sagen konnte. Unruhig lief sie zweimal auf und ab.

Dann fragte sie: "Und warum hast du dem Kripo-Mann davon nichts gesagt? Ich meine..."

"Das geht nicht!", rief Thomas, viel heftiger, als er es beabsichtigt hatte.

Katja blieb stehen und musterte ihn kühl.

"Du hast irgendwie selber Dreck am Stecken?"

Es war keine Frage, eher eine Feststellung.

Thomas nickte kurz.

"Ja, so ähnlich."

Als er das sagte, sah er Katja nicht an.

"Was hast du gemacht?", flüsterte sie und schüttelte dabei verständnislos den Kopf.

"Halb so wild", sagte Thomas. "Das ist auch schon lange her. Lange bevor wir uns kennenlernten... Ich habe einige Aufträge ausgeführt für einen Mann, der sich Otto nannte. Einfach Otto. Natürlich war das nicht sein richtiger Name.“

Katja stand da wie versteinert.

"Was waren das für Aufträge?", fragte sie tonlos. Sie spürte, dass sie jetzt nahe dran war. An der Wahrheit.

Thomas machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Ach, harmlose Sachen", behauptete er.

"Na, so harmlos kann's ja nicht gewesen sein, wenn dich jetzt deswegen jemand umbringen will!", versetzte Katja ätzend.

Jetzt endlich sah er sie an.

"Hör mir doch einfach mal zu!"

"Na, gut."

"Der springende Punkt ist etwas anderes."

"Und was?"

"Dieser Otto arbeitete für einen östlichen Geheimdienst."

Katja sah ihn an, als wäre er ein Fremder.

"Was?", fragte sie tonlos.

Thomas zuckte mit den Schultern. Der Blick war starr auf den beigen Teppichboden gerichtet.

"Ich brauchte Geld!", murmelte er wie zur Entschuldigung.

Er spürte ihren Blick auf sich ruhen, diesen fassungslosen Blick. Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, wie ihr Gesicht jetzt aussah.

Katja atmete tief durch, dann umrundete sie einen der schweren, für die Größe des Wohnzimmers etwas zu klobigen Sessel und ließ sich dann hineinfallen.

"Mein Mann ein ehemaliger Landesverräter, wer hätte das gedacht!", stieß sie dann nicht ohne Bitterkeit hervor. Er schwieg. Die Hände bedeckten jetzt das Gesicht, so als wollte er sich verstecken.

Katja hakte nach.

"Meine Güte!", stieß sie hervor und blies sich eine Strähne aus den Augen. "Wie viel war's denn?“

"Es war das Startkapital für das Geschäft", flüsterte Thomas.

"Puh!"

Er blickte auf, ihr jetzt direkt ins Gesicht.

"Verstehst du jetzt, warum ich das diesem Kriminalkommissar oder was der war nicht auf die Nase binden konnte?"

"Nee, das verstehe ich immer noch nicht."

Er rang mit den Armen.

"Kannst du wirklich nicht zwei und zwei zusammenzählen?", fauchte er, viel heftiger, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Aber Katja schien das richtig einschätzen zu können. Sehr ruhig erklärte er: "Es ist doch gar nicht gesagt, dass DIE dahinterstecken."

"Wer sonst?", fragte Thomas schulterzuckend und fuhr dann nach kurzer Pause fort: "Überleg doch mal, Katja, wer sonst sollte so etwas veranstalten?

Katja hob die Augenbrauen. "Und aus welchem Grund?" In ihrer Stimme war Skepsis.

"Was weiß ich? Drüben ist doch jetzt alles zusammengebrochen und vielleicht glaubt jemand, dass ich ihm gefährlich werden könnte."

"Wieso gefährlich?"

Thomas hob die Schultern. "Na, auf dem Start in ein neues, demokratisches Leben."

"Was war das denn für ein Geheimdienst, für den dieser Otto tätig war? KGB?"

"So genau wollte ich das damals gar nicht wissen."

Katja schien ihm das nicht so einfach abzukaufen.

"Na, du wirst dir doch deine Gedanken gemacht haben!", vermutete sie.

Thomas wurde immer nervöser. Er fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung über das Gesicht, kratzte sich dann an an der Nase. "Mein Gott, natürlich!", rief er ziemlich unwirsch. "Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht! Für wen hältst du mich denn?"

"Schrei mich nicht so an!", erwiderte Katja.

"Entschuldigung."

"Ach, vergiss es!"

"Es ist nur so... Meine Nerven - ich bin völlig überreizt."

Sie nickte.

"Das verstehe ich. Aber du solltest jetzt alles auf den Tisch legen. Gemeinsam stehen wir die Sache schon irgendwie durch. Wie auch immer!"

Er sah sie kurz an und die Entschlossenheit, die aus ihren Worten sprach, überraschte ihn ein wenig.

Schließlich sagte er: "Die Sache ist schon so lang her, ich hatte sie schon fast vergessen. Verstehst du, was ich meine?"

"Sicher."

"Also, ich persönlich glaube, dass dieser Otto für den Staatssicherheitsdienst der DDR gearbeitet hat und nicht für die Russen."

Auf ihrer Stirn erschien ein paar Falten.

"Und wieso glaubst du das?"

"Das hängt mit den Aufträgen zusammen, die ich auszuführen hatte... Da kann man ja Rückschlüsse ziehen, oder? Doof bin ich schließlich nicht! Mein Gott, ich habe einfach keine Lust, dir jetzt jedes Detail zu erklären! Reicht das denn nicht?“

"Ist ja gut! Du brauchst dich doch nicht so aufzuregen! Oder willst du, dass sogar die Kirchbaums von Gegenüber noch alles mitkriegen!"

"Begreifst du nun?"

"So richtig noch immer nicht!", schüttelte Katja den Kopf. "Du meinst, dass dieser Otto etwas mit der Schießerei zu tun hat?"

"Otto... Otto ist tot."

Katja beugte sich jetzt vor.

"Das wird ja immer doller!", stellte sie fest. "Ich bin wirklich gespannt, was du mir heute noch alles auf den Tisch legst!"

"Es war so: Wir hatten eine Weile in Kontakt gestanden, Otto und ich. Dann kam ich eines Tages zu einer Verabredung ein bisschen zu spät. Es war in einer Mietwohnung, die Otto für solche Treffen angemietet hatte. Ich kam hin, aber er war tot. Genickbruch."

"Mein Gott!", machte Katja.

"In der Wohnung war noch jemand. Ein Mann."

"Der Mörder?"

"Ich weiß es nicht."




11


Thomas Hansen erinnerte sich.

"Lassen Sie ihn so liegen!", sagte die kühle Männerstimme, die Thomas Hansen herumfahren ließ. Er sah in ein eckiges, grobgeschnittenes Gesicht, dessen markantester Punkt die hervorspringende Nase war.

Thomas hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen.

"Wer... wer sind Sie?", fragte Thomas schluckend.

"Unwichtig", kam die kühle Erwiderung. Das Gesicht des Mannes blieb dabei regungslos.

"Haben Sie Otto..."

"Sie müssen Thomas Hansen sein."

Thomas nickte. Und gleichzeitig ging ihm ein eisiger Schauer über den Rücken. Er hatte das untrügliche Gefühl, unvermittelt in etwas hineingeschliddert zu sein, das entschieden zu groß für ein kleines Licht ihn war.

Aber jetzt gab es keine Wahl mehr. Nun konnte er nur noch hoffen, so schnell und mit so wenig Schaden wie irgend möglich wieder aus diesem Schlamassel herauszukommen.

"Woher wissen Sie meinen Namen?", fragte Thomas, weil ihm nichts Besseres einfiel.

"Von Otto."

"Ach, ja?"

"So hat er sich Ihnen gegenüber genannt."

"Arbeiten Sie für dieselben Leute wie Otto?"

Der Mann nickte. Ganz langsam.

"Ja."

Thomas zuckte die Schultern und wusste nicht so recht, ob er darüber nun erleichtert sein sollte.

"Dann verstehe ich nicht, wieso..."

Der Mann unterbrach ihn: "Seien Sie jetzt besser still und hören Sie mir genau zu!"

Thomas schluckte, während er dem toten Otto noch einen kurzen Blick zukommen ließ.

"Ich höre."

Als Thomas dann die Stimme seines Gegenübers hörte, dachte er an klirrendes Eis.

"Sie haben unsere Aufträge immer zu unserer Zufriedenheit durchgeführt. Sie bekommen jetzt einen letzten."

"Und der wäre?"

"Sorgen Sie dafür, dass Otto verschwindet. Für immer."

"Wie soll ich das machen?"

"Ihr Problem. Ich will auch gar nicht wissen, was Sie tun, aber ich nehme an, da Ihre Fantasie ausreicht, um die Sache über die Bühne zu bringen. Die Zahlung erfolgt auf dem üblichen Weg."

Dann näherte sich der Mann, sah Thomas einen Augenblick lang nachdenklich an und wandte sich dann der Leiche zu. Er beugte sich über den Toten und suchte in dessen Jackentaschen herum.

"Was machen Sie da?", fragte Thomas dämlicherweise.

"Ich nehme Otto die Papiere ab - und was er sonst noch so in den Taschen hat. Er braucht das Zeug ja jetzt nicht mehr."




12


"Und dann?", drang Katjas glasklare Stimme in Thomas' Bewusstsein.

Er zuckte die Achseln.

"Na, ich habe gemacht, was der Kerl gesagt hat."

"Du hast..."

"...eine Leiche verschwinden lassen, ja. Was weiß ich, warum Otto sterben musste? Vielleicht hat er doppeltes Spiel gespielt oder so etwas. Oder er ist irgendeiner internen Intrige zum Opfer gefallen. Ich konnte ihn jedenfalls nicht wieder lebendig machen."

"Was hast du mit ihm gemacht?"

"Verbuddelt."

"Einfach vergraben?"

Thomas hasste es über diese Sache zu sprechen. Aber besonders hasste er es, nach Details gefragt zu werden. Er antwortete aber trotzdem. „Vorher habe ich ihn noch ein bisschen mit Säure behandelt. Wegen den Fingerabdrücken und so. Das Gesicht habe ich auch unkenntlich gemacht."

Katja seufzte.

"Wo liegt Otto?"

"Spielt doch keine Rolle!", grunzte er.

"Und jetzt hast du den Kerl in Verdacht, den du in der Wohnung getroffen hast?", schloss Katja messerscharf. "Du denkst, dass er etwas mit dem Anschlag zu tun hat!"

"Natürlich!"

"Wie sah er aus, wie alt war er?"

"Etwas älter als ich", sagte Thomas.

"Dann glaube ich nicht, dass er es war, der auf dem Motorrad saß?"

"Bist du dir da wirklich sicher?" Thomas' Tonfall hatte einen Anflug von Sarkasmus.

"Naja...", meinte sie und hob hilflos die Hände.

"Der Mann war sehr hager und sehr gut durchtrainiert, so jedenfalls mein Eindruck. Und wenn er das gehalten hat... Der Motorradfahrer hatte immerhin einen Helm auf! Was willst du da schon erkannt haben!"

Katja atmete tief durch, erhob sich und ging dann unruhig vor dem Fenster auf und ab. "Vielleicht hast du recht", murmelte sie.

Thomas nickte.

"Sicher habe ich recht!"

"Und was sollen wir jetzt machen? Rumsitzen und Däumchen drehen, bis er dich erwischt hat? Auf diesen Killer warten wie ein Kaninchen vor der Schlange? Nee, du, dazu habe ich keine Lust!"

Thomas lachte heiser und meinem Anflug von Verzweiflung.

"Und was schlägst du vor?", fragte er dann.

"Und wenn du doch zur Polizei...?"

"Meinst du, ich habe Lust, in den Knast zu wandern?"

Indessen ging die Haustür auf. Jemand kam ins Haus.

"Das wird Marc sein!", vermutete Katja.

Thomas nickte leicht. "Möchte wissen, wo der Junge sich den ganzen Tag herumtreibt! Für sein Abi macht er jedenfalls nichts!"

Katja konnte da nur die Augen verdrehen.

"Das ist doch jetzt wohl völlig unwichtig!", behauptete sie.

Mit schlurfenden Schritten kam ein hochgewachsener, schlaksiger Lockenkopf durch die Tür. Das war Marc, der Sohn des Hauses, auf dem alle Hoffnungen ruhten und der so wenig davon erfüllen konnte.

"Hallo", nuschelte er so nachlässig, wie er in allem anderen auch war.

"Hallo", erwiderte Thomas, ohne seinen Sohn anzusehen.

Thomas nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Dann blickte er auf und fragte: "Ist was?"

Marc hatte die Hände in den Taschen vergraben und zuckte die schmalen Schultern.

"Mama hat mir gesagt, du wolltest noch ein Hühnchen mit mir rupfen."

Thomas machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Ein andernmal", murmelte er.

"Mir auch recht.

"Gut."

"Noch was anderes."

Thomas sah seinen Sohn erstaunt an.

"Was denn?"

Marc fingerte einen Umschlag aus der Jackentasche heraus und legte ihn auf den niedrigen Wohnzimmertisch.

"Hier, das klemmte im Briefschlitz!" sagte er dazu.

"Ein Umschlag?"

Thomas nahm ihn an sich. Keine Adresse, nichts. Aber zugeklebt war er.

"Was ist drin! Nun mach doch schon auf!", forderte Katja.

"Nein...", murmelte Thomas. "Jetzt nicht." Und dabei fühlte er, wie seine Hände zitterten, als er den Umschlag in die Hemdtasche steckte.




13


Thomas öffnete den Umschlag später, im Schlafzimmer. Ein Foto, mehr war nicht darin. An der linken Ecke oben hatte es ein Eselsohr.

Auf dem Bild war das Gesicht eines Mannes zu sehen. Die Augen waren weit aufgerissen und starr. Aus dem Mund sickerte Blut. Man hatte ihm die Zähne eingeschlagen und auf seiner Stirn war ein kleines, rotes Einschussloch.

Thomas lief es eiskalt über den Rücken, und das nicht nur wegen des Zustandes, in dem sich der Abgebildete befand.

Katja kam herein.

Sie sah Thomas auf der Bettkante sitzen, das Gesicht farblos, der Blick leer und ins Nichts gerichtet. Sie setzte sich neben ihn, legte die Hand auf seine Schulter. Er ließ zu, dass sie ihm das Bild aus der Hand nahm.

"Das war alles?", fragte sie.

"Ja. Ich wollte es nicht aufmachen, solange der Junge dabei war." Er zuckte die Achseln.

Katja verengte ein wenig die Augen, als sie das Foto betrachtete.

Dann sagte sie: "Der Mann auf dem Foto sieht aus, als ob..." Sie brach ab.

Thomas nickte.

"Als ob er tot ist. Ja. Du kannst dich drauf verlassen: Er IST tot."

"Wer ist es?"

"Es ist der Mann, den ich damals in Ottos Wohnung getroffen habe."

"Bist du sicher?"

"Hundertprozentig. Er ist zwar ein paar Jahre älter geworden, aber das Gesicht habe nicht vergessen. All die Jahre nicht! Nein, ich bin mir absolut sicher. Da gibt es keinen Zweifel."

"Er sieht schlimm aus..."

Thomas lächelte matt.

"Nicht so schlimm, wie manches, was man im Fernsehen sieht!", meinte Thomas schnoddrig.

Katja verzog das Gesicht.

"Dumme Sprüche kannst du dir jetzt wirklich sparen, Thomas! Jetzt geht es um dein Leben! Hast du das immer noch nicht begriffen?"

"Reg dich ab!"

"Reg dich ab! Reg dich ab!", äffte Katja ihn nach und fuhr sich mit Linken durch die Haare. "Ich will mich aber nicht abregen!" Sie atmete tief durch und forderte dann nach kurzer Pause: "Nun sag doch schon was! Kannst du dir irgendwie zusammenreimen, was das zu bedeuten hat?“

„Schatz! Ich habe keine Ahnung! Dieser Mann... Ich weiß ja nicht einmal seinen Namen! Jemand hat ihn umgebracht, und zwar auf ziemlich bestialische Weise. Aber warum? Keine Ahnung!"

"Und warum schickt man dir das Foto?"

"Wenn ich's wüsste, würde ich es dir sagen!"

Katja hob die Augenbrauen.

"Wirklich?"




14


Katja trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch, während im Hintergrund die Kaffeemaschine brodelte und dabei fast den Nachrichtensprecher im Radio übertönte.

Thomas brauchte heute anscheinend länger als sonst, um sich fertig zu machen.

Als er dann endlich kam, hatte er etwas Schweres in der Hand, das er dann neben seinem Teller auf den Tisch legte.

Es war eine Pistole.

"Meine Güte, woher hast du denn die?", fragte Katja erstaunt.

"Die alte Sportpistole von deinem Vater", murmelte Thomas und zuckte dabei die Achseln. "War gar nicht so einfach, das Ding wiederzufinden."

Katja zählte schnell zwei und zwei zusammen. Und ganz gleich, wie man die Sache auch betrachtete: Es gefiel ihr nicht.

"Meinst du...", begann sie, aber sie wurde von ihm unterbrochen.

"Na, jedenfalls will ich mich nicht einfach so abknallen lassen, wenn der Kerl hier auftaucht", meinte er und versuchte ein Lächeln, das sie nicht erwiderte. "Ich habe sogar etwas Munition gefunden. Hoffentlich funktioniert das alte Ding auch noch und fliegt mir nicht beim ersten Schuss um die Ohren!"

"Kannst du denn damit umgehen?", fragte Katja dann ganz pragmatisch.

"Ich denke schon. Schließlich war ich ja auch mal bei der Bundeswehr."

"Ich hoffe, du machst nicht nur noch alles schlimmer - mit dem Ding da!"

"Was soll denn schlimmer werden?"

"Ja, willst du ihn vielleicht einfach über den Haufen knallen, den Kerl?"

Thomas schüttelte den Kopf.

"Nicht einfach so. In Notwehr. Verstehst du? Darauf hat jeder ein Recht, ich auch."

Thomas nahm sich ein Brötchen und griff nach dem Marmeladenglas.

"Haben wir eigentlich keine Himbeerkonfitüre mehr?"

"Nein. Nur noch Ananas. Morgen gehe ich einkaufen."

Katja nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.

Dann sagte sie plötzlich:

"Ich habe noch einmal über alles nachgedacht."

"Es ist schon spät!", gab Thomas mit vollem Mund zurück. "Ich muss in die Firma."

Katja musterte ihn: "Wenn das wirklich Stasi-Leute sind, die dich da jetzt auf dem Kieker haben, dann frage ich mich, weshalb die dich verfehlt haben!"

Thomas runzelte die Stirn und hörte einen Moment zu kauen auf.

"Na, weil ich mich schnell genug geduckt habe, deswegen", meinte er dann und lachte dabei verlegen. "Du Hättest es wohl lieber, wenn es anders gekommen wäre, was?

"Quatsch!"

"Naja..."

"Über so etwas macht man keine Scherze, Thomas!" Sie verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich dann nach vorn über den Tisch. "Überleg doch mal! Wenn das Profis waren, wieso dann eine solche Stümperei? Vielleicht vermutest du den Killer in einer ganz falschen Ecke und es hat am Ende gar nichts mit diesem Stasi-Zeug zu tun! Kann doch auch sein, oder?"

"Aus welcher Ecke soll's denn sonst kommen, Katja?"

"Keine Ahnung!"

"Na siehst du, dir fällt sonst auch keine Adresse, von der das kommen kann."

Thomas steckte den Rest des Brötchens in den Mund und stand auf.

"Das haben wir doch alles schon hundertmal durchgekaut!", murmelte er.

"Und was soll dieses Foto?", fragte Katja. "Darüber habe ich mir auch dem Kopf zerbrochen!"

"Mein Gott, ich weiß es nicht!"

"Und wenn das eine Art Warnung ist? So nach der Art: Der hier ist schon tot und du bist der nächste?"

Er zuckte mit den Schultern.

"Warum sollten sie so etwas tun? Das ergibt nur einen Sinn, wenn..."

Katja nickte.

"Wenn sie dich gar nicht um jeden Preis töten wollen, Thomas!", vollendete sie. "Vielleicht kannst du dich mit ihnen... einigen..."

Er lachte heiser und schüttelte dabei den Kopf.

"Nein", murmelte er.

"Und warum nicht? Man könnte es versuchen!"

"Wie stellst du dir das vor? Den einzigen, den ich von dieser Bande etwas besser kannte war dieser Otto. Aber auch von dem wusste ich so gut wie nichts. Nichts, hörst du? Nur seinen falschen Namen und sein Gesicht. Und die Tatsache, dass er tot ist."

"Du vergisst den Mann auf dem Foto", gab Katja zu bedenken.

"Von dem weiß ich noch weniger."

Katja stand jetzt auch auf.

"Herrgott, du bist doch früher auch mit diesen Leuten in Kontakt gekommen, wenn's nötig war - irgendwie!"

"Nein."

Sie verstand nicht.

"Was heißt nein?"

"Es war immer umgekehrt. Sie haben mit mir Kontakt aufgenommen. Es war eine Einbahnstraße. Sie wussten alles über mich und ich nichts über sie. Das waren nun mal die Spielregeln und ich hatte weder die Lust noch überhaupt die Möglichkeit, daran etwas zu ändern." Er sah sie an. "Aber mir wird schon was einfallen!", meinte er. "Ich hoffe, du hältst zu mir!"

Ihre Züge wurden etwas sanfter. Sie kam näher, umrundete den Tisch und nestelte an seinem Hemdkragen.

"Sicher tu ich das!"

"Wirklich?"

"Es hängt alles davon ab."

"Ich weiß."

Er nahm sie in den Arm. Etwas hölzern zwar, aber er tat es. Er roch ihr Haar, während er ihre Stimme hörte: "Was immer gewesen ist, es ist lange her und es war eine andere Zeit."

Thomas strich ihr über den Kopf.

"Ja", sagte er. "Jeder hat das Recht auf einen Fehler, oder?"

"Sicher."

Er löste sich von ihr.

Sie brachte ihn noch zur Tür.

"Hast du unseren Herrn Sohn eigentlich schon geweckt?", erkundigte er sich noch.

Sie nickte.

"Schon dreimal!"

"Der schafft doch nie und nimmer seinen Bus!"

"Ich werde nachher etwas früher zum Dienst fahren, dann kann ich ihn mitnehmen."

Thomas schüttelte den Kopf.

"Einen verwöhnten Pimpel haben wir da großgezogen!"

"Wie du schon sagtest: Jeder hat das Recht auf Fehler."

"Ja, und unser gemeinsamer Fehler wird hoffentlich bald ein Stück erwachsener!"




15


"Dein Freund hat wieder angerufen!", begrüßte Kalli seinen Chef, als der gerade aus dem Wagen gestiegen war.

Thomas Hansens Gesicht verfinsterte sich leicht.

"Was?", fragte er überflüssigerweise.

"Na, du weißt schon, der eine da... Sag mal, was steckt da eigentlich hinter? Was will der Kerl von dir?

"Ich weiß es nicht", erklärte Thomas. Er wollte an Kalli vorbei, aber der fasste ihn leicht an der Schulter.

"Brauchst du irgendwie Hilfe, Chef?"

"Quatsch!"

"Ach komm schon! Ich kenn dich doch! Das sieht doch ein Blinder, dass mit dir was nicht in Ordnung ist!"

Thomas versuchte ein milderes Gesicht aufzusetzen.

"Es ist alles okay", behauptete er und seufzte. "Jedenfalls gibt es keine Probleme, die ich nicht selber lösen könnte..."

In Kallis Gesicht stand der blanke Zweifel.

"Du weißt, ich bin dein Freund", sagte er dann gedämpft. "Du kannst auf mich zählen."

Thomas nickte.

"Danke, Kalli. Wirklich vielen Dank."

"Ich habe das nicht nur einfach so dahingesagt!"

Thomas' Lächeln war noch dünner als der Kaffee, den seine Frau ihm morgens machte.

Er sagte noch einmal, fast so, als müsste er es sich selbst erst einreden: "Das weiß ich, aber ich komme gut klar. Es ist alles in Ordnung."

Kalli schüttelte den Kopf und nahm die Hand von Thomas Schulter.

"Entschuldigung, aber das glaube ich nicht. Du trägst jetzt immerhin eine Waffe."

"Woher...?"

Schulterzucken.

"Ich hab's vorhin zufällig gesehen, als ich ins Büro kam und du dir das Ding zurechtgerückt hast."

Thomas' Stimme klang ärgerlich.

"Weißt du was? Kümmere dich um deine Sachen, ja?"

"Wie du meinst!"




16


Hansen war auf dem Weg zum Kreishaus, um den roten Alpha Romeo für einen Kunden beim Straßenverkehrsamt anzumelden.

Gehörte zum Service beim Autohaus Hansen. Man musste schließlich schon einiges bieten, um die Kundschaft einigermaßen bei Laune zu halten. Hansen fuhr zu schnell.

Eine innere Unruhe erfüllte ihm.

Das Kreishaus lag wie ein großer, erhabener Klotz auf einer Anhöhe.

Hansen befand sich sozusagen auf der Zielgeraden, einer breiten Schnellstraße.

Das Autoradio lief. Hansen summte den Oldie halblaut mit, der da gerade geträllert wurde. Eine sentimentale Schnulze, aber gut um sich jetzt etwas abzulenken.

Mit einem Seitenblick nahm er das große Plakat auf der Rechten wahr. COUNTRY-MUSIC IM KULTURHAUS! TOM ASTOR KOMMT!

Und während er noch dachte, dass die strahlendweißen Zähne des Schnulzen-Cowboys bestimmt nicht echt waren, hörte er hinter sich einen Motor aufheulen.

"Blöder Spinner, hast wohl den Führerschein im Lotto gewonnen, was?"

Ein rostiger, ziemlich zerbeulter Ford zog an ihm vorbei und begann, Hansens Alpha abzudrängen. Mit einem kräftigen Ruck kam der Ford gegen die Fahrertür des Alphas.

"Verdammt!"

Hansen sah die Leitplanke auf sich zu rasen. Knackend bog sich das Metall. Der Kotflügel des Alpha rammte sich in die Leitplanke.




17


"Thomas! Was ist passiert?"

"Halb so schlimm, Schatz. Aber es ist schön, dass du gekommen bist, um mich abzuholen!"

Katja wandte sich an den Mann im weißen Kittel, der sie stirnrunzelnd gemustert hatte, als sie hereingekommen war.

"Doktor, was ist los?", fragte sie.

"Ein paar Kratzer, Stauchungen, Prellungen. Aber es hätte viel schlimmer kommen können, Frau..."

"Hansen."

"Sie können Ihren Mann gleich mitnehmen."

"Gott sei Dank."

Der Arzt nickte und setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf. Dann wandte er sich zum Gehen.

"Auf Wiedersehen!"

"Auf Wiedersehen!", gab Katja zurück, ohne den Arzt dabei anzusehen. Ihr Blick hing an Thomas. Aber ehe sie etwas sagte, wartete sie, bis der Arzt das Zimmer verlassen hatte.

"Am Telefon hast du etwas von einem Unfall gesagt!"

Thomas nickte.

"Ja, der Wagen ist hin!"

"Ach, was interessiert denn der Wagen? Was ist passiert?"

"So ein Idiot hat mich mit seinem Landrover von der Straße gedrängt und ist dann abgehauen! Ich hatte wirklich Glück! Wenn ich gegen einen der Bäume geknallt wäre, dann könntest du jetzt schon mal den Kuchen für die Beerdigung bestellen!"

Katja schluckte.

"Meinst du..."

Er nickte heftig. "Ja, genau das meine ich. Das war kein Unfall! Das war ein gezielter Anschlag!" Er schüttelte langsam und sehr nachdenklich den Kopf und rieb sich die Augen.

Katja holte einen Umschlag aus der Handtasche und reichte ihn ihrem Mann.

"Das hier war heute im Briefkasten!", erklärte sie dazu.

"Ein Umschlag ohne Adresse", murmelte Thomas gedehnt. "Hast du..."

"Ich habe hineingesehen, ja. Wieder ein Foto."

Der Umschlag war nicht zugeklebt worden. Thomas öffnete ihn und holte das Foto heraus.

"Ja...", murmelte Thomas, als ginge ihm ein Licht auf. Sein Gesicht verlor dabei den letzten Rest frischer Farbe.

Katja fragte: "Kennst du den Mann?"

"Warum meinst du, dass ich den auch kennen sollte?"

"Du bist ganz blass geworden!"

"Quatsch!"

"Das Foto ist schon älter. Schwarz-weiß und schlechte Qualität... Fällt dir der schwarze Rand auf? Den hat jemand mit Filzstift draufgemalt... Wie ein Trauerrand bei Todesanzeigen!"

"Sicher fällt mir der auf!", gab Thomas schulterzuckend zurück. Nach kurzer Pause fuhr er dann nachdenklicher fort: "Das heißt nichts anderes, als dass der Kerl auf dem Bild auch tot ist..."

"Und das er irgendwann auch dich erwischen wird! Thomas, das scheint ein Serientäter zu sein! Fragt sich nur, warum du auf seiner Liste stehst! Du musst etwas mit diesen beiden Männern gemeinsam haben."

Er sah auf.

"Und was sollte das sein?"

"Ich weiß nicht."

"Wenn wir wüssten, um wen es sich handelt, wären wir vielleicht ein bisschen schlauer! Du hast für die Stasi gearbeitet..."

"Na, und?"

"... und dasselbe gilt auch für den Mann auf dem ersten Foto."

"Ich nehme an, ja", bestätigte Thomas.

"Und wenn der hier ebenfalls zu dem Verein gehörte?"

"Sind wir dadurch weiter?"

"Ich weiß nicht", seufzte Katja.

"Na, siehst du!"

"Denk doch auch mal nach!"

Thomas zog sich seine Jacke an und verzog dabei ein bisschen das Gesicht vor Schmerzen.

"Was meinst du wohl, was mir die ganze Zeit im Kopf herumgeht, häh?", knurrte er.

"Schon gut."

"Gehen wir!"

"Meinetwegen!"

Er stand auf.

"Ah, das tut noch ganz schön weh!"

"Geht es?"

Er nickte mit verkniffenem Gesicht.

"Einigermaßen."

"Komm, ich helf dir!"

"Danke. Aber ich bin kein Krüppel!"




18


Draußen goss es Bindfäden und obwohl sie sich ziemlich beeilten, in den Wagen zu kommen, bekamen sie eine kräftige Dusche mit.

"Scheißwetter!", schimpfte Thomas, als er endlich auf dem Beifahrersitz saß.

Katja ließ den Wagen an und fuhr los.

"Thomas, ich hab mir überlegt, dass es nicht schlecht wäre, wenn wir eine Weile verreisen bis Gras über die Sache gewachsen ist oder... ich weiß auch nicht!"

Thomas drehte indessen am Autoradio herum.

"Die bringen auch nur noch Mist!", murmelte er und schaltete schließlich ab.

Jetzt wurde Katja zornig.

"Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?"

"Natürlich höre ich dir zu! Du willst mit mir verreisen. Aber wie stellst du dir das überhaupt vor? Soll ich das Geschäft vielleicht sich selbst überlassen? Die Konkurrenz ist hart, da ist man ganz schnell weg vom Fenster, kaum das man sich versieht!"

"Der Kalli...."

"Ach, der Kalli!"

"Der Kalli ist doch dein Freund! Dem kannst du doch trauen! Und den Laden schmeißt der auch alleine. Wenigstens für eine Weile!"

Er sah zu ihr hinüber.

"So, meinst du?"

"Ja, meine ich!", äffte Katja ihn nach.

Es entstand eine unbehagliche Pause. Katja fuhr nervös.

Eigentlich war sie eine gute Fahrerin in, aber jetzt war sie mit den Gedanken nicht dabei. Ein BMW-Fahrer, dem sie die Vorfahrt abschnitt reagierte mit Hupen und Vogelzeigen.

"Kommt nicht in Frage!", sagte Thomas plötzlich sehr bestimmt.

"Wie bitte?"

"Ich sagte: Das kommt nicht in Frage! Einfach alles stehen und liegen zu lassen , das... Nein! Dafür habe ich nicht all die Jahre gearbeitet, dass nun alles den Bach runtergeht!"

"Wer sagt denn, dass es den Bach runtergeht?"

"Ich sage das!"

"Thomas..."

"Der Kalli ist ein netter Kerl und ein guter Kfz-Mechaniker. Aber nur ein mittelmäßiger Geschäftsmann. Mit seinem eigenen Geld kann er auch nicht umgehen, warum sollte es ihm mit meinem Geld da besser gehen... Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage! Ich werde nicht einfach so den Schwanz einkneifen!"

"Ach! Aber dich abknallen lassen, das findest du nicht so schlimm! Was glaubst du, wie lang er das nächste Mal warten wird? Und was er sich dann ausgedacht hat, um dich zur Stecke zu bringen?"

"Totgesagte leben länger, wusstest du das nicht?", sagte Thomas sarkastisch..

"Quatschkopf!"




19


Thomas ging unruhig vor dem Küchenfenster auf und ab. In unregelmäßigen Abständen zog er die Gardine ein Stück zur Seite und schaute hinaus auf die Straße. Katja kam herein und nippte an ihrer Kaffeetasse.

"Du schleichst hier herum, wie... wie ein Raubtier in seinem Käfig."

"Hm."

Er blickte hinaus und schien völlig abwesend. Der Regen pladderte gegen die Scheibe.

Katja fragte: "Meinst du, das bringt was, dauernd aus dem Fenster zu starren?"

"Er wird kommen...", murmelte Thomas.

"Und darauf wartest du jetzt?"

Er zuckte mit den Achseln.

"Was soll ich machen?"

"Vielleicht überlegst du das mit der Reise nochmal!"

"Und was kommt danach?" Thomas schüttelte den Kopf. "Das bringt doch alles nichts!"

Katja stellte die Kaffeetasse ab. Der Löffel, der darinsteckte, machte dabei ein schepperndes Geräusch.

Zweimal holte sie Luft und setzte an. Aber erst beim drittenmal hörte sie sich selbst sagen: "Ich habe übrigens die Sportpistole von Vater gefunden."

Er wirbelte herum.

"Was?"

"Ja, beim Aufräumen. Ganz zufällig. Sie lag noch bei dem anderen Zeug, das wir vor zwei Jahren geerbt haben."

Thomas schluckte und kratzte sich hinter dem Ohr.

"Na, und?", knurrte er.

Katja trat nahe an ihn heran.

"Ich frage mich, warum du mich anlügst! Woher kommt die Waffe, die du jetzt bei dir trägst?"

Thomas hob die Hände und blickte zur Seite.

"Ich habe sie mir halt besorgt." Seine Hände wanderten jetzt in die Hosentaschen und beulten sie aus. "Was ich brauche ist kein Spielzeug, sondern etwas, das mannstoppend wirkt, wie es so schön heißt!", rechtfertigte er sich dann ein bisschen zu schroff.

Katja dachte nicht daran, sich mit irgend etwas abspeisen zu lassen.

"Und warum hast du mir erst was anderes erzählt?", fragte sie kühl.

"Herrgott, ist das jetzt wichtig?"

"Was weiß ich!" Sie sah ihn an. „Warum vertraust du mir nicht?"

Er legte den Arm um sie. Aber sie blieb steif und etwas abweisend. "Ich vertraue dir doch!", behauptete er ohne Überzeugungskraft. "Wie kannst du so was nur sagen! Du bist die einzige, der ich bisher erzählt habe, was ich früher so... gemacht habe."

Er zog die Hand wieder von ihrer Schulter.

"Ich habe das Gefühl, dass da noch etwas ist!", sagte sie bestimmt.

Ein Geräusch, das halb Lachen halb verlegenes Husten war, drang über Thomas' Lippen. "Und was sollte das zum Beispiel sein?", fragte er.

Ihre Augen musterten ihn kühl.

"Du kennst den Mann auf dem zweiten Foto, nicht wahr?"

"Wie kommst du denn darauf?"

"Ich hab's dir angesehen."

"Ach, ja?"

Sie nickte bekräftigend.

"Schon im ersten Moment, als ich es dir gezeigt habe... Ist - ich meine war - er auch einer von diesen Stasi-Leuten?"

Thomas seufzte.

"Wir wissen nicht mit Sicherheit, dass er tot ist. Bei dem ersten schon, das war deutlich zu sehen... Aber bei dem anderen..."

"Also gehörte er auch dazu!"

"Ja."

"Und warum muss man dir das so aus der Nase ziehen?"

"Ist doch meine Nase, oder? Und es ist doch wohl verflixt noch mal auch mein Kopf, um den es hier geht, nicht wahr?"

Es entstand eine unbehagliche Pause. Thomas blickte zum Fenster und verschränkte die Arme vor der Brust. Katja trat an ihn heran und berührte ihn leicht am Unterarm. Er reagierte nicht.

"Du bist wohl ziemlich mit den Nerven am Ende, was?", sagte sie tonlos.

Er drehte leicht den Kopf in ihre Richtung.

"Du etwa nicht?"

"Doch, sicher."

"Das ist ja auch verdammt noch mal kein Wunder!" Seine Stimme wurde versöhnlicher. "Komm her!", sagte er und nahm sie in den Arm. Diesmal schmiegte sie sich an ihn und erklärte: "Wir werden das schon durchstehen. So oder so."

Er strich ihr über das Haar und nickte leicht.

"Sicher werden wir das!"

"Ich habe versucht, ein paar Tage Urlaub zu kriegen, aber das ist unmöglich. Bei uns sind drei Leute krank..."

Thomas lächelte.

"Macht doch nichts! Katja, wir sollten versuchen, unser Leben so weiterzuleben, wie wir es sonst auch getan hätten!"

"Viel verlangt!", meinte Katja dazu.

"Zu viel?"

"Ich weiß nicht..."




20


Am nächsten Tag tauchte Bremshey in der Firma auf. Thomas Hansen war alles andere, als erfreut darüber, als der Kripo-Beamte in das Büro schneite.

"Guten Tag, Herr Hansen!" Bremshey klopfte seinen nassen Regenmantel ab. Draußen goss es wie aus Eimern. Der Wetterbericht verhieß Sturm.

Hansen verzog das Gesicht und blickte von den ungeordneten Bergen von Belegen auf, aus denen er so etwas wie eine Buchhaltung zu machen versuchte.

"Guten Tag, Herr Kommissar!", sagte er reserviert. "Machen Sie bitte die Tür richtig zu. Es zieht!"

Bremshey kümmerte sich nicht um die Anweisungen seines Gegenübers, sondern stand einfach da und blickte auf Hansen herab.

Die Tür fiel indessen von allein zu und machte dabei ein unangenehmes, schepperndes Geräusch.

"Ich habe von Ihrem... Unfall gehört", murmelte Bremshey, dann, während er noch einen Schritt näher kam. Er sagte das mit einem ganz bestimmten Unterton, der Thomas Hansen nicht gefiel.

Thomas zog die Augenbrauen hoch.

"Na, und?"

"Warum haben Sie sich nicht mit mir in Verbindung gesetzt?" Bremshey blickte Hansen direkt an, aber dieser wich aus und schaute zur Seite.

"Warum hätte ich das tun sollen?", fragte der, wobei er ganz leicht mit den Schultern zuckte.

Bremshey hob die Arme, bepladderte dabei mit seinem nassen Mantel die Belege und schüttelte dann verständnislos den Kopf.

"Da will Sie offenbar einer umbringen und das gehört in mein Gebiet", erklärte er.

Thomas Hansen lächelte dünn.

"Ich wäre sicher noch auf einen Sprung zu Ihnen gekommen."

"Nein, wären Sie nicht."

Der Ton, den Bremshey jetzt anschlug, war eisig. Thomas Hansen schluckte.

"Na, hören sie mal, was erlauben Sie sich!", rief er, wirkte aber schwach dabei.

Bremshey blieb provozierend ruhig.

"Ich weiß nicht, was für Dreck Sie am Stecken haben, oder wer Sie unter Druck setzt...", begann er dann gedehnt. Weiter kam er nicht.

Thomas ließ gereizt die flache Hand auf den Tisch donnern.

Das ließ ein paar Belege auf den Boden segeln.

"Mich setzt niemand unter Druck! Niemand, haben Sie mich verstanden?"

Bremshey seufzte.

"Zumindest laut genug war's ja", versetzte er.

Thomas hob den Zeigefinger und richtete ihn auf sein Gegenüber, als wäre es der Lauf einer Pistole.

"Hören Sie", schimpfte er, "ich weiß Ihre Bemühungen ja zu schätzen..."

"Nein, Herr Hansen. Das wissen Sie eben nicht!", unterbrach der Kommissar hart. "Sie spielen mit dem Feuer! Verbrennen Sie sich nicht!"

"Keine Sorge!", zischte Thomas.




21


Der Regen hatte aufgehört, aber der graue Himmel verhieß keine Besserung.

Katja setzte ihren Golf auf den Hof, stieg aus und ging eilig zur Haustür. Unter dem Arm trug sie eine Plastiktüte vom Supermarkt. Die Tragelaschen waren gerissen und unten hatte sich bereits die scharfe Kante eines Joghurtbechers durch das weiche Plastik geschnitten.

Katja fingerte mit einiger Mühe einhändig den Haustürschlüssel ins Schloss und bekam am Ende sogar die Tür auf, die man beim Aufschließen anziehen musste.

Sie trat ein, trat mit der Hacke die Tür zu und hatte auf einmal das Gefühl, dass schon jemand in der Wohnung war.

Irgend ein Geräusch hatte sie stutzen lassen - nur einen Sekundenbruchteil lang, aber es reichte aus.

"Thomas?", rief sie und blickte dabei auf den Fußabdruck auf dem Teppich. Ja, das sah ihm ähnlich! "Bist du schon zurück? Ich bin heute etwas früher!"

Sie bekam keine Antwort und ging in die Küche, wo sie die Tüte auf dem Tisch abstellte.

"Thomas?", fragte sie noch einmal.

Sie hörte Schritte und wirbelte herum.

In der Küchentür stand eine Gestalt, deren Gesicht von einem Motorradhelm verdeckt wurde. Es musste der Kerl sein, den Katja durch das Küchenfenster hatte davonfahren sehen, als auf Thomas geschossen worden war.

"Keine Bewegung", zischte eine dumpfe, sonore Stimme und Katja blickte in blanken Lauf einer Pistole. "Kommen Sie!", forderte er.

"Was haben Sie vor?"

"Tun Sie einfach, was ich sage! Kommen Sie mit ins Wohnzimmer! Gehen Sie langsam vor mir her!"

Katja gehorchte. Der Puls schlug ihr bis zum Hals. Sie schluckte und fühlte einen Kloß im Hals.

"Setzten Sie sich ganz ruhig in den Sessel dort!", wies der Mann sie an, als sie das Wohnzimmer betraten Sie setzten sich.

Der Mann legte einen Fuß auf den niedrigen Wohnzimmertisch, während Katja die schweißnassen Hände zwischen die Beine presste.

Sie atmete einmal heftig und hörte sich dann fragen: "Wer sind Sie?"

Sie blickte zu ihrem gesichtslosen Gegenüber auf.

"Was soll ich Ihnen darauf antworten? Auf jeden Fall ein recht guter Schütze - wenn auch vielleicht nicht ganz so gut, wie Ihr Mann! Aber ich kann mit diesem Ding hier umgehen, darauf können Sie sich verlassen!

Katjas Gedanken ordneten sich wieder einigermaßen. Den ersten Schock hatte sie hinter sich.

"Sie... wollen meinen Mann töten?", erkannte sie glasklar.

Sie rutschte auf dem Sessel nach vorn.

"Ich habe gesagt, Sie sollen sich setzen und mir nicht noch dumme Fragen stellen!"

Katja sah, dass er die Pistole angehoben hatte und lehnte sich wieder zurück. Er schien ziemlich nervös zu sein.

"Zufrieden?", fragte sie.

Er nickte.

"Ja, so ist es gut."

"Warum machen Sie das? Warum haben Sie auf meinen Mann geschossen und uns diese Fotos geschickt? Das waren doch Sie, oder?"

"Hat Ihr Mann Ihnen das nicht erklärt?"

"Ich... Ich weiß jetzt nicht so recht, was Sie meinen..."

Ein heiseres Lachen kam dumpf unter dem Helm hervor.

"Dachte ich es mir doch."

"Was dachten Sie sich?"

"Er ist ein feiger Hund."

"Thomas?"

"Ja, Ihr Thomas."

Es entstand eine Pause. Im Hintergrund tickte die Wohnzimmeruhr vor sich hin. Tick, tack... Katja machte das rasend.

Nur ruhig bleiben!, sagte sie sich. Ruhig bleiben und nicht den Kopf verlieren.

Tick, tack...

Zeit gewinnen! Irgendwie musste sie Zeit gewinnen. Er schien sich noch nicht im Klaren darüber zu sein, was er mit ihr anfangen sollte. Er hatte wohl nur mit Thomas gerechnet und eigentlich wäre sie jetzt ja auch noch nicht zu Hause gewesen.

Wenn er Thomas umbringt, dann wird er mich kaum am Leben lassen können!, überlegte sie.

Sie fragte sich, warum er es dann noch nicht getan hatte.

Vielleicht wollte er einfach nicht, dass man jetzt schon ein Schussgeräusch hören konnte.

"Haben Sie die Männer auf den Fotos auch... auch umgebracht?", fragte sie mit zitternder Stimme, die aber mit jedem Wort sicherer wurde.

"Halten Sie einfach den Mund, ja?"

"...und wenn Thomas gleich zurückkommt, dann soll ich in aller Ruhe mit ansehen, wie er eine Kugel von Ihnen bekommt? Das haben Sie doch vor, oder?"

Er zuckte die Achseln.

Schließlich sagte er nach kurzer Pause: "Es tut mir leid, dass ich Sie da hineinziehen musste. Es tut mir leid, aber ich kann nichts dafür. Normalerweise sind Sie um diese Zeit nicht zu Hause!"

"Ich weiß... Wie sind Sie überhaupt hier hereingekommen?"

"Durchs Klofenster. Es war abgeklappt."

"Ja, das war Marc. Ich habe ihm schon dutzendmal gesagt..."

"Ihr Sohn ist noch mindestens zwei Stunden weg. Handballtraining...

Katja atmete tief durch.

"Sie wissen sehr gut Bescheid."

"Ja, ich habe mich informiert! Und Hansen - also ich meine Ihr Mann - hat Ihnen bestimmt nichts gesagt? Über die Fotos zum Beispiel?"

"Er hat mir gesagt, dass er für die Stasi... Aufträge ausgeführt hat. Früher, meine ich. Schon lange her..."

Sie sah, wie der Motorradhelm sich hob und senkte.

"Ja, richtig."

"Hören Sie, mein Mann hat wirklich nicht vor, Ihnen irgendwie zu schaden! Ihnen oder Ihrem Auftraggeber!"

"Was Sie nicht sagen!"

"Für ihn sind die alten Zeiten vorbei - aus und vergessen. Und er will nichts, als sein Geschäft betreiben und ein ganz normales Leben führen..."

"Ein ganz normales Leben", unterbrach er sie mit einem zynischen Unterton. "Schön haben Sie das gesagt! Wirklich schön!"

Katja hob die Arme und beugte sich erneut etwas vor, worauf der Mann mit dem Helm diesmal allerdings nicht weiter reagierte.

"Sie müssen mir glauben!", rief sie.

Wieder ein heiseres Lachen.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass er die alten Zeiten gerne vergessen würde. Oder vielleicht sogar schon vergessen hat."

Katja begriff nicht.

"Na, dann ist doch alles in Ordnung oder?", meinte sie. "Er verlangt auch kein Geld oder so..."

Jetzt war er es, der sich vorbeugte. Er nahm den Fuß vom Tisch und auf einmal war ein seltsames Vibrieren in seiner Stimme.

"Hören Sie, Ihr Mann mag alles vergessen haben aber ich, ich kann es nicht vergessen!", zischte er. "Niemals!"

"Ach, so ist das", murmelte Katja, so als ob sie verstanden hätte, was er meinte.

Er nickte leicht.

"Ja, so ist das!", fauchte er.

Sie nahm einen erneuten Anlauf, denn um keinen Preis wollte sie das Gespräch abreißen lassen. Aus den Augenwinkeln heraus blickte sie zur Uhr. Thomas musste jeden Moment kommen.

"Sie sind ein Ossi, nicht wahr?", fragte sie. "Ich meine, ich wollte sagen, also... Ein Bürger aus den fünf neuen Bundesländern?"

Kopfschütteln.

"Nein. Ich war noch nie dort."

"Was?"

"Ihr Mann scheint Ihnen nicht alles gesagt zu haben."

"Sind Sie kein Ex-Stasi-Mann?"

"Ich?"

"Ja, sicher!"

Er lachte. "Nein, ich bestimmt nicht", murmelte er dann kopfschüttelnd.

Katja war wie vor den Kopf gestoßen.

"Aber..."

"Ich möchte, dass Sie sich Folgendes vorstellen!" forderte er und wieder vibrierte seine Stimme. Er atmete schneller, als er leise fortfuhr: "Ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, betritt die Wohnung seiner Eltern. Er kommt vom Spielen, den Ball hat er noch unter dem Arm. Er ist hingefallen und hat das Knie blutig und nur deshalb ist er jetzt hier." Er schnappte nach Luft und machte eine Pause. Dann schluckte er. "Können Sie mir folgen?"

"Ja", sagte Katja fast tonlos. "Erzählen Sie mir, wie es weitergeht..."

"Der Junge kommt in die Wohnung. Die Tür steht auf. Er sieht seine Eltern, beide liegen auf dem Boden tot. Und daneben steht ein großer Mann mit einer sehr langen Pistole. Er sieht den Jungen an und der Junge sieht ihn an. Dann geht der Mann an ihm vorbei, verlässt die Wohnung und verschwindet."

Das Schweigen, das dann den Raum erfüllte war unangenehm und drückend. Und im Hintergrund ging immer noch die Uhr.

Unablässig ging das Pendel hin und her. Katja dachte unwillkürlich an ein Fallbeil.

"Der Junge - das waren Sie?", fragte sie.

Er nickte.

"Sie dürfen dreimal raten, wer der Mann mit der Pistole war!"

Katja hob die Augenbrauen.

"Thomas?

"Ja."

"Sie... Sie täuschen sich bestimmt!"

"Nein, ich täusche mich nicht", erklärte er. "Ich habe Jahre gebraucht, um herauszufinden, was damals geschehen ist. Aber seit es die Mauer nicht mehr gibt, ist alles etwas leichter geworden... Der Mann auf dem ersten Foto, das war der Stasi-Offizier, von dem Ihr Mann seine Aufträge erhielt!"

"Aufträge?", erkundigte sie sich und ihre Augen wurden schmal dabei.

"Ja, insgesamt sieben", bestätigte er. "Sieben Menschen, die er umgebracht hat. Politische Gegner, die in den Westen geflohen waren, Überläufer, was weiß ich... Missliebige eben.“

"Das wusste ich nicht."

"Sie haben geglaubt, dass Ihr Mann nur ein paar Panzer fotografiert hat, was? Nein, er hatte ganz spezielle Aufgaben. Aber er wird dafür bezahlen!"

"Mein Gott... Können wir uns nicht irgendwie einigen? Ich meine..."

Der Helm hob sich ein wenig. Katja blickte in ihr eigenes Spiegelbild.

"Einigen?", fragte er höhnisch.

"Geld, vielleicht. Unsere Firma geht gut, da..."

"Vergessen Sie's!"

"Wie, bitte?"

"So etwas lässt sich nicht mit Geld regeln. Das ist ausgeschlossen. Ich sehe jede Nacht diesen Mann vor mir, mit seiner Pistole. Können Sie sich vorstellen, wie das ist? Können Sie das?"

"Wahrscheinlich nicht", gab Katja zu und dachte gleichzeitig fieberhaft nach. "Wenn Sie so sehr von der Schuld meines Mannes überzeugt sind - weshalb gehen Sie dann nicht zur Polizei, anstatt hier mit einer Pistole aufzutauchen?“

Er schüttelte den Kopf.

Sein Ton wurde bitter.

"Das ich nicht lache! Wissen Sie, wie viel man auf die Erinnerung eines Vierjährigen gibt? Nein, das würde nur im Sande verlaufen. Ihr Mann war Profi. Er hat seine Sache gut gemacht. Es dürfte schwer sein, heute noch Beweise beizubringen, die ein Gericht akzeptieren könnte!" Er machte eine Pause. Dann fragte er unvermittelt: "Ist Ihr Mann eigentlich bewaffnet?"

"Nein", sagte Katja.

"Soll ich das glauben?"

"Glauben Sie, was Sie wollen! Er hat eine Pistole. Aber nicht bei sich. Soll ich sie Ihnen zeigen?"

Der Mann zögerte und schien einen Moment lang nachdenken zu müssen.

Dann nickte er schließlich langsam, aber bestimmt.

"Ja."

Er fuchtelte mit der Pistole hin und her. Katja erhob sich vorsichtig.

"Seien Sie ja vorsichtig mit dem Ding, hören Sie?", murmelte sie.

"Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein! Wo ist die Waffe?"

"In der Küche."

"Versuchen Sie keine Tricks, ja? Es würde Ihnen schlecht bekommen!"

Er ließ Katja vor sich her gehen.

"Werden Sie mich nicht ohnehin töten?", fragte sie, als sie die Küche erreicht hatten.

"Warum sollte ich?"

Plötzlich klang Katjas Stimme sehr stark und bestimmt.

"Das sagen Sie nur, um mir Hoffnung zu machen!", stellte sie kühl fest.

"Ich sage, weil es die Wahrheit ist. Außerdem habe ich einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Ihr Mann hat den Tod verdient, sogar mehr als das! Aber sie haben damit nichts zu tun."

"Aber ich wäre eine Zeugin."

"Wirklich?" Er lachte. "Was wissen Sie von mir? Nichts. Ihr Mann war Profi, aber ich werde nicht weniger geschickt vorgehen. Wo ist jetzt die verdammte Pistole?

Katja öffnete eine Schublade. "Hier!", sagte sie.

"Finger weg!", fauchte er. „Das ist ein ziemlich altes Ding, was?"

Da klang so etwas wie Zweifel mit und deshalb beeilte sich Katja zu sagen: "Er hat sie auch ziemlich lange nicht mehr gebraucht!"

Er wandte den Kopf zu ihr. Vielleicht musterte er sie.

Katja sah den blicklosen Helm fest an und hoffte, dass man ihr glaubte.

"Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen, was?", kam es ihr kalt entgegen.

"Das würde ich nie wagen!"

"Ach, nein?"

"Nicht solange Sie mit Ihrer Waffe vor meinem Gesicht herumfuchteln!"

Er nahm die Waffe in die Linke und hielt sie Katja entgegen.

"Das ist eine Sportpistole!", stellte er fest. "Ich will ja nicht bestreiten, dass man damit nicht auch jemanden umbringen kann, aber..."

Er richtete den Lauf auf Katja und bohrte in dann schmerzhaft in ihren Hals. Vielleicht fünf volle Sekunden lang machte er das. Katja wagte nicht einmal zu schlucken.

Dann nahm er das Eisen wieder weg und schüttelte den Kopf.

"Sie haben gefragt, ob Thomas eine Waffe bei hat", sagte sie dann so ruhig sie eben konnte. "Und ich habe Sie Ihnen jetzt gezeigt. Mehr kann ich dazu nicht sagen."

"Ja, ja... Die Rolle des Unschuldslamms, die steht ihnen prächtig!", versetzte er zynisch.

"Mein Gott, was erwarten Sie denn von mir?"

"Schon Gut. Gehen wir wieder ins Wohnzimmer."

Er wandte ein wenig den Kopf und dann ging alles sehr schnell.

Ein Ruck ging durch seinen Körper. Er wollte die Rechte hochreißen, aber es war zu spät.

Zwei Schüsse kurz hintereinander abgefeuert trafen ihn im Oberkörper, rissen ihn nach hinten und ließen ihn dann der Länge nach zu Boden schlagen. Blut sickerte auf den kalten Kachelboden in der Küche.




22


"Er ist tot...", flüsterte Katja.

Thomas stand in der Tür und hielt in der Rechten immer noch die Pistole.

"Ja, wir haben Glück gehabt", meinte er dazu. Er wirkte kühl und beherrscht. "Ich bin ums Haus gegangen, weil ich meinen Hausschlüssel vergessen hatte. Du weißt, das passiert mir öfter. Deshalb habe ich ja auch den Ersatzschlüssel bei den Waschbetonsteinen. Tja, und dann habe ich Stimmen gehört!Wie kommt es, dass du schon zu Hause bist? Überstunden?"

"Ist doch jetzt unwichtig!", zischte Sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie versuchte, die Leiche nicht anzusehen.

Wie durch einen Nebel hörte sie Thomas' Stimme. Es schien auf einmal die Stimme eines Fremden zu sein.

"Es war gut, dass du ihn hier her gelockt hast", sagte er. "Warum auch immer."

"Wegen der Waffe", gab sie Auskunft. "Er fragte, ob du sie bei dir hättest und ich wollte ihm einreden, dass du unbewaffnet wärst. Deshalb habe ich ihm die Sportpistole gezeigt."

Ein mattes Lächeln ging über Thomas' Gesicht. Er schien erleichtert.

"Clever bist du jedenfalls!", meinte er.

Katja fühlte Panik in sich aufsteigen.

"Was machen wir jetzt! Wir haben einen Toten hier und die ganze Nachbarschaft hat die Schüsse bestimmt gehört."

"Die Kirchbaums sind jedenfalls einkaufen."

"Woher willst du das wissen?"

"Weil Donnerstag ist und der Wagen nicht dort steht, wo er hingehört."

"Trotzdem. Wir sollten..."

"Die Polizei rufen?"

Sie nickte.

"Ja."

Thomas steckte die Pistole weg und näherte sich der Leiche.

Er blickte nachdenklich hinab.

"Ja, ich glaube auch", murmelte er dann. "Es war Notwehr.

Und dieser Kommissar Bremshey weiß ja, dass es jemand auf mich abgesehen hat. Komm, pack mit an!"

"Was?"

Sie glaubte fast, sich verhört zu haben.

"Ja, nun tu nicht so, als währst du schwer von Begriff! Wir müssen den Kerl noch etwas überzeugender drapieren, damit man uns unsere Story auch glaubt!"

Thomas beugte sich über den Toten, aber Katja zögerte.

Und plötzlich begriff sie. "Dich interessiert gar nicht, wer er ist!", stellte sie fest.

Thomas richtete sich wieder auf und musterte sie einen Moment lang. Dann zuckte er die Schultern.

"Doch, sicher interessiert mich das!"

Katja hatte unterdessen die Leiche umrundet und versuchte, den Helm zu lösen.

"Was machst du denn da?", rief Thomas. "Nichts anfassen, du hinterlässt doch nur Spuren!"

"Hilf mir mal bei diesem verdammten Helmvisier!"

"Warte, ich hol dir die Spülhandschuhe aus der Küche."

Er brauchte nicht lange.

"Gib her!", forderte Katja, aber er gab ihr die Gummihandschuhe nicht, sondern zog sie sich selbst über.

"Lass mich das machen!", meinte er dazu.

Er öffnete das Visier.

"Kennst du ihn?", fragte Katja.

"Nein", behauptete er.

Sie begann jetzt, sich an den Kleidern des Toten zu schaffen zu machen.

"Was soll das?", rief Thomas.

"Einen Pass hat er nicht bei sich!"

"Was hast du denn gedacht!"

"Warum sollte er keinen Pass bei sich haben! Er hat ja wohl nicht damit gerechnet, erschossen zu werden!"

Katja drehte den Toten halb herum und wurde in der Gesäßtasche fündig.

"Hier: der Führerschein. Jörn Brandes. Sagt dir der Name was?"

Thomas schüttelte den Kopf.

"Nein. Meine Güte, ich weiß gar nicht, was du jetzt so darin herumbohrst! Bei diesen Stasi-Schweinen ist doch der Name so falsch wie alles andere! Komm, jetzt lass uns mal überlegen, wie wir ihn hinlegen. Und unsere Aussagen, die müssen wir auch absprechen!

"Ja, ja...", murmelte sie.




23


Zwei Tage später saßen sie in Bremsheys ungemütlichem, zugigen Büro auf dem Polizeipräsidium.

Thomas tickte mit den Finger nervös auf der Stuhllehne herum. Katja hingegen saß stocksteif da und bewegte nicht einmal die Augenbrauen.

Mit einer schwungvollen Bewegung zog Bremshey das Protokoll aus der Schreibmaschine, wobei er eine Ecke abriss.

"So, das wär's, denke ich", meinte er, als er Thomas das Papier hinlegte. "Ich bräuchte hier noch eine Unterschrift von Ihnen."

Thomas atmete tief durch.

"Natürlich!", beeilte er sich dann, beugte sich vor und ließ sich von Bremshey dann einen Kugelschreiber geben, der allerdings nicht funktionierte.

Bremshey wühlte in der Schreibtischschublade herum und fand schließlich einen gelben Filzstift. "Man sieht es auf dem weißen Papier zwar nicht besonders deutlich, aber rechtsgültig ist es", murmelte er dazu.

Thomas schrieb.

Er krakelte ziemlich.

"Blöder Stift!", knurrte er und reichte dann beides - Stift und Protokoll - an Katja weiter.

"Haben Sie inzwischen schon etwas über diesen... Verrückten herausgefunden?", fragte diese, während sie ihren Namen schrieb.

"Ja", nickte Bremshey.

Sie blickte auf.

"Und?"

Bremshey lehnte sich zurück.

"Eine ziemlich traurige Geschichte. Ein Heimkind. Dann Erziehungsheim, dann Jugendpsychiatrie, galt immer als schwierig und unzugänglich. Ein verschlossener Junge, der unter einem frühkindlichen Trauma litt."

"Was für ein Trauma?", fragte Katja.

Thomas war bereits im Begriff, sich zu erheben.

Seine Fingerkuppen tickten wieder unruhig auf der Stuhllehne herum.

"Katja..."

"Ja, es interessiert mich eben!", rechtfertigte sie sich, wobei ihr Blick auf Bremshey gerichtet blieb.

"Seine Eltern sind einem Mordanschlag zum Opfer gefallen", fuhr dieser fort. "Wahrscheinlich ein Raubüberfall. Ich habe mir mal die Akten kommen lassen, weil ich wissen wollte, was der reale Hintergrund war..."

"Und?", hakte Katja nach.

"Es steht nicht viel drin in der Akte. Ein ungeklärter Fall. Ein alter Bekannter wurde festgenommen, musste dann aber wieder freigelassen werden, weil die Beweise nicht ausreichten." Bremshey wandte den Kopf und sah Thomas an. "Naja, ich begreife übrigens immer noch nicht, warum Sie sich anfangs so angestellt haben!"

Thomas machte eine verlegene Geste.

"Sie wissen doch...", meinte er und stockte.

"Was?"

"Die Öffentlichkeit."

"Wieso?"

"Ich bin Geschäftsmann, und da ist es wichtig darauf zu achten, wie man in der Öffentlichkeit so dasteht..."

Bremshey zuckte die Achseln.

"Ist denn etwas Ehrenrühriges dabei, wenn ein Verrückter versucht, einen umzubringen?"

"Das nicht. Aber würden Sie sich gerne ein Auto bei jemandem kaufen, den man versucht umzubringen, um dann die Kugel abzubekommen, die eigentlich für ihn bestimmt war?"

Bremshey musste unwillkürlich lachen.

"Nun, so kann die Sache natürlich auch sehen."

"Na, sehen Sie!" Thomas atmete tief durch. "Tja, wenn wir hier nicht mehr gebraucht werden..."

"Sie können gehen, wenn Sie wollen. Was allerdings die Waffe angeht, mit der Sie Brandes erschossen haben..."

"Ja?"

"Sie bleibt weiter in Beschlagnahme. Sie müssen außerdem mit einem Bußgeld rechnen, schließlich haben Sie keinen Waffenschein."

"Verstehe."

"Auf Wiedersehen, Herr Hansen."

"Auf Wiedersehen. Oder vielleicht besser: nicht auf Wiedersehen."




24


"Du warst großartig Schatz!", sagte Thomas während der Fahrt nach Hause.

Er hatte das Radio angestellt und trommelte zum Rhythmus der Musik auf dem Steuerrad herum.

Katja schwieg.

Er sagte: "Die haben uns aus der Hand gefressen wie zahme Tauben, was?"

"Hm", machte sie abweisend.

"Du sagst ja gar nichts!"

"Es hat mir auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen, Thomas."

"Was? Wovon sprichst du, bitte schön?"

Sie wandte den Kopf und musterte ihn kühl von der Seite.

"Von deiner Kaltblütigkeit. Das bringst du mit einer... ja, Routine. Routine, das ist das richtige Wort!"

"Nun mach aber mal halblang..."

"Der Mann auf dem zweiten Foto! Das war einer deiner Opfer, nicht wahr? Ein 'Auftrag', wie du das so blumig ausgedrückt hast!"

"Hör, mal, Katja, müssen wir denn wirklich jetzt darüber reden. Ich meine..."

"Und ich meine, dass ich ein Recht habe, jetzt von dir die Wahrheit zu hören! Ich habe für dich geschwiegen, ich habe ein falsches Protokoll unterschrieben..." Und dann brachte Katja alles auf den Punkt. "Du warst kein Spion, Thomas. Du warst ein Killer."

"Katja..."

"Du brauchst es nicht abzustreiten. Der Mann mit dem Motorradhelm hat es mir gesagt. Brandes. Du hast seine Eltern umgebracht."

"Herrgott, nochmal!", schimpfte Thomas und schlug die Handballen gegen das Lenkrad.

Katja war unerbittlich.

"Erinnerst du dich an einen vierjährigen Jungen, der dich beobachtet hat, kurz nachdem du seine Eltern über den Jordan geschickt hast...."

Eisige Stille.

Katja fuhr fort: "Ich wette das Schießeisen, das du mit dir herumgetragen hast, ist noch die Tatwaffe von damals. Ordentlich bist du ja! Alles hebst du auf!"

Eine Pause entstand. Das Schweigen wirkte drückend. Thomas holte zweimal Luft, um etwas zu sagen.

"Gut", brachte er schließlich heraus. "Du weißt es also."

"Es ist also wirklich wahr?"

Er lachte verzweifelt.

"Hast du daran denn noch gezweifelt?"

"Nein."

"Na, also!"

"Vielleicht habe ich gehofft, dass es nicht wahr ist."

Er zuckte die Schultern.

"Was gibt's dazu noch zu sagen?", meinte er resignierend.

"Ich weiß auch nicht", murmelte sie und sah dabei aus dem Seitenfenster.

Er spürte in seinem Innersten, dass er sie verloren hatte.

Jetzt, genau in diesem Augenblick.

Er musste schlucken.

Und dann fing er an zu reden. Gedämpft, tonlos und fast verzweifelt.

"Wenn ich's ungeschehen machen könnte, würde ich es tun. Bestimmt! Aber das geht nunmal nicht! Und damals brauchte ich Geld, saß auch sonst ziemlich tief in der Scheiße! Und bevor DU jetzt hier jetzt deine moralisch saubere, makellos weiße Weste zum Fenster hinaushängst, solltest du vielleicht mal eins vor Augen führen: Es hat dir all die Jahre nichts ausgemacht, von den Erträgen dieser 'Aufträge' zu leben."

"Ich habe es bis jetzt ja auch nicht gewusst", erwiderte sie. „Aber jetzt, jetzt weiß ich Bescheid. Und das ändert alles!"

"Was meinst du damit?"

Er fragte, obwohl er die Antwort im Grunde schon wusste.

"Das... muss ich mir noch überlegen", log sie.

"Überlegen? Willst du mich etwa nach all den Jahren hochgehen lassen?"

Katja schüttelte den Kopf.

"Keine Sorge! Ich habe ja schließlich für dich die Ahnungslose gespielt und diesem Bremshey eine überzeugende Show geliefert. Das hast du selbst gesagt!"

"Ja..."

"Über diesen Punkt brauchst du dir also keine Sorgen machen."

"Und warum geht es dann?"

"Ob ich mit dir zusammen bleiben kann!"

Endlich war es also heraus.

"Verstehe...", murmelte er, obwohl das nicht stimmte. Er verstand kein bisschen, sondern war nur traurig und wütend.

Der Motor heulte auf. Katja klammerte sich unwillkürlich an ihren Sitz, als Thomas die Kurve so rasant nahm, dass er auf die andere Straßenseite kam.

Ein entgegenkommender Mercedes antwortete mit der Lichthupe.

"Pass doch auf!", rief sie. "Wie fährst du denn! Willst du mich umbringen?




25


Thomas saß in sich gekehrt vor einer Tasse Kaffee.

Er blickte nicht auf, als Marc in die Küche kam und sich einen Teller Cornflakes auffüllte, wobei er mindestens eine Handvoll auf dem Boden verstreute.

"Wo ist Mama?", fragte Marc.

"Schläft noch", murmelte Thomas.

Marc zuckte die Schultern und schüttete Milch und Zucker über die Flocken.

"Macht sie doch sonst nie", meinte er dann mit vollem Mund.

"Macht sie heute aber. Sie hat erst später Dienst."

"Was ist eigentlich los mit euch? Ihr redet kaum noch miteinander, ihr scheint so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen... Und das nun schon wochenlang!"

Thomas blickte auf. Sein Blick war leer.

"Wir werden uns trennen", kündigte er dann an.

"Aber... Warum?"

"Es geht halt nicht mehr."

Marc hörte zu kauen auf.

"Einfach so?", fragte er dann.

Thomas schüttelte den Kopf.

"Nein, nicht einfach so."

"Und wann?"

"Sie sucht eine Wohnung, aber das ist nicht so einfach. Das weißt du ja."

Das Telefon klingelte. Thomas stand auf und schlurfte in den Flur. Marc hörte, wie er abhob und sich meldete.

"Ja?"

"Hier ist Kalli."

Thomas atmete tief durch. Das konnte eigentlich nichts Gutes bedeuten.

"Kalli! Was gibt's!"

Es redete nicht lange drum herum.

"Du, wir haben hier Schwierigkeiten mit einem ungedeckten Scheck! Am besten, du kümmerst dich selbst um die Sache!"

"Mein Gott, Walter!", brummte Thomas und grunzte dann eine Sekunde später: "Ja, ich bin gleich da!"

Er knallte den Hörer auf die Gabel und kam dann zurück in die Küche geschlurft.

Er wandte sich an seinen Sohn, der gerade dabei war, ausgiebig in der Nase zu bohren.

"Sagst du deiner Mutter, dass ich mit der Reparatur von ihrem Golf noch nicht fertig bin?"

"Ja, wenn ich sie noch sehe!", murmelte Marc undeutlich und ohne aufzublicken.

"Versprichst du es mir, ja?"

"Ja."

"Sag ihr, sie soll meinen Wagen nehmen. Und ich nehme den Bulli."

Marc atmete tief durch und sah seinen Vater ziemlich genervt an.

"Ich sag's ihr."

"Bestimmt?"

"Bestimmt."




26


Dreieinhalb Stunden später saß Thomas Hansen in seinem gläsernen Werkstattbüro und kaute auf einem Bleistift herum, als der Azubi Heiner hereinkam.

"Chef, die Polizei!"

Thomas blickte auf. Er durch das Fenster, wie ein grünweißer Dienstwagen auf dem Firmenhof parkte. Ein Uniformierter stieg aus und setzte sich die Mütze mit viel Sorgfalt auf.

"Schon gut, Heiner", murmelte Thomas stirnrunzelnd. "Geh jetzt wieder an deine Arbeit."

"Okay."

Der Polizist kam zur Tür herein. Heiner zwängte sich gleichzeitig an ihm vorbei. Der Azubi blieb noch einen Moment stehen und blickte neugierig zurück, aber der Polizist wartete, bis Heiner endgültig gegangen war.

"Herr Thomas Hansen?", fragte er.

Thomas stand auf.

"Ja?"

"Ich muss Ihnen leider eine sehr betrübliche Nachricht überbringen."

"Wie bitte?"

Der Uniformierte versuchte Thomas' Blick nicht zu begegnen.

"Ihre Frau... Sie ist mit dem Wagen verunglückt. Die Bremsen haben offensichtlich versagt."




27


Zwei Tage später klingelte es nachmittags an der Haustür.

Thomas war vor fünf Minuten von der Werkstatt gekommen und hatte sich gerade ein paar Eier in die Pfanne hauen wollen.

Vor der Tür stand Bremshey, zusammen mit einem Kollegen.

"Guten Tag, Herr Hansen."

"Sie?"

"Ja, ich."

"Was wollen Sie?"

"Darf ich hereinkommen?"

Thomas zuckte die Achseln.

"Würde es etwas nützen, wenn ich nein sagen würde?"

Bremshey verzog das Gesicht: "Warum so kratzbürstig?" Er deutete auf den Mann neben sich. „Dies hier ist mein Kollege Grameier."

"Guten Tag", murmelte Grameier ziemlich unbeteiligt.

Thomas verengte die Augen.

"Dann kommen Sie schon", knurrte er dann und verengte die Augen dabei. Er wandte sich herum und ging voran, ohne darauf zu achten, ob die beiden Polizisten ihm folgten oder nicht.

"Allein trauen Sie sich wohl nicht mehr her, was?"

Die beiden folgten Thomas ins Wohnzimmer.

"Setzen Sie sich!", sagte Thomas.

"Danke", sagte Bremshey, setzte sich aber keineswegs. Nur sein Kollege namens Grameier fletzte sich in einen der Sessel.

Der Kommissar bedachte Thomas mit einem sehr ernsten Blick.

"Es wird nicht lange dauern", versprach er mit großer Bestimmtheit.

Thomas zuckte die Achseln.

"Nur zu! Dann mal heraus damit!", forderte er ungeduldig.

"Es geht um den Tod Ihrer Frau..."

In Thomas' Gesicht ging eine Veränderung vor sich.

"Ich dachte, Sie sind von der Mordkommission?"

"Bin ich auch."

"Dann verstehe ich nicht, wieso..."

Bremshey schnitt Thomas einfach das Wort ab und erklärte sachlich: "Bevor Ihre Frau... verunglückte, hat sie bei einem Notar ein Schreiben hinterlassen, das für den Fall ihres Ablebens den Behörden zugeleitet werden sollte."

"Ach, ja?"

Thomas verzog das Gesicht.

"Es ist darin von Mord die Rede..." Bremsheys Worte klirrten wie Eis und Thomas Hansen brauchte mehr, als nur eine Schrecksekunde, um das zu verdauen.

Er schluckte.

"Sie meinen..."

Bremshey hob unmissverständlich die Hand.

"Bevor Sie weitersprechen, muss ich Sie darauf hinweisen, dass alles, was Sie von jetzt an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden kann... Dies ist jetzt eine offizielle Vernehmung, wenn Sie verstehen, was ich meine."

Thomas schüttelte fassungslos den Kopf.

"Aber, es war ein Unfall! Mein Sohn kann das bestätigen! Er hat doch zu Protokoll gegeben, dass er..."

"...dass er vergessen hat, Ihrer Frau zu sagen, dass Sie den Wagen mit den kaputten Bremsen nicht nehmen soll, ich weiß", vollendete Bremshey. "Der Staatsanwalt wird das als Schutzbehauptung interpretieren. Außerdem geht es nicht nur um den Tod Ihrer Frau, sondern auch um ein paar lange Jahre zurückliegende Fälle..."

Thomas fühlte den Schweiß in seinen Handflächen und wischte sie schließlich mit nervöser Geste an der Hose ab.

"Wovon sprechen Sie eigentlich?", hörte er sich selbst überflüssigerweise fragen.

Bremshey zögerte nicht, es ihm zu sagen.

"Ihre Frau hat von Ihrer Tätigkeit als Lohnkiller erfahren, wollte sich von Ihnen trennen und hat Ihnen offenbar zugetraut, dass Sie vielleicht versuchen würden, auch sie - als unliebsame Mitwisserin - umzubringen."

"Das... das kann doch nicht wahr sein!"

"Ich hatte gleich das Gefühl, dass irgend etwas an der Sache mit diesem Brandes faul war!"

Thomas hob die Schultern.

"Ein Verrückter!"

"Ein Mann, der sich von einem Trauma befreien wollte." Bremshey machte eine kurze Pause. Dann fragte er: "Wir haben die Waffe noch einmal untersucht, mit der Sie Brandes erschossen haben. Es ist die Tatwaffe von damals. Das steht eindeutig fest."

"Aber..."

"Einstweilen sind Sie jedenfalls verhaftet."

ENDE




Maulwurfjagd


Thriller von Alfred Bekker




1


Der Tod kam lautlos.

Und blitzschnell.

MPis knatterten los. Die Schussgeräusche dröhnten ohrenbetäubend durch den stillgelegten U-Bahn-Tunnel.

Todesschreie gellten.

Binnen Sekunden lagen zwei blutüberströmte Leichen neben dem Lagerfeuer. Die Projektile fetzten durch die stockigen Matratzen, auf denen die beiden Obdachlosen gelagert hatten.

Blitzartig riss ich die Pistole unter dem abgewetzten Parka hervor, feuerte zweimal und warf mich dann zur Seite. Hart kam ich auf den Boden, rollte mich herum, während die Maskierten einen wahren Bleihagel in meine Richtung prasseln ließen.

Projektile peitschten neben den Schienenstrang auf den Boden und streiften die Stahlgleise.

Funken sprühten.

Ich riss die SIG Sauer P226 empor. Dreimal schoss ich kurz hintereinander in die Dunkelheit hinein. Dann rappelte ich mich auf, sprang über die Gleise und feuerte erneut. Sekunden später hatte ich die Tunnelwand erreicht. In einer Nische fand ich Deckung. Ich presste mich gegen den Beton.

Das Feuer verebbte.

Schritte waren zu hören.

Und knappe Befehle.

Ich steckte in der Falle.

Ich tauchte aus meiner Deckung hervor. Im Schein des Lagerfeuers sah ich einige Maskierte. Es waren mindestens ein Dutzend Mann.Sie trugen Sturmhauben und Nachtsichtgeräte.

Ein Schuss zischte an mir vorbei, ritzte den Beton des Tunnels. Ich feuerte zurück, erwischte einen der Kerle am Arm und hechtete hinter eine ausgediente Schrankwand, die von den Obdachlosen hier hinuntergeschafft worden war. Eine MPi-Salve ließ die Spanplatten zersplittern.

Ich schnellte hoch.

Vor mir lag der lange dunkle Tunnel, zwei, drei Stockwerke unterhalb der Bowery gelegen. Die Dunkelheit machte meinen Verfolgern nichts aus. Sie waren dafür ausgerüstet. Ich nicht - und das hatte einen ganz einfachen Grund. Ich war im Undercover-Einsatz. Die Männer, mit denen ich am Lagerfeuer gesessen hatte, hatten nicht gewusst, dass ich ein Special Agent des FBI war. In dem Fall hätten sie auch kaum ein Wort mit mir geredet.

Wenn ich ein Nachtsichtgerät getragen hätte, wären sie misstrauisch geworden.

Ich hatte auch keinen Dienstausweis dabei. Nur die Dienstpistole vom Typ SIG Sauer P226. Aber die war so verbreitet, dass nicht jeder, der das Ding zu Gesicht bekam, gleich auf einen Cop schloss.

Oder einen G-man, wie mich.

Ich rannte um mein Leben, denn die Killer würden kein Erbarmen kennen.

Und gleichzeitig arbeitete es in meinem Hirn fieberhaft.

Wer hatte diese Mörder ausgesandt?

Ich lief in geduckter Haltung, dann erreichte ich endlich die Abzweigung. Das war meine Rettung. Die Kerle folgten mir.

Ich hörte ihre Schritte und ihre Stimmen.

Sie waren davon überzeugt, mich zur Stecke bringen zu können. Und sie hatten allen Grund für ihre Zuversicht. Sie waren in der Überzahl und hatten die bessere Ausrüstung. Und sie kannten sich hervorragend in dem unterirdischen Labyrinth aus Subway-Tunneln und Abwasserkanälen aus, das man im Verlauf der letzten 140 Jahre in den Boden der Riesenstadt New York City hineingegraben hatte.

Wie die Gänge eines Maulwurfbaus durchzogen diese Katakomben den Erdboden, viele Meter unterhalb von Broadway und den schicken Läden der 5th Avenue.

Und ein großer Teil dieses Maulwurfbaus war mehr oder minder vergessen. Stillgelegte U-Bahnschächte, Abflusskanäle, deren Funktion längst und lange von anderen Leitungen übernommen worden waren. Manche von ihnen wurden zu reißenden Flüssen, wenn es regnete.

'Mole People' - Maulwurfsmenschen - nannte man die Menschen, die in diesen Gewölben zwischen verrußtem Beton, morschen Schwellen von Subway-Gleisen und Ratten ihr Dasein fristeten.

Auf etwa 5000 schätzte die Stadtverwaltung ihre Zahl - was eigentlich nur bedeuten konnte, dass sie weitaus größer sein musste. Ausgestoßene, Obdachlose und Gescheiterte waren hier zu finden. Manchmal auch psychisch Kranke, die die Welt 'da oben' ausgespuckt hatte.

Welche Gründe es im Einzelfall auch immer dafür geben mochte, in diesen unterirdischen Betongewölben zu hausen, nichtsdestotrotz sie waren Menschen.

Und es hatte niemand das Recht, sie einfach über den Haufen zu schießen, so wie es vor wenigen Augenblicken mit Sid und Brett geschehen war - den beiden Männern, mit denen ich am Feuer gesessen hatte.

Ich holte Atem, drehte mich vorsichtig um. Die Luft war feucht. Von irgendwoher war ein kratzender Laut zu hören.

Ratten.

Ich drehte mich kurz herum.

Jeden Augenblick mussten meine Verfolger auftauchen.

Vor mir lag tiefschwarze Dunkelheit, in der man nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte. Ich holte die Taschenlampe aus der Parka-Tasche. Kein Modell, das hier unten irgendjemanden neidisch gemacht hätte.

Das konnte nämlich lebensgefährlich sein.

Ich lief weiter und stolperte über die dicken Schwellen zwischen den Gleisen.

Ich versuchte mich an der Betonwand zu orientieren, denn ich wusste, dass hier irgendwo das zu finden war, wonach ich suchte.

Etwas, das mein Leben retten konnte.

Ich tastete die Wand entlang. Die P226 hatte ich wieder in die Taschen des fleckigen Parkas gesteckt, den ich für meine Underground-Mission trug. Mit der Waffe konnte ich jetzt ohnehin kaum etwas ausrichten.

Und dann hatte ich es gefunden!

In einer Nische befand sich der Zugang zu einem Abflusskanal, der dafür sorgen sollte, dass die Subway nicht unter Wasser stand, wenn es über der Erde schüttete.

Ich rollte den Betondeckel zur Seite, stieg hinunter. Die Röhre, in der ich mich befand, war gerade groß genug für mich. Vorsichtig rutschte ich den Deckel wieder an seinen Ort. Dann stieg ich an den rostigen Sprossen hinab.

Von oben hörte ich die Schritte der Verfolger.

Einer schien zu glauben, mich gesehen zu haben und ballerte im Tunnel herum.

Ich stieg weiter hinab.

Sid und Brett hatten mir diesen Fluchtweg gezeigt. Für sie war ich einer der ihren gewesen und so hatten sie mich und meinen Kollegen Milo Tucker in dieses Geheimnis eingeweiht.

Oft genug durchstreiften Jugendbanden die Katakomben New Yorks. Die waren dann für gewöhnlich einfach nur auf Konfrontation aus und machten Jagd auf die 'Mole People'. Und da konnte so ein Fluchtweg sehr wichtig sein.

Ich hatte keine Ahnung, wo Milo jetzt war.

Zusammen mit Crazy Joe, einem anderen Bewohner dieser Untergrund-Stadt, war er aufgebrochen, um einen Mann zu finden, den hier alle den Tunnel King nannten und der uns möglicherweise wichtige Informationen liefern konnte.

Ich hoffte nur, dass Milo und Crazy Joe der Killer-Bande nicht geradewegs in die Arme gelaufen waren...

Ich erreichte das Ende des röhrenförmigen Abflusses. Er mündeten in einen großen Kanal. Ich stand bis zu den Knien im schlammigem Wasser. Aus der Dunkelheit heraus kam ein heimtückischer Schlag. Ich sah ihn erst im letzten Moment, versuchte noch auszuweichen, aber es war zu spät.

Ein Gewehrkolben erwischte mich in der Seite. Hart kam ich gegen die Betonwand. Während der Lichtkegel meiner Taschenlampe herumwirbelte, sah ich schlaglichtartig ein halbes Dutzend Waffenmündungen, die direkt auf mich zeigten.

Und die maskierten Gesichter...

Mit den Nachtsichtgeräten wirkten sie wie Aliens.

Ritsch! Ratsch!

Jemand hatte eine Pumpgun durchgeladen und rammte mir die Mündung in den Bauch.

"Wenn du auch nur zu atmen wagst, du Bastard, bist du nur noch 'n blutiger Fleck an der Wand!" zischte mir einer entgegen. Seine Stimme war leise und sehr heiser. Er kicherte und fuhr fort: "DEN Fluchtweg kannten wir auch..."

"Worauf wartest du?", meinte ein anderer. "Mach das Schwein alle..."




2


Einige Wochen waren Milo und ich schon im Undercover-Einsatz bei den 'Mole-People'. Es dauerte eine Weile, bis man das Vertrauen der scheuen Bewohner dieses städtischen Höhlensystems erringen konnte.

Sobald einer von ihnen auch nur ahnte, dass wir Special Agents des FBI waren, hätten wir keinen von ihnen je wiedergesehen.

Sie misstrauten jedem, auch denen, die ihnen helfen wollten. Und ihre Erfahrungen mit Cops und Behörden waren nicht gerade so, dass sie jedem Polizisten oder Streetworker gleich ihr Herz ausschütteten. Das Problem der Tunnelmenschen, wie man sie auch nannte, war erst in letzter etwas stärker ins Bewusstsein der Behörden gerückt.

Wir vom FBI kümmerten uns um die 'Mole People', seit eine mysteriöse Mordserie unter diesen Menschen die Homicide Squads mehrerer New Yorker Polizeireviere zum Rotieren gebracht hatte.

Das Leben in den Katakomben war außerordentlich hart. Neben der Kälte im Winter, sowie unbehandelten und daher meist tödlichen Infektionskrankheiten forderten auch immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen ihre Opfer.

Aber das, womit wir uns hier auseinanderzusetzen hatten, ging weit über alles hinaus, was bisher bekanntgeworden war.

Dutzende von Tunnelmenschen waren im Verlauf von Monaten zunächst verschwunden und später tot aufgefunden worden.

Das Besondere war, dass irgendjemand ihnen alle lebenswichtigen Organe entnommen hatte. Den meisten fehlten die Nieren, die Leber, das Herz... Bei manchen auch die Hornhaut der Augen. Die Obduktionen hatten ergeben, dass die Toten nach allen Regeln der Kunst anästhesiert und operiert worden waren.

Aus ihrer Betäubung hatte es für die Opfer kein Erwachen mehr gegeben.

Todesursache: Das Fehlen lebenswichtiger Organe.

Andere waren mit Genickschüssen getötet worden, bevor man ihren Leichen einige Organe entnommen hatte.

Die Umstände dieser Morde ließen eigentlich nur einen einzigen Schluss zu.

Wer immer auch hier unten auf Menschenjagd ging - die Killer hatten es auf die Organe abgesehen. Und die Vorgehensweise richtete sich offenbar jeweils danach, welches Organ benötigt wurde und ob es möglich war, die Transplantation auch noch einige Zeit nach dem Ableben durchzuführen oder nicht.

Es war grauenvoll, was diese Unbekannten mit den Mole People taten. Die Mörder schienen zu glauben, dass der Tod eines dieser Tunnelmenschen an der Oberfläche niemanden interessierte. Auch die Cops nicht.

Aber da hatten sie ihre Rechnung ohne uns G-men gemacht!

Illegaler Handel mit menschlichen Organen zur Transplantation war längst ein eigenständiger Zweig des organisierten Verbrechens, genauso profitabel wie der Drogenhandel oder die Schutzgelderpressung. Manche dieser Organe stammten von chinesischen Todeskandidaten, deren Hinrichtungstermine in eigenartigem Zusammenhang mit den Operationstagen gewisser Privatkliniken standen. Anderes 'Material', wie die Händler das nannten, wurde Verzweifelten in der Dritten Welt für ein paar Dollar abgekauft. Und es schien offenbar in diesem dreckigen Gewerbe auch Leute zu geben, die in den 'Mole People' nichts weiter als ein menschliches Ersatzteillager sahen...

Gerüchte über diese grausamen Jäger kursierten in den Katakomben. Aber keiner, der ihnen begegnet war, hatte das überlebt.

Wochenlang hatten wir uns auf die Lauer gelegt.

Wir waren dabei auf uns allein gestellt gewesen. Eine groß angelegte Aktion hätte nichts bewirkt. Die Täter hätten sich einfach zurückgezogen - und die möglichen Opfer auch.

Ein risikoreicher Einsatz.

Selbst das Handy funktionierte in weiten Teilen der unterirdischen Labyrinthe nicht, weil die vielen Meter Beton und Erde den Kontakt zum Funknetz unterbrachen.

Und jetzt stand ich einigen Männern gegenüber, die mit hoher Wahrscheinlichkeit an diesen bestialischen Menschenjagden beteiligt waren...

Und wie es schien, würde es mir nicht sehr viel besser ergehen, als all denen, die zuvor schon ihre Wege gekreuzt hatten.

Ich überlegte fieberhaft.

Sinnlos, jetzt die Pistole aus dem Parka herauszureißen.

Mit Glück hätte ich einen oder zwei der Maskierten ausschalten können. Spätestens dann wäre ich von einer Bleigarbe so durchsiebt worden, dass es den Kollegen der Gerichtsmedizin später schwergefallen wäre, mich zu identifizieren.

Sie packten mich, drückten mich gegen Beton.

Ihre Hände wanderten durch meine Taschen. Sie nahmen die P226, meine Taschenlampe und was ich sonst noch so an Kleinigkeiten in den Taschen hatte.

"Hey, ist er nun ein G-man oder nicht?", krächzte der Heisere.

Diese Stimme...

Ich schwor mir, sie nicht zu vergessen.

Jemand versetzte mir einen furchtbaren Fausthieb, der mich ächzen ließ. Ich bekam einen Augenblick keine Luft mehr.

Einer der Kerle packte mich. Ich wurde zu Boden geschleudert und fiel in die stinkende Brühe.

"Hey, immer vorsichtig", zischte der Heisere. "Wenn wir ihn töten, dann machen wir das auf die saubere Weise. So dass nichts beschädigt wird, was man noch verwenden kann..."

"Er hat nichts bei sich", meldete sich der andere.

"Keinen Ausweis, kein Führerschein..."

"Genau wie die beiden, die wir an dem Lagerfeuer erledigt haben..."

"Könnte sein, dass uns da jemand zum Narren halten wollte..."

"Die Pistole ist jedenfalls eine Cop-Waffe!"

"Die kann jeder im Laden kaufen!"

Der Heisere trat auf mich zu.

Er leuchtete mir mit meiner eigenen Taschenlampe direkt ins Gesicht, so dass ich völlig geblendet war.

"Wer bist du?", zischte er.

"Ich heiße Billy", log ich.

"Wie lange lebst du schon hier unten bei den Ratten."

"Ein halbes Jahr."

Der Schlag kam ohne Vorwarnung und traf mich mitten im Gesicht. Das Blut schoss mir aus der Nase, während ich zu Boden ging.

"Du bist ein gottverdammter Lügner", knurrte es mir entgegen. Ich erhob mich wieder. Mein Parka war tropfnass von dem schlammigen Abwasser.

"Was wollt ihr von mir?", fragte ich.

Wieder strahlte mich eine Lampe an. "Er ist der Richtige", stellte der Heisere dann fest. "Special Agent Trevellian. Der Drei-Tage-Bart täuscht etwas..."

Diese Männer waren von Anfang an davon ausgegangen, einen G-man zu fangen, und ich zermarterte mir das Hirn darüber, wie sie überhaupt auf diesen Gedanken kommen konnten. Milo und ich waren bei dieser Undercover-Mission extrem vorsichtig gewesen.

Die Tatsache, dass sie sogar meinen Namen wussten, machte mich völlig perplex.

In was für eine verdammte Todesfalle war ich hier nur hineingeraten?

Und wer hatte sie aufgestellt?

Einer der Kerle setzte mir den Lauf einer MPi an den Kopf.

"Wo ist dein Partner, du Ratte?"

"Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst..."

"Ich dachte, du wärst vernünftig, G-man!"

"Ihr werdet mich doch so oder so umbringen. Ganz gleich, was ich sage..."

"Man kann auf sehr unterschiedliche Weise sterben..."




3


Milo hielt die P226 in beiden Händen, während er durch das kniehohe Wasser watete. Es stank erbärmlich. Die Abwasserkanäle New Yorks waren nichts für Menschen mit empfindlichen Sinnen.

Milo Tucker hörte die Stimmen in dem dunkle Betongewölbe widerhallen. Im Schein einer Taschenlampe sah er für den Bruchteil eines Augenblicks das Gesicht seines Kollegen Jesse Trevellian!

Vorsichtig schlich Milo voran.

Seine eigene Lampe musste er ausgeschaltet lassen, um nicht sofort eine Zielscheibe abzugeben. Das bedeutete, dass er fast wie ein Blinder agierte.

Milo hatte die Schüsse gehört. Die waren durch das unterirdische Tunnelsystem unter dem Big Apple buchstäblich meilenweit zu hören. Natürlich kannte er den Fluchtweg in die Kanäle und inzwischen wusste er auch gut genug hier unten Bescheid, um über Schleichwege möglichst schnell dorthin zu gelangen, wo er mich höchstwahrscheinlich treffen würde...

Unglücklicherweise kannten sich die Maskierten hier unten mindestens ebenso gut aus.

Milo hörte die Stimmen der Unbekannten.

Die Lichtkegel mehrerer Taschenlampen waren zu sehen.

Ganz ohne Licht funktionierten auch Nachtsichtgeräte nicht.

Und hier unten herrschte ansonsten das, was man als absolute Finsternis bezeichnen konnte.

Milo arbeitete sich vorsichtig weiter voran.

Er konnte im Augenblick nichts tun, das war ihm klar. Es wäre reiner Selbstmord gewesen, jetzt einzugreifen.

Er musste auf seine Chance warten...

Vorsichtig pirschte er sich näher.

Ein dumpfes Geräusch drang herüber.

Und ein unterdrücktes Stöhnen.

"Lassen wir das Theater", knurrte einer der Männer. "Machen wir den Kerl kalt, ob er nun ein G-man ist oder nicht!"

"Genickschuss?"

"Ja, aber halt die Waffe gerade, sonst gibt es wieder 'ne Sauerei, und wir bekommen nichts mehr für die Netzhäute seiner Augen..."

Milo packte die P226 mit beiden Händen.

Er war zu allem entschlossen.

Sekunden blieben ihm...

Und dann hallte seine heisere Stimme durch das Kanalgewölbe.

"Hier spricht das FBI! Sie sind umstellt! Waffen fallenlassen!"




4


Durch den Halleffekt klang Milos Stimme sehr verfremdet. Ich erkannte sie dennoch sofort wieder.

Milo klang so gewaltig, als hätte er durch ein Megafon gesprochen.

Die Lichtkegel der Maskierten wanderten suchend an den Betonwänden entlang. Einen Augenblick lang herrschte komplette Verwirrung. Und zweifellos war das Milos Absicht gewesen.

Zwei Kerle hielten mich an den Armen.

Ich befreite den linken Arm mit einem Ruck und ließ die Faust zur Seite schnellen. Sie landete einen Sekundenbruchteil später mitten in einem Gesicht. Ich hörte den schmerzerfüllten Aufschrei, während ich gleichzeitig mit dem zweiten Bewacher niederstürzte. Ich versetzte ihm dabei einen schnellen Hieb.

Wir fielen zusammen in die schlammige, stinkende Brühe.

Über uns hinweg pfiffen die Kugeln durch die Dunkelheit.

Immer wieder blitzte es auf. Die Maskierten waren von Panik erfüllt. Sie schossen wild umher. Irgendwo in der Ferne, von der anderen Seite des Kanals her, blitzte eine einzelne Waffe mehrfach auf. Eine schwache Antwort auf die gebündelte Feuerkraft der Maskierten. Aber immerhin reichte es, um sie durcheinanderzubringen. Und außerdem wurden sie so dazu gezwungen, sich in Deckung zu begeben.

Mein Gegner und ich stürzten in die schlammige Brühe und wälzten uns darin. Ich versuchte, ihm die Waffe zu entreißen, eine kurzläufige Maschinenpistole. Er trug sie an einem Riemen um die Schulter. Seine Rechte hielt den Griff umklammert.

Er war stark. Er packte mich am Hals, hielt mich unter Wasser, bis ich glaubte, nicht mehr Atmen zu können. Dann gelang es mir, mich aus seiner Umklammerung zu befreien.

Ich drückte ihn zur Seite, schnellte empor und vollführte einen Hechtsprung, der mich wieder im Wasser landen ließ.

Mein Bewacher riss die Waffe hoch, richtete sie dorthin, wo ich im dunklen Wasser untergetaucht war.

Er drückte ab.

Eigentlich hätte im nächsten Moment eine ganze Bleisalve in das Wasser über mir einschlagen müssen... Aber das geschah nicht. Die MPi blockierte. Vielleicht, weil zuviel Wasser eingedrungen war. Dann erwischte es den Kerl an der Schulter. Er schrie auf, taumelte zurück.

Ich blieb unter Wasser, bewegte mich kriechend vorwärts.

Das Wasser wurde jetzt tiefer. Für mich bedeutete das zusätzlichen Schutz. Kurz tauchte ich an die Oberfläche. Die Schüsse blitzten noch immer durch den Kanaltunnel. Die Situation war verworren. An mehreren Stellen zuckten die Mündungsfeuer blutrot aus den Läufen heraus. Ich tauchte erneut und als ich dann wieder an die Oberfläche kam, war es stockdunkel. Selbst die Hand vor Augen war nicht zu sehen.

Kein Lichtkegel irgendeiner Lampe mehr. Nicht einmal die Kontrollleuchte einer Digitaluhr.

Ich lauschte.

Das Wasser plätscherte.

Aber ansonsten war sekundenlang nichts zu hören. Kein Schritt, kein Laut, kein Atmen.

Ich bewegte mich vorsichtig weiter. Wenn die Maskierten sich noch hier im Tunnel befanden, dann waren sie genau so blind wie ich. Denn ihre Nachtsichtgeräte funktionierten wie die Augen einer Katze. Das Restlicht wird gebündelt. Aber hier gab es kein Restlicht.

Wie blind ging ich weiter. Irgendwann würde ich die Betonwand erreichen und an der konnte ich mich dann orientieren. Das Wasser reichte mir nur noch bis zu den Knien. Das bedeutete, dass es bald soweit war. Die Vertiefung in der Mitte des Kanals hatte ich hinter mir.

Ich erreichte die Wand. Meine Hände glitten über den kalten, glitschigen Beton.

Ein Geräusch ließ mich erstarren.

Ratsch!

Ein Laut, so als ob jemand ein Magazin in eine Waffe hineinschob.

Ich hielt den Atem an.

In absoluter Dunkelheit kann man selbst auf eine Distanz von wenigen Metern seine Orientierung verlieren, wenn man nicht als Blinder daran gewöhnt ist, nichts zu sehen. Ich hatte geglaubt, mich von den Maskierten wegbewegt zu haben.

Dorthin, wo ich Milo vermutete.

Aber es war auch möglich, dass ich mich irrte...

Ich hielt inne, rührte mich nicht.

Meine Taschenlampe funktionierte vermutlich nicht mehr, weil sie zu feucht geworden war. Und selbst wenn doch, dann hätten mich vermutlich eine Sekunde, nach dem Aufleuchten ihres Lichtkegels ein Dutzend Projektile zersiebt.

Ich wusste nicht, ob Milo überhaupt noch lebte.

Und es gab auch keine Möglichkeit, das zu erfahren.

Keine Möglichkeit, ohne ihn dabei in Gefahr zu bringen.

Denn wenn ich einfach seinen Namen rief, konnte das bedeuten, dass die Jagd auf ihn eröffnet wurde. Und nebenbei hatten die Maskierten dann auch einen akustischen Anhaltspunkt, wo ich mich befand.

Toter Mann spielen, durchfuhr es mich. Das war im Moment alles, was ich tun konnte.

Milo schien das genauso zu sehen.

Und unsere Gegner ebenso.

Wer sich als erster bewegte, einen Laut von sich gab oder für Licht sorgte, war geliefert.

Jemand bewegte sich auf mich zu... Ich hörte ganz leise die Bewegungen. Der andere orientierte sich genau wie ich an der Betonwand. Sehr vorsichtig schritt er durch das knietiefe Wasser. Ich spürte die kleinen Wellen, die das verursachte.

Der andere hatte sich bis auf wenige Meter genähert...

In meinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Die meisten Menschen sind Rechtshänder. Also nahm ich das auch von meinem Gegenüber an. Wenn der Kerl mich erreicht, musste ich seinen Waffenarm zu fassen kriegen - und zwar sehr schnell. Sonst war es vorbei. Ich verhielt mich absolut ruhig. Die Wellen, die gegen meine Knie schlugen wurden heftiger.

Ich hörte ein Atmen.

Und dann schnellte ich vor.

Ich spürte eine menschliche Gestalt, etwa ebenso groß wie ich selbst. Ich drückte mein Gegenüber gegen die Wand und bekam tatsächlich den rechten Arm zu fassen. Ich bog ihn zur Seite. Grell blitzte es auf, als sich ein Schuss löste.

Eine Sekunde später brach die Hölle los.

Aus mindestens einem Dutzend Rohren wurde geschossen.

Mündungsfeuer zuckten gelbrot aus den Mündungen heraus. Der Mann, mit dem ich gerungen hatte, duckte sich genau wie ich selbst. Und mir war plötzlich klar, wen ich vor mir hatte.

"Runter, Jesse!", brüllte Milo.

Er feuerte nicht.

Stattdessen schob er mich vor sich her, die glitschige Wand entlang.

Unsere Gegner ballerten einfach drauflos, in der Hoffnung, dass irgendeine ihrer zahlreichen Kugeln uns schon erwischen würde. Sie waren zwar in der Überzahl und hatten eine überlegene Ausrüstung. Trotzdem hatten sie Angst. Sie wussten nicht, mit wie vielen Gegnern sie es zu tun hatten. Und diese Ungewissheit war unser Verbündeter.

Milo hatte die Maskierten erfolgreich geblufft.

Blieb nur die Frage, wann ihnen das auffiel...

Wir pressten uns in eine Nische hinein. Auf der anderen Seite wurde das Feuer eingestellt. Hier und da waren Stimmen zu hören. Ärgerliche Stimmen. Taschenlampen wurden eingeschaltet. Die Lichtkegel suchten die Kanalwände systematisch ab. Wir verhielten uns ruhig, atmeten kaum.

"Noch ein paar Meter, Jesse", flüsterte Milo. "Da muss ein Aufgang sein..."

Die Stimmen der Maskierten wurden lauter.

Ihre Angst war gewichen.

Wir bewegten uns vorsichtig weiter.

Ein Lichtkegel erfasste uns. Für den Bruchteil einer Sekunde waren wir deutlich zu sehen. Eine Maschinenpistole knatterte los, eine zweite folgte kurz darauf. Die Kugeln schlugen rechts und links von uns in den Beton, rissen kleine Löcher hinein und brachen hier und da ein ganzes Stück aus dem Mauerwerk.

Geduckt und halb im Schlammwasser kriechend schnellten wir voran. Milo schoss ein paar Mal in Richtung der Lichter. Dann erreichte ich eine rostige Metallsprosse und umfasste sie.

Darüber waren weitere Sprossen, an denen Mann hinaufsteigen konnte.

"Hier ist es!", rief ich heiser.

"Los, rauf, Jesse!", erwiderte Milo und feuerte.

Ich zählte in Gedanken immer mit...

Sein Magazin musste bald leer sein...

Ich kletterte hinauf, Milo folgte mir und schoss dabei. Um Haaresbreite verfehlten uns die Kugeln. Immer höher ging es hinauf, bis wir in einen röhrenartigen Aufgang gelangt, der von dem großen Kanal, den wir gerade verlassen hatten, senkrecht nach oben abzweigte. Das rostige Metall schnitt in die Hände. Die Luft war stickig.

Ich blickte hinauf und sah...

...Licht!

Nur ein paar kleine Punkte. Ich zögerte.

"Weiter!", drängte Milo.

"Hast du eine Ahnung, wo wir da rauskommen?"

"Ich weiß, wo wir herkommen", erwiderte Milo.

Augenblicke später hob ich einen schweren Gullideckel aus Beton zur Seite, in dem sich kleine Abflusslöcher befanden.

Wir kletterten an die Oberfläche und befanden uns an einem unterirdischen Subway-Bahnhof an der 23. Straße, wie die Anzeigen verrieten. Hunderte von Passanten drängte sich auf dem Bahnsteig, zwängten sich in die Triebwagen oder strebten aus den Zügen heraus.

Nachdem Milo auch herausgestiegen war, schloss ich den Gulli wieder.

"Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich über diesen Anblick freue", meinte Milo.

"Das da unten war ganz schön knapp", sagte ich. "Die wollten mich umbringen. Du hast mir in letzter Sekunde das Leben gerettet. Sid und Brett hatten leider nicht so viel Glück..."

"Was ist mit ihnen?"

"Die Maskierten haben sie einfach über den Haufen geschossen."

"Verdammt..." Milo ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. "Die beiden waren vielleicht - gemessen an der großen Masse der New Yorker - so etwas wie abgedrehte Freaks, aber sie waren auch nette Kerle. Ich will, das wir diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die so etwas tun. Die in den Menschen da unten nichts anderes als Tiere sehen. Ein Ersatzteillager für menschliche Organe bestenfalls."

Ich nickte. "Das werden wir", sagte ich. Wir sahen uns kurz an. Wir wussten beide, dass das nicht einfach so dahingesagt war. Es war ein Versprechen.

"Heh, verschwindet hier!", fuhr uns ein breitschultriger Beamter der City Police an, der zusammen mit einem Kollegen gerade hier unten auf Streife war. "Wollt ihr die Fahrgäste erschrecken?"

Milo und ich sahen wirklich nicht besonders gut aus. Unsere Sachen waren ohnehin abgetragen. Jetzt troffen sie von stinkendem Abwasser. Meine Haare klebten mir im Kopf, und ich starrte vor Dreck.

"Ich bin FBI Special Agent Jesse Trevellian, dies ist mein Kollege Agent Tucker", sagte ich meinen Spruch auf und wollte schon reflexartig unter meinen Parker greifen, als mir einfiel, dass ich meinen Dienstausweis ja ausnahmsweise mal nicht dabei hatte.

Die beiden Cops waren sehr nervös.

Sie griffen zu den Dienstpistolen.

Nur eine Sekunde später blickten Milo und ich in die blanken Mündungen ihrer SIGs.

"Schön ruhig ihr beiden, ja?", meinte der Breitschultrige.

Sein Kollege war etwas schmächtiger und mindestens zehn Jahre jünger. Er musste noch ziemlich neu beim NYPD sein.

Jedenfalls wirkte er sehr nervös.

"Hören Sie, das ist ein Missverständnis", sagte ich. "Bitte benachrichtigen Sie umgehend das Hauptquartier des FBI Districts New York. Eine Etage unter uns befindet sich eine Meute gefährlicher und schwerbewaffneter Killer... Das Gebiet muss weiträumig abgeriegelt werden und..."

"Zeigen Sie erstmal Ihren Ausweis!", zischte der Dürre.

"Haben wir im Moment nicht dabei", erwiderte ich kleinlaut.

Die folgende Prozedur konnte ich mir gut genug ausmalen, um zu wissen, wie zeitraubend das Ganze werden würde. Bis dahin waren die Maskierten längst verschwunden. Es blieb ein schwacher Trost, dass sie uns bis hier her nicht verfolgen konnten, geschweige denn an einem belebten U-Bahnhof über den Haufen schießen. Die Polizeibewachung, die wir jetzt genossen, trug dazu natürlich ein übriges bei.

"An die Wand stellen, Beine auseinander..."

"Sprechen Sie mit Mister McKee, dem District-Chef", meinte ich. "Sie gefährden eine Undercover-Mission..."

"Ja, und der letzte Freak, der hier den Bahnhof unsicher machte, war Napoleon oder Jesus Christus."

Es war nichts zu machen.

Milo und ich waren so überzeugend in unseren Undercover-Rollen, dass die beiden Cops uns für Mole People hielten. Und als einer der beiden wenig später noch die SIG Sauer P226 aus Milos Kleidern herausholte, war die Sache sowieso gelaufen.




5


Es war später Nachmittag, als Milo und ich im Büro unseres Chefs saßen. Natürlich hatten wir uns in der Zwischenzeit geduscht und umgezogen. Mister Jonathan D. McKee, Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge setzte sich uns gegenüber. Auf dem Tisch dampfte der vorzügliche Kaffee seiner Sekretärin Mandy. Ein Kaffee, der im gesamten FBI-Headquarter an der Federal Plaza 26 berühmt war und einfach seinesgleichen suchte.

Während wir hier saßen, befanden sich unsere Kollegen Caravaggio und Medina mit mehreren Dutzend weiterer Beamten von FBI, City Police und Scientitific Research Division unten in den Tunneln und Kanälen, denen Milo und ich mit knapper Not entronnen waren.

Natürlich fahndeten sie nach den Maskierten - ohne dass wir uns in der Hinsicht viel Hoffnung machten.

Aber sie suchten auch dort nach Spuren, wo diese Unbekannten Sid und Brett einfach niedergeschossen hatten.

Die beiden hatten schließlich das Recht darauf, dass man ihren Mord genauso akribisch untersuchte wie den eines Wall Street Managers. Auch wenn Sid und Brett davon jetzt nicht mehr allzuviel hatten.

Wir hatten am Tatort nichts zu suchen.

Schließlich gab es da immer noch die Legende, die wir uns aufgebaut hatten. Es gab da unten in der Tiefe Leute, die uns einigermaßen vertrauten, weil sie uns eben nicht für FBI-Agenten hielten. Und das durften wir nicht aufs Spiel setzen. Also mussten andere jetzt da unten an die Arbeit...

Obwohl sich die Frage stellte, wie löchrig unsere Legende war.

Trotz all der Vorsichtsmaßnahmen, die wir getroffen hatten.

Mister McKee hörte sich unseren Bericht an. Seine Stirn zog sich in Falten.

"Diese Leute wussten, dass Sie ein G-man sind, Jesse?"

"Sie vermuteten es. Da ich keinen Ausweis bei mir hatte, waren sie sich nicht hundertprozentig sicher. Aber wenn ich zwei und zwei zusammenzähle, dann war es der Sinn ihrer Aktion, Milo und mich auszuschalten."

"Woher hätten Sie wissen können, dass das FBI unter den Mole People mit verdeckten Ermittlern arbeitet?"

"Eine gute Frage, Mister McKee. Tatsache ist aber, dass sie es gewusst haben."

Mister McKee fragte: "Ist es möglich, dass die Leute, mit denen Sie beide Kontakt hatten, vielleicht doch etwas herausgefunden haben?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Halte ich für ausgeschlossen..."

"Jesse, diese Mole People sind sehr misstrauisch. Die dürften eine Art sechsten Sinn entwickelt haben, um offizielle Vertreter der Oberwelt zu erkennen... Vielleicht auf Grund der Fragen, die Sie und Milo gestellt haben."

Ich zuckte die Achseln, lehnte mich im Sessel zurück.

"Wir sind wirklich verdammt vorsichtig gewesen", murmelte ich.

"Es macht Ihnen auch niemand einen Vorwurf, Jesse."

"Ich mache mir selbst einen", erklärte ich. "Sid und Brett sind tot. Sie starben, weil die Killer es auf Milo und mich abgesehen hatten. So sehe ich das. Dass die beiden Obdachlosen ums Leben kamen, das war für diese Leute einfach nur eine Begleiterscheinung. Nicht der Rede wert... So denken die!"

Mister McKee nickte mit ernstem Gesicht.

"Trotzdem. Denken Sie an die Möglichkeit, dass die beiden Sie verraten haben. Vielleicht haben sie auch nur einen Verdacht geäußert. Jesse, Sie haben mir selbst gesagt, wie schnell Neuigkeiten da unten die Runde machen."

"Ich denke die ganze Zeit über nichts anderes nach, als wie das passieren konnte", sagte ich. "Und natürlich auch darüber, wo wir uns vielleicht eine Blöße gegeben haben aber ich finde nichts!"

"Glauben Sie, dass es wirklich Sinn hat, wenn Sie nochmal da hinunter gehen - zu den Tunnelmenschen?"

"Natürlich! Unsere Mission war noch nicht beendet!"

Und Milo ergänzte: "Ich glaube, dass wir kurz vor einem Erfolg gestanden haben..."

Mister McKee hob die Augenbrauen. "Sie sprechen von diesem Tunnel King?"

Milo nickte.

"Ja."

"Haben Sie eine Ahnung, um wen es sich da handelt?"

"Nein, aber Crazy Joe meint, dass diese Killer dort unten niemals operieren könnten, ohne dass der Tunnel King davon zumindest weiß. Crazy Joe meint sogar, dass er mit den Mördern zusammenarbeitet..."

"Dieser Crazy Joe sollte sie doch mit dem Tunnel King zusammenbringen", sagte Mister McKee.

Milo zuckte die Achseln und nahm einen Schluck Kaffee. "Der Tunnel King hat uns leider versetzt. Auf dem Rückweg zum Lager hörte ich dann die Schüsse..."

"Wo war dieser Crazy Joe, als Sie versucht haben, Jesses Leben zu retten?"

"Plötzlich verschwunden..."

"Könnte er der Verräter sein, Milo?"

Milo wirkte sehr nachdenklich. Dann schüttelte er energisch den Kopf. "Ich traue diesem Kerl alles Mögliche zu - nur wüsste ich einfach nicht, wie er an diese Information gelangt sein sollte!"

Mister McKees Blick wanderte zwischen mir und Milo hin und her.

"Sie wissen, dass es lebensgefährlich ist, wenn Sie noch einmal dort hinuntergehen..."

"Wir passen schon auf uns auf", versprach ich.

"Ich gebe nur sehr ungern meine Zustimmung dazu. Schließlich bin ich dafür verantwortlich, das meine Agenten nur den Risiken ausgesetzt werden, die nicht zu umgehen sind. Andererseits..."

"...ist dieser Tunnel King eine der wenigen Spuren, die es in dem Fall gibt", vollendete ich.

"Ja."

"Also haben wir Ihr Okay!"

Mister McKee nickte. "Das haben Sie."

Wir erhoben uns, tranken unsere Kaffeebecher leer und wandten uns in Richtung Tür. Wir hatte die schlichte Sitzecke gerade hinter uns gelassen, da fiel mein Blick auf Mister McKees Schreibtisch. Mehrere Telefone gab es dort. Aber mein Blick wurde durch etwas anderes gefesselt. Ein Blatt Papier, das mit Buchstaben vollgeklebt war, die jemand aus einer Zeitschrift herausgeschnitten hatte.

Mister McKee bemerkte meinen Blick.

Er ging zum Schreibtisch und drehte das Blatt zu mir herum.

"Dann brauchen Sie nicht auf dem Kopf zu lesen, Jesse..."

JONATHAN MCKEE, DU RATTE!, stand dort. BALD BIST DU TOT!

"Wissen Sie, wer dahintersteckt?", fragte Milo besorgt.

Mister McKee machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Wir wissen nur, dass es sich um einen Leser des NEW YORKER handelt. Daraus sind nämlich die Buchstaben, wie unsere Innendienstler meinen. Fingerabdrücke gibt leider nicht. Und es ist leider nicht der erste Brief dieser Art, den ich erhalte."

Ich hob die Augenbrauen. "Scheint, als hätte ich in letzter Zeit einiges nicht mitgekriegt..."

"Sie waren selten hier, Jesse." Mister McKees Lächeln wirkte etwas gezwungen. Er versuchte, die Sache mit dem Brief an sich abprallen zu lassen, aber das gelang ihm nicht völlig.

Ich kannte ihn einfach zu gut, als dass er mir etwas vormachen konnte. Mister McKee nahm die Sache sehr ernst. Und wenn Mister McKee sich über etwas Sorgen machte, dann war das nicht die Lappalie, als die er es darzustellen versuchte. "Kein Grund sich aufzuregen", meinte der Special Agent in Charge leichthin. "Sie kennen das doch! Jeder von uns, der mehr als drei Dienstjahre hat, hat doch schon mal derartige Verehrer-Post von Leuten bekommen, denen man irgendwann mal auf die Füße getreten ist..."




6


Milo und ich saßen wenig später in unserem Dienstzimmer, das wir uns seit ewigen Zeiten teilten. Der Computerschirm flimmerte, und wir stöberten etwas in den Datenbänken herum, die uns über EDV-Verbund zur Verfügung standen.

"Wir müssen diesen Tunnel King sprechen", meinte Milo plötzlich, "es führt kein Weg daran vorbei..."

"Warum hat er dich versetzt, Milo?"

"Er muss auf seine Weise ziemlich eingebildet sein, Jesse."

"Du meinst, er empfindet sich als eine Art Herr der New Yorker Unterwelt... Trotzdem... Crazy Joe hat versprochen, dich zu ihm zu führen."

"Vielleicht wollte Crazy Joe sich einfach nur wichtig machen", meinte Milo.

"Wir knöpfen ihn uns morgen vor", schlug ich vor. Inzwischen kannten wir uns gut genug dort unten aus, um ihn auftreiben zu können. Wir wussten, wen man fragen musste und wo Crazy Joe für gewöhnlich unterkroch. Kein Mensch konnte allein und auf sich gestellt da unten, in den Kanälen überleben. Das hatten wir schnell gelernt. Man war auf andere angewiesen. Und wer niemanden hatte, für den war es schnell zu Ende.

Max Carter, einer unserer Innendienstler schneite herein.

"Gibt es schon was von den Ärzten und Krankenhäusern?", fragte ich. Schließlich war ich mir sicher, dass einer der Gangster eine Schusswunde abbekommen hatte. Und selbst, wenn es nur ein Streifschuss war, so musste sie ärztlich behandelt werden.

"Alle medizinischen Einrichtungen und Privat-Praxen der Stadt sind unterrichtet und gewarnt", sagte Carter.

"Allerdings würde ich mir in dieser Hinsicht kaum Hoffnungen machen, Jesse. Wenn es sich wirklich um Leute handelt, die mit illegalen Organhändlern in irgendeiner Weise zusammenarbeiten, könnte ich mir denken, dass die genügend medizinische Kapazitäten haben, um eine Schusswunde behandeln zu lassen..."

"Ja, das steht leider zu befürchten", gab ich zu.

"Unsere Ermittlungen, was Krankenhäuser und Arzt-Praxen angeht, die vielleicht dafür in Frage kommen könnten, in den Fall verwickelt zu sein, laufen natürlich weiter. Aber wir stehen da vor einem riesigen Datenberg. Transplantationen waren mal was besonderes. Heute sind sie in manchen Bereichen schon so sehr Routine, wie vor dreißig Jahren eine Blinddarmoperation."

"Mal was anderes, Walt", unterbrach ich Carter. "Der Chef bekommt eigenartige Briefe..."

"Ja, ja..." Carter nickte. "Das geht schon eine ganze Weile so. Täglich kommt etwas für ihn..."

"Schon irgendwelche Anhaltspunkte?"

"Wir arbeiten dran. Und das Labor auch." Carter zuckte die Achseln. "Der Chef hat schon Schlimmeres durchgemacht. Ich persönlich denke, es spricht einiges dafür, dass sich da nur jemand sehr wichtig machen will..."

"Hoffentlich hast du recht", sagte ich.




7


Der bärtige Mann mit den wachen blauen Augen saß am Feuer und rieb sich die Hände. Sein Lager befand sich im toten Ende eines stillgelegten Subway-Bahnhofs, irgendwo unter den tristen Straßen von Harlem.

Die Betonwände waren mit Graffitis übersäet. Aber inzwischen interessierten sich nicht einmal mehr die Sprayer für diesen Ort. Hier hielt kein Zug mehr. Sie brausten einfach vorbei und hielten einen halben Kilometer weiter.

Manche der Fahrgäste erblickten dann für Sekunden den Bärtigen, der in sich gekauert dasaß und leicht zitterte.

Er hatte Angst.

Jeder Laut ließ ihn zusammenfahren.

Der Bärtige hatte ein paar fette Ratten aufgespießt und drehte sie über dem Feuer. Ratten waren sehr nahrhaft und vor allem gab es hier unten genug davon. Und der Bärtige wusste, wie man sie fing.

Jede Viertelstunde raste ein Triebwagen der Subway am Lager des Bärtigen vorbei. Der Luftzug, der dann entstand, ließ das Feuer hoch auflodern.

Der Bärtige hörte Schritte. Er schreckte auf.

Seine Augen suchten nervös die Umgebung ab.

"Hey, Mann! Hier hast du dich also verkrochen, Crazy Joe!", sagte eine sonore Stimme. Drei Gestalten traten aus dem Dunkel heraus. Crazy Joe fragte sich, wo sie plötzlich herkamen. Vermutlich hatten sie ihn schon länger beobachtet.

Die drei trugen Strickmützen, die bis zum Kinn hinuntergezogen hatten. Für die Augen waren kleine Löcher hineingeschnitten worden. Der Rest ihrer Sachen bestand aus abgetragener Straßenkleidung.

Der Mittlere der drei trug einen abgeschabten Wollmantel.

In den Händen hielt er eine Pump-Gun. Mit einem harten Geräusch lud er das Gewehr durch.

Crazy Joe erbleichte.

"Du hast dich ziemlich rar gemacht, Joe!", sagte der Kerl im Mantel. "Der Tunnel King ist ziemlich beunruhigt..."

"Hört mal, Leute, ich..."

Crazy Joe brach ab. Er wusste, dass jedes weitere Wort verschwendet war.

"Du wirst zum Risiko, Crazy Joe..."

"Was soll das heißen?"

"Nimm's nicht persönlich. Aber wir haben vom Tunnel King einen klaren Auftrag..."

Der Mann mit dem Mantel hob die Pumpgun.

Joe wich ein Stück zurück. Er hatte beinahe die Gleise erreicht, die etwa einen halben Meter tiefer lagen als der ehemalige Bahnsteig.

Joes Hand riss etwas aus der Tasche seiner fleckigen Jacke heraus. Es geschah blitzschnell. Etwas wirbelte durch die Luft.

Ein Messer.

Der Kerl im Mantel ließ die Pumpgun loskrachen. Einen Sekundenbruchteil später griff er sich an den Hals. Er taumelte zurück, ließ die Pumpgun sinken. Eine Hand umfasste den Messergriff, der aus seinem Hals herausragte. Blut schoss unter der Strickmütze hervor. Der Mann im Mantel schlug der Länge nach hin.

Die beiden anderen standen für einen Moment wie erstarrt da.

Damit hatten sie nicht gerechnet.

Crazy Joe machte einen Satz hinunter zu den Gleisen. Er rannte.

Er rannte in den dunklen Tunnel hinein.

Einer der beiden Maskierten griff zur Pumpgun, hob sie auf und lud sie durch.

Dann feuerte er.

Die Kugel erwischte Crazy Joe mitten zwischen den Schulterblättern.

Er sank zu Boden und lag dann mitten über den Gleisen.

"Wenn der Zug kommt, wird nicht viel von ihm übrigbleiben", stellte einer der beiden Männer fest.




8


Am nächsten Morgen saßen wir bei Mister McKee im Büro. Außer Milo und mir waren noch die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina anwesend. Max Carter, ein Innendienstler aus der Fahndungsabteilung kam etwas später, zusammen mit einem gewissen Clovis Ortega, den die Scientific Research Division geschickt hatte. Die SRD war der zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, und auch wir vom FBI nahmen seine Hilfe gerne in Anspruch.

Die Untersuchungen am Tatort in den Tunneln unter der Bowery hatten einige interessante Neuigkeiten erbracht.

Die Kollegen der SDR hatten reichlich Projektile eingesammelt, mit denen die unbekannten Killer ja sehr verschwenderisch gewesen waren.

Außerdem gab es dann ja auch noch die Kugeln, die Sid und Brett getötet hatten.

"Eine der benutzten Waffen ist schon einmal aktenkundig geworden", erläuterte Clovis Ortega. "Unsere ballistischen Tests sind da ganz eindeutig."

"Benutzt?", hakte Mister McKee nach. "Wann und wo?"

"Bei einer Schießerei in der South Bronx vor zwei Jahren, als dort ein Drogenkrieg zwischen den Puertoricanern aus East Harlem und den Jamaikanern tobte", erklärte Ortega. "Vor dem Kaufhaus BIG DEAL in der 166. Straße haben sich die Killer-Armeen beider Seiten eine regelrechte Schlacht geliefert... Wem die Waffe gehörte, konnte nie genauer bestimmt werden. Aber da die betreffenden Kugeln in den Körpern einiger Männer steckten, von denen wir wissen, dass zu zum Syndikat der Jamaikaner gehörten, muss es sich um jemanden gehandelt haben, der für die Puertoricaner gemordet hat."

"Da dürfte die Auswahl reichlich sein", kommentierte unser Kollege Medina etwas gallig und lockerte dabei seine Seidenkrawatte ein Stück.

"Es gab damals Dutzende von Verhaftungen", sagte Max Carter. "Ich habe all diejenigen in einem Dossier zusammengestellt, die in irgendeiner Weise mit der Schießerei in Zusammenhang gebracht werden. Viele mussten wieder auf freien Fuß gesetzt werden, einige sitzen noch auf Riker's Island."

"Soweit ich ich das in Erinnerung habe, wurden damals beide Syndikate zerschlagen", sagte Mister McKee.

Carter zuckte die Schultern.

"Wäre ein Wunder, wenn sich die Überreste nicht inzwischen neu gruppiert hätten und irgendwie wieder aktiv geworden wären..."

"Glauben Sie an eine Verbindung zwischen der Todesserie in den Tunneln und dem Drogenmilieu?", fragte ich an Carter gewandt.

Carter schüttelte den Kopf.

"Nein, das eigentlich nicht. Obwohl man es auf der anderen Seite natürlich nicht ausschließen kann, schließlich sind die Drogenbarone immer bestrebt, ihr schmutziges Geld in anderen Branchen anzulegen."

"Aber das sind doch üblicherweise möglichst legale Branchen, damit aus dem Schmutzgeld blütenweiße Dollars werden", wandte Orry ein.

"Andererseits ist das Betreiben einer Transplantationsklinik eine Branche, die sich ebenso für die Geldwäsche eignet wie zum Beispiel das Glücksspiel", wandte Milo Tucker ein.

"Wie auch immer", ergriff Max Carter wieder das Wort.

"Ich glaube eher an eine andere Möglichkeit. Und die besteht einfach darin, dass die Killer von damals sich einen neuen Arbeitgeber gesucht haben, sofern sie durch die Maschen der Justiz schlüpfen konnten." Carter legte sein Dossier auf den Tisch. Er wandte sich an unseren Chef. "Ich schlage vor, dass wir uns jeden einzelnen dieser Leute noch einmal vorknöpfen, gleichgültig, ob sie nun auf Riker's Island sitzen oder sonstwo zu finden sind. Vielleicht bekommen wir so entscheidende Hinweise auf die Drahtzieher im Hintergrund..."

"Oder der Tunnel King sagt uns, was er weiß...", meinte ich.

"Vorausgesetzt, er will mit Ihnen sprechen, Jesse", gab Mister McKee zu bedenken.

"Wer da unten über längere Zeit lebt, ist wohl zwangsläufig nicht sehr kommunikativ", erwiderte ich.

"Ach Jesse", wandte sich jetzt Carter in meine Richtung. "Ich habe vielleicht etwas über den Mann, der sich dir gegenüber Crazy Joe nannte."

Ich hob die Augenbrauen.

Carter holte aus einem Aktenkoffer eine Mappe hervor, die mit Computerausdrucken gefüllt war. Er öffnete sie. Ich blickte auf ein Foto, das ein bärtiges Gesicht zeigte.

"Ist er das, Jesse?"

Ich nickte. "Ja."

"Er heißt Joseph Kelvin Mendrovsky, wurde in Wichtita, Texas geboren und mit Mitte dreißig in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Er litt unter Verfolgungswahn. Vor fünf Jahren brach er aus dem St. George Sanatorium in Dorset, Kentucky aus. Seitdem fehlt jede Spur von ihm..."

Ich nahm das Dossier an mich, warf einen Blick hinein.

"Ich will dir damit nur sagen, dass dieser Tunnel King vielleicht nur die Fantasie eines seelisch Kranken ist...", fuhr Carter indessen fort.

Ich mochte an diese Möglichkeit einfach nicht glauben.

Schließlich war Crazy Joe nicht der einzige, der vom Tunnel King erzählt hatte. Andererseits konnte es natürlich gut sein, dass auch diese Berichte nur auf dem basierten, was Joe in den Jahren, die er bereits bei den Mole People lebte, an Geschichten ausgestreut hatte. Geschichten, die sich längst verselbständigt hatten...

Ich hatte keine Gelegenheit, länger darüber nachzudenken.

In diesem Augenblick kam Mandy, die Sekretärin unseres Chefs in den Raum. Auf dem Tablett standen dampfende Kaffeebecher und einige geöffnete Kuverts.

Die Post für Mister McKee. Zweifellos hatte sich erst unsere Sicherheitsabteilung damit beschäftigt, um zu verhindern, dass Mister McKee zusammen mit einem dieser Hassbriefe eines Tages auch eine Ladung Sprengstoff auf den Schreibtisch bekam.

"Diesmal war nichts dabei, Mister McKee", sagte Mandy mit sichtlicher Erleichterung. Sie brauchte das nicht näher zu erläutern. Jedem im Raum war klar, wovon sie sprach.

Mister McKee war das Schweigen, das sich plötzlich im Raum ausgebreitet hatte offenbar unangenehm.

"Was ist los?", fragte er. "Unsere Aufgabe ist es, die Schwachen zu schützen - und dabei machen wir uns eben nicht nur Freunde!"




9


Es war Nachmittag, als wir in die unterirdische Welt, tief unter dem Big Apple zurückkehrten. Eine Welt, die bis zu zehn übereinandergeschichtete Etagen hatte. Ein Labyrinth, in dem man sich unter Umständen Jahre verstecken konnte, selbst wenn man auf irgendeiner Fahndungsliste stand.

Crazy Joe konnten wir nirgends finden. An keinem der Orte, von dem wir wussten, dass der sympathische Sonderling sich dort ab und zu aufhielt.

Er schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein.

Wir suchten den sogenannten Professor auf, einen Bücherwurm und ehemaligen Bibliothekar, der nach dem tragischen Krebstod seiner Frau mehr oder weniger durchgedreht war. Er wohnte in einer Rangiernische, hatte dort sein Feuer und sogar elektrisches Licht. Einer seiner Freunde hatte eine Leitung abgezweigt und hierher verlegt. Es war relativ trocken hier, trotzdem hatte er seine mindestens 3000 Bücher sorgfältig einzeln in Plastik verpackt.

Der Professor hieß eigentlich Simon McDonald.

Er gehörte zu denjenigen Tunnelmenschen, die ihre Flucht in den Bauch der Erde als eine Art Lebensphilosophie ansahen und die nichts auf der Welt dazu hätte bringen können, sich wieder an ein Leben oberhalb zu gewöhnen.

Hier unten in dem Tunnel war der Professor eine bekannte Persönlichkeit. Wir kannten ihn durch eine Sozialarbeiterin.

Und über McDonald hatte wir Crazy Joe kennengelernt.

"Toll", murrte Milo, als wir die Rangiernische erreichten.

"Wir sind wieder am Ausgangspunkt, Jesse."

"Meinst du, mir gefällt das?"

"Was mir noch weniger gefällt ist mein Gefühl in Bezug auf Joe..."

"Was meinst du damit?"

"Dass wir ihn vielleicht vergeblich suchen, Jesse."

"Und wenn er sich versteckt hält?"

"Warum sollte er das tun? Niemand würde versuchen, ihn hier unten aufzustöbern, um ihn wieder in eine Anstalt zu bringen."

"Es muss ja nicht alles vernünftig sein, was er tut", erinnerte ich ihn.

Der Professor sah uns kommen. Wir gingen den Schienenstrang entlang und mussten dabei auf der Hut sein, um nicht von einer vorbeirasenden Subway erfasst zu werden. Immer wieder kamen Mole People durch Züge um.

McDonald blickte uns misstrauisch an.

"Was wollt ihr hier?", fragte er. "Mir meine Konserven leeressen?"

"Wir suchen Crazy Joe", sagte Milo. "Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte?"

"Bin ich ein Hellseher?"

Wir setzten uns zu ihm ans Feuer. Er hatte ein paar alte, ziemlich stockige Matratzen ausgebreitet. Eine davon war aufgerissen und Flocken aus gelbem Schaumstoff lösten sich.

"Was ist los, Professor?", fragte ich.

Irgendetwas hatte sich verändert.

Das spürte ich ganz genau.

"Man erzählt sich seltsame Geschichten über euch beide..."

In McDonalds Gesicht zuckte ein Muskel. Er kratzte sich an dem dicken Eitergeschwür links am Hals, etwas unterhalb des Adamsapfels.

"Was denn für Geschichten?", hakte ich nach.

"Ihr gehört nicht hier her..."

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick.

"Was soll das?", fragte ich.

"Ich meine es so, wie ich es sage. Jedes Wort. Es gibt einige fiese Gerüchte über euch. Die einen sagen, ihr seid Cops, die anderen meinen, ihr habt irgendetwas mit den maskierten Mördern zu tun, die sich hier unten ihre Opfer holen. Und wieder andere sagen, ihr wärt wahrscheinlich Perverse, die hier unten ihre niederen Instinkte ausleben, weil sie wissen, dass ein Mord hier unten selten aufgeklärt wird..."

"Professor, das ist alles Quatsch!", erwiderte ich.

Innerlich fluchte ich. Das Vertrauen, das Milo und ich uns hier unten mühsam aufgebaut hatten, war weg. Das lag auf der Hand.

McDonalds Nasenflügel zitterten.

Ich sah, dass seine Hand in die Taschen seines fleckigen Mantels aus Wildleder gewandert waren, dessen Originalfarbe kaum noch zu erkennen war.

Ich sah, wie sich seine Muskeln anspannten.

Irgendetwas umklammerte seine Hand.

Eine Waffe. Ein Messer vielleicht, oder ein Revolver.

"Jedenfalls ist Sid und Brett die Bekanntschaft mit euch nicht gut bekommen", stellte er fest.

"Du glaubst, dass wir etwas mit ihrem Tod zu tun haben?", fragte ich.

"Ist das so abwegig?"

"Hör zu, Sid und Brett waren unsere Freunde!"

"Und jetzt sind sie tot. Wie Crazy Joe..."

"Was?"

"Ist auch nur so ein Gerücht... Aber es würde ins Bild passen."

Ich machte eine etwas zu heftige Bewegung.

Der Professor zog etwas Metallisches aus dem Mantel heraus. Eine einschüssige, selbst zusammengelötete Waffe. Lebensgefährlich auch für den Schützen. "Seid schön vorsichtig", zischte er. "Ich weiß nicht, wer ihr seid, aber das ist mir auch ziemlich gleichgültig. Ich schlage vor, ihr verschwindet jetzt und lasst euch nicht mehr blicken..."

"Professor, wir suchen die Kerle, die Sid und Brett auf dem Gewissen haben", versuchte ich ihn zu überzeugen. "Die hätten uns beinahe auch umgebracht..."

"Geht jetzt!"

"Es waren diese maskierten Killer, die hier unten ihr Unwesen treiben... Ist es dir gleichgültig, wie viele Opfer sie noch fordern?"

"Das Leben hier unten fordert jeden Tag Opfer. Was soll dein Gerede also? Solange ich am Leben bleibe, ist mir alles andere egal..."

Ich deutete auf Milo.

"Crazy Joe wollte meinen Freund hier mit dem Tunnel King zusammenbringen."

"Ach, wirklich?"

Er senkte seine Waffe. Ich nahm das mit Erleichterung zur Kenntnis. Diese selbstgebastelten Dinger konnten sehr leicht von allein losgehen. Und selbst, wenn sich kein Schuss löste, sondern die Waffe explodierte, hätten Milo und ich auf die Distanz noch etwas abbekommen.

"Der Tunnel King weiß, wer hinter diesen Killern steckt", behauptete ich.

"Der Tunnel King weiß alles, was hier unten vor sich geht", erwiderte McDonald. "Und ihr werdet ihn kaum finden." McDonald lachte und setzte dann hinzu: "Er wird euch finden!"




10


In der Ferne tauchten Lichter auf, die immer greller wurden. Ein Zug kam heran. Das Geräusch wurde geradezu ohrenbetäubend. Die Subway raste an uns vorbei.

Dann quietschte es so schrill, dass es einem fast das Trommelfell zerriss.

Einer der Fahrgäste hatte offenbar die Notbremse betätigt.

Die hell erleuchteten Triebwagen kamen endlich zum Stehen.

Eine der Türen ging auf.

Nacheinander stiegen fast ein Dutzend Männer um die zwanzig aus. Sie trugen schwarze Ledermonturen mit der Aufschrift SILVER DRAGONS.

Eine Gang.

In den Gesichtern stand ein gemeines Grinsen. Mir war sofort klar, was sich hier anbahnte. Diese Typen wollten ihren Spaß - und dazu brauchten sie Opfer. Mole People waren ihnen gerade recht. Der Fahrer des Zuges schaute kurz aus dem Fenster, ließ sein Gefährt dann sofort wieder anfahren. Er dachte gar nicht daran, die Gang dafür zur Rechenschaft zu ziehen, dass die STAR DRAGONS für diesen kleinen Zwischenhalt gesorgt hatten. Wenn wir Glück hatten, meldete er den Vorfall an die Polizei. Der Zug verschwand im Tunnel.

Die Ledergekleideten schwangen die Butterfly-Messer und Schlagstöcke in den Händen.

"Hey, wer sagt's denn! Gleich drei! Ich dachte, hier gibt's nur den alten Mann!", greinte einer. Er griff in die Jackentasche und nahm einen Schluck aus dem Flachmann, den er dort verstaut hatte.

Die Kerle näherten sich.

"Hört mal, wir geben euch Drecksäcke eine faire Chance!", rief einer der Männer. "Ihr kriegt fünf Minuten Vorsprung. Schließlich wollen wir auch unsern Spaß haben..."

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo.

Dann raunte ich dem Professor zu: "Benutzen Sie auf keinen Fall ihr selbstgebautes Eisen..."

"Es ist ungeladen", erwiderte er.

"Weshalb?"

"Weil mir mein Pulver nass geworden ist..."

Die STAR DRAGONS bildeten einen Halbkreis. Einige von ihnen ließen die Butterfly-Messer herumwirbeln. Sie kicherten.

Ein großer, leicht übergewichtiger STAR DRAGON hantierte mit einer Stahlschleuder herum. Hier und da blitzten Morgensterne, Schlagringe und Kleinkaliberwaffen auf.

"Hey, wollt ihr euch gar nicht auf die Socken machen?", rief einer und seine Gang-Brüder brüllten vor Lachen.

"Laufen wir um unser Leben", raunte der Professor.

"Kommt nicht in Frage", erwiderte ich. "Dann wären wir geliefert."

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo.

Die Kerle kreisten uns weiter ein.

Die Gangs waren ein großes Problem für die Tunnelmenschen.

Oft genug machten sie sich einfach einen Spaß daraus, die Tunnelmenschen zu jagen oder zu schikanieren. Sie rechneten einfach damit, dass keines der Opfer sich an die Behörden wenden würde. Und leider hatten sie oft genug recht damit.

Gleichzeitig rissen Milo und ich unsere SIGs aus den Taschen. Ein Ruck ging durch die STAR DRAGONS.

"Keine Bewegung!", rief ich. "Wir sind Special Agents des FBI. Lasst eure Waffen fallen und nehmt die Hände hoch. Diesmal seit ihr an die Falschen geraten..."

Sie waren unschlüssig darüber, was sie tun sollten.

Wenn sie alle im selben Moment angriffen, hatten wir keine Chance gegen sie. Ich hoffte, dass die STAR DRAGONS nicht zu der Sorte Gang gehörten, bei denen so etwas als Mutprobe galt.

Ich wirbelte ein Stück herum, feuerte die P226 zweimal ab.

Die Kugeln brannten sich vor die Füße eines der Gang-Mitglieder. Der Mann hatte versucht, seine 22er aus dem breiten Gürtel herauszureißen, den er unter seiner Lederjacke trug. Er stand wie erstarrt da, hob dann langsam die Hand.

Die Waffe blieb stecken.

"Sie haben das Recht zu schweigen", zitierte ich den Spruch, den wir bei Verhaftungen immer aufsagen müssen. "Wenn Sie auf dieses Recht verzichten kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden..."

Der Kerl mit der Schleuder trat einen Schritt vor.

Er starrte mich ungläubig an.

"Hey, Bruder, was haben wir denn gemacht? Gibt's 'nen Paragraphen dagegen, sich hier unten aufzuhalten? Dann müsstet ihr den alten Sack da vorne auch festnehmen!"

"Ihr wolltet hier eine Jagd veranstalten..."

"Hey, Mann, das hast du missverstanden!"

"Und dann wäre da noch Gefährdung des Schienenverkehrs. Schließlich habt ihr den Zug ohne Grund gestoppt..."

Langsam wurde den STAR DRAGONS klar, dass sie sich diesmal wirklich verrechnet hatten. Panik zeichnete ihre Gesichter.

Und dann warf einer plötzlich einen eiförmigen Gegenstand in unsere Richtung.

Eine Gasgranate.

Milo warf sich nach links, ich packte den Professor und riss ihn mit mir. Gemeinsam fielen wir zu Boden, während Schüsse in unsere Richtung krachten. Dann explodierte das eiförmige Ding.

Ein beißender, grauer Nebel quoll heraus und erfüllte innerhalb von Sekunden die Luft.

Ich presste mich an den Boden, feuerte einmal in Richtung der STAR DRAGONS und versuchte, nicht allzu viel von dem Reizgas einzuatmen.

Meine Augen tränten bereits.

Eine zweite Gasgranate wurde gezündet.

Die STAR DRAGONS waren indessen auf der Flucht.

Sie schossen wild in der Gegend herum und hetzten dann in den dunklen Tunnel hinein, in Richtung der nächsten Subway-Station.

Ich stand auf.

Durch den Reizgas-Nebel sah ich Milo dahertaumeln. Er hustete schrecklich.

"Alles in Ordnung?", keuchte er.

"Wir müssen sehen, dass wir hier wegkommen!"

Ich beugte mich über McDonald, der noch immer am Boden lag. Er stöhnte. Ich drehte ihn herum. Sein Mantel war blutbesudelt.

Eine Kugel hatte ein großes Loch hineingerissen.

"Verdammt!" keuchte er und biss die Zähne zusammen.

"Sie müssen in ärztliche Behandlung", sagte ich mit Bestimmtheit.

"Wenn es nicht so weh täte, würde ich jetzt lachen", gab McDonald heiser zurück.

"Wir sorgen dafür, dass sich die Ambulanz um Sie kümmert!"

"Was redest du für einen Mist! Keiner, der hier lebt, hat so etwas wie 'ne Krankenversicherung, geschweige denn genügend Bargeld, um einen Arzt zu bezahlen!"

"Das wird sich regeln lassen", sagte ich zuversichtlich.

"Jedenfalls bist du ziemlich schnell tot, wenn diese Wunde nicht behandelt wird."

McDonald seufzte. Er warf einen Blick zu Milo, dann sah er wieder mich an.

"Seid ihr zwei wirklich G-men?", fragte er dann.

Ich nickte.

"Ja, wir sind Special Agents des FBI. Und wir suchen die maskierten Killer und ihre Hintermänner. Die Leute, die euch Tunnelmenschen als Ersatzteillager für Transplantionsorgane betrachten."

"Das klingt zu schön, um wahr zu sein", meinte McDonald.

"Es ist wahr."

"Na, dann wünsche ich euch viel Erfolg", meinte er mit zynischem Unterton.

"Du bist uns was schuldig, Professor", mischte sich jetzt Milo ein.

McDonald hob die Augenbrauen.

"Ach, ja?"

"Wir haben dein Leben gerettet. Was glaubst du wohl, was die mit dir gemacht hätten..."

"Ich hätte es überstanden."

"Das ist eine Lüge und du weißt es."

McDonald atmete tief durch.

"Was wollt ihr?", fragte er.

"Den Tunnel King", erwiderte Milo.




11


Wir sorgten dafür, dass sich die Emergency Ambulance um McDonald kümmerte. Sein Zimmer im St. Joseph's Hospital wurde von einem Polizisten bewacht, obwohl der Professor darauf eigentlich keinen Wert legte. "Ihr wollt nur verhindern, dass ich einfach davonlaufe, ohne meine Rechnung zu bezahlen", witzelte er.

"Glaub mir, es ist besser so, Professor", sagte ich.

"Die STAR DRAGONS dürften nicht allzu gut auf dich zu sprechen sein..."

"Denen werde ich wiederbegegnen, wenn ich wieder da unten bin. Du kannst mich nicht schützen..."

"Wo finden wir den Tunnel King?", fragte ich.

"Wenn ich euch das verrate, bin ich ein toter Mann..."

"Soll das Morden immer weitergehen?", fragte ich.

"Die Welt ist schlecht. Wusstest du das nicht?"

"Ich denke nicht, dass man es hinnehmen sollte", erwiderte ich.

"Wer sagt dir, dass der Tunnel King etwas mit den maskierten Mördern zu tun hat? Du hast nichts weiter als ein paar Gerüchte und das Gerede von Crazy Joe, diesem Narren!"

"Crazy Joe wusste, dass der Tunnel King in irgendeiner Weise mit diesen Killern zusammenarbeitete. Und deswegen müssen wir den King sprechen..."

Jetzt betrat einer der Ärzte das Zimmer.

Wir hatten bereits mit ihm gesprochen. Er hieß Lawson.

"Sie können diesen Mann jetzt nicht länger vernehmen", erklärte er. "Er ist schwer verletzt. Der OP ist vorbereitet... Wenn Sie uns jetzt bitte unseren Job machen lassen würden, Mister Trevellian!"

Ich sah McDonald beschwörend an.

"Bitte, Professor!"

"Kennst du die Subway-Station Canal Street/Seventh Avenue?"

"Sicher."

"Du musst von dort aus ein Stück den Schienenstrang entlanggehen, Richtung Avenue of the Americas. Irgendwann triffst du links auf eine stillgelegte Abzweigung. Von dort gibt es einen Zugang zu den Kanälen sowie zu tiefergelegenen Tunneln. Dort ist das Gebiet des Tunnel King..."

"Wie finden wir ihn dort?"

"Er wird euch finden. Und dann Gnade euch Gott..."

Weißgekleidete Pfleger und Schwestern kamen in den Raum.

McDonald sah mich die ganze Zeit über an, während er rausgefahren wurde.

"Geht nicht dort unten hin!", rief McDonald noch. "Hört ihr? Crazy Joe ist tot, weil er mit euch geredet hat! Und wenn ihr dort auftaucht, seid ihr geliefert!"

Ich sah ihm nach.




12


Im Hauptquartier erwartete uns die Nachricht, dass eine Leiche als Crazy Joe identifiziert worden war. Der Mann war erschossen worden. Hinterher hatte ein Zug den Körper erfasst und sehr entstellt.

"Crazy Joe hat es gewusst", stellte Milo fest.

Wir saßen in Mister McKees Büro. Es ging darum den Einsatz in den Tunneln unterhalb der Kreuzung Canal Street/ Seventh Avenue zu planen. Denn unser Chef war alles andere als begeistert von dem Gedanken, dass Milo und ich uns allein dorthin begeben würden.

"Ich möchte, dass Ihnen unsere Leute folgen, Jesse."

"Wissen Sie was passieren wird? Der Tunnel King wird sich einfach zurückziehen. Er kennt sich dort unten aus, wir sind auf Pläne angewiesen, von denen ein Großteil nicht stimmt."

"Dann werden wir wenigstens das Gebiet großräumig absperren und alle Eingänge zum Tunnelsystem im Umkreis mehrerer Meilen bewachen", meinte Mister McKee. "Und Sie beide werden sich mit Abhörmikrophonen ausstatten lassen..."

"Der Empfang könnte da unten zeitweilig abbrechen."

"Und wenn die Leute des Tunnel King das herausfinden?", fragte Milo.

"Dann sind Ihre Kollegen rechtzeitig bei Ihnen", erklärte Mister McKee. Nach kurzer Pause setzte er hinzu: "Zumindest bemühen sie sich darum. Riskant wird es auf jeden Fall..."




13


Wir ließen uns von unserem Kollegen Agent Fred LaRocca zur Subway-Station an der Kreuzung Canal Street/ Seventh Avenue bringen. In der Umgebung hatten sich Dutzenden von FBI-Agenten auf den U-Bahnhöfen in der Umgebung postiert. Sie mischten sich unauffällig unter die Passanten, aber im Ernstfall konnten sie schnell eingreifen, wenn ein Verdächtiger versuchte, das Tunnelsystem auf diese Weise zu verlassen. Natürlich gab es noch unzählige weitere Ausgänge, vor allem über die Kanalisation. Die wichtigsten wurden von unseren Leuten bewacht, aber es war uns natürlich klar, dass eine flächendeckende Überwachung unmöglich war.

Wir gingen an den Schienensträngen entlang, die in Richtung der Avenue of the Americas führten, fanden dann die Abzweigung, von der McDonald gesprochen hatte.

Von dort aus gelangten wir über die Kanalisation in tiefergelegene Tunnel.

McDonalds Angaben nach befand sich hier das Revier des Tunnel King.

Die Taschenlampen, die Milo und dabei hatten, erlaubten eine notdürftige Orientierung in dem dunklen Labyrinth.

Es war totenstill hier unten.

Selbst die Mole People schienen diesen Bereich zu meiden, obwohl er an und für sich relativ geeignet war, um zu lagern.

Schließlich war es hier recht trocken.

"Ich frage mich, ob die Angaben des Professors vielleicht schon etwas veraltet waren", raunte Milo mir zu.

"Diese Ruhe hier unten gefällt mir jedenfalls nicht", stellte ich fest.

Wir stießen auf einen Zugang zur Kanalisation, der uns noch weiter hinabführte. Über eine enge Betonröhre, an deren Wand sich Metallsprossen befanden, gelangten wir in einen Hauptkanal, der an mehreren Stellen nicht mehr in Ordnung war. Der Beton war aufgesprungen, der Kanal verlor Wasser.

Der Wasserstand war daher extrem niedrig. Es stank entsprechend bestialisch.

"Ich frage mich, wer ein Motiv hatte, jemanden wie Crazy Joe umzubringen", hörte ich Milo sagen. Seine Stimme hallte an den gerundeten Kanalwänden wider.

"Vielleicht war er doch nicht der Narr, als den ihn alle sahen", erwiderte ich. "Aber vermutlich sind wir schlauer, wenn der ballistische Bericht vorliegt!"

Aus mehreren Nischen sprangen in diesem Moment Vermummte hervor. Sie trugen Strickmützen, die sie über das Gesicht gezogen hatten. Für die Augen waren kleine Löcher herausgeschnitten worden.

Die Kerle waren bewaffnet.

Ratsch!

Eine Pumpgun wurde mit einer energischen Bewegung durchgeladen. Ich wirbelte herum. Meine Hand hatte bereits den Griff der P226 umfasst. Ich war bereit, die Waffe herauszureißen, aber die Übermacht war zu erdrückend.

Fast ein Dutzend Bewaffnete standen Milo und mir gegenüber.

Außer einigen Pumpguns sah ich Revolver, Pistolen und sogar ein Schnellfeuergewehr, das aus Army-Beständen zu stammen schien.

"Stehenbleiben, ihr Ratten!", knurrte einer der Vermummten.

Wir waren eingekreist. Fast hatte ich den Eindruck, als ob diese Leute uns erwartet hatten. Jedenfalls waren sie hervorragend postiert gewesen und hatten uns in aller Ruhe in die Falle gehen lassen.

Einige von ihnen kamen näher.

Die Läufe ihrer Waffen waren die ganze Zeit über auf uns gerichtet. Sie entrissen uns die Dienstpistolen. Einer heulte triumphierend auf. Zwei Pistolen vom Typ SIG Sauer P226 - das war eine Beute ganz nach ihrem Geschmack.

Die Vermummten musterten uns.

Milo und ich tauschten einen schnellen Blick.

Jetzt konnten wir nur hoffen, dass wirklich alles so klappte, wie Mister McKee es vorgesehen hatte.

Ich hatte da so meine Zweifel...

"Los, mitkommen", knurrte ein Mann mit einem 38er Special in der Linken, mit deren kurzen Lauf er aufgeregt herumschwenkte.

"Was meinst du, sind sie das, Tiger?", fragte einer der Vermummten.

Der Mann mit dem 38er nickte.

"Da ist wohl jeder Irrtum ausgeschlossen! Niemand sonst wäre so verrückt, sich hierher zu wagen!" Tiger lachte heiser. "Ihr seid hier, weil ihr zum Tunnel King wollt, was?"

"Schon möglich", sagte ich.

"Ihr werdet ihn kennenlernen! Er wartet schon auf euch..."

Tiger kicherte wie irre. Unter den anderen Vermummten entstand ein Gemurmel.

Dann trat Tiger sehr nahe an uns heran.

Der 38er in seiner Linken war auf meinen Bauch gerichtet.

Die Knöchel seiner Hand waren weiß. Er verstärkte den Druck auf den Abzug.

"Einer von euch hat schon mal versucht, sich mit dem King zu treffen..."

"Leider hat uns der King versetzt", sagte Milo.

"Der King tut, was ihm gefällt", erwiderte Tiger kichernd. "Sonst wäre er nicht der King, verstehst du Rattenhirn das?"

"Klar doch", meinte Milo.

Der Hieb, der meinen Freund dann traf, war so schnell und gemein, dass Milo nicht den Hauch einer Chance hatte, ihn abzuwehren. Tiger schlug voll zu. Seine rechte Faust bohrte sich in Milos Magengrube. Die Linke schnellte hoch. Der kurze Lauf des 38ers erwischte Milo im Gesicht und zog eine blutige Schramme quer über seine Wange.

Ich wollte eingreifen.

Aber innerhalb eines Sekundenbruchteils hatten mich zwei der Vermummten von hinten gepackt. Der Griff dieser Männer glich einem Schraubstock. Ich konnte nichts machen. Milo wankte ächzend und wurde dann auch von zwei Vermummten festgehalten.

Tiger lachte.

"Das ist nur, damit ihr euch von Anfang an den richtigen Respekt angewöhnt." Er deutete mit der Linken in Richtung der Betondecke, die sich über den Kanal spannte. "Da oben seid ihr vielleicht was, aber hier unten seid ihr nur ein Stück Dreck..."

"Ihr habt gewusst, dass wir hier her kommen?", fragte ich.

"Der Tunnel King weiß alles", erwiderte Tiger. "Und jetzt vorwärts!"

Sie stießen uns voran und führten uns den Abwasserkanal entlang.

Schließlich gelangten wir durch einen Lüftungsschacht in einen U-Bahn-Tunnel. Ich fragte mich, ob unsere Leute diesen Weg rechtzeitig finden würden, um uns rauszuhauen.

Der Tunnel machte eine Biegung, dahinter leuchtete etwas hervor. Es wirkte wie ein gleichmäßiges, elektrisches Licht, nicht wie der Schein eines Feuers.

Wir kamen um die Biegung herum.

Ein ganzer Zug stand auf den Gleisen. Er war schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb und rostete hier, auf diesem stillgelegten Schienenstrang vor sich hin. Irgendwie musste es jemandem gelungen sein, eine Stromleitung anzuzapfen und die Innenbeleuchtung der Triebwagen soweit instand zu halten, dass sie nach wie vor funktionierte.

Ein eigenartiger Anblick waren diese Wagen.

Es waren insgesamt fünf.

Vermummte Wächter patrouillierten im Schein der Beleuchtung auf und ab.

Dies musste das Hauptquartier des legendären Tunnel King sein!

Die Vermummten stießen uns vorwärts.

Die Wächter musterten uns.

Aber keiner von ihnen sagte etwas.

Wir gingen an dem ersten Wagen vorbei. Sie führten uns bis zum Eingang des dritten. Es handelte sich um ein besonders großes und gut erhaltenes Exemplar. Eine ächzende Hydraulik sorgte dafür, dass sich eine Schiebetür teilte.

Wir stiegen die wenigen Metallstufen hinauf.

Das Innere des Wagens war einem Wohnzimmer nachempfunden. Zusammengewürfelte Einrichtungsgegenstände waren hier zu finden, so dass es ziemlich eng war. Ein niedriger Eichentisch, zwei dicke Plüschsessel, ein Kleiderschrank. In einem der Sessel saß ein sehr dicker Mann, dessen Kopf vollkommen kahl war.

T-KING hatte er sich auf den Schädel tätowieren lassen.

Unter der Fellweste trug er ein Schulterholster, aus dem der Griff eines 45er Magnum herausragte.

Er blickte auf.

Sein linkes Auge war offensichtlich blind.

Ein breites Grinsen erschien auf seinem totenbleichen Gesicht, das jahrelang keinen Sonnenstrahl mehr gesehen haben musste. Der Mann war höchstens 35 Jahre alt, aber er hatte kaum noch Zähne im Mund.

"Das sind die Beiden, King", sagte Tiger. Er kicherte dabei.

"Freut mich sehr", zischte der Tunnel King.

"Sollen wir sie jetzt abknallen?", fragte Tiger. "Ich persönlich bin ja dafür, Munition zu sparen und es mit dem Messer zu machen... Macht übrigens auch mehr Spaß!

"Halt's Maul, Tiger!"

Der King erhob sich. Er atmete tief durch.

"Mein Freund Crazy Joe hat mir einiges über euch erzählt", wisperte er dann. "Leider konnte ich zur letzten Verabredung nicht kommen. Ich war kurzfristig verhindert... Geschäfte. Das werden Sie verstehen, denke ich." Er kratzte sich am Kinn, musterte uns nacheinander und fuhr dann fort: "Leider muss man sich auch manchmal von Freunden trennen..."

"Sie sprechen von Crazy Joe?", fragte ich.

"Er wurde eine Belastung. Es hat mir weh getan, ihn zu beseitigen. Aber sehen Sie, ich sage mir in diesem Fall, dass eigentlich ihr beide ihn auf dem Gewissen habt..."

"Tut mir leid, da kann ich nicht folgen", erwiderte ich gallig.

"Ach nein? Schließlich habt ihr ihn doch soweit gebracht, bis er euch auf meine Fährte gesetzt habt. Ihr seid gottverdammte G-men, und schon deswegen würde ich euch gerne persönlich den Bauch aufschlitzen. Aber es gibt da jemanden, dem das noch viel mehr am Herzen liegt. Und der auch bereit ist, dafür etwas springen zu lassen, euch lebendig in die Finger zu bekommen!"

"Woher weißt du, dass wir FBI-Leute sind?"

"Ich habe so meine Quellen", lachte er. "Schließlich bin ich der Tunnel King. Hier unten steht alles unter meiner Kontrolle. Niemand atmet hier, ohne dass ich das nicht will. Niemand kann hier überleben, den ich hier nicht haben will. Ich bin der Herr über Leben und Tod in den Tunneln. Kapierst du das? Und das wird auch immer so bleiben..."

"Wer ist es, der an uns interessiert ist?", hakte ich nach.

"Die Fragen stelle ich hier. Kapiert?", knurrte mich der King an.

In diesem Moment brach die Hölle los.

Maschinenpistolen ratterten los. Die Scheiben der Subway-Wagen zersprangen.

Der Mann, der sich Tiger nannte taumelte zurück, während sich auf der Strickmütze, die er über dem Gesicht trug, ein dunkelroter Fleck bildete. Die Wucht des Geschosses nagelte ihn gegen den Kleiderschrank, an dem er dann leblos hinuntersackte.

Milo warf sich seitwärts, gegen einen der anderen Vermummten. Der Kerl war so verdutzt, dass er noch nicht einmal seine Waffe hochgerissen und einen Schuss abgegeben hatte.

Ein Geschosshagel prasselte in Fensterhöhe in den Triebwagen hinein. Die Projektile fetzten durch die zusammengewürfelten Möbel, ließen das Holz splittern.

Ich warf mich nach vorn.

Mit voller Wucht prallte ich gegen den massigen Körper des Tunnel-King, der gerade seinen Magnum Revolver aus dem Schulterholster herausreißen wollte.

Wir landeten hart. Der niedrige Eichentisch brach unter uns zusammen, während von draußen wie wild gefeuert wurde. Die Kugeln gingen zum Teil einfach durch die Außenbleche der Triebwagen durch. Die Projektile stanzten kleine Löcher hinein, bevor sie in den dicken Polstern der Sessel steckenblieben.

Der King ächzte.

Ich war über ihm, hielt mit aller Kraft sein Handgelenk fest. Ein Schuss löste sich aus dem Magnum-Colt und durchschlug auf der anderen Seite des Triebwagens das Außenblech. Die Kugel vom Kaliber 45 riss ein beinahe faustgroßes Loch.

Ich bog den Waffenarm des Tunnel-King zur Seite. Dann riss ich ihm die Waffe aus der Hand. Ich richtete sie auf ihn und er sah mich starr an.

"Keine Bewegung!", schrie ich, um die Schießerei zu übertönen.

Todesschreie gellten und mischten sich in das Geknatter der MPis.

Wer immer da draußen auch diesen erbarmungslosen Angriff gestartet haben mochte - unsere Leute waren das auf keinen Fall!

Ich wandte mich an den Tunnel-King.

"Rühr dich dich nicht von der Stelle!", brüllte ich ihm zu, um die Schussgeräusche zu übertönen.

Er knurrte mir etwas Unverständliches zu. Ich rollte mich über den Boden, bis ich die zerschossene Blechwand erreicht hatte.

Durch die kleinen Löcher hindurch sah ich hier und da Mündungsfeuer aufblitzen. Schreie gellten. Es war ein furchtbarer, verzweifelter Kampf auf Leben und Tod.

Ich tauchte hoch, so dass ich über den Rand des zerschossenen Fensters blicken konnte. Maskierte Gestalten liefen in dem Gewölbe herum, duckten sich, feuerten aus Maschinenpistolen. Ich erkannte an ihrer Ausrüstung sofort, dass es sich um jene maskierten Killer handeln musste, vor denen Milo mich in letzter Sekunde gerettet hatte.

Nur ihre Nachtsichtgeräte hatten sie jetzt nicht angelegt.

Bei der Helligkeit hier war das auch überflüssig.

Die Männer des Tunnel King hatten der geballten Feuerkraft der Maschinenpistolen nichts entgegenzusetzen. Die vermummten Wächter lagen tot auf dem Boden. Nur hier und da wurde aus den verrosteten Subway-Triebwagen heraus noch gefeuert. Aber die Verteidiger verfügten nicht über MPis, die Feuerstöße von 20-30 Schuss pro Sekunde abgeben konnten. Mit Revolvern, Pumpguns und ähnlichem hatte man gegen derartigen Beschuss auf die Dauer kaum eine Chance.

Eine MPi-Salve knatterte in meine Richtung. Ich duckte mich.

Dann gab es eine furchtbare Explosion im Nachbarwagon.

Die Hitze war bis zu uns hin spürbar. Die letzten intakten Scheiben barsten durch den Druck.

Metallteile flogen durch die Luft und prallten gegen die Betondecke des Subway-Tunnels.

Der Lärm war ohrenbetäubend.

Offenbar hatten die Angreifer einen der anderen Wagen kurzerhand in die Luft gesprengt.

Ich hörte Schreie, Schritte, heisere Befehle.

Und dann flog ein eiförmiger Gegenstand durch das Fenster zu uns herein.

Dies war keine Reizgasgranate, wie die STAR DRAGONS sie gegen uns benutzt hatten, um sich der Verhaftung zu entziehen.

Dies war eine reguläre Handgranate, wie sie zur Ausrüstung der Army gehörte.

Sekundenbruchteile und dieser Wagen würde sich in ein flammendes Inferno verwandeln...

Der Tunnel-King stierte mich ungläubig an und stieß dann einen heiseren Schrei aus.

Es blieb keine Zeit, um zu überlegen.

Ich hechtete auf das Teufels-Ei zu. Ein Sekundenbruchteil noch und es konnte explodieren, mich und den ganzen Wagen in Stücke reißen.

Ich griff mit der Linken danach, umfasste es. Mit derselben Bewegung schleuderte ich es durch das zerschossene Fenster.

Im selben Augenblick entstand draußen ein Flammenpilz. Die Hitze war mörderisch. Die Druckwelle riss ein Teil des Daches vom Wagen. Ich presste mich dicht an den Boden.

Und wartete.

Heiser gebrüllte Befehle waren zu hören.

Die Angreifer waren sehr gründlich.

Hier sollte niemand überleben.

Das war ihr Ziel, das sie kompromisslos und ohne jedes Erbarmen verfolgten.




14


Die Schießerei verebbte. Ich fürchtete, dass von den Tunnel-King-Leuten kaum jemand überlebt hatte.

Es wurde still in dem Subway-Tunnel.

Ich warf einen kurzen Blick zu Milo hinüber, der einem toten Wächter die Waffe abgenommen hatte. Eine Pumpgun.

Ein Wächter war tot, ebenso der Mann, der Tiger genannt worden war.

Ein Dritter lag schwer verletzt auf dem Boden.

Er blutete stark.

Sein Stöhnen war so schwach, dass es kaum zu hören war.

Von draußen waren Schritte zu hören.

Ein Maskierter stürzte durch die offene Schiebetür. Der Lauf seiner Maschinenpistole wirbelte herum.

"Die Waffe runter! FBI!", schrie ich.

Er ließ mir keine Wahl.

Rot züngelte das Mündungsfeuer aus dem kurzen Lauf der MPi heraus. Die Kugeln gingen jedoch in die Decke, als ein Ruck durch den Körper des Maskierten ging.

Die Kugel des 45er Magnum, die ich dem Tunnel King entrissen hatte, erwischte den MPi-Schützen an der Schulter.

Er taumelte zurück, Milo schnellte hoch und hielt ihm die Pumpgun entgegen.

Dann nahm er dem Maskierten die MPi ab.

Draußen wurde wieder geschossen.

Eine Megafonstimme ertönte.

"Hier spricht das FBI! Legen Sie die Waffen nieder und ergeben Sie sich!"

Das waren unsere Kollegen, die es endlich geschafft hatten, uns bis hier zu folgen.

Ein paar Schüsse gingen noch hin und her.

Durch den enormen Hall in diesem unterirdischen Gewölbe, war das Ausmaß der Schießerei nur schwer einzuschätzen.

Dann verebbte der Kugelhagel.

Männer in kugelsicheren Westen und den Einsatzjacken des FBI stürmten die Subway-Wagons. Ich war froh, als ich Agent Fred LaRocca durch die Schiebetür hereinkommen sah, beide Hände um den Griff seiner Dienstpistole geklammert.

"Alles in Ordnung, Jesse?"

"Ich denke schon."

"Es war gar nicht so leicht, euch hier zu finden..."

"Was ist mit den Angreifern?"

"Wir wissen nicht genau, wie viele es waren. Einige haben wir, der Rest ist geflohen. Mal sehen, ob wir sie hier unten nicht doch noch finden..."

"Es gibt eine Reihe von Verletzten, um die man sich kümmern muss."

"Der Notarzt ist unterwegs, Jesse."

Ich wandte mich an den Tunnel King.

Er hatte nichts abbekommen. Trotzdem war sein Gesicht vom Schrecken gezeichnet.

Mit dieser Entwicklung hatte er nicht im Traum gerechnet.

"Du bist verhaftet, Tunnel-King - oder wie immer dein wirklicher Name auch lauten mag!" sagte ich. "Du hast das Recht zu schweigen. Falls du auf dieses Recht verzichtest..."

"Spar dir deinen Spruch, G-man!", knurrte er.




15


Unsere Leute nahmen den Tatort tief unter der Kreuzung Canal Street/ Seventh Avenue genauestens unter die Lupe. Die Erkennungsdienstler der Scientific Research Division sammelten jedes Projektil und jede, noch so unscheinbare Spur auf, während etwa dreißig G-men vergeblich versuchten, die flüchtigen Killer noch zu fassen. Sie waren buchstäblich wie vom Erdboden verschluckt.

Die Möglichkeiten, sich hier unten zu verstecken, waren schier unbegrenzt. Die Zahl der Fluchtwege genau so.

Der Mann, den ich niedergeschossen hatte, war zu schwer verletzt, um vernommen werden zu können. Das gleiche galt auch für den verletzten Wächter aus dem Gefolge des Tunnel King. Er konnte von Glück sagen, sofern er mit dem Leben davonkam.

Die anderen Männer des Tunnel King waren entweder tot oder geflüchtet.

"Was waren das für Leute, die euch angegriffen haben?", fragte ich den selbsternannten King, während er darauf wartete, von einigen unserer Beamten in die Federal Plaza 26 gebracht zu werden. Zu unserem Hauptquartier gehören auch einige Gewahrsamszellen, in denen wir Verdächtige festhalten können.

Der King verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

"Du bist Abschaum, G-man! Kein Wort rede ich mit dir!"

"Du weißt, wer das war!", stellte ich fest. "Die Leute, denen du unsere Köpfe versprochen hast, stimmt's?"

"Halt's Maul!"

"Ist dir das egal, dass deine Leute einfach so niedergemetzelt wurden?"

"Was versteht ihr schon davon!" Während der Tunnel King das sagte, verzog er verächtlich den Mund. Dann sah er mich an und fügte hinzu: "Ich habe doch das Recht zu schweigen... Davon mache ich jetzt Gebrauch! Hast du kapiert, G-man?"

"Es hat keinen Sinn", raunte Fred LaRocca mir zu. "Ich schlage vor, wir lassen ihn jetzt abführen. Unsere Vernehmungsspezialisten werden schon etwas aus ihm rausholen!"

"Na, hoffentlich", murmelte ich.

Ich fuhr mit der Hand über das Gesicht. Da gab es ein paar Gedanken, die mich einfach nicht losließen.

Wir waren erwartet worden, das stand für mich fest.

Der Tunnel-King hatte gewusst, dass wir bei ihm auftauchen würden.

"Was spukt dir im Kopf herum?", fragte Milo.

Wir kannten uns einfach zu gut, als dass ich etwas vor ihm verbergen konnte.

"Ich frage mich, woher der Tunnel-King und seine Leute wussten, wo und wann sie uns in Empfang nehmen mussten..."

"Vielleicht haben anderswo auch noch einige seiner Leute gewartet", gab Milo zu bedenken.

Ich schüttelte den Kopf.

"Das glaube ich nicht. Dazu waren es zu viele..."

"Wir wissen nicht mit Sicherheit, über wie viele Leute der King verfügte."

"Nein, das nicht..."

"Na also!"

Ich atmete tief durch. Irgendwie überzeugte mich Milos Erklärungsversuch nicht so richtig. Milo sah mir meine Zweifel an. Er sagte: "Denkst du etwa, der Professor hat uns reingelegt?"

"Das wäre auch eine Möglichkeit."

"Das würde aber bedeuten, dass der Professor nach dem Überfall der STAR DRAGONS noch einmal Kontakt mit den Tunnel-King-Leuten hatte. Denn sonst ergäbe das keinen Sinn! Und wie du weißt, ist es völlig ausgeschlossen, dass er eine Nachricht abgesetzt hat. Es war ständig jemand bei ihm und er hatte nicht einmal die Möglichkeit zu telefonieren. Wobei ihm das wohl auch kaum etwas genutzt hätte, denn ich habe bei den Tunnel-King-Leuten kein Telefon gesehen. Und wie schlecht Handys da unten funktionieren, wissen wir ja aus eigener Erfahrung. Jesse, diese Möglichkeit scheidet aus."

Milo hatte recht.

Auch nachdem wir den Professor verlassen hatten, wäre es für ihn unmöglich gewesen, eine Nachricht an den Tunnel-King abzusenden. Schließlich wurde er operiert und erwachte vielleicht gerade aus der Narkose...

"Trotzdem", meinte ich. "Wir sollten das nochmal genau überprüfen."

"Jesse..."

"Hör mal, Milo! Die wussten Zeit und Ort, wenn du mich fragst! Das kann kein Zufall sein."

Agent Fred LaRocca hatte aufmerksam zugehört. Er hob die Augenbrauen. Auf seiner Stirn erschienen tiefe Furchen.

"Willst du etwa sagen, dass es bei uns eine undichte Stelle gibt, Jesse?"

"Dann würde einiges plötzlich einen Sinn ergeben", stellte ich fest.

"Ein schwerwiegender Verdacht, Jesse."

"Fred, wir sollten einen umfangreichen Sicherheitscheck durchführen - und wenn es nur dazu dient, diese Möglichkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen!"

"Ich hoffe nur, du kannst den Chef davon überzeugen", meinte Agent LaRocca zweifelnd.

Aber mein Instinkt sagte mir, dass ich bei Mister McKee damit offene Türen einrannte.




16


Es war schon ziemlich spät, als Milo und ich mit meinem Sportwagen den Broadway hinauffuhren. Wir hatten noch eine ganze Weile in unserem Dienstzimmer vor dem Computerschirm zugebracht. Inzwischen lagen auch schon die ersten Ergebnisse der Spurensicherung vor. Ein Teil der Fingerabdrücke konnte bereits mit den uns zur Verfügung stehenden Datenbanken abgeglichen werden.

Der Tunnel-King saß in einer Gewahrsamszelle und weigerte sich hartnäckig, seine Identität preiszugeben. Unser Psychologe Sam Linell meinte, dass der King sich vielleicht bereits dermaßen mit seiner Rolle als Herr der Unterwelt identifizierte, dass er sein vorheriges Leben völlig verdrängt hatte.

In unseren Datenbanken fand er sich jedenfalls nicht.

Aber das bedeutete eigentlich nur, dass er bisher nicht kriminell geworden und sich auch niemals für einen Job im Staatsdienst beworben hatte.

Nur einer seiner Leute hatte schwer verletzt den Kampf überlebt. Aber der war bis auf weiteres nicht vernehmungsfähig. Seine Fingerabdrücke wurden von AIDS, dem zentralen Computerprogramm zu Erfassung und zum Abgleich von Fingerprints allerdings wiedererkannt.

Allerdings nicht unter der Rubrik CRIMINAL.

Seine Prints waren genommen worden, als er sich bei der Army bewarb. Sein Name war Ethan Perrish. Man hatte ihn bei der Army sogar genommen, allerdings war er nach einem Jahr wieder entlassen worden. Wegen Drogenmissbrauchs.

Dann gab es da noch den Mann, dem ich eine Kugel mit dem 45er in die Schulter gejagt hatte, bevor seine MPi uns zersieben konnte. Auch er war im Augenblick nicht vernehmungsfähig. Zweifellos gehörte er zu der Killertruppe, die Sid und Brett und beinahe auch mich auf dem Gewissen hatten. Er war einer der Männer, die mit Nachtsichtgeräten und MPi ausgerüstet in diese dunklen Gängen unter dem Big Apple auf Menschenjagd gingen...

Seine Vernehmung erwarteten wir mit Spannung.

Schließlich bedeutete die Tatsache, dass wir ihn festgenommen hatten, dass wir vielleicht endlich einen Schritt weiter auf der Suche nach den Hintermännern in diesem schmutzigen Geschäft kamen, das die Überschrift ORGANHANDEL trug.

Seine Identität war schon interessant genug.

Er hieß Luke Montgommery, stammte aus der Bronx. Wir hatten ein umfangreiches Dossier über ihn in unserer Datenbank. Er gehörte zum Dunstkreis jener Kriminellen, die sich vor zwei Jahren die berüchtigte Schlacht vor dem Kaufhaus BIG DEAL in der 166. Straße geliefert hatten...

"Vielleicht finden wir die maskierten Killer tatsächlich unter den Verdächtigen von damals, so wie wir ursprünglich angenommen haben", meinte Milo, während wir auf dem Weg nach Hause noch über den Fall sprachen.

"Leider haben die Ermittlungen von Orry und Clive bislang keine weiteren Anhaltspunkte in diese Richtung ergeben...", gab ich zu bedenken.

"Wenn Montgommery auspackt, wissen wir vielleicht besser, wo wir suchen müssen..."

"Gut möglich."

Wir erreichten die bekannte Ecke, an der ich Milo immer absetzte. Ich hielt den Sportwagen am Straßenrand.

Milo sah mich an.

"Du denkst immer noch darüber nach, wo bei uns das Leck sein könnte, oder?"

"Du nicht, Milo?"

"Jede andere Möglichkeit wäre mir lieber, als dass es bei uns im District eine undichte Stelle gibt."

"Das geht mir genauso."

"Eine andere Frage ist noch, weshalb die Leute des Tunnel-King eigentlich so unbarmherzig angegriffen wurden. Bislang dachten wir doch, dass die Maskierten und die Tunnel-King-Leute zusammenarbeiteten..."

"Bislang hatte ich die Äußerungen des King so gedeutet, dass er das auch dachte", sagte ich.

Milo nickte.

"Schließlich wollte er uns jemanden übergeben."

"Da kann er eigentlich nur die Maskierten gemeint haben."

"Entweder wir irren uns in diesem Punkt oder..."

"...oder da hat jemand Hals über Kopf seine Meinung geändert."

Milo hob die Augenbrauen. "Und warum?"

"Vielleicht um zu verhindern, dass wir den King in die Finger bekommen und ausquetschen..."

"Das ergibt nur Sinn, wenn auch die Maskierten von unserer Aktion gewusst hätten!"

Ich nickte düster.

"Du sagst es."

Eine beunruhigende Erkenntnis.

Hinter uns hupte jemand. Unsere Ecke war nicht gerade ein Ort, der zum Dauerparken geeignet war.

"Bis morgen, Jesse."

"Bis morgen."

Milo stieg aus, winkte mir kurz zu, und ich ließ den Sportwagen nach vorne schnellen.




17


Am nächsten Morgen lagen die ersten ballistischen Berichte vor. Und so wussten wir, dass Crazy Joe tatsächlich von einem der Tunnel King-Leute umgebracht worden war.

Nur über das Motiv wussten wir nichts.

Der King saß in einem unserer Vernehmungszimmer. Sein massiges Gesicht wirkte in sich gekehrt und abwesend. Agent Baker, einer unser Verhörspezialisten trank bereits die dritte Tasse Kaffee.

Dem King hatte man auch einen Becher angeboten, er hatte ihn nicht angerührt. Inzwischen dampfte er schon nicht mehr.

Ich war auch anwesend.

Der King war eine äußerst harte Nuss, selbst für einen so erfahrenen Spezialisten wie Agent Baker, der seit Jahrzehnten Verhöre durchführte und genau wusste, wie man ein Gespräch führen musste, um dem Verhörten zu einer Aussage zu bringen.

"Hör zu, Tunnel King, du hängst ganz in einer Mordsache drin", begann Baker zum x-ten Mal von vorne. "Einer deiner Leute hat Crazy Joe umgebracht und da diese Männer dir treu ergeben waren, wird man dich deswegen auch drankriegen!"

"Ihr könnt mir gar nichts!", tönte der King und donnerte die Fäuste auf den Tisch. Sein Gesicht wurde hochrot.

"Außerdem ist da noch die Entführung von zwei FBI-Agenten. So etwas sehen Staatsanwälte gar nicht gerne und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich jetzt endlich den Mund aufmachen und mich kooperativer zeigen."

Er presste die Lippen aufeinander.

Dann kratzte er sich unterhalb seines blinden Auge.

"An wen wolltest du meinen Kollegen und mich ausliefern?", fragte ich dann in gedämpftem Tonfall.

"Wer sagt, dass ich das vorhatte?"

"Du hast es gesagt - mein Kollege und ich können das bezeugen."

Baker ergänzte: "Nun mach schon den Mund auf - oder willst du warten, bis Montgommery das macht?"

"Montgommery?", fragte der King.

"So wie es aussieht, ist das der einzige von deinen Leuten, der überlebt hat...", erklärte Baker.

"Er wird nicht reden", sagte der King.

"Ach, nein?"

"Er ist kein Verräter..."

"So wie Crazy Joe!" Baker sah den Tunnel King scharf an.

Dieser schluckte.

"Verräter sterben", sagte er dann gedehnt. "Das ist das Gesetz."

"Wessen Gesetz?"

"MEIN Gesetz!", dröhnte er und riss dabei den zahnlosen Mund weit auf. Sein Gesicht war eine Grimasse geworden. "MEIN Gesetz! Das Gesetz der Unterwelt, das Gesetz der lichtlosen Höhlen...." Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Ein irres Lachen kam über seine Lippen. Dann blickte er auf. "Ich habe keine Angst", sagte er. "Vor niemandem. Vor euch nicht, vor keinem, der über der Erde lebt..."

"Da UNTEN geschah nichts, ohne, dass du es weißt, nicht wahr?", fragte ich.

"Nichts, ohne dass ich es ZULASSE!", korrigierte er mich.

"Okay, geschenkt", erwiderte ich. "Und wenn dort in den Tunneln jemand in großem Stil auf Menschenjagd geht, Männer und Frauen gefangennimmt und tötet, um ihnen Organe zu entnehmen... Wie sollte so etwas geschehen, ohne dass du es erlaubt hast, Tunnel King?"

Er sah mich an.

Sein Mund öffnete sich halb. Er schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich dann aber anders.

Er wich meinem Blick aus.

Ich hätte eine Menge dafür gegeben, jetzt zu wissen, was in seinem tätowierten Schädel vor sich ging.

In sich zusammengesunken saß er da.

"Du hast mit diesen Mördern zusammengearbeitet", stellte ich fest. Er widersprach mir nicht. "Das Wichtigste, wenn man zu den Mole People gehört, ist der Zusammenhalt, habe ich recht?"

"Allein kannst du nicht überleben", sagte der Tunnel King. "Du schaffst es nicht einmal eine Woche, wenn du niemanden hast, auf den du vertrauen kannst..."

"Und das schlimmste sind Verräter!"

"JA!" Er fauchte es mir geradezu entgegen.

"Dann verstehe ich nicht, wieso du Verräter schützt, Tunnel King!"

"Das tue ich nicht."

"Ach, nein?"

"Ich bestrafe sie. Ich lösche sie aus, ich zerreiße ihnen die Gedärme..."

"Ich spreche nicht von Crazy Joe", wandte ich ein, "sondern von den maskierten Killern, die deine Leute niedergeballert haben und uns beinahe in die Luft gejagt hätten. Du hast mit ihnen zusammengearbeitet, du hast ihnen vertraut, du wolltest ihnen zwei G-men liefern, die diese Killer suchten... Zum Dank haben sie alles zerstört, was du dir aufgebaut hattest. Ist das kein Verrat?"

Ein Ruck ging durch den Tunnel King.

Er blickte auf.

In seinem sehenden Auge blitzte es.

"Doch", gab er dann zu. "Das ist Verrat."

"Du wirst diese Leute nicht mehr bestrafen können. Aber wir können es."

"Zur Hölle mit ihnen!"

"Was weißt du über sie?"

Er nahm den Kaffeebecher, nippte an dem kalt gewordenen Getränk.

"Nicht viel", sagte er dann. "Ich habe nie ihre Gesichter gesehen. Sie tauchten eines Tages in den Tunneln auf. Es gab Schwierigkeiten zwischen ihnen und meinen Leuten. Und dann schlugen sie vor, sich mit uns zu einigen. Sie konnten uns viele Dinge geben, die wir dringend brauchten..."

"Und ihr habt ihnen freie Hand gelassen."

"Ja."

"Ihr wusstet, dass mein Kollege und ich bei euch auftauchen würden", stellte ich fest. "Ihr wusstet sogar den Weg..."

"SIE wussten es."

"Wer sind SIE?"

"Mein Gott, wenn ich das wüsste! Ich sagte doch, dass ich nie ein Gesicht gesehen habe."

"Und doch hast du ihnen vertraut?"

"Sie waren gut bewaffnet, wenn wir mit ihnen nicht zusammengearbeitet hätten, wären unsere Tage gezählt gewesen."

"Von IHNEN habt ihr also die Informationen über unseren Einsatz bekommen?"

"Ja."

"Wie lautete die Information genau?"

"Dass zwei G-men auf dem Weg zu uns wären und dass sie den Weg durch den Professor wüssten. Wir sollten euch gefangennehmen, wenn nötig auch töten. Was die mit euch gemacht hätten, weiß ich nicht..."

"Vielleicht hätte man uns als ausgeweidete Leichen irgendwo gefunden", vermutete ich. "Ohne Leber, Nieren und Augen..."

"Damit habe ich nichts zu tun!"

"Warum haben sie euch plötzlich angegriffen. Ich dachte, ihr habt in IHREM Auftrag gehandelt. Das macht doch keinen Sinn."

Der Tunnel King fuhr sich mit der flachen Hand über den tätowierten Schädel. Verzweiflung stand in seinem Blick. Er schnaufte hörbar. "Mein Gott, ich weiß es doch auch nicht!"

"Sie haben euer Vertrauen missbraucht."

"Ja."

"Sie sind Verräter."

"Ja."

"Du willst, dass sie bestraft werden?"

"Ja."

"Dann versuche dich jetzt an jede Einzelheit zu erinnern, die dir bei diesen Leuten aufgefallen ist. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein."

Er schloss die Augen, saß da wie ein buddhistischer Mönch in tiefster Meditation.

Er sagte keinen Ton.

"Denk an deine Leute", sagte ich. "Denk daran, wie diese Bestien sie einfach niedergemetzelt haben..."

"Ich denke an nichts anderes", knirschte der Tunnel King zwischen den blassen Lippen hervor. Dann öffnete er wieder die Augen, sah mich an und meinte: "Der Kerl, mit dem ich verhandelt habe, hatte, glaube ich, an der rechten Hand keinen kleinen Finger."

"Glaubst du?", echote ich.

"Er trug Lederhandschuh. Aber der kleine Finger wirkte irgendwie...", er suchte nach dem richtigen Wort, "...schlaff!"




18


Mister McKee machte ein sehr ernstes Gesicht, als wir etwas später in seinem Büro platzgenommen hatte. Orry Medina und Clive Caravaggio waren auch anwesend. Fred LaRocca verspätete sich etwas. Außerdem hatten auch noch Max Carter aus der Fahndungsabteilung sowie die EDV-Spezialistin Karen Galway in den schlichten Ledersesseln platzgenommen.

Karen Galway hatte erst vor kurzem die FBI-Akademie in Quantico absolviert. Aber obwohl ihre Berufserfahrung noch nicht sonderlich groß war, war sie auf ihrem Gebiet eine Spitzenkraft.

Ihre Anwesenheit hatte ihren Grund.

Ein Grund, der keinem von uns gefallen konnte...

"Ich muss Sie über eine sehr beunruhigende Tatsache informieren", begann Mister McKee. Er wandte sich an mich. "Sie hatten einen Sicherheitscheck angeregt, Jesse. Die entsprechenden Abteilungen haben auf Hochtouren gearbeitet. Das Ergebnis ist niederschmetternd..." Er deutete auf Karen.

"Special Agent Galway glaubt Anzeichen dafür entdeckt zu haben, dass Unbefugte Zugriff auf unsere internen Datenbanken und Computersysteme hatten..."

"Einsatzpläne und Personaldaten?", fragte ich.

"Das Ausmaß ist noch nicht ganz ermittelt", erklärte Karen Galway anstelle von Mister McKee. "Allerdings wird mit Hochdruck daran gearbeitet."

"Aber es wäre möglich, dass jemand die Einsatzpläne, Einsatzprotokolle und so weiter angezapft hat?"

"Es ist leider sehr wahrscheinlich", korrigierte mich Karen. "Hacker sind schon in die Zentralrechner des Pentagon eingedrungen - und die sind weitaus stärker abgeschirmt, als unsere Computer. Außerdem stehen wir laufend in Kontakt mit zahlreichen Datenbanken und Verbundsystemen."

Wenn sich der Verdacht bestätigte, dann handelte es sich beileibe nicht um den ersten Hacker-Angriff dieser Art auf den FBI. So umfangreich die Sicherheitsvorkehrungen auch waren, es gelang immer wieder Computer-Freaks, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

So war es erst ein paar Monate her, dass ein Hacker die Internet-Seiten des FBI-Districts Chicago verändert hatte.

Statt Fahndungsfotos von gesuchten Verbrechern konnte man daraufhin nur noch Micky-Maus-Gesichter sehen.

Um einen vergleichsweise harmlosen Spaßvogel dieser Art hatten wir es jedoch wohl nicht zu tun.

"Besteht die Chance, den Hacker zu ermitteln?", fragte Mister McKee an Karen Galway gewandt.

"Eventuell - und mit etwas Glück", erwiderte die EDV-Spezialistin. "Wenn der Täter noch einmal aktiv wird, stehen die Chancen gar nicht so schlecht, schließlich benutzt er vermutlich das normale Telefonnetz, um sich sich per Modem bei uns einzuklinken. Sollte derjenige jedoch seine Zelte hier abgebrochen haben, bekommen wir ihn vermutlich nie..."




19


Craig Lopez ließ die Billardkugel über den grünen Filz rollen. Schnurgerade zog sie ihre Bahn und beförderte zwei andere Kugeln rechts und links in die Löcher.

Lopez grinste zufrieden.

Er juckte sich an der rechten Hand, wo ihm der kleine Finger fehlte. Es war Jahre her, seit er den Finger in eine Kreissäge bekommen hatte. Aber die Wunde juckte noch immer, vor allem wenn sich das Wetter änderte.

Lopez bereitete den nächsten Stoß vor, während im Hintergrund Heavy Metal Musik lief.

Lopez liebte es, allein zu spielen.

Das beruhigte ihn.

Seiner Ansicht gab es ohnehin kaum jemanden, der mit ihm mithalten konnte.

Lopez setzte zum nächsten Stoß an. Die Kugeln setzten sich in Bewegung, wie von unsichtbaren Fäden gezogen.

Lopez verfolgte fasziniert ihre Bahn...

Eine blasse, sehr zierliche Männerhand griff nach einer der Kugeln, hob sie vom Filz auf, bevor sie ihren sicheren Weg ins Loch finden konnte.

"Mierde! Caramba!", schimpfte Lopez, blickte auf und erstarrte.

Er war so in sein Spiel vertieft gewesen, dass er den blassgesichtigen, hageren Mann im grauen Zweireiher gar nicht bemerkt hatte.

Das einzige was dem Gesicht dieses Mannes Konturen gab, war der dünne Oberlippenbart, der kaum mehr als ein dunkler Flaum war.

"Tag, Mister Lopez", sagte er so leise, dass es kaum durch die Hintergrundmusik drang.

"Sanders! Ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet..."

"Ach nein?"

"Wissen Sie..."

"Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Sie mir aus dem Weg gehen, Lopez!"

Lopez kratzte sich erneut an der Hand.

Seine Lederjacke hatte er dummerweise über einen Stuhl gehängt, um besser spielen zu können. In der Innentasche der Jacke befand sich ein zierlicher 22er, wenn es hart auf hart ging. Lopez legte den Ceue auf dem grünen Filz ab und zum Stuhl. Er zog die Jacke an. Mit der Waffe darin fühlte er sich einfach wohler.

Sanders traute er alles zu.

Sogar, dass er ihn in aller Öffentlichkeit über den Haufen schoss und dem Barmixer anschließend klarmachte, dass er sich besser blind stellte, wenn er nicht genau so enden wollte.

Angeblich hatte Sanders so etwas in anderen Fällen sogar schon getan.

Lopez hatte allerdings nie mit letzter Sicherheit herauskriegen können, ob es sich dabei um Gerüchte oder Tatsachen handelte. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

"Komm, setzen wir uns, Lopez!", sagte Sanders.

Er sprach wie jemand, dem man nicht zu widersprechen wagte.

Sie gingen zu einem der kleinen, runden Tische.

"Hören Sie, Mister Sanders, es ist 'ne Menge passiert und ehrlich gesagt, ich möchte mich erstmal für 'ne Weile aus dem Geschäft zurückziehen!"

"Ach! Verdienen Sie zuviel Geld, Lopez?" Sanders verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Immer dasselbe Problem. Aber jetzt hören Sie mir mal gut zu..." Sein Zeigefinger fuhr hoch wie die Klinge eines Butterflys. "Das ist kein Job, aus dem man einfach so aussteigt, wann es einem passt, kapiert?"

"Mister Sanders, ich..."

"Meine Kunden warten auf die Ware. Es geht um verdammt viel Geld, das sollten Sie inzwischen begriffen haben!"

"Es gibt Probleme. Ich denke, wir sollten 'ne Weile auf Tauchstation gehen..."

In Sanders' Gesicht zuckte ein Muskel unterhalb des rechten Auges. "Soll ich das vielleicht den Leuten sagen, denen es ein paar hunderttausend Dollar wert ist, wenn sie nicht erst auf eine Warteliste gesetzt werden, um eine neue Niere oder ein Herz zu bekommen?"

"Das FBI ist uns auf den Fersen. Den Tunnel King haben sie hops genommen, einen unserer Leute hat es erwischt. Er liegt schwer verletzt in einem Gefängnishospital."

"Ich dachte, Sie waren vorsichtig..."

"Das waren wir auch."

"Und was weiß dieser Tunnel-King über Sie?"

"Nichts."

"Kann er Sie beschreiben."

"Nein, er hat keinen von uns gesehen. Aber er weiß, wie das Geschäft läuft. Wir haben versucht, ihn auszuschalten, bevor er dem FBI in die Hände fallen konnte..."

"Warum hat das nicht geklappt?"

"Weil diese Hunde im letzten Moment den Einsatzplan geändert haben. Eigentlich sollten nur zwei Special Agents ihre verdeckten Ermittlungen weiterführen, aber dann haben die 'ne Riesenaktion daraus gemacht."

Sanders atmete tief durch. Er lehnte sich zurück.

Unter der linken Achsel beulte sich sein eng sitzendes Jackett verdächtig aus.

Eine Waffe!, dachte Lopez.

"Was weiß das FBI über euch?"

"Ich würde sagen, noch sind wir sicher. Es gibt keine Spuren, die zu uns hinführen könnten..."

"Na, also! Was stellen Sie sich dann so an!"

"Einige Leute, die ich kenne, sind von den G-men befragt worden."

"Ach!"

"Ich glaube nunmal nicht an Zufälle, Sanders. Und ich habe wenig Lust, eines Tages auf einer Liege festgeschnallt zu werden und eine Giftspritze injiziert zu bekommen..."

"Ich kann Ihnen nur empfehlen, die Abmachungen einzuhalten", sagte Sanders. Er sprach leise. Trotzdem schwang eine unverhohlene Drohung in seinen Worten mit. "Wir hatten gedacht, mit Ihnen jemand gefunden zu haben, der gute Nerven hat. Das scheint nicht der Fall zu sein..."

"Hören Sie..."

"Sparen Sie sich Ihr Geschwätz, Lopez! Ich will, dass Sie liefern! Wenn das Material nicht fristgerecht eintrifft, werden Sie es bereuen..."

Er sagt Material, wenn er von menschlichen Körpern spricht, ging es Lopez durch den Kopf.

Lopez war ein hartgesottener Kerl, der keinerlei Skrupel hatte, jemanden umzubringen, wenn er ihm im Weg war.

Dennoch...

Die Art und Weise, wie Sanders darüber sprach, ließ ihn für einen Moment schaudern.

"Wir haben noch einiges im Depot", sagte Lopez. "Aber nicht immer das Richtige!"




20


"Das ist er", stellte Agent Max Carter aus der Fahndungsabteilung fest.

Wir saßen in dem Dienstzimmer, das Clive Caravaggio und Orry Medina sich teilten und starrten auf den Computerschirm.

Im Schnellverfahren waren wir noch einmal die Liste derjenigen durchgegangen, die im Zusammenhang mit der BIG DEAL-Schießerei vor zwei Jahren erkennungsdienstlich behandelt worden waren.

Wir suchten nach jemandem, mit dessen kleinen Finger an der rechten Hand etwas nicht stimmte.

Und jetzt hatten wir ihn.

Er hieß Craig Lopez und wohnte East Harlem, 123.Straße, Hausnummer 456.

"Was die Schießerei vor dem BIG DEAL angeht, hatte er damals ein Alibi", meinte Carter. "Mehrere Personen haben bezeugt, dass er zur selben Zeit in einer Bar in Newark war. Aber an der Richtigkeit dieser Aussagen gab es immer Zweifel."

"Sehen wir zu, dass wir ihn uns schnappen!", kommentierte Clive.

Wenige Minuten später brausten wir mit mehreren unauffälligen Fords und Chevys aus unserer Fahrbereitschaft Richtung Norden.

Der Wohnblock, in dem Craig Lopez wohnte, befand sich mitten in East Harlem, einem Stadtteil, in dem man groß werden konnte, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Hier lebten fast ausschließlich Puertoricaner und Einwanderer aus Lateinamerika. Als ANGLO WHITE AMERICAN war man hier der Exot.

Wir stellten den Wagen am Straßenrand ab.

Agent Fred LaRocca war mit und Milo und mir gefahren. Orry und Clive stellten ihren Ford fünfzig Meter weiter ab.

Fred nahm sein Funkgerät heraus, um mit den Agenten zu sprechen, die sich auf der anderen Seite des Wohnblocks postieren wollten.

Insgesamt waren etwa ein Dutzend G-men im Einsatz.

Wenn Lopez der Mann war, den wir suchten, dann war er äußerst gefährlich.

"Lopez wohnt im Penthouse", meinte Milo, während ein weiterer Wagen mit unseren Agenten nach einem Parkplatz suchte. Drei G-men stiegen wenig später aus einem gelben Mazda. Sie blickten kurz zu uns hinüber.

"Okay, dann los!", meinte LaRocca und überprüfte den Sitz seiner Dienstwaffe.

Der Wohnblock, in dem Lopez das Penthouse gemietet hatte, war ein Apartmenthaus der gehobenen Klasse. Ein luxusmodernisierter Altbau mit klassischer Brownstone-Fassade. Die Zeiten, in denen es in East Harlem nur Arme und Gescheiterte gab, waren längst vorbei.

Wir erreichten den Eingang, traten in das Foyer, das von Kameras überwacht wurde. Bewaffnete Security-Männer patrouillierten hin und her.

In einem Kasten aus Panzerglas befand sich eine Telefonzentrale, bei der sich Gäste anmelden konnten.

Wenn der betreffende Bewohner des Apartment-Hauses den Besuch nicht empfangen wollte, wurde dieser von den Security-Männern freundlich aber bestimmt hinausbugsiert.

Wir hatten allerdings keineswegs vor, uns anzumelden.

"Que desea, Senores?", fragte ein finster dreinblickender Security-Mann.

Ich hielt ihm den Ausweis unter die Nase, während sich Fred LaRocca um die dunkelhaarige Schönheit kümmerte, die in dem Panzerglas-Büro saß.

Auf keinen Fall durfte Lopez gewarnt werden...

"Zu wem wollen Sie?", fragte der Security-Mann dann, während er sich noch meinen FBI-Dienstausweis eingehend ansah. Ich nahm ihn wieder an mich.

"Zu Mister Lopez."

"Soweit ich weiß, ist der nicht zuhause..."

"Davon möchten wir uns gerne selbst überzeugen!"

"Aber..."

"Wir haben einen Durchsuchungs- und einen Haftbefehl, Sir. Und jetzt machen Sie uns bitte Platz!"

Einige unserer Leute postierten sich an strategisch günstigen Stellen im Foyer.

Die Eingänge und die Aufzüge mussten bewacht werden.

Zusammen mit Orry und Clive fuhren Milo und ich hinauf zum Penthouse. Während der Aufzug uns hinauftrug, zogen wir die Dienstwaffen und überprüften die Ladung.

Dann traten wir in den Flur hinaus.

Einige Augenblicke später standen wir vor Lopez' Wohnungstür.

Ein automatisches Kamera-Auge war auf uns gerichtet.

"Mister Lopez scheint ein ängstlicher Mann zu sein, wenn er so wohnt", kommentierte Clive Caravaggio.

Und Orry setzte hinzu: "Kein Wunder, bei seiner Vergangenheit. Ich schätze, da gibt es noch einige, die mit ihm eine Rechnung offen haben."

Ich betätigte die Klingel.

Nichts rührte sich.

Kein Laut drang aus der Gegensprechanlage.

Nur die Kamera bewegte sich surrend.

Milo holte seinen Ausweis hervor und hielt ihn vor die Linse.

"Machen Sie die Tür auf, Mister Lopez! Hier ist das FBI!"

Keine Reaktion.

"Vielleicht ist er ja wirklich nicht zu Hause", meinte Orry.

Ich zuckte mit den Schultern. "An Lopez' Stelle würde ich dem Wachmann hundert Dollar geben, damit er diese Antwort jedem gibt, der nach ihm fragt."

Wir machten einen letzten Versuch.

Keine Reaktion.

Orry zog sein edles Schurwolljackett aus und warf es hinauf zur Kamera. Der feine Stoff hing jetzt über der Linse.

Milo nahm zwei Schritte Anlauf.

Sein gewaltiger Tritt ließ die Tür aufspringen und zur Seite fliegen.

Mit der P226 in der Faust stürmte er in das Penthouse.

Ich folgte ihm.

Unsere Blicke suchten den Empfangsraum ab.

Nichts deutete darauf hin, dass Lopez in der Wohnung war.

Die Tür ins Wohnzimmer stand halb offen.

Milo und ich pirschten uns heran.

Orry nahm sich indessen die Küche vor.

Ich trat ins Wohnzimmer, die Pistole in beiden Händen.

Auch hier war niemand.

Das Fenster stand auf. Ein kühler Luftzug wehte herein. Die Gardinen wehten als lange, weiße Fahne in den Raum hinein.

Von dem Penthouse aus hatte man Zugang zu einem Dachgarten.

Milo deutete auf die Tür zu einem weiteren Raum.

Ich schlich mich heran, Milo sicherte von hinten. Meine Schritte verursachten auf dem weichen Teppichboden so gut wie keinen Laut.

Die Tür zu dem Nachbarraum war angelehnt. Ich öffnete sie mit einem kräftigen Schub. Meine Waffe schnellte hoch.

Ich blickte auf ein breites Wasserbett.

Eine rothaarige Schönheit stand daneben.

Ihre Haare waren nass. Und sie war vollkommen nackt. Ihr Körper bildete eine schwindelerregende Silhouette.

Mit ihren grazilen Händen umfasste sie den gewaltigen Griff eines Magnum Colts, Kaliber 45, dessen Mündung direkt auf mich zeigte.




21


Einen Augenblick lang geschah nichts. Die Schöne wirkte sehr nervös. Der Druck ihres Zeigefingers auf den Abzug verstärkte sich, die Fingerknöchel traten weiß hervor.

"Die Waffe runter! FBI!", rief ich.

"Das kann jeder sagen!", rief sie.

Ihre Stimme vibrierte.

Mein Instinkt sagte mir, dass sie nicht schießen würde.

"Hier ist mein Ausweis", sagte ich und griff danach.

"Schön langsam!", zischte sie.

Ich zog den Dienstausweis aus der Jackentasche und hob ihn hoch.

Sie atmete tief durch.

Ihre Brüste hoben und senkten sich dabei.

Sie ließ den Magnum sinken.

"Ich hatte gedacht..."

Milo trat auf sie zu und nahm ihr die Waffe ab. Sie ließ es widerstandslos geschehen.

"Was hatten Sie gedacht?", fragte ich.

"Nichts", murmelte sie.

"Wo ist Lopez?"

"Ich weiß es nicht. Was wollen Sie von ihm?"

"Ziehen Sie sich etwas an", forderte ich.

Milo griff indessen zum Funkgerät, um unsere Kollegen davon zu unterrichten, dass Lopez nicht in der Wohnung war.

Wir machten uns daran, die Wohnung gründlich zu durchsuchen. Orry blätterte in Lopez' Telefonregister herum. Ein paar bekannte Namen standen darin. Namen, die uns im Zusammenhang mit der Schießerei vor dem BIG DEAL ein Begriff waren.

Die Rothaarige warf sich einen Kimono über und setzte sich in einen der Wohnzimmersessel.

"Wer sind Sie?", fragte ich sie, während ich die Schubladen eines kleinen Schränkchens durchsuchte.

Sie antwortete nicht.

"Sie gewinnen nichts, wenn Sie uns Steine in den Weg legen", erklärte ich. "Sie haben FBI-Agenten mit einer Waffe bedroht. Das kann man als Verbrechen ansehen..."

"Ich wusste nicht, dass Sie FBI-Agenten sind!"

"Sie heißt Elizabeth Clansy", meldete sich Clive Caravaggio zu Wort. Er hatte die Handtasche der Schönen gefunden, in der sich ihre Papiere befanden. "Ich werde mal im Hauptquartier anrufen. Die sollen diesen Namen durch den Computer jagen."

Elizabeth Clansy errötete. Sie strich sich das Haar zurück.

"Sie können sich die Mühe sparen", sagte sie. "Sie werden es ja doch herausfinden..."

"Was?", hakte ich nach.

"Dass ich vorbestraft bin."

"Welches Delikt?"

"Prostitution. Die ist in New York State ja immer noch strafbar."

"Seit wann kennen Sie Lopez?"

"Seit einem Jahr."

"Wie gut?"

"Wie man eben jemanden kennt, mit dem man ab und zu schläft."

"Lopez lässt Sie hier allein in seiner Wohnung?"

"Warum nicht? Er vertraut mir."

"Wann kommt er zurück?"

"Ich habe keine Ahnung. Was wollt ihr überhaupt von ihm?"

"Wir suchen ihn wegen seiner Beteiligung an mehreren Morden."

"Nein!"

Sie zuckte förmlich zusammen.

"Unseren Ermittlungen nach geht er in den Tunneln und U-Bahnschächten unter der Stadt auf Menschenjagd... Er tötet Obdachlose oder nimmt sie gefangen, um ihre Körper an Organ-Händler zu verkaufen."

Miss Clansy warf den Kopf in den Nacken. "Ich wusste gar nicht, dass sich das FBI mit diesem Abschaum beschäftigt", sagte sie dann spitz.

Ich warf ihr einen eisigen Blick zu.

"Ich nehme zu Ihren Gunsten an, dass Sie mit Abschaum die Täter gemeint haben - und nicht die bedauernswerten Opfer."

Miss Clansy schluckte.

"Ich sehe einige dieser Mole People manchmal an der Station am Times Square herumlungern... Man sollte sie aus ihren Löchern jagen! Die bringen doch nur Kriminalität und Drogen mit!"

"Jedenfalls verfolgen wir den Mord an jedem von ihnen mit derselben Intensität, mit der wir den an jemanden wie Ihnen verfolgen würden. Wussten Sie von Lopez' Killerjob?"

"Was reden Sie da! Das ist doch Unsinn. Ich habe damit nichts zu tun."

"Aber Sie wissen, wo er jetzt ist, Miss Clansy. Und Sie sollten es uns sagen, wenn Sie nicht in die Sache mit hineingezogen werden wollen..."

Sie atmete tief durch.

"Haben Sie 'ne Zigarette?"

"Ich habe mir das Rauchen abgewöhnt", erwiderte ich.

Sie zuckte die Achseln. "Zu dumm."

"Reden Sie!"

Orry kam in diesem Moment aus einem der Nachbarräume heraus. "Hier Jesse, das war in einem Wandschrank..." Der Special Agent indianischer Abstammung hielt in der einen Hand eine Maschinenpistole der Marke Heckler & Koch, in der anderen eines jener Nachtsichtgeräte, wie ich sie bei den maskierten Killern gesehen hatte.

Orry hatte sich Latexhandschuhe übergestreift, um keine Spuren zu zerstören.

Er legte die Gegenstände auf den Tisch.

"Scheint, als wären wir hier an der richtigen Adresse", kommentierte Milo.

"Wenn ich aussage, kann ich dann gehen?", fragte Miss Clansy plötzlich.

"Sie sind nicht verhaftet", stellte ich klar. "Aber es könnte sein, dass wir Sie noch zu einem späteren Zeitpunkt erneut befragen müssten..."

"Verstehe..."

Sie sah mich an.

Ich las die unausgesprochene Frage in ihren Augen und beantwortete sie kurzerhand, um die Prozedur abzukürzen.

"Wir sind nicht von der Vice-Abteilung des hiesigen NYPD-Reviers", stellte ich klar. "Womit Sie Ihr Geld verdienen, interessiert uns nicht. Wir wollen Lopez!"

"Ich weiß wirklich nicht, wo er jetzt ist. Wir waren gerade...", sie zögerte, bevor sie weitersprach,

"...beschäftigt, da klingelte es an der Tür. Craig hat geöffnet. Ich hörte, wie er mit einem Mann redete."

"Worum ging es?"

"Keine Ahnung. Craig hat die Tür geschlossen. Wenig später kam er wieder rein und sagte, er müsste nochmal weg. In einer halben Stunde sei er wieder hier... Die Zeit ist längst um."

In diesem Moment meldete sich einer unserer Kollegen über Funk.

"Lopez kommt gerade ins Foyer..."

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
964 p. 8 illustrations
ISBN:
9783956179556
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