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ZORAN

DRVENKAR

STILL

THRILLER

Eder & Bach

1. Auflage, August 2014

© 2014 Zoran Drvenkar

© 2014 Eder & Bach GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: wunderlandt.com

Autorenfoto: © Corinna Bernburg

Gesetzt aus der Adobe Garamond

Gestaltung und Satz: Corinna Bernburg

ISBN: 978-3-945386-01-9

www.drvenkar.de

www.ederundbach.de

Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

für Mika & für jeden,

der in die Dunkelheit eintaucht,

um sich das Herz der Bestie zu holen

SIE

Sie steigen aus dem Eis wie hungrige Geister, die einen Wirtskörper suchen. Ihre Haut dampft und ihr Haar gefriert innerhalb von Sekunden. Die Genitalien sind geschrumpft, die Brustwarzen hart. Sie lachen, stoßen sich an und stapfen durch den Schnee, als würden sie einem unsichtbaren Pfad folgen. Bevor sie die Hütte betreten, reibt jeder von ihnen über die Einkerbungen, die auf Augenhöhe in den Türrahmen eingeritzt sind. Es ist eines von vielen Ritualen, es soll Glück bringen. Keiner von ihnen vertraut auf das Glück, dennoch tut es gut, dieses Ritual zu haben. Es verbindet sie miteinander wie ein Knoten, der nur einmal alle hundert Jahre gelöst wird.

Als sie die Hütte wieder verlassen, hat sich das Eisloch geschlossen, und nur ihre Fußabdrücke im Schnee erinnern daran, daß sie aus dem See gestiegen sind. Jetzt tragen sie Stiefel und Mäntel, jetzt ist ihnen warm. Sie setzen sich in den Wagen und fahren ohne Licht los. Die Dunkelheit ist angebrochen, und der Mond schaut zwischen den Wolken hervor, als würde er sie im Auge behalten wollen. Erst nachdem sie die Straße erreicht haben, schalten sie die Scheinwerfer ein, und das Licht reißt eine Bresche in die Nacht. Es ist windstill, aber die Stille täuscht, in den nächsten Stunden soll es stürmen. Sie schweigen und schauen in die Dunkelheit, und die Dunkelheit weicht ihren Blicken aus und schaut nicht zurück.

Das Haus unterscheidet sich kaum von den anderen Häusern. Zwei Stockwerke, ein Vorgarten, drei Tannen und eine Schaukel mit einem Schneemann davor. Es liegt in einer schmalen Einbahnstraße im Herzen von Lankwitz. Hier gibt man sich noch der Illusion hin, nicht zu Berlin zu gehören. Die Fahrbahn ist unberührt, und auf dem Bürgersteig sind keine Fußspuren zu sehen.

Sie parken den Wagen und betrachten die Häuserreihe. Das Blinken der Weihnachtsbeleuchtung färbt die Fassaden in einen regelmäßigen Takt, als hätte die Straße ihren ganz eigenen Herzschlag. Der Schneefall ist jetzt dicht. Sie warten und lassen den Motor laufen, sie sitzen reglos im Wagen, und der Rhythmus der blinkenden Lichter wird zu einem Rhythmus der Ruhe.

Ihr Blick kehrt immer wieder zu dem einen Haus zurück.

Eine Stunde vergeht, dann steigen sie aus.

DU

Sie holen dich in der Nacht, drei Tage später lebst du nicht mehr.

So schnell kann das gehen.

Es ist kurz nach sieben und ein Winterabend, wie du ihn dir nur wünschen kannst – seit gestern sind Weihnachtsferien und vor einer Stunde hat es wieder angefangen zu schneien. Der Schneefall liegt über der Stadt wie eine Decke, die sich bei jeder Windböe hebt und senkt und dir zu winken scheint. Es ist Weihnachtsstimmung pur. Am Fensterglas ranken sich die ersten Eisblumen, und über deinem Bett hängt eine Lampe in der Form eines roten Papiersterns. Sie verwandelt dein Zimmer in eine warme, schummrige Höhle, der die Kälte nichts kann.

Wäre da nicht der Fernseher an deinem Bettende, würdest du die ganze Nacht am Fenster stehen und rausschauen. Es ist zwar noch früh, dennoch trägst du schon deinen Schlafanzug und liegst neben deinem kleinen Bruder. Eigentlich hat er nichts in deinem Zimmer verloren und erst recht nichts in deinem Bett. Er sollte bei einem Freund übernachten, aber der Freund ist krank geworden. Also haben dir deine Eltern zwanzig Euro versprochen, damit du dich den Abend über um ihn kümmerst. Und so teilt ihr euch eine Schale Popcorn, und du erträgst sein Gequassel, wie man im Sommer die Mücken erträgt. Du bist müde, denn ihr schaut schon den zweiten Film, aber um keinen Preis würdest du auch nur eine Minute versäumen wollen. Eure Eltern haben euch den Fernseher nach dem Abendbrot hochgetragen und gesagt, sie bräuchten heute Zeit für sich. Es ist ihr Hochzeitstag, und gleich werden sie in die Oper gehen und später in dem kleinen Restaurant essen, in dem sie sich kennengelernt haben.

Du hörst ihre Stimmen aus dem Erdgeschoß – das Lachen deiner Mutter, den Bass deines Vaters, und immer wieder ihr Flüstern, als würden sie ein Geheimnis teilen.

Es geht deiner Familie gut, und das Leben könnte nicht besser sein, wenn du nur nicht so müde wärst. Dein Bruder dagegen ist hellwach. Seine Füße bewegen sich unter der Bettdecke, als wollte er jeden Moment lossprinten. Er stopft sich Popcorn in den Mund und kommentiert den Film mit Sprüchen, die alle mit »Ach, du Kacke« anfangen. Er ist sechs Jahre alt, und du hast es längst aufgegeben, ihn zum Schweigen zu bringen.

Als eure Eltern hochrufen, daß sie jetzt gehen würden, schreckst du zusammen.

Das Innere deines Mundes fühlt sich pelzig an, und dein Kopf ist schwer, einen Moment lang bist du weggenickt. Eure Eltern rufen, daß sie jetzt gehen, daß sie in drei Stunden wieder da sind, und daß ihr spätestens um halb elf im Bett sein sollt. Bevor du ihnen antworten kannst, schnappt die Haustür zu, dann ist kein Laut mehr von unten zu hören. Dein Bruder stellt fest, er würde auf jeden Fall bis Mitternacht und noch später wach bleiben. Du gähnst, von dir aus kann er bis um fünf Uhr früh Polka tanzen, falls er überhaupt weiß, was Polka ist.

– Von mir aus kannst du Polka tanzen, sagst du.

– Ausgerechnet Polka, sagt er.

Deine Augen fallen wie von allein zu.

Das Lachen deines Bruders weckt dich wieder auf.

Du weißt nicht, wieviel Zeit vergangen ist. Auf dem Boden der Schale liegen nur noch ein paar Maiskörner, und die Cola in deinem Glas ist lauwarm. Dein Bruder hat nicht einmal mitbekommen, daß du geschlafen hast. Er zeigt auf den Fernseher und stellt fest, der Film wäre ganz schön albern. Du willst ihm gerade sagen, er solle mal in den Spiegel schauen, dann würde er sehen, was wirklich albern ist, als es dunkel wird im Haus. Stockdunkel und still. Du kannst den Schnee hören, der mit einem Knistern an das Fensterglas geweht wird. Dein kleiner Bruder sitzt so reglos neben dir, daß du nicht weißt, ob er noch im Zimmer ist. Kein Atemzug, nichts. Du lauschst, und nach einer gefühlten Ewigkeit hörst du ihn sagen:

– Was jetzt?

Du wartest, daß der Stern wieder angeht und der Fernseher erwacht, aber nichts geschieht. Nur der gelbliche Schein der Straßenlaterne beleuchtet einen Teil der Zimmerdecke, und die Schatten der Schneeflocken wandern wie träge Insekten durch dieses Licht.

– Gleich wird es wieder hell, flüsterst du, aber es klingt nicht überzeugend.

Dein Bruder drückt sich an dich.

– Mach was, sagt er.

Du versuchst die Lampe neben deinem Bett einzuschalten, sie bleibt aus. Deine Fingerspitzen sind klebrig vom Popcorn. Du wischst die Hand an der Bettdecke sauber, obwohl du weißt, daß deine Mutter deswegen meckern wird. Ihr habt euch in letzter Zeit wegen den winzigsten Kleinigkeiten gestritten. Du bist dreizehn Jahre alt und lebst deine erste Rebellion, es ist ein wunderbares Gefühl der Macht, bewußt Nein zu sagen.

– Lucia?

– Was denn?

– Mach mal was.

Du wünschst dir, deine Eltern wären noch da. Bestimmt würden sie dann mit Kerzen zu euch hochkommen, wie letztes Jahr, als ein heftiger Sturm über Berlin hereinbrach und der Strom für Stunden ausfiel. Dein Bruder hatte alles verschlafen, du aber weißt noch ganz genau, wie es sich angefühlt hat, zwischen den Eltern zu liegen und dem Wind zu lauschen, der zornig an den Fensterläden rüttelte, während dein Vater im Kerzenschein aus einem Buch vorlas und deine Mutter dir über das Haar strich, als wäre der Sturm aus deinem Kopf entflohen und sie müßte nur deine Gedanken besänftigen, dann würde auch das Unwetter sich beruhigen. Das war im Sommer, jetzt ist Winter, und du wünschst dir, deine Eltern wären noch im Haus.

Kaum hast du das gedacht, hörst du Schritte auf der Treppe. Es knarrt, und dein Bruder sagt was, aber du achtest nicht auf ihn, denn du konzentrierst dich auf dieses Knarren.

Einmal, zweimal. Pause.

Ein drittes Mal.

Du weißt, woher das Knarren kommt. Es ist die achte Stufe von unten. Sie ist lose, seitdem eurer Mutter beim Putzen der Staubsauger runtergefallen ist. Euer Vater will die Stufe seit Monaten reparieren, und niemand tritt mehr drauf, weil das Knarren so fies ist, daß selbst dein kleiner Bruder sich das gemerkt hat.

Es knarrt ein viertes Mal.

Wer ist das? denkst du, als die Tür zu deinem Zimmer aufschwingt.

Sechs Jahre später sitzt du auf einem Stuhl und dein Bruder und deine Eltern sind nicht mehr. Ihre Namen, ihre Worte, ihre Gedanken. Die Erinnerung an sie befindet sich in einem verschlossenen Zimmer, von dem niemand weiß, daß es existiert. Deine Erinnerung ruht dort und auch du ruhst. Ohne Bewußtsein, ohne Gedanken. Du kannst dieses Zimmer nicht betreten, denn du bist in dir selbst gefangen. Dein Bewußtsein ist ein zerbombtes Dorf, aus dem alle Bewohner geflohen sind. Alle außer dir. Du sitzt in den Ruinen und bist geduldig. Deine rechte Hand liegt auf deinem rechten Knie, die Handfläche zeigt nach oben und wartet, daß jemand kommt und den Schlüssel hineinlegt, der das Zimmer deiner Erinnerung öffnet.

Und wann immer jemand deine Hand schließt, kommen dir die Tränen.

Und wann immer Schnee fällt, stirbst du ein bißchen mehr. Du bist eine Tote, die atmet. Du bist eine Tote, die wartet. Genau das hast du gesagt, als sie dich fanden.

– Ich bin tot.

– Nein, widersprachen sie dir, Du bist gerettet.

Als du das hörtest, hast du dir gedacht: Nur ein Lebender kann sowas sagen, die Toten wissen es besser. Seitdem sitzt du geduldig am Fenster, Tag für Tag, mit der offenen Hand auf dem Knie und hoffst und wartest, daß jemand den Schlüssel findet und zu dir bringt. Jemand wie ich.

ICH
1

Ich will nichts Falsches sagen. Ich habe mein drittes Bier vor mir stehen und will auf keinen Fall was Falsches sagen. Die Jukebox wiederholt Eye of the Tiger zum achten Mal an diesem Abend, der Dartautomat dudelt seine Melodie, das Licht ist gedimmt. Ich starre auf die Theke. Die Worte in meinem Kopf sind poliert wie Flußkiesel, die vom Wasser glattgerieben wurden. Keine Kanten, keine Ecken. Ich sortiere sie immer wieder neu und suche nach der richtigen Ordnung. Die Worte müssen mir ins Blut übergehen. Ich muß ein Teil des Flusses sein.

Der Mann links von mir murmelt, daß nichts mehr so ist, wie es einmal war, seitdem keiner mehr rauchen darf, wann er will, wo er will, und sind wir denn hier in der DDR oder was? Er wiederholt sich wie einer von diesen mechanischen Papageien, die auf dem Volksfest die Besucher anlocken sollen. Die Leute ignorieren ihn, der Barkeeper wischt über die Theke, ich sehe auf.

Sie sind zu zweit an einem der Tische. Sie sitzen im Halbdunkel und reden, wie Männer gerne reden – mit beiden Händen ums Glas, ohne sich anzusehen, versunken im Bierschaum oder in der Maserung des Tisches und manchmal auch im Raum, als wäre da ein unsichtbarer Zuhörer. Einer der Männer fängt meinen Blick auf, ich nicke ihm zu und hebe mein Glas. Er nickt zurück, läßt sein Glas aber stehen.

Der Anfang ist gemacht.

Ich zahle und gehe.

Zu Hause stelle ich mich unter die Dusche und warte, daß die Kälte weicht. Das Bad ist eine Nebellandschaft, meine Haut steht in Flammen, die Fingerspitzen sind aufgequollen. Nach zehn Minuten gebe ich auf. Die Kälte sitzt so tief in meinen Knochen, daß ich frierend aus der Dusche steige. Nichts hilft.

Die nächsten Stunden verbringe ich im Internet, bis meine Beine unruhig sind und ich saure Übelkeit auf der Zunge schmecken kann. Ich will die Augen nicht verschließen. Ich will sehen, was es zu sehen gibt. Nach sechzehn Downloads kann ich nicht mehr. Es ist keine gute Zeit für mich. Ich balanciere auf einem schmalen Grat entlang, dabei weiß ich es besser. Es gibt Regeln. Wir sollten immer jemanden an unserer Seite haben, der uns vor dem Absturz bewahrt. Immer. Meine Frau fehlt mir. Sie ist bitter, sie ist wütend. Ich kann mich nicht gut erklären. Sie nennt mich krank, sie nennt mich pervers und hat mir mit der Polizei gedroht. Ich konnte sie nur ansehen. Ich bin nicht der, der ich sein wollte. Ich wurde zu dem, der ich bin, weil der Wind sich gedreht hat, weil ein Stern verlöscht ist oder irgendwo in Afrika ein Blatt vom Baum fiel. Ich weiß, es wird nicht ewig so weitergehen. Ich arbeite daran.

Meine größte Sorge ist im Moment, daß man mich so kurz vor meinem Ziel ausfindig machen könnte. Auch wenn alle sagen, daß das Usenet sicher ist, gibt es keine Garantien. Nichts im Internet ist sicher. Vielleicht bin ich paranoid, vielleicht reichen die neu installierten Programme völlig aus. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, es ist das Risiko wert. Jeden Tag aufs Neue.

Das Notebook fährt mit einem Seufzer herunter, ich klappe es zu und gehe schlafen.

2

Der Pub befindet sich in Friedenau und wirkt sehr stilvoll. Er ist keine von diesen Kneipen mit Spitzengardinen und Stammtisch. Sie haben Guinness und Murphy ’s vom Faß, und zu jedem Bier gibt es eine kleine Schale mit Chips oder Erdnüssen. Zu Weihnachten befanden sich Lebkuchenherzen in den Schalen, und den ersten Glühwein gab es umsonst. Obwohl der Pub schon ab zwei geöffnet hat, kommen die Gäste erst zum späten Nachmittag. Anfangs habe ich jeden dritten Tag vorbeigeschaut, jetzt lasse ich kaum einen Abend aus. Ich trinke, werfe Geld in die Jukebox, trinke mehr. Ich werde gesehen, denn ich lasse mich sehen, und spricht mich jemand an, antworte ich, ansonsten bin ich für mich allein.

Die Barkeeper wechseln sich die Woche über ab. Gunter. Ivan. Ferris. Jeder von ihnen hat seine Art, seinen Humor, sein eigenes Publikum. Ich beobachte, an welchen Tagen welche Gäste in den Pub kommen. Studenten, Vereinsleute, Junggesellen, Pärchen, Dartspieler, Säufer. Die, die sich langweilen, die sich einsam fühlen, und dann die, die so sehr mit der Umgebung verschmelzen, daß man mehrmals hinschauen muß, um sie zu bemerken. Leute wie ich. Leute, die an dem Tisch in der Ecke sitzen. Ich weiß, wer sie sind. Ich bin bereit für sie. Und was auch passiert, ich darf nichts Falsches sagen. Keine Ecken, keine Kanten.

Am nächsten Abend hebt einer der Männer sein Glas und prostet mir zu. Auch der andere sieht mich an. Geduldig. Ich nicke nicht. Ich lächle nicht. Ich halte seinem Blick stand. Das habe ich vor dem Spiegel geübt, bis mir schwindelig wurde und ich Tränen in den Augen hatte. Der Blickkontakt bricht ab, weil der eine Mann was zum anderen Mann sagt. Als ich erneut aufsehe, winken sie mich zu sich.

Heute sind sie zu zweit, manchmal sind sie zu dritt, aber ich weiß, daß sie erst zu viert komplett sind. Ich kenne ihre Namen. Seit einem Jahr studiere ich diese Männer wie einen Splitter, der sich mir unter die Haut gebohrt hat – ich spüre ihn, sehe ihn aber nicht. Seit zwei Monaten besuche ich diesen Pub regelmäßig. Ich darf es nicht vermasseln. Sie müssen mich verstehen. Das ist die ganze Wahrheit: ich lechze nach ihrem Verständnis.

Hagen ist groß und schlank. Er hat das Gesicht einer Statue und lockiges blondes Haar, das ihm bis auf die Schultern fällt. Seine Hände sind groß und sehen aus, als wären sie unter eine Walze gekommen, die Finger sind erschreckend dünn, die Nägel flach und lang. Er sagt, das kommt vom Rudern. Wenn er vom Tisch aufsteht und zur Toilette geht, drehen sich die Frauen nach ihm um. Er erinnert an einen dieser Engel aus alten Gemälden, der gegen das Böse ankämpft und nie unterliegt. Seine Wangen sind immer leicht gerötet, als würde er sich für seine Gedanken schämen. Vor vier Jahren hat er das Studium abgebrochen, nachdem ihm sein Vater ein gutgehendes Antiquariat im Herzen von Charlottenburg vererbt hat. Hagen ist seit dem Frühjahr ein fester Teil der Gruppe und mit Ende zwanzig der Jüngste von ihnen.

– Hagen von Rhys, sagt er und reicht mir die Hand, sein Lächeln ist warm, der Griff schwielig und sicher.

– Mika, sage ich.

– Mika wer? fragt der andere Mann.

Er heißt Achim und er ist das Gegenteil von Hagen – niemand dreht sich nach ihm um, niemand würde ihn für einen Engel halten. Achim hat die Statur eines Rammbocks und bleckt gerne die Zähne. Es ist seine ganz eigene Form der Einschüchterung. Ich zucke ein wenig zurück, er ist zufrieden mit meiner Reaktion. Achim verkauft Solarund Satellitenanlagen, seine Frau ist Steuerberaterin und Mutter von zwei Jungen. Sie war dabei, als Achim vor acht Jahren ein Hund angefallen hat. Die Narbe ist von vorne nicht zu sehen, sie beginnt am rechten Ohr, geht um den Kopf herum, wo sie am Nacken endet. Früher trug Achim sein Haar halblang, jetzt rasiert er sich den Schädel, damit jeder sehen kann, daß mit ihm nicht zu spaßen ist. Er sagt: »Ich habe den Köter überlebt, ich überlebe alles.« Seine Frau war auch mit dabei, als Achim den Hund danach erwürgt hat. Niemand erstattete Anzeige. Der Köter war ein Streuner und hatte es verdient zu sterben. Es scheint, als wäre das Wesen des Hundes auf Achim übergegangen. Sein Gesicht ähnelt einer müden Bulldogge. Die Schatten unter seinen Augen liegen tief und schimmern lila. Ich weiß, daß er ein Schlafproblem hat.

– Mika Stellar, sage ich und reiche ihm die Hand.

– Achim, sagt er, und ich frage nicht, wie er weiter heißt. Ich habe mir Regeln zurechtgelegt. Regeln der Bescheidenheit. Sein voller Name ist Achim Brockhaus. Mein Name ist nicht Mika Stellar.

– Setz dich doch, sagt Achim.

Die Kellnerin kommt, Hagen fragt, was meine Sünde sei. Ich werde rot, schaue auf die Tischplatte und sage Wodka Lemon. Hagen bestellt drei Wodka Lemon. Ich schaue wieder auf, sie sehen mich fragend an. Ich weiß, was sie wissen wollen.

– Ihr werdet es nie erraten, sage ich.

Sie warten.

– Lehrer, sage ich.

Hagen stößt einen Pfiff aus. Achim schlägt mir auf die Schulter.

– Scheiße, ein Lehrer! ruft er. Es ist ein guter Anfang.

Nichts weiter geschieht an diesem Abend. Wir trinken, wir lernen uns kennen und tauschen Geschichten, Abenteuer, Vorlieben aus. Ich erfahre kaum etwas Neues. Die Oberfläche ist dünn, aber sie bricht nicht. Die Chemie zwischen uns stimmt. Mit Hagen gibt es überhaupt keine Probleme. Achim wird erst mit der Zeit privat und läßt die Deckung nur zögerlich sinken. Sie spüren meine Einsamkeit, auch sie haben mich über die letzten zwei Monate hinweg beobachtet, wie ich da am Tresen saß und für mich war. Ich bin gut vorbereitet.

Die folgenden Abende verlaufen ähnlich. Wir reden, trinken, reden. Am fünften Abend kommt der dritte Mann gegen Mitternacht dazu. Er ist gebaut wie ein Grizzly und mit einem Jahr Unterschied zu Achim der Älteste in der Gruppe – silbergraues Haar, das immer zu einem Zopf geflochten ist, und eine Brustbehaarung, die aus dem Hemdkragen emporwächst. Plötzlich steht er in seiner Lederkluft am Tisch, sieht auf mich herab und stellt fest:

– Das ist also der Neue.

Ich komme ungeschickt auf die Beine und stoße gegen den Tisch, Bier schwappt aus den Gläsern, ich schwanke und es sieht aus, als ob ich nach zwei Wodka Lemon schon angeschlagen wäre. Die Männer lachen, ich strecke die Hand aus.

– Der ist Lehrer, sagt Achim, Die sind alle ein wenig wacklig.

– Mika, sage ich.

Seine Hand schließt sich fest um meine. Ein richtiger Kumpelgriff. Dann dreht er meine Hand, so daß sich unsere Handballen treffen, zwei Hände werden zu einer Faust. Es fehlt nur noch, daß er mich umarmt.

– Edmont, sagt er und zieht mich zu sich ran, so daß ich fast über den Tisch falle, Und weißt du was?

– Was?

– Ich hasse Lehrer.

Ich mache große Augen, Edmont ahmt mich nach und läßt die Sekunden verstreichen, dann löst er den Moment auf und lacht mir ins Gesicht, so daß ich sein Abendessen riechen kann – Hähnchen, Pommes, Mayonnaise. Achim und Hagen lachen mit ihm. Ich tue, als wäre der Witz eben erst bei mir angekommen. Und lache. Und lache.

Ich kehre gegen ein Uhr morgens nach Hause zurück. Plötzlich geht es so schnell. Hagen. Achim. Edmont. Ich habe das Gefühl ich könnte die ganze Nacht laufen, so rastlos bin ich. Der Wetterbericht hat einen Kälteeinbruch für das Wochenende angekündigt, die Luft ist frostig, und ich schmecke den Winter bei jedem Atemzug. Eisig und bitter wie eine Frucht, die nicht gegessen werden sollte. Ich fürchte mich vor dem Schnee. Er wird meine Erlösung sein, aber dennoch fürchte ich mich vor ihm.

Als ich das Haus betrete, gebe ich mir Mühe, leise zu sein, und laufe nur in Socken durch die Zimmer. Ich kann jetzt nicht schlafen, also starte ich den Computer, aber das Internet ermüdet bloß die Augen, der Verstand bleibt ruhelos und will gehört werden. Ich wünschte, ich wäre wieder im Pub. Ich wünschte, ich könnte sie sofort wiedersehen.

Hagen. Achim. Edmont.

Wir sind fast komplett.

Ich setze mich vor den Fernseher. Als es draußen hell wird, ziehe ich mich an und mache mich bereit für die Arbeit. Ich bin Lehrer und muß Geld verdienen, denn ich habe ein Leben.

3

Der Mittwochabend beginnt mit einem Kurzschluß. Draußen tobt ein Sturm, die Scheiben sind vereist. Plötzlich ist es finstere Nacht im Pub. Die Gespräche verstummen, irgendwo klirren Gläser aneinander, dann ist nur noch der Verkehr auf der Rheinstraße deutlich zu hören. Ein Bus rumpelt vorbei und gibt ein Schnaufen von sich. Jemand ruft, ob denn die Welt untergegangen sei oder was. Sie lachen und verlangen nach Freibier. Feuerzeuge werden in die Luft gehalten, einer stimmt Freiheit von Westernhagen an, und alle singen mit. Mittendrin geht das Licht wieder an. Der Gesang verstummt, keiner sagt was, die Gäste runzeln die Stirn und sehen sich um, dann brechen sie in lauten Jubel aus, als hätten sie einen Bombenangriff überlebt. Die Jukebox erwacht wieder zum Leben und nach einer Minute ist es so, als wäre nichts geschehen.

Vor mir steht eine Schale mit Erdnüssen und ein Wodka Lemon. Das Glas schwitzt auf die Tischplatte. Es ist Mitte Februar und die Heizungen laufen auf Hochtouren. Hagen sitzt mir gegenüber und weigert sich, seine Wollmütze abzunehmen. Seine Locken schauen unter den Rändern hervor, und er erinnert mich an einen Fischer, der eben sein Schiff verlassen hat. Achim und Edmont sind mir so nahe, daß sich unsere Schultern berühren. Achim sitzt links von mir, er hat bisher kein Wort gesagt. Sein kahler Kopf glänzt, als hätte er ihn eben erst rasiert. Rechts von mir rieche ich Edmonts Kleidung. Sein Hemd ist aus Hirschleder, und ich muß es anfassen, weil er meint, sowas Weiches hätte ich bestimmt noch nie berührt.

– Wie Babyhaut, erklärt er mir.

Edmont ist einer von diesen Kumpels, die einen immer anstoßen. Derb, laut und nah. Er klackt mit seinem Glas gegen Achims Glas.

– Ohne dich wäre ich nicht hier.

– Laß mal stecken, sagt Achim und grinst plötzlich.

Achim und Edmont sind Mitte der 80er Jahre direkt nach dem Abitur von Bonn nach Berlin gezogen, um dem Wehrdienst zu entgehen. Sie sind seit ihrer Kindheit beste Freunde und sagen, sie haben die Flucht gemeinsam geplant. Bonn hat sie seitdem nicht wiedergesehen. Achim schloß sein Studium als Elektroingenieur ab, zwei Jahre später leitete er seine eigene Firma und verlegte sich Anfang der 90er auf die Installation von Satellitenschüsseln. Edmont dagegen hat zehn Jahre lang Oldtimer aufgemotzt, jetzt betreibt er mit seiner Frau eine Fahrschule in Frohnau. Lemke & Lenkrad. Er fährt das ganze Jahr über Motorrad und trägt einen offenen Helm. Dementsprechend ist sein Gesicht windgegerbt, und die Männer nennen ihn spaßeshalber Leatherface. Edmont hat ein winziges Hörgerät, ohne das er auf dem rechten Ohr taub wäre. »Irgendeine Kinderkrankheit«, hat er mir erklärt, aber ich weiß es besser. Als er sieben war, schlug ihn sein Stiefvater krankenhausreif. Edmont spricht nie über seine Kindheit. Er spricht viel über seine Urlaube. Die letzten drei Wochen war er mit seiner Frau in Tunesien. Sie verreisen zweimal im Jahr. Es muß immer exotisch sein, denn exotisch ist anders und spannend. Jetzt ist er braungebrannt und froh, wieder in Deutschland zu sein. Er sorgt für die Balance in der Gruppe, er wäre gerne der Anführer, der Anführer ist noch nicht da.

– Irgendwas von Franco gehört? fragt Hagen.

Achim und Edmont schütteln den Kopf.

– Ich ruf ihn mal an.

Hagen fischt sein Handy heraus. Achim legt ihm die Hand auf den Arm.

– Franco kommt schon.

– Aber---

– Alter, laß es sein, okay?

Achim grinst, seine Zähne sind unglaublich weiß, Hagen steckt das Handy weg, sein Gesicht ist rot angelaufen, er nimmt die Wollmütze ab und fährt sich durch die Haare. Es ist an der Zeit, daß ich neugierig bin.

– Wer ist Franco?

Edmont lacht, und wenn Edmont lacht, ist am Tisch alles wieder gut. Hagen ist der schüchterne Witzbold, Achim der Brüter und Franco ihr Anführer. Edmont hat sich wieder gefangen, er wischt sich eine Träne aus dem Auge und legt dann die Hände zusammen, als würde er ein Gebet in den Himmel schicken. Mit tiefernster Stimme sagt er:

– Du fragst, wer Franco ist? Ich sage dir, wer Franco ist. Franco ist Gott.

Achim spuckt vor Lachen sein Bier über den Tisch. Hagen schmeißt Edmont ein paar Erdnüsse an den Kopf. Edmont grinst. Ich schaue überrascht.

– Gott! spielt Hagen das Echo und weitet dabei seine blauen Engelsaugen, Jeder muß einen Gott haben, unser Gott ist Franco, verstehst du?

Ich verstehe. Wir lachen zusammen.

4

Einen Abend später betritt Gott den Pub und sieht sich um. Sein voller Name ist Franco Abramo Pardi, und er arbeitet für das Radio. Als er acht war, verließen seine Eltern Italien und kamen nach Deutschland, wo sie im Zentrum von Stuttgart eine Pizzeria eröffneten. Franco hielt nie viel von dem Familienbetrieb, er hatte nur ein Ziel, und das war, so schnell wie möglich aus Stuttgart verschwinden. Wenn Achim eine Bulldogge ist, dann ist Franco ein Windhund. Elegant, schlank, edel. Er trägt nur italienische Markenklamotten, und seine Schuhe werden in Turin handgemacht. Ein Seidenschal verbirgt eine Narbe, die ein Strick vor dreißig Jahren hinterlassen hat. Im Polizeibericht steht, zwei Türken hätten Franco vor dem Restaurant seiner Eltern aufgelauert. In dem Polizeibericht steht nicht, was Franco den zwei Türken danach angetan hat. Damals war er siebzehn, es war auch das Jahr, in dem er Stuttgart verließ. Franco trinkt als einziger von uns Rotwein.

– Du mußt Mika sein.

Er reicht mir die Hand. Seine Finger sind eisig von der Kälte, aber sein Griff ist warm und sicher. Achim nickt mir zu, als hätte ich eine Prüfung bestanden. Franco setzt sich. Er sieht nicht aus wie achtundvierzig, ich hätte ihn gute zehn Jahre jünger geschätzt. Edmont kehrt von den Toiletten zurück und riecht nach Zigarettenrauch. Seit Jahren versucht er, mit dem Rauchen aufzuhören. Wir tun, als hätte er es geschafft. Edmont freut sich, Franco wiederzusehen.

– Na, Meister, alles klar?

– Alles klar, Edmont. Wo ist Hagen?

– Er kommt gleich.

Edmont wedelt mit der Hand, ich soll rüberrutschen. Ich rutsche rüber, er setzt sich neben mich auf die Bank, legt seinen Arm um meine Schulter und zeigt mit dem Kinn auf Franco.

– Siehst du den? Ich nicke.

– Das ist Gott.

Franco lächelt zufrieden. Edmont spricht weiter.

– Wenn du nachts im Bett liegst und nicht mehr weiterweißt, dann machst du das Radio an und suchst ein wenig nach dem richtigen Sender, und wenn du Glück hast, hörst du, wie Gott zu dir spricht.

– Aber nur, wenn du Glück hast, sagt Gott.

– Ich werde es versuchen, verspreche ich.

Gegen Mitternacht kommt Hagen dazu, und wir sind das erste Mal komplett. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Sie sind alle in der Stadt und werden die nächsten Wochen in der Stadt bleiben. Wir sind fünf Männer um einem Tisch, die ihre Gläser heben.

– Auf unseren Neuen!

Sie mögen mich. Ich bin schüchtern und dennoch neugierig, ich zeige Respekt und kann zuhören. Achim und Edmont reden von ihrer Studienzeit, Franco hat nie studiert, und Hagen wünscht sich manchmal, er würde es noch immer tun. Achim reibt sich über den geschorenen Kopf und stellt fest, daß ihm die langen Haare manchmal fehlen würden. Edmont will in diesem Winter unbedingt in eine Schwitzhütte und »mal so richtig die Sau rauslassen«. Achim sagt, für sowas wäre er zu alt. Franco fragt mich, was ich von Neapel halte. Er besitzt dort zwei Hotels, klein aber chic. Er liebt sein Heimatland und weiß überhaupt nicht, was er im arschkalten Deutschland verloren hat. Hagen spricht von seinem Ruderverein, von der vietnamesischen Küche und den vielen Serien, die er aus dem Fernsehen aufnimmt, um dann die Werbung rauszuschneiden. Hagen kauft keine DVDs.

– Ich bin ja kein Idiot, erklärt er mir.

Sie reden gerne durcheinander, aber sie hören, was der andere sagt. Es ist ein guter Rhythmus, es gibt keinen unangenehmen Moment des Schweigens. Der Schlagabtausch ist entspannt, denn sie sind zufrieden mit sich, und es gibt viel zu erzählen.

Achim hält sich als einziger zurück. Wenn Ratschläge gefragt sind, hat er immer ein paar parat, ansonsten ist er wie ein Reserverad, das gepflegt wird, weil man ja nie weiß, ob man es braucht. Er beobachtet. Ich habe das Gefühl, daß ihm nichts entgeht. Vor Achim muß ich mich in Acht nehmen, jede Bewegung und jedes Wort muß stimmen. Achim und Franco haben als einzige Familie und bereuen es nicht. Edmont wird nächstes Jahr fünfzig und denkt nicht daran, sich ein Kind ans Bein zu binden. Hagen ist single und will es auch bleiben.

Der Abend endet vor dem Pub. Wir schließen Jacken und Mäntel und ziehen die Schultern hoch. Die eisige Luft sticht in den Lungen. Franco drückt mir zum Abschied die Hand und sagt, es hätte ihn sehr gefreut mich kennenzulernen. Edmont steigt auf sein Motorrad und setzt den Helm auf. Er will nicht, daß wir Motorrad sagen. Es ist eine Yamaha XVS 1100 Drag Star. Cruiser ist das richtige Wort. Edmont tätschelt den Tank, als wäre er der Maschine dankbar, daß sie auf ihn gewartet hat. Dann streift er sich die Handschuhe über und fährt vom Bordstein. Der Zopf ragt wie ein Stück Tau unter dem Helm hervor und hängt gerade auf seinen Rücken. Achim schaut auf seine Uhr und überquert die Straße, ohne sich von uns zu verabschieden. Hagen winkt ein Taxi heran. Ich sage, ich habe nicht weit zu laufen. Hagen und Franco steigen ein. Als das Taxi außer Sichtweite ist, hocke ich mich zwischen zwei geparkte Autos und erbreche den Abend. Ich bin zu nervös, meine eigenen Worte machen mir Angst, ich darf verdammt nochmal nichts Falsches sagen.

Ich fürchte mich vor mir selbst.

5

– Mensch, wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!

Er ist mein Urologe. Ich brauche keinen Termin, ich kann zu ihm kommen, wann ich will, er zieht mich immer den anderen Patienten vor. Wir plaudern eine Viertelstunde, dann fragt er, was mich zu ihm führen würde. Er kennt mein Leben nicht mehr. Wir haben zusammen studiert, ehe er zu den Medizinern wechselte. Vor drei Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen. Kein Mann geht aus Spaß zum Urologen.

– Ich brauche Hilfe, sage ich.

Er schüttelt bedauernd den Kopf, als ich ihm von der Trennung erzähle. Er hat meine Frau nur einmal gesehen, wir aßen nach einem Theaterbesuch im selben Restaurant. Sie war ihm sympathisch. Also erzähle ich ihm von dem Umzug. Wie schwer es ist, sich auf die neue Umgebung einzustellen, wie unterschiedlich sich Häuser anfühlen, und betone dabei, daß ich schlecht schlafe. Er nickt und fragt, wie meine Tochter die Trennung verkraftet. Ich hebe die Schultern. Langsam. Wie jemand, der sich zu entspannen versucht.

– Wie soll ein Kind es schon verkraften, wenn die Mutter ihre Sachen packt und verschwindet?

Ich lasse die rhetorische Frage einen Moment in der Luft hängen.

– Es geht ihr gut, füge ich hinzu.

Meine Stimme ist kontrolliert, ich habe geübt und weiß, wie was klingen muß. Ich bin jemand, der sich erklärt.

– Außerdem habe ich eine andere Frau kennengelernt. Sie …

Ich schaue auf meine Hände.

– Nun, sie ist jünger und eine Kollegin an meiner Schule. Das war, nachdem mich meine Frau verlassen hat und---

– Es ist in Ordnung, unterbricht mich mein Urologe verständnisvoll, Du mußt ja auch an dich denken. Was sagt deine Tochter zu der neuen Freundin?

– Sie hat sie noch nicht getroffen.

Wir schweigen. Ich muß auf den Punkt kommen.

– Ich brauche Hilfe, sage ich halblaut, Da unten, da … passiert nichts mehr.

Mein Urologe stellt mir ein Rezept für Viagra aus. Er sagt, so eine Reaktion wäre völlig normal nach einer Trennung. Besonders wenn man verlassen wurde. Ich solle mir keine Sorgen machen. Er fragt, wieviel Tabletten ich haben will. Ich sage sechs. Er erklärt mir Viagra. Ohne daß ich nachfragen muß, verschreibt er mir auch ein Schlafmittel. An der Tür hält er meine Hand länger als üblich, während er mir einen letzten Ratschlag gibt.

– Du solltest bald mit deiner Tochter reden.

Er hat ihren Namen vergessen. Es ist in Ordnung. Er ist nur mein Urologe, und ich habe, was ich wollte.

6

Ein Mensch kann sich nur für eine bestimmte Zeit vor dem Leben verstecken. Ein Mensch kann hungern und dürsten, ein Mensch kann verdrängen und neu anfangen, er wird aber nie die Erinnerung daran verlieren, wie es ist, ein Mensch zu sein. Ich erinnere mich sehr gut, auch wenn ich mich jeden Tag mehr und mehr vom Menschsein entferne.

Das Zimmer meiner Tochter befindet sich im ersten Stockwerk am Ende des Flurs. Das Licht leuchtet am Abend beruhigend unter der Tür hervor. Wir haben ihr die Lampe geschenkt, als sie mit fünf Jahren Angst vor der Dunkelheit hatte. Es ist eine Jugendstillampe mit einem sich drehendem Papierschirm. Auf dem Schirm sind Papageien abgebildet, die zwischen Baumwipfeln fliegen. Das Licht verwandelt ihr Zimmer in einen magischen Ort, der voller Abenteuer ist. Ich betrete es nicht mehr. Das letzte Mal war ich voller Wut und habe ein Loch in die Wand geschlagen. Ich lerne dazu, ich reiße mich zusammen.

Ihr Name hängt in bunten Buchstaben an der Tür. Das eine S verrutscht immer wieder, ich rücke es gerade und hoffe, daß meine Tochter merkt, daß ich das für sie tue. Wir haben es schwer miteinander. Ich gehe ihr, so gut ich kann, aus dem Weg, wie man jemandem aus dem Weg geht, der einen daran erinnert, wer man einst gewesen ist. Manchmal lege ich die Hand auf ihre Türklinke, weiter komme ich nicht. Oder ich decke den Tisch für uns beide. Dann gibt es Tage, da liegt ihr Name wie ein schweres Gewicht auf meiner Zunge, und kein Ton kommt heraus. An solchen Tagen denke ich nur an meine Tochter, ich denke nie an meine Frau, die ihr neues Zuhause auf der anderen Seite der Stadt gefunden hat. Sie sagt, mein Leben wäre eine Lüge, sie erträgt mich nicht mehr.

Oft stelle ich mir vor, was meine Frau für ein Gesicht machen würde, wenn sie die zwei Teller auf dem Tisch sehen würde. Gläser. Besteck. Servietten. Manchmal eine Kerze. Ich kann ein guter Vater sein, ich kann einen Tisch decken und es anständig aussehen lassen. Ich tue es nicht für meine Frau, denn ich suche nicht mehr ihre Zustimmung, ich tue es für unsere Tochter und die Normalität im Leben. Unseres Lebens.

An besonders guten Tagen hinterlasse ich meiner Tochter einen Zettel mit einer Nachricht, aber kaum kehre ich von der Arbeit zurück, zerknülle ich das Papier hastig, ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen. Sie soll es nicht lesen, sie soll es lesen. Ich weiß nicht, was ich will. So werden aus besonders guten Tagen besonders schlechte Tage.

7

Edmont sitzt mir gegenüber und sein Hemd ist zwei Knöpfe weit geöffnet. Um den Hals trägt er ein Lederband mit einem indianische Symbol als Anhänger. Er sagt, den Talisman hätte er von einem Schamanen geschenkt bekommen. Niemand dürfte ihn anfassen, sonst ginge die Kraft verloren.

– Da steckt eine Power dahinter, das kannst du dir nicht vorstellen.

Es ist Samstag und die Straßen sind vereist. Wir sind die ersten am Tisch. Sonntags lasse ich mich nicht blicken. Zwischendurch setze ich immer wieder einen Tag aus, damit kein Rhythmus erkennbar ist. Ich will nicht berechenbar sein. Ich bin ein Mann mit Hintergrund und Geschichte. Ein Mann, den seine Frau verlassen hat, und das Leben geht weiter.

Edmont trinkt Kaffee. Ein Abend im Pub muß für ihn genau so beginnen – Kaffee mit Milch, zwei Kekse und Bruce Springsteen. Die Uhrzeit ist ihm dabei egal. Edmont rührt Zucker in seinen Kaffee und klopft den Löffel sorgfältig am Rand der Tasse ab, ehe er sagt, er würde jetzt mal ehrlich sein.

Ich nicke, es freut mich, daß Edmont jetzt mal ehrlich sein will.

Er nippt von seinem Kaffee und verzieht das Gesicht, als wäre es selbstgebrannter Schnaps. Danach legt er die Hände um die Tasse und schaut mich mit einem Lächeln an. Er sagt, daß er mich mag, er sagt, daß mich die Jungs mögen, aber er sieht da ein Problem.

– Irgendwas stimmt nicht mit dir, Mika, und ich wüßte gerne, was da nicht stimmt.

Er hat es auf den Punkt gebracht. Beinahe schon poetisch. Ich bin ihm dankbar. Abend für Abend sende ich Furcht aus. Ich bin eine Leuchtboje auf dem Meer.

Seht mich, hier bin ich.

– Ich weiß nicht, was ich sagen soll, sage ich.

– Denk gut nach.

Er streicht mit dem Zeigefinger über den Rand der Kaffeetasse.

– Denk sehr gut nach. Und wenn wir dann alle hier sind, dann …

Ich kann deutlich die drei Punkte am Ende seines Satzes hören. Edmont ist hier, um für die Balance zu sorgen. Springsteen singt: Everybody’s got a hunger, a hunger they can’t resist. Ich nicke. Ich verspreche ihm, sehr gut nachzudenken. Er klopft mir auf die Schulter und sagt, die nächste Runde gehe auf mich.

Drei Stunden später, und der Abend nimmt seinen üblichen Lauf. Samstag bedeutet volle Tische und viel Lärm. Eine neue Kellnerin sorgt für gute Laune, und die Männer machen ihr Augen, als wäre sie die Verführung in Person. Die Frauen spüren die Spannung und trinken mehr. Edmont und Achim spielen Dart. Franco konnte mit ihnen nicht mithalten und hat geschworen, daß Gottes Rache grausam sein würde. Jetzt sitzt er wieder an unserem Tisch und läßt sich darüber aus, wie albern Dartspielen ist. Hagen bestellt eine Runde Bier und einen Rotwein. Während wir warten, erzählt Franco von seiner Idee, einen neuen Radiosender ins Leben zu rufen.

– Ausschließlich Musik aus den 70ern. Soul, Pop und nochmal Soul. Kein Gelaber, keine Nachrichten, nur ein einziger Werbeblock jede Stunde, denn davon kommt die Kohle. Macht doch Sinn, oder?

Ich gebe ihm Recht, das macht Sinn. Hagen erklärt, daß er sich nur für klassische Musik interessieren würde. Ich weiß, daß er drei Jahre auf dem Hamburger Konservatorium war, ehe er das Antiquariat übernahm. Er spielt noch immer Geige. Franco schnaubt, er findet, Klassik wäre was für frigide Frauen, die auf frigide Männer stehen. Hagen fühlt sich nicht beleidigt, es gibt kaum etwas, was ihm nahegeht. Rod Stewart gibt einen Schrei von sich. Hot Legs setzt ein, und Franco stellt anerkennend fest, daß wohl jemand in diesem verdammten Pub Geschmack hat, denn das wäre genau die Musik, von der er die ganze Zeit über sprechen würde. Ich nicke mal wieder zustimmend, denn ich weiß, daß Franco die Jukebox vorhin selbst gefüttert hat. An manchen Tagen ist Gott sehr durchschaubar.

Als Achim und Edmont das Bier an sich vorbeiziehen sehen, geben sie das Dartboard frei und setzen sich zu uns an den Tisch. Die Narbe in Achims Nacken steht weiß hervor, Edmont dagegen wirkt sehr entspannt, er hat das Spiel gewonnen, verliert aber kein Wort darüber. Wir stoßen an. Es ist nach Mitternacht, der Pub schließt um zwei, die Stimmung könnte nicht besser sein. Mir bleiben noch gute eineinhalb Stunden. Ich wünschte, es wäre ein Jahr.

– Ich muß euch etwas erzählen, sage ich mitten in eine Diskussion über die Gaspreise hinein und bin überrascht, daß sie mir sofort zuhören. Ich atme tief durch und mit dem Durchatmen setzen sich die Flußkiesel in meinem Kopf langsam und träge in Bewegung, als hätte ich sie aus einem tiefen Schlaf geweckt. Erst einer, dann zwei. Das Wasser reißt sie mit. Keine Kanten, keine Ecken mehr, nur das Schaben von Stein auf Stein, als sie sich lösen. Seit einem Jahr arbeite ich auf diesen Moment hin. Ich habe mir Zeit gelassen. Der Winter hat sich jetzt erst auf die Stadt gestürzt, es hätte mir nichts genützt, diese Männer vorher kennenzulernen, denn das hier ist ihre Zeit.

Der Schweiß steht mir auf der Stirn, mein Mund ist trocken. Ich trinke meinen Wodka Lemon und die Eiswürfel schlagen mir schmerzhaft gegen die Vorderzähne. Ich sehe zwar Sympathie, begreife aber gleichzeitig, daß ich nach all unseren gemeinsamen Abenden noch immer nicht zu ihnen gehöre, trotzdem mögen sie mich und das ist ein gutes Zeichen. Ich bin dankbar und sage es ihnen.

– Ich wollte mich bedanken. Wie ihr mich die letzten Wochen aufgenommen habt, ihr …

Ich verstumme, mir fehlen die Worte, wir Männer und unsere verhaltenen Emotionen. Ich wische mir über den Mund. Genug ist genug. Ich mache weiter.

– Es ist mir peinlich, aber ich will, daß ihr mich versteht. Meine Frau und ich … Ich habe euch ja erzählt, daß sie mich verlassen hat, ich habe euch aber nicht erzählt, was der Grund gewesen ist. Ich … Ich weiß einfach nicht, wohin mit mir.

Ich zeige ihnen meine Hände, sie zittern, keine Tricks dahinter.

– Manchmal wache ich nachts auf und halte mich an der Matratze fest, damit ich nicht aufstehe, so hungrig bin ich.

Schweigen am Tisch. Die Musik spielt weiter, die Gespräche um uns herum sind ein Murmeln, der Dartautomat dudelt, aber ich höre nichts davon, denn ich sitze plötzlich in einem Kokon aus Stille. Vier Männer sehen mich an. Ihre Blicke sprechen zu mir. Ich soll aufhören, drumherum zu reden. Ich soll zum Punkt kommen. Also komme ich zum Punkt und schließe kurz die Augen und denke an meine Tochter, und sofort öffnet sich der Schmerz hinter meinen Schläfen wie ein Fächer aus Dornen. Fünf Sekunden vergehen. Fünf Sekunden können alles entscheiden. Ich sehe ihnen in die Augen. Meine Stimme ist ein Flüstern, als ich sage:

– Ich hungere nach meiner Tochter. Ich träume von ihr. Ich will sie. So sehr. Ihr seid Männer, ihr versteht das doch, oder? Ich meine … Bitte, versteht mich. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Ich will sie, versteht ihr mich? Ich will sie.

Blicke. Regungslos. Still. Ich warte. Ich warte, daß sie aufstehen, daß sie gehen, daß sie mich verlachen. Alles ist möglich. Hagen hat sich ein wenig zurückgelehnt, als bräuchte er Abstand zu mir, sein Lockenkopf ist schräg gelegt. Edmonts Brauen sind so weit hochgezogen, daß sein ledernes Gesicht glatt und jung aussieht. Ich bete, daß ich nichts Falsches gesagt habe. Franco sitzt da, als wäre er aus Stein gemeißelt. Achim hat sich als einziger nicht unter Kontrolle. Sein Gesicht zuckt, das Kinn zittert, er spuckt mir die Frage über den Tisch entgegen.

– Was hast du da gesagt?!

Ich senke den Blick, ich stammle:

– Bitte, versteht mich. Ich … Ich habe niemanden, dem ich das erzählen kann … Und ich dachte, ihr … Denn meine Frau … Sie ist …

Ich greife nach dem Wodka Lemon, das Glas ist leer. Hagen schiebt mir sein Bier zu. Ich trinke es in einem Schluck aus. Es tut gut, daß alles raus ist. Edmont beugt sich über den Tisch, da ist keine Harmonie mehr, seine Stimme ist ein Zischen.

– Du willst was?!

Sein Speichel trifft mich im Gesicht. Ich rieche die letzte Zigarette in seinem Atem und will aufstehen und verschwinden, aber Achim ahnt, was ich vorhabe. Er drückt mich runter, sein Griff ist fest an meiner Schulter, er rutscht näher, so daß ich seinen Bauch spüren kann. Es ist fast schon obszön. Ich fühle die Hitze, die von ihm ausgeht, und lege die Hände flach auf den Tisch. Sie zittern heftig. Ich bin in Panik. Ich gebe auf.

– Es tut mir leid, flüstere ich.

– Du willst was?! wiederholt Edmont.

– Antworte dem Mann, sagt Franco.

– Ja, antworte ihm, sagt Achim.

– Mach schon, drängt Hagen.

Sie warten. Ich muß mit dem Geflüster aufhören. Meine Worte müssen rund sein. Ohne Kanten, ohne Ecken. Rund. Glatt. Und feucht. Feucht vor Lust.

– Ich begehre meine Tochter, sage ich.

Der Kokon ist gerissen. Die Worte sind raus. Der Lärm kehrt mit einem Mal zurück. Die Kellnerin lacht an der Theke, ein Stuhl scharrt über den Boden, die Gespräche brechen sich schrill in meinen Ohren. Ich kann es noch immer nicht glauben. Ich habe es getan, ich habe begehre gesagt. Die vergängliche Poesie der Verlangens. Ich habe es getan.

Achim ist wieder von mir weggerückt, ich bin froh, seine Hitze und seinen Bauch nicht mehr zu spüren. Die vier Männer starren mich an, als hätte ich mich eben erst vor ihren Augen materialisiert – nicht wirklich überrascht, mehr so, als hätten sie gewartet und gewartet und da, endlich bin ich aufgetaucht.

Sie wechseln einen Blick.

Hagen schaut zu Franco, und Franco schaut zu Achim, und Achim sieht Edmont an, und dann brechen sie in Lachen aus. Franco beugt sich vor und tätschelt meine Wange, als wäre ich ein Boxer, der sich gut geschlagen hat. Edmont macht eine Faust und hält sie mir unter die Nase. »Grrrr!«, macht er, »Grrrr!«. Hagen legt den Kopf in den Nacken und stößt ein kurzes Heulen aus, während er mit den Händen auf die Tischplatte trommelt. Die Leute schauen rüber, sie haben keine Ahnung, was los ist, aber sie prosten uns dennoch zu, der Barkeeper zeigt uns einen Vogel, die Leute schauen wieder weg, Franco sagt:

– Mensch, Mika! Alter Junge, sieh dich doch mal um. Siehst du, was ich sehe? Wir alle wollen doch unsere Töchter ficken, nur leider hat nicht jeder von uns das beschissene Glück, eine Tochter zu haben.

– Leider, sagt Achim.

– Leider, sagt Edmont und seufzt.

– Schuldig, verkündet Hagen.

Dann rufen sie nach der nächsten Runde.

SIE

Sie sind keine Brüder, sie sind keine Freunde. Sie leben außerhalb ihres Lebens ein zweites Leben und nennen es das wahre Leben. In diesem wahren Leben hat jeder seine festen Aufgaben. Jeder steht für sich selbst ein, und zusammen sind sie eins. Sie haben es von ihren Vätern gelernt, ihre Väter haben es von ihren Vätern gelernt, und so geht es über Generationen.

Eine Fackel, die weitergereicht wird.

Ein Licht, das nie verlöscht.

Ihre Zeit ist der Winter, den Rest des Jahres planen sie und arbeiten an den Details der Jagd. Sie gehen dabei minutiös vor und halten immer eine respektvolle Distanz zueinander. Dabei sind sie wie ein See, und wenn das Eis den See bedeckt, ist ihre Zeit gekommen. Ihr normales Leben findet an der Oberfläche statt; unter der Oberfläche und fernab der Blicke toben ihre Seelen – hungrig, gierig und unersättlich. Niemand muß das sehen. Sie haben gelernt, diesen Hunger zu kontrollieren und die Gier in Schach zu halten. Sie haben schon in jungen Jahren von der Unsterblichkeit gekostet und wissen, daß sich ihr Hunger durch nichts stillen läßt. Nur Disziplin hält ihn in Grenzen. Diese Disziplin trennt den Barbaren vom zivilisierten Menschen.

Es ist Sommer, und sie haben das Dach der Hütte repariert und einen Teil des wackeligen Zaunes um das Grundstück herum wieder aufgerichtet. In den letzten Jahren waren es immer dieselben Stellen, an denen die Wildschweine durchkamen. Bisher hat es nicht wirklich gestört, dann aber wurden zwei der Gräber aufgewühlt, und sie wußten, daß es so nicht weitergeht. Sie haben Fallen und Gift ausgelegt, aber es half so wenig wie der Zaun. Andere Maßnahmen mußten ergriffen werden. Die Gefahr ist zu groß, daß eine der Leichen ausgegraben, verschleppt und außerhalb des Grundstücks entdeckt wird.

Die Jagd geht über zwei Tage und Nächte. Sie sind beharrlich. Sie weiten den Radius aus und geben solange keine Ruhe, bis sie mit der Ausbeute zufrieden sind. Am Morgen des dritten Tages lassen sie die Kadaver in eine Felsspalte fallen – acht ausgewachsene Wildschweine mit ihrer Brut. Danach herrscht Ruhe.

Einer kundschaftet die Gegend aus und stellt den Zeitplan auf.

Einer kümmert sich um die Ausrüstung und das Fahrzeug.

Einer kontrolliert die Umgebung und die Nachbarn.

Einer hält die Fäden in der Hand, wägt das Risiko ab und sagt, wann es soweit ist.

Sie haben ihre Beute über einen Zeitraum von vier Monaten beobachtet. Jeder einzelne von ihnen muß seine Zustimmung geben. Zweifel sind dabei sehr wichtig. Nichts darf sich ihnen in den Weg stellen, die Planung muß perfekt und jeder Schritt durchdacht sein.

Jetzt muß nur noch der Winter kommen.

Es ist vor vier Jahren, und der erste Schnee stürzt gegen Mitternacht so schnell vom Himmel, daß die Stadt innerhalb weniger Stunden von einem angenehmen Schweigen umschlossen ist. Der Junge heißt Linus Holm und ist sehr zufrieden mit der Kälte. Er hat beschlossen, in diesem Winter so lange Rad zu fahren, bis es nicht mehr geht. Seine Freunde haben untereinander Wetten abgeschlossen, wie lange er durchhalten werde; seine Eltern halten ihn für verrückt. Linus weiß, daß der Schnee sein Freund ist.

Am Morgen gleitet er auf seinem Fahrrad durch die Straßen und fühlt sich wie ein Entdecker. Er ist zehn Jahre alt und lebt mit seiner Familie in einer Kleinstadt südlich von Bremen. Am Nachmittag verläßt er die Schule und fährt auf Umwegen nach Hause. Seine Reifen schnurren durch die dünne Schneedecke und hinterlassen eine nervöse Spur. Zu Hause lehnt er das Rad an die Fassade und betritt die Küche durch den Seiteneingang. Langsam taut sein Gesicht auf, und die Fingerspitzen prickeln. Er nimmt Cornflakes aus dem Regal, füllt eine Schale und begießt die Cornflakes mit Milch und Ahornsirup.

Als seine Eltern nachhause kommen, steht die Schale auf dem Tisch, und die Cornflakes haben die Milch aufgesogen, so daß kein Tropfen übriggeblieben ist. Sie finden keine Spur von ihrem Sohn. Sein Fahrrad lehnt an der Hauswand, sein Zimmer ist verlassen, der Hausschlüssel liegt neben dem Eingang auf dem Beistelltisch. Um die Stiefel herum hat sich eine Pfütze gebildet.

Die Eltern wissen es nicht, aber sie werden den Jungen nie mehr wiedersehen. Nach einem halben Jahr werden sie das Fahrrad in die Garage stellen. Die Zeit wird sie mit sich reißen, sie werden versuchen, ein zweites Kind zu bekommen, sie werden sich alle Mühe geben, ihr Leben so zu führen, als könnte ihr Sohn jeden Moment durch die Tür treten. Kein Tag wird vergehen, an dem sie nicht auf seine Rückkehr warten. Ihre Liebe wird sie zusammenschmieden. Liebe und Hoffnung. Denn mehr bleibt einem nicht, wenn es draußen Nacht wird und die Lichter eines nach dem anderen verlöschen.

ICH
1

Liebe ist, wenn du die bedeutenden Momente deines Lebens mit einem Messer aus deiner Erinnerung schneidest, mit Benzin übergießt und anzündest. Liebe ist, wenn du dich am nächsten Morgen an jede Einzelheit erinnerst und nichts bedauerst. Liebe ist auch, wenn ein Schatten über dein Leben fällt und die Finsternis mit sich bringt und du weiterhin daran glaubst, daß es eines Tages wieder hell wird. Nenn den Schatten Hass, nenn ihn Vernichtung, nenn ihn das Ende der Welt. Hass ist Wut auf Liebe, Hass ist Wut auf diese widerstandsfähigen Details, die sich in deiner Erinnerung entzünden wie eiternde Wunden. Hass ist aber auch das, was dir bleibt, wenn dir alles andere genommen wurde. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe es getan. Ich habe die Liebe angezündet und seziert. Ich habe mich von den Schatten umschließen lassen und lebe in der Finsternis. Nur die Narben sind mir geblieben, und die Narben sind überall.

Ich wünschte, ich wäre jemand, der vergißt, der vergibt. Ich bin ein Mann in einem Pub mit anderen Männern an einem Tisch. Einer von ihnen. Nacht für Nacht. Das Fensterglas ist getönt, deswegen herrscht hier immer ein Gefühl von Abenddämmerung. Wer in dieser Kneipe sitzt, will den Tag vergessen, aber so einfach ist das nicht. Denn da ist noch die Nacht. Und die Nacht findet kein Ende.

Wir sitzen am Tisch, ich habe mein Geständnis abgelegt, und die Männer haben meine Verzweiflung gesehen. Sie wissen jetzt, mit wem sie es zu tun haben. Meine Erleichterung ist rein körperlich, der Verstand ist vorsichtig und will es noch nicht wahrhaben. Ich rede ihm gut zu. All die Monate der Vorbereitung. Geschafft, es ist geschafft. Ich weiß, daß ich nach Schweiß stinke. Panik und Furcht. Ich weiß es. Aber es stört nicht, denn es ist geschafft.

Sie schicken mich weg. Sie sagen, der Abend wäre für mich gelaufen, ich solle mich entspannen und eine Dusche nehmen.

Sie sagen: Alles ist gut, Mika.

Sie sagen: Mach dir keinen Kopf, Mika, wir reden morgen.

Sie sagen: Schlaf dich aus.

Ich nicke zu ihren Worten und nehme meine Panik und meinen Gestank und gehe nach Hause. Mein Herz lacht bei jedem Schritt, mein Herz lacht so laut, daß es im Körper hallt, als hätte mir Gott eine gescheuert. Ich vibriere. Es ist geschafft.

Gegen halb zwei schließe ich die Haustür auf und höre die Stimmen aus der Küche.

– Aber er vermißt dich.

– Kleines, ich vermisse ihn doch auch, aber wir halten es nicht mehr miteinander aus. Du weißt, es geht ihm nicht gut.

– Papa geht es gut.

– Nein, ihm geht es nicht gut. Schau dich doch mal um, wie es hier aussieht. Dein Vater ist nicht mehr wirklich dein Vater.

– Sag sowas nicht. Es wird ihm bald besser gehen.

– Ich wünschte, es wäre so.

Die Stimme meiner Tochter wird schrill:

– Mama, bitte, sag sowas nicht!

– Es tut mir leid.

– Liebst du ihn denn gar nicht mehr?

Schweigen. Die Antwort kommt zögerlich.

– Du weißt, daß ich ihn liebe. Ich werde ihn immer lieben.

– Warum hilfst du ihm dann nicht?

– Ich habe es doch versucht, Kleines.

Für einen Moment überlege ich zu gehen. Ich fürchte mich vor einer Konfrontation. Dann schließe ich lautlos die Haustür hinter mir und streife die Schuhe ab. Die Sehnsucht ist zu groß. Ich mache zwei Schritte durch den Flur. Ich will sie sehen, ich will sie berühren und mit ihnen reden. Und bleibe stehen. Die Feigheit ist größer. Ich kann die Küche nicht betreten, denn ich gehöre nicht mehr dazu. Also lehne ich mich gegen die Wand und rutsche an ihr herunter, Arme um die Knie, Knie an der Brust. So lausche ich weiter. Meine Frau lügt nicht, sie hat es versucht. Meine Tochter sagt:

– Er hinterläßt mir diese Nachrichten. Er gibt nicht auf. Schau, hier, lies das. Was soll ich ihm darauf antworten? Wenn er dann nach Hause kommt, zerknüllt er sie. Der Papierkorb ist voll damit.

Ich stelle mir vor, wie meine Frau die letzte Nachricht auf dem Tisch betrachtet und traurig den Kopf schüttelt. Als sie spricht, klingt ihre Stimme nüchtern.

– Ich wünschte, ich könnte dich mitnehmen, Kleines.

– Mama, ich will bei Papa bleiben.

– Ich weiß.

– Du solltest auch bleiben.

– Das geht nicht.

Ich sitze da und habe die Wand im Rücken und kann mich nicht rühren. Ich will, aber ich kann nicht. Und dann sagt meine Tochter die vernichtenden Worte. Sie sagt sie immer zum Schluß, als würde sie die Worte in Blockbuchstaben unter den Abspann unseres gemeinsamen Lebens setzen.

– Mama, das Haus ist so leer ohne dich.

Ich beginne, lautlos zu heulen.

2

Vielleicht war es die Erschöpfung des Tages oder die Erleichterung, ihre Stimmen gehört zu haben – ich erwache Stunden später auf dem Boden. Mein Rücken schmerzt, aus der Küche kommt kein Laut mehr, nichts rührt sich im Haus. Sie haben mich schlafen lassen, und ich bin ihnen dankbar dafür. Wann habe ich das letzte Mal so lange durchgeschlafen?

Ich schaue auf die Uhr. Mein innerer Wecker funktioniert präzise.

Es ist sieben Uhr früh.

Die Arbeit ruft.

Ich betrete die Küche, rücke einen Stuhl gerade und nehme den Zettel vom Tisch. Ich überfliege meine eigenen Worte, als würde sich dahinter eine geheime Botschaft an mich selbst verstecken, ehe ich den Zettel zerknülle und in den Papierkorb werfe. Für eine Weile lehne ich am Spülbecken und lasse das Wasser laufen. Ich trinke zwei Gläser und schlucke eine Vitamintablette. Das kalte Wasser breitet sich angenehm in meinem Magen aus. Die Worte meiner Frau wandern durch meinen Kopf:

»Du weißt, daß ich ihn liebe. Ich werde ihn immer lieben.«

Die Worte meiner Tochter folgen wie ein sanftes Echo:

»Ich will bei Papa bleiben.«

Als unsere Tochter fünf Jahre alt war, wollte sie wissen, warum Erwachsene manchmal das eine sagen, wenn sie das andere meinen. Ihr war aufgefallen, daß wir uns und andere offen anlogen. Sie verstand nicht, warum wir das taten. Sie kam nicht darauf, daß wir die Gefühle des Anderen schonen wollten. Ich weiß noch genau, was meine Frau ihr geantwortet hat. Sie sagte: »Wir wissen es nicht besser.« Sie sagte es so überzeugend, daß selbst ich ihr glaubte. Wir wissen es nicht besser. Wir wollen ehrlich sein, wir können es aber nicht, weil wir es nicht besser wissen. Auch das war nur eine weitere Lüge, die unser kleines Mädchen schützen sollte. Denn wir wissen es besser. Wir wollen den Anderen nur nicht unentwegt mit der Wahrheit verletzen. Deswegen ertragen wir die kleinen Stiche und Hiebe. Mit oberflächlichen Wunden kann man leben. Für eine Weile zumindest. Aber jede noch so unbedeutende Wunde blutet, und so fließt jeden Tag das Leben aus uns heraus, während das Herz schlägt und schlägt und wir dabei reden, essen, lieben oder in der Sonne liegen und tun, was auch immer wir tun, weil wir es nicht besser wissen. Jahr für Jahr verläßt uns die Kraft ein wenig mehr, weil selbst die kleinste Lüge Schaden anrichtet. Ich weiß, wovon ich rede. Ich blute ohne Pause.

3

Im Lehrerzimmer riecht es nach verbranntem Kaffee. Die Maschine war schon da, als ich hier im letzten Sommer anfing. Sie ist den Großteil der Zeit kaputt. Seit Neujahr sammeln wir für einen von diesen Vollautomaten mit Mahlwerk und integriertem Milchbehälter. Die Sekretärin prüft jede Woche die Kasse, aber kaum jemand wirft noch Geld hinein. Geiz wird großgeschrieben. Viele haben sich angewöhnt, ihren eigenen Kaffee mitzubringen. Eine Armee von Thermoskannen reiht sich neben der Spüle auf. Die Becher dazu sind beschriftet. Auf meinem steht nicht Papa.

In der Hofpause sitze ich mit meinem Kaffee alleine an einem der Fenster, blättere in einer Zeitschrift und denke nach. Vier Tage sind seit meinem Geständnis vergangen, und ich bin dem Pub ferngeblieben. Sie werden es verstehen. Ich muß mich von mir selbst erholen. Normale Dinge tun. Korrekturen machen. Einkaufen gehen. Wäsche waschen. Lehrer sein.

Ich betrachte den Becher in meiner Hand. Seitdem ich auf diese Schule gewechselt bin, führen meine Hände ein Eigenleben. Die Kollegen scherzen. »Parkinson oder Delirium tremens?«, fragen sie mich, so daß ich es mir angewöhnt habe, alleine zu essen, um mir die Kommentare zu ersparen. Die Kollegen sehen mich als Einzelgänger. Es ist ein Image, an daß ich mich gewöhnen könnte. Es wird jeder Prüfung standhalten. Ich stelle den Becher weg, schaue auf meine Hände und kann es nicht glauben. Ich habe die ruhigsten Hände in ganz Deutschland. Es ist ein herrliches Gefühl, daß mir mein Körper wieder gehört. Es ist ein sehr gutes Zeichen. Ich bin auf dem richtigen Weg.

4

Im Radio wird vor Blitzeis gewarnt, die Straßen glänzen, die Autos fahren im Schrittempo, und ich könnte wetten, daß Edmont heute nicht mit dem Motorrad unterwegs ist.

Es ist, als hätten sie mich erwartet.

Ich betrete den Pub, der Blickkontakt ist sofort da, sie winken mich zu sich. Meine Unsicherheit legt sich, und an ihre Stelle tritt eine nervöse Erwartung. Fleetwood Mac singt Go Your Own Way. Ich ignoriere den Rat und bleibe am Tisch stehen. Franco schiebt mir einen Stuhl zu. Ich setze mich.

– Na, hast du dich erholt? fragt Achim.

Ich nicke. Hagen schnuppert.

– Geduscht hat er auch.

Ich lächle, Edmont lächelt zurück.

– Schön, daß du wieder da bist.

– Danke.

Achim ruft nach der Kellnerin. Franco erklärt, die nächste Runde gehe auf seine Rechnung, dann tippt er mit dem Zeigefinger auf den Tisch.

– Wir wollen mal über die Regeln reden.

– Was für Regeln? frage ich.

– Unsere Regeln, Mika.

Sie sagen, sie gehörten keiner Organisation an, sie sagen, sie hielten sich von Vereinen fern, und mit Politik dürfe man ihnen gar nicht kommen. Keiner von ihnen wäre vorbestraft, sie lebten unter dem Radar und fielen nicht auf. Das Internet wäre tabu. Keine Foren, keine Chats. Sie blieben der Szene fern.

– Kannst du uns soweit folgen?

– Ich kann.

Franco erklärt, daß es eine Frage der Selbstbeherrschung ist. Wie lange man sich im Zaum halten kann. Was man tut, wenn der Hunger zu groß wird. Franco weiß das alles, er ist nicht umsonst ihr Anführer. Als er vor dreißig Jahren nach Berlin kam, hatte er keine Ahnung, was seine Berufung war, er wußte nur, daß er nie wieder in einem Restaurant arbeiten wollte. Anfangs half er einem Cousin aus, dem ein Kurierdienst gehörte. Es dauerte nicht lange, und Franco machte sich mit seinem eigenen Kurierdienst selbständig. Dann traf er seine Frau. Es folgte ein Sohn, eine gemeinsame Wohnung und eine Affäre mit einer Redakteurin vom RIAS, die ihm seinen ersten Sprecherjob verschafft hatte. Franco besitzt eine markante Stimme, und er ist ein guter Zuhörer, der wortgewandt von einem Thema zum anderen wechseln kann, ohne dabei den Faden zu verlieren. Seine Gedankengänge schließen sich immer, und er hinterläßt beim Hörer ein Gefühl von Gesamtheit – als hätte er alles im Griff, als würde jede Frage eine Antwort verdienen. Das Radio ist sein Medium. Er moderiert zwei Sendungen in der Woche. Jeden Dienstag und Freitag gibt es spät in der Nacht Francos Special Delight. Er lebt nicht mehr mit der Mutter seines Sohnes zusammen, er sieht den Jungen nur an den Wochenenden. Alles in allem ist Franco sehr zufrieden mit seinem Leben, und er will, daß ich das verstehe.

– Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, Mika, und bevor ich dir von unseren Regeln erzähle, will ich, daß du weißt, wie sehr uns deine Unzufriedenheit stört. Schau dir Hagen an.

Ich sehe zu Hagen hinüber.

– Dieser Junge ist der lebende Sonnenschein, spricht Franco weiter, Er geht seinen Weg und steht mit beiden Füßen im Leben. Und jetzt schau dir Edmont an.

Franco packt Edmont an der Schulter und schüttelt ihn ein wenig. Edmont grinst.

– Dieser Mann saugt dem Tag die verschissene Seele aus dem Leib, weil er alles will, aber auch wirklich alles, was dieses Leben zu bieten hat, verstehst du? Er fährt sein Motorrad …

– Cruiser, sagt Edmont.

– … bei jedem Wetter und geht keine Kompromisse ein. Kompromisse wirst du bei ihm nie erleben. Kompromisse sind das Gift des Lebens. Alles oder nichts, Mika, das ist unser Motto. Und jetzt sieh dir Achim an.

Achim begegnet meinem Blick, kein Blinzeln, es ist so, als würde ich auf eine Wand schauen.

– Unser Achim findet keinen Schlaf. Einmal in der Woche glaubt er, er wäre sterbenskrank, aber ganz tief in seinem Inneren ist auch Achim zufrieden mit seinem Leben. Ist doch so, Achim?

– Das ist so.

– Er weiß, um was es geht, und ein wenig Leiden gehört eben dazu. Du bist überrascht? Du dachtest, es geht ohne Leiden? Mika, was ist das hier?

Franco macht eine Geste in den Raum.

– Siehst du, was ich sehe? Wir leben im Zeitalter des Egoismus, mach dir das bewußt. Jeder Arsch steht nur für sich ein. Das Ich hat das sagen. Frag Apple. iPod, iPhone, iArsch. Frag diese Egomanen, die auf ihrer Facebookseite jede Minute ihres öden Daseins festhalten, damit man ja nicht vergißt, daß sie existieren. Das iLife ist gefragt. Und natürlich gehört Leiden dazu. Das Ego leidet furchtbar gerne, denn das Leiden macht uns interessanter. Erst wenn wir Schwächen zeigen, beachtet man uns. Ohne das Leiden würden wir in Höhlen hausen und einander die Würmer aus dem Arsch fummeln. Leiden ist Religion, Leiden treibt uns an, Leiden sagt uns, das wir am Leben sind, Mika. Wie Liebe und Hass.

Die anderen nicken. Franco trinkt von seinem Wein, seine eigenen Worte erregen ihn.

– Aber das ist ein Thema, das wir ein anderes Mal diskutieren können. Heute geht es um die Regeln und deine Unzufriedenheit, mach dir das bitte bewußt, denn ohne Zufriedenheit kannst du hier nicht mehr herkommen. Deswegen will ich, daß du mir jetzt gut zuhörst. Die Regeln sind simpel und klar. Sie sind dein Weg zum Glück. Sie müssen sich dir einbrennen, und es darf dabei keine Mißverständnisse geben.

Er hält vier Finger hoch, vier Regeln, vier Männer sprechen:

– Wir sind ein Kreis, sagt Edmont, Und der Kreis ist geschlossen.

– Wir sind ein Team, sagt Achim, Es gibt keine Soloprojekte.

– Wir tun alles, sagt Hagen, Um unsichtbar zu bleiben.

– Wir lösen jedes Problem gemeinsam, sagt Franco, Nie allein.

Sie sehen mich erwartungsvoll an. Auch wenn ich weiß, daß es nicht so ist, fühlt es sich an, als hätten sie das nur für mich eingeübt.

– Eine Regel fehlt, sage ich.

Sie lachen nicht, sie warten.

– Und die wäre? fragt Achim.

– Es gibt nur einen Gott, und der hat das Sagen.

Hagen grinst, Achim runzelt die Stirn, weil er den Zusammenhang nicht versteht, Edmont lacht los und stößt Franco an, der abwehrend die Hände hebt, als würde er sich ergeben. Ich kann sehen, er ist zufrieden mit mir.

– Willkommen in unserem Kreis! sagt er.

– Auf Gott! sagt Hagen und hebt sein Glas.

– Auf die Scheißreligion! sagt Edmont.

– Auf uns! sagt Achim.

Wir stoßen an. Unsere Gesichter glühen.

Gemeinschaft. Spannung. Lust.

Aus den vier Männern sind jetzt fünf geworden.

Fünf Wege, die zu einem Ziel führen.

Vier Regeln und eine Regel dazu.

Den Rest des Abends verlieren wir kein Wort mehr darüber. Wir sprechen über die Krise bei der Deutschen Bahn, über die Querelen in der Politik und andere Belanglosigkeiten dieser Welt, die in der nächsten Woche schon wieder andere sein werden. Als wir vor dem Pub stehen, will Franco wissen, was für einen Computer ich habe.

– Notebook.

– Und warst du …

– … nur in den Foren, antworte ich schnell.

Er wartet.

– Ein paar Downloads bei Usenet, füge ich hinzu und werde rot, Meistens Photos, aber auch ein paar Filme.

Franco holt einen Geldclip heraus. Er hält nichts von EC- oder Kreditkarten. Er will nicht, daß man jeden seiner Schritte verfolgt. Sein Geldclip erinnert an ein gut belegtes Sandwich.

– Was hat dein Notebook gekostet?

Ich sage es ihm. Er gibt mir siebenhundert Euro.

– Kauf ein neues.

– Aber …

– Du brauchst keine Downloads mehr, du bist jetzt im wahren Leben angekommen, verstehst du?

Ich könnte protestieren, ich könnte sagen, daß ich mir selbst ein neues Notebook leisten kann, aber darum geht es nicht. Regeln sind wichtig, und Franco hat das Sagen. Ich lerne, keine Widerworte zu geben, und stecke das Geld ein. Achim räuspert sich wie jemand, der am Bühnenrand steht und vergessen wurde. Wir sehen ihn an, er wendet sich nur an mich.

– Komm Samstag zu mir. Und bring dein altes Notebook mit. So gegen acht.

Ich bin überrascht und verberge es nicht. Ich sage, daß mir acht passen würde. Achim gibt mir seine Adresse. Edmont steigt auf seinen Cruiser und fährt davon. Hagen vergräbt die Hände in den Hosentaschen, stellt sich an die Straße und hält Ausschau nach einem Taxi. Franco klappt sein Handy auf und fragt, wie er mich erreichen kann. Bisher hat keiner seine Nummer preisgegeben oder gefragt, ob er mich anrufen kann. Wir finden uns im Pub.

Ich sage ihm meine Nummer. Franco tippt. Sekunden später klingelt es in meiner Jackentasche. Franco klappt sein Handy wieder zu. Ein Taxi hält. Erst als sie weg sind, schaue ich auf mein Handy und speichere Francos Nummer unter GOTT ab. Ich schließe den Mantel bis zum Hals und mache mich auf den Weg nach Hause. Ich komme keine zehn Schritte weit, als ich die ersten Schneeflocken im Scheinwerferlicht der Autos schweben sehe. Ich muß stehenbleiben. Die Erinnerung schmerzt, sie schmerzt so sehr, daß mir schwindelig wird. Für eine Weile hocke ich mich in einen Hauseingang und betrachte den nadelfeinen Schneefall. Erst als keine Tränen mehr kommen, setze ich meinen Heimweg fort.

5

Der Keller ist acht mal sechs Meter groß und zweieinhalb Meter hoch. Der Boden besteht aus Beton, die Wände sind gekalkt. Hier unten sind die Sachen aus unserem alten Haus untergebracht – Kartons, Regale, Möbel.

Zwei Stunden lang trage ich die Sachen nach oben und verstaue sie im Gästezimmer. Die Kartons reichen bis zur Decke. Danach beginne ich mit der Isolierung des Kellers, das Material dafür steht in der Garage. Auch wenn ich glaube, daß es unnötig ist, befestige ich die Isolierplatten sogar an der Decke. Es ist ein alleinstehendes Haus. Zwischen den Nachbarn und mir liegen fünfzehn Meter, dennoch will ich keine Risiken eingehen. Ich versiegele die Fenster, die Wände bekommen einen abwaschbaren Weißanstrich. Langsam erinnert der Raum an das Innere eines Bunkers.

Ich befestige vier Strahler an der Decke. Im Boden ist ein Abfluß, ich lasse ihn offen, damit es später leichter ist, den Keller zu reinigen.

Zum Schluß packe ich die Utensilien aus. Ich habe in verschiedenen Sexshops eingekauft. An der einen Wandseite steht ein offener Schrank aus poliertem Metall. Ich bestücke die Fächer, entferne den Plüsch von den Handschellen und schaffe Ordnung – Gleitgel, Kondome, Viagra, Peitschen mit Metallenden, Peitschen mit Dornen, Knebel, Lederbänder, Schraubenzieher, Zangen. Nur das Schlafmittel nehme ich mit nach oben.

In den nächsten Tagen werde ich das Sortiment vervollständigen.

Es ist noch Zeit. Ich bin nicht in Eile. Der Winter hat eben erst begonnen. Es ist noch genug Zeit.

DU

Die Zeit hat für dich am Tag der Entführung aufgehört zu existieren. Die Zeit nahm die Vergangenheit und die Zukunft bei der Hand und ließ dich vierzehn Tage später allein und gestrandet in der Gegenwart zurück. Die Gegenwart war der Randstreifen einer Autobahn.

Erinnere dich, wie du dort gestanden hast und der Wind dich voranschob, als wollte er verhindern, daß du anfrierst. Deine Füße waren blutig und vier Zehen erfroren. Deine Zähne schlugen so heftig aufeinander, daß es schmerzhaft deine Wirbelsäule hinunterzog.

Und dazu der Schnee.

Er breitete sich vor dir aus wie ein weißes, frisch bezogenes Bett und lockte dich.

Laß dich fallen, komm schon.

Erinnerst du dich an diese Sehnsucht?

Du hast ihr nicht nachgegeben. Du bist weitergegangen, die Arme vor dem Bauch verschränkt, als würdest du eine Wunde verschließen. Die vorbeifahrenden Autos bespritzten dich mit Schneematsch, du bist nicht ausgewichen, du bist mit dem Wind gegangen und hast einen Fuß vor den anderen gesetzt, und niemand sah dich und kein Auto hielt. Du mußt es ihnen verzeihen, du warst kaum sichtbar in diesem dichten Schneetreiben, und wenn da nicht ein übermüdeter Lastwagenfahrer gewesen wäre, der nach einem Rastplatz Ausschau hielt, wer weiß, wie lange du noch gelaufen wärst.

Erst sah der Fahrer ein Schemen, dann hast du dich aus dem Schneesturm herausgeschält, und es war ein wenig, als würdest du eine unscharfe Filmszene verlassen – barfuß und nur mit einem knielangen T-Shirt bekleidet, deine Schulterblätter zeichneten sich wie zwei Messerklingen durch den nassen Stoff ab, die Haare waren vom Wind nach vorne geweht, so daß dein Gesicht dahinter verschwand. Dann war der Lastwagen an dir vorbei, und der Fahrer schaute in den Rückspiegel und sah nichts und rieb sich mit dem Handballen über die Augen und wußte, er hatte sich nicht getäuscht.

Die Autobahnpolizei brauchte eine gute Stunde, um bei dem Wetter zu der Stelle zu kommen, die der Lastwagenfahrer ihnen durchgegeben hatte. Sie fuhren den Randstreifen im Schrittempo ab und entdeckten dich nach drei Kilometern. Nachdem sie das Blaulicht eingeschaltet hatten, überholten sie dich und versperrten dir den Weg.

Du sahst sie nicht, die Haarsträhnen klebten auf deinem Gesicht und waren um Augen, Mund und Nase herum festgefroren, und so bist du blind in die Polizistin hineingelaufen. Es ging nicht mehr weiter, dein Körper kam zur Ruhe, deine Knie gaben nach, und du bist gefallen.

Die Polizistin reagierte instinktiv und fing deinen Sturz ab. Sie schloß die Arme um deinen mageren Körper und drückte dich an sich, so daß sich deine Füße vom Boden lösten.

– Kannst du mich verstehen? fragte sie, aber du hast ihr nicht geantwortet, auch als sie dein Gesicht sehen wollte, hast du den Kopf nicht gehoben, also sprach sie weiter beruhigend auf dich ein und verlagerte dein Gewicht auf ihre andere Hüfte, ehe sie sich vom Wind abwandte, um zum Wagen zurückzukehren. Sie wollte dich aus der Kälte in die Wärme bringen, sie wollte dir Sicherheit geben. Dein Knurren ließ sie erstarren, kurz darauf bohrten sich deine Zähne in ihren Hals.

Die Polizistin konnte nicht wissen, daß du zu dem Zeitpunkt schon lange kein Mädchen mehr warst. Du warst eine tollwütige Hündin, die niemandem vertraute.

Sie spürte den Ruck an ihrem Hals, das dicke Jackenfutter des Kragens rettete ihr das Leben. Die Polizistin versuchte Abstand zwischen euch zu schaffen, dabei fiel dein Haar zur Seite, und sie sah zum ersten Mal deine Augen. Der wilde Blick, die Leere und Wut darin. Sie hätte dich fallen lassen können, aber sie tat genau das Gegenteil, weil sie begriff, daß deine Wut nichts mit ihr zu tun hatte.

Du hast dich verteidigt, du hast um deine Freiheit gekämpft.

Ihr Kollege war auch aus dem Wagen gestiegen und wollte zu Hilfe kommen, die Polizistin sagte, er solle ihr aus dem Weg gehen, und drückte dich so fest an sich, daß dein Kopf zwischen ihrer Schulter und ihrem Kinn eingeklemmt war. Deine Zähne rissen am Jackenkragen, dein Knurren wurde lauter.

– Was tust du da? wollte ihr Kollege wissen.

– Mach die Hintertür auf.

– Aber---

– Mach auf, verdammt nochmal!

Er öffnete die Hintertür, die Polizistin duckte sich in den Wagen, ohne dabei auch nur eine Sekunde ihren Griff von dir zu lösen. Sie rutschte mit dir auf die Rückbank, und da saß sie dann halb liegend und hielt dich fest an sich gedrückt, während dein Knurren das Wageninnere füllte. Deine Zähne malmten, du dachtest nicht daran loszulassen. Es fühlte sich für dich an, als würde dich der Sturm davonreißen und an den Ort zurückbringen, von dem du geflohen bist, solltest du auch nur eine Sekunde loslassen.

All das geschah im Januar vor sieben Jahren. Zwei Wochen lang warst du verschwunden, und deine Eltern erkannten dich kaum wieder, als dein Photo im Fernsehen gezeigt wurde.

Da dich die Polizei auf der A9 in Fahrtrichtung Berlin aufgelesen hatte, suchte sie die Umgebung vom Fundort ausgehend in einem Umkreis von zehn Kilometern ab, klopfte an Türen und hoffte auf Augenzeugen. Keiner konnte sagen, wie lange du zu Fuß unterwegs gewesen bist, oder wie du die Kälte überleben konntest. So wie auch keiner sagen konnte, wo dein Bruder abgeblieben war. Nur du wußtest, daß die Suche nach ihm sinnlos war. Nichts und niemand konnte deinen Bruder retten, denn du hast ihn sterben sehen.

Eine Stunde nachdem sie dich auf der Autobahn gefunden hatten, warst du im Klinikum Potsdam. Die Polizistin blieb an deiner Seite, als dich eine Krankenschwester wusch und deine Wunden und Erfrierungen versorgte. Du hattest Kratzer am ganzen Körper und vier erfrorene Zehen, deine Augen waren entzündet, und da war ein tiefer Schnitt an deinem Knie und deiner Hüfte. Sie badeten dich, cremten deine Füße und Hände ein, danach gaben sie dir ein Beruhigungsmittel und legten dich in ein Bett. Als dein Kopf im Kissen versank, wollte sich die Polizistin abwenden und gehen, aber du hast nach ihrer Hand gegriffen und sie zurückgehalten. Die Müdigkeit machte jede deiner Bewegungen bleiern. Deine Stimme war ein Flüstern.

– Ich bin tot.

– Nein, du bist gerettet.

Da erst hast du der Müdigkeit nachgegeben und die Augen geschlossen.

Es sollten für lange Zeit deine letzten Worte sein.

Das Schluchzen deiner Mutter weckte dich am nächsten Morgen auf, die Stimme deines Vaters rief nach der Krankenschwester, der Schneefall wehte knisternd gegen das Fenster und erinnerte dich an die Nacht, in der sie deinen Bruder und dich geholt hatten.

Deine Eltern verstanden nicht, was hier passierte.

Du lagst nicht auf dem Krankenhausbett. Du hattest zusammengeknüllte Handtücher unter die Decke geschoben, aber wen wolltest du damit täuschen?

Zwei Pfleger zogen und zerrten dich unter dem Bett hervor. Deine Finger quietschten über den Boden. Du hast getreten und dich gewehrt, ohne ein Geräusch von dir zu geben. Du warst so still, daß es wie eine gespenstische Pantomime wirkte.

Als sie dich auf das Bett gelegt hatten, gaben sie dir ein Beruhigungsmittel. Deine Mutter sprach in ihr Handy, dein Vater hatte Tränen in den Augen, der Arzt sagte, es wäre besser, wenn sie gehen würden.

Deine Eltern dachten nicht daran.

Du konntest an ihren erschrockenen Gesichtern ablesen, daß sie sich vor dir fürchteten. Du warst ausgezehrt, du wirktest verrückt, und dein Blick verlor sich im Raum. Du warst nicht mehr ihre Lucia, sondern eine uralte Dreizehnjährige, die für zwei Wochen spurlos verschwunden war und sich danach im falschen Leben wiedergefunden hat. Sie sagten, sie wollten dich nach Hause holen. Sie sagten immer wieder, jetzt seiest du in Sicherheit. Ihre Worte öffneten keine Erinnerung. Nichts geschah. Woher sollten sie auch wissen, daß Worte keine Schlüssel sind und daß es für dich keinen sicheren Ort auf dieser Welt mehr gab.

ICH
1

Es gibt keine sicheren Orte. Wir geben uns Mühe. Wir errichten Wände, wir schließen Türen und Vorhänge. In den Nächten lauschen wir auf jedes Geräusch, am Tag wagen wir uns vor die Tür und schauen nach links und rechts, bevor wir die Straße überqueren. Wir sind mißtrauisch, wir sind vorsichtig, wir wissen es nicht anders, denn es gibt keine sicheren Orte. Es gibt aber Waffen und Wut, es gibt Gier und Lust, es gibt die Ungerechtigkeit und das Schicksal, das uns verlacht. Kein Ort ist sicher, und kein Zuhause bietet wirklich Schutz. Auch kein Bungalow mit einer hellblauen Eingangstür und einer funktionierenden Alarmanlage. Auf dem Klingelschild steht:

Achim & Rosa

Stefan & Marcel

Nach hinten raus liegt ein verschneiter Garten mit Schuppen und gemauertem Grill, die Büsche sind ordentlich gestutzt, alle Jalousien im Erdgeschoß runtergelassen.

Der Bewegungsmelder reagiert, als ich mich der Tür nähere, und ein Licht geht an.

Achim öffnet nach dem zweiten Klingeln. Er trägt einen Norwegerpullover, Jeans und Socken, er hat sich eine Schürze umgebunden und die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgeschoben. Franco hat nicht übertrieben, Achim hat es am schwersten. Er ist immerwährend müde und erschöpft, als würde sein Gewissen bis in die Träume hineinreichen und ihn nicht ruhen lassen.

– Ich nehm dir das mal ab, sagt er.

Ich reiche ihm mein Notebook, er klemmt es sich unter den Arm.

Achim ist der Kundschafter. Ohne ihn würden sich die anderen nicht orientieren können. Achim macht den ersten Schritt. Mit seiner handfesten Art und seinem Gespür für Schwäche. Sein Beruf ist ideal dafür. Satellitenanlagen sind gefragt, und Solartechnik wird immer erschwinglicher. Achim ist ein guter Berater, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht glaubt. Er taut nur zögerlich auf, aber dann hält er einem die Treue und honoriert, daß man sich mit ihm die Mühe gemacht hat. Ich gebe mir Mühe und lächle. Achim bittet mich rein.

Seine Söhne sind sechs und neun. Er spricht nie über sie. Ihre Photos hängen im Flur. Zahnlücke und Sommersprossen. Sie übernachten heute bei Freunden, seine Frau ist bei ihrer Schwester.

– Wir haben sturmfreie Bude, sagt Achim und schließt die Haustür hinter mir ab.

Ich hänge meinen Mantel auf und streife die Stiefel ab. Es riecht nach Braten und Sauerkraut. Der Tisch im Wohnzimmer ist gedeckt.

– Setz dich doch.

Achim verschwindet in der Küche. Töpfe klappern, die Herdklappe geht auf, die Herdklappe geht zu, das Klimpern von Flaschen. Achim kommt zurück und reicht mir ein gekühltes Schnapsglas. Er setzt sich nicht, also stehe ich wieder auf.

– Prost, Mika!

– Prost, Achim!

Wir stoßen an. Der Wodka geht runter wie Öl. Der Schlag trifft mich so überraschend, daß mein Kopf zur Seite schnellt und mir Speichel und Wodka in einer glitzernden Bahn aus dem Mund fliegen. Das Glas rollt über den Boden. Meine Wange steht in Flammen. Bevor ich reagieren kann, hat mich Achim am Hemd gepackt und zu sich herangezogen. Ich bin zehn Zentimeter größer als er und schaue auf ihn runter. Die Worte kommen gepreßt zwischen seinen Zähnen hervor.

– Jetzt reden wir mal Tacheles. Wie hast du uns gefunden?

– Ich … Zufall …

Er macht drei Schritte nach vorne und trägt mich vor sich her, als hätte ich kein Gewicht, dann rammt er meinen Rücken gegen die Wand. Einmal, zweimal. Mein Kinn trifft auf seinen kahlen Schädel, meine Zähne knirschen aufeinander, die Bulldogge schüttelt mich durch.

– Ich frag dich nochmal: Wie hast du uns gefunden?!

– Ich sagte doch …

Seine Hände lösen sich von meinem Hemd, für eine Sekunde denke ich, ich habe es überstanden, da hämmert er mir auch schon in den Magen, eine Kombination von vier Schlägen, rechts, links, rechts, links. Achim hat in seiner Jugend geboxt. Amateurliga. Aber seine Knochen waren zu fein, hat er uns erklärt und dabei bedauernd auf seine Hände runtergeschaut, als hätten sie ihn verraten. Jetzt fühlen sich seine Fäuste an, als wären sie aus Granit. Mein Solarplexus implodiert, mir wird schwarz vor Augen. Ehe ich zusammensacken kann, hat er mich wieder gegen die Wand gedrückt. Es sind keine fünf Sekunden vergangen, ich schmecke Galle, ich muß würgen und schnappe nach Luft.

– Mika, sprich mit mir.

– Ich …

Er wartet, ich atme, er wartet, ich erzähle es ihm.

2

Mein Kontaktmann war Pero Kostrin, und mir ist nie ganz klargeworden, ob er Kroate oder Serbe ist. Er behauptete, beides zu sein, denn das wäre sicherer. Unser erstes Zusammentreffen ist über ein Jahr her. Ich hatte da die Verwandlung zu Mika Stellar schon vollführt, fühlte mich aber noch fremd in meiner falschen Haut. Einen Monat lang habe ich jeden Nachmittag mit Pero verbracht. Ich hatte nur diese eine Chance und durfte sie nicht verspielen. Die Zeit lief, der nächste Winter stand bevor.

Unser Zusammensein hat mich dreitausend Euro gekostet.

Auf diese Weise habe ich sie gefunden.

Pero ist zweiundfünfzig Jahre alt und arbeitet bei der Stadtreinigung. Sein Name taucht in den Chats immer wieder auf. Kein Nickname, sondern sein wahrer Name, denn Pero hat nichts zu verbergen. Auch wenn viele sich outen wollen, besitzt kaum einer den Mumm dazu. Pero dagegen hat sich preisgegeben und galt in der Szene als Held, weil er freiwillig im Gefängnis saß. Er hat es für seinen Mentor getan. Nach dreieinhalb Jahren wurde er als therapiert entlassen.

Pero ißt nach der Arbeit am U-Bahnhof Ruhleben immer an derselben Imbißbude – weiße Stehtische, gelbe Sonnenschirme, rote Aschenbecher aus Plastik. Ich stellte mich zu ihm. Ein Blick genügte. Er sah mich an, er sah weg. Ich aß meine Boulette, er seinen Leberkäse. Die Tische draußen waren alle mit Rauchern besetzt. Ein Mann wollte sich zu uns stellen. Pero sagte ihm, der Platz wäre nicht frei. Wir blieben allein. Pero trank sein Bier, ich meine Cola. Als wir fertig waren, schaute er zum U-Bahneingang. Ich ließ ihn vorgehen und folgte nach einigen Minuten.

Der Bahnsteig liegt oberirdisch, und man schaut auf die Charlottenburger Chaussee hinunter. Eine U-Bahn kam und fuhr wieder ab. Pero wartete am Ende des Bahnsteigs auf einer Bank. Ich setzte mich neben ihn.

– Mein Name ist Mika, sagte ich, Du bist Pero, nicht wahr?

– Scheiße, sagte Pero und schwieg. Auch wenn er für alle sichtbar war, hieß das noch lange nicht, daß er gefunden werden wollte. Heldentum hin oder her, die Gefahr lauert überall. Pero sieht sich als Opfer. Da er keine Chance mehr hat, unter dem Radar zu leben, zeigt er sich. Dafür wird er respektiert.

Eine U-Bahn fuhr ein und fuhr wieder ab.

Pero wischt sich die feuchten Hände an der Hose ab.

– Ich verkehre nicht mehr in diesen Kreisen, sagte er, Ich bin raus.

Wir wußten beide, daß es kein raus gibt. Er sagte es, weil er es sagen mußte. Es gehört zur Etikette. Falls jemand zuhört, der nicht zuhören sollte. Pero ist seit fünf Monaten auf Bewährung draußen, er hat Auflagen zu erfüllen, er muß Abstand halten zu Gleichgesinnten.

– Ich will nicht in den Kreis, sagte ich.

Sein Lächeln hatte Kanten.

– Was willst du dann?

Ich antwortete nicht, ich hielt seinem Blick stand, er sah mich lange an, schaute dann den Bahnsteig hinunter und stand auf.

Eine U-Bahn fuhr ein und fuhr wieder ab.

Ich blieb allein zurück.

Am nächsten Tag erwartete ich Pero wieder nach der Arbeit. Es war ein Vorgeschmack auf den Pub. Geduld. Dieses Mal lud ich ihn ein. Currywurst mit Pommes und dazu ein Bier. Er war zufrieden, wir aßen, wir schwiegen, ich bestellte ein zweites Bier für ihn. Zehn Minuten später saßen wir auf dem Bahnsteig und betrachteten die Charlottenburger Chaussee, als wäre sie ein zäher Fluß, auf dem die Autos dahintrieben. Pero sagte, er könnte sich an meine Besuche gewöhnen. Er rieb die Fingerspitzen aneinander. Ich steckte ihm zweihundert Euro zu und bat ihn, von sich zu erzählen.

– Von Anfang an?

– Von Anfang an.

Ein leichter Nieselregen kam auf die Stadt herunter. Der Fluß kam ins Stocken. Eine Baustelle vor dem Bahnhofseingang sorgte für einen Stau, und natürlich war kein einziger Bauarbeiter zu sehen. Wagen hupten, Wagen drängelten. Sie wollten zu Ikea, sie wollten zum Baumarkt, sie wollten nach Hause. Ich sah ihnen dabei zu, während Peros Stimme mich an das Geräusch eines Kreisels erinnerte, kurz bevor er austrudelt und umkippt. Seine Worte waren hastig geflüstert. Er sprach von seiner ersten Liebe, dem Sohn eines Freundes. Damals war Pero Anfang zwanzig. Ein Jahr lang lief es problemlos. Er paßte am Wochenende auf den Jungen auf und ließ ihn bei sich übernachten, es war das übliche Programm. Pero kannte die Familie und war ein alter Freund. Er hatte immer Zeit, und so sparten sich die Eltern einen Babysitter. Wozu sind Freunde da? Sie bemerkten zwar die Veränderungen an ihrem Sohn – die Launen, das Schweigen, die überraschenden Wutausbrüche – sahen aber keine Verbindung zu ihrem guten Freund Pero. Ein Psychologe wurde zu Rate gezogen, ein Feriencamp im Sommer geplant. Erst als die Mutter einen Blutfleck in der Unterwäsche des Jungen entdeckte, kam es heraus. Der Vater brach Pero den rechten Arm und schlug ihm die Vorderzähne aus, erstattete aber keine Anzeige. Scham und Schande. Pero kam glimpflich davon. Er bereute keine Minute.

– Wie alt war der Junge? fragte ich.

– Fünf. Niemals werde ich den Kleinen vergessen. Ein Jahr habe ich nur für ihn gelebt. Nur für ihn! Das war es wert. Haut wie ein Pfirsich, Arsch wie ein Apfel, erste Liebe und so, verstehst du?

Plötzlich sah er mich abschätzend an, ich war ein offenes Fenster und er durfte reinschauen. Er brauchte nicht lange zu suchen.

– Scheiße, bist du ein Frischling?!

Er lachte, stieß mich mit der Schulter an.

– Alter, du bist eine verdammte Jungfrau!

Ich lächelte verlegen. Er hatte recht. Ich war eine verdammte Jungfrau.

Nach der ersten Woche holte ich Pero mit dem Auto ab. Das gefiel ihm sehr. Ich war sein Chauffeur, sammelte Geschichten und zahlte gut. Er sprach von der Szene und den Auf und Abs in seinem Leben, er lamentierte über das Elend, immer auf der Suche zu sein, und natürlich erzählte er auch von dem Hunger, der ihn antrieb. Wir fuhren im Schrittempo an Spielplätzen vorbei und er sagte, wo ich halten sollte. Wehmütige Erinnerungen stiegen in ihm auf. Manchmal saß er zwei, drei Minuten einfach nur da, schaute aus dem Wagen und tippte dabei mit einem Fingernagel gegen seine künstlichen Vorderzähne. Manchmal kamen ihm die Tränen.

– Sehnsucht, sagte er, Diese verfluchte Sehnsucht bringt mich irgendwann noch um.

Eines Tages hielten wir vor einer Eisdiele, und er zeigte mir seine neue Liebe. Der Junge hielt die Hand seiner älteren Schwester. Das Mädchen interessierte Pero nicht, sie hätte genauso gut unsichtbar sein können. Der Junge war sechs. Pero verriet mir seinen Namen. Er sagte: »Ich bin treu. Wenn ich verliebt bin, sehe ich keinen anderen an. Das ist wahre Liebe.« Er sagte auch: »Aber ich muß vorsichtig sein. Der Junge wird meine Nummer 9. Ich will das Glück ja nicht herausfordern. Bald feiere ich Jubiläum. Die Nummer 10 muß was ganz Besonderes sein.«

Nach vier Wochen hatte ich alles erfahren, was ich erfahren wollte, und stellte ihm die letzte Frage. Er war überrascht.

– Wozu willst du das denn wissen?

– Ich will verstehen, wie du sowas tun konntest.

Er dachte nach, als hätte er sich noch nie den Kopf darüber zerbrochen, wieso er dreieinhalb Jahre freiwillig hinter Gittern verbracht hat. Als er sprach, war seine Stimme belegt – Emotionen, Ehrfurcht, eine Prise Stolz.

– Wenn du in dieser Welt überleben willst, brauchst du einen Mentor, der dich leitet, der dir sagt, wie die Dinge sind, verstehst du? Einen, der dir erklärt, was geht und was nicht geht. Für deinen Mentor tust du dann alles, denn er ist es, der dir die Augen geöffnet hat. Du beginnst, die Welt als das zu sehen, was sie ist: Keine Illusionen mehr. All das Leiden und der Schmerz machen dich plötzlich zufrieden, verstehst du? Und das sollte das höchste Ziel eines jeden Menschen sein – Zufriedenheit. Ohne Zufriedenheit, existieren wir einfach nur. Deswegen war ich im Knast, verstehst du? Ich war zufrieden damit, die Strafe für meinen Mentor abzusitzen. Ich würde es sofort wieder tun. Mein Leben hat einen Sinn, weil er ihm einen Sinn gegeben hat.

– Und was war danach?

Er sagte, danach wäre der Kontakt abgebrochen.

– Mein Mentor hat sich verändert, sagte er, Er geht jetzt neue Wege.

Ich glaubte ihm. Alles findet ein Ende. Der Mentor ging neue Wege.

Bei unserem letzten Treffen saßen wir wieder auf der Bank, die U-Bahn fuhr ein, die U-Bahn fuhr ab. Plötzlich beugte sich Pero zu mir rüber. Sein Mund war nahe an meinem Ohr. Die Wärme seines Atems. Er nannte mir den Namen des Pubs. Er ließ mich wissen, daß ich den Mentor nicht suchen könne.

– Geh dorthin, sieh dich um, sei geduldig, verstehst du?

Wir beobachteten den Verkehr. Pero wartete auf eine Antwort. Ich sagte, ich hätte verstanden. Wir verabschiedeten uns nicht. Er stieg in die nächste U-Bahn und sah sich nicht nach mir um; ich nahm den Blick keine Sekunde von ihm. Die Türen schlossen sich. Die U-Bahn fuhr ab. Ich saß noch eine Weile da und beobachtete weiter die Charlottenburger Chaussee und wunderte mich, wie das Leben einfach so weitergehen konnte – ein Baum stürzt im Wald um, und niemand bekommt es mit.

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270 p.
ISBN:
9783945386019
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