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Lost in transformations
Ein phantastische Erzählung
von
Yupag Chinasky
Impressum
Yupag Chinasky
Lost in transformations
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de
Copyright 2017 Yupag Chinasky
Inhaltsverzeichnis
Lost in transformations
Bondage art
Food art
Dancing art
Tattoo art
Funeral art
Epilog
Bondage art
Der Blick aus der Wohnung war phantastisch. Unter einem wolkenlosen, samtblauen Himmel funkelten unzählige Lichter soweit das Auge reichte. Die selten klare Sicht ließ die unfassbare Weite des Häusermeers nicht nur erahnen, sondern brachte auch alle Einzelheiten plastisch zur Geltung: die zusammengedrängten Hochhäuser im Zentrum, die kleinen Wohnhäuser in den Vororten, die wenigen dunklen Flächen der um diese Zeit ausgestorbenen Parks, die zahllosen Autoscheinwerfer, die den Verlauf der breiten Straßen markierten, die Schneisen der Eisenbahnlinien mit den dahinschleichenden rötlichen Fensterbändern der Züge und sogar den entfernten Hafen mit angestrahlten Kränen, Containern, Brücken und Schiffen. Doch die Krönung des Ausblicks lag weit entfernt am südwestlichen Horizont, ein kleines, weißes Dreieck, das sich deutlich von der dunkleren Umgebung abhob. So zeigte sich von hier aus der mit Schnee bedeckte Kegel des heiligen Berges, der Sitz der Götter, der in den letzten Strahlen der Sonne, die über der Stadt bereits untergegangen war, aufleuchtete. Es war ein seltener Anblick, schon fast ein festliches Ereignis, das den Berg in erschaubare Nähe rückte, weil ihn für gewöhnlich Dunst und Wolken verbargen. Der helle, ebenmäßige Kegel in der Ferne fand sein Gegenstück ganz in der Nähe, innerhalb der Wohnung, direkt vor dem Fenster: eine hohe, bauchige Vase auf einem kleinen Podest aus Ebenholz. Das tiefschwarze Holz und die nachtdunklen, glitzernden Fenster bildeten den perfekten Kontrast zu dem kostbaren, elfenbeinfarbenen Weiß des feinen Porzellans, aus dem dieses Meisterstück geformt war. Ein Kunstwerk ohne zusätzliche Muster, die nur abgelenkt hätten, ohne weitere Verzierungen, die eine Steigerung der ästhetischen Wirkung nicht vermocht hätten, ein Objekt, dessen vollendete, harmonische Form dem Vorbild in der Ferne durchaus ebenbürtig war.
Der alte Mann, der auf seinem niedrigen Sofa saß, hatte weder für das Kunstwerk vor den Fenstern noch für den seltenen Ausblick in die Ferne ein Auge. Die Kunst, die ihn umgab, kannte er zu genüge und auch die Aussicht war ihm wohl vertraut. Er konnte beides jeden Tag, jeden Abend, zu jeder beliebigen Zeit genießen. Selbst die fabelhafte Klarheit und die grandiose Sicht waren für den Alten nichts wirklich Neues. An diesem Abend spielte sich das Aufregende vor den Fenstern ab, im Schein einiger weniger Punktstrahler. Doch bevor nun erzählt wird, worauf der Alte so gebannt starrte, was seine ganze Aufmerksamkeit fesselte, muss einiges zu diesem Juwel über den Wolken, zu diesem Traum in Himmelsnähe gesagt werden und natürlich auch zu dem Alten selbst, dem Besitzer und einzigen Bewohner. Der großzügige, kreisrunde Wohnraum in diesem Penthaus auf einem der höchsten Gebäude der riesigen Stadt, war sein Ort zum Leben und zum Schauen. Die Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten und sich fast nahtlos, nur durch schmale Streben getrennt, aneinander fügten, boten den einzigartigen Blick in alle vier Himmelsrichtungen., ein unbezahlbares Zimmer mit Aussicht. Der funktionale Rest der Wohnung, all das was für ein komfortables Leben notwendig ist, wie Küche, Bad, Fahrstuhl, war als kompakter Block in der Raummitte zusammengefasst. Dieser Block war zum einen das statische, tragende Element des Penthauses und zugleich dienten seine weißen Außenwände als Ausstellungsflächen für das private Museum des Besitzers. An ihnen hingen erlesene Bilder, die in Konkurrenz zu dem Ensemble aus Vase und Blick in die Ferne standen.
Die große Wohnung bot dem Alten nicht nur alles, was er zum Leben brauchte, sie war zu seinem Lebensmittelpunkt geworden und er verließ sie fast nie. Hier traf er sich mit den wenigen, ihm noch verbliebenen Freunden. Hier empfing er die seltenen Besucher, die es schafften, an der strengen Rezeption, dem Wachdienst im Erdgeschoss, vorbei zu kommen. Regelmäßig kam nur eine alte Frau, eine Hausangestellte, die putzte, aufräumte, die Mahlzeiten zubereitete und sich um das kümmerte, was im Haushalt eines alten Junggesellen anfällt. Die notwendigen Besorgungen erledigte ein Servicedienst, für alle technischen Dinge und für die anfallenden Reparaturen war die Hausverwaltung zuständig. Wenn, selten genug, geschäftliche Angelegenheiten geregelt werden mussten, die der Alte nicht selbst per Telefon, Post oder zunehmend über das Internet erledigte, kam ein älterer Anwalt. Dieser war eigentlich der einzige Vertraute, der ihm verblieben war und mit dem er dann lange redete, in Erinnerungen schwelgte und seine jetzige Situation, je nach Stimmung, beklagte oder beschönigte. Doch die meiste Zeit war der Alte allein und gab sich seinen stillen Freuden hin: essen, trinken, schauen und der Pflege seiner großen Leidenschaft.
Er war nicht anspruchsvoll, was Essen und Trinken betraf. Meistens nahm er Vorlieb mit dem, was seine Haushälterin ihm zubereitete oder was er sich selbst zubereitete. Manchmal, wenn ihm danach war oder wenn ihn sein Freund, der Anwalt, besuchte, ließ er eine aufwändige Mahlzeit aus einem feinen Restaurant kommen. Er brauchte dies zur Abwechslung des Einerleis, um durch Essen auf andere Gedanken zu kommen oder schlichtweg, um seine Gier nach Fleisch in Gesellschaft zu befriedigen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters, war diese Gier nach Fleisch jeglicher Art immer noch sehr groß. Wenn er das drängendste Verlangen mit tellergroßen Steaks oder einem üppigen Ragout aus Innereien befriedigt hatte und reichlichen Mengen an Sake geholfen hatten, die Massen zu bewältigen, orderte er bei einer spezialisierten Agentur den Nachtisch, junges Fleisch zum Anfassen, Anschmiegen, Aufwärmen und Eindringen, während sich sein Freund, diskret zurück zog. Der war überzeugt, dass er beide Arten von Fleisch bräuchte, die eine zum Aufbau und Erhalt seiner Kräfte, die andere, um die so gewonnenen Spannungen, besser geaght die noch verbliebenen Spannungen, wieder abzureagieren, denn Spannungen und Erregungen überkamen ihn, trotz seiner fortdauernden Begierde, immer seltener und die Suche nach einer erlösenden, finalen Befriedigungen war meistens vergeblich und so blieb ihm als Nachtisch meist nur Anfassen, Anschmiegen und Aufwärmen. Die ausufernden Mahlzeiten waren selten, aber der Blick aus seiner Traumwohnung war ständig vorhanden. Ob die seltene Klarheit oder der übliche Dunst, ob die Reflexionen der Sonnenstrahlen auf den unzähligen, spiegelnden Flächen der Megapolis oder die Beugung der nächtlichen Lichter in der Fülle der Regentropfen auf den Fensterscheiben, ob die prachtvollen Sonnenauf- und -untergänge oder das gleißende Licht der Mittagssonne, all das kannte er mittlerweile zu Genüge. Er genoss diese Aussicht zwar immer noch und er erfreute sich nach wie vor an den phantastischen Blicken, aber richtig erregen konnten sie ihn nicht, genauso wenig, wie ihn der exquisite Nachtisch noch erregen konnte.
Erregung fand er auf einem anderen Gebiet. Sein wahres Vergnügen, seinen Kick, die Erfüllung in der leeren Zeit fand er ausgerechnet auf einem Gebiet, das ihn all die Jahre zuvor nicht interessiert hatte, weder in seiner Jugend noch in der Zeit, als er reichlich Geld scheffelte. Es war die Kunst, die unvermittelt in das Zentrum seines Interesses gerückt war, ja zum Mittelpunkt seines Lebens geworden war. Sie war es, die nach dem Ende seiner beruflichen Karriere, als er gezwungen war, sein Leben auf den wenigen Quadratmetern dieser Traumwohnung zu verbringen und sich auf sich selbst zu konzentrieren, seine Zeit in Anspruch nahm und sein Können neu herausforderte. Als intelligenter, zupackender Mensch, der in seinem Beruf ständig agieren und entscheiden musste, wäre er geistig verdorrt, verkümmert, ausgetrocknet, in Depressionen verfallen, wenn er sich nicht eine Ersatzbefriedigung verschafft hätte. Er entdeckte diese neue, faszinierende Welt der Kunst gewissermaßen aus reiner Langeweile, doch dann verfiel er ihr regelrecht. Am Anfang besorgte er sich Bücher, abonnierte Zeitschriften, las einschlägige Artikel, verfolgte Sendungen im Fernsehen, später durchforstete er vornehmlich das Internet und eignete sich so ein beachtliches Wissen an. Als er merkte, dass ihn diese Feld und die Beschäftigung interessierte, beschloss er das, was als Ablenkung und Hobby geplant war, zu seinem neuen Beruf zu machen, denn es blieb nicht aus, dass er auch hier die Fähigkeiten einsetzte, die er im Beruf erworben und perfektioniert hatte. Dieses neue Möglichkeit seine in langen Jahren erworbene Fähigkeiten wieder einzusetzen, war wohl auch der wahre Grund, warum er sich auf diesem neuen Gebiet so intensiv betätigte. Es war nicht nur die Kunst an sich, die ihn fesselte, nicht nur der ästhetische Genuss oder die Freude an einem perfekten Kunstwerk, sondern Kunst als Wirtschaftsfaktor, der Handel mit Kunst. Mit der Zeit gelang es ihm, in den Dschungel des Kunstmarkts einzudringen und der internationale Kunsthandel wurde sein Spezialgebiet, weil ihn dessen kriminelle Aspekte in hohem Maße faszinierten. Das war kein Wunder, denn auf dem weiten Feld illegaler Machenschaften besaß er reichlich eigene Erfahrung. Und so war es auch nur folgerichtig, dass er das Feld der grauen Theorie bald verließ. Ausgestattet mit reichlich Kapital, um im oberen, lukrativsten Segment des Kunstmarkts einzusteigen, begann er zu kaufen, immer nur über das Internet, von Galerien, von den Künstlern oder telefonisch bei Auktionen. Er erwarb ausschließlich zeitgenössische Kunst, von der er annahm, dass sie sich auf dem Markt lukrativ weiter entwickeln würde. Er hatte für Zukunftsprognosen immer einen guten Riecher gehabt und für riskante Geschäfte immer ein gutes Händchen, Eigenschaften, die ihn schon in seinem angestammten Beruf ausgezeichnet hatten und ihn auch jetzt nicht verließen. Zu Beginn seiner Händlertätigkeit ließ er sich die erworbenen Gemälde, die Drucke oder die hochwertigen Fotografien in seine Wohnung kommen und hängte sie an die wenigen weißen Wände oder stellte die avantgardistische Skulpturen vor die raumhohen Fenster. Rasch merkte er, dass es gar nicht notwendig war, die Kunstobjekte materiell zu besitzen. Es war eher sogar eher lästig, die Transporte mit dem Risiko von Beschädigungen, die teuren Versicherungen, der Platzmangel in seiner Wohnung und die etwas ernüchternde Erfahrung, dass ihm vieles, ja fast alles, was er erwarb, gar nicht gefiel, dass er sich die teure Kunst gar nicht lange anschauen wollte, dass er immer froh war, wenn er das Zeug wieder los hatte, dass er es zu einem angemessenen, das heißt zu einem weit höheren Preis wieder verkaufte. Wie er das schaffte, war eines seiner Geheimnisse, das er vielleicht selbst gar nicht so recht kannte, aber Tatsache war, dass er fast immer, bei fast jeder Transaktion, einen guten Schnitt machte. Vielleicht war die Fähigkeit den richtigen Moment für den Verkauf abzuwarten eines dieser Geheimnisse. Um jedoch abzuwarten, brauchte man nicht die physische Präsenz der erworbenen Güter. Die Kaufurkunde, das Echtheitszertifikat, die Rechnung, eine gute Abbildung oder Reproduktion genügten vollauf. Sie genügten allemal um mit den Kunstwerken zu jonglieren, sie irgendwo, in anonymen Depots zwischenzulagern, anzudeuten, dass man etwas hatte, Köder auszulegen, zu pokern und sie zum geeigneten Zeitpunkt wieder an das Tageslicht zu holen und schließlich lukrativ zu verkaufen. Bei den Lagerungen, den verschwiegenen, sicheren Orten und den notwendigen Transporten half ihm auch wieder seine alte Firma, genauso wie beim Ausspähen potentieller Kunden, die danach lechzten illegale, schwarze Gelder in absolut legale zu verwandeln, die in reinstem, unschuldigsten Weiß strahlten. Für diese Hilfen musste er natürlich einen angemessenen Obulus entrichten, einen happigen Prozentsatz abführen, aber das war die Regel und mit Regeln kannte sich der alte Fuchs aus, wie kein Zweiter. Erstaunlich war, dass alles, was dieser Fuchs tat, von seiner Wohnung aus geschah. Er besuchte keine Auktionen, setzte seinen Fuß in kein Museum, hatte noch nie eine Galerie oder Ausstellung besucht oder gar einen Künstler in seinem Atelier. Das alles wäre ohnehin schwierig gewesen, da sein Arbeitsfeld der internationale Markt war und er weder reisen durfte noch wollte. Er hielt es aber auch nicht für nötig, die Kunstwerk, die er kaufen wollte, zuvor mit eigenen Augen zu sehen oder mit den Händen abzutasten. Er verließ sich auf die neu erworbene Erfahrung, auf das Glück, das ihm lange Jahre treu gewesen war und auf seine offensichtliche, natürliche Begabung, die man auch als Instinkt für alles Geschäftliche, vor allem für alles Illegale bezeichnen konnte. Er hatte Erfolg und verschaffte sich zugleich Befriedigung und als Beigabe verdiente er bald mehr, als nur ein ansehnliches Zubrot.
Doch nachdem er sich selbst bewiesen hatte, dass er als Kunsthändler diesen Erfolg hatte, verlor er an der banalen Beschäftigung des Kaufens und Verkaufens wieder das Interesse, finanziell war er auf das Zubrot ohnehin nicht angewiesen. Dafür tat sich ihm ein neues Feld auf. Der Umgang mit Kunstwerken, die andere geschaffen hatten, begann ihn bald zu langweilen. Es begann schon in der Zeit, als er sich die Werke noch kommen ließ. Er fand viele langweilig, uninteressant, protzig, nur geschaffen, um einem Massengeschmack zu genügen. Eines musste man ihm lassen, diesem alten Fuchs, Geschmack hatte er. Wenn er diese Werke tage- oder wochenlang in seinem privaten Museum zwischenlagerte und er sie täglich sah, kamen ihm oftmals bessere Ideen. Der Gedanke, selbst Kunst zu schaffen, eigene Werke herzustellen und zu verkaufen, machte sich immer mehr breit. Er kam zu dem Schluss, dass keine Kunst, keine Literatur, nichts in der Welt des Schönen und Erhabenen so gut ist, wie das, was man selbst schafft. Befriedigung erhält man nicht durch konsumieren und schon gar nicht durch handeln, sondern nur durch produzieren. Diese Gedanken hegte und pflegte er und nun stand er kurz davor, sie zum ersten Mal in die Tat umzusetzen. Natürlich war er handwerklich völlig unbegabt, hatte keinerlei Erfahrung im Herstellen eigener Kunstwerke. Er machte auch keine Anstalten, sich in Malerei, Photographie oder Kalligraphie, in das Herstellen von Tontöpfen oder das Färben von Stoffen zu versuchen. Aber er hatte außer seinem guten Geschmack auch viel Phantasie und er konnte Kunst von Kitsch unterscheiden. Er wusste, was die Leute mit Geld kaufen wollten, er wusste, was sich zum Waschen eignete und er wusste, dass er sich selbst irgendwie verwirklichen wollte, sich selbst in die Kunstszene einbringen wollte. Er hatte immer gemacht, was er wollte. Das war sein Wesenszug, das war der Grund seines Erfolgs, in der Firma, in seinem bisherigen Leben. Er war intelligent, bauernschlau, zäh, durchtrieben und absolut egoistisch. Ein Egomane und rücksichtsloser Verfechter seiner Ziele. Auch jetzt wusste er schon bald, wie er seine Vorstellungen umsetzen könnte. Ob er auch auf dem Kunstmarkt mit seinen eigenen Werken Erfolg haben würde, war ihm ziemlich egal, denn Geld hatte er reichlich, mehr als genug, mehr als ein alter, isolierter, in eine Traumwohnung verbannter Mann, je würde ausgeben können. Geld scheffeln war allenfalls ein Kriterium, ein wichtiges, wenn er darüber nachdachte, vielleicht sogar das einzige, um sich selbst und anderen zu beweisen, dass man gut und erfolgreich ist, als Künstler und als Kunstverkäufer und als Mann. Und erfolgreich wollte er sein, immer noch oder erst recht.
Dieser Mensch, dieser Autodidakt, dieser Amateur, Liebhaber im wahrsten Sinn des Wortes, nahm sich also vor, maßgeschneiderte Kunst anfertigen zu lassen und sie unter seinem Namen zu verhökern. Er hatte genügend Ideen, daran hatte es ihm nie gemangelt. Er hatte lange überlegt, auf welchem Gebiet er in die neue Ära einsteigen sollte. Er entschied sich für die Nachbearbeitung, die künstlerische Gestaltung von Photographien und deren perfekte, hochwertige Ausdrucke. Diese Art von Kunst sagte ihm am meisten zu und er war überzeugt, damit irgend wann auch finanziellen Erfolg zu haben, immer noch die Messlatte seines Tuns. Er war überzeugt, dass sich der Erfolg einstellen musste, weil seine Ideen gut waren, weil er spannende Sujets auswählen würde, ungewöhnliche Techniken einsetzen würde und alles höchst penibel, höchst professionell umsetzen würde. Wegen seiner zahlreichen Kontakte in der Kunstszene war es ihm nicht schwer gefallen, Künstler zu finden, die für ihn arbeiten würden. Er würde sie gut bezahlen. Geld ist das beste, oft auch das einzige Mittel, um seine Ziele zu erreichen. Alle waren bereit, mit ihm und für ihn zu arbeiten, obwohl er sich ausbedungen hatte, die Werke nur unter seinem Künstlernamen, einem Pseudonym, in den Handel zu bringen. Er selbst, der alte Mann, wollte anonym bleiben. Nur wenige sollten wissen, wer er wirklich war und kaum jemand würde die Ehre haben, einen Schritt in seine Traumwohnung zu setzen, dem Ort, an dem die Kunst entstehen würde, dem Ort für außergewöhnliche Ereignisse und auch dem Ort, an dem sie für einige Zeit verbleiben würde.
Nach all den langwierigen Vorbereitungen, dem Knüpfen von Kontakten, der Auswahl der Künstler und der Überzeugungsarbeit, die er dabei leisten musste, nach allen konzeptuellen Vorbereitung war es nun soweit, die ersten ungewöhnlichen Werke sollten entstehen. Und nun kann die Geschichte fortgesetzt werden, wo sie unterbrochen worden war. Das, was sich an diesem schönen, klaren Abend vor den hohen Fenstern und dem glitzernden Hintergrund der Megacity abspielte und die Aufmerksamkeit des Alten völlig gefangen nahm, war das erste von vier Ereignissen, der erste Schritt zu einem umfangreichen Quadryptichon. Es war auch für ihn, der so manches erlebt und angezettelt hatte, etwas Neues, etwas Ungewöhnliches, eine Herausforderungen. Zum Auftakt hatte er sich die Kunst des Fesselns, die bondage art, vorgenommen. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit galt in diesen Momenten einem bondage artist, einem berühmten Meister, der sein Handwerk verstand und für seine ungewöhnliche Kunst viel Geld verlangte und auch erhielt. Der kleine, glatzköpfige, fette Mann in einem dezenten, braunen Yukata, einer Art Morgenrock, war dabei, eine junge Frau kunstvoll zu verschnüren. Sie lag vor ihm auf einer Tatamimatte und er umwickelte ihren nackten Leib sorgsam mit Seilen aus Reisstroh, die er ineinander verschlang und miteinander verknotete. Er knüpfte und drapierte die dunklen Seile so gekonnt, dass sie ein kunstvolles Muster auf der rosa Haut des Mädchens bildeten, dunkle Linien und regelmäßige, helle Flächen. Diese Flächen wölbten sich, weil die Seile tief in das weiche Fleisch einschnitten. Die üppigen Brüste quetschten sich durch die Knoten. Der Bauch wurde vertikal durch ein dünnes Seil zwischen den Beinen, einem Stringtanga gleich, in zwei Hälften geteilt, die in ihrer Symmetrie den Pobacken entsprachen. Die Arme und Beine des Mädchens waren grotesk nach hinten verrenkt, der Kopf weit in den Nacken gebeugt, das lange, blonde Haar zu einem Zopf geflochten, der wie ein Tau mit den Hand- und Fußfesseln verbunden war. Die Frau sah aus wie eine Puppe, der man gewaltsam die Glieder aus den Scharnieren gerissen und verdreht hatte. In ihrem Mund steckte zudem ein roter Slip und erlaubte ihr, neben mühsamem Atmen, nur noch leises Stöhnen und Keuchen. Sie litt ganz offensichtlich an den Einschnürungen, den Verrenkungen, an der unnatürlichen Lage ihrer Gliedmaßen, dem gefesselten Zopf und dem Knebel in ihrem Rachen. Das Leid und den Schmerz konnte man in ihren Augen erkennen, aber alles was geschah, geschah im gegenseitigen Einverständnis. Das Mädchen ließ die Tortur mit sich geschehen und unterdrückte seine Pein, so gut es ging, denn das Honorar für die Qual war hoch, sehr hoch und sie hatte genau gewusst, auf was sie sich einließ. Bei der Agentur, die den Auftritt vermittelte, hatte man ihr alles genau und in allen Einzelheiten erklärt. Man hatte sich sogar besondere Mühe gegeben, damit sie, die Ausländerin, auch ja alles verstand und sie musste dies extra mit einer weiteren Unterschrift in dem Vertrag bestätigen. Sie war ausgewählt worden, weil sie alle Anforderungen erfüllte. Sie war hübsch, groß, schlank, mit ausgeprägten Kurven, einer rosigen Haut, einem angenehmen, wenn auch etwas langweiligem Gesicht, das aber, weil sie hier Exotin war, kein Problem darstellte. Sie besaß sehr lange blonde Haare und diese waren ihr wichtigstes Kapital, mit diesem Pfund verstand sie zu wuchern, Sie war ein Typ von Frau, den es in diesem Land nicht gab und die schon deswegen Aufmerksamkeit erregte und Begehrlichkeit entfachte.
Der bondage artist hatte seine Arbeit fast beendet, nun brauchte er die Hilfe der vierten Person, des Fotografen. Dieser, ein faltenreicher, älterer Mann in tadellosem, dunklem Anzug mit Krawatte und Seidenhemd, hatte jede Phase der Fesselung penibel festgehalten: aus der Ferne, aus der Nähe, doch immer distanziert und zurückhaltend, selbst wenn er nahe an das Objekt heranrückte. Der Mann fotografierte so, wie er es gelernt hatte, so wie man in der dicht besiedelten Enge dieses Landes leben und arbeiten musste, distanziert und zurückhaltend. Er unterbrach seine Arbeit und half dem Fesselungskünstler das Mädchenpaket aufzuhängen, den Bauch und das Gesicht nach unten, den Rücken mit den verrenkten Gliedmaße nach oben. Es war kein Seil, kein Strick aus Reisstroh, an dem sie hing, sondern ein Gummiband, das aus mehreren dicken Strängen geflochtenen an einem starken Haken in der Decke befestigt war. Die Arbeit des bondage artist war vorerst beendet und der Fotograf setzte seine Arbeit an dem lebenden, hängenden Kunstwerk fort. Weitere Bilder entstanden, aus jeder denkbaren Perspektive, aus jeder Richtung, en gros und en detail: den verschnürten Leib, die feuchten, verkrampften Hände, die verrenkten Füße, die straff gezerrten Haare, die direkt mit den Füssen verbunden waren, den roten Textilballen in dem grell rot geschminkten Mund, die weit aufgerissenen, angstvollen Augen, die grotesk zugespitzten Brüste mit den steil aufgerichteten Warzen zwischen den Seilen und Knoten, den blonden Flaum um die tief eingekerbte Scham, die Symmetrie von künstlich geteiltem Bauch und natürlich geteiltem Hinterteil. Nachdem er dieses Paket des Schmerzes und der Lust zu genüge in unzähligen bits und bytes festgehalten hatte, nahm der Fotograf die Speicherkarte aus der Kamera, ging zu einem Laptop, der auf einem kleinen Tischchen etwas abseits stand und übertrug die Daten. Es dauerte, bis der eine Speicher geleert und der andere gefüllt war und es dauerte noch länger, bis die Dateien im Internet nach einer Reise um die halbe Welt bei dem Empfänger ankamen, der sie schon erwartete.
Der digital artist, der vor seinem Computer saß und wartete, sah auf die Uhr. Es würde bald hell werden. An sich war es Zeit, schlafen zu gehen, es war aber auch die Zeit, zu der die ersten Daten aus dem fernen Osten eintreffen würden. Er war sehr neugierig und wollte die ersten Bilder noch unbedingt sichten, bevor er an diesem langen Arbeitstag Schluss machte. Er streckte die Arme seitlich aus, verschränkte sie dann hinter dem Kopf und dreht den Oberkörper hin und her. Anschließend waren ein paar Übungen zur Dehnung und Lockerung der verkrampften Finger an der Reihe. Der Computer surrte leise, eine Melodie erklang, die Dropbox wurde geöffnet, doch noch war nichts eingetroffen. Der digital aritst stand auf und griff nach der Flasche, die in Reichweite auf einem Bord über dem Computer deponiert war. Ein tiefer Schluck war die beste Medizin gegen die aufkommende Müdigkeit, eine sichere Droge, um die schwindende Konzentration wieder herzustellen, ein probates Mittel, um die Arbeit mit neuem Elan fortzusetzen. Whisky war besser als Kaffee. Er trank immer Whisky, immer direkt aus der Flasche, immer billiges Gesöff aus dem Supermarkt. Noch ein Schluck, dann schloss er die brennenden Augen, die lange auf den Monitor gestarrt hatten. Hinter ihm lag harte Arbeit, aber harte Arbeit war er gewohnt. Er war gefragt und hatte Erfolg, weil er gut war, ein Meister der Bildbearbeitung, einer, der aus dem Rohmaterial digitaler Aufnahmen, anspruchsvolle Bilder machte, einer, der mit Hilfe des Computers und der besten Software, die es gab, die finalen Kunstwerke schuf. Diese Werke waren etwas Besonderes, Synthesen aus einzelnen Fotografien, Zusammenfassungen von zeitlichen Abläufen, komplexe Kompositionen. Er stellte regelmäßig Beispiele seiner Arbeit in das Internet, auf seine Homepage, in spezielle Kunstforen. Dadurch wurde er bekannt, dadurch bekam er neue Kunden und so erhielt er auch diesen seltsamen Auftrag. Den Auftraggeber kannte er nicht, nur das Pseudonym, das in den e-mails verwendet wurde, mit denen er sich gemeldet hatte. Die Recherchen des digital artists führten ins Leere. Er sollte Bilder für ein Projekt „bondage art“ schaffen, die vergängliche Kunst der Fesselung mit ihrer eigenartigen Ästhetik in einen fassbaren Zustand, in beständige Bilder überführen. Der Auftraggeber, dessen Mails immer sehr kurz und in schlechtem Englisch abgefasst waren, erwartete Drucke von höchster Qualität und Güte und dafür war er war bereit sehr gut zu bezahlen. Um seine Seriosität zu unterstreichen, hatte er, nachdem sie sich geeinigt hatten, ihm bereits einen ansehnlichen Vorschuss überwiesen und er hatte Folgeaufträge angekündigt, wenn er mit den Arbeiten zufriedn wäre. Den digital artist erwartete gutes Geld für harte Arbeit, doch jetzt wartete er immer noch auf die ersten Bilder, die endlich eintrafen.
Dieser Auftraggeber und Mäzen hatte die Zeit der Fesselung des Mädchens fast unbeweglich auf seinem niedrigen Sofa verbracht. Nun stand er auf und ging langsam zu dem lebenden, hängenden Packwerk, umrundete es mehrmals, betrachtete es aus verschiedenen Positionen, prüfte hier einen Knoten, strich dort über ein Stück der heraus gepressten Haut, fuhr die ganze Länge der blonden Haare ab, prüfte die Festigkeit einer der aufgerichteten Brustwarzen und roch sogar an einigen delikaten Stellen. Dann strich er sich über das Kinn und nickte. Das Werk schien zu seiner Zufriedenheit geraten zu sein, er hatte nichts auszusetzen, nichts zu bemängeln und gab dem Paket zum Schluss einen sanften Stoß, so dass es leicht hin und her schwankte. Mit kurzen, knarrenden Worten bedeutete er dem Fotografen, auch diese Bewegungen festzuhalten, was dieser umgehend tat.
Aber ganz zufrieden war der Alte doch nicht. Er ging nicht zu seinem Sofa zurück, sondern verharrte und starrte auf die verschnürte Frau, die gleichmäßig, gemächlich hin und her schwang, wie der Pendel einer altertümlichen Standuhr. Kaum kam das Pendel fast zur Ruhe, gab er ihm einen neuen Stoß und verursachte neue Ausschläge, immer ein wenig heftigere als zuvor. Wenn das Mädchen dicht bei dem Alten vorbei schwebte, schaute sie ihn jedes Mal hilfesuchend an. Ganz offensichtlich hatte sie genug von diesem Spiel und wünschte sich, dass ihre Auftritt nun beendet werden sollte. Es war doch nun alles getan. Der bondage artist hatte sie nach allen Regeln der Kunst verpackt. Der Alte hatte ihren nackten, verschnürten Körper zu Genüge betrachtet und hatte sich an ihrer unkomfortablen Situation ausreichend ergötzt und sie sogar mit seinen geilen, knotigen Händen befummelt, überall, wo er wollte und der greise Fotograf hatte sie in allen möglichen und unmöglichen Stellungen abfotografiert und auch das Gefummel aufgenommen und die geilen Blicke des Alten. Das war ja alles in Ordnung, das war ja alles im Preis inbegriffen, aber jetzt hatte doch nichts mehr zu bieten, jetzt war ihr Teil doch erledigt. Doch der Alte schien dieser Meinung nicht zu sein. Sein Interesse an ihr, dem lebenden, pendelnden Paket, hatte immer noch nicht nachgelassen.
Während der Alte das Schaukeln verfolgte, wurde ihm immer klarer, dass Verpacken allein nicht ausreichte, um etwas Besonderes in die Welt zu setzen. Er hatte die bondage art als Einstieg für seine Projekte gewählt, weil die Kunst der Verpackung von Frauen in diesem Land durchaus nichts Ungewöhnliches ist. Es gibt unzählige Bilder und ein Künstler wie Araki ist mit solchen Bildern bekannt geworden. Eine gefesselte Frau, auch wenn sie hübsch und die Fesselung perfekt ist, stellt nichts Ungewöhnliches dar, diese Kunst ist längst nicht mehr aufregend. Und so langsam ergriff ein Gedanke von ihm Besitz, eine Vorstellung nistete sich in seinem Gehirn ein. Hin und her, ein Stoß, stärker hin, ein stärkerer Ausschlag her, ein weitere Stoß, ein noch stärker Rückstoß. Ja, das war es. Er würde das Kunstwerk erweitern, zu dem statischen ein dynamisches Element hinzufügen, das verschnürte Paket zu etwas Ungewöhnlichem transformieren und aus dem Üblichen etwas Unübliches machen, ja etwas geradezu Unglaubliches. Er scheuchte den Fotografen, der ihm im Weg stand, zur Seite, fasste die Frau an einem Arm und stemmte sich mit aller Kraft in die Schwingrichtung. Erst langsam und gleichmäßig, dann immer schneller und wilder versetzte er das Paket in Bewegung. Das Gummiband dehnte sich und zog sich zusammen, immer neue Stöße, immer neue Impulse, immer stärkere Ausschläge. Voller Gier und Eifer starrte der Alte auf die heftig pendelnde Frau, die inzwischen jegliches Vergnügen an dem Spiel verloren hatte und nun den Alten, ihren Peiniger, ängstlich und verzweifelt anstarrte, unfähig diesen verdammten Schwingungen Einhalt zu gebieten, unfähig um Hilfe zu schreien, unfähig sich zu wehren. Nur mit ihren Augen, ihrem immer verzweifelter werdenden Blick konnte sie um Erlösung bitten und betteln. Nach einiger Zeit ließen sich die Impulse kaum noch steigern und der Alte schien ein Einsehen zu haben. Er ließ das Pendel ausschwingen, doch das Spiel brach er immer noch nicht ab und erlöste die hängende Frau immer noch nicht aus ihrer misslichen Lage. Im Gegenteil, eine weitere, noch perfidere Idee war ihm gekommen. Er packte die Frau an beiden Oberarmen und drehte sie um die Gummiachse. Er verquirlte das Gummiband bis zum Anschlag, zerrte und wuchtete, bis es nicht weiter ging, bis die Spannung zu groß war, um ein weiteres Aufdrillen zu ermöglichen. Dann ließ er los und das Band entspannte sich. Es drehte sich in Gegenrichtung, erst langsam, dann nahm es Fahrt auf, drehte sich immer schneller und versetzte die Frau in eine heftige Rotation. Sie drehte sich immer schneller und pendelte, wegen der Unwucht, zudem hin und her und auch das immer heftiger. Drehen, pendeln, schwingen. Das Band entspannte sich und wickelte sich wieder ein Stück in Gegenrichtung auf, wechselte die Drehrichtung und so ging es ein paar Mal hin und her. Der Alte lachte hysterisch, schlug sich auf die Schenkel, tanzte auf der Stelle, gab neue Impulse und wollte sich kaum noch beruhigen. Er wies den Fotografen mehrfach herrisch an, ja alles aufzunehmen, alle Einzelheiten des menschlichen Pendels auf die Speicherkarte zu bannen. Dann wartete er, doch kaum hörten die Drehungen auf, kaum ließ das Pendeln nach, fing er erneut an, das Band aufzuwickeln und die Spannung zu erhöhen, den Gummi zu straffen, bis er die gebannte Energie nicht mehr zurück halten konnte. Dann ließ er das Bündel los und versetzte ihm zusätzlich einen heftigen Stoß, fügte der Dreh- und Schwingbewegung die torkelnde Komponente hinzu und das schreckliche Spiel begann von vorne. Die arme Frau ächzte und stöhnte, ihr Atem ging stoßweise, ihre Augen traten voller Angst aus den Höhlen, Speichel troff aus dem geknebelten Mund, Urin lief ihre Schenkel hinab. Der Alte weidete sich an den kuriosen Bewegungen des menschlichen Pendels und an der Pein der gedemütigten Kreatur und dachte nicht daran, dem grausamen Spiel ein Ende zu machen. Immer kindischer juchzte er auf, immer fanatischer drehte und drückte er, immer geiler wurde sein Blick, immer fahriger seine Hände. Wer weiß, wann er genug gehabt hätte, wann er endlich ein Einsehen oder gar Mitleid bekommen hätte oder wann ihn vielleicht die Langeweile veranlasst hätte aufzuhören, es war jedenfalls der Fotograf, der das unwürdige Geschehen beendete. Er konnte nicht weiter mitansehen, wie die junge Frau litt, hielt, als es gefahrlos möglich war, das Pendel an und stellte sich vor den Alten, um ein erneutes Antreiben zu verhindern. Gerade noch rechtzeitig konnte er den Knebel aus dem Mund der jungen Frau ziehen, bevor sie sich heftig erbrach und ihre Kotze auf die Strohmatten verteilte. Sie würgte, ächzte, röchelte, schnaufte, schrie, aber befreien konnte sie sich nicht, denn nach wie vor hing sie von der Decke, nach wie vor war sie gefesselte und nach wie vor pendelte sie weiter, wenn auch nur noch ganz sanft.
Der Alte, inzwischen außer Atem und wohl auch weitgehend befriedigt, ließ den Fotografen gewähren, schaute ihn aber böse an, und bellte ihn an, auch diese Phase des Happenings zu fotografieren. Dann ging er zurück auf seinen Platz und tat so, als sei nichts vorgefallen, er wischte sich den Schweiß von der Stirn und klatschte sogar fast lautlos in die Hände. Der bondage artist, der sich vornehm oder feige die ganze Zeit im Hintergrund aufgehalten hatte, trat nun wieder in Aktion. Er hielt das immer noch schwankende Paket endgültig an, stellte sich daneben und verneigte sich, erst vor dem Alten, dann vor der kunstvoll verpackten Hängefrau. Der Fotograf, irritiert durch die mehrfachen Anschisse des Alten, hielt auch diese Szene mit der Kamera fest und das Mädchen, immer noch bleich, aber wieder ein wenig gefasst, wartete sehnlichst darauf, dass sie endlich jemand aus ihrer prekären Lage befreien würde.
Das geschah dann auch. Auf ein erneutes Kopfnicken des Alten hin hängten der bondage artist und der Fotograf das Paket ab, durchschnitten die Seile und entfesselten das Opfer. Als die junge Frau wieder auf ihren Füssen stand, holte sie mehrfach tief Luft, betastete ihren Körper, um zu prüfen, ob noch alles in Ordnung war, massierte ihre abgeschnürten Gliedmaßen, bewegte ihre Gelenke, kreiste mit den Armen, drehte ihren Oberkörper und zum Abschluss der Wiederauferstehung absolvierte sie einige Kniebeugen. Dann war sie wieder genügend fit, um, immer noch steif und gestelzt und wohl auch immer noch schwindelig, in das Bad, zu gehen, sich ausgiebig zu duschen und damit die Angst und den Frust und das ertragene Leid abzuspülen. Dann zog sie sich an und erneuerte ihr Make-up. Als sie wieder in dem runden Raum erschien, gefasst und ein bisschen wie neu geboren, hatten der Fesselungskünstler und der Fotograf ihre Utensilien bereits zusammengepackt und der Fotograf hatte auch schon die letzten Dateien in das Internet eingespeist. Beide standen demütig vor dem Alten und warteten darauf, ihr Honorar zu erhalten. Das Mädchen gesellte sich zu ihnen und jeder erhielt ein verschlossenes, dickes Kuvert. Der Alte zeigte sich zufrieden und leutselig und fand sogar ein paar anerkennende Worte. Die beiden Männer nahmen den Brief mit mehrfachen, devoten Verbeugungen entgegen und auch das Mädchen versuchte es ihnen gleichzutun. Ihre Verbeugung missriet jedoch, es reichte nur zu einem unbeholfenen Vorrecken des Oberkörpers, vielleicht wegen der Malträtierung oder weil sie derartige Zeremonien nicht gewohnt war. Dann gingen die drei und ließen den Alten allein.
Beim digital artist hatte sich die Dropbox nach und nach mit den Dateien des korrekten Fotograf gefüllte. Er hatte die Bilder geöffnet, gesichtet, sortiert und einige wenige ausgewählt, die er am nächsten Tag weiter bearbeiten wollte. Er war mit diesen ersten Fotografien nicht so recht zufrieden. Er kannte Bilder von gefesselten Frauen aus dem Internet. Er hatte sich bei der Vorbereitung für seinen Auftrag Dutzend angesehen. Diese, die nun auf seinem Monitor erschienen, waren konventionell, nicht anders als die üblichen. Sie boten keine Abweichungen, keine Überraschungen, keine neuen Ansätze. Was er sah, war nicht viel mehr als abfotografiertes, verpacktes, hängendes Menschenfleisch, konventioneller Schrott. Er war vorsichtig mit seinem Urteil, weil er sich selbst mit diesem Thema noch nie auseinandergesetzt hatte, geschweige denn eigene Aufnahmen gemacht hätte. Für ihn war bonding art Neuland, eine Kunst, von der nicht einmal unbedingt behaupten würde, dass sie gefiele, aber er hatte sich nun einmal auf den Auftrag eingelassen und er musste das Beste daraus machte. Das war sein Job, das war die Herausforderung, er brauchte solche Jobs, er liebte Herausforderungen. Aber das was er erhalten hatte, sprach ihn auch als Künstler nicht an, die Bilder sagten ihm nichts und erregten ihn nicht, obwohl sie zweifelsohne erotisch waren und viele Details zeigten, die sexuell stimulierend wirken konnten. Das vielleicht Ungewöhnlichste waren die langen, blonden Haare der Frau und dass sie kein asiatischer Typ war. Aber diese beiden Fakten reichten nicht aus, um ihn zu begeistern, denn von der Kunst des Verschnürens, den variantenreichen Knoten, den ausgewogenen Verteilungen der Flächen mit nackter Haut, den kunstvollen Bahnen der dunklen Stricke, verstand er zu wenig. Letztlich machten ihn diese Bilder weder kirre noch ließen sie Emotionen aufkommen, sie versetzte ihn weder in Aufregung noch stachelten sie seine Arbeitswut an. Was er sah, als er sie rasch durchblätterte, schaffte nicht mehr, als ihm ein müdes Gähnen zu entlocken.
Dann war Schluss, dann stockte die Flut der Bilder und er schaltete den Computer aus und ging ins Bett. Als er am frühen Vormittag seine Arbeit fortsetzte, staunte er. Nicht nur über die neuerliche Flut der Bilder in der Dropbox, sondern auch über die Art der Bilder. Auf einmal erregten sie sein Interesse, auf einmal entstand eine emotionale Bindung, auf einmal regten sie ihn auf und er konnte sich in die Situation hinein versetzen. Die Aufregung war angekommen, die letzte Serie war phantastisch, ungewöhnliche Bilder voller Leben, voller Pfiff, aber auch voller Abscheu. Ein alter Mann hatte seine Hände in die Arme der Paketfrau gekrallt. Er zerrte und drückte und versetzte sie in Schwingungen, schleuderte sie herum. Dann umkreiste er das Paket, zerrte an ihm mit ausgestreckten Händen, deren Finger den Krallen von Aasgeiern glichen, Teufelskrallen. Aber von wegen alter Mann. Einer, der mit solch wilden, geilen Augen das Objekt seiner Begierde anstarrte, einer, der sich am liebsten auf diese junge Frau gestürzt hätte, obwohl sie festgebunden, festgezurrt, unzugänglich an der Decke hing, einer der sie mit seinen Blicken vergewaltigte, ein solcher Typ konnte doch nicht alt sein, nur äußerlich alt, aber in ihm loderte ein Feuer. Oder war er gar pervers, ein perverser Sadist und Frauenschänder? Der digital artist bekam ob der Fülle der Bilder und der dargestellten Einzelheiten Mitleid mit der armen Frau. Sie war gefangen, gedemütigt und musste alles, was sich dieser Typ ausdachte, ertragen, musste alles mit sich geschehen lassen, konnte nur entsetzt und voller Angst zurück starren, musste ausharren bis zum bitteren Ende, bis sie sich schließlich erbrach, auskotzte, ausrotzte, ein hängendes Häufchen Elend. Bei allem Mitleid und aller Abscheu faszinierten ihn diese Bilder. Nun hatte er seine Motive. Nun war er selbst erregt. Nun konnte er beginnen, seine eigenen Werke zu schaffen und musste nicht nur einen Auftrag erledigen.
Er wählte die aus, die ihn am meisten berührten und die am besten in seine Pläne passten. Dann begann er, sie zu bearbeiten. Er stellte Ausschnitte her, optimierte Farben und Kontraste, nahm detaillierte Korrekturen vor, öffnete eine Vielzahl von Ebenen, stellte wichtige Partien mühevoll frei und fügte am Ende alles zu einem einzigen Bild zusammen. Er transformierte Farben in Grautöne, arbeitete Bewegungsunschärfen präzise heraus, verlieh seinen Bildern, die des Fotografen waren ja nur Vorlagen, nur Rohmaterial, Tiefe, Geheimnisse, Leben. Lange Protokolle in seiner Software zeigten die vielen Maßnahmen, die er durchgeführt hatte und dokumentierten seinen Eifer. Aber zählen würde nur das fertige Werk, nicht die Arbeit, die in ihm steckte. Es war wieder Nacht und er war erschöpft, aber Aufhören kam immer noch nicht in Frage. Er hörte erst auf, wenn er das Gefühl hatte, dass das Wesentlichste getan war und das war noch nicht der Fall. Nachdem er sich mit den Aktionsbildern in einen wahren Rausch gesteigert hatte, brauchte er noch eine Beruhigung zum Schluss. Nach all der Aufregung musste er noch ein ruhiges Bild schaffen, einen stillen Kontrast zu den entsetzlichen bewegten, bewegenden Motiven. Ein Schluck Whisky, dann noch einer und noch einer und dann war er in der Lage, auch sein letztes Bild zu gestalten. Es führte ihn wieder zurück, zum Anfang des Happenings, zu den langweiligen Bildern, die er noch in der Vornacht verachtet hatte. Die junge Frau hing ruhig in ihren Fesseln. Ihr Gesicht war entspannt, sie schien zu träumen. Sie wirkte verklärt, sinnlich, erotisch, anziehend und begehrlich. Sie war noch weit entfernt von der Angst und dem Ekel, der Pein und der Demütigung in den späteren Bildern. Der digital artist wunderte sich nicht, dass der Alte sich bei diesem Anblick aufgegeilt hatte. Als er merkte, dass die hängende Frau für ihn unerreichbar war, nicht nur weil sie hing, sondern weil diese schöne, blonde Frau für einen Alten wie ihn einfach unnahbar war, drehte er durch und demütigte sie und misshandelte sie. Zu viel Sinnlichkeit für einen alten Voyeur, dachte der digital artist, zu viel Reinheit. Diese Schale musste er erst zerstören, um sie gefügig zu machen, um sie ihm zu Willen zu machen, obwohl es keine Bilder gab, auf denen er sich ihr zu einem finalen Akt genähert hatte. Aber, so dachte der digital artist weiter, vielleicht hatte er ja nicht alle Bilder bekommen.
Er begann jedes Detail des Bildes zu prüfen, zoomte Einzelheiten heran, führte kleine Korrekturen durch, verstärkte hier die Kontur eines Seils, entfernte dort einen hässlichen Fleck auf der Haut. Um die richtige Farbe und Tönung der Haut zu finden, um ihre Struktur nicht aufdringlich, aber auch nicht zu flach erscheinen zu lassen, musste er lange herumprobieren und viele Entwürfe verwerfen. Lange überlegte er auch, ob er das Fenster im Hintergrund, nein, den Blick durch dieses Fenster, ein wenig aufhellen und klarer machen sollte, unterließ es aber, denn so war das Bild geheimnisvoller, ungewisser. Er steckte auch in die weniger wichtigen Bildteile viel akribische Arbeit. Alles musste stimmen, das Ganze musste stimmig sein. Das war sein Geheimnis, das hatte ihm Erfolg gebracht. Perfekt war natürlich auch der wichtigste Teil des Bildes, nicht nur der dunkle, glitzernde Hintergrund, perfekt war am Ende der Arbeit auch der nackte, verschnürte Körper der hängenden Frau und ihr stilles, verklärtes Gesicht.
Als er mit der Bearbeitung fertig war, druckte er das Bild aus, verlagerte das virtuelle Stadium in eine greifbar, anfaßbare Form, transformierte die visuellen Eindrücke aus der digitalen Welt des Monitors auf edles, handgeschöpftes Bambuspapier. Das waren die Endprodukte, klassische Kunstwerke, die er seinen Auftraggebern guten Gewissens übergeben konnte. Er musste den Druck wiederholen und einige Verbesserungen vornehmen, bevor er zufrieden war, aber das war normal, der Eindruck, den Papierbild hinterlässt ist anders, als ein Monitorbild. Dann hängte er das fertige Werk an die Wand, neben die anderen Bilder aus der Serie, neben die aufgeregten, ekeligen action pictures. Es war genau dier Kontrast, der ihm gefiel. Dieses schöne, ruhige Bild war die perfekte Gegenposition zu all den faszinierenden Scheußlichkeiten. Er atmete tief durch und genehmigte sich einen letzten Schluck aus der fast leeren Whiskyflasche, dann gähnte er und schaltete, zufrieden mit sich und seinem Werk, den Computer aus.
Food art
Die solide Grundlage der nächsten Performance, das Fundament, die Basis, der Mittelpunkt des entstehenden Kunstwerks war erneut eine junge Frau. Sie war ziemlich klein und kompakt, mit heller Haut, tiefschwarzen Haaren, schmalen Mandelaugen, einer kurzen Nase und einem Mund, der meist ein wenig offen stand und ihre großen Schneidezähne nur unzureichend verbarg. Sie war unverkennbar eine Tochter des Landes, ein unschuldiges, kindliches, fast sogar hübsches Mädchen, mit einem recht kleinen, richtig süßen Gesicht, aber mit einem Körper, der alles andere als süß und kindlich aussah. Um ihn zu beschreiben, waren Worte wie drall, umfangreich, voluminös oder gar fett eher angebracht, als wohlgeformt oder elegant. Sie besaß, auf einen Punkt gebracht, den Körper einer Sumoringerin, nur dass die Kraft, die Schnelligkeit und die Eleganz der Bewegungen einer echten Ringerin völlig fehlten. Diese Eigenschaften waren aber auch nicht gefragt, denn diesmal musste die Maid weder leicht und gelenkig noch gut durchtrainiert sein, diesmal waren gänzlich andere Eigenschaften gefragt. Diesmal kam es auf ausladende, üppige Flächen an, auf sanfte Rundungen, viel Fleisch, viel Haut und dazu auf viel Geduld und eine gewisse Leidensfähigkeit. Das kindliche Mädchen hatte den Job bekommen, weil sie genau das alles bot. Sie war breit, flächig, ausladend, fett, schwabbelig, geduldig, gelassen, ruhig, phlegmatisch und nun schon seit Stunden dabei, ihre Beschaffenheit und ihre Talente unter Beweis zu stellen. Sie lag völlig nackt und bloß auf einer Matte aus dünnen Bambusstäben, an die ihre Arme und Beine mit dünnen, kaum sichtbaren Schnüren festgebunden waren, um sicher zu stellen, dass sie sich möglichst nicht bewegte und ihre Lage auf keinen Fall veränderte. Die Matte mit dem Sumomädchen war wieder vor einem der großen Fenster platziert worden, diesmal aber nicht in der Nähe der weißen Vase, diesmal schweifte der Blick nach Süden. Da sie aber flach auf dem Boden lag und nur an die Decke schauen konnte, selbst ihr Kopf sollte seine Lage möglichst nicht verändern, entging ihr dieser Ausblick. Es entging ihr aber nicht viel, denn die Sicht war an diesem Abend nicht gut. Es war diesig und wolkig, das Lichtermeer leuchtete nur sehr schwach und der Horizont war nicht zu erkennen. Es war ein durchaus üblicher Anblick und für den Alten auf seinem Sofa schon gar kein Grund, hinaus zu schauen und den Übergang der blauen Stunde in die Schwärze der Nacht zu genießen.
Der Alte genoss dafür das, was sich ihm vor dem Fenster darbot. Er genoss nicht nur den Anblick der jungfräulichen Fleischmasse, sondern vor allem die Vorfreude auf das, was noch kommen würde, auf das was die Nacktheit verhüllen und ihm noch mehr Vergnügen und letztendlich Labung bereiten würde. Das Mädchen war nicht allein mit dem Alten. Ein drahtiger, kleiner Mann mit weißer Schürze und weißem Käppi wieselte um sie herum und dirigierte zwei Gehilfen mit Gesten und Worten. Er gab ihnen ständig Anweisungen, die sie prompt ausführten. Für manche Feinheiten legte er selbst Hand an und perfektionierte das entstehende Kunstwerk, das nun fast fertig war. Die minutiöse, intensive Arbeit war so gut wie beendet, Dank der eingespielten, kompetenten Gemeinschaftsarbeit und Dank dem geduldigen Beharrungsvermögen des fetten Mädchens. Der Käppimann schaute sich sein Werk noch einmal von allen Seiten kritisch an, ging ein paar Schritte zurück, umrundete es mehrfach und war offensichtlich zufrieden, denn am Ende seiner Inspektion stellte er sich vor den alten Mann und verbeugte sich wortlos. Dieser regte sich nicht, griff sich nur an das Kinn, strich Gedanken verloren darüber, schien sich nur schwer aufraffen zu wollen. Schließlich stand er aber doch auf und schlurfte zu dem Mädchen auf der Matte. Er stellte sich vor sie hin und betrachtete sie lange, dann beugte er sich über sie und setzte seine Inspektion aus größerer Nähe fort. Er schaute nicht nur, sondern roch hier, schnupperte dort und man merkte, dass er das Werkt am liebsten auch abgetastet hätte, was er jedoch unterließ. Dann richtete er sich wieder auf und umrundete die Bambusmatte, genauso wie der Käppimann, ging ein paar Schritt zurück und schaute sich das Ensemble wieder sehr lange und sehr aufmerksam an. Am Ende seiner Inspektion bellte er ein paar kurze, knappe Worte in Richtung des drahtigen Mannes, ohne diesen anzusehen und dann schlurfte er wieder zu seinem Sofa zurück. Der Drahtige hatte gespannt auf die Reaktion des Alten gewartet. Was er zu hören bekam, war jedenfalls kein Lob. Er erbleichte sichtlich, verbeugte sich erneut mehrmals hintereinander, sehr devot, sehr untertänig,, murmelte ein paar unverständliche Worte und herrschte nun seinerseits die beiden Gehilfen an, die sich dezent zurückgezogen hatten. Diese eilten sofort zu dem großen Servierwagen, den sie bei ihrem Rückzug mitgenommen hatten.
Der food artist, so bezeichnete sich der Drahtige, ließ die geöffneten Austern vom Schoß der Frau entfernen und durch Abalonen ersetzen. Diese wunderschönen, perlmuttschaligen Muscheln mit ihrem orangeroten Fleisch erinnern in ihrem Aussehen und ihrer Konsistenz an sanft geöffnete Vulven. Kurz darauf lagen nicht mehr aphrodisiatische Austern, sondern Vulven auf einer Vulva. Diese punktuelle Veränderung verbessere das Gesamtkunstwerk ganz eindeutig, ließ der food artist den Alten wissen. Es erhielte dadurch mehr Sexappeal, die Wirkung auf den Betrachter sei bedeutend intensiver, die geheime Botschaft, die in seinem Kunstwerk läge, sei nun viel suggestiver und nach weiterem Blabla auch das Eingeständnis, dass ihm selbst die Verbesserung nicht eingefallen wäre und dass er sehr dankbar sei, dass dem geschätzten Mäzen und Auftraggeber dieses Versehen, für das er sich zutiefst entschuldigen müsse, gleich aufgefallen sei. Vor lauter Aufregung und Scham über sein Versagen stotterte er und stammelte diese Worte nur und verbeugte sich dabei mehrfach. Der Angesprochene nickte mürrisch und befahl mit einer schlaffen Handbewegung, fortzufahren. Als endlich alles perfekt war, das Kunstwerk vollendet, die Mahlzeit zubereitet und das Mädchen angerichtet, schickte der food artist seine Gehilfen hinaus. Sie gingen lautlos und nahmen den fast leeren Servierwagen mit. Das Feld war nun frei für den Alten. Jetzt lag es an ihm, das zu genießen, was opulent vor ihm ausgebreitet war. Doch bevor er damit begann, bevor er mit seinem Genuss auch die Zerstörung einleitete, musste der Fotograf das lebende Kunstwerk im Bild festhalten.
Es war ein anderer Fotograf als beim letzten Mal. Der korrekte Fotograf hatte den neuen Auftrag nicht erhalten. Zwischen ihm und dem Alten herrschte Missstimmung, seit er das arme Bondagemädchen vor weiteren Schäden bewahrt hatte. Der Korrekte wollte nicht noch einmal für diesen perversen Irren arbeiten und der Alte hatte ihm die unangebrachte Einmischung nicht verziehen. Derartige Bedenken, wie sie der korrekte Fotograf hegte, kamen dem Neue nicht in den Sinn. Er gehörte einer andern Generation an: jung, dynamisch, skrupellos, einer der mehr an Erfolg, an Ruhm und Geld orientiert war als der Korrekte, der Vertreter einer aussterbenden Generation, dessen Lebensinhalt die künstlerische Entfaltung war. Der junge Fotograf demonstrierte sein Anderssein schon durch sein schrilles Outfit: bunte patch-work Jacke, weite, lila Schlabberhose, rosa Ballonmütze und eine affige, perlmuttbesetzte Sonnenbrille, die er stets und ständig aufbehielt. Er war ein angesagter shooting star, meist ausgebucht oder auf Reisen, einer, zu dem die Arbeit kam, die er sich dann aussuchen konnte. Ein reichliches Honorar, die Aussicht auf einen ungewöhnlichen Auftrag und die Ehre für einen in Kunstkreisen renommierten Händler arbeiten zu dürfen, hatten ihn bewogen, andere Termine abzusagen. Er war sogar pünktlich erschienen, bei ihm durchaus keine Selbstverständlichkeit und hatte interessiert zugeschaut, wie der food art seine Kunst aufbaute. Der Schrille war ein Mensch, der sich rücksichtslos vordrängte, wenn er sich davon etwas versprach, der immer vorne mit dabei war, der aber auch durchaus geduldig auf den entscheidenden Moment warten konnte. An diesem Nachmittag drängelte er. Er hatte spontan angefangen Bilder zu machen, obwohl das gar nicht zu seinem Auftrag gehörte. Er hatte sich mit der Kamera dicht den fragilen Details genähert und mit seinem Gedrängel und Gezappel den Meister und seine Gehilfen genervt und gestört. Als er durch ein Ungeschick sogar eines dieser Details zerstörte, hatte sich der food artist aufgeregt und ihn angeherrscht, er solle mit seinem andauernden Geknipse aufhören und abwarten, bis alles fertig sei, dann könne er seine Bildchen machen. Beleidigt, weil man ihn nicht gewähren ließ und weil der Lebensmittelfritze seine Kunst herablassend als „Geknipse“ bezeichnet hatte, zog er sich zurück, naschte ein paar Köstlichkeiten vom Servierwagen und trollte sich dann zu dem Laptop, um die Verbindung in das Internet zu überprüfen.
Jetzt war das Kunstwerk vollendet, jetzt hatte das Warten ein Ende, jetzt war der Fotograf gefragt. Er machte ein paar Testaufnahmen, suchte den besten Abstand, wählte ein geeignetes Objektiv, prüfte Blende und Belichtung, dann dann begann er, das objet d'art systematisch abzufotografiern, das Gebilde aus Mensch und Nahrung im Überblick und im Detail festzuhalten und zu verewigen, was schon bald vergammeln, verderben, verwesen, zerfallen, verschwinden würde. Er sollte das Sterbliche unsterblich, das Vergängliche unvergänglich machen, die Kunst der food art in die Kunst der light art überführen und insbesondere sollte er dem fernen digital artist die Vorlagen liefern, damit der wiederum all diese Eindrücke kombinieren und addieren, subtrahieren und multiplizieren könnte, um die finalen Komposition, die ultimativen Kunstwerke anzufertigen, die der Alte in Auftrag gegeben hatte. Der Schrille verzichtete auf ein Stativ, er baute nur seine Leuchten auf, denn für die Details, die Ausschnitte, die ungewöhnlichen Perspektiven musste er die Kamera ohnehin in die Hand nehmen. Er näherte sich dem appetitlichen Berg aus Mädchen und Speise, aus nacktem, wabbeligem Menschenfleisch und raffinierter Dekoration auf unterschiedlichste Weise, aus verschiedenen Perspektiven, wechselnden Höhen, differenzierten Entfernungen und begann seinen Auftrag konzentriert, gewissenhaft und mit durchaus zunehmendem Interesse zu erfüllen.
Das, was sich vor dem Fotografen ausbreitete, war in der Tat höchst sehenswert und ungemein appetitlich, ja geradezu begehrenswert. Nicht nur der nackte, dralle, fette, helle Körper, der mit dem Rücken auf der Bambusmatte lag, die Arme flach an den Leib und die Beine eng zusammengepresst. Die nackte Haut konnte man kaum sehen und auch die Bambusmatte nur erahnen. Letztere war voller Blumen und Pflanzen, voller loser Blüten, kunstvoller Gestecke, grüner Zweige und bunter Blätter, die den Leib umgaben und in allen Farben leuchteten, wie eine Frühlingswiese, wie ein farbenfroher Blumenteppich, wie ein barockes Gemälde. Die nackte Haut des voluminösen Fleischbergs blieb dem Auge des Betrachters weitgehend verborgen, weil fast jeder Quadratzentimeter des Fleischbergs, jede belegbare Stelle mit Speisen drapiert und mit Köstlichkeiten verziert war, die sich ein Gourmet selbst in seinen schönsten Träumen kaum vorstellen konnte. Das größte Begehren erweckte jedoch die raffinierte Kombination aus jungem, lebendigem Fleisch und höchst appetitlicher Nahrung, eine Kombination die auch den anspruchsvollsten Gaumen verzückte und verwöhntesten Genießer in Wallung brachte. Nahrung türmte sich auf Genährtem, frische Speise auf bereits verwerteter und das alles inmitten einer blühenden Bergwiese, ein meisterhaftes Gesamtkunstwerk der Appetitanregung.
Die Anordnung der Speisen folgte einer gewissen Logik, die Landkarte der Kulinaria war in Bezirke und Provinzen aufgeteilt. Ganz oben, wenn man auch bei einem liegenden Menschen mit „oben“ den Kopf bezeichnet, befand sich die Region des Süßen, der Nachspeise. Vielleicht hatte der food artist diese Anordnung gewählt, um dem Gesicht des Mädchens eine doppelte Süße zu verleihen. Es war vom Aussehen her süß, ein süßes, kleines Gesicht, das einen anderen, als diesen massigen Körper verdient hätte. Zu der natürlichen Süße gesellte sich nun der süße Belag. Die Stirn, die Wangen, die Nase, das Kinn, alle Flächen waren von einer hellen, gelblichen, cremigen Sauce bedeckt und mit Schokoloadenkrümel bestreut. Die braunen Flocken, Streusel und Kügelchen bildeten eine Art Tattoo, eine Zeichnung, ein ausgeklügeltes Muster, die der Kriegsbemalung eines Maorihäuptlings glich oder den rätselhaften Mustern eines Feuerländers. Die Lippen leuchteten in hellem Rot, eine spezielle Paste aus Kirschcreme und Schildlausextrakt gab ihnen die intensive Neonfarbe. Die Augen waren von dunkelbraunen, konzentrischen Ringen umgeben, die dem Gesicht ein irritierendes, punkhaftes Aussehen verliehen. Ein Teil der Irritation bestand darin, dass diese Augen den Betrachter ständig anblickten, auch wenn die Lider geschlossen waren. Der food artist hatte mit seiner Schokopaste Iris und Pupille sehr sorgsam und detailliert auf die Lider gemalt. Eingerahmt wurde dieses seltsame Gesicht von den ausgebreiteten, schwarzen, losen Haaren, die von zahlreichen gelben Blüten durchwoben waren und so einen überdimensionalen Heiligenschein bildeten.
Auf dem Weg nach unten, also dem Körper abwärts folgend, traf der Blick des Fotografen auf den Gemüsegarten. Die Schultern und der Halsbereich waren mit Gurken, Tomaten, Möhren, Auberginen, Petersilie, Schnittlauch, Fenchel und Kürbisstückchen bedeckt. Das Gemüse war stilvoll zurecht geschnitten, mit Verzierungen versehen und höchst kunstvoll angeordnet. Es war eine vegetarische Augenweide, ein kleiner Lustgarten, jedoch von begrenzter Ausdehnung, denn noch oberhalb der Brüste begann der Rotfleisch-Rotfisch-Bereich. Auf dem breiten Brustkorb, auf den dicken, wegen der Rückenlage sehr platten, flächigen Brüsten, lagen dünne, rohe Filets vom Koberind, dunkelrotes Fleisch marmoriert mit hellem Fett. Um das Primat des schönsten Rots konkurrierten dünne Thunfischfilets, die sich mit dem Fleisch abwechselten und dazwischen, als heller Kontrast zu Thun und Beef, rosarote Lachsstreifen. Aus diesem Fisch-Fleisch-Gestade ragten zwei giftgrüne Inselchen und deren Mitte steil aufgerichtete, bräunliche Pfähle der Sinnlichkeit. Der food artist hatte die Höfe um die Brustwarzen mit Wasabipaste in Eilande der Schärfe und des sensorischen Schreckens verwandelt und zugleich erreicht, dass die Brustwarzen, dank der errigierenden Wirkung lange Zeit steif und fest blieben und so den höchsten Punkt des Fleischberges, den Gipfel des Mount Everst bildeten.
Unterhalb der Brüste, auf dem schwabbeligen Bauch, wurde es wieder vegetarisch. Der wandernde, geschulte Blick des Fotografen betrat nun den Obstgarten. Hier türmten sich kleine, kunstvolle Pyramiden aus gelb-grünen Weintrauben, stacheligen, rötlichen Lychies, dunkelgrünen Avocadoscheiben, lila Pflaumen und Erdbeeren, die aussahen, als seien sie aus Plastik, so perfekt, so künstlich. Die kitschige Kulmination der Plantage war jedoch ein geschälter, blutroter Granatapfel, der auf dem Bauchnabel des Mädchens lag, genauer gesagt in der deutlich ausgeprägten Senke, die der Nabel in der fetten Umgebung des Bauchs bildete. In diesen Liebesapfel hatte der food artist kleine LED-Leuchten gesteckt, die ihr magisches Licht durch die transparenten Körner schickten und so im Reich der Mitte einen zweiten, roten Fixpunkt bildeten, neben dem neongrellen Mund, der die Provinz der süßen Verführung dominierte,
Eine Handbreit von dem Leuchtturm entfernt, ging die Obstplantage in das Salzmeer über. Kunstvoll arrangierte Sushi- und Sashimihäppchen, rosa Garnelen, stachelige Seeigel, geöffnete Muscheln und kleine, bunte Meeresschnecken bedeckten den Unterleib und den Ansatz der Oberschenkel. In der Tiefe dieses Meeres, dem Schoß des Mädchens, wuchs ein spärlicher Wald aus dünnen, schwarzen Borsten. Doch diese geheimnisvoll Welt sah man nicht, man würde erst später bis zu ihr vordringen, denn der Marianengraben war völlig durch den dritte Leuchtpunkt verborgen. Hier lagen die besagten Muscheln, die erst auf Anregung oder war es eine Anweisung des Mäzens ihren Platz gefunden hatten, die rot-orangen Abalonen, ovale Symbole der Fruchtbarkeit, Vulven über einer Vulva, die sich noch den begehrlichen Blicken entzog. Dann, im weiteren Verlauf der Lustreise, traf der Blick auf Schwärme silberner Fischlein in Aspik, auf pikante Anchovis, marinierte Sardellen und bläuliche Krabben, die sich auf den massigen, eng aneinander gepressten Oberschenkeln tummelten und erreichte sodann den vierten, roten Signalpunkt, einen großen, grellroten Hummer, der mit seinen mächtigen, geöffneten Zangen die leicht angehobenen, gut gepolsterten Kniescheiben umklammerte. Und weiter ging die Reise durch eine etwas eintönige Wüste, querte die mit schwarzem Tang und grünen Algen drapierten Unterschenkel und gelangte schließlich zu den kleinen Füßen der Maid. Auch sie waren mit diesem veganen Geflecht umwoben, aber die Zehen, der Endpunkt der Blickreise, bot wieder eine wahre Farbenpracht, einen Rausch an Farben und Formen, denn jeder einzelne Zeh wurde von einem bunten, kunstvollen, in seiner Größe exakt angepassten Gehäuse einer exotischen Meeresschnecke gekrönt. Die sowohl optische als auch kulinarische Wüste, das schwarz-grüne Muster aus Tang und Algen, wiederholte sich auch auf den Armen der jungen Frau, die flach ausgestreckt und dicht an den Körper gepresst und zur Sicherheit sogar geschnürt, als zusätzlich Ablagefläche der jeweiligen regionalen Köstlichkeiten dienten. Einzig die Hände waren noch bemerkenswert. Sie hielten halbierte Melonen mit rosa Fruchtfleisch, deren blasse Kerne durch krümeligen, tintenschwarzen Kaviar ersetzt worden waren.
Der Fotografen konnte sich nicht satt sehen an dem bioerotischen Kunstwerk, an dieser lebendig belebten Skulptur aus Mensch, Tieren, Blüten, Pflanzen und Nahrung, an dieser Landschaft des puren Genusses, an diesem Fleischberg voller kulinarischer Köstlichkeiten - Arcimboldo à la Fernost. Er zögerte, auch nur das Objektiv auf dieses Mädchenwunder zu richten, das über und über beladen war, auf dem die aufgetürmten Massen die natürliche Körperfülle beträchtlich vergrößerten, so dass selbst der erfahrene Aktfotograf kaum noch das menschliche Wesen erkannte, das unter dieser gnadenlosen Fülle begraben war. So üppig hatte der food artist mit seinen schier unerschöpflichen Ressourcen geschwelgt, so großzügig hatte er drapiert und verteilt, aufgehäuft und aufgeschichtet. Die Last der schönen Dinge schmälerte jedoch für den Fotografen die erotische Anziehungskraft der Basis keineswegs, die der Fotograf ja noch im Urzustand kennen gelernt hatte, der Sexappeal des Gesamtkunstwerks war sogar noch gesteigert worden. Die dralle Schönheit des Mädchens, die bezaubernden Farben der Blumen, die exotischen Formen der Meerestiere, die Frische der Nahrung und der Duft der vielfältigen Aromen, all das erregten in dem verzückten Betrachter einen gewaltigen Appetit. Dieser fröhliche Wein- und Lustberg, dieser Hungererwecker und potentielle Hungerstiller, dieses kulinarisch erotische Kunstwerk wirkte wie ein mächtiger Magnet, der alle Sinne des betäubten Mannes auf sich zog. Ein Berg der Sinnesfreuden, der geschaffen worden war, um alle Sinne zu reizen, der errichtet worden war, damit Mann/man sich auf ihn stürze, der angerichtet worden war, dass Mann/man alles verkoste, der kreirt worden war, dass Mann/man alles probiere, vernasche, verschlinge, verputze, der dazu einlud, dass Mann/man alles, was da war, aber auch wirklich alles, wegnähme, einnähme, aufnähme und in alle verborgenen Orte eindränge, bis nichts mehr zu erkunden und nichts mehr wegzunehmen war und Mann/man am bittersüßen Ende alles entblößt und zerstört sich angeeignet hätte. Dann, so träumte der Fotograf, während er nun doch eine Aufnahme nach der anderen machte, seine Kamera unentwegt über den Garten der Lüste schwenkte, heranzoomte, hinein vergrößerte, dann war der Zeitpunkt erreicht, wo die kulinarische Orgie in die sexuelle überging. Wenn die aufreizende, aber doch störende Bedeckung entfernt wäre, wenn nur noch das sinnliche Fleisch, die nackte Basis, das entblößte Mädchen vorhanden wäre, könnte dieses selbst erobert und eingenommen werden, der ultimative Nachtisch genossen werden, nachdem alles was da noch ablenken konnte, beseitigt war.
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