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Joseph Roth

NACHT UND
HOFFNUNGSLICHTER

Herausgegeben von Alexander Kluy

Mit einem Vorwort von

Wolfgang Müller-Funk


GELEITWORT

VON ALEXANDER KLUY

Joseph Roth, der Romancier, ist Teil der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, ja der Weltliteratur.

Joseph Roth, der heilige unheilige Trinker, der Freund, der magisch-berückende charmante Unterhalter von größeren Runden in Kaffeehäusern und Bistros, ist Zentrum der um ihn gerankten privaten und privatwissenschaftlichen Mythen.

Aber Joseph Roth, der Zeitgenosse bewegter Zeiten, der Journalist, der Reporter, kein rasender, aber ein enorm schnell schreibender, ein höchst produktiver, doch nie schludrig formulierender, was ist mit diesem, umtriebig zwischen Wien und Berlin pendelnd?

Wien und Berlin waren Städte, die nach dem Ersten Weltkrieg für mehrere Jahre auf unterschiedliche Weise glänzend aufschienen, die eine – Wien – illuminiert von der erloschenen kalten Sonne der Habsburger, die andere – Berlin – von Lichtarchitektur, Kinowerbung, Reklame, von Jazz, Moderne und Boxen, Lebensgier und Sehnsucht. Beide beschrieb Roth, beide boten ihm Material in Fülle, von beiden war er auf unterschiedliche Art fasziniert.

Als Erzähler bannte Joseph Roth »bittere Märchen über die Vergänglichkeit« aufs Papier, »raunende Beschwörungen einer vergangenen Welt, in der auch noch in den kleinsten Dörfern römisch-katholische Polen, griechisch-orthodoxe oder unierte Ruthenen, protestantische Deutsche und Juden zusammenlebten«, so Arno Widmann, der zudem anmerkte: »Er war – in seinen Reportagen – auch einer der Buchhalter dieses Verlusts. Er war der seltene Fall eines Menschen, dessen Empfindungen seiner Beobachtungsgabe nicht im Wege standen. Er schärfte seinen Blick durch Zärtlichkeit.«

Jozef Wittlin, Roths Freund und späterer Übersetzer, hatte dies bereits 1949, zehn Jahre nach dessen Tod, in zauberische Worte voller Anmut und Bewunderung gefasst: »Er war ein feuilletonistischer Artist der Grazie, ein Zauberkünstler der leichten Form, ein Wortmaler poetischer Bilder, ein erbarmungsloser Fanatiker, wenn es notwendig war, die Wahrheit auszusagen, anzuprangern. […] Joseph Roth war nicht nur ein Zauberer der Sprache, der oft Flauberts Schönheit erreichte, er war nicht nur ein geistvoller, realistischer Lebensschilderer, der die Erkenntnis der Wahrheit mit der Kunst der Form auf höchstem Niveau zu vereinen verstand, er war nicht nur ein Aktivist der Intelligenz – in ihm schlug auch ein großes Herz.«

Joseph Roths Reportagen, Feuilletons, journalistische Miniaturen und Porträts sind aber weit über den Tag hinaus lesenswert geblieben – weil sie journalistische Literatur sind, und oft überzeitliche Literatur von Rang. Der vorliegende Band versammelt ausgesuchte Texte über Wien, wo er von April 1919 bis April 1920 Redakteur und Kolumnist der neu gegründeten, programmatisch »Der Neue Tag« benannten Zeitung war, und über Berlin, in der Roth, der spätere »Legitimist« und nostalgische Verklärer des Habsburgerreiches, 1925 »Der blinde Spiegel« in dem der deutschen Sozialdemokratie sehr nahestehenden Verlag J. H. W. Dietz publizierte. Dieser »kleine Roman« spielt im Wien zwischen 1916 und 1920, jenen Jahren, die er bewusst erlebt und beschrieben und sich erschrieben hatte.

In die deutsche Hauptstadt war Joseph Roth nach der Schließung des »Neuen Tags« übersiedelt, wie so viele andere österreichische Journalisten, Feuilletonisten und Kritiker auch, und schrieb für zahlreiche namhafte Zeitungen, Journale und Periodika mit staunenswerter Produktivität, mit überbordender Neugier aufs Urbane und mit einer beeindruckenden intellektuellen Flexibilität.

Flankiert wird Roths Prosa von Arbeiten, Texten und Aphorismen Wiener und Berliner Journalisten, Reporter und Feuilletonisten – von Karl Kraus bis Kurt Tucholsky, von Anton Kuh bis Stefan Großmann, von Arnold Höllriegel bis Victor Auburtin und Sling –: als Ergänzung, als Konterpart, als Gegenüberstellung wie als deckungsgleicher Kontrast, als erstaunlich lebendige Texte der Zwanzigerjahre. Und sichtbar wird, auch in der gleichen/ungleichen Behandlung derselben Themen, vom Verkehrswesen bis zu nächtlichen Vergnügungen, von Kaffeehausgästen und Beobachtungen während Gängen durch die Städte und Promenaden durch deren Mentalitäten, vom Hotel Sacher bis zum Café Kranzler, solcherart eine Ära zwischen Nachkrieg und Vorkrieg, zwischen untergegangenen monarchischen Systemen und bedrohlich aufziehenden mörderischen Diktaturen.

VORWORT

VON WOLFGANG MÜLLER-FUNK

Joseph Roth ist ein bis heute literarisch und intellektuell unterschätzter Autor. Eine solche Aussage mag angesichts der ungebrochenen Beliebtheit und Verbreitung eines Autors, der die Welt, die er auf seiner endlosen Reise, die sein Leben war, aus der ungläubigen Perspektive eines Fremden beschrieb, der in der Welt, vor allem in deren Zentren, nie angekommen ist (ob dieses Zentrum nun Berlin oder Wien, Paris oder, höchst imaginär, New York hieß), überraschen.

Noch die heutigen Auflagen seiner beliebtesten Werke könnten so manche Gegenwartsautoren und -autorinnen neidisch machen. Was aber so viel bedeutet, dass sein literarisches wie auch sein feuilletonistisch-journalistisches Werk noch immer eine Dimension von Aktualität besitzt, die in philologischer Traditionspflege nicht aufgeht. Bis heute wird an Roth das unterschätzt, was ich als Prägungskraft seines Werkes bezeichnen möchte, eine gewisse Zentralität der kleinen Form. Joseph Roth ist weder ein Autor der deutschen Neuen Sachlichkeit noch ein regionales österreichisches Phänomen, etwas für den sentimentalen Hausgebrauch Post-Kakaniens und seiner identitätsstiftenden Erzählkomplexe. Sein Œuvre ist Produkt und Produzent dessen, was man einigermaßen verschliffen und paradox als »klassische Moderne« bezeichnet hat. Joseph Roth gehört im doppelten Sinn in diesen Kanon, als Meister einer kleinteiligen, lyrisch-märchenhaften Prosa ebenso wie als scharfsinniger und pointierter Zeitzeuge der großen Krisen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Seine sichere Hand, anschauliche Tableaus zu Papier zu bringen, die er in heute vergessenen feuilletonistischen Formaten eingeübt hat (etwa in seinen Glossen und Miniaturen in Der neue Tag), sind viel hintergründiger, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Diese Schilderungen aus dem Alltagsleben etwa der Wiener und Berliner Nachkriegszeit sind Türöffner, die uns Auskunft geben über die Verschiebungen, Brüche, Kränkungen und Absurditäten, die sich aus dem ungleichen Verhältnis von großen Ereignissen und kleinen Menschen, von unsichtbaren, aber bedeutsamen Veränderungen und ihrem Widerhall in Lebensverhältnissen ergeben, in denen diese nicht zu Bewusstsein kommen, aber, wie in dem beinahe vergessenen Roman Der blinde Spiegel, gleichwohl wirksam werden.

Der vorliegende Band versammelt Texte aus den ersten zehn Jahren des literarischen und journalistischen Schaffens von Joseph Roth. Seit den Publikationen von Ingeborg Sültemeyer und Hartmut Scheible in den 1970er-Jahren ist es üblich geworden, Roths Werk in mindestens zwei Perioden aufzuspalten: hier der Linksrepublikaner, der seine Artikel häufig mit der »rote Joseph« signiert, dort der konservative Monarchist und ›heilige Trinker‹, der mit der Welt im Hader ist. Es ist an dieser Stelle nicht der Ort, diese Wende zu kommentieren und zu analysieren. Viel wichtiger erscheint es mir indes, darauf hinzuweisen, dass es ungeachtet dieser politischen Wende, die zweifelsohne mit Roths Reise in das vorstalinistische Sowjetrussland und seiner zunehmenden Enttäuschung der politischen Entwicklung in Deutschland zusammenhängt, auch so etwas wie eine Kontinuität der Schreibweise, des literarischen Gestus, des hohen Maßes an Empathie und der damit verbundenen narrativen Techniken gibt. Ein Satz wie »Es regnete wirklich und der Vater kam, mit ergrauten Schläfen« (»Der blinde Spiegel« 1925), könnte sich auch in vielen späteren literarischen Texten finden, die auf eigentümliche Weise die Opposition von Roman und Erzählung neutralisieren. Das hängt ganz offenkundig mit jenen einsamen lyrischen Sätzen zusammen, die nicht selten ein Tableau vor dem Lesepublikum entfalten. Der höchst amüsante und merkwürdige Zusatz, dass es wirklich regnet, wenn der Vater von Fini aus dem Krieg nach Hause kommt, ist ein Indiz für jene ironische Märchenhaftigkeit, die in der Joseph-Roth-Welt obwaltet, übrigens nicht nur in der literarischen Prosa, sondern auch in den fast immer poetisch durchsetzten Feuilletons, jenen Gebrauchstexten, von denen der Autor leben musste und mehr und mehr leben konnte.

»Manchmal ist die Welt kleinwinzig wie ein Ameisenhaufen, so daß man ordentlich den Respekt vor ihr verliert«, heißt es in einem frühen Feuilleton-Text. Es spricht sich hier eine Weltfremdheit aus, die generell ist und aus der das poetische Schaffen Roths erwächst. Die Fremdheit des jungen Gefühlssozialisten und später ebenso romantischen »Monarchisten« ist eine vielfache, es gibt da, Kafka durchaus nicht unähnlich, eine Fremdheit, die mit der jüdischen Herkunft einhergeht. Es gibt ferner, weniger oft vermerkt, die Fragilität männlicher Identität. Weltverlorenheit stellt sich historisch zwiefach ein, als Ergebnis des Ersten Weltkriegs, der den Staat hinwegspült, in dem Roth höchst peripher geboren wurde, und als Folge des sich ankündigenden Scheiterns des sozialistischen Experiments in Russland. Fremd bleiben Roth zudem lebenslang jene urbanen Zentren, von denen er sich zugleich angezogen fühlt, so sehr, dass er lange vor dem Ende der Weimarer Republik Paris zum provisorischen Lebensmittelpunkt erkoren hat. Roth befindet sich, lange vor dem inneren Bruch mit dem marxistischen Sozialismus, auf einer permanenten Suche nach einer politischen Heimat. Er möchte sich so gerne mit etwas und jemand identifizieren, mit Friedrich Ebert oder mit Kaiser Franz Joseph, und vermag es doch eigentlich nie, weder als Linksrepublikaner noch als Über-Monarchist, in dem doch insgeheim sehr viel von seiner unbestimmten Linksorientierung der Jugendzeit bleibt, etwa seine Gegnerschaft zu Deutschnationalismus, Militarismus, völkischem Denken und schlussendlich zum Nationalsozialismus – politische Phänomene, mit denen sich Roth schon sehr früh beschäftigt hat, als Berichterstatter des Hitler-Ludendorff-Prozesses, aber auch in seinem frühen Roman Das Spinnennetz.

Der Raum des Literarischen erlaubt Roth eine Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit zu etablieren, aus der vor allem das literarische Werk seine innere wie äußere Spannung des Wortes bezieht. In literarischen Texten, aber auch an den heute nicht mehr existenten, an Kraus und Polgar geschulten Formaten des Feuilletons müssen nicht endgültige Urteile gesprochen werden – was Anteilnahme für die einen oder Spott für die anderen nicht ausschließt, so etwa, wenn ein »neugegründeter Sicherheitskörper« in der Custozzagasse einen »italiänischen« Revolver erbeutet und ganz kurz am Horizont jene Schlacht aufscheint, die nicht in der Custozzagasse, wohl aber zu Custozza stattgefunden hat. Dieser »Sicherheitskörper« sieht dem heutigen übrigens zum Verwechseln ähnlich.

RUDOLF OLDEN:
NACHRUF AUF EINEN FREUND

»In der Redaktion des Neuen Tag war ich zusammen mit Alfred Polgar, R. A. Bermann, – bekannter als Arnold Höllriegel –, mit Karl Tschuppik, Egon Erwin Kisch, dem Zeichner Carl Josef, Karl Otten. Oft kam spät abends ein sehr magerer und sehr stolzer junger Mensch, dessen kurze Manuskripte Tschuppik mit zur Schau getragenem Respekt übernahm. Auch er war ein eben abgerüsteter Offizier. Man wußte nichts von ihm, als daß er auf eine besondere Art sah und Joseph Roth hieß. […]

Ich zweifle, ob wir wirklich eine gute Zeitung gemacht haben. Die Arbeiter-Zeitung hieß die erste Nummer des Neuen Tags mit einer freundschaftlichen Notiz willkommen. Aber eine Woche später hatte Friedrich Austerlitz, der große Journalist, der ein grausamer Polemiker sein konnte, uns en gruppe genommen, und wir sind das ganze Jahr nicht mehr aus der Polemik herausgekommen. Eigentlich sollte sie doch die Bürger mit den neuen Dingen versöhnen und, oh oft geträumter Traum, die böse alte Neue Freie Presse entthronen. Nun war stattdessen der tägliche Bruderkrieg. Darunter wird die Qualität der Zeitung wohl gelitten haben, und ich zweifle, ob sie war, was sie hätte sein können. Aber ich weiß, daß es die einzige Redaktion gewesen ist, die mir jemals Spaß gemacht hat, und das bißchen, was ich journalistisch kann, habe ich dort von Karpeles [Benno Karpeles, Gründer und Herausgeber des »Neuen Tags«] und Bermann gelernt. Ein Jahr lang, wie gesagt, dauerte das Vergnügen. Eine Zeitschrift und eine Zeitung, das ist teurer als ein Rennstall, und außerdem fraß inzwischen hinterrücks die Inflation Karpeles’ Vermögen auf. Wir wurden tückisch verkauft. Karpeles ging beleidigt weg, als seine souveräne Unabhängigkeit in Frage gestellt war. Eine Woche später gab der Kreis, den ich genannt habe, dem neuen Eigentümer den Rat, die Sache aufzugeben. Sie wollten nicht mehr mitmachen. Ungewöhnliches Ende einer Zeitung, von den eigenen Redakteuren gesprengt zu werden!«

Das Neue Tage-Buch, Jg. 6, Heft 6, 5.2.1938

JOSEPH ROTH: WIENER SYMPTOME

WIENER SYMPTOME

Mai und Mais

Fast hätte ich geglaubt, es wäre ein fataler Druckfehler im himmlischen Verordnungsblatt. Als der Mai trotz Abschaffung der Sommerzeit noch über die Welt kam und das Maisbrot noch auf den Tisch, kostete ich noch einmal das erhabene Gefühl des Durchhaltens in vollen Zügen und würzenden Bissen, schwamm ich in goldgelben Reminiszenzen aus der Zeit, in der man Gold für Maisbrot gab, das schwer verdaulich war wie ein Kriegsbericht und zwerchfellblähend wie ein A-Befund …

Es kommt just zur rechten Zeit: Dieweil Paris Kriegsschlüsse diktiert, erinnert sich das Wiener Volksernährungsamt nicht mit Unrecht des Mai, der jahrelang »Offensive«, und des Maises, der »Volksnahrungsmittel« hieß, und unternimmt mit dem letzteren die erstere gegen die Wiener Bevölkerung. Keiner weiß, woher er kam, der Mais. Name und Art nur kennen wir zur Genüge. Stammt er etwa noch aus den Vorratskammern des ukrainischen Brotfriedens? Drischt man ihn aus den Ähren jener Felder, deren Ähren man zerstampft? Oder ist er eigens zurückbelassen aus jenen Jahren straffster Drosselungen als sinniges Maisgeschenk zum Zeichen des Friedensschlusses? Oder als Abschiedsgruß einer aus der Kommune scheidenden Partei? Etwa: im Weltkrieg habe ich dein, o Wiener, gedacht. Drum hab’ ich dir zum Frieden dies dargebracht?! …

Es ist jedenfalls ein kunstvoll dramatischer Aufbau in der Wiener Brotversorgung der letzten Wochen zu sehen. Nach dem Höhepunkt des Weißbrotes die Peripetie des Maisbrotes. Allen dramatischen Regeln zum Trotz unterbleibt hoffentlich die Katastrophe. Denn dieses goldgelbe Verhängnis ist an und für sich schon sinniger Abschluß einer gastrischen Tragödie, auf gefallenem Vorhang ein Fragezeichen, an Paris, ernste Mahnung an übermütig gewordene Zwölffingerdärme, Schlußakkord der 42-Zentimeter-Haubitzensymphonie, Punkt und Pause hinter der ganz ungenügend ausgefallenen Hausarbeit über die große Zeit … Alles in allem: ein Wiener Symptom …

Schokolade

Ich sah eine Rippe um zwei Kronen vierzig in der Auslage. Ein blondes Mäderl, barfuß, Hunger in den blauen Kinderaugen, stand davor. Im Anblick der schwarzbraun glänzenden Schokoladerippen wurde Fames vulgaris (gemeiner Hunger) zu beflügelter Sehnsucht, gierig-körperliches Verlangen zu beschwingtem Himmelanstreben, animalische Angelegenheit zur rein seelischen. So etwa sieht der Himmel dieses Kindes aus: braun und mit Schokolade tapeziert. Und diese kleine Rippe um 2 Kronen 40 ist die Schwelle, über die man ins Himmelreich tritt …

Schokolade! Sie trägt eine Zürcher Marke und ist sicher durch den Schleichhandel in die Anlage geschmuggelt worden. Ich aber vergebe und vergesse in diesem Augenblick allen Schleichhändlern der Welt ihr Preistreiben für bloßen Anblick. Dem Feinde neben mir ist die Rippe die Schwelle zum Himmelreich. Mir – Schwelle am Tor der Zukunft. Durch wie viele Länder mit Grenzen, Verzollungen, Repetitionen, Vidierungen, Visitationen mußte diese Rippe wandern, ehe sie ins Schaufenster des Zuckerbäckers Thomas Helferding gelangte! Und nun ist sie da: Aller Völkerfeindschaft, Seelenverhetzung zum Trotze, ein schwarzbraun glänzendes Zeichen ewiger Völkergemeinschaft!

Still standen wir da und schmeckten die Herrlichkeiten schlaraffenländischer Zukunft. Unsere Augen schimmerten in Liebe, Sehnsucht und Verehrung. Unser Blick ward Gebet.

Dann ging ich in den Laden und kaufte eine Rippe. Brach sie sorgfältig und gab dem barfüßigen Mädchen die Hälfte. Und aß die andere selbst. Und wetteiferte mit dem Kinde im Kindsein …

Josephus

Der Neue Tag, 18.5.1919

KAFFEEHAUSFRÜHLING

Er offenbarte sich bisher bloß darin, daß die Kaffeesieder Preise trieben, die tägliche Ausgabe für Frühstück und Jause in die Höhe schoß, im »Schwarzen« lenzlichgeheime Säfte goren, die Ausbeutung des Publikums ungeahnte Blüten trieb und das Geschäft überhaupt florierte. So sieht der Wiener Kaffeehausfrühling aus. In der letzten Woche kam noch ein Neues hinzu: Schani trug den Garten hinaus. Der »Garten« besteht aus ein paar Latten und Dielenbrettern, die wohlverwahrt auf dem Dachboden Winterschlaf hielten, und einem Gitter aus Drahtgeflecht oder Eisen. Ein besonderes Zuvorkommen dem Mai und den Gästen gegenüber bedeuten noch einige Blumentöpfe und jene grünen Zweige, auf die in diesem abnorm kalten Frühjahr nur die Kaffeesieder kamen. Und somit ist alles für die Sonne gerüstet, die leider »infolge Ausbleibens wichtiger meteorologischer Nachrichten« von der Sternwarte nicht angekündigt werden kann und sich ohne zuverlässige Prognosen nicht recht aus den Wolken hervortraut …

Sieht man diese gottverlassenen Caféveranden an, so drängt sich einem fast unwillkürlich der Vergleich mit nie erfüllten Friedensträumen, verregneten Aussichten und verschnupften Weltlagen. Diese umgekehrten Tische mit den umgestülpten Korbstühlen, die vor Nässe weinen, sehen einer verkehrten Welt verzweifelt ähnlich, in der alles auf dem Kopf stünde, wenn auch nur etwas einen Kopf hätte. Die Luft, die man eigentlich von Rechts wegen hier draußen genießen sollte, ist erfüllt mit Kriegsberichten, die von den Friedenskonferenzen kommen, und das Eis, das in normalen Zeiten hier geschluckt werden würde, hält leider noch immer die Herzen der Menschen krampfhaft umschlossen. So wird, was dereinst Fortsetzung gemächlichen Familienlebens und gemütlicher Tarockpartien auf die Straße war, heute eine recht ungemütliche Verquickung einer ungemütlichen Öffentlichkeit mit privaten Familiensorgen. Die Kaffeehausterrasse ist heute nur mehr ein überflüssiges Requisit aus besseren Zeiten und obendrein noch ein Verkehrshindernis wie Straßenbahn, Post, Telephon und andere »Verbindungsmittel«. Für Kaffeesieder hat sie allerdings einen Vorteil: Sie ermöglicht ihnen, unangenehme Stammgäste, die über die Preiserhöhung schimpfen, auf glatte Weise und im wahrsten Sinne des Wortes – an die Luft zu setzen …

Nachtleben

Nacht für Nacht gehe ich denselben Weg. Nacht für Nacht sehe ich dieselben Bilder. Vor dem Versorgungshause fährt der Leichenwagen vor, unerbittlich, nüchtern, geschäftsmäßig, um diejenigen zu versargen, die ehemals versorgt waren. Man weiß wirklich nicht, was vorteilhafter ist. Es könnte auch ein boshafter Druckfehler sein …

Ein paar Häuser weiter, vor dem anatomischen Institut, steht wieder der Tod. Diesmal in modernerem Gewande. Ein Straßenbahnwagen, dessen rückwärtige Wand ein weithin leuchtendes Kreuz trägt. Die Tore des anatomischen Instituts stehen weit offen. In plumpen glattgehobelten Holzkästen, die eine verschwommene Ähnlichkeit mit Holzsärgen haben, liegen die sezierten, geprüften, durchstudierten Leichname. Kasten um Kasten wird in den Straßenbahnwagen geschoben. Vollbeladen mit zu wissenschaftlichen Zwecken hinaufavancierten Leichen fährt die Straßenbahn mit dem weithin leuchtenden Kreuz schließlich davon. Es ist die einzige Wiener Elektrische, deren Gäste sich in stummer Liebenswürdigkeit nicht auf die längst sezierten Hühneraugen treten …

Was ist das dort vor dem Votivplatz? Wieder der Tod? Werden Gräber geschaufelt? Geheimnisvoll vermummte Männer um ein flackerndes Windlicht gruppiert. Sie hacken mit Spaten und Krampen in der Straßenmitte, zwischen den Schienen der Straßenbahn, krempeln das ganze Pflaster auf. Schatzgräber etwa? Symbol wären sie dann, Repräsentanz des deutschösterreichischen Volkes, das, arm an Beutel, krank am Herzen, nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn es Regenwürmer findet, um sie zu verspeisen …

Es sind weder Toten- noch Schatzgräber, sondern Arbeiter aus der Reparaturwerkstätte der städtischen Elektrizitätszentrale, und ihr musterloses nächtliches Hantieren dient der Aufrechterhaltung der Straßenbahnverbindungen. Sie schaufeln sozusagen das Grab des Wiener Verkehrs ab, um diesem seine Auferstehung zu erleichtern …

Auf dem Hof steht seit einiger Zeit ein Mann mit einem Sodawasserkarren. Täglich um die Stunde, zu der, den Lichtsparmaßnahmen zufolge, die Nacht unerbittlich eintreten muß, besetzt der Mann seinen Posten. Er ist eine Kombination von Salamutschl- und Würstelmann, eine Neubildung ungefähr, den geänderten Umständen angepaßt. Er verkauft Speck, Sodawasser und Backwerk und ist die einzige Erscheinung im Wiener Nachtleben, die mit ihrem flackernden Gasolinlicht in eine frohe Zukunft weist.

Denn so ist unser »Nachtleben«: Unsere Mitbürger sterben und werden eingesargt wie unsere Vergangenheit, ihre Leichen seziert wie unser Vaterland, die Auferstehung unseres Straßenverkehrs sieht einem Begräbnis verzweifelt ähnlich, und das Licht unserer Hoffnung ist ein irrlichterndes Gasolinflämmchen, das über gesalzenem Amerikaspeck und unerschwinglichen Ersatzmehlspeisen im Nachtwinde taumelt …

Josephus

Der Neue Tag, 23.5.1919

DIE MÜLLI!

Plötzlich geschah es, daß eine Frau aus der Ecke des übervollen Straßenbahnwagens den Ruf ausstieß: »Die Mülli!« Hätte sie: »Es brennt!« gerufen, die Aufregung wäre viel geringer gewesen. Ich sah aus bleichen, bartstoppelübersäten Mannsköpfen gierige Heißhungeraugen hervorquellen, ich sah Frauen aus zermarterten Gesichtern Habichtblicke wie Pfeile abschnellen, Kinder, blasse, semmelblonde, dürr und pergamenten wie Dörrgemüse, erstaunt, erschrocken bebend wie vor einem Großen, Ungeahnten, Schönen und doch Schauerlichen die Köpfe zusammenstecken und neugierig zwischen Armen und Beinen der Großen hindurch in jene Ecke blicken, allwo ein dünner Strahl, weiß und fettgelblich, wie Elfenbein, in einer Ritze des Waggonbodens bedächtig und gemächlich rann. Die Milchkanne der Bäuerin aus Stockerau war über die Füße eines Fahrgastes gestolpert, der an einem Ersatzriemen aus Papierleinwand hart unter dem Waggondach hing, als wollte er demonstrativ die Abschaffung der Todesstrafe leugnen. Der Inhalt der Milchkanne bahnte sich viele Wege durch Ritzen und Spalten des Waggonbodens. Die Leute, die im Waggon saßen, hoben die Füße in die Höhe, aus Angst, in die Milch treten zu müssen. War es die Milch einer Zeus geweihten Kuh, vielleicht Europas? War es Milch aus den heiligen Eutern Mahabharathus? Was war das für eine Milch, in der die Augen aller Passagiere ehrfurchtsvoll ersoffen und vor der die Leute auf die Bänke stiegen, um sie nicht zu beschmutzen? Es war die Milch einer sterblichen Kuh aus den irdischen Gefilden von Stockerau. Milch war es, eine halbverklungene Sage aus den Zeiten der Vorvergangenheit für die Großen, ein weißes Silbermärchen von ungeahnten Geheimnissen für die Kleinen. Es war eine Milch wie jene, die per Liter 15 Kreuzer kostete zu einer Zeit, da die Krone noch einen Nährwert hatte und die Milch eine Valuta. Es war Milch, gewöhnliche, außerordentliche, einfache, göttliche Milch …

Es hat wenig gefehlt und ich hätte das erhebende Schauspiel erlebt, daß gestoßene, zerschundene, verhungerte, vom Kriege und seinen Anleihen gezeichnete, durchgehaltene, Schulter an Schulter überstandene, Teisinger und Tode entgangene, von Blockaden gedrosselte und von Ernährungsmaßnahmen rationierte Ebenbilder Gottes auf den Boden einer Elektrischen glatt und bäuchlings ausgestreckt gelegen hätten, um mit jenen Zungen, mit denen sie mit Hurrah Hötzendorf gepriesen, die ausgeronnene Milch zu schlecken.

Trara!

Seit einiger Zeit schwingt mitten durch das Brummen der Autos, das Kreischen der Elektrischen und das Tuten der Schaffner ein seltsamer Ton von wunderbarer Melodie. Es klingt wie das Halali einer Jagd und das selige Trara eines Postillons. Es sind die Signale eines Autos; von dem ich vermute, daß es Eigentum einer fremden Militärmission ist. Ich sage seinem Besitzer somit öffentlich Dank. Das Signal ist hell und lustig und klingt wie eine Aufforderung mitzukommen. Komm mit, ruft es, sehen wir uns die Welt an! In diesem silbernen Trompetenton vernehme ich die hellen Stimmen einer europäischen Zukunft: Liebliche Maiennächte mit fliegenden Silberwölklein, Postillon, Abschied und Reise ins Märchenblaue. Ich sehe Grenzen fallen, Pässe überflüssig werden, Visitationen und Requisitionen überflüssig werden, und ich fahre auf einer mondlichtüberfluteten breiten Straße durch die römische Campagna. Und ich sehe in eine Zukunft, in der ich ohne jede Einreisebewilligung selbst nach Hütteldorf-Hacking gelange …

Die Politik, die Mädel und der italienische Stern

Einmal, als die Zeit noch so groß war, daß selbst die kleinen Mädel sie begriffen, waren patriotische Kokarden, Matrosenschleifen mit Namen vaterländischer Fregatten und Abzeichen, die man an Kriegsblinden- und anderen Festtagen verkaufte, Schmuck und Zierrat jener Mizzis, Poldis, Fritzis und Franzis, deren Tagewerk mit Anbruch der Nacht begann und in der harmlosen Gesellschaft eines Leutnants in Erholungsurlaub vor sich ging. Heute, da eine neue Welt die alten Kokarden unmöglich macht, erweisen sich alle diese kleinen Mädel als große Staatsmänner, die die Abzeichen ihrer Zeit besser verstehen als unsere Diplomaten die Zeichen. Der fünfzackige italienische Stern in jenen Tagen, da die Italiener Katzelmacher hießen, armseliges Schmuckstück auf dem Rock italienischer Kriegsgefangener, schimmert heute an den Blusen aller Mizzis. Er ist ihr Leitstern geworden, der ihnen auf dem Weg in die Hinterstübchen italienischer Militärmissionen leuchtet, uns anderen mag er der Stern des Frieden sein, der am Himmel der – Geschlechterversöhnung glänzt. An allen Ecken und Enden der Kärntnerstraße und des Rings taucht er in den Abendstunden auf, und sein Schimmern bedeutet den italienischen Fremden: si parla italiano! Die Wiener Gemütlichkeit ist weit von den Mitteln entfernt, die im heiligen Lande Tirol Anwendung fanden. Der Wiener zitiert höchstens frei nach Schiller: An ihrer Brust sind ihres Schicksals Sterne.

Josephus

Der Neue Tag, 1.6.1919

SCHUHRIEMEN, BITTE!

Sinnbild und Überrest einer großen Zeit, durch Teisingermethoden aus Alltagsmaterial schnellstens hergestelltes Heldentum, mit moderner Prothesenkonstruktion neu angelegtes und repariertes Ebenbild Gottes, aufgestellt an der Straßenecke, wo Kriegsgewinn und Jetzt sich kreuzen, schwingt ein Etwas von einem Menschen in der durch einen gutmütigen oder boshaften Zufall nicht auf dem Felde der Ehre verbliebenen Rechten einen Bund Schnürsenkel. Statt auf Beinen, die andere Schnürsenkelverkäufer außer der Bronzenen auch noch nach Hause gebracht haben, steht dieser auf zwei hosenumschlotterten Prothesen. Mit der Leidenschaft jener Verzweiflung, der man es ansieht, daß sie ein Kind der Wiener Invalidenfürsorge ist, schwingt er sein Bund über den Häuptern arbeits- und beschäftigungsloser Passanten, schwingt sie siegreich, die schwarze Fahne des Elends. Schmettert immer wieder, immer wieder sein: Schuhriemen, bitte! In die Menge, als müßte er diese zum Sturm anführen. Seine Schuhriemen sind unverfälschter Papierspagat – sonst hätte er sich schon längst aufgeknüpft. Von frühem Morgen bis in die Nacht hinein kann man meinen Schnürsenkelverkäufer sehen. Sein Bund bleibt immer gleich groß, kein Mensch kauft Schnürsenkel aus Papierspagat. Aber unermüdlich schreit und fuchtelt dort an der Ecke das Fragment eines Menschen herum, flackernden Hunger in der Miene, Drohung und Gebet in der Stimme. Ist gar kein Schnürsenkelverkäufer mehr, sondern Mahnbild und Prophet. Sein Schrei wird überfahren vom Gekreisch der um die Ecke biegenden Elektrischen, seine Handbewegung weggewischt von der Geste des Profitgeistes. Um ihn herum feilscht Welt, Weib und Gewinn, linkswalzt Wien, die Stadt des Blaufuchses und des Kriegsblinden …

Der General

Täglich um die Morgenstunde, zu der ein Pfeifendeckel zur Salzsäule erstarrte: Exzellenz, ich melde gehorsamst …, geht der General die Straße entlang, frisch rasiert und backenbartgepflegt. In seinem Gang militärische Knappheit und Pseudozielbewußtsein, in seiner Haltung inhaltslose Dressur. Sein Auge noch so blitzblau wie damals, als er vor dem Feinde und zwischen den beiden eine Brigade stand. Bemüht, in die Zukunft zu sehen, sieht er Vergangenheit. Vergangenheit mit Marschmusik, Donnerhall, Prinz-Eugen-Brücken, Gehorsam und Sklavensinn. Wenn ein Soldat an dem General vorbeikommt, bemüht sich der Alte, nicht zu sehen. Er will nachsichtig sein und drückt ein Auge zu. Aber dann ist Bitterkeit, Leere, gähnender Weltraum, Grenze der Vernunft. Er war General, weil sie ihn Exzellenz nannten. Er war General im Gefüge der Brigade. Er war »komplett«, als ihn die anderen grüßten. Er war nie Individuum. Immer ein Bestandteil, wie ein Knopf, ein Kolbenhals, ein Tornister, eine Wasserjacke. Er fand seine Ergänzung im Gehorsam der anderen. Jetzt ist er Überrest, Fragment, Brigadier oder Brigade, Stratege ohne Dienstreglement, Herr ohne Diener. Aber Herr noch immer, mit der Gloriole einer tragischen Ironie um die Generalskappe, standesbewußt ohne Stand und ehrenhaft ohne Kodex …

DIE GALGENFRIST

Als ich eines Abends, wie es meine Gewohnheit ist, pünktlich und höchst loyal zehn Minuten vor 9 Uhr vor meinem Haustor ankam, war es – offen. Die für 9 Uhr angesetzt gewesene Haustorsperre hatte auf meinen Tugendwächter, so sich »Hausmeister« nennt, einen so vortrefflichen Eindruck gemacht, daß er, der typische Repräsentant altösterreichisch-gemütlichen Konservatismus, der trotz Umwälzungen und Götterdämmerungen christlichsozial und konservativ gesinnt geblieben war, angefangen hatte, nicht nur mit der Zeit zu gehen, sondern auch ihr vorauszueilen. Unter der Devise: »Zeit ist Sperrsechserl« hatte er schon um ¼ 9 Uhr das Haustor geschlossen und und Parteien, die zwischen ¼ 9 und 9 Uhr kamen, ganz einfach warten lassen, bis es neun geschlagen hatte und kein Einwand mehr möglich war. Man war eben erst da, nachdem man seine Anwesenheit vom Herrn Hausmeister bestätigt erhalten hatte, zahlte seinen Obolus und schwamm in den Hades seiner gaslichterdrosselten Behausung. So kam es mitunter vor, daß sich einige Mietsparteien vor dem Haustore angesammelt hatten und daß ich mich anstellen mußte, um schlafen gehen zu können. Einmal hatte ich es zwar versucht, einen Haustorschlüssel zu bekommen. Ich ging zum Herrn Inspektor und sprach: Herr Inspektor, halten zu Gnaden, da wir schon einmal in einer freien Republik schlafen zu gehn gezwungen sind, bitte ich, mir den Haustorschlüssel zu meiner persönlichen Freiheit gegen ein angemessenes Entgelt und Trinkgeld ausfolgen lassen zu wollen. – Aber der Herr Inspektor erschrak vor dem Worte: persönliche Freiheit und verweigerte mir den Schlüssel. Also gewöhnte ich es mir an, zehn Minuten vor neun Uhr nach Hause zu kommen, um erst fünf Minuten nach neun nach Hause kommen zu können …

An jenem Abend aber, da ich das Haustor offen fand, war ich in arger Verlegenheit. Dem Hausmeister konnte ein Unglück passiert sein. Oder die persönliche Freiheit war in der deutschösterreichischen Republik tatsächlich eingeführt worden. Oder der ganze Magistrat ist meschugge. Oder es sitzen schon Bolschewisten im Gemeinderat. Oder das Haus, in dem ich wohne, ist sozialisiert. Oder das Schloß ist kaputt und funktioniert nicht. Ich zog also mein Sperrsechserl, ging in die Wohnung des Hausbesorgers und hub an: Werter Herr Hausmeister, ich bitte sehr um Verzeihung, Sie dürften sich heute geirrt haben, da ist Ihr Sperrsechserl. »Na« – sagte der Gewaltige – »mir ham uns net geirrt. Wir sperren scho um zehne!«

Was war geschehen? Was hatte den Hausmeister zu der Gewährung einer Galgenfrist von einer Stunde bewogen? Hatte ihn ein Hauch der neuen Zeit angeblasen?

Ich komme jedenfalls seit damals erst um – halb elf Uhr nach Hause. Die Mietsparteien stehen in langen Ketten vor dem Hause. Ein Wachmann sieht auf Ordnung in den Reihen der Angestellten. Punkt zehn Uhr beginnt der Einlaß. Denn seit die Haustorsperre für zehn Uhr festgesetzt ist, sperrt mein Hausmeister, immer noch der Zeit voranfliegend und seine eben erwähnte Devise beibehaltend, erst um – neun Uhr …

Josephus

Der Neue Tag, 15.6.1919

BARRIKADEN

Nein, sie stammen wahrlich nicht aus der Zeit der Revolutionen. Sie sind nicht Anzeichen eines aufgeregten, sondern im Gegenteil: eines gemütlichen Wien. Sie sind nicht Zweck und Ziel einer Strömung, sondern Grund und Ursache einer Untugend. Aber was auch beim Anblick dieser Barrikaden so empört, ist eben der Umstand, daß sie der Ausdruck jener Zwecklosigkeit sind, die die Existenz des Winters ausmacht und die, aufgeweicht in einem Viertelliter Heurigen, als sogenannte »Gemütlichkeit« von Volkssängern und Feuilletonisten wiedergekäut und ausgespuckt wird. Ist eben jene Schlamperei, die nicht der Fehler der alten österreichisch-ungarischen Monarchie war, sondern die Tugend dieses unseres Deutschösterreich, daß diese seine Tugend allen Teilstaaten aufoktroyiert. Und wenn auch tausendmal erklärt wird: Deutschösterreich sei ein funkelnagelneuer Staat, der mit dem alten Reiche nichts zu tun habe, so verweise ich dringend und unerbittlich auf jene uralte Bretterverschalung des neuen Boltzmann-Instituts in der Währingerstraße, auf jene Bretterverzierung, die jedem Einsichtigen beweisen muß, daß wir zwar ein funkelnagelneuer Staat geworden, aber mit alten k.k. Brettern jämmerlich geflickt sind.

Wozu steht dieses Brettergerüst immer noch da? In der Nacht verrichteten Hunde und Heurigenmenschen dort ihre Notdurft, und am Vormittag klebt man dort Plakate auf mit der Ankündigung von Linkstänzen um Blaufüchse und Rechtstänze um goldene Kälber. Wäre es nicht vernünftiger, das letztere in der Stille einer Sommernacht und das erstere im Sonnenglanz des Tages zu erledigen? …

Heimgekehrt

Plötzlich tauchten sie auf, zwei Gestalten in der Kärtnerstraße, Robinsons oder so was, mitten zwischen Bügelfalten, Crêpe de Chine – Kleidchen, Lackstiefeletten und Telepathen: zwei Gestalten, robust, schwer, schmutzig und antediluvial. Bei näherem Zusehen entpuppen sie sich als zwei Heimkehrer. Sie waren aus Irkutsk oder sonst einer Gegend, wo nicht mehr der schwarze, sondern der rote Pfeffer wächst, im Sommer vergangenen Jahres aufgebrochen und hatten das zweifelhafte Glück gehabt, im Jahre des Herrn 1919 in ihre Heimatstadt Wien, die Stadt ihrer Träume, zu gelangen. Auf ihren zerfetzten Stiefeln lagerte der Staub von drei langen, total zerwanderten Jahren, und ihre braungebrannten Körper staken in Säcken von einer undefinierbaren Färbung, die sehr entfernt an Gelbweiß erinnerte, aber ebenso gut auch sandige Erde hätte sein können. Sie schritten mächtig aus, sie suchten das Kommando, bei dem sie sich zu melden hätten. Sie staunten nicht, sie wunderten sich nicht. Scheinbar war das mächtige Erleben spurlos an ihnen vorbeigegangen. Ich sprach mit ihnen. Es war ihnen gutgegangen in Rußland. Wozu sie heimgekehrt seien? – Weil man doch einmal zu Hause sein wolle. Wissen sie, in welches Haus sie heimgekehrt sind? Als sie auszogen, war die Zeit noch groß, da sie zurückkamen, ist sie neu. Aber jene haben wir so lang enden lassen, daß wir diese nicht alt werden lassen. Und so sind sie, die beiden Heimkehrer, heimgekehrt in einer Zeit, deren Neuheit darin besteht, daß sie mit Neuerungen mißlungener Experimente verunstaltet, heimgekehrt in eine Stadt, deren Straßenpflaster die Ehre haben, auf dem ebensogut Blut fließt wie auf den Feldern desselben Namens, heimgekehrt in ein Land, das nicht weiß, was anzufangen, weil es überall aufhört, heimgekehrt zu Menschen, die »Genosse« einander sagen und den Revolver in der Hosentasche tragen. Wozu sind diese beiden heimgekehrt? Sie wissen es ebensowenig wie den Grund, weshalb sie ausgezogen sind. –

Josephus

Der Neue Tag, 22.6.1919

Eine Kaffeehausterrasse und noch eine

An einem schönen Sommerabend hat ein Ringstraßencafé nächst der Oper zwei Terrassen:

In der ersten sitzen erwachsene Kriegsgewinner und schlürfen Eis und spielen Buki oder Tarock. Das ist die legale, anerkannte gesetzlich geschützte Terrasse. Eine Terrasse mit gesellschaftsfähigen und bügelfaltengezierten Besuchern.

Vor dieser Terrasse eine etwas elementarere, improvisierte: deren Besucher ohne Bügelfalten, noch nicht erwachsene Kriegsgewinner, sitzen nicht auf Korbstühlen, sondern teils auf dem Pflaster, teils auf dem sehr schwindsüchtigen Rasen im Schatten eines Ringstraßenbaumes.

Und spielen Tarock.

Es sind Kolporteure der öffentlichen Meinung, und es scheint mir notwendig, diese auf das Vergnügen ihrer Verkäufer aufmerksam machen zu müssen.

Denn die Öffentlichkeit flaniert achtlos an den zigarettenrauchenden tarockierenden Knaben vorbei, und nur, wenn sie im Auto sitzt, läßt sie ein Hupensignal vernehmen oder weicht dem spielenden Rudel halbwüchsiger Kolporteure aus. Man darf die Kleinen in ihrem Vergnügen nicht stören. Es ist ja sozusagen das Jahrhundert des Kindes.

Ein Wachmann steht in der Nähe und wartet aus Berufsgründen auf eine Gelegenheit, einschreiten zu können. Da heute ausnahmsweise nicht eine einzige Kriegswitwe einen Demonstrationszug über den Ring veranstaltet, läßt der Wachmann die Kriegswaisen ungeschoren. Vielleicht auch, weil er meint, das sei der Anfang der angekündigten Schulreformen: Um den Tüchtigen unter den Knaben freie Bahn zu schaffen, läßt man sie vorläufig, in den Ferien, die Fahrbahn der Ringstraße besetzen. Der Aufstieg der Begabten beginnt damit, daß diese vorderhand auf dem Pflaster sitzen bleiben. Wer die Partie gewinnt, hat seine Begabung erwiesen und darf aufsteigen.

Wie soll man das nennen? Im Zentrum einer Kulturstadt, auf der Straße tarockierende Knaben: eine »Kulturschande«?

Nun: Schande hätten wir seit eh und je genug gehabt!

Aber – das erstere?…

Josephus

Der Neue Tag, 10.8.1919

IN UND AUSSER DIENST

Das war schon in der Monarchie ein Unterschied:

Im Dienst konnte man z. B. ein Auge zudrücken. Außer Dienst durfte man sogar beide offenhalten.

Im Dienst sagte man: Sie und Schweinehund. Außer Dienst war man selbst einer und per du.

In der Republik gibt es auch: in und außer Dienst. Sowohl punkto: Schweinehund als auch punkto: Auge zudrücken. Böse Zungen sagen, in der Republik würde man sogar beide Augen zudrücken. Aber sicher ist nur, daß wenige beide offenhalten …

Dennoch hielt ein Arbeiterrat auf der Westbahn beide Augen, während er die Reisenden revidierte, offen, und zwar in dem Übermaß, daß ein anderer Arbeiterrat, der außer Dienst war und im Vertrauen auf seinen Titel Butter hereinbringen wollte, von dem ersteren angehalten wurde. Zwischen beiden entspann sich folgender Dialog:

»Sö, dös geht net.«

»Oba, was willst?«

»Nix du, jetz’n bin i im Dienst.«

»Wannst mir d’Butter wegnimmst, kriagst deine fünf Kilo bei der Mutter net mehr!«

»Na, dann geh zua!«

Es hatte sich herausgestellt, daß der schmuggelnde Arbeiter eine Greißlerin zur Mutter hatte, die dem revidierenden Arbeiterrat fünf Kilo Butter in regelmäßigen Zeiträumen so hintenherum abzugeben pflegte. Ein böser Zufall fügte es, daß just dieser Arbeiterrat jene Butter konfiszieren sollte, die ihm selbst hätte zugute kommen sollen. Seine eigene Strenge strafte ihn. Sein Ich in Dienst nahm Stellung gegen sein Ich außer Dienst. Der tragische Konflikt war gegeben. Die Katastrophe unterblieb, weil der Anlass aus Butter bestand. Denn mit der Butter ist das so eine heikle Sache: Man darf sie nicht im Rucksack führen, man muß sie aber doch haben – außer Dienst. Man soll sie konfiszieren – im Dienst. Man darf sie nicht fünfkiloweis bei einer Greißlerin beziehen. Man soll sie ihrem Sohn aber wegnehmen. Denn dieser führte sie im Rucksack. Sie wäre ihm wirklich abgenommen worden, wenn jener sie nicht – am Kopf gehabt hätte. –

Josephus

Der Neue Tag, 17.8.1919

SEIFENBLASEN

Ich habe Kinder gesehen, die Seifenblasen aufsteigen ließen.

Nicht im Jahre neunzehnhundertunddreizehn, sondern gestern.

Es waren richtige Seifenblasen. Ein Fläschchen voll Seifenschaum, ein Strohhalm, zwei Kinder und eine stille Gasse im Sonnenglanze eines Sommervormittags. Die Seifenblasen waren große, wunderschöne, regenbogenfarbige Kugeln und schwammen leicht und sanft durch die blaue Luft. Kein Zweifel: Es waren richtige Seifenblasen. Nicht aus den Tümpeln der Kriegsleitartikel, der Vaterlandspartei, der Pressequartiere aufgestiegene Seifenblasen patriotischer Phraseologie, sondern wunderschöne, regenbogenfarbige Seifenblasen.

Ich denke an die vielen Seifenblasen, die wir platzen sahen, während der ganzen langen Zeit, da Kartensystem und Kettenhandel sich der Seife bemächtigt hatten und die Fabrikation der Seifenblasen aus den Mündern der Kinder in die Mäuler der Siegfriedler und Politiker übergegangen war. Da die Seifenblase des ukrainischen Brotfriedens, die Seifenblase von Brest-Litowsk, vom »verjüngten Österreich« und schließlich die vierzehn großen Seifenblasen Wilsons, die in Versailles an Clemenceau anstießen und zerplatzten. Wir hatten inzwischen die gnädige Erlaubnis erhalten, uns an jene Strohhalme zu klammern, mittels derer die Seifenblasen hergestellt wurden. Oh, es war eine traurige Zeit!

Ich weiß, es werden immer noch Seifenblasen dieser Zeit aufsteigen. Seifenblasen der Weltrevolution, der Proletarierdiktaturen. Aber seitdem ich die echten, die wunderschönen regenbogenfarbigen Seifenblasen gesehen habe, blicke ich spöttisch und überlegen auf jene. Denn die Zeit ist wieder gekommen, da aus Kulturbedürfnissen Kinderspielzeuge werden. Die logische Konsequenz, die daraus zu ziehen ist: daß sich die Politiker nicht mehr mit Kulturbedürfnissen befassen sollen. Vielmehr mit dem Dreschen der Strohhalme, die nötig sind, damit Kinder Seifenblasen erzeugen.

Nicht Politiker.

Es wird eingestiegen

In die Züge nämlich. In die Züge der Südbahn, wenn zufällig kein Streik ist. Und zwar wird durch die Wartesäle eingestiegen. In welche Züge? In die Züge Nummer 31 und 35.

In der Südbahnhalle prangt die schöne Stilblüte: »In die Züge 31 und 35 wird durch die Wartesäle eingestiegen.« Man kann gerade nicht behaupten, daß diese Tafel an Deutlichkeit etwas zu wünschen übrig ließe. Wann und wohin die Züge 31 und 35 abgehen? Natürlich, wann und wohin sie wollen. Hauptsache ist: das Durch-die-Wartesäle-Eingestiegen-werden.

Wie prächtig sich doch die deutsche Grammatik auf Wiener Verhältnisse anwenden läßt! Wo erscheint die leidende Form mehr angebracht als in der Südbahnhalle? In Wien streikt man nicht. Es wird gestreikt. In Wien verkehrt man nicht. Es wird verkehrt. In Wien fährt man nicht. Es wird gefahren. Hier steigt man nicht ein. Das ist eine physische Unmöglichkeit. Es wird in der Menge Tausender Passagiere eingekeilt, erstickt, erdrückt, geohnmachtet, gewartet: schließlich aufgemacht, geschoben, getragen, gehoben; und zum Schluß eingestiegen. In Anbetracht des betrübenden Umstandes, daß es nur wenigen gelingt, alle die leidenden Formen der deutschösterreichischen Grammatik bis zur letzten, das heißt: eingestiegen werden, durchzuhalten, schlage ich folgende Tafel vor:

»Vor dem Eingestiegen-werden in die Züge 31, 35 wird durch die Wartesäle des Südbahnhofes gestorben.«

Josephus

Der Neue Tag, 10.9.1919

KONSERVATIV

Knapp bevor man in die Lazarettgasse von der Spitalgasse einbiegt, befindet sich eine Haltestelle des 5er-Wagens. Ungefähr zehn Schritte weiter, ihr gegenüberliegend, in der Lazarettgasse eine Haltestelle des 15er, der durch die Lazarettgasse fährt. Hier mündet die 15er-Linie in die 5er ein, denn beide haben ein gemeinsames Ziel.

Die Tücke des Objekts: Spängler fügte es, daß, wenn ich an der Haltestelle des 15er-Wagens wartete, der 5er-Wagen zuerst kam. Wartete ich auf diesen, dann kam bestimmt der 15er. Ich beschloß, mich zu rächen, und ging zu Fuß. Dann kamen beide Wagen gleichzeitig.

Seit einiger Zeit ist statt der Haltestelle in der Spitalgasse eine Leinwand zu sehen, auf der mit riesengroßen Buchstaben angekündigt steht: Haltestelle verschoben! Man kann also an einer Haltestelle beide Wagen erwarten. Spängler hat die Tücke ausgeschaltet, indem er die Objekte zusammenrückte.

Nun blieb aber noch die Tücke jenes Subjekts, das in Wien wegen Kohlenmangels vor die Elektrische gespannt ist: die Tücke des Amtsschimmels. Besagtes Subjekt bleibt natürlich dort stehen, wo die Leinwand in riesengroßen Lettern verkündet: Haltestelle verschoben!

Tiefer Sinn aller Wiener Reformen wird hier offenbar: In eine knappe Definition gefaßt, heißt er: Verschoben ist nicht aufgehoben! Dagegen: Aufgehoben ist aufgeschoben!

Die Haltestelle wurde verschoben. Also bleibt der Wagen stehen. Denn die Haltestelle ist nicht aufgehoben. Aufgeschoben ist dagegen die Aussicht, beide Wagen an einer Haltestelle zu erwarten. Nicht aufgehoben ist die Möglichkeit, daß beide zugleich kommen und man infolgedessen zu Fuß geht. Also was ist eigentlich wirklich aufgehoben? Die Aussicht auf einen Erfolg verschobener Reformen! …

Der Schuß um Mitternacht

Ehe ich in die Custozzagasse einbog, ertönte ein Schuß. Es hatte zwölf Uhr geschlagen, und ein Schuß, der der Mitternachtsglokke sozusagen auf dem Klöppel folgt, wirkt in der Custozzagasse nicht aufmunternd. Ich gestehe meine Feigheit. Ich blieb stehen und suchte nach jenem, was man nie findet: einem Wachmann.

Ich wartete eine Viertelstunde. Als es ein Viertel schlug und ich berechnet hatte, daß derjenige, den der Schuß getroffen, schon längst tot sein und jener, der ihn abgegeben hatte, verschwunden sein mußte, entschloß ich mich, in die Custozzagasse einen Blick zu werfen. Ein Blick konnte nicht schaden. Ein Blick kann nicht getroffen werden.

Also warf ich einen Blick. Er fiel auf zwei patroullierende Stadtschutzleute. Ich war getröstet: Nun ist alles in Ordnung. Der Schwerverletzte in ärztlicher Obhut, der Attentäter in Gewahrsam. Oh, unsere brave Stadtschutzwache! Ich beschloß, die beiden Wackeren zu befragen und ihnen nach Feststellung des Tatbestandes die Hand zu drücken. Also fragte ich: wie, wo, woher?

Darauf zog der eine einen Revolver und sagte: Tadellos: Dös is a neicher italiänischer! Mir ham ihn scho ausprobiert!

Und der zweite sagte: Der geht guat!

Worauf ich ging und über den Wandel der Zeiten nachdachte: Nachtwächter, die lärmen; die Landstraße als Scheibenschießplatz; das Auge des Gesetzes, das zielt, statt zu wachen; ein neugegründeter Sicherheitskörper, der andere Körper in Unsicherheit bringt; italienische Revolver als Beute der Schlacht bei Custozzagasse; und manches andere dachte ich.

Von meiner Angst bei nächtlichen Revolverschüssen bin ich geheilt. Ich denke mir: A neicher italiänischer!

Josephus

Der Neue Tag, 12.9.1919

DIE FOLGEN

Ein Kellner trug eine Tasse Tee über die Straße. Ein dreimal gewendet aussehender, herabgekommener Fixbesoldeter kam dem Frühstück in den Weg und war so überrascht von dem lang entbehrten Anblick, daß er, offenbar aus dem Wunsche heraus, von der Teetasse getrunken zu werden, an diese anstieß und sie dem Kellner aus der Hand schlug, so daß sie aufs Pflaster fiel und klirrend zerschellte. Darob Streit zwischen dem Kellner und dem Fixbesoldeten. Der Kellner behauptete, der dreimal gewendete Herr müsse zahlen. Dieser, daß eine über die Straße lustwandelnde Teetasse öffentliches Ärgernis errege, insbesondere, wenn die Gefahr besteht, daß ein Fixbesoldeter ihr begegnen könnte. Unter den Wienern, die zur Stunde, da dies geschah, sozusagen zur Arbeit eilten, bildeten sich zwei Gruppen, die den Fall der Teetasse lebhaft diskutierten. Die einen schrien, der Herr müsse das ruinierte Frühstück bezahlen. Die anderen hielten dawider, daß einem ruinierten Herrn viel eher ein Frühstück bezahlt werden müßte. Der Streit tobte mit unausgesetzter Heftigkeit etwa fünf Minuten. Plötzlich fiel das Wort »Tepp, blöda« mit dumpfem Knall in das Tosen des Streits. Der also Getroffene wich nicht, sondern erhob die Rechte, wog sich ein paarmal hin und her und schleuderte schließlich ein kräftiges »Rotzbua!« zurück. Unter den Wienern, die zu jener Stunde sozusagen zur Arbeit eilten, bildeten sich zwei Gruppen: die eine für den Teppen, die andere für den Rotzbua. Der Fall komplizierte sich zu einem gordischen Knoten. Da kam seltsamerweise ein Wachmann und erklärte beide Schützen für verhaftet. Die Teetasse, deren Scherben noch auf dem Pflaster lagen, hieß er zurückbleiben. Der Fixbesoldete und der Kellner waren verschwunden. Verhaftet wurden zwei Wiener, die sozusagen zur Arbeit geeilt waren.

Denn so ist der Lauf jedes Wiener Geschehens: Die Ursachen verschwinden, und die Folgen ziehen sich in die Länge. Scherben hinterläßt jedes Ereignis. Einer zerschlug eine Tasse, und der andere wollte sie bezahlt bekommen. Zwischen beiden entspann sich ein Streit. Aber die Logik der Wiener Lokalchronik fügt es, daß zwei andere verhaftet werden. Die Folge der Existenz eines Fixangestellten und einer Teetasse war ihr Fall, die Folge des Falles ein Rechtsstreit, die Folge des Rechtsstreits das Verschwinden seiner Urheber, und da diese nicht mehr waren – mußten natürlich zwei andere streiten. Überflüssig war nur der Wachmann. Aber sollte er etwa dort erscheinen, wo er notwendig ist? …

Nein!

Denn ein Wachmann ist, wie schon sein Titel besagt, ein Mann, der bewachen soll. Nun wäre z. B. das Friedrichspalais an der Albrechtsrampe zu bewachen. Es enthält zahlreiche wertvolle Gemälde und andere Kostbarkeiten. Und solange die Monarchie war und der Erzherzog Friedrich, machte der Wachmann seinem Titel Ehre und stand vor dem Friedrichspalais. Ich dachte, das wäre eine Ehrenwache. Denn der Wachmann vor dem Friedrichspalais schien mir noch – sagen wir: wachmännischer – als seine Kollegen. Seine weißen Handschuhe hauchten Festlichkeit. Seine Metallknöpfe glänzten Würde. Seine Haltung war die eines Kandelabers. Er war gewiß eine Ehrenwache.

Aber einmal war der Erzherzog Friedrich weg, und der Wachmann stand dennoch vor dem Palais. Aha! Dachte ich, er bewacht also doch die Schätze!

Seit der Einführung der Republik ist der Wachmann verschwunden. Zwar sind ja wertvolle Gemälde und Kostbarkeiten geblieben. Aber Friedrich ist fort!

Der Wachmann war doch eine Ehrenwache. Warum war er aber auch in Friedrichs Abwesenheit auf seinem Posten gestanden? Eben nicht als Ehrenwache, sondern als Bewachungsposten. Denn solange Friedrich Erzherzog war und die Monarchie eine Monarchie, mußte man Schätze bewachen. Jetzt, denkt die Behörde, da der Erzherzog – Friedrich ist und die Monarchie Republik heißt, können sie uns gestohlen werden. Um sich republikanisch zu erweisen, schaffte sie den Ehren- und Bewachungsposten vor dem Friedrichspalais ab. Den Friedrich konnte man noch zur Not bewachen. Die Schätze nicht. Würde man diese bewachen, so würden die Leute glauben, man bewache jenen. Mit Recht: Denn wann hatte man schon in Wien etwas Wertvolleres als einen Friedrich bewacht? Doch nur, nachdem es gestohlen worden war! …

Josephus

Der Neue Tag, 28.9.1919

ZWEI

Ein Pferd war wieder einmal so unvernünftig gewesen, auf dem holprigsten Pflaster einer engen Gasse zusammenzubrechen. Es lag keuchend und schweratmend da. Sein Fell war naß vom Schweiß, und die Haare bildeten kleine, feuchte Borstenbüschel.

Rings um den gestürzten Gaul stand das »Volk«; ein Konglomerat aus Schaulust und Arbeitslosigkeit. Das Pferd schielte mit seinem großen triefenden Auge durch die obere Spalte der Scheuklappe verächtlich auf die Menge, die ihm noch seine letzte Stunde verbitterte. Das Volk hatte so etwas wie eine Vision vom Tode: »Dös halt’s nimmer aus!«; »A Stund’ no!«; »Recht hat er!« Ein Philosoph sagte: »Das Gescheiteste, was a Vieh heutzutag’ machen kann, bei die Futterpreise!« In den Mienen der Leute glänzte Bewunderung für das Pferd, das die Weisheit besaß zu krepieren. Ein hagerer Mensch in einem schwindsüchtigen Rock, dessen Hals innerhalb der Grenzen eines blaukarierten Kragens ratlos herumirrte wie ein Federstiel in einem weiten, leeren Tintenfaß, bekam allmählich die Physiognomie des personifizierten Neides. Er machte unbewußt die Todeszukkungen des Pferdes mit und schien jeden Augenblick sich auf das Pflaster hinlegen zu wollen. Die Augen der umstehenden bekamen alle denselben gläsernen Schimmer. Es war schließlich nur ein Augenpaar. Die Augen des Volkes, eines Konglomerats aus Schaulust und Arbeitslosigkeit, aus Hunger und Neid. Die Augen schillerten böse: Der hat’s überstanden. Warum sind wir keine Gäule?

Als das Pferd schließlich seinen letzten Atemzug getan hatte, zerstreute sich die Menge, traurig, unsagbar traurig. Nicht über den Tod des Tieres, sondern über ihren eigenen Fortbestand.

Als ich in die nächste Gasse einbog, sah ich ein vor einem Rinnstein zusammengebrochenes Wesen. Sein Gesicht hatte die Züge des Pferdes, das ich soeben sterben gesehen. Aber es war zufällig ein Mensch. Auch »bei die Futterpreise!« im Sterben begriffen. Ringsum war kein Atom von »Volk« zu sehen. Nur ein Hund, der sich mehr zum Rinnstein hingezogen fühlte, schnupperte an dem Knochenhäuflein herum. Ein Mensch war zusammengestürzt. Kein Pferd kümmerte sich um ihn.

Denn die Pferde sind weise und sterben mitten auf dem holprigen Pflaster. Ein Mensch sucht sich eine stille Straßenecke. Mit Recht: Denn wenn er selbst mitten auf dem Ring stürbe, kein »Volk« würde ihn beneiden. Daß ein Pferd stirbt, selbst »bei die Futterpreise«, ist immer noch eine Sehnswürdigkeit. Aber daß ein Mensch stirbt, ist »bei die Futterpreise« schon selbstverständlich.

Papier

Das ist die Materie, die allgegenwärtig und unüberwindbar den Leitartikel wie eine Fahne über dem Jammer unserer Gegenwart schwingt. Letzter Zweck allen Geschehens ist: auf Papier mitgeteilt zu werden. So gewinnt die Mitteilung die Herrschaft über die Geschichte. Die Mitteilung macht Geschichte.

Der Krieg zeitigte eine besondere Erscheinungsform der Mitteilung: die außerordentliche Mitteilung, im Jargon der großen Zeit »Extra-Ausgabe« genannt. Die »Extra-Ausgabe« bewirkte eine Zeitlang Ereignisse, indem sie sie mitteilte. Dann aber wuchsen die Ereignisse der »Extra-Ausgabe« über den Kopf. Denn eine höhere Macht, das Pressequartier, schuf die Ereignisse, d. h. den Heeresbericht. Und diesen brachte die Extra-Ausgabe, keine außerordentliche mehr, sondern eine ordentliche Mitteilung.

Dennoch konnten sich die Leute der Macht des Papiers nicht entziehen. Der Ruf »Extra-Ausgabe!« betäubte den Zweifel. Der Glaube an das Papier blieb aufrecht bis zum Zusammenbruch des Pressequartiers und dem ganz unvorhergesehenen Kopfsprung der Geschichte, der es plötzlich eingefallen war, ein Ereignis ohne vorherige Fühlungnahme mit dem Pressequartier zu zeitigen.

Nun bleibt die Extra-Ausgabe aus. Ich hielt sie für tot, erledigt, aber vorgestern sprang sie wieder, munter und lebendig, mitten im Grabenkorso aus dem Munde eines Kolporteurs unter die Leute. Sie hatte wieder Geschichte gemacht. Sie meldete die Ermordung des Königs von Italien. Und die Leute rissen sich um die Mitteilung. Sie kostete achtzig Heller. Aber der Ruf betäubte den Zweifel. Das Papier, das fünf Jahre lang die Menschen belogen und betrogen, hat seine Macht nicht eingebüßt. Siegreich aus dem Schutt der Vernichtung erhebt sich das Papier auf dem Schwingen der Extra-Ausgabe.

Josephus

Der Neue Tag, 6.10.1919

DIVERGENZEN

Ohne die Uhr am Stephansplatz wäre ich kein Schriftsteller. Die Stephansturmuhr ist eines meiner unumgänglich notwendigen Schriftstellerrequisiten. Wenn ich schon gar keinen Stoff habe, so gehe ich zu meiner Stephansturmuhr. Sie hat immer irgendeine Liebenswürdigkeit für mich parat in ihrem Uhrgehäuse. Ich besuche sie regelmäßig, ungefähr wie man eine alte Tante besucht, von der man weiß, daß es nicht ganz richtig mit ihr ist, daß sie aber dennoch irgendwelche Leckerbissen im Schrankfach hat.

Es ist immer irgendwas kaputt an der Stephansuhr. Sehr oft steht sie, manchmal geht sie falsch, fast immer zurück, als sehne sie sich nach vergangenen, guten alten Zeiten. Seit einigen Wochen hat sie eine gar wunderliche Laune: Ihre linke Gesichtshälfte, dort, wo die Ziffern immer so wunderbar springen, kümmert sich einen Schmarrn um die rechte, auf der das Ziffernblatt mit den Zeigern angebracht ist. Künden die Zeiger rechts halb zehn, so sagen die Ziffern links dreiviertel neun. Ich glaube, die gute Tante Stephansuhr weiß ganz gut, was sie will. Als ein Wiener Symbol fühlt sie die Verpflichtung, ein Wiener Symptom zu werden. Sie kündet nicht die Zeiten der Stunde, sondern gleich die der ganzen Zeit. Sie spielt Verordnung und Erfolglosigkeit, Erlaß und Widerruf, Nachricht und Dementi. Sie sagt: Nur nicht alles gleich ernst nehmen in Wien! Es kommt immer ganz anders …

Josephus

Der Neue Tag, 8.11.1919

VERWIRRUNG

Der Gasautomat ist ein bescheidenes Möbelstück. Er birgt sich im Vorzimmer, hinter der Tür, schwarzlackiert und unscheinbar und nur mit einem Messingstreifen als schüchterner Verzierung an der Stirn.

Der Gasautomat hat einen Mund. Eine schmale Ritze. Mit diesem Werkzeug pflegte der Automat Sechserln aus Nickel oder Eisen zu verschlingen. Die Köchin machte sich immer im Dunkel des Vorzimmers zu schaffen. Sie suchte den Mund des Gasautomaten. Es war ein zärtliches Verhältnis zwischen der Köchin und dem Gasautomaten.

Wenn der Automat hungrig war, verdunkelte sich plötzlich das Zimmer. Die Gaslampe begann grünlich-gelb zu schimmern wie einer, dem es schlecht wird. Das feinkarierte Netz im Zylinder wurde mit allen Fäserchen sichtbar wie die Kulisse in der Oper, wenn Gretchens Bild am Spinnrad dahinter erscheint. Die Gesichter der Menschen waren wie von einem überirdischen, seltsam mystisch-grünen Scheinwerfer übertüncht. Selbst der Kanarienvogel zwischen dem Rhododendron und der Fensternische begann angsterfüllt zu zwitschern, schlug mit den Flügeln und machte einen Wind. Es war ganz wie bei der Sonnenfinsternis.

Die Damen begannen in den Täschchen zu kramen, die Herren steckten sämtliche greifbaren Daumen und Zeigefinger in die Westentaschen. Irgendwo erschien auf dem Tische ein Sechserl. Die Tochter des Hauses verschwand im Dunkel des Vorzimmers. Ein klapperndes Geräusch zeigte die Vollendung ihres Sündenfalles an. Die Köchin barst vor Eifersucht.

Alles das hat sich nun seit einiger Zeit geändert. Der Mangel an Sechserln veranlaßte die Direktion der städtischen Wasserwerke, die Gaspreise zu erhöhen. Man müßte nun eigentlich eine Papierkrone in den Mund des Automaten stecken. Der aber will von einer Krone nichts wissen. Er kann die Valuta nicht verdauen. Er will immer noch nur ein Sechserl, das mehr wert ist als eine Krone.

Früher pflegte ein Mann mit einem rätselhaften Schlüssel und einer großen Bierträgertasche zu kommen. Er kniete vor dem Gasautomaten und pumpte ihm den Magen leer. Alle Sechserln wanderten in die Tasche. Die Verdauung des Gasautomaten war geregelt.

Nun ist die Kasse offen. Der Gasautomat läßt sich betrügen. Es ist eine Schmach.

Man wirft ein Sechserl hinein, der Automat glaubt daran und funktioniert gewissenhaft.

Aber dann holt man unten das Sechserl wieder heraus und steckt es wieder in den Mund des Automaten.

Nach einem Monat kommt ein Mann mit einem Bleistift und einer Rechnung. Er zählt am Bauch des Automaten ab, wie oft dieser getäuscht wurde, und kassiert die Zahl der illusorischen Sechserln in Kronenwährung ein.

Ein Kubikmeter Gas kostet eine Krone, der Automat gibt ihn aber nur für ein Sechserl her. Aus Dankbarkeit entlockt man diesem immer wieder sein Geld und zahlt es dafür in Kronen einem Dritten. Ein Kubikmeter Gas kostet also in Wirklichkeit ein Sechserl, das heißt weniger als eine Krone. Eine Krone will der Automat nicht, weil ein Sechserl mehr ist als eine Krone.

Oh, welche Verwirrung! …

Josephus

Der Neue Tag, 27.11.1919

DIE HEILIGE FLAMME

Ich hatte einen riesigen Appetit auf eine Pfeife, und, was mehr ist, ich hatte eine Pfeife bei mir und in meinem Tabakbeutel gerade genug Tabak oder dergleichen, um meine Pfeife zu stopfen.

Ich stopfte sie. Aber natürlich hatte ich kein Zündholz. Ich hielt einen bepelzten Passanten an, den ich rauchen sah.

»Ich bitte um Feuer!«

Er war sogar ganz liebenswürdig, aber er sagte:

»Ja, Zündhölzeln hab’ ich keine net, ich mußte mir eh schon eine Zigaretten an der vorigen anzünden.«

Ich erkannte, daß er schob, bat ihn aber dennoch, mich meine Pfeife an seiner Zigarette anzünden zu lassen.

Er sagte: »An Ihnerer Stinkpfeifen wer’ ich mir meine Khedive verstänkern!«

Ich seufzte, leerte den Inhalt der Pfeife wieder in den Tabakbeutel und dachte: Im Büro wird der Ofen brennen.

Ich hatte so einen Appetit auf eine Pfeife. Schon auf der Treppe stopfte ich sie mir wieder. Ich dachte: Ich stecke einen Fidibus in den Büroofen –––

Aber der Ofen war nicht geheizt.

Ich fragte den Bürodiener: »Habt ihr denn kein Zündholz, um den Ofen anzuzünden?«

Er sagte: »O ja, aber kein Heizmaterial.«

Ich freute mich: »Also, bitte, geben Sie mir ein Zündholz.«

Er sagte: »Der Herr Direktor hat mir die Zündholzschachtel abverlangt, weil wir eh nicht heizen können.«

Ich stopfte meine Pfeife und ging zum Herrn Direktor hinein, bat ihn um Feuer.

Der Herr Direktor schrie mich an: »Nächstens werden Sie sich ein Hemd bei mir ausbogen wollen. Wertgegenstände wie Füllfedern und Zündhölzer borgt man nicht her.«

Traurig ging ich und entstopfte wieder meine Pfeife. In der Tür hörte ich, wie der Herr Direktor vor sich hinsagte: »Ich habe gedacht, er will einen Vorschuß haben. Aber wenn er mich so belästigt ––«

Ich dachte: »Der Kollege Pimplhuber ist immer glänzend mit Rauchmaterial versehen. Vielleicht ––«

Ich stopfte hoffnungsvoll meine Pfeife und ging zum Kollegen Pimplhuber. Er sagte: »Geh, das ist fad! Eben wollte ich zu dir kommen, ob du Feuer hast. Ich wollte dir sogar eine Trabuco dafür schenken ––«

Ich entstopfte meine Pfeife, stopfte sie aber von neuem und ging zum Kollegen Huberdimpfel. Er ist wegen seiner sozialen Anschauungen bekannt.

Der Kollege Huberdimpfel sagte: »Ich habe nur ein Zündholz, aber das will ich bürgerlich mit dir teilen.« Er brach es in genau zwei gleich große Hälften und gab mir die untere ohne den Kopf.

Ich entstopfte meine Pfeife und überlegte. Im Café Kolossal verkauft der Ober Zündhölzer, die Schachtel zu einer Krone zwanzig. Ich habe noch vier Kronen im Vermögen. Eine Krone fünfzig kostet der Tee ohne, dreißig Heller kriegt der Ober Trinkgeld ––

Ich ging ins Café Kolossal, bestellte einen Tee ohne, kaufte dem Kellner eine Schachtel Zündhölzer ab, zog mit einem Seufzer der Befriedigung Pfeife und Tabakbeutel ––

– und bemerkte, daß bei dem vielen Stopfen und Entstopfen allmählich mein bißchen Tabak verloren gegangen war.

Eine Geschichte

Das ist eine Geschichte ohne Pointe.

Denn erstens kann man nicht immer Geschichten mit Pointen erzählen, und zweitens gibt es Geschichten, die keine Pointen haben und die dennoch wert sind, erzählt zu werden, weil sie schön sind.

Beim Stiefelputzer am Stephansplatz sah ich einen Menschen stehen, einen Soldaten. Es war ein Kunde des Stiefelputzers.

Nun, das ist natürlich nichts Besonderes. Täglich hat der Stiefelputzer am Stephansplatz soundso viele Kunden. Ist das eine Geschichte?

Aber der Kunde, von dem ich jetzt erzähle, war, wie gesagt, ein Soldat, ein Invalider. Ein – Einbeiniger. Hier fängt die Geschichte an.

Und hier hört sie zugleich auf. Sie enthält nichts als die Tatsache, daß sich ein Einbeiniger seinen einen Stiefel wichsen läßt.

Wenn ich wollte, könnte ich sagen, was sich der Einbeinige dabei dachte. Etwa: Wie glücklich, daß ich mir einen Stiefel wichsen lassen kann. Es soll Leute geben, die das überhaupt nicht können, weil sie – nicht einmal einbeinig sind.

Aber ich sage nichts.

Denn diese Geschichte trägt die Pointe schon in sich. Sie ist wie eine Nadel, die nur aus einer Nadelspitze besteht.

Die Geschichte ist ihre eigene Pointe.

Josephus

Der Neue Tag, 21.12.1919

»A JOUR«

Die Lebensmittelkarte kennt ihr doch? Es ist ein Karton mit Buchstaben und Ziffern?

Die Buchstaben haben nicht etwa didaktische Zwecke, sondern werden bei verschiedenen Gelegenheiten mit der Schere ausgeschnitten.

Zum Beispiel: Wenn man städtische Marmelade oder andere Lebensmittel ausgibt.

Die Wiener Lebensmittelkarte erkennt man nicht nur daran, daß sie den Aufdruck »Wien« in der Mitte trägt, sondern – an ihren Löchern.

Diese Löcher entstehen, wenn man Buchstaben ausschneidet.

Und aus den Wiener Lebensmittelkarten werden die Buchstaben in einer ganz merkwürdigen Reihenfolge geschnitten.

Man hat z. B. soeben eine ganz neue Lebensmittelkarte »gefaßt«. Die hat noch alle Buchstaben und kein einziges Loch. Aber da wird städtische Marmelade angekündigt. Und zwar »gegen Abgabe des Buchstabens: M«.

Der Buchstabe M ist in der Mitte.

Und nächstens wird ein anderes »städtisches« Lebensmittel ausgegeben. Und zwar »gegen Abgabe des Buchstabens: R«.

Ausgerechnet.

Man beginnt immer in der Mitte. Den Leitspruch des Wiener Magistrats: In medias res.

So eine Lebensmittelkarte muß man sich dann anschauen. Brüssler Spitzen sind nichts gegen diese Ajourmuster.

Ich wollte nämlich nur sagen, wie man Wiener Lebensmittelkarten agnosziert.

Josephus

Der Neue Tag, 14.3.1920

DER BLINDE SPIEGEL

I

Die kleine Fini saß auf einer Bank im Prater und hüllte sich in die gute, bergende Wärme des Apriltages. Einer süßen, niegekannten, fremden Ohnmacht gab sie sich willig hin wie einer Melodie. Das Blut hämmerte schwer und schnell gegen die dünne Haut der Pulse und Schläfen. Das blasse Grün der Bäume und Wiesen breitete sich aus über Kinderwagen, Steinen und Bänken. Alles Sichtbare floß ineinander, als blickte man aus einem sehr schnellen Zug in eine sehr grünende Welt. Es dauerte einen ewigen Augenblick. Dann gewannen Menschen und Gegenstände der Umgebung ihre Konturen wieder, eigene Gestalt und eigenes Leben, Gang und Haltung, besonderes Merkmal und vertrautes Gesicht. Aber die Ohnmacht schwang noch nach, singend im Blut, mit ihm kreisend, füllte sie die Adern, den ganzen Körper wie ein Choral eine Kirche. Die Leere sang, schwer waren die Glieder, aber leicht und schwebend das Leben, Flügel bekam das Herz wie in der Stunde besiegten Sterbens. Fernab flatterten schwarze Ängste nieder, kein Dunkel drohte mehr, es wartete keine Gewalt, keine Furcht zuckte auf am weiten, glücklichen Horizont eines wunderbaren Tags. Fini konnte das langsame Pochen ihres Herzens hören, tröstend war diese unmittelbare Nähe des eigenen warmen Lebens, zum erstenmal und überraschend waren sie und ihr Herz merkbar allein, und sein Pochen wie eine langsam tropfende, tröstliche Antwort auf angstvoll verschwiegene Fragen. Die Brust war leicht wie kurz nach einer ausgeschütteten Qual, und sorglich gebettet in eine beglückende Wehmut – als würde man weinen, als löste sich eine schmerzlich gekrampfte Fessel nach langen Jahren – endlich, endlich.

Fini, die Kleine, erhob sich und streckte die Arme, jung, wie ein junger Vogel zu fliegen versucht, und als sie den ersten Schritt machte, kamen die Gedanken wieder. In rätselhafter Nähe hatten sie gelauert, wie Fliegenschwärme kamen sie; die kleinen Ängste, die flinken, schwarzen Sorgen, die häßlich huschenden Nöte, die Drohungen des Morgen und Übermorgen, die grausamen Bilder grausamer Tage, und die Furcht wölbte sich wie ein niederes Joch über zitterndem Nacken. Verrauscht war die süße Musik der Ohnmacht, der gute, schläfrige Sang des Vergessens, verblaßt alle leuchtende Weite des sorglosen Nichts und ausgekühlt die bergende Wärme des lauen Tags. Fini fror im Aprilabend, als sie aufstand, um die Briefe auszutragen an die Firma Mendel & Co., an das Landesgericht I und II, an den Nebenkläger Wolff & Söhne, die fremden Briefe in dem grüngefaßten Buch, die fremden Briefe in die fremden Vorzimmer, die leichte, die schmerzende Last, die man austrug, um das Porto zu verdienen, von vier Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends.

Durch die großen Straßen ging sie, verloren und gering, und merkte erst in einem Hausflur, daß der Brief an das Landgericht I nicht mehr da war, der wichtige Brief, in der lockeren Reihe flüchtiger Unterschriften fehlte eine, war eine Zeile leer und rundete sich, sah man lange darauf, zu einem furchtbar glotzenden Loch, einem hohlen, weißen Auge. Ein großes Zittern befiel das kleine, frierende Mädchen, und die Kälte wuchs, die man kaum mehr ertrug, mitten im lauen Aprilabend – man fühlte ihn, und er wärmte nicht. Fini wollte die Wärme herabziehn und sie um die dünnen Schultern legen. Wie der Abend die Stadt einhüllte, so sollte er sie auch schützen, die verloren war in der unermeßlichen Straße.

Ach! wenn man so dünn und gering ist, tut es gut, sich irgendwo bergen zu können, in der lärmenden Wüste der Stadt. Drohend wölbt sich das eiserne Leben über unsern kleinen Köpfen, und wir sind machtlos und verloren, preisgegeben dem bellenden Hund und dem blinkenden Polizisten, dem gierigen Auge des Mannes und dem keifenden Ruf des kriegsbereiten Weibes, dem wir besinnungslos in den Weg treten, jeder Macht, die auf den Plätzen lebt und an den Ecken lauert. Jetzt müßte man ein Haus wissen, in das man gehen dürfte, ein schützendes Haus mit reichem Portal, das uns mütterlich empfängt und speist und tröstet und die große Furcht aus unsern Herzen treibt wie der mächtige Portier die unbefugten Eindringlinge; jetzt, da man die Unbarmherzigkeit des Draußen gefühlt hatte, täte ein großes, bergendes Haus so wohl. Keine Sorge wäre drin um den verlorenen Brief und das bange erwartete Morgen.

Als der weißgekittelte Mann kam und eine Laterne mit langer Stange entzündete, huschte eine kleine Wärme durch das frierende Mädchen und ein armer, aber guter Trost, daß zwischen dem Heute und dem Morgen noch eine lange Nacht lag. Zwischen dem Unglück und seinen schrecklichen Folgen waren zwölf oder zehn Stunden und ein Schlaf und ein rettender Traum vielleicht und Zeit genug für ein Wunder, das einmal ja kommen muß in unserem Leben. Vielleicht, wenn kein Traum kam und das Wunder enttäuschte, ließ sich in der Früh noch mit Doktor Blum, dem Sozius, reden, der besser war, weil er jünger war, und eine Stirnlocke trug wie ein Student.

Wäre der Hausflur nicht, in den wir jeden Abend gehn müssen, der Hausflur, der schlimmer war als die Straße, in dem der Kot junger Katzen roch und die Pförtnerin lauerte, und die Treppe nicht mit dem schadhaften Geländer wie einem lückenreichen Gebiß und die vergrämte Mutter nicht mit der ewigen Neugier und dem ungläubig geschärften Ohr – wäre das alles nicht, so könnte man das Morgen Gott, dem lieben Gott, überlassen und heute noch feiern, im weichen Bett, ein Buch und Ansichtskarten auf der Decke.

II

Noch war die Mutter nicht zu Hause. – Es ist gut, wenn unsere Mütter nicht da sind, die Mütter mit den ungläubig forschenden Augen, die traurig sind und weinen müssen, strenge und fürchterlich und dennoch traurig, unsere armen Mütter, die nichts verstehen und schelten und vor denen wir lügen müssen. Wir brauchen niemandem Bericht zu erstatten, und keine Furcht ist in uns vor der Wirkung der Berichts, keine Furcht vor dem Zwang zur Lüge und keine um ihre Entdeckung. Fini entkleidete sich langsam; sie fühlte es warm und feucht an ihren Schenkeln rinnen, Blut mußte es sein, groß war ihre Sorge. Irgend etwas war mit ihr geschehen, und sie forschte in ihrem vergeßlichen Gehirn nach einer Sünde, einer vor Tagen begangenen.

Es ist schön, sich allein im Zimmer vor dem Spiegel entkleiden zu können – allein, die Tür ist versperrt, als hätte man sein eigenes Zimmer wie Tilly, die Große – und festzustellen, wie die Brüste wachsen, weiß und fest und von rosigen Kuppen gekrönt, obwohl sie noch nicht so groß und durch die Kleider deutlich sichtbar sind wie bei Tilly, die einen Freund hat und küssen darf.

Gerührt, als streichelte sie ein kleines, fremdes Tier, so tastete Fini an ihrem Körper, erfühlte den beginnenden Schwung der Hüfte und das kühl gerundete Knie und sah, wie das Blut eine schmale, rote Furche zog, das nackte Bein entlang.

Die kleinen Mädchen fürchten sich, wenn sie das rote Blut sehen und wenn sie nicht wissen, woher es kommt, und ganz allein und nackt sind, ohne die schützende Hülle des Kleides, mit einem lebendigen Spiegel eingeschlossen in einem Zimmer, rotes Blut, unbekanntes, aus unbekannten Gründen fließendes sehen, ist ihre Furcht dreimal so groß. Die Wunder haben in ihnen selbst ihre Ursache und ihr Leben, und wir erschrecken vor dieser Nähe des Rätsels, von dem wir geglaubt haben, daß es in der Weite wächst und ferne unsern Körpern. Fini hielt den Atem an und hörte plötzlich die große Leere im Zimmer, fühlte das Totsein der toten Gegenstände, sah die Lampe in einem Nebel brennen, in einem weißen Nebel, der die Form eines Angesichts annahm und behielt, eines gespenstischen Angesichts mit leuchtendem Kern. Fini hörte aus unermeßlicher Ferne wie aus einem geahnten Jenseits Stimmen der Straße und das Kreischen einer Bahn, die Melodie einer ewigen Geige und ein tröstliches Rauschen der Stille wie aus einer großen Muschel. Kühl und weich flutete die unendliche Stille, ein Ozean, der von den Füßen aufstieg und stieg – schon stand sie mit den Knien darin, und die blaue Stille deckte die Hüften ein und wuchs um das Herz beklemmend.

Ein gutes Dunkel kam und deckte sie zu. Sie sank in die Ohnmacht, in den weichen, ausgebreiteten, gastlichen Mantel aus zärtlichem Samt.

III

So fand sie die Mutter, die allzeit geschäftige, in Sorgen ergrauende, die Mutter, die von der Tour kam, aus Purkersdorf mit der Westbahn.

Den Hut, den schiefen, auf der Fahrt beschädigten, zum Einkassieren unerläßlichen, warf sie auf das Sofa. Eier zerbrachen mit kläglichem Laut in der Tasche. Schön öffnete sie den zitternden Mund zum Fluch, ein häßliches Wort krümmte die Lippe, da erschrak sie, dachte an Selbstmord und grausigen Bericht in der Zeitung und beugte sich über Fini.

Das Mädchen erwachte und sah über sich das breite Gesicht der Mutter, sah in die schmerzlichen Augen und eine unbekannte Güte darin, einen Trost und ein fremdes Erschrecken. Rasch hob sie die Mutter auf starken Armen ins weiße, breite, weiche Bett, kalte Milch brachte sie und küsste Stirn, Mund und Augen wie lange nicht mehr. Vertraut war die Berührung der mütterlichen Lippen, lang entbehrt und wie eine Wiederkehr der halbvergessenen Kindheit. »Mein gutes Kind«, sagte die Mutter und wiederholte die Worte, und ihre Stimme war verwandelt, die Stimme einer alten, einer gewesenen, zurückgekehrten Mutter. »Jetzt bist du unwohl«, sagte die Mutter und: »Nun bist du eine Frau.« Und Fini verstand, was Tilly, die Erwachsene, immer gefragt hatte: ob sie auch schon unwohl sei. Eine stille Feier entzündete sich im Innern, ein heimliches Fest, als trüge man ein weißes Kleid und würde konfirmiert.

»Bleib morgen zu Hause, geh nicht ins Büro«, sagte die Mutter. Weich und warm wie ein kleiner, lieber Wind ging ihre Stimme über Finis Gesicht. So merkwürdig verwandelt war alles; der Bruder schwieg, der sonst immer tobte, die Mutter summte leise in der Küche, und der Nachtwind spielte mit einer zart klirrenden Fensterangel im Nebenzimmer. Ruhe, weiße, war im Bett und in der Welt, die behagliche Wärme eines neugefundenen Heims, Heimat ohne Ende, Güte ohne Grenze und mit der Mutter die Gemeinsamkeit des Erwachsenseins und des Frauseins. Nicht mehr strafende Mutter war sie, sondern schwesterliche Frau.

Spät am Abend klingelte die Nachbarin noch, auf einen Plausch kam sie; leise rasselte ihr Schlüsselbund, und man hörte sie reden. Fini lauschte; die Mutter sprach mit der Frau vom Krieg; sie lasen im Abendblatt den Sieg von Sadowa und sprachen von den Männern, die lange nichts mehr schrieben. Der Duft bratender Erdäpfel wandelte durch die Zimmer; die Frauen aßen und kicherten; jetzt erzählte die Mutter von Fini, und das Kichern der alten Frau wurde unangenehm, und ihr Flüstern kam wie ein Zischen unverständlich und beunruhigend aus der Küche.

Zu schön war die Behaglichkeit des weißen, heimatlichen Bettes und zu aufregend ein mißtrauisches Lauschen. Es war besser, man legte sich gerade hin und dachte an gar nichts mehr.

Aber plötzlich überfiel Fini der Gedanke an den schrecklichen verlorenen Brief, und sie rief die Mutter herbei und erzählte es ihr, die nicht erschrak und nicht fluchte, sondern gütiger wurde und weicher, Trost und Vermittlung versprach und mit beiden Händen die Decke glättete. So verwandelt hat sich die Welt, eine Dankbarkeit strömt sie aus tausend aufgebrochenen Quellen, und aus den Tiefen verschütteter Kindheit holen wir unsere alten, kleinen, frommen Gebete hervor und weinen ein bißchen zu dem auferstandenen Gott und schlafen ein.

IV

Um acht Uhr früh schon weckte eine schrille Klingel, eine Feldpostkarte des Vaters kündigte sie an oder eine Todesnachricht; eines von beiden nur konnte es sein. Tag für Tag, Stunde um Stunde wartete man auf die Karte, auf die Todeskarte vom Regiment, und man zitterte vor dem kurzen Geschrill der Glokke, das man ersehnte, wenn es ausblieb. Fini hörte der Mutter gewöhnliches Ächzen beim Aufstehen, das Schlurfen ihrer Pantinen bis zur Tür und zurück, den Gruß des Postboten und das Rattern der hölzernen, emporgezogenen Jalousien. Es dauerte ein paar Minuten, es waren Minuten süßer, banger Ungewißheit, die wir liebhaben, die gespannten Minuten mit dem angehaltenen Atem vor den großen Überraschungen, die man immer ersehnt, und wären sie auch fürchterlich.

Aus der Küche scholl der Mutter freudiger Ausruf, herbei eilte sie ans Bett und setzte sich und meldete die Ankunft des Vaters, der schon unterwegs war, entronnen dem Tode, verletzt, und vielleicht für immer dem Hause wiedergegeben.

Mit zärtlich zittrigen Fingern zerknitterte sie die rote Karte, schon sah sie aus wie am Busen zerdrückt, und der arme Kopf vergaß das Butterbrot für Josef und die Obliegenheiten der morgendlichen Stunden. Am Bettrand saß sie mit dünn gewikkeltem Zopf und spann Träume, wollte Touren aufgeben, die vergeblichen wenigstens, und von Arnold, dem Onkel, die erträglichen und ertragssicheren abkaufen, in den Gegenden der Munitionsarbeiter, die sichere Gehälter bezogen und verläßliche Ratenzahler waren.

Eine merkwürdige Güte offenbarte das Leben, Gnaden schüttete Gott aus, er verwandelte die Mutter, die fluchende, die Rächerin und die Richterin, in die gütige, freudige Frau, fast konnte man’s nicht glauben. Oft schon waren Zweifel in Fini des Morgens gewesen, ob sie in die Wirklichkeit des Tages erwacht oder entschlummert war in die Fortsetzung des Traumes. Diesmal war alles unwahrscheinlich, die Sonne und der plinkernde Sperling am blechernen Fensterbrett, die goldige Staubsäule in der Ecke beim Ofen, die Wiederkehr des Vaters und die Ruhe im Herzen.

Die Mutter strömte den schwülen Duft ihrer Körper- und Bettwärme aus, sie roch vertraut wie warme Milch und weckte in Fini das Verlangen, die Arme um den Hals der Frau zu legen, die nachgiebige Weichheit der mütterlichen Brüste zu fühlen und glücklich zu weinen. Wäre nicht der Gedanke an den verlorenen Brief noch lebendig in seiner ganzen Furchtbarkeit – wie wäre der Morgen sorgenfrei und wunderbar –, wäre die nächste, die kommende Stunde nicht in der Kanzlei vor dem Doktor Finkelstein.

»Ich will hingehen und ihm erzählen«, sagte die Mutter. Und Fini entsann sich der Schuljahre und der mütterlichen Vermittlungen und ungeschickten Ausreden und des blamierenden Diskurses zwischen Mutter und Lehrer und entschloß sich, selbst zu gehen. Wenn Gott, der wiedergekehrte, neuerbetete, helfen wollte, so half er in allen schwierigen Dingen den kleinen Mädchen, und wie immer, wenn wir fast keinen Ausweg mehr wissen, dämmert in unsern Köpfen langsam eine Ausrede und formt sich zum wahrscheinlichen Bericht, an den wir selbst am Ende glauben. Konnte man nicht mit der Feldpostkarte hingehn und den verlorenen Brief mit Aufregung entschuldigen, die man wohl glaubte, während man eine Ohnmacht, eine gewöhnliche, belächelte? Vieles Wunderbare war seit gestern geschehn, viel mehr Wunder brachte das Heute. – Und Fini, die Kleine, ging über die Straßen, vor denen sie sich gestern so gefürchtet hatte, und war nicht mehr gering und verloren, sondern stolz und gehoben, gewachsen und reif geworden in der schwülen, regenschwangeren Luft des trüben Tags. Die Wolken hingen fallbereit. Kleiner schien die Unermeßlichkeit der Atmosphäre und näher der Welt; verlangend lag der Himmel über der Erde, bereit, sie zu umarmen und zu befruchten.

V

Die Wunder hörten nicht auf, die Güte Gottes gebar sich immer neu. Ein Mann kam, eine Viertelstunde vor dem Doktor Finkelstein, und brachte den Brief, den verlorenen, in die Kanzlei. Fini gab ihm ihr letztes Straßenbahngeld. Sie sah den Mann genau an und behielt sein Gesicht, seine Kleidung, seinen Schnurrbart treu im Gedächtnis. Jahrelang später wußte sie, daß ihm Haarbüschel, graue, aus den Ohren wuchsen. Allerdings kam der Sozius Blum in dem Augenblick herein, als der Mann fortging, groß, stark, duftend und strahlend, ein Gott der Frauen. Behutsam und väterlich faßte er Finis Arm, Milde und Verzeihung schwangen in seiner Stimme, als er zur Vorsicht für alle künftigen Fälle mahnte. Dabei spürte sie den sanften Druck seiner Finger am Oberarm, sie blickte zu ihm auf und sah seine sorgfältig verworrene Locke über dem linken Auge und seinen lächelnden Mund.

Später floß das Wunderbare über in die gewöhnliche Lauheit ärgerlichen Tages. Fini saß vor dem braunen Telephonapparat mit den verwirrenden Stöpseln und verworrenen Bändern, den grüngetupften, den rotgestreiften, den blauen und unbesetzten Löchern, vor denen die rätselhaften Klappen aus rätselhaften Gründen plötzlich abfielen mit leisem Schlag wie verwelkte, harte Augenlider. Das Telephon schrillte, die helle Fanfarenstimme einer Frau verlangte den Doktor Blum; ein Stöpsel flog in ein beliebiges Loch, und Fini wartete auf den Erfolg. Schon ahnte sie gleichzeitig, daß es eine falsche Verbindung war, und sie wartete furchtsam wie in der Schule, wenn sie auf der Tafel eine Rechnung falsch gelöst hatte und hinter dem Rücken das peinliche Schweigen der Klasse fühlte und den triumphierenden Atem der Lehrerin auf der Schulter. Wie konnte man auch an diesem stöpselreichen Apparat den richtigen finden, wenn ein Wunder nicht zur Hilfe kam?

Ach, es kam nicht, sondern der Doktor Finkelstein. Gefräßig, mit einer Aktenmappe stürzte er, der ewig gefräßige, immer sturzbereite, streitbare, mit starken Brillengläsern funkelnde, herein; denn bei ihm hatte es geläutet und nicht beim Sozius, bei ihm hatte die Exzellenz Helena nichts zu suchen – »nichts zu suchen, sage ich« –, die Schlange, die sie beide noch ruinieren würde. »Ich mache keine Strafprozesse, das müßten Sie wissen, zehn Jahre sitzen Sie hier!« Lärm kündigte ihn an, den Doktor Finkelstein, in einer Wolke von Lärm lebte er, und er begann zu diktieren. »Lassen Sie den Apparat, den Sie doch nie verstehen werden, und setzen Sie sich an die Maschine!« Und leise vor sich hin wiederholte er: »Zehn Jahre sitzt sie schon hier« – bis plötzlich ein Blick zu Fini hinüberflog und ihr Gesicht streifte und eine dunkle Erinnerung an die Erzählung des Doktor Blum von einer neuen, jungen Hilfskraft weckte.

Wie flatterte das Herz, wenn er diktierte, die großen, fremden, nie gehörten Worte sprudelten, Sturzbäche erstaunlicher Satzgefüge, prachtvoll exotische Klänge, lateinische Namen, Sätze, labyrinthisch gebaute, mit kunstvoll verborgenen Prädikaten, die manchmal unerklärlich verlorengingen. Während Fini stenographierte, überhörte sie ein Wort, mißverstand einen Namen, und der Bleistift mühsam unter den Druck des Zeigefingers gezwungen, begann zu flattern, wild auf raschelndem Papier, der Klang eines gehörten Wortes zeugte ein ähnliches im Bewußtsein, drohend erhob sich am Ende des Diktats die unerläßliche Vorlesung des Stenogramms, und daran mußte Fini denken, während sie schrieb. An die nächste halbe Stunde, in der es sich erweisen sollte, wie kläglich das Diktat ausgefallen war, an die mißlungenen Sätze mit den verstümmelten Namen, die weggelassenen Paragraphen und verschobenen Prädikate. Es war, als hätte man ein verrücktes, wirbelndes Rad zu stenographieren; große, bunte Räder kreisten, wuchsen violett und rot gerändert aus dem Papier.

Dann erfolgte die Kündigung, notgedrungen, Entlassung auf der Stelle sogar. Rückkehr mit hängendem Kopf und Suchen in den kleinen Anzeigen des Morgenblattes. Warten in den Vorzimmern und sorgsames Kalligraphieren der gleichlautenden Offerten. »Punktum, Schluß!« schrie Doktor Finkelstein, »lesen Sie, schnell!« Aber an diesem wunderbaren Tage strömte Rettung, plötzlich dankbar empfangen, aus allen Türen. Nun klingelte jemand, und Exzellenz Helena trat ein, ihre Stimme klang hell, eine Siegesfanfare, in hellem Kleid rauschte sie mit dem kühngeschwungenen Hut voll jugendlicher Kornblumen. Aus einer merkwürdigen, großen Welt kam sie, aus der Welt der noblen Klientel; Leere war um sie, kein stenographierendes Mädchen und kein Bürodiener, durch Kleider und Körper drangen ihre Blicke, aus Glas war man selbst, ein durchsichtiger Gegenstand. Die tobende Wildheit Doktor Finkelsteins war dahin, Höflichkeiten stotterte er und empfahl sich bestens, den Sozius versprechend.

Einen Akt galt es zu suchen, einen verlorenen Akt. Exzellenz Helena kontra Ehegatten, und man suchte ihn unter H, verzweifelt, schnell, fünfmal durchblätterte Fini den Buchstaben H, bis Doktor Blum ungeduldig Tuschak rief, Exzellenz Tuschak. Unter T fand sich der Akt. Währenddessen saß Tilly eifrig gebeugt über raschelnden Papieren, Bleistifte spitzend, Radiergummis ordnend, Löschblätter schneidend, Briefmarken zählend; vergebens suchte Fini ihren Blick, den freundschaftlichen Blick, den Hilfe versprechenden – ein böses Ding war Tilly, sie stellte sich fleißig und ließ den Kameraden im Unglück. Es verdroß und tat weh, das Blut schoß in die Wangen, Fini fühlte, wie ein Strumpfband sich lockerte, aber ein rettender Griff nach dem Knie war verboten und hätte ein Jucken vorgetäuscht, das lockere Band und der rutschende Strumpf nahmen den letzten Rest von Haltung, Papiere stoben flatternd auseinander.

Dann folgte eine heilende Stille, keine Klingel weckte. Fini sah durchs Fenster, sah die langsame Turmuhr, das rote Kloster mit dem Wandelgang für die Nonnen im Park, die hin und her schritten, schwarz und weiß, fremde Geschöpfe im Jenseits hinter den roten Mauern, im Garten, im Vorhof der ewigen Seligkeit. Die Scheu vor den Bräuten Christi verschwand, und Fini schien es wunderbar im Garten des Klosters. Langsam rückten die goldenen Zeiger vor, Exzellenz Helena verrauschte, einen Augenblick stand Doktor Finkelstein noch da mit funkelnden Brillengläsern, dann ratterte er los mit der schwarzen Kappe und der flatternden Hochkrempe.

In den Straßen war der Frühling, es hatte geregnet, und die großen Kieselquadersteine leuchteten rot und bläulich, als spiegelte sich in ihnen ein Regenbogen. Frisch gewaschen war das Gras auf den Rasenbeeten, die Amseln standen schwarz in der Straßenmitte, Fini schlenderte langsam mit Tilly, heute schon erwachsen, unwohl und Frau. »Ich sehe schlecht aus«, sagte Fini. »Siehst du das nicht? Ich bin unwohl«, sagte Fini wie etwas Selbstverständliches und maß die Brüste Tillys, die unter der dünnen Bluse zitterten. Die Männer lächelten sie an, die jungen Männer, die beutegierig durch die Straßen gingen.

Bei Trillby lockte gelbes Eis, von zarten Waffeln überdeckt, in rundgeschliffenen Eiergläsern, die halben und ganzen Portionen auf marmornen Tischchen draußen, und die tiefen Korbsessel. Das Porto, das bitter verdiente, ging zur Hälfte drauf, ein Trinkgeld bekam die Kellnerin, und knapp ehe ein Einjähriger sich anschickte, aus der hinteren Ecke an den Tisch der Mädchen zu treten, standen sie auf und schritten, neu gestärkt und den Glanz der untergehenden Sonne vor sich auf den Gesichtern, um die Ecke.

Es duftet zu Hause nach süßen Dingen, die man für den heimkehrenden Vater bereitet, der Bruder Josef tobt – und als wären Jahrzehnte seit gestern vergangen, so füllt wieder die graue Unerbittlichkeit das Haus, die Treppe und die Mutter. Dahin ist die warme Bettheimlichkeit von gestern, die Mutter kommt forschend aus der Küche, Einzelheiten des Tagesablaufes will sie wissen, unablässig. Tief schneiden die Seufzer ihrer Unzufriedenheit ins Herz, die Nacht kommt und die geizige Petroleumlampe mit dem graublau angehauchten Glaszylinder, aus dem die Nachbarin Regen für morgen prophezeit.

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18+
Volume:
265 p. 10 illustrations
ISBN:
9783903005884
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