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Inhaltsverzeichnis

Einführung in den allumfassenden Zen-Weg

Kapitel 1: Alles ist der Eine Geist

Kapitel 2: Die grenzenlose Weite des Geistes

Kapitel 3: Zen – jenseits des Denkens

Kapitel 4: Die Suche nach dem Glück

Kapitel 5: Der Weg zur höheren Bewusstheit

Kapitel 6: Die Wirklichkeit unseres ursprünglichen Seins

Kapitel 7: Die Unsterblichkeit des wahren Selbst

Kapitel 8: Die immerwährende Gegenwart des Selbst

Kapitel 9: Das wahre Selbst als das ewige »Ich bin«

Kapitel 10: Der Aufgang des inneren Lichtes

Kapitel 11: Rückkehr zum Ursprung allen Seins

Glossar

Kontaktadresse

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Copyright

Das vorliegende Buch ist die erweiterte Fassung des gleichnamigen Hörbuches, das im Hörbuchverlag steinbach sprechende bücher erschienen ist. Viele Hörer haben den Wunsch geäußert, diesen Text auch in Buchform lesen zu können, um sich noch intensiver mit seiner tiefen Weisheit auseinanderzusetzen.

Dieser Wunsch hat dazu geführt, den Text, zusätzlich mit Zen-Meister Zenshos ausführlicher »Einführung in den ganzheitlichen Zen-Weg«, jetzt auch als Buch zu veröffentlichen.

eBook (1. Auflage Printversion Oktober 2016)

© EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Covergestaltung: Sandro Hölzel

Bildbearbeitung: Jörg Zimmermann

Typografie und Satz: Torsten Zander

Foto Rückseite: Verena Maus

Lektorat: Verena Beau, Nikolai Bonstedt

Bildnachweis: Fotolia, Shutterstock, Depositphotos, 123rf,

PantherMedia, iStock

ISBN (Printversion): 978-3-937883-82-3

ISBN (E-Book): 978-3-937883-84-7

www.echnaton-verlag.de

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Zensho W. Kopp

Das Erwachen zum wahren Selbst

Der ZEN-Weg der allumfassenden Mystik

Das ewige Selbst wird niemals geboren,

noch stirbt es jemals.

Es kommt von nirgendwoher

und wird nicht zu etwas.

Ungeboren, immerwährend, unsterblich ist es.

Es stirbt nicht, wenn der Körper stirbt.

Katha Upanishad

Einführung in den allumfassenden Zen-Weg
Das wahre Selbst, die Urquelle allen Lebens

Der unersättliche Wissensdrang unserer menschlichen Natur hat uns weit über die Grenzen unseres Erdenplaneten in das All getragen. Doch uns selbst zu entdecken, haben wir dabei leider vergessen. Wir suchen nicht nach unserem wahren Sein, sondern »das ganz andere«, die Wirklichkeit hinter allem, ohne zu ahnen, dass wir diese nur in uns selbst finden können.

Aufgrund dieser Unkenntnis sind wir ständig bemüht, dauerhaftes Glück und Zufriedenheit in der äußeren Welt zu erlangen, ohne zu erkennen, dass die Quelle allen Glücks, als unser wahres Sein, in uns selbst stets gegenwärtig ist.

In der durch unsere geistige Blindheit bedingten Unkenntnis unserer innewohnenden göttlichen Natur sind wir so mit den Belangen des täglichen Lebens beschäftigt, dass wir uns selbst verloren haben und nicht mehr wissen, wer und was wir im Grunde unseres Wesens sind. Hierdurch haben wir uns eine sinnentleerte Welt voller Lieblosigkeit und Enttäuschung erschaffen und uns darin verstrickt.

Solange unser Bewusstsein jedoch noch von vorwiegend weltlichen Interessen beherrscht wird und daran haftet, ist es uns nicht möglich, unser wahres Wesen zu verwirklichen und zur Freiheit des Geistes zu gelangen.

Die meisten Menschen sind äußerst hartnäckig im Leugnen dieser unbequemen Wahrheit und können die Tatsache der trügerischen Natur aller Erscheinungen und weltlichen Beschäftigungen nicht akzeptieren – doch das ist die Realität.

Der chinesische Zen-Meister Yung-chia spricht im 8. Jahrhundert die mahnenden Worte:

Die Sache von Leben und Tod ist gewaltig und die Vergänglichkeit packt schnell zu – wie kann man sich da noch mit Nebensächlichkeiten aufhalten?

Doch wir sind stets bestrebt, einer Konfrontation mit der Vergänglichkeit auszuweichen und halten uns lieber an der Illusion der Beständigkeit fest. Wir verdrängen die unleugbare Tatsache, dass der Tod sich in jedem Augenblick ereignen kann und glauben lieber, noch viel Zeit vor uns zu haben.

In unserem Haften an der Vorstellung der Beständigkeit des Lebens ist unser Bewusstsein so ständig von Gedanken um weltliche Angelegenheiten erfüllt, dass wir den Zugang zu unserem allerinnersten Wesensgrund verloren haben.

Das wesentliche Anliegen dieses Buches ist deshalb, unsere geistige Blickrichtung vom gewohnten Äußeren umzukehren und nach Innen zu richten. Es verweist mit äußerstem Nachdruck auf den Herz-Geist als unsere wahre Wesensnatur, um uns zu befähigen, die Wirklichkeit unseres wahren Seins in uns selbst zu entdecken. Denn es ist vollkommen unmöglich, uns selbst woanders zu finden als in uns selbst.

Mit unserem wahren Selbst, als unserem innersten Wesenskern, wieder in Verbindung zu gelangen und darin verankert zu sein, ist das eigentliche und wichtigste Ziel unserer menschlichen Existenz.

Deshalb sollte es der größte Wunsch eines jeden Menschen sein, die Gegenwart seines wahren, göttlichen Selbst in seinem Inneren zu erleben. Denn es ist die aus sich selbst seiende Urquelle allen Lebens, aus der alles Leben in nie endender Fülle hervorgeht. Wir leben und atmen aus ihr, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Die allumfassende Ganzheit des Seins

In der Rückbesinnung und Bewusstwerdung dieser unserer in Vergessenheit geratenen göttlichen Natur liegt der Schlüssel zur Erkenntnis unseres wahren Seins und einem sinnerfüllten Leben. Diese Erkenntnis liegt jedoch vollkommen jenseits der Möglichkeit unseres verstandesmäßigen Erkennens. Denn sie kommt aus den Tiefen einer unmittelbaren mystischen Erfahrung.

Hier gelangen wir zu einer höheren Sichtweise, und es offenbart sich uns die Wahrheit, dass wir die ganze Zeit von einem ungeteilten, absoluten Sein erfüllt, getragen und umgeben sind. Je mehr wir uns so unserem wahren Selbst wieder zuwenden, umso mehr schwinden alle Differenzierungen und Täuschungen und umso tiefer erleben wir die allem innewohnende göttliche Einheit.

In dieser Befreiung von unserer begrenzten, konditionierten Sichtweise werden wir mehr und mehr erkennen, dass unser Bewusstsein kein kleines, für sich bestehendes Bewusstsein ist. Vielmehr ist es ein allumfassendes, geburt- und todloses, grenzenloses Sein, das alles in sich beschlossen hält.

Wir sind Teil einer grenzenlosen, kosmischen Wirklichkeit und zugleich, im tiefsten Grunde unseres Seins, die allumfassende Ganzheit selbst.

Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens ist letztlich eine Frage nach unserem wahren Selbst. Es ist die Frage nach dem, wer und was wir im Grunde unseres Wesens wirklich sind. Sie lässt sich jedoch nur beantworten, wenn wir in der mystischen Versenkung in unserem allerinnersten Wesensgrund unser wahres Selbst als das allen Wesen gemeinsame göttliche Selbst erkennen.

Wiesbaden, Sommer 2016 Zensho W. Kopp

Kapitel 1
Alles ist der Eine Geist
Unsere ursprüngliche, göttliche Natur

Die Allgegenwart des Einen Geistes durchdringt das ganze Universum. Aller Wechsel und Wandel ist die fortschreitende Selbstentfaltung und Selbstverwandlung dieses Allgeistes. Es ist die Bewusstwerdung des unaussagbaren göttlichen Urgrundes.

Die ganze unendliche Vielfalt unserer erlebten äußeren Erscheinungswelt ist somit die Manifestation dieses einen, allumfassenden Geistes und das Universum seine Offenbarung.

Die dynamische Natur des Universums erstreckt sich vom kleinsten Atom bis in die großen Dimensionen der Galaxien. Alles befindet sich in unaufhörlicher Bewegung, die aber letztlich nur im Geist stattfindet. Der Geist ist die Grundlage von allem, »aus ihm, durch ihn und in ihm sind alle Dinge«, und außerhalb des Geistes existiert überhaupt nichts.

In dem Augenblick, wenn wir unsere geistige Blickrichtung vom Äußeren abkehren und in der meditativen Schau nach innen wenden, werden wir erkennen, dass dieser Eine Geist unser wahres, göttliches Selbst ist.

Im Dunkel des Herzens, in unserem Allerinnersten, leuchtet er als ein strahlendes Licht, das gleich einer ewigen Flamme das ganze Universum erleuchtet.

Dieses, unser wahres Wesen, ist die allen unseren Erfahrungen zugrunde liegende Wirklichkeit. Es ist das wahre Selbst, durch das wir leben, fühlen und bewusst sind und das uns befähigt, die Welt zu erfahren. Es ist weder kommend noch gehend, allgegenwärtig, still und rein und außerhalb von Raum und Zeit. Als die reine Urquelle allen Seins ist es ungeboren und unzerstörbar, denn es ist das absolute Sein, die endgültige, tiefste Bedeutung und der Sinn allen Lebens.

Doch diese unsere ursprüngliche, göttliche Natur ist stets von einer Vielzahl von Leidenschaften und Vorstellungen überdeckt. Das ununterbrochene Fließen des unaufhörlich Begriffe fabrizierenden Verstandes und unsere tief verwurzelten Denkgewohnheiten legen einen dunklen Schatten auf unser wahres Selbst.

Fasziniert von diesem Schauspiel auf der Oberfläche unseres Bewusstseins sind wir unfähig, uns davon zu lösen. So befinden wir uns im Zustand der Verdunkelung und Verwirrung des Geistes und sind in unseren eigenen Projektionen gefangen. Durch diese Fehlwahrnehmung geblendet, können wir die Wirklichkeit unseres wahren Seins nicht mehr wahrnehmen. So wandern wir von Inkarnation zu Inkarnation, verloren im Leidensmeer des Samsara, dem Kreislauf von Geburt und Tod.

Solcherart gefangen im Traum einer vermeintlichen, vielheitlichen Welt, haben wir uns selbst verloren und wissen nicht mehr, wer wir im Grunde unseres Wesens wirklich sind.

Da diese Traumwanderung jedoch nur eine »Vision« ist, können wir von einem wirklichen Geschehen, als einem tatsächlichen Ereignis, nicht sprechen. Wir glauben zwar, uns in einer dreidimensionalen, vielheitlichen Welt von Raum und Zeit zu bewegen, die getrennt von uns existiert – doch in Wirklichkeit findet alles nur im Geist statt. Im Shraddhotpada-Shastra, einer buddhistischen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, heißt es:

Alle Dinge in der Welt sind unwirklich und trügerisch; es sind nur Projektionen des Geistes. Gleich den Bildern, die in einem Spiegel erscheinen, entbehren auch alle Dinge in Wirklichkeit jeder wahren Substantialität; sie sind unwahr, illusionär und »Nur-Geist«.

Die Nur-Geist-Lehre des Zen

Das, was wir im Allgemeinen als die Realität unserer erlebten Außenwelt bezeichnen, hat in Wahrheit nicht mehr Substanz als ein Traumgebilde.

Mit den Worten des chinesischen Zen-Meisters Hanshan aus dem 17. Jahrhundert:

Die Dinge dieser Welt sind nur Erscheinungen eines Traumes. Wenn man erwacht, verschwinden der Träumer und die Erscheinungen.

Was in einem Traum lebt, muss mit dem Traum sterben; aber hinter dem Traum steht ein wahrhaftiges Sein, das nicht mit dem Traum vergeht.

Alles, was wir in der Welt wahrnehmen, auch die scheinbare Festigkeit der Substanz, ist demnach nichts anderes als die illusorische Vorstellung des Geistes. Unsere früheren Gedanken und Handlungen haben bestimmte karmische Tendenzen in uns erzeugt, die Ursache dafür sind, dass unser Geist diese Welt projiziert, die wir jetzt erleben. Was wir als solide, konkrete äußere Welt wahrnehmen, ist in Wirklichkeit nichts weiter als eine Summe von Ereignissen und Objekten der Wahrnehmung, die sich gegenseitig bedingen und voneinander abhängig sind. Alles beruht auf einer gegenseitigen Wechselwirkung.

Das heißt: Es gibt keine unabhängige Existenz. Die Welt, die wir erleben, existiert nicht wirklich, sie ist nichts weiter als eine Täuschung – eine aus unseren eigenen Geistesregungen hervorgegangene Manifestation.

Wenn wir aber meinen, durch die sinnliche Wahrnehmung einer äußeren Welt auch auf ihr tatsächliches Vorhandensein schließen zu können, unterliegen wir einem gewaltigen Irrtum.

Den einzigen Beweis, den wir hier erbringen können, ist der der Funktionsfähigkeit unserer Sinne. Doch da unser Körper und somit auch unsere Sinne nur Vorstellungen des Geistes sind, beweist das nur, dass unser Bewusstsein die Sinneseindrücke erfährt.

Da wir die äußere Welt, die wir erleben, nur mittels unserer sechs Sinne und des Bewusstseins wahrnehmen, müssen wir uns demzufolge eingestehen, dass die einzige Welt, von der wir überhaupt sprechen können, die Welt unserer subjektiven Erfahrung ist.

Dies bedeutet in letzter Konsequenz: Die Welt ist nichts anderes als »unsere Vorstellung«.

Ein sehr gutes Beispiel für die Nur-Geist-Lehre ist die folgende Begebenheit aus dem 8. Jahrhundert in China:

Die Tempelfahne über dem großen Tor des Zen-Klosters des sechsten Patriarchen Hui-neng flattert im Wind hin und her. Zwei Mönche stehen unter der Fahne und streiten sich darüber. Der eine sagt: »Schau, wie die Fahne sich bewegt«, der andere meint: »Nein, es ist der Wind, der sich bewegt.« So diskutieren sie hin und her und können sich nicht einigen.

Plötzlich steht der sechste Patriarch hinter den beiden laut sich ereifernden Streithähnen und sagt: »Weder der Wind noch die Fahne bewegen sich. Einzig und allein der Geist bewegt sich.«


Kapitel 2
Die grenzenlose Weite des Geistes
Bewusstseinsverengung

Alles ist der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Unendlich und alldurchdringend durchstrahlt er in seiner Grenzenlosigkeit das ganze Universum.

In unserem Erwachen aus dem Traum einer äußeren Erscheinungswelt werden wir erkennen, dass dieser Eine Geist unser wahres, göttliches Selbst ist und dass es keine verschiedenen individuellen Selbste gibt.

In der durch unsere geistige Verblendung bedingten Unkenntnis dieser Tatsache haben wir jedoch ein künstliches Ich erzeugt mit dem damit verbundenen Glauben, ein von allem anderen getrenntes Einzelwesen zu sein. Dieses fälschliche Ichgefühl verschleiert unseren Blick für die Wirklichkeit unseres wahren Seins und ist so die eigentliche Ursache unserer Unwissenheit.

Wir wissen nicht, dass wir im Grunde unseres Wesens der Eine Geist, die geburt- und todlose Wirklichkeit, sind. Wir haben unsere ursprüngliche, wahre Natur vergessen und leben unser Leben in der Identifizierung mit Körper, Sinnen und Verstand. So haben wir uns zu Sklaven des Karma-Gesetzes von Geburt und Tod gemacht.

Das individuelle Ich ist letztlich nichts anderes als der durch das dualistische und somit eingrenzende Denken hervorgerufene »mikrokosmische Teilaspekt« dieses allumfassenden Einen Geistes. Die grenzenlose Weite des Einen Geistes hat sich so zum kleinen Kreis des individuellen Bewusstseins verengt.

Es ist, als schauten wir durch einen Strohhalm hindurch in den Himmel und hielten das solcherart begrenzte Wahrnehmungsfeld für den ganzen Himmel. So halten wir an unserer dualistischen, verengten Sichtweise fest, als wäre sie die absolute Wahrheit.

Wir halten uns fest an unseren konditionierten Vorstellungen und bewegen uns nur innerhalb unserer selbst geschaffenen Grenzen, so dass wir all das, was über unser begrenztes Vorstellungsvermögen hinausgeht, für unmöglich halten.

In einem alten indischen Gleichnis wird die Situation des in seiner begrenzten Betrachtungsweise gefangenen Menschen mit einem Frosch im Brunnen verglichen.

Ein Frosch lebte seit langer Zeit in einem alten Brunnen, der sich am Rande des Meeres befand. Er wurde in ihm geboren und wuchs darin auf. Eines Tages fiel ein Fisch, der aus Versehen aus dem Meer gesprungen war, in den Brunnen. Als der Frosch sich von seinem ersten Schreck erholt hatte, fragte er vorsichtig den Neuankömmling:

»Was bist denn du für ein sonderbares Wesen und wo kommst du überhaupt her?«

Der Fisch antwortete: »Ich bin ein Fisch und komme aus dem großen Meer.«

»Vom großen Meer?«, fragte der Brunnenfrosch ganz erstaunt. »Wie groß ist denn das Meer?«

»Sehr groß«, gab der Fisch zur Antwort.

Der Frosch streckte seine Beine nach beiden Seiten aus und fragte: »Ist das Meer so groß?«

»Es ist viel größer!«, sagte der Fisch.

Da hüpfte der Frosch mit einem gewaltigen Sprung von der einen Seite des Brunnens zur anderen hin und fragte : »Ist es etwa so groß?«

»Mein Freund«, sprach da der Fisch, »das Meer ist so groß, dass du es nicht mit deinem Brunnen vergleichen kannst.«

»Ha!«, rief da der Frosch, »jetzt hast du dich verraten, du Lügner! Denn etwas Größeres als meinen Brunnen kann es gar nicht geben!«

Im Schattendunkel der Maya

Solange wir unser wahres Wesen des unbegrenzten überweltlichen Geistes mit allen Arten von Begriffen und Vorstellungen überdecken, befinden wir uns in diesem bedauernswerten Zustand der Bewusstseinsverengung. Die Folgeerscheinung ist, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt, einen kleinen Teilaspekt der gesamten Wirklichkeit, erfassen können.

In diesem Zustand der Bewusstseinsverengung ist sich der Mensch der Universalität seines Geistes nicht mehr bewusst. So lebt er ein kümmerliches Dasein im Schattendunkel der Maya – dem großen Trugbild einer scheinbar äußeren Erscheinungswelt.

Wie wir uns aus dieser Leidenswelt befreien können, erklärt uns Milarepa, einer der bedeutendsten Meister des tibetischen Buddhismus aus dem 12. Jahrhundert:

Wenn jemand im eigenen Geist sich besinnt auf den ursprünglichen Zustand seines Geistes, dann lösen sich alle trügerischen Gedanken von selber auf in das Reich der letzten Wirklichkeit. Dann ist niemand mehr zu finden, der Leiden verursacht, und niemand, der leidet.

Das erschöpfendste Studium der buddhistischen Schriften lehrt uns nicht mehr als dies Eine.

Wollen wir ernsthaft auf den Grund allen Seins hinabtauchen, müssen wir alle unsere geliebten und gewohnten Wortbegriffe und Vorstellungen opfern und uns einem neuen Weg der Betrachtung öffnen. Erst dann werden wir der durch das begrenzende, begriffliche Denken hervorgerufenen Versklavung entrinnen.

Solange wir zu diesem Schritt nicht bereit sind, bleiben wir am »Finger, der zum Mond weist«, hängen, in der irrtümlichen Ansicht, der Finger sei das Ziel, auf das er hinweist. Im Lankavatara-Sutra, einer der wesentlichen Schriften des Mahayana-Buddhismus, heißt es:

Wenn ein Mensch mit dem Finger auf etwas weist, so könnte der Finger irrtümlich als das Ding genommen werden, auf das hingewiesen werden sollte. In gleicher Weise sind die Unwissenden und Einfältigen unfähig, die Idee aufzugeben, dass im Wort der Sinn selber enthalten sei.

Zen-Meister Hui-neng, der sechste Patriarch des Zen aus dem 8. Jahrhundert, sagt hierzu:

Die den Sinn kennen, sind über sinnleere Worte hinausgegangen und haben die Buchstaben transzendiert. Wer den Sinn erlangt, der vergisst die Worte; er schaut den Grund und lässt alle Lehren weit hinter sich.

Kapitel 3
Zen – jenseits des Denkens
Das augenblickliche Erfassen der Wirklichkeit

Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass unsere gewohnte logische Denkweise unfähig ist, unser ursprüngliches, wahres Wesen und somit die grundlegende Natur aller Dinge zu verstehen. Deshalb halten die Meister des Zen nichts von abstrakten Erklärungen und mühseligen philosophischen Debatten, die uns nur in das Rankengewirr des logischen Dualismus verstricken.

Alle Philosophien und religiösen Systeme sind Folgeerscheinungen verstandesmäßiger Spekulationen. Man mag diesen Lehren allenfalls einen hinführenden, vorbereitenden Wert zugestehen.

Doch in den Augen der alten chinesischen Zen-Meister wie Lin-chi, Hui-neng oder Yün-men waren alle Schriften des traditionellen Buddhismus nur wertloses Papier. So sagt auch der chinesische Zen-Meister Hung-jen (7. Jh.):

Haben wir erst einmal erkannt, dass die Buddha-Natur in allen Wesen so rein ist wie die Sonne hinter den Wolken, brauchen wir uns nur darum zu bemühen, dass der grundlegende, wahre Geist vollkommen klar bleibt, damit die Wolken der irrenden Gedanken sich auflösen und die Sonne der Erkenntnis hervorstrahlt.

Was braucht man sich da noch groß Wissen anzueignen über die Leiden der Geburt und des Todes, über alle möglichen Lehrmeinungen und Prinzipien und über vergangene, gegenwärtige und künftige Dinge? Es ist, wie den Staub von einem Spiegel zu wischen; sobald der Staub ganz beseitigt ist, scheint die Klarheit von selbst auf.

In diesen Worten von Zen-Meister Hung-jen kommt das ursprüngliche, authentische Zen der alten Meister zum Ausdruck. Es ist die reine Form des chinesischen Chan, von der hier in diesem Buch die Rede sein wird und die sich von dem heutzutage vermarkteten Zen-Buddhismus wesentlich unterscheidet.

Das ursprüngliche, lebendige Zen der alten chinesischen Meister ist die Wahrheit jenseits aller Gegensätze. Es zeichnet sich aus durch radikale Unabhängigkeit und lässt sich nicht durch weitschweifige Erörterungen und scharfsinnige Spekulationen verstehen. Es ist die Wahrheit des augenblicklichen Erfassens der Wirklichkeit und deutet immer unmittelbar auf den »Herz-Geist« – das wahre Wesen des Menschen.

Zen ist stets von erfrischender Direktheit, ohne alles übrige Drum und Dran, und somit eine Sache der reinen Erfahrung. Wie das Wasser, das durch die Finger rinnt, entzieht es sich jeder Begriffsbestimmung. Die Dinge sind vollkommen klar, aber sie werden unklar durch unser unterscheidendes, begriffliches Denken.

Zen hat nur ein einziges Ziel: Es will alle unsere Verhaftungen an Worte und unsere konditionierte Vorstellung von Körper, Geist und Welt gründlich zerstören, damit wir aus dem Traum von Geburt und Tod erwachen.

Es erhebt sich über jede Logik des sogenannten gesunden Menschenverstandes und wendet sich unmittelbar an die geistige Intuition des Menschen. Deshalb bleibt es für denjenigen unverständlich und rätselhaft, der glaubt, Zen ausschließlich mit seinem Verstand erfassen zu können.

Aber da wir Menschen in unserem blinden Vertrauen auf unseren Verstand alles mit dem Kopf machen wollen, haben wir uns den Zugang zur Erkenntnis der Wahrheit jenseits aller Worte selbst verbaut. Hinter jeder Antwort, die wir mit den Mitteln des unterscheidenden, begrifflichen Denkens gefunden haben, erhebt sich eine neue Frage, und je mehr wir auf das Ziel zugehen, umso mehr entfernen wir uns von ihm.

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68 p. 15 illustrations
ISBN:
9783937883847
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