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Yomb May
Epochen der deutschsprachigen Literatur
Kompaktwissen XL
Reclam
Kompaktwissen XL | Nr. 15242
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH,
Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH,
Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961675-9
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015242-3
www.reclam.de
Inhalt
Zur Benutzung
Die Problematik des Epochenbegriffs
Kurzübersicht: Epochen und Strömungen der deutschsprachigen Literatur
1 Barock (1600–1720) 1.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 1.2 Leitgedanken 1.3 Konzeption der Literatur 1.4 Literarische Formen, Themen und Motive 1.5 Wichtige Autoren und Werke
2 Aufklärung (1720–1785) 2.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 2.2 Leitgedanken 2.3 Konzeption der Literatur 2.4 Literarische Formen, Themen und Motive 2.5 Wichtige Autoren und Werke
3 Sturm und Drang (1765–1789) 3.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 3.2 Leitgedanken 3.3 Konzeption der Literatur 3.4 Literarische Formen, Themen und Motive 3.5 Wichtige Autoren und Werke
4 Klassik (1786–1805/32) 4.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 4.2 Leitgedanken 4.3 Konzeption der Literatur 4.4 Literarische Formen, Themen und Motive 4.5 Wichtige Autoren und Werke
5 Romantik (1790–1835) 5.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 5.2 Leitgedanken 5.3 Konzeption der Literatur 5.4 Literarische Formen, Themen und Motive 5.5 Wichtige Autoren und Werke
6 Biedermeier – Junges Deutschland / Vormärz (1815–1850) 6.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 6.2 Leitgedanken des Biedermeier (1820–1850) 6.3 Konzeption der Literatur des Biedermeier 6.4 Literarische Formen, Themen und Motive des Biedermeier 6.5 Leitgedanken des Vormärz / Jungen Deutschland 6.6 Konzeption der Literatur des Vormärz / Jungen Deutschland 6.7 Literarische Formen, Themen und Motive des Vormärz / Jungen Deutschland 6.8 Wichtige Autoren und Werke
7 Realismus (1848–1890) 7.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 7.2 Leitgedanken 7.3 Konzeption der Literatur 7.4 Literarische Formen, Themen und Motive 7.5 Wichtige Autoren und Werke
8 Naturalismus (1880–1900) 8.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 8.2 Leitgedanken 8.3 Konzeption der Literatur 8.4 Literarische Formen, Themen und Motive 8.5 Wichtige Autoren und Werke
9 Literatur der Jahrhundertwende (1890–1910) 9.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 9.2 Leitgedanken 9.3 Konzeption der Literatur 9.4 Literarische Formen, Themen und Motive 9.5 Wichtige Autoren und Werke
10 Expressionismus (1910–1925) 10.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 10.2 Leitgedanken 10.3 Konzeption der Literatur 10.4 Literarische Formen, Themen und Motive 10.5 Wichtige Autoren und Werke
11 Neue Sachlichkeit (1918–1933) 11.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 11.2 Leitgedanken 11.3 Konzeption der Literatur 11.4 Literarische Formen, Themen und Motive 11.5 Wichtige Autoren und Werke
12 Nationalsozialismus – Innere Emigration – Exil (1933–1945) 12.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 12.2 Leitgedanken 12.3 Konzeption der Literatur 12.4 Literarische Formen, Themen und Motive 12.5 Wichtige Autoren und Werke
13 Nachkriegsliteratur (1945–1949) 13.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 13.2 Leitgedanken 13.3 Konzeption der Literatur 13.4 Literarische Formen, Themen und Motive 13.5 Wichtige Autoren und Werke
14 Literatur der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz (1949–1990) 14.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 14.2 Leitgedanken 14.3 Konzeption der Literatur 14.4 Literarische Formen, Themen und Motive 14.5 Wichtige Autoren und Werke
15 Literatur der DDR (1949–1990) 15.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 15.2 Leitgedanken 15.3 Konzeption der Literatur 15.4 Literarische Formen, Themen und Motive 15.5 Wichtige Autoren und Werke
16 Gegenwartsliteratur (ab 1990) 16.1 Zeitgeschichtlicher Kontext 16.2 Leitgedanken 16.3 Konzeption der Literatur 16.4 Literarische Formen, Themen und Motive 16.5 Wichtige Autoren und Werke
Register
Zur Benutzung
Jedes Epochenkapitel beginnt mit einer Checkliste, in der alle wichtigen Begriffe zur Epoche zusammengestellt sind. Diese Begriffe werden in der anschließenden Epochendarstellung im Zusammenhang erläutert. Sie sind im Text fett hervorgehoben und am Rand mit dem Checklistensymbol gekennzeichnet.
Die Checkliste kann auf zwei verschiedene Weisen gebraucht werden:
1 Vor dem Lesen des Epochenkapitels: Die Checkliste strukturiert den zu lernenden Inhalt vor, indem eine Übersicht über die folgenden Gegenstände geboten wird. (Was erwartet mich? Was ist neu?)
2 Nach dem Lesen der Epochendarstellung: Die Checkliste kann der Wiederholung des jeweiligen Epochenwissens dienen. (Kann ich die Begriffe erläutern? Dann habe ich das prüfungsrelevante Epochenwissen parat.)
Alle Epochenkapitel haben den gleichen inneren Aufbau. Das erleichtert den Epochenvergleich. Die Zeitleiste zu Beginn des Epochenkapitels unterstützt die leichtere Orientierung im historischen Kontext.
Die Problematik des Epochenbegriffs
Wer literarische Texte verstehen und interpretieren will, muss sich mit ihren jeweiligen Entstehungszusammenhängen vertraut machen. Denn Literatur ist immer auch Ausdruck der Zeit, in der sie geschrieben wird. Folgerichtig verweisen literarische Werke inhaltlich häufig auf bedeutende historische Ereignisse und spiegeln soziale, gesellschaftspolitische, weltanschauliche und kulturelle Verhältnisse wider, die ihren Entstehungskontext prägen. Eine wichtige Rolle spielen auch poetologische bzw. ästhetische Programme, d. h. Regelwerke oder Erörterungen, in denen jeweils bestimmt wird, was ›gute‹ Literatur ausmacht. Sie beeinflussen die Konzeption von Literatur und bestimmen den literarischen Geschmack ihrer Zeit.
Wissenschaftler erfassen und beschreiben diese historischen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen in literaturgeschichtlichen Abhandlungen. Wie jede Geschichtsschreibung wird auch die deutschsprachige Literaturgeschichte in Epochen eingeteilt. Der Begriff »Epoche« stammt vom griechischen epoché und bedeutet ›Einschnitt‹. Seit dem 19. Jahrhundert bezeichnet dieser Begriff einen Teilabschnitt der Literaturgeschichte, dessen Literatur sich aufgrund spezifischer Merkmale (Epochenmerkmale) von der Literatur angrenzender Epochen unterscheidet.
Epochenbegriffe werden in der Regel im Nachhinein, d. h. erst im späteren Rückblick, vergeben oder geprägt; gleichwohl bilden sie unverzichtbare terminologische Hilfskonstruktionen für die Darstellung der komplexen Geschichte der deutschen Literatur. Jeder Epochenbegriff zeigt einschneidende geistes- und kulturgeschichtliche sowie literaturhistorische Veränderungen an, die auch in der jeweiligen Literatur Niederschlag gefunden haben. Vergleichbar mit Schubladen stehen die tradierten Epochenbegriffe für ein bewährtes Ordnungsschema, das zeitgeschichtliche Entstehungsbedingungen und gemeinsame Merkmale von Textgruppen im jeweiligen historischen Kontext zusammenfasst. Durch die chronologische Gliederung des historischen Kontextwissens wird die lange Geschichte der deutschen Literatur als eine Abfolge von einander ablösenden und daher voneinander abgrenzbaren Zeiträumen (Epochen) mit jeweils einer charakteristischen Literaturproduktion strukturiert. Damit stellen Epochenbegriffe ein wichtiges Orientierungswissen zur Verfügung, das die Masse der überlieferten Texte nach epochenspezifischen Kriterien ordnet und überschaubar hält.
All das ist allerdings nicht ganz unproblematisch. Denn weder Epochenbezeichnungen noch die Kriterien, nach denen Literaturepochen und Strömungen definiert und voneinander abgegrenzt werden, sind einheitlich. So wird beispielsweise die Literaturepoche ›Weimarer Klassik‹ oft auch als ›Kunstepoche‹ bzw. als ›Goethezeit‹, die Literaturepoche zwischen 1848 und 1890 als ›bürgerlicher‹ oder ›poetischer‹ Realismus bezeichnet. Auch hinsichtlich der Zeitspanne der einzelnen Literaturepochen gibt es keinen allgemeinen Konsens. Unterschiedliche Epochenbezeichnungen, -einteilungen und -datierungen sind daher die Folge, was mitunter Irritationen hervorruft. So steht zum Beispiel nicht eindeutig fest, wann die Weimarer Klassik endet – bereits mit Schillers Tod 1805 oder doch erst mit Goethes Tod im Jahr 1832? Wann beginnt der ›Vormärz‹? Unmittelbar nach den Karlsbader Beschlüssen (1819) oder erst nach der Julirevolution von 1830? Und bis zu welchem Zeitpunkt kann man von der ›Nachkriegsliteratur‹ sprechen? Wie weit reicht eigentlich der Begriff der ›Gegenwartsliteratur‹ zurück? Und so weiter.
Neben diesen und weiteren offenen Fragen muss betont werden, dass sich zwischen Literaturepochen keine klaren Grenzen ziehen lassen. Epochenwechsel und -umbrüche bilden in der Regel keine Einschnitte. Sie vollziehen sich nicht schlagartig, sondern vielmehr allmählich. Daher sind Epochengrenzen meist fließend. Manche können sogar aufgrund von poetologischen, stilistischen oder thematischen Kontinuitäten als ›Epochenschwellen‹, d. h. als längere Übergangszeiträume, angesehen werden. Das gilt beispielsweise für den Epochenumbruch um 1900 bzw. für die Literatur der Jahrhundertwende. Die Tatsache, dass sich manche Epochen wie z. B. Aufklärung, Klassik und Romantik teilweise sowohl zeitlich als auch inhaltlich überschneiden oder Strömungen des Frührealismus wie z. B. Biedermeier und Junges Deutschland sogar parallel zueinander laufen, macht scharfe Abgrenzungen generell schwierig. Die Jahreszahlen bei den literarischen Epochen sind daher immer als ungefähre Angaben zu verstehen.
Literaturepochen bilden trotz übergreifender Ziele keine homogenen Einheiten. Sie zeichnen sich in der Regel durch ein vielfältiges und daher differenziertes literarisches Leben aus. So besteht beispielsweise die Epoche der Aufklärung aus zwei Phasen: der Frühaufklärung (Verstandesdichtung) und Spätaufklärung (Empfindsamkeit), die von den sehr unterschiedlichen Literaturauffassungen Gottscheds und Lessings geprägt sind. Die Romantik lässt sich in drei einander abgrenzbare Phasen gliedern: Frühromantik, Hochromantik, Spätromantik. Auch hier liegt jeder dieser Phasen ein anderes ästhetisches Programm zugrunde. Folgerichtig können sich Texte aus solchen großen Epochen sowohl thematisch und konzeptionell als auch sprachlich stark voneinander unterscheiden.
Problematisch ist nicht zuletzt die Frage, welcher Autor und welches Werk in welche Epoche eingeordnet werden soll. Goethes und Schillers Werke beispielsweise entsprechen weitgehend den literarischen Konventionen des Sturm und Drang bzw. später der Weimarer Klassik. Sie werden daher zu Recht als ›repräsentativ‹ für diese Epochen charakterisiert – aber beide für zwei verschiedene Epochen. Werke anderer wichtiger Autoren wie Jean Paul, Hölderlin, Kleist und Kafka lassen sich dagegen in keine bestimmte Epochenschublade einsortieren: Sie fallen aus dem literarischen Programm ihrer Zeit heraus. Oft handelt es sich dabei um Werke des Übergangs zwischen zwei Epochen bzw. Strömungen, die sich folgerichtig einer festen Zuordnung entziehen.
Aber selbst dort, wo die literaturgeschichtliche Einordnung eines Textes eindeutig zu sein scheint, gilt es zu bedenken: Literarische Werke erschöpfen sich nicht in ihrer Epochenspezifik. Sie können – wie z. B. die Dramen Nathan der Weise (1799) von Gotthold Ephraim Lessing und Faust (1808) von Johann Wolfgang Goethe – ihren jeweiligen historischen Entstehungskontext überdauern und auch in späteren Epochen ihre Bedeutung weiter entfalten.
Bei den folgenden Epochendarstellungen ist also immer mitzuberücksichtigen, dass es sich nicht (nur) um reines Faktenwissen handelt, sondern Entscheidungen getroffen, Schwerpunkte gesetzt, Eindeutigkeiten hergestellt wurden, um den Stoff ›handhabbar‹ zu machen. Der Band bietet Orientierungswissen als Ausgangspunkt für den eigenen vertieften und differenzierten Umgang mit Literatur in ihrer Zeit.
Kurzübersicht: Epochen und Strömungen der deutschsprachigen Literatur

Die Epochen von der althochdeutschen Literatur bis zum Reformationszeitalter (750–1600) sind nicht aufgenommen, da sie im Abitur nicht relevant sind. Man sollte sich aber bewusst machen, dass dies der zeitlich viel längere Abschnitt ist – aus dem andererseits eine viel geringere Zahl literarischer Werke überliefert ist als aus dem Abschnitt von 1600 bis heute.
1 Barock (1600–1720)


1.1 Zeitgeschichtlicher Kontext
Das bestimmende und zugleich traumatische Ereignis im Zeitalter des BarockBarock ist der Dreißigjährige Krieg (1618–1648). Die mit dem Prager Fenstersturz (1618) begonnenen konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken weiten sich schnell zu einem Konflikt um die Herrschaft in Europa aus. Der Konflikt wird auf deutschem Boden ausgetragen. Die Folgen sind verheerend: Mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung fällt dem Krieg zum Opfer. Der Dreißigjährige Krieg hinterlässt ein weitgehend verwüstetes Land mit verödeten Landschaften und zerstörten Städten. Der politische, wirtschaftliche und soziale Zerfall des Reiches ist offenkundig. Verschärft wird das Leiden der Menschen durch die Pest und andere Krankheiten. Armut, Not, Hunger und Tod sind allgegenwärtig und prägen die Alltagserfahrungen der Menschen.
Das vorherrschende politische System ist der Absolutismus. Der Inbegriff eines absolutistischen Herrschers ist der französische »Sonnenkönig« Ludwig XIV. (1638–1715). Die Gesellschaft ist hierarchisch in drei Stände eingeteilt: Klerus, Adel, Bürgertum/Bauern (Ständegesellschaft). Diese Einteilung gilt als gottgewollt und wird deshalb nicht infrage gestellt. Die Welt insgesamt wird noch als von Gott eingerichtetes und geordnetes Ganzes betrachtet und gilt als – wenn auch unvollkommenes – Spiegelbild der göttlichen Heilsordnung. Bedeutende naturwissenschaftliche Entdeckungen (durch Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Johannes Kepler, Isaac Newton) leiten aber einen Wandel dieses noch mittelalterlich geprägten Menschen- und Weltbildes ein.
1.2 Leitgedanken
Das BarockBarock ist eine Zeit voller Widersprüche. Die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges lösen eine tiefe Lebenskrise aus, die sich einerseits im beständigen Bewusstsein der Vergänglichkeit menschlicher Existenz (memento mori, lat., »bedenke, dass du sterben wirst«) und andererseits in einem nahezu rauschhaften Lebenshunger (carpe diem, lat., »nutze den Tag«) äußert. Folgerichtig liegt dem Denken und Handeln der Menschen ein antithetisches Weltbild zugrunde: Jenseitsorientierung und Diesseitszugewandtheit bilden die Pole der Zwiegespaltenheit, denen sich zahlreiche weitere Oppositionen zuordnen lassen:

1.3 Konzeption der Literatur
Normative Poetik
Prägend für das barocke Dichtungsverständnis ist die normative PoetikPoetik, normative, also ein Regelwerk für Literatur mit strengen Vorgaben. Die Regelbindung in der Literatur entspricht der Vorstellung, dass die Welt und die Literatur ein Spiegelbild der festen göttlichen Heilsordnung sind. Die wichtigsten Poetiken des BarockBarock stammen von Martin Opitz (1597–1628): Buch von der deutschen Poeterey (1624), und Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658): Poetischer Trichter (1647–53). Kreativität, Originalität oder Individualität sind nicht wichtig. Dichtung gilt als Kunstfertigkeit, die durch ein Studium an der Universität erlernbar ist. Das Leitbild ist der poeta doctuspoeta doctus (lat., ›gelehrter Dichter‹). Die Einhaltung und Ausgestaltung von vorgegebenen Formprinzipien bestimmen die Qualität von Literatur. Dichtung hat drei Funktionen bzw. WirkungsabsichtenWirkungsabsichten: Sie soll
unterhalten (lat. delectare),
belehren (docere) und/oder
bewegen (movere).
Zugleich gibt es drei StilebenenStilebenen, die in einer hierarchischen, den gesellschaftlichen Schichten entsprechenden Stufenfolge angeordnet sind:
hoher Stil (lat. genus grande): prächtige und würdevolle Ausdrucksweise, thematisch Göttern, Fürsten und Adligen zugeordnet (z. B. Tragödie, höfischer Roman)
mittlerer Stil (lat. genus medium): schlichtere Ausdrucksweise, thematisch mit komischen Stoffen verbunden
niedriger Stil (lat. genus humile): derb-komische Ausdrucksweise, thematisch niederen Schichten, z. B. Bauern und Landstreichern zugeordnet (z. B. Komödie, Schelmenroman)
Kennzeichnend für barocke Literatur ist eine hohe Dichte von rhetorischen Mitteln: sprachliche Bilder (Metaphern, Allegorien, Personifikation) und Gedanken-, Wort- und Klangfiguren (Alliteration, Anapher, Chiasmus, Parallelismus usw.).
Deutsch als Literatursprache
Deutsch entwickelt sich, nicht zuletzt dank der neu entstehenden SprachgesellschaftenSprachgesellschaften (etwa der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, gegründet in Weimar 1617) zu einer Literatursprache. Diese befördern die Eigenständigkeit einer deutschen »Nationalsprache« gegenüber der Wissenschaftssprache Latein und dem sogenannten »A-la-mode-Sprechen«, der internationalen Verkehrssprache Französisch.
Besonders wirkungsvoll ist Opitz’ Buch von der deutschen Poeterey, das (in Abwendung von antiken Regeln) die Natürlichkeit und Eleganz der deutschen Sprache hervorhebt, die wesentlichen Gattungsdefinitionen formuliert und wichtige Grundsätze für eine deutsche Dichtkunst etabliert, unter anderem den reinen ReimReim, reiner und das Metrum auf der Basis der natürlichen WortbetonungMetrum (auf der Basis der natürlichen Wortbetonung) mit dem regelmäßigen Wechsel von betonter und unbetonter Silbe. Deshalb bevorzugt er den AlexandrinerAlexandriner, einen sechshebigen Jambus mit Zäsur in der Mitte, als das der deutschen Sprache angemessene Versmaß. Ein Beispiel:
»Du síehst, wohín du síehst, | nur Eítelkeít auf Érden.«
(Andreas Gryphius, Es ist alles eitel)
1.4 Literarische Formen, Themen und Motive
Epik
Der SchelmenromanSchelmenroman gehört mit Abstand zu den wichtigsten Formen des BarockBarock. Im Mittelpunkt steht der sogenannte Schelm, der, arm und von niedrigem Stand, sich schlau und betrügerisch durchs Leben schlägt. Der wichtigste Schelmenroman des Barock stammt von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676): Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch (1668). Weitere wichtige epische Formen sind der Schäferroman, der ein idealisiertes Landleben thematisiert, und der höfische Roman, der teils auf mehreren tausend Seiten Liebesgeschichten und Staatsaffären herrschaftlicher Häuser darstellt.
Lyrik
Die Lyrik lässt sich in die geistliche Lyrik (Kirchenlieder) und die weltliche Lyrik einteilen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich strenge Formen wie das SonettSonett im AlexandrinerAlexandriner-Vers. Diese Gedichtform entspricht der zeitgenössischen Vorstellung von künstlerischer Ästhetik und Schönheit. In zahlreichen Sonetten begegnet das Prinzip der Antithetik, die den Widerspruch zwischen Lebenshunger auf der einen und Vergänglichkeit des menschlichen Daseins auf der anderen Seite veranschaulicht. Neben dem Sonett sind auch Lehrgedichte, Epigramme und Figurengedichte vertreten.
In der Regel sind Gedichte des Barock AuftragsdichtungenAuftragsdichtung, die zu besonderen Anlässen verfasst werden, etwa zu Geburtstagen, Hochzeiten, Beerdigungen oder zu besonderen Anlässen des öffentlichen Lebens wie Ratswahlen.
Drama
Drama und Theater haben im 17. Jahrhundert Hochkonjunktur. Verbreitet sind folgende Dramentypen: Trauerspiel, Komödie, Ordensdrama und die Oper. Während die Tragödie das unberechenbare Schicksal des Menschen und die Vergänglichkeit des irdischen Daseins thematisiert, gestaltet die Komödie Missverständnisse, die sich aus der Verwechslung von Sein und Schein ergeben.
Das OrdensdramaOrdensdrama, das an den von den Jesuiten geführten Gymnasien im Sinne der Gegenreformation gepflegt wird, behandelt die Flüchtigkeit irdischen Glücks. Häufig treten dabei Tugend und Laster als allegorische Figuren auf und machen die Bekehrungsabsicht dieses Dramentypus sichtbar. Im Mittelpunkt der MärtyrerdramenMärtyrerdrama stehen das Leben, Leiden und Sterben christlicher Menschen. Bekanntes Beispiel ist das von Andreas Gryphius (1616–1664) verfasste Drama Catharina von Georgien (1657).
EmblematikEmblematik

Abb. 1: »Du musst leiden / Oder meiden«. Emblem aus: Johannes Camerarius d. J., Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, Mainz 1671
Das EmblemEmblematik ist eine typische Text-Bild-Form des Barock. Embleme sind allegorische Bilder, die mit Textergänzungen versehen sind. Sie bestehen aus drei Teilen:
einer Überschrift (inscriptio), z. B. eine Sentenz, ein Sprichwort, ein Motto etc. (hier: »Du musst leiden / Oder meiden«)
einem Bild (pictura), z. B. Tiere, Pflanzen, historische, mythologische, biblische Figur etc.
einer Erklärung (subscriptio), welche die Überschrift und das Bild verbindet und somit Hinweise für das Verständnis liefert.
Alles zusammen vermittelt einen tieferen Sinn und lässt sich als Aussage oder Lehrsatz entziffern.
Auch die Gedichtform SonettSonett lässt sich als Ausformulierung eines Emblems in Gedichtform deuten.
Die Überschrift entspricht dem Motto = inscriptio
Die Quartette entsprechen dem Bild = pictura
Die Terzette entsprechen dem Text = subscriptio
Themen und Motive
Der Dreißigjährige Krieg und das Leiden der Menschen sind die prägende Erfahrung der Epoche. Tod, Leiden, Trauer, Vergänglichkeit und Not sind Motive, die immer wieder durchgespielt und oft im Kontrast zu Sinnenfreude und Lebenslust gestaltet werden. Folgende Motive sind besonders prägend:
Memento mori (»Bedenke, dass du sterben wirst!«): Der Gedanke an den Tod ist angesichts der Schrecken des Kriegs und der Seuchen im BarockBarock allgegenwärtig.
Carpe diem (»Nutze den Tag!«): Dieses MotivMotiv ruft dazu auf, das Leben zu genießen und fröhlich zu sein. Es steht im Kontrast zum Memento mori-Motiv und stellt den Versuch dar, durch Genuss, Tanzen, Feiern und Erotik die vanitas zu überwinden.
Vanitas (»Vergänglichkeit«): Das Vanitas-Motiv thematisiert die Begrenztheit und Vergänglichkeit irdischen Daseins im Gegensatz zur jenseitigen Ewigkeit.
Fortuna (»zufälliges Schicksal«): Das Fortuna-Motiv ruft die plötzlichen Schicksalswechsel ins Bewusstsein, die in Zeiten von Krieg und Krankheiten häufig die Biographien bestimmen.
1.5 Wichtige Autoren und Werke
Martin Opitz (1597–1639): Das Buch von der Deutschen Poeterey (1624)
Andreas Gryphius (1616–1664): Sonette, u. a. Tränen des Vaterlandes (1636); Menschliches Elende (1637)
Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617–1679): Poetische Grabschriften (1662)
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621–1676): Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch (1668)
2 Aufklärung (1720–1785)


2.1 Zeitgeschichtlicher Kontext
Mit dem Begriff »Aufklärung«Aufklärung wird eine gesamteuropäische geistige Bewegung seit Ende des 17. Jahrhunderts bezeichnet, die vor allem das 18. Jahrhundert prägt. Politisch und gesellschaftlich verschärft sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum. Er entlädt sich schließlich in der Französischen Revolution (1789). Das Bürgertum, dem die Schriftsteller angehören, ist nicht mehr gewillt, die politische und kulturelle Vorherrschaft des Adels als gottgegeben und widerspruchslos hinzunehmen. Es strebt nach Emanzipation von der Willkürherrschaft des Adels. Eine tendenziell kritische Haltung nimmt das gebildete Bürgertum auch gegenüber der Kirche ein. Die wichtigsten Interessen des Bürgertums sind Erziehung und Bildung. Gegenüber dem Adel, dem Zügellosigkeit vorgeworfen wird, grenzt sich das Bürgertum durch strenge Moralvorstellungen ab.
Die Bewegung der AufklärungAufklärung hat ihren Ursprung in zwei philosophischen Denkrichtungen, dem EmpirismusEmpirismus und dem RationalismusRationalismus:

2.2 Leitgedanken
Der Gedanke von der Herrschaft der Vernunft und der Rationalität prägt das Weltbild der AufklärungAufklärung. In Deutschland wird die Aufklärung philosophisch maßgeblich von Immanuel Kant beeinflusst. In seiner Schrift Was ist Aufklärung? (1784) stellt er sein berühmt gewordenes Postulat auf:
AufklärungAufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbst verschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der AufklärungAufklärung.

2.3 Konzeption der Literatur
Die Literatur begleitet den Prozess der AufklärungAufklärung und fördert ihn. Mit Hilfe der Literatur wird das philosophische Gedankengut verbreitet. Die meisten Gattungen der Aufklärung zielen auf die Bildung und Erziehung des Lesers zur Tugend ab. Die Literatur hat demnach eine didaktische Aufgabe. Sie soll nützen und erfreuen (lat. prodesse et delectare).
Es lassen sich zwei Hauptphasen unterscheiden: Bis 1740 steht die Literatur im Zeichen Johann Christoph Gottscheds (1700–1766), der für eine reine Verstandesdichtung steht, und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zeichen Gotthold Ephraim Lessings (1729–1781), der die Verknüpfung aufklärerischen Handelns mit Empfindungen und Natürlichkeit fordert (EmpfindsamkeitEmpfindsamkeit). Die beiden Gelehrten vertreten konträre literaturtheoretische Positionen. Dies zeigt sich am deutlichsten an ihren jeweiligen Vorstellungen des Dramas:

2.4 Literarische Formen, Themen und Motive
Epik
Epische Kleinformen erfreuen sich äußerster Beliebtheit. Die FabelFabel avanciert zur literarischen Hauptgattung der AufklärungAufklärung. In vielen Fabeln werden aufklärerische Ideen verbreitet. Hauptvertreter sind Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769), Friedrich von Hagedorn (1708–1754), Gottlieb Konrad Pfeffel (1736–1809) und Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781). Sehr beliebt ist in der Aufklärung auch der AphorismusAphorismus, der kurz, pointiert und überraschend unmoralische, irrationale, nur aus der Tradition begründete Aspekte des Verhaltens und der gesellschaftlichen Gepflogenheiten offenlegt. Bedeutend und bis heute gelesen sind die Aphorismen Georg Christoph Lichtenbergs (1742–1799).
Weitere in der Aufklärung beliebte epische Formen sind der Brief- und Bildungsroman sowie moralische Wochenschriften. Auch literaturtheoretische Schriften und Enzyklopädien gelten als Instrumente der Aufklärung.
Lyrik
Die Lyrik der AufklärungAufklärung zeichnet sich formal durch ein großes Spektrum aus.
Die GedankenlyrikGedankenlyrik vermittelt im Rahmen allgemeiner Naturbetrachtungen allgemeine philosophische Anschauungen. Das Lehrgedicht veranschaulicht aufklärerisches Gedankengut, Oden und Hymnen preisen das religiöse Erleben in aufgeklärtem Sinn.
Drama
Das Drama der Aufklärungszeit ist konzeptionell durch die gegensätzlichen Auffassungen von Gottsched und Lessing geprägt. Mit seinem Drama Miss Sara Sampson (1755) begründet Lessing das Bürgerliche TrauerspielTrauerspiel, bürgerliches, das neben der FabelFabel die literarische Hauptgattung der AufklärungAufklärung bildet. Mit Emilia Galotti (1772) stellt er eine Bürgerliche in den Mittelpunkt einer dramatischen Handlung und thematisiert wie kaum ein anderer vor ihm den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum. Er hebt damit die sogenannte StändeklauselStändeklausel auf. Die noch für Gottsched verbindliche Vorschrift postuliert, dass in der Tragödie nur »hohe« Personen, also Adlige und Herrscher, auftreten dürfen. Der (bürgerliche) Zuschauer soll sich mit dem Protagonisten identifizieren und sich durch Mitleiden sittlich verbessern. Zentrale Themen des Bürgerlichen Trauerspiels sind die Gegenüberstellung von bürgerlichem Tugendideal und Adelswillkür, Emanzipation von kirchlichen Dogmen und Kritik an der absolutistischen Willkürherrschaft.

Abb. 2: Minerva, die Göttin der Weisheit, erleuchtet Vertreter aller Religionen (Daniel Chodowiecki, 1791)
In seinem Drama Nathan der Weise (1779) formuliert Lessing ein Plädoyer für überkonfessionelle Toleranz.
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