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Wolfgang Bendick

Kreuzweg zu anderen Ufern

Bekenntnisse eines Seminaristen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Buch

PROLOG

TEIL 1 - DAS DORF

DIE FREUNDE

KIRCHGANG

SONNTAG

SÜNDE

DER ROLLENDE BEICHTSTUHL

DAS MAIENWUNDER

MYSTIK UND VERBOTENE FRAGEN

DAS WELTLICHE GESETZ

TEIL 2 - DAS SEMINAR

DIE PILGERFAHRT

JUGENDARBEIT

DIE WENDE

ENDLICH FERIEN

DIE LEHRER

ZOFF

SONNTAGSHEILIGUNG

WENN RECHT ZU UNRECHT WIRD…

MUSIK

DIE KOMPLET

FREIHEITSDRANG

DER HIPPIEBUS

ETWAS WELTOFFENER

EXTERN

DER ANTICHRIST

ERWACHENDER EROS

NACHILFEUNTERRICHT IN LIEBE

REISETRÄUME

ENDLICH

POSTSCRIPTUM

Weitere Werke des Autors

Impressum neobooks

Zum Buch

Wolfgang Bendick

Kreuzweg

zu anderen Ufern

BEKENNTNISSE EINES SEMINARISTEN

All meinen Lehrmeistern gewidmet,

den guten und den schlechten,

die mir durch ihr Wissen und Beispiel geholfen haben,

den Geist zu öffnen

und zu dem zu werden,

der ich bin.

Vor allem Herrmann,

meinem langjährigen Klassenlehrer,

der schon lange vor mir an meine Talente glaubte…

Ein Dankeschön an die Freunde, die mir Mut gemacht haben, dieses Buch zu schreiben, und mit ihren Erinnerungen manch eine Episode aus der Vergessenheit zurückgeholt haben.

Dank auch jenen, die beim Verbessern dieses Buches geholfen haben, wie meiner Tochter Lucia, dem Franz und dem Peter…

Zum 50sten Jahrestag des Abiturs des K5 (1971)

Dieses Buch ist die Geschichte eines jungen Menschen in seiner Sturm-und Drangzeit, der sich von Gott gerufen fühlt. Es ist das intime Tagebuch einer Seele, die zur Mystik erwacht, gefangen in einem heranreifenden Körper, und die die Antwort auf die ihn aufwühlende Frage nach dem Sinn des Daseins in der katholischen Religion findet. Für eine Weile zumindest. Dabei geht der Weg durch die Täler der Sünde bis hin zur Glückseligkeit der Gegenwart Gottes, führt durch Fundamentalismus letztendlich zur Vernunft und hin zur Selbstbefreiung: Weder Gott noch Meister! Oder anders ausgedrückt: Wir sind Kinder des Universums…

*

Wie schon meine anderen Bücher ist dieses Werk eine Fiktion, die teilweise auf reellen Begebenheiten beruht. Die Geschichte spielt Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, ist aber noch genauso aktuell wie damals, denn die katholische Kirche (sowie alle anderen Religionen) hat sich weniger schnell entwickelt als die Gesellschaft oder die Wissenschaften. Die Entwicklung in der Welt beweist, dass der Mensch (noch?) nicht ohne Religion leben kann. Nur – haben Religionen je zu einer besseren Welt beigetragen oder sind sie Zuflucht für die Menschen, die mit der Realität nicht zurechtkommen? Oder gar Ursprung aller Konflikte???

Dieses Buch ist ein weiterer Teil eines Puzzles von 75 Jahren Zeitgeschichte.

Alle Handlungen sind frei erfunden,

nur manche Namen sind echt

PROLOG

PROLOG

Ich fühlte mich frei. Völlig frei. Ein wunderschönes Gefühl. Hatte ich doch einen Beruf gewählt, der es mir ermöglichte, ohne Bindung zu sein, hinzugehen, wo ich wollte, zu denken, was ich wollte: Seemann!

Doch trotz allem, oder gerade wegen dieses Berufes, befand ich mich auf einem Logenplatz, um das Elend in der Welt zu sehen. Manchmal wunderte ich mich wirklich, schämte mich schier, dass ich mich nicht auf der anderen Seite befand, bei den Elenden. Was hatte bewirkt, dass ich einer von den wenigen war, mit denen es das Schicksal beim Verteilen der Geburtsorte gut gemeint hatte? Und manchmal dachte ich mir, dass meine Freiheit gar nicht echt sei, nur eine Selbsttäuschung, denn: entweder sind wir alle frei und erleben uns als Brüder ohne Angst und ohne Hass, oder aber wir müssen noch an der Freiheit arbeiten, damit sie ein Gemeingut wird…

Ist es unsere Lebensweise im Überfluss, die es uns erlaubt, solche Gedanken zu hegen, oder sind solche Gedanken Menschen aller Klassen zu eigen, zumindest einem geringen Teil von ihnen, und bewegt sie dazu, zu Idealisten zu werden, zu Träumern von einer heilen Welt?

Und dann stellt sich die Frage: Wie und wo den Hebel ansetzen, um die Welt in eine etwas harmonischere Richtung rotieren zu lassen? Sollte man erst Millionen verdienen, welche man dann über das Elend verstreut, um es auszumerzen? Soll man eine Revolution machen, um den Menschen einen neuen Weg zu zeigen und den Reichen das zu nehmen, was sie uns über Generationen vorenthalten haben, um es gerecht zu verteilen? Ersteres schien mir zu langwierig und außerdem hatte meine Mutter schon immer gesagt: „Geld verdirbt den Charakter!“ Die wenigen Reichen, die ich kannte, waren ein vortreffliches Beispiel dafür. Und für das zweite hatte ich nicht den Mumm. Allein von meiner Gestalt her war ich eher ein Schwächling und außerdem waren meine Ideale Albert Schweizer und Mahatma Gandhi, also alles Pazifisten.

Und Revolutionen hatte es schon genug gegeben, gab es noch immer irgendwo auf der Erde, wie ich selbst in den besuchten Ländern erlebt hatte, und alle führten nur durch ein Blutbad zu einer erneuten ungerechten Verteilung der Güter… Nein, man müsste das anders angehen, kam es mir in den Sinn, von innen her, angefangen bei der Bildung, dem Übermitteln von universellen Werten von Kindheit an! Dem Geld seinen Stellenwert zu geben, der ihm zusteht: Eine Nebensache! Eine Art Schmierstoff, schmutzig, aber notwendig, der ein Teilen der Güter der Welt und damit ein harmonisches Zusammenleben auf der Erde ermöglichen könnte…

Solcher Art waren meine Gedanken, während ich auf meinem Moped durch die Buchenwälder zwischen dem Ammersee und Starnberger See knatterte, auf dem Wege nach Walzell, einem Ortsteil von Loisachtal – mir noch völlig unbekannt – um mich dort an einer Schule vorzustellen. Ich hatte gerade auf dem Schiff abgemustert, hatte ein paar Wochen Landurlaub vor mir, bevor es auf einen neuen Dampfer, meinen letzten, wie ich mir vorgenommen hatte, gehen sollte.

Um Bildung zu vermitteln, musste man erst mal selber welche haben, war meine logische Schlussfolgerung gewesen. Diese hatte mich zu der Entscheidung geführt, als erstes das Abitur nachzumachen, um dann zu studieren – entweder Pädagogik oder Theologie – und den Menschen zeigen zu können, wo es lang ging… Nur gab es zu jener Zeit wenige Schulen, auf denen man das Abi nachholen konnte, da der ‚zweite Bildungsweg‘, wie er genannt wurde, erst in den Kinderschuhen steckte. Angeblich gab es nur zwei Institute in Deutschland, wo das möglich war, ein staatliches bei Köln und ein anderes, kirchliches, eben hier in Walzell.

Ich hatte Zeit. Mein Rendezvous war für 14 Uhr angesetzt, also nach dem Mittagessen. Die schmale Teerstraße schlängelte sich durch den hochstämmigen Wald. Es war kein Verkehr, war ja auch Mittagszeit. Ich ergötzte mich an den Kurven, ließ mich regelrecht hineinfallen, um mich durch ein Drehen am Gasgriff wieder heraus zu hebeln, soweit das bei den 2,6 PS des Motors meiner kleinen Zündapp überhaupt möglich war. Meine Freunde fuhren inzwischen Motorräder, wenn nicht gar Autos und hupten mitleidig, wenn sie mich überholten. Doch mir ging es nicht um Geschwindigkeit. „Klein, aber fein!“, war eine Devise meiner Mutter gewesen und irgendwie auch zu meiner geworden. Eine andere war: „Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt!“ Es lag ein leichter Geruch von trockenem Laub und Sommertag in der grünlichen Luft, die hier und da von einem goldenen Sonnenpfeil durchstoßen wurde. Die Schatten der Äste zeichneten dann skurrile Muster auf den Asphalt.

Plötzlich – war ein Schlagloch die Ursache gewesen? – ein Ruck, ein Klappern, schon hatte ich die Kupplung gezogen und kam am Straßenrand zu stehen. Mir war klar, dass es die Kette war. War sie gerissen? Nein, sie war nur abgesprungen! Ich bockte die Karre auf den Ständer, suchte unter der Sitzbank mein Bordwerkzeug und machte mich ans Schrauben. Routine. Doch waren meine Hände nachher so schwarz, dass ich Bedenken hatte, so zu dem Treffen zu erscheinen. Obwohl – dachte ich mir – für ein Rendezvous mit einem der Schwarzröcke vom erzbischöflichen Ordinariat in Augsburg könnte das vielleicht ein glückliches Omen sein. Ich versuchte, die Hände mit Blättern sauber zu wischen. Vergeblich. Ich zog den Benzinschlauch vom Hahn und rieb meine Hände mit dem würzigen Saft, der herausquoll, ein. Das ging schon besser! Es blieben nur noch die Fingernagelränder schwarz. Da bemerkte ich unweit hinter den Bäumen einen kleinen Waldsee. Ich fuhr bis auf den kleinen kiesbestreuten Parkplatz. „Wörthsee “ stand auf einem Holztäfelchen und „Angeln verboten!“ Ich rutschte das niedrige Ufer hinunter und kratzte etwas Sand und Kies aus der unterhöhlten Böschung. Damit scheuerte ich meine Hände, bis sie rot waren. Doch die Nägel blieben weiterhin schwarz.

An der Schule und dem Seminar – mehrere nicht zu übersehende große Gebäude inmitten von kleinen Reihenhäuschen – angekommen, fragte ich die Sekretärin, die mich empfing, erst mal nach den Toiletten und nach Seife. Dann setzte ich mich auf eine Bank im hohen und dämmerigen, breiten Flur und wartete auf das, was passieren würde. Ein leichter Essensgeruch hing noch in der Luft. Leises Tellerklappern zeugte von reger Tätigkeit in der Spülküche. Wie viele Personen mochten hier leben? Wie war man untergebracht? Solche und andere Dinge gingen mir durch den Kopf. Aber meine Entscheidung war schon getroffen. Sollte es von Seiten der Schule keine Vorbehalte geben, würde ich mich hier für die nächsten Jahre integrieren. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht aushalten würde…

Da öffnete sich mir gegenüber eine Tür und heraus trat eine hagere, hohe Gestalt in Schwarz von bestimmt über 80 Jahren. Was mir auffiel, waren die grauen Haare in Form eines Bürstenschnittes. Irgendwie roch die Person sogar alt. Fast modrig. Wie soll ich das sagen, nach Mottenkugeln oder jenen Kräuterpastillen aus dem Reformhaus, die ein hohes Alter versprechen, wenn man sie regelmäßig lutscht. „Prälat Vil vom erzbischöflichen Ordinariat Augsburg!“, stellte er sich vor. „Ich bin zuständig für die Zulassung der Studenten des Bistums Augsburg in das Seminar St. Matthias!“ Ich folgte ihm in das Büro, das sicherlich für solche Gespräche vorgesehen war.

Er nahm hinter einem breiten Schreibtisch Platz und wies auf einen Stuhl davor. Ich bemerkte, dass von mir immer noch ein leichter Benzingeruch ausging und versuchte meine Fingerspitzen in den Händen zu verstecken, denn trotz der Seife waren diese schwarz geblieben. In den Toiletten hatte ich außer der Klobürste keine andere gefunden. Und diese als Nagelbürste zu benützen, war mir doch etwas zu abwegig erschienen.

Das Frage- und Antwortspiel zwischen uns zog sich eine Weile hin. Es erinnerte mich etwas an Katz- und Maus. Er war der Kater und eindeutig in der beherrschenden Position. Irgendwie wollte er mein religiöses Leben ergründen, sagen wir mal, die Tiefen meiner Seele sondieren. Einer höheren kirchlichen Persönlichkeit als einem Pfarrer hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht genähert, kam es mir in den Sinn, oder, halt doch, bei der Firmung hatte mir damals ein ‚Weihbischof‘ die Salbung und den Backenstreich gegeben.

Er erklärte mir, dass ich schriftlich ein offizielles Aufnahmegesuch stellen müsste, mit Begründungen und so weiter. „Warten sie, ich werde ihnen ein Muster ausstellen, welches sie dann abschreiben und an der entsprechenden Stelle einreichen müssen“. Und er schrieb mir mit seiner etwas zittrigen Hand, durch deren Haut ich meinte die einzelnen Knochen sehen zu können, in der alten deutschen Schrift, welche ich zum Glück damals in der Volksschule noch gelernt hatte, folgendes auf ein Blatt Papier: „An den hochwürdigen Herrn Prälaten Vil, Erzbischöfliches Ordinariat des Bistums Augsburg, Domstraße. „Hiermit bitte ich, ... , demütig um Aufnahme in das Seminar für Spätberufene St. Matthias zwecks Erlangung der Hochschulreife und des späteren Studiums der Theologie“. Die Schulzeit, erklärte er mir noch, dauere 6 Jahre. Begabte Studenten hätten aber die Möglichkeit, Klassen zu überspringen, und die Zeit etwas zu verkürzen.

Anschließend wurde einer der älteren Studenten damit beauftragt, mir das Seminargebäude zu zeigen und die Schule, etwas abseits davon gelegen, aber durch einen auf der Südseite mit großen Fenstern versehenen Gang mit ersterem verbunden. Wie ich dabei erfuhr, waren die Hauptgebäude während des letzten Krieges eine Munitionsfabrik gewesen und anschließend in das ‚Lager Föhrenwald‘ umgewandelt worden, um Kriegs-Flüchtlinge, hauptsächlich Überlebende aus den KZ und aus dem Osten, aufzunehmen. Erst in späteren Jahren hatte das Bistum München das Gelände erworben, eine der Hallen in eine Kirche umgewandelt und die anderen in Seminar und Schule. In den Klassenzimmern (nachmittags war kein Unterricht, sondern Studierzeit) hing ein Geruch wie in jeder Schule, nach Kreide und sich langweilenden Schülern. Im Foyer, über eine ganze Wand verteilt, prangte ein Fresko, hauptsächlich in Gelbtönen gehalten, welches dem französischen Jesuiten, Theologen und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin gewidmet war, von dem der Direktor des Seminars ein Verehrer war. Doch mir besagte der Name nichts. Das Gemälde sollte die Evolution des Universums seit seiner Entstehung bis hin zu seinem Endzustand darstellen, von der reinen Materie über den Menschen bis hin zum universellen Bewusstsein.

Die Schüler der unteren Klassen waren in Schlafsälen mit 7 Betten untergebracht, daneben befand sich ein Studierzimmer mit 7 Schreibtischen. Hier roch es nach Kaffee und nebenan nach Socken. Um einen Schreibtisch herum hatten vier Schüler ihre Stühle zusammengerückt und tranken Kaffee. Nebenan auf den Betten lagen zwei andere und lasen ein Buch. Kreuze an den Wänden und Marienbilder zeugten davon, dass es sich um ein katholisches Institut handelte, ein paar bunte Poster dazwischen, dass hier junge Menschen lebten. Je weiter man in den Klassen aufsteige, umso weniger Personen wohnten zusammen in einem Zimmer, erklärte man mir. Irgendwie kam mir mein letztes Schiff in Erinnerung. Dort hatten wir Einzelkabinen gehabt, weil es in Schweden gebaut worden war. Auf deutschen Schiffen, weniger fortschrittlich, gab es nur Zwei-Bett-Kabinen. Sechs Betten und mehr, das war damals in der Segelschiffszeit gewesen, als man noch in der Back (Vorschiff) wohnte. Na ja, ich würde schon irgendwie zurechtkommen. Alles Gewohnheitssache…

Die Toiletten befanden sich im Flur, die Duschen und Bäder irgendwo im Keller. Mit einem Besuch der Kirche, einem lichten und klarem Raum (ich versuchte die Kniebeugen und Kreuzzeichen im richtigen Augenblick und am richtigen Ort zu machen, indem ich meinen Führer nachmachte), endete der Rundgang.

Wieder zu Hause, machte ich mich an das Schreiben des Briefes, natürlich in normaler Schrift, der lateinischen, wie man sie auch nannte. Sollte der Prälat sehen, wie er zurechtkam! Meistens war ich nur nachmittags zu Hause, bei meiner Mutter, die sich so freute, dass ich mal da war. Meinem Vater ging meine Anwesenheit auf den Geist. „Der soll was arbeiten wie alle normalen Menschen, und nicht daheim rumhängen!“ Also schlief ich meistens bei Freunden oder früheren Schulkameraden, wo sturmfreie Bude war oder tolerantere Väter… Deren letztes Schuljahr, die Abiturklasse hatte gerade angefangen. Mit ihnen ging ich manchmal in den Unterricht und setzte mich auf den Platz eines abwesenden Schülers. Das war einfach, da manche Lehrer die Namen der Schüler noch nicht kannten. Manchmal malte ich ihnen Bilder für den Zeichenunterricht oder schrieb ihnen Aufsätze, was mir wahnsinnigen Spaß machte, hatte ich doch noch vor drei Jahren selber unter der Willkür einiger Lehrer gelitten. Im Erdkunde-Unterricht durfte ich sogar offiziell meine bis dahin gedrehten Filme von Afrika zeigen.

Natürlich ging ich auch in die Kirche. Ich holte das nach, was ich auf dem Meer versäumt hatte. Der Pfarrer schien froh zu sein über die Rückkehr des verlorenen Sohnes.

TEIL 1 - DAS DORF

DAS DORF

DIE FREUNDE

Doch gehen wir erst mal ein paar Jahre zurück in das Dorf meiner Jugendzeit. Unter meinen Freunden befanden sich einige „Weihwasserfrösche“, wenn man so sagen kann, wohnten wir doch in Bayern. Hier war jeder mehr oder weniger katholisch, außer den wenigen Protestanten. Aber diese gingen auch in die Kirche, ein eher schlichter Versammlungsraum am anderen Ende des Dorfes gelegen. Und diese hatten auch ihren eigenen Friedhof, im Nachbarort gelegen, denn der katholische war ihnen nicht erlaubt. Ging ein Katholischer in seiner Verzweiflung mal in die Iller oder nahm den Strick, oder starb ein Nicht-Gläubiger, so wurde dieser auf dem evangelischen Friedhof beigesetzt, ebenso diejenigen, die eingeäschert wurden. Dort war man toleranter, was den letzten Ruheplatz auf Erden betraf, er war sogar für Heiden geöffnet! Sicher war man hier auch großzügiger, was den Zugang zum Himmel betraf… Die Verbrennung der Verstorbenen hatte die katholische Kirche streng verboten, da es in ihren Augen eine Leugnung der Auferstehung von den Toten mit Fleisch und Blut war.

Wenn wir Jugendlichen uns trafen waren meistens Katholische und Evangelische gemischt. Standen irgendwo ein paar zusammen, so gesellte man sich dazu oder ging zu einem anderen Platz oder Wohnblock, wo man sicher war, Gleichaltrige zu treffen oder klingelte einen Freund heraus. Es gab immer etwas zu besprechen oder einfach nur rumzualbern. Wen von uns jungen Leuten kümmerte schon die Religion? Zumindest hängte man sie nicht an die große Glocke. Wir hatten andere Themen: Mädchen, Mode, Autos, Radtouren, Schwarzfischen, Unsinn machen, Schlagersänger… Eigentlich waren hauptsächlich Buben beieinander. Zumindest abends. Mit den Mädchen hatten wir es noch nicht so. Irgendwie trauten wir uns nicht ran, waren zu schüchtern. Uns nervte, wenn sie zusammenstanden, auf uns zeigten und untereinander gickerten wie Hühner. Wir streckten ihnen die Zunge raus oder drehten ihnen den Rücken zu.

Anfangs hatten mein Bruder und ich es schwer, die anderen zu verstehen, da wir von Norddeutschland kamen und fast alle hier Dialekt sprachen. Natürlich verarschte man uns deshalb und nannte uns die ‚Preußen‘ oder gar die ‚Saupreußen‘. Nach einer Weile störte uns das nicht mehr und sie nannten uns mit dem Vornamen oder dem Familiennamen mit der Vorsilbe ‚klein‘ oder ‚groß‘ davor. Was uns aber sehr überraschte, fast störte, waren die Flüche, die jeder zur Bekräftigung seiner Worte gebrauchte. Wir im Norden benutzten auch Kraftausdrücke. „Scheiße“ und „verdammt, beschissen, verflixt, saudumm, Mist, Kacke, Arschloch…“ Aber in Bayern glichen die Flüche eher einer religiösen Litanei. Die Evangelischen waren darin etwas zurückhaltender. Vielleicht, dass ihr Pastor mehr Gewicht auf das zweite Gebot legte, „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren“, während die katholischen Pfarrer sich im sechsten Gebot festgebissen zu haben schienen: „Du sollst nichts Unkeusches tun, denken oder reden“. Manchmal versuchte man sich im Fluchen gegenseitig zu übertrumpfen. Einmal organisierten wir einen Wettbewerb im Fluchen, wo natürlich Peter, ein Katholischer, gewann mit dem längsten je ausgesprochenen Fluch: „Himmelherrgottsakramentkreuzkruzifixhallelujascheisshureglump verrecktsjamileckstamarschdudamscherjahrgangdusaudummesblödessäckeldu!“

Aber in wieweit war ich überhaupt katholisch? Da mein Bruder und ich nicht im Dorf geboren waren und auch nicht hier die Volksschule besucht hatten, besaßen wir keinen festen Platz in den Kirchenbänken. Denn anfangs schickten uns die Eltern sonntags in die Kirche. „Was sollen die Leute denken!“, war ihre Begründung, „und außerdem haben wir ja ein Lebensmittelgeschäft! Da sollten wir uns schon etwas nach den Bräuchen richten…“ Sollten wir zwei quasi als Werbung in die Kirche gehen? „Warum geht ihr nicht, warum nur wir?“, meinten wir zwei, uns einmal einig, was sonst selten der Fall war, etwas aufgebracht. „Wir Erwachsenen brauchen das nicht! Und außerdem kann euch das nicht schaden!“, wurden wir zurechtgewiesen.

Da wir keine festen Plätze hatten, stiegen wir also auf die Empore, eine Art Balkon, über dem sich auf einem noch höheren Niveau die Orgel befand und der Platz des Kirchenchores, der sonntags beim Hochamt in Aktion trat. Das Innere der Kirche, nachts nur von dem winzigen Flämmchen des ewigen Lichtes erhellt, hatten wir mit Freunden, von denen einige evangelisch waren, schon mehr oder weniger heimlich ausgekundschaftet, da die Kirche ja nur nachts abgeschlossen wurde, und das auch nicht immer. Diese seit Luthers Reformation (31. Oktober 1517, mein Namenstag!) vom wahren katholischen Glauben Abgefallenen waren Kinder von Kriegs-Flüchtlingen oder später zugezogenen „Preußen“, also Norddeutschen, die in unserer Nachbarschaft in einer neugebauten Siedlung wohnten.

Ich hatte einen sehr guten Freund, Manfred, der katholisch war und mir des Öfteren vorschlug, mit in die Sonntagsmesse zu gehen. Er war ein guter Kumpel, etwas über ein Jahr älter als ich. Eigentlich hatte ich seine Schwester vor ihm kennengelernt, die Christa, die öfters das Mädchen unserer Nachbarn besuchte, und mit ihr spielte. Dadurch kamen wir zusammen und ich spielte mit. Mich wunderte, dass meine Eltern nichts dagegen hatten, wie es sonst üblich war. Wahrscheinlich hatten sie von unserer Freundschaft gar nichts mitbekommen, da sie die ersten Jahre nach unserem Umzug sehr mit ihrem Lebensmittelladen und Geldverdienen beschäftig waren. Christa hatte ein kleines Schönheitsmal auf ihrer linken Wange, was meinen Blick automatisch auf sich zog. Wir waren noch Kinder, und sie war vorne noch so flach wie ich unterm Bauch und unsere Zärtlichkeiten und Spiele waren die von Kindern.

Ihre große Schwester hingegen, die ich bald kennenlernen sollte, die Lindis, etwa 5 Jahre älter, hatte einen enormen Vorbau, war ziemlich groß und sehr schlank. Man hätte meinen können, dass sie als Modell für die Barbie-Puppen gedient hatte, die langsam in Umlauf kamen. Diese Schwester hatte einen Freund mit einem dicken BMW-Motorrad, der sehr dem Ken, dem Freund Barbies, ähnelte. Wenn die zwei auf ihrer Maschine durchs Dorf tuckerten – ganz in schwarzes Leder gezwängt, sie ihn an der Hüfte umklammernd – war es sicher, dass jeder sich nach ihnen umdrehte. Auch war da noch eine kleine Schwester in der Familie, blond, ein liebes Ding und eben der Manfred, damals ein Freund meines Bruders, da sie das gleiche Alter hatten und in dieselbe Schule gingen.

Als ich das erste Mal mit in ihre Familie kam, war ich überrascht von dem herzlichen Umgangston. Sie wohnten schräg gegenüber in einer der Sozial-Wohnungen auf engstem Raum. Das Gemeinschaftsbad für alle Hausbewohner befand sich im Keller. In dem Maß, wie Christa an Rundungen zunahm, fand sie mich zu kindisch, was ja auch stimmte, denn mit ihren Hormonen war sie mir mindestens um zwei Jahre voraus. Vor allem wusste ich bald nichts mehr mit den zwei Freundinnen anzufangen, unsere früheren Spiele begeisterten sie nicht mehr. In Bezug auf Schwofen war ich eine Niete und es fehlte mir, ehrlich gesagt, auch an Mut, denn einmal, als ich ihr zu nahegekommen war, hatte sie mir eine geknallt. Bald hatte sie einen neuen Freund und ich auch, ihren Bruder.

Wir zwei unternahmen Radtouren miteinander, er spielte außerdem sehr gut Mundharmonika. Später überließ ich ihm meinen Gitarren-Fernkurs, mit dem er in ein paar Woche so gut spielen lernte, dass er eine Band gründete, während ich es gerade mal schaffte, eine Melodie mit Akkorden zu begleiten. Er hatte nur einen Fehler, er war ein ziemlicher Angeber. Er musste bei den Radtouren immer der erste sein, was mich nicht störte, da ich so seinen Windschatten ausnutzen konnte. Er war halt ein schlechter Verlierer, und versuchte eher zu bescheißen, als auch mal zweiter zu sein. Aber sonst war er korrekt und wir machten nie Schweinereien miteinander, wie es mit den evangelischen Freunden vorkam, die da viel toleranter waren, wahrscheinlich, weil sie nur eine Gemeinschaftsbeichte ablegten und nicht direkt ihre Schandtaten dem Pastor sagen mussten.

Kurz und gut, mit Manfred herumzuhängen, duldeten meine Eltern und auch, dass ich bei ihnen Fernsehen schaute, obwohl in ihren Augen sonst kaum ein Umgang gut genug für mich war. Sie hielten sich nun mal für etwas Besseres und wollten vor allem, dass aus uns zwei Kindern nochmal was Besseres würde. Nur einmal fiel er bei meiner Mutter in Ungnade und mir wurde verboten, ihn zu treffen, woran ich mich aber nicht hielt, da ich es schnell genug gelernt hatte, elterliche Gebote (wie auch die Gebote Gottes) unauffällig zu umgehen. Ich glaube nicht, dass meine Mutter den Vater davon unterrichtet hatte (oder vielleicht doch?). Und das kam so: Als ich abends zum Essen heimkam - Vater rackerte sich auswärts bis spät in die Nacht für uns ab, damit wir es später einmal besser haben sollten, er machte Versicherungen - fragte die Mutter: „Na, wo warst du denn heute?“ Ich: „Beim Manfred!“ „Und, was habt ihr da gemacht?“ Sollte ich ihr wirklich erzählen, was wir alles getrieben hatten, und dass auch der Jürgen, ein Evangelischer, ziemlich älter als ich, ein Freund meines Bruders dabei waren und auch mein Bruder? Lieber nicht, sie würde bestimmt irgendetwas Verbotenes daran finden, alleine schon, dass die anderen älter waren. Und vor allem würde mein Bruder das als ‚Petzen‘, also Verrat, auffassen.

„Witze erzählt!“, antwortete ich ihr und hoffte, dass es damit abgetan sei. Aber nein, sie hakte nach. War das Geschäft in ihrem Laden so mies gewesen, dass sie Aufheiterung brauchte? Denn meistens kamen die Kunden erst gegen Monatsende zu uns einkaufen, wenn sie bei den anderen Krämern im Dorf keinen Kredit mehr bekamen. „Erzähl mir doch einen, ich möchte auch mal was zum Lachen haben!“, forderte sie mich auf. Ich fing an zu schlucken. Die Witze, die die Großen erzählt hatten, waren nicht für Kinderohren gewesen und sicherlich auch nichts für die Ohren Erwachsener, zumindest der eigenen Eltern. Obwohl ich mir vorstellen konnte, dass sie sich auch solche erzählten. Einer war gewesen: „Was ist der Unterschied zwischen einer Autobahn und einem Nylonstrumpf?“ Wir rieten herum und fanden keine Lösung, bis dann der Jürgen sagte, „die Autobahn führt durch den Urwald, der Nylonstrumpf geht bis zum Urwald“. Wir brachen alle in Lachen aus, als hätten wir uns das denken können. „Was denn für einen Urwald?“, fragte ich leise den Manfred. „Na, die Muschi der Mädchen, die Schamhaare, du Säugling du!“ Jetzt kapierte auch ich.

Doch einen solchen Witz würde meine Mutter wohl noch weniger als ich kapieren. Oder zumindest falsch auffassen. Ich zog es vor, ihn ihr nicht zu erzählen. „Na, dann sind das wohl keine echten Witze gewesen?“, drang meine Mutter weiter, „geniere dich nicht, ich verstehe schon auch Spaß!“ Nun gut, wenn sie Spaß verstand, dann würde sie wohl den anderen Witz kapieren und mit mir darüber lachen. Ich begann: „Das ist eigentlich kein richtiger Witz, sondern eher ein Rätsel, aber zum Lachen“. „Da bin ich ja gespannt!“ „Was ist der Unterschied zwischen einer Telegraphenleitung und einem Sofa?“, fragte ich sie und schaute sie gespannt an. Sie überlegte eine Weile, murmelte vor sich hin, um dann einzugestehen: „Ich find’s nicht, also sag du’s mir!“ „Auf der Telegrafenleitung paaren die Vögel, auf dem Sofa vögeln die Paare!“ Und ich fing an zu lachen. Nur, meine Mutter lachte nicht. Ihr Gesicht wurde rot. „Das ist kein Witz, das ist eine Schweinerei! Von wem hast du das, vom Manfred?“ Ich nickte, konnte doch nicht sagen, dass der vom Jürgen war, denn sonst hätte mein Bruder mich als Petze bezeichnet. So kam es, dass mir der Umgang mit dem ‚Früchtchen‘ Manfred verboten wurde, obwohl der eigentlich der kleinste ‚Dreckbär‘ der Bande war.

Da wir uns offiziell nicht mehr sehen durften, tüftelten wir sogleich aus, wie wir uns trotzdem verabreden könnten. Wir kamen auf die Idee, es mit bunten Papierfähnchen anzuzeigen. War mein Vater zu Hause oder sonst wie dicke Luft, klebte ich mit Tesafilm einen roten Zettel außen an mein Zimmerfenster (Manfred wohnte ungefähr 8O Meter schräg hinter uns. War die Luft rein, pappte ich einen grünen Zettel auf die Scheibe. Ebenso tat er, wenn er mich treffen wollte.

Doch war das alles irgendwie zu umständlich. Denn wir hingen ja nicht immer nur im Fenster. Die Nachmittage strolchten wir durch die Gegend und ‚kundschafteten aus‘. Im Micky-Maus-Heft hatten wir gesehen, wie die drei kleinen Schweinchen mit dem kleinen bösen Wolf mittels zweier Dosen und einer dazwischen gespannten Schnur telefoniert hatten. Wir besorgten uns einen langen Bindfaden, durchlöcherten die Böden zweier Konservendosen (das alles in einem Moment, wo meine Mutter voll in ihrem Laden beschäftigt war), verknoteten die Fäden und versuchten unsere Nachrichten zu übermitteln. Doch klappte es nicht richtig. Nur wenn wir hineinschrien, hörten wir uns. Aber Schreien mussten wir ja vermeiden, damit uns niemand auf die Schliche kam. Wahrscheinlich funktionierte unser System nicht, da die Schnur den Boden berührte. Die Entfernung war einfach zu groß und die Kordel zu schwer.

Irgendwie hatte ich mal einen Telefonhörer eingehandelt, den wohl mal jemand in einer Telefonzelle hatte mitgehen lassen. Manfred besaß einen Kopfhörer, der sicherlich im Krieg in einem Panzer gedient hatte. In der Mittelschule hatte er im Physikunterricht gelernt, dass man mittels zweier Drähte zwischen zwei Kopfhörern kommunizieren kann, ganz ohne Strom und Verstärker. Wir probierten es aus. Und wirklich, es klappte auf kurze Entfernung! Also schmissen wir alle unsere Ersparnisse zusammen, verzichteten einen Monat auf Tabak und Kaugummi und holten beim Elektro-Maier 90 Meter isoliertes Kabel. Dieses band ich abends am Fensterladen-Halter an und entrollte es bis zu Manfreds Schlafzimmerfenster. Der bohrte ein Loch in den Fensterrahmen, zog die Litze hindurch und schloss seinen Kopfhörer an. Ich eilte zurück, schlich durch den Keller ins Haus, dann leise die Treppe hinauf. Mein Bruder hörte wie immer lautstark sein Transistorradio, er war also kein Hindernis. Ich nahm den Telefonhörer, drehte die Drähte zusammen und klopfte auf die Muschel, wie ich es mit Manfred ausgemacht hatte. Und prompt kam die Antwort, ein Klopfen seinerseits! Und dann hörte ich seine Stimme. „Wolfi, hörst du mich?“ „Klar doch! Ich höre dich als würdest du vor der Tür stehen!“ Ihr werdet mir glauben, dass wir stolzer waren als Edison und Bell zusammen!

Unser Fähnchen-System diente von nun an, um anzuzeigen, dass man den anderen sprechen wollte. Auf dem Müllplatz hatten wir beim ‚Auskundschaften‘ zwei Haustür-Klingeln im Dreck gefunden, und, bevor der Wächter der Müllkippe sie fand, schnell unterm Hemd versteckt. Wenn wir nicht telefonierten, hängten wir sie an der Telefonleitung an. Ich brauchte also nur eine Flachbatterie anzuklemmen und beim Manfred läutete es. So hatten wir eine echte Telefonverbindung, noch bevor unsere Eltern einen Anschluss hatten. Später verlängerten wir die Leitung noch bis zum Nori, der drei Blöcke weiter wohnte. Was uns wie ein Wunder erschien, war, dass weder meine Eltern, noch mein Bruder oder die Hausmeister von Manfred und Norbert etwas mitbekommen haben. Jahrelang funktionierte unser System, wenn auch manchmal im Winter unter der Schneelast die Leitung abriss.

Ja, Manfred war schon ein netter Kerl und guter Kumpel, aber, wie gesagt, ein ziemlicher Angeber. Immer eine tolle Frisur, geschniegelte Haare mit einer Welle vorne über der Stirn wie Peter Kraus, von dem gerade der Schlager ‚Wenn Teenager träumen‘ in der Hit-parade auf Nummer eins war. Eines Tages verweigerte ich das Haare-Schneiden durch meinen Vater, der uns, wie die Freunde spöttisch meinten, einen ‚Topfschnitt‘ verpasste, und ließ mir vom Frisör einen ‚Façon-Schnitt‘ machen, so wie Manfred einen hatte, mit Koteletten vor den Ohren. Mein Vater tobte: „Das ist rausgeschmissenes Geld, der hat ja gar nichts abgenommen, der Mrasek, das nächste Mal gehst du zum Kolb!“ Der Kolb, der Stotterer, wie wir ihn nannten, führte einen Monat später auf meine Anweisung auch einen Façon-Schnitt aus, nur mit ein paar Stufen drin, weil er eben, wie jeder Frisör, dauernd quatschte und seine Schere sich seiner Aussprache anpasste. Nur waren meine Haare nicht so pflegeleicht, wie die vom Manfred. Sie widersetzten sich und zeigten in alle Richtungen. Doch die Mutter hatte Abhilfe in ihrem Laden: Fliederduftendes Haaröl, mit dem ich jetzt jeden Morgen meinen Pelz einölte. Da glänzte meine Birne und manchmal lief das Zeug bis in den Kragen. Sie wenigstens stand auf meiner Seite, war sie doch, wie jede Mutter, stolz auf ihre Jungen!

Manfred, der ein richtiges Taschengeld von den Eltern bekam, kaufte ein kleines Transistorradio, das er vorne auf dem Lenker seines Fahrrades befestigte. Da fühlte er sich wie in einem Auto, meinte er stolz. Wir beneideten ihn, reichte doch unser ‚Fuchzgerl‘ pro Monat gerade mal für ein paar Hubble-Bubble, so ein Kaugummi mit Balsam-Geschmack, oder, wenn wir zusammenschmissen, für ein Paket Krüll Tabak oder eine Halbe Bier.

Wir trafen uns normalerweise an Stellen, wo wir alles im Auge hatten. Dort saßen wir auf einem Zaun und beobachteten. An versteckten Plätzen trafen wir uns nur, wenn wir Unsinn vorhatten oder rauchten oder einer ein Pornoheft dabeihatte. Kam ein Mädchen vorbei, so redeten wir ganz wichtigtuerisch und laut unter uns. War sie vorbei (meist wechselte sie früh genug auf die andere Straßenseite hinüber), dann pfiffen manche anerkennend und wir schauten ihr nach, Sie anzureden traute sich keiner. Nori pfiff am lautesten. Er konnte das sogar, ohne die Finger zu benutzen. Wir versuchten es auch. Mit den Fingern auf der Zunge kotzten wir schier, ohne Finger glichen unsere Versuche eher dem Zischen eines Wasserkessels.

Ein Mädchen fiel uns besonders ins Auge. Lange schwarze, zu einem Zopf geflochtene Haare, eine tolle Silhouette. Sie wohnte in der Siedlung und war vor nicht langer Zeit mit ihrer Mutter in eines der neuen Reihenhäuser eingezogen. „Weiß jemand, wie die heißt?“, fragte Jürgen. Niemand wusste es, da sie nicht hier in die Schule gegangen war. „Das ist eine Klumse!“, meinte Nori. „Wieso Klumse?“, wollte ich wissen, „was ist denn das?“ „Na, die Möse, die Büchse, da wo die Fummel sitzt, das kleine Ding, was wie ein Miniaturpimmel aussieht. Ich hab´ da letztens ein Foto in einem der ‚Wichshefte‘ (Pornohefte) von meinem großen Bruder gesehen, schaut aus wie ne offene Muschel!“ „Kannst du das nicht mal besorgen? Würde ick gerne ooch mal sehen!“, meinte sein Cousin. „Nee, geht nich! Alleine schon, wenn der wüsste, dass ich seine Heftle entdeckt habe!“ „Dann nennen wir sie ‚Olgate‘, bis wir ihren richtigen Namen wissen!“, meinte Manne. Wir mussten unwillkürlich kichern. „Klingt ja wie Zahnpaste!“, bemerkte Günther. „Bestimmt riecht sie auch so beim Küssen! Schöne weiße Zähne hat sie ja!“ Also schauten wir ihr vorerst nur interessiert von ferne nach.

Als wir mal zusammen eine Maß Bier beim Tischfußballspielen im Adler tranken, bemerkten wir, dass Olgates Mutter dort bediente. Sie war genauso knackig wie ihre Tochter, trotz des Altersunterschiedes. „Deshalb hat sie also keinen Vater!“, stellte jemand logisch fest. „Das muss wohl einer der Gäste gewesen sein. Aber wie ein Freudenmädchen schaut die wirklich nicht aus!“ Bis dann eines Tages Manfred uns strahlend mitteilte, dass sie Bärbel heißt. Und dass sie eine Weile zusammen gesprochen hatten. „Und worüber?“, wollte Günther wissen. „Na ja, nicht so wie wir untereinander reden, sie ist doch ein Mädchen! Auf jeden Fall treffen wir uns morgen wieder, und zwar, ihr werdet´s nicht glauben, bei ihr zu Hause!“ „Du kohlst uns an!“ „Nein, echt wahr, sie sagte mir, ihre Mutter hat nichts dagegen, wenn sie einen Freund hat, und dass sie ihn mitbringen darf!“ Wir waren baff.

Von jetzt an trafen Manfred und Bärbel sich alle paar Tage, manchmal hielt sie auch bei unserer Gruppe an, wenn Manne dabei war und wir quatschten miteinander. Einmal sah uns meine Mutter. Vielleicht kam sie vom Metzger oder sonst wo her. Sie warf mir einen solchen missachtenden Augenblitz zu, dass ich dachte: „Au weia, das steht noch was bevor!“ Abends dann kam das Gewitter: „Dass ich dich ja nicht mehr mit diesem Flittchen sehe! Ein uneheliches Kind, die Mutter bedient in der Kneipe! Aus der wird mal genau das Gleiche wie ihre Mutter! Das ist kein Umgang für dich! Wenn ich das nochmal sehe, sag ich´s dem Vati und dann kriegste was ab!“ Sollte ich ihr erklären, dass sie die Freundin vom Manfred ist? Und dass sie eine sehr aufgeschlossene Mutter hat? Quatsch! Welchem Kind ist es je gelungen, seinen Eltern etwas zu erklären! Da ist es noch einfacher, im Matheunterricht ein Problem in einen Dreisatz umzuwandeln und zu lösen!

KIRCHGANG

Sonntags zum Kirchgang war immer Anzug und großer Staat angesagt. Für viele, vor allem die Frauen, glich das einer Modenschau. Auch wir Jungens hatten da unsere Eitelkeit. Jeans waren gerade in Mode. Natürlich mussten das ‚Lewi’s‘ sein und hauteng. Notfalls taten es auch ‚Mustang‘, eine billigere Marke mit einem eingestanzten Pferd auf einer seitlich über dem Gürtel angenieteten Lederplakette. Manfred wusste, wie man Jeans anpasst: „So eng wie möglich kaufen, so, dass du gerade noch reinpasst, anziehen und in die Badewanne setzen. Dann mit den nassen Jeans rausgehen und solange laufen, bis sie trocken sind.

Das war bei uns nicht möglich. Schon alleine die Jeans kaufen! Einmal hatten die Eltern uns zweien dunkelrote Jeans gekauft, natürlich keine Lewi’s, denn die waren zu teuer. Irgend so ein Kaufhaus-Gelump, billig und im Räumungsverkauf. Als wir damit das erste Mal auf die Straße gingen, waren wir der Spott des Dorfes, mein Bruder und ich. „Die Red-Jeans-Bande!“, spotteten die Kumpel und zeigten verächtlich mit den Fingern auf uns, „Wie ein paar Tunten vom anderen Ufer!“ Wir zogen die Hosen nie wieder an. Unsere Eltern wunderten sich, dass die Hosen nicht verschlissen. „Das ist halt noch Qualität, trotz des niedrigen Preises!“, lobte die Mutter, die gar nicht merkte, dass wir sie nie anzogen, nur ab und zu auf den Wäschehaufen schmissen. Von unserem ersten während der Ferien selbstverdienten Geld kauften wir uns Mustang-Jeans, gingen damit zum Schwarzfischen in den Rohrbach und warteten bis sie wieder trocken waren. Aber am Abend da wieder rauskommen! Wir mussten einander helfen uns von den Hüllen zu befreien. Und unsere Unterhosen waren ganz blau geworden und unsere Beine ebenfalls! Wir stopften die Unterhosen unten in die Mülltonne, damit die Mutter nichts bemerkte.

Natürlich wurden die neuen Jeans in der Kirche vorgezeigt! Und da Krawatten uns zu spießig waren und ich auch den Knoten nie hinkriegte, hatte Manfred die Idee des Jahrhunderts gehabt: John Wayne und Gary Cooper, die Hollywood-Cowboys – wer kannte ihre Filme nicht – waren unsere Vorbilder, unsere wahren Helden! Sie zeigten uns, wie man sich Damen gegenüber benimmt, kurz, wie sich ein richtiger Kavalier zu verhalten hat, wenn’s sein muss, mit Faustschlägen! In einem Stoffladen hatte Manfred einen Rest schwarzes Seidenband gekauft und es sich um den Hemdkragen gebunden. So sah er aus wie ein Sherif, der gerade zum Duell antrat, wenn er in der Schlange der Kommunizierenden langsam zum Altar voranschritt. Und ich hinter ihm, die Leute hielten mich sicherlich für den Hilfs-Sherif, mit einem dunkelblauen Band um den Kragen meines weißen Hemdes, denn den Restposten schwarzes hatte ja der Manne gekauft. Natürlich machten noch ein paar andere diese Mode nach. Manfred fühlte sich richtig stolz, doch ich kam mir irgendwann blöd vor zwischen den Lederhosen-Seppln und den Dirndln und wickelte das Band meinem schon länger vernachlässigten Teddybären um den Hals. Sogar meine Mutter fand das gut, „das steht dem jedenfalls besser als dir!“

Von wegen ‚stehen‘! Die wusste ja gar nicht, was in der Welt vorging! Was heißt Welt. Im Dorf, in der Familie! Genauer noch: in unseren Hosen! Wovon wir alle die ganze Zeit redeten, wovon wir einen Blick zu erhaschen versuchten, wenn sich jemand am Badeplatz umzog. Von dem wohl Wichtigsten auf Erden, von dem man uns nichts verriet, es nur mit dem Wort ‚unkeusch‘ umschrieb! Was sie auch nicht wusste, war, dass ich irgendwann mal den Teddy unten angebohrt hatte, um herauszufinden, was das ‚Ficken‘ oder ‚Löchlestopfen‘ war, von dem die Größeren so begeistert sprachen. Mit ‚Selbststudium‘ könnte man so etwas umschreiben, wenn ich meinen Pimmel, mit einem Taschentuch bekleidet in die raue Holzwolle einschob. Damals war gerade der Schlager ‚Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh´n‘ in aller Munde. Auch wir grölten ihn, wenn wir unter uns waren, aber mit dem volkstümlichen Text, wo das Wort ‚vögeln‘ eingesetzt war. Es war einfach toll! Und ‚sofern die Schwänze stehn‘ anstelle von ‚Winde wehn‘.

Den Sommer verbrachten die Jugendlichen beiderlei Geschlechtes fast alle Nachmittage am Herzmanns-Weiher, auf der Liegewiese oder im kühlen Wasser. Wie oft passierte es mir, dass ich einen Steifen bekam und eine halbe Stunde oder mehr auf dem Bauch liegend verbrachte, weil ich verhindern wollte, dass es jemand sah. Ein Mädchen kann sich gar nicht vorstellen, wie das ist! Doch machte das auf-dem-Bauch-Liegen und der Druck des Bodens das Ding auch nicht unbedingt kleiner. Außerdem konnte ich so besser die anderen beobachten, vor allem beim Umziehen.

Das Umziehen alleine war schon so eine Sache. Oft riss jemand einem die Decke weg, unter der man das ausführte, und man stand plötzlich nackig da. Und wenn dann noch jemand die Badehose geklaut hatte… Manchmal griffen die Älteren ein und mahnten die zu bösen Buben zur Ruhe. Um der Gefahr des Decken-Wegziehens vorzubeugen, zog ich mir jetzt immer die Badehose schon daheim an. Und um nicht bei jeder Gelegenheit einen Ständer befürchten zu müssen, hatte ich eine besondere Methode entwickelt: Bevor ich in die Badehose schlüpfte, machte ich schnell meinen ‚Frühsport‘, ich molk mich noch flink aus, in ein Taschentuch. Manchmal, wenn ein Freund mit dem Fahrrad unten auf mich wartete, so schnell, dass weder Zeit für das damit verbundene wohlige Gefühl blieb, noch Gelegenheit, sich nachher von dem Gefühl von Sünde niederdrücken zu lassen. Das war mehr ein hygienischer Akt, fast wie pinkeln oder kacken. Um nachher nicht nur geile Gedanken zu haben (vor allem meinen Schwanz zu bändigen), wenn da auf der Wiese manche Mädchen nur im Bikiniunterteil lagen, das Oberteil hing am Weidenzaun, um sich besser den Rücken bräunen zu können. Oder wenn man dabei zufällig Dinge erblickte, die ein anständiger Junge wie ich nicht sehen sollte, wie die Erwachsenen so leicht sagten, und dann selber hinschielten. Dadurch dass ich die Badehose schon anhatte, entfiel also der Akt des Umziehens.

Blieb nur das Ausziehen der nassen Badehose vorm Heimradeln. War nicht viel los, schlupfte man unter die Decke, öfters zu mehreren – so war die Gefahr, dass sie jemand wegzog geringer. Dort, im Halbdunkel schielte man auf den Bauch der anderen, um deren Anhängsel mit dem eigenen zu vergleichen. Manchmal ging jemandem dabei sein schlapper Schwanz in die Höhe, was sich dann wie eine Kettenreaktion auf die anderen auswirkte. Einmal hatte Nori ein Metermaß dabei und wir maßen ganz genau, soweit das im Halbdunkel möglich war. Natürlich strengte sich jeder an, seine Latte möglichst lang und dick zu machen. „Hart ist der Schwanz der Bisamratte, noch härter ist die Morgenlatte!“, verkündete Milou einmal. Den Spruch hatte er von einem der Gesellen in der Installationsfirma, wo er eine Lehre absolvierte. Bald darauf waren diese geflügelten Worte in aller Munde.

„Ich glaube, ich lerne mal Dachdecker, wenn ich die Scheißschule endlich fertig habe!“, meinte Nori. „Wieso denn das?“, wollte ich wissen. „Weil ich dann immer eine Latte in der Hand habe!“, rief er lachend. War ich in Bezug auf Muskelmasse eher ein Schwächling, so machte die Länge meines Teiles diesen Mangel wieder wett. Auch war ich einer der ersten, obwohl einer der Jüngsten, wo in der besagten Gegend sich schon die ersten Haare kräuselten. Komischerweise waren diese blond, obwohl ich sonst dunkle Haare hatte. Das rief die Bewunderung der anderen hervor und sie strichen fast ehrfürchtig darüber. „Das goldene Vlies!“, meinte Gustav, der für einmal was aus dem antiken Geschichtsunterricht behalten hatte.

Ein anderer kritischer Moment war, wenn man aus dem Wasser stieg. Denn dann klebte die Badehose einem so am Bauch, dass sich genau abzeichnete, was darunter lag. Bei dem kalten Wasser unseres Sees hing es meistens nach unten. Indem man kurz den Gummi vorzog, konnte man etwas Luft in die Badehose bringen und sie klebte weniger. Je billiger die Badehose war, umso mehr schien da durch. Manne hatte eine dunkelrote aus ‚Lastex‘, wie er sagte. Sie trocknete nach dem Baden innerhalb von 10 Minuten und er brauchte sie deshalb nicht auszuziehen. An ihm war irgendwie alles harmonisch abgerundet. Schon sein Name! Wie gerne hätte ich auch so einen wohlklingenden gehabt, von dem auch die Kurzform noch männlich klingt, und nicht einen so doofen wie Wolfgang. Wie hatten meine Eltern mich nur so taufen können! Hätten sie mir zumindest einen Doppelnamen gegeben, da hätte ich später wählen können! Vielleicht doch besser nicht… Denn eigentlich hätte ich ja ein Mädchen sein sollen, wie ich aus den Gesprächen meiner Mutter mit Nachbarinnen heraushörte. Die hätten es fertiggebracht, mir noch einen Mädchennamen unterzujubeln! Aber kommen wir wieder auf Manne zurück und seine Rundungen. Seine Frisur, seine Gesichtszüge, der Muskelbelag seines Körpers, sogar die Beule vorne in der Badehose bestanden aus Kurven, während an mir alles kantig war. Selbst, wenn er aus dem Wasser stieg, konnte man nicht erkennen, ob er seinen Pimmel links oder rechts hängen hatte. Ich hatte ihn in Verdacht, sich vorne alles mit Watte oder sowas ähnlichem auszustopfen, damit es groß genug erschien. Mir dieses Geheimnis zu verraten, traute ich mich ihn nicht zu fragen. Er erschien mir zu anständig, um über sowas zu reden…

Natürlich gingen wir mit Vorliebe auch nackt baden, ‚im Adams‘, wie wir es nannten. Mädchen waren natürlich nie dabei, sonst hätten wir uns nicht getraut. Meistens abends oder wenn niemand in der Nähe war. Einer gab die Losung aus, und alle, auch die Kleinen, warfen ihre Klamotten ins Gras und stürzten sich ins Wasser. Manchmal selbst im Frühjahr oder Herbst, wenn es echt kalt war. Dann war es nicht mehr die Länge unseres Gliedes, die Ausrufe der Bewunderung hervorrief, sondern dessen Winzigkeit, fast schien es nach innen gestülpt. Da war von „Frühsport‘ keine Rede mehr, jeder schlüpfte, so schnell es trotz der an der nassen Haut klebenden Sachen ging, wieder in seine Klamotten, sich über das Miniteil am Bauch der anderen lustig machend.

An einer Stelle war der Illerthaler Bach durch ein Wehr gestaut und das Wasser mittels eines Kanals zur Spinnerei geleitet. An einer Stelle dieses Kanals befand sich das ‚Bubenbad‘ und etwas weiter das ‚Mädchenbad‘, wohin die Volksschulklassen mit ihren Lehrern bisweilen baden gingen. Die Staustelle wurde ‚das Wuhl‘ genannt und diente den Größeren als Badeplatz, wenn es zum See zu weit war. Rundherum lagen Heuwiesen, die im Frühjahr ‚geodelt‘ wurden, das heißt, vom Bauern mit einer guten Portion Jauche eingedeckt. Natürlich waren dem Bauern die Badenden ein Dorn im Auge, denn sie ‚verflackten‘ das Gras, drückten es flach, so dass es schwierig zu mähen war.

Das wollte der Bauer unterbinden und schüttete im Juni eine extra große Menge seiner Lache darauf. Wir waren entsetzt, als wir hinkamen und das Desaster sahen. Wir warteten den ersten Regen ab, dann kamen wir zurück. Wir suchten einen Platz wo es weniger stank, um die Decke auszubreiten. Plötzlich rief einer: „Hier müssen welche gevögelt haben, da liegt ein Pariser! Muss schon ein wilder Hund gewesen sein, und das hier mitten auf der Wiese!“ „Und hier auch“, rief Nori, „und da, überall, eine ganze Menge! Solche Dreckbären!“ Wir kamen näher, um zu sehen. Und wirklich, überall, zwischen den Blättern von Klopapier verteilt entdeckten wir Dutzende von Parisern, diesen Verhüterlis aus weißem Naturgummi, manche verknotet, andere noch offen! Die offenen erschienen innen grünlich, wohl wegen des Odels, der eingedrungen war. In den zugeknoteten schwabbelte noch die Originalabfüllung. Wir spießten ein paar mit Haselstecken auf und beförderten sie über den Stacheldraht auf die Nachbarwiese, um einen freien Platz für unsere Decke direkt am Ufer zu schaffen. Manche verfingen sich im Draht. Das schaute lustig aus, wie sie da so baumelten.

Milou sammelte ein paar auf. „Die kann man bestimmt waschen und nochmal benützen! Stellt euch vor, jedes Teil kostet eine Mark! Das sind ja mehr als hundert, die da rumliegen! Der muss ja ganz schön Druck auf der Leitung haben, der Kuhner-Bauer!“ „Oder ein heimliches Puff betreiben. Einer alleine kann doch nicht so viel abspritzen!“ Größte Ehre war es, von den anderen wegen irgendeines Einfalls oder Unsinns, den man gemacht hatte, ‚wilder Hund‘ genannt zu werden oder ‚kähler Kog‘. Dieser ‚Ehrentitel‘ spornte uns geradezu an, uns gegenseitig in Blödeleien zu übertreffen. Meistens waren es die Ältesten, die diesem Namen Ehre machten.

Nachher, im kalten Wasser gingen wir weiter unseren Phantasien nach. „Wenn das der Pfarrer erfährt, der wird den Kuhner exkommunizieren! Das ist das ja ein Holocaust, was hier abgelaufen ist!“, feixten wir. „Rechnet mal aus, bei jedem Ficken gehen bis zu 500 Millionen Samenzellen ab“, meinte Kümmel, „dann macht das bei 100 Parisern laut Eva Zwerg, warte mal, fünfzigtausend Millionen. Wer kann mir helfen, das in Milliarden umzuwandeln?“ Gustav hatte bald das Ergebnis gefunden: „Das sind 50 Milliarden. Und die Weltbevölkerung ist derzeit etwas über drei Milliarden.“ Wir waren baff! Mehr als die fünfzehnfache Weltbevölkerung lag hier auf der Wiese, im Keim, nein, im Odel erstickt! Irgendwie wurde uns plötzlich klar, dass die Natur mit allem großzügig umging. Und einmal wichsen oder einmal mehr, davon würde die Menschheit auch nicht ausgerottet werden. Der Pfarrer soll mal nicht so dramatisieren!

Denn die ablehnende Haltung der katholischen Kirche gegenüber jedweder Geburtenregelung war ja allen bekannt.

Das von den Mädchen anzustrebende Ideal war die Jungfräulichkeit. Die Älteren, die eine feste Freundin hatten und bald heiraten wollten, mussten in den Monaten vor der Hochzeit ein Eheseminar besuchen, worin ihnen der Pfarrer Unterricht über die katholische Ehe erteilte. „Als Vorbild für eine Frau und Mutter wurde Maria hingestellt und für den Mann Joseph…“, erklärten sie uns feixend. „Von Sex war keine Rede. Manchmal gebrauchte der Pfarrer dafür das Wort ‚Es‘. „Achtet darauf, wenn ihr Es macht, dabei keine Lust zu verspüren!“, schärfte er den Teilnehmern ein, „Lust ist das Tor zum Bösen!“ Als bestes und erlaubtes Verhütungsmittel pries er die Keuschheit… „Zum Glück nimmt das kaum noch jemand ernst“, meinte Dieter, einer der Großen, der schon ein Motorrad hatte und sich manchmal noch zu uns gesellte, „Ginge es nach den Pfaffen, würde die Menschheit schon lange ausgestorben sein!“

Wir hörten alles, was geredet wurde. Vor allem das, was nicht für unsere Ohren bestimmt war. Und wir wussten alles, was vor sich ging. Als säße in jeder Familie ein Spitzel, der dann alles seinen Freunden weiterberichtete. „In der Schule von Mumholz hat der Lehrer fast die halbe Klasse in den Toiletten beim Masturbieren erwischt! Der Lehrer und der Pfarrer sind außer sich!“, zischelte einmal mein Vater der Mutter ins Ohr. Normalerweise brüllte er immer. Deshalb spitzte ich erst recht die Ohren. „Man sollte die von der Schule schmeißen, diese Dreckskerle!“ „Das ist doch eine Volksschule, da kann man doch niemanden rauswerfen!“, warf die Mutter ein. „Dann sollen sie die in ein Erziehungsheim stecken und gehörig bestrafen! Zum Glück machen unsere sowas nicht!“ Ich erzählte den Freunden davon. „Die halbe Klasse…“, meinte Berndi. „Die sind ja insgesamt nur zehn oder elf. Die Alten sollen mal nicht so scheinheilig tun, die haben früher auch gewichst und tun´s bestimmt jetzt auch noch, wenn die Olle mal nicht mag!“ „Das wichtigste ist halt sich nicht erwischen zu lassen!“, meinte sein Cousin.

Nicht erwischen lassen! Das war unsere Devise bei fast allem, was wir unternahmen. Denn wer könnte es schaffen, einer Gruppe von Kindern oder Jugendlichen etwas zu verbieten? Das macht die Sache doch erst recht interessant! Irgendwie war es auch ein Wissensdrang, der uns antrieb, Verbotenes zu tun. Ein Pornofilm spielte im Kino in der Stadt? Bisweilen liefen wir eineinhalb Stunden nach Kempten (und abends wieder zurück), nur um zu sehen, ob wir es schaffen würden, reinzukommen! Dieser Nervenkitzel beim Kartenkauf! „Na Kleiner, bist du überhaupt schon 18?“ Meist holten die Größeren die Karten und dann mischten wir uns unter die Leute in der Eingangsschlange. Bloß nicht beim Reingehen vom Kontrolleur zurückgewiesen werden! Und selbst wenn, dann hatte man wenigstens eine Heldentat zu erzählen! Alleine sich da rein zu schmuggeln war schon eine! Und natürlich auch, den verbotenen Film zu sehen. Doch oft waren wir nachher gehörig enttäuscht. Denn das, was wir zu sehen erhofft hatten, wurde nicht gezeigt, oder nur so kurz, dass man schier frustriert war. Denn alle Filme wurden vorher zensiert. Von einer ‚Selbstkontrolle‘, wobei natürlich die Hüter der Moral, sprich die Kirche, vertreten waren. Und manchmal war so viel weggeschnitten worden, dass man die Handlung nicht mehr verstehen konnte. Und was geschah mit dem Herausgeschnittenen? Klebte sich einer die Filmreste zusammen und verkaufte sie nachher als Pornofilm?

Früher galt es, dem Weihnachtsmann auf die Schliche zu kommen oder dem Osterhasen. Eigenartigerweise gelang es denen immer, sich dem Entdecken zu entziehen, bis sich letztendlich ihre Realität in Luft auflöste. Diesmal war unser Suchen vielversprechender. Denn je weiter wir dem Geheimnis des Unkeuschen nachforschten, umso mehr offenbarte sich uns ein Garten Eden!

Aufklärung wurde jetzt offiziell sogar an den Schulen gelehrt. Doch meist noch wie früher anhand des Bestäubens der Blumen oder des Aufeinandersteigens der Tiere. Nie sprach man davon, wie es die Menschen machen. Kein Lehrer wagte sich an das Thema ran, da er Angst vor der Reaktion der katholischen Eltern hatte. Dann kam die Mode der ‚Aufklärungsfilme‘ von Oswald Kolle, den man auch den Sex-Papst nannte. Wir erhofften, endlich etwas Interessantes zu sehen, und was zeigten die uns? Zeichnungen und Schablonen der Geschlechtsapparate, die dann ineinandergeschoben wurden. Das wussten wir doch schon lange! Wir wollten es in echt sehen, möglichst noch in Cinemascope! Einfach enttäuschend, eine Geldmacherei, um uns Jugendlichen das Taschengeld abzuzocken!

Anders dagegen die ‚Beate Uhse-Läden‘, diese Sex-Shops, die neuerdings überall aufmachten, auch in Kempten in der Gerberstrasse. Natürlich wetterte der Pfarrer von der Kanzel dagegen, was uns erst auf die Idee brachte, da mal hinzuschauen. Rein trauten wir uns nicht, drückten uns lieber am Schaufenster die Nasen platt. Das, was wir gleich erkannten, waren die Pariser in allen Farben und Ausführungen. Doch für den Rest mussten wir unserer Imagination freien Lauf lassen. Dieter und Bernd, die schon 18 waren, hatten sich mal hineingewagt. „Unterwäsche massenweise, fast ohne Stoff, du kannst durchschauen! Und Mösen aus Plastik, Schwänze mit Batterie drinnen, die summen, wenn du sie einschaltest. Sogar Puppen kannst du haben, für Männer, aufblasbar und lebensgroß!“ „Puppen? Erwachsene spielen doch nicht mehr mit Puppen!?“ „Mit denen schon. Oder denkst du, dass ein unverheirateter Bauer seinen Schumpen bespringt, wenn er mal bumsen will?“

SONNTAG

Seit Kurzem hatte der Papst (Johannes XXIII) eine Enzyklika herausgebracht, so ein Rundschreiben mit den neuesten Doktrinen für die Christenheit. Die Heilige Messe sollte von nun an in der Landessprache, bei uns also in Deutsch abgehalten werden. Was die einen als Fortschritt feierten, wurde von anderen als gotteslästerlich bezeichnet, das heilige Latein, das ‚Esperanto der Christenheit‘ abzuschaffen! Auch wurde der Altar umgedreht, so dass der Priester zum Volk schaute, wenn er die Messe feierte. Und, wo das nicht möglich war, ein anderer Altar im Chorraum aufgestellt. Da man gerade schon beim Abschaffen war, wurde auch die Kommunionbank entfernt, wo sich vorher alle in einer Reihe hingekniet hatten, um den Leib Christi zu empfangen, den der Pfarrer jedem in Form einer Hostie, einer kleinen runden Oblate, auf die herausgestreckte Zunge legte. Darin sollte Jesus in Fleisch und Blut vorhanden sein. Das nannte man das Wunder der Transformation. Schwierig für uns heranwachsende Zweifler, das zu glauben… Aber so war es und man hatte uns ja von klein auf eingebläut, dass für Gott kein Ding unmöglich ist und diejenigen, die das bedingungslos glaubten, waren die Seligen, denen das Himmelsreich offenstand. Die Skeptiker erwartete die ewige Verdammnis, bestenfalls das Fegfeuer, aus dem einen eventuell die Fürbitten der Gläubigen und Heiligen retten konnten…

Bei meinen evangelischen Freunden gab es beim Abendmahl wenigstens einen Schluck Wein dazu (und nicht gerade den schlechtesten), wie es Jesus beim letzten Abendmahl auch gemacht hatte. Bei uns trank ihn nur der Pfarrer (oder heimlich die Mutigsten der Messdiener). Ja und dann hatte das Konzil auch noch beschlossen, dass der Pfarrer den Gläubigen die Hostie in die Hand legen sollte, welche diese sich dann selber in den Mund steckten. Widerstrebend nur fügte sich unser Seelenhirte dieser Anweisung und, wenn es irgendwie ging, schob er die Hostien weiterhin in die offenen Münder. „Corpus Christi“, sagte er jedes Mal, „Der Leib Christi“, hieß es jetzt und man antwortete „Amen!“ Dieses Wort wenigstens blieb. Das Konzil hatte beschlossen, die Gläubigen von nun ab als „mündige“ Christen zu behandeln, was unser Pfarrer halt so auslegte, dass man ihnen die Kommunion weiterhin in den Mund schob. Manchmal, wenn ich dann endlich als erster in der Reihe stand, zögerte er eine Weile. Er überlegte wohl, ob ich auch gebeichtet hatte und des Empfangs des Herrn würdig wäre…

*

Unsere Kirche, im Großen und Ganzen im spät-barocken Stil ausgestattet, steht gewissermaßen im Zentrum des Dorfes, auf einer leichten Erhöhung. Es ist schon erstaunlich, wie ein so kleines Dorf eine so stattliche Kirche hatte bauen können. Denn damals, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, musste die Gemeinde nicht einmal tausend Einwohner gezählt haben! „Glauben versetzt Berge“, heißt es irgendwo in der Bibel. Und der Glaube (verbunden mit Ablasshandel und anderen kommerziellen Tricks) verhalf den Menschen solche Bauwerke zu schaffen wie unsere Kirche oder den Petersdom in Rom, den Protz-Bau der katholischen Kirche.

Sonntags war unsere Kirche der Treffpunkt der katholischen Bewohner der Umgebung. Wer nicht viel mit Religion am Hut hatte, kam trotzdem her und stellte sich eine Weile hinten in den Mittelgang oder traf sich gleich mit Gleichgesinnten im Gasthof „zum Hasen“, der genau gegenüberlag. Hier saß man lachend um die weißgescheuerten Tische und erzählte lauthals im dicken Qualm von Stumpen oder Villinger-Kiel die letzten Schwänke, ein Glas Bier vor sich. Man fischte sich ein Wienerle aus dem in der Mitte der Tafel stehenden Topf heraus, tauchte es in den blaugrauen Steingut-Senftopf mit dem bayrischen Wappen darauf und führte es sich zum Munde. Während gegenüber in der Kirche im Weihrauchnebel der Pfarrer den Kelch hob, die Ministranten ihre Schellen klirren ließen und sich die braven Bäuerlein schuldbekennend an die Brust klopften. „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“. Neuerdings: „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld!“ Alles war sehr feierlich und bis ins Kleinste geregelt, so dass ein unabsichtliches Husten oder Nießen fast wie eine Gotteslästerung aufgenommen wurde.

Auf der Empore ging es etwas lockerer zu. Hier fanden sich die Ober- oder Mittelschüler ein, ein paar Arbeiter, weniger Bauern, von denen aber trotzdem ein deftiger Kuhstall- oder Silo-Geruch ausging. Manchmal mischte sich darunter ein leiser Furz. Das schelmische Grinsen eines Kumpels wies uns schon im Voraus auf das Ereignis hin, bevor die Duftnote mit unseren Geruchsnerven in Berührung gekommen war. Ein verliebtes Paar in einer Ecke hielt sich an der Hand, flüsterte sich leise Liebesworte zu, bisweilen vom Zischen eines der überall anwesenden Betweiber zur Ruhe gemahnt.

Der Sonntag fing wie jeder Tag früh um sechs mit dem Angelusläuten an, dem Engel des Herrn, eigentlich zu Ehren der Heiligen Jungfrau gedacht, aber sonntags besonders kräftig geläutet, um die Schläfer davon abzuhalten, einen gemütlichen Vormittag im Bett zu verbringen. Dreimal täglich (morgens, mittags und abends) verkünden die Glocken den Besuch des Erzengels Gabriels, der Maria die frohe Botschaft ihrer Schwangerschaft überbrachte. Die Frühmesse war um sieben Uhr, hauptsächlich besucht von den Bauersfrauen, die als erste ihrer Sonntagspflicht nachgingen, während der Mann noch die Kühe molk. Hier bediente die Mina, eines der ‚Betweiber‘ oder auch ‚Hörgerät‘ des Pfarrers, wie wir sie aus leicht erkennbaren Gründen nannten, die Register der Orgel. Sie hatte ein Bein etwas kürzer als das andere, ein Mangel, der durch einen besonderen Schuh wieder ausgeglichen wurde. Dadurch hatte sie eine etwas holprige Gangart. „Beim Orgelspielen hörst du genau heraus, wenn die Mina spielt!“, klärte mich mal ein Freund auf. „Horch, das ist genauso wie wenn sie läuft!“

Mich wunderte immer, dass niemand sonntags arbeiten durfte, außer den Bauern, die eh schon während der Woche genug Arbeit am Hals hatten. Das wurde als ein Privileg hingestellt, als eine ihnen gewährte Ausnahme. Diese Messe, werktags ohne Orgelspiel oder Weihrauch, dauerte rund eine Dreiviertelstunde und wurde vom alten Pfarrer gehalten, der nicht mehr so gut auf den Ohren und den Beinen war. Um neun Uhr folgte das feierliche Hochamt. Hier amtierte der hochwürdige Pfarrer selber, der nebst Ehrenfunktionen auch eine Menge Ehrentitel wie ‚Dekan‘ und ‚Geistlicher Rat‘ trug, neuerdings zudem noch den des ‚Erzbischöflichen Kämmerers‘, die sich, unvermeidlich wie der Staub auf den Heiligenfiguren im Laufe der Zeit angesammelt hatten. Er bestand darauf, mit diesen angeredet zu werden oder zumindest aber, dass sie auf den an ihn adressierten Briefen standen.

Seine Zeremonien wurden feierlich durchgeführt, das heißt, in Prunkgewändern, mit der dazugehörigen Langsamkeit, oft noch mit der Beihilfe eines anderen Pfarrers oder Zeremoniars und mit der doppelten Anzahl von Ministranten. Die Predigt von der Kanzel zog sich ewig hin. So manches Bäuerlein schlief dabei ein, da an einem Sonntag deren Arbeit schon früher losging, um um neun Uhr für die Messe frei zu sein. Die Ansprachen waren immer etwas verschieden, aber die Schlussworte jedes Mal die gleichen: „…um in die ewige Herrlichkeit einzugehen!“ „Amen!“ antwortete dann die versammelte Menge und erhob sich unter einem lauten Raunen, welches die Kirche erfüllte. Jetzt endlich trauten sich die Erkälteten zu husten oder zu niesen.

Bisweilen kam es vor, dass der Pfarrer schon vorher von der ewigen Herrlichkeit sprach, und zwar so inbrünstig, dass die, welche ihm zuhörten, glaubten, er kenne sie aus persönlicher Erfahrung. Diejenigen, die ihm nur halb zugehört hatten, erhoben sich bei dem Wort, und manchmal fing auch schon die Orgel an zu spielen. Das waren jedes Mal peinliche Momente, bis alle dann wieder saßen und auch die Orgel verstummt war. Denn einfach sich das Wort nehmen lassen, entsprach nicht dem Wesen unseres herrischen Pfarrers! So ein Hochamt dauerte schon mal 1½ Stunden oder mehr. Unter dem Deckengewölbe sammelte sich dann der Weihrauch und es schien, dass die Engel des Deckenfreskos in Wolken schwebten. Die Orgel schmetterte zum Abschluss ein Lied, das alle kannten und unendlich viele Strophen hatte. Das konnte wirklich ergreifend sein, wenn die Orgel aus allen Registern dröhnte, unterstützt vom Gesang aus hunderten Kehlen, man wurde vom Strom der Menschen erfasst und schwebte schier hinaus. Man fühlte sich gestärkt für die Woche und in totalem Einklang mit dem lieben Gott.

Bisweilen aber hängte der Pfarrer an die Messe noch Fürbitten an, die mit einem Ave-Maria und einem Vaterunser-Gebet verstärkt empor an Gottes Ohr dringen sollten. Oder eine Litanei, so ein Bittgebet, schier ohne Ende. Der Pfarrer rief die Namen der Heiligen auf, das Volk antwortete mit „Bitt‘ für uns!“ oder „Wir bitten dich, erhöre uns!“ Manchmal war das die Bitte um Regen für die Felder, die Hilfe für einen Kranken, oder dass die Juden endlich einsichtig werden und Jesus als den Messias anerkennen sollten, um endlich zum wahren Glauben zu finden. Oder während des Vietnamkrieges: Dass der Vietkong, diese gottlosen Kommunisten und mit ihnen der Antichrist endlich von den christlichen Heeren besiegt würden und ein für alle Mal Frieden auf Erden einkehren könne, wie Jesus, unser Herrgott es verheißen hatte…

War einmal der Schlusssegen gesprochen, strömten alle hinaus, man diskutierte mit Freunden vor der Kirche oder begab sich in eines der nicht weit entfernten Gasthäuser zu einem Bier oder auf einen Schafskopf. Das konnte bis zum Mittagessen dauern oder für manche bis zum Abend oder bis in die Nacht. Das war nicht gerade heilsam für den Haussegen, der dann für den Rest der Woche schief hing…

*

Es kam dann die Zeit, wo wir jungen Kerle nicht mehr in die Kirche gingen. Gut, die Kirche war immer noch voll, es waren also nur wenige, die sie schwänzten. Mein Bruder zog es vor, bis Mittag im Bett zu bleiben; ich traf mich mit Freunden, wir machten eine Radtour oder strolchten durch die umliegenden Wiesen oder Wälder. Damals wetteiferten die Atommächte im Bauen und Zünden von immer stärkeren Bomben in der Erdatmosphäre. Das nannte man das ‚Gleichgewicht des Schreckens‘ oder ‚Kalter Krieg‘. Wir fragten uns, wie ein ‚Heißer Krieg‘ aussehen würde… Im Radio warnte man vor den radioaktiven Niederschlägen, die mit dem Regen zur Erde fielen. Es war Frühling. Überall blühten die Weidenkätzchen. Ihr gelber Pollen schwamm auf den Pfützen und lagerte sich am Rand der Schlaglöcher ab. Wir hielten das für die radioaktiven Niederschläge und fuhren jetzt lieber drum herum, anstatt wie früher mittendurch, um uns voll zu spritzen. Der Wahnsinn, man nannte ihn den ‚Overkill‘, ging so weit, dass die Supermächte so viele Atombomben produziert hatten, dass man hätte die Erde 60mal in ‚die Luft sprengen‘ können, bildlich ausgedrückt natürlich. Auf gut Deutsch hieße das, pulverisiert und als Sternschnuppen im Weltall verteilt. Für uns junge Leute war das eine schreckliche Vorstellung, vor allem, da die Generation unserer Eltern, die doch seit kurzem erst den totalen Krieg mit der fast völligen Zerstörung überlebt hatte, nun wieder Gleiches vorbereitete, aber um hunderttausendmal schlimmer. Gut, es ging diesmal darum, die gottlosen Kommunisten, also den Antichristen, im Zaum zu halten und, wenn es sein musste (oder wenn es möglich schien), zu vernichten. In den Augen mancher Christen eine gute Sache. Aber in diesem Fall würde es bestimmt keine Überlebenden mehr geben! Und dabei hatte Jesus doch gesagt: „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen“. Völkerversöhnung, das wäre doch ein Weg zum Frieden!

Bald nahm ich nur noch an dem monatlichen Schulgottesdienst des Gymnasiums teil, da er gewissermaßen Unterricht war, wo jeder Klassenlehrer kontrollierte, wer da war. Es gab seit jüngerer Zeit auch die Möglichkeit, an einer am Samstagabend gehaltenen Messe teilzunehmen, damit man sonntags einen Ausflug machen konnte, ohne deshalb in den Stand der Todsünde zu fallen… Doch das war in der Stadt. Bei uns auf dem Land gab es das nicht. Der Pfarrer bezeichnete das als den Anfang des Zerfalls des Christentums, eine Sonntagsschändung. Unser Pfarrer herrschte wie ein Despot über seine Gemeinde. Und seinen lauten Worten ließ er oft genug eine Tat folgen, eine Kopfnuss, die es in sich hatte, oder eine Ohrfeige, eine Watsche, wie das in Bayern heißt, um seine aufmuckenden Lämmchen zum Gehorsam zu bringen. Von den Ministranten konnte das so mancher bestätigen… Er war von vielen gefürchtet, von ein paar wenigen aber echt verehrt. Er war der Vertreter eines strengen Gottes auf Erden, fühlte sich verantwortlich für das Seelenheil eines jeden.

SÜNDE

Es gab da Familien oder alleinstehende Frauen in der Gemeinde, deren Religiosität übertrieben war, süß und klebrig und bunt wie Zuckerwatte. Das hatten wir Kinder schnell erkannt und hielten Abstand von ihnen. Denn sie hinterbrachten alles dem Pfarrer und hielten ihn informiert über all das, was ihn eigentlich nichts anging. Doch gab es auch Familien, ebenfalls katholische, deren Kinder normal waren und mit uns an vielem Unsinn teilnahmen. Und bei diesen war die Tür offen für andere, nicht wie bei uns daheim, wo wir keine Freunde mitbringen durften. Es war ein reges Kommen und Gehen bei diesen, nicht nur, um die Kinderprogramme im Fernseher anzuschauen (Fernsehapparate gab es in unserer Siedlung nur drei), sondern auch bei sonntäglichen Ausflügen durfte man mitfahren. Und das war was ganz Besonderes. Denn wer hatte damals schon ein Auto? Man fuhr mit dem Bus, der Bahn, dem Rad, oder ging zu Fuß in die Arbeit und zum Einkaufen.

Toni war einer der Buben aus so einer Familie. Er hatte mein Alter, machte aber eine Lehre als Anstreicher. Er sprach mich mal an, warum ich nicht mehr in die Messe ginge. Ich war etwas geniert. „Das interessiert mich nicht. Das ist doch alles nur scheinheiliges Getue. Schau doch mal an, wie die Leute sich nachher benehmen! In fast jedem Haus wird sonntags nur rumgebrüllt!“ „Die so sind, haben nichts von der Lehre Christi begriffen, sonst wären sie anders!“, meinte er. „Komm nächsten Sonntag mal mit, und du wirst sehen, wie schön ein Gottesdienst sein kann!“ Da er ein guter Freund von mir war (zwar etwas weichlich, da er nie schweinische Worte gebrauchte), machte ich mich am nächsten Sonntag fertig und ging mit ihm in die Kirche. Irgendwie tat mir das sogar gut. Endlich mal wieder was für das Heil meiner Seele getan! Auf jeden Fall nicht so langweilig wie den ganzen Vormittag im Bett zu liegen und eventuell etwas für meine ewige Verdammnis zu tun, indem ich mir einen runterholte. Oder die ganze Zeit unkeuschen Gedanken nachhing, weil ich mich mal nicht abreagiert hatte, da ich, wie es sich für einen jungen Christen gehört, versucht hatte rein zu bleiben. Unkeusches tun und auch daran zu denken waren bekanntlich Todsünden, von denen eine einzige schon reichte, um in die Hölle zu geraten.

„Wie lange hast du schon nicht mehr gebeichtet?“, wollte mein neuer Freund ein anderes Mal wissen. „Das ist wohl schon ein paar Jahre her“, erwiderte ich. „Da hast du ja bestimmt eine Menge Sünden auf dich geladen!“, stellte er fest. „Weißt du, was ist eigentlich Sünde?“, sinnierte ich, „wenn ich nicht in die Kirche gehe oder wichse oder mir das Foto eines nackigen Mädchens anschaue, tu ich doch keinem weh. Das hat doch mit den wahren Sünden wie Mord oder Stehlen nichts zu tun!“ „Das ist aber trotzdem ein Verstoß gegen die zehn Gebote, die Gott dem Moses nach dem Auszug aus der Sklaverei in Ägypten auf dem Berge Sinai gegeben hat. Auch wenn das nur dich betrifft, tust du auf jeden Fall Jesus damit weh. Auch wegen deiner Sünden hat er am Kreuz leiden müssen und sterben!“ „Er ist aber wieder auferstanden, also sollte man das doch nicht so tragisch sehen!“, witzelte ich. „Durch seinen Tod hat er jedenfalls uns alle von der ewigen Verdammnis, die uns durch unsere Erbsünde bestimmt war, erlöst und uns den Himmel und die ewige Herrlichkeit zugänglich gemacht“, erwiderte er. „Weißt du, die zehn Gebote in der Bibel, das ist ja noch eine klare Sache“, warf ich ein, „aber die Erbsünde? Wenn ich den Beichtspiegel im Gebetbuch anschaue, dann dreht sich mir der Kopf! Da hat jemand ganz schön hineininterpretiert! Da ist ja schier alles Sünde was man tut! Vom Gezeugt werden bis hin zu etwas Leckeres essen!“, gab ich zurück.

„Der Beichtspiegel ist die Auslegung der Kirche von den zehn Geboten, damit sie besser für uns verständlich sind. Die Kirchenväter und unser Heiliger Vater, der Papst, der ja der direkte Stellvertreter Gottes auf der Erde ist, haben das so ausgearbeitet. Du weißt ja, beim Heiligen Abendmahl hat Jesus den Petrus mit der Führung der Kirche beauftragt. Und die Päpste gehen in direkter Linie auf ihn zurück“. „Päpste sind auch nur Menschen und haben genug Scheiße gebaut in der Vergangenheit, haben wir in Geschichte gelernt, sonst hätte Luther keinen Grund gehabt, die Reformation zu machen! Es gab ja zeitweise zwei Päpste und auch mal eine Päpstin!“ „Es war Luther, der viel Leid und Zwietracht in die Kirche gebracht hat, aber du hast Recht, nicht immer ging es nur katholisch zu in der Geschichte der Kirche. Jedenfalls ist der Papst in seinen Entscheidungen, welche den Glauben betreffen, unfehlbar. Das ist auf das direkte Wirken des Heiligen Geistes zurückzuführen!“ Mein Freund, so sah ich, ließ nichts über die Kirche kommen. Jeder Zweifel, ja, eine bloße Frage ist für einen Katholiken fast schon eine Gottesleugnung.

„Wir hatten über die Beichte gesprochen“, sagte ich. „Eigentlich halte ich nicht viel davon. Warum machen die Katholischen es nicht wie die Protestanten, ab und zu im Jahr mal eine Gemeinschaftsbeichte, wo ein jeder sich besinnt und ihm dann vergeben ist!? Ich finde es übertrieben, jede Woche beichten zu gehen oder jeden Monat!“ „Bei uns ist es halt so, und ich finde die Ohrenbeichte besser. Denn da kann der Priester dir einen Rat geben oder dir sonst wie helfen, wenn du in einem Schlamassel steckst!“, erklärte er mir. „Der erkennt dich doch im Beichtstuhl. Und was geht den das an, wie viele Male ich gewichst habe oder nicht in der Kirche war? Jedes Mal will er wissen, wie oft, ob man das alleine gemacht hat oder mit anderen. Ich lüge ihn jetzt immer an, dass ich es alleine tue. Lügen ist ja eine kleinere Sünde. Oder ich beichte als letztes, dass ich gelogen habe. Einmal war ich ehrlich und hatte gesagt, dass es zusammen mit anderen war. Da wollte er wissen wo wir das gemacht hatten und wer die anderen waren. Ich werde doch nicht meine Freunde verraten! Also sagte ich, ich wüsste deren Namen nicht. Darauf wurde sein Ton dramatisch und mit heiserer Stimme meinte er, „so machen es die Strichjungen“. Ich weiß noch nicht mal, was das ist. Vielleicht einer der so mager ist wie ich? Letztens meinte jemand von den Erwachsenen zu mir: ‚Du bist so dünn wie ein Strich in der Landschaft!‘ Und ob ich Geld dafür genommen hätte, wollte der Pfarrer wissen. Ich wusste gar nicht, dass man seinen Samen verkaufen konnte!“

Mir kam da plötzlich ein Erlebnis in Erinnerung, das ich letztens gehabt hatte. Ich musste es unbedingt meinem Freund mitteilen, davon wusste der bestimmt noch nichts! Obwohl ich sicher war, dass meine evangelischen Freunde sich daran bestimmt mehr aufgeilen würden als er. „Letztens war ich beim Bauern Milch holen. Da hörte ich den Bauern jemandem erklären, dass er auf den Rucksackstier warte. Wetten, du weißt bestimmt nicht, was das ist! Rucksackdeutsche, die kennen wir ja. So nennen die Allgäuer abwertend die Flüchtlinge. Aber ein Stier aus dem Sudetenland? Schmarren! Ich dachte zuerst, er meinte ein Zebu, denn diese haben ja so einen Buckel, wie ein Rucksack. Doch dann kam mir das komisch vor. Ein Zebu, hier im tiefsten Allgäu? Nie und nimmer! Da musste etwas anderes dahinterstecken! Ich stellte die Kanne in den Schatten und spazierte über den Hof, in Erwartung was da passieren würde.

Nach einer Weile kam der Tierarzt angefahren und kruschte im Kofferraum von seinem Mercedes rum. Er nahm aus einem dampfenden Fass ein langes Stäbchen, schob seinen Arm in den Arsch einer Kuh, die sich das gefallen ließ, ihn mit großen Augen anschauend. Als er den Arm bis zur Schulter drinnen hatte, steckte er das Röhrchen in das untere Loch und drückte auf einen Kolben. „So, das wäre gemacht! Die war gut rinderig. Die ist geschwängert!“ Ich staunte. Ungewollt war ich Zeuge eines Wunders geworden, einer unbefleckten Empfängnis, wenn auch nur bei einer Kuh. Zwar so ganz unbefleckt auch wieder nicht, da der Besamer schon ein paar Fladenspritzer abbekommen hatte. Aber es ging hier ja um die Nichtbeteiligung eines männlichen Wesens beim Zeugungsakt und das ‚Empfangen ohne Sünde‘, also ohne ficken. Soeben hatte die Kuh noch gedacht wie damals die Maria, als der Engel aufgetaucht war: „Wie soll das geschehen, da ich hier im Stall keinen Stier erkenne? Und hops, schon ist sie schwanger. „Das macht 5 Mark!“, sagte der Tierarzt, und der Bauer gab ihm die Münze. Ich sinnierte weiter und sagte zum Freund: „Es muss da logischerweise irgendwo jemanden geben, der Stiere melkt und dann das Sperma in kleinen Portionen abfüllt und verkauft. Muss ja ein geiler Job sein! Hätte Lust, sowas mal als Ferienjob zu machen! Was meinst du, die Strichjungen, verdienen die so ihr Geld? Doch was macht man mit dem vielen Sperma“, ging es mir im Kopf um, „verkaufen?“...

Mein Freund hielt meine Ausführungen sicherlich für eine Erfindung meines von Pubertätshormonen überfluteten Gehirnes, bestenfalls für eine Übertreibung oder Aufschneiderei, mit der ich ihm imponieren wollte. Sicherlich hielt er es für mein Seelenheil als dringlicher, mal zu beichten und mich von solchen Vorstellungen, wie ich sie ihm soeben geschildert hatte, abzubringen. „Du weißt ja, die Priester sind an das Beichtgeheimnis gebunden! Nie würden sie etwas ausplaudern, was sie gehört haben, es gibt da genügend Beispiele in der Heiligengeschichte…“, kam er auf sein Thema Nummer 1 zurück. „Trotzdem hab´ ich keine Lust mehr, meine Schandtaten unserem Pfarrer ins Ohr zu flüstern, das ist halt so. Die kann ich doch Gott direkt beichten. Und, genau gesehen, ist das eigentlich gar nicht notwendig, denn der kennt sie eh alle, wahrscheinlich sogar schon im Voraus!“ „Du kannst sie ja dem alten Pfarrer beichten, der ist schon halb taub und vergesslich. Letztens, bei der Frühmesse, als ich ministriert habe, hatte er sogar mal den Faden verloren und ich habe ihm sagen müssen, was als nächstes zu tun war“. „Da frage ich mich, ob so eine Beichte dann überhaupt gültig ist, wenn er dich gar nicht verstanden hat. Stell dir vor, da denkst du, du bist frei von Sünden. Und plötzlich stirbst du, und kommst gar nicht in den Himmel, weil deine letzte Beichte ungültig war!“, gab ich zurück, halb scherzend, halb im Ernst.

DER ROLLENDE BEICHTSTUHL

„Hast du schon mal was vom PS gehört, oder vom rollenden Beichtstuhl?“, wollte er wissen. „PS sollen wohl Pferdestärken sein, und ein rollender Beichtstuhl? Dabei kommt mir eher ein Rollstuhl in den Sinn, ein beichtender Rollstuhl, finde ich lustig!“ „PS heißt Pankraz Schmid, das ist der Name meines Religionslehrers in der Berufsschule. Und der kommt auf Anruf mit seinem Auto hier raus und nimmt die Beichte ab. Nächsten Freitagnachmittag um drei Uhr kommt er. Ich habe schon alles organisiert, wenn du Lust hast, dann komm um diese Zeit auf den Parkplatz vorm ‚Hasen‘“. „Ist denn so eine Beichte überhaupt gültig? Ich könnte mir denken, dass unser Pfarrer ganz und gar nicht mit einer Konkurrenz in seinem Revier einverstanden ist! Der bringt es fertig und verweigert dir die Kommunion, weil du nicht hier gebeichtet hast“. „Das baucht der ja gar nicht zu wissen. Du kannst ja genauso gut in der Stadt zum Beichten gehen!“

Alleine schon aus Neugierde fand ich mich am Freitag auf dem Parkplatz ein. Und dann kam ein weißer VW-Käfer angefahren. Ihm entstieg jemand, den ich auch kannte, gesellte sich zu uns, und schon war es an mir. Etwas zögernd stieg ich ein, wusste ich doch nicht, wie das ablaufen würde. Außerdem hatte einer meiner evangelischen Freunde gesagt, als ich ihm vom rollenden Beichtstuhl erzählt hatte: „Pass ja auf, dass der dir nicht an die Eier fasst! Ich habe von einem Kumpel an der Berufsschule gehört, dass der PS ein Schwuler ist, einer ‚vom anderen Ufer‘!“ Und schon ging die Fahrt los. Ich suchte noch nach den formelhaften Worten, mit denen man eine Beichte beginnt, als der Pfarrer, ein eher kleiner, etwas dicklicher Mann, schon die erste Frage stellte, ganz locker, ohne sich an die Regeln, die in einem Beichtstuhl gelten, zu halten. Das fand ich toll und das Beichten verlief eher wie eine Unterhaltung. Vor allem stellte er keine blöden Fragen.

Er war in Zivil gekleidet, hatte aber eine Stola um den Hals gelegt, wohl als legales Zeichen seines Amtes. Wir fuhren die B 19 in Richtung Oberdorf. Beim Schalten näherte sich seine Hand verdächtig meinem linken Knie, das ich bewusst weit zur anderen Seite gelegt hatte, um auch nicht zufällig berührt zu werden. Außerdem hatte ich mir vorsichtshalber eine Jeans angezogen und keine Short. An der Abzweigung nach Niedersonthofen angekommen, war ich schon mit dem Beichten fertig. Er bog ab, drehte um. Während er die Absolution sprach, schaltete er hoch und seine rechte Hand beschrieb das Kreuzzeichen, während er den Schalthebel betätigte. „Ego te absolvo a peccatis tuis, in nomine patris, et filii et spiritus sancti!“ „Aha, H-Schaltung!“, kam es mir ungewollt in den Sinn, während ich „Amen!“ sagte. Die Buße bekam ich auf der Rückfahrt auferlegt. Auf dem Parkplatz angekommen, hatte ich schon meine drei ‚Vater Unser‘ und ‚Gegrüßet seist du Maria‘ abgeleistet und stieg irgendwie erleichtert aus. Nicht nur, weil nichts passiert war. Endlich mal wieder frei von Sünden! „Wenn du jetzt sterben würdest, kämst du gleich in den Himmel!“, empfing mich mein Freund und stieg selber in den Wagen. Doch mit dem Himmel hatte ich es in keiner Weise eilig! Momentan war mir die Erde lieber! Und ganz frei von Sünden zu sein, machte das alles noch schöner.

Weiter entfernt, unter den Kastanienbäumen sah ich meine evangelischen Freunde stehen, mit denen ich über mein Vorhaben gesprochen hatte. „Na, wie wars?“, feixten sie. „Dufte, besser als eine normale Beichte. Aber davon versteht ihr ja nichts!“ „Und, hat er?“ „Natürlich hat er mir meine Sünden nachgelassen, und bei der Menge ist das schon eine schöne Leistung!“ Ich dachte an das, was mir die Freunde über die Gemeinschaftsbeichte bei ihnen erzählt hatten. Alle zusammen im Gemeindesaal. In meinen Augen war das eine ‚Trockenbeichte‘, wie ein Pauschalangebot für eine Reisegruppe. Dahingegen war eine katholische Beichte im Beichtstuhl wie eine Inquisition. Denn hauptsächlich ging es da, unserem Alter entsprechend, um das sechste Gebot. Vor allem, wie oft man ‚Es‘ gemacht hatte. Nach einer Stunde Beichte hören musste dem Priester die gebeichtete Wichse schier bis zu den Knöcheln stehen (natürlich im übertragenen Sinn)! Für mich war das eine ‚feuchte Beichte‘, so wie er uns ja auch nach ‚feuchten Träumen‘ ausfragte. Anfangs wusste ich nicht, wovon er redete. Vielleicht wenn man beim Träumen schwitzte? Meine evangelischen Freunde konnten mich aufklären, die waren ja auch etwas älter als ich und deren Pastor pflegte eine offene Sprache, er redete nicht um den Brei herum. „Das ist, wenn du was richtig schön Schweinisches träumst und dir dabei einer abgeht. Wenn dir in der Früh das Nachthemd am Bauch festklebt“, meinte Berndi, „Aber das kann doch keine Sünde sein“, sinnierte er weiter, „das ist doch nur ein Traum und keine Absicht!“ „Aber in unserem Beichtspiegel steht ‚Unkeusches zugelassen, in Gedanken, Worten und Werken‘. Und was ist ein Traum anderes als Gedanken?“, erklärte ich. „Frag deinen Pfarrer doch mal danach!“, feixte Nori. „Sonst noch was! Das wäre sicherlich gleich eine ‚Zulassung von Unkeuschem in Worten‘!“

„Dazu fällt mir gerade etwas ein, kennt ihr den Witz mit dem 3-5-er ?“, meinte Milou, der schon im zweiten Jahr einer Klempnerlehre steckte und angeblich schon mal richtig ‚Löchle gestopft‘ hatte, „bis auf den Knochen!“, wie er stolz erklärte. „Knochen“? In einer Möse ist doch kein Knochen!“, hatte einer bemerkt. „Doch, wenn dein Schwanz lang genug ist, so wie meiner, dann stößt er an einen Knochen, wohl das Steißbein!“, „Das Scheißbein, willst du wohl sagen, weil es gleich beim Arschloch sitzt!“, hatte Nori ihn berichtigt und war vor Freude über seine treffende Bemerkung herumgehüpft. „Hört zu, den Witz hat mein Geselle letztens bei der Brotzeit erzählt: Also, es treffen sich zwei beim Pissen an der Pissrinne in einer Kneipe. Der eine sieht, wie der andere sich auf die Hose pisst. „Das ist mir früher auch oft passiert“, tröstet er ihn, „Deshalb mach ich das jetzt ganz systematisch: 1. Hosenladen auf, 2. Schwanz raus, 3. Vorhaut zurück, 4. Wasser lassen, 5. Vorhaut wieder nach vorne, 6. Pimmel in die Hose, 7. Hosenfalle zuknöpfen!“ Darauf meint der andere: „Das ist mir alles zu lang. Da mache ich lieber nur das 3-5, 3-5, 3-5. Das ist viel schöner!“ Alle, auch ich, brachen in so grölendes Gelächter aus, dass sogar die auf den rollenden Beichtstuhl Wartenden sich nach uns umdrehten. Ich versuchte verzweifelt, den Witz zu begreifen. „Was ist denn daran so witzig?“, fragte ich Nori, mit dem ich am vertrautesten war, „so ungefähr mache ich es doch auch!“ „Geht mal etwas auf die Seite!“, rief Nori den anderen zu, „ihr steht auf der Leitung von ‚Kleen-Bendick‘! Also gehen wir nochmal alles der Reihe nach durch, was ist 1., 2. usw. Und nun überlege mal, was ist, wenn du nur 3 und 5 machst!“ „Wichsen!“ entfuhr es mir wie damals das „Heureka“ dem Archimedes. Alle kugelten sich schier vor Lachen.

„Und ein 1-7-5-er, ist das auch einer, der wichsen tut? “, fragte ich sie etwas zögernd. „1.Hosenladen auf, 7. Hosenladen zu, 5. Vorhaut zurück. Das find ich komisch!“ Dieses Wort, besser diese Zahl, die ich öfters in einer Unterhaltung zwischen Erwachsenen aufgefangen hatte, lag mir schon lange auf der Zunge. Die Kumpels schauten sich an, dann brachen sie wieder in ihr ordinäres Lachen aus, was sonst einen schweinischen Witz begleitete. „Das kannst du ruhig laut sagen! Das ist die Bezeichnung für einen Schwulen, einen Homo, einen von jenen Erwachsenen, die es mit Gleichen treiben. Im dritten Reich unter Hitler, wurden diese als Untermenschen betrachtet. Um die deutsche Rasse rein zu halten, wurde da so ein Paragraph erlassen, der §175, der solches Treiben verbot und mit Gefängnis, später sogar KZ oder Kastrieren bestrafte. Kastrieren war eh eine Weile große Mode, vor allem bei euch Katholiken. Oft entmannte man Kinder, damit sie im Kirchenchor oder später an der Oper weitersingen konnten. Euer heiliger Augustinus hat sich selbst entmannt, um nicht mehr den sexuellen Versuchungen ausgeliefert zu sein. ‚Lieber als Eunuche in das Himmelreich eingehen‘, soll er gesagt haben, ‚als als Sünder in die Hölle!‘“ „Aber wie hat er das gemacht?“, fragte Jürgen. „Vielleicht mit zwei Ziegelsteinen? Paff!...“, vermutete Bernd. „Brr! Wenn ich mir sowas vorstelle, da kommt mir keiner mehr hoch!“, meinte Milou.

„Und wenn wir zusammen wichsen, sind wir dann nicht auch 175-er?“, entfuhr es mir. Es folge ein kurzes Schweigen. Jeder überlegte. „Ich glaube nicht!“, meinte Milou, der älteste von uns nach einer Weile. „Dazu muss man erwachsen sein, hatte man uns in der Berufsschule gesagt. Offiziell, das heißt, nach dem Gesetz, sind wir ja noch Kinder, solange wir keine 21 sind“. „Wie kommt es dann, dass du schon im Jugendknast warst, du bist doch erst 18?“ „Das heißt ‚sonniger Süden mit gesiebter Luft‘, das ist eine andere Art von Urlaub“, lachte er, „gewissermaßen ein Zwangsurlaub in einem Kellerraum der Residenz in Kempten. Als Kind darfst du allen Scheiß machen und man kann dich nicht einsperren. Die Eltern sind für alles haftbar. Ab 18 bist du ‚beschränkt haftbar‘ für den Unsinn, den du machst (erst seit 1974 ist man mit 18 volljährig und auch wahlberechtigt). Da man dich nicht dauerhaft einsperren darf, alleine schon wegen deiner Lehre oder dem Schulunterricht macht man das an mehreren Wochenenden. Da geht es manchmal ziemlich lustig zu!“, schnitt er auf. „Dort unterrichtet man dich auch, wie die einzelnen Missetaten einzuordnen sind. Die kleinen nennt man Ordnungswidrigkeiten, dafür muss man nicht ins Gefängnis, die großen Straftaten oder Delikte, die wiederum in Vergehen und Verbrechen unterteilt werden. Für Verbrechen wie Raub, Mord oder Vergewaltigung gibt es da ganz happige Strafen. Die happigste war die Todesstrafe. Die ist aber seit 1945, meinem Geburtsjahr, abgeschafft. Diese grausame Art der Bestrafung geht noch auf das Alte Testament zurück, ihr kennt die Bibelstelle sicherlich alle, wo es heißt ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘! Also wer getötet hat, muss gleichfalls sterben. Anfangs, im alten Rom, waren die ersten Christen gegen die Todesstrafe, da es ja meist ihnen selber an den Kragen ging. Als das Christentum dann Staatsreligion wurde, waren sie plötzlich dafür, um die Heiden zu bekämpfen und zur Bekehrung zu zwingen, hat unser Pastor erzählt. Grausam! Deshalb halte ich nicht mehr viel von Religion und dem Drumherum. Und auch nicht von Politik. Die drehen alles so hin, wie es ihnen am besten passt!“

„Das ist ja richtig gruselig. Hast du schon mal echte Verbrecher getroffen? Wie sehen die denn aus?“, wollte Gustav wissen. „So wie du und ich. Wie ganz normale Menschen. Nur in den Kriminalfilmen erkennt man sie gleich an ihrem Aussehen!“ Das wenn meine Mutter wüsste, dass der Milou schon mal im Bau war! Die ließe mich gar nicht mehr auf die Straße raus! Ich überlegte, ob ich nach einer solchen Unterhaltung und diesem Umgang nicht gleich nochmal in den rollenden Beichtstuhl einsteigen sollte, um meine neuesten Sünden zu beichten. Aber war es überhaupt eine Sünde, wenn man etwas Schweinisches gehört hatte? Eigentlich müsste das doch nur den betreffen, der einen solchen Witz erzählt… Das müsste ich mal den PS fragen. Aber der war schon endgültig abgefahren und diejenigen, die gebeichtet hatten, waren auch weggegangen, wohl um sich nicht wieder mit Sünden anzustecken, indem sie uns zuhörten, zu schlecht war der Ruf der Buben, bei denen ich mich befand!

Durch meinen Freund Toni erfuhr ich auch, was ein Ablass ist. Das ist der Nachlass von Sündenstrafen, die man durch Gebet, meistens ein kompletter Rosenkranz, für andere erreichen kann. Vorher muss man aber gebeichtet haben. Ablässe mit der Spende einer bestimmten Geldsumme zu verbinden (was den Anlass zu Luthers Reformation gegeben hatte), war nicht mehr erlaubt. Nur durch Gebete konnten Sündenstrafen nachgelassen werden, besonders für diejenigen, die ohne vorherige Beichte gestorben waren und deshalb im Fegfeuer brutzelten. Die Möglichkeit dazu boten die Kirchenfeste, zum Beispiel das Fest des heiligen Martins, des Schutzherrn unserer Pfarrkirche und der 2. August, das Fest der heiligen Portiunkula. Da drängten sich die alten Weiblein um und in der Kirche um einen Ablass für einen lieben Verstorbenen zu erwirken. Aber auch Kinder kamen zur Kirche, geschickt von ihren Eltern, um das Seelenheil eines verstorbenen Angehörigen zu erflehen. Da nur ein Ablass pro Kirchenbesuch und Person möglich war, hatte das Volk einen kleinen Trick erfunden: Man betrat die Kirche jedes Mal durch einen anderen Eingang und verließ sie durch einen Seiteneingang oder die Sakristei. So konnte man mehrere Ablässe an einem Tag erlangen und einer armen Seele zukommen lassen.

Ja, der Toni meinte es richtig gut mit mir! Manchmal schien es mir, er wolle mich wieder auf den rechten Weg bringen. Gut, wir verstanden uns, hatten immer was zu bequatschen. Er war das, was man einen anständigen Buben nennt. Er hatte noch etliche Geschwister, die auch regelmäßig in die Kirche gingen. Doch waren sie auch Flüchtlinge und zudem eine kinderreiche Familie. Das machte sie schon fast zu Asozialen, und meiner Mutter war es gar nicht so recht, dass ich auch bei diesen aus- und einging. Aber immer noch besser als die Protestanten-Clique!

DAS MAIENWUNDER

Es war Mai. Der Wonnemonat Mai. Wo alle Blütenknospen aufgehen, auch die der Mädchen. Deshalb war dieser Monat der Jungfrau Maria geweiht. Jeden Abend fanden in allen Kirchen weltweit Maiandachten statt, bei uns im Dorf kam einmal wöchentlich eine Andacht in der ‚Grotte‘ im ‚Rauns‘ dazu. Dieses Bauwerk ähnlich einem nach einer Seite offenen Gewölbe hatte ein Bauer nach dem ersten Weltkrieg erbaut aus Dankbarkeit, dass er auf der Einzugsliste der Soldaten vergessen worden war. Es ist eine Art Nachbau einer Tropfsteinhöhle im ‚Zuckerbäckerstil‘ mit viel Beton, aber gut gemacht. Bisweilen stiegen wir die engen Treppchen hoch zum ‚Auskundschaften‘ und stibitzten ein paar Kerzenstummel, um an der Iller mit Schwemmholz ein Feuer zu machen…

Hier im Freien waren die Maiandachten, die abends stattfanden, so bei Sonnenuntergang, sehr romantisch. Es war hauptsächlich junges Volk anwesend, vielleicht, weil für die Älteren der Weg zu weit war. Hier traf man sich unter einem religiösen Vorwand, um mal etwas zu schwofen, Händchen zu halten, oder einen ersten Kuss zu wagen. Denn über allem wachte ja die heilige Jungfrau Maria, sicherlich etwas wehmütig, wenn sie sah, was sie wegen ihrer Jungfrauschaft alles verpasst hatte… Ihr zum Lobe wurden in eintöniger Weise Rosenkränze gebetet. Fünf mal zehn Ave-Maria, wobei man hinter der Nennung des Namens Jesu einen Zusatz einfügte, während die Fingerspitzen der Betenden langsam eine Perle nach der anderen weitergleiten ließen, um im Einklang mit den anderen Betenden zu bleiben. Wie ein Windhauch in den Wanten eines Schiffes schwoll der Klang der vielen Stimmen mal mehr, mal weniger an, um dann, nach einer kurzen Pause erneut zu beginnen, während die Finger eine neue Perle ertasteten. Oft wurde anschließend noch eine Litanei angehängt, weil sich die Betenden einfach nicht aus dieser inbrünstigen Atmosphäre lösen konnten. Das passte natürlich den jungen Leuten. Während im Sonntagsgottesdienst nach einer Stunde schon alle Hinterteile ungeduldig auf den Bänken herumrutschten, um endlich die Kirche verlassen zu können, war hier jede Verlängerung willkommen. Denn gut behütete Töchter aus katholischen Familien hatten nicht viele Gelegenheiten um Buben zu treffen.

Und hierher schleppte mich Toni. Und landete einen Volltreffer! Denn die hier herrschende Stimmung, diese Mischung von Sonnenuntergang, Kerzenflackern, Weihrauch und Gebetsrauschen drang bis in den Kern meiner Seele ein. Irgendwie war da entweder ein Vakuum gewesen, das sich jetzt auffüllte, oder aber ein Saatkorn von Mystik gelegen, das jetzt zu keimen begann. Vielleicht hat jeder Mensch diese Anlage in sich, wie ein Rettungsring für die Seele, wenn sie droht, im Sturm der materialistischen Welt unterzugehen.

Nicht genug der Maiandachten in der Grotte, von jetzt an ging ich jeden Maienabend auch in die Andachten in der Pfarrkirche. Mein Freund war immer dabei, sichtlich erfreut über meinen Wandel vom Saulus zu einem Paulus! Auch hier half das anfänglich von den bunten Kirchenfenstern getönte Dämmerlicht, welches sich dann, während des Betens langsam in tiefes Dunkel verwandelte, wohlig erleuchtet von den leicht im Lufthauch flackernden Kerzen, den mystischen Keim in mir wachsen zu lassen. Ich labte mich an dieser Atmosphäre, wie ein Opiumraucher an seiner Pfeife, wollte sie andauern lassen.

Natürlich hatte ich nie Opium geraucht, kannte das Wort nur aus Abenteuerromanen. Hatten wir kein Geld für Tabak, dann lasen wir Kippen auf und bröselten sie in unsere Pfeifen. Oder schnitten im Wald ‚Judenstricke‘ ab und zündeten sie an, diese langen Lianen, an denen wir uns manchmal wie Tarzan durch das Unterholz hangelten, laute Schreie von uns gebend, wie Jonny Weissmüller, wenn er Jane verfolgte. Mit ihrem Rauch husteten wir uns schier die Lunge aus dem Leib. Meine Mutter, die im Krieg als Krankenschwester im Lazarett das wieder zusammenflickte, was die Produkte der Waffenfabrikanten zerstückelt hatten, erzählte mir manchmal, dass sie den Verletzten Opium oder Morphium verabreicht hatten, wenn die Schmerzen unerträglich wurden. „Du hättest sehen sollen, wie friedvoll dann ihr Gesichtsausdruck war!“ Plötzlich verstand ich den Ausspruch Karl Marx, der Religion als Opium für das Volk bezeichnete! Eine Droge, um den Weltschmerz und die Sorgen des Alltags ertragen zu können. Bevor man davon durch den Tod erlöst wurde. Nie hatte ich einen solchen süßen Rausch erlebt wie an diesen Andachts-Abenden! Alkoholrausch kannte ich schon und ich schüttelte mich allein bei dem Gedanken, wie mir danach am nächsten Morgen zumute war. Der Rausch einer Andacht aber kannte keinen Kater am nächsten Morgen, mein Geist sehnte sich erneut nach diesem Zustand. Ich konnte ohne nicht mehr sein!

Der Mai und seine speziellen Marienandachten ging zu Ende und der Alltag mit dem üblichen abendlichen Rosenkranz um 20 Uhr trat an seine Stelle. Ich ging weiterhin abends in die Andacht, oft begleitet von meinem Freund Toni und bisweilen anderen, die wir für diese fromme Sache hatten gewinnen konnten. War das ein Anzeichen, dass ich süchtig geworden war? Waren die Rosenkränze bisher fast ausschließlich Altweibersache gewesen, so verjüngte sich jetzt das Publikum. Ich hatte bemerkt, dass eine alte Frau, die Mina, wohl ihr Leben lang Jungfer geblieben, sei es aus Hingabe zu Gott oder wegen eines zu kurzen Beines, vor den Andachten die Kerzen anzündete und sie nachher auslöschte. War sie verhindert, machte das der Pfarrer selber. Da ich ja inzwischen zu den ‚Regelmäßigen‘ gehörte und kaum eine Andacht ausließ, bot ich dem Pfarrer an, diese Tätigkeit zu übernehmen.

Der nahm mein Angebot erfreut an, sicherlich froh über meine plötzliche Begeisterung. Er erklärte mir, wie man die langen Stangen mit dem dicken Docht oben dran beim Anzünden handhabt und wie man beim Ausmachen mit dem gegenüber angebrachten Hütchen langsam die Flamme erstickte oder mit einem anderen Gerät, das eigentlich ein langes Rohr war, an dem sich unten ein Gummiball befand und oben ein Ring, auf der Innenseite mit Löchern versehen, ausblies. Man musste nun mit ruhiger Hand das lange Rohr zur Kerze führen, langsam den Ring um die Flamme postieren und auf den Gummiball drücken, um die Kerze auszublasen. Langsam verglühten die Dochtenden und verteilten ihren speziellen, mich schier berauschenden Duft im Kirchenschiff. Und wenn dann die schlurfenden Schritte der letzten Rosenkränzler draußen verstummt waren, gehörte die Kirche mir. Mir und Gott. Der Pfarrer war schon verschwunden oder werkelte noch in der Sakristei rum. Ich genoss diese Augenblicke wie ein Derwisch seine Trance. Mir war, als hätte ich mich nie zuvor so wohl gefühlt, sogar eine Selbstbefriedigung und der Orgasmus, der folgte, war nichts im Vergleich mit meinem jetzigen euphorischen Zustand! Vielleicht trug dazu bei, dass jetzt das Damoklesschwert der Todsünde und der ewigen Verdammnis nicht mehr über mir schwebte. Was ich tat, war ja in den Augen Gottes wohlgefällig, wie es irgendwo in der Bibel steht.

Um mich noch nützlicher zu machen und vielleicht auch um diese Atmosphäre länger andauern zu lassen, ließ ich mir vom Pfarrer zeigen, wie man die Frühmesse des nächsten Tages vorbereitet, wie man nach dem liturgischen Kalender des Bistums im Messbuch die richtigen Seiten ausfindig macht und mit Bändeln markiert, die Messgewänder in den entsprechenden Farben vorbereitet, den Wein bereitstellt oder öffnet und was sonst noch hinter den Kulissen zu tun ist, damit das Zeremoniell der heiligen Messe reibungslos abläuft. Somit wurde ich im Laufe der Wochen zum ‚Rosenkranz-Mesner‘ ernannt. Ich war irgendwie stolz darauf, obwohl mir bewusst war, dass Stolz eine der Kardinalsünden ist. Aber jetzt fühlte mich als vollwertiger Teil der Kirche und ging das erste Mal dem Gedanken nach, vielleicht eines Tages selber Priester zu werden. Ich erlegte mir selbst eine Prüfung auf: Da ja der Zölibat, also die Ehelosigkeit eine, vielleicht sogar die Hauptvoraussetzung für diesen Beruf ist, nahm ich mir vor, keusch zu leben. Würde ich das schaffen, sagte ich mir, wäre ich für diesen Weg geeignet. Wie hieß es in der Bibel? „Viele sind berufen, aber wenige nur sind auserwählt“ Und: „Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich, verleugne sich selbst und folge mir nach“. Natürlich ging ich vormittags weiterhin zur Oberschule, stand doch die mittlere Reife an, die ich unbedingt schaffen wollte. Wenn die Zeit es zuließ, ging ich sogar werktags in die Frühmesse und fuhr nachher mit dem Moped, welches ich mir heimlich von meinem in den Ferien verdienten Geld gekauft hatte, in die Schule.

Meine evangelischen Freunde traf ich weniger, vor allem, da ich abends dermaßen beschäftigt war und keine Zeit mehr für den üblichen Unsinn hatte. Auch meine anderen Freunde sah ich jetzt etwas seltener, außer die katholischen, die vor allem am Freitag- und Samstagabend während der Rosenkranzandacht zum Beichten gingen. Dann überließ der Pfarrer das Vorbeten einer der ihm und Gott voll ergebenen Frauen und zog sich in den Beichtstuhl zurück.

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300 p. 1 illustration
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9783753196336
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14 book in the series "Zu Wasser und zu Lande"
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