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Der Bär


Wolf-Dieter Storl

Der Bär

Krafttier der Schamanen und Heiler

AT Verlag

Gewidmet meiner Berner Alma Mater und insbesondere den Berner Mutzen innerhalb und außerhalb des Bärengrabens und dem Braunbär, der von der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild zum Wildtier des Jahres 2005 ausgerufen wurde.

Dieses Buch ist eine überarbeitete und ergänzte Ausgabe des 2001

im J. Kamphausen Verlag erschienenen Werks.

4. Auflage, 2013

© 2005

AT Verlag, Baden und München

Lektorat: Diane Zilliges, München

Umschlagbild: Adrian Pabst, Gebenstorf

Lithos: AZ Print, Aarau

ISBN 978-3-03800-146-1

www.at-verlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Einführung

Bärenschamanen und Pflanzenheiler

Das Wesen der Tiere verstehen

Tierische Verbündete

Der Lehrer der Heilpflanzenkundigen

Die Heilerhaltung oder Bärenhaltung

Bärenhöhlen und Neandertaler

Eine mysteriöse Frau

Steinzeitjäger und Bärenschamanen

Bärenahnen

Der Götterbär

Kinder des Bären

Die goldenen Bären

Waldjungfrauen und wilde Bergmenschen

Vielfraß und Feinschmecker

Bärenliebe und Mutterrecht

Begegnung mit Maheonhovan

Bären sind keine feigen Hunde

Licht in der Bärenseele

Großmuttergeschichten

Die Höhle, der Bär und die Frau

Die Kraft der Bärenmilchgesäugten

Eine bärige Frau Holle

Der Vegetationsdämon

Blutige Opfer

Kornbär und Erbsenbär

Der Bärenkönig der Kelten

Das Rad mit acht Speichen

Das Lichtfest

Maiwonne und Augustfeuer

Die Nacht der Mütter

Der Hüter der Schätze

Der Krösus des Tierreiches

Krishna demütigt den Bärenkönig

Salmoxis und die Unsterblichkeit

Meister des Feuers

Bärenhäuter und Schwellenhüter

Deutungen

Die Spur des Großen Himmelsbären

Die Kraft, die den Himmel bewegt

Der Besucher aus dem zwölften Himmel

Der verbotene Name

Die Kinder der Artemis

Der entrückte Herrscher

Der kämpfende Bär

Berserker und Wolfshemden

Folgeseelen

Der Krieg der Tiere

Häuptling der Tiere

Bärenheilige und Teufel

Ein Bote des Fischezeitalters

Der Petz als Gepäckträger und Pflugknecht

Die Bärengöttin im Nonnengewand

Waldteufel und »schedlich Gewild«

Die Lichtbären des Bruder Klaus

Bärenpflanzen, Bärenmedizin

Schlafkraut

Ein Meister der Botanik

Bärlauch, Ramser

Bärlapp

Bärentrauben

Klette

Bärenmilch und Bärendreck

Des Bären Fett, des Bären Galle

Die Ausstrahlung des Bären

Das Allheilmittel

Bärenfett

Bernstein

Wegschickungs-Zeremonien: Versöhnung mit dem Bärengeist

Der Bär ist eine liebeshungrige Frau

Orte der Bärenkraft

Smokey Bear und der Yellowstone Nationalpark

Lachsschlemmer am McNeil-Fluss

Der himmlische Gast

Besuch beim Herrn des Waldes

Mutzopolis – Die Bärenstadt Bern

Menschgewordene Bären

Herzog Berchtold und Edelfrau Mechthildis

Der Schutzheilige

Teddybär und Winnie der Puh

Der dumme Bär

Der Präsident und der erste Teddy

Der weise Bär von geringem Verstand

Lexikon berühmter Bären

Nachwort: Hoffnung auf Wiederkehr

Wer frei durch die Wälder streift, wird erschossen

Danksagung

Literatur

Einführung

»Je mehr wir uns auf die Zeit einlassen und mit ihr dahineilen, desto weiter entfernt sie uns vom Währenden. Das gilt auch für die Tiere; nie hat man von ihnen mehr und (gleichzeitig) weniger gewusst. Nie mehr, was ihre Anatomie und ihr Verhalten betrifft. Nie weniger über ihr heiles Wesen, ihren unberührten Schöpfungsglanz, wie ihn Märchen und Mythen als Wunder und wie ihn Kulte als göttlich erfasst haben.«

Ernst Jünger, Hund und Katz, 1974

Etwa fünf Jahre lang lebte ich in bear country in den Rocky Mountains und an der pazifischen Küste Nordamerikas, wo Bären, vor allem Schwarzbären, noch recht präsent sind. Sechs Monate verbrachte ich in der Wildnis von Yellowstone, wo einem Meister Petz nahezu täglich begegnete: Die Düfte der Küche lockten ihn, neugierig schnüffelte er an Türritzen und Abfallbehältern. Man begegnete ihm auf abgelegenen Holzwegen und Wanderpfaden und blieb – eine respektvolle Distanz haltend – bewundernd stehen. Während man nachts am Lagerfeuer döste, hörte man ihn gelegentlich da draußen im Dunkeln schnaufen oder brummen. Man sah ihn mit tollenden Jungen am See planschen, baden oder fischen; man sah ihn genüsslich mampfend in den Beerenschlägen, sah seinen von Heidelbeeren blau gefärbten Kot, seine Sohlenabdrücke im Schlamm. Wenn man viel Zeit in der Natur verbringt, fängt man unwillkürlich an, den Bären so zu sehen, wie die Indianer oder andere naturnahe Völker ihn sehen – als magisches Wesen, als »Mensch« in Tiergestalt, möglicherweise als Lehrmeister, der uns im Traum erscheinen kann und uns an unsere ureigene, unschuldige, wilde Natur zu erinnern vermag. So lernt man Bären anders kennen als im Biologieunterricht, anders als beim Zoobesuch oder Safariurlaub.

Inzwischen lebe ich im Allgäu. Herrliche Berge, Seen und Wälder gibt es hier. Schön ist es hier zu wandern. Aber es fehlt etwas, etwas, was zu dem Land eigentlich gehören sollte: Wolfsgeheul, das in Vollmondnächten Schauer durch die Seele jagt, kreisende Geier über einem verendeten Wildtier und der Bär, der einem gemütlich über den Weg tappt. In unserer überzivilisierten Welt gibt es zu wenig, was einem den Atem verschlägt, was unsere archaische Neandertaler-Seele in Wallung bringt, was in uns die Ehrfurcht vor der Schöpfung zu erwecken vermag. Die virtuellen Bilder der allgegenwärtigen Unterhaltungsindustrie können nie die wahre Natur, die Wildnis, ersetzen. Und so verarmt unsere Seele. Alles ist sicher – zu sicher! –, alles kontrolliert, wissenschaftlich dokumentiert, schulmeisterlich erklärt. Selbst die Berge und Wälder werden zunehmend gebändigt. Hatte doch der alte Squamish-Häuptling See-Yahtlh (Seattle) Recht, als er die weißen Eindringlinge warnte (Seattle 1987: 88): »Was ist der Mensch ohne Wildtiere? Wenn die wilden Tiere alle verschwunden sind, dann wird die Seele an Einsamkeit zugrunde gehen; alles, was den Tieren widerfährt, widerfährt auch den Menschen.«

Nun wollen wir von Bruder Bär und Schwester Bärin erzählen, die uns auf unserem Weg seit der Steinzeit begleiten, die den Schamanen und Medizinleuten Träume und Inspirationen schickten, die den Berserkern Kraft und Mut schenkten und den Heilern Wissen vermittelten. Ich schreibe als Völkerkundler und Kulturanthropologe und streife nicht nur die biologischen und ökologischen Aspekte des Bärenwesens, sondern vor allem die ethnologischen und mythologischen. Aber mein Anliegen ist nicht nur Information. Ich möchte den Bären ins Bewusstsein fokussieren, damit wir ihn wieder ins Dasein träumen können.


Bärenskizze aus einer steinzeitlichen Höhle. (Combarelles, Dordogne; Kultur des Aurignacien)

Bärenschamanen und Pflanzenheiler

»Die Seelen! Sie sind ja gar nicht in den Körpern.

Die Körper sind in den Seelen!«

Christian Siry, Die Muschel und die Feder

Wir haben es fast vergessen: Tiere sind unsere Helfer und Gefährten. Die Katzen sind nicht nur nützlich, weil sie Mäuse fangen, die Hunde, weil sie den Hof bewachen, die Kühe, weil sie Milch, Butter und Käse geben, oder die Pferde, weil sie Wagen ziehen oder uns tragen können. Das sind lediglich die auf den materiellen Nutzen bezogenen, utilitaristischen Erwägungen. Wenn man die Tiere mit dem Auge des Herzens sieht, dann erkennt man, dass ihr Wert weit über dem bloßen Ökonomischen liegt. Es stimmt zwar, dass Kinder, die mit Haustieren aufwachsen, seelisch ausgeglichener sind, oder dass der Spitz, die Schmusekatze oder der Goldfisch das Leben für Alte und Einsame erträglicher macht. Aber auch diese psychotherapeutischen Aspekte sind hier nicht unser Hauptanliegen. Wir wollen uns mit dem archetypischen Wesen der Tiere, in diesem Fall des Bären, befassen.

Tiere haben feine Sinne, sie spüren, was auf die Haus- und Hofbewohner zukommt, lange ehe es der Mensch wahrnimmt. Sie spüren bis in die unsichtbare energetische und astrale Dimension hinein. Oft nehmen sie einen Fluch oder ein karmisch bedingtes Unglück auf sich, so dass sie krank werden oder gar sterben, damit es die Menschen, mit denen sie verbunden sind, nicht trifft. Tierverbündete können dem Menschen telepathische Botschaften zukommen lassen, ihn lehren und ihm helfen bei der Erfüllung seines Schicksals. Was für die Hof- und Haustiere zutrifft, das trifft noch mehr auf Wildtiere zu. Da diese nicht gezähmt und den unnatürlichen Zwängen der Domestikation nicht unterworfen sind, ist ihnen eine besondere Kraft eigen. Immer wieder gibt es Menschen, die in Resonanz mit einem Wildtier – dem Eber, dem Hirsch, dem Hasen, den Vögeln und sogar den Winzlingen, den Ameisen und Käfern – treten können.

In unseren Schulen lernen wir diesen Zugang zu den Tierseelen nicht. Unsere Aufmerksamkeit wird auf andere, »wichtigere« Dinge gelenkt, auf leblose Mechanismen und rechnerisch abstrakte Daten. So kann man im »System« funktionieren. Aber die Seele braucht etwas anderes, um gesund zu sein. Etwa tierische Seelenverbündete. Diese lassen sich auch finden. Man kann in die Natur hineinlauschen, sich ihr gegenüber bewusst öffnen. Man braucht nur aufmerksam Acht zu geben, welche Tiere einem im eigenen Leben immer wieder erscheinen, zu welchen man sich unwillkürlich hingezogen fühlt und welche besonderes Interesse wecken. Vielleicht ziert eine bestimmte Tierart unser Familienwappen? Vielleicht erzählt die Familiengeschichte von einem Tier, das mit einem Urahn verbunden war?

Das Wesen der Tiere verstehen

Tiere sind unseren Seelen näher als die schweigsamen Pflanzen oder Steine. Tiere sind, wie wir, verkörperte Seelen. Wie wir leben sie im Spannungsfeld der Gefühle und Emotionen, der Freude und des Leides, der Abneigungen und Zuneigungen. Pflanzen und Mineralien besitzen zwar auch so etwas wie eine empfindsame Seele und einen weisheitsvollen Geist, diese sind aber nicht – wie bei atmenden Tier- und Menschenwesen – an ihre Körperlichkeit gebunden: Ihre »Geist-Seelen« sind weiter entfernt, sie befinden sich außerhalb ihrer physischen Leiber, ausgebreitet in der makrokosmischen Natur. Diese mineralischen und pflanzlichen »Geist-Seelen« sind nicht dem alltäglichen Verstand zugänglich, deswegen kann eine Wissenschaft, die sich nur auf das Messbare, Wägbare und Logische beschränkt, sie nicht wahrnehmen. Schamanen aber haben die Fähigkeit, aus dem alltäglichen Bewusstsein herauszutreten. Wenn sie stark sind – und eventuell einen Bären als Schutzgeist haben –, können sie mit diesen »Geist-Seelen« kommunizieren.

Tiere sind beseelte Wesen. Sie atmen. Ihre Seele fließt mit jedem Atemzug. Gefühle, Stimmungen und Emotionen sind innig mit dem Rhythmus des Ein- und Ausatmens verbunden. Das Wort Tier (altenglisch deor, niederländisch dier, schwedisch djor) entspringt dem Indogermanischen *dheusóm und bedeutet »atmendes, beseeltes Wesen«. Auch das Lateinische animal, animalis (Tier) ist mit dem Begriff anima, animus (Seele, Atem, Wind, Geist, beseeltes Wesen) verwandt. Wenn ein Mensch oder ein Tier aufhört zu atmen, verlässt die Anima den Körper und kehrt in die jenseitige Dimension zurück. Die Lebenswärme verflüchtigt sich, erstarrt liegt der Körper und löst sich in seine stofflichen Komponenten auf.

Die Seelen der Tiere – das weiß jeder Schamane und jeder, der Tiere liebt – sind jedoch reiner, unverfälschter als die unseren. Keine Gedankenabstraktionen, kein »schöpferischer Intellekt«, keine »kulturellen Konstruktionen der Wirklichkeit«, keine Lebenslüge spaltet das Tier von seiner unmittelbaren natürlichen Umwelt ab. Das Tier ist unmittelbar in seine Um- und Mitwelt eingebunden. Nicht Worte und abstrakte Symbolsysteme, nicht die Gedanken, die an ein übergroßes stoffliches Hirn gebunden sind, bestimmen das Verhalten der Tiere, sondern die Gerüche, die Laute und Stimmungen der Umwelt, die Tages- und Mondrhythmen und der Wandel der Jahreszeiten steuern ihre Aktivitäten. Die Natur »denkt« in ihnen. Sie haben teil an der ordnenden Vernunft des makrokosmischen Geistes.

Es ist nicht so, wie die heutige Schulwissenschaft behauptet, dass die zerebral-kognitiven Fähigkeiten des Tieres im Vergleich zum Menschen unterentwickelt oder weniger evolviert sind. Nein, es ist so, dass sich der »Geist« des Tierindividuums größtenteils auf einer anderen Ebene befindet, in einer nichtmateriellen Dimension. Dieser Geist ist nicht ein individualisierter, verkörperter Geist, sondern er hat teil an einem »Gruppengeist«, der – wie es bei den meisten Naturvölkern heißt – beim »Herrn der Tiere« in der »Anderswelt«, bei der »Tiermutter« in der Höhle, im Inneren eines Berges oder auf »unterirdischen grünen Wiesen« zu finden ist. Dieser »Gruppengeist« ist ein spirituelles Wesen; es ist eine Gottheit, ein Deva. Er ist es, der den Schwalben im Spätherbst den Weg in den sonnigen Süden weist, der den Tieren zeigt, wie sie ihre Nester zu bauen haben, sie vor einer Sturmflutwelle oder Erdbeben warnt oder ihnen sagt, welche Pflanzen fressbar sind, welche heilend, welche giftig.

Heute nennt man das »Instinkt«. Das Wort, das im 17. Jahrhundert in die Wissenschaft eingeführt wurde, bedeutet lediglich »Antrieb« (vom lateinischen instinguere, »anstacheln«, »antreiben, so wie der Hirt die Herde mit seinem Stock antreibt«). Wer ist es aber, der die Tiere zu ihrem Verhalten antreibt? Heute glauben wir es zu wissen. Es sei die »genetische Programmierung«, die die angeborenen, stereotypen Verhaltensweisen, die nicht erlernt und kaum durch Lernprozesse abgeändert werden, steuert. Exogene Reize (Wärme, Licht, Düfte usw.) lösen endogene, genetisch verankerte Reaktionen aus – so die gegenwärtige, materialistisch-positivistische, auf genauen Laboruntersuchungen und Messungen basierende Lehrmeinung.

Die Naturvölker haben weder Labore noch haben sie eine experimentelle Methode zur Wissensfindung entwickelt. Ihr Wissen über Tiere beruht auf einem engen, unmittelbaren Zusammenleben mit den wilden gefiederten oder felltragenden Bewohnern ihrer Umwelt. Ihre Gemeinschaft ist eine, die viele Generationen überspannt; Mensch und Tier wissen voneinander, verhalten sich mit-, für- und gegeneinander und bilden eine Lebenseinheit, eine Symbiose. Naturmenschen kennen jeden Laut der Wildnis, sie können auch die feinsten Spuren – Fressspuren im Laub, Abdrücke auf feuchten Böden, Haare, Federn – exakt deuten. Alles haben sie intensiv und genau beobachtet. Aber sie bleiben nicht bei der bloßen äußeren Beobachtung stehen. Sie gehen jenseits der alltäglichen Sinne. Traum, Vision und auch schamanische Techniken – Versenkung, langes Fasten und Wachen, Trance-Tanz und Trommeln und bei einigen Stämmen die Anwendung von Pflanzen, die das Bewusstsein erweitern – verbinden sie mit dem Deva der jeweiligen Tierart, mit dem Tierherrn oder der Tiermutter. Sie hüllen sich in die Haut des Büffels, des Hirschs oder des Bären, ahmen mit Tanzschritten seine Bewegungen nach und singen die Tierlieder, bis sie im Einklang mit ihm sind, bis sich die Grenze zwischen ihrer und der Tierseele auflöst. Sie fliegen dann als Rabe, Nachteule oder Milan, sie schwimmen als Delphin, laufen als Wolf mit der Meute durch Tundra oder Prärie, oder als Hirsch mit den Hinden (Hirschkühen) durch den Wald. Im Gegensatz zum positivistischen Wissenschaftler, der die Tiere nur von außen beobachtet und ihre Reaktionen misst, erleben sie das Tier von innen heraus.1

Dabei sind nicht unbedingt die Menschen die aktiven Initiatoren dieser intensiven Interaktionen. Wie mir der Cheyenne-Medizinmann Bill Hoher Büffelstier (Tallbull) zu erklären versuchte, sind es meistens die Tiere selber, die den Menschen aufsuchen, ihm Inspirationen, Träume, Hinweise oder Warnungen zukommen lassen. Nicht der Schamane sucht sich sein Schutztier aus, es ist das Tier, das ihn aussucht. Der Anthroposoph Karl König schreibt im ähnlichen Sinne (König 1988: 90): »Das Tier greift tief in das Leben der Menschen, der Mensch entscheidend ins Dasein der Tiere ein. Sie durchdringen einander, und es ist nicht nur Furcht und Aberglaube, welche die Tabus, die Feste, die Zauberhandlungen bedingen. Die Seelenwelt der Tiere selbst, ihre Handlungen, ihr Verhalten, ihre Phantasien und übersinnlichen Erfahrungen durchwirken das Vorstellen, Fühlen und Handeln der mit ihnen lebenden Wilden (Menschen).« Dass Tiere die Menschen telepathisch beeinflussen und steuern können, erlebt man sogar mit den Haustieren: Eine Kuh, die in der Nacht in eine Grube fiel, schickte mir einen Traum – sie erschien in der Gestalt der Kuhgöttin Hathor – und ließ mich wissen, in welcher Not sie war und wo ich sie finden konnte. Lassen wir es zu, ist die Verbindung gegeben: Ich denke an die Ameisen, die mir das Schreiben beibrachten, als ich noch ein dummer Schüler war; denke an die Geier, die meine Seele in den Himmel trugen, oder auch an den Kormoran, der mich spät in der Nacht hinaus ins Moor rief; seine Flügel waren bei einem plötzlichen heftigen Temperatursturz fest ans Eis angefroren, und ich konnte ihn befreien.

Für die Völker, die als Jäger und Sammler oder als simple Ackerbauern leben, ist der »Herr der Tiere« – der archetypische Tiergeist, die Tiergottheit – keine abstrakte Idee, keine Glaubensangelegenheit, sondern Erfahrungstatsache. Der Schamane bildet sich auch nicht ein, dass er mit den Tieren sprechen kann, sondern er tut es. Er bekommt Antworten. Was er erfährt, hat Wirkung in der »wirklichen« Welt. Es ist kein Produkt der subjektiven Fantasie. Der Indianer spricht mit dem »Tierlehrer«, der ihm während der Visionssuche erscheint, und erfährt von ihm seine Lebensaufgabe; der sibirische Schamane spricht mit dem »Herrn der Tiere« und erfährt, wo sich das Wild befindet, das zur Jagd freigegeben wurde; der Eskimo Angakkok besucht Sedna, die Mutter der Seesäuger, um zu erfahren, wo sich die Robben aufhalten. Die Tiergeister zeigen dem Pflanzenschamanen, welche Heilkräuter er zu verwenden hat. Verbündete Tiergeister warnen den Menschen vor Gefahr. (So wurde Phoolan Devi, das Bauernmädchen, das eine Räuberbande führte, durch einen Panther vor dem Herannahen der indischen Polizeitruppe gewarnt.) Tiergeister legen dem Menschen auch Verhaltensregeln und Tabus auf, die es unbedingt einzuhalten gilt. Und immer wieder nimmt eine Gottheit Tiergestalt an.

Selbstverständlich waren auch unsere Vorfahren naturverbunden. Auch sie hatten diesen Zugang zu dem magischen Wesen der Tiere. Märchen, Sagen und der so genannte Aberglauben, der tiefe heidnische Wurzeln hat, geben eindeutiges Zeugnis davon. Immer wieder erscheinen dem Märchenhelden oder der -heldin, neben Feen, Heinzelmännchen und anderen Andersweltlichen, helfende, sprechende Tiere (Meyer 1985: 114). Aschenputtel helfen Tauben und Vöglein bei der unsäglich schwierigen Aufgabe, gute und schlechte Linsen aus der Asche zu lesen; zwei Täubchen im Haselstrauch verraten dem jungen Königssohn, wer die falsche und wer die wahre Braut ist: »Ruck di guck, Blut ist im Schuck ...« Fallada, das edle Pferd, weissagt der Königstochter, die als Gänsemädchen Dienst tun muss. Ameisen helfen den Dummling, dem jüngsten von drei Brüdern, verborgene Perlen zu finden, die Enten helfen ihm, einen im See versenkten Schlüssel zu bergen, und die Bienen zeigen ihm, wer unter mehreren Jungfrauen die wahre Königstochter ist, indem sie an den Lippen saugen, die am süßesten sind. Sie helfen ihm, den die klugen älteren Brüder als einen Dummkopf betrachten, da er immer gut und voller Mitleid mit den Tieren ist. Die Märchen sind voller Beispiele dieser Art. Aber auch die christlichen Sagen und Legenden sind voller Geschichten von Tierverbündeten: Ein Hund und ein Rabe bringen dem von der Pest befallenen heiligen Rochus jeden Tag Brot zu essen, damit er nicht verhungert; dem Gallus tragen die Bären das Holz herbei für den Bau von Kapellen.

Nun, der moderne Zeitgenosse wird wohl eher herablassend lächeln und sagen: »Das sind eben Märchen.« Ja, richtig, das sind Märchen, Märchen im ursprünglichen Sinne des Wortes. Eine Mär (althochdeutsch mari) ist eine Kunde, ein Bericht aus einer andersweltlichen Dimension – etwa im Sinne von Martin Luthers Lied zum Mysterium von Weihnachten: »Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute, neue Mär.« Märchen beziehen sich nicht auf empirische, wissenschaftliche Fakten, sind aber trotzdem wahr. Sie beziehen sich auf Wesentlicheres, auf die transzendente Natur der Wirklichkeit. Der weisheitsvolle, reine Geist der jeweiligen Tierarten kann nur mittels schamanischer Fähigkeiten begriffen werden. Und echte Märchen und Sagen sind wahrhafte Kunde davon.

Tierische Verbündete

Bei den Naturvölkern heißt es, dass jeder Mensch sein Tier oder seine Tierhelfer hat, mit denen er auf Gedeih oder Verderb verbunden ist. Nagual nannten die Azteken den tierischen Doppelgänger des Menschen, der seine wilde Natur verkörpert. Das Nagual gibt sich oft während der Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Menschen zu erkennen. Die mittelamerikanischen Indios halten in der Geburtsnacht Ausschau und lauschen, welches Tier sich da zeigt. Ist es ein Jaguar, ein Wildschwein oder ein anderes Krafttier, dann weiß man, es wird eine starke Persönlichkeit geboren, ein Schamane vielleicht. Manchmal wird das Kind dann auch nach seinem tierischen Doppelgänger benannt.

Auch den germanischen Völkern war der Gedanke nicht fremd. Folgeseelen oder Fylgia nannte man die tierischen Doppelgänger. Als Bären, Wildschweine, Hirsche und Wölfe streifen die Seelen starker Männer und Frauen durch den Wald, als Adler, Raben und Schwäne fliegen sie durch die Lüfte, als Lachs oder Otter schwimmen sie im Wasser (Meyer 1903: 262). Als Bär kämpft der Krieger Bjarki draußen auf dem Schlachtfeld, während sein Körper in der Halle erstarrt in tiefer Trance liegt.

Die Verbindung mit den Krafttieren kommt in Namen wie Rudolf (althochdeutsch hrod und wolf, »ruhmreicher Wolf«), Bernhard (ahd. bero und harti, »kräftiger, ausdauernder Bär«), Björn (schwedisch, »Bär«), Bertram (ahd. behrat und hraban, »glänzender Rabe«), Arnold (ahd. arn und walt, »der wie ein Adler herrscht«), Falko (ahd. falkho, »Falke«), Schwanhild (svan und hilt, »kämpfender Schwan«) oder Eberhart (ebur und harti, »zäher Eber«) zum Ausdruck. Auch Arthur und Art (altkeltisch arto, »Bär«) und Urs oder Ursula (lateinisch ursus, »Bär«) sind Nachklänge totemischer Namensgebung in unserem Kulturkreis.

Ein Schamane ohne Tierverbündete wäre schwach und hilflos. Jedes Tier kann ein solcher Verbündeter sein. Wie bei Odin (Wotan), dem nordeuropäischen Schamanengott, kann ein verbündeter Rabe für den Schamanen ausfliegen und Unbekanntes auskundschaften. In Gestalt eines Jaguars kann der südamerikanische Schamane, dessen Körper sich erstarrt im tiefen Trancezustand befindet, durch den Urwald streifen. Mit Hilfe des Wildschweingeists schnüffelt der nepalesische Jhankrie den im Körper des Patienten verborgenen Krankheitsgeist oder den magischen Pfeil heraus. Als Adler hoch am Himmel fliegt der indianische Trancetänzer beim Sonnentanz und bringt bei seiner Rückkehr seinem Stamm wegweisende Botschaften von den hohen Geistern. In Werwölfe verwandelt, liefen einst litauische Bauern in der Vollmondnacht im Mai durch Wald und Wildnis, um gegen die Wintergeister zu kämpfen, die die letzten saatschädigenden Fröste bringen.


Bärenreitender Schamane auf magischer Reise. (Zeichnung auf dem Schamanenkostüm eines Samojeden, Sibirien)

Auch unsere Sagen sind voller weissagender Schwäne, sprechender Pferde, magischer Hirsche und anderer Tiere, die mit schamanischen Persönlichkeiten verkehren. Schamanentum ist auch unser – wenn auch verschüttetes – Erbe. Die Schamanen, die einstigen Rivalen der christlichen Missionare, wurden im Zuge der Bekehrung verteufelt und diskreditiert. Aber noch lange gab es Alte, die in der Gestalt von Wolf oder Bär durch die Wälder streiften, als schwarze Katze auf Samtpfoten durch das nächtliche Dorf schlichen oder als großäugige Eule flogen. Oder ihren Tierfamiliar, ihren spiritus familiaris, ausschickten.

Das von der Inquisition im Spätmittelalter brutal bekämpfte Hexentum ist einer der letzten Ausläufer des alteuropäischen heidnischen Schamanentums (Müller-Ebeling/Rätsch/Storl 1998: 48). Aber auch bei den Christen tauchen gelegentlich Tiere als Verbündete oder Begleitwesen auf: Der Esel bei der Krippe und als Reittier des Jesus, Lukas als Stier, Johannes als Adler, der Heilige Geist als Taube. Und Konrad von Würzburg (1220–1287) sieht den Heiland als ein Wiesel: »Christ der hohe Hermelin, schlüpft in der tiefen Hölle Schlund und biss den mord-giftigen Wurm zu Tode in all seiner Macht.«

Bei den Naturvölkern sind das Schamanentum und der Umgang mit tierischen Schutzgeistern und Verbündeten noch lebendig. Bei den Indianern haben jede Medizinfrau und jeder Medizinmann ein helfendes Tier, das ihnen Kraft gibt, ihnen Träume schickt und sie auf Reisen in die Geisterwelt begleitet. Der Tiergeist kann den Medizinmann oder die Medizinfrau als Kind adoptieren oder sogar heiraten – auch wenn der Betroffene im Alltag schon mit einem menschlichen Gefährten vermählt ist. Es gibt Adlerträumer, Büffelträumer und andere Medizinleute, die mit dem Steppenwolf, den Ameisen oder dem Dachs verbunden sind, und die, in ihrem Charakter und Verhalten auch die Eigenschaften ihres jeweiligen Schutztieres aufweisen. Der Schamane, der den Hirsch als Verbündeten hat, der »Hirschträumer«, wird robust und gesund sein und genießt – wie ein Hirsch mit seinem Harem – die Liebe vieler Frauen. Er kann kranke Frauen heilen und ist in Besitz von Liebesmagie, die Jungen und Mädchen zusammenführen kann (Lame Deer 1976: 155). Der Büffelschamane ist ein großer Seher, einer, der wie ein Büffelstier seinen Stamm sicher führen kann. Der Schlangenmedizinmann, der meistens durch den Biss einer Giftschlange berufen wurde, hat Verbindung zu diesen Reptilien, er kennt die Kräuter und Gesänge, mit denen Schlangenbisse kuriert werden. Die Seele des Wolfsschamanen ist rein wie frisch gefallener Schnee, sie vermag weit in die Wildnis der Geisterwelt zu wandern. Der Hasenmedizinmann ist sehr klug, aber er kann auch, wie ein Hase, vor Schreck sterben (Garrett 2003: 29).

Unter allen Medizinleuten hat der Bärenschamane oder Bärenträumer eine ganz besondere Stellung. Der Bär ist nämlich ein ganz besonderes Tier oder besser, er ist schon fast wie ein Mensch. Ein »Halb-Mensch«, Ukuku, nennen ihn etwa die Quechua sprechenden Indianer in den Anden. Wie Bärenkenner immer wieder berichten, ist jeder Bär eine individuelle Persönlichkeit. Er ist jedoch nicht, wie die menschliche Persönlichkeit, ein abgekapseltes Egowesen, gefangen in einem Netz kulturell vorgegebener, verbaler und symbolischer Konstruktionen. Trotz seiner ausgeprägten Individualität bleibt der Bär innig verbunden mit seiner makrokosmischen Gruppenseele, mit dem großen Bärengeist, mit der Natur. So ist er wie ein Vermittler zwischen den Welten. So haben ihn auch viele Naturvölker erlebt. Für sie ist der Bär kein bloßes Tier; unter seinem Fell verbirgt sich ein göttliches Wesen. Für viele indianische und sibirische Völker, für die Ostjaken, Tungusen, Samojeden und Finnen, ist der Bär ein Mittler zwischen dem Himmelsgott und der Erdgöttin. Der Bär, das Tier der Erde und der Höhlen, ist der Erdgöttin und der fruchtbaren weiblichen Sphäre zugeordnet. Zugleich aber ist er auch der himmlischen Sphäre, der oberen Götter, den befruchtenden Wettergottheiten zugeordnet. Er ist, wie der echte Schamane, Teil von beiden Welten. Er ist Waldtier und Waldmensch. Er ist der kraftvolle Hüter der Pforten zur Anderswelt. Er ist Bote der Götter und als solcher ein wohlwollender Besucher der mittleren Welt, in der die Menschen leben.

Der Bärenschamane hat teil am Wesen des Bären. Als Zeichen dieser Verbundenheit trägt er Bärenmasken, Bärenfell oder ein Halsband oder Amulett aus den Zähnen oder Krallen seines Tiergeisthelfers, und er besitzt auch dessen grimmige Macht, mit der er auch die übelsten Krankheitsdämonen in Angst und Schrecken versetzen kann. So ist ein vom Bärengeist berufener Schamane einer der mächtigsten Heiler. Bei den Kirati, einem im Osten Nepals angesiedelten Stamm, der noch eine alte schamanische Naturreligion befolgt, gilt der Bär (Balu) als der Großvater der Schamanen. Die Bärenkralle, die ihre Schamanen bei sich tragen, gilt als Talisman, als Guru und als Schutz (Müller-Ebeling/Rätsch/Shahi 2000: 177). Als Trommelhäute bevorzugen sie die Haut des Bären. Der Ethnologe Christian Rätsch berichtet, dass Bärenteile nicht von lebenden Bären oder erjagten Exemplaren genommen werden. Um wirklich gut zu wirken, muss der Schamane sie während der Trance finden (Müller-Ebeling et al. 2000: 251). Selbst die Rinde, von einem vom Bären angekratzten Baumstamm, vermittelt noch Kraft. Die Schamanen der mongolischsprachigen Burjaten, die östlich des Baikalsees leben, trocknen und zerkrümeln diese Rinde, um ihren Räucherkräutern besondere Bärenkraft zu verleihen.2


Bärenschamanen: links altsteinzeitliches Ritzbild aus La Marche, Vienne, Frankreich; rechts die bekannte Darstellung eines tungusischen Schamanen mit Bärenpfoten (Nicolas Witsen, 1705).

Der Lehrer der Heilpflanzenkundigen

In den Augen der Indianer und vieler paläosibirischen Völker kennen die Bären nicht nur die Heilkräuter, sondern sie können dieses Wissen auch an die Menschen weitergeben. Nicht nur etwa, dass die Menschen diese Tiere beim Ausbuddeln der Wurzeln und Ausprobieren der Kräuter und Rinden beobachten und daraus ihre Schlüsse ziehen, sondern der Bärengeist kann auch dem Heiler oder Schamanen Träume schicken und Heilinspirationen vermitteln. Demjenigen, dem unvermittelt ein Bär im visionären Traum erschient, der ist zum Kräuterheiler oder Pflanzenschamanen berufen. Der Ojibwa-Medizinmann Siyaka erklärte dem Ethnologen Frances Densmore (Densmore 1928: 324): »Der Bär ist oft recht wild und aufbrausend und doch achtet er auf Pflanzen, die bei anderen Tieren kein Interesse erwecken (...) Für uns ist der Bär der Häuptling der Pflanzenheilkunde, und wir wissen, dass ein Mensch, der von einem Bären träumt, ebenfalls zum begabten Pflanzenheilkundigen wird. Der Bär ist das Tier, das am besten die heilenden Wurzeln kennt, da er solche guten Krallen hat, um diese Wurzeln auszugraben.«

Der berühmte Sioux-Medizinmann Lame Deer erzählt, dass der Wicasa Wakan, der Schamane, seine Kraft (»Medizin«) durch eine Vision oder einen Traum erhält, den ihm ein Tierlehrer zuschickt. »Der Medizinmann kann ein Büffel-, ein Adler-, ein Hirsch- oder ein Bärenträumer sein. Unter den vierbeinigen oder geflügelten Geschöpfen, die dem Menschen Kraftträume schenken, ist der Bär der vortrefflichste. Was Medizin betrifft, ist er der weiseste. Wer von diesem Tier träumt, der kann ein hervorragender Heiler werden. Der Bär ist das einzige Tier, das sich im Traum wie ein Medizinmann verhält, der einem Heilpflanzen zeigt und ganz bestimmte Wurzeln mit seinen Krallen ausgräbt. Oft schickt er den Menschen eine Vision von den Heilmitteln, die sie brauchen.«

Die alten Medizinmänner hatten Bärenkrallen in ihrem Beutel. Sie drückten dem Kranken mit der Kralle ins Fleisch, damit die heilende Bärenkraft in seinen Körper eindringen konnte. Die Lieder der Bärenträumer enden mit den Worten Mato hemakiye – »Ein Bär hat mir das gesagt«. Dann wusste jeder, dieser Medizinmann hatte seine Heilkraft von einem Bären erhalten. Das Richten und Heilen von gebrochenen Knochen war eine der besonderen Begabungen der Bärenträumer. »Ja, diese Bärenmedizinmänner konnten heilen! Wir hatten Leute, die waren neunzig oder hundert Jahre alt und hatten noch alle ihre Zähne!« (Lame Deer 1976: 153).


Bärenschamane. (Nach George Catlin, 1841)

Ähnliches erzählte der Medizinmann der Dakota (Sioux), Two Shields, »Der Bär, der weder vor Menschen noch vor anderen Tieren Angst hat, ist zwar übellaunig, aber er ist das einzige Tier, welches im Traum erscheint und uns die Kräuter zeigt, die den Menschen heilen können« (Densmore 1928: 324). Der Tiefenpsychologe würde dazu sagen, wer sich mit dem »Bären« in der Seele, mit seinen tief verschütteten Instinkten verbinden kann und zugleich klare, scharfe Sinne hat wie der Bär, der wird leicht Zugang zum Verständnis der heilenden Kräuter erlangen.

Wie sehr der Bär als Heiler und Kenner der Heilpflanzen verehrt wurde, erzählt eine Geschichte der östlichen Waldlandindianer.

Eines Tages erschien ein alter Mann im Dorf. Er kam mit leeren Händen, war hungrig und krank. Er stank und seine Haut war mit Geschwüren bedeckt. Beim ersten Wigwam rief er: »Helft mir, ich brauche Unterkunft und etwas zu essen.«

Man schickte ihn weg, denn man hatte Angst, er würde womöglich die Kinder anstecken. Beim zweiten Haus erging es ihm nicht anders, auch hier jagte man ihn fort. So ging es im ganzen Dorf, niemand wollte ihn aufnehmen. Einzig beim letzten Haus hatte er Erfolg. Eine arme Frau, die nur wenige Verwandte hatte und in einem winzig kleinen Wigwam am Dorfrand lebte, hatte Erbarmen, lud ihn ein, gab ihm zu essen und einen Schlafplatz. Da er am nächsten Tag noch kränker war als zuvor, versuchte sie ihn mit den ihr bekannten Mitteln zu heilen. Es half nicht, er wurde noch kränker. Nach mehreren Tagen erzählte er eines Morgens, dass der Große Geist ihn in einem Traum eine Heilpflanze sehen ließ, die ihm helfen würde. Der Alte beschrieb die Pflanze ganz genau, und die Frau suchte und fand sie im Wald. Mit einem Gebet und kleinem Ritual erntete sie die Pflanze und bereitete die Medizin. Nachdem er diese zu sich genommen hatte, ging es ihm besser. Nach einigen Tagen war er gesund und wollte sich verabschieden. Doch plötzlich hatte er einen Fieberanfall und wurde abermals krank. Wieder halfen die Mittel, die die Frau kannte, nicht. Er lag schon am Rande des Todes, als er wieder im Traum eine Heilpflanze sah. Wieder holte die Frau das angegebene Kraut, wieder wurde er gesund. Als er sich abermals verabschieden wollte, fing er an zu zittern und musste sich plötzlich übergeben. Wieder war er krank, wieder erträumte er die richtige Heilpflanze. So ging es ein ganzes Jahr lang. Dann – endlich – war er wirklich ausgeheilt. Er stand von seinem Lager auf und drehte sich noch einmal um, ehe er zur Tür hinausging und sagte: »Der Große Geist hatte mir gesagt, es sei jemand in diesem Dorf, dem ich beibringen soll, wie man Kranke mit Kräutern heilt. Ich wurde zu dir gesandt, um dich zu lehren. Das habe ich getan.«

Er schritt hinaus ins Sonnenlicht, und die Frau schaute ihm verblüfft nach. Gerade als der Alte im Wald verschwand, verwandelte er sich in einen großen Bären. Es war der Bärengeist gewesen, der die Frau zur Kräuterheilerin berufen hatte.

Der Bärenschamane oder Bärenträumer ist aber nicht nur ein Meister der Heilkräuter, sondern er kann, wie bei den Germanen, Römern und Kelten, auch die Krieger inspirieren, ihnen Mut, Kraft und Besonnenheit im Kampf gewähren. Hier nun die Geschichte von einem Pawnee-Indianer, der Bärenschamane und Kriegshäuptling war (Spence 1994: 308):


Bärenschamane der Schwarzfuß-Indianer bei der Heilséance. (Zeichnung nach George Catlin)

Im Stamme der Pawnee lebte ein Junge, der Bären gut nachahmen konnte und der tatsächlich einem Bären glich. Seinen Spielkameraden erzählte er, dass er sich in einen Bären verwandeln könne, wann immer er es wolle.

Vor vielen Jahren, noch ehe der Junge geboren wurde, befand sich sein Vater auf dem Kriegspfad. Da, weit weg von zu Hause, traf er auf einen Bärenwelpen. Das Bärchen war so klein und hilflos und schaute ihn so traurig an, dass er es aufhob, ihm einige Tabakblätter um den Hals band und ihm sagte: »Ich weiß, der Große Geist Tirawa wird dich beschützen, aber ich konnte nicht einfach an dir vorbeigehen, ohne dir diese heiligen Tabakblätter zu schenken, um zu zeigen, dass ich dir gut gesinnt bin. Ich hoffe, dass auch mein noch ungeborener Sohn von den Tieren gut behandelt wird, und dass ihr ihm helft, ein großer weiser Mann zu werden.«

Als der Krieger wieder zu Hause war, erzählte er seiner Frau von der Begegnung mit dem kleinen Bären. Da dachte die Frau viel über Bären nach. Die Indianer aber glauben, dass eine schwangere Frau nicht zu lange oder zu oft an ein bestimmtes Tier denken soll, denn sonst würde das Kind diesem Tier gleichen. Und so war es auch. Als der Junge älter wurde, ging er oft allein in den Wald; er war von Bären fasziniert und verehrte sie mit kleinen Ritualen.

Als er erwachsen war, zog er einmal mit einer Truppe Krieger auf dem Kriegspfad gegen die Sioux. Sie waren weit weg von ihrem Pawnee-Dorf, als sie in einer steinigen, von Wacholdersträuchern bewachsenen Schlucht in einen Hinterhalt gerieten. Es gelang den Sioux, alle Pawnee-Krieger zu töten und anschließend zu skalpieren. Viele Bären lebten in dieser Schlucht. Eine Bärin erkannte sofort, dass sich unter den Getöteten auch derjenige befand, der ihnen Rauchopfer gebracht, Bärenlieder gesungen und ihnen anderes Gutes getan hatte. Die Bärin sagte zu ihrem Gefährten: »Lasst uns diesen Menschen wiederbeleben!«

Der Medizinbär antwortete: »Das ist fast unmöglich. Wenn es dunkel oder bewölkt ist, wird es nicht gehen, nur wenn die Sonne scheint. Aber ich werde mein Bestes tun.«

An dem Tag schien die Sonne nur ab und zu. Dennoch legten sie den geschundenen Leichnam auf ein Bett aus Beifuss, bliesen ihm Tabakrauch ins Gesicht, besangen ihn und rieben ihn mit Kräutern ein. Allmählich kam das Leben in den Körper zurück. Endlich war er wieder bei vollem Bewusstsein und sah die beiden Bären. An das, was geschehen war, konnte er sich jedoch nicht erinnern. Die Bären erzählten es ihm und nahmen ihn mit in ihre Höhle, wo sie ihn bis zur vollen Gesundheit pflegten. Sie brachten ihm all ihr Wissen bei – und das war sehr viel, denn Bären sind die weisesten Tiere. Ehe er schließlich in sein Dorf zurückkehren wollte, sagten sie ihm, er solle nicht aufhören die Bären zu imitieren und die Bärenlieder zu singen, denn das würde ihm Erfolg im Leben bringen.

Der Medizinbär, der das Wiederbelebungsritual ausgeführt hatte, sagte noch: »Ich werde dir immer beistehen, Bären-Mann. Wenn ich sterbe, wirst auch du sterben; werde ich alt, so wirst auch du alt werden.« Anschließend deutete er auf einen Wacholderbaum: »Dieser Baum soll dein Beschützer sein. Der Wacholder wird nie alt, immer ist er frisch und schön. Er ist ein Geschenk des Großen Geistes. Wenn ein Gewittersturm kommt, wirst du ihn stillen können; wirf einige Zweige ins Feuer, dann wird kein Unheil geschehen.«

Zuletzt gab er dem Mann eine Bärenfellmütze. Die brauchte er, denn da die Sioux ihn skalpiert hatten, hatte er keine Haare mehr auf dem Kopf.

Als er im Dorf ankam, konnten die anderen es kaum glauben, dass er es war. Man glaubte er sei gefallen. Schließlich erkannten ihn seine Eltern. Nachdem er seine Freunde umarmt und ihnen von den Bären, denen er sein Leben verdankt, erzählt hatte, ging er zu den Bären, die unweit vom Dorf warteten und brachte ihnen Tabak, wohlriechendes Lehmpulver, Büffelfleisch und Flussperlen. Der Medizinbär umarmte ihn und sprach: »Da mein Pelz dich berührt hat, wirst du ein großer Mann sein; da meine Tatzen deine Hände berührt haben, wirst du furchtlos sein; da mein Mund deinen Mund berührt hat, wirst du weise sein.«

Nachdem diese Worte gesprochen wurden, gingen die Bären fort. Es waren wahre Worte. Bären-Mann wurde einer der größten Krieger seines Stammes. Er wurde Medizinmann und brachte den Pawnee den Bärentanz bei, den sie noch immer tanzen. Er wurde alt und genoss hohes Ansehen bei seinem Volk.

Die Geschichte erzählt von der Initiation eines Bärenmedizinmannes. Der Jüngling starb und wurde von den Tieren wiederbelebt, dabei wurde ihm seine wahre Aufgabe im Leben offenbart. Wenn die Indianer einen Bären erlegen, dann führen sie eine ähnliche Wiederbelebungszeremonie aus, damit sich der Bärengeist erneut verkörpern kann.

Die Heilerhaltung oder Bärenhaltung

Der Bär zieht seine größte Kraft aus seiner Mitte, aus seinem Sonnengeflecht (plexus solaris), jenem Kraftzentrum, das sich zwischen dem Bauchnabel und dem Herzzentrum befindet. Das ist offensichtlich, wenn man die Bären beobachtet. Der Bärenschamane bezieht ebenfalls seine Kraft aus diesem Zentrum, welches die Hindus das Manipurna Chakra nennen. Der indische Weise Sivananda sagt dazu: »Der Yogi, der sich auf dieses Chakra konzentriert, erlangt fortwährende Siddhi3 und vermag verborgene Schätze zu finden. Er ist von allen Krankheiten befreit und kennt keine Furcht vor Feuer« (in Friedrichs 1996: 53). Auch Carlos Castaneda beschreibt den Solarplexus als die Quelle der magischen Kräfte der Schamanen.


Bärengeist. (Zeichnung von Nana Nauwald)

Das unter dem Zwerchfell liegende Gangliengeflecht des sympathischen Nervensystems reagiert als erstes bei plötzlichem Schock oder Panik. Das Gefühl kann als »Schlag in die Magengrube« beschrieben werden. Andererseits kann es auch als plötzliche Energieentladung erfahren werden, wobei der Erschrockene reflexartig reagiert und blitzschnell den übermächtigen Feind überrumpelt oder durch mutigen Zugriff dem Freund das Leben rettet. Oft spüren Schamanen oder spiritistische Medien während ihrer so genannten AKE-Zustände (außerkörperliche Erfahrungen), dass sich dabei das Sonnengeflecht »öffnet«. Der »geistige Leib« – so die Aussagen spiritistischer Medien – schwebt an einer hauchdünnen »Silberschnur« aus diesem Energiezentrum heraus und erfährt nicht-sinnliche Dimensionen (Storl 1974: 206).

Die Verbindung dieses Chakras mit dem Bärengeist und seiner Heilkraft zeigt sich auch in den sorgfältig durchgeführten Studien von Felicitas Goodman. Die Kulturanthropologin untersuchte Trancezustände und die verschiedenen Körperstellungen, die die Schamanen dabei annehmen, wenn sie mit einer Gottheit oder einem Tiergeist in Verbindung treten. Jedes Geistwesen fordert vom Menschen eine bestimmte Körperhaltung, wenn dieser mit ihm in Verbindung treten will. Die »Bärenhaltung« – auch Heilerhaltung genannt –, die es ermöglicht, sich gegenüber dem Bärengeist zu öffnen und seine Heilkraft einfließen zu lassen, wird gewöhnlich stehend eingenommen. Dabei liegen die eingerollten Hände so über dem Nabel, dass die ersten Knöchel der Zeigefinger sich berühren. Die Knie sind leicht gebeugt, und die Füße stehen parallel zueinander fest auf dem Boden (Goodman 1995: 165). Diese Bärenhaltung lässt sich auch in Statuen und Schnitzereien in vielen historischen und auch gegenwärtigen Kulturen nachweisen.


»Schamane in Kontakt mit dem Bärengeist«: Holz schnitzerei der Giljaken, Sibirien; rechts Menhir, Saint-Germain-sur-Rance, Frankreich, 2000 v.u.Z.

Bärenhöhlen und Neandertaler

»Europa. ›Der Westen‹,

da sind die Bären verschwunden,

außer vielleicht Brünhilde?

Oder die Wiedergeburt älterer wilderer Göttinnen

– rasend

durch die Straßen Frankreichs und Spaniens

mit Maschinenpistolen –

In Spanien

Bären und Bison,

Rote Hände, an denen Finger fehlen,

Rote Pilzlabyrinthe;

Blitzstrahlnetze,

in Höhlen gemalt,

Underground.«

Gary Snyder, Der Weg nach Westen, Underground

Der dicke Carlo wohnt abseits am Waldrand in einer säuberlich herausgeputzten Köhlerhütte. Dort hat er sich auch eine Schmiede und Werkstatt eingerichtet. In dieser arbeitet er auf seine brummelige, gemütliche Weise vor sich hin, probiert ungewöhnliche Metalllegierungen, schnitzt an Knochen, Hörnern und Geweihstückchen und schleift die hier und da gesammelten, glitzernden Steinchen zu wertvollen Schmuckgegenständen. »Müllbär« nennen ihn so manche, denn nicht selten durchstöbert er die Abfallhalden nach brauchbaren Gegenständen, und jeder Sperrmülltag bedeutet einen Beutezug für ihn. Er selbst gibt sich als »freischaffender Künstler« aus, ein Etikett, das es ihm erlaubt, in aller Würde ein ungewöhnliches Leben zu führen.

Eines Tages tuckerte dieser Carlo mit einer Fuhre Winterholz an unserem Hof vorbei. Er hielt an, um uns einen guten Tag zu wünschen. Ja, ’s Tässli Kaffee würde er schon nicht abschlagen. Aber nicht extra einen kochen. Kalter Kaffee sei ihm recht, nur müsse etwas Zucker drin sein.

»So, du Bücherschreiber, kannst die Blätter nicht an den Bäumen lassen, was?«, zwinkerte er mir zu. »Woran schreibst du denn im Augenblick?«

Ich erzählte ihm von der Stadt Bern, den vielen Bärengaststätten und Bärenbrunnen, dem Bärengraben mit lebenden Petzen drin und dass diese Stadt vor genau achthundert Jahren von dem Herzog von Zähringen gegründet worden war, nachdem dieser in einem Buchenwald an der Aareschleife einen Bären erlegt hatte.

»Nun ist mir etwas Eigenartiges passiert«, redete ich weiter, »als ich aus Bern zurückkam und hier durch diesen Wald den Berg hinaufwanderte. Wahrscheinlich war ich von der langen Reise übermüdet, hatte ja kaum geschlafen. Jedenfalls war mir zumute ... ja, wie soll ich sagen ... als ginge ich durch einen Märchenwald. Und plötzlich spricht dieser Wald zu mir – diese Tannen und Buchen, diese Farne und Felsen – und sagt, es sei so traurig, dass es hier keine Bären mehr gäbe!«

Ein schwer zu deutender Blick schoss aus Carlos Augen, aber er schwieg, nahm nur einen Schluck aus der Tasse.

»Ja, und dann, in der Nacht, träumte ich sogar von einem riesigen Bären. Ich träumte, er stehe über unserem Bett und lecke unserem Sohn das Gesicht. Und im selben Augenblick wacht der Bub weinend auf!«

»Hm«, brummte Carlo und stich sich dabei über den Bart.

»Es ist sonderbar«, fuhr ich fort, »denn auch meine Frau Marie träumte von einem solchen Tier, einem mächtigen Koloss, der mit den Tatzen fuchtelte, wobei helles Licht aus seinen Krallen aufblitzte, als schlage er Funken aus der Luft!«

»Da willst du also den Leuten etwas über Bären erzählen«, sagte Carlo mit ruhiger Stimme, in der dennoch eine gewisse Erregung mitzuschwingen schien.

»Ja, das stimmt. Weißt du etwa etwas über Bären?«, fragte ich ihn, ohne irgendeine bedeutsame Antwort zu erwarten. Schließlich hatte er die Schulmauern hauptsächlich von außen gesehen und mit dem Lesen hatte er auch nicht viel am Hut. Doch er blickte mich an, als wäre er bereit, mir ein wichtiges Geheimnis zu verraten.

»Weißt, Bären sind wie Menschen. Sie haben Seelen wie Menschen. Nur, eben wie die Menschen von ganz früher, als diese noch frei und wild in der Natur lebten, ehe sie eng und ängstlich wurden und sich von anderen Lebewesen absonderten. Verstehst? Schau, da drüben, der Säntis ...«

Ich schaute über die Bodenseesenke, hinüber ins St. Galler Land und ins Appenzell, das von unserem Allgäuer Berghof aus gut zu sehen ist. Opalblau leuchtend ragte der Schneeberg in den Himmel empor.

»Da sind Höhlen. Drachenloch, Wildenmannlisloch, Wildkirchli und so ähnlich heißen sie. Da haben die Neandertaler, die frühen Steinzeitmenschen, friedlich mit den Bären zusammengelebt. Damals verstanden die Menschen noch die Sprache der Tiere. Primitiv nennt man die Neandertaler, blöd und kulturlos, dabei sind wir die Primitiven oder eigentlich die Degenerierten! Primitiv heißt nämlich mit dem Ursprünglichen, mit der Natur verbunden sein.

Eigentlich machten diese Neandertaler keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Menschen und Tieren, zwischen Menschen und Bären schon gar nicht. Selbstverständlich galt der Bär, der mit ihnen die Höhlen teilte, als besonders mächtig, als heilig. Er konnte ihnen Schutz gegen Wölfe oder heißhungrige Säbelzahntiger gewähren. Die Höhlenmenschen behielten auch die Schädel und Knochen der Bären und bestatteten sie sorgfältig, damit der Bärengeist bei ihnen bleibe. Und wenn sie Bären jagten, um warme Pelze zu bekommen oder Bärenschmalz für ihre Wunden und Krankheiten, dann taten sie es nur mit der Erlaubnis des Bärengeistes, und auch nur zu ganz bestimmten Zeiten. Dann tranken sie auch das Blut des erlegten Tieres, um sich dessen Macht anzueignen. Die Krallen hängten sie um den Hals ihrer Kinder, damit der mächtige Bärengeist auch sie vor allen Gefahren schütze.

Ja, diese Menschen lebten mit den Bären! Das gibt es übrigens auch noch bei einigen primitiven Jägervölkern irgendwo in Ostasien, dass sie sich einen Bären als geehrten Gast im Dorf halten!«

Carlo sprach, wie einer, der das alles selbst erlebt hatte, entweder als Neandertaler oder als Höhlenbär. Er sprach mit der Autorität eines Sehers. Bären als Freunde und Wohngenossen der Steinzeitmenschen! Ähnliches behaupten die Theosophen und andere Esoteriker. Im »atlantischen Zeitalter« seien die Menschen hellsichtig gewesen. Mit Göttern und Heroen seien sie einhergeschritten und mit den »Gruppenseelen« der Tiere hätten sie ohne Furcht oder Aberglaube verkehren können. Mittels Kulthandlungen, Riten und Zeremonien hätten sie mit ihnen, und auch mit dem Bärengeist, kommuniziert. Aber welcher seriöse Wissenschaftler kann solche Aussagen schon ernst nehmen?

Die Professoren, bei denen ich Urgeschichte studiert habe, hatten das grundsätzlich anders gesehen. Da war stets vom unerbittlichen Kampf ums Überleben die Rede, von Konkurrenzkämpfen mit den zotteligen Ungeheuern um den Besitz der schutzgewährenden Höhlen, von tierähnlichen Hominiden, die mit Rauch und Lärm, Fallgruben und niederrollenden Felsbrocken den Tieren diese Orte streitig machen wollten. Survival of the fittest (»Überleben des Stärkeren«), hieß demnach die Parole der Steinzeit. Nicht nur den Wohnraum wollten sie dem Bären streitig machen, sie gierten auch nach seinem Fleisch und Fett, um sich den ständigen Hunger vom Leibe zu halten. Sie begehrten seine Knochen, um Schaber und Dolche daraus anzufertigen, seine Sehnen als Bindfäden, seinen Pelz als Decken, seine Unterkiefer als Schlagwaffe, seine Zähne als magische Anhängsel. Schon immer sei der Mensch der skrupellose Ausbeuter, der ewige Homo oeconomicus gewesen!


So stellt man sich die Neandertaler bei der Jagd auf den Höhlenbär vor.

Irrationaler Aberglaube oder Furcht hätte diese Frühmenschen dazu getrieben, Bärenschädel zu bestatten und Bärenbilder an die Höhlenwände zu kritzeln. Von »Abwehrzauber« sprechen die Kulturanthropologen, und die Psychologen entdecken darin den gesicherten Beweis für die damals schon grassierende Urangst.

War es nun so, wie es Carlo – der mir immer mehr wie ein Mensch gewordener Bär vorkam – erzählt hatte? Oder hatten die hochgelehrten Professoren Recht? Übertrugen diese etwa ihre eigene Raffgier und ihre Angst vor der Natur, auch der eigenen inneren »wilden« Natur, auf Bär und Wildmensch? Dienten die spärlichen Funde, die Ausgrabungen und Höhlenforschungen zutage förderten, als Projektionsflächen eines doch nicht so eindeutig objektiven Weltbildes?

Eine mysteriöse Frau

Carlo hatte seinen kalten Kaffee ausgetrunken und sich wieder auf den Weg gemacht. Noch lange schaute ich sinnend auf die Appenzeller Berge hinüber und dachte über Berghöhlen und Neandertaler nach.

Der Neandertaler – eine alte Menschenrasse, vierschrötig, mit starken Knochen, Unterkiefern mit fliehendem Kinn, dicken Wülsten über den Augen und einem Gehirnvolumen, das das der modernen Menschen sogar leicht übertrifft. Während der mittleren Altsteinzeit, also während der Zwischeneiszeit und der letzten Eiszeit, besiedelten die Neandertaler den Nahen Osten, Nordafrika und den Zipfel des asiatischen Erdteils, den man heute Europa nennt.

Vom ersten Neandertalerskelett, das zufällig 1856 entdeckt wurde, glaubten die Experten, es handle sich lediglich um die Reste eines »pathologischen Idioten« oder eventuell um einen Kosaken, der beim Rückzug der Grande Armée Napoleons übriggeblieben und gestorben war. Als dann noch andere ähnliche Schädel und Knochenreste entdeckt wurden, glaubten die Anhänger Darwins, einen Beweis für ihre Evolutionstheorie gefunden zu haben, nämlich ein Zwischenglied zwischen dem modernen Homo sapiens und seinem Affenurahn. Es wurde theoretisiert, dass es sich bei dem Neandertaler um eine minderwertige menschliche Urrasse gehandelt habe, die später im Kampf ums Überleben von dem höher entwickelten Homo sapiens restlos ausgerottet wurde. Als immer mehr Tatsachen zum Vorschein kamen, brach diese theoretische Konstruktion wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Neandertaler kannten nämlich nicht nur das Feuer, sie fertigten auch mit ausgeprägtem Stilgefühl brauchbare Klingen, Hämmer, Schaber und Speerspitzen aus Feuerstein und nähten mit Sehnen und Riemen Pelze zu Kleidung und Zelten zusammen. Sie hatten also eine Kultur, die es ihnen erlaubte, die Schneestürme und krassen Temperatureinbrüche der Eiszeit gut zu überstehen.

Offensichtlich waren sie auch im Besitz einer geistigen Kultur – Erfahrung und ein Wissen um die für uns »unsichtbaren Dinge«. Sie bestatteten ihre Toten mit Grabbeigaben. Mal umlegten sie die Grabstätten mit Wildziegenhörnern (in Usbekistan), mal färbten sie die Knochen der Verstorbenen mit rotem Ocker, mal betteten sie mehrere Tote in ein mit blühenden Kräutern und Wildblumen ausgelegtes Grab (im irakischen Kurdistan). Natürlich haben sich die Wildkräuter nicht bis heute erhalten, aber Pollenanalysen geben sogar Aufschluss über die einzelnen Arten. Es waren vor allem Heilkräuter, die in der Pflanzenheilkunde noch immer eine Rolle spielen. Lange war man der Überzeugung, dass die Neandertaler, ähnlich den Schimpansen oder Gorillas, keine sprachlichen Fähigkeiten besäßen. 1989 fand man jedoch in Kebara (Israel) das sechzigtausend Jahre alte Zungenbein (os hyoideum) eines Neandertalers. Inzwischen besteht kein Zweifel mehr, dass diese Menschen im Besitz von Sprache waren. Auch Musik war ihnen nicht fremd. 1995 entdeckte man in einer Höhle in Slowenien eine 50 000 Jahre alte »Blockflöte« mit vier Fingerlöchern, hergestellt aus dem Oberschenkelknochen eines jungen Bären. Professor Jelle Atema von der Boston University entlockte dieser Bärenflöte sanfte harmonische Töne.

Ganz besonders war das geistig-spirituelle Leben dieser Frühmenschen mit dem Bären verbunden, so dass Urgeschichtler von einem regelrechten Bärenkult der Neandertaler sprechen. Auch die Bären wurden bestattet. An mehreren Fundorten in Europa – in den Karawanken, in Jugoslawien, im fränkischen Jura – findet man Nachweise dieses recht eigenartig anmutenden Brauchs. In Regourdou (Dordogne, Südfrankreich) entdeckten Forscher eine mit Steinen ausgelegte rechteckige Grube, in der sich zwanzig Bärenschädel befanden. Die Grube war mit einer schweren Steinplatte bedeckt. In einem Neandertalergrab fand man auch den Oberarmknochen eines Bären. Spuren deuten an, dass einige Neandertaler in Bärenfelle gehüllt bestattet wurden (Sanders 2002: 153).


Neandertaler beim Errichten eines Bärenaltars. (Zeichnung von Martin Tiefenthaler)


Landkarte der paläolithischen Bärenhöhlen in der Ostschweiz.

Am bekanntesten sind wohl die Funde in den drei Ostschweizer Höhlen Wildkirchli, Wildenmannlisloch und Drachenloch, in denen man die Reste von über tausend Bären fand. Die am schroffen Felsen unterhalb des Säntis auf 1500 Meter gelegene Höhle Wildkirchli diente lange frommen Einsiedlern aus St. Gallen als Klause. Hier soll im 10. Jahrhundert der St. Galler Mönch Ekkehart das Waltharilied geschrieben haben. 1657 errichtete ein Pfarrer vor dem Höhlengewölbe eine Kapelle. Da man immer wieder auf große Knochen und Zähne stieß, war man sich sicher, dass die Höhle einst als Drachenhorst diente. Folgerichtig wurde die Kapelle dem Drachentöter, dem Erzengel Michael, geweiht. Bald nachdem der letzte Eremit, der dort hauste, beim Kräutersammeln im Jahr 1851 tödlich abstürzte, wurde ein Gasthaus vor dem zweiten Höhleneingang erbaut. Zu diesem Gasthaus, das wie ein Schwalbennest an der Felsmauer klebt, stieg 1904 der Konservator des Naturhistorischen Museums von St. Gallen, Emil Bächler, hinauf. Er setzte den Spaten an. Die großen Knochen, die er ausgrub, waren selbstverständlich keine Drachenknochen, sondern die von dem ausgestorbenen riesigen Höhlenbären. Als er auf ein Bruchstück eines Feuersteins stieß, erkannte er, dass auch Frühmenschen hier einst tätig waren (Honoré 1967: 208).


»Knochenaltar« im Drachenloch, Glarner Alpen.

Einige Jahre später stieß Emil Bächler auf einen noch bedeutenderen Fund. An einer steilen Felswand in den Glarner Alpen oberhalb von Vättis, auf 2445 Meter Höhe, liegt das Drachenloch. Hier befindet sich eine der ältesten Kultstätten der Menschheit und der bedeutsamste Nachweis eines archaischen Bärenkults. Neben einer Feuergrube, angefüllt mit Asche, Holz- und Knochenresten und einigen Steinwerkzeugsplittern, entdeckte Bächler einen »Knochenaltar«. Darauf lag der Schädel eines Höhlenbären, durch dessen Jochbogenöffnung ein Oberschenkelknochen gesteckt war. In anderen dunklen Winkeln der tiefen Höhle befanden sich Steinkästen, in denen die langen Beinknochen der Bären aufbewahrt wurden. Eine der Kisten enthielt sieben knochenbleiche Schädel, deren Schnauzen sorgfältig zum Ausgang der Höhle gerichtet waren. Anhand der verkohlten Holzund Knochenreste ließ sich das Alter dieser Steinkästen auf rund 70 000 Jahre schätzen. Damit ist er das älteste bekannte, von Menschenhand gefertigte Objekt (Lissner 1979: 200).

70 000, siebzigtausend Jahre! Man stelle sich vor, was das bedeutet: Vor 2000 Jahren begann unsere Zeitrechnung, vor 2700 Jahren wurde das »ewige« Rom gegründet, vor 4500 Jahren die erste ägyptische Pyramide gebaut, vor rund 8000 Jahren die ersten dorfähnlichen Städte gegründet, vor rund 12 000 Jahren endete die Eiszeit in Nordeuropa. Der Bärenkult ist aber mindestens 70 000 Jahre alt und wahrscheinlich noch viele Jahrtausende älter.

Noch etwas für uns äußerst Interessantes wurde in einer der Neandertalerhöhlen – im Wildenmannlisloch – gefunden. In einer Nische in der Wand dieser Höhle entdeckte man eine aus dem Unterkiefer eines Höhlenbären geschnitzte und polierte Frauenplastik, etwa zwölf Zentimeter hoch.4 Diese Figur, ebenfalls etwa 70 000 Jahre alt, ist die älteste bekannte menschliche Darstellung, in der uns zum ersten Mal das archetypische Bild begegnet, das die Höhle, den Bären und die Frau verbindet – ein Bild, das uns in der Kunst der späteren Steinzeitmenschen, in den Sagen und Märchen vieler Völker und auch in den Träumen, die aus den Tiefen unserer eigenen Seele aufsteigen, immer wieder begegnen wird. Wer ist diese mysteriöse Frau? Wir werden noch Gelegenheit haben, sie näher kennen zu lernen.

Die meisten modernen Urgeschichtler sehen die stämmigen, untersetzten Neandertaler längst nicht mehr als »primitiv« an – weder körperlich noch geistig. Sie waren vollwertige Menschen und werden heute ohne weiteres als Homo sapiens klassifiziert. Und nicht nur das, man nimmt auch nicht mehr an, sei seien von einer ihnen überlegenen Rasse ausgerottet worden. Vielmehr gilt als wahrscheinlich, dass sie teilweise in den Europäern und Nordasiaten, auch in den Indianern, ihre Nachfahren haben.5 Mit anderen Worten: Die Neandertaler sind unsere Vorfahren, und diese unsere Vorfahren verehrten die Bären, hielten Zwiesprache mit ihnen und teilten ihren Lebensraum mit ihnen.

Steinzeitjäger und Bärenschamanen

Nach der Eiszeit tauchten Menschen vom so genannten Cro-Magnon-Typus auf. Auch sie waren Jäger und lebten genauso mit den Rhythmen der Natur wie die Tiere, denen sie nachstellten, und die Pflanzen, die sie sammelten. Im Einklang mit den jahreszeitlichen Wanderungen der Rentiere, Pferde, Wollnashörner, Auerochsen, Büffel und Mammutelefanten zogen sie durch Tundra und Steppe. Gelegentlich schlugen sie, wie es die Wildbeuter hier und da noch immer tun, ihre Sommerlager in jenen waldreichen Gebieten auf, wo, nahe der Schneegebirge, der Regen besonders reichlich fällt und das Land mit süßen Beeren, fleischigen Wurzeln, Nüssen und fetten Insektenlarven gesegnet ist und wo ganze Schwärme von Forellen und periodische Lachszüge die klaren Wasserläufe bevölkern. In diesen Landschaften, die von Biologen als typische »Bärenbiotope« bezeichnet werden, begegneten die nomadischen Zweibeiner ihrem Vetter, dem Petz, auf Schritt und Tritt. Sie befanden sich sozusagen mitten in dessen reichhaltiger Speisekammer.

Wahrscheinlich waren die Sinne jener paläolithischen Jäger sehr viel schärfer als die ihrer zivilisierten Nachfahren – jedenfalls beanspruchten weder nervtötender Großstadtlärm noch die ständige Berieselung durch eine banale Unterhaltungsindustrie ihre Aufmerksamkeit. So konnten sie ungehindert die Tiere, auch den brummigen Zottelpelz, dessen Gäste sie waren, beobachten und gut kennen lernen. Sie verstanden seine wortlose Sprache. Sie konnten die Begegnungen mit dem Bären mit in ihre Träume nehmen und sie in Tanz und Ritual wieder zum Ausdruck bringen.

Sicherlich bewunderten sie die Kraft, Klugheit und natürliche Würde des Bären nicht weniger als die heutigen Jägervölker. Aber er ist auch gefährlich, und sicherlich empfanden sie Scheu, seinen Namen auszusprechen, sie nannten ihn umschreibend »Pelzträger«, »Großväterchen« oder »Großmütterchen«, »das heilige Tier« (wie es die Waldlandindianer noch immer tun) oder »Honigesser«, »Honigtatze«, »Goldfuß«, »den mit Klauen versehenen Alten«, den »bepelzten Greis« (wie ihn die Slawen und Sibirer zu nennen pflegen) und dergleichen. Vielleicht hieß er bei ihnen auch schlicht »der Braune« (indogermanisch *bher, »braun«), wie ihn die nordeuropäischen Stämme nannten. Egal wie man ihn bezeichnete, er galt überall als ein zaubermächtiges, heiliges Wesen.

Das Bärengeschlecht ist in dem breiten Band der Wälder und Tundren von Skandinavien bis Nordamerika, zwischen dem nördlichen Wendekreis und dem Nordpol, zu Hause. Im Zentrum dieses erdumspannenden Kreises, in der Arktis – was übrigens »Bär« bedeutet (von griechisch arktos6) – lebt der weiße Eisbär. (Es ist fraglich, ob man den Eisbären als eine eigenständige Art bezeichnen kann, denn Kreuzungen zwischen Eisbären und Braunbären oder Waldbären sind fruchtbar.)

Am Südrand dieses breiten Gürtels leben die kleineren Lippen- und Kragenbären, in Südamerika der Andenbär. Alle Völker, die dieses große Gebiet besiedelten, die Stämme Europas, Asiens und Nordamerikas, verehrten den Bären in aufwendigen Zeremonien als den unangefochtenen König der Tiere und Herrn des Waldes. Völkerkundler sprechen in diesem Zusammenhang von einem »zirkumpolaren Bärenkult«.

Erst in südlicheren Breiten geht der Bärenkult in den Kult der Raubkatzen über. Hier nimmt dann der Löwe, Jaguar, Panther oder Tiger seine Stelle als König der Tiere und Gefährte der Göttin ein.

Bärenarten

Unter den Großbären (Ursidae), die alle die nördliche Hemisphäre bewohnen, gibt es folgende Arten:

Höhlenbär (Ursus spelaeus): Leider ist dieser mächtige Bär, der in Europa während der Eiszeit und in der Zwischeneiszeit lebte, vor rund 10 000 Jahren ausgestorben. Obwohl dieser Bär überwiegend vegetarisch lebte, überragte er alle späteren Bären an Größe und Gewicht. In der Drachenhöhle bei Mixnitz (Steiermark) fand man die Knochen – im Mittelalter hielt man sie für Überreste von Drachen – von mehr als 30 000 Bären. Der knochen- und kothaltige Lehm wurde im 19. Jahrhundert als Phosphatdünger abgebaut, 60 Güterzüge mit je 50 Waggons wurden damit gefüllt. Auch eine Höhle bei Velburg in der Oberpfalz enthielt so viele Bärenknochen, dass man an die Verwertung als Düngemittel dachte. Diese Höhlen waren reine Bärenhöhlen, es waren über Jahrtausende hinweg die Wohn- und Sterbeplätze der Bären (Dehm 1976: 21). Auch wenn gelegentlich Steinsplitter und Holzkohlenreste andeuten, dass auch die Neandertaler diese Höhlen besuchten, bedeutet das aber nicht unbedingt, dass sie die Bären töteten, sondern dass sie die dort zu findenden Knochen bearbeiteten und nutzten. Wenn sie dennoch den Bär jagten, dann wahrscheinlich nur, während er seine Winterruhe abhielt. Aber dann war der Schnee so tief in den hohen Bergen und der Weg dorthin so beschwerlich, dass sie diese Anstrengungen wohl eher selten auf sich nahmen.7


Höhlenbär. (Rekonstruiert nach Funden von Mixnitz, 1931)

Kurzschnauzenbär (Arctodus): Der amerikanische Kurzschnauzenbär, der ebenfalls vor rund 10 000 Jahren ausstarb, war noch größer als der Höhlenbär. Er war auch kein Pflanzenfresser, sondern ein fleischfressender Räuber, der schnell laufen konnte und, wie Wölfe oder Raubkatzen, den Pferdeherden, Büffeln und Hirschen nachstellte. Vermutlich starb er am Ende des Pleistozäns zusammen mit der eiszeitlichen Großwildfauna aus und wurde zugleich allmählich von den kleineren, aus Eurasien über die Landbrücke Beringia einwandernden Braunbären verdrängt. Der wesentlich kleinere südamerikanische Brillenbär (Tremarctos ornatus) ist ein noch lebender ferner Verwandter des Kurzschnauzenbärs.

Braunbär (Ursus arctos arctos): Der Braunbär, der in den Wäldern Eurasiens und Nordamerikas zuhause ist, ist, wie sein Gebiss andeutet, ein Allesfresser.


Gebiss des Braunbären.

Die meisten Braunbären, etwa 120 000 leben in Russland und Sibirien; in den USA gibt es rund 32 000, in Kanada 21 000 und in kleinen, isolierten Populationen in Europa schätzungsweise 5000 bis 7000. In Irland verschwand der Bär schon während der Bronzezeit; in Mitteleuropa wurde er im 19. Jahrhundert weitgehend ausgerottet. Zu den Unterarten dieser Bären gehören der in Alaska vorkommende größte lebende Bär, der Kodiakbär (Ursus arctos middendorfii), der ausgestorbene Goldbär (Ursus arctos californicus), der blonde Syrische Braunbär (Ursus arctos syruacus) und der gefürchtete Grizzlybär oder Graubär (Ursus arctos horribilis), dessen Habitat sich einst vom Polarkreis bis in die Berge Mexikos erstreckte, der heute aber nur noch in Kanada und dem Nordwesten der USA zu finden ist. Sein Name rührt vom englischen Wort grizzled, »mit angegrautem Haar«, her.

Der amerikanische Schwarzbär (Ursus americanus), nach einer Indianersprache auch Baribal genannt, ist kleiner als der Braunbär. Er kann gut klettern, und da er anpassungsfähiger ist, ist er inzwischen, mit einer Population von rund 500 000, zahlenmäßig der am häufigsten vorkommende Bär.

Der Eis- oder Polarbär (Ursus maritimus) ist ein guter Schwimmer, der mit beachtlicher Geschwindigkeit breite Meeresarme durchqueren kann. Im Vergleich zu den anderen modernen Bärenarten, die sich hauptsächlich von pflanzlicher Kost und Aas ernähren, ist er – wie die Eskimo oder Inuit, die mit ihm sein Revier teilen – ein Jäger, der von Robben, Fischen, Seevögeln und gelegentlich sogar von Rentieren und Karibu lebt.


Eisbär.

Der Kragenbär (Ursus tibetanus) kommt in China, Japan und Nordindien vor.

Der Sonnenbär (Ursus malayanus) ist ein kleiner dickköpfiger, selten gewordener Bär aus den Wäldern von Malaysia bis Burma.

Der Lippenbär (Melurus ursinus), ein kleiner obst- und termitenfressender Bär, ist in Indien, von Bengalen bis Sri Lanka zuhause.

Eine eigene Familie bildet der Bambusbär oder Panda (Ailuropoda melanleuca). Diese auf saftige Bambussprossen spezialisierte ostasiatische Bärenart ist weltweit bekannt als das Wappentier des WWF (World Wildlife Fund).


Verwandt mit den Bären ist auch die Familie der Kleinbären (Procyonidae), zu denen der amerikanische Waschbär (Procyon), gehört.


Waschbär, einen Maiskolben waschend.

Entfernt verwandt mit den Bären sind die Hunde, Wölfe, Marder, Dachse, Skunks und Fischotter. Sie entstammen alle einem gemeinsamen Vorfahren aus dem Miozän.

Im Weltbild der alten Jägervölker galt jede Höhle als ein Schoß, eine Gebärmutter der Erdgöttin. Im Inneren der Erde hütet die Allgebärerin die ungeborenen Tier- und Menschenseelen. Niemand betritt ungestraft ihr in der Tiefe verborgenes Lichtreich, es sei denn, er hat ihren Segen empfangen und ist ihr geweiht. Wie ein Wunder mutet es an, dass der Bär im Winter im Bauch der Erde verschwindet und dann, wenn die Tage wieder länger werden, wie neugeboren, verjüngt oder mit niedlichen Jungen wieder in der Außenwelt erscheint. Daher sah man in dem Braunen vielerorts den Gesandten der Erdgöttin. Er galt als Bote dieser Tier- und Seelenhüterin, die über das Jagdwild gebietet und von deren Gunst alles Leben, auch das der Menschen, abhängt. Man glaubte sogar, dass die Erdmutter – unser Märchen kennt sie noch als Frau Holle – selbst die Gestalt einer Bärin annehmen konnte. Auch ihr Gatte, der Herr des Himmels, konnte als Bär erscheinen. So wird verständlich, warum der Bär den zirkumpolaren Jägervölkern als eine Verkörperung der allerhöchsten Mysterien galt.

Von den Geistwesen berufene, unerschrockene Menschen, die Schamanen, suchten abgelegene Höhlen auf, um mit der Tiermutter oder dem Tierherrn in Verbindung zu treten. Das war keine einfache Angelegenheit, aber es war notwendig, denn diese Geistwesen konnten das Jagdwild in die Außenwelt schicken und es vermehren, oder sie konnten es zurückhalten, dann würden die Menschen hungern.

Wie dem Bären selber, konnte man sich auch der Göttin nur mit äußerster Vorsicht nähern und musste wissen, was ihr gefällt und was sie erzürnt. Indem sich die Schamanen in die Tiefen der Höhlen wagten und dort heilige Lieder sangen, fasteten, trommelten oder in völliger Stille verharrten, wurden sie selbst zu Bären. Sie identifizierten sich mit dem mächtigen Tier. Dann konnte ihnen die Göttin, ihr gehörnter Gefährte, der »Herr des Waldes«, oder auch der Bärengeist selbst erscheinen, sie belehren und in die großen Geheimnisse einweihen.

Ein Tier, das ohne Umstände im Schoß der Göttin ein- und auszugehen vermag, wie ein männliches Glied in der weiblichen Scheide, ist sicherlich auch ein Hüter der Fruchtbarkeit und der Geburt – ein Öffner des Lebenstores. Folglich war die Bärenschamanin immer auch Geburtshelferin. Noch bei den Griechen galt die Bärengöttin Artemis als Beschützerin der in den Wehen liegenden Frau. In einigen slawischen Sprachen wird die neue Mutter noch immer als »Bärin« bezeichnet. Und bei den Cheyenne ist Nako, »Bär«, die formelle Bezeichnung für Mütter. Worte wie »gebären« oder »Bärmutter« (mundartlich für Gebärmutter) scheinen ebenfalls auf solche Zusammenhänge hinzuweisen, sprachwissenschaftlich gesehen entstammen sie aber der indogermanischen Wurzel *bher (»tragen, bringen«), wie auch das englische »to bear a child« (»ein Kind gebären, schwanger sein«).

Schwer zugängliche Bärenhöhlen in den Pyrenäen oder den Alpen, in die sich Schamanen zur »Innenschau« zurückzogen oder zur Einweihung der Jugendlichen in die Stammesgeheimnisse nutzten, waren – was nichts gegen Carlos Vermutungen aussagen soll – Kulthöhlen, keine Wohnhöhlen. Es waren die Kultzentren der Rentier- und Mammutjäger der jüngeren Altsteinzeit. Diese Nomaden, die ähnlich wie die Prärieindianer in Lederzelten lebten, mit Speerschleudern jagten, mit Angelhaken fischten und sauber genähte Lederkleidung trugen, hinterließen tief im Inneren der Kavernen die ersten echten Kunstwerke der Menschheit. Alle jagdbaren Tiere, alle Arten, die die Erdgöttin aus ihrem Höhlenschoß gebiert, wurden abgebildet, unter ihnen auch der Bär. In der Höhle zu Trois Frères beispielsweise entdeckte man die Skizze eines verwundeten Bären, dem ein Blutstrom aus dem Rachen quillt. In derselben Höhle tanzt der »Zauberer« mit langem Bart, Hirschgeweih, Wolfsohren und Pferdeschwanz. Bärentatzen sind seine Hände. Wahrscheinlich ist er der »Herr der Tiere«, der Gefährte der Göttin.

Auch die Herrin der Höhle, die Gebärerin der Tiere und Gefährtin des Bären, wird in der jungpaläolithischen Kunst immer wieder dargestellt. Da findet man kleine, aus Elfenbein, Knochen oder Speckstein geschnitzte Frauenstatuetten, die von den Urgeschichtlern eher scherzhaft als »Venus-Figuren« bezeichnet werden. Es sind keine Mode-Schönheiten, sondern recht fettleibige Gestalten mit prallen Brüsten, fleischigen Hinterteilen und dicken Bäuchen. Ihre überbetonten Geschlechtsmerkmale lassen Gedanken an Mütterlichkeit, Schwangerschaft und Fruchtbarkeit aufkommen.


Der Zauberer von Trois Frères. (Ariège, Frankreich, jüngere Altsteinzeit)


Eine von vielen »Venusfiguren«: die Göttin der Höhle, des Gebärens und der Bären. (Statuette von Montpazier)

Bärenahnen

»Frauen, hütet euren Schoß vor dem Bären!«

Sibirisches Sprichwort

Bei den Waldlandvölkern ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Clans, Sippen oder auch ganze Stämme als Nachkommen mystischer Bärenahnen bezeichnen. Sie geben an, Bären in Menschengestalt zu sein. Auch in Homers Odyssee wird angedeutet, dass der Superheld Odysseus aus dem Bärengeschlecht stammt. »Bärenähnlich« wird sein Vater genannt, und seine Vorfahren gehen auf Cephalus zurück, der mit einer Bärin den Arkeisios, den »Bärensohn«, zeugte (Sanders 2002: 164).

Den weit verbreiteten Glauben, von einem wilden Tier abzustammen, nennen die Völkerkundler »Totemismus«8 Mitglieder eines Clans oder einer Sippe, deren Ursprung sich von demselben Totemtier herleitet, dürfen selbstverständlich nicht untereinander heiraten – das wäre Inzest oder Blutschande.

Den Mitgliedern einer Sippe sagt man die Eigenschaften ihres Totemtieres nach. Adlerleute haben zum Beispiel Adlernasen und einen besonders scharfen Blick; Wolfleute sind tapfer, wild und ausdauernd; Ameisenleute sind immer beschäftigt; Büffelleute sind stur. Bärenleute sind dickschädelig aber klug, scheinbar langsam und brummelig, doch wehe dem, der sie reizt. Sie sind oft von kräftiger, stämmiger Statur und haben, wie ihre tierischen Verwandten, eine Schwäche für Süßigkeiten. Oft tragen die Angehörigen einer solchen Sippe Namen, die auf ihr Totemtier hinweisen.

Von den Ältesten, Priestern oder Schamanen dieser Clans glaubte man, sie können mit dem Totemtier kommunizieren oder sich gelegentlich sogar in dieses Tier verwandeln und dergestalt durch die Wälder streifen. Selbstverständlich wird ein Totemtier nicht gejagt wie anderes Wild. Das käme dem Mord an einem Verwandten gleich. Sein Fleisch ist tabu, es sei denn, das Tier wird an einem ganz besonderen Tag unter großem kultischem Aufwand erlegt und dann zeremoniell gegessen. In einer solchen heiligen, totemischen Mahlzeit – die von Völkerkundlern gern mit dem Abendmahl der Christen verglichen wird – nehmen die Sippenmitglieder die Kraft, Klugheit und alle anderen Tugenden des heiligen Tieres in sich auf und verbinden sich auf diese Weise erneut mit dem Ahnengeist, der sie segnet und beschützt.

Der Götterbär

Auch viele alte europäische Geschlechter hielten sich für die Nachkommen eines Bärenahnen – etwa die Goten und die heidnischen Dänen. Dieser Bärenahn war jedoch kein gewöhnlicher Bär, wie man ihm im Wald begegnen würde, sondern der Asbjörn (englisch Osborn; althochdeutsch Anspero), der Asen- oder Götterbär selbst, der kein Geringerer als der mächtige Thor (Donar, Thunar) ist.

Thor ist der vollbärtige, rothaarige Gewittergott. Sein Feuersteinhammer lässt Blitze über den Himmel zucken und zermalmt mit krachenden Donnerschlägen die Schädel von Ungeheuern, Lindwürmern und jenen bösen Eis- und Frostriesen, die den Bauern das Leben schwer machen. Er ist der Held und Freund der Frühlingsgöttin, der die Winterstarre und die Unfruchtbarkeit aus dem Land vertreibt. Sein Hammer versprüht eine feurige Sternensaat in den Kosmos und lässt zugleich befruchtenden Regen auf die ausgetrocknete Erde fallen.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass auch in Ostasien und Sibirien, beispielsweise bei den Ainu und Kamtschadalen, ein kosmischer Bär der Gewitterherr ist. Im Sturm und bei heulenden Winden hören sie sein Gebrüll, in mächtigen dunklen Gewitterwolken sehen sie seine Gestalt. Für die Navajo-Indianer war der Wirbelsturm ein mächtiger himmlischer Grizzlybär (Arens/Braun 1994: 48):

»Mit zuckenden Blitzen, die aus meinen Fußenden schießen, schreite ich …,

mit zuckenden Blitzen, die aus meiner Zungenspitze fahren, spreche ich …

Gefahr ist, wohin ich meine Füße setze.

Ich bin der Wirbelsturm.

Ich bin der Graubär.«

Fast überall gilt der Bär als zeugungskräftig. Auch der Götterbär Thor macht da keine Ausnahme. Er fördert die Fruchtbarkeit der Gärten und Felder und verhilft auch den Menschen zu ihren Kindern. Sein funkensprühender Hammer ist auch das männliche Zeugungsglied, das im weiblichen Schoß ein- und ausgeht, wie ein Bär in der Höhle der großen Göttin. Bei den germanischen Stämmen legte man daher bei der Hochzeitszeremonie, zur Weihung der Ehe, einen Hammer – Thors Hammer – in den Schoß der jungen Braut.


Links: Thors Hammer als Amulett, 10. Jahrhundert; rechts schwedische Felszeichnung aus der Bronzezeit, wahrscheinlich den Hammergott darstellend.

Thor, der Sohn des Himmelskönigs, wurde auch als Jardar Bur, Sohn der Erde, verehrt. Erdig derb ist er, wie ein Bär, und der größte und stärkste unter den Göttern (Asen). Sein Bärenhunger und sein Bärendurst sind berüchtigt. Nur ein Fürst oder ein grobschlächtiger Bauer, der die Erde beackert, kann so viel saufen und fressen. Er liebt auch, wie der Waldbär, den süßen Honig der Bienen – jedoch vor allem in Form des Mets, des Honigweins.

Im Laufe der Zeit wurden die Eigenschaften Thors auf den ersten der mächtigen Kerle, auf den König Karl übertragen. Wie der Bär der König der Tiere ist, so ist der Karl der von der Göttin auserkorene Herrscher der Menschen. Über diesen Karl, den Bären unter den Menschen, werden wir später mehr erfahren.

Kinder des Bären

In ganz Sibirien findet man Völker, die sich rühmen, von Bären abzustammen. So sollen etwa die Ainu die Nachkommen der Bärengöttin und eines Menschen sein, dem sie ihre Liebe schenkte. Einige Stämme berichten, sie seien die Nachfahren von Kindern, die man im Wald ausgesetzt hatte und die dann von Bärinnen gesäugt und großgezogen wurden. Wer Bärenmilch trinkt, wird unweigerlich stark und mutig – ein rechter Ahnherr für Sippen, die etwas auf sich halten! Die Orotschonen, ein Jäger- und Fischervolk an den Ufern des Amur, halten eine mystische Bärin, die in einer Höhle auf der dunklen Seite des Mondes lebt, für die Ahnherrin ihres Stammes. Sie säugt die ungeborenen Menschenseelen, bevor sie zur Erde in den weiblichen Schoß hinabsteigen. Stirbt ein Orotschone, dann kehrt seine Seele zu dieser Bärin zurück.

Die Ewenken (Tungusen), denen wir das Wort »Schamane« verdanken, sind ebenfalls ein sibirisches Volk, das von Fischfang, Jagd und Rentierzucht lebt. Von ihrer Ahnmutter, dem Mädchen Kheladan, erzählen sie folgende Legende:

Kheladan lebte vor vielen, vielen Jahren, zu einer Zeit, als die Jäger den Tieren noch mit zugespitzten Steinen nachstellten. Eines Tages wanderte die junge Frau tief in den Wald, wo ihr viele Tiere begegneten. Als sie den Bären traf, sagte dieser zu ihr: »Töte mich und zerlege meinen Leib! Und dann, wenn du dich schlafen legst, lege mein Herz ganz nah neben dich. Meine Nieren lege an die Herdstelle, wo es schön warm ist und wo die Geister ein- und ausgehen. Meinen Kopf lege auch neben das Feuer. Lege den Zwölffingerdarm und den After dir gegenüber an die Wand. Breite meinen Pelz über den Graben draußen vor der Tür, damit er gut trockne. Die Gedärme sollst du schließlich zum Trocknen an die Äste des Baumes neben der Tür aufhängen!«

Das furchtlose Mädchen tat wie ihr geheißen. Als sie am nächsten Morgen vom fröhlichen Gesang der Waldvögel aufwachte, entdeckte sie, dass statt eines blutigen Bärenherzens ein schöner, kräftiger Mann neben ihr lag. Neben der Herdstelle, wo sie die Nieren hingelegt hatte, lagen zwei hübsche, pausbäckige Kinder, die friedlich schliefen. Der Kopf des Bären hatte sich in einen anderen, älteren Mann verwandelt, der über die Kinder wachte. Und gegenüber, wo sie den Zwölffingerdarm und den After gelassen hatte, schliefen schnarchend eine alte Großmutter und ein Großvater.

Als sie die Tür der Jurte aufsperrte und in die Sonne hinausblinzelte, entdeckte sie, dass sich der zottige Pelz, den sie über den Graben gespannt hatte, in eine Herde fetter Rentiere verwandelt hatte. So viele Rentiere waren es, dass sie das ganze Tal füllten. Die Dünndärme, die in den Zweigen des Baumes hingen, waren zu Rentierhalftern geworden. So hatte das Bärenopfer ihrer Urahnin nicht nur das Geschlecht der Ewenken, sondern auch seine gesamte Lebensgrundlage hervorgebracht.

Andere Ewenkengruppen erzählen die Geschichte ihrer Ahnherrin etwas anders. Sie führen den Ursprung ihres Stammes nicht auf das Bärenopfer, sondern auf die Vermählung des Mädchens mit dem Bären zurück.

Einige Sagen aus Sibirien und Nordamerika erzählen, dass nicht die Menschen vom Bären abstammen, sondern umgekehrt, dass Bären aus den Menschen hervorgingen. In einer Sage der Altai-Türken blieben nach einer Sintflut zwei Menschen am Leben, ein alter Mann und seine Frau. Sie flüchteten in die bewaldeten Berge, aßen Rinden und Wurzeln und verwandelten sich allmählich in Bären. Das ist der Grund, warum die Bären eine fast menschliche Intelligenz besitzen.

Für die Cherokee-Indianer, die im südlichen Appalachen-Gebirge lebten, stammen die Menschen ebenfalls nicht von Bärenahnen ab, sondern die Bären von einem Menschenahnen. Die folgende Geschichte über den Ursprung der Bären hebt die Ähnlichkeit zwischen Bär und Mensch hervor (Mooney 1992: 148):

Vor langer Zeit gab es einen Cherokee-Clan mit Namen Ani-Tsua-guhi. Ein Junge des Clans hatte die Angewohnheit, den ganzen Tag im Wald und in den Bergen herumzuwandern. Er blieb immer öfter und immer länger fort. Nicht einmal die Mahlzeiten nahm er mehr zuhause ein. Die besorgten Eltern bemerkten, dass auf seinem Körper langes braunes Haar zu wachsen begann. (Das war die Wirkung der wilden Kost.)

»Warum stromerst du in den Wäldern und isst nicht einmal mehr mit uns?« fragten sie. Der Junge antwortete: »Ich finde reichlich Nahrung im Wald. Sie schmeckt auch viel besser als der Mais, die Bohnen und der Kürbis, den ihr kocht«, antwortete der Junge,« ihr seht, mir wächst ein Pelzmantel und bald werde ich hier unter den Leuten nicht mehr leben können. Ich ziehe fort. Wenn ihr wollt, könnt ihr mitkommen. Im Wald gibt es genug zu essen für uns alle und ihr werdet niemals mehr arbeiten müssen, niemals mehr ackern und säen und Unkraut jäten.«

Die Eltern berieten sich mit dem Häuptling des Clans. Sie überlegten und kamen zu dem Schluss: »Wir müssen hart arbeiten und trotzdem ist oft nicht genug zum Ernten da. Wir werden sieben Tage fasten und dann folgen wir dem Jungen.«

So kam es, dass der gesamte Clan der Ani-Tsua-guhi das Dorf verließ und in die Wildnis zog. Als die anderen Clans davon erfuhren, schickten sie Boten, um die Ani-Tsua-guhi zu überreden zurückzukommen. Als die Boten sie einholten, waren sie überrascht, dass die Ani-Tsua-guhi schon mit langen Haaren bedeckt waren, wie Tiere. Da sie seit Tagen schon keine durch Menschenhand veränderte Nahrung mehr zu sich genommen hatten, hatte sich schon ihr Wesen verändert. Zu den Boten sagten sie: »Wir kehren nicht um. Wir gehen dahin, wo wir immer zu essen haben. Ab jetzt wollen wir Janu (Bären) heißen. Ihr aber bleibt unsere Verwandten. Wenn ihr einmal hungrig seid, kommt in die Wälder und ruft uns. Dann werden wir helfen, dann werden wir euch unser eigenes Fleisch geben. Ihr braucht keine Angst zu haben, uns zu töten. Nur müsst ihr das Wiederbelebungsritual ausführen und die Stelle, wo unser Blut auf die Erde tropfte, mit Laub bedecken.«

Dann brachten sie den Boten die Gesänge bei, mit denen die Jäger die Bären rufen konnten. Noch heute besitzen die Cherokee diese magischen Gesänge. Die Boten kehrten nun in ihr Dorf zurück. Als sie sich ein letztes Mal umschauten, sahen sie, wie eine Schar Bären im Dickicht verschwand.

Die goldenen Bären

Sir Francis Drake, der im 16. Jahrhundert im Auftrag Ihrer Majestät, Elisabeth I. von England, die Weltenmeere umsegelte und zahllose spanische Galeonen um ihre Goldfracht erleichterte, gelangte unter anderem auch an die Küste Nordkaliforniens. Dort entdeckte er eine herrliche Parklandschaft, in der schlichte, freundliche Menschen lebten. So glücklich und gesund erschienen sie ihm, dass er sie »arcadian people« (arkadisches Volk) nannte und das schöne Land mit keinem anderen vergleichen konnte als mit dem klassischen Arkadien, jener griechischen Provinz, in der einfache Hirten in Frieden und Anmut lebten. Mit seiner Wortwahl hatte der alte Seeräuber (nichts anderes war Sir Francis Drake in den Augen der Spanier) genau ins Schwarze getroffen, denn Arkadien heißt »Land der Bären«. Und Bären gab es außerordentlich viele in der nordkalifornischen Wildnis. Besonders schöne Bären waren es, mit goldgelb glänzendem Pelz. Die weißen Siedler, die später ins Land kamen, nannten sie die »goldenen Bären«. Dieses amerikanische Arkadien war ein gesegnetes Land mit mildem, regenreichem Klima. Seine mit blumigen Wiesen durchsetzten Eichen-, Manzanita- und Madronenwälder gingen in höheren Lagen allmählich in Tannenwälder über und boten Menschen und Bären – deren Geschmack gar nicht so verschieden ist – ein reichhaltiges Nahrungsangebot.

Eicheln von verschiedenen Eichenarten bildeten die Hauptnahrungsquelle für Menschen und Bären. Die Indianer sammelten die Früchte, zerrieben sie zu Mehl und füllten es in feinmaschige Körbe, die sie in fließendes Wasser hängten, um die unbekömmlichen Bitterstoffe und die Gerbsäure herauszufiltern. Das so behandelte Eichelmehl bewahrten sie über den Winter auf und verwendeten es, um Suppen zu kochen und »Brot« zu backen. Die Bären taten es sich leichter. Sie fraßen sich mit den rohen Eicheln einen dicken Wanst an und konnten sich dann den ganzen Winter über unbekümmert auf die faule Bärenhaut legen.

Das Nahrungsangebot war aber nicht auf Eicheln beschränkt. Zahlreiche Fischarten, Flusskrebse und Kleintiere sowie die nahrhaften Samen vieler Wildgräser, Wurzeln, wilde Zwiebeln, ölhaltige Pinienkerne, Pilze, Beeren, die erdbeerähnlichen Früchte des Madrone-Baumes, Kastanien und die süß-sauren Manzanitafrüchte bereicherten den Speisezettel und sorgten für eine Fülle, die es den Menschen erlaubte, ohne schwere Arbeit und ohne komplizierte Technologie nicht nur zu überleben, sondern ein wahrhaft gutes Leben zu führen.

Den goldenen Bären ging es ebenso. Auch sie konnten sich ohne jede Rivalität mit den Menschen ungehindert entwickeln und eine beträchtliche Population aufbauen. Es war wirklich ein Paradies – ein Arkadien. Die einheimischen Indianerstämme achteten die Bären und jagten sie nie, denn sie fühlten sich ihnen nah verwandt.

Bei den Pomo, einem Stamm kalifornischer Ureinwohner, war es der Bärengeist, der die jungen Leute in die verborgenen Geheimnisse des Lebens einweihte und ihnen ihre Aufgaben als Erwachsene offenbarte. Der jugendliche Pomo verbrachte vier Tage splitternackt und ohne Wasser und Nahrung im Wald. In dieser Zeit erschien ihm der Große Bär, prüfte seinen Mut, »tötete« ihn mit Tatzenschlägen, belehrte ihn und gab ihm schließlich das Leben zurück. Die Narben, die die Bärentatzen hinterließen, sollten den so Geprüften sein Leben lang an diese Begegnung erinnern und an die heiligen Lehren, die ihm erteilt worden waren.

Von den Shasta-Indianern, die noch weiter nördlich lebten, wird überliefert, dass sie prinzipiell keinen Unterschied zwischen Menschen und Bären machten. Menschen waren für sie lediglich eine Kreuzung zwischen dem Waldbär und dem Großen Geist. Der Bär war so etwas wie der Vater der Menschen. Wie es zur Menschwerdung kam, erfahren wir aus dem folgenden Mythos dieser Indianer:

Der Große Geist wanderte einst über die Erde, aber sie gefiel ihm nicht, denn sie war verödet und keine Tiere lebten auf ihr. Da hob er trockenes Laub auf und warf es, Zauberlieder singend, in die Luft, woraufhin die trockenen Blätter als bunte Vögel davonflatterten. Nun nahm er den Stock, der ihm als Wanderstab diente, und zerbrach ihn in viele Stücke. Die winzigen Splitter vom unteren Ende des Stabes streute er ins Wasser, wo sie als Fische davonschwammen. Die kürzeren und längeren Stücke verwandelte er in verschiedene Tiere, die nun Wälder, Berge, Steppen und Wüsten bevölkern.

Mit dem oberen Ende des Stabes, das sehr hart und dick war und als Griff gedient hatte, gab er sich besondere Mühe. Er formte daraus die Krönung seiner Schöpfung – den Bären.

Die Bären wurden so groß und stark, dass dem Großen Geist fast bange wurde vor seiner eigenen Schöpfung. Die Goldpelze gingen auf zwei Beinen. Sie konnten sprechen und waren mit ihren Händen genauso geschickt wie später die Menschen. Sie schlossen sich zu großen Sippen zusammen und lebten von der Jagd, indem sie anderen Tieren mit Keulen nachstellten.

Der Große Geist überließ ihnen die Erde und zog sich ins Innere des Berges, des Mount Shasta, zurück. Mitten in diesem Berg liegt ein sonnenhelles Land, in dem alle Götter und Geister zuhause sind. Die Seelen verstorbener Tiere kommen in dieses Land, um Kraft zu sammeln, bis sie schließlich in der äußeren Welt wiedergeboren werden. Unter all diesen Wesen fühlte sich der Große Geist recht wohl.

Eines Tages wütete ein derartig gewaltiger Orkan in der Außenwelt, dass selbst der riesige Berg bebte (Kalifornien ist Erdbebengebiet). Da sagte der Große Geist seiner jungen Tochter, sie solle hinausschauen und dem Wind befehlen sich abzuregen. Sobald das kleine rothaarige Mädchen aus der Felsspalte herausblickte, wurde es von dem wilden Wind ergriffen und zum Fuß des Berges geweht. Welch wunderbare Dinge erblickte sie in der äußeren Welt! Sie staunte und bewunderte alles, bis sie erschöpft unter einem Baum einschlief.

So schlafend fand sie der Bär, der gerade von der Jagd kam. Er packte das hilflose Mädchen am Arm und nahm es mit zu seiner Hütte. Die Bärenfrau hatte Mitleid mit dem hübschen kleinen Wesen und gab ihm von ihrer Brust zu trinken, damit es wieder zu Kräften komme. Die Bären zogen das Kind zusammen mit ihren Jungen wie ihr eigenes auf.

Die Jahre vergingen und das Mädchen wuchs zu einer bezaubernd schönen Jungfrau heran. Der Sohn des Bären verliebte sich in sie und sie heirateten. Die Kinder, die aus dieser Verbindung hervorgingen, waren besonders schön. Sie alle hatten glatte, rötliche Haut und einen besonders feinen Geist – schließlich war ihre Mutter die Tochter des Großen Geistes. Zugleich hatten diese Kinder den Mut und die Stärke des Bärengeschlechts. Das ganze Bärenvolk war hocherfreut über die wohlgeratenen Kinder. Voller Stolz entsandten sie einen Boten, der dem Großen Geist mitteilen sollte, dass seine Tochter nun eine verheiratete Frau und Mutter geworden war.

Als der Große Geist das hörte, war er ganz und gar nicht erfreut, denn all das war ohne sein Wissen und Einverständnis geschehen. Er stürmte rasend vor Zorn zu den Bären hinab. Die alte Bärenmutter starb sogleich vor Schreck, und die anderen Bären wussten weder ein noch aus. Sie heulten und baten um Gnade. Das aber ging dem Großen Geist noch mehr auf die Nerven.

»Schweigt! Schweigt für immer!« verfluchte er sie, und seither können die Bären ihre Gedanken nicht mehr in Worten ausdrücken.

»Auf allen Vieren sollt ihr gehen wie gewöhnliche Tiere«, fuhr er fort, »und statt mit Keulen, sollt ihr nur noch mit Zähnen und Klauen kämpfen!«

Dann trieb er die neue Rasse, die halb Bär, halb Großer Geist war, von den Bären fort. Sie sollten von nun an getrennt leben. Er nahm seine Tochter und verschwand mit ihr im Berg Shasta.

Diese neuen Wesen – halb Tier, halb Gott – waren die ersten Menschen, und da sie von den Bären abstammen, achten echte Menschen den Bären und würden ihm niemals was zuleide tun.

Der heilige Berg Shasta, ein vom ewigen Schnee gekrönter, erloschener Vulkan von 4317 Meter Höhe, thront noch immer still und majestätisch über den Wäldern und Lavagebilden Nordkaliforniens. Die Kinder dieses Berges, die friedlichen arkadischen Indianer und die goldenen Bären, sind jedoch längst verschwunden. Für die Goldgräber, die 1848 wie Heuschrecken in das Land einfielen, waren die Rothäute nichts als lästige, unberechenbare Wilde, die der Zivilisation und dem Fortschritt im Wege standen.

Im Jahr des Goldrausches kam zum ersten Mal der mehrschüssige Hinterlader auf den Markt, eine technische Neuerung, die den Neuankömmlingen das grausame Geschäft der Eroberung wesentlich erleichterte. Für jeden erlegten Bären zahlte die Regierung zehn Dollar. Beim damaligen Wert des Dollar war das ein sattes Zubrot für die Jäger, von denen einige bis zu zweihundert Tiere im Jahr erledigten. Eine Giftkampagne – um 1870 wurden mit Strychnin vergiftete Köder ausgelegt – beschleunigte die Ausrottung. 1922 war das Werk vollendet: Der letzte goldene Bär Kaliforniens wurde erschossen. Ironischerweise wurde der goldene Bär im selben Jahr zum Wappentier Kaliforniens erkoren und ziert noch heute die Staatsflagge.

Der letzte freilebende Ureinwohner des Pazifikstaates wurde 1911 in einem Schlachthof vom Sheriff gestellt und ins Gefängnis gesteckt. Der halbverhungerte, zu Tode erschöpfte wilde Mensch war der letzte der kleinen Gruppe von Yane-Indianern, die sich unter einem Felsüberhang in der Wildnis vor den schießwütigen Weißen versteckt gehalten hatten. »Grizzlybär-Versteck« hatten sie ihre letzte Zuflucht genannt, als wollten sie mit diesem Namen den Geist des einst mächtigsten Bewohners des Landes beschwören. Der Völkerkundler Alfred Kroeber erfuhr aus der Boulevardpresse von dem wilden Menschen und nahm sich – im Namen der Wissenschaft – seiner an. Im Frühjahr 1916 starb der letzte Steinzeitmensch Kaliforniens im Völkerkundemuseum, wo er untergebracht war.

Die Hippies, die in den späten sechziger Jahren in Nordkalifornien ihre Landkommunen errichteten und ihr Marihuana anbauten, hegen noch immer die Überzeugung, dass Mount Shasta ein heiliger Berg ist. Ein bärtiger Waldbewohner erzählte mir, dass Bären und Indianer nun im Berg wohnen und eines Tages wieder erscheinen werden, wenn die Welt nicht mehr so böse ist.


Kalifornische Staatsflagge.

Waldjungfrauen und wilde Bergmenschen

»Was uns an den jungen Bären so komisch vorkommt, ist ihre Menschenähnlichkeit in vielen Bewegungen, der gewichtige Sohlengang, das Aufrichten, die Benutzung der Vorderpranken als Hände.«

R. Gerlach, Die Vierfüßler

Für den heutigen Stadtmenschen ist der Bär lediglich ein Tier wie jedes andere. Man kennt ihn aus dem Zoo als tollpatschigen, gefräßigen, überdimensionalen Teddybären oder aus Büchern und Fernsehfilmen als eine drollige, eher dümmliche Cartoon-Figur. Oft verniedlicht, scheint der Bär selbst weniger interessant als all die Phantasien, mit denen man ihn belegt.

Mit der Idee vom »göttlichen Bären« weiß der moderne Städter ebenso wenig anzufangen wie der amerikanische Cowboy oder Rancher, der in diesem Tier geradezu die Verkörperung des Bösen sieht. Für ihn ist der Bär ein gefährliches Raubtier, das Rinder und Schafe reißt. Dabei wollen die Viehzüchter nicht wahrhaben, dass der Bär – ein Aasfresser – das Weidevieh meist gar nicht getötet, sondern das verendete Stück Vieh nur als Erster gefunden und sich eine Mahlzeit daraus gemacht hat. Aber gegen das Schießeisen des Ranchers hat der Bär kein Argument, außerdem zahlt der Staat Schadenersatz für jedes gerissene Tier.


Phantasieobjekt Bär. (Illustration auf einem Notenblatt, England, 1910)

Die Naturvölker, von Kindesbeinen an mit dem Geheimnis der Wildnis vertraut, sehen im Bären vor allem einen Jäger, Fischer und Sammler, wie sie es selbst sind. Das Denken in Schubladen, in denen Menschen, Tiere, Pflanzen und Geister säuberlich voneinander getrennt liegen, das so genannte Zivilisierte pflegen, ist ihnen fremd. Sie sehen den Bären im Wald, aber auch in ihren Träumen und Visionen. Der Bärengeist erscheint in den Séancen der Schamanen, und sie wissen, dass der Bär eine Sprache spricht, die man verstehen kann, wenn man ganz still in das eigene Herz lauscht. Sie kennen den Bären, und für sie ist es kein Problem, in ihm eine »göttliche« Seele zu erkennen oder zumindest eine, die der des Menschen ganz ähnlich ist. So ist es für sie durchaus denkbar, dass ihre Ahnen Bären waren, dass sich eine Bärin der im Wald ausgesetzten Kinder annimmt oder sogar, dass sich ein Bär gelegentlich eine Menschenfrau raubt.

In der Tat, wer könnte dem Bären eine gewisse Menschenähnlichkeit abstreiten? Meister Petz geht nicht, wie die meisten anderen Säugetiere, auf den Zehenspitzen. Er ist ein Sohlengänger wie der Mensch und stellt den ganzen Fuß, von der Zehe bis hin zur Ferse, auf den Boden. Oft stellt er sich aufrecht wie ein Zweibeiner, und wenn er nach dem Winterschlaf seine Höhle verlässt, sind seine Sohlen weich und empfindlich – wie die eines Menschen, der im Frühling zum ersten Mal barfuss geht.

Er hat zwar einen dicken Pelz, aber in den Augen der sibirischen Jäger gleicht der gehäutete Bär in verblüffender Weise einem Menschen. Zieht man einer erlegten Bärin ihren Pelzmantel aus, so sagen sie, gleicht sie einem Mädchen, besonders was Brust, Hüften und Schenkel betrifft.


Sohle und Skelett der Hinterbeine und Fußknochen des Bären.

Bären bauen sich bereits vorhandene Höhlen aus oder graben sich Löcher in Böschungen und bedecken diese mit Ästen, Erde und Grassoden. Im Inneren dieser Höhlen bereiten sie sich ein angenehm weiches Schlafplätzchen aus trockenem Moos, Laub oder Heu. Um die lästigen Zecken und Flöhe zu entmutigen, polstern sie ihr Bett mit Adlerfarn und würzig aromatischen Kräutern. Nicht viel anders haben es die nomadischen Steinzeitmenschen, die vorgeschichtlichen Indianer oder die sibirischen Waldvölker getan. Auch sie bauten sich halb unterirdische Wohnhütten für den Winter, die sie im Sommer verließen, um in ledernen, Tipi-artigen Kegelzelten zu wohnen.

Vielfraß und Feinschmecker

Der Speisezettel des Bären unterscheidet sich nur geringfügig von dem des Wildbeuters. Sein Gebiss verrät, dass er wie der Mensch ein Allesfresser ist. Beim Fressen führt Meister Petz seine Vorderpfote zur Schnauze – genau wie der Mensch seine Hände.

Der Bär ist ein regelrechter Feinschmecker mit einem Hang zu Süßem und Saurem. Waldhonig, süße und saure Beeren aller Art und den zuckerhaltigen Frühjahrssaft des Ahorns und anderer Bäume, deren Rinde er anritzt, schleckt er mit sichtlichem Behagen. Er wurde sogar beobachtet, wie er Kleeblüten und andere nektarreiche Blumen aussaugte. Als saure Gaumenkitzel kommen vor allem Ameisenlarven und -eier in Betracht. So gerne mag er Saures, dass er sich auf Abfallhalden sogar über weggeworfene Autobatterien hermacht. Dem säuerlichen Duft der Futtersilos auf den Farmen im Westen Nordamerikas kann er ebenso wenig widerstehen wie den Körben der Imker.

Wenn Meister Petz aus dem Winterschlaf erwacht, löscht er zuerst seinen immensen Durst mit frischem Wasser. Dann sucht er sich frisches, saftiges Gras, wilde Zwiebeln, sich gerade entrollende Farnwedel, junge Brennnesseln, Sauerampfer, Pfeilblattwurzeln, Schafgarbenschösslinge, Stinkkohl und anderes zartes Grünzeug. Nebenbei plündert er noch die Nester von Eichhörnchen. Manch halbverhungerter Trapper oder Waldläufer, den im strengen Winter der Rocky Mountains die Vorräte ausgegangen sind, hat ihm dabei zugeschaut und gelernt, wie man die karge Vorfrühlingszeit überlebt. Auch die Urmenschen, so glauben viele, haben sich einiges vom Bären abgeschaut.

Im Sommer ernährt sich der Bär weiterhin von Kräutern und Wurzeln, schlägt Fische mit gezielten Schlägen aus dem Wasser und holt sich Mäuse, Schnecken, Heuschrecken, Raupen, Froschlaich, Muscheln und anderes Kleingetier. Er kratzt in den Ritzen und dreht Steine um, unter denen sich Käfer und Würmer versteckt halten. Die Linsen seiner Augen wirken wie Vergrößerungsgläser – kein einziger dieser Winzlinge entgeht seinem scharfen Blick. Verhaltensforscher in den USA waren erstaunt über die Menge von Motten – bis zu 30 000 pro Tag – die ein Braunbär in den Sommermonaten verspeist.

Alles in allem ist dies eine ausgewogene, eiweißreiche Ernährung, die den Bären gut gedeihen lässt. Einen an das zellophanverpackte Supermarktangebot gewöhnten Stadtmenschen mag allein beim Gedanken an eine solche Kost das kalte Grauen packen, aber für die Naturmenschen, die den Lebensraum mit dem Bären teilen – etwa die Eingeborenen Sibiriens oder Nordamerikas – sind all dies willkommene und leckere Nahrungsmittel. Der Bär lebt vorrangig vegetarisch; 75 Prozent der Nahrungskalorien sind pflanzlichen, der Rest ist tierischen Ursprungs. Wie Ethnologen ermittelten, entspricht dieses Verhältnis auch der Diät der meisten Jäger- und Sammlervölker (Storl 1997: 13).

Auch das Fleisch toter Tiere nehmen die Bären genauso gerne für sich in Anspruch wie die Menschen. Aber während die Menschen es kochen, pökeln oder trocknen, vergraben es die Bären für einige Tage, um es gar und schmackhaft zu machen. In kleineren Portionen mögen Bären auch rohes Fleisch, ähnlich wie der Gourmet sein Steak oder die Inuit, für die ranziges rohes Fleisch mit frischen Maden darin eine besondere Delikatesse ist.

Begeisterte Jäger sind die gemütlichen Petze nicht. Anstatt sich bei der Jagd anzustrengen, nehmen sie lieber das Recht des Stärkeren für sich in Anspruch und stehlen den Wölfen, Pumas und sogar den sibirischen Tigern ihre frisch erlegte Beute. 1996 wurde beobachtet, wie ein Grizzlybär neun Wölfe von einem Hirschkadaver vertrieb. Und Studien in Yellowstone und Glacier National Park zeigten, dass Grizzlybären den Berglöwen (Pumas) bis zu einem Viertel ihrer Beute abjagen (Busch 2000: 85).

Im Herbst mästen sich die Bären mit Bucheckern, Nüssen, Eicheln, den Früchten der Eberesche, Wildobst, Pilzen und anderen Leckerbissen. Bis zu 200 000 Beeren – Verhaltensforscher haben sie gezählt – streift ein Bär pro Tag von den Büschen. In den Weinbergen des alten Roms wurden die Bären zur regelrechten Plage. Für sie war der Weinberg nichts anderes als eine ergiebige Nahrungsquelle.

Bären scheinen einen Gewichtsregulator zu haben, der ähnlich wie ein Thermostat funktioniert und Ernährungsforscher (beispielsweise an der Universität Iowa) brennend interessiert. Im Sommer halten sie ein gutes Normalgewicht und schleppen keine überflüssigen Pfunde mit sich herum. Im Herbst aber stellen sie ihren Stoffwechsel auf das Ansetzen von Speckmassen um. Die Forscher hoffen, aus dieser Studie Erkenntnisse zu gewinnen, die es auch dem Menschen möglich machen, sein Gewicht zu steuern.

Jeder Bär hat sein Heimatgebiet, mit dem er seit seiner Welpenzeit vertraut und innig verbunden ist. Im Gegensatz zu anderen Tieren, die die Grenzen ihres Territoriums markieren und verteidigen, hat der Bär kein festes Revier. Die so genannten Grenzbäume mit Kratzmarkierungen gehören ebenso in den Bereich der Fabel wie der Glaube, ein Bär werde als gestaltloser Klumpen geboren und erst von seiner Mutter in Form geleckt.9 Es gibt jedoch Bäume an strategischen Stellen der Bärenwechsel, an denen Bären sich reiben, um so Geruchsbotschaften für ihre Artgenossen zu hinterlassen. Es sind die Litfasssäulen der Bärenwelt.

Genau wie die Wildbeuter, die nomadischen Jäger und Sammler, ziehen die Bären mit den Jahreszeiten von einem Ort zum anderen. Sie wandern mit der gestaffelten Reifezeit der Beeren und Wildfrüchte in die Berge und höheren Lagen; zur Zeit der Lachszüge begeben sie sich wieder hinab in die Flusstäler. Gibt es an einem Ort ein außerordentliches Nahrungsangebot, dann kommen auch viele Bären auf einmal dort zusammen. Sie verhalten sich jedoch nicht etwa wie Herdentiere, sondern ganz und gar individualistisch. Sie kennen einander persönlich und begrüßen sich. Zum Begrüßungsritual gehören Balgereien, die, auch wenn sie dem uneingeweihten Beobachter recht wild vorkommen, völlig aggressionslos sind. Auch die Jungen balgen sich auf diese Weise beim Spielen, und ebenso tun es die Bären-Liebespärchen. Eine Rangordnung, die auf Größe und Kraft basiert, ermöglicht ein friedliches Zusammenleben der Bären. Der Kleinere zollt dem Größeren gebührenden Respekt.


Symbol mütterlicher Fürsorge: Bärenmutter leckt Neugeborenes, um ihm, wie Fabel und Volksglaube berichten, seine Gestalt zu geben.


Bärenbegegnung im Wald. (Erik Werenskiold, 19. Jahrhundert)

In ihrem Schlaraffenland, dem Beerenparadies oder der Fischfangstelle, dulden sie auch den Menschen. Alte Cheyenne-Indianer erzählten mir, dass einst Frauen, Kinder und Bären am selben Platz Beeren pflückten – gelegentlich sogar vom selben Strauch. Sie konnten sogar den Bären schmatzen hören. Probleme gab es keine, solange sie dem Bären höflich den Vortritt ließen. Wenn sich der Bär bei einer solchen Begegnung mit der Zunge über die Schnauze fährt, bedeutet das nicht, dass ihm beim Gedanken an Menschenfleisch das Wasser im Maul zusammenläuft, sondern dass er mit feuchter Nase seine Gäste besser erschnuppern kann. Nur Angstschweiß mag er absolut nicht riechen, denn das macht ihm als hochsensiblem Wesen ebenfalls Angst.

Der Bärenforscher Helmut Heft, der die Tiere viele Jahre lang in ihrer natürlichen Umgebung erforscht hat, berichtet, dass sich Bären normalerweise »achtsam und gönnerhaft« benehmen und den Menschen in Ruhe lassen. Der Bär sei »ritterlich«, er greife nie von sich aus an. Es sind die schießwütigen, abgestumpften Zivilisationsmenschen, die sich ihm gegenüber aggressiv benehmen. Wird er selbst angegriffen, verteidigt sich der Bär mutig und ist niemals feige. Nur in Gefangenschaft, hinter Gittern, wird er böse und hinterlistig. Die Grausamkeit und Blutrünstigkeit, die man ihm manchmal zuschreibt, liegt aber fast ausschließlich auf der Seite der Menschen. In Abwandlung des Sprichworts könnte man sagen: »Was der Mensch selber denkt und tut, das traut er auch dem Bären zu.«

Bärenliebe und Mutterrecht

Einige Jahre lebte ich in den Wäldern nahe der Küste Oregons. Das war noch bevor die um sich greifende Umweltzerstörung in Kalifornien Hunderttausende nach Norden in die damals noch fast unberührten Wälder Oregons trieb. Frei lebenden Bären konnte man dort öfter begegnen. Manchmal verirrte sich ein unerfahrener Jungbär, vom Duft der Mülleimer angelockt, in die Ortschaft, wo er unweigerlich mit einem Kugelhagel empfangen wurde. Ein Bekannter, ein Hippie-Aussteiger, der im Wald wohnte, jagte mit Pfeil und Bogen. Es gelang ihm einmal gerade noch, den angeschossenen Schwarzbären, der ihm in einen Baum nachkletterte, mit einem Pfeil zu erlegen; stolz trug er danach dessen Krallen als Halsband. Die Nachbarsfrau holte sich jeden Herbst einen Bären und verwandelte ihn in Hackfleisch und Bratwürste für die Gefriertruhe. Ich mochte mich dem mutwilligen Töten nicht anschließen, weil ich die Petze von einer anderen Seite kannte.

Einst hatte ich in einer abgelegenen Blockhütte am Rande eines Nationalparks in Wyoming gelebt, wo ich den ganzen Sommer über eine Bärenmutter mit ihren beiden Jungen beobachten konnte. Das Bild, das sich vor meinem Fenster bot, war ein Blick in ein Paradies, das wir Menschen längst verloren haben, ein Bild der Glückseligkeit und Liebe. Unter dem wachsamen Auge der Alten balgten sich die kleinen Wollknäuel nach Herzenslust, spielten Fangen, turnten auf wippenden Tannenzweigen, jagten Schmetterlingen nach und beschnupperten neugierig krabbelnde Käfer. Sie spielten mit derselben Hingabe mit Steinchen und Holzstücken, wie kleine Menschenkinder es mit ihren Spielzeugen tun. Besonders drollig stellten sie sich an, als gegen Anfang September der erste Schnee fiel. Sichtlich erstaunt beschnupperten sie die Flocken und versuchten, sie zu erhaschen. Am nächsten Tag rutschten sie ausgelassen im weißen Matsch den Hang hinunter. Ab und zu drückte die Mutter ihre Welpen zärtlich an sich, leckte sie ab und strich ihnen mit ihren Krallen durchs Fell, als wolle sie sie kämmen. Wenn gelegentlich ein einsamer Bergwanderer auftauchte, jagte sie die Kleinen mit einem »Hrr-Wuff« auf den Wipfel eines Baumes. Trieben sie es zu toll, dann brummte sie und gab ihnen einen Klaps. Überhaupt schien die Bärenmutter viel mit ihren Jungen zu »sprechen«. Verhaltensforscher haben bei Bären ein »Vokabular« von 30 bedeutsamen Lauten ausgemacht.


Braunbärenmutter mit Jungen.

Bären haben keine feste Brunftzeit – genau wie Menschen. Sie säugen ihre Jungen ungefähr anderthalb Jahre lang – auch das entspricht der durchschnittlichen Stillzeit bei Menschen. Eine Bärin hat zwar sechs Zitzen, aber nur die beiden oberen schwellen an und geben Milch. Wenn die Jungen nach drei Jahren die Obhut der Mutter verlassen, um allein ihr Glück in der Welt zu versuchen, sucht sich die Bärin erneut einen Liebhaber.

Während der Paarungszeit, die in die lauen Frühsommertage fällt, geben sich die Bären recht verliebt. Sie tanzen und tollen umher vor lauter Lebensfreude. Die Bärin neckt ihren Verehrer und gibt sich anfangs ganz geziert, scheint also alle weiblichen Künste zu beherrschen. Der Auserwählte versucht, ihr durch Boxschläge gegen Büsche und andere Kraftprotzereien zu imponieren. Nachdem sie einige Tage mit solchen Spielereien verbracht haben, paaren sie sich. Und auch da sind sie nicht kleinlich. Sie treiben es zwei- bis dreimal am Tag und dann über eine halbe Stunde lang. Man sollte sich hüten, sie bei ihrem Liebesspiel zu stören. Besonders das Weibchen wird dann sehr böse, und ihr Liebhaber wird beweisen wollen, dass auch er kein Waschlappen ist.

Findet bei der Begattung keine Befruchtung statt, dann setzt der menstruelle Zyklus erneut ein. Er dauert, wie bei der Gattung Homo sapiens, achtundzwanzig Tage. Ist das Weibchen aber schwanger geworden, dann darf sich der Liebhaber umstandslos verabschieden.10 Als Erzieher seiner Kinder kommt er nicht in Frage, dafür ist allein sie zuständig. Wenn es den Vorgeschichtlern sonst auch schwer fällt, Nachweise eines ursprünglichen Matriarchats zu finden – hier ist einer.

Wie Menschen, schlafen Bären nachts. Nur wo sie gnadenlos gejagt oder ständig gestört werden, entwickeln sie sich zu scheuen Nachttieren. Sie leiden an denselben Gebrechen wie Menschen: Erkältungen, Lungenentzündungen, Rheuma und Arthritis. An Zahnweh leiden aber nur die »Müllbären«, die Abfallhalden durchstöbern und sich an den süßen Speiseresten der Menschen die Zähne verderben.

Im Vergleich zu anderen Tieren sind Bären recht langlebig. Rund dreißig Jahre werden sie alt – die Steinzeitmenschen wurden angeblich auch nicht viel älter. Dabei werden sie recht weise und lebenserfahren. Das heutige Durchschnittsalter der Bären beträgt jedoch nur rund sechs Jahre, und die Todesursache ist keine natürliche: Rund 80 Prozent der Bären werden Opfer schießwütiger, geldgieriger oder von Angst besessener Menschen (Busch 2000: 46).

Fast alle Naturvölker schreiben dem Bären einen menschenähnlichen Verstand zu. Nur – so erläutern die Mongolen und Altaier – haben sie einen natürlichen, körperorientierten Verstand, wie ihn die Frauen besitzen.

Der Bär hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Er soll Menschen, denen er nur einmal begegnet ist, jederzeit wiedererkennen können. Er besitzt echtes Denkvermögen – und Witz! Jägern schlägt er des Öfteren ein Schnippchen. Er verfälscht seine Spur, indem er von Stein zu Stein, von Riedgrasbüschel zu Riedgrasbüschel springt, rückwärts geht, Widergänge läuft oder Haken schlägt, in der Absicht, seine Verfolger in die Irre zu führen.

Mancher Jäger hat der Bärenjagd endgültig abgeschworen, nachdem er die menschenähnlichen Todesschreie des angeschossenen Bären vernommen hat, oder nachdem er durch das erbarmungswürdige, menschenähnliche Wimmern und Heulen eines Bärenbabys zur Besinnung gekommen ist. Kein Wunder also, dass für die meisten Naturvölker der Bär ein Tabu-Tier, ein heiliges Tier ist. Für die Giljaken ist er ein »Bergmensch«, ein Gesandter des Waldgottes. Die Siebenbürger hielten ihn für eine Art »Waldmensch«, und die Theosophen und Anthroposophen glauben in ihm einen Nachfahren des »atlantischen Menschen« zu erkennen, der auf die Stufe eines Tieres herabgesunken ist. Der Anthroposoph Karl König drückt es so aus: » Der Bär meidet den Menschen; ich bezweifele aber, dass er Angst vor ihm hat. Er meidet ihn aus einer Art Scham, die gleichzeitig eine Form der Erhabenheit ist. Er empfindet seine tiefe Verwandtschaft mit dem Menschen. Er ahnt, dass auch er einmal aufrecht war, wie der Mensch es noch heute ist (König 1988: 98).

Begegnung mit Maheonhovan

»Der Bär besitzt Macht – spirituelle Macht.

Er kann sich selber heilen, und er kann andere Bären heilen.

Er ist ein großes Medizin-Tier.«

Aussage eines Cheyenne (nach Grinnell 1923: 105)

»Der Bär war für die Indianer Amerikas ein ganz besonderes Geschöpf.

In den Legenden aus der Tierwelt wird dem Bären

aufgrund seiner Fairness, Strenge und seines Mutes

die Rolle des Vorsitzenden der Tierversammlung zugeschrieben.

In den meisten Stämmen ist der Bärenklan Medizin-, Führungs-

und Verteidigungsklan.«

Sun Bear, Medizinrad

Im Auftrag der National Parks Administration hackten wir Pfade durch die endlosen, in grünes Zwielicht getauchten Regenurwälder. Ohne den aufgeschreckten Rehen, die vor uns flüchteten, oder dem geräuschlosen Vorbeischweben eines weißköpfigen Seeadlers viel Aufmerksamkeit zu schenken, fraßen wir uns über glitschige moosbedeckte Felsen und durch endlose triefende Haine von Riesenfarnen hindurch. Die Riesenfarne bildeten das unterste Stockwerk des Waldes, der aus gigantischen Hemlocktannen, Douglasien, Fichten und Zedern bestand. Unsere Arbeitsgruppe sollte die Olympic Wilderness nahe der Pazifikküste für den Tourismus erschließen. Wo bisher kaum ein Weißer seinen Fuß hingesetzt hatte, sollten nun Wege, Stege und Unterkünfte entstehen. Bei dieser Gelegenheit wurde ich das erste Mal Zeuge der sprichwörtlichen Bärenkraft.

An einem Rastplatz galt es eine Abfallgrube auszuheben. Geräumig und bärensicher sollte sie sein. Fast eine Woche lang schaufelten wir daran. Stämmige Fjordpferde schleiften die dicken Zedernstämme herbei, die wir dann, dicht aneinandergefügt und mit Querbalken befestigt, über die Grube legten. Nun war es so weit. Die ersten Abfälle – unsere eigenen – plumpsten in die Tiefe. Bären, deren Nasen nur mit denen von Spürhunden zu vergleichen sind, können, wie Verhaltensforscher ermittelt haben, einen Abfallhaufen auf eine Entfernung von dreißig Kilometern wittern, und da ihr Geschmack dem des Menschen ähnlich ist, war es kein Wunder, dass wir es schon in der ersten Nacht krachen hörten. Die mühevoll errichtete bärensichere Abfallgrube war dahin. Als wir aus dem Fenster unserer Hütte schauten, sahen wir gerade noch, wie ein Bär die schweren Stämme mit einem Ruck zur Seite zog und in die Grube rutschte, um dort beglückt die leeren Büchsen auszulecken, Steakknochen zu knacken und Obstschalen zu mampfen.

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420 p. 135 illustrations
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9783038001461
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