Read the book: «Soraja»

Foto Luca Zanier
Yusuf Yeşilöz, geboren 1964 in Mittelanatolien als drittes von sechs Kindener in die kleinste Familie des kurdischen Dorfes. Kam 1987 als Flüchtling in die Schweiz. Seit 1994 Übersetzungen kurdischer Literatur ins Deutsche im eigenen Ararat Verlag . 1992–1995 Leitung einer eigenen Buchhandlung in St.Gallen, seit 1995 auch tätig als Übersetzer für die Sprachen Kurdisch, Türkisch und Deutsch. Yusuf Yeşilöz ist verheiratet und hat zwei Kinder, er lebt in Winterthur.
www.yesiloez.ch
Yusuf Yeşilöz
Soraja
Roman
Limmat Verlag
Zürich
Zuerst erschien ihre Silhouette hinter der Glastür. Dann kam sie herein, schüchtern, die automatische Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss. Sie schaute uns an, lächelte und grüßte mit einem Kopfnicken.
Sie nahm sich die einzige Zeitschrift, eine Kunstzeitschrift mit schwarz-weißen Fotografien, setzte sich auf den dritten und letzten Stuhl im kleinen Wartezimmer und begann in der Zeitschrift zu blättern. Seit etwa drei Jahren begleitete ich Fate als Übersetzer zu Anita Burger, und immer lag dieselbe Zeitschrift im Metallständer. Inzwischen sah sie ebenso abgenutzt aus wie die strapazierten Kinderbücher. Ich hatte Anita nie gefragt, warum sie diese Zeitschrift nie ersetzte, jedes Mal hatte ich sie in die Hand genommen und wieder hingelegt, weil es noch immer dieselbe war.
Die Frau neben mir klappte die Zeitschrift wieder zu, legte sie auf ihre Knie und fuhr mit ihrer Hand durch die braun gefärbten Haare, die bis zu ihren Schultern reichten. Sie hatte einen eher hellen Teint, trug einen dunkelgrünen Pullover mit weißen Querstreifen. Ihre Augen waren blau geschminkt. Ich meinte, sie hin und wieder in der Stadt auf dem Fahrrad gesehen zu haben. Ganz sicher war ich nicht.
Ob ich sie kenne, flüsterte Fate mir in Türkisch zu, ihr war nicht entgangen, dass ich die Frau beobachtete.
«Nein, woher denn?»
Fate fragte, ob diese Frau wohl auch eine Patientin von Anita sei. Noch bevor ich den Mund aufmachen konnte, sprach sie flüsternd, als verrate sie mir ein Geheimnis: «Nein, nein, eine so schöne Frau kann unmöglich eine Irre sein. Vielleicht ist diese schöne Fee die Tochter der Ärztin!»
«Fate, du hast mich öfter fragen lassen, ob Anita Kinder habe. Wenn ich mich richtig erinnere, hat sie nur einen Sohn.»
«Dann ist sie ihre Schwiegertochter?»
«Die Frau neben uns ist zu alt, um Anitas Schwiegertochter zu sein, Fate!»
«Dann ist sie eine Schwester der Ärztin?»
«Sie sehen sich überhaupt nicht ähnlich. Anita ist blond wie eine Zitronenschale und mindestens einen Kopf größer als diese Frau.»
«Wenn sie verschiedene Mütter haben, ist es möglich, warum auch nicht!», sagte Fate und drehte sich zu mir. «Wenn ich die Sprache so gut könnte wie du, hätte ich diese Fee längst gefragt, warum sie hier ist oder ob sie mit Anita verwandt sei.»
«Eine Fee, das hast du treffend gesagt, Fate. Sie ist wirklich schön und anziehend. Aber es wäre aufdringlich und unhöflich, sie direkt zu fragen, warum sie zu Anita komme.»
Noch bevor ich mit meinem letzten Satz zu Ende war, klingelte mein Telefon. Soraja, Fates Tochter, wollte wissen, ob ich ihre Mutter nach dem Arztbesuch nach Hause begleite oder ob ich sie mit dem Bus schicken würde. Murad, ihr Mann, sitze bestimmt im Café und diskutiere über Fußball, sie werde anrufen und ihn nach Hause schicken, um die Mutter zu empfangen. Sie wolle nicht, dass Fate allein zu Hause sei, das sei nicht gut für sie. Soraja sprach schnell, ein Zeichen, dass viel los war in der Apotheke.
Ich sagte, dass ich Fate nur bis zur Haltestelle begleiten könne, weil ich zu tun hätte, Telefonate mit dem Elektrizitätswerk und den Einwohnerbehörden wegen meines interkontinentalen Umzuges.
Fate riss mir das Telefon aus der Hand und berichtete ihrer Tochter über ein Gespräch, das sie an diesem Morgen mit ihrem Vetter Cevat geführt habe. Fate müsse unbedingt diesen Sommer für einige Wochen zu ihnen ins Dorf kommen, habe dieser gesagt, was sie davon halte.
Soraja hatte schon aufgehängt, bevor Fate zu Ende gesprochen hatte, ich hörte es tuten, während Fate noch eifrig weiterredete. Als sie mir das Telefon zurückgab, murmelte sie vor sich hin, seit drei Jahren habe sie ihre Verwandten nicht besuchen können. Im Moment wünsche sie sich nur dieses eine. Die Tochter passe ja schon gut auf sie auf, aber sie wolle nicht wie das kleine Kind der leider immer noch kinderlosen Soraja behandelt werden. Ich reagierte nicht, ich kannte das strenge Regime, das Soraja mit der Mutter führte, die sie seit dem Tod ihres Vaters vor drei Jahren bei sich aufgenommen hatte.
Ich machte das Telefon aus und steckte es in meine Hosentasche.
Auf der Couch neben der großen Kaktuspflanze im Besprechungszimmer ließ mich Anita, die vis-à-vis von Fate saß, ihre Patientin fragen, ob das neue Medikament besser wirke. Fate ihrerseits wollte aber zunächst nur wissen, wer die Frau im Warteraum sei. Mit lauter Stimme fügte sie hinzu: «Diese Frau ist so schön wie der Mond, ist sie etwa eine Schwiegertochter von Frau Doktor?»
Anita sagte in ihrer freundlichen Art, sie könne der lieben Frau Fate Ozan alle Fragen beantworten, sei es über ihre eigenen Beschwerden, vielleicht auch über ihre Eltern oder andere Verwandte, nach denen Fate sich ja freundlicherweise immer wieder erkundige, aber nicht über die Menschen in ihrem Warteraum. Das verbiete ihr das Arztgeheimnis.
Fate wurde laut. «Was soll diese kleine Frage mit einem Arztgeheimnis zu tun haben? Ich will nur wissen, wer diese Frau ist!»
Anita stand auf, ging zu ihrer mit Büchern vollgestopften Bibliothek, die die ganze Wand, rund vier Meter lang, bedeckte, holte ein Buch heraus, und zwar ein dickes. «Alles steht hier drin. Das ist meine Bibel – oder mein Koran –, der das Arztgeheimnis regelt.» Sie lächelte Fate an.
Sie versorgte das Buch wieder und setzte sich auf ihren Stuhl.
Ich übersetzte für Fate, dass die Frau Doktor nicht verraten wolle, wer alles sie besuche, sie meine, dass Fate zu neugierig sei.
Das habe mit Neugier gar nichts zu tun. «Wenn zwei Menschen dasitzen und eine Frau hinzukommt, will man zu Recht wissen, wer der Neuankömmling ist!»
Sie sagte es in einem so bestimmten Ton, als würde sie von Anita ihren längst fälligen Lohn verlangen. Das übersetzte ich nicht, und Anita wollte auch nicht wissen, was Fate gesagt hatte, sondern nur, bei wem Fate momentan wohne und ob sie sich unterdessen entschieden habe, bei der Tochter zu bleiben oder zum Sohn zu wechseln. Auf jeden Fall würde sie ihr empfehlen, nicht allein zu leben, zumindest solange sie Medikamente einnehmen müsse.
Fate sagte, dass sie bei Soraja lebe, die sie hüte wie ein Huhn sein Küken, und berichtete auch, dass diese Pille, die wie eine weiße Bohne aussehe, sie sehr fröhlich mache. Wenn sie diese einnehme, sei sie voll Freude, als würde sie gerade ihre Hochzeit mit Memed feiern. Anita lachte, hielt sie an beiden Händen und fragte, ob sie Memed wieder heiraten würde.
«Auf einem Pferd reitend würde ich zu ihm gehen!», antwortete diese, mit Stolz in der Stimme. Anita lachte. «Für Ihre Sprache liebe ich Sie, Frau Ozan!», sagte sie und fragte, ob sie und Soraja sich vorstellen könnten, dass sie definitiv bei Soraja wohnen bleibe, sie wolle mit Soraja noch einmal reden. Sie doppelte nach, betonte jedes Wort, es sei wichtig zu wissen, wo sie künftig definitiv wohnen würde.
Fate meinte, dass sie momentan bei Soraja lebe, da der Sohn leider ohne Kopf, also noch ledig sei. Aber es sei in ihrer Kultur so, dass die Mutter beim Sohn wohnen müsse. Ihr Sohn wolle sich aber einfach nicht für eine Heirat entscheiden. Sie habe leider keinen Einfluss auf ihn. Auf Anitas Nachfrage sagte sie, dass er mit einem Studienkollegen eine Wohnung teile, die Wohnung der beiden sei für sie sowieso nicht betretbar, da die beiden die Wohnung nie aufräumten, jedes Mal, wenn sie dort sei, habe sie das Gefühl, dass in dieser Wohnung ein Fuchs Vögel gefangen habe.
Wir drei lachten laut.
Nach rund fünf Minuten standen wir auf. Fate holte aus ihrer Handtasche eine Tüte, reichte Anita wie immer ein in Aluminiumpapier gewickeltes Börek. Diese schüttelte den Kopf, bedankte sich.
«Sehr lieb, aber, Fate, schon wieder für mich gearbeitet? Kommen Sie nie mit leeren Händen?»
«Du auch arbeiten für alte Fate!», antwortete diese auf Deutsch.
Beim Abschied küsste sie Anita auf die Wangen, wie immer. Anita hatte sich nur in der ersten Zeit gegen Fates Küsse gewehrt. Und ich musste auch diesmal, schon im Stehen, Anita erklären, dass ich nicht mit Fate verwandt sei, sondern nur ihre Tochter Soraja gut kenne. Weil diese sehr beschäftigt sei in der Apotheke, würde ich ihre Mutter begleiten. Ich wechselte dann ins Englische, damit Fate es nicht verstand: Früher hätten Soraja und ich eine kleine gemeinsame Geschichte gehabt. Darauf sah Anita mich mit großen Augen an und sagte: «Ihr hättet gut zueinandergepasst!»
Später fragte ich mich öfter, warum ich dieses Geheimnis, das ich über Jahre hinweg strikt für mich behalten hatte, Anita gegenüber lüftete. Weil ich davon ausgegangen war, dass ich nach Ankara gehen und sie nie mehr sehen würde?
Ich wollte mich von Anita verabschieden, da ich in meine Heimat zurückkehren wollte, nach vierundzwanzig Jahren in dieser Stadt. Sie war überrascht. Was ich dort machen würde, frag te sie.
«Ich weiß es noch nicht. Zuerst will ich meine Wohnung in Ankara streichen lassen und sie einrichten. Vorher muss ich hier die Wohnung und in Ankara den Mieter loswerden. Es ist noch vieles offen. Wer weiß, wohin der Wind einen führt», schloss ich.
Das sei schön gesagt, meinte Anita, während sie Fate die Jacke hielt, «aber stellen Sie sich einen Umzug und einen neuen Beginn so einfach und locker vor?»
Im Moment sei meine große Sorge, antwortete ich, wie ich meine zwei Möbelstücke, einen Esstisch und eine Kommode, zu denen ich einen besonderen Bezug hätte, und meine Bibliothek nach Ankara transportieren könne. Fate, die unser Gespräch auf Deutsch verstanden hatte, flüsterte, dass ich Hunderte von Wohnungen hell streichen und sie mit den teuersten Möbeln einrichten könne, aber ohne die darin wohnende aufrechte und schöne Frau würde diese Wohnung immer noch düster und leer aussehen, und ich würde das Glück nie finden. Ich übersetzte auf Anitas Wunsch diesen Satz. Sie sagte, zu Fate gewandt, es komme darauf an, was man unter Glück verstehe. Glück habe viele Bedeutungen.
Anita bedankte sich bei mir dafür, dass ich Fate in den letzten drei Jahren öfter zu ihr begleitet hatte. Wenn sie gewusst hätte, dass ich zum letzten Mal zu ihr komme, hätte sie bestimmt ein kleines Geschenk für mich mitgebracht, ein Andenken. Sie habe es sehr geschätzt, dass ich mir für diese alte Verwandte Zeit genommen hätte. Ich wiederholte, dass Fate nicht mit mir verwandt sei. Nicht weil die unterstellte Verwandtschaft mit Fate mich störte, sondern Anitas Vergesslichkeit.
Sie reichte mir ihre Visitenkarte, während sie sagte, sie hoffe, dass ich nach vierundzwanzig Jahren in der Fremde ein leichtes, gutes Ankommen habe. Sie wünsche mir einfach viel, viel Kraft. Sie hoffe, dass die Träume des Träumers in Erfüllung gingen. Ich sagte «Insch-allah», dann lachten wir beide.
Anita gab uns die Hand und wartete – in der Tür stehend – auf die nächste Person. Als wir an ihr vorbeigingen, erhob sich die Frau im Warteraum, und wir standen uns kurz gegenüber. Ich fing ihren Blick auf, und eine Nuance zu lange schauten wir uns in die Augen. Ich hätte auf der Stelle geschworen, dass sie schöner war als der Mond.
Es regnete leicht, die Wolken waren unfreundlich trüb an diesem Tag Anfang März. Fate zählte unter dem Glasdach der Bushaltestelle auf, was sie alles gekocht habe: Bohnensuppe, Teigtaschen mit Spinat, Auberginenmoussaka, Pilaw und als Nachspeise Kadayif. Mit dem einzigen Ziel, mich zu ihrer Tochter Soraja und zu sich zu lotsen. Sie hielt mich an beiden Handgelenken fest: «Mir ist lieber, dass du bei mir isst, als mein Schwiegersohn Murad, der zu nichts taugt und nichts macht.»
Fate hatte ihre Dankbarkeit dafür, dass ich sie zur Ärztin begleitete, bei jeder Gelegenheit ausgedrückt. Ich schätzte ihre Kochkunst und ihre grenzenlose Großzügigkeit. Ich glaubte ihr sofort, dass sie extra für mich gekocht hatte, aber ich wollte nicht mitgehen, weil ich wusste, dass Murad Sorajas Befehle wie ein Soldat befolgte und nach dem Anruf seiner Frau unverzüglich nach Hause gegangen war, um auf seine Schwiegermutter zu warten. Und ich wollte Murad, meinem Nachfolger bei Soraja, nicht begegnen, auch wenn weder er noch Fate von meiner heimlichen Liebesbeziehung zu Soraja wussten, die auch schon mehr als zehn Jahre her war.
Ich musste Fate versprechen, dass ich sie, bevor ich definitiv nach Ankara ginge, noch einmal besuchen würde, damit sie mir ihre Kochkunst vorführen könnte. «Der Geschmack muss dann für immer in deinem Gaumen bleiben!», lobte sie sich. Früher, als ihr Mann Memed noch gelebt hatte, hatte ich mir erlaubt, ihr zu sagen, dass sie zu fett koche, worauf sie lachend entgegnet hatte, ihr Mann habe diese Küche gerne, das reiche ihr. Nun erlaubte ich mir aus Höflichkeit nicht mehr, der gebrechlichen Fate ein ihr nicht genehmes Wort zu sagen, sie ertrug nichts mehr und war schnell beleidigt.
Fate winkte mir durch das Türfenster des Busses. Als er losfuhr, hinterließ er Rauch und Ruß.
Ich setzte mich im Café da Mila an einen kleinen, runden Tisch mit Marmorplatte am Fenster. Die Ausgangstür der Praxis auf der anderen Straßenseite hatte ich gut im Auge. Die Weinstraße war kurz vor Mittag ziemlich befahren, ein Auto folgte dem anderen wie in einem Ameisenzug. Ich erwartete, dass die Fee etwa in einer halben Stunde aus der Praxis kommen würde. Falls sie eine Patientin war. Vielleicht war sie aber auch eine Firmenvertreterin, die Anita Medikamente verkaufen wollte.
Den ersten Espresso trank ich in drei Zügen. Ich war überrascht, dass mein Entscheid zurückzugehen bei vielen Menschen, bekannten und unbekannten, für Kopfschütteln sorgte. Dass ich nach so vielen Jahren zurück will in eine Stadt, zu der meine einzige Beziehung die Appartementwohnung in einem vornehmen Viertel war, die mir von meinem vor vier Jahren verstorbenen Vater geschenkt worden war. Dass auch Anita mich spontan einen Träumer nannte, machte mich betroffen und wühlte mich auf. Vor allem Anitas Bemerkung, Soraja und ich hätten gut zu-einander gepasst, stimmte mich traurig und versetzte mich zehn Jahre zurück, als ich Soraja in meiner Wohnung heimlich empfangen hatte. Wenn sie bei mir weilte, war sie angespannt wie ein Bogen, aus Angst, ihre strengen Eltern würden unsere verbotene Liebe entdecken.
Nein, sagte mir meine innere Stimme, vergiss diese schmerzhafte Zeit, wühle nicht weiter darin. Soraja hast du verloren, an einen Murad, den sie nicht liebt. Dass du sie nicht geheiratet hast, lag nicht allein in deiner Hand, du darfst dir keine Vorwürfe machen. Du hättest dein Wesen ändern müssen, du hattest für ihre Eltern eine zu dunkle Haut, du warst nicht religiös, wie sie und ihre Familie es gern gehabt hätten. Vor allem warst du vierzehn Jahre älter als sie. Die Familie mochte dich als einen Freund und Helfer. Aber du warst der Familie nicht würdig, passtest nicht in die Normen, wie ein Schwiegersohn auszusehen hätte!
Jedes Mal, wenn die Kellnerin zu mir hersah, bestellte ich einen Espresso, obwohl ich bald keine Lust mehr hatte. Am Schluss waren es fünf Tassen. Jedes Mal brachte sie eine Tasse in einer anderen Farbe, weiß, grün, gelb, rot und hellblau. Den fünften habe sie nicht eingetippt, sagte sie und bemerkte, dass sie in ihrer fünfjährigen Karriere als Kellnerin das erste Mal jemanden bediene, der innerhalb von einer halben Stunde fünf Espressi hinunterkippe. Einen, der fünf Bier hintereinander trinke, erlebe sie leider oft. Sie spendiere mir nun einen sechsten. Ohne eine Antwort abzuwarten, brachte sie diesmal eine Tasse in schwarzer Farbe. Sie stellte die sechs Tassen auf dem Tisch in eine ordentliche Reihe, fragte mich, ob sie ein Foto machen dürfe, das wolle sie als Erinnerung behalten. Sie habe ihr Studium abgeschlossen, höre mit diesem Nebenjob auf und gehe auf eine Weltreise. Nachdem sie mich mit meinen sechs Tassen fotografiert hatte, fragte ich sie, ob sie mir davon einen Abzug machen könne. Sie freute sich über meinen Wunsch. Ich solle morgen um dieselbe Zeit vorbeikommen, dann bekäme ich ein Foto.
Die Kellnerin sprach noch über die geplanten Destinationen ihrer Reise, da kam auch schon die Fee aus dem gegenüberliegenden Haus. Ich legte das Geld auf den Tisch, eilte hinaus. Im Gehen zog ich mein Jackett an, schlängelte mich durch die Autos durch, was nicht ganz ungefährlich war. Der Fahrer eines Lieferwagens hupte laut, als ich vor seinen Wagen rannte. Die Bremsen quietschten wie das Zischen einer Schlange.
An der Bushaltestelle zögerte ich doch, sie anzusprechen, obwohl wir einander vielleicht eine halbe Minute lang anschauten.
Noch während ich einen Vorwand suchte, unter dem ich sie ansprechen könnte, hielt ein Auto an, und sie stieg ein, nicht ohne mich noch eines verstohlenen kurzen Blicks zu würdigen. Wer am Steuer saß, sah ich nicht, weil die Scheiben des roten Aut os vom leichten Regen verschwommen waren. Ich schaute dem Auto nach, merkte mir die Nummer, tippte sie in mein Handy, löschte sie aber sofort wieder, weil mir das aufdringlich vorkam und ich mich wie ein schmieriger Detektiv fühlte.
Anita war im Warteraum ihrer Praxis beim Aufräumen. Sie war nicht wenig überrascht, dass ich zurückgekommen war. Als wäre sie an den Boden genagelt, stand sie da und schaute mich fragend an. Fast stotternd sagte ich, dass ich meinen Schal vergessen habe, worauf sie lächelnd sagte, dass sie keinen Schal gesehen habe. «Und in welcher Farbe war der?»
Überrascht von der Frage, fiel mir nicht gleich eine Farbe ein. «Er ist blau – also dunkelblau!»
Anita stand gerade vor mir, ihre Miene wurde ernst: «Wenn Sie ein Gespräch mit mir wollen, müssen wir einen Termin vereinbaren. Ich brauche jetzt meine Mittagspause.»
Ein Gespräch mit der Psychiaterin wollte ich nicht, mir reichte schon, dass ich Fate, die seit dem Tod ihres Mannes eine Therapie machte, zu Anita begleitete. Wenn Anita Fragen stellte, um herauszufinden, wie stark Fates Depressionen waren, stellte ich diese Fragen jeweils auch an meine innere Stimme. Ich glaubte nicht, dass ich unter Depressionen litt. Ich wollte auf keinen Fall auf Anitas gelber Couch sitzen, um herauszufinden, wie es mit meiner psychischen Verfassung stand. Der weiße Stuhl, auf dem ich als Übersetzer saß, genügte mir vollkommen.
Ich fand, dass es sinnlos war, das Spiel hier länger zu spielen, zumal ich mir sicher war, dass die clevere Anita sogar in meinen Augen lesen würde, was ich suchte. Ich sagte direkt, dass ich wissen wolle, wer diese Frau sei, die nach uns an die Reihe gekommen war.
Anita blieb stehen, musterte mich von Kopf bis Fuß. Ihr Blick war durchdringend. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir ihre Überlegenheit demonstrieren wollte. Den Satz «Ach so!» zog sie in die Länge. Dann überraschte sie mich mit einer harten Frage: «Laufen Sie jeder Frau nach, die Sie schön finden? Können Sie das auch in Ankara tun?» Sie lachte danach irgendwie sarkastisch, und ich hatte keine Antwort parat.
Die Frage war treffend und verletzte mich doch, sodass ich entschied, wieder zu gehen.
Zu meinem Erstaunen fragte sie, ob ich mich zu ihr gesellen wolle, wenn sie ihr Sandwich esse, sie habe eine Dreiviertelstunde Mittagszeit. Bis der nächste Mensch mit seinen Problemen vorbeikomme, wolle sie einen Bissen im Magen haben, sonst könne sie den langen Tag nicht aushalten. Ich sagte ohne zu zögern zu und fragte, ob ich ihre Toilette benützen dürfe. Die vielen Espressi wollten nicht länger in der Blase ausharren. Als ich zurückkam, war das Mittagessen schon bereit.
Anita, die schlanke Frau, aß schon im Stehen ein Sandwich aus Vollkornbrot und reichte mir das Börek, das Fate ihr gebracht hatte. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie mir nur das geschenkte Börek gebe, sie habe leider sonst nichts hier, «außer Leitungswasser und ein paar Salznüssen». Wir setzten uns, Anita auf den Stuhl, auf dem Fate gesessen hatte, ich auf den, der zuvor der Platz der Fee gewesen war. Auf den Stuhl zwischen uns hatte sie Essiggurken im Glas, gleichmäßig geschnittene Kohlrabi auf einer farbigen Serviette, sechs Stück kleine Tomaten in einer Glasschale und eine Wasserkaraffe mit zwei Gläsern gestellt.
Wir wünschten einander gleichzeitig guten Appetit und sprachen vom regnerischen Wetter, das uns beiden nicht gut tue, vom nicht kommen wollenden Frühling, den wir beide vermissten. Es habe sie vorhin beschäftigt, sagte sie nach einer kurzen Stille mit ihrer sanften Stimme, warum ich mich nach so vielen Jahren dafür entscheide, zurückzukehren. Zuerst habe sie gedacht, dass vielleicht die Liebe eine Rolle spiele. Wenn ich aber der schönen Frau nachlaufe, den Satz betonte sie extra, heiße das für sie, dass dort in Ankara keine Frau auf mich warte. Ich war diese Frage gewohnt und antwortete, dass ich etwas Neues wolle. Mit meiner unklaren Antwort gab Anita sich nicht zufrieden.
«Was Neues?», sagte sie vor sich hin, während sie die Gläser füllte. Sie reichte mir ein Wasserglas. «Haben Sie vielleicht genug davon, in einem Land immer als Fremder betrachtet zu werden?»
Ich trank das Glas in einem Zug leer. Die Frage überraschte mich, die folgende Frage, warum ich so viel dunkler sei als die anderen aus meinem Land, noch mehr. Das sei nicht immer ein Vorteil, gab ich wortkarg auf die zweite Frage zur Antwort. Auf die erste Frage wusste ich noch nichts zu entgegnen.
«Ich bin zu Ihnen gekommen, damit sie mir den Namen dieser Frau sagen.»
«Ich darf Ihnen auf keinen Fall den Namen dieser Frau preisgeben. Haben wir nicht eben dieses Berufsgeheimnis erklärt?» Sie lachte mit einem Unterton: «Wenn ich Fate das Geheimnis verrate, muss ich mit Ihnen nach Ankara kommen, weil ich dann den Beruf an den Nagel hängen müsste. Ich liebe aber meinen Beruf!»
«So weit möchte ich Sie nicht bringen, aber verraten Sie mir doch so viel, ob die Frau mit Ihnen verwandt oder eine Patientin ist?»
«Jedes Kind wird darauf kommen, dass sie eine Patientin ist, wenn sie im Warteraum einer Arztpraxis gesehen wird!»
Anita wechselte das Thema. Vorher biss sie zweimal hintereinander heftig in ihr Sandwich. Dann warf sie in schnellem Tempo Tomaten und Gurken nacheinander in den Mund.
«Sagen Sie mir, was haben Sie hier gearbeitet? Sie scheinen immer adrett gekleidet zu sein.»
«Ich bin Mathematiker, habe aber mein Brot mehrheitlich als Übersetzer bei den Asylbehörden verdient, weil ich in meinem ursprünglichen Beruf nicht habe arbeiten können. Ich habe hier leider keinen Abschluss gemacht.» Ich fragte Anita, was meine Kleider mit dem Beruf zu tun hätten. Sie ging nicht darauf ein.
«Um im Asylamt zu arbeiten, braucht man ja auch eine dicke Haut, all diese traurige Geschichten übersetzen und anhören …»
«Auch Sie hören ja täglich Schlimmes …»
«Das stimmt schon, trotzdem liebe ich die Menschen. Nicht nur mit ihren Sonnengesichtern, sondern den Menschen als Ganzes, dazu gehört auch, dass Menschen Probleme haben. Und es tut ihnen gut, davon zu erzählen.»
«In jedem Beruf gibt es nicht nur Schmerz.»
Anita sagte nichts. Ich war geneigt, das Thema Beruf abzuschließen und zeigte auf mein rechtes Ohr.
«Der Mensch vergisst ja zum Glück viel, das geht da rein, da raus.»
Stille. Anita hatte ihr Sandwich fertig gegessen. Sie trank Wasser.
«In Ankara», sie machte nach diesem Wort eine kurze Pause, «was erhoffen Sie sich dort?»
Diese Frage hatte ich mir auch schon einmal gestellt, sie aber gleich wieder verdrängt. Ich wolle erst einmal in Ankara ankommen, meine Wohnung einrichten und dann sehen, was passiere. Sie überraschte mich auch mit der nächsten Frage.
«Denken Sie, dass Sie dort einfacher leben können, als alleinstehender Mann?»
«Hier lebt ja jede zweite Person allein», war meine ausweichende Antwort. Ich war verblüfft, wie sie die Fragen, die auch mich beschäftigten, kurz und direkt stellte. «Vielleicht finde ich in Ankara die Zufriedenheit, die ich suche», lachte ich dazu. Dann korrigierte ich mich, das sei ein Witz gewesen, und fügte mit ernster Stimme hinzu, dass ich den letzten Ort für das Leben, meine letzte Lebensstation, noch nicht gefunden habe.
«Die ist überall zu finden und auch wieder nirgends», sagte Anita, während sie die leeren Gläser in die Hand nahm und aufstand. «Ich muss ein paar Minuten allein sein für eine Yogaübung, bald kommt die nächste Frau, ich möchte aber, dass Sie dieser hier nicht begegnen. Sie verstehen, was ich meine.»
Die Botschaft war klar, Anita hatte mir freundlich gesagt, ich solle gehen. Ich stand auf. Auch jetzt – ich hatte es noch einmal versucht und war selber überzeugt, dass ich aufdringlich war – sagte Anita nicht, wer die Frau war, die ich suchte.
Sie verlor aber den Satz: «Einer Lehrerin und Mutter wächst schnell einmal alles über den Kopf.»
«Ist sie Lehrerin?»
«Das weiß ich nicht», korrigierte sie sich schnell, «sie könnte Lehrerin, Ärztin, Krankenschwester oder auch Coiffeuse sein, aber ich möchte Ihnen sagen, dass Sie die Finger lassen sollten von dieser Frau. Sie ist für ein Vergnügen kurz vor Ihrer Reise ins Ungewisse nicht geeignet. Sie tun dieser fragilen Frau bestimmt nichts Gutes, wenn Sie ein kurzes Abenteuer mit ihr suchen.»
Ich musste mich wehren: «Ich suche kein kurzes Abenteuer! »
«Was dann?»
Anitas Frage dröhnte in meinem Ohr. Sie machte mich auch verlegen. Ich wusste ja selbst nicht, warum ich gerade von dieser Frau so gebannt war. Ich sagte, es sei mein Hobby, schöne Menschengesichter zu fotografieren. Ich wolle in der Stadt Ankara, die ich nicht kenne, mit einer Fotoausstellung schöner Gesichter aus vielen Kontinenten einen Freundeskreis finden. Zu mindestens hoffte ich das.
Anita blieb stehen und blickte mich skeptisch an. Sie stellte die Überreste des Essens in ihr Sprechzimmer und kam mit einem Notizblock und einem Stift zurück.
«Ich vertraue Ihnen, weil Sie zuvorkommend waren und bei mir für die alte Frau immer korrekt übersetzt haben. Ich mache eine Ausnahme, ich werde die Frau, die Sie suchen, nachher anrufen und von Ihrem Wunsch erzählen. Und ihr auch sagen, dass ich nicht genau wüsste, warum Sie so hartnäckig seien. Sie kann selber entscheiden, ob sie sich bei Ihnen meldet oder nicht. Zuerst aber noch einmal ganz ehrlich: Suchen Sie sie nur fürs Fotografieren?»
«Ja, ja, ja, natürlich», schoss es aus meinem Mund. Anita schrieb meine Telefonnummer auf, während sie vor sich hinmurmelte, ein einziges Ja hätte ihr auch gereicht.
Ich stand auf, sie reichte mir die Hand. «Viel Glück auf der Suche nach Zufriedenheit!»
Aus ihrer angenehmen Stimme war deutlich Spott herauszuhören.
Ich stieg auf mein Fahrrad, das im Unterstand das Zweite war. Ich nahm an, dass das andere, ein altes Damenfahrrad einer stadtbekannten Marke, die einmal unter den Umweltschützern Kult war, Anita gehörte.
Da ich in den Schulen übersetzt hatte, wusste ich, dass im Augenblick in den Korridoren der Schulen Fotos der Lehrer aufgehängt waren. Ich radelte die Bahnlinie entlang zu der nächstgelegenen Schule. Der Regen hatte aufgehört. Wenn ich in eine Straßenpfütze fuhr, spritzte das Wasser bis zu meinem Gesicht.
Ich wusste, dass ich ein Mensch auf der Suche war, wusste aber nicht mehr, seit wann. Warum überraschte und traf es mich, dass auch die Ärztin Anita mich einen Träumer nannte? Ein Träumer war ich ja immer gewesen. Ist nicht jeder Mensch ein Träumer?
Ohne mein Fahrrad abzuschließen, ging ich hinein ins Schulhaus Gutenberg, wo ich während mehrerer Jahre für meine Landsleute, die das Deutsche nicht genug beherrschten, übersetzt hatte. Die Schüler hatten noch Unterricht, der Schulhof war verlassen. Hätten die Kids Pause, wäre in den Gängen ein Lärm wie ein Erdbeben, ging mir durch den Kopf. Der Hauswart stand an der Außentreppe. Mit einem Besen in der Hand tat er so, als würde er die Treppe reinigen von einem braunen Saft, der verschüttet worden war.
Ich versuchte zielstrebig an ihm vorbeizugehen. Er hob den Kopf mit einem Seufzen und fragte, wo ich hin wolle. Ich nannte den Namen der Schulpräsidentin, Frau Sommer. Er fragte, ob ich der Vater eines Schülers von ihr sei, worauf ich sagte: ja, so etwas Ähnliches. «Aha», sagte er, auch er sei so etwas Ähnliches wie der Vater des Kindes seiner Partnerin, und er lachte. Frau Sommer sei noch in der Stunde, fügte er hinzu, ich könne im Gang auf sie warten. Wenn ich einen Kaffee wolle, müsse ich warten, bis das Lehrerzimmer in der Pause aufgeschlossen werde. Ich durfte hinein.
Es dauerte nur eine Minute, bis ich mir im Parterre auf einer Pinnwand die etwa zwanzig Fotos der Lehrerschaft angesehen hatte. Ich war enttäuscht und gleichzeitig erleichtert, dass die Fee nicht dabei war. Enttäuscht war ich, weil sie nicht dabei war, obwohl ich nicht erwartet hatte, sie so schnell zu finden. Warum ich froh war, wusste ich nicht. Hatte ich Angst vor der neuen Begegnung? Weil ich nicht wusste, warum ich sie suchte? Dem Hauswart an der Treppe sagte ich, dass ich doch keine Zeit habe zu warten bis zur Pause. Er reagierte nicht, und ich radelte zu der nächsten Schule. Ein kalter, mit leichtem Regen vermischter Wind stach mir ins Gesicht, aber der störte mich nicht, ich pfiff sogar eine Melodie auf dem Fahrrad.
Ich hatte viele Erinnerungen an diese Orte, die ich jetzt mit dem Fahrrad durchquerte, kannte Geschichten von hier, die ich in Ankara würde erzählen können. Mein Landsmann, wie hieß er wieder? Er war groß gewachsen, hatte eine Brille mit goldenen Rändern, seine Haare waren modisch und kurz geschnitten, mit Gel geformt, wie von Hand gezeichnet. In seinen engen, schwarzen Leibchen wirkte er wie ein Model. Er saß vis-à-vis der zierlichen Lehrerin – wie hieß sie doch gleich? Der Schülerstuhl, auf dem er saß, war für ihn zu klein, es sah aus wie ein Elefant auf einem Autositz. Die Lehrerin versuchte zu erklären, wie sie seinen Sohn empfinde, warum er Mühe habe, sich in die Gruppe einzubringen und dort seinen Platz zu finden. Sein Sohn habe den Kreis der Familie nie verlassen, sie denke, dass ihm deshalb die soziale Kompetenz fehle. Und mein Landsmann sagte der Lehrerin, er selber habe in seinem Dorf fünfhundert Schafe bei der Stange gehalten, und die Lehrerin sei nicht imstande, elf kleine Kinder zusammenzuhalten. Er frage sich, was man in einer Lehrerschule überhaupt lerne. Wir alle hatten gelacht. Auch die Lehrerin, deren Gesicht aber rot angelaufen war. Ich habe, wie viele andere, auch diese Menschen aus den Augen verloren.
Auch im nächsten Schulhaus fand ich kein Foto der Fee. Anschließend durchsuchte ich volle sieben Schulhäuser, aber das schöne Gesicht war auf keiner der Fototafeln dabei. Ich konnte meine Enttäuschung nicht mehr unterdrücken. Ich war müde vom Radfahren und gleichzeitig froh, mich genügend bewegt zu haben. Meine innere Stimme redete mir zu, sie habe zwar ein sehr schönes Gesicht, aber kurz vor der geplanten Reise sei es überhaupt nicht klug, sich noch auf eine neue Geschichte einzulassen.

Zu Hause kochte ich mir einen Pilaw und wärmte mir die Reste der weißen Bohnen auf. Während des Essens hörte ich wie jeden Abend die Nachrichten im Radio. Es berichtete als erstes vom befürchteten Bürgerkrieg in einem Land weit weg von hier und dann vom Plan einer Gruppe, die für viele Milliarden Franken eine Autobahn durch den großen Berg bauen wollte. Beide Nachrichten hatte ich auch am Tag zuvor gehört, ich stellte das Radio ab.
Als ich danach mit dem Sortieren meiner Bücher, die ich nach Ankara mitnehmen wollte, fortfuhr, waren die Gedanken an die Namenlose, die Fate eine Fee genannt hatte, schon ziemlich verblasst. Sie war wie ein Traum der vergangenen Nacht. In Gedanken versunken, wer mir welches Buch geschenkt hatte – ich hatte vor, nur die mir geschenkten Bücher mitzunehmen –, meinte ich zu hören, dass mein Handy im vorderen Fach meines Rucksacks vibrierte. Ich hastete hin und ertappte mich dabei, dass ich doch auf ein Zeichen der Fee gewartet hatte.
Es war Soraja. Sie foppte mich wie immer. «So Einsamer Was mchst zu dsr Std Was wühlst du in dnm dicken Schdl auf?»
Ich wusste, dass sie mir diese abgekürzten Zeilen ohne Punkt und Komma hastig auf der Toilette geschrieben hatte, in Anwesenheit ihres Mannes hätte sie nicht solch persönliche Dinge an einen anderen Mann schreiben können. Ich schrieb ihr zurück, dass ich nur in meiner Vergangenheit wühlte und die mir von der besten Frau der Welt geschenkten Bücher in den Koffer einpackte. Sie schrieb nicht mehr zurück, ein Zeichen, dass sie nicht mehr auf der Toilette war.
Soraja hatte mir zu jedem Geburtstag ein Buch geschenkt, ich zählte zwölf Stück, die in einer Reihe standen, ich hatte in jedem Buch auf die erste Seite gekritzelt: «Von ihr». Und das Datum. Ich schaute in all diese Bücher, spazierte durch meine Erinnerungen mit Soraja. Wann hatte ich sie das erste Mal gesehen? Sie stand neben ihrem Vater, der Spenden sammelte im Namen eines religiösen Hilfswerkes für die Erdbebenopfer in Istanbul. Das Datum wusste ich noch, es war der 20. August 1999: Drei Tage vorher hatte dieses apokalyptische Drama, das gegen hunderttausend Menschen das Leben kostete, sogar mich, den Soraja später als gottlos bezeichnen würde, erweicht gegenüber den Religiösen, die für mich bis anhin ein rotes Tuch waren. Ich war zu diesem Stand am Bahnhof gegangen, hatte mich vorgestellt und meine Absicht kundgetan, helfen zu wollen. Als der Vater von Soraja erklärt hatte, dass er plane, persönlich hinzureisen und das von ihm gesammelte Geld und die Waren eigenhändig einigen Bedürftigen auszuteilen, hatte ich ihm eine Spende versprochen. Und der kluge Mann erkannte meine Skepsis, sagte, dass er jede Geldübergabe fotografieren lasse, er werde schauen, dass meine Spende an eine kinderreiche Familie gelange. Als ich ihm Geld gegeben hatte, rezitierte er einen Vers, ebenso, als er mir eine Empfangsbestätigung aushändigte.
Tatsächlich hatte Soraja eine Woche später angerufen und mir im Café da Mila einige Fotos gezeigt, wie ihr Vater mit weißem Bart vor einer Hausruine Männern, die von vielen Kindern umgeben waren, mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen Geld übergab. Dort, eben in diesem Café, hatte ich zum ersten Mal das süße Parfüm einer Frau mit Kopftuch eingeatmet und erstmals auch die Gelegenheit gehabt, an einem kleinen, runden Tisch nah bei ihr zu sitzen und ein paar persönliche Worte mit ihr zu tauschen. Als sie von den Erdbebenopfern sprach, von der Trauer dort, fand ich in ihren Worten, ihren Empfindungen, ihrer Empathie auch meine eigene. Diese Frau in dem langen, grauen Mantel, der bis zu den Knöcheln reichte, begann mich zu interessieren. Als sie den Mantel auszog, überraschte mich der enge Pullover an ihrem schlanken Körper. Als hätte ich geglaubt, dass eine Frau im langen Mantel und mit einem Tuch auf dem Kopf überhaupt keinen Körper habe.
Mehr als ein Jahr lang sah ich Soraja mindestens zweimal im Monat, immer am späteren Vormittag, wenn sie sicher war, dass ihr Vater bei der Arbeit war. Erst nach dem dritten Treffen hatte sie mir die Hand gegeben, endlich ein Zeichen von Nähe. Ihre Hand war warm. Die Abende und die Wochenenden, Zeiten, in denen ihr Vater nicht bei der Arbeit war, waren tabu für ein Treffen. Und wenn ich sie sonst zufällig in irgendeiner Begleitung auf der Straße sah, begrüßte sie mich nur mit einem Kopfnicken.
Ich betrachtete die ersten Bücher, die sie mir geschenkt hatte. Sie waren verstaubt, das Papier vergilbt. Es waren religiöse Schriften, die religiöse Moral predigten, die Haditen des Propheten interpretierten oder in die Entstehung der islamischen Religion einführten. Ich hatte sie nicht gelesen, obwohl sie von Soraja, meiner großen Liebe, die ich nicht berühren durfte, kamen. Darunter war ein Buch, wie man Beten lernt, und ein anderes Buch berichtete vom Leben des Propheten Mohammed.
Ich lachte auf meinem Sofa laut auf, als ich die letzten in die Hand nahm, es waren ausschließlich Liebesromane, Bestseller, die irgendwo auf der Welt spielten. Auch «Romeo und Julia» war darunter. Die Ironie wollte es, dass sie mir diese Liebesromane nach ihrer berühmten Hochzeit mit Murad geschenkt hatte, zu der rund tausend Menschen eingeladen waren. Nur ich nicht. Soraja hatte jeweils eine Karte dazu geschrieben, worin sie erklärte, warum sie mich mit diesem Buch beehrte. Interessant daran war, was diese Bücher gemeinsam hatten: In all diesen Liebesromanen fanden sich die Verliebten erst nach schmerzvollen Jahren wieder, entweder im Jenseits oder in der realen Welt. Die Liebe hatte also nach vielen Leiden gesiegt.
Eine Sensation war es auf diesem, meinem einzigen Sofa gewesen, als Soraja mir zum ersten Mal ihre Haare gezeigt hatte. Ihre Eltern weilten damals im Heimatdorf in der Türkei, wenn ich mich heute richtig erinnere, wegen der Beisetzung eines nahen Verwandten. Die damals zwanzigjährige Soraja hatte sie zum Flughafen gefahren und mich schon auf dem Rückweg im Auto angerufen, sie sei zehn Tage ohne die Eltern, der Bruder werde sicher ihre Abwesenheit ausnützen und viel Zeit mit seiner Freundin, von der die Eltern nichts wussten, verbringen. Da biete sich erstmal die Gelegenheit, dass ich ihr meine Kochkunst, von der ich stolz erzählt habe, vorführen könne.
Den ganzen Nachmittag hatte ich in der Küche gestanden. Soraja hatte ihrem Bruder gesagt, dass sie mit der Freundin Claudia unterwegs sei. Claudia war natürlich in die Lüge eingeweiht worden. Ich war damals in einer Beziehung, die ich schon vom Beginn an als vorübergehend betrachtete, hatte meiner Geliebten mitgeteilt, dass ich bei Landsleuten eingeladen sei. Ich führte Soraja meine besten Speisen vor und bestand die Prüfung mit Bestnote.
Zwar schätzte sie es sehr, sie war gerührt, überhaupt von einem Mann bekocht zu werden, aber sie hatte an diesem Abend nur zwei Fragen im Kopf, die sie während des Essens mehrmals stellte: warum ich noch ledig sei im Alter von fast fünfunddreißig Jahren, und warum ich nicht gläubig sei. Ob diese beiden Ungewöhnlichkeiten miteinander zu tun hätten? Meine Antwort, dass ich noch nicht die richtige Frau getroffen hätte, überzeugte sie wenig, genauso wie meine Vorwände, ich sei zu beschäftigt, um fünfmal pro Tag zu beten.
Nach dem reichlichen Essen saßen wir auf meinem alten Sofa, das ich mit einem farbigen Tuch bedeckt hatte. Das seidene Tuch mit den bestickten Ecken war ein Andenken, das mir von meiner verstorbenen Mutter geblieben war. Soraja war nervös wie eine aufgescheuchte Taube. Wir saßen einen langen Moment da, ohne etwas zu sagen. Zwischen uns lag irgendeine Mappe, in der ich meine Monatsrechnungen aufbewahrte. Ich betrachtete Sorajas unterdessen rot angelaufenen, runden Backen. Sie spielte mit ihren braun lackierten Fingernägeln.
Plötzlich berührte meine Hand ihr Gesicht, das mir bis anhin so weit, so unerreichbar wie die Sterne vorgekommen war, und meine Finger glitten hinauf zu ihren Haaren, unter das Tuch, worauf sie das farbige Tuch, das unter ihrem Kinn gebunden war, lockerte. Nach der ersten Liebkosung ihrer Haare nahm sie das Tuch gänzlich ab und befreite die Haare von der Spange. Das kastanienbraune Haar breitete sich im Nu über ihre Schultern wie die Federn eines Pfaus. Sie fragte mich, ob mir ihre Haare gefielen, ich sagte: «Oh ja, sehr.»
Sie brach aber in Tränen aus, ich wusste nicht warum, mir war es peinlich.
Erst Monate später sagte sie mir, dass sie geweint hatte erstens, weil sie gesündigt und ihre Haare einem fremden Mann gezeigt hatte, zweitens aus Angst, dass sie und ich nicht zusammenfinden würden, weil zwischen uns zu viele Barrieren stünden. An diesem Tag gab sie mir nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange und betete danach, bat flüsternd ihren Gott um Vergebung, dass sie einen Mann berührt habe. Ich hielt ihre Hand, und mit leichtem Spott in der Stimme sagte ich, dass sie nichts Verbotenes gemacht habe. Sie müsse wissen, dass die Liebe schon vor der Erschaffung der Götter entstanden sei. Ich dürfe nicht sündigen, warnte sie mich ernsthaft, und ich wechselte das Thema, indem ich auf ihr kürzlich begonnenes Studium der Pharmazie zu sprechen kam. Da erzählte sie mir über ihre Lebensziele, sie war gesprächiger, offener, unverkrampfter. Sie wusste, dass sie, weil sie ein Studium machte, der Stolz ihrer Familie war, die selbst als Textilarbeiter in die Schweiz gekommen waren, und deshalb Freiheiten genoss, von denen auch wir profitierten, indem wir uns heimlich treffen konnten. Sie hatte zu Hause jeweils glaubhaft erzählt, dass sie bei einer Freundin lerne. Für ihre Lügen betete sie zusätzlich.
Zwei Tage später kam sie wieder zu mir, diesmal hatte ich nicht gekocht, nicht, weil ich keine Lust hatte, sondern weil mir vor Aufregung die Hände zitterten, wenn ich das Rüstmesser in die Hand nahm, und sie war damit einverstanden, dass wir für uns beide eine Pizza bestellten. Als hätten wir dies schon vorher abgemacht, kam sie herein, zog ihren grauen Mantel aus, den ich als Zelt, in dem ihr Körper versteckt war, bezeichnete, auch das Kopftuch faltete sie zusammen und legte beide Kleiderstücke auf die Ecke des Sofas, sie blieb stehen, schaute mich an und fragte, ob ich wisse, wann eine Frau dieses Tuch ablegen dürfe. Ich war von ihrem schlanken Körper, den ich zum zweiten Mal in einem engen Pullover sah, fasziniert und schaute sie an, wie wenn ich etwas ganz Fremdes, Unvorhergesehenes betrachtete.
Ich wusste keine Antwort, ich kam nicht aus einer religiösen Familie. Die einzige Frau, mit der ich aufgewachsen war, war meine zu mir äußerst strenge Stiefmutter, die nicht fromm war. Zudem hatte die Religiosität mich damals nicht interessiert, ich hatte als junger Mann nur die Schauspielerei im Kopf.
Als von mir keine Antwort kam, klärte Soraja mich auf: «Nur in der Familie. Nur in Anwesenheit des Vaters und des Bruders darf eine Frau das Tuch abnehmen.» Peinlich war es mir nicht, dass ich diese wichtigen Kenntnisse meiner Religion, oder sagen wir, meiner ursprünglichen Religion nicht hatte.
«Und was bin ich, in dessen Anwesenheit du dein Haupt entblößen darfst?», fragte ich sie lachend, während ich unser übliches Getränk, Tee, in den schmalen, tulpenförmigen Gläsern servierte.
Sie schaute mich an und murmelte vor sich hin, dass sie ihre Gedanken noch nicht ordnen könne und nicht wisse, was ich sei. Sie wisse mit aller Deutlichkeit, dass sie mit ihrem heimlichen Besuch bei mir sündige. Sie sei aber sonst ihrem Glauben gegenüber sehr loyal und zu ihrem Gott und zu den Menschen aufrichtig, sodass er ihr diesen einzigen Fehler, den sie leider nicht verhindern könne, da ihr Herz über ihren Kopf siege, verzeihen werde. «Du bist für mich nur du», sagte sie und widmete sich ihrem Tee, den sie lange klirrend rührte und dann in drei Zügen austrank.
Ich erzählte ihr von Filmen, von lustigen, von vielen Liebesgeschichten in diesen Filmen, mit dem Ziel, vom Thema Gott und Glauben wegzukommen. An diesem Tag küssten wir uns lange, ihre Lippen waren wie die Sonne, sie gaben Wärme und Zuneigung. «Du bist der erste Mann, den ich küsse», sagte sie nach jedem Kuss und fügte schallend lachend hinzu: «Abgesehen von meinem Bruder, mit dem ich als Kleinkind schmuste, und meinem Vater, der mich immer wieder auf die Wangen küsst, wenn ich bei einer Prüfung gut abgeschnitten habe.» Und ich glaubte ihr, dass ich der erste Mann in ihrem Leben war. Sie reagierte bei jeder Berührung ihrer warmen und weichen Haut mit dem Satz, in meinen Armen sei sie glücklich wie ein Mekkabesucher. Das brachte mich durcheinander. Wusste sie keinen anderen Vergleich?
Sie zog mich aus, bis auf die Jeans, erlaubte aber nicht, dass ich meinen Gürtel lockerte. Es überraschte mich sehr, dass Soraja mit dem Ausziehen ihrer Kleidung großzügig war, sie zog sich aus bis auf die weite Leinenhose. Das sei Gleichberechtigung. Als ich weitergehen wollte, sagte sie im Scherz, auf ihre Schenkel zeigend, dass da unten ihr ganzer Schatz und ihre Zukunft versteckt seien. Es dürfe nicht passieren, dass ein Mann, von dem sie noch nicht wisse, ob er ihr Ehemann werde, mit diesem Schatz in Berührung komme. Wir küssten uns leidenschaftlich, ich hatte meinen Arm um ihren schlanken jungen Körper gewunden wie eine Schlange um einen Ast. Als sie zum Orgasmus kam, flüsterte sie: «Mein Gott, was für ein schönes Gefühl ist das!»
Beim Anziehen sagte sie, sie fühle sich wie ein Raubtier, das zu einer selten guten Beute gekommen sei. Sie wusch sich, duschte, dann fragte sie mich, in welcher Richtung das Qibla, also Mekka sei, sie wolle beten und ihren Gott um Vergebung bitten. Ich fand, sie übertreibe es sehr mit ihrer Religion, sagte ihr aber nichts davon ins Gesicht, weil ich in sie verliebt war, das erste Mal so richtig in meinem Leben, wie ich glaubte.
Während zweier Jahre konnten wir uns heimlich treffen und schmusen, ohne miteinander zu schlafen. Danach ging sie immer duschen und betete zwei Rakat, um Gott um Vergebung zu bitten, weil sie ohne den Nikah mit einem Mann im Bett lag. Unser ersehntes Treffen war immer davon abhängig, dass der Vater bei der Arbeit war und die Mutter nichts merkte. Die Angst, es würde ans Licht kommen, dass wir uns liebten, begleitete uns beide wie ein dunkler Schatten. Einverstanden war ich überhaupt nicht damit, ich war aber ein Sklave meiner Gefühle geworden. Seit ich Soraja kennengelernt hatte, hatte ich keine Augen mehr für irgendeine andere Frau.
Ich holte mein Fotoalbum aus der Schublade meiner Kommode, betrachtete das einzige gemeinsame Foto von uns beiden, sie stand mindestens zwanzig Zentimeter von mir entfernt, als würde sie auch auf dem Foto Distanz markieren.
Mehrmals war ich nah daran, mich von Soraja zu trennen, konnte mich aber nicht überwinden.
Eines Tages – wir hatten uns in den Hosen geliebt wie immer, und nach der Liebe hatte sie sich gewaschen und gebetet wie immer – hatte sie mich überrascht mit dem Vorschlag, ob man nicht den Nikah machen könne, heimlich, in einem anderen Land, unter einem anderen Namen. Sie wolle keine Sünde mehr begehen, indem sie mich heimlich treffe und wir als unverheiratete Menschen einander berührten. Sie habe von Raubtieren geträumt, sie denke, dass dies die Strafe Gottes sei, weil sie mich berührt habe.
Ich rastete aus, schrie sie an, dass ich diese Doppelmoral nicht mehr aushalten könne. Wenn sie mich heiraten wolle, sei ich dazu bereit, trotz der bestehenden Hürden. Aber diese Heimlichtuerei wolle ich nicht mehr mitmachen.
Auch sie sei bereit, mich zu heiraten, schrie sie im selben Ton zurück, die Barrieren würden dies jedoch bestimmt verhindern, denn ihre Familie würde auf keinen Fall einwilligen, dass sie einen fünfzehn Jahre älteren Mann heirate, der dazu nicht gläubig sei und nicht aus einer intakten muslimischen Familie stamme. Wenn der Vater höre, dass ich eine Halbwaise sei und die Mutter noch dazu eine Nachkommin von kenianischen Sklaven, von Schwarzen, werde er Berge versetzen, um diese Heirat zu verhindern. Ich könne mich entscheiden, sie werde meinen Entscheid akzeptieren.
Damit hatte sie ihren starken Willen demonstriert.
Sie ging danach nach Hause, und es wühlte bis zum Morgengrauen in mir, wie ich aus dieser misslichen Situation herauskommen könne. Sie war am längeren Hebel, musste ich mir eingestehen. Ich war verliebt, ich wollte sie nicht verlieren. Ich schrieb ihr am frühen Morgen im Zug eine sms, dass ich einen Einsatz in Bern hätte, danach würde ich mich in dieser Stadt umsehen, ob ein muslimischer Gelehrter zu finden sei.
Schon zwei Tage später reisten wir nach Bern, im selben Waggon, aber nicht im selben Abteil. Sie hatte ihren Eltern gesagt, dass sie für ein Uniprojekt dort in Bern ein Labor besuchen müsse. Gemeinsam hatten wir die Moschee der Mazedonier gefunden, die in einem ehemaligen Billardsalon untergebracht war, und den Vorbeter, der ohne die Anwesenheit unserer Eltern kein Nikah schließen wollte, mit Lügen und Geld bearbeitet. Sie heiße Müjde, der Imam wusste sogar, dass die türkische Müjde in berühmten erotischen Filmen spiele. Über ihren von mir spontan erfundenen Namen hatten wir später viel gelacht, sie sei Studentin hier in der Schweiz, die Eltern könnten nicht aus der Türkei einreisen ohne Visum. Und ich hätte sowieso keine Eltern mehr. Soraja zitierte tatsächlich die entsprechende Sure für einen Nikah, die begründete, dass er ohne die Anwesenheit unserer Eltern eine religiöse Ehe schließen dürfe. Darauf rief der Vorbeter zwei Zeugen, wahrscheinlich seine Verwandten, die nichts sagten, aber nur kicherten, rezitierte lediglich einen Vers und sprach unsere Namen aus, die nicht unsere richtigen waren. Pflichtbewusst holte er von mir das Versprechen, als Ehemann bei einer Scheidung, Gott solle uns vor so was behüten, ihr fünf Goldtaler zu geben, wie unsere wertvolle Religion es vorschreibe, eine Art Brautgeld. Er fragte nur, ob wir einander wollten, wir sagten ja. Danach versuchte der Imam uns zu erklären, was eine Ehe sei und hielt einen langen Vortrag, den er mit dem Satz, man dürfe von Gottes Weg nicht abkommen, abschloss.
Müjde, die Überraschung, dieser Name einer früheren türkischen Schauspielerin, die eine Schönheitskönigin war und auf der Leinwand halb nackt und sehr freizügig küsste und liebte, gefiel ihr. Soraja wusste, dass sogar ihre Mutter Fan der Schauspielerin Müjde war.
Soraja war sehr aufrichtig, korrekt und offen, und ich liebte sie, aber nach diesem Nikah hielt ich die Widersprüchlichkeit der ganzen Sache einfach nicht mehr aus. Wir trafen uns weiterhin heimlich, wir waren nun vor Gott ein Paar, sprachen über alles, nur nicht über unsere Zukunft, von der wir beide keine Ahnung hatten, wie sie aussehen sollte. Wenn wir uns küssten und streichelten, war das nun keine Sünde mehr, nach der Liebe ging sie nur noch duschen, aber nicht beten. Ein paar Wochen später wollte ich wissen, wie es mit dieser Beziehung weitergehen solle. Es gebe drei Hindernisse für eine Ehe, sagte Soraja, sie könne ohne das Einverständnis ihrer frommen Eltern nicht heiraten.
Mit ihr konnte ich mir zum ersten Mal eine Heirat vorstellen, deshalb war ich bereit einzuwilligen, aber die Barrieren waren zu hoch. Sie traute sich nicht einmal, ihren Eltern von der Freundschaft mit mir zu erzählen, sie wusste genau, dass sie von diesem Moment an mit einer rigorosen Kontrolle zu rechnen hätte. Da hatte sie auch recht. Ich war viel älter als sie, ich war dunkler und dazu nicht gläubig. Alles konnte ich nicht ändern, bei den Eltern hätte ich zwar den gläubigen Mann spielen können, aber die zwei anderen Defizite würden auf der Waage schwerer wiegen, das wusste ich.
Soraja lebte in zwei Welten: In meiner, in der ich mit ihr gleichberechtigt war, ich kochte sogar für sie, was sie schätzte, und zu Hause, wo sie die traditionelle Frau spielte. Sie behauptete, dass sie stolz darauf sei, zwei unterschiedliche Welten in sich zu vereinen.
Ich aber suchte nun die ganze Zeit einen Grund, sie zu provozieren. Er ergab sich eines Tages von selbst. Ich erhielt die Einladung eines früheren Freundes, der in Schottland für drei Jahre einen Lehrstuhl hatte, sechs Monate mit ihm die Wohnung zu teilen. Dabei hätte ich die Gelegenheit, einen Master in Englisch zu machen. Ich teilte ihr meinen Plan per sms mit, um die Abendzeit. Am nächsten Tag musste ich im Café da Mila nur dreimal für sie hörbar sagen, dass ich als ihr Mann mich von ihr scheiden würde. Ich war erstaunt, dass sie es so leicht akzeptierte. Sie zeigte weder Trauer noch eine Spur von Zorn, was mir klar machte, dass auch sie eine Trennung wollte, aber den ersten Schritt von mir erwartet hatte.
Als ich ein paar Tage später im Flugzeug saß, fühlte ich eine große Erleichterung, fühlte mich leicht wie ein Vogel.
Die größte Überraschung erlebte ich aber bei meiner Rückkehr aus Schottland: Soraja hatte einen Mann. Murad, der ursprünglich aus dem anatolischen Dorf der Eltern stammte, war aus Istanbul importiert worden. Sorajas Eltern waren stolz, dass ihre Tochter verheiratet war und sie ein großes Hochzeitsfest veranstaltet hatten. Ob Soraja mit Murad glücklich sei, fragte ich sie nie. Nach einem Jahr begann sie aber, wenn wir uns sahen, über die Trägheit ihres frommen Gatten zu klagen, der anscheinend nichts anderes als Fußball im Kopf hatte. Seine Familie hatte es in Istanbul zu Geld gebracht, der älteste Sohn Murad musste auch nicht arbeiten. Von seinem Handy aus koordinierte er die Geschäfte der Liegenschaften.
Ich saß noch immer auf dem Sofa, sah durch das einzige Bild von Soraja und mir hindurch auf den Film unserer Liebe. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein.

Ich schaffte es nicht, ein Datum für die Abreise nach Ankara festzulegen, was mich beunruhigte. Ich begann um meinen Plan zurückzugehen zu fürchten. Wie schon vor rund zehn Jahren, vor meinem vierzigsten Geburtstag. Damals hatte ich zurückkehren wollen, aber keine Lösung gefunden für das Problem, wovon ich dort leben könnte. Nach einem kurzen Besuch in Ankara hatte ich feststellen müssen: Als Gemüseverkäufer auf einer Holzplanke in den Straßen der türkischen Hauptstadt sah ich mich doch eher nicht. Die Angst vor der neuen Herausforderung hatte gesiegt, und ich hatte meinen Wunsch, aus der Fremde nach Hause zu kommen, begraben. Der Wunsch zurückzukehren blieb als bittersüßer Stachel. Dass dieser Wunsch zehn Jahre später wieder hochkam wie eine innere Flut, erklärte ich mir nach langer Überlegung schließlich mit der nicht ausgelebten Beziehung zu meinem Geburtsland und seinen Menschen.
Geldsorgen hätte ich dieses Mal keine, wenn ich zurückkehren würde. Die letzten zehn Jahre hatte ich gespart, ich war kaum in Urlaub gefahren, lebte bescheiden. Und von meiner Mutter hatte ich ein großes Feld geerbt, fünfundvierzig Jahre nach ihrem Tod! Das Feld am Rand einer Provinzstadt, die bei den Investoren allein schon wegen ihrer Erdbebensicherheit beliebt ist, sei jetzt Gold wert, wurde mir berichtet.
Wie ich über Nacht zu einem vermögenden Mann wurde, ist ein Märchen. Mir gefror die Spucke auf der Zunge, als mir von meinem Erbe erzählt wurde: Ein Großgrundbesitzer, bei dem die Eltern meiner Mutter als «Schwarze Knechte» weilten, hatte damals unzählige Hektaren Land. Ihm gehörte ein ganzes Dorf mitsamt dem umliegenden Land. Um bei der damaligen Landreform die Ackerfelder nicht an die anderen zu verlieren, habe dieser schlaue Kerl einen Teil der Ländereien meinem Großvater und meiner Mutter überschrieben. Seine Knechte wussten davon nichts. Auch ich nicht, bis vor kurzem, als ich einen Anruf des Dorfvorstehers Memo erhielt. Diesen Memo hatte ich seit über einem Vierteljahrhundert nicht gesehen. Als er sich meldete, wusste ich zwar, wer er war, aber einen Moment lang war ich sprachlos, denn ich hatte an jenem Abend alles Mögliche erwartet, nur nicht ihn.
Zuerst erzählte er, der zwei Jahre jünger war als ich, was er in den letzten Jahren gemacht hatte. Er war schon mehr als zehn Jahre in Deutschland gewesen, mischte gar deutsche Worte in sein Kurdisch. Er sei zurückgekehrt, um Dorfvorsteher zu werden, er habe seine Tochter, das älteste der fünf Kinder, mit Hilfe Gottes schon verheiratet, und sein Sohn werde, so Gott es wolle, im nächsten Sommer heiraten. Eine weitere Tochter studiere Chemie. Ich nahm an, er würde mich zum Hochzeitsfest seines Sohnes einladen oder nach finanzieller Unterstützung suchen. Noch bevor ich ihn fragen konnte, kam er von sich aus auf das Thema: Ein Enkel dieses längst verstorbenen Großgrundbesitzers habe aufgeregt und verzweifelt nach Nachkommen des Schwarzen Knechtes, so nannte er immer noch meinen Großvater, gesucht. Seine Abklärungen bei den Einwohnerbehörden ergaben, dass ich der einzige Erbe dieses großen Ackerfeldes sei, das seit Jahrzehnten nicht bestellt wurde, weil es steinig war. Die Stadt habe sich ausgedehnt, sei riesig geworden. Der Boden an dem sanften Hang am Berg sei jetzt als Bauland deklariert. Ein Bauunternehmer hatte den Wettbewerb für eine staatliche Universität und ein Krankenhaus mitsamt Wohnungen für das Personal auf just diesem Boden gewonnen. Bei der Überschreibung des Bodens hatte der Notar auf eine Unterschrift von den Erben des Schwarzen Knechts gedrängt. Mindestens dreimal wiederholte Memo, dass ein Glücksvogel auf meinen Kopf geflogen sei, ich sei ein reicher Mann geworden. Schließlich ermahnte er mich, ich müsse auf mich aufpassen, dass ich das Land nicht diesem Enkel schenke, dessen Augen in ihren Höhlen vor lauter Gier wie Murmeln glänzten. Zumindest solle ich nicht zu einem tiefen Preis verkaufen.
Dann, einen Tag später, erhielt ich am Abend einen Anruf von einem Bauunternehmer aus der Provinzstadt, der mein Feld kaufen wollte. Und danach rief er ohne Ausnahme jeden Tag an, bot mir Unmengen von Geld, jeden Abend fünftausend Dollar mehr, weil er mein Zögern als Versuch, den Preis hochzutreiben, betrachtete. Ich hielt den Bauunternehmer mit dem Versprechen hin, ich würde bald kommen und die Sache regeln. Er schien mir erst zu glauben, nachdem ich beim heiligen Koran geschworen hatte.
Ich schaltete dann einen Anwalt ein, um die Sache abzuklären und mich juristisch beraten zu lassen. Sein Bericht zwei Wochen später: Der Boden gehöre mir, ich könne verkaufen oder nicht, wie ich wolle. Ich könne auch den Bau verhindern, beim Bauamt sei noch kein Gesuch für eine Universität eingegangen. Der Beamte dort habe gesagt, ihm sei zu Ohren gekommen, dass man den Boden an diesem Hang dem Militär verkaufe, das dort einen Schießplatz einrichten werde. Der Anwalt, der ein Verwandter meines Vaters war, warnte mich auch vor der Baumafia, die bei solchen Angelegenheiten skrupellos vorgehe. Um mir ein Bild zu machen, könne ich mal nach dem Wort Baumafia googeln und sehen, wie sie Menschen wie Ameisen aus dem Weg räume. Sie haben ihre bewährten Methoden, Grundstückbesitzer zum Verkauf zu überreden. Am besten sei es, wenn ich mich nicht ausfindig machen lasse.
Meine Telefonnummer war aber dem Bauunternehmer und dem Enkel des Großgrundbesitzers bekannt. Später erfuhr ich, dass der Dorfvorsteher Memo meine Telefonnummer dem Bauunternehmer und dem Enkel des Großgrundbesitzers, die nun Kontrahenten waren, teuer verkauft hatte.
Ich ahnte noch gar nicht, was dies alles für mich bedeutete. Es machte mich aber richtig kribbelig. Manchmal erwachte ich um drei Uhr morgens und fragte mich, wie ich mich dieses Feldes wieder entledigen könne. Der Enkel wollte mich natürlich nicht auszahlen, er war sich ganz sicher, dass das Feld ihm gehöre, ich solle nur eine Unterschrift geben, damit er über das Feld verfügen könne. Schenken wollte ich es ihm jedoch auf keinen Fall.
Meine Mutter, an die ich mich kaum erinnere und von der ich keine eigenen Bilder im Gedächtnis habe, hatte mich reich gemacht. Dabei wusste ich nicht viel über sie. Mir war über die Glücklose nur die folgende Geschichte erzählt worden: Mein Vater war elf Jahre alt, als sein Vater auf einem Fußmarsch nach Istanbul starb. Niemand weiß, warum. Er starb einfach, hieß es, man habe ihn dort in einem Dorf nach dem Freitagsgebet zu Grabe getragen. Er brachte Schafe von der Hochebene zu Fuß nach Istanbul. Eine Strecke von sechshundert Kilometern. Die Mutter meines Vaters war da sechsunddreißig Jahre alt und seine vier Schwestern waren sechzehn und sechs Jahre, die jüngsten, Zwillinge, erst elf Monate alt. Eine der Zwillingsschwestern sei kurz nach dem Tod des Vaters an einer Krankheit, die man «sich kratzen» nannte, gestorben. Sie musste sich lange gekratzt haben, bis sie sich nicht mehr bewegt habe, nur so viel wurde erzählt, wenn von ihrer Todesursache die Rede war.
Als mein Großvater starb, übernahm mein elfjähriger Vater als einziger Mann in der Familie die Schafherde und die sechs Kamele, die eine Karawane bildeten. Er hatte einen Hirten für die Schafe und einen für die Kamele, mit denen er aus fernen Regionen Datteln, Feigen und Rosinen in sein Dorf transportierte. Seine Mutter und seine Schwestern waren auf den tüchtigen jungen Mann stolz. Als mein Vater zwanzig wurde, musste er für zwei Jahre ins Militär. Die Hirten aber ruinierten innerhalb dieser zwei Jahre die Familie. «Mit ihrer Faulheit», pflegte die Großmutter noch jahrelang mit Vorwurf in der Stimme zu sagen. Und mein Vater fand nach dem Ende des Militärdienstes eine Familie vor, die nur noch von den Almosen der Verwandten lebte. Die Kamele waren als Lastenträger nicht mehr gefragt, nur noch Metzger interessierten sich für die kräftigen, aber bescheidenen Steppentiere. Für ein Kamel zahlten die Metzger den Dörflern, die unter der Dürre litten, einen Sack Mehl. Motorisierte Lastwagen brummten durch die Steppe und wirbelten auf Feldwegen Staub auf. Die Hälfte der Schafherde starb an der Dürre. Im Frühling darauf musste Großmutter ihren Sohn weit weg als Tagelöhner ins Taurusgebirge schicken, unter Tränen, die noch tagelang geflossen seien. Sie habe den ganzen Sommer sehnlichst auf sein Zurückkommen gewartet.
Als er im Spätherbst auf der Steppe gesehen wurde, war er in Begleitung einer Frau. Die Überbringer der Freudenbotschaft berichteten der Großmutter, dass der Sohn eine Frau mitgebracht habe, die aber von so schwarzer Farbe sei wie die schwarzen Steine ihres Einzimmerhauses. Sie konnte aus Verwirrung ihren Sohn nicht einmal umarmen. Vater erzählte ihr, diese Frau sei nicht seine Frau, er habe sie bei seinem Chef kennengelernt, und weil der Tyrann diese Frau, die aufrichtig sei wie eine der Frauen des Propheten, so schlecht wie einen Teppich unter den Füßen behandelt habe, habe er sie kurzerhand mitgenommen.
Großmutter, umgeben von Schaulustigen, die so überrascht gewesen seien, als wären Sterne auf das Dorf heruntergefallen, weinte nur, sie konnte aber die Frau nicht zurückschicken. Der Winter sollte bald anbrechen, wohin nur mit dieser armen Frau?
Vom ersten Tag an nannte man sie «die Araberin», damals ein Rufname für dunkle Menschen. Als Großmutter aber später sah, dass ihr Sohn entschlossen war, diese Frau zu heiraten, gab sie ihr den Namen Shehnaz, die Zarte, der auch meiner Mutter offenbar gefiel, und sie ersetzte damit ihren griechischen Namen Elena. Dieser Name war ihr von einem Großgrundbesitzer auf Kreta gegeben worden, wo ihre Eltern als Sklaven gehalten worden waren, bevor sie dem türkischen Großgrundbesitzer in der Provinz verkauft wurden.
Shehnaz wurde im Dorf meines Vaters sehr schnell berühmt, nicht nur weil sie dunkel, groß und schlaksig war, sondern auch, weil sie in kurzer Zeit gut Kurdisch lernte, Muslimin wurde, zu beten begann, fleißiger als alle Dorffrauen, und eine ausgezeichnete Köchin war. Diese Kunst hatte sie schon als Kind bei ihrer Mutter gelernt. Ihre Schwiegermutter ließ Shehnaz jeden Tag ihre Haut mit Kamelmilch einreiben in der Hoffnung, ihre schwarze Schwiegertochter würde eine helle Haut bekommen.
Shehnaz fand Akzeptanz im Dorf und vor allem bei ihrer Schwiegermutter, als sie einen Sohn, mich, gebar. Shehnaz sei aber kurz danach jeden Tag dünner geworden, habe sich tapfer gezeigt und nie geklagt, dass sie Schmerzen habe, wurde mir erzählt. Vater habe sie einmal zum Arzt bringen wollen, sie habe sich aber geweigert, er könne ihr nicht helfen. Als ich fünf Jahre alt war und mit meinem Kollegen am Dorfplatz mit einem aus Stofffetzen selbst gebastelten Ball spielte, sah ich, dass ein Sarg von unserem Haus zum Friedhof getragen wurde, von vier Männern, die ich nie zuvor im Dorf gesehen hatte. Einer von ihnen war dunkel wie meine Mutter, er muss ihr Bruder gewesen sein, so wurde jedenfalls später im Dorf erzählt.
Minuten später kam die Schwester meines Vaters zu mir und brachte mich auf dem Traktoranhänger in ihr nahegelegenes Dorf, wo es im Gegensatz zu unserem Dorf einen Krämerladen gab und sie mir jeden Tag Lokum kaufte, das in unserem Dorf rar war. Später, als ich fünfzehn war, witzelte sie, dass ich gesagt habe, ich hätte meine Mutter gegen Lokum eingetauscht. Als ich ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter von meinem Vater auf dem Traktoranhänger in unser Dorf zurückgebracht wurde, hatte Vater schon eine neue Frau, für die ich nie Wärme empfand. Auch sie für mich nicht.
Sie gebar meinem Vater vier Kinder.
Meine jüngere Schwester Selma ist die einzige von den vier Geschwistern, zu der ich in all den Jahren im Ausland Kontakt pflegte, sie rief mich jeden Tag an und wollte wissen, wann ich ankomme. Sie wolle mich am Flughafen abholen, zusammen mit ihrem Mann Serhat und ihrer dreijährigen Tochter Derya. Und jedes Mal fragte sie: «Aber du verschiebst deine Reise nicht wie damals?» Ich antwortete jeweils, dass ich dieses Mal entschlossener sei.
Als ich im Alter von siebzehn Jahren das Elternhaus verließ, um Schauspieler zu werden, war Selma erst ein Jahr alt, heute ist sie dreißig und Chemielehrerin an einem Gymnasium. Das Foto ihrer Tochter habe ich auf dem Bildschirm meines Handys als Hintergrund eingerichtet. Jedes Mal sagte Selma etwa dasselbe am Telefon: Sie freue sich, dass ich in ihre Nähe komme, sie sei begeistert von meiner Idee, zurückzukommen. Sie werde noch einmal beim Ministerium einen Antrag stellen, sie von der Provinz nach Ankara, in meine Nähe, versetzen zu lassen. Ohne Vitamin B sei das aber unmöglich, ohne den Einfluss von mächtigeren Bürokraten könne sie die Behörde nicht dazu bewegen. Immerhin könne sie mich an den Wochenenden in Ankara besuchen, sie könne noch nicht Autofahren, aber ihr Mann habe schon ein Auto. Oder ich könne sie besuchen, die Reise von Ankara in die gottverlassene Kreisstadt dauere ja nur drei Stunden.
Der Architekt Mehmet, den ich mit dem Umbau meiner Wohnung in Ankara beauftragt hatte, gab mir kein genaues Datum an, wann die Wohnung fertig sein würde. Ich dachte eigentlich, schon Ende März, in rund einem Monat, reisen zu können, um den Frühling im Land meiner Kindheitserinnerungen zu verbringen.
Einige Hürden gab es aber noch: Der Mieter wollte nicht aus der Wohnung raus, er war offenbar ein einflussreicher Beamter bei der Sicherheitsbehörde. Er wollte erst nach seiner Versetzung in eine andere Stadt in acht Monaten die zentral gelegene Wohnung freigeben, damit er seine Kinder nicht von der Schule nehmen müsse. Der Architekt war aber zuversichtlich, dass er den Beamten, der sich wie ein betrunkener Gockel aufführe, irgendwie hinauswerfen könne. Dazu sei es aber unumgänglich, dass er einen guten Draht zu einem noch mächtigeren Bürokraten finde. Wenn ich unbedingt Ende dieses Monats kommen wollte, sagte er letzthin schelmisch lachend, könne ich ja in einem Hotelzimmer übernachten, bis meine eigene Wohnung bereit sei. Die Kosten für acht Monate im Hotel würden allerdings mehr als den halben Wert der Stadtwohnung ausmachen.
Mehmet, mit dem ich in der Studienzeit in Istanbul in einem Dachzimmer, das uns von einer hilfsbereiten alten Frau gratis zur Verfügung gestellt worden war, zusammengewohnt hatte, verkündete, er und viele frühere Freunde freuten sich, mich am Flughafen zu empfangen. Wir würden dann ein Bridgespiel machen gehen. Man werde die alten Zeiten, wo man unbekümmert gewesen sei, mit jedem Mädchen geflirtet und tagein, tagaus drauflosgelebt habe, wieder aufleben lassen. Von sich aus sagte er noch, dass keine der damaligen Studienkolleginnen bei dem königlichen Empfang sein würden, weil sie alle unterdessen verheiratet und zu unglücklichen Müttern geworden seien. Das Wort «unglücklich» betonte er extra, mit Schadenfreude in der Stimme.
Ich ging nicht auf das Thema ein, warum die ehemaligen Studienkolleginnen in ihren Ehen nicht glücklich seien, erinnerte mich, dass ich nie gefragt hatte, wie es bei ihm stehe, ob er verheiratet sei und von seiner Ehe als einer glücklichen sprechen würde. Er lachte zuerst, war erstaunt, dass ich nichts wusste. «Nach einem heftigen Krieg bin ich jetzt ein Geschiedener. Wenn meine zwei Kinder volljährig sind und ich keine Alimente mehr zahlen muss, dann werde ich wieder von Glück reden. Die Frau saugt mich im Moment nur aus! Wie ein Kalb das Euter der Mutterkuh!»
Beinahe hätte ich meine Zunge verschluckt, als er nach seinem Satz über seine Scheidung hinzufügte, dass alle Freunde von damals ihn fragten, warum ich nicht geheiratet habe. Man erkläre es so, dass ich mit dem Weggang ins Ausland meinen Kreis verloren und deshalb unter den Fremden keine passende Frau gefunden hätte. Ich erzählte nur, dass eine alte Frau mir kürzlich gesagt habe, ich sei ledig geblieben, weil meine Mutter zu früh gestorben sei und niemand für mich eine Frau gesucht habe. Er lachte. Mir aber blieb ein kleiner Nachgeschmack, dass man mich in Ankara als exotische Pflanze betrachten würde. Und ich war von meinen Freunden aus der Studienzeit enttäuscht, denn wir alle hatten uns damals als freie Menschen verstanden und vor allem die Institution Familie, wie wir sie nannten, infrage gestellt.
Meine innere Stimme riet mir, noch kein Flugticket zu kaufen, mein Herz aber wollte zurück nach Ankara. Mit zitternden Händen und in melancholischer Stimmung buchte ich im Internet ein Ticket. Weil ein einfaches Ticket dreimal so viel kostete wie ein Ticket hin und zurück, buchte ich auch einen Rückflug zwei Monate später.
Meine Freunde in der Schweiz meldeten sich per sms oder Mail. Sie fragten nach dem Datum meines Abschiedsfestes. Ohne Fest wollten sie mich nicht gehen lassen. Und sie wollten ein gemeinsames letztes Foto. Ohne Ausnahme fragten alle, was ich mir als Abschiedsgeschenk wünschte.
Ich hatte kein Datum für das Abschiedsfest, teilte ihnen mit, sie sollten sich die letzte Märzwoche frei halten, an irgendeinem Abend würde dieses Fest stattfinden. Als Geschenk wolle ich ein Versprechen, mich in Ankara zu besuchen, mein Architekt habe auch ein Gästezimmer eingeplant. Mich besuchen wollten alle sowieso, einige erkundigten sich bereits nach Sehenswürdigkeiten und Museen – ich kannte sie selbst nicht –, andere hatten sich im Internet über die Wanderwege in der Umgebung von Ankara informiert, aber nicht viele gefunden. Auch über meinen zweiten Wunsch, jeder solle über unsere gemeinsamen Erinnerungen eine Seite schreiben, waren die Freunde begeistert.
Ich hatte meine Beiträge für die hiesige Altersvorsorge, die ich mitnehmen wollte, noch nicht bekommen, das entsprechende Amt ließ sich Zeit mit der Herausgabe des Geldes. Man zahle die Beiträge noch nicht aus, weil man von einem türkischen Amt entsprechende Dokumente abzuwarten habe, hatte mir die Frau am Telefon gesagt. Außerdem wollte das Amt noch ein auf meinen Namen ausgestelltes Flugticket und die Bestätigung der definitiven Abmeldung bei der Gemeinde sehen.

Ich hatte meine Arbeit als Übersetzer aufgegeben, verfügte über viel zu viel Zeit, wie die Boten im Paradies. Ich, der ich die letzten vierundzwanzig Jahre ununterbrochen gearbeitet hatte, wusste nicht immer, wie ich diese Zeit sinnvoll ausfüllen sollte.
Eines Abends nahm ich die Einladung von Fate an, mich bekochen zu lassen, eher eine Pflicht. Zu meinem Glück war ihr Schwiegersohn Murad nicht zu Hause, wie ich befürchtet hatte. Auch Soraja nicht, zu meiner Enttäuschung. Sie hatte ihren Mann in die Apotheke mitgenommen, vermutlich, weil auch sie ihn und mich nicht zusammen an einem Tisch erleben wollte. Er sollte in den drei Stunden, die ich bei Fate war, jede Medikamentenschachtel einzeln in die Hand nehmen und das Ablaufdatum in eine Liste eintippen.
Fate meinte, dass ihre Tochter mit dieser Aufgabe Murad bestrafe, der ja sonst nichts mache den ganzen langen Tag, zumal sie genau wüsste, dass die Medikamente nicht abgelaufen seien und sie noch die Möglichkeit habe, mit der Maschine, sie meinte den Computer, das Ablaufdatum zu kontrollieren.
Fate hatte ein großes Menü gekocht. Alles, was ich gerne mochte, war auf dem Tisch, von der gegrillten Forelle bis zu Ic¸li Köfte, vom Karottensalat mit Sauce aus Granatapfelkonzentrat bis zu Pide mit Käse und Ei. Es fehlte sozusagen nur die Vogelmilch.
Wir saßen einander gegenüber. Ich betrachtete ihr breites Gesicht, das mir sehr vertraut war. Sie machte einen zufriedenen Eindruck.
Sie sei glücklich, dass ich die Einladung angenommen habe, sie wolle sich mit dieser kleinen Mahlzeit bedanken für die Übersetzungshilfe und vor allem dafür, dass ich dicht gehalten hätte im Kreis der Landsleute, die Gerüchte schneller als den Wind verbreiteten. Man halte Leute, die zu einem Psychiater gingen, immer noch für Irre.
Sie hatte unter den Augen heute keine dunklen Ringe mehr wie vor ein paar Tagen, als ich sie zu Anita begleitet hatte. Ihre Gesichtsfalten waren weniger tief. Sie sagte wiederholt, sie habe ein Menü für Paschas gekocht, ich solle essen wie die Paschas, für sie sei ich wertvoller als diese. Alle Töpfe müssten leer gegessen werden. Ein Blick auf die übervollen Teller verriet die Herkulesaufgabe, die mir noch bevorstand.
Das gute Essen gönne sie mir vom Herzen. Sie habe in ihrem Leben nach ihrem verstorbenen Mann Memed, dessen Wuchs ihr wie der eines stämmigen Baumes in Erinnerung sei, mich als den zweitfreundlichsten Mann kennengelernt. Wir lachten beide, ich sagte ihr, wenn sie mich so lobe, würde ich den Appetit verlieren. Dann würde sie mich erst nach dem Essen loben, meinte sie.
Dann zählte sie einmal mehr alle noch ledigen Frauen auf, die sie hier und in ihrem Dorf kannte, und von jeder Frau wusste sie eine, wie sie zu sagen pflegte, goldeswerte Eigenschaft zu nennen: Die eine war fleißig wie die Bienen, die andere schön wie der Mond, die dritte würde zu ihrem Mann so aufrichtig und loyal sein wie eine der Frauen unseres Propheten. Die vierte war so schön wie die Müjde, die auf der Bühne allerdings im Minirock auftrat. Ich witzelte, was sie dazu sagen würde, wenn meine Zukünftige sich wie Müjde anziehen würde. Sie rief nur: «Gott behüte!»
Fate sagte es offen: Sie wollte mich verheiraten, zumindest verloben, noch bevor ich nach Ankara ging. Sie wollte mich umstimmen, damit ich die Reise absagen würde. Sie schrie mich fast an, es sei eine große Sünde, dass ich mit halb grauen Haaren – sie langte mit ihrer Hand an meine Haare – in diesem Alter noch ledig sei. Sie hatte auch den Grund für mein Ledigsein noch nicht vergessen, obwohl sie glaubte, seit dem Tod ihres Mannes sehr vergesslich geworden zu sein: Weil meine Mutter früh gestorben sei, habe sich niemand so richtig nach einer passenden und würdigen Frau für mich umgeschaut.
Mit einem gezwungenen Lachen versuchte ich, ihren aufdringlichen Verkupplungsversuchen auszuweichen. Ich war ihrer überdrüssig. Ich lenkte ab auf das Thema, das für Fate ein viel größeres Problem war als mein Singlesein: Ihre Tochter Soraja hatte noch immer keine Kinder, obwohl sie seit rund zehn Jahren verheiratet war. Mir selber war natürlich oft die Frage durch den Kopf gegangen, ob Soraja ihren Mann Murad überhaupt an sich heranlasse. Das war die Gelegenheit, und ich fand auch den Mut, ihren Kummer anzusprechen. «Tante Fate, wann werden deine Kinder dich mit einem schönen Enkel beschenken?»
Meine Frage brachte ein Fass zum Überlaufen, sie zögerte keine Sekunde. Zuerst fällte sie ihr schärfstes Urteil über ihren Schwiegersohn. Sie erzählte eifrig und ausführlich, wie unnütz Murad sei. Er könne nicht einmal seinen dreckigen Teller in die Küche tragen und seinen Rasierschaum im Lavabo ausspülen. Sie glaube, dass ihr Schwiegersohn auch im Bett nur über Fußball und Geld rede. Dazu lachte sie und sprach dann vom Geld, das Murads jüngere Brüder in Istanbul stündlich vermehrten. Er sitze kurz nach siebzehn Uhr, wenn die türkischen Banken zumachten, vor der Maschine, berechne die Tagesgewinne der Familienfirma, transferiere einen Teil des Geldes auf sein Konto hier in der Schweiz und gebe das Geld im türkischen Café aus, während er zum Fußball am Bildschirm Toast mit Sucuk esse und gezuckerte Getränke trinke. Sein Bauch sei deshalb gewachsen wie eine Trommel. Den Namen seiner Fußballmannschaft nehme er sicherlich öfter in den Mund als den Namen seiner Frau. Sie flüsterte: «So kann man halt keine Kinder machen. Mein Memed hatte um mich geworben, jedes Mal, wenn er mich wollte, turtelte er wie ein Täuberich um mich herum, kochte eigenhändig meinen Kaffee mit Kardamom, flüsterte mir Worte zu, die süß waren wie Honig. Und Murad? Der kann nicht einmal zwei Sätze aneinanderhängen, ohne zu schreien.»
Unterdessen hatten wir die Teller leer gegessen. Ich trug sie in die Küche und setzte mich wieder an meinen Platz.
«Du hast ihn aber für Soraja gefunden!», provozierte ich sie.
Sie seufzte tief. «Gott soll mich erblinden lassen, wenn ich ihn gefunden habe! Soraja liebe ich wie meinen Augapfel. Wenn du wüsstest, welch großen Streit ich mit dem verstorbenen Memed hatte. Er wollte sie bei der Geburt nach der heiligen Stadt Medine nennen, ich ihr unbedingt den Namen der persischen Königin, die eine große Schönheit war, geben!» Ohne weiterzureden, brachte Fate den doppelstöckigen Teekrug aus Zinn an den Tisch und holte zum Dessert Kadayif aus dem Kühlschrank. Sie schenkte Tee in schmale Gläser ein.
Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: «Wir hatten Angst, dass sie einen Fremden heiratet. Wir hatten bei unseren Bekannten hier so etwas gesehen. Die Tochter heiratete einen Mann aus Argentinien. Die Eltern verstanden nicht einmal, wenn er Guten Tag sagte. Wir waren in Istanbul an der Hochzeit des Sohnes meines Bruders. Soraja hat Murad dort gesehen, in einem wie im Märchen eingerichteten Hochzeitssaal direkt am Bosporus. Murad sah gut aus in seinem dunkelblauen Anzug über einem weißen Hemd. Mit einer Golduhr am Handgelenk zeigte er seinen Reichtum, der leider viele Menschen anzieht. Die verschenkten Goldstücke schwammen wie Fische im Saal. Die Leute tanzten, bis sie nur noch müde herumkrochen. Die Atmosphäre war wie gemacht für Eltern, die ein Kind zu verheiraten hatten. Gerade dort hat Murads Mutter ein Auge auf meine schöne Soraja geworfen.
Heute sage ich, es war ein böses, stechendes Auge. Und Soraja hat schon am nächsten Tag in die Heirat mit Murad eingewilligt, nachdem sie ihn in einem Teegarten mit Blick auf dem Bosporus getroffen hatte. Sie war in Begleitung der Tochter meines älteren Bruders, die Soraja intensiv bearbeitet haben soll, ja zu sagen. Soraja hat sicher auch den Rat ihres Vaters befolgt, der ihr schon als Kind ins Gehirn eingeritzt hatte, sie solle eine ihren Eltern genehme Ehe eingehen, vor allem eine der Familientradition würdige Familie wählen. Und schon am selben Abend kam die Familie vom Murad zu Kaffee und Lokum. Heute würde ich ihr davon abraten, ihn zu heiraten.»
Sie stand auf, stützte sich mit einer Hand auf den Stuhl, rieb ihren Oberschenkel, der schmerzte, und meinte, sie habe Rheuma. Sie starrte die Teegläser an. Es habe sie trotzdem erstaunt, dass Soraja so schnell Ja gesagt habe. Sie als Eltern hätten sich, auch wenn sie die Heirat Sorajas wollten, schon gefragt, welche Tugenden, welche positiven Charaktereigenschaften sie an dem Murad in dieser kurzen Zeit entdeckt haben mochte. Sie setzte sich und rührte lange und geräuschvoll den Zucker im Teeglas um.
Fates Urteil war wie immer scharf: «Soraja hat sich von der Atmosphäre im Hochzeitssaal mitreißen lassen!»
Im Laufe des Abends erzählte Fate, wie sie trotz ihrer Bedenken, dass sie die Familie noch nicht gut kennen würden, die Hochzeit, die von Murads reicher Familie veranstaltet wurde, genossen hätten. Honig sei im Saal geflossen. Wie es für Eltern eine Genugtuung sei, ein Kind zu verheiraten, und wie sie die schöne Erfahrung, Gastgeber der Hochzeit zu sein, gemacht hätten. Das sei eine würdevolle Sache gewesen. Alles sei so großzügig gewesen wie im Märchen. Sie lachte laut: «Soraja war am Fest wie eine Traubendolde, es hing überall Gold an ihr!» Nach der Hochzeit von Soraja war es Memeds Wunsch, auch den Sohn zu verheiraten. Erst danach wollte der fromme Mann sich seinen großen Traum erfüllen, Mekka zu besuchen. Das schaffte er nicht, denn er starb an einem Schlaganfall, seinen Leichnam brachten sie ins anatolische Heimatdorf, und ihr Sohn will sich bis heute nicht binden.
Mit einer scheinheiligen Frage brachte ich sie auf Murad zurück.
Murad fährt jeden Monat für eine Woche nach Istanbul. Dann gibt er als der älteste der fünf Brüder, der als Firmenbesitzer gilt, bei einem Notar für die in den drei Wochen verkauften Wohnungen der Firma seine Unterschrift, und er kommt erst zurück, wenn er als Sponsor seines Clubs von der Ehrentribüne aus ein Fußballspiel gesehen hat.
Murads Familie war ursprünglich in die Stadt Istanbul gekommen, um auf einer alten Holzplattform Gemüse zu verkaufen. Dort hatte sie es zu viel Geld gebracht und genießt jetzt dank ihres Reichtums ein hohes Ansehen unter den Menschen in der Gegend, aus der sie stammt. Auch die Familie war froh, für ihren ältesten Sohn ein frommes Mädchen als Braut gefunden zu haben. Sie hatte befürchtet, der Sohn würde dank des vielen Geldes eine «Dame der Gesellschaft» bekommen und nicht Schritt halten können mit einer Braut, die vielleicht ein Hemd ohne Ärmel anziehen würde, und so ihr Gesicht zu verlieren.
Kurz bevor ich mich auf den Weg machen wollte, erzählte Fate, dass Soraja mit dem Gold, das ihr zur Hochzeit geschenkt worden war, ein paar Tage später in einem bekannten Viertel Istanbuls eine Wohnung mit Blick auf den Bosporus gekauft habe, damals nach dem Erdbeben sehr günstig, weil Millionen Menschen die Stadt verlassen wollten. Heute würden zweimal mehr Menschen in Istanbul leben als vor dem Erdbeben. Der Spruch «Die Steine und Berge Istanbuls sind aus Gold» ziehe Anatolier in die Stadt wie ein Magnet. Heute koste die Wohnung Sorajas über eine Million Dollar. Jetzt machten Murads Geschwister ihr diese Wohnung streitig, sie wollten gar nicht zulassen, dass ihr die Wohnung überschrieben werde. Stattdessen würden sie ihr eine andere Wohnung anbieten, die weit vom Zentrum entfernt sei und nur einen Zehntel der Wohnung am Bosporus wert sei.
Ich verabschiedete mich von Fate, nachdem sie mein Versprechen eingeholt hatte, dass ich sie vor meiner Abreise wieder besuchen würde. Sie sagte zweimal, sie hoffe immer noch, dass ich mich umstimmen ließe. Ich war schon draußen, als sie mich nochmals hineinrief und die Türe leise zumachte.
Sie flüsterte so geheimnisvoll, als planten wir, eine Bank auszurauben: «Weißt du, warum ich Murad hasse, obwohl er mir gegenüber immer respektvoll und mein einziger Schwiegersohn ist? Jedes Mal wenn er nach Hause kommt, küsst er mir auch die Hände.»
«Nein, weiß ich nicht.»
Weil ich Fates Humor kannte, erlaubte ich mir einen frechen Satz: «Weil er dir kein Enkelkind schenken konnte!»
Sie lachte zuerst aus vollem Hals. Dann überraschte sie mich: «Murad ist ein Gauner. Was das Geschäft betrifft, ist er gar kein Gläubiger wie mein Memed. Murad spricht viel von Gott, aber er hat Gott längst vergessen, wenns um Geschäfte geht!»
Fate wusste, dass Murads Familie fünf Hektaren Wald eines Geländes mit Aussicht auf das Marmarameer hatte abbrennen lassen, um darauf Wohnungen zu bauen, die dann während des Baubooms in Istanbul teuer verkauft wurden. Murad und seine Brüder hatten nach dem Waldbrand den Gemeindepräsidenten bestochen, das Land als Bauland zu deklarieren. Danach gab es eine Ausschreibung, und natürlich waren sie es, die den Zuschlag zum Bauen bekamen. Mit diesen fünf Hektaren Land, die sie sich auf übelste Weise unter den Nagel rissen, wurden sie zu angesehenen Reichen.
Murad rühme sich, schlau und geschäftstüchtig zu sein, er sei aber in Wahrheit ein Verbrecher, sagte Fate. Sie werde es nicht erlauben, dass seine Brüder Soraja die Wohnung wegnehmen würden. Dies habe sie sich nun zum Lebensziel gemacht, und sie werde im Notfall auch ihre Brüder und deren Kinder, die als Studierte wahre Löwen seien, einschalten.
Sie ließ mich noch einen Moccakaffee mit Kardamom und viel Zucker für sie kochen. Den tranken wir, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Ich hatte ein paar Mal ihre Halsadern beobachtet, wie sie pochten vor lauter Aufregung. Offenbar machte das Unrecht, das ihre Tochter bedrohte, sie wütend. Das Telefon läutete zweimal, das Zeichen von Soraja, dass der Besuch gehen müsse, dass nämlich Murad und sie gleich kommen würden. Fate gab mit ihrem besorgten Blick zu verstehen, dass ich mich zu beeilen hätte.

Eine Woche nach der Begegnung mit der mysteriösen Frau in Anitas Praxis erinnerte mich eine sms wieder an sie. Sehr ungewollt. Am Tag zuvor hatte ich vergessen, auf dem Nachhauseweg ein frisches Brot zu kaufen, wie es mir oft passiert war in all den Jahren. Nach der morgendlichen Dusche holte ich ein kleines Brötchen aus dem Tiefkühler. Die duftende Kaffeetasse in der Hand, wartete ich vor dem Backofen und beobachtete das Brot, das dabei war, aufzutauen. Das Piepsen einer SMS mischte sich in das leise Geräusch des Backofens.
Es war Anita, was mich überraschte, als sei an diesem Morgen die Sonne im Westen aufgegangen. Sie fragte, ob ich Zeit habe, sie in der Praxis zu besuchen, sie wolle mir eine Broschüre zum Übersetzen geben. Ohne zu zögern, schrieb ich, dass ich sehr viel Zeit hätte, mehr als die Boten im Paradies. Sie schrieb umgehend zurück: «Also dann 12.30 im Warteraum. Viele Grüße. A.»
Die vier Stunden danach kamen mir so lange wie ein Jahr vor. Ich war nicht sicher, ob der angebliche Übersetzungsauftrag nicht ein Vorwand war, ob die Einladung nicht vielmehr zu tun hatte mit der Fee, nach der ich so aufdringlich bei ihr gesucht und wofür ich mich später geschämt hatte. Mein Wunsch, sie zu sehen, war unterdessen nicht mehr ganz so akut wie vor einer Woche. Ich holte das Brot aus dem Ofen, bestrich es im Stehen mit Butter, die gleich schmolz, lief beim Essen in meiner kleinen Wohnstube hin und her. Die Gegenstände: der Esstisch, die vier Stühle, das einzige Sofa, alles, was ich vor der Abreise aufräumen oder einpacken sollte, stachen in meine Augen wie Dornen. Ich lachte, als ich laut zu mir sagte: «Wäre statt Anita die Fate bekannt mit dieser Fee, hätte sie sicher versucht, mich mit ihr zu verheiraten.»
Einige Minuten lang schaute ich vom dritten Stock aus dem Fenster hinunter auf die Straße. Der Morgenverkehr hatte sich schon beruhigt. Der Lastwagen des Fleischlieferanten, auf dessen Plane Hühner, Kühe und Würste abgebildet waren, wurde wie immer um Punkt neun Uhr vor der Metzgerei geparkt. Der Motorroller der Postfrau ratterte.
Ich wusch mein Frühstücksgeschirr ab, es war nicht viel: eine Kaffeetasse, ein Teller und ein Messer, dann ging ich hinaus. Um mir die Zeit bis zum Mittag zu verkürzen, machte ich mich auf den Weg, meine Landsleute, die ich ohnehin auf meiner Liste hatte, vor meiner Abreise in ihrem Restaurant zu besuchen. Die Sonne schien und blendete mich auf dem Fahrrad. Aber Anfang März einen so klaren, wolkenlosen Tag erleben zu können, war eine Seltenheit und machte nicht nur die Vögel fröhlich.

Serdar und Rabia waren beschäftigt wie Bienen, als ich das Restaurant betrat. Sie deckte die Tische ab, er war hinter der Theke. Er hob den Kopf, mit einem Lächeln begrüßte er mich und schaute auf den Wandkalender, den ihm eine Zulieferfirma für Fleisch geschenkt hatte. «Wie viele Tage noch bis zur Abreise des Zugvogels?» Und seine Frau Rabia, die eine erdbeerfarbene Serviette zu einer Pyramide faltete, hob ihren Kopf: «Ich glaube immer noch nicht, dass er sich tatsächlich entschieden hat, zurückzukehren. Manche Zugvögel verpassen ja auch den Zug, dann bleiben sie noch ein Jahr hier. Sie begnügen sich doch mit der Wärme hier.» Die Zweideutigkeit in ihrem Ton war nicht zu überhören.
«Was sagst du jetzt zu Rabias Prognose?», fragte Serdar, während er mir über die Theke die Hand reichte. Ich ließ die Frage unbeantwortet und setzte mich an die Theke, schaute ihm zu, wie er ein Fleischstück fein filetierte. Vier Stammgäste hätten reserviert und ein arbeitsintensives Menu bestellt, Serdar müsse schon jetzt anfangen. Weil ich, seit wir uns kennen, immer von der Rückkehr sprach, nannten sie mich im Spaß den Zugvogel.
Serdar und Rabia hatte ich als Übersetzer bei Asylverfahren kennengelernt. Sie hatten in der Türkei durch die Militärpolizei einiges zu erdulden gehabt. Sogar ihr Haus wurde in Brand gesteckt. Der selber nicht gläubige Serdar erzählte immer wieder als Beispiel für die erlebten Schikanen vom verbrannten Koran im Gästezimmer. Sein Vater hatte den Kommandanten inständig gebeten, den Koran vor dem Feuer retten zu dürfen. Einzig diesen. Aber der Kommandant hatte es ihm nicht erlaubt und ihm auch nicht in die Augen geschaut.
Monate und Jahre danach hatte ich auch für viele ihrer Verwandten, die in das sichere Alpenland geflohen waren, übersetzt. Jetzt besaßen all diese Leute, die aus einer gebildeten kurdischen Familie stammten, einer Familie, die sich in ihrem Land aristokratisch gegeben hatte, Geschäfte im Bereich der Gastronomie; der eine führte eine Kebabimbissbude, der andere backte Brot für Imbissbuden, wieder ein anderer verkaufte Käse für die Pizzerien, einer führte ein Buchhaltungsbüro. Der jüngste hatte eine ehemalige Wurstfabrik übernommen, stelle dort mit zwanzig Angestellten Fleischprodukte her.
Rabia und Serdar waren liebenswürdige Menschen, zu denen ich den Kontakt nicht abreißen ließ. Sie waren mir eine vertraute Anlaufstelle. Ich besuchte sie oft in ihrem Restaurant, auch in der Wohnung, am Sonntag, wenn sie überhaupt einen freien Tag hatten, zum Frühstück, einem Frühstück wie in unseren Dörfern mit Oliven, Fetakäse, Eiern, Tomaten, Gurken und frisch gebackenem, noch warmem Brot. Sie sagten, dass sie nur sonntags an die Heimat dachten, denn sechs Tage die Woche seien sie fünfzehn Stunden lang für ihre Gäste da.
Sie selbst waren jedoch nie gerne zu mir gekommen. Als alleinstehender Mann war ich eine exotische Pflanze, ich war bei den Familien nie ganz integriert. Serdar hatte mir immer wieder gesagt, ich solle ein paar Verwandte, nur gerade ein paar, hierher bringen lassen, so wie er, dann hätte ich einen Kreis, in dem ich gut aufgehoben sei. In guten und schlechten Zeiten. So einsam wie ich könnten nicht einmal die Katzen leben. Ich entgegnete ihm, mein Problem sei, dass ich eine zu kleine Familie hätte. Von den vier Geschwistern, die alle einen Beruf gelernt hätten, wolle niemand auswandern.
Serdar gab mir einen Espresso. Rabia gesellte sich zu mir, sie stand an die Theke gelehnt. Wir sprachen über unser Land, über die Leute, die an diesem Tag verhaftet worden waren. Sie hatte schon Zeitungen gelesen im Internet und berichtete über die politischen Neuigkeiten, die an sich nichts Neues waren: Verhaftungen, Repression, Bombardements in den Bergen. Serdars Frage, ob ich trotz dieser politischen Unruhen zurückwolle, ließ ich unbeantwortet. Darauf meinte er mit einer Prise Sarkasmus in der Stimme, dass ich ja wieder zurückkommen könne, wenn es mir in Ankara nicht gefallen sollte, als kinderloser Mann könne ich mich leichter dazu entschließen, Wohnorte zu wechseln.
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