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Lustige Weihnachtsgeschichten


Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2017



© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com


Titelillustration und Illustrationen im Innenteil: Sebastian Schrank, München

Lektorat: Christine Weber, Dresden

Satz: SATZstudio Josef Pieper, Bedburg-Hau


eISBN 978-3-475-54709-6 (epub)


Worum geht es im Buch?


Wolfgang Schierlitz

PannenNadeln

Lustige Weihnachtsgeschichten


Bereits zum vierten Mal blickt Wolfgang Schierlitz mit seinem ganz eigenen Humor auf das Weihnachtsfest. Schon bei der Vorbereitung des hohen Festes gibt es einiges zu beachten. Um den Familienfrieden zu wahren, muss zum Beispiel der perfekte Christbaum beschafft werden. Doch das ist in der ganzen Hektik nicht immer so einfach, und so kann es schon mal vorkommen, dass man nur noch einen nicht ganz so perfekten Baum ergattert. Hier ist der Ärger natürlich vorprogrammiert.

Mit lustigen und pannenreichen Geschichten ist dieses Buch ein Muss für alle, die dem Weihnachtsstress entfliehen wollen.

Vorwort

Wer Wolfgang Schierlitz schon sehr lange kennt, dem sind wohl seine ernsten, vom Existentialismus geprägten frühen Texte in Erinnerung. Bekannt wurde er aber als Autor und Kabarettist für ein stetig wachsendes Publikum mit seinen humoristischen Satiren.

Seine Schlitzohrigkeit ist mitunter subversiv und bayerisch hinterfotzig, sein Humor wirkt oft wie eine pazifistische Verteidigungswaffe.

In seinen Schelmengeschichten entdecken wir mit großem Vergnügen die Grotesken und Abgründe unseres Alltags.

Gerhard Prokop

Frohe Tortenweihnacht



Alle Jahre wieder schwebt nicht nur das Christuskind herein, sondern mit ihm auch die unausweichliche Problematik der dann fälligen Präsente. Noch dazu erscheint es meistens viel zu schnell, das gute Kind. Die drängende, diesbezügliche Frage spitzt sich unausweichlich kurz vor Weihnachten deprimierend sowie unumwunden zu: »Was soll ich denn bloß wieder schenken? Die haben ja schon alles! Was mach ich denn, um nicht mit leeren Händen und vor Scham roten Ohren dazustehen?«

Und so gleitet die sogenannte Geschenkekultur immer mehr ab. Und zwar leider ins Banale. Milliardenschwer werden Geschenkgutscheine als Verlegenheitspräsente im letzten Moment, also bereits kurz nach Torschluss der Geschäfte am 24. Dezember, als Ausweg erkoren. Der verzweifelte Sucher nach etwas Brauchbarem und Vernünftigem für die ins Auge gefassten zu Beschenkenden hat wieder einmal kapituliert.

Total niedergeschlagen wird dann stets gejammert: »Obwohl ich mir bereits seit der letzten Hitzewelle im August immer wieder meinen eigenen Kopf zerbrochen habe, steh ich nun als armer Tropf und trauriger Schenker vor dem Fest der Feste wieder einmal verzweifelt da.« Hastig ausgestellte Gutscheine, Bargeld und sonstige zweifelhafte Ersatzpräsente, die keine großen Überlegungen mehr erfordern, erringen immer öfter die Oberhand. Sie sind zwar auch nicht unerwünscht, hinterlassen aber eine gewisse Leere, eine Verfremdung, sogar unter den allernächsten Verwandten. Heimlich ins Fäustchen lacht sich aber der glückliche Warenhandel aller Art, weil zehn bis fünfzehn Prozent aller gut gemeinten Gutscheine niemals eingelöst werden. So hat auch der Geschenkenotstand seine angenehmen Seiten der wunderbaren Vermehrung.

Trotz einer intensiven Nachdenklichkeit, und wenn satte, dennoch unzufriedene Kinder schon mit allen digitalen, technischen, handwerklichen, kulinarischen und sonstigen anspruchsvollen Sachen gesegnet sind, wird es eng. Äpfel, Birnen, Orangen, Zwetschgen und Nüsse, die man früher unterm Baum fand, verderben doch nach und nach, sodass in der heutigen Zeit kein Mensch mehr gierig nach diesen essbaren Geschenken ist. Bereits an Lichtmess fliegen dann viele gute natürliche Objekte voller Vitamine und wichtiger Spurenelemente einfach in die grüne Biotonne. Man hat ja doch genügend Schokosachen, Gebäck, Torten, Kuchen, einen Nusszopf mit reichlich Schlagrahm und Puderzuckerüberzug sowie anderes süßliches Zeug herumliegen. Diese Zuckerbomben erzeugen leider oft schlechte Stimmungen in den Eingeweiden, vor allem aber voluminöse Körperumfänge. Besonders Kinder trifft dies, die dann schon im Kindergarten sowie in der Schule gehänselt werden, solange die restlichen schlank gebliebenen Jugendlichen dazu noch in der Lage sind. Und niemand zieht leider die Eltern, die es vermeintlich ja nur gut meinen, zur Verantwortung. Irgendwann ist es unausweichlich nicht nur kurz vor zwölf mit diesem Trauerspiel, dann sind lange, enttäuschte Gesichter vorprogrammiert.

Vom sprichwörtlichen Glück der Jugend kann selbst der größte Optimist anschließend weit und breit kaum mehr etwas finden. Auch wenn Weihnachten bereits vorüber ist, zieht sich die kontinuierliche Misere umgehend in das neueste Jahr hinein, ja sogar durch das ganze, herannahende, schwer gezeichnete Leben. Dadurch sind die Folgen nicht besonders erfrischend. Noch dazu, weil jeder vom eigenen Kopf her weiß, dass Speckpfunde weit schneller drauf als wieder runter sind. Und die Pillenverkäufer für schnelles Schrumpfen freuen sich wieder einmal über Hochkonjunktur.

Eine besonders wichtige Überlegung beim Geschenkeerwerb stellt sich nicht zuletzt auch durch den Platzbedarf. Die Wohnflächen schrumpfen aus Preisgründen, die Kinderzimmer werden kleiner, die Ruheräume der Autos umso größer. Sehr häufig muss auch ein glücklicher Häuslebauer die Doppelgarage weit großzügiger planen, wo doch die Limousinen immer mehr Prestigevolumen erreicht haben. Was tut das schon, wenn dadurch pro Protzkarre jedes Mal zwei Parkplätze belegt werden müssen? Vom Plastikspielzeug für die Kleinen über alle möglichen und unmöglichen elektronisch-maschinellen Geräte bis hin zu den im ganzen Haus verteilten Legosteinen ist nun kaum mehr Platz für all die tausend Sachen und Geschenke, geschweige denn für neues Präsent-Gut. Für gewöhnlich gleitet der verzweifelte Blick dann ins Internet, und es wird gegoogelt, dass die Glasfaserkabel heiß laufen. Und was rät diese moderne Fundgrube: Beispielsweise vielleicht einen Zauberkasten mit Gebrauchsanweisung für Nachwuchsillusionisten in allen Größen und Preislagen? Das wäre doch was, so nimmt man mit Bestimmtheit an. David Copperfield sowie Siegi und Roy haben ja bestimmt auch einmal so oder so ähnlich klein angefangen. Aber solche Zauberkästen mit Zauberrezepten aller Schwierigkeitsgrade liegen doch noch vom Geburtstag oder vom vorjährigen Christfest herum …

Oder man folgt dem Trend aus den immer stärker sowie überraschend kunterbunt prosperierenden, voll kitschig verbrämten USA. Dort weihnachtet es ja besonders stark. Neuerdings sind es »leerreiche«, beispielhafte neue Spiele, die eine verzweifelte Geschenkekultur erobern und bereichern. Auch wenn sich der verstandesgesunde Mensch manchmal zweifelnd, wenn auch verstohlen, an die Stirn greift, so ist der Siegeszug eigenartiger Zeitvertreiber als Überraschungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht mehr aufzuhalten. Denn die ganze Illuminationskultur in unendlichem Ausmaß, die wesentlich mehr Farben als der gute Regenbogen aufweist, ist anscheinend noch lange nicht ausgeschöpft. Die Betreiber der Elektrizitätswerke nehmen es gelassen, wollen doch auch sie am weihnachtlich-prosperierenden Geschäft teilhaben.

Spiele sind eigentlich vor allem dazu erfunden worden, nicht nur die Zeit zu vertreiben, sondern auch nachdenkliche, aggressive bis spaßige Emotionen zu wecken und zu erleben. Sie sollten sogar überwiegend und nachdrücklich lehrreich für das gesamte Leben sein. Vor allem der aufwachsende Mensch, als Kind ausgewiesen, und seinesgleichen Spezies wie kindische Erwachsene ergeben die hauptsächlichen Ansprechpartner. Es soll ein tieferer Sinn durchs Spielen entstehen. Die einen sind die Verlierer, dürfen aber ihre Enttäuschung nur gebremst zum Ausdruck bringen. Die anderen lassen jedoch ihrer herzlichen, tiefen Schadenfreude freien Lauf. Beim sozial noch nicht so stark herangereiften Nachwuchs sind deshalb sozusagen kleine Katastrophen nicht ganz auszuschließen.

Spielerische Beherrschung der Wut lernen, das ist sowohl für den kleinen als auch für den größer gewachsenen Menschen so eine Sache. Gerade in der beschaulichen Weihnachtszeit, wenn der Stress zwar weichen sollte, aber umso ausstrahlender, verbrämter, noch dazu ungehemmter um sich greift, wird es immer besonders wichtig, die sonst unter der Oberfläche grummelnden Probleme überlegt in den Griff zu bekommen. Das geht oft schief, und als beschämendes Resultat lauert der Familienzwist unter der fröhlich-heiteren Decke der festlichen Tage. Er dehnt und schleicht sich öfter bis weit in das frische, neue Jahr hinein. Das beschwingt den unguten Kreislauf der Gefühle fast wie bei einem Perpetuum mobile. Ich kann mich noch recht gut erinnern, wie sich selbst ein altersblonder Teilnehmer und Senior an einem ganz gemütlichen, bayerischen Schafkopfspiel im Familienkreise als Wutbürger outete. Weil er über einen längeren Zeitraum mit schlechten Karten gesegnet war, platzte er sozusagen wie ein alter Dampfkessel in Überdruckmanier. Er zerriss sein erneut eingetroffenes, grottenschlechtes Blatt und sprang auf und davon.

Es bleibt ebenfalls in starker Erinnerung, wie bei einem Besuch zwecks weihnachtlich-neujahrsbezogener Glückwünsche im befreundeten, benachbarten Familienhause der kleine Zornbinkel Kevin nach einem verlorenen »Mensch-ärgere-dich-nicht« die Spielfläche abräumte. Würfel und Männchen feuerte er mir nichts, dir nichts an die Wand, dass es knallte. Er tobte und strampelte sodann am Boden liegend aus voller Manier, bis die Kräfte nachließen.

Nun sind aber diese Nachbarn ein fortschrittliches, aufgeschlossenes und sogar akademisch gebildetes Ehepaar vom Feinsten. Sie ernähren sich gesund, biomäßig und weitgehend vegetarisch. Schon immer halten sie eine gewisse Gläubigkeit an das Höhere, vor allem aber an die Heilige Weihnacht, bewusst aufrecht. Eigentlich wäre doch anzunehmen, dass sie erziehungspsychologisch besonders up to date sein müssten.

Der sonst so verständnisvolle Vater: »Es kommt schon fast einer persönlichen Niederlage gleich, wenn einem so ein impulsives, unbeherrschtes Kind in die Wiege gelegt wird.« Und die aufgeschlossene, karitativ engagierte, hilfsbereite Mutter mit dem klangvollen Doppelnamen Maiermoser-Wurmeling ist offensichtlich auch nicht gerade sehr erbaut von ihrem strampelnden Sprössling. »Das habe ich so nicht erwartet vom Wunder des Mutter-Kind-Seins!«

Ich wollte die aufgewühlten Wogen etwas glätten und sagte harmlos: »Lieber Kevin, du hast doch bestimmt zu deinem wunderschönen Weihnachtsfest viele liebe und lehrreiche Sachen bekommen.«

Da kam ihm aber der kreative, mit hohem Intelligenzquotienten gesegnete Vater zuvor: »Wir haben dem Buben lauter geistanregende und tolle Sachen geschenkt. Beispielsweise ein herrliches Spiel mit Lerneffekt, entwickelt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.« Er holt eine größere Verpackung samt Inhalt hervor. »Das hat der Bubi bisher wegen der vielen Geschenke noch gar nicht ausgepackt.«

Da stürzt sich aber der Bubi sofort darüber her. Zum Vorschein kommt ein lustiges Plastikteil als Tischgerät mit ausgespartem Gesicht, das übergroße Ohren aufweist, kreiert als rotbackiger Clown. Durch die Gesichtsöffnung soll der jeweilige Spieler sein Antlitz stecken. Davor ragt ein Hebel mit einem Plastikteller heraus. Es handelt sich um das innovative, lehrreiche Unterhaltungsspiel »Pie Face«.

Der begeisterte Vater in diebischer Vorfreude zum Bubi: »Lieber Kevin, jetzt steckst du dein Gesicht durch die Öffnung, und schon bist du von vorne gesehen ein lustiger Clown.« Das macht der Bubi überrascht und eifrig, vom vorhergehenden Zorn noch stark abgelenkt, ja sogar geschwächt. Von Hinterlist hat er bisher so gut wie keinerlei Ahnung. Er ist beinahe noch völlig arglos. Der Hausherr gibt dann noch Anweisung an die ältere Tochter, die seit geraumer Zeit – sind es Tage, sind es Wochen, sind es Monate, wer weiß das noch? – das iPhone nicht mehr aus den Händen gelegt hat: »Halte dich bereit für ein besonders lustiges Foto.«

Die gleichfalls im Voraus schon begeisterte Mutter darf aus der Sprühdose eine Portion Rasierschaum auf den Teller geben. Eigentlich müsste da eine Sahnetorte liegen, aber die gibt es schon zum Nachtisch, und einer groben Verschwendung soll keineswegs Vorschub geleistet werden.

Der Bubi schaut verwirrt durch das Loch auf den Teller. Der Vater: »So, jetzt musst du nur noch an dem Handgriff vor dir drehen.«

Das macht der Bubi brav – der Teller springt hoch, und schon hat der Bubi die Bescherung im Gesicht.

Er erschrickt total. Das ist natürlich für uns Zuschauer äußerst lustig. Wir brechen in eine längere Lachsalve aus. Die Tochter knipst umgehend und ununterbrochen. Der gute Vater klopft sich auf die Schenkel und kann sich vor Lachen kaum mehr einkriegen. Auch die Mutter Maiermoser-Wurmeling zeigt ein äußerst amüsiertes, ansteckendes Vergnügen zur Schau. Nur der Bubi ist zunächst etwas gelähmt. Dann schmeißt er das ganze Kaspertheater um, wälzt sich erneut strampelnd auf dem Boden umher und schreit sämtliche Flüche, die er bisher in seinem jungen Leben gelernt hat. Das geschieht aus voller Kehle äußerst lautstark in die weihnachtlich-feierliche Gegend hinein. Eigentlich ist das ja sein gutes Recht, denn er fühlt sich nur noch hereingelegt. Er muss seine Gutgläubigkeit an die Menschheit und an das raue Leben erst nach und nach verlieren. Das geht nicht auf einmal. Mancher sensible Mensch naht da gefährlich früh schon einer Verzweiflung. So ein Leben ist nämlich hart und wird auch kaum weicher, je älter man wird.

Die Eltern sind aber ob solcher impulsiver Ausbrüche schon wieder total konsterniert. Das hat niemand erwartet. Die Mutter Maiermoser-Wurmeling spricht ernst und ziemlich verzweifelt: »Was soll man da bloß tun? Selbst der harmloseste, aber lehrreiche Spaß bringt den Bubi außer Rand und Band! Kevin, das Ganze ist doch nur ein riesengroßer Spaß, ein Spiel. Du musst lernen, wie man auch mit überraschenden, negativen Situationen im Leben fertig wird, ohne sich gleich zu ärgern oder gar zu toben. Zumindest darfst du das niemals zeigen! Beherrschung ist alles im Leben!«

Der frustrierte Kevin hat sich nach und nach wieder etwas gefangen. Weil er aber allmählich schon ganz schön clever geworden ist, trompetet er nun lautstark: »Noch mal, aber jetzt ihr!« Und so kommen alle der Reihe nach dran, einschließlich mir. Leider kennt der Bubi aber kein Erbarmen, geschweige denn ein Ende des »leerreichen« Spieles. Er rächt sich gewaltig, und alle machen mehr oder weniger glücklich mit, um zu zeigen, wie wichtig und beispielgebend so eine Sache sein soll. Niemand zeigt den langsam aufsteigenden Ärger oder spricht gar von Schwachsinn.

Auch als ich nach drei Stunden das Haus verlassen habe und erleichtert, Rasierschaum im Gesicht, noch einmal durch das Fenster zurückschaue, ist das wunderbare Spiel noch keineswegs zu Ende. Es freut sich aber nur noch recht lautstark der Bubi Kevin. Außer ihm strahlt lediglich noch der Christbaum mit seinem künstlichen Kerzenschein froh vor sich hin. Alle, nicht zuletzt auch die gute Mutter Maiermoser-Wurmeling, haben ebenfalls Rasierschaum im Gesicht und tun so, als ob sie sich gewaltig freuen und amüsieren würden. Ein »leerreicher« Spaß ist in die weihnachtlich verbrämte Wohnzimmerstube eingekehrt. Der Bubi Kevin ist ja noch so jung und hat noch viel zu lernen im harten Überlebenskampf des Daseins. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen. Wenn der Rasierschaum knapp wird, muss eventuell doch die dekorative, schmackhafte Weihnachtstorte zweckentfremdet werden.

Und die wohlmeinenden Eltern sind schon wieder heftig betrübt, weil der Bubi Kevin frischweg schreit: »Jetzt alle Rasierschaum als Nachspeise fressen!«

Tierisch berühmt



Alle Jahre wieder erscheinen sie aus der Versenkung, das heißt aus dem Fundus der weihnachtlichen Vorräte: Christbaumkugeln, Kerzen, Trompetenblasengel, Kripperlfiguren, Marzipansterne und biomäßiger Strohschmuck. Alle möglichen Sorten von Gegenständen werden aus den Kisten hervorgekramt, einschließlich berühmt gewordener Kreaturen wie Ochs und Esel aus echtem Lindenholz oder Gips, meist aber aus preiswertem Plastik geformt. Etwas seltener wird da neuerdings schon Lametta hervorgezogen, weil es wegen seiner Bleibasis giftig sein soll. All das packt man feierlich aus.

Eine festliche, zauberhafte Zeremonie greift um sich. Zunächst geht es aber unter Verwendung von frischem Moos, Tannenzweigen, Fichtenzapfen, Immergrün – alles aus dem nächsten Forst entwendet – und einem Bonsaistall an die Errichtung einer würdigen Nachbildung der wichtigsten Szene aus der biblischen Geschichte. Der Prophet Lukas wird wieder zum profunden Vermittler aus dem Buch der Bücher und gibt die Handlung vor. Aber als Vorbild dient im bayerischen Oberland zumeist eine baufällige, heruntergekommene Almhütte mit undichtem Dach. Es soll ja keineswegs zu komfortabel sein.

Der schöne Brauch, unter dem Christbaum ein naturgetreues Kripperl, einen Stall, zu installieren, ist längst in die Annalen der christlichen Liturgie eingegangen. Die absoluten Stars sind da nach wie vor das winzige, strahlende Jesulein, die junge, rüstige Marienmutter sowie der gute Vater und Zimmermann Josef, mit Axt und Säge ausgerüstet, die er immer mit sich führt. Vielleicht kann er damit auch das wurmstichige Gebälk im Geburtsstadel ausbessern, bevor etwas herabbricht. Und sowohl der Ochs als auch der Esel haben außer der Heiligen Familie einen unglaublichen Ruf in der Heilsgeschichte erlangt. Ohne diese beiden kann es nie und nimmermehr Heilige Nacht werden. Kein Kripperl, keine echte Weihnacht in Deutschland kommt ohne die beiden mehr aus. Ja, sogar weltweit haben sie in entsprechend gläubigen Kreisen beinahe auch schon einen Starkultstatus erlangt. In Afrika zum Beispiel, wo auch einige Christen beheimatet sind, kennt man die beiden Tiere sehr wohl und ersetzt sie keineswegs durch Zebra oder Wasserbüffel. Niemand wird sich mehr darüber wundern, wenn sie bald wenigstens seliggesprochen werden, vielleicht sogar heilig. Da müssen sich die guten Hirten und vor allem die zahlreichen Schafe leider mit einer etwas unpersönlicher und anonymer ausgefallenen Rolle begnügen, obwohl sie natürlich als Zeitzeugen auch nicht fehlen dürfen. Die zwei tierischen Kumpane aber gehören mitsamt dem spartanischen Stall seit Urzeiten zur Krippe von Bethlehem wie das Salz in die Suppe. Ohne Ochs und Esel wird es einfach nicht richtig Weihnachten, ob es schneit oder nicht. Selbst die alten Malermeister, der Herr Rubens, der Herr Tizian, der Herr Breughel und wie sie alle heißen mögen, bezeugen das zumeist gekonnt in ihren Bildern. Aus dem dämmrigen Hintergrund des Stalles lugen die Tiere wichtig und vorwitzig in das bedeutende Zeitgeschehen hinein. Sie sind als Blickfang unersetzlich.

Doch wer hat sie in den Stall gelassen und was sagen sie uns? Kommen sie überhaupt vor in den weihnachtlichen Berichten der christlichen Vorväter? Und wie! Da heißt es nämlich unumstößlich: »Ein Rind kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn.« Das proklamiert uns der Prophet Jesaja schon frühzeitig im Buch der Bücher, Jesaja 1, Vers 3. Was will er uns damit verklickern? Vielleicht nicht mehr und nicht weniger als die Unabkömmlichkeit dieser wichtigen, neutralen Zeitzeugen zum Tatbestand einer wunderbaren Menschwerdung.

Und dazu ist es wirklich äußerst wichtig, sowohl den Ochs als auch den Esel endlich einmal zu Wort kommen zu lassen. Tiere können zwar nicht leicht sprechen, aber das geht trotzdem, weil es immer schon Fabeln gegeben hat, in denen sich die verschiedensten Kreaturen einwandfrei artikulieren können. Seien es enorme Dichter wie Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Franz Grillparzer oder weniger bekannte Leute wie der gute Gottfried Konrad Pfeffel – sie alle haben uns gezeigt, wie weise doch Tiere aller Art daherreden können. Daraus gibt es viel zu lernen, weil es meistens schöne Gleichnisse sind. Noch dazu in so einer wichtigen, einmaligen Funktion: als Zeitzeugen einer ungewöhnlichen Inkarnation.

Man muss aber schon genau hinhören, weil Ochs und Esel gottesfürchtig das kleine Jesulein nicht unnötig aufwecken, sondern sogar beschützen möchten. Auch vor jedem Lärm und Geschwafel der unruhigen Zeitläufe wollen sie es auf Dauer bewahren. Es gibt eben nicht nur Gutmenschen, sondern anscheinend auch Guttiere als Migranten jeglicher Art und Sorte, wo immer es auch sei.

Der Esel beginnt zu flüstern. »Ich bin ja bestimmt schon viel weiter herumgekommen als du, mein lieber Ochs. Zuletzt war ich nämlich bei den Bremer Stadtmusikanten tätig. Unser Tierorchester ist aber leider nicht so gut angekommen. Diese Banausen sprachen von Misstönen. Die Bremer Spießer haben gesagt, dass wir höchstens Räuber vertreiben könnten mit unserem Geplärr. Sie haben ja bis heute keinerlei Ahnung von den Gesetzen der Fuge, der produktiven Disharmonie und den auf- und absteigenden Zwölftonleitern. Sie wollten uns dann auch am liebsten entweder sofort auffressen oder versklaven. Da musste ich erneut die Flucht ergreifen. Wo die anderen, der Hund, die Katze und der Gickerl abgeblieben sind, das entzieht sich meiner Kenntnis. Hoffentlich nicht im Frondienst, in der Bratpfanne oder im Wurstkessel. In das gelobte Land bin ich mit einem unermüdlichen Pilger gereist. Doch der war schlecht zu Fuß. Monatelang habe ich ihn ge- und ertragen. Als wir endlich im Gebiet von Bethlehem angekommen waren, verdingte er sich als guter Schafhirte zum Lämmerweiden, ganz in der Nähe des späteren Geburtsstalles. Ich aber habe unterwegs die späteren heiligen Eltern getroffen, wie sie mühsam Richtung Bethlehem gewandert sind. Maria, die hochschwangere Jungfrau, und der Zimmermann Josef – er mit Säge und Hacke ausgerüstet – hatten sich aufgemacht, zwecks Volkszählung. Der Stadthalter Roms und sein Kaiser Augustus bilden den Hintergrund für diese Schikane, wo doch zurzeit die Verbindungen über Land noch sehr dürftig ausgebaut sind. Ja, noch viel dürftiger als später bei den häufigen, gläubigen Kreuzzügen. Da habe ich gesagt: ›Liebe Maria, ich will dein Diener sein, und du kannst auf mir hinüberreiten bis nach Bethlehem.‹ Dort haben wir in einem alten Stall eine Futterkrippe mit Heu gefunden. Und gerade als ich mir das getrocknete Gras munden lassen wollte, kamst du, alter Ochse, daher. Und schon ging es Schlag auf Schlag, vor allem mit der Geburt.«

»Jetzt haben wir wieder nix zu beißen, weil der liebe Bengel mit dem goldenen Schein um sein Köpflein das Heu als Matratze braucht«, brummt der Ochse zunächst betrübt, aber sofort doch gutmütig.

»Ich bin genauso hungrig wie du. Doch merkst du sicher jetzt auch allmählich, dass uns gerade ein erhebliches Wunder erschienen ist. Da gibt es keinen Hunger mehr, oder? Dieses unangenehme Gefühl schwindet sofort, wenn man es von einer höheren Warte aus betrachtet. Nur noch die Heilige Nacht und die erquicklichen, wunderbaren Folgen für die gesamte Christenheit sind ab sofort von Belang. Und wir dürfen dabei sein.«

Jetzt erwacht das kleine Jesulein und schaut verschlafen, aber freundlich, sowohl dem Ochsen als auch dem Esel in ihr strahlendes Antlitz. Verwundert erkundigt es sich: »Seid ihr bereits Fans von mir, zukünftige Jünger oder vielleicht gar schon zwei von meinen zwölf Aposteln? Oder ehrwürdige Kirchenväter?«

Aber sofort klären die bescheidenen Tiere den wahren Sachverhalt auf und verkünden wahrheitsgemäß ihre animalische Identität. Ihr bisheriges schweres Schicksal bleibt dabei nicht unerwähnt.

Wohlwollend meint der kleine Jesus, bereits auf Wunder aller Art eingestellt: »Wahrlich, ich sage euch, ich werde euch als meine treuen Wächter speisen und tränken, sodass ihr nie mehr irgendeinen Mangel leiden müsst. Ihr seid als meine Platzhalter und Freunde für immer in die christlichen Annalen aufgenommen. In Zukunft werdet ihr nicht nur von den historischen Malermeistern auf den christlichen Gemälden verewigt sein. Auch für alle Kripperl auf der ganzen gläubigen Welt, die meine Ankunft und das weihnachtliche Geschehen bezeugen sollen, werdet ihr unentbehrlich werden. Und von den Bremer Spießbürgern, die euch so übel mitgespielt haben, wird keiner einer meiner zwölf Apostel werden. Dafür bürge ich, und das verspreche ich hoch und heilig. Holt umgehend sowohl den Gickerl als auch die Katze und den Hund herbei, und schon dürft ihr die neue Stadtkapelle von Bethlehem bilden!«

Und alsbald, wenn auch etwas später, ward dieses frühe Wunder vollbracht, und die guten Tiere musizierten eifrig im heiligen Ort bis an ihr Lebensende. Ja, und wenn sie, o Wunder, nicht gestorben sind, dann erfreuen sie noch heute die morgenländischen Bürger mit ihren ungewöhnlichen Stimmen, Kompositionen und weit schallenden Tondichtungen.

Draußen vor dem Stalle geht nun ein Getrappel und ein lautes Rufen um das gesamte Kripperl herum: »Hallo, ihr guten Leut, sind wir hier richtig?« Und schon schaut ein Kamel beim Fenster herein.

Die später sogar heiliggesprochenen drei Könige aus dem Morgenlande sind soeben eingetroffen, zwecks Huldigung. Reiche morgenländische Edelleute, ihres Zeichens Magier sowohl als auch gründlich in der Sterndeuterei ausgebildete Experten, steigen in freudiger Erwartung von zwei einhöckerigen Dromedaren und einem zweihöckerigen Kamel herab. Ungemein bewandert in der Himmelskunde und als astrologische Wissenschaftler, hatten sie sich auf den holperigen Weg gemacht und waren hinter einem gleißenden, stark geschweiften Kometen unermüdlich losgebrettert. Der diente ihnen als Wegweiser und treuer Führer bis genau vor den Stall hin. Da steht er nun wie festgezurrt am Himmel über der Geburtsstätte, und alle drei Reisenden erklären wie aus einem Munde: »Der gute Stern zeigt es uns unumstößlich an: Jetzt sind wir aber endlich da!« Voller Prunk und Überraschung ist nun ihr hehres Ziel erreicht.

Einer von dieser Triole war der Kaspar mit seinem bereits damals schon ziemlich bayerischen Namen. Und der Balthasar, liebevoll von seiner Sippschaft auch »Baldi« genannt, dient bis in unsere Tage als herzlicher Namensgeber für männliche Säuglinge in heimatverbundenen Kreisen des gläubigen Oberlandes. Der andere, namens Melchior, ist da schon eher weiterhin ein stolzer Exot aus dem Morgenland geblieben. Sein klangvoller Name hat bei uns leider kaum Eingang in die Bestsellerliste für die Namensgebung neu geborener Kinder gefunden wie Ben, Lars, Detlev oder Levi.

Und schon sind sie alle drei am Auspacken. Lauter gute Sachen, wie Weihrauch, aber auch Myrrhe befördern sie erst aus ihren Rucksäcken und dann durch die windschiefe Türe herein ins karge Innere des spartanischen Stalles. Und der Clou: Einer davon, der exotische Melchior, schleppt sogar einen echten, größeren Goldbarren (999er mit 24 Karat) bis vor die Krippe hin. Da freut sich die gesamte Heilige Familie sehr und beschließt, ab sofort nicht mehr so arm zu sein.

Und der Vater Josef nimmt sich fest vor, nun sein schweres Handwerk an den Nagel zu hängen. Säge und Zimmermannsbeil lässt er später achtlos im hintersten Winkel des Stalles zurück. Vielleicht hat er keinen Nagel gefunden. »Da sollen sich doch andere damit abplagen«, verkündet er erleichtert und herzlich.

Plötzlich entbrennt aber eine schwere Diskussion unter den drei Morgenländern, die, wie man weiß, mit Fug und Recht aufgrund der Anbetung bald darauf sogar heiliggesprochen werden. Vor allem der Kaspar glaubt einfach nicht, dass Maria auf dem Esel bis hierher zum Stall geritten sein soll. Sind gar alle Weihnachtsbilder falsch, die den Exodus der heiligen Leute bis heute so zeigen, wie die gute Mutter Maria auf dem Esel daher reitet? Wenn das historisch-romantisch tatsächlich nicht haltbar sein sollte, so fehlt uns ein Puzzlestück in der deutschen Weihnachtsgeschichte. Der Kaspar ereifert sich: »Hochschwanger auf so einem Grautier? Die meisten Frauen sind vermutlich noch nie auf einem Esel schwanger umhergeritten. Wohlgemerkt: Marias Schwangerschaft war in ihrem Endstadium. Diese junge Frau aus Nazareth, auch wenn sie noch so zäh gewesen sein sollte, hätte unausweichlich schon auf dem Esel entbunden. Durch das Reiten wäre der kleine Jesus infolge der Schaukelei viel zu früh auf diese Welt gebracht worden, und damit müsste die ganze christliche Chronologie eventuell um Tage verschoben werden.«

Der nachdenkliche Kaspar proklamiert entschieden: »Maria ging zu Fuß. Von Nazareth nach Bethlehem. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Tiere sind dumm und können leider nicht sprechen. Sonst könnten wir ja diesen Esel da fragen, ob er Näheres über diesen eklatanten Sachverhalt weiß.«

Der Balthasar und auch der Melchior halten sich wohlweislich aus der Sache heraus. Sie wollen den Frieden auf Erden nicht mit so einer banalen Frage durcheinanderbringen.

Der Balthasar verkündet aus Überzeugung: »Wir haben schon genügend Zwist und Kriege in diesem Jammertal. Da soll doch nicht hier auch noch eine Auseinandersetzung stattfinden.« Der Komet strahlt erhaben durch das kaputte Fenster, und der kleine Jesus hält sich – jedenfalls vorläufig – auch noch heraus aus dieser brennenden Frage.

Die beiden wichtigsten Zeitzeugen der gesamten Angelegenheit, der Ochse sowohl als auch der Esel, wissen es natürlich am besten. Und der kleine Jesus selbstredend noch besser. Aber er sagt selbst zu sich zunächst überhaupt nichts und dann ganz leise zu Ochs und Esel: »Der Wunder ist vorläufig genug getan.«

Und so kümmern sich alle drei vorerst nicht um die unfruchtbare Auseinandersetzung, obwohl sie es mit hundertprozentiger Sicherheit am besten wüssten. Und der abgeklärte, weit gereiste Esel flüstert dem gutmütigen Ochsen in dessen aufmerksam gerecktes rechtes Ohr: »Reden ist nur Silber, Schweigen dagegen reines, hochkarätiges Gold!«

So ist wieder einmal eine beachtliche Tierfabel mit tief greifender Weisheit in die ernste Literatur und in die gläubigen Annalen der Menschheit eingegangen. In tiefgründiger Weise wird damit die erbauliche Tradition gleichnishafter Tierfabeln im besten Sinne nach Johann Wolfgang von Goethe und all den anderen ersprießlichen Dichtern hochgehalten. Noch dazu, weil es in dieser neuesten, lehrreichen Angelegenheit besonders stark weihnachtet.

Von Wachsziehern, fleißigen Bienen und Brandschäden


Vor allem die Weihnachtszeit ergibt eine Hochkonjunktur für den wichtigsten Schmuck, die Kerze, als romantische Lichtgeberin im Christbaum. Da haben für den biomäßig denkenden Kunden die Bienen und ihr Stoffwechsel viel zu tun, damit aus ihren Waben die duftenden Accessoires entstehen können. Andere Anlässe, ebenfalls überwiegend christlichen Ursprungs, wollen auch nicht auf natürlich brennendes Beleuchtungsmaterial verzichten. Nicht nur der traditionsbewusste Adventskranz sei hier erwähnt. Es sei da herausragend, schon wegen der Überlänge, die »Erste-heilige-Kommunionkerze« genannt. Zumeist besteht sie aus Stearin und kaum aus Bienenwachs, wegen der Preiswürdigkeit. Trotzdem ist sie unerlässlich für die Würde und die Feierlichkeit dieser Zeremonie eines jungen Nachwuchschristen. Für sogenannte Teelichter, die nachträglich zum Getränkewarmhalten erfunden wurden, benutzen die Hersteller das Paraffin, ebenso ein praktisches Brenngut. Zweckentfremdet findet man sie aber auch als sogenannte Hindenburglichter. Sie bilden den Grabschmuck an Allerheiligen und Weihnachten. Da leuchten sie recht kleinflammig, aber umso länger in die kalte Nacht hinein. Benannt wurde diese kümmerliche Leuchte, damals noch auf Talgbasis, nach dem Oberkommandierenden des völlig unnötigen, schlimmen Ersten Weltkrieges unserer Erde. Freilich waren die ausgemergelten Kriegsteilnehmer in den Schützengräben sogar froh um das bisschen warme Strahlen. Der Herr Hindenburg selbst war da zu seinem Glück weniger betroffen. Er musste ja auch die ganze Kriegsmisere über Jahre hin kommandieren.

Vermutlich aus Indien eingeschleppt, haben die Duftkerzen eine größere Berühmtheit auch bei uns erlangt. Vor allem die metaphysisch und transzendental ausgebildete Klangschalentherapeutin schwört Stein und Bein darauf, wegen der heilsamen Auswirkung solcher Schnuppergeräte. Um die Luft mit Kräuteressenzen aller Art zu schwängern sowie üble Gerüche, bedingt durch Blähungen, zu vertreiben, werden sie duftenderweise auch im weihnachtlichen Geschehen immer häufiger eingesetzt. Sie ergänzen sich hervorragend zu allem anderen Inventar und herrlichen Tand der traditionsreichen, üppig aufblühenden Festtage.

Wenn es um echte Qualität bei einer Kerze gehen soll, so muss sie gezogen werden. Das geschah damals, recht früh schon, von Hand. Vor allem im finsteren Mittelalter, denn zur Aufhellung waren sie dort sehr wichtig. Auch heute werden noch Kerzen gezogen. Allerdings maschinell, das erleichtert den Ablauf. Ein ewig langer Docht bis zu mehreren Hundert Metern, vielleicht sogar einem knappen Kilometer, wird so lange durch ein Bad aus flüssigem Wachs hindurchgezogen, bis der Oberwachszieher das Kommando durchgibt: »Halt, das genügt. Jetzt sind die Kerzen dick genug.« Diese werden dann, natürlich ebenfalls maschinell, Stück für Stück abgesägt. Das ist recht kompliziert, soll doch der Docht als wichtiger Bestandteil etwa drei bis vier Millimeter aus dem fertigen Stück herausragen. Je nachdem, wie lang das einzelne Teil werden soll, kann man auf alle Fälle jede Menge Kerzen erzeugen. So viel zur Technik dieser unabkömmlichen Leuchtkörper.

Aber die Wirklichkeit bei der Verwendung in der Praxis ist oft nicht ungefährlich. Erst neulich, als es wiederum weihnachtete, haben sich laut Presse erneut mehrere, ja sogar sehr zahlreiche Unfälle ereignet. Man unterschätzt eben immer wieder so eine Flamme, die eine Hitze von bis zu 1400 Grad Celsius erreichen kann. Unnötige, lange schmerzende Brandwunden sind die Folgen vom leichtsinnigen Umgang mit diesen nicht unscheinbaren offenen Flammen. Von Bränden, die dadurch auch gar nicht so selten eintreffen, kann so manche wachsame Feuerwehr in ihren Annalen stolz und ausführlich berichten. Das Löschen gelingt oft im letzten Augenblick gerade noch rechtzeitig, um den restlichen Schwelbrand in den Griff zu bekommen. Mit dem bekannten Slogan »Wasser marsch« ist glücklicherweise auch schon so mancher verdorrte Adventskranz, der seine Tannennadeln nur noch schwer halten konnte, eliminiert worden.

Die glaubhafte Überlieferung eines Sanitäters, bezüglich des soeben stattfindenden Weihnachtsevents – der zweite Feiertag, auch Stephanustag genannt, ist angebrochen – besagt es warnend. Der fleißige Helfer weiß um die häufige Dringlichkeit der Ablieferungen in die Krankenhausaufnahmestation am Heiligen Abend. Als einfühlsamer Zeuge erlebte er hautnah das Gejammer und die Leiden der verunglückten und verletzten Leute.

Bekümmert meint er aus fundierter Erfahrung heraus: »Grund für diese Schwemme von Verwundeten war leider hauptsächlich wieder einmal der Heilige Abend, wenn auch unschuldig.« Mitfühlend und vorsorglich stellt er überdies seine Warnung unentgeltlich in den Raum: »Leichtsinn ist ein schlechter Ratgeber, aber die Mutter vieler Unfälle, und diese lauern immer dort, wo sie nicht sein sollen.« Die Zeremonie der zahllosen, überwiegend offenen Flammen im Gezweig des Weihnachtsbaumes wird eben aus alter Gewohnheit nicht so schnell ersetzt werden. Manche wollen sie um jeden Preis aufrechterhalten.

»Praktische, auch nicht ganz hässliche Ersatzplastikteile mit künstlichen Kerzen müssen doch ebenfalls gern verkauft werden«, wird dazu ganz kundig im Einzelhandel verkündet. Weit ungefährlicher, wenn auch mit weniger Romantik beseelt, würde diese Tendenz, wenn sie denn wahr werden sollte, auch sicherer die hohe Festzeit überbrücken helfen.

Der erfahrene Sanitäter traurig: »Jaja, die Sicherheit wird oft leichtsinnig aufs Spiel gesetzt, geht es doch in erster Linie um leuchtende Kinderaugen im Angesicht brennend strahlender Edelwachskerzen. Dadurch wird auch die Bescherung viel heimeliger.«

Während der gute Mann und Helfer noch weiter über seine diesbezüglichen Erfahrungen bramarbasiert, erreicht ihn ein unvorhergesehener Handynotanruf. Es ist seine schwer aufgeregte Frau und Mutter sämtlicher drei Kinder, eines davon sogar von ihm selbst.

Soeben im Krankenhaus eingetroffen und dort eilig vom ältesten Sohn hingebracht, klagt sie ihr Leid durch den Äther: »Du glaubst es nicht! Während du im Dienste der Menschheit und als Sanitäter unterwegs bist, habe ich am Nachmittag noch schnell meine besten Freundinnen eingeladen. Zwei davon sind zur Weihnachtsüberraschung frisch geschieden, und die dritte hatte einen handfesten Nervenzusammenbruch, einen Börnaut sagt man da, glaube ich. Es war wegen der aufmüpfigen Kinder. Die Kleinste glaubt mit ihren vier Jahren schon längst nicht mehr an das Christkind, und die zwei älteren sind ausgebüxt wegen häuslicher Zwistigkeiten. Eine Polizeistreife hat sie aber Gott sei Dank unversehrt wieder zurückgebracht. Der nette Polizist hat nur gemeint, das wär nix Ungewöhnliches um diese Zeit. Aber dann noch der Clou: Ihr Tollpatsch von Mann hat wieder einmal den Vogel abgeschossen. Der Trottel hat sich beim Christbaumstehlen in den Fuß gehackt. Ein fröhliches Kaffeekränzchen sollte es werden. Es wurde nichts daraus. Nicht einmal zum Glühweintrinken sind wir noch gekommen. Schnell wollte ich nämlich noch die restlichen Kerzen anzünden, um eine feierliche Stimmung zu erzeugen. Dummerweise waren die vom Heiligabend her schon recht niedergebrannt. Und plötzlich stand eines der Zweiglein in Flammen. Die trockenen Tannennadeln haben schrecklich geknistert. Ich wollte schnell den Rest der Kerze löschen, bevor unser Haus abgebrannt wäre. Leider mit der Hand. Flüssiges Wachs tropfte herab. Noch dazu auf den Ärmel meiner neuen, teuren Bluse. Die mit den Spitzen. Du weißt schon. Die vom Weihnachtsabend, die du mir geschenkt hast. Jetzt ist sie hin.«

Der überraschte Ehemann erkundigt sich neugierig: »Und wie steht’s mit dir und der Hand sowie deinem Arm? Bist du schwer lädiert? Kannst du überhaupt heute Abend noch kochen, wenn meine Mutti zu Besuch kommt? Sonst müssen wir dummerweise noch den Pizzaservice kommen lassen. Das ist äußerst unangenehm. Du weißt, wie problematisch deine Schwiegermama werden kann!«

Da erst wird der guten Frau ihr Dilemma vollends bewusst. Der Schock bei solchen negativen Anlässen darf eben nicht unterschätzt werden. Im wahrsten Sinne des Wortes unangenehm betroffen, lamentiert sie: »In der Aufnahmestation musste ich drei Stunden wegen Überfüllung warten. Das hat saumäßig gebrannt. Die ganze Hand und mein rechter Arm stecken in einem dicken Verband. Verbrennungen dritten Grades. Der Herr Arzt sagte aber ungerührt: ›Sie sind nicht die Einzige mit weihnachtlichen Verbrennungen in diesen Tagen. Wir haben wieder Hochkonjunktur wie jedes Jahr um diese staade Zeit. Das Geschäft läuft enorm.‹« Nach einer kurzen Pause jammert die geschundene Ehefrau: »Eines sag ich dir gleich: Für die nächste Zeit müsst ihr euch selbst versorgen. Glücklicherweise kannst du mich aber in einer halben Stunde abholen. Und meine liebe Schwiegermutter darfst du auf den Mond schießen. Ihr habt ja genügend Raketen für Silvester gebunkert.«

Lauscha-Angriff mit Christbaumkugeln, anno domini



Das muntere Städtchen Lauscha, versteckt und abgelegen im Thüringer Wald, so heißt es glaubhaft überliefert, ist die Wiege der mundgeblasenen Christbaumkugeln und deren legitimer Nachfolger. Dort, wo der Rennsteig durch das bis zu 800 Meter stark aufragende Schiefergebirge eilt, zwischen sanften Hügeln, mehreren Wäldern sowie dem Glasbläsermuseum ist diese handwerklich-künstlerische Wiege beheimatet.

Das geht schon ganz schön weit zurück. Nämlich bis zum erlauchten Herzog Kasimir, dem Gründer des Kasimirianums, seiner damaligen höheren Grundschule, in der er selber noch was lernen wollte. Etwa genau um 1597 erteilte dieser aufgeschlossene Machthaber nochmals eine weitere privilegierte Gründung und Institution.

Milde sprach er zu seinen Hofschranzen und den Städtchenräten: »So sei es denn von dero meinen herzoglichen Gnaden erwirket, dass ab sobald schon wieder etwas Wichtiges entstehen darf.«

Man weiß auch genau, an wen er dabei dachte und worum es sich dabei handelte: um die beiden Glasermeister und Bläser Hans Greiner und Christoph Müller. Sie durften mit dieser Erlaubnis eine eigene Glaserhütte aufbauen und endlich legitim Glas blasen, so viel ihre Lungenflügel hergaben und solange sie wollten.

Und schon schlug etwas später um 1847 die erste Stunde für einen neuen Christbaumschmuck aus Glas, wenn es sich zunächst auch noch nicht um Kugeln handelte. Dieser bestand einstweilen lediglich aus nachgebildeten Äpfeln und Nüssen, sogar Birnen. Und das hatte seinen unfreiwilligen Grund, weil die guten Lauschaleute damals, also etwas früher, vielleicht so um die frühe Biedermeierzeit, so fürchterlich arm lebten, dass sie sich selber sehr leidtaten. Glücklicherweise waren sie zwar jetzt schon mit einem wunderbaren Handwerk, der Glasbläserei, vor Ort gesegnet, doch Handwerk hatte zu dieser nicht leichten Zeit wenig goldenen Boden. Der traf erst später ein. Außerdem war die ungute, darbende Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg zwar verblasst, aber nicht ganz getilgt. Normalerweise vergisst der durchschnittliche Mensch ja schlimme Zeiten so schnell als möglich im Zeitraffertempo. Jedoch hatte sich diese unangenehme Epoche erstaunlich lange im kollektiven Gedächtnis der Ortsbewohner eingeprägt. Die argen, damaligen Leiden wurden nämlich mündlich über mehrere Generationen weitergetragen. Im flüssigen Schreiben und Lesen haperte es ja bei den fleißigen Leuten noch etwas, weil sie, wenn auch fröhlich und munter, als naturgegebene Analphabeten umherliefen.

Doch seitdem, sogar bis heutzutage, klingelt es freilich recht angenehm in den Kassen fleißiger Bürger aus Lauscha. Inzwischen haben viele Mundglasbläser, sogar maschinell, ein annehmbares Auskommen in diesem sehr beschaulichen Örtchen zwischen Sonneberg und Landstadt erreicht. Nebenbei ist in diesem Milieu auch eine interessante Symbiose entstanden. In Rothenburg ob der Tauber, wo es, wie bekannt, mit künstlichen Kerzen und Leuchtketten durchgehend irrlichtert und weihnachtet, betreibt man geschickt im ortsansässigen Einzelhandel ganzjährig den Heiligen Abend. So hat sich diese Gegend zum verlässlichen Großabnehmer und zur Metropole für die fleißigen Christschmuckhersteller aus dem Thüringer Wald entwickelt. Hin und wieder muss sogar eine diesbezügliche Sonderschicht gefahren werden. Aber nur, wenn es wirklich nicht anders geht, braucht doch auch der Lauschaer Glasbläser nötig seine freie Zeit. Man ist ob der Tauber geradezu abhängig wie in Drogensucht von den Glasblas-Manufakturen und der Fabrikation weihnachtlichen Tands, hergestellt in Lauscha. Es freuen sich darüber sämtliche Touristinnen und Touristen aus China, Japan, ja sogar aus Österreich – und alle staunen erheblich über die weihnachtliche Pracht, zum Beispiel im Hochsommer, wenn im Schweiße des Angesichtes die Glöckchen und frohen, trauten Lieder erschallen. Der Nikolaus spielt da gerne mit, auch wenn er für die Jahreszeit viel zu warm angezogen sein dürfte.

Aber schnell zurück zur spannenden Historie: Es bliesen überlieferterweise damals schon viele Glasbläser alle möglichen durchsichtigen und wunderschönen Sachen wie Schnapsflaschen, Lampenschirme, anspruchsvolles Nachtgeschirr und andere brauchbare Dinge. Aber wie es so geht, Weihnachten nahte wieder einmal vorschnell. Und was hängt man dann an den Christbaum zwecks Schmuck, wenn man nicht einmal echte Äpfel oder Birnen, geschweige denn Nüsse im kargen Vorratsspeicher hat? – Warum? Weil die Mäuse sowohl als auch freche Ratten wieder einmal ihr Verzehrunwesen radikal getrieben hatten. Dieser Plage musste man damals ohnmächtig zusehen, weil die Mausfallen nicht mehr ausreichten. Sie wurden ja noch von Hand gefertigt und hatten größere Lieferzeiten. – Die findigen Leute bildeten dadurch, wie schon angedeutet, ersatzmäßig sämtliche solche Obst- und Walnusssachen, sogar Zwetschgen, einfach als Christbaumschmuck in echtem Glas nach und hingen sie in das festliche Gezweig. Die erste Glaskugel entstand erst, als es den guten Leuten schon etwas besser ging. Da blies man einfach so vor sich hin, und siehe da, es entstand ein kugeliges Gebilde. Noch heute kann jeder Museumsbesucher die ersten, nicht ganz rund geblasenen Weihnachtskugeln als seltene Unikate bewundern. Sie sind allerdings unverkäuflich, wie es eben in so einem Museum leider ist. Nur Nachahmungen kann man zu einem vernünftigen Preis erwerben. Diese sind natürlich absichtlich auch nicht ganz rund.

Eine besonders wichtige Errungenschaft aus Lauscha darf aber bei all den wichtigen und sich sogar überstürzenden Ereignissen keinesfalls übersehen werden. Zum Wohle der gesamten Menschheit und des Erdkreises erfand ein langjähriger Einwohner und Mitbürger des kleinen Städtchens eine besondere Prothese. Es war der Tüftler, Glasbläser und Bastler Ludwig Müller-Uri. Schon 1835 blies er das erste, gut brauchbare Glasauge der Welt. Noch heute blickt so manch Einäugiger verstohlen, aber zufrieden in sein Leben, und kaum einer merkt, was da künstlich aus dem anderen Auge schaut.

Weise soll der Erfinder gesprochen haben: »Es kommt nicht nur darauf an, dass man gut hört, sondern auch dass man zwei Augen besitzt, auch wenn das andere nur künstlich dreinblicken kann.«

Besonders glücklich traf diese überraschende Erfindung, noch dazu am damaligen Vormittag des Heiligen Abends, beinahe unverhofft, als Geschenk an beschädigte Menschen ein. Alle Einäugigen, nicht nur dieser schnell vergangenen Epoche, konnten nun wieder getrost aufsehen. Solche wohlgeformten Glasaugen haben sich dann auch in Windeseile unter den entsprechend bedürftigen Menschen verbreitet. Leider besteht das moderne Glasauge inzwischen aus feinstem, aufwendig geschliffenem Plastik, auch wenn man trotzdem damit nichts sehen kann. Jede übliche Farbtönung des Augapfels, ob blau, grau, braun, ja sogar grün, oder gemischt, kann fein ausgewogen geliefert werden. Als Massenware, besonders nach kriegerischen Auseinandersetzungen, wird es längst fabrikmäßig geblasen, weil der Bedarf, vor allem in unterentwickelten, waffenstrotzenden Gesellschaften, enorm zugenommen hat. Auch ein anderes wichtiges Sinnesorgan, das Ohr, ist durch unfriedliche Handlungen davon betroffen, wenn es weggeschossen wird. Ein gläsernes Ersatzohr ist aber bisher nicht in Erwägung gezogen worden. Die tüchtigen Glasbläser von Lauscha haben jedoch genügend andere Wirtschaftszweige wie den weihnachtlichen Baumschmuckbedarf gründlich erschlossen.

Wenn man heutzutage als aufgeschlossener Besucher im Glasbläsermuseum von Lauscha einem versierten Christbaumkugelglasbläser über die Schulter schaut, ist man immer wieder hocherfreut über diese erlesenen Kunstwerke. So eine mundgeblasene Kugel ist zwar bekanntermaßen nicht gerade billig. Es muss dazu ja auch sehr viel Lungenkraft vergeudet werden. Aber derjenige, der sie stolz an seinem Christbaum hängen hat, darf sich getrost als Kenner mit bestem Geschmack und als seltener Kunsthandwerksliebhaber bezeichnen. Und wer einmal so einem versierten, fleißigen Christbaumkugelglasbläser über die Schulter geschaut hat oder gar selber mehrmals unter Anleitung in das Glasblasrohr hineinblasen durfte, der weiß genau, worum es dabei geht. Und zwar ganz genau. Bläst man nämlich zu lange hinein, könnte die ganze Sache platzen. Da schätzt man dann die gesamte künstlerische, weihnachtsbezogene Vorgehensweise besonders vorsichtig. In puncto Christbaumschmuck gibt es nichts Vergleichbares.

Der sonderbare Christbaumschmuck



Nicht immer geht alles richtig glatt mit dem weihnachtlichen Glück. Vor allem, wenn schon manchmal im späten Adventsstress der Haussegen schiefherum hängt, weil die Nerven überstrapaziert worden sind. Die eintreffenden Weihnachtsferien zeigen sich da auch nicht gerade allzu förderlich, indem aufmüpfigen Kindern plötzlich die Aussicht auf viel Zeit eingeräumt wird. Obwohl sich dann die hektische Stimmung vielleicht etwas verbessern kann, wenn die ausufernden Einkäufe weitgehend getätigt sind und alles schon in froher Erwartung der einmaligen Menschwerdung entgegensieht, kann immer noch eine plötzlich und vollkommen unterwartet auftretende Überraschung den erwünschten Frieden verzögern. Der Kartoffelsalat mit Gurken ist zwar vorbereitet und die schmackhaften Wienerwürstl warten im Kühlschrank auf ihren Einsatz, aber es ist sozusagen keineswegs aller Tage Abend, noch dazu der Heilige.

Die glaubhafte Erzählung einer leidvoll geprüften Hausfrau, betreffend eines schweren und turbulenten Problems noch ganz kurz vor dem Christfest, ist weder gut erfunden noch unwahr. Und wenn doch, dann trifft diese beispielhafte Episode auf alle Fälle den Kern einer leider immer weniger beschaulichen Epoche. Nicht selten geht es da drunter und drüber, denn mit der Erwartung steigen ja auch die Nervosität und die Sehnsucht nach der staaden Zeit. Das ganze Problem ereignete sich laut frustrierter Zeitzeugin und Hausfrau etwa so wie anschließend beschrieben und hinterließ glücklicherweise keine größeren negativen Spuren in der sonst recht glücklichen Familie. Und da kann man wieder einmal aus voller Brust proklamieren: Wohl dem Familienverband, der noch einen betagten, erfahrenen, weisen Großvater aufweisen kann. Der musste nämlich in diesem tragischen Fall in die unerwartete Bresche springen. Doch das tat er sehr gern und tiefgründig, wie es seine Art noch heutzutage ist. Dafür soll ja schließlich ein Clanchef vorhanden sein.

»Das Ganze kam so und war bisher noch nie passiert«, so die erfahrene Hausfrau im Nachhinein. Die Suche nach dem alljährlich wieder zum Vorschein zu bringenden Christbaumschmuck war diesmal leider vergeblich. Die begehrte Schachtel mit den wunderschönen glänzenden Kugeln, dem Kristallchristbaumspitz, Fanfarenblasengeln, gläsernen Zapfen, Lametta und sonstigen strahlenden Objekten wie roten und gelben echten Wachskerzen blieb leider unauffindbar. Da wurde es verdammt eng. Denn der Heilige Abend sollte leider schon ab dem Spätnachmittag eintreffen und lässt sich, wie jeder weiß, schlecht verschieben. Gemütliches, unangestrengtes Beisammensein mit Ungezwungenheit, Kaffeepause und Dämmerschein vor den Wohnzimmerfenstern war angesagt. Doch es erschien leider sehr deprimierend, wie der schöne, gerade gewachsene Tannenbaum so schmucklos in seinem grünen Naturgewand auf die festliche Ausstattung wartete. Wie sich später herausstellte, hatte der dreijährige Benjamin der Familie, auch Benni geheißen, den betreffenden Karton mit der Aufschrift »Für den Christbaum« samt der schmucken Füllung versehentlich aus einem der obersten Schrankfächer zu Boden knallen lassen. Ähnlich einem versierten Kriminellen, beseitigte er alles Verräterische gründlichst. Schlau und gewandt waren im Nu sämtliche verbliebenen Anteile seiner Untat wie vom Erdboden getilgt. Das Ganze geschah völlig spurlos. Er verstand es auch, anschließend dermaßen harmlos zu wirken, dass selbst der erfahrene Sherlock Holmes nichts gemerkt hätte. Und der hat doch wahrlich alles gelöst, was die gesamte Kriminalgeschichte im Laufe der Zeit so hervorbringen konnte.

Irgendwie war er, der eloquente Benni, da hinaufgelangt. Er entpuppte sich ja schon öfter mal als Klettermaxe und Tunichtgut. Freilich passierte die Misere unfreiwillig und ohne größere Verletzungen des Delinquenten, aber das nützte trotzdem auch so gut wie wenig. Keiner ahnte etwas von dem heraufziehenden Problem. Er selbst litt zwar leicht unter Gewissensbissen, verbarg diese jedoch vorsorglich und tief in seinem jungen, sonst unschuldigen Herzen. Vorzeitiger Ärger war, so dachte er schlau bei sich, zunächst aus der Welt geschafft. Und später konnte ja pflichtgemäß hoffentlich das Christkind ein gutes Wort für ihn einlegen. Wozu erscheint es denn sonst sowohl an Weihnachten als auch als bester Freund sämtlicher Kinder, wenn schon der Schutzengel gründlich versagt hatte?

Erst später, unter einem durch die widrigen Umstände recht kurios ausgestatteten Weihnachtsbaum, beichtete der Bub schweren Herzens sein leichtes Verbrechen. Auf die bohrenden Fragen seiner Mutter, die gleich schon eine böse Ahnung mit sich herumgetragen hatte, gestand er kleinlaut, aber aufschlussreich, wenn auch unter tränenden Augen: »Ich hab doch nur die Weihnachtsplätzerl gesucht. Weil sie das liebe Christkind und die gute Mutti immer so fest verstecken müssen, damit sie der Opa nicht vorzeitig aufspeisen kann. Und im Sommer habe ich letztes Jahr auch noch welche gefunden. Aber die schmeckten so komisch und waren mit einem weißen Pelz überzogen.«

Die Mutter reagiert leicht entsetzt auf diese Beichte: »Jetzt ist mir alles klar. Deshalb war dir im Juli im vergangenen Jahr so lange schlecht, und du konntest tagelang nicht in den Kindergarten gehen. Und unser Hausarzt wollte uns einen Norovirus oder sogar Salmonellen unterstellen. Dabei putze ich überall, täglich und mit besten Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, die gesamte Wohnung durch. Gleich nach den Feiertagen werde ich ihm das nachträglich verklickern. Gegen meine Zellulitis hat er mir ja auch nichts verschrieben. Er machte sich sogar darüber lustig, weil meine zarten Oberschenkel dadurch wie eine Orangenschale aussehen.«

Aber nun umgehend zurück zum entsprechenden Vorfall. Denn die traurige Tatsache war nun einmal unverhofft eingetroffen, und wie teuer ist dann oft guter Rat! Wie soll so plötzlich eine sinnvolle Abhilfe geschaffen werden? Bekümmert setzte sich die gesamte Familie unter den unschuldigen Tannenbaum und sinnierte über einen Ausweg.

Einzig und allein der kleine Benni erkannte sofort, wen man da umgehend konsultieren musste. »Lieber Opa!«, wandte er sich aus Erfahrung an seinen verschmitzten Großvater. Der wusste doch in jeder Situation besten Rat. Und so bestimmt auch dieses Mal. »Dir fällt doch immer was ein, oder?«

Jetzt wurde wieder einmal offensichtlich, was doch an Wissen und Weisheit selbst das fortgeschrittene Alter alles noch zu bieten hat. Der weißhaarige, über neunzigjährige Veteran konnte erneut seine Unentbehrlichkeit beweisen. Als Erstes, und um freie Hand zu bekommen, verkündete er bestimmt sowie widerspruchslos: »Jetzt hört einmal alle her. Ihr verlasst jetzt, bis auf den Benni, augenblicklich und für mindestens zwanzig Minuten unser Wohnzimmer. Als Nichtraucher braucht ihr ja auch nicht unbedingt zur Haustür hinaus, sonst friert euch noch der Hintern ein. Ich bin zwar keineswegs das Christkind, aber mit der Bescherungsmeldeglocke werde ich euch dann das entsprechende Zeichen übermitteln lassen. Und ich garantiere jetzt schon, die Überraschung wird euch alle ziemlich stark erfassen.« Und schon, schwupp, waren sie alle hinweg.

Nun begann ein besonders eifriges Treiben. Der Benni wurde sofort eingeweiht und schleppte seine Lieblingsspielsachen herbei. Und der wendige Großvater behängte flink den nun schnell immer üppiger ausgestatteten Baum unkonventionell, aber interessant. Von fünf verschieden großen Teddybären über Kasperlfiguren wie dem Schutzmann, dem Zauberer bis zum Krokodil und der Gretl, lugten bald alle möglichen und unmöglichen Sachen zwischen den Zweigen hervor. Der Opa griff dann schnell noch auf seine Kuriositätensammlung alter Pfeifen, Tabakdosen, zwei Miniaturbilder jeweils vom größten und dem kleinsten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, eine verrostete Karbidlampe, eine Maultrommel und andere erlesene Dinge zurück. Auch sein früheres Gebiss – das neue hatte er erst kürzlich vom Dentisten erhalten – bekam einen Ehrenplatz im vorderen Gezweig. Und da er schon länger eine Glatze besaß, musste auch noch ein früheres Echthaartoupet als Schmuck herhalten. Er verkündete dazu später: »Das ist reinstes Engelshaar, direkt vom Himmel hoch ausgerupft und dahergekommen.«

Dann wurde noch schnell eine dicke Kerze in die Karbidlampe gestellt und angezündet, weil der findige Veteran schon seit Langem kein Karbid mehr zur Hand hatte. Es sollte ja nicht nur originell, sondern auch möglichst feierlich und im wahrsten Sinne beschaulich werden. Das wurde mit der einsamen Kerze als Unikatleuchte nicht ganz einfach. Die ungewöhnlichen Dinge schauten dadurch fast etwas unheimlich aus den Tannenzweigen hervor. Vor allem das Krokodil wirkte unfreundlich mit seinem aufgerissenen Maul voller scharfer Zähne. Da schauderte der kleine Benni doch etwas. Aber zum Glück war ja auch der Polizist, bewaffnet mit der »Bretschen«, einer Schlagwaffe aus gefaltetem Karton, mit von der Partie. Bei jedem Kasperlspiel knallte nämlich der vorsorgliche Schutzmann dem Ungeheuer eins aufs Maul. Das löste unweigerlich bei Groß und Klein eine längere Lachsalve aus.

Der ziemlich aufgeregte und erfreute Bub durfte dann das Bescherungsglöckchen lautstark erschallen lassen. Und schon erschienen die übrigen, neugierigen Familienmitglieder auf der Schwelle zum Wohnzimmer. Das Aufatmen über die verzögerte Ausschmückung des Weihnachtsbaumes war aber zunächst recht verhalten. Es brauchte doch eine längere Gewöhnungsphase, um die unvorhergesehene Überraschung zu verdauen. Einzig der Benni und der Opa hatten ihre Freude daran, wie die übrige Familie so nach und nach mit säuerlichem Lächeln und frappiert die originelle Dekoration geistig verarbeitete. Das dauerte natürlich einige Zeit. Erst dann waren eitel Wonne und christliche Zuversicht wieder eingekehrt.

Die Mutter und tüchtige Hausfrau: »Wenigstens wurde die gesamte Kripperlausstattung in einer anderen Schachtel aufbewahrt, so ist doch immer gleich eine weihnachtliche Stimmung gewährleistet. Das kleine Jesulein, die Heilige Familie und natürlich auch Ochs und Esel stimmen uns immer wieder traulich und umgehend auf das christliche Geschehen ein. Außerdem singen wir jetzt frisch von der Leber weg das Lied der Lieder für Weihnachten.«

Gemeint war natürlich nichts anderes als »Stille Nacht, heilige Nacht«.

Der absonderliche Christbaum wurde aber dann doch die überwältigende Attraktion für alle zahlreichen Besucher aus der Großfamilie von nah und fern. Noch heute, bereits nach Jahr und Tag, spricht man zwar nicht besonders erbaut, aber immerhin achtungsvoll und erstaunt von dieser weihnachtlichen Episode. An Nachahmern so einer ungewöhnlichen Ausschmückung fehlt es jedoch bis zum heutigen Weihnachtsabend. Als Resümee daraus wird nun bereits jährlich frühzeitig, wenn der Sommer zur Neige geht, das weihnachtliche Inventar sorgfältig überprüft und sicher verwahrt. Denn der Benni ist zwar größer, aber noch weniger einsichtig geworden. Selbst heute denkt er still für sich, dass damals der abenteuerliche Christbaum ja genau nach seinem Geschmack ausgestattet gewesen ist.

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
04 December 2025
Volume:
186 p. 27 illustrations
ISBN:
9783475547096
Copyright Holder::
Bookwire
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