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WOLFGANG MAINKA

Von Mäusen, Ratten und Priestern

Ein fantastischer Krimi aus der Unterwelt

des Würzburger Doms

WOLFGANG MAINKA

VON MÄUSEN, RATTEN UND PRIESTERN

Ein fantastischer Krimi aus der Unterwelt

des Würzburger Doms

mit Illustrationen von Simone Mainka




Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

1. Auflage 2015

© 2015 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de Umschlag: Christine Eisner, Würzburg Satz: Hain-Team (www.hain-team.de) Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-429-03778-9 (Print) ISBN 978-3-429-04790-0 (PDF) ISBN 978-3-429-06206-4 (ePub)

INHALT

Sonntag

Ein trügerischer und ungewöhnlich schöner Sonntagmorgen

Vier Herren beim Frühschoppen in der „Himmelsleiter“

Eine etwas andere Sonntagsmesse im Dom

Eine seltsame, nicht eucharistische Wandlung

Eine Mäuseliebe mit Komplikationen

Plunder plant, Millionär zu werden

Montag

Ein später Kirchenbesucher mit unlauteren Absichten

Der eine will Geld, der andere hat keines

Schnur und Stracks ermitteln

Plunder auf Pumptour

Dominik und Liebkind lernen sich beim Tanzen kennen

Cora macht sich sonderbare Gedanken

Dienstag

Frühstück bei Schüsslers oder eine Belohnung mit unerwarteten Folgen

Constanze beruft den Großen Rat ein

Viele Kelche, aber welcher ist der echte?

Der Große Rat

Stresstest mit dem Kelch oder eine unbeabsichtigte Verwandlung

Eine kurze Zusammenkunft des Großen Rates mit überraschendem Ausgang

Crazy Cora

Mittwoch

Besuch bei Bruno und eine Weinprobe in der Sakristei

Bruno trifft sich mit Riffifi in der Gaststätte „Zum Onkel“ und Dominik kehrt zurück in die Sakristei

Anna geht ins Kloster, Bruno und Riffifi im Stresstest

Die drei Weisen schmieden einen Plan, der nicht zur Ausführung kommt

Man trifft sich – mal so, mal so

Donnerstag

Anna und das Stockholm-Syndrom

Ein völlig belangloser Donnerstag ohne große Ereignisse

Vom Exodus zum Holiday-Plan

Auf Amors Pfaden

Freitag

Die Mäuse gehen in die Ferien

Morgenstund hat Kelch im Mund

Die Mäuse sind in den Ferien, nur eine nicht

Ein nächtliches Zusammentreffen mit Folgen

Samstag

Ein hektischer Morgen

Wunder über Wunder

Sonntag

Diesmal ist es ein fast schöner Sonntagmorgen

Wirklich letztes Kapitel


SONNTAG

Ein trügerischer und ungewöhnlich schöner Sonntagmorgen

„O mon Dieu, ist denn schon wieder Sonntagmorgen? Uaaah! Nur fünf Minuten, nur noch fünf Minuten“, piepste es verschlafen aus dem Bett in der Ecke des kleinen Raumes. Bett war eigentlich eine maßlose Untertreibung für den Berg bunter bestickter Kissen, goldener Brokatdecken und kostbarer Stoffe.

Die verschlafene Stimme gehörte zu Dominik, der Dommaus, die hier in der Dom-Sakristei wohnte. Gleich neben dem hinteren rechten Fuß des Sakristeischrankes verbarg sich in der Wand ein Mauseloch. Es war von der Sakristei aus nicht zu sehen, weil es im Schatten des Fußes lag.

Genau auf dieses Loch fiel in diesem Moment das strahlend gelbe Licht vom Heiligenschein des heiligen Sebastian aus der Fensterscheibe der Sakristei, tauchte es in ein warmes Sonnengelb und verwandelte die Behausung der Dommaus in eine Luxussuite, die es mit jedem Palast aus Tausendundeiner Nacht hätte aufnehmen können.

Plötzlich kam Bewegung in den Kissenberg. Ein nacktes Mäusebein schob sich hervor und streckte sich genüsslich. Dann ein zweites Bein. Die fünf Zehen bewegten sich auf und ab wie bei den Fingerübungen eines Pianisten. Und dann tauchte plötzlich aus der Mitte des Berges unter einer langen Zipfelmütze der Kopf eines Mäuserichs auf. Dominik gähnte gewaltig und streckte dabei seine dünnen behaarten Mäuseärmchen in die Luft. Draußen in der Sakristei schlug die Wanduhr neun Mal. Dominik zählte stumm die Schläge. Mit dem letzten Glockenschlag fiel er rücklings in den Kissenberg zurück.

„Verflixt, schon neun Uhr, soooo spät“, rief er aus, mit einem Mal hellwach. Jeden Moment müssten seine Freunde Ronny und Fabian mit dem Frühstück kommen. „Jetzt aber schnell aus den Federn, sonst fällt das Frühstück heute aus!“, spornte er sich selbst an.

Mit einem eleganten Satz hüpfte Dominik aus der Bettenburg und rannte im Nachthemd mit wehender Zipfelmütze hinüber zu seinem Waschkabinett. Auf einem kleinen Podest, einem umgedrehten Altarkerzenstummel, stand ein silberner Fingerhut als Wasserschüssel. Dominik riss sich die Schlafmütze vom Kopf, stemmte beide Arme auf den Rand des Tischchens, schloss die Augen und zählte tapfer „eins, zwei, drei …“. Dann tauchte er blitzschnell seinen runden Kopf dreimal ins Wasser und schüttelte sich. Ein zerzauster Mäusekopf, dem alle Haare abstanden, schaute ihn aus der Spiegelscherbe über dem Waschbecken an.

„Es gibt drei Sachen, an die ich mich nie gewöhnen werde: Weihrauch, Käsefüße, die man nicht essen kann – und die Morgenwäsche!“, knirschte er in den Spiegel. Dann kämmte er sich die Haare, strich sich den Bart lang, warf der Mäusedame auf dem Bild neben dem Spiegel eine Kusshand zu und gönnte sich schließlich ein charmantes Lächeln im Spiegel: „Du siehst gut aus, Sonnyboy! Auf geht’s!“

Draußen in der Sakristei wurde die Tür aufgeschlossen und zwei Jungen traten scherzend und lachend herein: Der 15-jährige Ronny und sein um eine Jahr jüngerer Freund Fabian hatten an diesem Tag Ministrantendienst. Ronny, ein schlanker, hoch aufgeschossener blonder Junge mit Sommersprossen, trug über einer verwaschenen Skaterhose ein langes rotes Fußballtrikot des 1. FC Üchtelstücht.

„Hey Ronny, deine Starkicker hatten wohl gestern nicht ihren stärksten Tag“, provozierte Fabian seinen Kumpel, „sonst wären sie nicht so sang- und klanglos untergegangen.“

„Es ist immer das Gleiche mit den Jungs, einmal hopp und einmal topp“, seufzte Ronny und verdrehte dabei die Augen.

Bei Fabian spiegelte sich die Vorliebe für Süßigkeiten aller Art in der Figur wider. Nicht dass er dick war. Nein, er war eher pummelig, so wie die Marshmallows, denen seine Leidenschaft gehörte. Einen ausreichenden Vorrat hatte er stets in seiner dreiviertellangen, weit ausgeschnittenen Jeans. Dazu trug er ein langes Sweatshirt mit den Porträts seiner Lieblingsrapper, der „Phänomenalen Fünf“. Fabian verfasste bei passenden Gelegenheiten auch selbst spontan eigene Texte und trug sie dann mit zuckenden Bewegungen wie ein Tanzbär im Rhythmus des Sprechgesangs vor. Sogleich fiel er in einen Singsang: „Hey, Ronny, alter Fußballschlappen, was ist mit den Bayern los, den laschen Lappen, der eine pennt, der andere fängt Fliegen, und am Ende war’s wieder nichts mit Siegen, uh, ah, uh, uh, ah …“, tönte es mit nicht zu überhörendem Spott. Eine leicht missglückte Pirouette beendete Fabians Tanzeinlage. Dabei flog ein großer rosa Marshmallow aus der Hosentasche auf Ronny zu, der ihn elegant mit dem Fuß in der Luft aufnahm und geschickt auf und ab tanzen ließ. Zum Schluss kickte er den rosa Ball in hohem Bogen über Fabian hinweg, direkt vor Dominiks Mauseloch.

„Wow, was für eine tolle Idee: Marshmallows zum Frühstück!“, ertönte es freudig unterm Sakristeischrank. Dominik hatte sich bereits wie jeden Sonntag sein Ministrantengewand übergeworfen. Es gehörte zur guten alten Tradition der Sakristeimäuse, wie die Ministranten mit einem roten langen Gewand über dem weißen Spitzenhemd an der Sonntagsmesse teilzunehmen. In diesem Moment ergab die rot-weiße Ministrantenmaus mit dem großen rosa Marshmallow farblich harmonisch abgestimmtes Bild.

„Morgen, Dominik“, rief Fabian, „dein Frühstück, mit einem Pass in die Tiefe des Raums serviert, was sagst du jetzt?“ „Ist mir eigentlich gleich, wie ihr mir mein Frühstück serviert, Hauptsache, ihr vergesst mich nicht. Aber für den Marshmallow vielen Dank dem großen Rapper vor dem Herrn.“

Ronny nahm seine Ministrantenkleider aus dem alten Schrank. „Übrigens, ich habe heute vom Frühstückstisch noch ein Stück gekochten Schinken und eine Scheibe Käse für dich abzweigen können. Ich gehe davon aus, dass du nicht darauf verzichten willst“, rief Ronny hinüber zu Dominik und zog sich den roten Umhang über.

„Das kann ich mir auch nicht vorstellen“, spottete Fabian, der sich ebenfalls umkleidete, „wie ich meinen Dominik kenne, öffnet ihm der Marshmallow nur den Magen und macht Appetit auf die weiteren Gänge.“

„Keep cool, Jungs“, beschwichtigte Dominik seine Gönner, „auch Mäusemägen haben nur ein bestimmtes Fassungsvermögen. Und ich glaube, alles auf einmal bekommt mir nicht, zumal ich den Weihrauchgeruch in der Messe nicht vertrage. Das kann böse Folgen haben. Doch hört, kommt da nicht unser Dompfarrer Liebkind in die Sakristei?“

„Die Tür geht auf, ein Bauch kommt rein …“, feixte Ronny.

„… das kann doch nur der Liebkind sein!“, ergänzte Fabian schmunzelnd.

Im selben Moment öffnete sich die Tür zur Sakristei und tatsächlich kam zuerst ein schwarzer Bauch zum Vorschein, dem ein kleiner Geistlicher in schwarzer Soutane folgte. Dompfarrer Liebkind mit seinem runden, stets roten Vollmondgesicht sah aus wie ein Mönch aus einem Spitzweg-Gemälde. Um den nahezu kahlen Kopf wand sich ein Kranz von kleinen weißen Löckchen. Der leicht bläulichen, von roten Äderchen durchzogenen Nase sah man die Leidenschaft für den guten Frankenwein an.

„Dominus vobiscum“ begrüßte der Dompfarrer seine Ministranten auf Lateinisch, was so viel heißt wie „Der Herr sei mit euch“.

„Et cum spiritu tuo!“, antworteten die beiden Jungen: „Und mit deinem Geiste.“

Dabei lächelten sie sich verschmitzt zu. Zu Pfarrer Liebkind hatten die beiden Ministranten ein besonderes Verhältnis, war er doch allzu oft die Zielscheibe ihrer Streiche. Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass Ronny deren geistiger Vater war und Pfarrer Liebkind ein unermesslicher Quell für allerlei Schabernack.

„Meine lieben Ministranten“, begann der Dompfarrer in unverdächtig leiser Tonlage. „Ich hatte bei meiner letzten Lesung in der Messe ein recht sonderbares Erlebnis. Wie ihr wisst, habe ich im Messbuch stets ein Zeichen an der Stelle, wo ich die Lesung aus den Briefen der Apostel an die Gläubigen vorlese. Bei meiner letzten Lesung fand ich aber auf der Seite einen Text, den jemand mit fast gleicher Schrift in das Buch eingefügt hatte, obgleich er nicht von meiner Feder war. Wartet, ich habe die Seite dabei.“

Pfarrer Liebkind kramte in seiner Tasche, ohne die beiden aus den Augen zu lassen, und zog ein zusammengefaltetes Stück Papier hervor, das er langsam öffnete. Dann setzte er die goldene, runde Brille auf und ging ans Fenster, um besser lesen zu können. Ronny und Fabian tauschten Blicke, so als ahnten sie, was nun folgen sollte. „Brief des heiligen Apostels Paulus an seine Pharisäer“, begann der Dompfarrer mit tragender Stimme und schaute dabei seine Ministranten über den Brillenrand hinweg fragend an. Bei denen traten kleine Schweißperlen auf die Stirn und die rot angelaufenen Ohren bildeten einen deutlichen Kontrast zu den blassen Gesichtern.

„Meine lieben Brüder und Schwestern. Als ich das letzte Mal in eurer Mitte weilte, hattet ihr mich auf das Vortrefflichste aufgenommen und mich wie einen von euch bewirtet. Gerne erinnere ich mich dabei an all die vielen Speisen eurer Heimat und die edlen Getränke, die ihr mir beim Festmahl kredenzt habt. Unvergesslich“ – und nun erhob der Pfarrer die Stimme – „sind mir vor allem die köstlichen Bratwürste mit Kraut, die das Mahl eröffneten. Noch heute liegt mir der feine Duft der edlen Würste in der Nase.“ Liebkind senkte die Stimme mit einem Seufzer und fuhr fort: „Und denke ich an das mehrfach aufgekochte Sauerkraut mit seinem Geschmack nach deftigem Speck, so frohlockt mein Bauch in den höchsten Tönen und macht seiner Freude durch …“ – eine kleine Pause setzte ein – „unüberhörbare Blähungen kund. Meine lieben Pharisäer, eure Kenntnis von Gastfreundschaft zeigte sich aber auch in der Auswahl der Getränke. Der ausgeschenkte Silvaner aus dem ‚Teufelskeller‘ in Randersacker ließ mich für eine kurze Weile vergessen, in welchem Auftrag ich zu euch entsandt wurde.“

Liebkinds Stimme wurde hörbar milder und er verdrehte die Augen, als er weiterlas:

„Ich muss gestehen, dass der Geschmack des edlen Tropfens in mir die Versuchung entfachte, mir vorzustellen, dass es sich auch in der Hölle lohnen kann zu verweilen. Daher erhebe ich das Glas und trinke auf euer aller Wohl. Möge der Herr seine segnende Hand über Keller und Küche eures Landes halten und mir oft Grund geben, in eurer Mitte zu weilen. Prost und Mahlzeit! Euer Apostel Paulus.“

Liebkind faltete das Blatt zusammen und sah hinüber zu den Ministranten. Die hatten zwischenzeitlich den ersten Schock überwunden und langsam ihre Fassung wiedergewonnen. Gesicht und Ohren zeigten sich längst wieder in unschuldigem Rosarot.

„Ich gebe zu“, fuhr Liebkind fort, „dass das Verlesen dieser Zeilen bei der versammelten Gemeinde Erstaunen und gelegentliche Heiterkeit auslöste. Das entschuldigt die Missetat jedoch nicht im Geringsten.“ Dabei blickte er den beiden Jungen tief und fest in die Augen, als erwartete er ein sofortiges Geständnis.

„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, Herr Dompfarrer, wer zu einer solchen Schandtat in der Lage sein kann, oder was meinst du, Fabian?“, sprach Ronny mit sanfter Stimme und einer Unschuldsmiene, die, hätte sie ein Teufelchen aufgesetzt, selbst Petrus am Himmelstor überzeugt hätte, ihm Einlass ins Paradies zu gewähren.

„Genau, Ronny, ich kann es mir nur so erklären, dass ein Übeltäter dies vor langer Zeit geschrieben hat und es schon seit Jahren in dem Messbuch liegt.“

„Wie dem auch sei, ihr betet mir bei eurer nächsten Beichte jeder zusätzlich zwei „Gegrüßet seist du, Maria“ und zwei „Vaterunser“. Das sollt ihr als Fürbitte für die armen verirrten Seelen sehen, die zu solch einer Übeltat fähig sind. Doch nun genug damit. Lasst uns die Messe vorbereiten. Habt ihr schon alle Sachen gerichtet?“

„Ja, Herr Dompfarrer, nur der Messwein fehlt noch, das macht Ihr doch immer selber,“ antwortete Fabian.

„Ach ja, mein Sohn“ entgegnete der Dompfarrer und ein leichtes Lächeln umspielte dabei seinen Mund, „den Messwein dürfen wir nicht vergessen. Er ist unverzichtbar für die Liturgie.“

Liebkind schritt hinüber zum Sakristeischrank, öffnete ihn und bückte sich. Ganz unten standen in langer Reihe die dunkelgrünen Flaschen aus dem Juliusspital-Weingut mit der Aufschrift „Messwein“. Der Dompfarrer entnahm eine Flasche, als aus dem Inneren des Schrankes ein leises Geräusch drang. An der Flasche hatte schlafend eine kleine Maus gelehnt und war nun umgefallen.

„Oh, hundsverreck“, kam es röchelnd aus dem Mäuseschlund, „gibt’s denn in dieser Kirch’ kein einziges ruhiges Plätzchen, wo man seinen seligen Rausch ausschlafen kann?“

Es war Berthold, eine waschechte Würzburger Maus und ein bei allen Würzburger Mäusen bekannter Trunkenbold, der jeden Winkel des Domes und der übrigen Kirchen kannte und dessen Zuhause das Weinfach der Sakristei war. Geleerte Flaschen wurden in dem Schrank offen abgestellt, bis die nächste Bestellung eintraf. Meist fand sich noch ein kleiner Rest darin, der Berthold einen feuchtfröhlichen Abend bescherte. Der Dompfarrer fand es zwar manchmal merkwürdig, dass eine leere Flasche umgestürzt am Boden lag, maß dem jedoch keine größere Bedeutung zu.

Dominik, der Bertholds Stöhnen hörte, sprang in zwei, drei Sätzen unter dem Schrank hervor, als der Dompfarrer mit der Weinflasche hinüber zum Tisch ging, um den Messwein in die Karaffe auf dem Silbertablett zu füllen. Er befürchtete, dass Liebkind Berthold entdecken würde, wenn er die Flasche in den Schrank zurückstellte. Mit einem mächtigen Satz sprang er ins Weinfach und erblickte Berthold, der mit ausgebreiteten Armen und senkrecht in die Luft gestreckten Beinen dalag.

„Hey Berthold, wach auf. Der Pfarrer kommt gleich zurück“, verkündete Dominik mit gedämpfter Stimme. „Wenn er dich hier sieht, ist es aus mit der Herrlichkeit. Dann kannst du deine private Weinstube für immer vergessen. Komm, lass uns von hier verschwinden!“

Dominik rüttelte an Bertholds Armen und versuchte, ihn wach zu bekommen.

„Mensch, Dominik, alter Spezi, wie wär’s mit einem kleinen Frühschoppen? Oh Gott, ist das hell hier. Sag nichts, wir sind im Himmel!“

„Es ist Sonntagmorgen, du bist noch nicht im Himmel und der Dompfarrer füllt gerade den Messwein ein. Er kommt gleich zurück!“, drängte Dominik den verschlafenen Zecher.

„Dann nichts wie weg! Vielleicht ist hinten im Schrank noch eine Flasche mit einem Rest Wein umgefallen! Den machen wir alle, nicht wahr?“

Im hinteren Teil des Schrankes hatte es sich Berthold gemütlich eingerichtet. Aus alten Weinkorken hatte er sich eine heimelige Sitzecke eingerichtet und eine Zündholzschachtel zum Tisch umfunktioniert. Von der Decke hing an Schnüren ein kleiner silberner Löffel, an jedem Ende eine kleine Kerze, die als Beleuchtung diente. Hier hatte Berthold schon manche Nacht mit Freunden bei Wein und Würfelspiel zugebracht. Das war seine Leidenschaft; bei jeder sich bietenden Gelegenheit zog er die Würfel heraus, um ein paar Kreuzer für einen Schluck Wein zu gewinnen.

„Komm, Dominik, wie wär’s mit einem kleinen Spielchen? Ich spüre, das ist heute mein Glückstag!“, lallte Berthold, langte in die Tasche und holte seine Würfel hervor.

„Ein andermal“, entgegnete Dominik, „es ist nicht die rechte Zeit. Fabian und Ronny haben heute Ministrantendienst und ich werde noch gebraucht für die Messe.

Dominik legte Berthold neben den Tisch, ganz hinten in der Ecke, die von außen nicht zu sehen war. Beim Weggehen hörte er noch, wie sich Berthold selig in den Schlaf betete:

„Heiliger Urban mein,

lass mich nicht mit Wasser allein;

ich wünsch’ mir von dir, das wär’ mein Glück,

dass ich in ein Weinfass fall, wenn ich mich bück’,

schwimm’ kann ich eh nicht, das ist mir wurscht,

Hauptsach’ ist, ich krieg kein Durscht. Amen.“

Als Dominik wieder auf dem Fußboden landete, sah er noch den Dompfarrer, gefolgt von den beiden Ministranten, aus der Sakristei gehen. „Ronny, Fabian, wartet auf mich!“, rief Dominik und konnte gerade noch mit hinausschlüpfen, bevor sich die Tür schloss.

Ein kunterbunter Zug bewegte sich in Richtung Kirchenraum. Vornweg Liebkind mit seinem Kugelbauch, dahinter die beiden Ministranten und zu deren Füßen lief die kleine Dommaus im Ministrantengewand emsig hin und her.

Vier Herren beim Frühschoppen in der „Himmelsleiter“

Zur selben Zeit, als die Morgenmesse im Dom begann, saßen nur einen Steinwurf entfernt vier ältere Herren in der verrauchten alten Weinstube „Zur Himmelsleiter“ in der Katharinengasse: der Apotheker Anton Feuerlein, ein großer, hagerer Endfünfziger mit bereits weißem Haar, Studiendirektor Meiseneier, schrulliger Gymnasiallehrer und anerkannte Autorität in Sachen Leben und Werk des romantischen Dichters Adalbert Stifter, der Kaufmann Bernhard Hüpsch, ein ausgewiesener Wein- und Frauenliebhaber, und Antiquitätenhändler Dr. Karl Plunder, profunder Kenner alter Damen und ihrer Nachlässe.

„Haben Sie gehört, liebe Stammtischbrüder, wir haben einen neuen Bischof bekommen“, informierte ein sichtlich erfreuter Professor Meiseneier die Runde: „Josef Kapellmann heißt er, kommt aus dem Rheinland und soll ein recht humorvoller Mensch sein. Und einen Spitznamen hat er bei den Würzburgern auch schon weg; sie nennen ihn ‚Happy‘, weil er so lustig ist.“

„Happy, das ist doch mal ein pfiffiger Name für einen Bischof. Der passt so gar nicht ins Bild der alten Betschwestern“, lachte Dr. Plunder. „Wenn ich an seinen Vorgänger denke, der war eher ein stiller, zurückgezogener Mann. Viel eher nach deren Geschmack.“

„Sehr richtig!“, pflichtete ihm Meiseneier bei. „Um es mit den Worten Adalbert Stifters zu sagen: Der Zustand war so nicht länger ertragenswert; man habe den Eindruck gewinnen können, es böte sich den Gläubigen ein katholisches Vakuum.“

Lachend erhoben die vier Herren ihre Weingläser und prosteten einander zu.

Das Honoratioren-Quartett versammelte sich jeden Sonntag zur Zeit der Morgenmesse in der „Himmelsleiter“. Sie nannten sich „Die Philosophen“ und über dem Stammtisch hingen, in Holz geschnitzt, die „Drei weisen Affen“ mit dem Schriftzug „Die Philosophen“.

„Liebe Cora, schenk uns noch eine Runde von dem vortrefflichen Silvaner vom ‚Escherndorfer Lump‘ ein – auf meine Rechnung“, rief Hüpsch hinüber zur Kellnerin, die am Schanktisch die grünstieligen Weingläser polierte. Die fesche Enddreißigerin war, was ihre Reize und den „Marktwert“ bei Männern anbetraf, schon etwas über dem Zenit, aber dennoch für die vier Herren wie die übrigen Gäste eine wahre Augenfreude. Vor allem der tiefe Ausschnitt des um eine Größe zu klein gewählten Dirndls ließ manch älteren männlichen Gast in Gedanken versinken: „O Herr, du nahmst mir leider das Können, so nimm mir bitte auch das Wollen!“

„Kommt sofort, meine Herren“, erklang Coras helle, freundliche Stimme.

Die „Himmelsleiter“, eine der ältesten Weinstuben der Stadt, führte ihren lustigen Namen nun seit mehr als hundert Jahren. Nach einer alten Anekdote hatte sie ihn von einer gewissen Jungfer Kathrin, die hier in der Katharinengasse einst eine Weinstube besaß. Sie war dank ihrer weiblichen Reize das Objekt manch männlicher Begierde, gleichwohl selbst aber sehr wählerisch. Besonders die Geistlichkeit hatte es ihr angetan und so kam der Großteil ihrer Gäste aus den nahen Kirchen und Klöstern. Das stete Ein- und Ausgehen von Kaplänen, Prioren, Domkapitularen und jungen Theologen zu jeder Tages- und Nachtzeit ließ in der Bevölkerung den Spruch aufkommen, in der Weinstube herrsche ein reges Treiben „wie auf der Himmelsleiter“. Und als Kathrin eines Tages einem rosigen Töchterlein das Leben schenkte, brachte dies die Gerüchteküche in der Stadt heftig zum Brodeln. Vor allem, weil sie den Kindsvater niemals benannte.

Als Kathrin später ihr Lokal aufgab und als Haushälterin bei einem Domkapitular in Dienst trat, sprach man von einem „Kardinalfehler“. Die Weinstube allerdings behielt auch danach den Namen „Himmelsleiter“ und die dralle Cora setzte Kathrins diesbezügliche Tradition in bester Manier fort.

„So, meine Herren, vier Mal der ‚Escherndorfer Lump‘, wohl bekomm’s!“, sprach Cora und senkte beim Servieren ihren Ausschnitt weit über den Tisch. Hocherfreut blickten Professor Meiseneier, Apotheker Feuerlein und Dr. Plunder auf den spendierten Trunk, Hüpsch hingegen in Coras tiefes Dekolleté.

„Ja, unsere ehrenwerten Bischöfe haben uns schon so manch merkwürdige Geschichte hinterlassen“, sinnierte Meiseneier und nippte am Silvaner. Dr. Plunder nickte.

„Ja, ich meine mich zu erinnern, dass es in früherer Zeit doch ziemlich seltsam zuging, wenn ein neuer Bischof in sein Amt eingeführt wurde. Ganz anders als heute. Sagen Sie mal, Herr Professor, Sie als alter Historikus wissen doch sicher, wie das damals war!“

„Nun, es war schon recht ungewöhnlich, was sich im Mittelalter bei der Einführung des neuen Bischofs abspielte. Es ist Ihnen sicherlich bekannt, dass diesen früher das Domkapitel aus den eigenen Reihen wählte. Das war die Versammlung aller Domherren, meist nachgeborene Söhne von Adelsfamilien aus dem Frankenland, die nicht in der Erbfolge standen und deshalb in die Würzburger Domschule geschickt wurden.“

„Die Töchter, die man nicht an den Mann bringen konnte, kamen ins Kloster“, warf Bernhard Hüpsch ein. „Und heute findet man sie im Café Michel!“, ergänzte Plunder.

„Wie war das aber mit der Einführung, Herr Professor, was passierte denn da Merkwürdiges?“, fragte Feuerlein neugierig.

„Ja richtig, mein Lieber, die Amtseinführung. Nun, der Neugewählte ritt an der Spitze seines Hofstaats von der Festung in die Stadt. Auf der Alten Mainbrücke wurde er vom Domkapitel empfangen und musste, es ist fast nicht zu glauben, alle seine Kleider ablegen und sich seines Schmuckes entledigen.“

„Nackt? Sagen Sie bloß, Meiseneier, der stand splitterfasernackt auf der Brücke!“, rief Hüpsch ungläubig. „Nicht ganz, denke ich“, beschwichtigte ihn Plunder, „die Unterhose wird er wohl noch angehabt haben.“

„Wer stand nackt auf der Mainbrücke?“, rief Cora von der Theke herüber. Ihr entging kaum ein Gespräch und das Thema machte sie natürlich neugierig.

„Der Bischof, Cora, der Bischof“, antwortete Hüpsch.

„Das glaub’ ich nicht. Sonst hätt’s bestimmt in der Main-Post gestanden“ – Cora blickte skeptisch zum Stammtisch und putzte weiter ihre Gläser.

„Meine Herren, bitte! Mit dem gebührenden Ernst! Wie dem auch sei, sein Pferd schenkte der Bischof dem Truchsess, so war es Brauch. Dann kleidete man ihn in eine grobe Kutte aus grauem Sackleinen und führte ihn mit einem Strick um den Leib an die Pforte des Domes. Dort angekommen, musste er vor dem Domdekan niederknien und um Einlass bitten. Nachdem er im Dom das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte, wurde er in festliche Gewänder gekleidet und legte sodann an den vier Türen des Doms die Hände auf die Türringe zum Zeichen der Vermählung mit seiner Kirche.“

„Und warum soll der nackt gewesen sein?“ Cora war längst neugierig zum Tisch der Philosophen gekommen.

„Ach, meine liebe Cora, das war so ein Brauch im Mittelalter, wenn wir einen neuen Bischof bekommen haben“, beruhigte Meiseneier die Bedienung.

„Na ja, der Happy würde das sicherlich auch machen, wenn man ihm sagt, was bei uns früher so abging. Er soll ja ein lustiger Kerl sein und jeden Spaß mitmachen. Ich werde es ihm mal stecken, wenn er wieder zu mir kommt“, sprach Cora und entschwebte mit wippenden Hüften in Richtung Theke.

Die Blicke der Herren folgten jeder Schwingung ihres Körpers, nur Meiseneier schaute versonnen in sein Glas.

„Herrlich, bewegend und doch so anmutig“, strahlte Feuerlein. „Ja, die Tradition hat sich lange gehalten!“, murmelte Meiseneier. „Man kann gar nicht genug davon bekommen“, seufzte Hüpsch. Meiseneier fühlte sich geschmeichelt: „Wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen noch mehr davon.“

„Nur zu, lieber Professor, es ist eine wahre Augenweide“, stimmte Dr. Plunder seinen Stammtischbrüdern bei.

„Man wusste ja schon immer, dass der Bischof der reichste und mächtigste Mann der Stadt war“, warf Kaufmann Hüpsch ein, der sich nach Coras wahrlich formvollendetem Abgang wieder Meiseneier zuwandte. „Es würde mich mal interessieren, wie viel Vermögen der Bischof einst sein Eigen nannte.“

„Sicher war der Bischof früher der reichste Mann der Stadt und die Kirche hat ja heute noch den größten Grundbesitz von allen“, bestätigte der Professor und nahm einen Schluck Wein.

Am Tisch der Philosophen trat ein kurzes Schweigen ein. Meiseneier ließ genüsslich den Silvaner im Mund rollen, Feuerlein blies kleine Rauchwölkchen in den Himmel und Hüpsch starrte ins Nichts.

„Was, meinen Sie, Professor, ist wohl der kostbarste Besitz der Bischöfe?“, fragte Plunder mit wachsendem Interesse. Man merkte ihm an, dass ihn dieses Thema beschäftigte.

„Das lässt sich schwer sagen“, antwortete Meiseneier. „Geht man von dem aus, was für die Gläubigen eine Kostbarkeit darstellt, so kann man sicher die Gebeine der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan nennen, die in der Kiliansgruft begraben liegen.“

„Man spricht aber doch auch davon, dass es den Kelch des Abendlandes gibt, der im Altar des Doms aufbewahrt wird. Eine Kostbarkeit aus Gold von unschätzbarem Wert, ein Gefäß, das Wunder vollbringen soll“, ließ sich Plunder vernehmen.

„Kelch des Abendlandes, Wunder, Gold und Edelsteine, was hat das zu bedeuten? Sie machen uns neugierig, mein lieber Plunder. Jetzt aber auf den Tisch, was es damit auf sich hat“, forderte der Apotheker und ließ in kurzen Abständen weiße Wölkchen aus seiner Zigarre aufsteigen.

„Ja, man spricht viel von diesem Wunderkelch, aber etwas Genaues weiß ich eben auch nicht“ – der Antiquitätenhändler klang resigniert. „Aber vielleicht weiß einer von Ihnen mehr über diesen Wunderkelch?“

Man spürte förmlich, dass das Thema alle am Tisch zu interessieren begann und die Spannung allmählich wuchs. Die Herren schauten sich an, als erwarte jeder vom anderen eine Erklärung. Schließlich richteten sich die Blicke auf Meiseneier. Wenn einer etwas über das Geheimnis des Kelches wusste, dann ja wohl er. Der Studiendirektor hatte schon viele Bücher über die Geschichte der Stadt geschrieben und galt daher als Koryphäe auf diesem Gebiet.

„Nun ja, ein wenig weiß ich darüber Bescheid.“ Man merkte Meiseneier an, dass er nicht gerne über dieses Thema redete. „Nun kommen Sie schon, Professor“, drängte Bernhard Hüpsch, „heraus damit! Wir wollen jetzt wissen, was es mit dem Kelch auf sich hat!“

„Ja, dieser Kelch des Abendlandes hat eine merkwürdige Geschichte“, begann der so Bedrängte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Dabei senkte er die Stimme, damit die übrigen Gäste ihn nicht verstehen konnten. Seine Tischgenossen lauschten andächtig, als er fortfuhr:

„Sie geht zurück bis zu Jesus und seinen Jüngern. Sie alle kennen ja die Geschichte vom letzten Abendmahl. Nachdem Jesus das Brot gebrochen und es den Jüngern als seinen Leib gereicht hatte, nahm er auch den Kelch, füllte ihn mit Wein und reichte ihn als sein Blut. Seitdem, so die Legende, besitzt der Kelch die Fähigkeit des Verwandelns. Das Geheimnis des Kelches, der seitdem ‚Kelch des Abendlandes‘ genannt wurde, liegt darin, dass sein Besitzer bestimmen kann, in was für ein Getränk, ein Heilmittel oder eine sonstige Flüssigkeit sich der Inhalt verwandeln soll.“

Atemlose Stille herrschte am Tisch und man hätte eine Stecknadel im Raum fallen hören können. Auch Cora schien am Schanktisch mit dem Polieren der Gläser beschäftigt zu sein und nahm keine Notiz vom Gespräch der Herren.

Die Philosophen steckten die Köpfe zusammen. „Heißt das etwa, wer den Kelch in Händen hält, kann sich jeden beliebigen Trank wünschen?“, flüsterte Hüpsch.

„Also könnte ich mir zum Beispiel jeden noch so teuren Rotwein, etwa einen 1947er Château Lafite oder einen Margaux aus dem sagenhaften Jahrgang 1899 wünschen? Wenn ich Wasser in den Kelch schütte, verwandelt es sich dann in meinen Lieblingswein?“

Hüpschs Augen glänzten. Jeder in der Runde kannte seine Leidenschaft für erlesene Rotweine und seine Kenntnisse auf diesem Gebiet waren im Freundeskreis bekannt und geschätzt. Er verfügte über einen vortrefflich sortierten Weinkeller, den er einmal im Jahr seinen Stammtischbrüdern öffnete. Voller Stolz präsentierte er dabei stets die Sammlung von Bouteillen aus dem legendären Hause Rothschild.

„Und ich wäre in der Lage, jede nur erdenkliche Medizin zu erschaffen und meinen Kunden jeden Wunsch nach Heilung zu erfüllen“, fieberte Feuerlein. Vor lauter Spannung und Aufregung hatte er vergessen, an seiner Zigarre zu ziehen, sodass diese zur Hälfte aus weißer Asche bestand.

„Ja sogar ein Elixier für ewige Jugend wäre möglich!“

„Und würde Sie als Besitzer des Kelches reich machen“, warf Hüpsch ein.

„Stellen Sie sich vor, Feuerlein, das spräche sich in der Stadt herum. Gar nicht auszudenken, welch einen Ansturm an Kunden Sie dann hätten. Alle würden doch nur noch bei Ihnen kaufen. Die anderen Apotheken könnten schließen.“

Stimmung kam auf in der Runde, ein Wort ergab das andere. Besonders Plunder lauschte erregt. Er hatte nicht erwartet, dass sein Halbwissen ob der Gerüchte um diesen Kelch zu solchen Gedankengängen führen würde.

„Unvorstellbar, was für ein Schatz sich in unserem Dom befindet“, murmelte er staunend.

„Weiß eigentlich die Kirche davon, mein lieber Meiseneier?“

„Ja natürlich ist dem Bischof und dem Domkapitel dieses Geheimnis bekannt, doch es wird streng gehütet. Ich selbst bin nur durch Zufall auf seine Spur gekommen, als ich in den alten Schriften der Dombibliothek Nachforschungen zur Geschichte der Bischöfe anstellte. Dabei stieß ich auf die Notiz eines Domherrn aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die Schwedenarmee des Königs Gustav Adolf stand vor den Toren der Stadt und man befürchtete – zu Recht, wie sich später herausstellte –, dass es nach einer Eroberung zu Plünderungen kommen würde. Also wies der Domherr den Dompfarrer an, den Kelch des Abendlandes an einen sicheren Ort außerhalb der Stadt, in ein zum Hochstift gehörendes Kloster, zu bringen. Dabei berichtete er auch von der Wunderkraft des Kelches, erwähnte aber ebenso, dass nur ein redlicher Besitzer diese nutzen kann. Wollte man mit Hilfe des Kelches Unredliches, gar Böses bewirken, so würde der Kelch seine Wunderkraft versagen.“

„Und wie kam nun dieser Schatz ausgerechnet in unseren Dom? Würzburg liegt doch eindeutig nicht in Palästina und mir ist nicht bekannt, dass unser Bistum gute Beziehungen nach Rom gehabt hätte“, warf Feuerlein ein.

„Eine gute Frage“, nickte Dr. Meiseneier. „Ich habe seinerzeit nach dem Auffinden der Notiz eigene Nachforschungen über die Herkunft des Kelches angestellt. Und, meine Herren, ich kann Ihnen sagen, diese Geschichte ist so spannend wie ein guter Krimi.“

„Wer A sagt, muss auch B sagen, mein guter Meiseneier“, forderte Bernhard Hüpsch den Erzähler heraus: „Ein solch spannendes Stammtischgespräch haben wir bis jetzt noch nie gehabt. Noch ist Zeit bis zum Mittagessen und eine gute Geschichte ist mir noch eine Runde Wein wert. Hallo Cora, bring uns eine Flasche von deinem besten Tropfen!“

„Ich hätte da noch einen Bocksbeutel Riesling Spätlese Jahrgang 1981 von der Harfe aus dem ‚Würzburger Stein‘, wahrlich ein Göttertrank, meine Herren“, rief Cora vom Schanktisch herüber.

„Her damit!“ Bernhard Hüpsch war ganz euphorisch. „Wir haben wahrlich Anlass für einen guten Tropfen!“

Eine etwas andere Sonntagsmesse im Dom

Noch immer war es ein friedlicher Sonntagmorgen. Das helle Licht der Sonne erfüllte den Dom, in dem sich die Gläubigen zur Sonntagsmesse versammelt hatten. Links und rechts des Mittelschiffes an den gewaltigen Pfeilern standen die Grabdenkmäler der Fürstbischöfe – Kunstwerke aus tausend Jahren Geschichte. Hinter diesen Epitaphen lebten die Familien der Dommäuse in ihren Löchern. Jede von ihnen hatte ihre eigene, lange Geschichte, die mit der desjeweiligen Fürstbischofs eng verbunden war. So trugen diese Sippen auch die Namen des Hausherrn, bei dm sie wohnten. Julius etwa lebte mit den Seinen hinter dem Grabstein des Bischofs Julius Echter von Mespelbrunn und Melchior hinter dem des Melchior Zobel von Guttenberg. Otto residierte hinter dem Denkmal für Bischof Otto von Wolfskeel und Gottfried beim Bischof Gottfried von Spitzenberg. Zu den bedeutendsten Geschlechtern zählten die von Rudolf und Lorenz, Bewohner der Grabmale Rudolfs von Scherenberg und des Lorenz von Bibra. Ihre „Häuser“ hatte der berühmte Würzburger Bildhauer Tilman Riemenschneider gemeißelt, worauf die Familienoberhäupter besonders stolz waren. Und sie verpassten niemals eine Gelegenheit, sich in diesem Glanze zu sonnen.

In der Vierung des Doms stand der schlichte Opferaltar aus schwarzem, weißgeädertem Marmor, der in seinem Inneren den kostbaren Schrein mit den Häuptern der drei heiligen Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan barg.

Ein helles Glockenläuten hieß die versammelte Kirchengemeinde sich erheben, als sich die Sakristeitüre öffnete und Dompfarrer Liebkind mit seiner kleinen Prozession herausschritt. In seinen Händen hielt er vor dem Bauch den „Kelch des Abendlandes“, bedeckt mit einem gefalteten Tuch. Ihm folgten in kurzem Abstand die beiden Ministranten. Ronny trug auf einem silbernen Tablett zwei kleine Kännchen mit Wasser und Wein für die Messe, neben ihm ging Fabian mit gefalteten Händen und dahinter – von den Bänken aus nicht zu sehen – Dommaus Dominik.

Während die Gemeinde das erste aus der Reihe von Kirchenliedern sang, deren Nummern die Tafel über der Kanzel anzeigte, schlüpfte Dominik unbemerkt entlang der Wand hinter den Hochaltar im Chorraum, dem äußersten Teil des Domes. Nur Fabian erhaschte aus den Augenwinkeln einen Blick auf die kleine Maus, die mit wehendem Ministrantengewand nach hinten sauste.

Hinterm Altar verborgen wartete bereits die kleine Gemeinde der Dommäuse auf Dominik. „Mein Gott, wirst du es denn nie lernen, pünktlich zur Messe zu kommen“, empfing ihn Constanze, eine kleine hagere Maus fortgeschrittenen Alters mit runder Nickelbrille auf der Nase. Als Archivarin der Dommäuse hütete sie die kostbare Sammlung der vielen Protokolle und Schriften der Versammlungen des Großen Rates. Constanze wohnte unter dem Taufbecken nahe dem Eingang des Domes, hatte die längste Strecke zur Sonntagsmesse zu überwinden und machte sich deshalb immer rechtzeitig auf den Weg.

„Entschuldige, Constanze, der Berthold hat mich aufgehalten“, antwortete Dominik ganz außer Atem.

„Der Berthold, dieses Weinfass, sag bloß, du hast mit ihm noch gezecht und bist deshalb zu spät gekommen. Hauch mich bitte einmal an!“ Constanze streckte ihm ihr kleines Näschen entgegen. „Gott behüte, Constanze, keinen Tropfen habe ich getrunken, riech’ selbst.“ Dominik hauchte die strenge Mäusedame an. Ihre Brillengläser liefen von Dominiks Atem an und ließen sie wie eine blinde Maus aussehen.

„Gut, stimmt“, entgegnete die Archivarin spitz und rümpfte die Nase. „Aber die Zähne hättest du dir schon putzen können.“

Dominik lächelte verlegen und lief rot an, so rot wie sein Ministrantengewand. Er drehte sich nach links und grüßte freundlich die übrigen Dommäuse.

„Als ich heute Morgen mein stilvolles Zuhause von Meister Till verließ …“, begann sogleich Rudolf mit spitzer Zunge.

„Mein Gott, jetzt fängt wieder diese Leier an“, flüsterte Otto seinem Nachbarn Gottfried zu. Der verdrehte die Augen und wisperte zurück: „Dieser feine Pinkel macht sich wieder wichtig wegen seiner Behausung. Ich möchte um keinen Preis mit ihm tauschen. Bei dem Andrang von Touristen jeden Tag vor dem Loch hast du doch keine ruhige Minute!“

„… wusste ich, dass das heute mein Tag ist!“, fuhr Rudolf unbeirrt fort. „Luise, sagte ich zu meiner geliebten Ehemaus, heute räume ich bei der Morgenmesse ab. Ich setze drei zu eins Körner auf Escherndorfer Lump.“

„Die Wette gilt“, rief Dominik und trat mit dem linken Fuß an die kleinen Ministrantenglöckchen neben ihm, was ein für die Menschen vorne im Hauptschiff nicht hörbares „Bing“ erklingen ließ.

„Das Wettbüro ist ab sofort eröffnet, es kann gesetzt werden!“, rief Dominik in die Runde und zückte ein kleines Notizbuch mit spitzem Stift. Rege Betriebsamkeit erfasste die Mäusegemeinde. Alle drängten sich um Dominik, um ihre Wetten abzugeben. Jeden Sonntagfrüh zur Messe trafen sich die Dommäuse, um darauf zu wetten, welchen Wein sich der Dompfarrer bei der Wandlung wünschte. Ihnen war ja das Geheimnis des Kelches schon seit Langem bekannt. Sie hüteten es seit Generationen ebenso wie der Dompfarrer, der die Wunderkraft durch Zufall entdeckt hatte.

Eines Tages hatte Liebkind wie gewohnt dem Schrank eine Flasche Messwein entnommen, einen durchschnittlichen, aber trinkbaren Silvaner vom Würzburger Pfaffenberg. Der ausgewiesene Weinliebhaber nahm solch ein eher schlichtes Gewächs fast schon als eine Art von Bußübung hin und nicht mehr als nötig davon zur Messe mit. Als an diesem Tag die Wandlung anstand, schoss dem Dompfarrer plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: In dem Moment, als er sich in der Liturgie über den Kelch beugte, murmelte er die Worte „Lieber Gott, könnte es nicht ein Würzburger Stein vom 75er-Jahrgang sein?!“ – ein edler Tropfen, den er noch am Vorabend genossen hatte. Als er sodann den Kelch an die Lippen führte, mochte er seinen Geschmacksknospen nicht trauen: Edler Rebensaft vom Würzburger Stein des besagten Jahrgangs floss lieblich entlang der Schleimhäute seines Mundes, benetzte samtgleich seine Kehle und breitete sich mit einem warmen Wohlgefühl in seinem Magen aus.

„Ein Wunder“, kam es ihm augenblicklich in den Sinn und tief zufrieden beschloss er den Gottesdienst.

In den folgenden Tagen dachte Liebkind immer wieder an die wundersame Verwandlung bei der Sonntagsmesse. Ob es wohl ein einmaliges Ereignis gewesen ist? Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass eine Wiederholung dieses Mysteriums die Sonntagsmesse durchaus bereichern würde. Gleichwohl verdrängte Liebkind solche Gedanken und sah sie als eine Versuchung des Teufels an, der er widerstehen müsse. Doch als in der nächsten Sonntagsmesse der Kelch vor ihm stand, war es mit den guten Vorsätzen des Dompfarrers vorbei. Er beugte sich wieder über den Kelch und hörte sich murmeln:

„Vom 88er Iphöfer Julius-Echter-Berg einen Silvaner!“

Und als er die Nase in den Kelch tauchte, roch er den für diesen Jahrgang typischen würzigen Duft von Johannisbeeren, der ihm so wohlvertraut war. Das Wunder war wieder geschehen und für den Dompfarrer ein Zeichen des Himmels. Wenn es eine Sünde gewesen wäre, hätte es der liebe Gott sicher nicht ein zweites Mal zugelassen und so freute sich Liebkind schon auf den kommenden Sonntag.

Die Gläubigen in der Kirche bekamen vom Weinwunder des Dompfarrers selbstredend nichts mit, da sie bei der Wandlung stets ehrfürchtig den Kopf senken mussten. Nur die Ministranten bemerkten eine Änderung. Statt wie sonst den Messwein in einem Zug und ruckartig wie bittere Medizin herunterzuschlucken, schwenkte der Dompfarrer den Kelch zuerst mit kreisenden Bewegungen, tauchte die Nase tief ins Innere und schloss genussvoll die Augen. Dann führte er den Kelch zum Mund und spitzte dabei die Lippen, als ob er zum Küssen ansetzen wolle. Das war dann der Moment, in dem Fabian dachte: „Jetzt küsst der Liebkind die Engelchen!“

Den Dommäusen indes war die allsonntägliche Zeremonie nicht verborgen geblieben, mit der am Altar sämtliche Weinlagen vom Steigerwald bis zum Untermain verkostet wurden. Während der Dompfarrer dieses Wunder seinem Herrgott zuschrieb und es als Belohnung für treue Dienste ansah, war den Dommäusen der wahre Grund bekannt. Schon bald scherzten sie vor der Messe, welchen Wein er diesmal nennen würde. Berthold, dem jedes Spielchen recht war, kam als Erster auf den Gedanken, eine Wette abzuschließen. Es dauerte nicht lange und die Dommäuse zockten jeden Sonntag rund um Liebkinds Wein.

„Ich setze auf Randersackerer Ewig Leben“, rief Lorenz hinüber zu Dominik.

„Wie viel darf ich notieren?“

„Drei Stückchen Leberwurstpellen, Dominik“, wagte sich Lorenz nach vorn.

„Auf keinen Fall drei“, rief seine Frau Berta dazwischen. „Das letzte Mal hast du mit dem Pfaffenberg vollkommen danebengelegen und zwei Wochen lang gab’s keinen Käse im Haus. Zwei, Dominik, nein, besser eins, schreib ein Stück Leberwurstpelle, das genügt. Die ist meine Leibspeise und der Verlust ist nicht so groß, wenn Lorenz wieder danebenliegt.“

„Wie viel ist eigentlich im Jackpot?“, fragte Otto.

„Drei Stückchen Käse von Lorenz, 15 Getreidekörner, eine wunderbare Pelle Leberwurst und diverse Brotkrümel in nicht unerheblicher Menge.“ Mit der Aufzählung stachelte Dominik die anderen an. „Leute, es ist lange her, dass einer von euch den Jackpot geknackt hat, also macht eure Wetten!“

„Hab’ ich Kredit, Dominik?“, fragte Otto und schielte zu Gattin Kunigunde, die ihm einen unfreundlichen Blick zuwarf.

„Ausnahmsweise, Otto. Was darf ich notieren?“, antwortete Dominik und begann zu schreiben.

„Ich setz’ ein Stück Emmentaler auf Obereisenheimer Höll“, rief Otto und erhielt im selben Augenblick von Kunigunde einen Stoß in die Seite:

„Bist du verrückt? Obereisenheimer Höll, das hat der Liebkind doch noch nie gesagt. Da kannst du den Käse gleich den eingebildeten Pinkeln von Lorenz und seiner Sippe vors Loch werfen!“ Kunigunde sah Lorenz und die Seinen verächtlich an.

„Den würden wir nicht mal geschenkt nehmen! Nicht von denen …“, geiferte Berta zurück.

Obereisenheimer Höll, das war so etwas wie der absolute Hauptgewinn beim Wetten, wie ein Sechser im Lotto oder die Null beim Roulette. Obereisenheimer Höll brachte nämlich den zehnfachen Einsatz und konnte eine ganze Mäusefamilie leicht einen Monat lang in Saus und Braus leben lassen.

In diesem Moment ertönte das helle Läuten der Ministrantenschellen, das den Beginn der Wandlung signalisierte. Jetzt begann die heiße Phase der Wett-Andacht.

„Obereisenheimer Höll bleibt stehen!“, rief Otto laut. „Ich wag’s, was soll’s.“

Kunigunde schloss die Augen und taumelte leicht, während die anderen Dommäuse aufgeregt über Ottos Mut tuschelten.

„Rien ne vas plus, nichts geht mehr!“, rief Dominik und schloss das Wettbuch.

Drei Mäuse mussten sich unter Dominiks Leitung um den Altar herumschleichen, an jeder Ecke blieb eine stehen und Dominik selbst wagte sich bis unter den Altar vor, dorthin, wo der Dompfarrer stand. Sobald er dann den Namen des „bestellten“ Weines hörte, gab er diesen weiter und von einem Posten zum nächsten drang die Kunde bis zur wartenden Mäusegemeinde. Wegen Ottos Wett-Diskussionen war Dominik diesmal spät dran. Schon hörte er das zweite Läuten, eigentlich das Zeichen, dass der Pfarrer den Kelch jetzt geleert hatte.

„Mein Gott, zu spät!“, durchfuhr es Dominik. „Der Wein ist getrunken, die Worte sind verpasst!“

Dem kleinen Wettpaten stand der Schweiß auf der Stirn. Sollte alles vergebens gewesen sein? Dominik lief hinüber zu Ronny, der mit gesenktem Haupt kniete, die geballte Faust an die Brust gedrückt, in der anderen Hand die Schellen. „Hey, Ronny, hast du gehört, was der Liebkind gesagt hat, als er sich über den Wein gebeugt hat?“, rief Dominik zu ihm hinauf.

„Keine Ahnung, ich habe gerade an die Marshmallows in meiner Tasche gedacht und nicht zugehört. Frag mal Fabian“, flüsterte Ronny leise nach unten.

Dominik war außer sich vor Erregung und rannte am Altar entlang auf Fabian zu. Gerade als er in der Mitte des Altars angekommen war, setzte der Dompfarrer den Kelch ab und leise ließen sich die Worte vernehmen: „Mein Gott, was für ein Geschenk Gottes, diese 78er Müller-Thurgau Spätlese von … der Obereisenheimer Höll!“

Dominik stand für Sekunden wie vom Blitz getroffen. Er traute seinen Ohren nicht, dabei hatte er doch ganz deutlich Obereisenheimer Höll gehört.

„Die Höll ist es! Die Obereisenheimer Höll!“, rief er hinüber zur Altarecke, wo die nächste Dommaus wartete.

Ihr Ruf „Die Obereisenheimer Höll hat er getrunken!“ pflanzte sich sogleich fort bis zur Schar der wartenden Dommäuse. Ottos Frau Kunigunde stieß einen leisen, spitzen Schrei aus und fiel mit ausgebreiteten Armen rücklings in Ohnmacht. Ihr glücklicher Gatte schlug mit der Faust in die Hand und hüpfte von einem Bein aufs andere:

„Yipiiiieee! Die Höll wars! Ich hab’ gewonnen! Ihr seid alle meine Gäste heute, ich lad’ euch ein auf Käse und Brotkrümel bis zum Umfallen!“

Längst war auch Dominik vom Altar zurück und stimmte in den allgemeinen Jubel ein. Die restliche Messe verlief ohne weitere Zwischenfälle, sieht man einmal davon ab, dass Kunigunde, kaum aus der Ohnmacht erwacht, ihrem Otto heftige Vorwürfe ob seiner Spendierfreudigkeit machte. Nachdem der Dompfarrer den Segen der Gemeinde erteilt und sich mit den Ministranten in die Sakristei zurückgezogen hatte, leerte sich das Gotteshaus schnell. Der letzte Gläubige hatte den Kirchenraum verlassen, als eine Schar lachender, tanzender Mäuse zum Grabmal des Bischofs Otto von Wolfskeel zog, vornweg auf den Schultern eine euphorische Dommaus Otto, gefolgt von seiner Frau Kunigunde, die sich die Tränen aus den Augen wischte.

Zur gleichen Zeit verließen Liebkind und die Ministranten Ronny und Fabian die Kirche. Ronny dachte noch immer an die Marshmallows in seiner Hosentasche.

Eine seltsame, nicht eucharistische Wandlung

Der Qualm der Zigarren und Zigaretten erfüllte die „Himmelsleiter“. Schweigen herrschte am Stammtisch der Philosophen, als Cora aus dem Bocksbeutel einschenkte.

„Heute gefällt es Ihnen hier wohl besser als sonst?“, fragte Cora in die Runde.

„Das liegt sicherlich an deiner Anwesenheit“, antwortete Hüpsch, ganz in den Ausschnitt der Bedienung vertieft.

„Und wohl auch an unserem Thema heute“, ergänzte Plunder.

„So? Wovon wird denn heute geredet? Darf man das wissen?“ Cora war neugierig geworden.

„Ach, das interessiert dich sowieso nicht. Nur Wissenschaftliches und Geschichtliches“, antwortete Meiseneier.

„Geschichtle hör’ ich gerne. Darf man zuhören?“

„Ich weiß aber nicht, ob dich unsere Geschichten interessieren. Es geht um ein kirchliches Thema. Um ein Spezialthema mit Christus“, versuchte Meiseneier Cora abzuwimmeln.

„Ach, mein lieber Meiseneier, lassen Sie sie doch zuhören. Das mit dem Sie wissen schon, was ich meine, können Sie ja weglassen“, bestimmte plötzlich Hüpsch den Fortgang des Gesprächs. Komm, setz dich neben mich und hör schön zu!“

Hüpsch rutschte gerade so weit zur Seite, dass Cora dicht bei ihm saß.

Meiseneier nahm seufzend den Faden wieder auf: „Meine Nachforschungen in den alten Schriften und Aufzeichnungen des Domkapitels lassen den Weg des Sie wissen schon, was ich meine, vom Heiligen Land bis nach Würzburg, abgesehen von einigen Lücken, gut zurückverfolgen. Viele alte Schriften sind zwar verbrannt oder geraubt worden, doch gibt es immer wieder Hinweise in Büchern und Schriften, die von ihm berichten.“

„Was ist das, was Sie mit dem ‚Sie wissen schon, was ich meine’ meinen?“, fragte Cora naiv, aber doch sichtlich neugierig.

„Meine Liebe, genau das darf und soll nicht bekannt werden“, versuchte Meiseneier ihre Neugier zu dämpfen.

„Aber nun weiter. Die Geschichte von Jesus und seinen Jüngern nach dem letzten Abendmahl ist uns allen bekannt. Als er von den Römern gefangen genommen wurde, hatten diese zuvor das Haus, in dem das Mahl stattgefunden hatte, durchsucht. Dabei muss ein römischer Soldat den Sie wissen schon, was ich meine, an sich genommen haben, offenbar in der Absicht, ihn zu verkaufen. Bekanntlich würfelten römische Soldaten unter dem Kreuz um Jesu letzte Habseligkeiten. Dabei ist der Sie wissen schon, was ich meine, wieder aufgetaucht, da er bei diesen Gegenständen erwähnt wird.“

Cora ließ nicht locker. „Wieso sagen Sie ‚Sie wissen schon, was ich meine’, wenn ich eben nicht weiß, was Sie meinen?“

„Nun, die Angelegenheit ist heikel und darf unter keinen Umständen bekannt werden“, wand sich Meiseneier.

„Ja, man darf nicht darüber reden, Cora“, assistierte Hüpsch, der Coras enge Nachbarschaft sichtlich genoss. „Es geht dabei, ja, was soll ich sagen, was darf ich sagen?“ Fragend blickte er in die Runde und hoffte auf Beistand.

„… um einen Potschamber“, versuchte Feuerlein zu helfen.

„Um was?“, fragte Cora.

„Einen Potschamber, einen Nachttopf“, erklärte Feuerlein ungerührt.

„Doch nicht um den, um Himmels willen, den von …?“, unterbrach Cora die plötzliche Stille.

Die Herren saßen wie versteinert. Man merkte, dass Feuerlein etwas gesagt hatte, was alles veränderte. Alle Blicke richteten sich auf ihn.

„Äh, nein, natürlich nicht“ – sichtlich entgeistert rang Meiseneier um Fassung: „Nein, Cora. Den Potschamber, der damals in dem Haus gewesen ist, also in dem Haus, wo alle waren“, versuchte Feuerlein zu retten, was noch zu retten war. Jetzt endlich hatte er begriffen, dass sein Einfall nicht gelungen war.

Meiseneier gewann die Fassung zurück:

„Sicher ist, dass ein Soldat den Pot…, äh, Sie wissen schon, was ich meine, an einen Juden von kräftiger Statur verkauft hat, der sich immer bei den Jüngern Jesu aufgehalten hatte. Es kann sich bei ihm nur um Petrus, den Fischer, gehandelt haben, da in der Bibel erwähnt wird, dass der betreffende Jünger sich kurz in römischem Gewahrsam befand, weil er einen römischen Soldaten verletzt hatte. Überdies hatte Petrus auch ein starkes Interesse, den Sie wissen schon, was ich meine, in der Gemeinschaft der Jünger zu halten und ihn nicht von Römern verschachern zu lassen.“

„Na klar, was fangen die auch mit einem Nachttopf an!“, nickte Cora.

„Da hast du sicher recht. Das kann ich mir auch nicht vorstellen“, fuhr Meiseneier fort. „Nach dem Erwerb des Sie wissen schon durch Petrus hört man lange Zeit nichts mehr von ihm, äh, dem Pot… und seine Spur verliert sich vollends in Palästina. Lediglich in einem Brief des Petrus an die Pharisäer wird er in einer Episode erwähnt. Als er unter diesen weilte, wurde er zu einem Hochzeitsmahl eingeladen. Der reich begüterte Vater der Braut richtete die Feier aus. Es wurden alle erlesenen Speisen zubereitet, die man seinerzeit kannte.“

„Ja, ich habe gehört, der Dompfarrer Liebkind habe in der letzten Predigt davon erzählt. Bratwürste mit Kraut habe es gegeben. Es habe ihn arg gebläht, den Petrus, soll der Liebkind gesagt haben“, warf Feuerlein ein.

„Das muss aber ein schlechtes Kraut gewesen sein, sicher aus der Dose. Unseres ist viel besser. Mindestens vier-, fünfmal aufgekocht. Da findet man keine Spur Vitamin mehr drin!“, warb Cora sichtlich stolz fürs Kraut in der „Himmelsleiter“.

Meiseneier schaute mit offenem Mund zwischen Feuerlein und Cora hin und her. Er verstand die Welt nicht mehr. Von was redeten die beiden bloß?

„Klar, Cora, eures ist viel besser. Aber fahren Sie ruhig fort, mein lieber Meiseneier!“, forderte er den Historiker auf.

„Nun ja, wie dem auch sei, es hilft mir nicht. Ich fahre nun fort mit meinen Ausführungen: Bei der Hochzeit wurde weder an edlen Gewürzen aus fernen Ländern noch an weiteren kostbaren Zutaten gespart. Nur der beste Wein des Landes wurde aufgetischt.“

„Randersackerer Teufelskeller war’s, sagte der Liebkind“, warf Feuerlein ein.

„Bitte, Feuerlein, nicht noch mehr davon!“, flehte Meiseneier und fuhr nach einer kurzen Pause fort. „Den zahlreichen Gästen der Hochzeit sollte es an nichts mangeln. Der Brautvater scheute weder Geld noch Mühen; alle sollten sehen, dass seine Tochter aus wohlhabendem Haus kam. Dies galt auch für den Bräutigam, sodass mit der Hochzeit zwei mächtige Familien der Pharisäer zusammenkamen, die beide dem christlichen Glauben verbunden waren. Die Braut hatte ob ihrer großen Liebe die Werbung eines anderen, gleichwohl weniger begüterten jungen Mannes verschmäht. Der aber, in großer Leidenschaft zur jungen Braut entflammt, konnte die Zurückweisung nicht überwinden und war entschlossen, sich und die Braut bei der Hochzeit durch einen Gifttrank zu töten. So wollte er mit ihr für immer im Tod vereint bleiben.“

„Ach, wie romantisch. Das könnte in der ‚Gala’ nicht schöner geschrieben sein“, seufzte Cora und verdrehte dabei die Augen.

„Und so reichte er ihr den mit Schierling vergifteten Trank“, erzählte Meiseneier weiter, „jenem tödlichen Gift, mit dem auch schon der Philosoph Sokrates sich das Leben nehmen musste. Die Braut trank ahnungslos aus dem Becher, den der verschmähte Verehrer ihr reichte, nachdem er zuvor bereits einen Schluck genommen hatte. Bald schon wand sich der junge Mann in tödlichen Krämpfen. Als sich wenig später auch bei der Braut erste Anzeichen einer Vergiftung zeigten, erkannten alle, dass auch sie dem Tode nah war.“

„Meiseneier, ein Antidot!“, sagte plötzlich Feuerlein.

„Wieso nennen Sie den Professor einen Idioten?“, fuhr Cora ihn an.

„Nein, Cora, kein Idiot. Ein Antidot. Das ist ein Gegengift zum Schierling“, dozierte Feuerlein gelassen.

„Ein Gegengift gab es nicht, Feuerlein. Eltern und Angehörige beteten in ihrer Not zu Gott um das Leben der Braut. Petrus, der in der unmittelbaren Nähe des Paares am Hochzeitstisch gesessen hatte, sah, dass nur ein Wunder die junge Frau retten konnte, und dachte sogleich an den Sie wissen schon, was ich meine, dessen Geheimnis er kannte. So holte er ihn aus dem mitgeführten Gepäck und trug der Braut auf, sich dahinein zu übergeben. Kaum geschehen, hörten ihre Krämpfe auf und es kam Leben in ihre Wangen. Durch dieses Wunder wurde die Frau gerettet und lebte fortan glücklich mit ihrem Mann.“

„Es ist unglaublich: ein Nachttopf, der Wunder wirkt, wenn man reinkotzt“, entfuhr es Cora.

„Man kann doch sagen, dass damit der Mythos dieses Gefäßes begann und die Menschen zum ersten Mal von den Wundern hörten, die es vollbringen konnte“, sagte Plunder erfreut.

„Richtig, mein Lieber“, antwortete Meiseneier, „mit diesem Brief des Apostels Petrus wurden der Sie wissen schon und seine Wirkung in der Öffentlichkeit bekannt. Sehr zum Verhängnis vieler Christen, wie sich herausstellen sollte. Einige Jahrzehnte später taucht er wieder in der Geschichte auf, zu Zeiten des Kaisers Nero und der großen Christenverfolgung. Auch dem römischen Kaiser war seinerzeit die Wunderkraft zu Ohren gekommen. Der Pot…, äh, Sie wissen schon befand sich damals in Rom in der christlichen Gemeinde. Petrus hatte ihn ihr offenbar vor seiner Kreuzigung dort überlassen. Besessen von dem Gedanken, das Gefäß ob seiner Wunderkraft zu besitzen, ließ Kaiser Nero unerbittlich danach suchen.“

„Was erhoffte er sich denn von dem Sie wissen schon, was ich meine? Krank wird er doch wohl nicht gewesen sein?“, warf Feuerlein dazwischen.

„Doch, das war er. Nierensteine hatte er“, entgegnete Meiseneier geistesgegenwärtig. „Man sagt, dass er sich eine Linderung seines Nierenleidens erhoffte. So setzte er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein, um in seinen Besitz zu gelangen.“

„Und, hat’s geklappt?“, fragte Cora.

Meiseneier hielt in seinen Ausführungen inne. Genüsslich führte er sein Glas an die Lippen, was die Spannung am Tisch merklich steigerte und ihm Gelegenheit gab, seine Ausführungen der geänderten Situation anzupassen. „Nun ja, meine lieben Stammtischbrüder, wie Sie alle wissen, ist auch Nero – Gott sei Dank – nicht unsterblich geblieben. Seine Soldaten spürten den Sie wissen schon in den Katakomben auf und brachten ihn dem Kaiser, der diesen Triumph auskosten wollte. Wie allen bekannt sein dürfte, hat Kaiser Nero die Stadt Rom anzünden lassen. Es wird gesagt, dass er dabei die Zauberkraft des Sie wissen schon, was ich meine, erstmals anwenden wollte. Als er von den Zinnen seines Palastes auf das brennende Rom herabblickte, setzte er sich auf das Gefäß und soll dabei gerufen haben: „So schenk’ mir, du wundersamer Topf der Christen, Linderung von diesen elenden Nierensteinen!“

„Und? Was ist passiert?“, drängte Cora.

Meiseneier hielt kurz inne. Atemlose Stille herrschte am Tisch der Philosophen, als der Professor mit ruhiger Stimme fortfuhr:

„Wie ich Sie bereits wissen ließ, entfaltet der Sie wissen schon, was ich meine, seine Wunderkraft nur in rechtschaffenen Händen, wohingegen ein unredlicher Besitzer mit verbrecherischen Absichten vergeblich auf die Wirkung wartet. So geschah es auch dem römischen Kaiser. Es wird berichtet, dass er sich plötzlich wild schreiend auf den Boden warf und in Krämpfen wand. Er hatte wieder eine Nierenkolik.“

„Geschieht ihm recht. Unser Nachbar hatte mal einen Hund, der hieß auch Nero. Der hatte auch Probleme beim Wasserlassen“, trug Cora zur Historie bei.

„Ach ja? Interessant“, sagte Meiseneier und fuhr fort: „Dann wurde es für lange Zeit still um ihn.“

„Um Nero?“, fragte Cora.

„Nein, um den, na Sie wissen schon, was ich meine. Für mehrere Jahrhunderte hört man nichts mehr von seiner Existenz. Er muss aber in Rom verblieben sein, denn nirgendwo findet sich ein Hinweis. Erst viel später, nachdem das Römische Reich untergegangen war, taucht er plötzlich an einer gänzlich anderen Stelle des alten Imperiums auf. Im fünften Jahrhundert wird er erwähnt als Besitz eines römischen Offiziers in der Provinz Britannia. Dessen im christlichen Glauben erzogener Sohn Patricius wurde samt dem Gefäß, das er als seinen eigenen na Sie wissen schon gebrauchte, von Sklavenjägern verschleppt, konnte sich aber befreien. Er wurde Bischof und von Papst Coelestin nach Irland gesandt, wo er die Heiden missionieren sollte.“

„Jetzt sagen Sie bloß nicht, mein lieber Professor, dass dieser Bischof jener heilige Patrick gewesen ist, der als irischer Nationalheiliger verehrt wird“, staunte Bernhard Hüpsch.

„Richtig erkannt, Herr Hüpsch, genau um den handelt es sich hier“, nickte Meiseneier: „Er gründete seinerzeit den bedeutendsten Missionarsorden. Den Nachthafen bewahrte der Hl. Patrick im Kloster auf. Einer seiner Nachfolger wurde unser Sankt Kilian, dem man das Geheimnis des na Sie wissen schon anvertraute. Der zog dann gegen Ende des siebten Jahrhunderts mit seinen beiden Begleitern Kolonat und Totnan, zwei Novizen aus alten irischen Adelsfamilien, und dem Pot…, dem gewissen …, zu uns ins damals heidnische Frankenland an den Hof des fränkischen Herzogs Gosbert. Den Rest der Kiliansgeschichte kennen Sie ja alle aus dem Religionsunterricht“, endete ein erschöpfter Professor Meiseneier.

„Ich werd’ verrückt!“, rief Cora. „Da haben wir einen Potschamber aus der Zeit Christi hier bei uns und keiner weiß etwas davon. Wenn ich das jemandem erzähle, das glaubt mir keiner!“

„Dann lass’ es lieber sein“, hoffte Plunder ihr ein Schweigegelübde auferlegen zu können.

„Man stelle sich das vor! Ein Potschamber, der Wunder wirkt! Das glaubt mir doch eh keiner!“, wiederholte Cora und wippte zurück zum Tresen, verfolgt von den Blicken der Stammtischbrüder. Nur Meiseneier hatte kein Auge für die dralle Schönheit. „Uff, das war knapp. Wenn sich die Cora nicht mal bei anderen verplappert! Mensch, Feuerlein, musste Ihnen unbedingt ein Potschamber einfallen?“

„Na ja, ich hatte plötzlich so einen Drang, auf die Toilette zu gehen, und da kam mir das in den Sinn“, versuchte Feuerlein eine Erklärung.

„Ach, vergessen Sie den Potschamber, meine Herren“, unterbrach Plunder die beiden: „Das ist ja eine tolle Geschichte, die Sie uns da aufgetischt haben, Herr Professor. Wenn das alles stimmt, was Sie erzählt haben, und ich habe da keinen Zweifel, dann steckt in unserem Dom einer der kostbarsten Schätze der Christenheit. Unbezahlbar. Man stelle sich nur die Möglichkeiten vor, die der Kelch mit seinen Wundern vollbringen kann. Ganz abgesehen von dem materiellen Wert, dem Gold und den Edelsteinen!“

„Meine Herren, was ich Ihnen hier und heute erzählt habe, mutet sehr unwahrscheinlich an. Bis heute habe ich von meinen Forschungen zu dem Kelch nur einer kleinen Schar mir gut bekannter, seriöser Menschen berichtet, zu der nun auch Sie gehören. Ich vertraue deshalb auf Ihr Wort, das, was Sie heute von mir gehört haben, für sich zu behalten.“

Der Professor sah dabei jedem der drei Anwesenden mit festem Blick in die Augen.

„Selbstverständlich, Herr Professor, auf uns können Sie sich verlassen. Ehrenwort, kein Wort zu Dritten!“, beteuerten die drei.

„Meine Herren, es ist schon ein Uhr vorbei. Bei all den spannenden Geschichten haben wir gänzlich die Zeit aus den Augen verloren. Wir sollten nach Hause gehen und das Mittagessen einnehmen. Ganz abgesehen davon, dass ich einen mächtigen Kohldampf habe. Über die Bezahlung machen Sie sich keine Gedanken, die Runde geht auf meine Rechnung, das war’s mir wert“, sprach Bernhard Hüpsch, beglich bei Cora die Rechnung und verließ mit den anderen Philosophen später als üblich die „Himmelsleiter“.

„Und wo steht der Potschamber jetzt? Hilft der auch bei Tieren? Wegen dem Nero vom Nachbarn, frag’ ich“, rief ihnen Cora noch hinterher, aber sie erhielt keine Antwort.

Eine Mäuseliebe mit Komplikationen

„Anna, beeil dich mit dem Umziehen. Wir müssen uns ans Mittagessen machen, damit es rechtzeitig fertig wird“, rief Annas Mutter hinüber zu ihrer Tochter, die sich gerade anschickte, ihr Sonntagskleidchen gegen eine bequemere Hose und ein Shirt zu tauschen.

„Sofort, liebe Mama!“ Ein kühner Sprung und Anna steckte in beiden Hosenbeinen. „Was steht denn heute auf dem Küchenplan?“

„Ich dachte an etwas Leichtes, was den Magen nicht so belastet. Was hältst du von leichten Sommersalaten an. … äh, mit gerösteten Brotcroutons als Vorspeise?“

„Hmmm, klingt gut. Bitte mehr von den Brotcroutons für mich, die mag ich sehr. Und danach?“

„Als Hauptgang vielleicht etwas gerösteter Schinken mit einer würzigen Gemüse-Ratatouille. Was meinst du?“

„Perfekt, Mama. Auf provenzalische Art bitte!“

„Und als Nachspeise frische Erdbeeren …“ „Wow!“ „… in Honigsoße mit Mandelsplittern. Na, wie klingt das?“

„Hmm, mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen. Ich bin froh, dass ich hier zu Hause bin und nicht in einer dieser katholischen Kirchenmäusefamilien! Allein wenn ich ans Essen denke, das bei denen so auf den Tisch kommt: fette Soßen – bäh! … deftiges Fleisch und Wurst, wie schrecklich! … und dann der schwere Käse, der liegt einem die ganze Nacht im Magen!“, stöhnte Anna und ließ ihre kleine Zunge aus dem Mund hängen.

„Da hast du recht, Anna. Die katholischen Mäuse, die müssen immer schlemmen und das geht auf den Geist, mein liebes Kind. Die meisten von ihnen sind dumm.“

„Nicht alle, Mama, aber doch die meisten.“

„Es hängt halt immer an dem, was die Pfarrer uns Kirchenmäusen so übrig lassen von ihrem Essen. Darauf müssen wir unseren Speiseplan einstellen. Und da ging es den katholischen Pfarrern schon immer besser als den evangelischen. Wenn ich nur daran denke, was unser Herr Pfarrer Dürr so in seinem Kühlschrank hat. Du hast manchmal das Gefühl, dass du in einen Gemüsegarten schaust, wenn er den Kühlschrank aufmacht. Fast nur Gemüse und Milchprodukte, kaum Fleisch und Wurst. Das wenige, was davon bei uns auf den Tisch kommt, muss ich mir mühsam bei den katholischen Mäusen eintauschen!“

„Und das noch zu Wucherkursen, Mama, wie du immer beklagst!“

„Genau, mein liebes Kind. Für das bisschen Schinken musste ich drei große Stücke Gurke hergeben, die die Katholiken als Beilage zu dem Braten nehmen wollten, den ihr Pfarrer Liebkind heute zu Mittag isst.“

„Sag, Mama, warum gibt es eigentlich katholische und evangelische Mäuse; liegt es nur an dem Essen, das auf den Tisch kommt, oder an was sonst?“, fragte Anna, während sie die Salatblätter putzte, die in einem Haufen vor ihr auf dem Boden lagen.

„Oh meine liebe Anna, das ist eine lange Geschichte. Man sagt, vor vielen hunderttausend Mäuseleben gab es weder katholische noch evangelische Mäuse. Man lebte gemeinsam in Kirchen oder Klöstern und allen ging es gleich gut oder schlecht, ganz so wie den Hausherren. Irgendwann kam es dann zu einem großen Streit unter den Pfarrern. Worum es da ging, weiß bis heute keiner, denn es änderte sich gar nichts an dem, was sie den ganzen Tag so taten. Alle beteten und opferten weiterhin dem gleichen Wesen, das sie Gott nennen, und man hielt weiterhin täglich Messen ab, wo die Leute zusammenkamen. Nur die Menschen nannten sich plötzlich Katholiken oder Protestanten und die in den Kirchen wohnten, nannten sich katholische Priester oder evangelische Pfarrer.“

„Mein Gott, Mama, was ist an einem neuen Namen so schlimm, wenn sich doch sonst nichts ändert?“, fragte Anna.

„Nun ja, für die Menschen war es offenbar so wichtig, dass sie sich heftig stritten und sogar Kriege gegeneinander führten. Man erzählt von einem langen, großen Krieg, der über mehrere hundert Mäuseleben ging, in dem unsere Stadt einmal ganz katholisch war und sich dann wieder für lange Zeit evangelisch nannte. Einmal hü, einmal hott. Aber sei’s drum, seit langer Zeit ist es ruhig geworden in dem Streit und es gibt jetzt Kirchen, die sind katholisch, und Kirchen, die sind evangelisch, so ist das halt!“, seufzte die Mutter und rührte in dem Topf, wo die Gemüsestückchen für die Ratatouille brutzelten.

„Dann gibt es also katholische Mäuse, weil sie in katholischen Kirchen leben, und evangelische Mäuse, weil sie in evangelischen Kirchen leben!“, folgerte Anna und schnippelte eifrig am Salat herum.

„Genau, mein Kind! Da aber die katholischen Kirchen mehr Wert auf Schmuck und Glanz legen und die katholischen Pfarrer auf gutes Essen und Trinken, geht es den katholischen Mäusen besser und den evangelischen eben schlechter. Das siehst du doch auch am Pfarrer Liebkind und an unserem Pfarrer Dürr. Dem Liebkind sein Bauch war bestimmt nicht billig, dagegen ist der Dürr ein spackes Hemd und heißt nicht umsonst so.“ Die Mutter machte eine abfällige Bewegung.

„Ah ja, und deshalb glauben die Dommäuse, sie seien etwas Besseres.“

„So ist es. Und darum wollen wir mit diesen eingebildeten Mäusen auch nichts zu tun haben. Die sollen unter sich bleiben und wir bleiben unter uns, Anna.“

„Ist es denn nie vorgekommen, dass eine katholische Maus eine evangelische Maus geheiratet hat?“

„Niemals!“, sprach forsch die Mutter. „Stell dir nur mal vor, ich hätte deinen Vater als katholische Maus geheiratet. Der würde doch den ganzen Tag bei mir in der Küche herumhängen und nur nörgeln, dass es kein Fleisch gibt. Oder ich hätte in die feine Mäusegesellschaft im Dom hineingeheiratet, nicht vorstellbar. Den ganzen Tag nur Müßiggang, feines, fettes Essen und ständig diese Streitereien der einzelnen Familien über ihre Herkunft. Da kommt sich doch jeder besser vor als der andere. Schau sie dir doch mal an, die feine Gesellschaft! Nur fette Damen! Überall kneift’s und zwickt’s. Zellulitis, Fettpölsterchen und schlaffe Haut! So was kenne ich nicht. Was bin ich stolz auf meine Figur.“

„Stimmt, Mama, das kannst du auch sein und ich hab’ sie von dir geerbt. Aber es gibt doch sicherlich auch nette junge katholische Mäuse, die nicht so denken wie alle anderen und vielleicht auch schlau sind. Da bin ich mir sicher.“

„Ich nicht. Katholisch und schlau, das passt nicht zusammen. Wieso willst du denn das so genau wissen? Gibt es denn einen Grund dafür, einen männlichen etwa?“, begann die Mutter zu argwöhnen.

„Eigentlich nicht. Ich hatte einmal vor langer Zeit Gelegenheit, einen jungen katholischen Mäuserich kennenzulernen. Zufällig, rein zufällig begegneten wir uns auf dem Domplatz, als ich unsere Verwandten in der Stephanskirche besuchen ging.“

Annas Gesicht hatte sich leicht gerötet und sie versuchte, einen gelangweilten Tonfall hinzukriegen. Die junge Mäusedame verschwieg ihrer Mutter, wie es tatsächlich gewesen war, als sie seinerzeit ihren Dominik traf. Beim alljährlichen Weinfest im Hofgarten der Residenz nämlich. Dort fällt allerlei beim Essen auf den Boden. So kommt man vor allem häufig an Käse, den die Menschen zum Wein essen. Anna und ihre Cousine schlenderten gerade in den letzten Sonnenstrahlen zwischen den Bänken hindurch, als ihnen ein kleiner, rundlicher, gut aussehender Mäuserich entgegenkam. Gerade als er vor ihnen stand, fiel ihm ein mittelgroßer Käsewürfel direkt auf den Kopf und raubte ihm für einen Moment die Sinne. Mit weichen Knien ging er vor Anna zu Boden. Das sah sehr komisch aus, wie Dominik, um den handelte es sich nämlich bei dem feschen Mäuserich, dabei die Augen verdrehte. Es schien, als sei er beim Anblick der jungen Dame in Ohnmacht gefallen. Als er wieder die Augen öffnete, blickte er in ein hübsches, lachendes Mäusegesicht, das ihn den Käse komplett vergessen ließ, dessen sich zwischenzeitlich Annas Cousine bemächtigt hatte. Bei der anschließenden Ersten Hilfe – Anna war perfekt in Mund-zu-Mund-Beatmung – fanden beide Gefallen aneinander. Und so verabredeten sie sich für den nächsten Sonntag im Lusamgärtchen beim Grab des Minnesängers Walther von der Vogelweide – beliebt in Würzburg als Treffpunkt aller Liebenden, gleich ob Mensch oder Maus. Auch heute wollten sie sich wieder dort treffen und Anna musste noch nach einer passenden Ausrede für ihren Ausflug suchen.

„Und?“, kam es vom Herd. „Wie heißt denn der katholische junge Mann?“

„Dominik heißt er, Mama“, sprudelte es jetzt aus Anna heraus, „und er sieht soooo gut aus. Und lustig ist er, kann ich dir sagen. Immer hat er gute Sprüche drauf. Und es gibt auch nicht immer fettes Essen. Das mag er gar nicht, sagt er zumindest. Und dick ist er daher auch nicht, Mama, eher kräftig, weißt du. Er sagt, es liegt an seinen Knochen, die seien sehr schwer.“

„Dominik?“, fragte daraufhin mit einem gewissen Unterton die Mutter. „Du meinst doch nicht etwa diesen kleinen, pummeligen Mäuserich aus der Domsakristei, dessen schlechter Ruf selbst bis zu uns gedrungen ist! Der nichts als Unsinn im Kopf hat und den unser lieber Pfarrer Dürr verdächtigt, die Uhr der Johanniskirche um eine Stunde zurückgestellt zu haben, und deshalb eine geschlagene Stunde in der leeren Kirche auf seine Schäfchen warten musste!?“

„Doch Mama, das ist er. Und mit der Uhren-Sache habe er nichts zu tun, das sei nur böse Verleumdung, sagt er, denn mit Kirchenuhren kenne er sich überhaupt nicht aus, vielleicht ein klein wenig mit Mechanik.“

„Um Gottes willen, Anna, schlag dir den aus dem Kopf! Wenn das dein Vater erfährt, gibt es ein Donnerwetter!“, entfuhr es der Mutter. Ob dieser Enthüllungen hatte sie längst vergessen, weiter in der Pfanne zu rühren, und in der Küche begann es merkwürdig zu riechen.

„Und jetzt sind mir wegen diesem katholischen Mäuserich auch noch die Croutons angebrannt!“

Beim anschließenden Mittagessen, zu dem sich auch der Vater gesellte, kam nur mühsam eine Unterhaltung zustande. Annas Mutter warf ihrer Tochter ab und an einen unfreundlichen Blick zu, was dem Vater jedoch über der köstlichen Ratatouille entging. Heute sei er etwas müde, gähnte Annas Vater nach dem Mahl und er wolle sich etwas zur Ruhe legen. Dem schloss sich auch die Mutter an; die Unterhaltung mit ihrer Tochter beim Kochen hatte sie doch etwas erschöpft.

Die perfekte Gelegenheit für Anna, sich aus der Kirche zu schleichen und sich für ein Stündchen, maximal zwei, mit ihrem Dominik zu treffen. So lange pflegten die Eltern allsonntäglich nach dem Essen zu ruhen. Der Weg ins Lusamgärtchen war für Anna nicht ganz ungefährlich, musste sie doch die Straße vor der Residenz überqueren, die gerade wegen der Touristen am Sonntag sehr befahren war. Dabei galt es immer, den Zeitpunkt abzuwarten, bei dem die Autos wegen eines roten Lichtes in einem Kasten am Rande der Fahrbahn warten mussten.

Nach wenigen Minuten aber hatte sie sicher ihr Ziel erreicht, wo Dominik schon hinter dem Sarkophag aus grauem Muschelkalk wartete. Er unterhielt sich gerade in Mäusegebärdensprache mit der stummen Katharina, die unter dem Grabstein wohnte, als Anna um die Ecke bog. Liebevoll schlossen sich die beiden in die Arme und berührten sich mit der kalten Mäuseschnauze, was mit dem Küssen bei den Menschen vergleichbar ist. Katharina zog sich natürlich diskret zurück.

„Ach mein Liebster“, begann Anna, „heute habe ich versucht, meiner Mutter schonend beizubringen, dass ich dich kenne!“

„Und? Was hat sie gesagt? Hat sie sich gefreut oder gab’s Ärger, dass du einen katholischen Mäuserich liebst?“

„Ach Dominik, ich glaube dass du katholisch bist, wäre gar nicht das Hindernis für Mama, aber dein Ruf, der macht ihr doch sehr zu schaffen. Dein Vorleben ist auch bis zu uns nach St. Johannis gedrungen.“

„Das sind nur böswillige Unterstellungen, Anna. Du kennst mich doch und weißt, wie ich bin. Im Grunde ein anständiger Kerl. Das heißt, ich bemühe mich wenigstens darum, zumindest bei dir, oder?“, sprach der Mäuserich und setzte dabei ein Gesicht auf, das jeden sofort zur Absolution aller Sünden veranlassen würde.

„Natürlich kenne ich dich und ich mag dich auch so, wie du bist mit deiner lustigen Art. Aber du weißt doch, wie die älteren Leute sind, sie glauben allzu leicht, was man erzählt, und schon hat man seinen schlechten Ruf. Denk doch nur mal an den Trunkenbold Berthold!“

„Also mit dem Berthold kannst du mich nicht vergleichen. Ich trinke nicht! Nicht oft jedenfalls. Und so schlecht, wie man sagt, ist der Berthold auch nicht. Ich finde sogar, dass er sein Leben genießt, anders vielleicht als ihr streng lebenden Protestanten. Wer nichts zu essen hat, hat auch nichts zu lachen.“

„Ach ja, ihr dicken und faulen katholischen Pfaffenmäuse meint, nur mit lasterhaftem Leben kann man lachen! Da täuschst du dich schon sehr, mein lieber Dominik. Auch wir haben unsere Späßchen, vielleicht nicht ganz so ausgefallen, wie du sie liebst.“

„Wie, was heißt hier ausgefallen? Nur weil ich eurem Pfarrer Dürr einmal die Uhr verstellt habe …“

Er stockte abrupt, sein Gesicht wurde puterrot, als er merkte, dass er sich selbst verraten hatte.

„Wusste ich’s nicht? Du warst es also doch. Und ich hatte es schon immer vermutet. Der arme Dürr musste eine volle Stunde warten, bis sich die Kirche füllte!“

„Der Dürr, die Bohnenstange, hats verdient. Der Gemüsepapst hat immer gegen unsere Kochqualitäten in der Küche vom Liebkind gelästert und dem musste einmal eine Lektion erteilt werden. Und außerdem finde ich es nicht gerade schön, dass du mich verdächtigt hast, auch wenn ich es gewesen bin. Das malt kein gutes Bild von dir, was du über mich denkst“, bemühte sich Dominik, die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Leider vergeblich.

„Ich muss schon sagen, das ist ziemlich dreist, was du mir da vormachst. Erst den Unschuldigen markieren und dann, wenn er bei seiner Freveltat ertappt wurde, auch noch den Gerechten zu spielen. Und so einem habe ich immer vertraut, habe ihn geliebt!“, schluchzte Anna.

„Wenn dir ein hagerer evangelischer Mäuserich lieber ist, dann nimm ihn doch, du und deine dürre, vertrocknete Mutter! Nicht umsonst sagt man ‚schau dir die Mutter an, bevor du die Tochter heiratest’. Na das kann ja heiter werden!“, lachte Dominik und trat dabei sichtlich erregt von einem Mäusebein aufs andere.

„Nein danke, auf so einen katholischen Tunichtgut kann ich gerne verzichten. Geh doch zu deinen Trunkenbolden, deinem Wettgesindel, wenn du dich da wohl fühlst!“, rief Anna und war mit ein paar Sätzen aus dem Lusamgärtchen entschwunden.

Dumme Pute, dachte Dominik, soll sie doch bleiben, wo’s keinen Käse gibt. Und überhaupt soll man sich nicht verlieben, schon gar nicht in eine evangelische, humorlose Kirchenmaus. Und an allem war dieser Pfarrer Dürr schuld.

Nicht ohne Wut im Bauch verließ er den Ort der Liebenden. Doch schon als er gleich nebenan den Domplatz erreicht hatte und durch die Gänge des alten Friedhofes darunter zurück in die Sakristei ging, wich seine Erregung einem gewissen Gefühl in der Magengegend: Es sagte ihm, dass es mit seiner Liebe doch nicht vorbei war, und es tat ihm leid, so aus der Haut gefahren zu sein. Ein bisschen recht hatte sie ja schon, seine Anna, und er beschloss, sich so bald wie möglich bei ihr zu entschuldigen. Bei ihr, bei ihrer Mutter oder vielleicht doch erst mal nur bei ihr. Auf jeden Fall wollte er Anna nicht verlieren, so viel war sicher. Und schon gar nicht wegen dem Dürr!

Als Anna die Balthasar-Neumann-Promenade vor der Residenz erreichte, war sie immer noch wütend und wäre beinahe von einem Auto mit Tauberbischofsheimer Kennzeichen überfahren worden. Bleich vor Schreck erreichte sie den Residenzplatz. Sie dachte, wie es wohl wäre ohne ihren Dominik, und schon schossen ihr die Tränen ins Gesicht, denn auf ihn wollte sie nicht verzichten.

Plunder plant, Millionär zu werden

Als Plunder sich nach dem Frühschoppen in der „Himmelsleiter“ nach Hause begab, ging ihm der Kelch nicht mehr aus dem Sinn. Welch einen Schatz hatte man hier in der Domstadt! Das Beste: Nur wenige wussten davon! Und ausgerechnet er war einer, der sein Geheimnis kannte. Plunder dachte an die Möglichkeiten, die der Besitzer des Kelches hatte, und vor allem daran, wie man ihn verkaufen könnte. Gleich nachdem er zu Hause angekommen war, würde er in seiner Kundenkartei nachschauen, wem er die Kostbarkeit anbieten könnte. Vermutlich würden nur wenige aus seiner Klientel das Geld haben, einen solchen Kauf zu tätigen.

Plunders Antiquitätenladen lag in der Grabengasse, parallel zur Juliuspromenade, zwischen dem Juliusspital, einem historischen Krankenhaus, und dem Pleicherviertel. Betrat man die zu jeder Tageszeit dunklen Räume, hatte man den Eindruck, dass die Geschichte des ganzen Stadtviertels hier konserviert war. So wurde der Besucher von einem kuriosen Sammelsurium aus alten Möbeln, Lampen, Gemälden mit Landschaften, Personen oder Tieren und jeder Menge Krimskrams wie Tassen, altem Schmuck und was man sich an derartigen Orten sonst noch vorstellen kann, verschlungen.

Der hintere Teil, wo sich Plunders Büro befand, war im Gegensatz zu der chaotischen Unordnung seines Ladens überraschend aufgeräumt. Als die Neonbeleuchtung zuckend ansprang, sah man links in der Ecke einen alten Sekretär, der ihm als Schreibtisch diente. Darauf stand – ungewöhnlich, ja fast störend – ein Computer-Bildschirm samt Tastatur und daneben zwei moderne Büroschränke, wovon der Antiquitätenhändler nun einen öffnete. Aus der überquellenden Registratur holte er mit sicherem Griff eine unscheinbare Akte mit abgegriffenem grünem Einband heraus. Darin befand sich das Wichtigste und Kostbarste, was Plunder besaß: eine Kartei von Spezialkunden aus aller Herren Länder, die an allem zu kaufen interessiert waren, was kostbar und legal nicht zu erwerben war, von Gemälden aus Museen bis hin zu wertvollem Schmuck aus dem Besitz reicher Familien.

Mal sehen, dachte er, wem er denn den Kelch anbieten könnte. Plunder hatte bereits vor Jahren begonnen, zwielichtigen Auftraggebern illegal und auf dunklen Wegen allerlei Wertvolles zu besorgen. Nachdem der Antiquitätenhandel nicht genug abwarf, um seinen aufwendigen Lebensstil zu sichern, hatte er sich auf Kunstdiebstähle spezialisiert und lebte recht gut davon. Einen Teil des Hehlergeldes hatte er auf einem Konto in Spanien deponiert. Die angelegte Summe sollte später für ein Haus dort im sonnigen Süden dienen, wo er seinen Lebensabend verbringen wollte.

Nachdem er verschiedene Kunden gedanklich durchgegangen war und deren finanzielle Möglichkeiten bedacht hatte, konnte er keinen potenziellen Interessenten finden, der das Geld für den Kauf des Kelches aufbringen konnte. Da erinnerte sich Plunder an einen Mann, dem er einst das Gewünschte nicht besorgen konnte. Der wollte nämlich die berühmte, vom Würzburger Künstler Tilman Riemenschneider geschnitzte Madonna aus Acholshausen haben, die sich allerdings bestens gesichert im Mainfränkischen Museum auf der Festung befindet. Unmöglich sei es, hatte der Händler dem Kunden seinerzeit gesagt, der andere weltberühmte Werk zu besorgen. Und selbst wenn er es zustande brächte, könne dieser es niemals weiterverkaufen oder ausstellen. Darauf käme es ihm nicht an, hatte der Interessent geantwortet und ihm seine E-Mail-Adresse gegeben – falls ihm ein Werk vergleichbar mit dem der Riemenschneider-Madonna einst in die Hände fiele; Geld spiele dabei keine Rolle.

Die E-Mail-Adresse des Kunden fand Plunder in der Computer-Datei, die den bezeichnenden Namen „No Problem“ trug. Er gab die Adresse ein, dann überlegte er kurz, was er ihm schreiben wollte. Die Sache erregte ihn mächtig, seine Hände wurden feucht, die Gedanken ließen sich nicht wie sonst ordnen. Sollte er gleich die Katze aus dem Sack lassen und den Kelch mit seiner Wunderkraft benennen? Was sollte er als Preis angeben? Würde man ihm glauben? Was, wenn der Mann ein Polizeispitzel wäre und er dadurch hinter Gitter käme? Er entschloss sich, den Kunden mit einem unverfänglichen, knappen und eher nichtssagenden Anschreiben neugierig zu machen:

„Hier ist Plunder aus Würzburg. Habe ein seltenes und wertvolles Stück bekommen, das das von Ihnen seinerzeit gewünschte bei Weitem übertrifft. Wenn Interesse besteht, bitte umgehend melden, da weitere Interessenten vorhanden.“

Plunder zögerte einen Augenblick, die Nachricht abzuschicken, so als würde er ahnen, was mit dem Besitz des Kelches auf ihn zukommen könnte. Doch die Vision von Reichtum und einem sorgenfreien Leben reichte aus, um alle Bedenken beiseitezuschieben. Ein Druck auf die „Versenden“-Taste und die E-Mail entschwand mit dem Zischen eines Feuerwerkskörpers ins Nichts des virtuellen Netzwerks. Wow, dachte er, was wohl jetzt passiert?

Bis dahin aber würde er sich um die Frage kümmern, wie er des Kelches habhaft werden könnte, dachte sich Plunder und sogleich kam ihm Bruno in den Sinn. Bruno, der sich kurioserweise „Brünoo“ aussprach, war ein allein lebender Kauz mittleren Alters. Wegen seines ungepflegten Äußeren wusste man nicht, ob er 30 oder vielleicht 60 Jahre zählte. Bruno brauchte immer Geld und wenn ein Auftrag einging, war er es, den Plunder zuerst anrief.

„Wer ist dran?“, drang eine raue Stimme aus dem Telefonhörer, der man die zahllosen Zigaretten und kaum weniger Bier anmerkte.

„Bruno, hier ist Plunder, ich hätte da wieder eine Sache für dich. Nicht schwierig, aber eilig. Ein Kunde möchte baldmöglichst beliefert werden“, antwortete Plunder und versuchte dabei seiner Stimme einen unaufgeregten Ton zu verleihen.

„Was springt dabei für mich raus?“

Plunder dachte kurz nach und entschied sich, die Sache als einfach darzustellen und auch den Preis niedrig zu halten, damit Bruno keinen Verdacht schöpfte. Doch noch bevor er antworten konnte, signalisierten ein Klingelton am Computer-Schirm und ein kleines Fenster: Eine neue E-Mail war eingegangen.

„He, Plunder, noch da?“, holte Bruno den Antiquitätenhändler in die Wirklichkeit des Telefonates zurück. „Was springt raus für mich, will ich wissen?“

„Die Sache ist einfach und macht keine großen Schwierigkeiten. Normalerweise zahl’ ich dir für so einen Auftrag einen Tausender, aber die Sache muss heute Nacht noch erledigt werden, deshalb ist diesmal das Doppelte drin!“

„Was isses denn?“

Plunder sah die ganze Zeit auf das Bildschirm-Signal und konnte sich nur mühsam auf das Gespräch konzentrieren.

„Ach, nur so ein Kelch aus der Domsakristei. Irgend so ein religiöser Spinner will den haben. Müsste eigentlich ganz einfach zu beschaffen sein. Die Türen haben nur alte Schlösser, mit jedem Dietrich zu öffnen, und soweit ich weiß, gibt es keine Alarmanlagen wie im Museum.“

„Okay, hört sich nicht schlecht an. Aber die Sache mit dem „eilt“ macht mir Probleme. Ich kann mich so schnell nicht erkundigen, ob das stimmt mit der Alarmanlage. Erhöhtes Risiko, also das Doppelte, viertausend, dann geht von mir aus die Sache klar.“

„In Ordnung“, sagte Plunder, „das müsste dem Kunden die Sache wert sein.“

„Wo steht das gute Stück denn?“

„Keine Ahnung, da musst du dich in der Sakristei umsehen. In einem Schrank vielleicht, was weiß ich, ich war ja noch nie dort!“, entgegnete Plunder sichtlich ungeduldig. Er wollte Bruno jetzt loswerden und das Gespräch beenden, um die E-Mail zu lesen, die sicher von dem unbekannten Kunden kam.

„Okay, ich erledige die Sache“, grunzte Bruno und legte auf. Plunder öffnete sogleich sein E-Mail-Postfach und fand tatsächlich die ersehnte Antwort vor: „Bin interessiert an der Sache. Bitte um nähere Angaben und Preisvorstellung.“

Der erste Schritt ist getan, dachte Plunder, jetzt kommt es darauf an, den Kunden zu ködern und neugierig zu machen.

„Habe die Möglichkeit, den berühmten Kelch des Abendlandes zu besorgen. Absolut zuverlässige Quelle und einzigartiges Stück!“, schrieb Plunder und drückte auf die Taste „Senden“.

Keine zwei Minuten und der Fisch war am Haken: „Wenn es tatsächlich der Kelch ist, kaufe ich. Welche Preisvorstellung?“

Plunder dachte angestrengt nach: Jetzt keinen Fehler machen! Aber was soll’s, wenn der Kunde wirklich jeden Preis zahlt? Und schließlich wollte er sich danach zur Ruhe setzen. Also galt es, so viel zu verlangen, dass er für alle Zeit ausgesorgt hatte. Er entschied sich für eine Summe, an die er noch nie zu denken gewagt hatte:

„Zwei Millionen Euro, jeweils zur Hälfte eingezahlt auf zwei Nummernkonten in der Schweiz. Sie teilen mir die eine Nummer mit bei Auftragserteilung und die andere, wenn Sie das gute Stück haben und sicher sind, dass es das richtige ist.“

Nachdem Plunder die Nachricht verschickt hatte, starrte er noch zwei Stunden auf den Bildschirm, ohne dass eine E-Mail ankam. Dann legte er sich ins Bett. Für ihn ging ein spannender Sonntag zu Ende und im Dom feierten die Dommäuse im Schein der Kerzen bis tief in die Nacht den Gewinn des Jackpots.


MONTAG

Ein später Kirchenbesucher mit unlauteren Absichten

Dominik konnte einfach nicht einschlafen. Der Streit mit Anna lag ihm schwer im Magen. Am Abend hatte er noch Berthold auf ein Spielchen getroffen, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Aber so richtig konnte er sich nicht konzentrieren und so hatte Berthold leichtes Spiel, Runde um Runde zu gewinnen, was diesen sichtlich erfreute.

„Weißt du, Dominik“, philosophierte Berthold und nahm einen tiefen Schluck vom Escherndorfer Lump, „die Weiber sind doch alle gleich. Zuerst machen sie dir schöne Augen und erzählen dir, dass du der Größte bist. Und wenn du dich dann so benimmst, als wärst du der Größte, dann zeigen sie dir, wo der Hammer hängt. Nämlich bei ihnen! Ich kenn mich da aus, das kannst du mir glauben.“

„Ach Berthold, wenn es doch so einfach wär’. Aber die Liebe …“

„Hör mir doch auf mit der Liebe! Sobald die Hormone rauschen, ist der Verstand im Arsch. Glaub’ mir, dann wär’ ich schon längst unter dem Pantoffel. Aber mein Mittelfinger hat mich immer rechtzeitig gerettet!“

„Dein Mittelfinger? Wie das denn?“

„Na klar, Kumpel. Mich hat einmal Josefine von den Ebracher Fräulein beim Weinfest am Marktplatz angemacht. Das war ein sauberes Weib, sag’ ich dir. Die hat vielleicht einen knackigen Arsch gehabt und küss’ konnte die, du hast gemeint, ein D-Zug rollt über dich rüber. Ich war hin und weg. Wir haben dann bis früh um fünf auf dem Marktplatz unter den Bänken gefeiert und getrunken, bis der Bäcker Brandstetter das Markt-Café aufgemacht hat. Ganz ehrlich, ich hatte einen Filmriss und weiß nicht mehr jede Einzelheit“, seufzte Berthold und genehmigte sich einen großen Schluck.

„Wie dem auch sei, nach drei Tagen ist sie zu mir gekommen und hat gemeint, sie wär’ schwanger und wir jetzt eine Familie. Außerdem solle ich zu ihr ins Kloster bei den Ebracher Fräulein ziehen. Ich! Ins Kloster! Kannst du dir das vorstellen? Und jetzt kommt der Mittelfinger ins Spiel!“, rief Berthold, gestärkt vom edlen Rebensaft, und tippte sich mit dem Mittelfinger mehrmals an die Stirn. „Du spinnst wohl, sagte ich, und damit war der Käs’ gegessen.“

„Aber die Josephine ist doch schon wieder schwanger“, warf Dominik ein.

„Aber nicht von mir, sag ich dir. Sie kann halt nicht nein sagen. Ich hab’ gehört, sie wär’ öfters drüben beim jüdischen Bademeister, beim Josele in der Wellness-Oase. Und der geht erst recht nicht ins Kloster!“

Dominik nahm die Weisheit des Weinphilosophen mit einem Seufzer hin und ging, nachdem er einige Käsewürfel an den zunehmend betrunkener werdenden Berthold verloren hatte, hinüber in sein Mäuseloch und vergrub sich unter einem Berg von Kissen.

Es war wohl kurz nach Mitternacht, die Glocke vom Grafeneckart hatte schon zwölf Mal geschlagen, als ein dumpfes Geräusch Dominik aus seinem leichten Schlaf riss. In der Annahme, dass Berthold in seinem Rausch ein paar Flaschen umgestoßen hatte, drehte er sich wieder um. Doch dann wiederholte sich das dumpfe Scharren und Knarren mit regelmäßigen Unterbrechungen. Es kam aus der Sakristei, konnte aber unmöglich von Berthold stammen, der im Rauschzustand jegliche Aktivitäten sorgsam vermied. Mit zwei, drei Sätzen war Dominik am Eingang seines Mauselochs. Unter der Türe, die vom Kirchenraum in die Sakristei führte, sah er einen Lichtschein unruhig hin und her huschen. Das musste eine Taschenlampe sein und da war auch wieder das Geräusch, das ihn geweckt hatte.

Konnte das Liebkind sein, der um diese Zeit noch die Sakristei aufsuchte? fragte sich Dominik. Wohl kaum, denn der hatte seine festen Gewohnheiten und dazu zählte auch der Schlaf zu nächtlicher Stunde. Sein Rätseln über den Grund der Ruhestörung unterbrach ein leises Betätigen der Klinke und die Tür öffnete sich im Schein einer Taschenlampe. Was dann durch den Spalt hereinkam ließ ihn erschauern. Eine Ratte schob sich durch die Tür, streckte ihren spitzen Kopf in die Luft und nahm Witterung auf.

Das kann nicht sein, dachte Dominik, wie soll eine Ratte die Tür der Sakristei öffnen? Doch gleichzeitig mit dem Tier huschte eine dunkle Gestalt in den in mattes Mondlicht getauchten Raum. Sie hielt eine Taschenlampe in der Hand, deren Schein nunmehr den Raum in zuckenden Bewegungen absuchte. Dominik wich instinktiv in sein Mäuseappartement zurück, als der Lichtkegel den Schrank der Sakristei erfasste. Der Eindringling ging auf den Schrank zu, aber – was Dominik weit mehr beunruhigte – auch die Ratte näherte sich in kurzen Bewegungen, mal rechts, mal links schnuppernd, dem Schrank und kam somit seiner Behausung gefährlich nahe.

Nun ist es in der Mäusewelt keineswegs so, dass sich Ratten und Mäuse bekriegen oder einander feindlich gegenüberstehen. Schließlich haben beide ihren Lebensraum in dem gleichen Metier oder besser gesagt auf der gleichen Ebene. Aber trotzdem geht man sich, wenn möglich aus dem Weg. Nur selten kommt es zu einer Unterhaltung, die dann mit einem kurzen „Hi Ratte, wie geht’s?“ und einem „Danke, Maus, es geht“ nicht allzu sehr in die Tiefe geht. Man kennt und meidet sich.

Dominik wollte keinen Kontakt; eine innere Stimme sagte ihm, dass es besser wäre, wenn die Ratte glaubte, dass er schliefe. Rasch sprang er mit einigen Sätzen zurück in sein Bett und legte sich so, dass er das Loch im Auge behalten konnte und gleichzeitig die Ratte mit einem Blick feststellen konnte, dass der Hausherr tief und fest schlief. Plötzlich vernahm er das Raunzen einer ihm unbekannten rauen Stimme:

„Wo kann nur dieser vermaledeite Kelch sein? Der Kerl sagte doch, in der Sakristei. Die Pfaffen halten ihr Zeug doch unter Verschluss, damit keiner rankommt. Mal sehen! Aha, der Schrank ist abgeschlossen. Aber das kriegen wir schon hin!“

Dominik hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde. Wo hat der Dieb wohl den Schlüssel her, durchfuhr es ihn. Woher sollte eine Dommaus auch wissen, dass es Dietriche zum Öffnen von Türen gibt? Im selben Moment herrschte um Dominik herum völlige Dunkelheit: Ein riesiger Rattenkopf hatte sich hereingeschoben und füllte das Mauseloch vollständig aus. „Gott sei Dank können Ratten nicht durch Mäuselöcher kriechen“, stellte Dominik erleichtert fest und hielt die Augen fest geschlossen, um keinen Verdacht zu erregen.

„Ah, sie schläft fest, die Pfaffenmaus“, zischte es an der Tür. Die Stimme aber kannte Dominik und augenblicklich fiel ihm auch ein, wem sie gehörte. Das war kein anderer als Attila, der König der Ratten. Jeder kannte den Ratterich und wer nur einen Funken Verstand hatte, ging ihm aus dem Weg. Attila wohnte bei einem gewissen Bruno und soweit Dominik es von anderen mitbekam, war dessen Ruf sogar noch schlechter als der seiner Ratte. Bruno soll, so sagt man, sich nur mit zwielichtigen Gestalten abgeben.

Attila hatte seinen mächtigen Kopf wieder aus dem Mauseloch zurückgezogen und Dominik stieg aus dem Bett und schlich sich langsam wieder nach vorne. Direkt vor ihm standen ein Paar riesige Menschenfüße, die zu Bruno gehören mussten.

„Na also, geht doch“, murmelte der und die Schranktüre öffnete sich mit leisem Quietschen. „Wo ist denn nur dieser blöde Kelch? Hier unten stehen nur Weinflaschen herum, Messwein wird das wohl sein. Sieh da, die Pfaffen haben keinen schlechten Geschmack, nur das Beste vom Besten: Würzburger Stein Spätlese, Randersackerer Ewig Leben Auslese und – natürlich – der Pfaffenberg darf nicht fehlen. Da hinten ein paar leere Flaschen und da liegt ja eine Maus auf dem Rücken vor einem ausgelaufenen Bocksbeutel. Die bewegt sich nicht. Offensichtlich tot. Hier oben nur Messgewänder, Kleiderzeug und Schachteln. Mal sehen, was da drin ist. Oblaten, wie es aussieht. Steht ja auch drauf: von der Juliusbäckerei. Aber kein Kelch. Wo ist nur das Teil? Hier im Schrank offensichtlich nicht.“

Bei seinen Selbstgesprächen ließ Bruno den Schein der Taschenlampe durch den Raum wandern.

„Was haben wir denn da drüben? Ein kleiner, feiner Hängeschrank! Mal sehen, was da drin ist.“ Fast gleichzeitig hörte Dominik, wie die Turmuhr viermal hell und dann einmal dumpf schlug. Aha, dachte er, ein Uhr.

Attila stand die ganze Zeit mit Bruno vor dem Sakristeischrank und als Bruno sich entfernte, sah Dominik, wie die Ratte mit einem Satz nach oben sprang. Es dauerte nur einen Moment und man hörte ein Rascheln von Pappe und dann ein Schmatzen. Attila hatte die Hostien gefunden und machte sich über die Schachteln her. Das nutzte Dominik und flitzte rasch unter den Sakristeischrank. Versteckt im Schatten eines Fußes sah er, wie sich Bruno an dem Hängeschrank auf der anderen Seite des Raumes zu schaffen machte.

Das laute Schmatzen, mit dem Attila die Hostien vertilgte, drang selbst zu Berthold in dessen Rausch. Hoffentlich wird der Trunkenbold nicht laut, dachte Dominik. Er wusste sehr wohl, was passieren konnte, wenn Berthold sich in seinem Schlaf gestört fühlte. Der würde sicher Radau machen, und wer weiß, was Attila dann in den Sinn käme. Das musste unter allen Umständen verhindert werden. Rasch sprang Dominik mit einem mächtigen Satz in den Schrank, huschte geräuschlos zwischen den Messwein-Flaschen hindurch und fand schließlich Berthold, in einer kleinen Weinlache auf dem Rücken liegend. Wie ein Maikäfer streckte der alle vier Beine in die Luft und ruderte damit herum. Tatsächlich hatte ihn Attilas Hostiengelage im Schlaf gestört und Dominik kam gerade noch rechtzeitig, um ihn am Aufwachen zu hindern. Rasch legte er ihm eine Pfote auf den Mund und sang dabei leise: „Schlaf, Berthold, schlaf ein, und träume süß vom Wein, die Engelein schaukeln dich hin und her, wenn’st aufwachst, gibt’s vom Wein noch mehr, schlaf, Berthold, schlaf ein.“

Keine leichte Aufgabe, den Trunkenbold zu beruhigen, denn die Wolke von Alkohol und Käse aus dessen Mund nahm ihm fast das Bewusstsein.

In der Zwischenzeit war es Bruno gelungen, den kleinen Hängeschrank zu öffnen. Im Schein der Taschenlampe suchte er dort nach dem Objekt seiner Begierde. „Ah, da ist er ja“, entfuhr es ihm, als im Lichtkegel ein goldener Gegenstand glänzte. Da stand er vor ihm, der Kelch. Auf den ersten Blick recht unscheinbar, so schlicht in seiner Form, keine Edelsteine oder Verzierungen waren zu sehen. Bruno stutzte einen Augenblick, nicht sicher, ob es sich um die bestellte Ware handelte. Eine Beschreibung des Kelches hatte ihm Plunder nicht gegeben. In Anbetracht dessen und weil er auch keine Lust hatte, nochmal die Sakristei auf einen eventuellen anderen Kelch zu durchsuchen, nahm er das Gefäß aus dem Hängeschrank und ließ es in einem dunklen Beutel verschwinden.

„Jetzt aber raus hier“, murmelte Bruno hastig und wollte schon die Sakristei verlassen, als er bemerkte, dass Attila verschwunden war. „Verdammt, wo ist die Ratte?“, entfuhr es ihm leise, aber vernehmbar. „Attila, wo steckst du, komm her!“

Im selben Augenblick schlug die Uhr zweimal und Bruno erschrak. Um halb drei würde der Wach- und Schließdienst auf seinem Rundgang am Dom vorbeikommen und wer wusste schon, ob den Wachmännern nicht etwas auffallen würde. Es galt, den Dom rasch zu verlassen. „Blöde Ratte“, zischte er, „bleib doch, wo der Pfeffer wächst! Ich verschwinde jetzt.“ Und damit huschte Bruno aus der Sakristei. Das Licht seiner Taschenlampe verlor sich langsam im Dunkel des großen Kirchenschiffes.

Attila war mit dem Verschlingen der Hostien dermaßen beschäftigt gewesen, dass er in seiner Gier gar nicht bemerkt hatte, dass sich sein Herr zwischenzeitlich aus dem Staub gemacht hatte. Nachdem die letzte Hostie verzehrt war, rülpste er genüsslich und spähte aus der oberen Etage des Schranks. Jetzt erst registrierte er, dass Bruno fort war. Mit plumpen Bewegungen – die Menge der Hostien hatte seinen Bauchumfang verdreifacht und der Schmaus lag ihm schwer im Magen – hangelte sich die Ratte die Schrankfront hinunter.

Dabei kam er an der Weinetage vorbei, wo Dominik noch immer dem trunkenen Berthold den Mund zuhielt, sodass dessen vier Beine sichtlich schlaff herunterhingen und seine Gesichtsfarbe sich schon leicht bläulich färbte.

„Gott sei Dank ist der Gierhals mit seiner Fresserei endlich fertig, der Trunkenbold geht mir sonst noch über den Main!“, dachte Dominik erleichtert, als Attila an ihnen vorüberkam und sich mit sichtlich schwerem Gang zur Tür schleppte.

„Die haben dem Liebkind seinen Kelch gestohlen!“, wurde sich Dominik schlagartig bewusst. „Wie soll der denn seine Messe ohne den Kelch halten? Und, noch viel schlimmer, was wird aus unserem schönen Wettbüro in der Sonntagsmesse? Das kann ich nicht zulassen, hier muss ich handeln. Den Kerl schnapp’ ich mir. Die fette Ratte kann sich doch kaum bewegen, wie die sich mit ihrem vollen Bauch davonschleppt. Ich brauche nur Attila zu folgen, dann weiß ich, wo der Kerl wohnt!“, dachte Dominik und ließ von Berthold ab, der mit einem erleichterten „Ufffff!“ dem Erstickungstod nur knapp entkam. Er ließ den Säufer in seiner Weinpfütze zurück, der sich, der Arme seines Retters ledig, auf den Bauch drehte und in den Silvanerresten rekelte.

Für Dominik war es ein Leichtes, der sich dahinschleppenden Ratte zu folgen. Vollgefressen, wie sie war zeigte diese keinerlei Anzeichen von Vorsicht und kümmerte sich nicht darum, ob ihr jemand folgte. Attila zwängte sich aus einem faustgroßen Loch neben dem Eingang zum Friedhof hinaus und musste sich dabei zweimal übergeben: Die Öffnung war dem Inhalt des Bauches nicht gewachsen. Zwischen Dom und Neumünster, im Schatten des Kilianshauses, ging es dann über die Dom- und Augustinerstraße in Richtung Sanderau.

Am Dom bemerkte die Ratte nicht einmal den Wach- und Schließmann, der die Treppen hinauf zum Dom ging, um die Türe zu überprüfen. Der übersah ebenfalls den unförmigen Ratterich, rüttelte pflichtgemäß an der Klinke und schritt weiter zum Seiteneingang des Doms.

Unendlich lange schien es Dominik, bis Attila schließlich die Sanderstraße erreicht hatte und in die Untere Johannitergasse einbog. Hier hatte Bruno seine Wohnung. Dominik merkte sich die Türe, hinter der die Ratte verschwunden war, und überlegte, was zu geschehen hatte. „Der Kelch ist weg und muss unbedingt wieder her. Ob ihn Bruno wohl behalten will?“ Er musste die anderen Mäuse im Dom benachrichtigen und Bruno durfte nicht aus den Augen gelassen werden. Dominik rannte in den Dom zurück, um alles Notwendige in die Wege zu leiten.

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268 p. 15 illustrations
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9783429062064
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