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Wolf-Dieter Storl

Pflanzendevas

Die geistig-seelischen

Dimensionen der Pflanzen

Wolf-Dieter Storl

Pflanzendevas

Die geistig-seelischen

Dimensionen der Pflanzen

Mit praktischen Anleitungen

zu Pflanzenmeditationen

AT Verlag

6. Auflage, 2014

© 1997

AT Verlag, Aarau, Schweiz

Umschlagbild: Frank Brunke, Buchenberg

Illustrationen Seite 48, 56, 86, 97, 99, 105, 110, 139, 183, 185:

Lambert Spix, Köln

Satz und Lithos: AT Verlag, Aarau

ISBN 978-3-03800-104-1

www.at-verlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Die Wiederkehr des Andersweltlichen

Nahrung aus dem Kosmos

Devi: Göttin der Vegetation

Marias Kräuterwisch

Pflanzendevas – Devis Kinder

Die Ammen der Menschheit

Die heimlichen Herrscher

Persönliche Freundschaften

Der alte Medizinmann und das grüne Volk

Sich dem vegetativen Pol des Lebens anvertrauen

Engelwesen und Sphärenharmonien

Herz und Leber der Devas

Findhorn und der Erbsendeva

Roc und die Naturgeister

Die Geister der vier Elemente

Motsiiuifs heilige Pflanze

Die himmlischen Wölfe und die Mutter der Kräuter

Sammelrituale: Der richtige Ort, die richtige Zeit

Keltische Sammelzeiten und Planetenstunden

Sammelrituale: Orientierung und Opfer

Grabwerkzeuge: Bärenkrallen und Hirschgeweihe

Die Macht der Mantras

Pflanzenrituale für heute

Pflanzen, die menschliche Gestalt annehmen

Nachwort: Der schlimmste Krieg aller Zeiten

Anhang: Praktische Übungen

Bibliografie

Stichwortverzeichnis

VORWORT

«Überhaupt ist der Mythos weit mehr dem Zufall entzogen als die Geschichte – er bringt Ideen, die Geschichte nur Tatsachen.»

Ernst Jünger, Annäherungen

Vor allem darum geht es mir in diesem Buch: um fruchtbare, kunterbunte Ideen, die das Gewohnte in einem neuen Licht erscheinen lassen können, und weniger um «gesicherte» analytische Tatbestände. Keine wissenschaftliche oder parawissenschaftliche Botanik, keine eigentliche Ethnobotanik und schon gar nicht eine esoterische Phytosophie liegt dem Leser hier vor. Das Buch, gespeist aus den Sagen und Überlieferungen verschiedenster Völker, Traditionen und Zeitepochen, ist eher im Sinne eines Märchens für Erwachsene zu verstehen – ein Märchen im ursprünglichen Sinne des Wortes Mär, also eine «Kunde», eine «Nachricht». Es ist eine Nachricht aus dem Zauberreich der uns tragenden stillen, grünen, ewig wachsenden Mitgeschöpfe. Es erkundet den leuchtenden archetypischen Urgrund der Vegetation – der zugleich auch unser eigener Daseinsgrund ist.

Wolf-Dieter Storl

EINLEITUNG

Das Telefon riss mich aus meinen Gärtnerträumereien. Ich warf den Spaten beiseite und hastete ins Haus. Als ich den Hörer abnahm, überwältigte mich der Wortschwall irgendeines mir unbekannten Fernsehproduzenten:

«Sicherlich kennen Sie Das geheime Leben der Pflanzen, den einmaligen Bestseller von Peter Tompkins und Christopher Bird? Wissen Sie, dass seit der Erstveröffentlichung zwanzig Jahre vergangen sind?» – Die Stimme wurde nachdrücklicher: «Zwanzig Jahre! Es ist nun wirklich an der Zeit, dem Publikum die neueren Erkenntnisse und Fortschritte auf dem Gebiet der esoterischen Pflanzenforschung nahezubringen. Es geht darum, den Leutchen da draussen klarzumachen, dass es sich bei den Pflanzen nicht um leblose Gegenstände handelt, sondern um beseelte Lebewesen, die mit den Menschen eine emotionale Beziehung eingehen können. Vielleicht könnten Sie mir da einige Hinweise geben. Verstehen Sie mich recht, es geht mir um eine spirituelle Sicht der Dinge. Wir suchen nach einer Möglichkeit, die Pflanzendevas im Fernsehen selber zu Wort kommen zu lassen.»

Noch ganz ausser Atem, fragte ich: «Nun, ja, wie wollen Sie das denn anstellen? Pflanzenseelen und -geister sind ja schon vom Begriff her für unsere äusseren Sinne unerfahrbar. Sie sind unsichtbar! Was wollen Sie denn da eigentlich filmen?»

«Sicherlich kennen Sie die Kirlian-Hochfrequenzphotographie, mittels derer es gelungen ist, die Auras der Pflanzen abzulichten, sichtbar zu machen! Es ist Ihnen vielleicht nicht geläufig, welche technischen Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, verborgene Phänomene unseren Sinnen zugänglich zu machen. Sie kennen doch sicherlich den Backster-Effekt?»

Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Backster-Effekt. Klar! Aus spielerischem Trieb heraus hatte der Kriminologe Cleve Backster eines Tages seinen Lügendetektor an den Drachenbaum angeschlossen, der da in einem Topf neben seinem Schreibtisch dahinvegetierte. Zu seiner Verblüffung musste er feststellen, dass der Polygraph schon beim blossen Gedanken, ein Blatt zu durchstechen oder es in den heissen Kaffee zu tauchen, ausschlug. Pflanzen können Gedanken lesen – um diesen Schluss kam Backster nicht herum.

Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung arbeitete sich inzwischen in einen regelrechten Eifer hinein: «Nun lassen sich die von den Pflanzengeweben ausgehenden elektrischen Impulse leicht amplifizieren und aufandere Medien übertragen. Zum Beispiel kann man sie als Ton oder als Farbe wiedergeben. Folgende Szene wäre doch ganz toll für eine Sendung: Da sitzt jemand vor seiner Salatschüssel. Elektroden sind an den Salatblättern angeschlossen. Im selben Moment, in dem er mit der Gabel zusticht, verändert sich die elektrische Spannung in dem betroffenen Blatt. Das genügt, um mittels Farb- und Tongeneratoren einen schrillen Schrei auszulösen und es blutrot auf dem Monitor aufleuchten zu lassen! Nicht wahr, das würde den Leuten endlich einmal vor Augen führen, dass sogar der Salat ein fühlendes, beseeltes Wesen ist! Da würden sie nicht mehr so gedankenlos Salate, Gurken, Äpfel oder sonstwas in sich hineinstopfen. Ich sehe das sozusagen als eine pädagogische Aufgabe!»

Ich brummelte etwas Dümmliches vor mich hin und sagte, dass ich ihm wohl nicht helfen könne. Zugleich musste ich an die alte Dame denken, der es schon eine Qual bereitet, ihr Gärtlein zu jäten. Das blutrote Aufleuchten und der schrille Todesschrei des Salatblättchens würde ihr jede Mahlzeit zur Gewissensqual machen. Wie könnte sie die Vorstellung verkraften, die armen Kartoffelwesen lebendigen Leibes im kochenden Wasser zu verbrühen. Oder die unschuldigen Radieschen zu zerstückeln und dann noch Salz in ihre Wunden zu streuen! Der Mensch als molochartiges Monster! Welche geistig hochentwickelte Seele – und dafür hielt sich die alte Dame – könnte damit leben? Sie müsste, wollte sie nicht als niederträchtige Heuchlerin dastehen, die letzte Konsequenz ziehen: Sie müsste ganz aufhören zu essen und sofort ins Geistige eingehen, so wie es die Heiligen der Jaina im alten Indien taten. Um kein weiteres böses Karma anzuhäufen, versagten sich die Jaina völlig den animalischen Trieben. Sie setzten sich einfach hin, hörten auf zu essen – und entschwebten nach vierzig bis sechzig Tagen dieser grausamen Welt.

Nein, mit solch billigem Mediensensationalismus, solchen elektronischen Gaukeleien lässt sich die Ehrfurcht vor dem Leben nicht neu entfachen! So etwas sollten Sie, Herr Fernsehproduzent, Ihren Zuschauern nicht zumuten! Ausserdem erzeugen die Pflanzen ihre Biomasse im Überfluss. Pflanzen gleichen stillenden Müttern mit prallen Brüsten, denen es Freude macht, die hungrigen Mäuler ihrer Kinder zu stopfen. Es ist genug da für Menschen und Tiere.

Nein, Sie befinden sich auf dem Holzweg. Die einfachen Naturgeister, geschweige denn die erhabenen Pflanzendevas, lassen sich nicht so leicht leimen. Kein elektronischer Sensor, kein noch so raffiniert ausgeklügeltes Instrument wird die Devas zum Sprechen bringen. Ganz im Gegenteil, auf Zwang und freche Neugierde lassen sie sich nicht ein, sie ziehen sich zurück. Wir brauchen keine anderen Instrumente als unseren Leib und unsere Seele – das hatte ja schon der alte Goethe gesagt! Liebe ist die einzige Sprache, die die Pflanzengeister verstehen. Liebe zieht sie an – und dann erst können sie in ihrer unbeschreiblichen Schönheit im Spiegel unserer Seele erscheinen. Wir müssen also an uns selbst arbeiten, den Spiegel reinigen – etwa mit Yoga und Meditationsübungen, nicht bloss im Äusseren kramen.

«Nein danke, Herr Produzent, ich habe kein Interesse, an Ihrem Programm mitzuwirken. Auf Wiederhören!»


DIE WIEDERKEHR

DES ANDERSWELTLICHEN

Wer oder was sind nun diese Devas, Pflanzenseelen, Baumgeister oder Blütenelfen, die in zunehmendem Masse die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf sich ziehen? Klare Vorstellungen gibt es kaum! Alle möglichen Bilder tauchen auf, von winzigen kitschigen Disney-Figürchen, die sich in Blütenkelche nesteln, sich an Tau und Blütendüften laben und mit zierlichen Libellenflügeln durch die warme Sommerluft schwirren, bis hin zu den Baumgeistern, wie etwa dem Erlkönig, oder gar heimtückischen Monstergewächsen wie den amoklaufenden fleischfressenden Schlingpflanzen eines Hollywood-Horrorfilms. Bei Botanikern rufen solche Bilder ein Nasenrümpfen, bestenfalls ein Schmunzeln hervor. Pflanzenseelen und Baumgeister – so etwas gibt es nicht! Hatte nicht schon der grosse Zellularpathologe Rudolf Virchow gesagt, er habe bei den vielen Tausenden von Sektionen noch nie eine einzige Seele gefunden? Taxien, Tropismen, Nastien und andere quantifizierbare mechanische oder chemische Reizreaktionen können für alles herhalten, was an den Pflanzen so geheimnisvoll und seelenartig erscheint.

Psychoanalytiker geben sich da schon etwas grosszügiger: Ja, solche Wesenheiten gibt es …, aber nur als Projektionen subjektiver Wunschbilder und Phantasien auf die an sich «leere» Natur. Objektiv gesehen gibt es sie ebensowenig wie fliegende Untertassen mit kleinen grünen Männlein als Besatzung.

Nicht jeder ist jedoch von diesem mit erhobenem Zeigefinger vorgetragenen Dogma der Wissenschaft überzeugt. Es gibt immer wieder Menschen, denen fliegende Untertassen begegnet sind, die mit Engeln oder mit Pflanzenelfen gesprochen haben und die sich diese Erfahrungen nicht nehmen lassen wollen. Es wird berichtet von Bäumen, die im Traum mit Menschen reden; von Heilkräutern, die plötzlich im Gartenbeet erscheinen, als wüssten sie, dass jemand im Haus krank ist und ihrer Hilfe bedarf; von Topfgewächsen, die sich ganz auf ihren Besitzer einstellen. So erzählte mir neulich ein Kakteenzüchter von seiner geliebten Königin-der-Nacht (Selenicerus). Nur in einer einzigen, mondhellen Nacht im Jahr öffnet sie ihre prächtigen glockenförmigen, weissen Blüten. Jedes Jahr blieb er in dieser Nacht auf und übergoss sie, wie eine Geliebte, mit seiner Bewunderung. Einmal musste er jedoch während dieser Zeit verreisen. Obwohl ein Freund sie umsorgte, schien die Kaktee ihr Blühen hinauszuzögern, als warte sie auf ihren Liebhaber. Schliesslich fielen die wohlausgebildeten Knospen ungeöffnet ab. Erst ein Jahr später blühte sie erneut.

Dann gibt es Gärtner – und zwar diejenigen mit den allerschönsten Gärten –, die nach keinem Schema, keinem Gartenbuch arbeiten. Die Pflanzen selber sagen ihnen, wann sie Durst haben, wann sie ausgesät, ausgepflanzt oder gedüngt werden wollen. Einige Gärtner – wie Mrs. Wright aus dem bekannten Perelandra-Garten in Virginia – sind der Ansicht, dass es die mit den Pflanzen verbundenen Elementarwesen sind, die ihnen die Anweisungen geben. Andere glauben, dass sie mit ihren grünen Zöglingen in direktem telepathischem Kontakt stehen. Für sie steht ausser Zweifel, dass da etwas in jeder Pflanze steckt – eine «Seele», eine «Intelligenz», oder wie immer man es nennen will –, das klar und eindeutig Gedanken empfindet und auch ausstrahlt. Der oben erwähnte Cleve Backster gibt neuerdings Urlaubern den Rat, sie sollen einen Schnappschuss ihrer Lieblingspflanze mit auf die Reise nehmen und das Foto jeden Tag liebevoll betrachten, dann würden die Pflanzen gesünder bleiben.

Telepathische Erlebnisse mit Pflanzen werden immer häufiger und gelten immer weniger als absonderlich. Was einst nur im Rahmen geheimniskrämerischer theosophischer oder spiritistischer Séancen zur Sprache kam, ist für die Generation an der Schwelle zum «Wassermann-Zeitalter» kein Flüsterthema mehr. Die Mauern des materialistischen Weltbildes zeigen Risse. Es bröckelt und bröselt. Ein seltsames Heer «ätherischer» und «astraler» Geschöpfe schlüpft durch die Ritzen und besiedelt das Bewusstsein der Menschen.

Atlantis

Rudolf Steiner hatte es kommen sehen. Die Menschen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verkündete er, würden lockerer in ihrem physischen Leib inkarniert sein; sie würden zunehmend hellsichtiger werden. Und Edgar Cayce (1877–1945), der «schlafende Prophet» aus Tennessee, sagte für das Ende des Jahrhunderts das Wiederauftauchen von Atlantis voraus. Das Wiedererscheinen des versunkenen Kontinents muss nicht unbedingt als ein brachiales geophysikalisches Ereignis mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen verstanden werden. Vielmehr könnte man es als die Wiederkehr eines längst versunkenen Bewusstseinszustandes interpretieren – eines Bewusstseinszustandes, in dem die feinstofflichen und «übersinnlichen» Wesenheiten, mit all ihrem Zauber und ihrer Magie, wieder «wirklich» werden.

Atlantis soll jene uralte Zeit gewesen sein, in der Zyklopen, Kentauren, Elfen, Nymphen und andere Sagengestalten die Welt so bevölkerten wie heutzutage Autos, Flugzeuge, Fernseher und Computer. Das Bewusstsein der Atlantier reichte, so heisst es, weit in die ätherischen und astralen Dimensionen hinein. So konnten sie mit Pflanzen- und Tierseelen Zwiesprache halten. Die Sprache, ja schon die Gedankenkraft der Atlantier war naturgewaltig: Sie konnte das Wachstum und die Gestalt der Gewächse beeinflussen. In Indien ist das Chanten bestimmter Mantras überliefert, welche das Wachsen und Blühen der Vegetation anzuregen vermögen – es sind die letzten Nachklänge altatlantischer Magie.

Es heisst, die Atlantier schwebten schwerelos, weil sie die Vrilkraft – jene Vitalenergie, welche die Pflanzen entgegen dem Sog der Schwerkraft nach oben wachsen lässt – handhaben konnten. Als dann Selbstsucht und der Missbrauch der Lebenskräfte die Seelen der Atlantier langsam vergifteten, verloren sie die Fähigkeit zu levitieren. Indem ihre Seelen immer tiefer hinab in die Materie sanken und sich zunehmend in einem Ego verpanzerten, verloren sie auch die Fähigkeit, die ätherischen Entitäten unmittelbar wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen. Die Vegetation erschien vor den Augen der Menschheit allmählich immer mehr so, wie sie uns heute erscheint – als ein zwar hochorganisierter, im Grunde genommen aber unbeseelter Zustand der Materie. Mythen, Märchen und Sagen – Urerinnerungen an atlantische Bewusstseinszustände – gelten heute nur noch als Produkte der Phantasie oder eines überzogenen Intellekts.

Einige Esoteriker verlegen das mystische Atlantis in jene Zeit, als die Lebewesen noch im Wasser atmeten und der Menschenleib sich kaum von einer Qualle unterschied – eine Zeit, die dem Paläozoikum entspräche. Einem Kulturanthropologen liegt es näher, den Zeitraum, auf den der Atlantismythos hindeutet, in der alten Steinzeit anzusiedeln. Tief in Höhlen verborgene paläolithische Felsmalereien und die Jagd- und Sammelbräuche einiger Restvölker lassen vermuten, dass schon die Jägerstämme der Steinzeit mit den transphysischen «Gruppenseelen» der Tiergattungen kommunizierten, dass sie die «Tiermutter» oder den «Herrn der Tiere» anriefen. Diese übersinnlichen Hüter der Tiere erschienen den Schamanen in der Trance oder Vision und gaben den Jägern das Jagdwild als Beute frei. Das Gleiche galt für das Einsammeln von Heil- und Machtpflanzen. Wir werden noch sehen, wie sich traditionelle Kräuterrituale, die es dem Heiler und Pflanzenkundigen ermöglichen, sich mit den Geistern der Pflanzen zu verbinden, in solche zeitliche Tiefen zurückverfolgen lassen.

Aber schauen wir uns einmal bei den sogenannten «New Age»-Workshops und -Seminaren um. Da erwachen Hexen, Pflanzengeister, Elfen, Elementarwesen und andere «atlantische» Entitäten zu neuem Dasein. Es werden Rituale und magische Handlungen erprobt in der Hoffnung, mit ihnen wieder Kontakt aufnehmen zu können. Botschaften aus dem kollektiven Unterbewusstsein, aus der atlantischen Urerinnerung, aus den transphysischen Dimensionen werden angezapft, «gechannelt» und visualisiert: Sie erhalten erneut richtungweisende Bedeutung im Leben der Teilnehmer. All das beflügelt zunehmend die Massen und findet Niederschlag in künstlerischen Schöpfungen, Fantasy-Filmen und MTV-Musikproduktionen. Atlantis is rising! Wahrlich, der versunkene Kontinent erhebt sich wieder aus der Vergessenheit.

Inzwischen finden die Pflanzendevas wieder ihre Fürsprecher. Terence McKenna, Ethnobotaniker und Leiter der Stiftung Botanical Dimensions, ist einer von ihnen. In seinem botanischen Garten auf Hawaii versucht er die schamanistischen Heilpflanzen der schwindenden Tropenwälder zum Nutzen künftiger Generationen zu retten. Wir Menschen brauchen diese Pflanzen, um auf unserem Planeten zu überleben. Viele von ihnen sind psychoaktiv, sie bewirken den Aufbruch verhärteter, lebensfeindlicher Denkstrukturen. Das ist notwendig, denn unsere Technozivilisation gerät zunehmend in eine Sackgasse. Die Krise ist global. Für McKenna liegt die Antwort weniger in den Utopien eines New Age oder in den Institutionen der klassischen Zivilisationen als vielmehr in jenen drei bis vier Millionen Jahren, in denen der Mensch als das Erdengeschöpf, das er noch immer ist, geprägt wurde – nämlich in der globalen Urkultur der Jäger und Sammler der Steinzeit. In dieser Zeitspanne – die immerhin 97 Prozent des menschlichen Daseins auf diesem Planeten ausmacht – war das Verhältnis Mensch zu Mensch, Mensch zur Natur und Mensch zu den geistigen Wesenheiten offen, frei und unmittelbar. Es gab keine Behörden, Schulen, Geldinstitute, Versicherungen oder Konzerne, die sein Leben bestimmten. Der Frühmensch unterlag keinen institutionellen Zwängen, keiner Instrumentalisierung, keiner Entfremdung. Er war mit seiner Sippe, seinem Stamm in gegenseitiger Liebe verbunden und in der Spiritualität der Natur geborgen. Auch wenn wir nicht mehr als nomadisierende Wildbeuter leben können, spricht uns die hier zum Ausdruck gebrachte Gesinnung noch immer an. Sie entspricht unserer ureigensten Natur. Indianerromantik, der Traum von der einsamen Insel und die ungebrochene Faszination aller Formen des Schamanismus deuten dies an. Als archaic revival (Wiederbelebung der Urzeit) charakterisiert McKenna die aus übersinnlichen Dimensionen hereinbrandende Zeit der Heilung, Zeit der Re-ligio (der Wiederverbindung) und der Wiedererlangung unserer «atlantischen» Fähigkeiten (McKenna 1992).

Der Vorfrühling des archaic revival waren die sechziger Jahre. Plötzlich erschienen die Blumenkinder, die Botschafter der Devas. Junge Leute, ihre langen Locken mit Blumen geschmückt, empfingen Botschaften der Gewaltlosigkeit und Liebe. Sie tanzten, träumten, meditierten, pflanzten Gärten ohne Gift und Kunstdünger, verweigerten Kriegsdienst, praktizierten natürliche Geburt, heilten mit Kräutern – wahre Kinder der gütigen Wanengöttin, von der hier noch die Rede sein wird.

Vorboten einer neuen Zeit

An besonderen Orten, wie in Findhorn (Schottland) oder in Aigues Vertes (Schweiz), kamen die Botschaften des sich ankündigenden Zeitalters besonders stark zum Durchbruch (Storl 1992). Dort entstanden regelrechte Wundergärten, die selbst die kritischsten Beobachter in Staunen versetzten. Pflanzen von ausserordentlicher Vitalität, Riesengemüse und herrliche Blumen gediehen – und das an Orten, wo Boden und Klima denkbar ungünstig sind. Wer würde schon einen Garten in den von kalten Meereswinden gepeitschten, mageren Sanddünen an der nordschottischen Küste oder auf einem ausgewaschenen, steinigen Moränenboden im Rhonetal anlegen? Niemand mit normalem Menschenverstand und schon gar nicht jemand mit einem Diplom in Agrarwissenschaft! Aber es war eben kein Menschenverstand, der da am Werk war. In Findhorn hiess es, es seien die Pflanzendevas selbst, die die Anweisungen geben, und ein ganzes Heer kleiner Naturgeister helfe dabei.

In Aigues Vertes, einer therapeutischen Siedlung in der Nähe von Genf, stopften Gärtner zermahlene Bergkristalle und Rindermist in Kuhhörner, um den Heinzelmännchen Nahrung zu geben. Seltsame Präparate aus Brennesseln, Löwenzahn, Kamille und anderen in Tierorgane gehüllten Kräutern wurden dem Kompost eingeimpft, um die Kräfte der Planeten einzufangen. Fürwahr ein magischer Garten! Jeden Tag schwebte ein Bussard tief über die Äcker von Aigues Vertes hinweg, zog einige Kreise. Arthur, ein Gärtner aus Holland, der die Fähigkeit hatte, seinen Körper zu verlassen und mit dem Vogel zu schweben, sagte nur: «Eine Gottheit schaut uns zu!»

Ein begabter Gärtner bemalte die Innen- und Aussenwände des Gartenhauses mit bunten Bildern von Göttern, Göttinnen, Elfen und Zwergen, um den unsichtbaren Helfern sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Diese Gestalten, so glaubten die Mitarbeiter, stellen die realen Energien dar, die am Wandel der Jahreszeiten und am Wachstum der Vegetation beteiligt sind. Die Malereien waren derart animiert, dass es dem Christengemeinschaftspriester, der sich für das Seelenheil der Siedlung verantwortlich fühlte, recht unheimlich vorkam. Es war ihm alles zu heidnisch, zu luziferisch. Er vermisste das christliche Element! Er liess die Schweine als «unreine» Tiere vom Hof verbannen und veranlasste, dass die Gemälde weiss übertüncht wurden. Bald darauf jedoch schwand die Fruchtbarkeit, die Schnecken wurden zur Plage, und die Obstbäume und Beerensträucher wollten nicht mehr recht gedeihen. Der Garten verlor seine Ausstrahlung und warf auch keinen finanziellen Gewinn mehr ab.

Auch das Bild des heiligen Fiakrius, des Schutzpatrons der Gemüsebauer, ikonographisch korrekt als bärtiger, barfüssiger Mönch mit Buch und Spaten dargestellt, wurde von der Aussenwand entfernt. Bevor der Bildersturm ihn hinwegfegte, war es oft vorgekommen, dass die Gärtner beim Arbeiten Augen auf sich ruhen spürten. In der Annahme, es sei wieder einmal ein Kunde da, der biologisches Gemüse kaufen wollte, legten sie ihre Hacke oder ihren Rechen beiseite. Als sie aber aufschauten, mussten sie staunend zur Kenntnis nehmen: «Mon Dieu! Das ist ja wieder der Saint-Fiacre!»

Fiakrius war ein irisch-schottischer Mönch, der im 7. Jahrhundert in einem Waldstück nicht weit von Paris eine Einsiedelei errichtete. Die Legende berichtet, dass sich sein Garten von selbst bildete, als er die Erde mit seinem Stab berührte. So wurde er zu einem der vielen Gärtnerheiligen. Nach ihm wurden im 19. Jahrhundert die Fiaker (französisch fiacre), die Pferdedroschken, benannt, da sie vor der ihm geweihten Kirche zu St-Fiacre parkten. Sogar da noch, von diesem Parkplatz aus, strahlte der Heilige weiterhin seinen Segen auf die Gemüsegärtner aus. Die Pariser Marktgärtner holten sich nämlich den Pferdemist von den Droschkenständen und düngten damit ihre tief gelockerten Mischkulturbeete – daraus entstand die berühmte culture maraîchère, eine Intensivmethode, die im Vergleich die höchsten Erträge pro Flächeneinheit erzielt. Das zahlte sich aus, denn schliesslich waren die Grundstückpreise so nahe der Grossstadt extrem hoch.

Im heutigen Kalifornien erfreut sich die culture maraîchère, mit Steiners bio-dynamischer Anbauweise zur French Intensive Method verbunden, höchster Popularität und wird als Modell für überbevölkerte Drittweltländer empfohlen (Jeavons 1974).

Wir sehen also, längst verstorbene Heilige, Devas, Naturgeister, Elfen und andere ätherische Geschöpfe, die mit den Pflanzen in Beziehung stehen, machen von sich reden. In manchen Köpfen richten sie ein regelrechtes Chaos an. Wenige haben die Fähigkeit, in diesen Bereichen klar zu sehen. Dies ist auch zu erwarten, denn diese Wesen offenbaren sich vor allem im Spiegel der Seele. Und dieser Spiegel muss lauter sein, wenn man die «Übersinnlichen» sehen will.

In den folgenden Kapiteln werden wir versuchen, etwas mehr Klarheit zu schaffen. Dabei berufe ich mich auf die Aussagen der Sagen und Mythen, auf die Überlieferungen der Naturvölker, wie sie die Ethnographie aufzeichnet, auf die Angaben solcher Seher wie Rudolf Steiner oder Dorothy Maclean aus Findhorn und auf die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, die ich als Gärtner und als ethnologischer Feldforscher machte. Zuerst aber wollen wir uns einmal vor Augen führen, was die Pflanzenwelt für uns als Menschen bedeutet.


NAHRUNG AUS DEM KOSMOS

Photosynthese ist der Fachausdruck für den überaus komplizierten Vorgang, der es den Pflanzen ermöglicht, ein weites Spektrum der einströmenden kosmischen, elektromagnetischen Energie – das Licht der Sonne – zu nutzen. Das grüne Chlorophyll fängt Lichtquanten auf und erlangt dadurch einen derart energetisierten Zustand, dass Wassermoleküle gespalten werden. Dabei wird der Sauerstoff, der allen Lebewesen das Leben schenkt, an die Atmosphäre abgegeben. In einer zweiten Reaktion, ebenfalls im grünen Blatt, wird Kohlendioxid (CO2) zu Zucker und Stärke synthetisiert. Die Zuckerherstellung im Grün der Pflanze ist Grundlage aller Stoffsynthesen, die in den Lebewesen stattfinden. Durch Photosynthese werden jährlich 100 bis 200 Milliarden Tonnen organische Materie aufgebaut.

Was die Wissenschaftler nun als rein materielles Geschehen auffassen, als höchst komplizierte Interaktionen von Photonen (Lichteinheiten) und Molekülen (H2O, Chlorophyll, ATP, CO2), sahen die alten Inder – weniger auf der Grundlage des Experiments als jener der Meditation – als ein gewaltiges kosmisches Drama. Die verschiedenen Seinsformen galten ihnen als Stationen zur Aufnahme und Weitergabe von Kräften. Jedes Wesen existiert – so sagen es die Upanischaden –, um ernährt zu werden und um andere zu ernähren.1 Die Pflanzen «verspeisen» sozusagen kosmische und stellare Energien. Ihre grünen Blätter saugen die im einströmenden Licht verborgenen Lebenskräfte auf, speichern sie in ihren Geweben und geben sie, indem sie sich selber verspeisen lassen, an andere Geschöpfe weiter.

Pflanzen, so meinen die Inder, sind eigentlich Meditanten im tiefen Samadhi, in vollkommener Ekstase. Unbewegt, ganz dem Himmel hingegeben, meditieren sie den schöpferischen Urton – das Om –, den die Sonne ohne Unterlass hervorbringt und herabstrahlt.2

Pflanzen vermitteln uns das in Licht gehüllte Ur-Mantra des Universums und schenken uns somit das Leben. Nur sie vermögen auf diese Weise, das Jenseits mit dem Diesseits zu verbinden. In der heiligen Sprache der Veden werden Pflanzen als Osadhi (Ausadhi) bezeichnet. Das Wort ist zusammengesetzt aus Osa (= brennende Umwandlung) und Dhi (= Gefäss). In diesem Sinn gelten die Pflanzen als Gefässe zur Metamorphose des kosmischen Feuers. (Lad/Frawley 1988: 22) Dieses Feuer, diese Liebesstrahlung des Himmels, wird mittels der Alchemie des Blattgrüns in das diesseitige Leben umgewandelt. Wenn Tiere ihren Hunger an den Blättern, Stengeln, Samen oder Knollen stillen, dann werden – in einer weiteren alchemistischen Verwandlungsstufe – die kosmischen Licht- und Wärmequanten in Gefühle (innere Wärme) und in Bewusstseinsregungen (inneres Licht) umgewandelt. Auch wir Menschen erhalten unsere Wärme und geistiges Licht aus dieser Quelle. Unsere Gefühle, Gedanken und Träume sind es, die wiederum den Engeln und Ahnengeistern oder auch den Dämonen als «feinstoffliche» Nahrung dienen. Da wir ihre Nahrungsspender sind, behüten und beschützen uns diese Geistwesen, ebenso wie ein Hirte oder Bauer sein Vieh hegt. Wir können aber auch einen Schritt weiter gehen. Einen Schritt, der es uns erlaubt, nicht nur «dummes Vieh» für die Transsinnlichen zu sein, sondern ihre Partner. Wir können die durch uns fliessende Lichtenergie auf ein höheres spirituelles Niveau bringen, wir können uns des Bewusstseins bewusst werden und bewusst mit den geistigen Wesenheiten, auch den Pflanzendevas, verkehren.

Die im Obst, Korn und Gemüse gespeicherte kosmische Energie wird durch das Zerkauen und die Einwirkung der Verdauungssäfte wieder freigesetzt und die darin enthaltenen Sternenbotschaften vom Organismus entschlüsselt. Genau genommen handelt es sich dabei um einen Verbrennungsprozess – die Umkehrung der Lichtassimilation, die in jedem grünen Pflanzenteil stattfindet. Wie bei jedem Verbrennungsvorgang wird Hitze (Kalorien) erzeugt, während ein Teil als «Asche» (Kot) ausgeschieden wird. Die im Darm freigesetzte Energie durchstrahlt den Körper und befeuert sämtliche Lebensvorgänge. Dem Sexus steht eine beträchtliche Menge dieser frisch erschlossenen Energie zur Verfügung. Es ist kein Zufall, dass sich die Fortpflanzungsorgane unmittelbar neben den Verdauungsorganen befinden! (Scheffer/Storl 1994: 48) Ein weiteres Energiequantum überflutet das vitale Zentrum des Sonnengeflechts (Solarplexus), den Sitz des Willens und des Selbsterhaltungstriebes.

Der Grossteil der verfügbaren Energie verbraucht sich also in den vitalen, animalischen Funktionen, in den Tätigkeiten, die unser Überleben und unsere Fortpflanzung sichern. Bei den Tieren und den meisten Menschen ist diese Energie dann praktisch erschöpft. Bei geistig weiter fortgeschrittenen Individuen steigen grosse Mengen dieser Energie weiter nach oben und verwandeln sich schrittweise in seelische und geistige Fähigkeiten.

Die Schlangenkraft

In der indischen Yogalehre wird dieser Vorgang als der Aufstieg der Kundalini-Schlangenkraft beschrieben. Die Kundalini symbolisiert die Summe der Lebenskraft. Einer Schlingpflanze gleich windet sich die Schlange dem Rückgrat entlang empor, vom untersten Lebenszentrum (Sexualorgane und After) bis hinauf zum obersten (Hirn). Zuerst ist die Kundalini träge, dumpf, dunkel und massiv. Beim allmählichen Aufstieg wird sie jedoch immer leichter, heller und feiner. Wie Lotosblüten, wenn sie von der Morgensonne wachgeküsst werden, blühen die Chakras auf, wenn sie von diesem Energiestrom erfasst werden. So gesehen ist der Mensch in seiner Entwicklung auch eine Pflanze, aber eine stark verwandelte, nach innen gestülpte mikrokosmische Pflanze.


Chakras, der Weg der Kundalini

Steigt die vom Lebensgrün vermittelte Sonnenkraft über die niederen Lebenszentren hinaus, also über die Geschlechtsorgane und den Bauch, bis in die Herzregion, blühen Mitgefühl und wahre Imaginationskraft auf. Steigt sie noch höher, bis in die Kehlkopfregion, dann vernimmt der Mensch das Tönen der Sonne, das mystische Om. Erreicht die Schlange die Stirnchakra, wird der Mensch alle illusionären Gegensätze überwinden und zur Gotteswahrnehmung befähigt. Er erkennt, dass das Licht des Himmels, welches ihm – durch die Pflanzen – das Leben schenkt und seinen Geist befeuert, nichts anderes ist als die Liebe Gottes. Er erkennt das Selbst, das in allen Dingen west und das man als Gott, als Shiva, den Gütigen, den Gnädigen bezeichnet hat. Es ist dasselbe Wesen, welches in Indien auch als Ausadhishvara, «Herr der Pflanzen», angerufen wird. Man erkennt, dass es seine Energie, seine Shakti, ist, die das Universum als Licht, Leben und Liebe durchströmt. (Storl 1988: 176)

Erreicht und durchbricht nun die aufsteigende Schlangenkraft die Schädeldecke, dann wird eine Lichtaura aufleuchten, wie sie auf den Ikonen als der «Heiligenschein» der Engel und Heiligen angedeutet wird. Wenn das geschieht, schliesst sich der Kreis: Das Lebenslicht vereinigt sich wieder mit seinem Ursprung. Gott und das wahre Selbst werden als ein und dasselbe erfahren. «Erleuchtung» heisst das oder Nirvana, das «Auslöschen des Wahns».

Dieses «Explodieren» der Schädeldecke bedeutet das Ende unserer Ego-Besessenheit, es ist das Aufsprengen der Grabesgruft und die Auferstehung unseres geistigen Selbst. Dieser Vorgang gleicht dem Aufsprengen der Samenhülle, welches der Pflanze erlaubt, sich erneut mit dem nährenden kosmischen Licht zu verbinden, zu wachsen, zu blühen und vielfältig Frucht zu tragen.

Wir sehen, die Pflanzen erhalten nicht nur unseren Leib. Sie fördern und nähren auch unsere Seele und ermöglichen die Erleuchtung unseres Geistes. Ihr Dasein ist Darbringung, ist Opfer und selbstlose Liebe. Die Erde, auf der sie wachsen, ist selber Opferaltar – und wir, die wir ihren Segen empfangen, sind die Opferpriester. Durch Pflanzen wird das äussere Licht der Sonne und der Sterne zum inneren Licht, das uns aus unseren Seelengründen entgegenstrahlt. Dies ist der Grund, weshalb Pflanzen immer und überall als heilig, als göttlich galten.

1 Aus Speise entstehen die Geschöpfe, die auf der Erde wohnen; sie leben durch die Speise und gehen schliesslich in Speise ein.» Anandavalli Upanishad, zit. aus: Upanischaden: Die Geheimlehre der Inder. Eugen Diederichs. München. 1988. S. 133

2 Die Erkenntnis, dass die Sonne «tönt» und dass unser geistiges Ohr wunderbare Harmonien vom Sternenkosmos her vernehmen kann, ist uns heute weitgehend fremd geworden. Unsere geschäftige Welt mit ihrem ständigen Motorengesumm, Rundfunkgeschnatter und Fernsehgeplärre hat kein Ohr mehr dafür. Aber noch der Dichterfürst lässt seine Sonne «nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang» ertönen (Goethe, Faust, «Prolog im Himmel»). Die Weisen der Antike ebenso wie die Alchemisten und Rosenkreuzer sprachen wie selbstverständlich von hörbaren Harmonien der Sphären. Gemeint waren jene Sphären, die durch die Bahnen der Sonne, des Mondes und der Planeten umschrieben sind. Diese Sphären galten auch als «Wohnorte» der Geistseelen der einzelnen Pflanzenarten.

DEVI: GÖTTIN DER VEGETATION

Einst, lange bevor dieses dunkle Zeitalter anbrach, meditierten in den einsamen Bergwäldern des Himalaya die weisen Rishis. Vor ihrem seherischen Auge erschien die unerschöpfliche Kraft, die die Pflanzen aus dem Äther saugen und die die gesamte Natur ebenso wie den menschlichen Mikrokosmos durchpulst, im Bild einer grossen Göttin. Diese Erhabene, die sich ihnen in der Versenkung ihres Geistes offenbarte, überhäuften die Seher mit zahllosen Namen, denn unendlich sind ihre Erscheinungsformen, unbegrenzt ihre Wandlungsfähigkeit. Als Shakti (Energie), als Gauri (die Goldstrahlende), als Uma (Licht), als Jagamata (Mutter der Welt) oder als Parvati (Bergfrau) riefen sie sie an. In ihrer energetischen, furchterregenden Erscheinung ist sie die löwenreitende, dämonenvernichtende Durga (die Unnahbare), Chandi (die Wilde) oder auch Bhairavi (die Schreckliche). Meistens aber wird sie schlicht als Devi, «die strahlende Göttliche», verehrt.


Die lotosgeborene Devi

Devi ist die ewige Begleiterin Gottes. Sie ist Shivas weiblicher, schöpferischer Aspekt. Sie ist selber die Kundalini. In ihrer Urform erscheint sie dem unerschrockenen Seher als ein sich ständig verwandelndes, schillerndes, schreckeneinflössendes Reptil. Allmählich, indem sie sich den höheren Chakren nähert, metamorphosiert die Kundalini in eine hehre, strahlende Göttin, die sich schliesslich im Hierogamos mit Shiva vereint.

Die Seher beschreiben Devi als den Wirbelsturm der Elemente, Shiva als stilles Auge mitten im Sturm. Sie ist der Reigen der Sterne, er der unbewegte Nordstern. Sie ist die unversiegbare treibende Kraft der Vegetation, er die starre Kälte des Winters oder auch die Hitze und Dürre der Wüste, die dem Wachstum ein Ende setzen. Sie ist das Erwachen und Keimen der Samen in feuchter, dunkler Erde, das Sprossen und Spriessen, er das farbig auflodernde Blütenfeuer, das Verstäuben, Verwelken und Versamen der Vegetation. Sie ist Leben, er der Tod.

Shiva ist Stein, Phallus; Devi ist Pflanze, offene Blüte. Und so einfach als Stein und Blüte, als Fels und Baum wurden sie seit dem Paläolithikum verehrt. Hier und da werden sie noch immer in dieser Form angebetet. Oft sieht es der Tourist gar nicht: den Stein, auf den eine schöne Blüte gelegt wurde, oder den mit Wasser liebevoll übergossenen Findling unter einem alten Baumriesen. Höchstens der fachkundige Ethnologe wird da seine Kamera zücken, um ein weiteres Indiz für einen indigenen «Fruchtbarkeitskult» festzuhalten. Und da hat er gar nicht so unrecht, denn das Zusammenbringen von Devi und Shiva, von Energie und Bewusstsein, von Linga und Yoni, lässt alle Geschöpfe glücklich werden und gedeihen – davon sind die Inder überzeugt.


Shiva-Linga mit Blüte

Devi ist die Herrin der Devas, der «Leuchtenden», der Himmlischen. Sie ist folglich auch die Göttin der Pflanzendevas, jener Urbilder, die sich in den einzelnen Arten und Gattungen irdischer Gewächse offenbaren. In der alten Schrift Devi-Mahatmya gibt sie sich als Herrin der Vegetation zu erkennen: «Also, ihr Götter, werde ich das ganze Universum mit diesen Pflanzen erhalten, Pflanzen, die das Leben nähren und die während der Regenzeit meinem Leib entspriessen. Ich werde als Sakambhari (Ernährerin der Gewächse) herrlich sein auf Erden und werde in dieser Zeit den Asura (Dämon) der Trockenheit zerstören!» (Eliade 1963: 280)

Eine Geschichte aus der Kenopanishad führt uns die Macht Devis vor Augen. Einmal wieder hatten die Devas (Götter) die Asuras (Dämonen) geschlagen, und zwar so vernichtend, dass ihr Stolz ins Unermessliche wuchs. «Unsere Tüchtigkeit ist nicht zu übertreffen!» rühmten sie sich selber und hielten sich für die Herren der Schöpfung. Da erschien ein Yaksha, ein Naturgeist von der Art, wie sie alte Bäume, Wälder oder Seen bevölkern. Nur war dieser von einem derartigen Ausmass, dass man weder seinen Anfang noch sein Ende ausmachen konnte. Die erschrockenen Devas schickten Agni, den Feuergott, um herauszufinden, wer dieser Geist sei.

«Ich bin der weise Agni», versuchte er den Yaksha einzuschüchtern, «ich habe die Macht, die ganze Welt in einem Augenzwinkern zu Asche zu verbrennen!»

«Nun gut», antwortete der Yaksha, «hier ist ein dürrer Grashalm, versuche ihn niederzubrennen!»

Wie er sich auch anstrengte, sein feuriger Hauch konnte das Gräslein nicht einmal ansengen. Beschämt schlich sich der stolze Agni von dannen. Nun schickten die Götter den mächtigen Windgott Vayu.

«Und wer bist du?» fragte ihn das unbekannte Wesen.

«Ich bin der Windgott, der die Wolken treibt. Ich habe die Macht, die gesamte Schöpfung in einem Augenblick wie Spreu in der Worfel hinwegzublasen!»

«Gut, dann blase diesen Grashalm fort!»

Vayu blies und blies, bis ihn die Pausbacken schmerzten. Nicht einen Zoll vermochte er das Gräslein fortzubewegen.

Zuletzt kam Indra, der Götterkönig und Blitzkeilträger selbst. Aber da verschwand der Naturgeist, und Devi stand da an seiner Stelle.

«Weisst du nicht, lieber Donnerer», lachte sie, «es ist die Macht der göttlichen Mutter und nicht die der Götter selber, die euch Göttern den Sieg schenkte. Shakti allein ist die Quelle aller Macht im Universum!» (Sivananda 1984: 80)

Die Geschichte will besagen, dass das Feuer, die Luft und alle übrigen Elemente im Dienste der Göttin stehen, auch im Dienste der Vegetation, in der sie sich offenbart.

Devi zu Ehren werden – vor allem in Nordindien – noch heute zwei zehntägige Feste, die sogenannten «neun Nächte» (Navratri), gefeiert. Das eine ist ein Frühlingsfest, und das andere findet im Herbst statt, wenn die Sommerernte eingebracht ist. In jeder Festnacht wird ein anderer Aspekt der Göttin zelebriert. Oft wird sie in den ersten drei Nächten als Durga, die goldhäutige, löwenreitende Dämonentöterin verehrt; in den nächsten drei Nächten als Lakshmi, Spenderin des Glücks und des Wohlstandes, und in den letzten drei Nächten als die weisse Schwanenjungfrau Saraswati, die Muse aller Künstler, Gelehrten und Heiler. Am zehnten Tag dann nimmt die Göttin von den Menschen Abschied. Im feierlichen Festzug wird ihre kunstvoll gestaltete, mit Blumengirlanden überhäufte Statue, in der sie während des Festes anwesend ist, durch das Dorf getragen, um anschliessend im Fluss oder im See versenkt zu werden. Die buntbemalte Gipsfigur löst sich im Wasser auf, derweil die Göttin selber in den Himmel, ins Jenseits zurückkehrt. Dort wird sie sich – sichtbar nur den benedeiten Sehern – auf dem heiligen Berg Kailash in inniger Liebe mit Shiva vereinen.

Ein Teil des aufwendigen Festes ist das Ritual der «Neun Blätter» (Navapatrika). Es ist ein Frauenritual, bei dem ein Bündel von neun wichtigen Heilpflanzen der Göttin geweiht wird. Diese neun Kräuter repräsentieren Devi und die gesamte Pflanzenwelt. Hier wie überall in Eurasien gilt die Neun – dreimal die heilige Drei – als Zahl der Vollkommenheit, der Ganzheit.

Die Kräuter, welche die indischen Frauen für ihr Bündel wählen, sind je nach Region hier und da verschieden. Alle aber sind reich an symbolischer und mythologischer Bedeutung, alle sind heilkräftig und verleihen den Sorgen und Hoffnungen der Frauen adäquaten Ausdruck. Hier nun einige der wichtigsten dieser Pflanzen:

Haridra, die Gelbwurz (Curcuma longa), die wir als Hauptbestandteil des Curry-Gewürzes kennen, ist immer mit dabei. Das Ingwergewächs, dessen Wurzel so gelb ist wie Durgas Haut, ist ein gutes Wundheilmittel und Verdauungstonikum. Gelbwurz vermittelt die Energie der Göttin und mehrt den Wohlstand. Die ayurvedische Heilkunde verschreibt sie zur Reinigung der Chakras und der subtilen Energiebahnen im Körper.

Auch Jayanti (Abutilon indicum), ein gelbblühendes, schleimhaltiges Malvengewächs, welches als Sexualtonikum und bei Weissfluss der Frauen verwendet wird, sollte nicht fehlen, denn es verleiht den Sieg (Jaya) der Göttin.

Einige Blätter des Bel-Baumes (Aegle marmelos) gehören ebenfalls in das Büschel. Die Pflanze, ein Rautengewächs wie die Zitrone oder Apfelsine, hat manchen Reisenden von den Qualen des Durchfalls oder der Ruhr gerettet. Shiva liebt den Baum, denn das dreiteilige Blatt kühlt sein heisses Zeugungsorgan – deswegen legen es seine Verehrer liebevoll auf das Shiva-Linga. Die orangengrossen Früchte gelten als die Brüste der Glücksgöttin oder auch als die Hoden des grossen Gottes. Frauen, die diesen Baum verehren und seine Blätter in das Kräuterbündel nehmen, können gewiss sein, von ihren Ehemännern liebevoll und gut behandelt zu werden.

Ein Zweiglein des im Frühling feurig-orange aufblühenden Ashoka-Baumes (Saraca indica) darf ebenfalls nicht fehlen, denn er ist dem Liebesgott Kama geweiht und erfüllt den Kinderwunsch. Die Zweigrinde dient als Mittel bei übermässiger Monatsblutung und zur Entspannung der Gebärmutter. Als Sita – sie ist das Idealbild der indischen Frau – sich auf ihrer Flucht vor Verfolgern unter diesem schönen Baum ausruhte, blühte er zum ersten Mal. Nach buddhistischer Legende wurde der Erleuchtete (Buddha) unter einem blühenden Ashoka-Baum geboren.

Der Koriander (Dhanya, Coriandrum sativum), in Indien ein Küchengewürz des täglichen Gebrauchs – wie die Petersilie bei uns – gehört ebenfalls in das Bündel. Das Gartenkraut ist ein gutes Hausmittel bei Störungen der Verdauung und Harnorgane. Die Samen des Schirmblütlers gelten als Liebesmittel.

Schliesslich werden noch einige Getreidehalme – sie gelten als lebensspendend – und rotblühende Blumen mit in das Frauenbündel aufgenommen. Die roten Blüten gelten als glücksverheissend. Sie erinnern an die rothäutige Glücksgöttin Lakshmi oder auch die durch den Kampf mit den Dämonen blutrot gefärbten Zähne der Durga.

MARIAS KRÄUTERWISCH

Nun mögen uns die neun Nächte der Göttin im Frühling und im Herbst recht fremdartig vorkommen. Doch in einigen Ecken Europas, in denen der eiserne Besen der Inquisition, Reformation und Aufklärung nicht so sauber fegte, hat sich uraltes, wahrscheinlich bis ins Neolithikum zurückreichendes Brauchtum unter dem Deckmantel der Marienverehrung bis in die Neuzeit erhalten. Auch wir kannten einst die «Neun Kräuter», die «Grüne Neune», die Fruchtbarkeit und Gedeihen bringen und alles Übel fernhalten.

In den Alpenländern ist es nicht Devi, die im Herbst nach eingebrachter Ernte in den Himmel fährt, sondern Maria, die Gottesmutter und Gottesbraut. Zu Mariä Himmelfahrt im August sammeln meine Nachbarinnen, die Allgäuer Landfrauen, noch immer ihren «Kräuterwisch» und lassen ihn am Altar «Marias Tod» segnen. Der Kräuterwisch – anderswo Würzbüschel, Weihbüschel, Sang oder in der Schweiz August-Maien genannt – sollte aus neun, gelegentlich auch sieben oder gar 77 Heilpflanzen bestehen. Früh am Morgen, noch vor Sonnenaufgang und ohne Messer sollten sie von Hand gepflückt werden. Wie die Pflanzen ihrer indischen Schwestern sind auch die Kräuter der Allgäuerinnen höchst symbolträchtig. Jeder Kräuterwisch spricht mythologische Bände und legt eine archaische Weltsicht offen.

Meistens wird der Kräuterwisch um eine blühende Königskerze (Verbascum) in der Mitte gruppiert: Der stolze Rachenblütler gilt als Zepter der Mutter Gottes. Wunden und Geschwüre würden sofort heilen, heisst es, wenn man sie mit dem ährenartigen gelben Blütenstand berührt und dabei den Segensspruch spricht: «Unsere Liebe Frau geht über Land / Und hat den Himmelsbrand in ihrer Hand!»

Viele sogenannte Frauenheilkräuter gehören mit in das Büschel. Etwa die Schafgarbe (Achillea), die einst eine wichtige Rolle in der weiblichen Hygiene spielte und mit der Liebesorakel erstellt wurden. Mit dem richtigen Spruch unter das Kissen gelegt, lässt ein Schafgarbenstengel sogar den Liebsten im Traum erscheinen.3 Auch der Beifuss (Artemisia vulgaris), der einst der wilden Waldgöttin Artemis geweiht war, ist mit dabei: Er erwärmt den Unterleib, regt die Mensis an und beschleunigt das Austreiben der Nachgeburt. Auch einige aphrodisische Kräuter, wie etwa das Liebstöckel (Levisticum), gehören mit in den Strauss.

Die grösseren Kräuter in der Mitte des Bündels werden von einem Kranz bescheidenerer Blümchen umwunden: von der bei Müttern und Kindern allzeit beliebten Kamille, vom duftenden Thymian und vom zierlichen Labkraut. Das Labkraut (Galium), ein harntreibendes Heilmittel, wird auch «Marias Bettstroh» genannt, weil das Christkind angeblich darauf gebettet wurde und weil es noch immer ins Kräuterkissen der Wöchnerinnen kommt.

Zu Anfang der christlichen Missionierung war die Kirche dem «heidnischen» Pflanzenbrauchtum gar nicht wohl gesonnen, schliesslich waren die heidnischen Schamanen und weisen Frauen die ärgsten Widersacher des neuen Glaubens. Die um 745 n. Chr. unter dem Vorsitz des Bonifatius einberufene Synode von Liftinae erstellte eine Liste des zu bekämpfenden heidnischen Aberglaubens (Indiculus superstitionum et paganiarum) und legte die Strafen fest. Verboten wurde die Verehrung der Bäume – Bonifatius, der «Apostel der Deutschen», hatte selber die Donar-Eiche gefällt. Verboten wurde das Sammeln des «petendo, gemeinhin St. Marienbündel genannt». Was da als Sankt-Marien-Bündel erwähnt wird, ist entweder eine Verballhornung des Wortes «Maienbündel» – als Maien bezeichneten die germanischen Heiden die grüne Lebensrute –, oder es ist das aus bewusstseinsverändernden und heilkräftigen Pflanzen bestehende «Bündel der Freya».

Aber wie sich die Zeiten ändern! Der verpönte «Hexenbesen» der Liebesgattin Freya wurde alsbald – von verdächtigen Giftgewächsen gereinigt – unter die Obhut der Maria gestellt. Nun erteilt die Kirche selber den Segensspruch im Namen des Dominus sanctus, besprengt die blühenden Kräuter mit Weihwasser und lässt verkünden, sie stellten jene süssduftenden Blumen dar, welche die Jünger im Grabe Marias anstelle des Leichnams vorfanden. Auch den heiligen Bäumen, nun mit Marienbildnissen versehen, wird wieder geopfert: Blumen, Kerzen und Votivtafeln.

Dennoch muss der Dorfpfarrer bei der Würzweih gelegentlich ein Auge zudrücken, wenn ein Mütterlein ein recht unchristliches Kraut, etwa den Bilsen oder den Stechapfel, mitsegnen lässt oder wenn sich die Anwendung der Kräuter kaum vom krassesten Aberglauben unterscheiden lässt. Gegen Hexerei, Feuersbrunst und Hagelschlag kommt der Büschel unter den Dachfirst oder in den Stall. Einige Zweiglein, unter dem Bett versteckt, verhelfen den Eheleuten zum glücklichen Beischlaf. Dem Saatgetreide wird davon beigemischt, und auch den Toten wird etwas vom gesegneten Bündel mit in den Sarg gelegt. Im bayrisch-österreichischen Raum wird hier und da noch während der Rauhnächte mit den Marienkräutern geräuchert, um Krankheiten und Unholde zu vertreiben.

Das Maria-Himmelsfahrts-Fest ist der Auftakt zur wichtigsten Kräutersammelzeit des Jahres. Es ist die Zeit der Frauendreissiger, jener «dreissig» Tage zwischen der Himmelfahrt (15. August) und der Geburt (8. September) der Gottesmutter. Heilpflanzen, die während dieser Zeitspanne gesammelt werden, übertreffen alle anderen Kräuter an Kraft – mit Ausnahme der Johanniskräuter, die zur Sommersonnenwende gepflückt werden. Wer zum Beispiel das Immergrün (Vinca minor) während der Frauendreissiger pflückt, über den hat der Teufel keine Gewalt mehr.4

Vielerorts gilt der Tag nach Mariä Geburt als geeignet für die Aussaat des Winterkorns. Jedenfalls mischte der Bauer an diesem Tag gesegnete Saatkörner unter das Saatgut, auch wenn die Aussaat später vorgenommen wurde.

Palm und Maibaum

Wie in Indien stehen dem herbstlichen Kräuterfest Frühlingsvegetationsfeste gegenüber. Da ist zuerst der Tag der Verkündigung Marias (25. März), wenn die Jungfrau den Samen des Heiligen Geistes empfängt wie die Erdscholle die Weizensaat. Vielerorts werden an diesem Tag die Sämereien für Feld und Garten gesegnet und Kohl und Lein ausgesät. Da dann das Frühlingsäquinoktium überschritten ist und die Tage endlich länger werden als die Nächte, wandelt sie wie einst die Frühlingsgöttin Ostara als Lichtgöttin über das Land. Wo immer ihr Fuss den Boden berührt – so die Volksimagination –, da grünt das Gras, und die schönsten Blumen spriessen hervor. Auch in Indien erscheint die junge Göttin zu dieser Zeit in der Gestalt der weissgewandeten Schwanengöttin Sarasvati.

In der Karwoche, die in diese Zeit fällt, wird die Neunkräutersuppe oder die Gründonnerstagssuppe gekocht. In den Topf kommen Brennesseln, Sauerampfer, Bärlauch, Taubnesseln, Giersch, Pimpernelle, Gundermann und anderes frisches Grünzeug, je nach Gegend und Tradition. Auch dieser christliche Brauch hat alte heidnische Wurzeln. Die verschiedenen indoeuropäischen Stämme nahmen nach den langen trüben Wintertagen die ersten grünen Kräuter als Kultspeise zu sich. Die Göttin, die da über das Land zog, kehrte dadurch auch in den Leib der Menschen ein und liess sie an ihrer vitalisierenden Lebenskraft teilhaben. Aphrodisierende und berauschende Kräuter waren einst auch mit dabei. Von der Gründonnerstagssuppe, die das Ende der vitaminarmen Winterkost signalisiert, heisst es noch immer, sie «reinige das Blut», mache «negenstark» (neunmal stark) und verjünge den Organismus. Tatsächlich vertreiben die Frühjahrskräuter, als Salat oder Wildgemüse genossen, die Frühjahrsmüdigkeit und bringen die Anzeichen eines subklinischen Skorbuts zum Abklingen.

Bald folgt Ostern, das Fest des Sterbens und der Auferstehung des Mariensohnes. Auch wenn dies heute nicht mehr im Vordergrund steht, ist auch das noch immer ein Fest der Vegetation. Für die Palmsonntagsprozession, die an den Einzug des Heilands in Jerusalem erinnern soll, binden meine Allgäuer Nachbarn den Palm. Das Gebinde besteht ebenfalls aus neun verschiedenen Pflanzen. Zweiglein der Eibe, des Buchs, der Buche, Thuja, Fichte, Weisstanne und Weide werden auf einem Kreuz aus Holunderzweigen befestigt und dann auf einen Haselnussstock erhöht. Die Holunderzweige müssen geschält werden, es könnte sich ja eine Hexe zwischen Rinde und Holz verstecken. Der Holunder ist schliesslich der Baum der Frau Holle, der Hexengöttin.

Die Bäuerinnen glauben, jeder Zweig stehe für eine der christlichen Tugenden. So hat es ihnen der Pfarrer gesagt. Sie stellen den geweihten Palm in den Herrgottswinkel, um Haus und Stall mit Gesundheit und Wohlergehen zu segnen und um Blitzschlag abzuwehren.

Beim näheren Betrachten erkennen wir, dass es sich beim Palm vor allem um Friedhofsgewächse handelt. Jede einzelne ist eine altüberlieferte Sakralpflanze, die schon in vorchristlicher Zeit Trauer, Leid und das Mysterium von Tod und Wiedergeburt symbolisierte. In mediterranen, keltischen und germanischen Kulten waren sie der samen- und seelenhütenden Erdgöttin, der schwarzen Todesgöttin, geweiht. Die Zweige raunen von längst vergessenen neolithischen Ritualen. Sie erzählen von erschreckend grausamen Opferkulten der ersten sesshaften, ackerbauenden Stämme. Diese gaben der Erd- und Pflanzengöttin einen Gefährten und Begatter mit, indem sie periodisch ihren König, Jünglinge, Stiere oder andere potente männliche Tiere opferten. Das vergossene Blut, welches die Erdscholle gierig aufsog, galt zugleich als Entschädigung für die eingebrachte Ernte und Garant künftiger Fruchtbarkeit. (Der Glaube, dass der in der Karwoche bestellte Garten besonders fruchtbar und schädlingsfrei sei, geht auf diesen kultischen Ursprung zurück: Am Karfreitag tränkte und befruchtete das Gottesblut die Erde.) Eine weinende Göttin, eine Mater dolorosa oder Pieta gehörte schon damals zum sakralen Schauspiel.

Der Opfertod war nur ein Teil des alten Fruchtbarkeitsfestes. Tod und Zeugung, Leiden und Lust, Sterben und Wiedergeburt gehören als Gegensatzpaar zueinander. Sexuelle Ausgelassenheit, Orgien unter freiem Himmel, auf frisch gepflügten Äckern, unter den Ästen heiliger Bäume oder neben aufgestellten hölzernen Phallen und Vulven, waren überall – von Melanesien über das megalithische Europa bis nach Amerika – Teil des Rituals des Säens und Pflanzens. Alle Konventionen und sittlichen Normen wurden während dieser wilden Tage suspendiert. Das vergossene Blut war zwar Sühne, stellte aber zugleich das Blut der Jungfrau Erde dar, deren Jungfernhaut im heiligen Koitus des Hackens, Pflügens und Einsäens aufgerissen wird. Zugleich symbolisierte die gerötete, feuchte Scholle die Menstruation der Göttin – ein Zeichen ihrer Empfänglichkeit und Fruchtbarkeit.

Wir dürfen aber nicht glauben, dass es sich bei diesen archaischen Fruchtbarkeitsriten lediglich um bunte Symbolik handelt. Geschlechtsverkehr auf frisch gesäten Feldern und blutige Opfer haben eine ganz reale Wirkung auf das Wachstum der Pflanzen. Es werden subtile Bioenergien generiert, ätherische Kräfte freigesetzt – die Orgon-Energie Wilhelm Reichs oder die vis animalis der Alchemisten. Neuere Experimente bestätigen das. So etwa Cleve Backster, der führende Pionier auf diesem Gebiet: «In aktiven Schlafzimmern finden Sie niemals kranke Pflanzen. Auf Sex reagieren sie sehr stark, auf alle Fortpflanzungsaktivitäten stimmen sie sich besonders ein.» (Kerner/Kerner 1992: 59) Backster kam darauf, weil sich sein Labor zufällig neben einem Seemannsbordell befand. Zuerst dachte er, seine Pflanzen spielten verrückt, bis er dann merkte, dass die Polygraphen, an die die Pflanzen angeschlossen waren, häufig ausschlugen, wenn das Bordell besonders stark frequentiert wurde. Pierre Paul Sauvin, ein Elektronikexperte, konnte bestätigen, dass die Gewächse sowohl auf das Absterben lebendiger Zellen als auch auf sexuelle Aktivität heftig reagieren. Und dies sogar über weite Entfernungen. Auch wenn er sich mit seiner Freundin in einem 130 Kilometer entfernten Ferienhaus aufhielt, reagierten die mit ihm verbundenen Pflanzen, und zwar so stark, dass der Ton des Oszillators, an den die Pflanzen angeschlossen waren, im Augenblick des Orgasmus zu einem schrillen Kreischen anschwoll. (Es muss hier betont werden, dass es nicht blutige Orgien braucht, um die Pflanzen anzuregen, Meditation und tiefes Gebet bringen ähnliche Resultate hervor.)

Das Aufstellen des Maibaumes ist in unserem Kulturkreis ein letzter Nachhall solcher Vegetationsfeste. Vermutlich tanzten schon die megalithischen Bauern des alten Europa fröhliche Reigen um den mit blutgeröteten Bändern und bunten Blumengirlanden geschmückten Baum. In dieser schönsten aller Jahreszeiten, in den Vollmondtagen des Mai, feierten sie das Vermählungsfest der Vegetationsgöttin mit dem Sonnengott. Der Baum, dessen Spitze einen grünen, geflochtenen Kranz durchstösst, ist eigentlich Phallus und Scheide des Götterpaares in wonnevoller Vereinigung. Die Symbolik des Maibaums ist nahezu identisch mit der des Linga und Yoni, den die Inder zu Ehren der Vereinigung von Shiva und Devi aufstellen.

Zum Maifest wurden einst die jüngeren Frauen und die weiblichen Haustiere mit dem Maien oder der Lebensrute «gefaselt», um sie mit der erwachenden grünen Lebenskraft zu segnen. Die Germanen und Kelten glaubten, ein kräftiger Schlag mit Haselnussgerten und Birkengrün würde, ausgehend von den im jenseitigen Hollenreich wohnenden Ahnen, fruchtbarmachende Energieströme auf die Lebenden übertragen.

Verbannung und Wiederkehr der Kräuter Freyas

Der wilde, orgiastische Aspekt der Kulte der Pflanzengöttin war bei den Pflanzern und Ackerbauern nahezu universal. Wie wir sehen werden, hatten auch die archaischen Wildbeuternomaden ihre Pflanzenrituale, doch waren diese einfacher als jene der in Dörfern lebenden, sesshaften Bauern. Die Magie der paläolithischen Jäger war eher individuell und schamanistisch; die der Bauern war gemeinschaftlich und von Priestern geleitet. Die blutigen Rituale und das ausgelassene Feiern waren vor allem ein Mitschwingen der Dorfbewohner mit den Rhythmen und Energien, die die Äcker, Wiesen und Felder durchpulsen. Die an die Scholle gebundene Gemeinschaft war völlig ergriffen, mitgerissen von der unmittelbaren Macht der Natur, vom Zauber der wachsenden und vergehenden Vegetation und des Mondes, von der Magie der Grossen Göttin.

Gerade darum aber ging es den asketischen Predigern, die zur Zeitwende, zu Beginn des Fischezeitalters auftauchten. Sie wollten den Menschen von seinem Verhaftetsein an Erde, Natur und die sinnlichen Triebe befreien. Sie wollten ihn von den Göttern und vor allem der Göttin, dieser «Hure von Babylon», befreien. Sie wollten ihn «erlösen» und ganz auf den Geist ausrichten. Das ganze wilde Treiben war den mönchischen Kirchenvätern und Missionaren mehr als ein Stein des Anstosses. Die heiligen Satzungen eines patriarchalischen, nomadischen Wüstenstammes, an die sich die erdflüchtigen Glaubensverkünder klammerten, verdammten die orgiastischen Feste der Vegetationsgötter und riefen zu Nüchternheit und Busse auf. Die zu Unzucht, Zauberei und Trunkenheit verleitenden Gewächse kräuterkundiger Frauen und heidnischer Zauberer galten als Ausgeburten des Widersachers. Frühe Bussordnungen belegten die magische Anwendung von Kräutern mit Strafen, gegebenenfalls mit dem Tod. Sogar einfache, einheimische Heilpflanzen wurden kaum geduldet. Die durch Adams Vergehen sündig gewordene Menschheit sollte vor allem durch Busse und Gebet, durch Weihwasser und Hostie ihre Leiden lindern.


Die fliegende Freya

Das einfache Volk liess aber nicht von den Kräutern ab. Heimlich bediente es sich noch immer des Kräuterbüschels der weisen Frauen und Wurzelgräber. Um die lästige Konkurrenz auszustechen, konnten die Mönche nicht anders, als sich auch mit Kräutern zu beschäftigen. Sie begannen Kräutergärten in den Klöstern anzulegen. Diese Hortuli waren jedoch recht ärmlich im Vergleich zu dem, was die Wälder und Wiesen an wild wachsenden Heilpflanzen boten. Zu den wenigen «guten» Pflanzen, denen es vergönnt war, in den Klosterbeeten zu wachsen, gehörten vor allem jene Kräuter, die im Heiligen Buch Erwähnung fanden, oder solche, die aus jenen Ländern stammten, in denen die Apostel gewirkt hatten.

Auch sogenannte Keuschkräuter, wie Lattich, Seerose, Raute oder Hopfen, die der Abtötung der Fleischeslust dienten, wurden angebaut. Vor allem aber waren es jene Pflänzlein, die sich als Sinn- und Erbauungsbilder eigneten: das Veilchen als Sinnbild der Demut; Bitterkräuter als Mahnung zur Reue; Baldrian, dessen Duft an die Salbung Jesu erinnerte; rote Anemonen, aus dem Blut der Märtyrer entstanden; Rosen, deren fünf rote Blütenblätter die fünf Wunden des Heilands in den Sinn riefen …

Wichtig wurden die Marienkräuter. Die weisse Lilie erinnerte an die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau; die strahlend blaue Blüte des Borretsch brachte Marias Himmelsmantel in den Sinn; die weissen Flecken auf den Blättern der Mariendistel sollen durch Milchtropfen aus ihrer keuschen Brust entstanden sein; der Weissdorn erblühte zum ersten Mal, als sich Maria auf der Flucht in seinem Schatten ausruhte; Maria ist die Schlüsselblume, die durch ihren Sohn den Himmel aufschliesst; in der zarten Wicke erscheint sie als junges Mädchen und in der Erdbeere als reife Frau. Beispiele dieser Art könnten ein ganzes Buch füllen.

Wir sehen, wie das aramäische Mädchen, welches Jesus gebar, in der Volksfrömmigkeit immer mehr die Stelle der archetypischen Vegetationsgöttin einnahm. Immer wieder haben inspirierte Ikonenmaler die Jungfrau als solche dargestellt – auf grünem Rasen voller reifer Erdbeeren, im Rosenhag, mit Lilien, in den Weinreben. Als Maria im Ährenkleid ist sie der Archetypus der Getreidegöttin, als Mondsichelmadonna ist sie Schnitterin, als schwarze Madonna ist sie der fruchtbare Erdboden selber, der den Samen ebenso wie den geschundenen Leib ihres geopferten Sohnes in ihrem Schoss aufnimmt. Wie die keimende Saat wird auch er wieder auferstehen. Als Maria Magdalena wird die Göttin erste Zeugin seiner Auferstehung sein. Als ein Hüter der Pflanzen, als ein Gärtner erscheint er dann vor ihr.

Mit den zahlreichen Marienkräutern war die Pflanzengöttin unversehens wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückgekehrt. Die einst der Freya, der Diana, der Aphrodite oder der Isis geweihten Pflanzen waren nun allesamt in Marienkräuter umgetauft worden. Auch die weise, kräuterkundige Frau war wieder da und waltete ihres Amtes – diesmal im Nonnengewand. Mit Hildegard von Bingen stand die natur- und heilkundige Seherin wieder in Ehren. Sie öffnete erneut den Zugang zur Fülle der Natur, auch zu den zuvor verpönten einheimischen Wildpflanzen. (Storl 1993: 37) Nicht nur das: Das Lebenswerk der heiligen Hildegard hatte zur Folge, dass sich die Kräuterkunde zunehmend des Schutzes und der Förderung der Kirche erfreuen konnte. Insbesondere seit der Aufklärung waren es vor allem Geistliche wie Pastor Kneipp, die Franziskanerin Schwester Bernhardine oder Pfarrer Künzle, die für die «Apotheke Gottes» die Lanze brachen. Ein passendes Bibelzitat stärkte sie in ihrem Anliegen: «Der Herr lässt die Arznei aus der Erde wachsen und ein Vernünftiger verachtet sie nicht!» (Sirach 38,4)

Maria Treben, die erfolgreichste, wenn auch (von den Ärzten und Pharmakonzernen) heftig angefeindete Kräuterfrau, lässt sich ganz von der Gottesmutter leiten. In ihrem schon über acht Millionen Mal verkauften Büchlein, in dem sie ihre Kenntnisse festhält, schreibt sie: «Das Vertrauen zu IHR, die Verehrung und das Gebet vor einem alten, wunderbaren Marienbild, das auf seltsame Art in meine Hände und damit in meinen Besitz gelangte, hat in Zweifelsfällen jedesmal geholfen.» (Treben 1986: 4)

Die Pflanzengöttin bei den heidnischen Europäern

Die Pflanzengöttin erschien den Kelten, den Erben alteuropäischer Megalithbauern und indogermanischer Hirten, als Grosse Weise Göttin. Als die zarte Lichtjungfrau Brigit steigt sie nach den kalten, finsteren Wintertagen aus den Erdtiefen empor. Mit ihr kehrt das Licht wieder auf die Erde zurück. Mit ihr kommt auch der Bär, der «Vegetationsdämon», dessen Lager sie unter der Erde teilte. (Storl 1992: 81)

Brigit ruft die Pflanzen wach, so dass – dem Auge noch unsichtbar – der Saft in den Bäumen zu steigen beginnt und die Samen und Knollen im feuchten Boden anschwellen. Als Mariä Lichtmess feiert man ihr Fest noch immer, aber nun unter der Obhut der Kirche. (Es scheint übrigens mehr als blosser Zufall gewesen zu sein, dass die populäre Kräuterfrau Maria Treben gerade zu Lichtmess ihre Berufung zur Heilkräuterkunde fühlte.)

Im Mai ist sie dann die strahlende, mit bunten Blumen und frischem Birkengrün geschmückte junge Braut, die sich in freier Ausgelassenheit der Sonne – dem Sonnengott Belenos – hingibt. Im freudigen Miterleben dieses Hochzeitsfestes, umtanzen die Menschen den Maienbaum. Im Hochsommer dann, von der Sonne geschwängert, gibt sich die Göttin süssen Träumen hin.

Im Herbst wird sie zur Matronin. Beginnend mit dem Getreideschnitt in den feurig-heissen Augusttagen – es ist das Fest Lugnasad – ergiesst die Gebärerin als Erntegöttin ihr Füllhorn über das Land. Der kunstfertige Lugh, dessen Feuerkraft Obst und Getreide reifen lässt, ist nun ihr Begleiter. Noch einmal lässt sie sich mit Freudenfeuern als Himmelsgöttin feiern, dann zieht sie sich aus der Erscheinungswelt zurück.

Wenn nun die Novembertage neblig-grau, trübe und kalt werden, dann ist sie ein greises Weib. Die Spinnenfäden, die im Altweibersommer durch die Luft schweben, sind ihr graues Haar. Bald verschwindet sie ganz unter der Erde und mit ihr alle Lebenskeime, alles Grün. Sie ist nun die Braut des schwarzen Totengottes Samain. Als Hüterin der Samen und der nach Wiederkehr dürstenden Toten, als Spinnerin des Schicksals herrscht sie.

Getreidekörner, Äpfel und Haselnüsse – Symbole des Lebens, das über den Winter hinübergerettet wird – opferten die Kelten nun den Toten. Nach dem Fest des Samain, Halloween, durfte kein Heilkraut mehr gepflückt, kein Obst mehr geerntet werden. Alles war nun pucca, verboten, tabuisiert, mit Ausnahme der immergrünen Mistel, einer Pflanze, die nie auf dem Erdboden, sondern als Schmarotzer im oberen Geäst der Bäume lebt und sich ganz dem solaren Jahreszyklus entzieht. Einige der goldgrünen Mistelzweige wurden nun als Zeichen des immerwährenden Lebens über die Türschwellen gehängt.

Eine vielleicht noch ältere Imagination der Grossen Göttin begegnet uns in den Märchen und Sagen der Frau Holle. Auch sie ist Hüterin der schlummernden Samen und der auf ihre Wiedergeburt wartenden Toten. Das verborgene Reich der Holle ist aber keine düstere Höhle oder gar die Hölle, sondern ein lichter Ort mit herrlichen grünen Wäldern und Wiesen, mit Blumengärten und Obstbäumen. Hier herrscht sie als Königin der Zwerge und Elementarwesen, die – wie wir sehen werden – die Wachstumskräfte personifizieren. Als Schicksalsherrin belohnt auch sie die Verstorbenen je nach ihren Taten mit Pech oder Glück im nächsten Leben.

Sie wohnt zwar tief unter der Erde, und dennoch meinte man, wenn es daunige Flocken schneit, schüttele sie ihre Federbetten aus. Die kristallinen Schneeflocken, die Daunenfedern der ihr geweihten Gans, galten als Sternenkräfte, die den Pflanzen des kommenden Jahres Wachstums- und Gestaltungskräfte zukommen lassen.

Die Vorstellung, dass die Vegetationsgöttin zugleich die Totengöttin ist, ist ebenso weit verbreitet wie der Glaube, dass sie zugleich tief unten in der Erde und hoch oben im Himmel lebt. Beides, Himmel und die Unterwelt, gelten im archaischen Denken als das Jenseits, als die «Anderswelt». Und aus dieser «Anderswelt» kommen die sich inkarnierenden Pflanzen, Tiere und Menschen. Diese Anschauung war den Völkern der Neuen wie auch der Alten Welt geläufig.

Frau Holle, die bei den Engländern als Mother Goose (Gänsemutter) bekannt war, ist auch die Herrin des schamanistischen Flugs. Ihre Gans ist ein uraltes Symbol für die Reise in die Anderswelt, wo der Schamane oder die später zur Hexe umgedeutete «fliegende Frau» den Ahnengeistern, den Tiergöttern und den Pflanzengeistern begegnet. Die germanischen und sibirischen Schamanen opferten zu Winteranfang, wenn die Pflanzen und Naturgeister sich ins Erdinnere zurückziehen, eine Gans. Der Vogel wurde geweiht, indem sie ihn mit dem heiligen Beifuss (Artemisia) räucherten oder einrieben. Aus dem Gänsefett kochten sie dann unter Beigabe von giftigen Kräutern (Tollkirsche, Bilsen, Schierling usw.) eine «Flugsalbe», die die Reise zu den Geistern und Göttern ermöglichte.5

Eine andere, aber doch recht ähnliche Vorstellung von der Pflanzengöttin herrschte in der klassischen Antike. Devi erscheint hier in der Gestalt der Kornmutter Demeter (römisch Ceres) und zugleich in jener der Persephone (römisch Proserpina), ihrer schönen Tochter. Die Sage erzählt, wie Persephone auf einer sonnigen Wiese spielte und Narzissen pflückte.6 Plötzlich brach der Erdboden auf, und Pluto, der schwarze Gott der Unterwelt (Hades), ergriff das Mädchen und riss es mit hinab in sein düsteres Reich. Er machte sie zu seiner Frau, indem er ihr einen samenreichen Granatapfel zu essen gab. Persephone teilte daraufhin seinen Thron und wurde zur Herrscherin der Toten und der zahllosen Samen, die unter der Erde harren.

Mit dem Verschwinden des schönen Mädchens verschwanden auch alle Blumen und alles Grün von der Erdoberfläche. Mutter Demeter, ausser sich vor Gram, liess weder Korn noch Obst gedeihen. Die Erde wurde wüst und unfruchtbar, so dass es selbst die Götter nicht mehr ertragen konnten. Also schickten sie den göttlichen Schamanen, den wegekundigen Hermes, in den Hades hinab, um die junge Frau wieder in die lichten Höhen des Olymp zu führen. Pluto liess sie gewähren; da sie die Granatapfelsamen in sich trug, hatte sie keine andere Wahl, als jedes Jahr für einige Monate in die Unterwelt zurückzukehren. Während dieser Zeit ist Winter auf Erden.

Das Blumenmädchen Persephone entwickelte sich bald zur eifersüchtigen Ehefrau. Wehe der Nebenbuhlerin! Die von ihrem Gatten geliebte Nymphe Minthe zum Beispiel zerriss sie und verwandelte sie in das bescheidene Duftkräutlein, aus dem wir uns den Pfefferminztee brauen.

Wir sehen auch in dieser Mythe, dass sich das Wirken der Pflanzengöttin von den Tiefen der Unterwelt bis in den höchsten Götterhimmel erstreckt. Das entspricht auch dem Wesen der Vegetation: Die eine Hälfte der Pflanze (die Wurzeln) strebt dem Erdmittelpunkt zu, die andere Hälfte (die grünen Sprossen) streckt sich dem Zenith entgegen.

Die archetypische Pflanze ist eben ein Mittler: Sie verbindet das Oben und das Unten, das Licht und die Dunkelheit, das Mineralreich mit dem Tierreich, das Jenseits mit dem Diesseits, die göttliche mit der menschlichen Welt, den Makrokosmos mit dem Mikrokosmos. Deswegen sind Pflanzen auch Heiler: Als Heil- und Nahrungspflanzen können sie uns die Kräfte der Erde und des Sternenhimmels zukommen lassen und uns dadurch ganzheitlich und «heil» machen. Diejenigen Pflanzen, die unsere Ahnen kannten und verehrten, können uns die Inspirationen unserer Vorfahren als weise «Ahnungen» vermitteln, denn die Totenwelt steht ihnen offen. Die entheogenen, bewusstseinserweiternden Pflanzen können uns sogar im rauschhaften Erleben in die jenseitigen Reiche der Götter und Dämonen mitnehmen. Jede Pflanzenart hat dabei ihre besonderen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die sie uns zur Verfügung stellt. Jede Pflanzenart bietet uns ihre Mitarbeit an. Die Entscheidung, anzunehmen oder abzulehnen, liegt bei uns. Jede Pflanzenart – oder besser gesagt, jeder Deva –, mit der wir uns einlassen, wird uns verändern, wird uns verwandeln, wird uns zu dem machen, was wir sein werden. Schliesslich haben wir es in ihnen mit göttlichen Mächten zu tun.


Wiedererscheinen der Persephone im Frühling (Böotien, 4 Jh. v. Chr.)

3 Die englische Maid legte einen Schafgarbenstengel unter ihr Kissen und sprach:

«Thou pretty herb of Venus tree / Thy true Name be Yarrow / Now, who my bosom friend may be / Pray tell me tomorrow.»

In Deutschland ging das Mädchen zum Grab eines früh verstorbenen jungen Mannes und sprach beim Abpflücken: «Die erste Schafgarbe finde ich hier, / Im Namen Christi pflück ich sie mir, / Und wie Jesus Maria mit Liebe bedacht, / Mög im Traum mir erscheinen mein Liebster heut nacht.»

4 Neuere Forschungen bestätigen, dass ein Immergrüntee den Teufel des Gedächtnisschwundes und der schlechten mentalen Disposition durchaus auszutreiben vermag. Der in dieser Pflanze enthaltene Wirkstoff Vincamin fördert die Durchblutung der Hirngefässe. (Weiss 1982: 139) Die Wirkung als Gehirntonikum scheint auch der alten Volksmedizin nicht entgangen zu sein. Wenn ein Kind zum ersten Mal in die Schule geht, soll man es mit dem Immergrün auf den Kopf schlagen und sagen: «Geh zu und lerne was!» In der Oberpfalz wird dem Kind ein Säckchen mit einer Immergrünwurzel umgehängt, damit es gescheiter wird.

5 In den Alpenländern wird die Frau Holle noch immer als die Percht, Pertha oder Königin Bertha gefeiert. In den Rauhnächten, vor allem am letzten Tag der zwölf heiligen Nächte, wenn die Vegetation noch verborgen in ihrem Reich weilt, geht diese Göttin mit den grossen Zähnen und wirrem Haar um. Mit ihr ziehen die Naturgeister und Fruchtbarkeitsdämonen durch das Land. An den wilden Maskenzügen, Perthenläufen, -tänzen und -spielen nehmen auch die Menschen teil.

6 Die Narzisse, ein giftiges Amaryllisgewächs, war eine dem Pluto geweihte Todespflanze. Sie symbolisierte – wie noch heute in der Psychoanalyse – den Egoismus und die Selbstverliebtheit der narzisstischen Persönlichkeit, die den spirituellen Tod nach sich zieht.

PFLANZENDEVAS – DEVIS KINDER

Wir wollen uns nun den Pflanzendevas, den Söhnen und Töchtern der grossen Vegetationsgöttin, zuwenden. Auf keinen Fall dürfen wir sie uns als winzige Blütenelfen oder neckische Waldfeen vorstellen; sie sind wahrlich göttliche Wesen von kosmischem Ausmass. Es ist durchaus angebracht, sie als Devas (Sanskrit «die Leuchtenden, die Strahleden») zu bezeichnen, denn sie wirken von den Sternen und Planeten auf die Erde herab. Die Blumen auf den Wiesen und Feldern, die Bäume und Sträucher sind lediglich ihre «Schatten», ihre «mit Stoff gefüllten Abbilder», ihr «kondensierter Atem», ihre «auf Erden verwirklichten Gedanken». Manche Seher, wie der weisshaarige Bergbauer Arthur Hermes, beschreiben die Devas als unsichtbare makrokosmische Riesen, von denen nur die «Haare» (die physische Vegetation) sichtbar sind. (Storl 1990: 82) Wenn der Bauer seine Wiese mäht – behauptet Arthur Hermes –, dann ist das wie das Haareschneiden. Es tut den Pflanzengeistern nicht weh. Sie freuen sich eher über die Aufmerksamkeit.

Imagination als Schlüssel

Solche Aussagen sind selbstverständlich nur als poetische Annäherungen zu verstehen. Aber wo wären wir ohne solche bildhaften, bunten Vorstellungen? Uns bliebe nur die äussere, materielle Erscheinung. Diese könnten wir zwar messen und analysieren – was sicherlich auch interessant ist –, aber das eigentliche der Pflanzenwelt würden wir verfehlen. Wir könnten wie der auf Tatbestände bedachte Positivist nur von einem intelligenzlosen, durch natürliche Auslese zufällig entstandenen protoplasmischen Gebilde reden, und damit hätte es sich. Sicherlich finden in diesen protoplasmischen Gebilden höchst komplizierte, kybernetisch vernetzte energetische und biochemische Vorgänge statt, auch sind sie zu diversen Reizreaktionen fähig, aber ein positivistischer Wissenschaftler würde sich weigern, ihnen Bewusstsein oder gar Selbstbewusstsein zuzusprechen. Seine Experimente scheinen diese Annahmen zu bestätigen. Und dennoch steht er in dieser Ansicht allein. Die Überlieferungen aller Kulturen mit Ausnahme der gegenwärtigen berichten von fühlenden Seelen und einem erkennenden Geist, der sich «hinter» oder «in» der Pflanzenerscheinung offenbart.

Ein Indianer, der Heilkräuter sammeln will, nimmt zuerst Kontakt mit dem «Häuptling» der jeweiligen Pflanzenart auf. Er raucht mit ihm Tabak und fragt ihn um Erlaubnis. Die Pflanze einfach zu nehmen, käme einer Vergewaltigung oder einem Diebstahl gleich und würde zu nichts Gutem führen. Dieser «Häuptling» ist für den Indianer die eigentliche Pflanze.

Wir werden sehen, dass es in anderen Traditionen ähnlich ist. Der wahre Pflanzenkundige verkehrt mit dem Geist der Pflanze. Dieser Geist kann als Drache, als schöne Jungfrau, als Waldweib, Kobold, Kind, alter Mann, als Tier oder was auch immer in der Vision erscheinen. Die Erscheinung sagt etwas über das Wesen des Deva aus, ist aber zugleich aus den inneren Bildern, die der Kräutersammler in sich trägt, gebildet. An sich hat der Deva als geistiges Wesen keine eigene Gestalt. Er borgt sich seine Erscheinung aus den kulturell vorgegebenen Vorstellungen und persönlichen Erinnerungen des Kräutersammlers. Der Deva wühlt sozusagen in der Rumpelkammer des menschlichen Unterbewusstseins und kleidet sich in der passenden Form, die der Pflanzenschamane erkennen und mit der er leicht umgehen kann.

Hat der Mensch Angst oder schleppt er ein schlechtes Gewissen mit sich herum, dann spiegelt sich das ebenfalls in der Erscheinung des Deva – falls es überhaupt zu einem Kontakt kommt. Die mittelalterlichen Kirchenmänner zum Beispiel sahen in der Tollkirsche oder im Bilsenkraut ein Giftgewächs, das von wahrhaften schwarzen Teufeln mit Hörnern und Fledermausflügeln umflattert wird. Auch Elisabeth Claire Prophet, die Gründerin einer sogenannten «Kirche des Wassermannzeitalters» (Summit Lighthouse, Church Universal and Triumphant), macht hinter den äusseren Pflanzenerscheinungen eine spirituelle Dimension aus. Die Geistwesen der domestizierten Pflanzen erscheinen ihr als gute Engel. Der Hanf/Cannabisdeva jedoch sei eine «parasitische Entität», die das Individuum mit Gaukeleien verführe, ihm das innere Licht raube und den Zugang zum höheren Selbst blockiere. Nur die Beschwörung des «Ich bin» und die Aufrufung des mit blauflammendem Schwert bewappneten Elohim Astrea kann von der Besessenheit durch diesen dämonischen Deva befreien. (Prophet 1986: 89) Wie anders dagegen der himalayische Wanderasket, dem der Geist derselben Pflanze in der hehren Gestalt der Göttin Ganga oder gar als Shiva selber, in seiner friedlichen Manifestation, erscheint.

Wie sich der Deva offenbart, hängt also ganz von unserer eigenen geistig-seelischen Verfassung ab. Wir werden sehen, wie wichtig ein gutes, reines Bewusstsein für traditionelle Kräutersammler und Pflanzenkundige seit jeher war. Je selbstloser und transparenter das Bewusstsein wird, desto treffender, reiner und feiner werden auch die Imaginationen. Ein Deva kann dann umso leichter seine segensreiche Botschaft übermitteln.7

Kommunikation mit der Pflanze, das Erkennen ihrer verborgenen Heilkräfte oder ihres Potentials als Nahrungspflanze, geschieht nicht durch äusserliches Experimentieren, sondern vor allem durch innerliche Zwiesprache. Die bildhaften Vorstellungen, die Zauberworte und Rituale sind Vokabular und Grammatik dieser Zwiesprache. Aus diesem Grund sind die grossen Pflanzenkenner – wie Goethe etwa – zugleich Meister der Imagination. Kräuterfrauen und Wurzelseppen sind meistens in der einheimischen Folklore, der Sagenwelt und dem Brauchtum tief verwurzelt. Die Kräuterfrau Maria Treben, die sich als Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Tradition gerne in Trachtendirndl kleidet, arbeitet mir der Imagination der Gottesmutter, die ihr die Inspirationen zukommen lässt. (Storl 1986: 18) Der britische Arzt und Entdecker der Blütenessenzen, Dr. Edward Bach, zog seine Inspirationen aus den altkeltischen Überlieferungen seiner walisischen Vorfahren. (Scheffer/Storl 1994) Je tiefer er in die Ideenwelt der Meddygion Myddfai, der traditionellen Kräuterheiler und Nachfahren der Druiden, eindrang, umso klarer erkannte er die Heilkräfte bestimmter Blumen. Pflanzen sind eben nicht nur zufällig belebte Gegenstände, in ihnen offenbaren sich geistige Wesenheiten. Sie haben Geschichte und können Geschichten erzählen!

Geniale Künstler und Chemiker

Der Deva, der eine botanische Art «überstrahlt», hat sein eigenes «Schwingungsspektrum», sein eigenes «morphogenetisches Feld», durch das er sich in der geeigneten ökologischen Nische manifestieren kann. Das In-Erscheinung-Treten der einzelnen Pflänzchen könnte mit dem plötzlichen Erscheinen von Eisblumen am Fenster verglichen werden oder mit dem Wachsen ganzer Gärtchen zarter Kristallgebilde in einer übersättigten Lösung. Ein anderes Bild, das wir zu Hilfe nehmen könnten, ist das der Chladni-Figuren, jener harmonischen organischen Muster, die entstehen, wenn man eine Resonanzplatte mit feinem Sand bestreut und dann über die Saiten einer daran befestigten Geige streicht. Jede Schwingung erzeugt ihre eigene Klangfigur. Wie ein virtuoser Geiger also setzt der Deva ätherische Schwingungen in Bewegung, die dann in den zahllosen Einzelexemplaren eine Art materielle Form annehmen. Wir dürfen also die Einzelpflanze nicht mit dem Deva, dem schöpferischen Urbild der Art, verwechseln.

Betrachtet man die schöne Geometrie, die Vielfalt der Blatt- und Blütenformen, die Düfte, Farben und das Wirkungsspektrum der Pflanzen, dann muss man sich eingestehen: Pflanzendevas sind höchst kreativ! Als «geniale Ingenieure der Natur» bezeichnet sie Felix Paturi. (Paturi 1974) Mit künstlerischem Formsinn und erstaunlicher Präzision sind die Blätter am Stengel, die Schuppen an den Zapfen der Nadelbäume, die Samen in den Scheiben der Korbblütler oder das Stachelpolster der Kakteen angebracht. Die Anordnung nähert sich dem Goldenen Schnitt (dem Verhältnis 0,618054 :1), was auf uns ästhetisch höchst befriedigend und harmonisch wirkt.8

Die Devas bauen sich ihre Leiber aus den Elementen der physischen Materie auf. Die Pflanzenstofflichkeit spiegelt aber nicht einfach die Zusammensetzung des Bodens wider, wo Sauerstoff, Silizium und Aluminium – in dieser Reihenfolge – am häufigsten Vorkommen. Sie absorbieren also nicht auf eine passive Art und Weise, sondern selektieren genau die Elemente, die sie brauchen. Im Grunde genommen weben sie ihr Kleid aus Sonnenlicht, Luft (CO2) und Wasser. Nur zwei bis fünf Prozent des Pflanzenleibes bestehen aus den vom Boden aufgenommenen Mineralien (P, K, Ca, Si und Spurenelemente). Zudem liegt der Verdacht nahe, dass die Pflanzen zur alchemistischen Mutation einiger Elemente fähig sind. Das wenigstens lassen die Untersuchungen französischer Forscher vermuten. (Tompkins/Bird 1978: 149) Im Labor für organische Chemie der Ecole Polytechnique in Paris wurden in Tausenden von Versuchsreihen elementare Transmutationen innerhalb pflanzlicher Organismen festgestellt. Der Forscher Louis Kervran warnt aber vor voreiligen Verallgemeinerungen, denn die Transmutationen sind an ganz bestimmte enzymatische und physiologische Vorbedingungen gebunden. Eine Pflanzenart kann eine Transmutation vollbringen, die bei einer anderen Art unmöglich ist. Jede Art und jede Familie weist schon auf der Ebene der Moleküle, mit der sie umgeht, die sie akkumuliert oder an ihre Umwelt weitergibt, recht individualistische Züge auf.

Jedem Deva fällt eine andere Aufgabe in der Gesamtökologie zu. Wenn wir an die Gaia-Hypothese denken und uns vergegenwärtigen, dass die Erde ständig darauf hinarbeitet, in einem homöopathischen Gleichgewicht zu bleiben, dann lässt sich die Aufgabe der Pflanzen mit jener der Drüsen oder anderer Organe im Körper vergleichen. Leguminosen – aus denen unter anderem die lebenswichtigen Eiweisse aufgebaut werden – sind zum Beispiel darauf spezialisiert, den Boden mit Stickstoff zu bereichern. Die Brennessel hilft, den Eisenstoffwechsel des Bodens zu regulieren. Tabakpflanzen sammeln, auch auf kaliarmen Böden, viel Kali an. Der Buchweizen, der auf sauren, sandigen Böden gedeiht, aus denen der Kalk ausgewaschen ist, versorgt den Boden mit Kalzium. Bilsenkraut und Stechapfel reichern Phosphorsäure an. Der Fingerhut sammelt Mangan. Die Kreuzblütler sind auf Schwefel spezialisiert, was ihnen wiederum hilft, in wässrig-kalten Klimazonen ein üppiges Wachstum zu entfalten. (Pfeiffer 1977: 182)

Aber nicht nur das. Pflanzen sind auch Meister der Synthese. Kein anderer versteht sich darauf, derart feine ätherische Öle zu synthetisieren wie der Deva der Lippenblütler (Minzfamilie). In der Herstellung von gummiartigem Milchsaft (Latex) sind die Wolfsmilchgewächse die Meister; ihnen verdanken wir Gummistiefel, Kondome und Autoreifen. Der Malvendeva versteht sich auf Schleimstoffe ebenso wie auf feste Fasern; ihm verdanken wir Jute und Baumwolle. Der Nachtschattendeva wartet mit einer breiten Palette giftiger und bewusstseinsverändernder Alkaloide auf. Der Rosendeva schenkt uns das herrlichste Obst – Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren usw. – ‚ ist aber zugleich auch Meister in der Herstellung adstringierender Gerbsäuren. Und wer kann schon die Enziane an Bitterstoffproduktion überbieten? Der grosse Enzian enthält die bitterste überhaupt bekannt gewordene Verbindung: Ein Gramm genügt, um 58000 Liter Wasser bitter zu machen. (Holzner 1985: 128)

Jean-Marie Pelt, ein durchaus sachlich nüchterner Professor der Botanik, schreibt dazu: «Die Pflanzen besitzen, wenn man so will, einen ‹Familiengeist›, danach spezialisiert sich jede Familie auf ihre eigene Chemie, ebenso wie sie ihre eigene Blütenform entwickelt.» (Pelt 1983: 151)

Ausserirdische Invasoren

Einst war der Erdplanet eine Wasser- und Staubwüste, eingehüllt von einer lebensfeindlichen Atmosphäre aus Ammoniak, Methan, Kohlendioxid und giftigen Vulkandämpfen. So gut wie kein Sauerstoff war in der Luft vorhanden. «Wüst und leer» war es, aber dann, irgendwann vor mehr als drei Milliarden Jahren, im Präkambrium, erschienen die ersten Lebenskeime. Von woher kamen sie? Waren es Ausserirdische, die sich vornahmen, den leblosen Sonnentrabanten zu kolonisieren? Oder waren sie schon potentiell in der Erdmaterie vorhanden? Waren sie das zufällige Resultat der Reaktionen kosmischer Einstrahlungen mit flüchtigen Molekularverbindungen? Die Experten streiten sich. Oder waren es gar Engelwesen, schöpferische Intelligenzen, jene mit der Sonne, dem Mond und den Sternen verbundenen «leuchtenden Devawesenheiten», die sich des Urstoffs bemächtigten, um sich Schritt für Schritt physische Leiber zu schaffen? Die Mythen und Sagen der Völker geben der letzten Möglichkeit den Vorzug.


Ginkgo

Kaum war die Erdoberfläche abgekühlt und der Wasserdampf zu Urmeeren kondensiert, begannen die Devas mit den Zellen als Lebensträger zu experimentieren. Die dem Wasser innewohnende Tendenz zur Tropfenform gab wohl das Muster für die Zellen ab, ebenso wie die inhärenten Kraftlinien – wie man sie in den Eisblumen ausmachen kann – später die Muster für die ersten primitiven Wedel und Blätter vorgaben.

Die ersten Lebenskeime (Prokaryoten) besassen keine Zellkerne und wahrscheinlich noch kein Chlorophyll. Bald aber bauten die Devas das Lebensgrün in ihre Schöpfung ein. In den oberen Schichten des Meeres schwebend, saugten tagsüber riesige Schwärme einzelliger Planktone die Energie der Sonne auf. Diese Lichtenergie ermöglichte es ihnen, den Sauerstoff aus dem Wasser zu lösen. Durch die Atmung der Urpflanzen wurde über eine nahezu unendliche Zeitspanne hinweg soviel von dem lebenstragenden Gas freigesetzt, dass sich die ursprüngliche, reduzierende Uratmosphäre in eine sauerstoffhaltige, oxidierende Lufthülle umwandelte – der Himmel wurde blau!9

Tagsüber schwebten die Planktone, dem Licht hingegeben; nachts dagegen wurden sie aktiver und vermehrten sich durch Zellteilung. In ihrer Nachtaktivität bewegten sie sich mit den zuckenden Schlägen kleiner Geiseln durchs Wasser. Oft kam es dabei vor, dass zwei aufeinanderstossende Planktone miteinander verschmolzen – so erfanden sie etwas, was die meisten Menschen noch heute fasziniert: die Sexualität. Eizelle und Sperma, die im Miniaturmeer des menschlichen Schosses ihr Erbgut kombinieren, verhalten sich noch immer so.

Wahrscheinlich unter Einwirkung mutagener kosmischer Einstrahlung teilte sich das eine Leben in seine pflanzliche und seine tierische Daseinsform. Die einen, die grünen Einzeller, blieben dem Tag und dem Licht zugewandt. Die anderen, die aktiveren, wandten sich eher dem nächtlichen Modus zu. Sie verzichteten auf Chlorophyll, behielten ihre Mobilität und mutierten allmählich zu Tieren. Nicht vom Sonnenlicht, sondern von Abfällen und den abgestorbenen Leibern ihrer grünen Vettern ernähren sie sich. Man könnte fragen, ob die tierischen Organismen nicht einen Sonderzustand der Vegetation darstellen. Haben die Devas die Tiere «erfunden», um den überschüssigen Sauerstoff – den «Abfall» der Photosynthese – zu entsorgen? Indem die Tiere die pflanzliche Materie verdauen (oxidieren), binden sie Sauerstoff an Kohlenstoff. Aus diesem Recycling entsteht die Kohlensäure, aus der die Pflanzen erneut ihre Substanz aufbauen. Auch bei der Wiederverwertung und Zirkulation des Stickstoffs in der Form von Kot und Urin helfen die tierischen Organismen den Pflanzen. Wir sehen, die beiden Hälften des Lebens, die Pflanzen und die Tiere, ergänzen einander. Im Laufe der Evolution halten beide Schritt miteinander.

Im frühen Paläozoikum vor rund 600 Millionen Jahren erblühten ganze Wälder von roten und braunen Algen unter dem Meeresspiegel. Diese wiederum boten Nahrung und Schutz für ganze Heere von Trilobiten, Armfüsslern, Würmern, Mollusken und anderen Weichtieren. Bald kamen die ersten Fische dazu.

An Ufern und Gestaden, wo die tosende Meeresbrandung eine Gefahr für die Meeresvegetation darstellt, bildeten einige Grünalgenarten – die Vorfahren der Landpflanzen – Haftorgane, mit denen sie sich an den Felsen festklammern konnten. Diese spezialisierten, durch rapide Zellteilung charakterisierten Gewebe waren die Vorläufer der Wurzeln. Da diese Grünalgen wegen Ebbe und Flut über längere Zeitspannen der Luft ausgesetzt waren, mussten sie wiederum besondere Gewebe zum Schutz gegen das Austrocknen entwickeln. So wurden die Pflanzen allmählich immer differenzierter.

Bald wagten sich die ersten moos- und lebermoosartigen Gewächse, primitive Schachtelhalme und Bärlapppflänzchen, an Land. Pilzmyzelien, die sich mit den Haftwurzeln der Pionierpflanzen verquickten und ihnen Spurenelemente, Wuchsstoffe (Auxine) und wenn nötig Wasser zukommen liessen, halfen ihnen beim Überlebenskampf. Als Gegenleistung gaben die grünen Pflanzen etwas von dem in der Photosynthese gewonnenen Zucker an die Pilze ab.10 Mit diesen Pionierpflanzen besiedelten auch die Vorfahren der Kerbtiere – riesige schabenähnliche Käfer, Skorpione, Libellen – die litoralen Niederungen und Sümpfe. Auch unsere genetischen Vorfahren zogen, in der Gestalt primitiver Lurche, mit an Land.


Vor rund 280 Millionen Jahren experimentierten die Devas mit einem neuen Wasserleitsystem (Leitbündeln) und echten Samen. Diese Erneuerungen erlaubten es den windbestäubten Nacktsamern (Gymnospermae) – Ginkgos, Mammutbäume, Zedern und andere Koniferen –, die trockenen Kontinente zu besiedeln und zu begrünen. Diese Nacktsamer gaben auch das Futter für die Riesenechsen ab, die Dinosaurier, die mit ihnen die inneren Erdteile besiedelten.

Die ersten echten Blütenpflanzen erschienen erst in der Kreidezeit, vor knapp 100 Millionen Jahren. Sie besassen, wie die Seerose oder die Magnolie noch heute, viele fleischige Blütenblätter und eine Unzahl von Staub- und Fruchtblättern. Die wichtigste Erneuerung bestand darin, dass es diesen primitiven Blütenpflanzen gelang, sich die Insekten als Gehilfen bei der Befruchtung dienstbar zu machen. Zuerst lockten sie die Käfer mit Aasgerüchen oder mit verschwenderischen Mengen schmackhafter Pollenkörner. Die unbeholfenen, groben Krabbler machten sich über die üppigen Blüten her, frassen und sudelten, brachten aber schliesslich doch, wie erwünscht, den Blütenstaub auf die Narben. Einige Blütenpflanzenarten, wie die Aronstabgewächse, versuchten es mit Zwang. Mit betörenden Düften lockten sie die Insekten in den Kelch und kerkerten sie dort solange ein, bis die Befruchtung erfolgt war. Erst viel später entdeckten geniale Devas, dass es auch ohne Zwang oder Gestank geht. Süssen Nektar, schöne Farben und angenehme Düfte boten sie nun den fortgeschritteneren der Insektenarten, den Bienen und Schmetterlingen, an. Als die ersten echten Blütenpflanzen erschienen, waren unsere Vorfahren noch kleine, den Spitzmäusen ähnliche Insektivoren.

7 Nicht nur der Geist der Pflanze, auch vieles andere, was wir zu kennen glauben, ist nur der Imagination zugänglich. Sogar der eigene Leib entzieht sich in vielen Aspekten den unmittelbaren Sinnen. Sezierungen und Durchleuchtungen geben uns zwar ein genaues Bild von den inneren Organen, trotzdem schmerzt der Körper oft an einer anderen Stelle, als an der, wo sich das erkrankte Organ befindet. Der innere Mikrokosmos ist und bleibt ebenso wie der Makrokosmos ein Mysterium. Man braucht die Hilfe der Imagination, um mit ihm umzugehen. Die Bilder, die sich die verschiedenen Kulturen vom Körper machen, sind ebenso vielfältig wie diejenigen, die sie sich von den Pflanzengeistern machen.

Chinesische Ärzte arbeiten, zum Beispiel, mit unsichtbaren Chi-Energien, die bestimmten Meridianen folgen. Die Doktoren des Mittelalters imaginierten den Körper als einen Kosmos aus Planeten (Organe) und Tierkreiszonen (Körperregionen). Die Inder erklärten das Funktionieren des Leibes mit imaginären Chakren, Kanälen für «Sonnen- und Mondatem» und inneren meteorologischen Zuständen (Kapha = Feuchtigkeit, Vata = Wind, Pitta = Hitze). Die Ägypter sahen den Körper, in Analogie zum Niltal, als eine Art Flusslandschaft mit Kanälen, die saubergehalten werden mussten.

Unsere keltisch-germanischen Vorfahren stellten sich Krankheiten als «saugende Würmer» vor. In jedem Fall wurden die Patienten nicht nur physikalisch (durch invasive Techniken oder durch somatische Einwirkung der Arzneien) behandelt, sondern es wurde vor allem mit Hilfe der Einbildungskraft gearbeitet. Um körperliche Veränderungen herbeizuführen, bedarf es vor allem Veränderungen der Vorstellungen und Einstellungen.

Wie aber steht es mit unserer wissenschaftlich-objektiven Medizin? Werden da auch Imaginationen nutzbar gemacht? Selbstverständlich! Lange bediente man sich des Bildes einer Maschine: der Körper als Verbrennungsmaschine voller Hebel, Pumpen und Schaltungen; das Herz als tickende Uhr; Verdauung und Stoffwechsel als ein chemisches Labor. Heutzutage liefert der Computer das Modell des Leibes. Er ist ein Bio-Computer, der chemische, energetische, genetische und Umwelt-Daten verarbeitet.

8 Die sichtbaren Pflanzengebilde sind die Spuren, welche «übersinnliche» Pflanzenwesen bei ihrem wirbelnden Tanz durch die Materie hinterlassen. Ebenso wie sich die Tierspuren im Schnee je nach Art unterscheiden, so unterscheiden sich die geometrischen Formen der Blüten, die spiraligen Anordnungen der Knospen am Zweig und die gesamte Ausgestaltung der Pflanze von Art zu Art. Die möglichen Blattanordnungen folgen einem eindeutigen mathematischen Gesetz, welches der Renaissance-Gelehrte Fibonacci als eine Reihe von Brüchen wiedergab: 1/2, 1/3, 2/5, 3/8, 5/13, 8/21, 13/34 usw.

Der erste Bruch beschreibt die gegenständlichen Blätter: Man geht halb um den Stengel, um den nächsten Blattansatz zu finden. Die zweite Möglichkeit finden wir bei den Sauergräsern: Bei einer Drittelwindung stösst man auf den nächsten Blattansatz. Bei den Rosengewächsen ist das Verhältnis 2:5 (man muss den Stengel zweimal umrunden, um beim fünften Blatt wieder auf derselben Senkrechten zu sein wie am Ausgangspunkt). Bei den Kreuzblütlern ergibt sich ein Verhältnis von 3:8, bei den Korbblütlern und Rachenblütlern von 5:13. Bei den Nadelhölzern lässt sich eine Schuppenanordnung von 8:21 ausmachen. Nur bei ganz primitiven Pflanzen, wie den fossilen Laubmoosen und Lebermoosen, werden noch höhere Brüche angetroffen.

Die meisten Wissenschaftler glauben, solche Anordnungen seien zufällig und von irgendwelchen äusseren Faktoren unabhängig. Nun ist es aber besonders interessant, dass die Planetenbahnen (von der Erde aus betrachtet) denselben mathematischen Gesetzen folgen. Vom geozentrischen Blickpunkt aus bewegen sie sich in Schleifen um die Sonnenbahn (Ekliptik), ganz so wie die Folge der Blattansätze um den Stengel. Die jeweilige Umlaufbahn eines Planeten lässt sich ohne weiteres mit der Spiralbewegung der jeweiligen Pflanzenfamilie vergleichen. Auf diese Weise ist es möglich, verschiedene Pflanzengattungen verschiedenen Planeten zuzuordnen. Unverhofft stösst man wieder auf die verspotteten «planetarischen Signaturen» der mittelalterlichen Gelehrten.

9 Die Pflanzen, insbesondere die Wälder als Lungen des Erdorganismus, sind noch immer dabei, diese lebenstragende Lufthülle zu erhalten und zu schützen. Sie filtern – wenn auch mit zunehmender Schwierigkeit – unsere giftigen Abgase, Verbrennungsrückstände und Ausdünstungen und binden diese in Form anderer molekularer Verbindungen wieder in den Lebenskreislauf ein. Klimaforscher vermuten, dass die Pflanzen angesichts der sechs Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die jährlich durch die Schornsteine und Auspuffe gejagt werden, zunehmend aktiver werden. Die Verteilung radioaktiver Kohlenstoffisotope, die bei Atombombenversuchen in die Atmosphäre geschleudert wurden, deuten darauf hin, dass die Pflanzen noch mehr Kohlenstoff aufnehmen, als es am Anfang des Jahrhunderts der Fall war. So helfen sie, die drohende Klimakatastrophe (Treibhauseffekt) zu bremsen. («Der Spiegel», 14.9.92)

10 Die symbiotische Verbindung, Pilz/grüne Pflanze, ist bis heute in den Flechten erhalten geblieben. Dieses Doppelwesen besiedelt wie einst die ersten Landpflanzen unwirtliche kahle Felsen.

DIE AMMEN DER MENSCHHEIT

Aus der entwicklungsgeschichtlichen Perspektive gesehen, könnte man den Devas einen beträchtlichen Spiel- und Experimentierdrang unterstellen. Ihre Spiele erstrecken sich über Jahrmillionen hinweg. Zusammen mit ihnen und unter ihrer Obhut verlief auch unsere Evolution. Ehe wir zu selbstbewussten Hominiden heranreiften, waren die Urwälder der Tropen unsere Wiege. Dort wurden wir geformt.

Unsere Hände, mit denen man fest greifen kann, unsere Fähigkeit, die Arme kreisen zu lassen, ohne sie dabei auszukugeln – wie es bei anderen Tieren geschehen würde –, unsere bifokale Vision, die es uns ermöglicht, das Sehen mit dem Greifen zu koordinieren, all das geht auf das Leben unserer Vorfahren in den Bäumen zurück. Der Menschenaffe, bei dem dieses Zusammenspiel von greifender Hand und bifokaler Sehweise nicht funktionierte, wäre aus dem Baum gestürzt und zugleich aus der Vererbungslinie ausgeschieden. Das Greifen ist die Voraussetzung für das spätere Halten und Herstellen von Werkzeugen.

Dass wir Farben sehen können und uns über einen bunten Blumenstrauss freuen, geht ebenfalls auf unsere Wiege im Urwald zurück. In den Ästen und Kronen der Bäume hat das Riechen weniger Bedeutung als auf dem Boden, dafür aber umso mehr das Sehen. Die süss-saftige, nahrhafte, rote oder gelbe Frucht, die am Ast hängt, ist leichter zu sehen als zu riechen. Bei Tieren, die bodennah leben, ist das archaische Riechhirn weit besser entwickelt, dafür aber sehen sie ihre Umwelt in Schwarzweisstönen.

Als Vorstufe oder «Präadaption» zur aufrechten Körperhaltung kann das senkrechte Hängen von den Ästen und das Klettern gesehen werden. Es ist eine Vorprägung, die in allen menschlichen Interaktionen – beim Begrüssen, beim Küssen, im Gespräch, beim Tragen von Kleinkindern – noch immer zum Ausdruck kommt. Wir begegnen einander von Angesicht zu Angesicht, nicht etwa wie Hunde von Schnauze zu Hinterteil. Die Bäume, in denen sich unsere Vorfahren wiegten, prägten unsere Psyche. Wir versuchen noch immer unsere Welt zu begreifen. Wir rühmen uns unserer Stammbäume; wir haben «Aufstiegsmöglichkeiten», können aber auch ins Bodenlose fallen. Die Vorstellung von einem Paradiesbaum am Anfang der Geschichte, vom Lebensbaum oder dem Weltenbaum, den Schamanen als Himmelsleiter erklimmen, ist nahezu universal.

Montezuma beschwört Quetzalcoatl

Als dann vor rund 16 Millionen Jahren, im späten Miozän, die Erde eine trockenere Periode durchmachte, schrumpften die riesigen Wälder. Unsere nächsten Verwandten11 – jene Primaten, die sich dann zu Gorillas, Orang Utans und Schimpansen weiterentwickelten – waren wohl die Stärkeren im Streit um den verbliebenen Lebensraum. Sie bemächtigten sich des geschrumpften Biotops. Die Verlierer – unsere Vorfahren – waren gezwungen, in die Steppen und Savannen abzuwandern. Nun wurden die Devas der Gräser ihre Lehrer. Die Präadaption zur senkrechten Körperhaltung begünstigte die Entwicklung zum aufrechten Gang und liess sie das Gräsermeer der Savanne überblicken. Die befreiten Vorderglieder und die greifenden Hände erlaubten es ihnen, Stöcke und Steine – die ersten echten Werkzeuge – mit sich zu tragen. Sie mussten die Gegenstände nicht wie andere Tiere im Maul schleppen. Aus der notwendigen Zusammenarbeit beim Jagen und der Abwehr von Raubtieren entwickelte sich echte Gruppensolidarität.

Die Steppengräser also gaben uns den aufrechten Gang und ernährten uns mit ihren eiweisshaltigen Samen. Die Devas der Gräser erweisen sich überhaupt als besonders menschenfreundlich. Noch immer ernähren Gräser – Mais, Reis, Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Hirse, Zuckerrohr – die überwiegende Zahl der nun rund sechs Milliarden Menschen, die den Planeten bevölkern. So wichtig sind sie den Menschen, dass man in ihnen fast überall inkarnierte Götter sah und sie verehrte. Christus («Ich bin das Brot») wurde dem Weizen gleichgesetzt. Buddha wurde in Ostasien mit dem Reis, und die Quetzalcoatl, die «gefiederte Schlange» der Azteken, wurde mit dem Mais identifiziert. Opferaltäre und Heiligtümer wurden in der Neuen und in der Alten Welt mit heiligem Gras gefegt, ausgelegt oder geräuchert – mit Kusha- oder Durvagras (Desmostachia bipinnata) in Indien, Süssgras (Hierochloe odorata) in Nordamerika und im heidnischen Europa. Unsere Villen und Paläste werden von, man könnte sagen, rituell gepflegtem Rasen umgeben.

Kulturanthropologen haben viel darüber spekuliert, wie die ersten Menschen ihre Nahrungspflanzen entdeckten. Allgemein wird angenommen, dass es ein mühseliger Vorgang des «trial and error», des Versuchens und Experimentierens war. Allmählich, meint man, hätten die primitiven Dickschädel gemerkt, dass einige Pflanzen sie umbringen, andere ihnen Bauchweh verursachen und nur ein kleiner Rest essbar ist. Diese Ansicht ist natürlich Unsinn. Die Hominiden waren, wie undomestizierte Tiere noch immer, sicher in ihren Instinkten. Anders ausgedrückt, durch ungetrübte Sinne und innere Resonanz erkannten sie sehr wohl die Eigenschaften der Pflanzen. Die Devas selber teilten sich ihnen mit.

Inzwischen berichten Primatologen, wie Richard Wrangham, der im afrikanischen Regenwald Feldforschung betrieb, von einem sehr differenzierten Gebrauch von Heilpflanzen bei den Schimpansen. Bei Entzündungen, Durchfall, Pilzerkrankungen oder zum Auslösen der Wehen wählen diese Menschenaffen ganz bestimmte Wurzeln und Kräuter. Instinktsicher suchen und fressen sie ganz bestimmte Chrysanthemen, deren Saft – das ergaben Laboruntersuchungen – antibiotisch wirkt. Oft legen erkrankte Tiere erstaunliche Wegstrecken zurück, um die Heilpflanzen zu finden. Jungtiere verziehen das Gesicht, als bekämen sie Lebertran, wenn die Erwachsenen ihnen bittere Rinden oder Blätter in den Mund stopfen. Sie verwenden sogar zytostatische Kräuter bei krebsartigen Geschwüren. (Begley/Leonard 1992: 53)

Wrangham und die Schimpansenforscherin Jane Goodall beobachteten, wie die Schimpansen das bittere, rauhhaarige Blatt der Aspi-liapflanze zusammenfalten und es mit sichtlichem Widerwillen hinabwürgen. Zuerst dachten die Forscher, es handle sich sozusagen um einen Spleen einiger Tiere. Aber dann liessen sie die Aspilia pharmakologisch untersuchen. Es wurde darin ein bisher noch unbekanntes Antibiotikum entdeckt, ein schwefelhaltiges rotes Öl, welches die Pharmakologen Thiarubin-A tauften. (Schmidt 1994: 49) Ohne Zweifel besassen auch unsere hominiden Vorfahren ein vergleichbares «Kräuterwissen».

Will man dem Ethnobotaniker Terence McKenna glauben, dann kannten unsere Vorfahren auch pflanzliche «Psychovitamine». Pilze, vor allem Psilocybe- und Stropharia-Arten, die auf dem Dung jener Herdentiere wachsen, denen die Urjäger nachpirschten, wurden sicherlich hier und da gepflückt und gekostet. (McKenna 1992) Beim Verzehr geringer Mengen schärfen sich die Sinne. Eine etwas grössere Portion erregt sexuell. Schärfere Sinne sind für Jäger von besonderem Vorteil, und die wohl mögliche Steigerung der Fruchtbarkeit durch häufigeren Sexualverkehr gab den Frühmenschen eine grössere Überlebenschance. Noch grössere Portionen bewirken eine Erweiterung des Bewusstseins über die Grenzen der alltäglichen Sinne hinaus, sie regen direkt das Assoziierungs- und Symbolisierungsvermögen an. In anderen Worten, Sprache, schamanistischer Flug und bewusste Kommunikation mit den Geistern wird möglich. Eine interessante und ernstzunehmende Hypothese. Und wie kam Terence McKenna zu dieser Einsicht? Der Pilzdeva hat es ihm selber gesagt:

«Ich bin alt, älter als das Denken in eurer Spezies … Zwar bin ich seit Jahrhunderten auf der Erde gewesen, doch ich stamme von den Sternen. Meine Heimat ist jedoch kein einzelner Planet, viele über die glänzende Scheibe der Galaxis verstreute Welten haben Bedingungen, die meinen Sporen eine Lebensmöglichkeit geben. Der Pilz, den ihr seht, ist der Teil meines Körpers, der sich dem sexuellen Kitzel und dem Sonnenbaden hingibt, mein eigentlicher Körper ist ein feines Netzwerk von Fasern, die die Erde durchwuchern. Diese Netzwerke können mehrere Morgen durchziehen und haben weit mehr Schnittstellen als ein menschliches Gehirn …»

(Das ist allerhand, denn nach jüngsten Erkenntnissen besteht jedes menschliche Hirn aus etwa zehn Milliarden Gehirnzellen. Jede einzelne Zelle kann mit 25000 anderen Kontakt aufnehmen. Die Zahl der möglichen Verbindungen geht also ins Astronomische.)

«All meine Pilzgeflechte in der Galaxis befinden sich in Kommunikation miteinander, und zwar schneller als die Lichtgeschwindigkeit und über Raum und Zeit hinweg … Das Pilzgeflecht ist so fragil wie ein Spinnennetz, doch der kollektive Übergeist und die kollektive Erinnerung sind wie ein riesiges historisches Archiv über den Werdegang der sich entwickelnden Intelligenz.» (McKenna 1989: 254)

Der Strophariadeva war demzufolge ein Motor der Intelligenzentwicklung der Hominiden. (Rudolf Steiner kommt übrigens auch zu ähnlichen Schlüssen. Für ihn haben Pilze auch etwas mit Intelligenz zu tun: Sie verkörpern das Nervensystem des Erdorganismus.)

Nach dem Herabsteigen aus den Bäumen und dem Übergang zum nomadischen Wildbeuterdasein fand in der Tat eine pilzartig-explosive, exponentielle Entwicklung des Hominidenhirns statt. In der entwicklungsgeschichtlich kurzen Zeitspanne von etwas mehr als einer Million Jahre verdreifachte sich bei den Frühmenschen das Gehirnvolumen.12

Wer domestizierte wen?

Der moderne Menschentypus, der Cro-Magnon, erschien recht spät. Er stellte vor rund 30000 Jahren in den eiszeitlichen Tundren den grossen Herden der Rentiere, Aurochsen, Büffel, Mammutelefanten, Wildpferde und anderen Herdentieren nach. Er lebte in tipiartigen Zelten, trug genähte Lederkleidung, malte im Inneren der Höhlen magische Tierbilder und schnitzte dickbrüstige Venusfiguren in Speckstein. Es muss ein Leben ähnlich dem der letzten nordamerikanischen Grosswildjäger gewesen sein – ein freies Leben, an das sich das kollektive Unterbewusstsein als ein «goldenes Zeitalter» erinnert.

Mit dem Schmelzen der Gletscher kommen die Baumdevas erneut zum Zuge. Sie verdrängen die baumlose Vegetation der Tundren und damit die grossen Widerkäuerherden. Die Lebensbedingungen der nomadischen Jäger verändern sich. Weiden, Birken, Hasel, Kiefer, Vogelbeeren, Buchen und Pappeln rücken nach Norden vor und bedecken grosse Flächen Eurasiens. Die Wälder begünstigen Waldtiere, wie Rehe, Wildschweine, Bären und Elche, denen sich nicht herdenweise nachstellen lässt. Der Mensch jagt also weniger und sammelt mehr. Die Kreise, die die Nomaden ziehen, werden immer kleiner. Als Mesolithikum bezeichnen die Urgeschichtler diese Vorstufe zur Sesshaftigkeit.

Die Nahrung der mesolithischen Wildbeuter bestand zunehmend aus Pflanzen. Die vorwiegend von den Frauen gesammelte pflanzliche Substanz machte schätzungsweise achtzig Prozent der Nahrung aus, die Jagdbeute der Männer nur zwanzig Prozent.

Wie es bei Lagerplätzen der Fall ist, wird die Pflanzendecke niedergetrampelt, Feuerstellen, Schlafplätze und Laubhütten werden errichtet. Es entsteht eine vegetationslose Fläche. Ziehen die Menschen weiter, haben all die ausgespuckten Kerne, die mit Augen gespickten Schalen der Knollen und die verschütteten Samen und Nüsse eine gute Chance, in dem mit Abfällen, Urin und Asche gedüngten Boden aufzukeimen und zu gedeihen. Die meisten unserer Getreide- und Gemüsepflanzen waren ursprünglich schnellwachsende Pionierpflanzen, die solche unstabilen Ökotope bevorzugen. Kamen die Wildbeuter dann im nächsten Jahr wieder, um am selben Ort ihr Lager aufzuschlagen, fanden sie viele ihrer bevorzugten Nahrungspflanzen bereits vor.

In groben, sehr vereinfachten Zügen stellen sich so die Kulturanthropologen die «neolithische Revolution», das Sesshaftwerden und die Anfänge der Landwirtschaft, vor. Sie haben sich zur Überzeugung durchgerungen, dass weniger der menschliche Erfindergeist als vielmehr die biologische Anpassungsfähigkeit der Pflanzen selber zu unseren heutigen Kulturpflanzen führte (Herbig 1988: 120)

Mit gezielten Mutationen passten sich die Pionierpflanzen allmählich dem Menschen an.13 Im Vorderen Orient besiedelten Getreidegräser die verlassenen, von Konkurrenzvegetation entblössten Lagerplätze. Nach und nach bekamen sie feste Ähren, die beim Reifen nicht zerfielen, und entwickelten die gleichzeitige Reifung und das gleichzeitige Aufkeimen. Verschiedene Reife- und Keimzeiten der Samen und die Fähigkeit, diese zu verstreuen, ist bei Wildpflanzen für das Überleben entscheidend. Der Mais jedoch kann sich nicht mehr selbständig aussäen; Kartoffeln und Jams bilden kaum mehr Samen, und ihre Ausläufer entfernen sich nicht mehr weit genug von der Mutterpflanze, um das Überleben als Wildpflanze zu gewährleisten. Der Verlust dieser Merkmale würde eigentlich das Aussterben bedeuten. Aber genau das Gegenteil ist geschehen: Indem sich diese Gewächse zunehmend der menschlichen Pflege überantworteten, eroberten sie riesige Gebiete der Erde.


Vavilovsche Zentren, der geografische Ursprung der Kulturpflanzen

1 Ostasien: Nackthirse, -hafer, -gerste, Soja, Chinakohl, Rettich, Tee, Aprikose, Orange, Zitrone

2 Südasien: Reis, Zuckerrohr, indische Baumwolle, Kokospalme, Banane und verschiedene Tropenfrüchte

3 Zentralasien und Persien: Weizen, Erbse, Linse, Ackerbohne, Radieschen, Spinat, Zwiebeln, Knoblauch, Mandel, Birne, Apfel, Hanf

4 Kleinasien: Einkorn, Weizen, zweiteilige Gerste, Roggen, Mittelmeer-Hafer, Lein, Luzerne, Sauerkirsche, Zwetschge, Karotte

5 Mittelmeergebiet: Emmer, Hartweizen, grosskörnige Gerste, Erbse, Linse, Ackerbohne, Lein, Mangoldrübe und viele Gemüse und Futterpflanzen

6 Abessinien: Hirse und andere Getreidearten, Kaffee

7 Mittelamerika: Mais, Bohnenarten, Kürbis, Neuweltbaumwolle, Sisal, Paprika, Tabak, Kakao

8 Südamerika: Mais, Kartoffel, Tomate, Kürbis, Erdnuss, Ananas

Man könnte durchaus sagen, bestimmte Pflanzendevas haben den Menschen in ihre Absichten eingespannt. Die Gewächse verzichteten auf Bitterstoffe, Gifte, Stacheln und Dornen, wurden zugleich fleischiger, saftiger oder nahrhafter, und dafür musste ihr menschlicher Partner nun die Aussaat übernehmen, er musste jäten, hacken, düngen, giessen, das Saatgut reinigen und aufbewahren und seine Pfleglinge vor Wildfrass schützen. So wurde der Verlust der Überlebensfähigkeit in der freien Natur bei weitem kompensiert. Und das geschah nicht nur einmal, nicht nur im Nahen Osten, wie man lange glaubte, sondern an vielen Orten (den sogenannten Vavilovschen Zentren) in Afrika, Asien und Amerika. Dieser Schritt erfolgte fast gleichzeitig in allen Erdteilen, obwohl zwischen den Zentren keine physische Verbindung bestand. War es Telepathie, die das bewirkte, oder war es die simultane Inspiration der Devas?

Viele der später kultivierten Nahrungs- und Nutzpflanzen wurden zuerst zu magischen und rituellen Zwecken verwendet. Schon die Schamanen nichtsesshafter Stämme pflanzten gelegentlich kleine Gärtchen an, in denen sie Zauberpflanzen hüteten. Der rote Fuchsschwanz (Amaranthus sp.) war zuallererst wegen seines roten Farbstoffs begehrt, erst allmählich wurden seine eiweissreichen Samenkörner zu einer der Hauptnahrungsquellen der Indianer Süd- und Mittelamerikas. Die Kürbisse, die zuerst wegen ihrer essbaren Kerne und als Behälter und Rasseln gesammelt wurden, entwickelten immer mehr Fruchtfleisch und wurden weniger bitter. Die Wurzeln des Maniok (Manihot utilissima), eines blausäurehaltigen Wolfsmilchgewächses, wurden wahrscheinlich zuerst als Fischgift verwendet: Man warf die zerstampfte Wurzel in den Tümpel und erntete die vergifteten Fische. Heute ist diese Knolle das Hauptnahrungsmittel für mindestens dreihundert Millionen Tropenbewohner und für uns Europäer Lieferant des Tapiokapuddings. Die Jamswurzeln (Dioscorea) waren einst so giftig, dass sie von südasiatischen Jägern zuerst als Pfeilgift benutzt wurden.

Andere Pflanzendevas näherten sich den Menschen schlicht als Ackerunkräuter. Hafer, Roggen, Erbsen, Linsen, Tomaten, Hanf, Mohn, Mangold, Rüben und Buchweizen schlichen sich zum Beispiel als Unkräuter in die Beete der ersten Kulturpflanzen ein. Sie verloren ihre Wildheit und kamen in den Genuss ackerbäuerlicher Pflege und Fürsorge. Chilipfeffer war zuerst ein Unkraut in den Maniokpflanzungen, ehe es sich zur Gartenpflanze mauserte. Der Roggen wanderte als Unkraut mit dem Weizen nach Norden, wo er prächtiger gedieh und schliesslich die Felder dominierte.

All diese Pflanzen benutzten den Menschen, um sich über den Globus hinweg auszubreiten. Man könnte sie fast «Imperialisten» nennen. Der Mensch schuftete für sie: Er brandrodete ganze Wälder, baute Kanäle und Dämme, bewässerte Wüsten und Karststeppen und krempelte für sie ganze Ökosysteme um. Solche Anstrengungen mussten organisiert werden, die Arbeiter mussten motiviert, die Erzeugnisse eingesammelt, gelagert und gerecht verteilt werden. Dazu bedurfte es der Entwicklung tragfähiger Institutionen. Es bedurfte der sozialen Organisation, der Arbeiter, Priester und Häuptlinge. Pflanzendevas – in den Kulten als Götter und Kulturheroen gefeiert – standen am Anfang des Weges in die Zivilisation.

Einige der heutigen Kulturpflanzen benötigten nicht die unmittelbare Hilfe der Menschen, um sich global zu verbreiten. Die riesige Nuss der Kokospalme kann, vom Salzwasser unbeschadet, über die Meere treiben und an sandigen Stränden keimen. Sie machte die Besiedlung vieler Inseln, wie zum Beispiel der Südseeinseln durch die Polynesier, erst möglich. Dann liess sie sich von den Inselbewohnern grossflächig anbauen, schützen und als Gottheit anbeten.

Nicht nur domestizierten die Devas den Menschen vor rund zehntausend Jahren, sie nahmen auch eine immer wichtigere Rolle in seinem Tun und Denken ein – ebenso wie heutzutage die Titanen, die Devas der Metalle und Mineralien, das menschliche Bewusstsein zunehmend beherrschen. Im Neolithikum wurden bald die Tiergötter der Altsteinzeit auf den zweiten Rang verwiesen. Die Grosse Göttin, ehemals Herrin der Tiere, wurde zunehmend im Kult der grossen Erdmutter und Wachstumsgöttin verehrt. In der indischen Taittiriya Samhita wird sogar vorgeschrieben, den Pflanzendevas Tieropfer darzubringen. Die Pflanzenverehrung ging so weit, dass es in der Atharvaveda beim Anrufen der Pflanzen heisst: «Götter seid ihr, aus der Erdgöttin geboren!»

Das ist es auch, was die Devas mehr als alles andere wollen. Sie brauchen nicht unbedingt blutige Tieropfer, sie wollen bewundert, verehrt und geliebt werden. Sie wollen an unseren Gedanken und Imaginationen teilhaben. Denn unsere Gedanken und Gefühle sind für sie, ebenso wie für die Verstorbenen, Nahrung. Jede Hausfrau, die ihre Blumen liebt, jeder gute Gärtner weiss, dass eben jene Pflanzen am prächtigsten gedeihen, die im Mittelpunkt des Interesses stehen. Zahlreiche wissenschaftliche Versuche, bei denen liebevoll an Pflanzen gedacht wurde oder wo man sogar Geistliche für sie beten liess, zeigen, dass sie dadurch besser gedeihen. Sie sind bereit, ihre Blüten, Samen und ihre Substanz zu opfern, wenn wir bereit sind, sie in unserem Bewusstsein zu tragen. Einst liebten wir unsere Wälder und besangen sie im Volkslied – und sie gediehen. Nun aber fasziniert uns vor allem das Auto oder das neue Videogerät, und unser kritischer Verstand findet die getrillerte «Waldeslust» kitschig – und die Wälder kränkeln. Wo die Äcker mit Freude und Hingabe gepflegt werden, da sind die Pflanzen gesund und stark; wo nur nach kommerziellen Interessen gewirtschaftet wird, da können die anfälligen Pflanzen nur mit massivem Einsatz von Kunstdünger, Technologie und Chemiegiften am Leben gehalten werden.

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378 p. 48 illustrations
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