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Wolfgang Sucharowski

Kommunikationswissenschaft

Eine Einführung

A. Francke Verlag Tübingen

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© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0081-6

Inhalt

  Vorwort

  Kommunikation und Wissenschaft Interessen an der Kommunikation Das Fach Kommunikationswissenschaft Die Breite des Faches Kommunikationswissenschaft Sich einer Kommunikationswissenschaft annähern Literatur Problemstellung und Fragen

  Kommunikation setzt Kommunizieren voraus – der Alltag der Kommunikation Der Gebrauch des Wortes Kommunikation Kommunikation braucht Umgebungen Kommunikation setzt Ordnung voraus Kommunikation als Wissenschaft – die Anfänge der Theoriebildung Literatur Problemstellung und Fragen

  Information und Nachricht – Zeichen im Kontext Nachricht und Nachrichtenverarbeitung Daten und die Welt der Zeichen: Index, Ikon, Symbol Der Gebrauch der Zeichen Andere Zeichen und Funktionshintergründe Literatur Problemstellung und Fragen

  Handeln und Deuten in kommunikativen Alltagssituationen Handeln und Handlung Kommunikation als Handlung Deutungsunsicherheit Motivation interaktiver Ereignisse – Theorien des Handelns Literatur Problemstellung und Fragen

  Medien: Die Verbreitung kommunikativer Praktiken – in lokalen und globalen Kontexten Medien erfahren Der Medienbegriff Medien im Wandel der Zeit Die Dynamik der aktuellen Medien Literatur Problemstellung und Fragen

  Praktiken des Zusammenlebens und kommunikative Konsequenzen Kommunikative Erwartungen im Alltag Kommunizieren in fremden Umgebungen Miteinander Reden in institutionellen Kontexten Die Mehrschichtigkeit von Mehrwerten Literaturverzeichnis Problemstellung und Fragen

  Modellbildung: Theorien der Zeichenübertragung und Zeichenverarbeitung Übertragung von Signalen Die Rezeption des Transfermodells in anderen Wissenschaftsdisziplinen Die Transfer-Metapher Kommunikation – ganz anders Literatur Problemstellung und Fragen

  Theorien über die Konstruktion des Zusammenwirkens – der Andere und das Ich Symbol und Bedeutung Der Andere und das Ich Die Dynamik der Wechselseitigkeit Interpretation und Kommunikation Literatur Problemstellung und Fragen

  Theoriebildungen über das kommunikative Handeln und der gesellschaftliche Kontext Kommunikation – offene oder geschlossene Systeme Unsicherheit bedingt Kommunikation Symbolisch generalisierte Medien Formen und Funktionen, die Kommunikation erkennbar machen Literatur Problemstellung und Fragen

  Die Rolle der Akteure Die Dynamik gesellschaftlicher Systeme und ihre Folgen für die Kommunikation Kommunikation in Netzwerken Das Akzeptieren der Akteurswirklichkeit Die Sichtbarkeit von Kommunikation Literatur Problemstellung und Fragen

  Kommunikation analysieren – geisteswissenschaftliche Verfahren Kommunikative Phänomene und ihre Erfassbarkeit Geisteswissenschaftliche Methoden zur Beschreibung von Kommunikation Hermeneutik als wissenschaftliche Methodik Bedeutungsbezogene Beschreibungsmethoden Literatur Problemstellung und Fragen

  Kommunikation als Dokument Das Dokumentieren von Kommunikation Das Transkript – Mündlichkeit verschriftlichen Transkribieren heißt beobachten Beispiele für Transkriptionssysteme Literatur Problemstellung und Fragen

  Anwendungen der Kommunikationsanalyse Funktionale Interpretationstechniken „Inhaltsfreie“ Interpretationstechniken Die Quantifizierung von Inhaltlichkeit Befragen als Methode Literatur Problemstellung und Fragen

  Der Markt der Kommunikationsratgeber Die Popularität des Themas Kommunikation Der alltägliche Umgang mit Anderen Im Ausdrucksraum der Zeichen Das Arbeiten an den Wahrnehmungs- und Deutungsmustern Literatur Problemstellung und Fragen

  Personenregister

  Sachregister

  Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Kommunikation – und Mensch sein – ist nicht einfach … aber überraschend wendungsreich.

Damaris Wieser

Wer eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft veröffentlicht, muss sich die Frage des Warum gefallen lassen. Gibt es doch zahlreiche Bücher, in denen ganz viel und Wichtiges zur Kommunikationswissenschaft gesagt wird. Warum dann noch ein Buch?

Das Thema Kommunikation ist so vielfältig wie auch die wissenschaftlichen Interessen daran. Das spiegelt sich in den sehr unterschiedlichen Einführungen wider. Studierende wünschten sich ein Buch, das sie mit Praktiken der Analyse und Beschreibung von alltäglicher Kommunikation in ihnen bekannten Handlungsfeldern bekannt macht. Aufseiten der Lehrenden war vom Wunsch nach einem Buch zu hören, das Theorieansätze in ihren Grundzügen vorstellt, die auf ihre praktische Relevanz hin mit Studierenden geprüft werden könnten. Bei den über das Lehrfach hinaus interessierten Personenkreisen wurde angeregt, darüber nachzudenken, ob es nicht eine Darstellung geben könne, die einerseits mehr Verständnis für Kommunikation ermöglicht und andererseits auch die Schwierigkeit, über Kommunikation wissenschaftlich reden zu können, plausibel macht; jeder glaube, über Kommunikation reden zu können.

In den vorhandenen einführenden Darstellungen der vergangenen Jahre wird zum einen auf die Vielfalt der Interessen verwiesen, zum anderen orientieren sich die Einführungen an einer für sie wichtigen Bezugsdisziplin. Im deutschen Sprachraum waren das lange Zeit die Signaltheorie der Informatik und zeitlich fast parallel dazu die Psychologie und Psychotherapie. In den 80er Jahren galten als Reaktion auf die Bildungsreformen die Pädagogik und Soziologie als wichtige Bezugsgrößen für ein Nachdenken über Kommunikation. Seit den 90er Jahren findet ein grundlegender Wandel in den Medien statt, sodass die Medienwissenschaft die Aufmerksamkeit auf Kommunikation bindet. Parallel dazu hat die Sozialwissenschaft aufgrund ihrer Methoden großen Einfluss auf die Kommunikationsforschung genommen.

Die Idee für die hier vorgelegte Hinführung besteht darin, den Blick auf das Kommunikationsereignis in der Alltagswelt durch typische Sichtweisen einzelner Fachdisziplinen zu weiten. In Verbindung mit einem Kommunikationsbeispiel aus dem alltäglichen Umfeld soll fallweise herausgearbeitet und gezeigt werden, welche Merkmale von Kommunikation dadurch sichtbar gemacht werden und welcher Anspruch auf Gültigkeit mit diesen verbunden werden kann.

Dabei gilt die Grundannahme, wer sich auf Kommunikation wissenschaftlich einlässt, muss respektieren, dass Kommunikation ein flüchtiges Ereignis ist und sich nicht einfach in die Hand nehmen lässt, nicht durch ein Mikroskop betrachtet werden kann oder in chemische Elemente zerlegbar ist. Als mediales Ereignis ist Kommunikation an Raum, Zeit und Akteure gebunden. Die Akteure sind als Personen oder Institutionen fassbar. Ihr Handeln vollzieht sich in Räumen, die oft dafür geschaffen wurden, z.B. Schule, Gericht, Arztpraxis. Das Handeln ist sehr oft an bestimmte Zeiten gebunden, z.B. Sprechstunde, Seminarsitzung, Vollversammlung der Studierendenvertretung. Hier werden Dokumente erzeugt, die nach dem Kommunikationsereignis aufbewahrt werden, z.B. Protokolle, Berichte, Nachrichten in Massenmedien. Das alles kann nur stattfinden, weil es unter den Akteuren Erfahrungen im Umgang miteinander und ein Wissen übereinander gibt.

Im Buch werden Beschreibungsansätze ausgewählt und vorgestellt, an denen gelernt und geübt werden kann, solche Bedingungen zu erkennen, welche das kommunikative Verhalten für die beteiligten Akteure gegenseitig als Handeln abschätzbar macht. Was der Andere tut, ist nicht ohne weiteres als bestimmte Handlung identifizierbar. Es muss einen Kontext für das Tun geben, der bekannt ist. Kommunikation setzt Medien voraus, und diese nutzen Techniken. Das kann nur funktionieren, wenn es Zeichen gibt, deren Nutzung unter den Akteuren eingeübt worden ist. Der ganze Aufwand wird gemacht, weil Bedürfnisse vorhanden sind, die ohne die Anderen nicht befriedigt werden können.

Kommunikation ist ein komplexes Ereignis, das von den Akteuren vielfältigste Entscheidungen abverlangt. Um Kommunikation wissenschaftlich zu beschreiben, bedarf es daher theoretischer Konzepte und dazu passender Methoden. In den verschiedenen Einheiten wird darauf sukzessive eingegangen.

Den Ausgangspunkt bilden Fragen nach dem Verhältnis von Kommunikation und Wissenschaft in der gesellschaftlichen Diskussion (Einheit 1) und in den Lebenswelten des Alltags (Einheit 2). Der bekannteste Zugang zur Kommunikation erfolgte über die Nachrichtenübertragung und das Nachdenken darüber, wie Daten über weite Strecken hinweg versendet werden können (Einheit 3). Das kann nur funktionieren, wenn das dabei Vermittelte auf Mitspieler trifft, die aus dem Gesendeten Nachrichten generieren können (Einheit 4). Hier nun zeigt sich, wie erfinderisch Akteure im Laufe der Kulturgeschichte waren und gegenwärtig noch sind (Einheit 5). Das alles ist nur möglich, weil Gesellschaften und ihre Mitglieder Praktiken zur gemeinsamen Bewältigung ihrer Lebenswelten entwickeln (Einheit 6). Zu diesen Praktiken gehört die Nutzung von Signalen und mit ihnen verbundene Erklärungsmodelle, die das Verstehen von Kommunikation beeinflussen und damit verbundene Erwartungen verknüpfen (Einheit 7). Kommunikative Praktiken basieren nicht nur auf dem Zeichenaustausch, sie leben von der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber des Einzelnen. Hier lernt er, ob und wie der Andere reagiert (Einheit 8). Einen weiteren Bezugshorizont, der den Einzelnen beeinflusst bzw. den er wählt, um Einfluss zu nehmen, findet der Einzelne in den gesellschaftlichen Verhaltensmustern und den für sie typischen Umgebungen (Einheit 9). Interessant ist auch die Frage, welche Dynamiken von diesen Bezugshintergründen ausgehen, wer sie auslöst und wie sie steuerbar sind (Einheit 10).

Kommunikation zu beschreiben, setzt handwerkliches Können voraus. Das beinhaltet eine geisteswissenschaftliche Komponente. Kommunikative Praktiken basieren auf Verständigungs- und Verstehensleistungen. Diese setzten das Deuten Können dessen voraus. Was andere für einen tun, spielt eine zentrale Rolle. Daher bedarf es einer Auseinandersetzung mit dem, was Interpretieren genannt wird (Einheit 11). Das kommunikative Ereignis ist ein flüchtiger Prozess, der zeitlich gebunden nicht wiederholbar ist. Dieser Vorgang lässt sich heute auditiv und bildlich, analog oder digital festhalten. Ein solches Dokument kann in Text umgewandelt werden. Dieser bietet sich dann als eine Grundlage für neuerliche Interpretationen an (Einheit 12). Kommunikation durchzieht alle Lebensbereiche und erzeugt vielfältigste Dokumente, die nicht nur klassisch interpretatorisch erschließbar sind, sondern auch mithilfe quantifizierender Verfahren Einsichten in kommunikatives Handeln ermöglichen (Einheit 13).

Die Darstellung endet mit dem Blick auf Praktiken der Kommunikationsberatung, wie sie vor allem in den USA entstanden und heute auch hier bei uns zur Selbstverständlichkeit geworden sind (Einheit 14).

Kommunikation und Wissenschaft

Inhalt

 1.1 Interessen an der Kommunikation 2

 1.2 Das Fach Kommunikationswissenschaft 3

 1.3 Die Breite des Faches Kommunikationswissenschaft 7

 1.4 Sich der Kommunikationswissenschaft annähern 9

 1.5 Literatur 16

 1.6 Problemstellung und Fragen 17

Überblick

Kommunikation ist immer und überall präsent. Die Wissenschaft geht damit sehr unterschiedlich und hoch ausdifferenziert um. Wenn allgemein von Kommunikation geredet wird, dann steht Kommunikation für Verständigung, Beziehungspflege und Durchsetzungsvermögen. Die Wissenschaft zur Kommunikation wird eher in der Medienwissenschaft vermutet. Gesellschaftlich ist das Interesse stark auf die technische mediale Seite ausgerichtet, die Psychologie der Kommunikation wird eher als Bildungsgegenstand der Kompetenzförderung betrachtet. Dabei stellt Kommunikation vielfältigste Anforderungen an den Alltag beginnend im privaten Umfeld und weiterreichend in die institutionellen und politischen Kontexte der Gesellschaft. Dort haben sich unübersehbar viele Praktiken entwickelt, die in Kulturen sichtbar sind und gelebt werden. Die Herausforderung für die Wissenschaft besteht darin, aufzuzeigen, wie diese Praktiken beobachtet, beschrieben und analysiert werden können und welche Schlüsse daraus für die betroffenen Akteure gezogen werden können.

Interessen an der Kommunikation

Wo wird Kommunikation zu einem Thema? Das Thema Kommunikation interessiert den Einzelnen genauso wie Organisationen und Institutionen und zwar unter dem Aspekt, wie Aufgaben im persönlichen Alltag, Beruf und in der Gesellschaft kommunikativ möglichst optimal gelöst werden können. Ärzte zum Beispiel lernen in Kursen, wie sie mit ihren Patienten in der Sprechstunde umzugehen haben: Die Patienten sollen sich ernst genommen fühlen und vom Arzt das erfahren, was sie über ihre Krankheit wissen müssen. Verkaufseinrichtungen schulen ihr Personal darin, das Interesse von Kunden zu wecken und sie an das Unternehmen zu binden. In Verkaufsschulungen werden Verkäufer trainiert, wie Kunden angesprochen werden sollten, um ihnen ein Produkt nahe zu bringen und sie zum Kauf zu motivieren. Sogar der Umgang mit Kundschaft an Supermarktkassen ist ein Übungsfeld für die Kassiererinnen. In eigens dafür eingerichteten Kursen werden mit ihnen Verhaltensregeln eingeübt. Themen wie Freundlichkeit, Höflichkeit und Geduld gehören in das Repertoire solcher Übungen. In Betrieben wird das Leitungspersonal auf Schulungen geschickt, um zu lernen, wie sie mit ihren Mitarbeitern möglichst konfliktfrei zusammenarbeiten können.

Für die Bildung spielt Kommunikation eine zentrale Rolle, weil Unterrichten und Lehren zunehmend als dialogisches Handeln gesehen wird. Erhofft wird, dass die Lernenden zum Vermittelten leichter einen Zugang finden und selbst in die Lage versetzt werden, das nicht Verstandene dem Lehrenden anzeigen zu können. Der Einzelne erfährt in seinem Alltag, dass Kommunikationsfähigkeit eine Schlüsselfunktion hat. Ständig wird er mit Situationen konfrontiert, die er kommunikativ lösen muss. Das geschieht nicht nur mündlich, sondern bedingt durch die elektronischen Medien in gleichem Maße auch schriftlich. Ihm werden entsprechend zahlreiche Bildungsangebote gemacht, wie er sich richtig im Umgang mit Anderen verhalten kann, die angemessenen Themen findet und die richtige Argumentation wählt. Wichtig erscheinen der Umgang mit Konflikten und das Finden einer kommunikativen Lösung. Ebenso kann er lernen, wie er sich im Internet effektiv darzustellen kann und einen Freundeskreis findet und pflegt.

Das Fach KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaftFach

Kommunikationswissenschaft zu studieren, ist ein beliebter Studienwunsch, aber was bedeutet eigentlich Kommunikation, wenn sich Wissenschaft ihr zuwendet? Schmidt und Zurstiege (Schmidt und Zurstiege 2000b, S. 9–57) Schmidt, Siegfried J.Zurstiege, Guido sprechen in der Einleitung ihrer Einführung zur Kommunikationswissenschaft davon, dass sich diese Wissenschaft mit etwas ganz Faszinierendem im Leben eines jeden beschäftige und sie charakterisieren dieses als den Stoff, aus dem Lebenswelt, Gesellschaft und Kultur bestehen. Alle möglichen Lebensbereiche weisen engste Verbindungen zur Kommunikation auf und erwecken so den Eindruck, alles sei Kommunikation. Dieser offenen Lesart steht ein Verständnis gegenüber, das Kommunikation auf Schlüsselbegriffe wie Sprecher und Hörer, Kanal und Medium, Botschaften, die gesendet und empfangen werden, verengt.


Siegfried J. Schmidt (*1949)

Germanist, Professor für Kommunikationstheorie und Medienkultur, Schwerpunkte: empirische Literaturwissenschaft, Texttheorie und Kommunikationswissenschaft


Guido Zurstiege (*1968)

Professor für Medienwirtschaft, Schwerpunkte: Empirische Medienforschung, Kommunikationstheorie sowie Rezeptions- und Wirkungsforschung

Bild in der ÖffentlichkeitKommunikationswissenschaft wird in der Öffentlichkeit nicht vorrangig mit den genannten Aspekten identifiziert. Schmidt und Zurstiege (2000a, S. 11) knüpfen an Diskussionen über die Medien- und Kommunikations- oder Informations- und Kommunikationsgesellschaft an. Wenn wir uns im Freundeskreis als Kommunikationswissenschaftler zu erkennen geben, kommt es zu Kommentaren wie „Ach, Sie machen Fernsehen!“ oder „Machen Sie uns mal einen Flyer!“ bzw. „Schauen Sie sich mal unseren Webauftritt an! Wie könnten wir ihn besser machen.“ Gleichzeitig spricht derselbe Kreis vom Axiom des „Nicht-nicht-Kommunizieren-Könnens“ des Watzlawick (1969, S. 4–26) Watzlawick, Paulund der Beziehungskommunikation eines Schulz von Thun (1982) und wie wichtig sie diese für ihren Alltag halten.


Paul Watzlawick (1921–2007)

Österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut und Soziologe, Mitbegründer der Palo Alto Schule


Friedemann Schulz von Thun (*1944)

Psychologe und Kommunikationswissenschaftler

In den sich daran anschließenden Gesprächen wird offenkundig, dass wenig Wissen darüber besteht, womit sich Kommunikationswissenschaft beschäftigt. Wer Kommunikationswissenschaft beispielsweise mit der Medienrezeptionsforschung verbindet, sieht darin Befragungen über Medienverhalten und rückt das Fach in die Nähe der Meinungsforschung. Im Fall einer psychologischen Orientierung wird an das viel zitierte „Vier-Ohren-Modell“ Schulz von Thun (1982, S. 13–15) Schulz von Thun, Friedemanngedacht und es finden sich Kommentare wie, man sei ein Typ, der eher beziehungsorientiert und weniger sachorientiert kommuniziere. Kommunikationswissenschaft ist keine klassische Disziplin. Sie kann sich nicht wie etwa die Physik, Biologie oder Mathematik auf eine lange Tradition in der Entwicklung von Theorien und Methoden beziehen. Sie wird auch nicht automatisch mit einer Geisteswissenschaft wie der Germanistik, Philosophie oder Soziologie gleichgesetzt. Am ehesten gibt es im öffentlichen Bewusstsein Verknüpfungen zur Psychologie und in den letzten Jahren zur Medienforschung.

Erklärung

Das Fach hat viele Gesichter. Wenn Kommunikation den Stoff bietet, aus dem sich Lebenswelt, Gesellschaft und Kultur speisen, dann verwundert es nicht, dass sich eine Kommunikationswissenschaft vielfältigen und sehr unterschiedlichen Bereichen zuwendet. Entsprechend verschiedenartig sind die Gegenstände der Beobachtung und das Forschungsinteresse, das dem Verhalten von Personen gilt, dem Erscheinungsbild von Druckerzeugnissen oder Bildproduktionen gewidmet wird oder sich mit bestimmten thematischen Feldern wie Politik und Kultur auseinandersetzt. Damit verbunden sind ganz spezielle Methoden, die sich teilweise sehr deutlich voneinander unterscheiden. Kommunikationswissenschaft ist ein Sammelbegriff für Programme, die sich darin unterscheiden, wie sie das Thema der Kommunikation wissenschaftlich aufnehmen und behandeln.

Kommunikation wird in der gegenwärtigen Gesellschaft als fundamentale Bezugsgröße wahrgenommen. Daher überrascht es nicht, dass 2007 der deutsche WissenschaftsratWissenschaftsrat (Wissenschaftsrat 21.05.2007) die gesellschaftliche Bedeutung der Kommunikationswissenschaft betont hat und glaubt, dass von ihr „wesentliche Impulse für kulturelle, ökonomische und technische Entwicklungen“ ausgehen werden und „eine enorme Nachfrage“ zu erwarten sei. Vorgeschlagen wird, die Kommunikationswissenschaft in eine sozialwissenschaftlich orientierte Kommunikationswissenschaft, eine kulturwissenschaftliche Medialitätsforschung und in eine an der Informatik ausgerichtete Medientechnologie zu unterteilen. Dabei wird darauf hingewiesen, dass in Deutschland, im Gegensatz zu den USA, die Teilbereiche kaum vernetzt sind. Dem wird gegenwärtig versucht, durch eine besondere Forschungsförderung entgegenzuwirken.

Wissenschaftsrat

Der Wissenschaftsrat ist ein wichtiges Beratungsgremium. Er wurde am 5. September 1957 gegründet und berät Bund und Länder in Fragen der Weiterentwicklung des Hochschulsystems sowie der staatlichen Förderung von Forschungseinrichtungen. Er hat seinen Sitz in Köln.

Ursprünge des Faches

PrintmedienWenn nach den Anfängen des Faches gesucht wird, so werden europäische Emigranten genannt, die in den 1930er Jahren in die USA ausgewandert sind, dort 1924 die Zeitschrift Journalism BulletinJournalism Bulletin gegründet haben und sich erstmals zum Ziel gesetzt haben, die Printmedien wissenschaftlich zu begleiten. Im Zusammenhang damit entstand die erste Schule zur Ausbildung von Journalisten. In Deutschland erfolgte zwei Jahre später die Gründung der Zeitschrift ZeitungswissenschaftZeitungswissenschaft. Sie versuchte, ganz ähnlich wie in den USA, die Pressearbeit journalistisch und wissenschaftlich im Blick zu behalten. Parallel dazu muss die Entwicklung des Rundfunks sowie die zunehmende Bedeutung des Films in der breiten Öffentlichkeit gesehen werden. Es bildete sich durch die Erweiterung der Zeitungswissenschaft die Publizistikwissenschaft heraus. Sie widmete sich der Erforschung der Wirkung öffentlicher Reden auf die Rezipienten. Im Zentrum stand die Frage nach der Beeinflussbarkeit der Rezipienten. Den Schwerpunkt bildeten Diskussionen darüber, ob Rundfunk und Film das Verhalten der Masse beherrschen können.

Kommerzielle InteressenEs zeigte sich bald ein großes kommerzielles Interesse, was einen entscheidenden Schub in der Entwicklung des Fachs auslöste. Die Wirtschaft erkannte, dass mit den Medien Möglichkeiten der Werbung für ihre Produkte geschaffen wurden. Wissenschaftlich fanden darüber ab 1937 in der Zeitschrift Public Opinion Quarterly intensive Diskussionen statt. Diese wurden von der Soziologie, Psychologie und der Betriebswirtschaft aufgenommen und systematisch verfolgt. In Deutschland wurde nach dem Krieg 1956 mit der Gründung der Zeitschrift PublizistikPublizistik der Weg frei, um das, was in den USA entwickelt worden war, aufzunehmen und auf die speziellen Problemstellungen der neu gegründeten Bundesrepublik und auf die damit verbundenen Einführung der Rundfunkorganisation zu übertragen. Damit wird auch verständlich, warum der Begriff Kommunikationswissenschaft so eng mit der Medien- und Medienrezeptionsforschung assoziiert und in Deutschland vielfach gleichgesetzt wird.

Die wissenschaftliche Grundlegung des Faches fand nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA statt. Dort wurden systematische Forschungen begonnen und präzise Frage- und Problemstellungen entwickelt. Das wurde durch die Öffnung hin zu den Disziplinen Psychologie und Soziologie verstärkt. Ausdruck fand diese Tendenz in der Gründung des Journal of CommunicationJournal of Communication 1951. Die Etablierung des Communication Yearbook of International Communication AssociationCommunication Yearbook of International Communication Association im Jahr 1978 schloss diese Entwicklung dann ab.

Communication Yearbook of International Communication Association

Communikation Yearbook veröffentlicht State-of-the-Disziplin Literatur, Rezensionen und Essays. Es agiert sowohl hoch international als auch interdisziplinär, mit Autoren und ihren Werken, die die breiten globalen Interessen der International Communication Association (ICA) vertreten. ICA ist eine wissenschaftliche Vereinigung für interessierte Wissenschaftler in der Studie, Lehre und Anwendung aller Aspekte der menschlichen und vermittelten Kommunikation.

PsychologieGrundlegend für die eigenständige, wissenschaftliche Entwicklung war die Forschung auf der Basis von empirischen Methoden. Das hatte sehr konkrete Hintergründe. Schnell wurde nämlich erkannt, dass sich die Wirkung von Medien nicht allein mit rhetorischen Stilen befriedigend erklären ließ. Dramatische Fehleinschätzungen bei Wahlvoraussagen zwangen die Medienforschung dazu, Verfahren aus der Psychologie und Sozialwissenschaft in die Kommunikationswissenschaft zu integrieren, um gesicherte Aussagen über die Wirkung von Äußerungsformen machen zu können.

Kommunikationswissenschaft verbindet sich daher seit den 1960er Jahren in den USA eindeutig mit Methoden, wie sie aus der Sozialforschung heraus entwickelt worden sind. Diese sollten dazu beitragen, gesicherte Aussagen über die Medienwirkung machen zu können. Ein weiterer Entwicklungsschub erfolgte durch die Adaption der nachrichtentechnischen Modellierung von Kommunikation in der Psychologie und Psychotherapie. Damit öffneten sich völlig neue Felder im sozialen und allgemeinen gesellschaftlichen Bereich, in denen sich ganz spezifische Fragestellungen auftaten und Methoden der Bezugsdisziplinen einen Forschungszugang ermöglichten.

Thematische FelderIm Jahrbuch der International Communication AssociationJahrbuch der International Communication Association wird 2004 eine Liste veröffentlicht, die Teildisziplinen der Kommunikationswissenschaft benennt: KommunikationswissenschaftArbeitsfelder


Information Systems Interpersonal Communication Mass Communication Organizational Communication Intercultural and Developmental Communication Political Communication Instructional and Developmental Communication Health Communication Philosophy and Communication Communication and Technology Popular Communication Public Relations Feminist Scholarship Communication Law and Policy Language and Social Communication Visual Communication Informationssysteme Interpersonale Kommunikation Massenkommunikation Organisationale Kommunikation Interkulturelle und Entwicklungskommunikation Politische Kommunikation Unterrichts- und Entwicklungskommunikation Gesundheitskommunikation Philosophie und Kommunikation Kommunikation und Technik Alltagskommunikation Öffentlichkeitsarbeit Feministisches Stipendium Rechts- und politische Kommunikation Sprache und soziale Kommunikation Visuelle Kommunikation

Die Ansätze zeigen einen hohen Differenzierungsgrad einzelner Teilbereiche und geben Hinweise auf die innerfachlichen Entwicklungen sowie die dort bestehenden Schwerpunktthemen. Wenn nach Gemeinsamkeiten bzw. gemeinsamen Ausgangspunkten gesucht wird, lassen sich die verschiedenen Ansätze übergreifend in drei Themenschwerpunkten einer Kommunikationswissenschaft erfassen:

 Öffentliche Kommunikation

 Interpersonelle Kommunikation

 Organisationale Kommunikation

Die Kommunikation im öffentlichen Raum umfasst das, was vor allem durch die Medien beherrscht wird und dort ganz eigenständige Entwicklungen im Rahmen der Medienwissenschaft bewirkt hat. Das thematische Feld der interpersonellen Kommunikation begleitet die alltägliche Kommunikation und wird in hohem Maße von der Psychologie erforscht. Die organisationale Kommunikation ist eng mit der Erforschung institutioneller Zusammenhänge verbunden und wird stark durch Ideen der Soziologie geprägt.

Die Breite des Faches Kommunikationswissenschaft

Wenn die Vorstellung der International Communication Association mit den Vorschlägen des WissenschaftsratesWissenschaftsrat verglichen wird, fällt eine Schwerpunktverschiebung und eine thematische Einengung auf. Der Rat versteht die interpersonelle Kommunikation im Sinne einer sozialwissenschaftlichen Kommunikationswissenschaft und legt sich dadurch auf ein wissenschaftliches Paradigma fest, welches die empirischen, quantitativen Methoden präferiert. Eine Verengung bedeutet auch die Fokussierung auf eine informatikorientierte Medientechnologie, denn hier wird ein Spezialbereich der Technik zu einem eigenständigen Feld in der Kommunikationswissenschaft erklärt. Niemand bezweifelt, dass die Kommunikation aufgrund der Computertechnologie grundlegende Veränderungen erfahren hat. Problematisch erscheint jedoch eine Fokussierung auf Techniken des digitalen Austauschs. Kommunikation zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie vielfältigste Technik(en) nutzt. Sie darf aber nicht mit den von ihr verwendeten materiellen Mitteln bzw. Instrumenten verwechselt werden. Das Handy ist keine Kommunikation, sondern schafft Bedingungen für diese. Interessant sind die dabei eintretenden Verhaltensmodifikationen. Das gilt im Übrigen auch für die Weiterentwicklung des Geräts selbst wie auch für das konkrete Verhalten der Nutzer, das sich in Abhängigkeit zu immer wieder auftretenden Situationen verändern kann.

Das Einbeziehen der kulturwissenschaftlichen Medialitätsforschung in das Fach Kommunikationswissenschaft ist für eine Weiterentwicklung des Faches wichtig und vielversprechend. Kulturelle Ereignisse werden zunehmend als Prozess der gesellschaftlichen Selbstfindung wahrgenommen und genutzt. Während noch bis in die 1970er Jahre hinein Kultur als ein eher schichtenspezifisches Phänomen galt, hat sich der Kulturbegriff seit den 1990er Jahren so weit geöffnet, dass eine Vielzahl gesellschaftlicher Ereignisse darunter subsumiert werden und eben nicht nur die bildenden Künste. Grundsätzlich finden sich bei den geisteswissenschaftlichen Disziplinen Anschlussmöglichkeiten für die Entwicklung im Fach Kommunikationswissenschaft. Sie bieten im Methodischen Werkzeuge, die gegenüber den empirisch quantitativ ausgerichteten medial- und sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen eine Erweiterung des Beschreibungsspektrums bedeuten.

Erklärung

Kommunikationswissenschaft ist eine dynamische und im Grundverständnis interdisziplinär angelegte Fachdisziplin, deren Stärke in ihrer Interessensbreite liegt und die damit eigentlich auf Kooperation mit anderen Fächern angelegt ist. Sie ist eine Wissenschaft, die in Abhängigkeit von der Konfiguration ihrer wissenschaftlichen Umgebung sehr unterschiedliche Ausprägungen zulässt. Kommunikation ist immer Teil des allgemeinen Handelns. Insofern ist es kaum vorstellbar, über Kommunikation wissenschaftlich nachzudenken und zu reden, ohne sie im Verhältnis zu Theorien über das Handeln zu verorten. In Abhängigkeit zu dem, wie Handeln erklärt wird, lässt sich Kommunikation als eine Praxis im gesellschaftlichen Alltag verorten, zu der es noch viele unbeantwortete Fragen gibt.

Erkenntnisse aus verschiedenen DisziplinenGrundsätzlich gilt für eine Kommunikationswissenschaft, dass sie sich als Grundlagenwissenschaft mit der Semiotik als Bezugswissenschaft auseinandersetzen muss. Denn diese versucht zu erklären, wie und warum es mithilfe von Zeichen gelingt, das Miteinander von Individuen und Institutionen zu organisieren. Von der Kommunikationswissenschaft kann erwartet werden, Aussagen darüber zu machen wann und warum es in den verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen zum Austausch von Zeichen kommt und unter welchen Bedingungen dieser als erfolgreich eingeschätzt wird. SemiotikBeobachtet werden muss im Rahmen kommunikationswissenschaftlichen Arbeitens, was den Einzelnen zum kommunikativen Handeln mit den realen oder nur vorgestellten Anderen motiviert. Diese agieren nicht als isolierte Individuen, sondern sind Teil umfassender gesellschaftlicher Verhältnisse. Hierbei kann eine Kommunikationswissenschaft auf Diskussionen und Erkenntnisse in der Soziologie zurückgreifen. Denn diese geht Fragen nach, ob und wie auf der Basis von Kommunikation Gesellschaft überhaupt ermöglicht wird.

PsychologieAls fundamental werden die Einsichten in die Kommunikation eingeschätzt, die aus den Arbeiten der Psychologie hervorgegangen sind. Ein zentraler Fokus lag dabei auf dem Einzelnen und seinem Verhältnis zu seinen persönlichen Umwelten. Diese haben sich in medialen Bereichen stark verändert, sodass die Entwicklung in der Medientechnologie weiße Flecken bedingt hat, auf die eine kommunikationspsychologische Forschung Antworten finden will.

Hans Strohner (1945–2006), Professor an der Universität Bielefeld, Schwerpunkte: Text-, Kognitions- und Psycholinguistik

Kommunikationswissenschaft kann zu Erkenntnissen gelangen, bei denen Strohner (2006, 15–16; 467) Strohner, Hansbetont, dass ihre Verbreitung über die Wissenschaft hinaus von Bedeutung sein kann und ein Missbrauch nicht ausgeschlossen ist. Sie muss sich deshalb auch der Verantwortung dafür bewusst sein. Bei der Werbung und in der Politik sind Einsichten vorstellbar, die nicht nur zum Vorteil des Anderen genutzt werden können. Das Problem ist aus Diskussionen in der Medizin bekannt. Auch die Kommunikationswissenschaft braucht einen ethischen Diskurs.

Sich einer Kommunikationswissenschaft annähern

Nachdem Kommunikationswissenschaft kein Fach ist, das sich durch nur eine Theorie und eine Methodik erschließt, ist eine Einführung nur als Hinführung bzw. als eine wissenschaftliche Annäherung an das Themenfeld Kommunikation möglich. Das kann nicht ohne eine subjektive Perspektivenverkürzung geschehen. Man muss das nicht als Einschränkung sehen, wenn bewusst bleibt, dass der Weg zum Verstehen von Kommunikation verschlungener ist, als das mit dieser Annäherung erfasst werden kann. Sie folgt der Spur, Kommunikation im Handlungsfeld zu erfahren.

AkteureWer kommuniziert, setzt voraus, dass es zumindest einen Anderen gibt, der mit ihm in Verbindung tritt, wie auch immer das geschieht und was es konkret bedeuten kann. Die Frage nach dem Anderen lässt sich aber sehr unterschiedlich stellen. Die interpersonelle Kommunikation blickt anders darauf als die massenmedial organisierte. Erstere fragt, was der Andere will und wie mit ihm kooperiert werden könnte. Die massenmediale Kommunikation bedingt ein Nachdenken darüber, wie Ideen von Individuen, die gar nicht oder nur bedingt bekannt sind, so angesprochen werden können, dass sie sich auf das Geäußerte einlassen. Das Medium der Vermittlung funktioniert anders als bei einer Face to Face Begegnung. Der Raum der Öffentlichkeit erzeugt eigene Bezugsrahmen und unterscheidet sich von der privaten und persönlichen Umgebung. Die Perspektive auf den Einzelnen ändert sich, wenn wir betrachten, wie das Individuum in einer Organisation seinen Part wahrnimmt bzw. wie sie mit ihm als Teil derselben agiert. Er steht einem „abstrakten“ Partner gegenüber, wenn ihm in einem Schreiben von seinem Rathaus mitgeteilt wird, er habe sich ordnungsgemäß in dieser Kommune anzumelden. Wer der Einzelne ist, darüber wird wieder anders nachgedacht, wenn ich mich in einem Online Chat als Partner eines mir Unbekannten wahrnehme.

FormateKommunikation setzt etwas gegenseitig Erwartbares voraus. Das können formale Eigenschaften sein, die immer wieder auftreten. In einem institutionellen Kontext weisen sich die Interaktanten regelmäßig Rollen zu. Eine Gerichtsverhandlung folgt einer festgelegten Ordnung. Die Handlungen des Einzelnen sind nicht frei wählbar, sondern erfolgen in Abhängigkeit zu der jeweils zugewiesenen Rolle als Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Angeklagter. Der kommunikative Ablauf entspricht einer gesetzlich vorgegebenen Ordnung, von der nicht ohne weiteres abgewichen werden darf. Auch in religiösen Kontexten ist dies deutlich sichtbar, z.B. in Gottesdiensten. In der Alltagskommunikation erscheinen solche Regeln offener. Gespräche lassen sich in Abhängigkeit zu Stimmungen auf die eine oder andere Weise führen. Allerdings fällt auch hier auf, dass sie in Abhängigkeit zu der aktuellen Situation vom Angesprochenen unterschiedlich angenommen werden können und keineswegs gesichert ist, dass die gewählte Form beim Angesprochenen gut ankommt. Kommunikatives Handeln erzeugt eigenmächtige Wirkungen.

WirkzusammenhängeSeit der Antike beschäftigen sich Gesellschaften mit der Frage nach der Wirkung öffentlicher Reden. Daraus ist ein eigenständiges Fach entstanden, die Rhetorik. Sie hat Formen entwickelt, wie vor Gericht oder in politischen Versammlungen geredet werden sollte, um akzeptiert zu werden und die Meinung der Anwesenden für sein Anliegen zu gewinnen. Die Erfindung des Radios hat bei Politikern das Interesse geweckt, mehr darüber zu erfahren, wie sie durch dieses Medium ihre Wähler ansprechen und für ihre Anliegen gewinnen können. Die Ausweitung des Mediums durch den Film und das Fernsehen hat die Aufmerksamkeit der Wirtschaft geweckt, weil sie mithilfe von Werbung Käufer zu gewinnen hofft. Knape (2005) Knape, Joachim lässt darüber diskutieren, welche Handlungsformen sprechen in welchem der Medien die Rezipienten an. Das setzt Wirkungsforschung voraus. In der Neuzeit vornehmlich seit den 1960er Jahren hat die Psychologie die Wirkweisen kommunikativen Verhaltens in den Bereich des Privaten, der Zweierbeziehung, der Familie oder kleiner Gruppen zu beobachten begonnen und sich gefragt, welche Verhaltensformen unerwünschte Wirkungen auf die Anderen auslösen und zu Konflikten führen. Für Überraschung sorgen die sozialen Netzwerke in der Gesellschaft. Sie lösen Effekte aus, die im privaten und öffentlichen Raum immer wieder für Unruhe sorgen und über deren Wirkweisen noch wenig bekannt ist.


Joachim Knape (*1950)

Deutscher Literaturwissenschaftler, Schwerpunkte: Rhetorikgeschichte und Rhetoriktheorie

MediatisierungMediatisierungKommunikation wirft immer die Frage auf, wie eine Nachricht weiter gegeben wird. Was geschieht mit dem, was an jemanden gesendet wird und wie muss es arrangiert worden sein, damit er daraus das erschließt, was der Sendende sich wünscht? Missverständnisse sind dabei nicht zu verhindern, das gilt nicht nur für den persönlichen Bereich, sondern ist auch in öffentlichen Kontexten ein Problem. Eine Nachricht verändert sich auf ihrem Weg zum Anderen und verfehlt unter Umständen ihr Ziel oder sie wird bei der Übermittlung durch andere bewusst manipuliert. Zu erklären ist, wie es zu solchen Veränderungen kommen kann. Denn dasselbe, was gesagt oder geschrieben worden ist, verstehen die Angesprochenen ganz unterschiedlich und ziehen so nicht vorhergesehene Schlüsse daraus. Das alles geschieht, wie Krotz (2007) zeigt, in einer Welt sich ständig verändernder Medien. Höflich (1996) Höflich, Joachimberichtet, als das Telefon eingeführt wurde, war es ein Kommunikationsmedium für Behörden, Organisationen und Betriebe. Entsprechend eingeschränkt war die kommunikative Nutzung, es ging um Nachrichten offizieller Belange von betrieblichen und behördlichen Einrichtungen. Erst mit der Glasfasertechnik konnte ein Angebot geschaffen werden, dass erlaubte, private Haushalte an das Medium anzuschließen und durch die günstigen Preise zu ermöglichen, beliebig viel zu telefonieren. Es entwickelte sich eine eigene Gesprächskultur am Telefon, die mit dem Handy eine Weiterentwicklung erfahren hat. Jetzt kann immer und überall mit Anderen über alles gesprochen werden und das geschieht in einem nicht mehr dafür eingerichteten Raum wie einer Telefonzelle. Handys erlauben es, Fotos und Mitschnitte von Episoden zu versenden und erzwingen damit neue Kommunikationsformen.


Joachim R. Höflich (*1954)

Professor für Kommunikationswissenschaft, Schwerpunkte: interpersonale Kommunikation und Medienintegration

Ein erneuter Wandel vollzog sich mit neuen Nutzungsmöglichkeiten des Internets. Höflich (2016) sieht, wie dem Einzelnen und der Art seiner Präsenz im Internet eine besondere Rolle zukommt. Wenn wir uns in einem Chatroom bewegen, ist aber nicht mehr sicher abschätzbar, wer mit uns in Kontakt getreten ist. Obwohl sich ein Gegenüber als Individuum darstellt, ist unklar, um „was“ es sich dabei handelt. Denn es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Interaktion mit einer Maschine erfolgt. Das passiert, wenn beispielsweise eine Auskunft eingeholt wird und der Auskunft Gebende, der freundlich mit dem Anrufer spricht, ein Rechner ist. Ein anderes Beispiel für solche Veränderungen ist die heute selbstverständlich gewordene E-Mail. Sie wurde zu Beginn als Ersatz für einen Brief kommuniziert und entwickelte sich rasch zu einem beliebten Kommunikationsmittel, dass wegen seiner zeitlichen Nähe zum Kontaktpartner bis heute geschätzt wird.

DatentransferKommunikation wird konkret fassbar als eine Welt voller Daten. Sie werden in einer Vielfalt von Zeichen an uns herangetragen bzw. sie umgeben uns ständig und das erfolgt in den unterschiedlichsten Ausformungen. Daher gilt es zu klären, wie Daten für das Kommunizieren genutzt werden. Sie sind nicht einfach da, hinter ihnen stehen tatsächliche oder gedachte Individuen, welche mit ihnen jemanden zu etwas bewegen wollen. Wie erreichen diese Akteure sich mit den Daten gegenseitig so, dass kalkulierbar erscheint, wie mit ihnen umgegangen wird? Eine kommunikationswissenschaftliche Diskussion wird daher mit Akteuren konfrontiert, die voneinander etwas wollen. Zentral ist die Frage, wie sie das anstellen, um erfolgreich zu sein. Wie nutzen sie Daten und warum können sie sich darauf verlassen? Welche Fähigkeiten müssen sie sich gegenseitig unterstellen, denn die Umwelt stellt vieles als Daten zur Verfügung? Woher kommt das Wissen darüber, welche der Daten zu einem bestimmten Zweck genutzt werden sollen? Daten müssen daher für den Anderen als etwas erkennbar werden, das anzeigt, dass es auf der anderen Seite jemanden gibt, der ihn mit Daten ansprechen will. In der kommunikationswissenschaftlichen Diskussion tritt der Begriff des Signals auf, um diesen Zusammenhang deutlich zu machen. Signale werden gesetzt, um anderen Hinweise zu geben, wie sie sich in der Umwelt, in der das Signal auftritt, verhalten sollen.

SignalfunktionSignalfunktionDas Erkennen des Signals beinhaltet zugleich ein Wissen darüber, dass es einen Sender gibt, der sich mit dem Signal an einen Empfänger wendet. Signale funktionieren deshalb nicht für sich, sondern sind an bestimmte Umwelten gebunden, in denen ein Sender agiert. Für die Nutzer bedeutet das, sie müssen gelernt haben, Umwelten voneinander zu unterscheiden und solche zu erkennen, die dem Augenblick des Handelns Sinn zuzuschreiben erlauben. Zum Beispiel: Florian zeigt ein Verhalten, das Streit provoziert oder Ausdruck einer Depression ist oder Zeugnis fehlender Disziplin oder etwas nicht näher Bestimmbares. Die Sozialisation eines Einzelnen hilft ihm dabei, Erfahrungen zu sammeln, welche Daten in welcher Umwelt Signalfunktion haben oder nicht. Der Akteur sucht nach Indizien dafür, in welchen Handlungszusammenhängen diese Daten auftreten und mit welcher Bedeutung sie sich dort aufladen. Die kommunikationswissenschaftliche Diskussion hat daher Zusammenhänge aufzudecken, welches Formeninventar in welchen Umwelten auftritt, welche Eigenschaften Daten haben, um als Signal fungieren zu können. Genauso wichtig ist zu analysieren, welche Effekte dabei zu beobachten sind und welche Entwicklungen durch Veränderungen auftreten.

WeltwissenWeltwissenDas wirft die Frage auf, woher die Akteure wissen, wie sie jeweils reagieren sollen. In der kommunikationswissenschaftlichen Debatte werden unterschiedliche Erklärungsansätze diskutiert. Den Akteuren wird ein Wissen unterstellt, welches sie in die Lage versetzt, mit jeweils vorfindlichen Verhältnissen umgehen zu können. In der Soziologie gibt es Ansätze, die davon ausgehen, dass sich in Gesellschaften Systeme entwickelt haben, die Regeln und Verhaltensformen festlegen und so den Akteuren Deutungsmöglichkeiten an die Hand geben. Vieles spricht dafür, dass sich Praktiken unter den Akteuren herausbilden, die über das Situative hinausreichen und unter ihnen Erwartungen aufbauen, die rechtlich abgesichert werden oder politisch erwünscht sind. Wer ein Klassenzimmer als Schüler oder Lehrer betritt, hat gelernt, was er dort darf oder nicht, welches Verhalten Vorteile und welche Nachteile beinhaltet und was von den anderen Akteuren zu erwarten ist. Das wird für die Beteiligten durch die Örtlichkeit bewusst gehalten und umfasst die Themen und Gegenstände, über die gesprochen wird.

Symbolische UmweltSymboleUmweltDie Sozialpsychologie legt die Annahme nahe, dass die uns umgebende Welt mit Bedeutungszuschreibungen geordnet wird und die Bedeutungen durch Interaktionen abgeglichen werden. Auch sie kennt das Phänomen stabil auftretender Handlungsabfolgen und spricht dann von (Ablauf-)Mustern, die regelmäßig mit typischen Handlungen und Handlungsfolgen verbunden auftreten. Für die kommunikationswissenschaftliche Fragestellung sind diese Beobachtungen relevant, weil sie Hinweise darauf geben, von welcher Art Erwartung Akteure im Normalfall ausgehen, wenn sie miteinander interagieren, und wie stabil damit verbundene Erwartungen faktisch sind. Bedeutsam ist ferner die Klärung, woran sie sich orientieren, wenn sie Annahmen bilden, und nach welchem Ablaufmuster sie effektiv agieren können. Diese Frage interessiert auch die digitale Kommunikation, wenn automatische Auskünfte gegeben werden sollen.

KommunikationskompetenzDas Erkennen von gesellschaftlichen, systemisch wirksamen Umwelten bedeutet für das kommunikationswissenschaftliche Beobachten nicht, die Praktiken des Einzelnen nur als Reflex darauf zu analysieren. Das tatsächliche Verhalten des Einzelnen ist vielfältiger und wird nur bedingt durch die genannten Ansätze erklärt.KommunikationKompetenz Welches Aktionspotential dem Akteur zur Bewältigung seiner Umwelt zur Verfügung steht, hängt einerseits von seinem Wissen um systematische bzw. typische Handlungszusammenhänge ab, es wird aber auch von der Fähigkeit beeinflusst, welches strategische Potential ihm zur Verfügung steht, wie gut er mit Anderen, mit Themen, mit situativen Umständen ganz unterschiedlicher Art umgehen kann. Handlungstheorien wollen dem Verhalten einzelner auf die Spur kommen, indem sie aufzudecken und zu klären versuchen, auf welchem Weg der jeweilige Akteur zum Erfolg gelangt oder scheitert. So werden ihm Ziele und Motivlagen unterstellt, oder von einer besonderen Art der Umweltbearbeitung ausgegangen, indem er diese aufgrund von ihm akzeptierter Vorgaben deutet und Handlungskonsequenzen daraus ableitet. Der Charakter solcher Vorgaben wird von einzelnen Theorieansätzen unterschiedlich bewertet.

Erklärung

Interessant sind die Ansätze, die davon ausgehen, dass sich Handeln aus dem Augenblick heraus konstituiert und Ziel und Motiv erst im Nachhinein erkennbar werden. Damit wird eine Erfahrung beschrieben, die besonders in der Alltagskommunikation auftritt. Dieser Aspekt ist für die Kommunikationswissenschaft wichtig, weil er an ein Phänomen anschließt, das jeder kommunikativen Handlungsfolge inhärent ist. Ob der nächste Beitrag in einem Gespräch aus dem Bisherigen erklärt werden kann, ist grundsätzlich immer offen. Bei diffusen Gefühlslagen tritt vermehrt der Effekt ein, dass plötzlich etwas geäußert wird, was nicht zu passen scheint. Gesprächen haftet insofern immer das Gefühl an, mit Unerwartetem konfrontiert zu werden.

BeobachtungsfeldKommunikationBeobachtenDie Kommunikationswissenschaft muss beobachten, wie Akteure miteinander umgehen, wenn sie etwas voneinander wollen, und wie sie sich beobachten, wenn sie gemeinsam etwas tun. Dieser Vorgang erschließt sich aber nicht aus sich selbst, denn, was beobachtet werden kann, hängt von Annahmen und Erwartungen ab, die wissenschaftlich durch die jeweilige Bezugstheorie getragen werden oder alltagspraktisch mit den sozialen Erfahrungen verbunden sind, die sich die Akteure erworben haben. Worauf zu achten ist, erweist sich als Strategie des erfolgreichen Kommunizieren. In der Kommunikationswissenschaft bietet eine Teildisziplin der Theologie und Philosophie dafür Anknüpfungspunkte: die Hermeneutik. Diese versucht zu klären, wie es Leser schaffen, Texten Bedeutung zuzuschreiben und wann und wodurch diese Zuschreibungen Gültigkeit beanspruchen können. Dem liegen Interpretationsprozeduren zugrunde, die Merkmale aus der Umwelt einbeziehen, beispielsweise die besonderen zeitlichen Verhältnisse der Entstehung. Was hat die Gesellschaft zu der Zeit bewegt, über welche Probleme hat sie diskutiert.

Wenn Akteure miteinander sprechen, kann das Geäußerte wie ein Text gedeutet werden, der unter bestimmten Bedingungen entsteht. Dann lassen sich ihm Deutungen zuweisen und darüber diskutieren, welches Deutungsverhalten bei den Akteuren selbst vermutet werden kann. Es kann nach Deutungsmustern gesucht werden und ihre Verbindlichkeit im Hinblick auf den konkreten Fall und darüber hinaus. Ein Gesprächstext ist ein flüchtiges Ereignis. Er entsteht im Moment der zeitlichen Äußerung und vergeht im selben Augenblick. Seit es Aufzeichnungstechniken wie die Ton- und Videobandaufzeichnung gibt, lässt sich das Ereignis archivieren. Es kann dann als Aufzeichnung unabhängig von der Zeit angehört oder angesehen werden. Dabei hat sich eine wissenschaftliche Praxis herausgebildet, das Ereignis in ein Textformat zu transferieren. Es wird ein Transkript erarbeitet, weil es als Text verschiedenen Interpretationsansätzen zugänglich wird.

Ein anderer Weg ist das Dokumentieren dessen, was bei der Kommunikation geschieht. Ein solches Verfahren zwingt dazu, Kategorien dafür festzulegen, wie bestimmte Gegebenheiten im kommunikativen Geschehen erkannt und festgehalten werden können. Ihre Auswahl wird damit begründet, dass die Kategorien als signifikant für das Funktionieren von Kommunikation eingestuft werden. Das erlaubt Aussagen über die Häufigkeit und die Konfiguration ihres Auftretens. Diese Merkmale können Hinweise auf auffällige Verhaltensweisen geben. So lassen sich große Datenmengen bearbeiten. Zum Beispiel kann beobachtet werden, wie sich Zeitungstexte über längere Zeiträume hinweg verändern.

KommunikationskompetenzKommunikationKompetenzKommunikationKompetenzBeherrschung von Kommunikation wird als eine Schlüsselqualifikation angesehen, für die sich ein eigener Markt entwickelt hat. Da der Lebensalltag unserer Gesellschaft von den unterschiedlichsten Kommunikationsaufgaben geprägt ist, ist die Individualberatung und -schulung entstanden. Zunehmend entwickelte sich ein Bewusstsein für Kommunikation und damit verbunden ist der Wunsch, das eigene kommunikative Verhalten zu optimieren und sich Techniken anzueignen, welche die eigene Kommunikation für bestimmte Zwecke kalkulierbarer machen sollen. Vielfältige Trainings und Coachings werden daher angeboten. Sie zielen darauf ab, als nachteilig bewertete Verhaltensformen im Umgang mit anderen abzubauen und Strategien der Selbstdarstellung zu entwickeln, denen mehr Erfolg bei der Kommunikation zugesprochen wird.

KommunikationsberatungFerner wächst ständig die Nachfrage nach Kommunikationsberatung in Institutionen, bei Organisationen und zu Events. Gleichzeitig verändern sich die Formen der Kommunikation. Dabei geht es nicht nur um Fragen der inneren Kommunikation, sondern ebenso sehr um das Bild in der Öffentlichkeit, das Einrichtungen oder Ereignisse nach außen erzeugen, welches wiederum auf Kommunikation basiert. Fragen, ob die Selbstbilder und die tatsächlich beobachtbaren Images übereinstimmen und wie sie sich annähern lassen, gehören zu den Aufgaben der Beratung. Auch unerwartete Ereignisse, beispielsweise Naturkatastrophen oder Vorfälle bei Großveranstaltungen und ihre Konsequenzen, sind nicht mehr nur ein Thema für Psychologen, sondern gehören im Rahmen der Krisenbewältigung zum Arbeitsbereich von Kommunikationsfachleuten.

Die empirische Wirksamkeit und vor allem die Nachhaltigkeit solcher Beratung können als ungeklärt angesehen werden.KommunikationBeratung Brünner et al. (2002) verweisen in den Beiträgen darauf, dass Kommunikation komplexer als die Beherrschung einzelner Verhaltensmuster und das Einüben bestimmter Taktiken ist. Ferner gibt es Probleme mit der Erwartung, rasch und schnell eine hundertprozentig Lösung zu erhalten. Das zwingt die Berater zu einem Handeln, dessen Verankerung in theoretischen Kontexten nicht ohne weiteres gegeben ist und damit nicht immer auf einer wissenschaftlichen Grundlage zustande kommt. In diesen Fällen ist die Kommunikationswissenschaft gefordert, Modelle zu entwickeln, deren wissenschaftliche Zuverlässigkeit nachgewiesen ist, die gleichzeitig aber praktische Anwendbarkeit ermöglichen. Die alternative Lösung könnte im Praktischen vermutet werden, d.h. der Berater verfügt über sehr umfassendes handlungspraktisches Wissen. Aber auch hier gilt, dass das praktische Wissen in Kontexte eingebunden ist, die erst in ihrer Inhaltlichkeit erkannt bzw. vermittelt werden müssen.

Ein weiteres Beratungsfeld erschließt sich aus der rasanten Entwicklung neuer Kommunikationsformen im Internet. Es entsteht ein Medium, dessen Bedeutung für soziale Gemeinschaften noch völlig unzureichend erforscht ist. Diese neuen Kommunikationsformen beeinflussen unseren Alltag und fordern Reaktionen. Auch hier wird Beratung benötigt und ist Forschung gefordert.

Zusammenfassung

Weil das Phänomen Kommunikation komplex ist, d.h. ihm liegt ein Handeln zugrunde, dessen Entscheidungen immer wieder neu und anders getroffen werden können, ist die Entwicklung einer Kompetenz zur Kommunikation nicht auf das Erlernen und Trainieren von speziellen Skills zu beschränken. Kompetenz bildet sich heraus, wenn Raum für Erfahrungen in einer Vielfalt von Handlungsfeldern geboten wird und eine Fähigkeit zur Reflexion des kommunikativen Handelns besteht. Seine eigenen Praktiken reflektieren zu lernen, setzt bereits ein intensives Üben voraus und erweist sich als ein eigenständiges Handlungsfeld, in der Auseinandersetzung mit Kommunikation.

Literatur

Beck, Klaus (2017): Kommunikationswissenschaft. 5. überarbeitete Auflage. Konstanz, München, Konstanz, München: UVK Verlagsgesellschaft.

Brünner, Gisela; Fiehler, Reinhard; Kindt, Walther (2002): Angewandte Diskursforschung. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung.

Höflich, Joachim R. (1996): Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution 'elektronischer Gemeinschaften'. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwiss.; Imprint (Studien zur Kommunikationswissenschaft, 8).

Höflich, Joachim R. (2016): Der Mensch und seine Medien. Mediatisierte interpersonale Kommunikation: eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

Knape, Joachim (Hg.) (2005): Medienrhetorik. Tübingen: Attempto-Verlag.

Krotz, Friedrich (2007): Mediatisierung Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwiss.

Lenke, Nils (1995): Grundlagen sprachlicher Kommunikation Mensch, Welt, Handeln, Sprache, Computer. München: Fink (UTB).

Schmidt, Siegfried J.; Zurstiege, Guido (2000): Orientierung Kommunikationswissenschaft. Was sie kann, was sie will. Orig.-Ausg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (Rowohlts Enzyklopädie, 55618).

Schulz von Thun, Friedemann (1982): Miteinander reden. Störungen und Klärungen; Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation. Orig.-Ausg., 16.–22. Tsd. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Strohner, Hans (2006): Kommunikation. Kognitive Grundlagen und praktische Anwendungen. [Vollst. überarb. und erw. Neuaufl.]. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Watzlawick, Paul (1969): Menschliche Kommunikation Formen, Störungen, Paradoxien. Bern u.a.: Huber.

Wissenschaftsrat (21.05.2007): Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Deutschland. Köln. Online verfügbar unter www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7901–07.pdf, zuletzt geprüft am 08.03.2017

Weiterführende Literatur

Burkart, Roland; Hömberg, Walter (2015): Das Erkenntnisobjekt „Kommunikation“ – eine fachbezogene Auswahl universaler Kommunikationstheorien. In: Burkart, Roland; Hömberg, Walter (Hg.) (2015): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung. 8., durchges. und akt. Aufl. Wien: new acad. Press, S. 11–15.

Pürer, Heinz; Springer, Nina; Eichhorn, Wolfgang (2015): Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft. 1. Aufl. Stuttgart, Konstanz: UTB. Online verfügbar unter http://www.utb-studi-e-book.de/9783838542980.

Rau, Harald (2013): Einladung zur Kommunikationswissenschaft. Baden-Baden, Stuttgart: Nomos; UTB (utb-studi-e-book, 3915). Online verfügbar unter http://www.utb-studi-e-book.de/9783838539157.

Schmidt, Siegfried J. (2007): Kommunikationswissenschaft. Systematik und Ziele. Originalausg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Problemstellung und Fragen

1 Kennen Sie die Schwerpunktbildung Ihres eigenen Studiengangs? In welchem Verhältnis steht er zu den genannten Teildisziplinen? Wo liegt Ihr eigenes Interesse?

2 Erstellen Sie eine Prioritätenliste über Themen, mit denen sich eine Kommunikationswissenschaft Ihrer Meinung nach auseinandersetzen sollte! Finden Sie in den Kapitelhinweisen in diesem Band (direkte) Anknüpfungspunkte?

3 Das Interesse an der Kommunikation ist gesellschaftlich sehr vielfältig. Es gibt deutliche Unterschiede bei den wissenschaftlichen Entwicklungen zwischen der USA und Deutschland. Welche können Sie benennen? Wo würden Sie den Standort Ihres Studiengangs sehen? (Vgl. 1.2)

4 Um Kommunikation verstehen zu lernen, bedarf es der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Wo werden gegenwärtig die zentralen Forschungsfelder gesehen und wie wird das begründet? (Vgl. 1.2)

5 Mit Kommunikation haben sich ganz unterschiedliche Fachdisziplinen auseinandergesetzt. Welche haben früh erkannt, wie wichtig Erkenntnisse über Kommunikation für den Einzelnen und die Gesellschaft sind? (Vgl. 1.3)

6 Wer sich mit Kommunikation befassen will, wird mit ganz unterschiedlichen Problemstellungen konfrontiert. Die Übersicht im Abschnitt 1.4 vermittelt einen ersten Eindruck davon. Wenn Sie Ihr gegenwärtiges Verständnis von Kommunikation dazu ins Verhältnis setzen, wo finden Sie Übereinstimmungen und wo Differenzen? (Vgl. 1.4)

Kommunikation setzt Kommunizieren voraus – der Alltag der Kommunikation

Inhalt

 2.1 Der Gebrauch des Wortes Kommunikation 20

 2.2 Kommunikation braucht Umgebungen 24

 2.3 Kommunikation setzt Ordnung voraus 28

 2.4 Kommunikation als Wissenschaft – die Anfänge der Theoriebildung 34

 2.5 Literatur 39

 2.6 Problemstellung und Fragen 41

Überblick

Kommunikation scheint allgegenwärtig, aber nicht alles, was so scheint, ist Kommunikation. Akteure nutzen alles Mögliche zur Kommunikation, ob und was davon kommunikativ wirksam wird, ist nicht ohne weiteres bestimmbar. Sie suchen nach Indizien für das, was Kommunikation sein kann. Selber verfügen sie über vielfältige Erfahrungen mit Situationen und Umgebungen, wo bestimmte Verhaltensformen regelmäßig zum Kommunizieren genutzt werden. Kommunikation ist ein komplexes Phänomen. Daher muss die Wissenschaft, die sich mit Kommunikation beschäftigt, einzelne Phänomene, wie beispielsweise das Signal und seine Übertragbarkeit, das Zeichen und seinen kulturellen Kontext, den Wechsel von Sprecher zu Sprecher oder die Gesellschaft als Ort des Kommunizierens, in den Griff bekommen.

Das Wort Kommunikation hat viele Bedeutungen. Um über Kommunikation sprechen zu können, muss daher immer geklärt werden, in welchem praktischen und theoretischen Handlungskontext darüber geredet werden soll. Die Alltagserfahrung konfrontiert den Handelnden mit vielfältigen Problemen. Die Wissenschaft greift auf diese nur sehr selektiv zu und beschreibt lediglich Teilaspekte Albert Einstein (1927) verweist auf die Schwierigkeit, mit der sich eine Wissenschaft konfrontiert sieht, wenn sie ihren Blick auf ein Phänomen ausrichtet.

Werner Heisenberg zitiert Einstein 1927 in: Heisenberg (1969, S. 85)

Aber vom prinzipiellen Standpunkt aus ist es ganz falsch eine Theorie nur auf beobachtbare Größen gründen zu wollen. Denn es ist ja in Wirklichkeit umgekehrt. Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.

Der Gebrauch des Wortes KommunikationKommunikationBegriff

Was Kommunikation ist, weiß eigentlich jeder, was Kommunikation bedeutet, dazu kann jeder etwas sagen und irgendwas wird damit sicherlich auch erklärt. Der Wunsch nach einer grundsätzlichen Klärung macht indes wenig Sinn, denn das würde bedeuten, zu den von Faßler (Faßler 1997, S. 20) identifizierten 160 Definitionen weitere hinzuzufügen. Halten wir daher für uns fest: Kommunikation ist ein Phänomen, das uns allen vertraut ist und auf das wir mit dem Wort Kommunikation hinweisen. Eine Ausdifferenzierung der Begrifflichkeit wird im Verlauf und in Abhängigkeit zu den einzelnen Themen erfolgen.


Manfred Faßler (*1949)

Professor für Soziologie, Medienwissenschaftler, Schwerpunkte: Medienevolution und medienintegrierte Wissenskulturen

Kommunikation wird im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein stark mit Sprache assoziiert.KommunikationverbalKommunikationnonverbal Das ist gewiss nicht falsch, trifft aber nur eine ihrer spezifischen Formen. Generell kann Kommunikation weiter gefasst werden, und spätestens seit den Arbeiten von Watzlawick (1969) und der Paolo Alto Gruppe Ende der 60er Jahre ist das in der wissenschaftlichen Diskussion auch geschehen. Intensiv wurden die körperbezogenen Ausdrucksformen unter dem Begriff der nonverbalen Kommunikation diskutiert. Eco (1977) Eco, Umbertoöffnete als einer der ersten den Blick auch auf Bilder und ihre Kommunizierbarkeit. Um sich dem Phänomen der Kommunikation in einem ersten Schritt anzunähern, soll die Aufmerksamkeit einer kleinen Geschichte gelten. Die Erzählung entstand als Reaktion auf Überlegungen in der SprachphilosophieSprachphilosophie, wo der Frage nachgegangen worden war, ob Kommunikation ohne Sprache überhaupt vorstellbar sei.


Umberto Eco (1932–2016)

Italienischer Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph und Medienwissenschaftler, Schwerpunkt: Semiotik

Ein Vorspiel – die Beerenfalle

Jill und Jack kennen sich schon lange. Jill macht einen Waldspaziergang, als sie bemerkt, dass sie von Jack beobachtet wird. Sie weiß, dass Jack aus dem, was sie tun wird, jetzt seine Schlüsse ziehen wird. Sie steht vor einer Reihe von Sträuchern mit Beeren. Einige kann man essen, andere nicht. Sie weiß, dass sich Jack mit Beeren nicht auskennt, aber wie sie Brombeeren mag. Diese pflückt sie, um sie zu essen, und steckt auch einige in den Mund. Sie greift nur nach den Brombeeren an einem bestimmten Strauch. Sie tut damit zweierlei. Sie mag Beeren und pflückt sich diese, um sie zu essen. Da sie weiß, dass Jack sie beobachtet und er auch Beeren mag, aber keine Kenntnisse hat, welche giftig und welche nicht giftig sind, zeigt sie Jack mit ihrem Handeln, welche Beeren er pflücken und essen darf. Jack ist heimlich Jill gefolgt und glaubt, dass er nicht gesehen wird. Ihn interessiert, was Jill macht und wo sie hingeht. Dass sie Beeren pflückt, nimmt er mit besonderem Interesse wahr, weil er sich nicht traut, selbst welche zu pflücken, da er unsicher ist, welche essbar sind und welche nicht. Die Beobachtung von Jill, wo sie Beeren pflückt und welche sie dann isst, erlaubt ihm, daraus auf die Essbarkeit zu schließen.

Nach einer Idee von Sperber und Wilson Sperber, Dan Wilson, Deirdre


Dan Sperber (*1942)

Französischer Anthropologe und Linguist, Schwerpunkte: Anthropologie und Relevanztheorie


Deirdre Wilson (*1941)

Britische Linguistin und Kognitionswissenschaftlerin, Schwerpunkte: linguistische Pragmatik, Relevanztheorie und Sprachphilosophie

Merkmale der EpisodeDie Szene für sich betrachtet hat zunächst einmal nichts Ungewöhnliches, außer dass sie nicht unbedingt typisch dafür ist, als Ausgangsszene für die Betrachtung von Kommunikation gewählt zu werden. Denn das, was wir gemeinhin mit dem Begriff Kommunikation verbinden, kommt hier auf den ersten Blick nicht vor. Eigentlich könnte man sogar meinen, die Szene sei ein Beispiel dafür, wie Kommunikation nicht funktioniert. Denn eine der beiden beteiligten Personen will von der anderen noch nicht einmal gesehen werden. Und doch werden wir erkennen, dass sich Schlüsselfragen der Kommunikation gerade aus dieser Episode herleiten lassen.

Paar-StrukturAn Kommunikation, darüber besteht kein Zweifel, sind wenigstens zwei beteiligt, und das ist auch hier der Fall. Es müssen nicht immer Individuen sein, die an der Kommunikation teilnehmen; denn es gibt viele Formen, bei denen eine Institution der Kommunikationspartner sein kann, wenn beispielsweise die Polizei mir mitteilt, dass ich mein Auto falsch geparkt habe. Auch stehen Institutionen oder Organisationen in kommunikativem Austausch miteinander, wenn die Einwohnermeldebehörde von Rostock bei der von Passau anfragt, ob ich dort gemeldet bin.

Absichtsvolle HandlungDie zitierte Episode weist eine Besonderheit auf, denn Kommunikation lässt normalerweise erwarten, dass die daran Beteiligten etwas voneinander wollen und dass ihnen das auch im Normalfall bewusst ist. Zwar will Jill Jack etwas mitteilen und Jack möchte etwas erfahren, allerdings will er die Information unbemerkt und nur durch das Beobachten von Jill gewinnen. Dabei unterstellt er nicht, dass Jill ihm Informationen übermitteln will. Denn er will ja von Jill nicht gesehen werden, aber trotzdem wissen, was sie tut. Er informiert sich, nicht wissend, dass die Andere mit ihm „kommuniziert“. Erkennbar wird, dass das (Sich-)Informieren und das Jemandem-etwas-mitteilenMitteilung eigenen Gebrauchsbedingungen unterliegen. Information ist nicht automatisch Kommunikation.

Es scheint daher möglich, dass jemandem etwas mitgeteilt wird, ohne dass dieser eine Mitteilung erwartet. Trotzdem kann er von dem so Mitgeteilten profitieren, wie das Beispiel belegt. Des Weiteren fällt auf: Das Mitteilen selbst muss nicht durch einen expliziten Akt des Mitteilens erfolgen. Denn es wird nichts gesagt, was der Andere hören kann. Interessant ist nun aber beobachten zu können, dass auch Jills Beerenpflücken kommunikativ nutzbar ist. Denn Jill will ja Jack vor giftigen Beeren warnen bzw. ihm essbare zeigen. Ich kann also jemanden warnen, ohne dass ich ihm sage: Ich warne dich. Ferner kann ich jemanden darüber aufklären, was er darf oder nicht. Ein und dieselbe Handlung wird mehrfach und zu verschiedenen Zwecken genutzt, so dass man sagen kann: Nicht das Tun an sich ist kommunikativ, sondern die kommunikative Funktion erfolgt durch eine Zuschreibung der jeweils am Ereignis Beteiligten. Jill will mit ihrem Verhalten Jack warnen und ihm mitteilen, was er darf. Jack will wissen, welche Beeren essbar sind und welche nicht. Er sucht nach Informationen.

Vertraut ist uns der Gedanke, dass eine InformationInformation bzw. eine BotschaftBotschaft weitergegeben wird. Jill will Jack darüber informieren, wo er essbare Beeren findet. Überraschend ist hier eben das Wie. Die Voraussetzungen sind, dass Jack ein bestimmtes Verhalten beobachten kann und dass er daraus für sich Schlüsse zieht. Diese Schlüsse gehören zum Kalkül der beobachteten Person, denn sie will zeigen, welche Beeren essbar sind. Obwohl für den Rezipienten gar nicht offenkundig ist, dass ihm etwas mitgeteilt wird, kann ihm durch den Handelnden durchaus etwas mitgeteilt werden. Beide Akteure teilen nämlich den Blick auf eine ihnen bekannte Wirklichkeit – die Beeren – und das Bedürfnis, von diesen zu essen. Ohne diese Gemeinsamkeit gelänge der Austausch über die Eigenschaften des Nahrungsmittels nicht. Nur weil Jill weiß, was Jack will, und Jack weiß, dass Jill etwas tut, was Jack auch für sich möchte, kann er dem Tun von Jill vertrauen.

TransferleistungAus Vorfindlichem auf etwas damit Gemeintes zu schließen, ist im Alltag nichts Ungewöhnliches. Im Gebirge ist es üblich, die Wanderwege mit Farbpunkten zu markieren. Wenn diese Markierungen nicht sorgfältig gepflegt werden, verwittern die Punkte und verlieren ihre Farbqualität, so dass sie wie natürliche Flecken eines Steins aussehen können. Wenn wir den Wanderweg nehmen wollen, suchen wir in der Umgebung des Weges an den Steinen oder Baumstämmen nach Farbflecken, von denen wir annehmen, dass sie dort jemand hingepinselt hat. Wenn wir unsicher sind, vergleichen wir die Form und Farbqualität mit der Struktur des Steines, auf dem wir den Flecken vermuten, und entschließen uns dann, ihn als Markierung zu akzeptieren oder als natürliche Erscheinung zu betrachten. Im ersten Fall folgen wir dem Kommunikationsangebot dessen, der die Markierung gelegt hat. Im zweiten Fall unterstellen wir, dass dieser Färbung keine kommunikative Funktion zugeschrieben werden kann.


Markierung eines Bergwanderweges

Der Erfolg der Kommunikation zwischen Jill und Jack basiert daher auf der Fähigkeit von beiden, aus Beobachtungen in ihrer Umwelt auf etwas zu schließen, was für sie von Belang ist. Die Episode erzählt davon, dass Jill mit ihrem Verhalten die Erwartung verbindet, Jack werde es wahrnehmen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Jack weiß davon nichts, macht sich aber die Beobachtung des Verhaltens von Jill zunutze und beseitigt so sein Informationsdefizit. Wer eine Wanderung in einem fremden Gebiet macht, orientiert sich an Wegmarken. Diese können natürlich sein, markante Gesteinsformationen beispielsweise. Üblich sind jedoch kommunikativ gesetzte Markierungen wie Farbpunkte. Kommunikation erweist sich als ein Ereignis, das auf Gegenseitigkeit abzielt, ohne sich dieser sicher sein zu können. Denn was der Andere mit dem Angebot tun wird, hängt von seiner Befindlichkeit und den Umständen ab, in denen er sich gerade befindet. Dabei ist bedeutsam, dass jemand das in der Umwelt Vorgefundene nur so wahrnimmt, wie er es möchte oder kann.

Erklärung

Kommunikation ist nicht einfach da, sondern sie wird von jemandem gesucht oder sie wird versucht. Das setzt jemanden voraus, der sich darauf einlassen kann und will. Es muss nicht unbedingt eine Person sein, sondern kann beispielsweise ebenso in der Form einer Behörde in Erscheinung treten. Der Vorgang kann als gelungen wahrgenommen werden, wenn die betroffenen Akteure herausfinden bzw. erkennen können, was es mit dem Kommunikationsversuch auf sich haben könnte.

Kommunikation braucht Umgebungen

Um verstehen zu können, womit sich die Kommunikationswissenschaft beschäftigt und welche Probleme sie zu lösen hat, muss die besondere Rolle der Umwelt bzw. der Dinge, die uns umgeben, in Betracht gezogen werden und ebenso die Art, wie wir mit ihnen umgehen. Umwelt ist zuerst einmal der Wahrnehmungsraum eines jeden Einzelnen. Dieser Wahrnehmungsraum lässt sich formal als Datenmenge betrachten. Der Einzelne wird also mit einer Vielzahl von DatenDaten konfrontiert, die zuerst einmal nur als strukturelle Daten existieren.


Hörsaal aus der Dozentenperspektive

Wer zum ersten Mal einen Hörsaal betritt, findet alles Mögliche darin vor: Bänke und dazu gehörende Schreibflächen, einen Anstieg der Sitzreihen, eine breite Tafelwand vorne, links und rechts weiße Flächen für visuelle Präsentationen, an den Wänden Tafeln mit Schriftzeichen, Zeichen für Fluchtwege, Haken für Mäntel, leere Flaschen und liegen gelassene Papiere und anderes mehr. Das alles sind strukturelle Daten, die sich für ein Lebewesen wie einen Hund völlig anders als für einen Menschen darstellen würden. Wird der Raum vom Putzdienst aufgesucht, spielen leere Flaschen und weggeworfene Papiere eine andere Rolle als für Besucher, die am Tag der offenen Tür in den Hörsaal schauen.


Hörsaal aus der Studentenperspektive

Lehrende und Studenten sehen diese Dinge unter Umständen gar nicht. Was in einem solchen Raum Bedeutung erlangt und welche Bedeutung es erlangt, hängt also davon ab, was derjenige, der den Raum wahrnimmt, mit ihm machen möchte bzw. wofür er ihn nutzen will. Erst wenn eine Vorstellung über die Nutzung vorhanden ist, können die vorgefundenen Daten näher bestimmt und verstanden werden, und es lassen sich ihnen Eigenschaften zuweisen, aufgrund derer sie dann als Bankreihe und Wandtafel erkannt und benannt werden können, wenn die Vorstellung Hörsaal die Wahrnehmung ordnet. Aus strukturellen werden die relevanten Daten.

Besuch auf einer Werft – ein Beispiel

Wir sind im Alltag gewohnt, unbewusst und spontan auf Umgebungen zu reagieren. Zu Orientierungshandlungen kommt es erst dann, wenn sich die Umgebung mit den gewohnten Erwartungen nicht fassen lässt. Wir besichtigen eine Werft und werden in einen Schiffsrohbau geführt. Da sind wir von Metallplatten umgeben, die auf einzelne von uns wie bizarre Raumgebilde wirken, da fühlen wir uns verwirrt von Stiegen in höher gelegene Plateaus, die große runde Löcher enthalten. Jeder ordnet das, was er sieht, individuell. Der eine spricht von einem Schrottplatz, auf dem er sich befindet, der andere fühlt sich wie bei der Begehung einer modernen Skulptur, und wieder ein anderer sagt, er kenne sich überhaupt nicht aus und habe komplett die Orientierung verloren. Erst als uns der bauleitende Ingenieur erklärt, wir befänden uns im Bug-Teil des künftigen Schiffes, können wir den Formen und Flächen Eigenschaften zuweisen, die sie als Bug erkennbar machen. Das runde Loch wird als Öffnung nachvollziehbar, aus der die Ankerkette heruntergelassen wird. Bestimmte Bauteile lassen sich als Reling vermuten. Der uns angebotene Bezugshintergrund erlaubt es nun, den Daten Funktionen zuzuweisen.

Solche Bezugshintergründe ermöglichen das Verstehen unserer Umgebungen und das gilt nicht nur in physikalischer Hinsicht. Durch weitere Hinweise des Ingenieurs werden wir plötzlich fündig. Er macht uns nämlich auf kleine Markierungen an bestimmten Stellen der Platten aufmerksam, die bisher als Rostflecken oder Verschmutzung wahrgenommen worden waren. Die Platten werden nicht nur als Bauteile eines Schiffes erkennbar, sondern sie werden mit einem Mal „lesbar“; auch wenn wir das, was dort steht, nicht verstehen, so erkennen wir doch, dass es sich um Mitteilungen handelt, die von den Schweißern, wie uns der Bauleiter erklärt, als Anweisungen verstanden und insofern kommunikativ benutzt werden. Dieses Wissen eröffnet die Möglichkeit, etwas als kommunikativ nutzbare Daten von anderen Daten zu unterscheiden. Die Schweißer müssen die Daten als Markierung auf den Metallplatten erkennen und können sie deuten. Eine Vorbedingung für kommunikatives Handeln ist das Erkennen von Daten, die kommunikativ genutzt werden sollen.

DatenDatenDaten nennen wir bis auf Weiteres alles, was in der Umwelt von einer Person selektiv wahrgenommen und zu einem bestimmten Zweck kognitiv verarbeitet wird. Um mehr über die Daten zu erfahren, ist daher grundsätzlich zu fragen, welche Bedingungen für solche Daten gelten, die kommunikativ verwendet werden sollen. Denn an der Episode in der Werft ist deutlich geworden: Daten müssen sich von anderen abheben, um überhaupt in das Aufmerksamkeitsfeld der Beteiligten treten zu können. Sie tun das nicht aus sich heraus, sondern erst dann, wenn wir ihnen einen Funktionszusammenhang zuordnen können, d.h. wenn es einen Bezugshintergrund gibt, der sie für uns sichtbar und dann verarbeitbar macht.Kontext Dieser Vorgang wird intuitiv nachvollziehbar, wenn wir an sog. Vexierbilder denken, auf denen wir nicht ohne weiteres eine Figur erkennen und erst verschiedene Annahmen ausprobieren müssen, bis wir etwas gefunden haben, was als „ein Bild“ identifiziert wird, in dem sich die Einzelelemente aufgrund eines umfassenden Ganzen her verstehen lassen.


Vexierbild: Charles Allan Gilbert: All is vanity

Alles, was uns umgibt, kann daher zu relevanten Daten werden, wenn wir zu ihnen eine Position beziehen können und eine Einstellung ihnen gegenüber entwickeln. Solange diese unbestimmt bleiben, sprechen wir von strukturellen Daten. Diese existieren, ihnen sind jedoch noch keine Eigenschaften zugewiesen worden bzw. sie haben noch keine Funktion für uns. Um das Beispiel der Vexierbilder noch einmal aufzugreifen: Wir sehen auf einem Blatt viele graphische Elemente, Striche, schwarze Flecken, können sie aber nicht oder noch nicht weiterführend deuten. Wenn uns nun gesagt wird, es sei ein Spiegel abgebildet, suchen wir nach einer dafür geeigneten Gestalt.

Das setzt voraus, dass uns Deutungshilfen verfügbar sind, durch welche im Wahrgenommenen das Gemeinsame und zugleich davon Unterscheidbare gesehen werden kann. Aus den verschiedenen graphischen Elementen erkenne ich eine Gestalt. Die Geräusche und das Stimmengewirr in einer Straßenbahn hindern nicht, das „Guten Morgen“ eines Arbeitskollegen zu erkennen, weil beide gemeinsam am Morgen zur Arbeit fahren.

Wir sind ständig zum Handeln herausgefordert und können eigentlich gar nicht anders, als stets das, was uns umgibt, sofort „aufzuräumen“, ohne uns dessen bewusst zu sein, was wir genau tun. Dies wird immer wieder zum Problem unserer Alltagskommunikation werden, weil wir uns sehr schwer tun, anders zu denken, als wir es gewohnt sind. Eigentlich müssten wir immer auch die Möglichkeit des Anders-Denkens im Blick behalten, wenn wir mit einem Anderen kommunizieren. Denn er kann ja nur mit uns kommunikativ im Kontakt bleiben, wenn er mit der Umwelt so umgeht wie wir. In der Regel begnügen wir uns aber mit der Annahme, der Andere denke schon wie wir.

Erklärung

Um Kommunikation verorten zu können, brauchen die Akteure Daten aus ihrer Umwelt. Diese werden für sie räumlich und sozial sichtbar. Wollen sie miteinander kommunizieren, setzt das ein Gegenüber voraus, das möglichst auf dieselben Daten zugreift, wenn diese angesprochen werden, und sie auf eine möglichst ähnliche Weise sieht und verarbeitet. Je größer die Ähnlichkeit der Sichtweise und der Bearbeitung dieser Daten ist, umso wahrscheinlicher wird eine Kommunikation zwischen den Anwesenden und die Chance wächst, miteinander über dasselbe reden zu können.

Kommunikation setzt Ordnung voraus

Dinge, die wir tun, sind niemals völlig identisch, wenn wir sie wiederholen. Typisch dafür ist die gesprochene Sprache. Ein und derselbe Satz, den wir mehrmals vorlesen, klingt jedes Mal etwas anders. Trotzdem würden wir den Inhalt des Satzes als identisch bezeichnen. Das kann sich ändern, wenn wir Phrasen im Satz anders betonen. Durch das Verschieben des Satzakzentes können wir etwas, was als Aussage formuliert ist, in eine Frage umwandeln. Es gibt somit eine Varianz.

OrdnungenVarietätenDer Umgang mit Varianz ist im Alltag etwas ganz Normales. Sie ist unproblematisch, wenn Regeln dafür sorgen, dass Überschreitungen dieser Varianz erkennbar sind. In der Phonologie ist z.B. das folgende Phänomen zu beobachten: Aus /bo:d ən/ wird, wenn die Rundung im /o/ zu schwach wird, /ba:d ən/, und das ist ein Wort mit einer ganz anderen Bedeutung. Wenn die Wortbedeutung eine andere wird, ist die Varianzgrenze überschritten.

Pragmatisch kann aus einer Aussage, deren Merkmal der Satzakzent auf der zweiten Phrase ist, eine andere Sprechhandlung werden, wenn die letzte Phrase betont wird. Aus der Aussage wird eine Frage, und dies ist eine andere sprachliche Handlung. Die ProsodieProsodie stellt weitere Mittel zur Verfügung, um das pragmatische Potenzial auszudifferenzieren. Bei gleicher morphosyntaktischer Struktur kann die gleiche Satzphrase als Bitte oder Warnung wahrgenommen werden, wenn eine bestimmte Stimmführung beobachtet wird. Phrasenteile können mit Nachdruck gesprochen werden und verweisen dadurch auf einen Unterschied gegenüber der normalen Stimmführung. Auch diese Abweichung ist nutzbar, um eine andere Handlung anzuzeigen. Die SprechakttheorieSprechakttheorie, wie sie von Austin (1962) und Searle (1971) entwickelt worden ist, hat versucht, Regeln zu formulieren, die das Erkennen solcher Varianzklassen erleichtern, indem sie Gebrauchsumstände benennen.Searle Austin, John L.

VarietätenDer Umgang mit Varianzen wird sicherer, wenn es hinreichend stabile Erwartungen gibt. Sie stehen im Zusammenhang mit den zur Verfügung stehenden Bezugsgrößen. Wenn es um das phonologische Wissen geht, kann aus dem /a/ ein /o/ herausgehört werden, weil in der Situation gerade nicht von Wasser die Rede ist, sondern über Pflanzen gesprochen wird. Das Wort „baden“ ist dann eher unwahrscheinlich, während sich „Boden“ mit dem Konzept „grüner Daumen“ verträgt.

Wenn der Erzählton in einer Situation verlassen wird, der typisch für das Erzählen einer Alltagsepisode ist, kommt es im Hinblick auf den Phrasenakzent und die Stimmführung zu einer Äußerungsvarianz. Sie kann unter dem Aspekt von Appellgesten geprüft werden. Der Sprecher ist mit seiner Geschichte am Ende und nun kann der Andere seine vortragen oder beide verabschieden sich und leiten die Verabschiedungsgeste ein. Im Rahmen des Erfahrungswissens über das gemeinsame sprachliche Handeln wird geprüft, in welchem Sinne die aufgetretene Varianz genutzt werden kann. Um kommunizieren zu können, sind daher Annahmen über Ordnungen nötig, die gemeinsame Verhaltensweisen voraussehbar machen und regeln.


01 F Ist es schon eins?
02 A SCHAUT AUF SEINE UHR vier vor eins.

Es liegen sprachliche Daten vor, die sich, bezogen auf ein linguistisches Bezugssystem, als Fragesatz und Antwortphrase identifizieren lassen. „Ist es schon eins?“ ist ein Fragesatz, „vier vor eins!“ eine Antwortphrase auf den Fragesatz. Die linguistische Ordnung besagt, dass laut Regel durch das Besetzen der Erstposition im Satz mit einem Verb eine Frageform erzeugt werden kann. Ist ist das Verb und steht an der ersten Position im Satz. Das Erfragte kann durch eine nominale Phrase sprachlich kodiert werden. Das geschieht mit der Formulierung vier vor eins. Die sprachlichen Daten zielen nun aber nicht nur auf die grammatische Ordnung des Deutschen ab. Diese wird implizit als wirksam unterstellt. Das Arrangieren der Daten nach den Regeln eines Fragesatzes folgt einem weiteren Bezugssystem. Der Fragende erwartet von dem Angesprochenen eine Antworthandlung. Das kann nur gelingen, wenn die sprachliche Ordnung dem Gefragten zur Verfügung steht. Diese allein reicht aber nicht aus, wenn er nicht auch über eine Ordnung von Sprechhandlungen Bescheid weiß.

Ein in Frageform codierter sprachlicher Ausdruck kann auf die Sprachhandlung eines Informationswunsches abzielen. Der Angesprochene muss daher Kenntnisse über Konventionen haben, die ihm erklären, dass Daten genutzt werden können, um ein Informationsdefizit des Sprechers zu beseitigen, wenn der Gefragte über entsprechendes Wissen verfügt. Kann er auf dieses Wissen zurückgreifen, weil er eine Uhr mit sich führt, muss er auf diese schauen und ihre Anzeige erkennen können, außerdem muss er die sprachlichen Regeln kennen, um die Daten gemäß dieser Ordnung zu strukturieren.

Der Umgang mit einer Sprachhandlung folgt aber nicht nur pragmatischen Ordnungen, die zu regeln versuchen, wie linguistische Daten einsetzbar sind, um Handlungseffekte zu erzielen. Die Daten werden in einen Raum der Interaktion von Individuen gestellt. Ein solcher existiert, weil es im physikalischen Raum Individuen gibt, die sich gemäß den von ihnen tolerierten sozialen Ordnungen miteinander arrangieren. Im vorliegenden Fall begegnen sich zwei Personen auf der Straße, einer geht auf den Anderen zu, spricht ihn an und erwartet eine Antwort. Das kann nur funktionieren, wenn es einen Bezugshintergrund gibt, der beiden hinreichend Hinweise darauf bietet, was sie tun können bzw. müssen und wie alles weitere zu deuten ist. Im konkreten Beispiel können sich die Individuen, die im öffentlichen Raum aufeinandertreffen, an der „Ordnung“ einen Fremden nach der Uhrzeit fragen orientieren. Denn für solche Situationen gibt es in unserem Kulturkreis gewisse Konventionen.

Feste Gebrauchsformate im öffentlichen RaumKontextinstitutionellJemand Fremden nach der Uhrzeit zu fragen, ist im Alltag nichts Ungewöhnliches. So kann erwartet werden, dass es dafür auch ein entsprechendes Format gibt, das allgemein bekannt ist. Die in einer solchen Situation verwendbaren Formen werden allerdings konkret von den jeweiligen Umständen beeinflusst. Dabei kommt der Örtlichkeit eine besondere Rolle zu. Wenn zum Beispiel der Raum Schule und dort die Pausenhalle betrachtet wird, so handelt es sich um eine Örtlichkeit, wo zwar sehr viele Personen ein- und ausgehen, sich aber anders als auf einem Marktplatz viele gegenseitig kennen, wenn es Schüler und Lehrer sind. Wie sie sich in einem solchen Raum verhalten, ist daher bis zu einem gewissen Grad abschätzbar. Würde hingegen auf einem Markt nach der Uhrzeit gefragt, muss eine gänzlich fremde Person angesprochen werden und dieser Vorgang ist mit Formen verbunden, die den sozialen Umgang miteinander bewusster in den Blick rücken. Mit einem Fremden in KontaktKooperation zu treten, erfordert ein weiterreichendes Wissen über mögliche Ausdrucksformen von Personen; wie sich der Angesprochene verhalten wird, ist weniger vorhersehbar als in der bekannten Umgebung Schule. Es ist auf alle Fälle mit einer größeren Varianz im Verhalten der Personen zu rechnen und die verschiedenen Formen müssen auf ihre kommunikative Tauglichkeit hin eingeschätzt werden. Das setzt eine breitere Kompetenz im Umgang mit anderen voraus, wenn diese für eine Kooperation gewonnen werden sollen.

OrdnungsprinzipienGrundsätzlich gibt es eine „Ordnung für das Erfragen der Uhrzeit. In dieser ist geregelt, dass jede Person angesprochen werden darf, die auskunftsfähig erscheint. Wenn eine Person angesprochen wird, erfolgt das nach einem verhältnismäßig strengen Format der Daten. Es gibt Daten, die den Kontakt herstellen sollen; sie werden als Grußhandlung codiert, für die feste Redewendungen benutzt werden. Dann werden Daten genutzt, in denen um Entschuldigung für die Kontaktherstellung gebeten wird, was durch eine formelhafte Redewendung erfolgen kann. Das Motiv dafür ist darin begründet, dass im öffentlichen Raum nicht ohne weiteres fremde Personen angesprochen werden dürfen. Geschieht dies doch, besteht der Verdacht auf einen Akt der UnhöflichkeitHöflichkeit oder sogar der Aggression. Eine solche Handlung wäre für das Anliegen, die Uhrzeit zu erfahren, kontraproduktiv. Es müssen deshalb Daten angeboten werden, welche die Handlung einer Bitte um Information zum Gegenstand haben und nach Möglichkeit dazu beitragen, den höflichen Umgang miteinander nicht in Gefahr zu bringen. Höflichkeit ist ein eigenes Verfahren, für das nach Brown und Levinson (1988) Datenformate zur Verfügung stehen, die dem Anderen gegenüber Respekt anzeigen sollen.

Stephen Curtis Levinson (1947): Britischer Sozialwissenschaftler,

Schwerpunkte: Studien und Beziehungen zwischen Kultur, Sprache und Kognitionspsychologie


Penelope Brown (*1944)

Amerikanische anthropologische Linguistin, Schwerpunkt: Höflichkeitsforschung

BezugskontexteWenn nun unter diesen Bedingungen das Beispiel betrachtet wird, dann braucht es weitere Bezugsgrößen, um verstehen zu können, was dort geschieht. Denn die Äußerung 01 F „Ist es schon eins?“ wurde bisher nur als linguistische Daten, als Wörter und als eine Satzkonstruktion gelesen. Um als soziales Ereignis verstanden zu werden, müssen Raum und Zeit der Begegnung zweier Akteure als Daten mit ins Spiel gebracht werden.Informieren Außerdem müssen Daten über die Personen vorliegen, welche die Interaktion vollziehen. Diese Daten werden in einer Ordnung Uhrzeit erfragen bearbeitet und helfen, das Verhalten der Akteure zu interpretieren. Denn zuerst müssen beide akzeptieren, dass ein kognitives Defizit, wie das Nichtwissen der Uhrzeit, durch das Ansprechen eines Fremden behoben werden darf. Das Ansprechen bzw. Angesprochen-Werden von Personen, die sich nicht kennen, erfolgt in bestimmten Formaten des Umgangs miteinander, d.h. es gibt eine Reihe von entsprechenden Äußerungsformeln. Die verwendeten Daten sollen ein Verhalten ausdrücken, das geeignet ist, die Beziehung zum Anderen als akzeptabel erscheinen zu lassen.

FragenDer Fragende muss durch die körperliche Distanz gegenüber dem Gefragten, die Körperhaltung und Bewegungen einzelner Körperteile, Kopf, Blick, Hände und Arme sowie die Wahl prosodischer Sprechmittel von diesem so wahrgenommen werden können, dass ein Kontakt zueinander als akzeptabel interpretiert werden kann. Erst wenn das gelingt, kann erwartet werden, dass sich der Andere darauf einlässt und eine Bitte um Information erkennt und zulässt.

VariantenSprachhandlungUhrzeit erfragenBesehen wir das Beispiel erneut und konstruieren konkrete Ausprägungen. Wir legen einen Akteur fest: Der Fragende ist ein junger Mann, der charmant wirkt, flott gekleidet ist und von seinem Habitus her zum Flirten aufgelegt erscheint, d.h. es gibt Daten im Bereich der Körperlichkeit der Person, die diese Effekte bei der potentiellen Kontaktperson auslösen können. Der Mann richtet seine Frage an eine junge Frau, die zu solchen Typen ein distanziertes Verhältnis hat. Mit dem Ansprechen der jungen Frau wird aus dem physikalischen ein sozialer Raum. In diesem entsteht eine Varianz gemäß der Ordnung nach der Uhrzeit fragen, die zugleich auch andere Bezugsordnungen zulässt. Die Daten, nach denen der junge Mann von der Frau „gelesen“ wird, weisen ihm Merkmale zu, die in ihr einen potentiellen, aber unerwünschten Sexualpartner sehen. Der Versuch einer Kontaktaufnahme wird so vorrangig im Rahmen der sexuellen Beziehungsordnung verarbeitet. Weil es in der Ordnung die Uhrzeit erfragen um das Überwinden eines kognitiven Defizits geht, wird dort das Verhalten als Bitte um Information gedeutet. Ist der Bezugshintergrund indes das Suchen eines Sexualpartners, erhalten die Daten den Handlungswert einer „Anmache“, d.h. dem Fragenden wird unterstellt, dass er ein konventionell akzeptiertes Handlungsmuster – die Frage nach der Uhrzeit – missbraucht, um den Kontakt zum anderen Geschlecht herzustellen.

Ein anderer Fall tritt ein, wenn der Fragende eine junge Person und der Gefragte eine ältere ist. Die jüngere Person wirkt in ihrem Habitus sehr locker und lässig. Die ältere ist ein Herr, der die Jugend von heute als distanzlos und unerzogen empfindet. Das Erscheinungsbild des jungen Mannes löst bei ihm genau diese Vorstellungen aus und erzeugt dadurch eine Ordnung, in der das Verhalten des Gegenübers entsprechend bewertet wird. Die Daten „ist es schon eins?“, die in einem saloppen Ton vorgetragen wurden, werden zwar als konventionelle Ordnung der Bitte um eine Information erkannt, die Daten der Kontaktherstellung indes werden als Unhöflichkeit „gelesen“. Dies kann als Begründung dafür genommen werden, den Kontakt abzulehnen und so zu tun, als habe man nichts gehört. Die Wirksamkeit einer solchen Ordnung bleibt den Beteiligten in der Regel unbewusst, wenn etwas nicht so verläuft, wie es erwartet worden ist, entsteht Irritation.

OrientierungDie Kommunikation selbst muss sich immer wieder dahingehend beobachten, was Daten sind und worauf sich diese beziehenReflexivität. Die Beispiele sollen deutlich machen, wie die Akteure, die sich an bestimmten Bezugsgrößen orientieren, um sie kommunikativ zu nutzen, herausgefordert sind, Daten ihrer Umgebung ständig daraufhin zu prüfen, ob sie (noch) zu von ihnen genutzten Ordnungen passen. Ist das nicht mehr der Fall, muss eine Alternative gesucht werden, wenn der Abbruch der Kommunikation nicht riskiert werden soll. Der Satz vom Nicht-nicht-kommunizieren-Können Watzlawick (1969) stellt den Versuch dar, sich aus diesem Dilemma zu befreien. Es gibt aber auch eine andere Sicht auf diesen Sachverhalt. Luhmann (1984) spricht von der Unmöglichkeit der Kommunikation, denn die Akteure können sich nie sicher sein, wie das Gegenüber die Dinge sieht. Beide Aussagen, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, verweisen auf ein und dasselbe Phänomen.

Erklärung

Kommunikation ist für die Beteiligten stets ein Risiko, weil die zu „lesenden“ Daten zu vielfältig sind, als dass immer vorhersehbar ist, welche vom Angesprochenen relevant gesetzt werden, und weil das Wie des „Lesens“ von vielen situativen Einflüssen abhängt, die ebenfalls nicht ohne weiteres berechenbar sind. Folgen die Betroffenen der „Strategie“ des Nicht-nicht-kommunizieren-Könnens, wird der Einzelne schnell überfordert. Gehen sie von der Unmöglichkeit der Kommunikation aus, müssen sie stark stereotype und ritualisierte Praktiken favorisieren, um Unsicherheiten auszuschließen. Das engt den Handlungsraum ein.

DatenWenn die Kommunikation eine ähnliche Sicht auf Daten voraussetzt, müssen die Akteure über Ordnungen von Daten verfügen, von denen sie annehmen dürfen, dass sie auch ihrem Gegenüber vertraut sind. Eine solche Unterstellung ist immer gewagt. Akteure müssen daher in das Sicherstellen und Absichern ihrer Annahme investieren, d.h. sie müssen herausfinden, ob der Andere sich wie erwartet verhält. Sind sie sich nicht sicher, müssen sie dem Gegenüber Hinweise auf eine mögliche und gemeinsame Ordnung geben. Diese finden sie beispielsweise in ihrer gemeinsamen physikalischen oder sozial definierten Umgebung.

Kommunikation als Wissenschaft – die Anfänge der TheoriebildungKommunikationTheorie Kommunikationswissenschaft

Komplexe Phänomene, Kommunikation gehört dazu, zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht mithilfe einer einfachen kausalen Relation beschrieben werden können. Die das Phänomen bestimmenden Elemente sind in sich so heterogen, dass jeder Beobachter damit überfordert ist, sie als ein System zu identifizieren. Was er aber kann, ist sie genau beobachten und das, was er sieht, beschreiben sowie das Beschriebene analysieren.

SignaltheorieDurch die Arbeiten von Shannon und Weaver (1949) wurde Kommunikation erstmals zum Thema für die Wissenschaft und erhielt so eine theoretische Begründung. Shannon gelangen theoretisch begründete ErklärungenShannon, Claude Weaver, Warrenerst durch die Entwicklung seiner Signaltheorie.Signaltheorie Seit den 1960er Jahren standen Beobachtungen zu Aspekten der Informationsverarbeitung im Mittelpunkt des Forschungsinteresses an der Kommunikation.

Klaus, Georg (1912–1974): Philosoph, Logiker, Kybernetiker an der Humboldt Universität zu Berlin und Akademie der Wissenschaften der DDR

Klix, Friedhart (1927–2004): Professor der Psychologie und Kognitionstheoretiker an der Humboldt Universität zu Berlin

Klaus (1973) und Klix (1971) setzen sich mit Themen zur Wirksamkeit von Signalen auseinander. Die Aufmerksamkeit galt vor allem elektrischen Signalen, denn sie sollten möglichst sicher Informationen von einem Ort zum anderen transportieren. Das setzte einen spezifischen Informationsbegriff voraus.Transfermodell Informationen sollten transporttauglich sein, d.h. sie müssen über weite Distanzen hin schnell und sicher versendet werden können. Sie dürfen beim Transport möglichst wenig beeinträchtigt werden, d.h. sie müssten so transformiert werden, dass äußere Einflüsse wie beispielsweise Stromschwankungen im Netz die Information nicht verändern. Diese Umwandlung erfolgte mithilfe eines Codes.Code Das Versendete wurde einer Verschlüsselung anvertraut, die dem Empfänger bekannt sein musste bzw. einem Gerät, das das Codierte in die ursprüngliche Form zurückübersetzt.

Aus der Rezeption dieser Themenstellung entstanden eigenständige Wissenschaftsdisziplinen wie die InformatikInformatik und KybernetikKybernetik. Die dabei entwickelte Signaltheorie verwies auf neue Erklärungsmöglichkeiten und -zusammenhänge von Kommunikation. Sie wirkte weit über den technischen Bereich hinaus in die nicht-technischen Disziplinen wie die Psychologie oder Linguistik hinein. Auch hier erhielten die Begriffe Information und Codes einen zentralen und tragenden Stellenwert.

Digitale und analoge InformationDie Gruppe von Palo Alto um Paul WatzlawickWatzlawick, Paul (1969) beschäftigte sich mit dem Phänomen der Information im Rahmen ihrer psychotherapeutischen Arbeit und unterschied zwischen zwei Informationsverarbeitungsweisen. Ein Signal kann einem stringenten Regelkanon folgend in Information überführt werden. Es kann zur Informationsentnahme verschiedenen Deutungspraktiken unterliegen. Im ersten Fall wird von der digitalen, im zweiten von der analogen Modalität gesprochen. Die Informationsentnahme aus sprachlichen Äußerungen folgt dem ersten, die bei der von Körperverhalten einer Person beispielsweise dem zweiten. Sprache basiert auf festen grammatischen und lexikalischen Regeln, nach denen die Bedeutung linguistisch erschlossen wird. Körperbewegungen und -haltungen unterliegen offenen und von Situationen beeinflussten Deutungsmustern. Ähnlich weitreichend ist ihr Vorschlag einer Unterscheidung zwischen einer Sach- und einer Beziehungsebene, wenn Personen miteinander interagieren. Die Akteure beobachten und finden Daten aus unterschiedlichen Bezugsfeldern. Es gibt zum einen das Gegenüber der Person und zum anderen das Feld, in dem Thema und Sachverhalte der Interaktion zugänglich gemacht werden.

ZeichentheorieZeichentheorieMorris, Charles W.Eine weitere Sicht auf Zeichen entwickelte Morris (1938). Er schlug vor, drei Typen zu unterscheiden. Es gibt willkürlich festgelegte Zeichen, wie die Zeichen der Schrift. Zeichen können bildhaft sein, so dass aus ihrer Gestalt auf Gegenstände geschlossen wird, Ikons beispielsweise. Zeichen werden auch als Symptome für etwas sichtbar, Rauch lässt ein Feuer vermuten. Mit dieser Sicht auf Zeichen wurde eine eigenständige Disziplin, die Semiotik, angeregt.

Ein anderes Problem beschäftigte die Psychologie in den 30er Jahren. Sie fragt nach dem Signalbegriff aus der Perspektive des Zeichens und seiner Nutzer. Wie interagieren Personen im Hinblick auf ein Zeichen, um zu Informationen zu gelangen. Bühler (1934) entwickelte ein eigenes Konzept das Organon-Modell.Organon-Modell In diesem wird zwischen den Nutzern als Sender und Empfänger und dem Gegenstandsbereich unterschieden. Die drei Komponenten interagieren über das im Zentrum stehende Zeichen. Den Gebrauch desselben charakterisiert er als Ereignis, bei der der Sender mithilfe eines Ausdrucks, der auf Gegenstände verweist, an den Empfänger appelliert, sich auf das Ereignis einzulassen. Damit wird die Wirksamkeit von Zeichen durch das Zusammenspiel verschiedener Komponenten beschreibbar.

Symbolischer InteraktionismusAndere Wege ging die Sozialpsychologie. Wie kommt es, dass zwei Personen, wenn sie interagieren, aus den ihnen vorliegenden Daten dieselben Informationen erschließen. Die Lösung wird darin gesehen, dass das Erschließen von Information mit Fähigkeiten der Akteure erklärt wird, sich in den Anderen hineinversetzten und seine Reaktionen abschätzen zu können. Gesprochen wird von ReziprozitätReziprozität und Antizipation des Gegenübers. Mead und Morris (1934)Mead, George H. verwies damit auf die Notwendigkeit, zwischen der eigenen und der Vorstellung des Anderen zu unterscheiden, indem gelernt wird, die Nähe zwischen beide abzuschätzen: Was begründet die Erwartung, dass mein Gegenüber das tut, was ich erwarte?

EthnomethodologieTurn TakingEinen eher strukturell formalen Zugang zum Anderen wählten die Ethnomethodologen Scheggloff und Sacks (1973)Schegloff, EmanuelSacks, Harvey indem sie den Wechsel zwischen den Sprechern beobachteten und nach Formen suchten, die ein regelhaftes Verhalten der Akteure ermöglichen und so einen geordneten Austausch der Sprecherbeiträge erwarten lassen. Das miteinander Reden setzt gewisse Rücksichtnahmen voraus, wenn das Geäußerte gemeinsam behandelt werden soll.

SoziologieSoziologieDie Verhaltensmuster, die Kommunikation begleiten, haben darüber hinaus tiefer greifende Ursachen. Eine Gruppe von Soziologen suchte die Quelle für die Kommunikation nicht beim Einzelnen oder in der konkreten Interaktionssituation. Luhmann (1984) Luhmann, Niklasging davon aus, dass soziale Wirklichkeit überhaupt erst durch Kommunikation möglich wird. Mitglieder der Gesellschaft sind auf sie angewiesen und agieren erst durch sie miteinander. Die Frage, die sich damit verbindet, lautet: Wann tritt Kommunikation im gesellschaftlichen Handeln auf und welchen Anspruch erhebt sie bzw. wird ihr zugeschrieben. Habermas (1984) Habermas, Jürgenglaubt, dass Akteure grundsätzlich zur Kommunikation fähig und bereit sind, weil Kommunikation der Weg ist, Geltungsansprüchen in der Gesellschaft zu verfolgen. Er stützt sich dabei auf die Ideen der Sprechakttheorie, die seit Austin (1962) Austin, John L.zu klären versucht, wie aus sprachlichen Äußerungen ein Handeln im Umgang miteinander wird.

SprachphilosophieKooperationsmaximen Es zeigte sich aber, dass ein solcher Handlungszusammenhang nicht allein sprachlich erklärt werden kann. Die Theorie der Kooperationsmaximen von Grice (1975) Grice, H. Paulveranschaulichte, wie Akteure aus dem, was ihnen gesagt wird, auf etwas dahinter Liegendes schließen und dass es dafür bestimmte Schlussverfahren gibt, um das nicht Gesagte mitverstehen zu können. Bildhaft wird auf dieses Phänomen in der Psychologie durch Ruch/Zimbardo (1974, S. 366–367) hingewiesen. Die Eisberg-Metapher soll zum Ausdruck bringen, dass das Dargebotene immer nur ein Teil von etwas Umfassenderen, aber nicht Sichtbaren ist. Den Handelnden ist nur ein geringer Anteil zugänglich, es wird von 20 % gesprochen. Der andere Rest bleibt vor- oder gar unbewusst.

Bernstein, Basil (1924–2000): britischer Soziologe an der Universität London,

Schwerpunkte: Sprachliche Code, diskutiert als Bernstein-Hypothese vom elaborierten und restringierten Code der Mittel- und Unterschicht


Eisbergmodell

LingustikDie LinguistikLinguistik der 70er Jahre entwickelte kein eigenes Konzept, um Kommunikation zu erklären. Sie schloss sich der SignalübertragungstheorieSignaltheorie an. Vertreter der Soziolinguistik wie Bernstein (1973) oder Labov (1978) Labov, Williamdiskutierte Varietäten sprachlichen Verhaltens von Gruppen in der Gesellschaft und nutzte dazu den Begriff des Codes.Code Die Gruppen verwenden unterschiedliche Codes. Müssen Mitglieder dieser verschiedenen Gruppen miteinander kommunizieren, kommt es immer wieder zu Konflikten und dies belastet die Interaktion.


William Labov (*1927)

Amerikanischer Linguist, Schwerpunkte: Sprachwandel und Sprachvariation, Soziolinguistik

Wolfgang Wahlster (*1953): Informatiker und theoretischer Linguist, Schwerpunkte: intelligente Benutzerschnittstellen und natürlichsprachliche Dialoge

Fuzzy LogicKommunikation setzt voraus, mit Bedeutungen umgehen zu können. Bedeutungen werden in den vorgestellten zeichentheoretischen Ansätzen mit den Zeichen verknüpft. Verbreitet ist eine monodirektionale Vorstellung, die besagt, das Zeichen selbst verfüge über die Kraft, auf etwas in der physikalischen oder mentalen Wirklichkeit zu verweisen. Der Zeichenbenutzer weiß um diese Verweisfunktion des jeweiligen Zeichens und verlässt sich darauf, dass die anderen dasselbe Wissen haben. Tatsächlich besitzen Zeichen eine solche ein-eindeutige Verweisfunktion nicht. Schon die Simulationen im Rahmen der Forschung zur Künstlichen Intelligenz in den 1970er Jahren, wie sie Wahlster (1979) Wahlster, Wolfgangdiskutierte, zwangen zur Entwicklung der sog. Fuzzy LogicFuzzy Logic. Das ist eine Theorie, die sich mit der Vagheit sprachlicher Ausdrücke auseinandersetzt und dies als Besonderheit natürlichen Sprechens nachweist. Nicht zufällig gewann der Begriff des Sprachspiels von Wittgenstein (1967) Wittgenstein, Ludwig J.J.besondere Aufmerksamkeit, denn er verweist auf die gegenseitige Abhängigkeit von Zeichen und Zeichennutzern, die ihm seine Bedeutung erst im situativen Handeln zuzuschreiben erlauben. Offen geblieben ist das Wie. Kommunikation wird gerade aufgrund dieser Unbestimmtheit herausgefordert.


Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889–1951)

War einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, Schwerpunkte: Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins

PraxeologieWenn der Komplexität der Verwendung von Zeichen Rechnung getragen wird, hat das Folgen für das Verständnis von Kommunikation. Die Akteure können sich nicht darauf verlassen, dass das, was sie äußern, von anderen auf dieselbe Weise verstanden wird. Sie sind deshalb gezwungen beobachten zu lernen, ob das, was der Andere tut, mit dem, was sie möchten, kompatibel ist. Gibt es Differenzen, kann Kommunikation diese bearbeiten. Baecker (2005) hat auf diesen Aspekt aufmerksam gemacht. Die Akteure kontrollieren jedoch nicht, ob der Angesprochene über ein identisches Weltwissen verfügt, sondern sie beobachten, an welchen Punkten gemeinsames Handeln scheitert oder gefährdet ist. Um das zu verhindern oder zu überwinden und die Beobachtungsgabe der Akteure zu schärfen, braucht es Erfahrungen mit Kommunikation.Praktiken

Ein Kind hebt eine verschmutzte Kirsche vom Boden auf und will sie in den Mund stecken. „Nein, das ist bäh!“ ruft die Mutter. Das Kind schaut verständnislos und will die Kirsche essen. Die Mutter nimmt sie dem Kind weg. Das Kind findet etwas, was es essen möchte. Der Hinweis, das nicht zu essen, wird nicht verstanden. Mutter und Kind können sich den Bedeutungszusammenhang essbare und nicht essbare Gegenstände noch nicht erklären. Dem Kind fehlen entsprechende Erfahrungen. Die Mutter interveniert durch ihr Eingreifen in das Handeln des Kindes, sie nimmt ihm die Kirsche weg.

Reichertz (2009) Reichertz, Joverbindet daher die Frage nach der Kommunikation immer mit der nach der Macht. Denn versagt Kommunikation entsteht die Gefahr einer gewaltsamen Intervention, das Handlungsziel wird erzwungen. Wer kommunizieren will, muss sich daher immer auch fragen, was kann Kommunikation und was kann sie in dieser Situation nicht.

Zusammenfassung

Kommunikation ist Gegenstand verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Sie wird zum ersten Mal in der Technik der Signalübermittlung greifbar. Die Idee, dass eine Botschaft übermittelt wird und dafür geeignete Bedingungen herrschen müssen, findet sich noch heute im Verständnis von Kommunikation wieder. Das steht in engem Zusammenhang mit der Vorstellung, Zeichen garantierten diesen Vermittlungsprozess, man müsse diese nur richtig gebrauchen. Damit wird aber die Komplexität kommunikativen Handelns völlig unterschätzt. Schon früh hatte die Sozialpsychologie dies erkannt und die Soziologie reagierte darauf, indem sie sich Gedanken darüber machte, in welchem operativen Zusammenhang Gesellschaft und Kommunikation zu verstehen sind, wenn Handlungen notwendig werden. Eine zentrale Frage für eine Kommunikationswissenschaft ist daher: Woher nimmt Kommunikation ihre Wirkmacht?

Literatur

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Weiterführende Literatur

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Problemstellung und Fragen

1 Es gibt eine Reihe von Begriffen, die für das Beobachten von Kommunikation zentral sind. Welche Begriffe rücken Sie ins Zentrum und warum halten Sie sie für wichtig?

2 Was erklären die Begriffe im Hinblick auf die Kommunikation? Welche Bedeutung spielen sie im Kontext der wissenschaftlichen Diskussion zu? Warum ist nicht alles Kommunikation? (Vgl. 2.1)

3 Jeder hat ein Bild von dem, was für ihn Kommunikation bedeutet. Welche Vorstellungen bestimmen Ihr Bild von Kommunikation? Aus welcher Quelle entstammt das Wissen darüber? Was sind die zentralen Annahmen dieser Wissensquelle? Was unterscheidet sie von dem bisher über Kommunikation Gelesenen? (Vgl. 2.1)

4 Wenn wir mit anderen reden, geschieht das in Räumen. Was bedeutet ein solcher Raum für das Verstehen von Kommunikation? Der Supermarkt? Der Seminarraum? Ein Cafe? Mein Wohnzimmer? Woher nehmen wir unser Wissen über diese Räume, woran machen wir die Angemessenheit unseres Verhaltens fest, wenn wir in diesen Räumen kommunikativ agieren? (Vgl. 2.2)

5 Wenn Sie im Supermarkt eingekauft haben, müssen Sie an einer Kasse zahlen. Wodurch wird sichergestellt, dass die Kommunikation dort möglichst konfliktfrei verlaufen kann? Wann kommt es dennoch zu Irritationen und wie wird mit solchen Störungen verfahren? Welche Art von Störungen sind möglich? (Vgl. 2.3)

6 Die Entwicklung einer Theorie über die Kommunikation erfolgte aus der Sicht ganz unterschiedlicher Fachdisziplinen. Keines der Konzepte kann Kommunikation in ihrer Komplexität erfassen. Was meint die Informatik, wenn sie von Kommunikation redet? Was die Sozialpsychologie? Was die Soziologie? Was die Semiotik? (Vgl. 2.4)

Information und Nachricht – Zeichen im Kontext

Inhalt

 3.1 Nachricht und Nachrichtenverarbeitung 44

 3.2 Daten und die Welt der Zeichen 47

 3.3 Der Gebrauch der Zeichen 53

 3.4 Andere Zeichenhintergründe 56

 3.5 Literatur 61

 3.6 Problemstellung und Fragen 62

Überblick

Der erste Versuch einer Kommunikationstheorie war eine Theorie über den Umgang mit Nachrichten. Dafür bedurfte es übertragungstauglicher Daten sowie Sender- und Empfängersysteme, die mit dem Übertragenen umgehen konnten. Denn die Daten mussten für die Übertragung in ein Medium übersetzt werden, das die Daten von Ort a zu Ort b zu transportieren ermöglichte, und das dem Empfänger eine Zurückübersetzung erlaubt. Das war ein technisches Problem bei der Entwicklung des Telefons. Es ist aber ein grundsätzliches Problem zwischen Organismen, die Daten austauschen wollen. Denn das Übertragungsproblem ist nicht nur ein physikalisches Ereignis, sondern es ist immer auch ein semantisches, d.h. mit den Daten werden aufseiten des Sendersystems Informationen verbunden, die das Empfängersystem für sich im Sinn der Information nutzen soll. Das setzt Systeme voraus, die in der Lage sind, solche Daten zu erkennen und auf eine erwartbare Weise zu nutzen. In Abhängigkeit zu den Bedürfnissen der Systeme bilden sich Praktiken der Übertragung heraus. Das beginnt im Pflanzenreich, ist bekannt aus der Welt der Tiere und entwickelt sich ständig unter Menschen weiter.

NachrichtNachricht und Nachrichtenverarbeitung

Der Fachausdruck Nachricht wurde durch die Arbeiten von ShannonShannon, Claude und WeaverWeaver, Warren ins Zentrum der Kommunikationstheorie gerückt. Shannon und Weaver (1949) beschäftigten sich mit der Frage, wie es möglich ist, dass ein Empfänger etwas Gesendetes verstehen kann. Dazu entwickelten sie ein Modell, das zu klären versucht, was geschieht, wenn zwischen zwei Systemen – Sender und Hörer können dabei auch technische Geräte sein – Daten ausgetauscht werden. In solchen Situationen sind Übermittlungsschwierigkeiten nicht unwahrscheinlich.


Claude Shannon (1916–2001)

US-amerikanischer Mathematiker und Elektrotechniker. Er gilt als Begründer der Informationstheorie, Schwerpunkt: mathematische Modelle der Kommunikation


Warren Weaver (1894–1978)

US-amerikanischer Mathematiker und Vater der maschinellen Übersetzung. Zusammen mit Claude Shannon war er der Begründer der Informationstheorie.

Bei der Übertragung von Daten geht es darum, wie sichergestellt werden kann, dass die Ursprungsdaten des Senders nicht verzerrt werden oder verloren gehen, wenn sie in verschiedene übertragungstaugliche Formate umgewandelt werden. Ein physikalisches Lautereignis kann im Format von elektrischen Daten transportiert werden, d.h. es braucht Regeln für eine solche Umformung. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass die ursprünglichen Daten (wieder-)erkannt werden müssen. Dafür bedarf es einer Einheit, welche die gesendeten Daten zurück in ein physikalisches Lautereignis übersetzt.

Daten-VerarbeitungDatentransferEs entsteht ein System, das aus Einheiten besteht, die bestimmte Funktionen übernehmen wie die des Sendens, Übertragens und Empfangens. Eine Funktionseinheit eines solchen Systems kann beispielsweise ein technisches Gerät sein, das über eine Technik verfügt, Daten, die eingehen, physikalische Lautwellen beispielsweise, mithilfe bestimmter mechanischer Verfahren wie Membranen in elektrische Signale umzuwandeln. Um jemanden ansprechen zu können, braucht es einen Kanal über den dieser technisch erreicht werden kann. Damit die so versendeten Daten genutzt werden können, setzt das eine Empfangsstation voraus, die die empfangenen Daten erkennt und in ein Format übersetzt, das der so Angesprochene für seine Arbeit nutzen kann.

Solche Vorgänge lassen sich auch im organischen Bereich beobachten, wenn Organismen biochemische Daten wahrnehmen und aufgrund dessen darüber entscheiden, ob und wann eine Zellversorgung möglich ist. Das dahinterstehende Modell zeigt sich auch, wenn über gesellschaftliche Vorgänge gesprochen wird, die auf einem gegenseitigen Datenaustausch beruhen, der Regeln folgt, auf die sich gemeinsames Handeln stützt und untereinander vergleichbare Schlüsse aus der Bearbeitung der Daten erwarten lässt.

Wenn Daten zur kommunikativen Nutzung übergeben werden, müssen Sender und Empfänger abschätzen können, ob die Daten von der angesprochenen Funktionseinheit Empfänger überhaupt verarbeitet werden können und eine entsprechende Technik vorhanden ist, die das erlaubt, bzw. wenn eine solche verfügbar ist, ob die Verarbeitung im gewünschten Sinn wahrscheinlich ist. Die Funktionseinheit Empfänger könnte so konstruiert sein, dass sie unvollständige Daten autonom korrigiert. Wörter, die fragmentarisch übermittelt wurden, werden lexikalisch vervollständigt. Dabei kann es dazu kommen, dass Wörter falsch rekonstruiert werden und der Angesprochene zu Schlüssen veranlasst wird, die so nicht intendiert waren.

Erklärung

In der Kommunikationswissenschaft wird zwischen einer Nachricht und einer Information unterschieden. Daten werden als Nachricht wahrgenommen, wenn der Empfänger das Sendeereignis bestätigt. Ihm wurde etwas von einer Funktionseinheit Sender mitgeteilt. Diese Mitteilung, das Erkennen von Daten als eine Nachricht, muss sich im nächsten Schritt der Bearbeitung bewähren. Nur wenn die Funktionseinheit Empfänger über einen Verarbeitungskontext verfügt, der die Nachricht für sie lesbar macht, kann eine Information erschlossen werden.

Die Funktionseinheit Empfänger gleicht zum Beispiel die eingehenden Daten mit einem Wörterbuch einer Sprache ab und kann zwischen Wörtern und nicht Wörtern unterscheiden. Sie schließt aus der Nachricht auf lexikalische Informationen. Dabei kann sie feststellen, ob das Wort bekannt oder neu ist. In Abhängigkeit zu den vorhandenen Nachrichten, und den damit im Lexikon bereits enthaltenen Wörtern, ist dann feststellbar, welche Rolle die Nachricht im gewählten Konzept Wörterbuch spielt. Wenn sie bereits vorhanden ist, kann ihr ein Wert zugewiesen werden. Wird Neues erwartet, würde die Nachricht als gering bzw. mit dem Wert Null eingestuft. Denn sie bestätigt nur den Nachrichtenbestand in seinem bereits bestehenden Zustand. Erst wenn eine Nachricht die Funktionseinheit erweitert, wird die Information als höherwertig eingestuft ansonsten ist sie eine Bestätigung.

NachrichtNachricht und InformationInformationWer jemanden nach dem Weg fragt und Auskunft bekommt, erhält vom Angesprochenen Daten, die er als Nachricht wahrnehmen kann. Diese lässt sich im Hinblick auf ihren Informationswert aber erst abschätzen, wenn er als Angesprochener ihr einen Kontext zugeordnet hat, der eine Bewertung erlaubt. Der Kontext ist eine Wegauskunft. Enthält die Nachricht nichts, was für den Fragenden neu im Hinblick auf den Weg ist, bleibt sie wertlos. Die Nachricht ist für ihn dann keine Information.

Wenn etwas als Daten wahrgenommen wird, kann derjenige, der sie wahrnimmt, einen Sender unterstellen. Ob das immer der Fall ist, kann offen bleiben. Denn eine Funktionseinheit kann auch Nachrichten aus ihrer Umwelt aufnehmen, die nicht von einem Sender stammen, zum Beispiel, wenn jemand in seiner Umwelt etwas ihm bisher Unbekanntes entdeckt und damit sein bestehendes Wissen und seine Erfahrungen erweitert. Auf einer Wanderung sieht er eine Pflanze, die in dieser Umgebung eigentlich nicht vorkommt. Das Gesehene ist in diesem Fall eine Nachricht, die für ihn zu einer Information wird. Es wird zu einer Information, weil der Betrachter einen Kontext zur Verfügung hat, in dem er es als etwas Neues einordnen kann. Es gibt aber keinen Sender. Das Ereignis ist nicht kommunikativ begründet. Es handelt sich um einen kognitiven Vorgang.Kognition

Erklärung

Nicht alles, was als Daten in der Umwelt zur Verfügung steht, lässt sich unter Akteuren kommunikativ motivierend nutzen. Die Funktionseinheit Sender muss bei der Auswahl seiner Daten abschätzen können, ob die Funktionseinheit Hörer die Daten erkennt, welche als Träger für eine Information aus der Sicht des Senders genutzt werden sollen. Das erfolgreiche Senden einer Nachricht setzt also Erfahrungen im Umgang mit Daten und den potentiellen Adressaten voraus.

VerbreitungsmediumZu Beginn steht die Auswahl dessen, was inhaltlich gesendet werden soll. Das Ausgewählte muss mindestens einem Datentyp anvertraut werden, der sich so verbreiten lässt, dass er den Anderen erreicht. Ein Gedanke, der weitergegeben werden soll, muss in der Regel sprachlich erfasst werden. Das Gedankenkonstrukt wird dann lexikalisch und grammatisch ausformuliert. So entstehen transferierbare sprachliche Daten. Wenn die Funktionseinheit Empfänger mit der entsprechenden Sprachkenntnis ausgestattet ist, hat er eine Chance, aus dem so Vermittelten Informationen zu erschließen.

Sprache ist ein zentrales Verbreitungsmedium.VerbreitungsmediumSprache Es gibt Lauteinheiten, die so strukturiert sind, dass sie in ihrer Funktion von denen, die sie hören, erkannt werden. Aus der Menge von Geräusch-Daten werden die sprachlichen herausgehört. Ähnlich verhält es sich, wenn Papierblätter vorliegen, auf denen Linien und Punkte zu sehen sind. Werden sie als Schrift erkannt, lassen sich im europäischen Umfeld Buchstaben von Daten unterscheiden, die durch Verunreinigungen des Papiers entstanden sind. Ein Verbreitungsmedium funktioniert, wenn es Daten von einem Ort an einen anderen transferieren kann und wenn die Funktionseinheit Sender und Empfänger über Kontexte verfügen, die darin eine Nachricht erkennen, die sie zu den gleichen Informationen führen.

Eine NachrichtNachricht kommunikativ zu bearbeiten, bedeutet bei der beschriebenen Sichtweise, die Daten zu identifizieren, die für das Erschließen einer Information relevant sind. Relevanz bedeutet für die Funktionseinheiten Sender und Empfänger, über Kontexte zu verfügen, die das Wahrgenommene den Akteuren zu deuten erlauben. Das setzt Technik voraus, die das leistet, wenn der Akteur eine Maschine ist, oder es bedarf Wissen und Erfahrung, die menschliche Akteure in ihrer kommunikativen Umwelt erworben haben.

Erklärung

Kommunikation lässt sich als ein Übermittlungsereignis beschreiben. Zwischen den Funktionseinheiten Sender und Empfänger werden Daten über lokale Distanzen hinweg ausgetauscht. Das setzt voraus, dass die Daten vom Empfänger erkannt werden. Sender und Empfänger müssen sich unterstellen können, dass sie über Kontexte verfügen, die die Daten für sie im Sinne einer Information interpretierbar machen.

Daten und die Welt der Zeichen: Index, Ikon, SymbolZeichen

Die Intensität unseres kommunikativen Handelns sowie die Sicherheit im gemeinsamen Handeln stehen im Zusammenhang mit der Entdeckung, dass Zeichensysteme es dem Menschen erlauben, Wissens- und Erfahrungsbestände nicht nur kognitiv zu verarbeiten, sondern auch kommunikativ zu verbreiten. Die TierforschungKommunikationTiere belegte in den vergangenen Jahren, dass Tiere durchaus über elaborierte kognitive Modelle verfügen, die ihnen eine informative Orientierung in der Welt ermöglichen. Dieser Umstand ist aber nur bedingt aufzuklären, weil eine Kommunikation darüber mit ihnen nicht möglich ist.

TierkommunikationInteressant ist ein Bericht über den Papagei Alex. Pepperberg (2009) berichtet darüber, dass dem Tier die Bedeutung von einzelnen Wörtern vermittelt werden konnte. Es war imstande, Resultate einfacher Rechenoperationen als richtig oder falsch zu kommentieren, wenn ihm Ergebniszahlen zu bestimmten Aufgaben vorgelegt wurden. Dabei wurde offenkundig, dass es über so etwas wie einen Zahlen- bzw. Mengenbegriff verfügt. Bisher beherrschte es aber kein bedeutungsgebundenes Zeichensystem, so dass die Rechenfähigkeit verborgen geblieben war. Dinge in der Welt sind sprachunabhängig erkennbar und erlauben es dem Individuum, eigenständige Vorstellungen über die Welt auszubilden. Ob sie kommunizierbar sind, ist damit aber noch keineswegs geklärt.

Die Forschung zum Papagei erregte Aufmerksamkeit, weil bisher nur von Primaten bekannt war, dass diese trainiert werden können Zeichen zu benutzen, die wir im Umgang mit ihnen dann als kommunikationstaugliche Daten nutzen. Sie werden z.B. trainiert bunte Plättchen mit Klassen von Nahrungsmitteln zu assoziieren, sodass sie diese mittels Plättchen identifizieren können. Auch einfache Handlungen werden markiert und sind dann mit den Objekten verbindbar, so dass syntaktische Effekte entstehen, die als einfache Sätze lesbar sind. Die Tiere lernen mit einem bestimmten Datentyp, bunte Plättchen, umzugehen. Die jeweilig genutzten Artefakte werden mit Klassen von Objekten und Handlungen aus der Umwelt der Tiere fest assoziiert. Diese Fähigkeit ist kommunikativ nutzbar, weil zwischen Tier und Mensch ein Kontext besteht, der aus den Artefaktdaten eine Nachricht erzeugt, die gegenseitig als Hinweis auf Objekte und Handlungen lesbar und zu Informationen für die Beteiligten werden. Diese künstlich erzeugten Daten übernehmen dann die Funktion von dem, was als Zeichen wahrgenommen wird.

Erklärung

Kognition und Kommunikation sind unterschiedliche Aktivitäten und zugleich bedingen sie sich, weil etwas Erkanntes bedeutsam wird, wenn es von anderen anerkannt wird. Das geschieht durch Kommunikation.

ZeichengebrauchZeichenFür den Menschen spielen Zeichen eine wichtige Rolle, wenn es um das Erkennen von Dingen in der Welt geht. Anders als im Tierreich nutzen wir intensiv Zeichen, um Erkenntnisse über uns und die Welt weiterzugeben. Nicht zufällig wird unsere Gesellschaft als Informationsgesellschaft bezeichnet. Dieser Begriff bringt die Besonderheit zum Ausdruck, dass wir unsere Welt in ganz hohem Maße aufgrund von Nachrichten wahrnehmen und sie uns auf diese Weise informationell zugänglich machen. Das ist nur möglich, weil es ein ausdifferenziertes und allgemein anerkanntes System von Zeichen gibt.

Eine eigene Forschungsdisziplin widmet sich daher der Frage, was Zeichen sind, wie ihre Funktionen erklärt werden können und welche Reichweite ihnen im Gebrauch zugewiesen werden kann. Der Begriff SemiotikSemiotik taucht erstmals in der antiken griechischen Medizin auf und wurde dort auf die Lehre von Kennzeichen bezogen. Damit waren die Symptome gemeint, die bei einzelnen Krankheiten auftreten.

Das heutige Verständnis, bei dem Zeichen und Denken in Zusammenhang gebracht werden, ist erstmals bei John Locke 1690 (1976, 443)Locke, John nachzuweisen. Er dachte darüber nach, wie wir aufgrund von Zeichen Dinge in der Welt sehen, ordnen und Wissen darüber ausbilden. In die Diskussion der Sprachwissenschaft wurde der Terminus SemiotikSemiotik erstmals durch Saussure (1931) Saussure, Ferdinand de eingebracht und fand dort sogleich große Beachtung. Charles Sanders PeircePeirce, Charles Sanders gilt als einer der wichtigen Mitbegründer der modernen ZeichentheorieZeichenTheorie. Seine Konzepte von Zeichen gehen davon aus, dass unser Denken immer in Zeichen erfolgen muss. Den Grund dafür sieht PeircePeirce, Charles Sanders in dem Umstand, dass ein Gedanke stets auf andere Gedanken verweist und dass dies objektbezogen erfolgen muss. Peirce selbst kommentiert den Vorgang so:


John Locke (1632–1704)

Englischer Philosoph und Vordenker der Aufklärung, Schwerpunkte: Hauptvertreter des britischen Empirismus, Vertragstheoretiker im frühen Zeitalter der Aufklärung


Ferdinand de Saussure (1857–1913)

Schweizer Sprachwissenschaftler, Professor für Geschichte und indo-europäischen Sprachvergleich, Schwerpunkte: Strukturen der Sprache und Semiotik


Charles Sanders Peirce (1839–1914)

Amerikanischer Mathematiker und Philosoph, Schwerpunkte: Logik, Semiotik, Sprachwissenschaft, Philosophie und Ökonomie

„Ein Zeichen, oder Repräsentamen, ist etwas, das für jeden in einer gewissen Hinsicht oder Fähigkeit für etwas steht. Es richtet sich an jemanden, d.h. es erzeugt im Bewusstsein jener Person ein äquivalentes oder vielleicht ein weiterentwickeltes Zeichen. Das Zeichen, welches es erzeugt, nenne ich den Interpretanten des ersten Zeichens. Das Zeichen steht für etwas, sein Objekt. Es steht für das Objekt nicht in jeder Hinsicht, sondern in Bezug auf eine Art von Idee, die ich manchmal den Grund des Repräsentamen genannt habe.“ (Peirce CP 2, 228)

In der Zeichendefinition von Peirce ist ein Zeichen zuerst einmal ein beliebiges Etwas; das bedeutet, alle Daten können zeichentauglich sein und alles kann zum Zeichen gemacht werden. Im Spiel von Kindern lässt sich das leicht beobachten, wenn sie z.B. mit einer Streichholzschachtel den Flug ins Weltall bewältigen und im Anschluss daran dieselbe Schachtel als das Auto des Vaters in eine Parklücke manövrieren.

ZeichenZeichen so zu sehen bedeutet sie funktional zu verstehen. Peirces Theorie basiert auf einem solchen Konzept. Das Zeichen (= Repräsentamen)XE "Repräsentamen steht in einem Verhältnis zu dem Etwas, das ein Objekt oder die Idee davon (= Interpretant)Interpretant ist. Formal können wir sagen: Wenn x ein Datum ist und als Zeichen benutzt werden soll, dann ist das möglich, wenn ich als Zeichenbenutzer dieses x im Hinblick auf eine Ordnung deute. Diese muss anderen bekannt sein, so dass ein Objekt gemeinsam identifiziert werden kann.

BeispielWir machen eine Wanderung und entdecken eine Einkerbung in einem Felsgestein. Was diese Einkerbung bedeutet, hängt nun davon ab, ob wir einen Kontext finden, der eine Deutung zu begründen erlaubt. Die Einkerbung kann durch die Verwitterung des Steins erfolgt sein. Sie kann aber auch ein künstliches Produkt sein, weil ihre Form in der Natur so nicht zu erwarten ist. Wenn Letzteres angenommen wird, können Vermutungen darüber angestellt werden, was diese Einkerbung bedeutet. Die Frage lautet dann, auf welche Ordnung sie verweist. Die Einkerbung kann auf eine Ordnung hinweisen, in der bestimmte Formen der Einkerbung eine Wegführung anzeigen; es handelt sich dann um ein Wegzeichen. Möglich ist ebenfalls, dass die Einkerbung zur Ordnung der Runen (Schriftzeichen der Germanen) gehört. Innerhalb einer solchen Ordnung wäre dann zu klären, was das Runenzeichen an dieser Stelle ausdrücken sollte. Denkbar ist aber auch, dass ein Liebespaar die Namen der Partner mit einem Zeichen verewigt hat.


ZeichenmodelleTriadisches Zeichen, Quelle: Nöth (2000, S. 140)

PeirceNach Peirce (CP 2, 308) entstehen Zeichen nur im Bewusstsein eines Interpreten, der die Relationen zwischen drei Einheiten herstellt, ein triadisches Zeichen-Modell. Das Repräsentamen ist das konkrete Zeichen und „Vehikel zum Ziel“. RepräsentamenEs stellt ein Hilfsmittel dar, um an etwas heranzukommen. Der Terminus Repräsentamen bezeichnet einerseits das Zeichen in Relation zum Interpretanten, andererseits wird der Ausdruck regelmäßig verwendet, wenn es um das Zeichen als Zeichenkörper geht, welches auch „Datum“ genannt wird. Für das funktionale Verständnis ist die Beziehung des Zeichens zum Interpretanten grundlegend. Dabei hebt Peirce mehrfach hervor, dass nichts als Zeichen fungieren kann, was nicht als ein solches erkannt wird. Dieser Vorgang des Erkennens erzeugt eine Ambivalenz, denn Interpretant und Zeichenbedeutung geraten in ein Verhältnis der gegenseitigen Abhängigkeit. Das hängt mit Peirces Vorstellung zusammen, das Zeichen selbst löse Effekte bei dem aus, der das Zeichen nutzt.

Wer ein wissenschaftliches Buch liest, erlebt immer wieder, wie sich für ihn im Verlauf des Lesens Wörter in ihrer Begrifflichkeit verändern. Der Leser passt dann sein Verständnis immer wieder neu dem erreichten Erkenntnisstand an. Eine Konsequenz daraus ist: Es gibt kein ZeichenZeichenGebrauch an sich. Es gibt ein Zeichen nur, wenn es einer bestimmten Ordnung bzw. einem dazu passenden Kontext zugeschrieben werden kann. Ein Datum kann nur als Zeichen benutzt werden, wenn den Benutzern eine Ordnung zur Verfügung steht, welche das Datum als zu einer Sorte von Daten zugehörig identifizierbar macht. Es bedarf eines bestimmten Nutzungskontexts. Wir müssen also zuerst den Nutzungskontext suchen, in den wir die Zeichen einordnen können.

Linien auf einer Fläche werden als Buchstaben identifizierbar, wenn sie im Kontext von Sprache beobachtet werden. Wenn ich ein „x“ als Datum sehe und es zum Buchstaben erkläre, verfüge ich über die Ordnung von Buchstaben und kann dem „x“ die Bedeutung von „x“ zuschreiben, d.h. ich sehe in ihm den drittletzten Buchstaben des lateinischen Alphabets. „x“ kann aber auch das Kreuz auf dem Lottoschein sein; dann ist es ein Markierungssignal, die entsprechende Zahl gilt für das Spiel als gesetzt. Somit wird immer erst das zum Zeichen, was vom Rezipienten dazu gemacht wird bzw. gemacht werden kann. In kommunikativen Zusammenhängen muss gesichert sein, dass es wenigstens ein zweites Individuum gibt, das diesen Zusammenhang herstellen kann. Damit besitzt der Zeichenbegriff eine nutzerunabhängige Wertigkeit.

Die kommunikative Tauglichkeit hängt davon ab, ob die Nutzer sicher sein können, dass die Zeichen auf dem Hintergrund sehr ähnlicher Kontexte gelesen werden. Nur wenn das der Fall ist, können sie kommunizieren ohne die Kommunikation selbst in Frage stellen zu müssen. Im Alltag wird dieser Zusammenhang oft vernachlässigt, weil der Zeichengebrauch nicht reflektiert, sondern automatisch vollzogen und als selbstverständlich betrachtet wird.

Typen von InterpretantenPeircePeirce beschreibt drei Typen von Interpretanten.ZeichenTypen Es gibt den unmittelbaren Interpretanten, bei dem das Zeichen unvermittelt emotional auf sein Bewusstsein einwirkt. Als typisch für eine solche Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung zitiert Peirce das Hören von Musik. Davon unterscheidet er die energetische Verarbeitung. In diesem Fall verarbeitet der Interpretant das Zeichen durch Handeln und kognitive Arbeitsleistungen. Diese Funktionsweise wirkt in das interaktive Verstehen der Zeichen unmittelbar hinein. Er besucht ein Theater, geht in Ausstellungen oder macht Sport. Die dritte Form findet sich in der logischen, normalen bzw. finalen Verarbeitung. Das Repräsentamen wird hier aufgrund bestimmter Denkgewohnheiten verarbeitet, die bei einzelnen Interpretanten bestehen. Es kann zu Veränderungen der Denkgewohnheiten kommen, wenn sich im Objektbereich entsprechende Modifikationen vollziehen.

Typen von RepräsentantenIndicesGrundsätzlich werden drei verschiedene Typen von Repräsentamen unterschieden. Es gibt Indices, sie werden auch als Indikatoren bezeichnet, die einen konkreten Bezug zu einem singulären Objekt organisieren. Der Index bzw. Indikator verweist darauf, ohne dabei einen Effekt, z.B. die Ähnlichkeit des Zeichens zum Objekt, zuhilfe zu nehmen. Der Hinweis erfolgt unvermittelt. Wenn wir Rauch sehen, vermuten wir, dass es ein Feuer gibt, und so verweist der Rauch indirekt auf das Feuer. Eine Geste mithilfe des ausgestreckten Fingers wird als Zeigen auf etwas verstanden. Wir können dem Finger in die angezeigte Richtung bis hin zu einem Objekt folgen und sehen in der Menge möglicher Bezugsobjekte das, worauf der Finger zeigt.

Von den Indikatoren unterscheidet PeircePeirce solche Bezugnahmen, in denen das Zeichen eine Ähnlichkeit simuliert. Er spricht dann von Ikonen.Ikon Typisch dafür sind Bilder. Wir erkennen im Abgebildeten aufgrund seiner Gestalt etwas, was wir durch unser Wissen über die Welt als Objekt identifizieren können. Auf diesen Zeichentyp wird gerne zurückgegriffen, wenn sprachunabhängig Informationen gegeben werden sollen. Bei den olympischen Spielen 1972 in München wurden solche Ikonen entwickelt, welche Hinweise auf die verschiedenen Sportarten boten sowie zur Orientierung an öffentlichen Plätzen genutzt wurden. Ganz selbstverständlich ist dort das Bildzeichen für den Fluchtweg geworden.


Piktogramm/Ikon

Der „Leser“ erschließt sich aufgrund der erkannten Gestalt und der Zuordnung eines mitgedachten Handlungszusammenhangs, was gemeint sein könnte. Die Grenzen dieses Zeichentyps wurden bei den Symbolzeichen der Windows-Programme erkennbar, wo die Ikonen nicht mehr ohne weiteres Handlungszusammenhänge ausdrücken konnten, weil die anzuzeigenden Inhalte zu spezifisch sind. Ein Ikon zur Wahl der Sprache oder zum Abzählen der Wörter funktioniert nur, wenn es sprachlich ergänzt wird.

SymbolDie arbiträr angelegten Zeichen klassifiziert Peirce als Symbole. Sie können nur funktionieren, wenn der Benutzer aufgrund speziellen Wissens über den Gebrauch des Zeichens von der Zeichengestalt her eine Beziehung über das vorgestellte zum vorfindlichen Objekt herstellen kann. Das setzt einen konventionell angelegten Gebrauch voraus, so dass Nutzer aufgrund des Zeichens auf dasselbe Objekt schließen können, wenn sie die Konventionen kennen, die an den Zeichengebrauch geknüpft sind. Sprache ist dafür das typische Beispiel und die verschiedenen Buchstaben oder Buchstabiersysteme als Morse- oder Flaggenalphabet.

Erklärung

Zeichen leben von der Interpretationsleistung ihrer Benutzer. Diese müssen über Wissen und Erfahrungen im Umgang mit kommunikativen Situationen verfügen, welche ihnen erst die Möglichkeiten geben, aus Datenkonstellationen auf mögliche damit verbundene Zeichen schließen zu lernen. Wissenschaftlich ist der Zugang schwierig, weil faktisch sehr viele Daten mit unterschiedlicher Qualität im Spiel sind, die keineswegs in ihren Details und ihrer Wirkung erklärt werden können, vorausgesetzt sie werden überhaupt bewusst wahrgenommen. Die Herausforderung besteht zu klären, wie aus der vielfältigen Varietät kommunikativ gemeinsames Handeln arrangiert wird.

Der Gebrauch der ZeichenZeichenGebrauch

Das Besondere an Peirce ZeichendarstellungPeirce ist, dass er Zeichen nicht als etwas für sich Gegebenes begreift. Er entwickelte einen dynamischen Zeichenbegriff: Der Nutzer von Zeichen muss Daten, die er vorfindet, in ihrem Zeichencharakter erkennen. Geschwärzte Stellen auf einem Blatt müssen als Buchstaben, Buchstaben als Wörter, Wörter als Sätze und Sätze als Text interpretiert werden. Das Zeichen ist dabei immer ein Ergebnis eines Adaptionsprozesses, bei dem auf dem Hintergrund von Index, Ikon oder Symbol nach passenden Kontexten des Gebrauchs gesucht worden ist. Findet der Akteur einen solchen, kann er die Zeichen lesen und deuten, wobei er ständig herausgefordert ist zu prüfen, ob die gefundene Lesart und Deutung dem erarbeiteten Kontext standhält. Der Akteur wird so permanent mit dem Problem konfrontiert, die sich ihm auftuenden Ordnungen und möglichen Kontexte zu harmonisieren und zu koordinieren. Denn die Offenheit dessen, was als Zeichen erkannt wird, sichert einerseits die Dynamik und Flexibilität im Umgang mit Zeichen, schafft aber andererseits Unsicherheitspotential. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit individuellen Handschriften.

RepräsentamenDer Zeichennutzer kann nach PeircePeirce das Repräsentamen als Rhema, Dicent und als Argument gebrauchen. Auf diese Weise versucht Peirce, Ordnungen zu charakterisieren, wie sie vor allem durch das Zeichensystem der Sprache nahegelegt werden. Deren Wirkmächtigkeit besteht darin, dass sie Objekte, oder allgemeiner formuliert, Entitäten der tatsächlichen oder gedachten Wirklichkeit benennen kann. Dafür werden in der Regel Wortphrasen benutzt. Die Sprache stellt ferner verbale Mittel zur Verfügung, mit denen Eigenschaften und Relationen bezeichnet werden können. So ist es möglich, Objekte zu klassifizieren, zueinander in Beziehung zu setzen und auf diese Weise Ereignisse und Sachverhalte zu besprechen.

Referenz und PrädikationReferenzPrädikationWir können mit sprachlichen Ausdrücken direkt auf Gegenstände hinweisen, sie zeigen und sie uns so verfügbar machen. Sprache erlaubt eine Referenzialisierung und eine Prädikation. Die Prädikation ist ein Akt der Zuschreibung von Eigenschaften, mit denen die Gegenstände charakterisiert werden. Prädikationen können nun aber von den Sprachnutzern aufgrund ihrer Sicht auf die Dinge unterschiedlich bewertet werden, sodass es die Möglichkeit zu ihrer Überprüfung geben muss.

RhemaRhema bezeichnet im Griechischen das Wort. Das Repräsentamen tritt dann als das einzelne Wort in Erscheinung. Es wird gebraucht, um den Bezug zu Objekten zu arrangieren, das geschieht oft durch Nominalphrasen, um Hinweise auf Referenzpunkte in der vorzustellenden Wirklichkeit zu geben. Peter schenkt seiner Schwester eine Blume. Die Wörter Peter, Schwester, Blume lösen Suchvorgänge aus, wir versuchen in einer vorfindlichen oder gedachten Welt Referenzpunkte für sie zu finden.

DicentDer Begriff Dicent leitet sich vom Verb dicere her und bezeichnet Reden. Peirce charakterisiert damit den Umstand, dass durch Äußerungen ein Reden über etwas tatsächlich Existierendes möglich ist. Die Referenzpunkte gewinnen für die Akteure erst Bedeutung, wenn sie auf etwas hin ausgerichtet für die Akteure Sinn erzeugen. Das Dicent oft als Verb realisiert erfüllt diesen Zweck, indem es tatsächliche oder gedachte Objekte in einen bestimmten Zusammenhang rückt und einen Wirklichkeitsanspruch damit verbindet. Der Satz Peter schenkt seiner Schwester Blumen. beinhaltet: Es gibt Peter und er hat eine Schwester und verfügt zum Zeitpunkt der Äußerung über Blumen, und die Blumen werden von Peter an die Schwester gereicht, so dass diese in den Besitz von Peters Schwester gelangen.

ArgumentArgumentMit dem Einbezug der argumentativen Ordnung geht Peirce über die Prädikation hinaus, denn einer Prädikation kann widersprochen werden. Geschieht das, bedarf es einer Bewertungsmöglichkeit. Mit dem Argument wird das Repräsentamen zur Möglichkeit, die dann die innere Logik und verknüpfte WahrheitsansprücheWahrheitsanspruch verbindet. Wenn eine Prädikation als Argument gedeutet wird, folgt sie einer neuen Ordnung. Betrachten wir die Äußerung: Peter schenkt seiner Schwester Blumen. Sie war so unglücklich. In ihr ist Peter jemand, der seiner Schwester etwas schenkt, und es gibt die Schwester von Peter, die zu diesem Zeitpunkt unglücklich ist. Beide Prädikationen können in ein logisches Verhältnis zueinander gebracht werden. Peter schenkt etwas, weil die andere Person unglücklich ist oder er schenkt etwas, damit die Beschenkte glücklich wird.

Erklärung

Um über Dinge miteinander reden zu können, nutzen wir Sprache. Sie erlaubt Aussagen über Gedachtes oder Vorfindliches und stellt dafür sprachliche Mittel zur Verfügung. Kommunikation wird sichtbar, wenn gegen die Aussagen Einspruch erhoben wird. Ein Dialog eröffnet sich und schafft einen Raum gegenseitiger Erfahrung.

Selbstvergewisserung des ZeichengebrauchsPeirceDie Ideen der Zeichentheorie von Peirce stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entwicklung von Kommunikationstheorien. Im Zuge der Aufarbeitung seiner Schriften wurde aber die Dialogizität von Zeichen als ein wichtiges Element für eine Kommunikationstheorie erkannt. Dialogizität beginnt nämlich nicht erst mit der Kommunikation zwischen Sender und Empfänger, sondern setzt bereits mit der präkommunikativen Semiose ein. Bevor wir kommunikativ handeln, sprechen wir quasi probeweise zu uns selbst, um die Wirksamkeit der kommunikativen Handlung zu testen, denn

„[…] eine Person ist nicht völlig ein Individuum. Seine Gedanken sind das, was es sich selbst sagt, d.h. was es jenem anderen Selbst sagt, welches im Fluss der Zeit gerade in Erscheinung tritt.“ (Peirce CP, 421)

Im Alltag erleben wir immer, dass einem ein Wort begegnet, das man zwar zu kennen glaubt, bei dem man aber unsicher ist, ob es nicht auch andere Bedeutungen haben könnte. Entsprechend wird nach Gebrauchssituationen gesucht, in denen sich eine andere Lesart finden lässt. Wir versichern uns unseres Verstehens einer Sache, indem wir mithilfe der Zeichen unsere Erfahrungen prüfen, wie mit den Zeichen auch alternativ umgegangen werden könnte und ob es einen optimaleren Handlungskontext gibt.

Die ständige Benutzung von Zeichen schafft unter den Nutzern gemeinsame Hintergrunderfahrungen, sodass beim Auftreten bestimmter Zeichen feststellbar ist, ob diese zu den den Nutzern bereits bekannten Bezugsgrößen passen oder nicht. PeircePeirce beschreibt das Phänomen mit der Bemerkung, der Interpret habe es mit einer „Nachkopie dieses kopierten Fetzens“ zu tun und müsse wissen, wo genau in seinem Panorama des universellen Lebens er diese einfügen könne. (Peirce Mikrofilm 318, 194–195)

Verstehenshorizonte greifen zu kurz, wenn sie nicht mit anderen geteilt werden. Deshalb fordert Peirce vom Interpretanten, dass er nicht nur kognitiv seinen Standpunkt bestimmt, sondern zu klären versucht, was der Mit-Interpretant denken könnte. Erst im Zusammenspiel beider Positionen wird Kommunikation möglich. Denn das, was ich verstehe, wird kommunikativ nur dann relevant, wenn die Voraussetzung dafür geschaffen ist, dass der Andere etwas ganz ähnlich wie ich verstehen kann.

Sprecher Ein Sprecher beobachtet sich dahingehend selbst, wie das von ihm Geäußerte im Zusammenspiel mit Anderen funktioniert hat und weiterhin funktionieren könnte. Diese Erfahrungen bilden eine Grundlage für sein sprachliches Handeln. Peirce beschreibt dieses Phänomen unter dem Begriff der Selbstbezüglichkeit. Wichtig ist hierbei folgende Annahme: Wenn eine Person eine andere erkennt, so erfolgt dies auf eine Art und Weise, die derjenigen ähnelt, wie sie sich selbst ihrer eigenen Person bewusst wird.

„Die Idee der zweiten Person […] wird von der ersten Person ebenso unmittelbar wie das eigene Ich wahrgenommen, nur weniger lebhaft.“ (PeircePeirce CP 6, 160)

Denn ein Sprecher entwickelt die Idee von sich selbst, indem er aus Erfahrungen mit seinem Gegenüber auf sich schließt und diese Erfahrung so internalisiert, dass sie sein Handeln motiviert.

ReziprozitätReziprozitätDer Gebrauch von Zeichen muss gewollt sein und wird darauf ausgerichtet, was der Sprecher ausdrücken möchte. Die Zeichen haben nur dann Erfolg, wenn sie bei den Zeichenbenutzern den erhofften Effekt auslösen. Die Zeichennutzung basiert auf Gegenseitigkeit, dafür muss jedoch dem Anderen unterstellt werden, im Verlauf der Interaktion ganz ähnlich mit den Zeichen umzugehen, sodass der Gebrauch zu gemeinsam gewünschten Ergebnissen führt.

Voraussetzung ist, dass das mentale Handeln bei den Betroffenen grundsätzlich selbstreferentiell erfolgt. Jeder verwendet sich selbst als Bezugsrahmen. Das steht zuerst einmal im Widerspruch zum kommunikativen Anliegen, welches auf einen Anderen gerichtet ist. Dennoch kann dieses Verhalten für Kommunikation nutzbar gemacht werden, denn es basiert auf der Unterstellung der Gegenseitigkeit. Der Produzent geht davon aus, dass der Rezipient in der jeweiligen Situation etwas ganz Vergleichbares tun wird; man spricht von der Annahme der Reziprozität. PeircePeirce hat mit seinem Zeichenbegriff bereits früh die Notwendigkeit betont, die Verarbeitungsbedingungen des Rezipienten stets im Blick zu behalten. Es entsteht zeitweilig sogar der Eindruck, dass er seine Zeichentheorie aus der Sicht des Zeichenrezipienten konzipiert hat. Sicher ist, dass seine Theorie eine differenzierte Sicht auf die verschiedenen Relationen ermöglicht, in denen das Zeichen steht.

Weitgefasster ZeichenbegriffZeichenBegriffAuf die Theoriebildung der Kommunikationswissenschaft hat der Ansatz von Peirce bisher eher wenig Einfluss genommen. Ungenutzt blieben die Offenheit des Zeichenbegriffs und die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Zeichens. Denn Peirce erkennt ein Schriftstück ebenso als Zeichen an wie ein Wort oder ein Bild. Das Zeichenverständnis erschließt sich erst durch die Analyse des Zeichengebrauchs bei den Benutzern, der ja alles Mögliche zum Zeichen machen und kommunikativ nutzen kann, wenn es einen Anderen gibt, der mitspielt. Zeichen stehen also nicht für sich alleine, sondern bedürfen immer einer Kontextualisierung, um Bedeutungen zu erlangen. Als grundlegend dafür wird die Erfahrung der Selbstreferentialität angesehen. Der Einzelne setzt sich ins Verhältnis zu seiner Umwelt und glaubt, das sei kommunikativ zugänglich, weil der Adressierte sich auf dieselbe Weise zu den Dingen, die ihn umgeben, verhalten wird.

Andere Zeichen und Funktionshintergründe

ZoopragmatikZoopragmatikDie vorausgegangenen Überlegungen zur Spezifikation des Zeichenbegriffs haben Hinweise darauf gegeben, mit welchen Problemen Kommunikation konfrontiert ist, wenn Zeichen ins Spiel kommen. Es baut sich sehr rasch eine Komplexität auf, welche das Modellieren der Vorgänge unmöglich erscheinen lässt. Methodisch ist es daher reizvoll, sich der Komplexität schrittweise zu nähern, indem zunächst einfachere Systeme betrachtet werden. Einen interessanten Zugang bietet hierfür die sog. Zoopragmatik, die sich mit der Zeichenverarbeitung von Tieren in der Interaktion mit ihrer Umwelt beschäftigt. Dabei geht es nach Sebeok (1992, S. 78) um die Verarbeitung von Zeichen aus der belebten und unbelebten Umwelt.


Thomas A. Sebeok (1920–2001)

Biosemiotiker, amerikanischer Professor für Semiotik, Schwerpunkte: Untersuchung der Kommunikation von nicht-menschlichen Lebewesen (Zoosemiotik), Begründer der Biosemiotik

Die kognitive Zoosemiotik setzt bei der Wahrnehmung eines Reizes an. Dabei handelt es sich nicht um eine dyadische Reiz-Reaktions-Kette, sondern es liegt eine triadische Interaktion vor: Der Zeichenprozess ist in einen Funktionskreis eingebunden, der den Organismus mit seiner Umwelt in einer komplementären Relation verbindet. Die Zeichenwahrnehmung kann dabei beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein. Von einer intentionalen KognitionIntention ist dann die Rede, wenn eine Situation von einem Organismus beobachtet wird. Dabei kann sich die Beobachtung auf Zeichen einer belebten oder nicht-belebten Umwelt beziehen. Stammen die Zeichen von einem Lebewesen, ist die Frage der Absicht zu klären. Kann eine solche unterstellt werden, kommt der Begriff der Kommunikation ins Spiel. Dabei muss das intendierte Zeichen nicht von einem fremden Organismus ausgehen.

Sebeok (1972, S. 72) beschreibt als ein sehr anschauliches und einfaches System die Echo-Ortung, wie sie im Tierreich auftritt. Hier wird beispielsweise von der Fledermaus ein akustischer Laut erzeugt, dessen Funktion darin besteht, Raumdistanzen zu erkennen. Der Laut wird akustisch von Objekten widergespiegelt und kann so empfangen und im Gehirn zu einer Raumkonstruktion verarbeitet werden. Das Fledermaus-Beispiel ist ein Beleg für die Selbstreferentialität. Der Organismus verfügt über eine Verarbeitungseinrichtung, die Daten aus der Außenwelt als exterozeptive Zeichen wahrnimmt und im Gehirn als propriozeptive ihm eigene erkennt und zur Selbstorientierung auswerten kann. Ähnlich verhält es sich bei Blinden, die sich aufgrund der Geräusche eine Raumkonstrukt für ihre Orientierung aufbauen.

Erklärung

Wenn wir die kognitiven Prozesse im Hinblick auf die kommunikative Qualität näher bestimmen wollen, dann ist, bezogen auf die möglichen Einflussfaktoren (z.B. Repräsentamen, Selbstvergewisserung oder Reziprozität) die Kommunikation hier nur als schwach motiviert zu bezeichnen: Es gibt eine Zeichenverarbeitung, aber die Zeichen sind hochgradig spezialisiert auf ein sehr enges Anwendungsfeld. Die Zeichenproduktion und -verarbeitung erfolgt zielgebunden, sie ist selbstreflexiv, aber nicht ohne weiteres reflexiv zugänglich.

„Zeichenverarbeitung“ in der PflanzenweltKommunikationPflanzenDie Signalverarbeitung im Pflanzen- und Tierreich lässt weitere Aspekte der kommunikativen Funktionsweise sichtbar werden. Eine Blume baut ein Signal aus Farb- und Duftstoffen auf. Dieses Signal kann nun aufgrund organischer Ausstattung von einer Biene oder einem Vogel verarbeitet werden. Eine von Bienen bestäubte Pflanze ist nie rot, und zwar weil das Verarbeitungsprogramm einer Biene dafür nicht eingerichtet ist. Die Pflanze kann nur solche Farben benutzen, die von den sie befruchtenden Tieren „verstanden“ werden. Die Signalverarbeitung zielt nach Zahavî und Zahavî (1997) auf die Arterhaltung ab, indem versucht wird, mit auf bestimmte Adressaten ausgerichteten Signalvorgaben, deren Verhalten zu beeinflussen.


Avishag Zahavi (*1922) und Amotz Zahavi (*1928)

Professorin für Pflanzenphysiologie (links); Israelischer Zoologe und Naturschützer (rechts); Schwerpunkte: Verschränkung der Überlegungen aus der Evolutionsforschung und empirische Befunde aus der Verhaltensforschung miteinander zum Handicap-Prinzip

PhytosemiotikPhytosemiotikDie Interaktion ist auf fremde Organismen ausgelegt. Sie ist erfolgreich, wenn es einen Organismus gibt, der für die Verarbeitung des Signals ausgestattet ist und daher das Signal wahrnehmen und artgemäß verarbeiten kann. Das Signal selbst muss diesen anderen Organismus erreichen und ebenfalls entsprechend ausgestattet sein. Wir haben es also mit einer sehr starken Zielorientierung zu tun. Interessant ist dabei, dass die Zeichenverwendung auch im Dienste der Täuschung Anderer stehen kann. Das geschieht im Tierreich oft durch Farben, die aus Schutzgründen artfremde Organismen zu Fehlinterpretationen veranlassen sollen.

Verarbeitet ein System solche Reize als Signal, schlägt Krampen (1983) Krampen vor, in diesem Fall von der Phytosemiotik zu sprechen. Die Funktion der Signale ist dabei für die Verarbeiter des Signals eine andere als für die, welche das Signal senden. Die Pflanze muss ihren Bestand sichern, die Biene sucht nach Nahrung. Obwohl es sich um dyadische Interaktionsprozesse zwischen Organismen handelt und obwohl sie zielgeleitet und selbstbezüglich angelegt sind, fehlt es ihnen an der Gegenseitigkeit. Es sind daher Interaktionsformen, die ebenfalls als schwach kommunikativ bezeichnet werden müssen.

Signalaustausch unter VögelnKommunikationTiereDas Merkmal der Gegenseitigkeit findet sich beim lautlichen Signalaustausch von Vögeln. Hier gibt es auch eine Symmetrie, denn verschiedene Organismen können die gleichen Zeichen verwenden. Die Verwendung ist dialogisch angelegt und mit einer bewussten Reaktionserwartung verknüpft. Das Eintreten oder Nicht-Eintreten der Reaktion löst in gewissen Spielräumen Entscheidungshandlungen zu bestimmten Verhaltensweisen des Organismus aus.

Die gesendeten Zeichen besitzen Botschaftscharakter: Sie können anderen drohen, sie anlocken oder warnen. Die Zeichen vermitteln also in Abhängigkeit von der Art des Gebrauchs und in Abhängigkeit vom Produzenten unterschiedliche Inhalte. Ihnen haftet eine appellative Funktion an, d.h. wir begegnen auch im Tierreich Interaktionsformen, die deutlichere kommunikative Eigenschaften aufweisen als die bereits angesprochenen. Die Organismen verfügen mit mehr Bewusstheit über Zeichen, die sie an einen fremden Organismus senden können. Die Zeichensendung ist nicht auf eine eindimensionale und monodirektionale Verarbeitung beschränkt und es ist nicht nur eine spezielle Signalform verarbeitbar. Die Reaktion auf die gesendeten Zeichen bedarf einer Zeicheninterpretation und hat Freiheitsgrade. Es gibt nicht nur eine Interpretation bzw. die richtige oder falsche. Entscheidungen über die Interpretation basieren auf einer strukturellen Kopplung mit anderen Organismen.

Zeichen zwischen Mensch und TierKommunikationTiereEin weiterer Forschungsbereich betrifft die interspezifische Kommunikation. Ein Beispiel dafür ist der Umgang zwischen Mensch und Tier. Auch hier bilden spezielle Zeichen die Grundlage für die Interaktion. Marler (1965, 544–584) Marlerentwickelte schon sehr früh eine ZeichentypologieZeichenTypen, die zwischen Identifikatoren, Präskriptoren, Designatoren und Bewertungszeichen unterscheidet.

IdentifikatorenDie Identifikatoren sind selbstreferentiell. Sie verweisen auf den Zeichenproduzenten und erlauben es, ihn hinsichtlich bestimmter Eigenschaften wie Alter, Geschlecht und Gattung zu identifizieren.

PräskriptorenBei der Verhaltensorientierung spielen Präskriptoren eine Rolle. Die Akteure nehmen im Verhalten Eigenschaften wahr, aus denen sie Schlüsse auf die zu erwartende Interaktion ziehen.

DesignatorenDesignatoren informieren über die Beziehung zu anderen Artgenossen oder über das Verhältnis zur Umwelt. Sichtbar werden sie beim Paarungsverhalten oder in der Fürsorge und lassen sich bei der Organisation von Nahrung, Fortpflanzung und Reviersicherung beobachten.

BewertungszeichenDie Bewertungszeichen helfen, den sozialen Umgang mit den Artgenossen zu organisieren. Sie regulieren Nähe und Distanz. Das Mienenspiel eines Schimpansen enthält z.B. eine Reihe von Merkmalen, die über seine Artgenossen hinaus als Drohung „gelesen“ werden können. Das heißt es gibt eine Gruppe von Organismen, die spezielle Signale erkennen können, auch wenn sie nicht zu derselben Gattung wie der Sender gehören. Die Interaktionen sind dyadisch und zielorientiert angelegt. Viele sind symmetrisch und basieren auf gegenseitigen Erwartungen hinsichtlich spezifischer Reaktionsmuster. Das rezeptive Verhalten ist nicht auf die Verarbeitung nur einer Botschaft eingeschränkt, sondern der Angesprochene nimmt aktiv teil, indem er das Dargebotene bestimmten situativen Bedingungen zuweist und daraus den Fokus für eine Botschaft ableitet. Das steht im Zusammenhang mit einer zunehmenden Selbstreferentialität der Zeichenverwendung. Auf diese Weise gewinnen die Interaktionen bereits eine gut erkennbare kommunikative Dichte.

Zeichengebrauch der PrimatenKommunikationTierIn der Primatenforschung ist man sich nicht einig, inwieweit Menschenaffen über symbolische Zeichen verfügen. Preuschoft (1990) Preuschoft vertritt die These, Menschenaffen verwendeten Zeichen mit einer deskriptiven Funktion. Sie sei gegenüber der menschlichen Sprache nur quantitativ begrenzt. Demgegenüber glaubt Sebeok (1991) nachweisen zu können, dass die vorliegenden Ergebnisse Artefakte von Dressurakten seien. Differenzierter urteilt Deacon (1998)Deacon. Er sieht in den bisherigen Forschungsreihen einen deutlichen Hinweis darauf, dass die Tiere ein Symbolverständnis haben. Donald (1991) glaubt darüber hinaus, dass die Tiere die Fähigkeit haben, semantische Relationen aufzubauen. Ungeklärt ist auch der Status von syntaktischen Regeln. Einig ist man sich, dass komplexe Konstruktionen nicht verwendet werden. Unabhängig von den Meinungsverschiedenheiten ist offenkundig, dass die Primaten ein interaktives Verhalten zeigen, das eine gewisse kommunikative Dichte besitzt.


Terrance William Deacon (*1959)

Amerikanischer Neuroanthropologe, Schwerpunkte: Biosemiotik, Linguistiktheorien und kognitive Neurowissenschaften


Merlin Donald (*1939)

Kanadischer Psychologe, Kognitions- und Neurowissenschaftler, lehrte Neuroanthropologe, Schwerpunkte: Kritik an der Computermetapher, wenn es um das Verstehen des menschlichen Geistes und seinen Umgang mit Symbolen und Sprache geht.

Grundsätzlich gilt: Ein Datenaustausch ist bereits auf einer sehr elementaren Ebene von Organismen unbestreitbar. Diese Daten werden zu Informationen, wenn zwischen ihnen unterschieden wird bzw. unterschieden werden kann.DatenVerarbeitung Es gehört dann zum Selbsterhalt eines Organismus, dass nur diejenigen Daten wahrgenommen werden, die Relevanz besitzen. Für einen solchen Organismus existieren gewissermaßen Ordnungen zum Selbsterhalt, die nicht hintergehbar sind. Auch der menschliche Organismus funktioniert auf diese Weise, wenn sich Körperorgane über Nervenbahnen gegenseitig wahrnehmen oder sich die Zellverbände in einem Organ organisieren.

Zusammenfassung

Das Grundprinzip, Daten aus der Umgebung zur Sicherung des eigenen Selbst zu nutzen, entwickelt sich weiter, wenn Freiheitsgrade im Umgang mit solchen Ordnungen entstehen, systematisch vergrößert werden und man sich schließlich durch Selbstkontrolle selber beobachten kann. Wenn über Kommunikation gesprochen wird, ist daher zu klären, worauf die daran Beteiligten achten und warum sie das tun. Erst dann werden Daten sichtbar, die als Informationen fungieren können. Das bedeutet, es muss Erfahrungen geben, um solche Daten zu erkennen und sie mit bestimmten Bereichen der bekannten Lebenswelten zu verbinden. Ist das nicht möglich, werden die Daten erst gar nicht wahrgenommen oder bleiben unverstanden und sind gewissermaßen unsichtbar.

Literatur

Deacon, Terrence W. (1998): The symbolic species the co-evolution of language and the human brain. London: Penguin.

Donald, Merlin (1991): Origins of the modern mind three stages in the evolution of culture and cognition. Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard Univ. Press.

Hübler, Axel (2001): Das Konzept "Körper" in den Sprach- und Kommunikationswissenschaften. Tübingen [u.a.]: Francke (UTB).

Krampen, Martin (Hg.) (1983): Visuelle Kommunikation und/oder verbale Kommunikation? Hochschule der Künste Berlin. Hildesheim: Olms (Semiotische Studien zur Kommunikation, 1).

Marler, Peter (1965) (1965): Communication in monkeys and apes. In: Irven DeVore (Hg.): Primate behavior. Field studies of monkeys and apes. New York: Holt, Rinehart, and Winston, S. 544–584.

Nöth, Winfried (2000): Handbuch der Semiotik. 2., vollständig neu bearb. und erw. Aufl. Stuttgart [u.a.]: Metzler.

Pepperberg, Irene M. (2009): Alex und ich die einzigartige Freundschaft zwischen einer Harvard-Forscherin und dem schlausten Vogel der Welt. 1. Aufl. München: mvg-Verl.

Posner, Roland (Hg.) (2009): Diagrammatische Zeichen. Tübingen: Stauffenburg (Zeitschrift für Semiotik, 31.2009, 3/4).

Preuschoft, Holger (1990): Sprache (oder Schrift?) bei unseren nächsten Verwandten. In: Walter A. Koch (Hg.): Aspekte einer Kultursemiotik. Bochum: Brockmeyer (Bochumer Beiträge zur Semiotik, 17), S. 77–114.

Saussure, Ferdinand de (1931): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin [u.a.]: De Gruyter.

Sebeok, Thomas A. (1991): A sign is just a sign. Bloomington Ind. u.a.: Indiana Univ. Press (Advances in semiotics).

Sebeok, Thomas A. (Hg.) (1992): Biosemiotics (Approaches to semiotics, 106).

Sebeok, Thomas Albert (1972): Perspectives in zoosemiotics. The Hague: Mouton (Ianua linguarum / Series minor).

Shannon, Claude E.; Weaver, Warren (1949): The mathematical theory of communication. Urbana: Univ. of Illinois Press.

Zahavî, Amôs; Zahavî, Avîsag (1997): The handicap principle. A missing piece of Darwin's puzzle. New York u.a.: Oxford Univ. Press.

Weiterführende Literatur

Donald, Merlin (2008): Triumph des Bewusstseins die Evolution des menschlichen Geistes. Dt. Ausg. Stuttgart: Klett-Cotta.

Krampen, Martin; Götte, Michael; Kneidl, Michael (Hg.) (2007): Die Welt der Zeichen. Kommunikation mit Piktogrammen = The world of signs: communication by pictographs. Ludwigsburg: av edition. Online verfügbar unter http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=2900089&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.

Morris, Charles W. (1979): Grundlagen der Zeichentheorie. Ungekürzte Ausg. Frankfurt/M.; Berlin [u.a.]: Ullstein.

Peirce, Charles S. (1965): Über Zeichen. Stuttgart: Mayer.

Posner, Roland (2003): Kultursemiotik. In: Konzepte der Kulturwissenschaften: theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, S. 39–72.

Sebeok, Thomas A. (2001): Global semiotics. Bloomington: Indiana University Press (Advances in semiotics).

Steklis, H. Dieter (2000): Monkey see, monkey do? In: Current anthropology 41 (5), 884–886.

Tomasello, Michael; Schröder, Jürgen (2014): Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2004)

Link: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/nachruf-auf-alex-der-schlaueste-papagei-der-welt-ist-tot-a-505121.html

Problemstellung und Fragen

1 Spuren der Signaltheorie findet man auch heute noch, wenn über Kommunikation geredet wird. Warum kann eine Signaltheorie nur eingeschränkt Aussagen über Kommunikation machen? (Vgl. 3.1)

2 Wer die Zeitung aufschlägt, sucht nach Informationen. Im Internet erhofft man sich neue Nachrichten aus dem Bekanntenkreis, „Information“ und „Nachricht“ waren für die frühe Kommunikationswissenschaft zentrale Begriffe gewesen. Was sind die wichtigsten unterscheidenden Merkmale. (Vgl. 3.1)

3 Zentral für das Erklären von Kommunikation ist der Zeichenbegriff. Entsprechend ausdifferenziert wird über Zeichen gesprochen. Welche Typen von Zeichen sind grundlegend? Welche Autoren haben dieses Problem mit welchen Schwerpunkten diskutiert und wo haben sie den Zeichenbegriff weiterentwickeln können? (Vgl. 3.2)

4 Der Zeichengebrauch erfolgt stets in kommunikativen Kontexten. C.S. Peirce denkt an einen sehr ausdifferenzierten Zeichenbegriff. Wo und wie lässt sich dieser für die Beschreibung konkreter Kommunikationshandlungen nutzen? (Vgl. 3.3)

5 Die Zeichenverarbeitung folgt ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Welche Einsichten lassen sich aus der Beschreibung nichtmenschlicher Kommunikationssysteme gewinnen? (Vgl. 3.4)

Handeln und Deuten in kommunikativen Alltagssituationen

Inhalt

 4.1 Handeln und Handlung 66

 4.2 Kommunikation als Handlung 69

 4.3 Deutungsarbeit im Handlungsraum der Kommunikation 72

 4.4 Das Beobachten des Handlungsraumes 79

 4.5 Literatur 82

 4.6 Problemstellung und Aufgaben 84

Überblick

Kommunizieren als ein Ereignis erfolgt nicht losgelöst von umfassenderen Handlungszusammenhängen. Kommunikation lässt sich nur aus dem Zusammenwirken von Handeln und Kommunizieren erhellen. Das setzt ein Modell von Handlung voraus, das über individuelles Tun hinausreicht. Handeln stellt immer Bezüge zur Umwelt her, die sich als objektbezogen, sozial bedingt und subjektiv motiviert darstellen. Es ist deshalb immer Gegenstand gegenseitigen Beobachtens und Deutens, was erst durch Kommunikation sichtbar gemacht werden kann. Sie schafft den Raum, Handeln in umfassenderen Kontexten zu verorten und die Sichtweisen darauf zu arrangieren. Handlungstheorien haben sich mit dem Erfassen dieser Zusammenhänge schwer getan. Sie lassen sich in Strukturmerkmalen, Machtansprüchen oder alltäglichen Praktiken finden. Entsprechend unterschiedlich wird das Handeln beobachtet und erklärt.

Handeln und Handlung

Kommunikation setzt auf das aktive Zusammenwirken mit Anderen. Die Kommunikationspartner nehmen mithilfe von Zeichen, die als Daten übermittelt und wahrgenommen werden, auf etwas Drittes Bezug. Das setzt einen Kontext aus bestehenden Erfahrungen im Umgang mit solchen Prozessen voraus. Kommunikation erscheint so als eine Form des Handelns, das sich an Andere richtet. Das nötigt zu klären, von welcher Art Verhalten sein muss, so dass es als kommunikative Handlung angesehen werden kann,


N, M und O sind Kollegen einer Arbeitsgruppe. Es gibt auseinandergehende Meinungen. S ist ein weiteres Mitglied der Arbeitsgruppe, gegenwärtig nicht anwesend und hat, weil er mit vielem nicht einverstanden ist, eine eigene Initiative gestartet.
01 N Da musst du handeln. Das ist ganz klar. Es kann doch nicht sein, dass der alles tun darf, was ihm gerade in den Sinn kommt. Ich würde ihm zuerst einmal untersagen, ohne Rücksprache mit den Anderen einfach neue Termine festzusetzen und Leute einzuladen, die wir gar nicht wollen. Er macht, was er will.
02 O Ich sage immer, schnelles Handeln erspart dir andauernden Ärger.
03 M Ich kann nicht einfach zu ihm hingehen und sagen, hör auf damit.
Gremienarbeit: Gesprächsnotiz

Die Episode ereignete sich im Vorfeld einer Gremiensitzung in der Universität und wurde im Nachhinein schriftlich festgehalten. In der Szene wird über die Notwendigkeit eines Handelns von M gegenüber der Person S gesprochen. Das, was geäußert wird, legt sprachliches Handeln zur Lösung des Problems mit S nahe. Es sieht so aus, als solle M mit jemandem reden, der sich des Problems annehmen könnte. Das Ereignis könnte aber auch als ein institutioneller Vorgang vorgestellt werden und würde dann in Form eines offiziellen Schreibens an eine übergeordnete Person oder Stelle erfolgen, in dem ein Verbot weiterer Handlungen von S ausgesprochen oder eine Bitte vorgetragen wird, S möge in Zukunft bestimmte Dinge unterlassen. N beschreibt Handlungen des Kritisierten als sprachliche Handlungen, zu denen er nicht berechtigt ist, was zu Effekten führt, welche die Gruppe nicht wünscht. Im Kommentar von M wird Handeln als eine nicht durchführbare Möglichkeit des Reagierens beschrieben.

Merkmale einer HandlungHandlungBegriffDas Verhalten, das Thema der Episode ist, zeichnet sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die erste Hinweise auf das geben, was wir mit Handlung meinen: Es ist ein Tun, das auf ein Etwas gerichtet erscheint, d.h. derjenige, der etwas tut, weiß von seinem Handeln und kann es im Hinblick auf ein Ziel abschätzen. Dieses Tun unterliegt Bedingungen, die eine Durchführung möglich und sinnvoll bzw. nicht angebracht erscheinen lassen.Motive Vor dem Handeln steht also ein Motiv, das zu einem bestimmten Tun herausfordert. In der Episode wird die Notwendigkeit zum Handeln angesprochen und implizit darauf hingewiesen, dass bisher gültige Absichten der Gruppe infrage gestellt würden, wenn das Verhalten von S sich nicht ändert. Ziel der Handlung soll ein Zustandswandel der gegenwärtigen Situation sein.

Wenn von Handeln die Rede ist, lässt sich in der wissenschaftlichen Diskussion ein begriffliches Umfeld beobachten, das durch immer wieder auftretende Eigenschaften charakterisierbar ist.

Definition

Teleologisch: griechisch telos, Ziel, auf ein ideales Ergebnis ausgerichtet

Habermas (1995, S. 185–189) beschreibt dieses mit vier typischen Merkmalen:HandlungMerkmale

 teleologisch

 normreguliert

 dramaturgisch

 kommunikativ


Jürgen Habermas (*1929)

Philosoph und Soziologe, Schwerpunkt: Theorie kommunikativen Handelns

1. Eine Handlung ist teleologisch: Ein Aktor stellt einen Bezug zur objektiven Welt her. Er handelt, weil er einen Erfolg wünscht. Handlungen sind zweckrational. 2. Eine Handlung ist normenreguliert: Ein Aktor stellt einen Bezug zur sozialen und objektiven Welt her. Er handelt, weil etwas erwartet wird. Handlungen sind wertrational. 3. Eine Handlung ist dramaturgisch: Ein Aktor stellt sich in seinen Bezügen auf eine soziale, objektive und subjektive Welt ein. 4. Eine Handlung ist kommunikativ: Die Aktoren haben einen reflexiven Weltbezug und ihre Verständigung ist abhängig von der Stimmigkeit dieser Bezüge.

Handlungen sind mit Kontexten verbunden, die in der Welt verankert sind und Bezüge zur sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit besitzen. Sie sind mit einer subjektiven Perspektive auf den jeweiligen Weltausschnitt hin ausgerichtet, sie sind standort- bzw. standpunktgebunden. Sprachliche HandlungenHandlungSprache unterscheiden sich hierbei von nichtsprachlichen, weil der Akteur des Handelns mit einem tatsächlichen oder gedachten Gegenüber konfrontiert wird und dessen Sicht auf die Welt bei den eigenen Handlungen mitreflektiert werden muss. Wie bewusst das geschieht, ist von den Akteuren und Situationen abhängig, in denen sie sich befinden.

Das Handeln setzt KontexteKontext voraus, die im Zusammenwirken mit einer Zielfixierung oder zumindest Zielauseinandersetzung entstehen. Jemand tut etwas, weil er sich damit auseinandersetzen will oder muss. Die Anderen erkennen sein Verhalten als Handlung, wenn sie Erwartungen aufbauen können, die sich aus ihnen bekannten Werte- bzw. Handlungskontexten herleiten lassen. Einem Verhalten kann unabhängig davon Handlungscharakter unterstellt werden, weil die Akteure eine solche Handlung wollen und im Verhalten dazu keinen Widerspruch sehen. Kommunikation wird für die Akteure konkret fassbar, wenn eine Verständigungsinteraktion nötig ist.


Max Weber (1864–1920)

Soziologe und Nationalökonom, Schwerpunkt: Herrschafts- und Religionssoziologie

Weber (1922) Weberhat die Bedeutung des Themas früh erkannt und den Begriff Handlung wissenschaftlich zugänglich gemacht. Er bezeichnet Verhalten als Handeln, wenn der Handelnde einen subjektiven Sinn, d.h. eine Intention, damit verbindet:HandlungBegriff

„… Handeln soll … ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. Soziales Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Weber 1922, 1)

Parsons (1937, S. 44) Parsonsdifferenziert den Definitionsvorschlag dahingehend, dass es kleinste Elemente einer Handlung gibt, die ihr einen Sinn geben (unit actunit act) und mindestens die folgenden Elemente haben: einen Handelnden (actoractor) und einen Zweck bzw. ein Ziel (endend), d.h. den zukünftigen Status der Angelegenheiten, an dem die Handlung orientiert ist – in diesem Sinne ist das Schema „teleologisch“. Die Handlung muss zudem in einer Situation begonnen werden, die sich vom zukünftigen Status in einem bedeutenden Aspekt unterscheidet. Hinzukommen die Bedingungen (conditionsconditions) des Handelns, die sich nicht ändern lassen, und die Mittel (meansmeans), über die der Handelnde die Kontrolle hat.


Talcott Parsons (1902–1979)

Amerikanischer Soziologe, Schwerpunkte: Handlungstheorie und soziologische Systemtheorie

Für Parsons gibt es Beziehungen zwischen ihren Elementen: Im Falle der Wahlmöglichkeit zwischen alternativen Mitteln zur Zielerreichung besteht eine normative Orientierung. Dieses grundlegende Konzept impliziert: 1. Handlung ist immer ein Prozess in der Zeit. 2. Die Tatsache, dass dem Handelnden Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stehen, schließt die Möglichkeit von Irrtum ein. Parsons entwirft so eine Handlungstheorie, in der Handlungen als System beschrieben werden, das verschiedene Funktionen umfasst: Anpassung, Zielerreichung, Integration und Inhalte latenter Muster. Diese Funktionen werden genutzt, um Probleme der Umwelt bewältigen zu können. Sie dienen den Betroffenen als Rahmen. Der Bezugsrahmen ist subjektiv,

„denn die Phänomene sind Dinge und Ereignisse, wie sie in der Sichtweise des Handelnden erscheinen, dessen Handlung analysiert und betrachtet wird. […]Die prinzipielle Bedeutung dieser Betrachtung ist, dass der Körper des Handelnden für ihn ebenso wie die Handlungssituation die ‚äußere Umwelt‘ bilden“ (Parsons 1937, 47).

Kommunikation als HandlungHandlungBegriff

HandlungMerkmaleEin so ausdifferenzierter Handlungsbegriff stellt für das Verständnis von Kommunikation als Handeln ein Problem dar. Denn ParsonsParsons Definition bleibt innerhalb eines individualistischen Ansatzes, der an einer der Teleologie des Handelns verpflichteten Theorie orientiert ist. Handeln ist laut Parsons das Tun eines Einzelnen, der seinen Interessen nachgeht. Ausgangspunkt ist also ein monadisch agierendes Individuum, das ein Ziel ganz allein für sich verfolgt. Frei nach dem Motto: Ich will mit meinem Handeln etwas für mich. HabermasHabermas (1995, Bd. II, S. 320) sieht in einem solchen Verständnis von Handeln einen Mangel und begründet dies so:

„Da die regulierende Kraft der kulturellen Werte die Kontingenz der Entscheidungen nicht berührt, steht jede Interaktion zwischen zwei Aktoren, die eine Beziehung eingehen, unter der Bedingung ‚doppelter Kontingenz‘“.Kontingenz

Definition

Monadisch: griechisch monas, Einheit, das Einfache

Interaktive RahmungHandlungInteraktionDas besagt: Handeln wird nach Habermas erst als Handlung identifiziert, wenn es ein Gegenüber gibt, dem in der durchgeführten Aktion das zu sehen unterstellt werden kann, was auch der Handelnde als Handlung erkennt. Denn dieser unterstellt wiederum dem Akteur dasselbe, auch er geht davon aus, dass ihm unterstellt wird, was der Andere ihm unterstellt. Für HabermasHabermas (1995, Bd. II, S. 320) gilt daher ein „immer schon“ intersubjektiv geteiltes kulturelles Wertesystem als notwendige Voraussetzung für kommunikatives Handeln.

Bereits Durkheim und Conrad (1982) Durkheimverweisen auf ein solches intersubjektives Konzept. Der Bezug zur Welt ist nämlich stets von unterschiedlichen Horizonten, die der Einzelne einbringt, bestimmt. Jeder kennt das Phänomen des Perspektivenwechsels, wenn er ein Haus betritt. Das Haus hat eine Vorder- und eine Rückseite, ein Innen und ein Außen. Wir sehen den Bau stets nur aus einer Perspektive. Durkheim spricht in diesem Zusammenhang von einem Innen- und einem Außenhorizont. Darüber hinaus wird das Betreten des Hauses immer von vielen weiteren Vorstellungen begleitet und bewertet: Der Blick kann sich auf die Lage und die Wohngegend richten, der Baustil kann uns interessieren, wir vergleichen es mit den Häusern, die wir kennen. Auf diese Weise entsteht eine Struktur vieler möglicher Verweise zur Welt und sie bilden einen Sinnhintergrund, der als objektive Welt nicht angemessen umschrieben werden kann.


David Emil Durkeim (1858–1917)

Französischer Soziologe und Ethnologe, Schwerpunkt: Methodologie

Alfred Schütz (1899–1959): Österreichischer Jurist, Philosoph und Soziologe, Schwerpunkt: Phänomenologische Soziologie

Schütz (1932) (1974, 15–16)Schütz schlägt vor, zwischen dem Sinn, wie er vom Handelnden verstanden wird, und dem, den der Beobachter dem Handelnden unterstellt, zu unterscheiden. Damit unterstellt er dem Handeln Bedingungen, wie sie von Sapir (1982, S. 78–81) Sapirder Kommunikation unterstellt werden. Kommunikative Handlungen würden so gewählt, dass sie einer Beschreibung und Bestätigung durch das Gegenüber standhalten können, d.h. dass der vom Verhalten des Anderen Betroffene diesem Verhalten eine Bedeutung zuschreibt, die vom Handelnden so angedacht und gewünscht ist.


Edward Sapir (1884–1939)

Amerikanischer Ethnologe und Linguist, Schwerpunkte: Strukturen der Sprache, Determiniertheit durch Sprache


01 R GIESST KAFFEE IN DIE TASSE VON S
02 S Danke
Es ist Nachmittag, R und S sitzen am Tisch und trinken gemeinsam Kaffee. R zeigt ein Verhalten: GIESST KAFFEE IN DIE TASSE VON S. Dieses Verhalten wird von S als Geste der Kooperation akzeptiert. Es ist ein Tun, das Fürsorge von R gegenüber S ausdrücken kann, wenn R und S im Umgang miteinander diese Erfahrung sammeln konnten. Dieses Erfahrungswissen bietet für beide Deutungspotential, um in ihrem Tun bestimmtes Handeln sehen zu können. Wenn beide dieselben Interpretationen nutzen, wirkt ihre Interaktion kohärent und hat im Normalfall zur Folge, dass R und S zufrieden sind.
Kommunikation mit an Demenz Erkrankten: Notiz zum Viedoausschnitt

Interaktive DeutungsarbeitDeutungsarbeitDas muss aber nicht in jedem Fall so sein, obwohl das gezeigte Verhalten dasselbe ist. In Aufzeichnungen eines Korpus, das die Kommunikation mit älteren Menschen erfasst hat, liegt der Fall vor, dass S seine Tante besucht, eine ältere Dame. Sie hat ihm schon dreimal Kaffee nachgegossen, obwohl er angedeutet hat, dass er keinen mehr mag. Das Deutungsmuster von S kann zwar noch die Lesart aufrechterhalten, R sei um sein Wohl besorgt. Es kann aber auch die Deutung folgen, R dränge sich wie schon immer mit ihren Erwartungen auf und wolle ihr Interesse durchsetzen und ihn dazu zwingen, noch länger zu bleiben. Vorstellbar ist auch, dass S um die mentale Beeinträchtigung von R weiß und in der Handlung nur ein stereotypes Verhalten von R sieht, das durch diese Situation ausgelöst wird, und dass er R unterstellt, gar nicht kontrollieren zu können, was sie wirklich tut.

Lesarten konkurrieren miteinander, ob und welche sich durchsetzt, kann offen bleiben. Beobachtbar ist, wie sich das Handeln für die davon Betroffenen erst durch das Deuten desselben klärt. Zu fragen ist, woher nehmen die Akteure ihre Deutungen und was bewegt sie, diese dem Handeln von Fall zu Fall zuzuschreiben. Luhmann (1984, 191)Luhmann glaubt, dass diese Zuschreibungen im interaktiven Kontext erfolgen und erst dieser ermögliche es den Betroffenen, das Verhalten auf die eine oder andere Weise zu deuten. Der dabei eintretende Effekt wird von Watzlawick et al. (1967) Watzlawick mit dem Axiom des Nicht-nicht-kommunizieren-Könnens beschrieben: Die Individuen fühlen sich genötigt, permanent das Verhalten anderer zu bewerten. Bei einem solchen Verständnis entsteht allerdings ein Problem. Der Einzelne wird mit einer nicht mehr oder nur schwer bewältigbaren Vielfalt möglicher Deutungszuschreibungen konfrontiert und gerät in Situationen, in denen Kommunikation nur noch Verunsicherung auslöst.


Niklas Luhmann (1927–1998)

Deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker, wichtigster deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik

Für Akteure sind solche Situationen ein Risiko, sodass Luhmann (1984, S. 220) von der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation spricht und annimmt, dass kommunikativ zu handeln, von Situation zu Situation kritisch bewertet werden muss, weil es keine Garantie für einen Handlungserfolg gibt. Habermas (1995) Habermasgeht nicht so weit, sondern sieht die Lösung des Problems in der Verständigungsarbeit. Diese verbindet er mit der Bearbeitung von Geltungsansprüchen wieGeltungsansprüche die Verständlichkeit der verwendeten Ausdrucksweisen, der Anspruch auf Wahrheit, die Erwartung auf die Richtigkeit einer Norm oder die Wahrhaftigkeit der Sprechenden. So regelt er, welcher Anspruch in der vorliegenden Situation überhaupt geltend gemacht werden kann.


01 I okay ähm hat ihnen die Geschichte gefallen? wenn ja warum?
02 B doch ja! ne es is irgendwie niedlich!?
03 I niedlich is es?!
04 B ja ja! das äh musste ja ein überraschendes Ergebnis werden?!
05 I genau
06B und ich finde es niedlich LACHEN
Kommunikation über Texte mit älteren Menschen: Gesprächsprotokoll

Die Alltagskommunikation ist generell von Unbestimmtheit begleitet. Zwei Personen sitzen sich gegenüber. Das Gespräch fand im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Lesen statt. Person B hat einen Märchentext gelesen und wird von Person I gebeten, mit ihr darüber zu reden. Die Angesprochene, Mitglied einer Seniorenakademie (69 Jahre) tut sich mit der Aufgabe schwer. Was von ihr genau erwartet wird, scheint ihr unklar. Mit der Antwort 02 B „doch ja!“ wird formal auf die Frage geantwortet. Die Bitte, das zu begründen, wird nicht eingelöst. Daran ändert auch das fortgesetzte Gespräch wenig.

Beiden fällt es schwer, miteinander über den Text zu reden. Wenn es ginge, würden sie die Kommunikation vermeiden. Ihnen scheint eine klare Vorstellung darüber, welche Erwartungen mit dieser Situation verknüpft werden und wie sie sich dieser gegenseitig vergewissern könnten, zu fehlen. Der Eindruck der Überforderung wird durch die Verlegenheitsgesten des Wiederholens 03 I und im Lachen oder dem undeutlichen Formulieren des Beitrags 06 B offenkundig. Da die Situation einen Abbruch der Kommunikation nicht zulässt, beide haben sich auf eine Kooperation zu Beginn verständigt, sucht Person I die Lösung im Abfragen bestimmter Merkmale des Märchens.

DeutungsunsicherheitDeutungsarbeit

Das Verhalten in einer Interaktion unterliegt beidseitigen Deutungsroutinen. Dabei kann der Fall eintreten, dass die Partner keine Interpretation finden, die eine Fortsetzung der Interaktion und ein damit verbundenes Handeln erlaubt. Sie müssen dann nach einer Situationsdefinition suchen, die klärt, welche Rolle sie sich zuweisen können bzw. dürfen und welche Handlungen damit verbunden sind, um die Kommunikation fortsetzen zu können.


S ist in die Sprechstunde von P gegangen, um seine Seminararbeit zu besprechen, weil sie von P als unzureichend bewertet worden war.
01 P Solche Sätze wirken trivial.
02 S Sie stimmen aber.
03 P Nein, eben nicht.
04 S Jeder sieht das doch so, oder?
05 P Hier geht’s um Wissenschaft.
06 S Sie müssen’s wissen.
07 P Ja, das ist banal.
Studierenden Beratung: Gesprächsnotiz

Der Gesprächsauszug basiert auf einer Rekonstruktion einer Sprechstunde zur Beratung von Seminararbeiten in der Universität. Der Hochschullehrer P kritisiert den Studenten S mit den Äußerungen 01 „Solche Sätze wirken trivial.“ oder 05 „Hier geht es um Wissenschaft.“ S wird dafür getadelt, dass er in seinen Aussagen auf Behauptungen zurückgreift, die nicht auf wissenschaftlicher Reflexion basieren. S weist die Kritik zurück, indem er die Plausibilität solcher Aussagen betont: 02 „Sie stimmen aber.“ oder 04 „Jeder sieht das doch so.“ Damit kritisiert er die Äußerungen von P und stellt sie als unzutreffend hin.

HandlungSequenzenIn der Sprachhandlungsforschung wurde diese Art von Verknüpfung sprachlicher Akte auf ihre Regelmäßigkeit der Verknüpfungen hin beschrieben. Es gibt eine Art Mechanik gegenseitiger KritikKritik: Kritik wird mit Kritik erwidert, auf die wiederum Kritik folgt usw. Kritik ist, wie Holly (1979, S. 135–138; S. 174–179) Hollybeschreibt, eine kommunikative Handlung, bei der ein Geltungsanspruch in Frage gestellt wird. Die Handlung kann ihr Ziel nur dann erreichen, wenn dieser Anspruch geklärt wird. Kritik, die mit Kritik beantwortet wird, ignoriert die mit der Handlung verbundene Zielerwartung. Das führt zu Irritationen und schließlich zum Abbruch der Interaktion.


Werner Holly (*1946)

Linguist, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft, Schwerpunkte: Textlinguistik, Gesprächsanalyse und Diskursforschung

Episode

Eine Frau macht ihren Mann darauf aufmerksam, dass es draußen regnet. Sie beide haben gesehen, dass es zu regnen angefangen hat, und so empfindet er den Hinweis als unpassend und deutet ihn als Kritik dafür, ohne Mantel nach draußen gehen zu wollen. Er sagt nichts dazu und will gehen. Sie wiederholt ihren Hinweis und verstärkt dadurch seine innere Verärgerung, weil er sich nicht bevormundet sehen will. Er möchte aber keinen Streit mit seiner Frau und ignoriert ihre Äußerungen. Das nun verstärkt ihr Verhalten, ihn mehr zu umsorgen, doch er sieht darin nur Kritik an seinem Verhalten, spricht darüber aber nicht.

(Inter-)PunktierenInterpunktionDie Episode verweist auf einen fortgeschrittenen Zustand nicht geklärter Geltungsansprüche. Die zwei Personen deuten das Verhalten des Anderen aufgrund einer Bedeutungszuschreibung, die sich im Verlauf von wiederholten Interaktionen herausgebildet hat. Das Fehlen einer Abstimmung von Erwartetem und miteinander Einlösbarem löst einen Effekt aus: das x-Tun von Person A wird durch ein y-Tun der Person B erwidert wird, was dann wieder ein x-Tun auslöst, das ein y-Tun zur Folge hat. Es kommt zu einer Stereotypisierung im Verhalten. Watzlawick et al. 1967, S. 57) Watzlawickbezeichnet ein solches Verhalten als Interpunktion. Wenn A B etwas sagt, zieht B sich innerlich zurück. A verunsichert das, sodass A das Bemühen um B verstärkt, was die innere Abwehrreaktion von B festigt.


Interpunktion

Erklärung

Für die Interaktion entsteht eine Krisensituation, weil die Anschlusshandlung die Berechtigung einer im Raum stehenden Erwartung nicht bearbeitet. Die dem Handeln des Anderen zugeschriebenen Deutungen werden nicht auf ihre Berechtigung thematisiert, sondern als gültig angesehen. Wenn ein solches Verhalten nicht durchbrochen wird, erzeugt das Belastungen und löst Konflikte unter den Betroffenen aus. Dass die Betroffenen das nicht ohne weiteres erkennen, hat damit zu tun, dass sich die Bedeutung von Handlungen dem Anderen nicht automatisch von selbst erschließt.

Das wird in Streitfällen offenkundig. Wenn dort versucht wird herauszufinden, wie es zum Streit gekommen ist und wer ihn ausgelöst hat, dann können sich die beteiligten Parteien selten einigen, was für den StreitStreit ursächlicher Auslöser war. Auch hier greifen sofort Ursache-Wirkungszuschreibungen, die sich nicht ohne weiteres aus dem beobachtbaren Verhalten herleiten lassen. Um dem vorzubeugen, verweist Baecker (2005, S. 38) Baecker auf eine Praxis, Handlungen zu „punktieren“. Damit umschreibt er besondere Aktivitäten bei den Akteuren. Sie sollen durch die Verstärkung körperlicher Präsenz die Erkennbarkeit einer Handlung verbessern.

Horst Arndt (1929–2016): Anglist und Amerikanist,

Schwerpunkt: Generative Grammatik und Fremdsprachenunterricht


Richard W. Janney

Anglist und Amerikanist, Schwerpunkt: Integrierte Sprachtheorie

Arndt und Janney (1987) Janneyentwickelten ein Modell einer integrierten Grammatik, bei der sie von verbalen, prosodischen und kinetischen Wahlen sprechen, die den Akteuren abverlangt werden, wenn sie miteinander interagieren. Die verbale Äußerung erfolgt integriert in die Körperbewegungen, Gesten und Intonation. Geschieht das bewusst, kann der initiierende Akteur Einfluss auf die Rezeption durch sein Gegenüber zu nehmen versuchen. Dieser wiederum kann sich in Abhängigkeit seiner Fähigkeit, solche Hinweise zu erkennen, gezielter auf das Geäußerte einlassen.


01 Z Sie haben immer so einen ironischen Unterton, wenn Sie das sagen. Was meinen Sie denn nun wirklich mit den Fortschritten der Bologna-Reform, wenn Sie vom Bolognaprozess reden, einfach so.

Die Äußerung erfolgte in einer universitären Gremiensitzung zur Studienreform. Die Person Z reagiert auf den Kommentar eines Kollegen, der sich für die neuen Studiengänge engagiert und festgestellt hat: „Die Bologna-Reform ist ein Fortschritt für das Studium.“ Person Z will nun wissen, ob diese Unterstellung zutrifft und hebt diese seine unterstellte Lesart mehrfach hervor. Er will eine Bestätigung dafür, dass sie ernst gemeint ist, deshalb die Nachfrage, ob Ironie im Spiel ist. Geklärt werden soll, was Fortschritt bedeutet.

IntervenierenInterventionEs fällt auf, mit welchem Aufwand das Thema Fortschritt herausgearbeitet wird. Die Einleitung „was meinen Sie denn nun wirklich“ hebt mit der Wahl der Partikel denn, nun und wirklich die Phrase Fortschritte der Bologna-Reform hervor, wobei das denn an die Einstellung des Angesprochenen appelliert und nun wirklich die Konkretheit des Inhalts der nominalen Phrase betont. Mit diesem Vorgehen versucht der Sprecher Einfluss auf die Antwort des Angesprochenen zu nehmen. Die Antwortqualität ist aus der Sicht von Sprecher Z daraufhin bewertbar, inwieweit seiner Punktion dann auch durch sein Gegenüber entsprochen wird. Für den Angesprochenen werden deutliche Hinweise darauf gegeben, welche Handlung von ihm erwartet wird. Dabei hängt nun alles davon ab, inwieweit er das ihm Unterstellte erkennt und als richtig akzeptiert. Sieht er die Dinge anders, muss er seine Sicht von der ihm Unterstellten abheben. Das muss dann vom Anderen erkannt und anerkannt werden.

Erklärung

Der interaktive Umgang mit Handlungen ist immer mit Deutungsarbeit der Beteiligten verbunden. Das lässt Missverständnisse erwarten, sodass situative Versuche und der Rückgriff auf bestehende Praktiken zu beobachten sind, um mögliche Unsicherheiten zu reduzieren oder ganz aus dem Spiel zu halten. Wenn Akteure gemeinsam handeln wollen, müssen sie daher Fähigkeiten besitzen oder entwickeln, die ihnen einen verlässlichen Umgang mit dem eigenen und dem fremden Verhalten in möglichst vielen Situationen ermöglichen, um so das Konfliktpotential durch Missverständnisse gering halten.

Betrachtet man soziale Situationen näher, wird rasch deutlich, wie schwer es oft ist, sich in diesen schnell zurechtzufinden; und nicht zufällig werden bei der Kontaktaufnahme Orientierungsphasen benutzt, die den Beteiligten Zeit verschaffen, besser einschätzen zu können, was und wie sie mit dem Gegenüber umgehen können.Deutungsarbeit So wird es den Betroffenen möglich, einen Spielraum herauszufinden, der optimal erscheint. Die Zurückhaltung bzw. das Offenhalten der Handlungsmöglichkeiten hat oft einen Nebeneffekt. Das Verhalten wird als Unaufrichtigkeit gedeutet. Dabei wird übersehen, dass eine solchermaßen erzeugte Vagheit zugleich Bedingungen für die Entscheidung zu möglichst großer Kohärenz schaffen kann, d.h. die Beteiligten können viele inhaltliche Zusammenhänge herstellen. Das Deuten von Verhalten schafft einen sich stets verdichtenden Handlungsraum. Dabei verfestigen sich Deutungsannahmen und diese erschweren es den Akteuren zunehmend, davon abzuweichen. Die Wahlfreiheit der Bedeutungen wird eingeengt, was in bestimmten Phasen einer Kooperation, vor allem im sozialen Raum, zu Problemen führen kann.


Fuchs, Harald P.; Schank, Gerd (1975): Alltagsgespräche. Texte gesprochener deutscher Standardsprache III. München: Hueber, S. 27

Episode

In dem Gespräch über Erziehungsfragen eines Ehepaares, setzen sich E die Frau und F der Mann mit dem Problem auseinander, warum ihr Kind ständig Ängste hat und beim Schlafen förmlich Panikanfälle bekommt. Auslöser einer neuerlichen Angstattacke war der Besuch eines Theaterstücks. Dargestellt wurde das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf. Im weiteren Gesprächsverlauf zeichnen sich unterschiedliche Einschätzungen des Ehepaares hinsichtlich des Erziehungswertes von Märchen ab. F vertritt die Meinung, dass das Märchen Ängste schüre und kein vernünftiges Mittel der Erziehung sei, weil Wirklichkeit und Spiel für das Kind nicht durchschaubar seien. E hingegen sieht den Wert des Märchens darin, sich spielerisch mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen. Der Gesamtverlauf des Gesprächs thematisiert zunehmend ein Spannungsverhältnis zwischen dem Paar, da F verdeckt unterstellt, E würde mit dazu beitragen, dass das Kind Ängste entwickelt.

Die Gesprächseröffnung machtGesprächEröffnung offenkundig, dass die Partner sich nicht sicher sind, was zum Gegenstand der Kommunikation gemacht werden kann. Sie loten gewissermaßen die Situation aus, um herauszufinden wie der andere reagiert und mit welchem Thema er so agiert, wie das den eigenen Vorstellungen am nächsten kommt. Die Eröffnung durch E beginnt mit einem Verweis auf Erinnerungen, die aber im Weiteren unbearbeitet bleiben. Mit dem „gell“ könnte sie bei F darauf anspielen, dass er Bescheid wisse. F reagiert aber nicht, sondern bezieht sich auf das Thema Theaterstück und fragt konkret, ob sie es gesehen habe. E erzählt dann über die Dramaturgie des Stückes. Damit verschafft sie sich einen Rahmen, der sie vor dem Vorwurf schützen soll, dass das Kind glauben könne, das Theater sei die Wirklichkeit.

Das Kind hat nach dem Besuch des Stückes Angst, dass der Wolf es verfolgen könnte. F hakt nach, ob sie das Stück auch selbst gesehen habe. E beschreibt dann, dass das Theaterstück immer als Theater sichtbar geblieben sei. Das wurde durch einzelne Akte der Schauspieler im Verlauf des Stückes besonders punktiert. Der Vorwurf, das Stück könne als Wirklichkeit wahrgenommen werden, wird auf diese Weise abgewehrt, obwohl das an dieser Stelle kein ausdrückliches Thema ist. Mit dem Schluss des Einleitungsteils, in dem zur Sprache kommt, dass das Kind an diesem Abend keine Schlafprobleme hatte, wird die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass alles doch auch als normales Entwicklungsphänomen eines Kindes erklärt werden könnte. Erst später im Gespräch verdichtet sich das Thema Angsterfahrungen so, dass sich der Umgang mit Angst zugleich als Problem der Beziehung zeigt.

Die Episode zeigt, wie Akteure die SituationSituation zu erkunden versuchen, um begründeter über Inhalte und die Bezugspersonen befinden zu können. Dabei entsteht für die Beteiligten nicht selten der Vorwurf, als unaufrichtig zu gelten, weil dieses Zurück- bzw. Offenhalten der Handlungsmöglichkeiten als Täuschung empfunden wird. Diese Zuschreibung übersieht allerdings, dass eine solchermaßen erzeugte Vagheit zugleich Bedingungen für eine umfassendere Kohärenz schaffen kann, d.h. die Beteiligten können offener inhaltliche Zusammenhänge herstellen und dadurch zu einem sich allmählich verdichtenden, gemeinsamen Handlungsraum gelangen. Es entsteht so eine Verdichtung, die die Wahlfreiheiten schrittweise eingeschränkt und dadurch die Kooperation erleichtert.

Deutlich wird auch, wie schwer es für einen nicht beteiligten Dritten ist, Aussagen über das Handeln der Akteure von außen zu machen. Denn das Geäußerte ist ein Datum, dessen Zeichenwert sich nicht aus sich selbst erschließt. Selbst wenn ich die Referenz bzw. Prädikation einer sprachlichen Äußerung konstruieren kann, ist nicht klar, welche Bedeutung nach PeircePeirce dem Zeichen im Sinne des Dicents oder Arguments zukommt. Erst wenn die Äußerung in der Funktion des Arguments anerkannt wird, öffnet sich ein Handlungsraum für die Beteiligten, sodass sie im Geäußerten die Bedeutung einer Handlung erkennen. Es bedarf eines Bezugssystems, innerhalb dessen die Funktionen bestimmt werden können.

Motivation interaktiver Ereignisse – Theorien des HandelnsHandlungTheorie

Der Handlungsaustausch unterliegt situativen Bedingungen, die von den Akteuren bearbeitet werden und so gegenseitige Orientierung schaffen. Offen bleibt aber, was die Akteure leitet, wenn sie koordinieren, und was sie beobachten, wenn sie kooperieren wollen. Eines fällt dabei auf: Sie verhalten sich in der Regel nicht willkürlich, denn dann wäre Kooperation nicht möglich. Offen ist, woran sie sich orientieren, wenn sie gemeinsam handeln. Denn sie müssen aus der hohen Varietät möglicher Verhaltensweisen, diejenigen erkennen und selber produzieren, die von allen in bestimmten Situationen als relevant erkannt werden können. Zu fragen ist, warum es möglich ist, dass Akteure ein spezielles Verhalten punktieren und damit etwas für den Anderen deutlicher machen können, denn das Verstärken eines Verhaltens kann nur gelingen, wenn es zuvor in seiner Bedeutung erkannt worden ist. Wie gelangt es dazu?

HandlungstheorienGrundsätzlich ist daher zu fragen: Woran orientieren sich die Akteure? Was begründet diese Orientierung und wie stabil ist sie im Verlauf konkreter Interaktionsprozesse? Im Rahmen von Handlungstheorien wird darauf zu antworten versucht.

Strukturen entdeckenIn einer frühen Phase der Diskussion galt der Blick dabei dem Aufdecken von Strukturen, in denen sich die Akteure unbewusst bewegen, wie sie sie nutzen und in welchem Maß sie davon betroffen sind. Es handelt sich um materielle Strukturen, die subjektübergreifend wirksam sind und sich, wie Simmel (1908) Simmelbeschrieb, den betroffenen Akteuren nicht von selbst erschließen. Marx deckte einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung von Produktivkräften und ihrer Wirkung auf das Kapital auf und beschrieb, wie sich daraus Verhaltensmuster ableiteten und verfestigten. Die Akteure verhalten sich aufgrund von materiellen Umgebungsbedingungen auf eine Art und Weise, die ihre Lebensverhältnisse bestimmen und durch dazu geeignete Verhaltensformen stabil gehalten werden.HandlungStrukturen


Georg Simmel (1858–1918)

Kulturphilosoph und Soziologe, Schwerpunkt: Konfliktsoziologie

UmweltenMöglich ist aber auch eine andere Sicht. Nicht die Umwelt bedingt das Verhalten, sondern der Einzelne selbst erzeugt sich seine Umwelt. Er folgt in seinem Handeln einer von seinen Interessen geleiteten und subjektiven Logik, die beispielsweise rational begründet wird. Coleman (1991) Colman spricht vom Situationsmanagement,Situation bei dem vom Einzelnen her nach einem übersubjektiven Zusammenhang gesucht wird. Dieser schafft einen Rahmen, um der Gültigkeit von Verträgen oder einer gerechten Ressourcenverteilung eine Chance zu geben. Es wird zwischen Homo oeconomicus und Homo sociologicus unterschieden. Der Homo oeconomicusHomo oeconomicus handelt zweckorientiert. Die Ökonomie ist hierbei der leitende Motivgeber. Der Homo sociologicusHomo sociologicus folgt einer Werte Orientierung. Nicht das individuelle Handeln steht für ihn im Vordergrund, sondern das Aufdecken sozialer Regeln. Sie basieren auf einem Einverständnis mit Normen, die das Erlaubte von dem nicht Erlaubten trennen. Parsons (1951) Parsondiskutiert daher die Frage, wie eine Koordination potentiell sich widersprechender Handlungen möglich ist. Die Lösung glaubt er, läge im Etablieren normativer sozialer Erwartungen und Rollen, die einen Verhaltenskonsens unter den Akteuren regulieren.

KulturWer sich an der Umwelt orientiert, kann sich die menschlichen Produkte zu eigen machen. Deshalb gehen die Kulturtheorien einen anderen Weg. Sie sehen das Problem der Handlungskoordination nicht im Umgang mit Normen und Regeln zur Überwindung des Dilemmas fehlender oder unzureichender Ordnungen. Sie glauben die soziale Handlungskompetenz in der Fähigkeit, symbolisch fixierte, sinnerzeugende Regeln in den vom Menschen erzeugten Umwelten erkennen zu können. Das Verstehen der Dinge in der Welt wird auf kollektiv geteilte Ordnungen im Wissen zurückgeführt. Um diese herum werden sinnstiftende Zusammenhänge immer wieder neu generiert und stabil gehalten. Wissen und Erfahrungen wird beispielsweise in Büchern und Zeitungen weitergegeben. Die Gesellschaft reagiert darauf mit Diskussionen und einer weiteren Produktion von Texten. Diese Vorgänge werden von Diskursen mündlich und schriftlich begleitet, in denen über das Für und Wider oder über Schriften, die sich damit auseinandersetzen, geredet wird. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis und Wuthenow (1984) betont in diesem Kontext die besondere Rolle der Kultur.


Paul Michel Foucault (1926–1984)

Professor für Geschichte der Denksysteme, Begründer der Diskursforschung

Dieser in den 60er Jahren entstandene Ansatz der als Textualismus bezeichnet wird, sucht nach der gemeinschaftstiftenden Quelle nicht beim Einzelnen, sondern in den öffentlich zugänglichen Diskurswelten.Diskurs Er ermittelt in kulturellen Definitionen und mithilfe gesellschaftlich geführter Diskursen die Art, wie Umwelten codiert werden. Zentral wird der Begriff der Diskursanalyse, der mit den Arbeiten von Foucault (1973) Foucaultverbunden ist. In diesem Zusammenhang muss auch die Sichtweise von Luhmann (1984)Luhmann erwähnt werden, der die Frage nach den Codes und ihrer Semantik diskutiert. Er unterstellt, dass ein Zugang zum Verstehen des Verhaltens nur über die sich durch Kommunikation erzeugende Gesellschaft ermöglicht wird, welche dem Einzelnen Umwelten schafft, auf die er sich einlassen muss und die nur symbolisch zugänglich sind bzw. gemacht werden können. Symbole sind für ihn allgegenwärtig. Zu präzisieren sind dann die Besonderheiten derselben und ihre Funktionalitäten, die das interaktive Verhalten bedingen.

OrientierungsarbeitHandlungKontextDie gegenwärtige Diskussion über die Kontextualisierung des Handelns rückt immer enger an den einzelnen Handelnden heran. Seine Orientierung kann in einem übergeordneten Ganzen angesiedelt werden, wobei er sich dessen nicht bewusst sein muss, aber die Konsequenzen in seiner gesellschaftlichen Umwelt zu spüren bekommt. Er kann sich an den ihn umgebenden Anderen orientieren, die sich von ihrer Geisteswelt leiten lassen und daraus Forderungen für den Umgang miteinander ableiten. Diese Perspektive wird in Ansätzen der Praxistheorie konsequent weiter entwickelt, wenn sie danach fragt, inwieweit Verhalten überhaupt von Wissensbeständen her verstanden werden kann. Denn Schmidt (2012, S. 215–222) verweist darauf, dass im Alltag immer wieder zu beobachten ist, dass Dinge getan werden, für die es explizit noch kein Wissen gibt. Reckwitz (2003, S. 282–301) plädiert dafür, sich auf das Verstehen lernen sozialer Praktiken zu konzentrieren. Es resultiert aus einem verdeckten und impliziten Wissen handelnder Subjekte, wird von routinierten Beziehungen zwischen ihnen beeinflusst und durch den Umgang mit materiellen Artefakten immer wieder herausgefordert.

Konsequenzen für das BeobachtenFür den Umgang mit dem, was im Kommunikationsprozess geschieht, hat das Konsequenzen. Denn die Diskussionen im Rahmen der Handlungstheorien verdeutlichen, dass sehr vielfältige und unterschiedliche Bezugssysteme denkbar sind, die Handeln motivieren bzw. begründen. Grundsätzlich ist dabei zwischen zwei Perspektiven zu unterscheiden. Es gibt den in den Prozess involvierten Akteur und einen möglichen außenstehenden Dritten, der nicht aktiv daran beteiligt ist. Wenn daher über konkrete kommunikativ organisierte Interaktionen gesprochen wird, kann der am Prozess Beteiligte Aussagen darüber machen, wie er das Ereignis erlebt hat. Wenn über Kommunikation diskutiert wird, heißt das aber meist, es gibt einen Dritten, der das Ereignis beobachtet hat bzw. die Dokumentation desselben in Form einer Mitschrift oder einer Audio- bzw. Videoaufzeichnung.

Andreas Reckwitz (*1970): Professur für Soziologie, Kulturwissenschaft und Praxeologie

Das wirft die Frage auf, worüber derjenige eigentlich spricht, wenn er über das Kommunikationsereignis reden soll. Was beobachtet er? Welche Schlüsse zieht er daraus und welches Bezugssystem liefert ihm die Basis für seine Aussagen? Bezogen auf die Perspektiven, die sich aus den Ansätzen der Handlungstheorien herleiten, lassen sich ganz unterschiedliche Positionen erwarten, von denen her er eigenständig Beobachtungen anstellen kann und entsprechende Konsequenzen zieht. Es gibt daher nicht das kommunikative Ereignis an sich, über das gesprochen werden soll, sondern ein Konstrukt desselben. Das kann die Erinnerung über den Prozess sein, der miterlebt worden ist. Es kann eine medial erfasste oder aufbereitete Dokumentation sein, die Gegenstand der Besprechung sein soll. Gesprochen wird daher immer über etwas, das durch die Akteure deutend erschlossen wird. Der Charakter der Deutungen und der mit ihnen verbundenen Erklärungen hängt von der Perspektive ab, die die Akteure nutzen bzw. der sie sich mehr oder weniger bewusst theoretisch verpflichtet fühlen.

Spiel-MetapherLeifer (1991) Leifervergleicht das Kommunizieren mit dem Schachspielen und verweist auf eine weitere Perspektive des Beobachtens. Der Meister denkt nicht darüber nach, was sein Gegner alles für Zugmöglichkeiten hat und er berechnet nicht die Folgen derselben für die Situation. Er versucht vielmehr einen als neutral eingeschätzten Zustand zu stabilisieren und simuliert Sicherheit, um dann Fehler, die zuvor gemacht worden sind, in ihren Konsequenzen für sich auszunutzen. So werden Züge gewählt, die die Festlegungen der Situation und Entwicklung dafür benutzen, die bestehende Vagheit des Zustands nicht zu verringern, sondern sie zu erhalten und, womöglich sogar zu erhöhen. Leifer spricht von der Ziel- und der Inhaltsambiguität. Das Beobachten beschränkt sich auf das Beobachten von Freiräumen.

Zusammenfassung

Auf dem Hintergrund der verschiedenen handlungstheoretischen Perspektiven ist zu erwarten, dass Kommunikation als Verhalten nach Systemen beobachtet werden kann. Das können materialisierte Strukturen sein, die aus beobachteten Verhaltensmustern abgeleitet werden und sich funktional erklären lassen. Das setzt Akteure voraus, denen ein solches Verhalten in konkreten Situationen unterstellt werden kann. Anders verhält es sich, wenn Texte und Diskurse als Bezugsgrößen gelten. Das kommunikative Ereignis wird dann daraufhin beobachtet, welche Äußerungen Akteure produzieren und wo in der Gesellschaft dafür Anschlussmöglichkeiten gesehen werden. Der Blickwinkel verändert sich abermals, wenn Handeln auf dem Hintergrund impliziten Wissens erklärt werden soll. Die Kommunikation ist dann ein Prozess, der in der Auseinandersetzung mit den Gegenständen der jeweiligen Umgebung eines Akteurs erfolgt. Erklärt werden muss, was der Akteur tut und wie er mit den im Prozess relevant gesetzten Gegenständen umgeht, wenn er mit anderen agieren muss.

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562 p. 104 illustrations
ISBN:
9783823300816
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