Read the book: «Hochzeitsflug»

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Über dieses Buch

Als Beyto mit seinen Eltern das Flugzeug besteigt, um seine Verwandten im tscherkessischen Dorf in der Türkei zu besuchen, freut er sich, die Freunde aus der Kindheit wiederzusehen, ­obwohl ihm die Trennung von seinem heimlichen Geliebten Manuel nicht leichtfällt. Umso größer ist sein Schock, als er überraschend mit seiner Cousine Sahar verheiratet wird.

Völlig allein­gelassen, stürzt Beyto in einen Strudel von Gefühlen. Die große Wut auf die Eltern lässt ihn jede Ehrfurcht vor ihnen vergessen, die kindliche Zuneigung zu Sahar, die er nie verloren hat, verwirrt ihn, die Angst, Manuel gegenüberzutreten, lähmt ihn. Beyto, selber noch fast ein Kind, erfährt einzig von seiner Lehrlingsbetreuerin Tania Unterstützung, und weg vom Dorf im Osten und von der Stadt im Westen, wo er seit vielen Jahren lebt, findet er langsam wieder etwas Halt.

Ironisch und humorvoll nimmt Yusuf Yeşilöz die Leserinnen und Leser mit in eine reiche Welt voller Geschichten, die in einem schmerzhaften Widerspruch steht zur großen Einsamkeit des jungen Beyto.


Foto Luca Zanier

Yusuf Yeşilöz, geboren 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien, kam 1987 in die Schweiz. Heute lebt er mit seiner Familie in Winterthur und arbeitet als freier Autor und Filmemacher. ­Romanveröffentlichungen, u. a. «Steppenrutenpflanzen», «Der Gast aus dem Ofenrohr», «Der Imam und die Eselin». Im Limmat Verlag sind lieferbar ­die ­Romane «Lied aus der Ferne», ­«Gegen die Flut» und «Soraja» sowie der Geschichtenband «Kebab zum Bankgeheimnis».

Yusuf Yeşilöz

Hochzeitsflug

Roman

Limmat Verlag

Zürich

1

Ich heiße Beyto. Den Namen gab mir mein Großvater. Auch das Dorf meiner Eltern heißt Beyto. Dieser Name macht meine Vorfahren seit Generationen in ihrem für mich ziemlich weit entfernt liegenden Land stolz und berühmt wie die Sonne. Den Ruf seiner Familie umschrieb mein Vater einmal mit einem einzigen Satz: «Fällt der Name ‹Beyto›, bleiben alle Flüsse stehen!» Dieser Stolz der Familie hat für mich, der ich in meiner Schule lediglich ein Immigrantenkind war, nur so viel bedeutet wie ein Stückchen Stroh. Bei uns zu Hause in der Bischofstraße wurde sehr viel über das Dorf gesprochen, das für meine Eltern einen größeren Wert hatte als hochkarätiges Gold. Meine Eltern wiederholten täglich mehrmals Anekdoten aus dem Dorf, die für sie lustig, für mich aber bedrückend waren und mir wie ein ausgekauter Kaugummi vorkamen. Ich wollte nicht mehr hören, wie sie seit Jahren ununterbrochen vom Dorf sprachen und einander immer wieder die gleichen Ge­­schich­­ten erzählten, die in der Dauerfremde ihr einziges Vergnügen waren. Noch nie habe ich verstanden, warum die farbigen Facetten aus dem kargen Dorf den wichtigsten Gesprächsstoff meiner Eltern bildeten. Ihre Liebe für das Dorf hatten sie nie abgelegt, sie hielten am Dorf fest, wie eine Türe an der Zarge fixiert ist.

Beyto war der Name meines Großvaters. Und auch sein Großvater hieß Beyto. Den eigenen Kindern durfte man nicht den Namen des Vaters geben, sonst gäbe es ein Durcheinander mit den Namen. Großvater Beyto konnte uns von zehn Urgroßvätern mit Namen Beyto erzählen. All diese Großväter seien groß und gerade gewachsen gewesen wie eine Pappel, erzählen die Nachkommen. Der Wunsch des Großvaters war, dass auch ich meinen Enkelsohn Beyto nennen würde. Der Name Beyto stand jedoch auch für edel. Keine Frau, die einen Beytomann heiratete, durfte kleiner als der Türrahmen sein. Sie sollte einen starken Gesichtsausdruck haben wie ein General, ihre Schönheit musste berühmt und in die Erzählungen, die Generationen, gar Jahr­­hunderte überlebten, eingegangen sein. Zudem musste die Frau einen geraden Wuchs haben und auf ein adliges Pferd ohne Hilfe springen können. Selbstverständlich besaß meine Mutter all diese Eigenschaften, denn sie war selbst eine Beyto. Sie heiratete meinen Vater, der ihr Cousin war und dem sie gleich nach der Geburt versprochen worden war.

Da ich der einzige Nachkomme meines Vaters bin, sollte ich nun für die Berühmtheit und Langlebigkeit des edlen Namens Beyto sorgen, und das bedeutet zunächst, viele Kinder zu zeugen, wobei die Zahl der Jungen die der Mädchen übersteigen muss. Ich darf keine kleine Frau heiraten, meine Kinder müssen groß und schlank sein. Und mein erster Enkelsohn würde auf jeden Fall Beyto heißen.

Kaum versuchte ich als Kleinkind die ersten Schritte, machte der Vater mich mit meiner Aufgabe vertraut: Die Last auf meinen Schultern sei schwerer als ein hoher Berg, ich solle diese Schultern immer gerade wie einen Kandelaber halten, und das allein deshalb, weil ich der erste Enkelsohn von Großvater Beyto war. Großvater, für den ich allein die Fortsetzung der Familie garantierte, hatte mich wie seinen Augapfel geliebt.

Meinen Großvater, der unter der Erde des Beytolandes in seinem aus Marmorsteinen in Milchfarbe prächtig gebauten Grab liegt – einem Grab, das unter anderen Gräbern den Blick anzieht wie eine im Wind wehende Fahne –, musste ich enttäuschen, denn ich liebte einen Mann.

Der Name Beyto ist im Herkunftsland meiner Familie legendär, bedeutet aber mir in meiner Welt in der Bi­­schof­straße nichts, außer dass ich die Art des guten und bildhaften Erzählens und die großzügige Gastfreundschaft meiner Familie, die sie ein Erbe der Beyto nennen, sehr schätze. Früher hießen die großen Kamelkarawanen noch Beyto. Großvater hatte mindestens fünf Karawanen, und mit jeder trugen sechs starke Kamele aus weit entfernten Regionen Ladungen mit Rosinen oder Feigen in sein Land. Jahre später hießen die Schafherden Beyto, und wieder Jahre später fuhren Lastwagenflotten der Marke MAN unter der Flagge Beyto. Die Schrift «Beyto-Transport» steht auch heute noch auf einem alten verrosteten Tanklastwagen, mit dem die Familie Erdöl transportierte, neben dem geräumigen Steinhaus der Beytofamilie im Dorf, das meine Eltern einmal im Jahr, am liebsten zusammen mit mir, besuchen. Selbstverständlich heißt das Geschäft meiner Eltern in der Bischofstraße «Beyto Kebab House». Und der große Wunsch meines Vaters ist noch immer, dass ich nach meiner Informatiker­ausbildung ein Geschäft eröffne und es «Beyto IT Informatik» nenne.

2

Als wir im neuen Flughafen der Hauptstadt Ankara bei der Landung den Atem anhielten, sah ich, dass mein Vater schwitzte. Das Landen tat ihm nicht gut, das wussten wir von früheren Reisen. Wir saßen nebeneinander auf einem Dreiersitz in der vollen Maschine, die melancholisch wirkende und mit vollen Gesichtern gepflegt aussehende ehemalige Dorfmenschen und heutige Stadtarbeiter aus ihrer Fremde ins Dorf nach Hause, also ins Herz ihrer Sehnsucht, brachte. Mein Vater Safir war am Fenster und meine Mutter Narin in der Mitte zwischen uns. Mein Vater ließ sogar seine knochige, mit stark hervortretenden Adern versehene Hand von meiner Mutter halten. Sie durfte das nur im Flugzeug. Nie habe ich sonst die beiden so nah beisammen, Hand in Hand, gesehen. Der Respekt, den sie ihrer Ge­­sell­schaft entgegenbringen, erfordert es, als Ehepaar keine Körpernähe zu zeigen, auch nicht vor den Kunden in ihrem Kebab House, die sich wie Tauben küssten, während meine Eltern für sie einen scharfen Kebab zubereiteten. Ich wusste nicht, worauf dieser Respekt basierte, interessiert hatte es mich oft. Aber niemand konnte es mir erklären. Mein Vater sagte mir jeweils, ich würde diesen Respekt nicht verstehen, weil ich in der Bischofstraße in einem traditionslosen Land aufwachse und nicht aus der Erde der Heimat meiner Eltern geknetet worden sei. Damit wollte er sagen, dass ich in der Beytokultur keine Er­­fahrungen gemacht hatte.

Ich, der ich die letzte Nacht nicht geschlafen, sondern nur gefeiert hatte, nickte im Flugzeug hin und wieder ein, um immer wieder von den Ankündigungen des Flugkapitäns geweckt zu werden. So bekam ich auch das Flüstern meiner Eltern mit. Wenn sie merkten, dass ich erwachte, brachen sie ihr Gespräch ab, wie mit einem Messer schnitten sie den Gesprächsfaden durch und schwiegen oder sprachen vom Umsatz in ihrem Kebab House, das neben dem Dorf jeweils das zweitwichtigste Thema an un­­serem Esstisch war. Dass in ihrem Flüstern die Rede war von der Zahl der geladenen Gäste, von einem großen beytowürdigen Empfang, davon, wie viele Schafe man schlachten werde oder welche Frau in der Verwandtschaft das Essen für die vielen Gäste am besten kochen könne, nahm ich, der ich benommen war vom Vorabend, gar nicht wirklich wahr.

Kaum wandten wir uns zum Ausgang des Flughafens, entdeckte ich auch schon Onkel Mamdoh, den Bruder meines Vaters. Er hatte eine Filterzigarette im Mund, was ich von ihm gut kannte. Sobald er uns in der großen Menschenmenge, die sich aus dem Tor hinausdrängte, erblickt hatte, kam er lächelnd und im Eilschritt auf uns zu und spaltete die Menschenmenge auf wie ein Messer die Gurke. Er um­­arm­te meine Eltern fest, alle drei ließen sich während Minuten nicht los, küssten einander mehrmals auf die Wangen, sehr innig. Sie zogen sogar erstaunte Blicke anderer Menschen auf sich. Dann, fast beiläufig, gab Mamdoh mir die Hand und küsste mich auf beide Wangen, so zurückhaltend, als erledige er eine Schulpflicht. Ich hatte ihn seit langer Zeit nicht gesehen und bemerkte, dass sein Schnurrbart, der wie ein Besen aussah und sein Markenzeichen war, fast ganz grau und er breiter geworden war. Er nahm die Koffer meiner Eltern, und wir gingen alle vier nebeneinander durch die Halle. Ich rollte meinen Koffer selber.

Meine Eltern schauten mit großem Erstaunen auf den neuen Boden, der wie ein Spiegel glänzte, und auf die mo­­derne, die Augen blendende Beleuchtung des Flughafens und sagten im Chor zu Mamdoh, das sei ja moderner als im Westen. Mamdoh grinste und meinte verschmitzt: «Wir haben Fortschritte gemacht. Jetzt sind wir dran, den Komfort zu genießen.» Draußen zeigte er auf das neue hellblaue Auto auf dem Parkplatz schräg vis-à-vis vom Ausgangstor des Flughafens. Wir schlängelten uns durch die vielen Autos und hörten das Klicken der Autotüre, die Mamdoh mit der Fernbedienung demonstrativ öffnete, bevor wir den Wagen erreicht hatten. Es war sehr heiß in diesem Juli, man hatte das Gefühl, vom neu asphaltierten Bo­­­den steige einem Glut ins Gesicht hoch. Mamdoh wies uns die Plätze im Auto zu, es war sehr angenehm im klimatisierten Wagen. Mein Vater machte seinen Scherz, dass sie hier jetzt besser leben würden als in der Bischofstraße, mein Onkel sagte seinem jüngeren Bruder, während er seinen Gurt anschnallte, dass dies alles dank dem jüngeren Bruder Safir so sei, der der Familie immer treu geblieben sei wie der Baum seinen Früchten.

Wir begaben uns in den Verkehr, der wie ein Ameisenzug an­­mutete. Wir fuhren auf der Autostraße, die Sonne, die auf dem Asphalt spiegelte, blendete uns. Sechs Stunden Reise hatten wir vor uns bis in unser tscherkessisches Dorf, den Ort der ständigen Sehnsucht meiner Eltern. Vater saß auf dem vorderen Sitz neben seinem älteren Bruder, ich und meine Mutter auf dem hinteren Sitz. Die Mutter hielt mich, seit wir im Auto saßen, an der Hand, wie sie es immer machte, wenn wir auf Reisen waren. Auch ich hielt gerne die Hand meiner Mutter, sie hatte trockene, aber warme Hände. Meine Eltern fragten den Onkel über das Dorf aus, Hunderte von Namen der Dorfbewohner fielen so im Eiltempo, und von allen wusste Onkel Mamdoh ein für meine Eltern erstaunliches Ereignis zu berichten. Die wichtigsten Mitteilungen waren mit Abstand die über die Heirats­an­gelegenhei­ten der Leute aus dem Dorf, die überall in der Welt lebten. Als Mam­­doh von den Scheidungen dieser Dorf­leute, die wie Pil­­­­ze gewachsen waren, berichtete, drückte meine Mutter ihr Erstaunen mit «Vah vah!» aus und schlug sich mit beiden Händen auf ihre Schenkel. Die Welt sei ja zuerst im Dorf untergegangen, sag­­­te sie mehrmals. Mein Vater bemerkte laut lachend, dass unser Dorf in diesen Bereichen mittlerweile die Heiden überholt habe.

Auch die Felder, Wasserleitungen, Strommasten und Tiere des Dorfes blieben von Onkel Mamdoh nicht unerwähnt. Dann berichtete er noch über die schlechte Ernte und wer wegen des Regenmangels, der im Dorf wie eine chronische Krankheit sei, wie stark von der schlechten Ernte betroffen war. Meine Mutter rief wieder: «Vah vah!»

Ich wusste schon lange, dass die Geschichten über die Verwandten im Dorf, die meine Eltern auch immer in unserem Kebab House in der Bischofstraße erzählten, während der Vater Kebab zubereitete und die Mutter die Brötchen dafür backte, für sie ein wichtiges Lebenselixier war, das ihnen mehr bedeutete als die gescheiten Reden eines Professors.

Schon bei der Begrüßung hatte ich gemerkt, dass Onkel Mamdoh sich zu mir anders verhielt, als ich es in Erinnerung hatte. Früher, wenn er uns am Flughafen abholte, warf er mich jeweils mehrmals in die Luft, umarmte mich lange, küsste meine Augen mindestens dreimal und drückte mich fest an sich, wobei mich, das muss ich gestehen, störte, dass er nach Rauch und Schweiß stank, woran ich mich heute noch gut erinnern kann. Jedes Mal, wenn wir in den Urlaub flogen, holte er uns am Flughafen mit einem neuen Auto ab. Gekauft hatte ihm dieses mein Vater, der in seinem Kebab House in der Bischofstraße, über dem wir auch unsere Wohnung hatten, mehr als sechzehn Stunden pro Tag arbeitete.

Onkel Mamdoh nahm mich jeweils schon am Flughafen zur Seite, wollte unter vier Augen über Frauen scherzen, fragte mich, wie schön und wie groß meine Lehrerin sei, und ob ich mich im Schwimmbad schon an junge Frauen heranmache. Ob mir Frauen mit großem Busen oder brei­tem Hintern am besten gefallen würden. Mir war es immer peinlich gewesen, wenn er so redete, trotzdem mochte ich Mamdoh sehr, weil er immer lieb zu mir war.

Dass Onkel Mamdoh diesmal so distanziert zu mir war, beschäftigte mich, während ich vom hinteren Sitz aus im Spiegel sein liebevolles Gesicht, das nun einige Falten aufwies, betrachtete. Ich interpretierte sein verändertes Benehmen mit meinem Erwachsenwerden. Mamdoh würde mich nun als einen Mann betrachten. Weiter dachte ich auf dieser Reise ins Dorf nicht.

Onkel Mamdoh kannte die Vorlieben meines Vaters und hatte eine Papiertüte mit gerösteten Kichererbsen im Auto. Mein Vater hatte die linke Hand bereits voller Kichererbsen, die er mit der rechten Hand in rhythmischen Abständen in den Mund schob. Er aß mit Genuss, ich hörte nur noch das Geräusch, wenn er in eine biss. Mein Onkel und mein Vater sprachen im Auto leise und irgendwie verschlüsselt. Ihr Gerede drehte sich ganz offensichtlich um ein Fest, das bevorstand. Ich bekam nicht alles mit, interessierte mich auch nicht unbedingt dafür, zumal ich alle fünf Minuten eine SMS von meinem Geliebten Manu beantwortete, auf Englisch, weil wir vermeiden wollten, dass mein Vater hinter unsere Geschichte kam. Manu schwärmte von meiner Zärtlichkeit. Er liebe mich, schrieb er, könne kaum warten, bis diese drei Wochen Urlaub vorbei seien. Ich liebe ihn auch, schrieb ich, diese drei Wochen würden so schnell vergehen, wie das Wasser im Fluss fließe. In meiner letzten SMS schrieb ich ihm, dass ich im Dorf keinen Empfang haben würde. Ich würde in eine andere Welt eintauchen.

3

Ob mir nicht heiß sei mit dem zugeknöpften Hemd, stellte Mamdoh seine Frage an mich in den Rückspiegel. Ich schüttelte verneinend den Kopf, auch auf den Spiegel gerichtet. Ich hatte am Nacken eine Wunde, die ich mit dem zugeknöpften Kragen des weißen Hemdes zu verstecken versuchte. Mamdoh grinste und wandte sein Gesicht auf die Straße. «Das wird halt die neue Mode sein», flüsterte er vor sich hin. Mein Vater reagierte nicht, er schaute im Spiegel zu mir. Sein Blick war tadelnd. Meine Mutter lachte gezwungen und sagte, dass die Mode spinne. Ihr wäre es natürlich ganz lieb gewesen, wenn wir gar nicht darauf gekommen wären. Sie wechselte geschickt das Thema und fragte Mamdoh nach seinen verheirateten Töchtern, wie es ihnen gehe in den neuen Familien. Mamdoh antwortete mit dem alten Spruch, dass jede Tochter ein Geschwür auf dem Herzen sei. Mutter hakte nach, was den drei verheirateten Töchtern fehle, ob ihre Männer oder Schwiegermütter sie unwürdig behandelten oder ob die Familien arm seien. Mamdoh ging nicht drauf ein, sagte nur, er hätte alles dransetzen sollen, dass sie ein Studium gemacht hätten. Dann konzentrierte er sich auf die Straße.

Die letzte Nacht vor unserer Reise in das Heimatland meiner Eltern hatte ich im «Black Paradise» verbracht. Es war stickig heiß gewesen, der Kellner hatte alle Fenster geöffnet, wir waren wie Verrückte am Tanzen, als würden wir Bauchwürmer hinausschwitzen. Die einen Männer hatten am Stehtisch weißes Pulver auf einem Plastikteller geschnüffelt, während sie laut stöhnten und dann schallend lachten. Die anderen tanzten die ganze Zeit auf der Bühne Brust an Brust, also nackte Haut an nackter Haut, eingetaucht in an­­dere Welten. Die jungen Männer zeigten gerne ihre ge­­pfleg­­ten Körper, wie ein Gemüsehändler es mit seiner besten Melone machen würde, und dass das Fett am Körper, ein Überbleibsel des Winters, verbrannt war. Ich war mit mei­nem dichten Brusthaar, auch das ein Er­­be der Beytofamilie, die große Attraktion, denn seit Kurzem sind Brust­­haare in unserem Kreis sehr gefragt. Mein Telefon vibrierte alle zehn Minuten, ich nahm es nicht ab, weil ich wuss­­te, dass es meine Eltern waren, die vor der Reise unruhig waren und Angst hatten, ich würde nicht mitkommen und die Reise absagen, wie es in den letzten Jahren ein paarmal geschehen war. Doch ich hatte fest im Sinn, mein Versprechen, mitzukommen, das ich ein Jahr zuvor gemacht hatte, einzuhalten. Damals hatte mein Vater mich mit allen Mitteln, finanziellen und moralischen – sogar dem Versprechen, mir ein frucht­ba­res Ackerfeld im Heimatland zu kaufen, was ich absurd fand –, überzeugen wollen, mitzukommen. Ich war siebzehn und weigerte mich mit Erfolg. Und er hatte die Geduld aufgebracht, noch ein Jahr zu warten. Für dieses Versprechen hatte mir der Vater zum ersten Mal erlaubt, ins Ausland zu fliegen, zusammen mit Manuel.

Als nach Mitternacht das Lokal voll und nun alle berauscht waren, aus ihnen Energie, Schönheit, auch Freude sprudelten, wollte ich mit meinem Freund Manuel hinausgehen, um mich von ihm zu verabschieden. Denn ich traute mich immer noch nicht, in Gegenwart anderer Menschen meinen Freund auf den Mund zu küssen. Bei mir war da so etwas wie ein Knoten, und ich weigerte mich. Ich hatte auch nie gesehen, dass mein Vater meine Mutter in Anwesenheit anderer Leute küs­ste.

Manu, mit dem ich eine Informatiklehre machte, war nach einem strengen Arbeitstag betrunken gewesen, und er wollte mich nicht gehen lassen. Wir hatten im Park, im Dunklen, zwischen den Bäumen, eine Zunge auf die andere gelegt, uns lange geküsst, als wäre es unser letztes Mal und dies unser letzter Tag im Leben. Er war außer sich gewesen, hatte seine Zäh­­ne in meinen Nacken gedrückt. Erst als das heftige Gewitter vorbei gewesen war, wir unseren Saft entladen hatten und auf dem Kiesboden gekrümmt lagen wie ausgepresste Zitronen, war mir bewusst geworden, was los war. Die Wunde hatte so gebrannt, dass es kaum auszuhalten war. Auch ihm war es peinlich, dass er mich gebissen hatte. Wir fanden in der Nacht einen Spray in der Notapotheke, besprühten die Wunde, und ich ging nach Hause. Meiner Mutter, die auf mich gewartet hatte, war mein farbiges Halstuch nicht entgangen, das wir mittels großer Lügereien von der schläfrigen Angestellten der Apotheke erhalten hatten. Mutter hatte das Tuch zerrissen und natürlich gemeint, die Zahnspuren seien von einer Frau. Sie schimpfte mich heftig aus und bemerkte, dass sie diese Frau nicht verstehe, die einen Mann in den Nacken beiße. Ich übergab ihr den roten Glückskäfer aus Stoff, den Maria, die Mutter von Manuel, auf die Reise mitgegeben hatte. Sie bedankte sich und steckte ihn in ihre Reisetasche. Dass sie meinte, eine Frau habe mich gebissen, war meine Rettung. Wie meine Eltern reagierten, wenn sie wüssten, wo und wie ich die letzte Nacht verbracht hatte, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Da wäre erst richtig die Hölle los gewesen. Dann wäre ihre Welt untergegangen, wie sie es immer ausdrück­ten, wenn sie vor irgendeinem Problem standen.

4

Onkel Mamdoh fuhr konzentriert, seine Augen auf die Straße gerichtet, doch immer wieder trafen sich unsere Blicke kurz, seine Augen im Spiegel waren die warmen von früher. Auf beiden Seiten der Straße waren hohe und dünne Pappeln, die sich vom Wind bewegen ließen, als tanzten sie in der Reihe. In jedem Auto, das uns überholte und hupte, saßen mindestens fünf Menschen. Mein Onkel ärgerte sich und murmelte, diese Fahrer seien noch in der Zeit des Pferdereitens steckengeblieben, würden auch auf Rädern zu schnell fahren und so ihrem Tod entgegenrasen.

Als die traurigen Geschichten aus dem Dorf ausgegangen wa­­ren, kamen die Scherze an die Reihe. Onkel Mamdoh schaffte mit gekonnten Sätzen den Übergang mit einer Geschichte über einen knausrigen Nachbarn, der bei der Hochzeit seines Sohnes jedes Mal geschwitzt habe, wenn er für die Ausgaben Geld aus seiner Tasche herausholte, das er mit drei Tüchern um­­wickelt hatte.

Meine Eltern lachten im Auto, waren für einmal nicht mehr die melancholischen Menschen, wie ich sie von ihrem Kebab House her kannte. Ich fühlte, wie sie im Auto, auf dem Weg ins Dorf, sehr glücklich waren. Ich verglich sie mit einem Hund, der zu seiner Besitzerin fand.

Die ewige Sehnsucht meiner Eltern war allgegenwärtig, oftmals viel wichtiger als Essen und Trinken. Sie war spürbar wie das Licht in der Dunkelheit. Sie war eine Fluchtoase für meine Eltern, in die sie sich zurückzogen, wenn sie in ihrem eigentlich verfluchten Leben in der Bischofstraße, wie sie es nannten, vor wichtigen Entscheidungen standen oder irgendetwas sie bedrückte, zum Beispiel wenn sie einen Behördenbrief nicht verstanden. Ihre Sehnsucht stillten meine Eltern jeden Tag ein bisschen nach zwölf Uhr nachts, wenn sie nach sechzehn Stunden Arbeit das Kebab House, den dreißig Quadratmeter großen Laden, abschlossen und erschöpft und traurig in unsere Wohnung über dem Laden zurückkamen. Sie hätten den ganzen Tag Löwen gefüttert, pflegten sie zu sagen, um ihre Müdigkeit zu begründen, wäh­­­­rend sie ihre orangefarbenen Arbeitsschürzen auszogen. Wenn sie da waren, stanken alle Zimmer der Wohnung, die Wände, die Teppiche, ihr Atem und ihre Kleider, sogar der nie fehlende Goldschmuck meiner Mutter am Hals, nach fettigem Fleisch und in Öl gebratenen Kartoffeln. Mutter kochte vor sich hinredend Schwarztee im aus Zink hergestellten, mit Nelken und Kamillen verzierten Teekrug, den sie natürlich vom Beytodorf mitgenommen hatte, nachdem sie sich frisch und schön gemacht hatte. Sie zog jeweils ihre schönsten Kleider an, als würde sie an eine Hochzeit gehen. Vater streckte stöhnend seine Beine auf dem Teppich aus, auf den er stolz war, weil er von seiner Mutter geknüpft worden war. Jeden Tag er­­zählte er die gleichen Geschichten von den komplizierten Mus­tern des Teppichs – etwa ein Rentier mit Hörnern – und vom Geheimnis seiner Mutter, die sich ohne Vorlage mit diesen rät­­­­selhaften Mustern auskannte. Der Tee und das Geschichtenerzählen waren ein Ausgleich zu ihrem anstrengenden Leben. Meine Mutter schenkte Tee in die schmalen Gläser mit der goldfarbenen Verzierung, während Vater den Ta­­ges­­umsatz von Hand auf der leeren Schachtel seiner Zigaretten ausrechnete, so konzentriert, als würde er ein Flugzeug steuern. Nur dann setzte er eine Brille auf. Sie stellten eine Tasse voll farbigem Bonbonzucker auf ein Tischchen zwischen sich und tranken Tee in der berühmten Art des Dor­fes: Sie nahmen den Zucker in den Mund, versteckten ihn in einer Backe, bis der heiße Tee aus dem schmalen Glas ausgetrunken war. Beide waren redselig. Sogar ich hatte meine Freude daran, ihnen zuzuhören. Mutter hatte von irgendwem gehört, dass diese Art Tee mit Bonbonzucker nicht dick mache. Meine Eltern wurden aber Jahr für Jahr breiter und breiter. Sie würden mich noch mehr lieben, sagten sie, wenn auch ich auf dieselbe Art Tee mit farbigem Bonbonzucker trinken würde. Sie wollten nicht auf mich hören, wenn ich ihnen weiszumachen versuchte, dass sie als Erstes gegen das un­­erwünschte Fett an den Knochen diesen ewigen Bonbonzucker weglassen sollten. Der Vater war jeweils verletzt durch meine un­­überlegte, lächerliche Feststellung. Stolz sagte er: «Die Art unseres Dorfes, Tee zu trinken, macht nicht dick, weil wir auch im Dorf nicht dick wurden.» Er wiederholte einen Satz aus seinem Dorf, das Pferd solle am Gerstenessen sterben, wenn es sein müsse, also jemand dürfe an dem sterben, was er gerne habe. Meine Eltern gingen erst zu Bett, wenn die Zuckertasse und die Teekrüge leer waren und sie genüsslich und lange vom Dorf gesprochen hatten.

Am nächsten Morgen begann ihr Leben dann mit dem Seufzen meines Vaters und seinen Beschimpfungen von On­­­­­kel Mam­­doh, der das Vermögen der Beytofamilie für sein ungesättigtes Schilfrohr ausgegeben habe, wie Vater den Grund für die Nacht­­clubbesuche seines Bruders um­­schrieb.

Mein Vater hatte immer wieder von Onkel Mamdoh erzählt, auch den Gästen in seinem Kebab House. Wenn sein Deutsch nicht ausreichte, musste ich einspringen und für die Gäste, die mein Vater in seinem Laden wie Könige behandelte, die Ge­­schichten vom anstößigen Umgang mei­nes Onkels mit den Barfrauen übersetzen, der meinen Vater in seiner Existenz bedroht hatte. Dass er schuld war, dass mein Vater im Alter von dreiundzwanzig Jahren in die Frem­­­­de gehen musste, wo er in ein schwieriges Leben «da­­zwischen» trat, wie er es ausdrückte – ich glaube, diesen Begriff hatte ein Kunde meines Vaters benutzt, dem er seine Lage geschildert hatte, und Vater hatte ihn übernommen –, hatte der Vater ihm nie verziehen. Er hatte aber Mamdoh vom Kebab House aus in all den Jahren bedingungslos un­­terstützt. So wollten es die archaischen Gesetze seines Dor­fes. Bevor wir jeweils in den Urlaub fuhren, suchte der Vater für sich einen ganzen Tag lang einen billigen Anzug, aber wenn er für Mamdoh einen Anzug kaufte, was zu den Reisevorbereitungen gehörte, ging er in das teuerste Modegeschäft. Mamdoh, der ältere Bruder, war sein hoher Prinz, den er seit je bewunderte. Das begründete mein Vater mit seiner Kultur: dass der Kleine den Großen zu respektieren habe, denn wenn man den Älteren keinen Respekt entgegenbringe, falle eine Gesellschaft auseinander wie ein Kartenhaus und schmelze wie Schnee unter den starken Sonnenstrahlen.

Mamdoh hatte den Erlös aus den Ländereien des Beytolandes, wie mein Vater stolz den Herkunftsort seiner Familie bezeichnete, in den damals noch wenigen Nachtclubs der Haupt­­stadt ausgegeben, ließ Vater mich sehr oft seinen Gästen im Kebab House in der Bischofstraße übersetzen. Mamdoh, der verwöhnte Bruder, der Wunschsohn, den der allmächtige Gott dem reichen Großvater nach der Geburt von drei Töchtern geschenkt hatte, genoss es, aus dem Nabel der Frauen Schnaps zu trinken. Deshalb liebte er nur die breitesten Frauen, weil ihre Nabel mehr Platz böten, sagte Vater abschätzig. Mamdoh goss Schnaps in dieses ihm wertvolle Loch, das er mit viel Geld gekauft hatte, und trank oder schleckte das bittere Wasser mit der Zunge aus. Es ge­­schah über Jahre immer das Gleiche: Mamdoh verlor Geld im Nachtclub oder auch beim Glücksspiel, und am nächs­ten Tag kam der Gläubiger zu meinem Großvater Beyto. Dieser wollte in niemandes Schuld stehen, weder eines Zu­­hälters noch eines Nachtclubbesitzers, die er als minderwertig betrachtete, verkaufte einen Acker und beglich die Schulden. Er schlug seinen Sohn nicht, wie man im Dorf erwartet hätte, weil dieser sein erster, nach langer Zeit von Gott ins Haus geschickter Sohn war. Mit dem Spruch, Mamdoh sei sein Augapfel, musste er sich jeweils getröstet haben. Das ging so weiter, bis alle fruchtbaren Ländereien des Großvaters, der nicht wenig Tränen vergossen haben soll, den Besitzer gewechselt hatten. Als Mamdoh alles verspielt hatte, aber sein Auto nicht verkaufte, mit dem er weiterhin in die Hauptstadt fuhr, schickte mein Großvater ­seinen zweiten Sohn, also meinen Va­­ter, zu seinem ehemaligen Hirten ins Land der Heiden zum Arbeiten, damit die Familie wenigstens ein Einkommen habe. Mein Vater un­­­terstützte seither die ganze Familie. Mamdoh hörte mit dem Schnapstrinken aus Frauennabellöchern auf, allerdings erst, als seinen vier Töchtern Brüste wuchsen, wie meine Mutter sein verändertes Verhalten begründete.

5

Die Autofahrt wollte nicht enden. Mein Herz klopfte stark, wie ich all die Straßenbilder wahrnahm: So war der Laderaum eines Lastwagens voll mit Menschen beladen, die stehend fuhren. Nur die Haare der Männer und die farbigen Tücher auf den Köpfen der Frauen, die im starken Fahrtwind flatterten, ragten über den Rand hinaus. Hinten war der Wagen offen. Einige der Männer trugen sogar Kinder auf den Armen, der Wind blies ihnen die langen Haare in die Augen. Mein Onkel schüttelte verurteilend den Kopf, zeigte mit dem Finger auf die Leute auf dem Lastwagen und sagte mit gedämpfter Stimme, dass diese Männer Arbeiter seien, von weit her aus ärmlichen Regionen kämen, um hier mit der ganzen Familie auf den Kümmelfeldern zu arbeiten. Dass die Verkehrspolizei nicht eingreife, sei eine Schande, es bestehe die Gefahr, dass solche Transporte einen Unfall verursachten, vielleicht werde man schon am Abend im Fern­­­sehen sehen können, wie viele von diesen Leuten aus dem Wagen wie Bälle heruntergerollt und ihre Köpfe wie Melonen zertrümmert worden seien.

Allmählich verstummten meine Eltern und der Onkel. Meine Mutter döste neben mir, ich hielt weiterhin ihre Hand, hörte ihr leises Schnarchen. Onkel Mamdohs Augen im Spiegel hatten sich verkleinert. Mein Vater war am Rechnen auf der Zigarettenschachtel, ich wusste nicht, was. Um mir die Zeit zu vertreiben, schrieb ich die ganze Zeit SMS an Ma­­­nuel, die ich nicht schicken konnte, weil ich keinen Empfang mehr hatte. Meine Bisswunde brannte, ich konnte sie aber nicht mit Salbe oder Spray behandeln. Es hätte einen Aufruhr geben können, wenn mein Onkel diese Wunde gesehen hätte. Ich biss auf die Zähne, schloss die Augen und ließ den Vorabend wie einen Film in meinem Kopf ablaufen. Es war ein schönes Gefühl, Manuel in mir zu fühlen auf dieser Reise, die unendlich sein konnte, wie ich von den früheren Reisen her wusste.

Onkel Mamdoh hielt abrupt bei einer Raststätte an. Auch meine Mutter erwachte durch sein starkes Bremsen. Bevor er das Auto verließ, sagte er, halb gähnend und sich streckend, dass es Zeit zum Gebet sei. Dass Mamdoh vom Gebet sprach, war für uns alle eine kleine Sensation, sogar ich wurde hellwach. Meine Eltern schauten ihn mit großen, fragenden Augen an, sie blieben so stumm, als hätten sie ihre Zunge verschluckt. Mamdoh sagte, wir könnten in dem Restaurant auch etwas essen, bis er sein Gebet verrichtet habe. Mein Vater gab sofort seiner Freude auf die Suppe mit weißen Bohnen, die er vermisst habe, Ausdruck. Wir blieben im Auto und schauten Mamdoh nach, bis er in den Hof der kleinen Moschee mit einem runden Dach wie ein Flaschenhals und einem großen Minarett verschwand. Die blaue Farbe der Moschee war so intensiv, als hätte man aus Eimern Farbe auf die Wändegegossen. Meine Mutter flüs­terte, während sie ihre Haare mit einer Spange festband, dass Mamdoh früher sogar bei Tauben nachgeschaut habe, ob diese nun weiblich oder männlich seien, er sei der Weiblichkeit so sehr erlegen gewesen, und heute würde er aus sich einen frommen Menschen machen. Offenbar hätten die Jahre ihn verändert. Mein Vater gähnte, lachte dann schallend, meine Mutter müsse ihren Schwager jetzt als reifen Schwiegervater, nicht mehr als den konfusen Frauenheld sehen. Er müsse sich aber für seine Sünde, für viele Frauen ein Ehrbeschmutzer gewesen zu sein, beim Allmächtigen eine Amnestie erbitten. Meine Mutter schüt­telte den Kopf, sie sagte, es fehle nur noch, dass er sich einen lan­gen Bart wachsen lasse, die Pilgerreise mache und sich in Mekka für seine Sünden entschuldige. Wir stiegen aus.

Der warme Wind der Steppe blies uns den bitteren Dieselgeruch von den vielen Lastwagen auf der Straße in die Nase. Während meine Eltern vor dem Souvenirladen müde wirkend herumstanden, verweilte ich beim kleinen Verkaufsstand vor dem Restaurant und unterhielt mich mit dem gesprächigen Jungen, der an dem kleinen Holzstand Gurken verkaufte. Ich zeigte auf eine Gurke, die ich essen wollte, er schälte sie mit einem Sackmesser, in dessen Holzgriff er seinen Namen eingeritzt hatte. Er machte seine Arbeit so kunstvoll, dass sie mir Lust auf mehr machte. Ich bestellte noch zwei Gurken für meine Eltern. Der Junge redete wie ein Wasserfall und erzählte unter anderem, dass er bald ins Militär müsse. Aber vorher wolle er ein Mädchen, eine Tochter seines Onkels, heiraten, die Familie wolle ihm das Mädchen jedoch nicht geben, weil seine Familie arm sei. Man habe gesagt, ein Gurkenschäler könne keine Frau er­­nähren, lachte er noch. Er wolle aber, und bei diesen Worten schaute er in meine Richtung, seine Liebe genießen, bevor er ins Militär gehe, denn es bestehe die Gefahr, dass er nicht zurückkomme, weil im Land immer noch ein Krieg tobe. Dann müsse es eine Frau geben, die, sein letztgetragenes Hemd in der Hand, auf seinem Grab weine.

Der gesprächige Junge wurde vom Gebetsruf aus dem Lautsprecher unterbrochen, der vermischt mit Verkehrslärm wie ein verstimmtes Orchester in den Ohren tönte. Ich beob­­achtete seine Geschicklichkeit, mit der er die Gurken salzte und mir übergab. Er trug ein langärmeliges blaues Hemd über einer schwarzen Hose, es sah wie eine Uniform aus. Er war schmal, seine Bartsprossen kamen mir wie frisch­­es Gras vor. Ich brachte die Gurken, die der Junge mit einem weißen Papier umwickelt hatte, meinen Eltern, die einige Ge­­schenkartikel, unter anderem ein Auge gegen den Bösen Blick oder eine auf Papier gemalte Moschee, in der Hand hielten und mit dem Verkäufer mit dem langen weißen Bart verhandelten. Ich ließ ihnen die Freude, zu feilschen, im Wissen, dass es meinen Eltern nicht unbedingt ums Geld ging, sondern dass sie diesen Brauch in ihrem Land erleben wollten, und ging zu dem Weizenfeld hinter der Raststätte. Die Ähren waren schon leicht gelb gefärbt. Der Junge vom Stand kam hinter mir her, sagte, noch bevor er mich erreicht hatte, dass bald Mähdrescher kommen würden, in diesem Jahr gebe es aber keine gute Ernte. Es werde bestimmt nur wenige Hochzeitsfeste geben, da man sich ein Fest, das wegen Europäern wie wir, die Geld hätten wie Heu, immer teurer werde, nicht leisten könne. Aber für Europäer wie wir sei das ja kein Problem. Dann stellte er mich mit der Frage bloß, ob auch ich diesen Sommer meine Hochzeit feiern werde. Ich lachte und sagte nein. Aber die Frage blieb in meinem Kopf wie festgeklebt.

Ich erinnerte mich, dass meine Eltern auf dem blauen Sofa in unserer Wohnung viel von dieser für die Leute

sehr wichtigen Zeit, der Dreschzeit, gesprochen hatten. Die Hoch­­­­­­zeiten fanden nur in dieser Zeit statt, denn die Familien hatten Geld. Entweder kamen Europäer wie wir und bezahlten, oder man verkaufte Getreide.

Alles über die Kultur des Dorfes, sei es der Alltag oder die Arbeit, kannte ich nur von den Erzählungen meiner Eltern. So wusste ich bestens, wann gesät oder geerntet wurde. Als ich einmal auf einer Schulreise in die Berge mitreden konnte, als es darum ging, wie ein Senn Käse macht, waren alle Schulkameraden erstaunt über mein Wissen. Auch der Senn hatte sich für meine Eltern interessiert, für sie unbekannterweise Grüße ausgerichtet und eine Sennentracht als Geschenk mitgegeben.

Jeden Morgen beim Frühstück, seit ich mich erinnern kann, erzählten meine Eltern vom Dorf. Im Frühjahr hieß es: «Dieser Nachbar hat sicher seine Lämmer auf die Weide gebracht.» Im Mai sagten sie täglich, bald, in so und so vielen Tagen, werden die Schafe geschoren. Dann erzählten sie, wie meine Großmutter von Großvater Beyto drangenommen worden sei, weil sie Wolle klaute, um für ihre Kinder und Enkelkinder die Mitgift vorzubereiten. Am Mittag sagten sie, während sie ihre hungrigen Kunden bedienten: «Der Dorfbus ist jetzt sicher aus der Kreisstadt gekommen.» Wenn es in der Bischofstraße viel regnete, klagten sie, dass es in unserem Dorf nie regne, dass Gott hier mit seiner Tugend herrsche und bei uns im Dorf der Satan mit seiner Böswilligkeit, weil es dort selten regne. Manchmal verstanden die Kunden nicht, was mit diesen Geschichten gemeint war. Ich sprang ein und übersetzte, während meine Eltern mich mit liebevollen und stolzen Blicken musterten.

Ich ging in den Garten des Restaurants, wo meine Eltern auf weißen Plastikstühlen saßen und mit großem Appetit die weißen Bohnen löffelten. Mamdoh kam aus der Moschee, lief mit zögerlich-langsamen Schritten, rechts und links um sich schauend, zum Garten des Restaurants, wo wir saßen und auf die Weizenfelder, die vom Wind Wellen schlugen, blickten. Wie wichtig er sich fühlte, weil er gebetet hatte, konnte man in seinen funkelnden Augen lesen. Als wir fertig waren – ich hatte mich meinem Vater angeschlossen und scharf gewürzte Bohnen, die Speise seiner Sehnsucht, gegessen –, fuhren wir weiter. Vater beklagte sich im Auto, dass die Bohnen nicht wie früher schmeckten. Sie seien verkocht gewesen. Mein Onkel reagierte nicht, sondern rezitierte murmelnd ein Gebet. Wir waren weit von den Städten und in einer unendlichen Steppe. Meine Neugier, warum meine Eltern im Auto und vorher im Flugzeug über ein Fest gesprochen hatten, stieg wie ein anschwellender Fluss. Ich hatte aber den Mut immer noch nicht, sie danach zu fragen.

Als wir den größten Teil der Reise hinter uns hatten und das Auto in Richtung der Gegend meiner Vorfahren fuhr, hatte mein Vater volle Augen, wie ich im Spiegel sah. Einerseits sei es aus Freude, wieder in seinem Land angekommen zu sein, erklärte er mit weinerlicher Stimme, als sein Bruder ihn darauf an­­sprach, anderseits werde ihm wieder einmal bewusst, dass sein Vater der Besitzer dieses fruchtbaren Lan­des gewesen sei, er selber aber in der freudlosen Fremde auf den ewiggleichen Kebabverkauf angewiesen sei. Er wisch­te die Tränen mit seinem Hemd­­ärmel ab. Mamdoh lachte laut auf und meinte, der Bruder dürfe nicht mehr in alten Zeiten leben, die Zeiten würden sich überall ändern. Vater schaute aus dem Fenster und sagte nichts. Er hatte sich nie getraut, Mamdoh direkt ins Gesicht zu sagen, dass ihr Vater die Län­­dereien zur Befriedigung seines Schilfrohrs veräußert habe.

Ich war früher gerne ins Dorf gefahren, und ich hatte gute Erinnerungen an meine Kindheit dort. Als meine Großeltern noch lebten, wohnten wir im Urlaub mit ihnen im großen Beytohaus mit Wänden aus Marmorsteinen und hatten es sehr schön. Wenn mein Vater das Flugticket geholt hatte, zählte ich die Tage, indem ich für jeden Tag einen Zettel in meinem Zimmer aufhängte. Auf jedem Papierstück, dessen Ränder ich angemalt hatte, stand ein Wunsch, der im Dorf in Erfüllung gehen sollte. Mein größter Wunsch war jeweils, mit den Freunden im Dorf aus dem Ziehbrunnen Wasser hochzuziehen, es mit der roten Erde zu vermischen und aus diesem Ton Häuser, Ställe, Schulen oder Moscheen, gar ganze Quartiere zu bauen. Ich war Groß­vaters König aus dem Westen, ich, sein einziger Enkelsohn, musste in den Tagen im Dorf der König sein, ob ich es ­woll­te oder nicht.

Als ich mit acht Jahren zu meinem Vater in die Bi­­schof­straße gezogen war, hatte ich sehr geweint. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Mehrere Menschen waren hinter mir hergerannt, um mich zu fangen und zum Dorfbus, der mich und meine Mutter zum Flughafen fahren sollte, zu bringen. Während der ganzen Busreise hielten mich mindestens zwei Männer mit ihren starken, knochigen Händen fest, damit ich nicht die Tür öffnete und aus dem Bus sprang.

Auch meine Mutter war sehr traurig gewesen. Sie hatte lange vergebens gehofft, ihr Mann würde zurückkommen und im Dorf leben, damit sie nicht wegmüsse. Der aber hatte, als er nach acht Jahren zurückkam, schon Wurzeln ge­­schlagen, wie er gesagt haben soll, sich also ein Kebab House eröffnet, auf das er nicht wenig stolz war. Er hatte nicht mehr im Dorf leben wollen, sich über die fehlende Infrastruktur beklagt, etwa über das kalte Wasser aus der Leitung oder die unasphaltierte staubige Straße.

Mein Vater war einige Jahre lang nicht zurück ins Dorf gekommen, warum, weiß ich auch nicht. Böse Zungen von Männern aus unserem Dorf, die im Westen lebten, meinten, mein Vater habe eine Ge­­liebte gehabt, eine gewisse Iris, die er nicht verlassen wollte. Unsere Dorfleute sagten, dass Iris so große Brüste gehabt habe wie Honigmelonen, mein Vater habe sie auch deshalb nicht verlassen wollen. Meine Mutter hat in dieser Sache nie nachgehakt, vielleicht ist sie über die Wahrheit im Bild, vielleicht ist sie auch froh, dass der Vater sie jetzt respektiert und mag. Die Liebe zwischen den beiden spüre ich gut, und nicht nur, weil sie eine Familienpflicht ist, sie sind immer füreinander da.

Als meine Mutter nach mehreren Jahren ihrem Mann im Dorf wieder begegnet sei, sagte sie später lachend, habe sie sein Gesicht fast vergessen gehabt. Hätte er nicht das berühmte Beytomuttermal an der linken Seite der Nase gehabt, sie hätte ihn nicht erkannt. Sie gebar dann nicht mehr. Ihr wurde die Gebärmutter mit ei­­nem Myom entfernt, sie musste ihren Traum, Mutter von sechs Kindern zu sein, begraben. Ich kenne diese Geschichte von der Entfernung der Gebärmutter nur deshalb, weil ich beim Arzt für meine Mutter übersetzt habe. Ihr größter Wunsch war gewesen, eine Tochter zu gebären, der sie den Namen meiner mutigen Großmutter Belkisa geben wollte.

6

Onkel Mamdoh fuhr beim Dorfeingang langsam, wie in einer Zeremonie, als wolle er die Spannung unserer Ankunft in die Länge ziehen. Die Sonne wärmte immer noch durch die Autoscheiben. Sie war rötlicher geworden und stand knapp drei Mann hoch über dem Horizont. Links der Straße war das Schulhaus, in dem ich zwei Jahre zur Schule gegangen war, es hatte keine Fenster mehr. Ich hatte schon zuvor gehört, dass die Schule geschlossen war, weil nicht mehr genug Kinder im Dorf lebten. Dorfbewohner hatten einen Raum der Schule als Wohnung für den Kuhhirten eingerichtet. Ein anderer Raum wurde von Jungen zum Kartenspielen benutzt, wie meine Eltern wussten. Diese Schule war von einem Verwandten von uns, der im Westen arbeitete, gebaut und dem Staat geschenkt worden. Der Verwandte, der unterdessen an Krebs gestorben war, wollte damals mit dieser Tat sein Gesicht wieder zurückerlangen, das er verloren hatte, weil er jahrelang nichts von sich hatte hören lassen, munkelten die Dorfbewohner damals.

Rechts von der unasphaltierten Straße weidete eine gro­ße Schafherde von mindestens vierhundert Tieren. Mein Vater schaute mit liebevollen Augen die Herde an, interessiert, als würde er einen spannenden Film anschauen, und fragte, wessen Herde es sei. Er sprach seinen berühmten Satz, der wie ein Vers war: Man habe eine Nachtigall in einen goldenen Käfig gesperrt, und sie habe trotzdem geklagt: «Oh, meine Heimat!» Damit sagte er aus, was ihn bedrückte: dass er das karge Leben im Dorf vermisste, obwohl er im reichen Westen lebte.

Kaum hatten wir unser Haus entdeckt, sahen wir auch viele Nachbarn und Verwandte, die schon auf der Terrasse des Hauses saßen. Wie auf Befehl standen alle auf, als sie unser Auto erblickten. Mamdoh fuhr weiterhin sehr langsam auf unser Haus zu, als würde er mit seinem Auto über Eier fah­ren, hupte jedem zu, der neben der staubigen Straße stand und uns winkte. Das Haus, das mein Vater vor Jahren hatte bauen lassen mit Geld, das er in seinem Kebab House verdiente, sah tatsächlich wie ein prächtiger Palast aus. Ich freute mich sehr, dass vor vielen Häusern ein paar Bäume standen. Früher war es im Dorf überall karg gewesen wie auf Bergspitzen. In diesem Moment des Ankommens kam auch meine Sehnsucht nach dem frischen Fladenbrot auf. Ich war froh, dass ich an diesem Tag doch noch eine Freude spürte am Ort meiner Kindheit. Kaum waren wir vor dem Haus ausgestiegen, wurde das Auto von Menschen um­­­ringt, wir wurden begrüßt und geehrt, als seien wir hohe Minister. Zwischen dem Auto und der Haustüre wurde ein Kordon gebildet, wir schritten hindurch.

Diesen königlichen Empfang kannte ich schon von frü­heren Reisen. Von jedem Menschen, Kind oder Greis, Frau oder Mann, wurden wir der Reihe nach umarmt und ge­­küsst. Alle fragten nach unserem Wohlbefinden und sag­ten das Gleiche: «Wie schön, dass ihr da seid. Danke Gott, der uns diesen schönen Tag geschenkt hat!» Bevor wir ins Haus gingen, hörten wir Stimmen, wir sollten uns zu Mamdohs Haus, also zum großen Haus meines Großvaters, in dem jetzt Mamdoh mit seiner Familie lebte, drehen: Zwei junge Männer kamen aus dem Stall von Onkel Mamdoh, jeder hatte ein Schaf auf den Schultern, und sie bewegten sich in unsere Richtung. Ich musste nicht lange überlegen, weshalb diese Tiere zu uns gebracht wurden. Vor dem Auto hielten mehrere Jungen die Schafe nebeneinander am Boden an den Beinen fest, eine Frau reichte Mamdoh ein langes Messer. Mamdoh schliff das Messer. Einen Vers rezitierend, hielt er das Tier am Genick fest, drehte dessen Ge­­­sicht gen Mekka, also gegen Süden, drückte mit seinem rechten Fuß auf die vorderen Schenkel, setzte das Messer am Hals des Tieres an, nachdem er die Wolle auf die Seite geschoben und eine freie Stelle für das Messer gesucht hatte. Ich hatte das Gefühl, in mir breche ein Vulkan aus, und vor meinen Augen wurde es schwarz. Mamdoh zögerte ei­­nen Moment, als wolle er die Spannung noch erhöhen. Das Tier bebte am ganzen Körper, bevor Mamdoh dessen Kehle durchschnitt. Das Blut floss in die rote Erde, das Tier bewegte noch einige Minuten die Beine, die von zwei Männern gehalten wurden. Mamdoh wandte sich dem zweiten Schaf zu, das von zwei anderen Männern gehalten wurde, tat das Gleiche mit ihm. Mamdohs Frau tauchte ein Tuch in das Blut, be­­schmier­­­te mit diesem die Stirn meines Vaters, der hinter seinem Bruder stand und alles stumm beobachtet hatte, als Zeichen, dass das Opfer ihm galt. Und dann wandte sie sich mit demselben Tuch mir zu. Ich warf mich hinter eine Frau, die ich nicht kannte, nur meine Hand wurde erreicht und mit Blut beschmiert. Während ich damit beschäftigt war, meine Hände zu reinigen, war Mamdoh schon dabei, die Schafe zu häuten. Das Fleisch glänzte an der Sonne. Die abgetrennten Köpfe der Schafe lagen nebeneinander unweit ihrer Körper, die Augen der Tiere waren groß geworden, als versuchten sie, aus ihren Löchern herauszukommen. In sicherem Abstand von den Menschen warteten Hunde des Dorfes, mindestens zwanzig, darauf, ihren Anteil zu bekommen.

Später nahmen wir Platz im großen Saal des Hauses auf den Teppichen, die meine Mutter geknüpft hatte, als sie noch im Dorf lebte. Alle redeten gleichzeitig, was mir vorkam, als würde ich in einem Tunnel auf der Autobahn stehen.

Das Essen kam aus Mamdohs Haus, wie ich es von frü­heren Reisen her kannte, es war dort in Kürze zubereitet worden. Alle Männer des Dorfes waren anwesend. Allein für sie wurden zwei Bodentische eingerichtet, zuerst kam die Joghurtsuppe mit Minze, dann das Fleisch der vorher geschlachteten Schafe in einer großen Schüssel und Reis, zum Abschluss Aprikosenkompott – ein traditionelles Me­­nü, das hohen Gästen serviert wird.

Den Wänden entlang saßen der Reihe nach unsere Verwandten. Meine Mutter, die strahlend wie ein Maikäfer lächelte, servierte auf silbernen, verzierten Tellern Schokolade, die sie in der Bischofstraße kiloweise gekauft hatte. Später würde ich sehen, wie die Schokoladepapiere um un­­ser Haus herumlagen und vom Wind im Dorf verteilt wurden. Einige Papiere blieben noch Tage an den Sträuchern hängen.

Mein Vater reichte den Männern seine Filterzigaretten, von der stärksten Sorte natürlich. Die Älteren rauchten, die Jungen, die aus Respekt nicht vor den Älteren rauchen durften, steckten die Stängel in die Brusttasche ihres Hem­des.

Nach dem Essen, das auch die Frauen an separaten Esstischen mit großem Appetit und dankend zu sich nahmen, wurden die Männer in ein Zimmer gebeten. Die Äl­­teren saßen auf den gewobenen Sitzkissen am oberen Ende des Raumes, die Jüngeren unten. Die älteren Männer durften ihre Beine ausstrecken – bei vielen kamen die Löcher in den Socken zum Vorschein. Dass Jüngere ihre Beine in Anwesenheit von Älteren nicht ausstrecken, war sogar mir bekannt. Es bedeutet Respekt. Mein Vater, der stolze Rückkehrer, verteilte weiterhin Zigaretten und Schokolade, das war seine einzige Beschäftigung seit unserer Ankunft. Rauch strömte in den Raum wie aus einem Kamin und durch die offenen Fenster hinaus. Eine junge Frau, die ich nicht kannte, brachte auf einem silbernen Tablett Tee in schmalen, verzierten Teegläsern bis vor die Zimmertür. Als ich An­­stalten machte, Tee zu verteilen, wurde ich einstimmig wie von einem Chor zurechtgewiesen, der Gast habe nicht zu arbeiten. Ein anderer sprang ein. Mein Vater sah glücklich aus, er mischte sich im Gegensatz zu mir in das Gespräch der Männer ein, er wusste, was in dem Jahr seiner Abwesenheit in seinem Dorf passiert war, er kannte die Geschichten von Missernten oder vom Sohn eines Cousins, der von seiner fiesen Frau, die nicht eine Beyto war, verlassen worden war. Als die älteren Männer schmatzend reichlich Schokolade gegessen und ihre löchrigen Zähne, die vom Rauchen eine gelbliche Farbe angenommen hatten, mit Zahnstochern, die sie in ihren Taschen mittrugen, geputzt hatten, verabschiedeten sie sich, und mein Vater blieb mit seinen Gleichaltrigen zurück, die nun fröhlich einen Scherz nach dem anderen zum Besten gaben.

Meine Mutter war mit den Frauen im anderen Zimmer. Die Türe stand offen, man hörte das laute Lachen der Frauen. Die Mutter verteilte die Geschenke. Seit wir in der Bischofstraße wohnten, war meine Mutter eine fleißige Sammlerin von Aktionskleidern. Textilien, egal welcher Art, die im Preis reduziert waren, brachte sie nach Hause und lagerte sie in einem separaten Schrank in ihrem Schlafzimmer, den sie auch als Aktion gekauft hatte. Mit der Zeit kannten alle Verkäuferinnen meine Mutter, und manche von ihnen benachrichtigten sie einen Tag, bevor das Ge­­schäft die Aktionswoche startete. Diese Kleider brachte sie dann einmal im Jahr ins Dorf, nicht für nahe Verwandte, wie Mamdohs Familie, für die sie in Boutiquen eingekauft hatte, sondern für bedürftige Verwandte. Bei ihren letzten Besuchen im Dorf war sie enttäuscht gewesen, dass die Leute modischere Kleider trugen und über Mutters billige Ware sogar spotteten. Mutter aber hörte nicht auf, Aktionskleider zu sammeln. Auch diesmal hatte sie einen Koffer voll mitgebracht.

Mein Onkel Mamdoh saß als der Älteste nun oben, und ich sah erstaunt, wie schnell mein Vater seinen Ernst verloren hatte und mit den Männern scherzte. Das heitere Gespräch ging um die Männer und die Frauen und was da so zwischen ihnen ablief. Die Augen waren auf einen Mann namens Ramo gerichtet. Dessen Mundwerk galt als locker. Er begann mit einer seiner ­Ge­­schichten über die Männer, die er in Deutschland in der Bahn­hoftoilette geölt hatte, wie er es nannte. Alle brachen in schal­­lendes Gelächter aus – ich lachte sogar mit, weil alle lachten, auch wenn ich den Inhalt der Erzählung von Ramo abstoßend fand.

Später ging man zu ernsteren Dingen über. Mein Vater erzählte mit nicht wenig Stolz von meinem Beruf als Informatiker, und Onkel Mamdoh schaute mich liebevoll an. Ich musste allen erklären, was mein Beruf beinhaltete. Sein Sohn verstehe von dieser Erfindung der Heiden so viel, als hätte er sie selber entworfen, berichtete Vater über meine Computerkenntnisse. An Ramo mit dem undichten Mund gewandt, verkündete er, dass es heute für ihn nicht mehr nötig sei, sich in Gefahr zu begeben und in der Nacht vor den Fenstern zu lauern, um einen lang ersehnten nackten Frauenkörper zu sehen, denn die Erfindung der Heiden würde die schönsten Frauen, sogar Models oder berühmte Frauen vom Fernsehen, ganz nackt zu ihm nach Hause bringen. Da richtete sich Ramo, der halb am Schlafen war, auf und forderte meinen Vater auf, ganz genau zu erzählen, wie das gehe. Er habe nämlich auch schon früher von dieser schönen Neuigkeit gehört. Das Paradies liege einem neuerdings so einfach vor den Füßen, man müsse nicht mehr ein Leben lang beten, um eingelassen zu werden. Vater erzählte mit leiser Stimme, die Frau stehe nackt vor einem Mann, der sie fotografiere, danach könne er diese Fotos im Computer Tausenden oder Millionen schicken. Eine Frau gehöre nun nicht mehr nur einem einzigen Mann. Vater wusste aber nicht genau, wie das alles technisch ging, er schaute mich an, es wäre aber unstatthaft gewesen, wenn er mich, seinen Sohn, dazu aufgefordert hätte, zu erzählen, wie nack­te Frauenfotos verbreitet werden. Mein Onkel Mamdoh, der Meister der Erotik, wusste natürlich bestens Be­­scheid. Er beschrieb es mit einem unerwarteten Bild: Da man den Frauenkörper fotografiere, mache man daraus eine Art Sonne, die oben stehe, und jeder Mensch, der einen Computer habe, könne sie anschauen. Sie sei aber weit weg, man sehe sie, aber man dürfe sie nicht anfassen, genau wie die Sonne. Ramo reagierte mit Erstaunen, er schrie vor Freude und sagte, die Welt werde nicht mehr untergehen. Er warf ein leeres Schokoladenpapier in Richtung meines Vaters und sagte, er solle das nächste Mal keine Schokoladen, sondern diese Erfindung der Heiden, also einen Computer mit nackten Fotos der Models mitbringen. Alle lachten.

Solche Gespräche über Verbotenes waren eigentlich nicht angebracht, das wusste ich von früher, aber wenn Ramo mit dem undichten Mund anwesend war, leistete man es sich, halb im Spaß Sprüche zu machen, die unter die Gürtellinie gingen, und so für Stoff zum Lachen zu sorgen.

Ramos Geschichte erzählten meine Eltern oft in unserem Kebab House: Er habe einige Jahre in Deutschland gelebt, unsere Landsleute munkelten, dass er für Geld Männer be­­diene. Als diese Abscheu, wie meine Eltern seine Tat nannten, verbreitet war, habe Ramo sich verteidigt, dass sein Besuch bei den Männern doch nicht schlimm gewesen sei, weil er nicht unter dem Mann, sondern über ihm gelegen habe. So versuchte der stolze Mann vom Beytodorf zu erklären, dass nicht er, sondern der Mann, der unter ihm lag, schwul war. Wegen dieser Männerbeziehungen hat niemand ihm eine Frau gegeben, nachdem er zurück ins Dorf gekommen war. Er galt nun als Dorfnarr, der ab und zu für Vergnügen sorgte. Auch seine Schwestern litten unter seinem Ruf, meine Mutter meinte, er sei schuld gewesen, dass die Schwestern in schlechte Ehen gerieten. Eine wurde die zweite Frau eines hinkenden Mannes, der nicht einmal aus dem Dorf stammte.

Meine gleichaltrigen Kindheitsfreunde saßen mit in dieser Runde, auch sie aßen reichlich Schokolade und lachten mit. Sie forderten mich bald auf, mit ihnen hinauszugehen, zum alten Dorfbrunnen, der nicht mehr in Betrieb war, weil jetzt die Wasserleitungen bis zu jedem Haus gelegt worden waren. «Wir wollen Erinnerungen auffrischen und aus Fürzen Tänze machen», sagten sie im Chor, als wir aus dem Haus gingen. Ich hatte tatsächlich sehr viele Erinnerungen an diesen Brunnen, der unser Treffpunkt gewesen war. Ich, der ich von mindes­tens zehn Freunden begleitet wurde, war einerseits froh, nicht mehr die sexuell angehauchten Männergespräche hören zu müssen, andererseits merkte ich, dass das Lachen an diesem Tag mir, der ich mir vorkam wie ein Körper ohne Kopf, gut getan hatte.

Zuerst scherzten auch meine Freunde beim alten Dorfbrunnen über die schönsten Frauen, die sie wollten, aber noch nicht hatten, und über die eigenen Mütter und Väter, die klagten, dass alles teuer geworden sei, wenn es ums Kaufen eines Hem­des für sie selber gehe, aber das ganze Geschäft kaufen wollten, wenn es um eine Hochzeit gehe, bei der die gekaufte Ware von den Gästen gesehen und groß bestaunt werde.

7

Meine Eltern sagten immer, dass in ihrem Dorf die Wahrheit nur von einem Verrückten ausgesprochen werden könne. Ich glaubte ihnen nicht und lachte sie jeweils aus. Bei den Überresten des alten Dorfbrunnens erfuhr ich dann aber ausgerechnet vom gleichaltrigen Farda, der seit einiger Zeit im Dorf als geisteskrank galt, den wahren Grund für unsere Reise ins Dorf. Farda, so hatten meine Eltern mir immer wie­­­der erzählt, hatte Gott den Eltern endlich nach sechs Mädchen geschenkt. Dass er geisteskrank wurde, mach­­­te sie traurig. Verantwortlich dafür sei sein Vater, weil dieser an­­geblich für seine Kinder keine Arbeit gesucht und keine Zukunft geschaffen habe und Farda im Dorf in Armut leben müsse. Am Dorfbrunnen blieb Farda vorerst ruhig, während ich versuchte, die Fragen der Kollegen, die alle hofften, irgendwann und irgendwie in den Westen zu reisen, zu be­­antworten. Sie wollten wissen, wie die jungen Frauen dort waren, ob sie wirklich mit halb entblößten Brüsten herumliefen. Ich wollte weder ihre Vorstellungen bestätigen noch die Frauen als Sexobjekte darstellen noch sie selber brüskieren. Und dann mischte sich Farda ins Gespräch ein. Mit Sahar hätte ich natürlich den Kranich ins Auge getroffen, sagte er lachend, während er den Stummel einer Filterzigarette, die er von meinem Vater erhalten hatte, mit seiner großen Zehe – er trug keine Schuhe – zertrat. «Auch Sahar hat den Kranich ins Auge getroffen», meinte Mofid, ich sei so bescheiden und freundlich geblieben wie einer aus dem Dorf, und das würde Sahar sehr schätzen. Wenn andere Eu­­ro­­päer in ihr Dorf zurückkämen, würden sie sich im Ge­­gen­­­­­satz zu mir mit ihren modischen Kleidern und den schicken Haarschnitten wie jenen von Männern im Fernsehen so arro­­gant wie Böcke in einer Schafherde aufführen. Ich lä­chel­­­­te Mofid an und sagte, dass ich sie, die Kollegen aus dem Dorf, immer in Erinnerung behalten würde, zudem würden meine Eltern täglich mehrmals vom Dorf sprechen, so dass es unmöglich sei, das Dorf und seine Menschen zu vergessen. Ich war aber irritiert, ja schockiert über Fardas Worte, ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Mein Vater hätte jetzt wohl gesagt: «Mir friert die Spucke auf der Zunge.»

«Sahar hat auf keinen anderen Jungen im Dorf ein Auge geworfen. Sie sprach von der Heirat mit ihrem Cousin, noch bevor ihre Brüste, die heute – Gott behüte sie – wie Zuckermelonen sein sollen, wuchsen», fuhr Farda fort, der wie alle anderen Jungs eine Gebetskette mit Perlen aus Por­­­zellan in der Hand hielt und diese hin- und herschwenkte. «Sahar hat meine Schönheit nie sehen wollen», sagte Farda lachend, während er mit beiden Händen seine Brüste unter dem halb offenen weißen, aber dreckigen Hemd streichelte, «ihre Augen waren nur auf ihren Cousin im Honigland gerichtet.»

Nun packte Mofid ihn am Kragen, so heftig wie eine Hyäne, und schüttelte ihn zornig, er solle sich in Acht nehmen und nicht über Unsittliches sprechen, da der zukünftige Mann dieser Frau da sei. Zu mir gewandt sagte Mofid, ich solle diesen Verrückten mit seinen abschätzigen Worten nicht ernst nehmen. Ich sagte mit leiser Stimme, die kaum ich selber hören konnte, dass ich Farda nicht böse sei.

«An deiner Hochzeit in ein paar Tagen werde ich sicher eine Frau, so schön wie der Mond, finden», sagte Farda. Diesmal hatte er die Hand in die alte Cordhose, die bis zu seinen Knöcheln reichte, gesteckt und spielte mit seinem Schilfrohr. Mofid warnte ihn, er solle die Hand rausnehmen und sie sofort waschen oder mit Erde abreiben, das sei das letzte Mal, dass er ihn mitnehme. Farda verschwand hinter die Rui­­ne, kratzte eine Handvoll Erde zusammen und reinigte seine Hände. Als er wieder zu uns kam, lachte er breit: «Heute haben nur Jungen, die ein Auto fahren, bei Frauen Chancen, wer heiratet heute noch einen Eseltreiber, wie ich es bin.»

Auch ich lachte zuerst über seine Bemerkung. Doch dann verschlug es mir die Sprache, ich spürte kalten Schweiß auf meiner Stirn, bald darauf tropfte mir Schweiß über die rechte Wange. Ich wischte ihn mit meinem Hemdärmel ab und hörte Farda, der flüsternd zu Mofid sagte, dass jeder Mann vor der ersten Nacht im Gotteshaus, also in der Ehe, ein Recht habe zu schwitzen, zumal eine Schönheit wie Sahar auf mich warten würde. Die Herausforderung, einer so schönen Frau gerecht zu werden und ihr gewachsen zu sein, sei doch sehr groß. Da musste auch Mofid lachen und mit ihm die anderen Jungen. Wie im Chor sagten sie, dass ich die Leute hier kenne, vor der ersten Nacht mit einer Frau würde es sehr viel Gerede geben. Ich solle Farda nicht so ernst nehmen, nicht einmal die Hähne des Dorfes, denen er ständig Steine nachwerfe, könnten ihm böse sein. Ich schüttelte den Kopf, war innerlich und gedanklich woanders. Vielleicht war es gut, habe ich mir später gesagt, dass ich diese bittere Wahrheit, die meine Zukunft von nun an bestimmen sollte und die einen Schatten über mein weite­res Leben in der Bischofstraße warf, von einem als verrückt geltenden Farda so mitbekam. Man hätte über seine Art, wie er mich aufklärte, worum es eigentlich ging bei meinem Besuch im Dorf, auch lachen können.

Dass nach unserer Ankunft ab und zu flüsternd über Sahar, meine Cousine, gesprochen wurde und sie nicht in unserem Haus erschien, hätte mir eigentlich klarmachen müssen, was der wahre Grund der Reise ins Dorf war. Sahar wusste, dass sie meine Braut werden sollte, der Tradition nach durfte sie unser Haus nicht mehr betreten bis zum Tag der Hochzeit. Ich tadelte mich, weil ich nicht wahrgenommen hatte, dass ich für eine, für meine Hochzeit ins Dorf mitgenommen worden war. Meine Eltern hatten, seit ich mich erinnern konnte, von meiner Hochzeit gesprochen, und von einer aufrichtigen und tüchtigen Schwiegertochter wie Sahar. Ich hatte mir aber ge­­dacht, dass es nicht so schnell gehen würde, und fest geglaubt, dass meine Eltern mich fragen würden, wenn es so weit wäre.

Ich stand regungslos da und zitterte am ganzen Körper. Mir war heiß, ich schwitzte, ich versuchte, meinen Schock den Jungen, die mich in der Dämmerung stumm und aufmerksam anschauten, nicht zu zeigen. Die Welt drehte sich um mich. Mir war noch nicht ganz bewusst, dass mein Le­­ben von nun an in einen schwarzen Schleier gehüllt sein würde. Ich dachte daran, sofort zu meinen Eltern zu gehen und ihnen ins Gesicht zu spucken. Da mir aber klar war, dass sie immer noch von den Gästen umlagert waren, blieb ich widerwillig bei den Freunden, die anfingen, im spärlichen Licht der Straßenlaterne Karten zu spielen.

Obwohl wir von derselben Erde stammten, wie auch die Jungen sagten, war eine große Kluft zwischen uns. Ich war nicht nur im Dorf aufgewachsen und hatte andere Welten kennengelernt. Aus ihrer Sicht war ich aber einer von ihnen, der sich so zu verhalten hatte wie sie selbst. Wenn sie erfahren würden, ging mir durch den Kopf, dass ich in der Liebe Männer vorziehe, hätte ich ihre ganze Sympathie verloren, wäre an die Stelle von Farda und Ramo, den beiden Verrückten, getreten. Vielleicht aber hätten sie es einfach nicht glauben wollen, weil ich doch ein korrekter und zuvorkommender Mann war. Oder aber sie würden denken, die Heiden hätten mich zu einem Abartigen gemacht.

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