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Axel Witte

Rainer Wittkamp

RAUCH AUF RÜGEN

Radegasts zweiter Fall


Für Rainer (1956–2020) Freund und Co-Autor

INHALT

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

EINUNDFÜNFZIG

ZWEIUNDFÜNFZIG

DREIUNDFÜNFZIG

VIERUNDFÜNFZIG

FÜNFUNDFÜNFZIG

SECHSUNDFÜNFZIG

EINS

Als sie kam, war er gerade hinter seinem Haus und brachte Helga um. Er schnitt ihr den Kopf ab. Sowas hatte er noch nie gemacht. Aber es war leicht. Leichter als gedacht. Und es gab kaum Blut. Seine Finger krallten sich in ihre weißen Locken, als der Rumpf wegsackte und dann zur Seite fiel. Helga war ein Schaf. Ein weißes Schaf mit einem schwarzen Lamm. Zu seiner Überraschung blökte der Schafskopf in seiner Hand jetzt noch einmal. Und das Lamm antwortete.

Dass sie schließlich da war, spürte er, bevor er sie sah. Bevor sie überhaupt seinen Garten betreten hatte. Er drehte sich um. Sie stand da und sah ihm direkt ins Gesicht.

»Ach. Herr Schiller?«

Es klang ein wenig überrascht. Sie kam näher, selbstbewusst, mit dem ihr eigenen leicht tänzelnden Gang. Und ihrem spöttischen Blick. Schiller wusste, dass er jetzt besser nichts sagte. Da stand sie vor ihm, die Frau, die sein Leben verändert hatte. Für immer verändert. Sein Atem ging schneller. Er ließ den Schafskopf los und versuchte, bei ihr irgendeine Gefühlsregung auszumachen. Vergeblich. Aber das würde sich ändern, da war er sicher. Sie blickte auf das tote Schaf.

»Ach, Herr Schiller …«

Diesmal klang es ein wenig herablassend. Aber das störte ihn kaum. Viel mehr ärgerte er sich über das ›Herr‹. Er hatte auch einen Vornamen. Und den kannte sie. Genauso wie er ihren Namen kannte: Annekatrin. Annekatrin Struve.

Sie hatte das schwarze Lämmchen auf den Arm genommen, es schmiegte sich zitternd an ihre Brust. Sie ging über den Rasen auf das Haus zu und schaute sich systematisch um. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie einen weißen Plastikanzug trug und Plastiktüten über ihre pinkfarbenen Sneakers gezogen hatte. Wie die Spurensicherung im Fernsehen.

»Sie wissen, warum ich hier bin?«

»Natürlich«, sagte Schiller schnell. »Aber das war das erste Mal. Wirklich.«

»Sie meinen Helga? Das interessiert mich im Moment nicht«, sagte sie, während sie an ihm vorbei zur anderen Seite des Gartens ging. Offenbar immer noch auf Spurensuche. Schiller schwieg.

»Ich will Ihnen doch helfen, Herr Schiller«, sagte sie und drehte sich vor der hohen Hecke zu ihm um. »Aber dazu müssen Sie mir auch entgegenkommen.«

Den Satz hatte er von ihr schon gehört. Mehrfach. Immer wieder. Er war ihr doch immer entgegengekommen. Und zum Dank hatte sie ihn für dreieinhalb Jahre in den Knast gebracht. Diese Polizistin hatte vom ersten Tag an ein mieses Spiel mit ihm gespielt. Und aus diesem Grund war sie jetzt hier.

»Na klar, Annekatrin«, sagte er mit einem feinen Lächeln, »ich komme dir entgegen.«

Schiller ging auf Annekatrin Struve zu, die das zitternde schwarze Lamm vorsichtig auf den Boden setzte. Als sie sich aufrichtete, ließ sie beide Arme sinken, die Handflächen nach vorne, eine Geste, die wohl sagen sollte: Jetzt bin ich ganz für dich da.

»Dreieinhalb Jahre«, sagte er und ging weiter auf sie zu. Langsam zog er dabei das Fleischermesser aus seinem Gürtel. Jetzt gab es bei ihr eine Gefühlsregung, wenn auch nicht die, die er erwartet hatte. Sie lachte. Sie lachte ihn aus. Mit einer Bewegung, als wollte er sie umarmen, stieß er ihr das Messer etwas unterhalb des Schulterblatts in den Rücken. Diesmal gab es Blut. Sehr viel Blut sogar. Es kam aus ihrem Mund. Und der Kopf des toten Schafs, der auf dem Rasen lag, blökte noch einmal. Oder war sie das jetzt gewesen?

ZWEI

»Morgens siehst du aus wie der junge Sterling Hayden.«

Fabian Radegast schaute in den Spiegel und musste schmunzeln. Diesen Satz hatte Roswita gesagt, die Buchhändlerin aus Cuxhaven, mit der er vor ein paar Jahren eine Beziehung gehabt hatte. Mit dem Namen Sterling Hayden konnte er damals nichts anfangen. Aber er klang wenigstens gut. Später hatte Radegast gegoogelt und herausgefunden, dass Hayden ein Hollywoodschauspieler der 50er- und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts war. Auf den Fotos im Netz hatte er wenig Ähnlichkeit mit sich gefunden, abgesehen von dem langen, hohen Gesicht, den meistens zusammengekniffenen dunkelbraunen Augen und dem sonnengebleichten Strubbelhaar. Aber dann hatte Radegast gelesen, dass Sterling Hayden vor und nach seiner Hollywoodkarriere ein mit allen Salzwassern gewaschener Segler gewesen war. Und ein Mann, der sich von nichts und niemandem Vorschriften machen ließ. Da hatte ihm Roswitas Vergleich dann doch gut gefallen.

Fabian Radegast spülte den Rasierer ab und wusch sich die Schaumreste aus dem Gesicht. Dann zog er die Boxershorts aus, in denen er im Sommer schlief, und trat unter die Dusche. In diesem Moment klingelte sein Smartphone auf der Fensterbank. Radegast zögerte. Er hatte dienstfrei, sollte wenigstens ein paar von seinen Überstunden abbummeln. Freizeitausgleich. Den wollte er nutzen und nach dem Frühstück mit seinem Freund und Nachbarn Ole Henning die Maschine ihres Segelboots reparieren. Aber vielleicht war Ole was dazwischengekommen. Als Radegast nach seinem Telefon griff, sah er durchs Fenster, dass Ole an Deck der Colin Archer schon mit irgendwas zugange war. Radegast nahm das Gespräch an.

»Moin, Kollege. Polizeiobermeister Vogelsang. Direktion 4.«

»Ja, moin, was gibt’s denn?«

»Wir sind hier im Einkaufszentrum Strelapark. Es wurde wieder ein Geldautomat gesprengt. Diesmal von der Pommerschen Volksbank. Keine Personenschäden, aber der Sachschaden ist heftig.«

»Okay«, sagte Radegast. »Aber da solltet ihr die Kollegin Struve anrufen. Die ist an der Sache dran. Und ich bin heute dienstfrei.«

»Ist schon klar. Haben wir ja auch«, entgegnete Vogelsang. »Aber die Kommissarin Struve ist nicht erreichbar. Nicht mobil und auch nicht übers Festnetz.«

Radegast überlegte. Es war jetzt etwa 7.30 Uhr.

»Wahrscheinlich fährt sie gerade durch ein Funkloch. Versucht es in drei Minuten noch mal.«

»Wir haben es schon seit zehn Minuten bei ihr versucht.«

Vogelsang klang jetzt etwas patzig.

»So groß ist doch kein Funkloch. Nicht mal in Vorpommern.«

»Gut«, sagte Radegast. »Ich komme rüber. Bis gleich.« Radegast duschte und zog sich dann an. Das war der sechste oder siebte Geldautomat in diesem Jahr. Immer die gleiche Methode: Die Täter leiteten Gas in das Gehäuse eines Bankautomaten, suchten Deckung und brachten das Gas zur Explosion. Dann hofften sie, dass ihnen die Kassette mit den Geldscheinen direkt vor die Füße fiele. Was sie meistens nicht tat. Die Summen, die die Täter tatsächlich erbeuteten, waren Peanuts, verglichen mit den Schäden, die sie dabei anrichteten.

In einem Fall war das Gebäude, in dem sich der Geldautomat befunden hatte, so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass die Bauaufsicht es sperren lassen musste. Schließlich hatte man es ganz abgerissen.

Die Kollegin Annekatrin Struve hatte sich mit der ihr eigenen Gründlichkeit in die Sache reingekniet. Sie hatte Täterprofile entworfen, potenziell gefährdete Automatenstandorte identifiziert und inzwischen sogar so etwas wie einen Rhythmus der Täter herausgearbeitet. Die vorletzte Sprengung hatte sie fast auf den Tag genau vorhergesagt. Sie war deswegen mit ein paar Kollegen nächtelang auf Streife gewesen. Aber in jener Nacht hatten die Täter weiter weg zugeschlagen, in der Nähe von Greifswald. Radegast fragte sich, ob Annekatrin Struve vielleicht auch die Sprengung der letzten Nacht vorhergesehen hatte. Und sich dann allein auf die Lauer gelegt? Am Ende sogar am richtigen Automaten?

Radegast schüttelte den Kopf. Annekatrin hatte zwar manchmal schräge Einfälle, aber sie war ja nicht tollkühn. Oder blöd. Es musste einen anderen Grund geben, dass sie nicht erreichbar war.

Fabian Radegast zog sein weißes Sweatshirt mit den dunkelblauen Querstreifen über den Kopf und trat ins Freie. Der Rasen hinter seinem Haus, das früher mal eine Bootsremise gewesen war, fiel zum Meer hin leicht ab. Das Gras unter seinen nackten Füßen war noch taunass. Vom ziegelroten Nachbarhaus, der Bürgermeisterei von Altefähr, kam eine fröhliche Mädchenstimme.

»Hallo Fabian, moin!«

Er drehte sich um. Jana Henning winkte von der Terrasse, während sie sich aus ihrem Neoprenanzug schälte.

»Moin, Jana«, rief Radegast. »Warst du etwa schon draußen?«

»Klar«, erwiderte Jana. »Diesen Wind muss man ausnutzen. Du auch.«

Ja, schön wär’s, dachte Radegast und schaute übers Wasser. Drei bis vier Beaufort aus Ostsüdost. Würde bald wahrscheinlich noch etwas zulegen. Er dreht sich zu Jana um und beließ es bei einem wortlosen Winken. Jana, die Tochter von Ole und Laura Henning, war jetzt fast dreizehn. Schon als Fünfjährige war sie mit ihrem Vater und Radegast mitgesegelt. Vor kurzem hatte sie dann neben ihrer Schule in kurzer Reihenfolge alle notwendigen Segelscheine gemacht und ihre Begeisterung fürs Regattasegeln entdeckt.

Um nicht länger auf irgendwelche Mitsegler angewiesen zu sein, hatte sie sich für eine Einmannjolle entschieden, ein wassergängiges Turngerät namens Laser. Damit war sie inzwischen so erfolgreich, dass sie gute Chancen hatte, am Sportinternat des Olympiastützpunkts in Kiel-Schilksee angenommen zu werden. Nur ihre Mutter, die als Hebamme arbeitete, musste noch überzeugt werden.

Fabian Radegast hatte den Bootssteg erreicht, an dem die Colin Archer lag, die Ole und er gemeinsam gekauft hatten. Ein historisches Schiff, das sie nach und nach restaurierten. Oles Kopf tauchte aus dem Luk über dem Niedergang auf, ein fingerbreiter Schmier von Motoröl über seiner rechten Augenbraue.

»Na?«

»Na?«, gab Radegast zurück.

Sie kannten sich seit ewigen Zeiten und machten nie mehr Worte als nötig. Besonders morgens nicht. Aber Radegast musste seinem Freund jetzt erklären, dass er sich heute erst mal doch nicht ums Schiff kümmern konnte. Ole Henning kam ihm zuvor.

»Sieht aus, als müsstest du weg.«

»Wieso?«, fragte Radegast, ehrlich überrascht.

»Dein neuer Picasso-Pulli. Den ziehst du doch nicht an, wenn du mit mir die Maschine auseinandernimmst.«

»Stimmt. Leider«, sagte Radegast. »Dienstlich.«

»Na denn«, sagte Ole, »bis später.«

Statt einer Antwort legte Radegast die gestreckte rechte Hand an einen imaginären Mützenschirm und zwinkerte seinem Freund zu. Dann drehte er sich um und ging. Nach ein paar Schritten fiel ihm ein, dass er diese Geste neulich in einem alten Film gesehen hatte. Sterling Hayden spielte in ihm einen Kleinstadtpolizisten, der dem amerikanischen Präsidenten das Leben rettet. Einem weisen und sympathischen Präsidenten.

Knapp dreißig Minuten später stand Fabian Radegast im Strelapark vor den Trümmern eines Geldautomaten. Unterwegs im Auto hatte er selbst versucht, Annekatrin zu erreichen. Nach dem dritten Rufton war ihre Mailbox angesprungen. Daraufhin hatte er in der Dienststelle angerufen. Hella Binder, die eigentlich immer alles wusste, war überfragt. Aber sie hatte Radegast mit einem deutlichen Unterton von Besorgnis versprochen, sie werde es weiter versuchen.

Radegast drehte sich um. Polizeiobermeister Vogelsang und ein Kollege passten auf, dass niemand über das Flatterband stieg, das die beiden großzügig um den Tatort gespannt hatten. Aber da die meisten Läden hier erst um neun oder zehn aufmachten, gab es niemanden, der die Absperrung überwinden wollte. Außer den beiden Spezialisten der Kriminaltechnischen Untersuchung mit ihren weißen Anzügen und den Technikkoffern. Nachdem Radegast sie begrüßt hatte, ging er zu Vogelsang.

»Wann war die Explosion?«

»Schwer zu sagen«, meinte Vogelsang. »Hat wohl niemand gehört.«

»Bei dem Wums?«

Radegast schaute sich um.

»Da müssen doch sämtliche Alarmanlagen im Umkreis von fünfhundert Metern angegangen sein.«

Vogelsang zuckte mit den Schultern und zog seinen Block aus der Tasche. »Der Anruf kam um 6.28 Uhr von einer Arzthelferin, die bei einem Ohrenarzt hier im Gebäude arbeitet«, sagte er. »Wollen Sie sie befragen?«

»Später«, sagte Radegast und stieg über das Flatterband. »Und stellen Sie bitte die Aufnahmen der Überwachungskameras sicher.«

»Kameras?«

Vogelsang drehte sich um.

»Also, ich seh’ hier gar keine. Und das Ding aus dem Geldautomaten dürfte ja wohl hin sein.«

»Es gibt überall Kameras«, beharrte Radegast. »Zum Beispiel an der Tankstelle da drüben. Oder am Supermarkt an der Ecke, Sie sammeln bitte alles ein, was Sie finden können.«

Vogelsang setzte ein mürrisches Gesicht auf. Radegast überlegte, ob und wie er darauf reagieren sollte, als sein Smartphone klingelte.

»Ja, Hella?«

»Immer noch nichts von Annekatrin«, sagte sie. »Aber Joachim ist gerade zurückgekommen. Er war bei ihr zuhause und hat geklingelt. Niemand da. Jetzt ist die Frage, was wir unternehmen sollen. Ob wir die Haustür öffnen lassen …«

»Ihr unternehmt bitte nichts. Sowie ich hier fertig bin, komme ich rein.«

Fabian Radegast drehte sich nach Polizeiobermeister Vogelsang um, der langsam in Richtung Tankstelle schlenderte. Die Bewachung des Flatterbandes hatte er seinem Kollegen überlassen. Die Spurensicherer bewegten sich wie in Trance durch das Trümmerfeld des gesprengten Geldautomaten. Sie stellten Täfelchen auf, legten Maßstäbe aus und begannen ihre Fotos zu machen.

Radegast wusste aus Erfahrung, dass die KTU-Leute noch einige Zeit benötigen würden, und seine Gedanken kehrten zu Annekatrin zurück. Angenommen, ihr wäre tatsächlich etwas zugestoßen in ihrer Wohnung, käme es dann jetzt nicht auf jede Minute an? Er verwarf den Gedanken. Sie war verheiratet. Glücklich verheiratet. Also hätte ihr Mann längst Hilfe geholt. Es sei denn, er konnte es auch nicht. Ein defekter Gasboiler oder so etwas Ähnliches? Radegast hatte die Handynummer von Hartmut Struve nicht. Aber er war sicher, dass Hella sie kannte.

In derselben Sekunde, als Fabian Radegast das Telefon aus seiner Hosentasche ziehen wollte, klingelte es. Ihre Nummer. Er drückte die grüne Taste.

»Mensch, Annekatrin, wo steckst du denn? Alles in Ordnung?«

»Ja«, sagte sie. »Alles in Ordnung.«

»Und wo bist du?« frage Radegast.

»Unterwegs zu euch.«

Bevor Radegast sich erkundigen konnte, warum sie die ganze Zeit vorher nicht ans Telefon gegangen war, hatte Annekatrin schon wieder aufgelegt. Er fragte sich, ob er sich darüber ärgern sollte. Aber er war einfach nur erleichtert. Ehrlich erleichtert.

DREI

Roland Schiller packte ein paar persönliche Gegenstände in seine Reisetasche. Viel war es ja nicht. Aber er stand vor dem Schritt in ein anderes Leben. Vor dem Schritt zurück in sein altes Leben, hätte er früher gedacht. Aber Oliver hatte ihm klargemacht, dass es ein Zurück nicht gab. Gar nicht geben konnte. Oliver war sein Freund. Und in Schillers neuem Leben würden sie Partner sein. Der Gedanke daran beruhigte ihn und machte ihn sogar irgendwie froh.

Als Schiller die Tür seines Spinds zudrückte – zum letzten Mal! –, waren die Bilder aus seinem Traum wieder da. Der Traum mit dem toten Schaf und der Polizistin. Er hatte lange nicht mehr von Annekatrin Struve geträumt. Und noch nie so deutlich und so konsequent. In seinem ersten Jahr hier in der JVA war sie ihm öfter im Schlaf begegnet, meist in irgendwelchen Verkleidungen. Oft hatte er erst nach dem Aufwachen begriffen, dass die eine oder die andere Frau in seinem Traum in Wahrheit die Polizistin war. Und es war in diesen Träumen nie so weit gekommen, dass er sie umgebracht hatte. Obwohl es diesen Wunsch auch damals gegeben hatte. Immer schon gab. Seit er sie kannte.

»Na, jetzt gib dir mal ’n Ruck.«

Roland Schiller dreht sich um. Oliver Harms grinste ihn an.

»Oder möchtest du doch noch ein paar Monate bleiben?«

»Nee, danke«, sagte Schiller, »lieber nicht.«

Harms wuchtete sich von seiner Pritsche hoch, machte zwei Schritte bis zur Tür und schlug gegen die Essensklappe.

»Hallo, Bedienung! Der Gast hier will gehen.«

Schiller lachte pflichtschuldig. Obwohl Oliver nur ein knappes Jahr älter war als er, bestand zwischen ihnen so etwas wie ein Vater-Sohn-Verhältnis. Oliver hatte sich vom ersten Tag an für ihn verantwortlich gefühlt, dem Tag nach Schillers Suizidversuch. Die Anstaltsleitung hatte ihn zu Oliver Harms in die Zelle verlegt. Und Oliver war Schillers Aufpasser geworden. Derjenige, der sagte, wo’s langging, der wusste, wie’s zu laufen hatte.

Im Unterschied zu Schiller war Oliver Harms ein richtiger Straftäter. Er saß nicht zum ersten Mal in einer JVA und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal. Das sagte er selbst. Aber vielleicht war das auch nur einer von seinen Sprüchen. Auf jeden Fall war er im Unterschied zu Schiller auch ein Menschenkenner. Und jemand, der zuhören konnte. Wenn Schiller ihm in langen Nächten von seinem Prozess erzählt hatte und von der Rolle, die Annekatrin Struve dabei gespielt hatte, war Harms nicht nur der aufmerksamste Zuhörer gewesen, den man sich wünschen konnte, er hatte seinem Zellengenossen auch klargemacht, dass der diese Polizistin vergessen musste. Sonst würde ihn das nämlich krank machen. Hier drin wären ihm doch die Hände gebunden. Dann hatte Harms ihm gezeigt, wie man bestimmte Gedanken zwar nicht auslöschen, aber zumindest vorläufig verschwinden lassen konnte. Man musste sie nur in eine Tasche packen. Richtig einpacken, am besten noch ein Handtuch drauf, dann Reißverschluss zu und ab damit oben auf den Spind. Mit ein bisschen Übung hatte das sogar funktioniert.

Jetzt allerdings stand Schillers Tasche hier vor ihm auf der Pritsche. Er zog den Reißverschluss zu. Dann hörte er den Schlüssel im Schloss. Die Tür schwang auf, und Justizsekretär Eggers streckte sein blasses Jungengesicht in die Zelle.

»Na, Herr Schiller? Bereit zum Abflug?«

»Ja, bin ich.«

»Fast«, korrigierte Harms seinen Freund. »Geh doch kurz noch mal raus, Eggers. Was jetzt kommt, das ist privat.«

Eggers zog seinen Kopf zurück. Die Tür blieb angelehnt.

Oliver Harms kam auf Roland Schiller zu und nahm ihn zwischen seine kräftigen Arme.

»Pass auf dich auf, mein Junge. Denk ab und zu mal an mich. Und vor allem: Bau keinen Scheiß.«

Seine Stimme war dabei so laut, dass sie sicher noch drei Zellen weiter zu hören war.

»Nein«, sagte Schiller nicht halb so laut, »mach’ ich schon nicht.«

»Du wirst mir fehlen, Kleiner!«

Schiller wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Und plötzlich war Olivers Mund ganz nah an seinem Ohr und seine Stimme nur ein Flüstern.

»Lass die Polizistin da in deiner Tasche. Reißverschluss zu. Und grüß meine Michaela.«

»Okay«, flüsterte Schiller zurück.

»Wenn du willst«, flüsterte Harms weiter, »gib ihr einen Kuss von mir.«

Und dann, bevor Schiller antworten konnte, ertönte wieder seine Dröhnstimme.

»So, Eggers, nu’ können wir.«

Die Tür ging wieder auf, Eggers machte eine übertrieben einladende Geste, und Schiller streifte sich den Gurt seiner Reisetasche über die Schulter. Als er die Zellentür fast erreicht hatte, klatsche Harms ihm seine rechte Pranke auf den Hintern.

»Ab dafür!«

Kurz darauf trat Roland Schiller vor die Pforte der Justizvollzugsanstalt Bützow und blinzelte in die Sonne. Obwohl die Ostsee bestimmt zwanzig Kilometer weit weg war, konnte er sie riechen. Und er schmeckte die Mischung aus Seetang und Salz auf seinen Lippen. Schiller schossen Tränen in die Augen, er konnte nichts dagegen machen. Das waren wohl Freudentränen. Er wischte sie weg und schaute auf den Zettel, den man ihm zusammen mit den Fahrkarten gegeben hatte. Gegenüber fuhr der Bus nach Schwaan, dort konnte er den Zug nach Stralsund nehmen, und in etwas mehr als zwei Stunden würde er in seinem Haus in Zirkow sein. Zurück in seinem neuen Leben. Das erste Mal nach dreieinhalb Jahren. Dreieinhalb Jahre. Für etwas, das er nicht getan hatte. Für etwas, das diese Annekatrin Struve ihm angehängt hatte. Schiller spürte, wie die Wut in ihm hochkam. Und alle hatten ihr geglaubt. Die Wut war jetzt so weit oben, dass Schiller dreimal laut ›Scheiße‹ brüllen musste. Dann nahm er seine Tasche von der Schulter und zog den Reißverschluss noch einmal auf und wieder fest zu. Obwohl er schon ganz geschlossen gewesen war. Schiller nahm die Tasche erneut auf die Schulter, als er sah, wie ein Bus an die Haltstelle rollte. Er winkte und musste ein paar Schritte rennen, um dem Busfahrer klarzumachen, dass er mitfahren wollte.

VIER

Als das Wohnmobil in die Frankenstraße einbog und dabei über eine Bodenwelle hüpfte, schlug Danbi mit dem Knie gegen den Rahmen der Nasszelle.

»Aua«, sagte sie. »Bitte langsam fahren!«

Das galt Marvin Lenz, der am Steuer saß. Marvin schaute über die Schulter nach hinten.

»Beschwerden bitte an die Stadtverwaltung Stralsund, oder wie das hier heißt.«

»Außerdem sollst du dich anschnallen, Bambi.«

Das kam von Niklas, Marvins älterem Bruder. Niklas war der Chef, der Bestimmer des Geschwisterpaars. Marvin war der Lustige. Er hatte ihr auch den Namen Bambi gegeben, einfach weil er das witzig fand.

»Ich bin angeschnallt«, sagte sie und zeigte auf den Sicherheitsgurt. »Hier!«

»Dann schraub deine Stelzen ab«, sagte Marvin und schaut in den Rückspiegel.

Danbi lachte. Die Stelzen waren sein Lieblingswitz. Sie konnte nichts dafür, dass sie größer war als die beiden Männer da vorne. Und jünger. Und hübscher. Deswegen war sie ja überhaupt hier. Denn auch wenn es anders aussah, die beiden Männer in dem gemieteten Wohnmobil und die junge Danbi Park aus Seoul, Südkorea, waren keine Urlauber.

Sie waren geschäftlich unterwegs. Gestern auf einem Rock-gegen-Rechts-Festival in Jamel und nun auf dem Sprung nach Rügen. Wie der Hochseefischer dem Fisch folgt, so folgten sie den Touristenschwärmen. Und sie warfen ihre Netze dort aus, wo gute Beute zu machen war.

Danbis Blick glitt über die roten Backsteinfassaden, die entlang der Straße im Licht der Vormittagssonne einen matten, warmen Glanz hatten. ›Gemütlichkeit‹ fiel ihr ein, das Wort, das ihr bei der Deutschprüfung solche Probleme bereitet hatte. Wegen der Bedeutung und auch wegen der Aussprache.

Danbi war nicht sicher, ob sie sie inzwischen beherrschte. Vielleicht war ›Gemütlichkeit‹ für diese Häuser auch gar nicht die richtige Bezeichnung.

»Stopp. Halt mal an. Such einen Parkplatz«, sagte Niklas plötzlich.

Marvin gehorchte seinem Bruder grundsätzlich aufs Wort. Aber selten ohne einen seiner Witze.

»Was ist denn los?«, grinste er Niklas an. »Hast du vergessen, Pipi zu machen?«

Niklas hatte es sich abgewöhnt, auf die Sprüche seines Bruders zu reagieren.

»Hast du den Wochenmarkt gesehen, an dem wir eben vorbeigefahren sind?«

»Ja, hab’ ich«, sagte Marvin, während er eine Parklücke am Straßenrand ansteuerte. »Und du meinst …?«

»Soll ich umziehen?«, fragte Danbi von hinten.

»Ich mich umziehen«, verbesserte Niklas. Er schaute kurz zurück und musterte sie.

»Nein, das ist okay so.«

Fünf Minuten später schlenderte Bambi über den Wochenmarkt von Stralsund. Obwohl sie ungeschminkt war und nur ein einfaches dunkelblaues T-Shirt zu ihren weißen Jeans trug, drehten sich einige Leute nach ihr um. Alte und junge, Männer und Frauen. Und fast alle lächelten freundlich. Eine große, schlanke Frau mit einem hübschen, exotischen Gesicht und grazilen Bewegungen. Sie fand es schade, dass sie die flachen Schuhe anhatte.

Die weißen Pumps hätten ihre ›Stelzen‹ noch mehr zur Geltung gebracht. Und ihr einen besseren Überblick verschafft. Irgendwo da vorne müssten Niklas und Marvin schon ihrer Arbeit nachgehen.

FÜNF

Fabian Radegast stellte seinen Wagen auf dem Hof des Polizeikommissariats Stralsund ab. Annekatrin Struve hatte ihn vor zehn Minuten am Tatort im Strelapark abgelöst. Sachlich und selbstbewusst wie immer. Und ohne ein Wort über ihre Verspätung zu verlieren. Blass war sie Radegast vorgekommen, aber vielleicht lag das nur an dem mintgrünen Shirt, das sie heute zu einem kurzen Tigerrock und braun-grün geringelten Pipi Langstrumpf-Leggings trug.

Natürlich hätte Radegast gerne gewusst, warum sie nicht erreichbar gewesen war. Aber da sie es nicht von sich aus ansprach, hatte er es dabei belassen. Zumal Vogelsang und die Spurensicherung ständig um sie herum wieselten. Natürlich hatte er als Chef nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich um die Belange seiner Mitarbeiter zu kümmern, aber in diesem Fall hatte das wohl Zeit. Und außerdem, erinnerte er sich gerade, hatte er heute eigentlich dienstfrei. Radegast steckte die Autoschlüssel weg und ging auf das Dienstgebäude zu.

Da fiel ihm Maike ein. Maike Boysen, eine Freundin von früher. Einen Sommer lang waren sie ein Paar gewesen, ein hübsches Paar, hatten alle gesagt. Aus Gründen, über die er heute nicht mehr nachdenken mochte, waren sie auseinandergegangen. Maike hatte irgendwo studiert, und er war nach seiner Ausbildung in Cuxhaven gelandet. Erst im letzten Jahr hatten sie sich zufällig wiedergetroffen. Maike arbeitete inzwischen als Eventmanagerin mit einer eigenen Agentur hier in Stralsund. Sie hatten sich ein paar Mal für eine Pizza und ein Glas Wein zusammentelefoniert, und bei so einer Gelegenheit hatte Radegast Maike zu sich eingeladen, in sein Haus nach Altefähr. Das kannte sie noch nicht. Ihm schien, Maike hatte sich über die Einladung gefreut. Aber dann war immer wieder was dazwischengekommen. Wie das so ist bei zwei berufstätigen Menschen, deren Jobs keine geregelten Bürozeiten kennen.

Aber heute war der Termin, der beiden gepasst hatte, am Abend so gegen halb acht. Radegast schaute auf seine Uhr und dann zu seinem Fenster hoch. Jetzt war es kurz vor neun Uhr und Dienstag, das hieß, der Wochenmarkt war schon im Gange. Radegast ging zurück zu seinem Wagen, nahm den alten Korb aus dem Kofferraum und verließ den Hof. Er nahm den Weg über den Frankenteich und die Marienkirche zum Neuen Markt und ging dabei zügig. Um diese Zeit kam er hier noch gut vorwärts und traf sogar ein paar bekannte Gesichter. Man grüßte sich im Vorbeigehen. Weiter vorne begann die Fußgängerzone. Normalerweise konnte Radegast Fußgängerzonen nicht so viel abgewinnen. In anderen Städten, die er kennengelernt hatte, wirkten sie entweder steril oder ramschig.

Aber hier in Stralsund hatte man das irgendwie hingekriegt, dachte er. Eine vernünftige Mischung aus Geschäften, die es schon zu seiner Schulzeit gegeben hatte, und den üblichen Drogerie-, Telefon- und Modeketten, ohne die es heute wohl nicht mehr ging. In den oberen Stockwerken der Häuser gab es ein paar Arztpraxen und Anwaltskanzleien, aber vor allem Wohnungen. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass er sich hier wohlfühlen konnte. Und die morgendliche Sommersonne, die ihm im Augenblick auf den Rücken brannte.

Auf dem Gehsteig neben der Marienkirche war eine Stadtführung stehengeblieben. Die Gruppe bestand aus ungefähr zehn Menschen, die in die Luft guckten und dabei den Worten ihres Stadtbilderklärers lauschten:

»… ist heute nur noch 104 Meter hoch. Aber bis zu einem Blitzeinschlag im Jahre 1647 war Sankt Marien zu Stralsund mit ihrem 151 Meter hohen gotischen Spitzturm für fast hundert Jahre das höchste Bauwerk der Welt.«

Mehr konnte Radegast nicht aufschnappen, während er um die Ausläufer der Gruppe herummanövrierte und Entgegenkommern auswich. Er wollte gerade die Fahrbahn überqueren, als er hinter sich eine Frauenstimme hörte.

»Fabian? Mensch, Fabian, du bist meine Rettung.«

Radegast blieb stehen, drehte sich um und schaute in das leicht gerötete Gesicht von Laura Henning, Oles Ehefrau und Janas Mutter.

»Ich weiß«, zwinkerte Radegast ihr zu, »das sagen sie alle. Wo brennt’s denn, Laura?«

»Kannst du mir vielleicht 100 Euro leihen? Ich habe gerade festgestellt, dass ich meine Karte zuhause vergessen habe. Und auf der Post liegt eine Nachnahmesendung für Jana, die ich bezahlen muss.«

»Klar doch.«

Radegast zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche.

»Schickes Sweatshirt«, sagte Laura, während Radegast seine Scheine inspizierte. »Neu?«

»Ja. Ole nennt es den Picasso-Pulli«, erklärte Radegast und schüttelte den Kopf. »Ich habe nur noch vierzig und ein paar Münzen. Aber komm, ich will sowieso zum Markt. Da ist ein Automat.«

»Ich gebe es dir heute Abend wieder, danke.«

Laura überquerte mit ihm die Fahrbahn.

»Da nich für«, sagte Radegast.

Als er drei Minuten später vom Geldautomaten auf den Neuen Markt kam, hatte er noch keine Ahnung, was er für Maike kochen sollte. Er würde sich inspirieren lassen: junge Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren, Zucchini. Vorneweg grünen Salat, für den musste er jetzt anstehen. Zitrone und saure Sahne für die Salatsoße hatte er noch zuhause. Und als Hauptgang würde es Fisch geben. Den konnte er aber auf dem Heimweg unten am Hafen holen, direkt vom Kutter. Radegast suchte einen schönen Salatkopf aus, bezahlte ihn und legte ihn obenauf in seinen Korb.

Als er sich umdrehte, stieß er fast mit einer jungen Frau zusammen, großgewachsen, hübsch, eine Asiatin. Während sie beide zurückwichen und er jemanden streifte, der hinter ihm angestanden hatte, schaute die Frau ihn erschrocken an. Und dann lächelte sie schüchtern. Das gefiel Radegast, er nahm den Korb auf die andere Seite und lächelte zurück. Im Weggehen drehte er sich noch mal nach ihr um: Sie entfernte sich in die entgegengesetzte Richtung. Offenbar war sie allein hier. Und ohne Fotoapparat. Kaum war ihm dieser Gedanke bewusst geworden, rief Radegast sich selbst zur Ordnung. Asiaten treten grundsätzlich in Gruppen auf und knipsen alles, was ihnen vor die Linse kommt. Das war genau die Art von Vorurteil und Voreingenommenheit, die er seinen Mitarbeitern immer wieder vorhielt. Zufrieden mit sich und seinen Einkäufen, machte Radegast sich auf den Rückweg.

Kurz bevor er den Markt verlassen wollte, entdeckte er an einem Stand noch Süßkirschen. Die ersten dieses Sommers. Davon würde er auch noch eine Tüte mitnehmen. Er ließ sich ein gutes Pfund abwiegen und griff nach hinten zu seinem Portemonnaie. Es war weg!

Radegast tastete alle seine Taschen ab, schaute auch unter die Einkäufe in seinem Korb. Das Portemonnaie blieb verschwunden. Er ließ die Kirschen da. Wider besseres Wissen ging er noch einmal zu allen Ständen zurück, an denen er eingekauft hatte. Natürlich ohne Ergebnis. Radegast war längst klar: Man hatte ihn beklaut.

»Donnerlüttchen«, sagte Joachim von Plessen, der neben Radegasts Schreibtisch an der Fensterbank lehnte. »Einem Kriminalbeamten das Portemonnaie stante pede aus der Kledage zu entwenden, das entbehrt nicht einer gewissen Dreistigkeit.«

»Aus der Gesäßtasche, hier«, sagte Radegast und zeigte auf seine Jeans. Die leicht verschrobene Ausdrucksweise seines jungen Kollegen fiel ihm oft gar nicht mehr auf. »Und dass ich Polizist bin, sieht man mir ja nicht an. Hoffe ich.«

»Aber als Polizist weißt du, dass die Geldbörse da nicht hingehört. Am besten aufgehoben ist sie in einer Innentasche, möglichst mit Reißverschluss«, mischte sich Hella Binder ein, die im Türrahmen erschien.

»Ich habe aber keine Innentasche.«

Das klang gereizter, als Radegast es meinte. Deshalb versuchte er einzulenken.

»Aber nach dieser Erfahrung werde ich mir sowas vielleicht zulegen.«

»Falls es dich tröstet, Chef: Du bist nicht das einzige Opfer.«

Sie legte einen Zettel auf Radegasts Schreibtisch.

»Das hier haben die uniformierten Kollegen aufgenommen.«

»Nee«, sagte Radegast, »das tröstet mich überhaupt nicht.«

Er warf einen Blick auf den Zettel, Joachim von Plessen trat hinter ihn und schaute ihm über die Schulter.

»Fünf Taschendiebstähle in Stundenfrist, samt und sonders auf dem Neuen Markt. Es hat den Anschein, als würde da ein manuell sehr geschickter Fachmann seiner Profession nachgegangen sein. Beziehungsweise sein Unwesen getrieben haben.«

»Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen«, vermutete Hella wahrscheinlich zu Recht. »Nicht jeder bringt sowas zur Anzeige. Unser Chef ist das beste Beispiel dafür.«

»Hier«, sagte Radegast und gab von Plessen den Zettel. »Dein Fall. Bring diesen Fachmann zur Strecke. Und jetzt bitte raus hier. Ich muss die gestohlenen Karten sperren lassen und so weiter.«

»Ich gelobe, mein Bestes zu tun«, sagte Joachim von Plessen, »aber, Chef, ich brauche dann baldmöglichst Ihre Anzeige bezüglich des Taschendiebstahls.«

»Raus«, sagte Radegast, »und Tür zu.«

Als von Plessen gegangen war, machte Radegast im Kopf schnell Inventur des entwendeten Portemonnaie-Inhalts. Von den 150 Euro, die er vorhin abgehoben hatte, hatte er Laura 100 geliehen, blieben 50, minus die Einkäufe vom Markt plus die 40 Euro, die ursprünglich noch im Portemonnaie waren. Ein Verlust von ungefähr 70 Euro plus Münzen, dazu vier oder fünf Karten, zum Glück nichts Dienstliches. Seine EC-Karte war das Wichtigste, die musste er sperren lassen. Er wählte zweimal die 116, als das Telefon auf Struves Schreibtisch klingelte. Radegast legte den Hörer wieder auf und machte sich lang, um das andere Telefon zu erreichen.

»Kriminalpolizei Stralsund, Radegast.«

»Moin, Kollege. Färber aus Greifswald. Ist Annekatrin Struve zu sprechen?«

»Nee«, sagte Radegast, »im Moment nicht. Soll ich was ausrichten?«

Färber zögerte etwas, bevor er fortfuhr.

»Bestell ihr bitte, dass Roland Schiller wieder draußen ist. Schiller wie Goethe, dann weiß sie schon. Und liebe Grüße. Tschüss.«

Der Kollege aus Greifswald hatte aufgelegt. Radegast wusste, dass Annekatrin dort vor ihrer Zeit in Stralsund Dienst getan hatte. Aber der Rest war für ihn ein einziges Fragezeichen. Noch eins.

SECHS

Das Wohnmobil rollte über eine schmale Landstraße. Obwohl es ein strahlend blauer, heißer Sommertag war, lag die Fahrbahn fast vollständig im Schatten. Die Bäume rechts und links der Straße waren so groß und standen so dicht, dass ihre Kronen sich berührten. Zuhause in Korea hatte Danbi so etwas nie gesehen. Sie lehnte sich zurück und genoss den Blick zwischen den Bäumen hindurch auf Wiesen und Felder. Vorhin auf der hohen Brücke hatte sie das Meer gesehen, wunderbar blau, an den Rändern fast türkis. Aber hier unter den Bäumen gefiel ihr diese Insel noch besser. Das Smartphone in ihrer Hand gab ein Pling von sich. Danbi steckte es nach einem kurzen Blick auf das Display weg. Eigentlich sollte sie ihre Mails und Nachrichten beantworten. Die meisten davon kamen wie eben die SMS nach wie vor von ihren Schulfreundinnen oder Verwandten. Aber Korea war so weit weg. Für sie jetzt zu weit. Sie schaute lieber aus dem Fenster. Diese Insel Rügen mochte sie schon jetzt sehr.

Als sie über die Brücke gefahren waren, hatte Niklas ihr einige Geldscheine nach hinten gereicht. Ihr Anteil vom Wochenmarkt in dieser Stadt mit den roten Ziegelhäusern, deren Namen sie sich nicht gemerkt hatte. Niklas und Marvin waren zufrieden mit ihrem spontanen Abstecher. Sie hatte das Geld weggesteckt, ohne es zu zählen. Danbi war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Finanzielle Sorgen hatte sie nie kennengelernt. Ihr Vater war in ihrer Heimat ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Er hatte einen Vertrieb für elektrische Haushaltsgeräte aufgebaut, zunächst nur in Seoul. Inzwischen verkaufte er sie in ganz Südkorea. Er vertrat die Überzeugung, dass die Mixer, Geschirrspüler und Gefrierkombinationen aus Deutschland konkurrenzlos wären, die besten weltweit. Und Danbis Mutter, die als passionierte Hausfrau in der Lage war, das ebenfalls zu beurteilen, teilte seine Ansicht. So hatte es für die Eltern nahegelegen, ihr einziges Kind in Seoul auf eine Höhere Schule zu schicken, an der auch Deutsch unterrichtet wurde.

Zuerst hatte Danbi sich damit schwergetan. Aber dann, mithilfe von Gesine Hartung, einer Austauschlehrerin aus Hannover, hatte sie sich in die deutsche Literatur und Sprache verliebt: Emilia Galotti, das Käthchen von Heilbronn, die Marquise von O …. Gesine Hartung hatte Danbi gezeigt, dass diese Frauenfiguren sehr viel mit ihr und ihrem Leben zu tun hatten. Und Danbi hatte sich ihnen verbunden gefühlt.

Erst nach der Schulzeit, als Danbi mit einer Freundin das Gastspiel einer brasilianischen Theatergruppe besucht hatte, war ihr von einem Moment auf den nächsten klargeworden, dass es ihre Aufgabe wäre, die Heldinnen ihrer Schulzeit auf der Bühne darzustellen. Auf einer deutschen Bühne. Nach einer kurzen und heftigen Diskussion war die Mutter bereit gewesen, die Tochter ziehen zu lassen. Und ihr Vater hatte ihr einen Deutschkurs für Fortgeschrittene in Freiburg finanziert, bei dem sie scheiterte, dann noch einen, diesmal den für Anfänger. Auf der privaten Schauspielschule, die sich daran anschloss, wurde seiner Tochter dann erklärt, dass es kaum deutsche Theater geben würde, die Verwendung für eine Emilia Galotti mit koreanischen Gesichtszügen hatten. Das konnte Danbi sich allerdings nicht eingestehen. Und ihren Eltern schon gar nicht.

Als Aushilfskellnerin mit demnächst ablaufendem Visum in einer Freiburger Studentenkneipe war sie Niklas Lenz begegnet. Fast 30 Jahre älter und fast 20 Zentimeter kleiner, dafür aber 20 Kilo schwerer als sie, machte er ihr nach einer kurzen Kennenlernphase ein Jobangebot. Niklas und Marvin Lenz wollten in einem Wohnmobil durch Deutschland reisen und arglosen Passanten ihre Geldbörsen und Portemonnaies aus Jacken- und Gesäßtaschen ziehen. Genaugenommen wäre es Niklas, der zieht und das Erbeutete sofort an Marvin übergibt. Der hätte es dann so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu bringen. Bambis Aufgabe würde es sein, auf ein Signal von Niklas hin das ins Auge gefasste Opfer abzulenken. Oder im Fall von Entdeckung für Verwirrung zu sorgen, bis Marvin und Niklas in Sicherheit wären. Weil bei diesem Job ihre schauspielerischen Fähigkeiten gefragt waren, hatte Bambi das Engagement angenommen. Ihren Eltern, mit denen sie mindestens zweimal die Woche skypte, hatte sie erzählt, sie sei nun auf Tournee. Mit den »Räubern«.

»Rechts. Rechts geht’s nach Binz.«

Ein abruptes Bremsmanöver und ein Wortwechsel vorne zwischen den Brüdern rissen Danbi aus ihren Gedanken.

»Das Navi sagt aber geradeaus«, murrte Marvin. »Wir wollen nicht nach Binz, sondern nach Prora.«

»Das ist dasselbe«, sagte Niklas. »Und unser Beachvolleyball-Turnier ist in Binz.«

»Aber der nächste Stellplatz für das Wohnmobil ist in Prora. Den habe ich reserviert und ins Navi eingegeben.«

Niklas schwieg. Und Marvin fuhr weiter, geradeaus dem Navi nach.

Wenn es möglich war, hielt Danbi sich aus den Gesprächen der beiden raus. Manchmal verstand sie sowieso nur halb, worum es ging. Und außerdem legten Marvin und Niklas auch wenig Wert auf ihre Ansichten. Immerhin hatte sie jetzt erfahren, dass sie zu einem Beachvolleyball-Turnier fuhren. Das gefiel ihr. Da war es wahrscheinlich ganz interessant, interessanter als auf einem Wochenmarkt in der Stadt, deren Namen sie sich nicht gemerkt hatte.

SIEBEN

Fabian Radegast beugte sich über die Papiere, die er gerade aus der Unterschriftenmappe gezogen hatte. Kaum zu glauben, der Papierkram, mit dem er sich als Dienststellenleiter herumzuplagen hatte. Er stieß auf einen Urlaubsantrag von Hella Binder. Wieso hatte sie ihm nichts davon gesagt? Aber sie hatte ja einen besseren Überblick über die Dienstpläne als er. Also würde das vermutlich seine Richtigkeit haben. Radegast setze seine Unterschrift unter den Antrag, als hinter ihm die Tür aufging. Annekatrin Struve kam herein, warf ihr dickes Notizbuch, das mit eingelegten Zetteln gespickt war, auf den Schreibtisch und schaltete ihren Rechner ein.

»Diesmal haben sie die Geldkassette aus dem Automaten gekriegt«, sagte sie und stand auf. »Die Bank rechnet gerade aus, wieviel noch drin war. Und die Spurensicherung hat ein Überwachungsvideo aufgetan, auf dem möglicherweise das Täterfahrzeug drauf ist. Willst du es sehen?«

»Später«, sagte Radegast.

Struve ging um ihren Schreibtischstuhl herum und entdeckte Radegasts Wochenmarkteinkäufe, die neben seinem Schreibtisch standen.

»Oh. Etwa für mich?«

»Nee«, entgegnete Radegast, während Annekatrin sich wieder vor ihren Bildschirm setzte.

»Aber sagt dir der Name Schiller was? Robert Schiller?«

»Roland Schiller, klar«, sie hielt einen Moment inne, »haben sie ihn entlassen?«

»Ja, scheint so«, sagte Radegast. »Der Kollege Färber aus Greifswald hat vorhin angerufen. Ich soll es dir ausrichten.«

»Danke.«

Sie begann auf ihrer Tastatur zu tippen.

Radegast wusste, dass dies keine Unfreundlichkeit von ihr war, sondern ein Zeichen höchster Anspannung und Konzentration. Wahrscheinlich wollte sie die morgendliche Verspätung wieder aufholen. Oder tat sie nur so?

Er stand auf und stellte sich an die Fensterbank neben den Schreibtischen. Sein Lieblingsplatz, wenn es um Diskussionen oder den Austausch wichtiger Informationen ging.

Alle wussten das, natürlich auch Annekatrin Struve. Also hörte sie auf zu tippen und schaute ihn an. Sie ist wirklich blass, dachte Radegast, und sie hat Ringe unter den Augen.

»Was war denn mit diesem Schiller?«

Sie rollte mit ihrem Stuhl etwas zurück.

»Er hat einen Juwelier in Greifswald überfallen. Vor ungefähr fünf Jahren. Kurz vor Feierabend ist er reingekommen, hat den Ladeninhaber mit einem Beil bedroht, die Auslagen und Vitrinen zerschlagen, teure Uhren und Schmuckstücke in einen Beutel gestopft und ist verschwunden. Die alarmierten Kollegen mussten sich als erstes um den Juwelier kümmern. Herzinfarkt aufgrund der Aufregung. Zwei oder drei Tage später ist er leider verstorben.«

Struve machte eine Pause, wie um sich zu erinnern.

»Aber du hast Schiller gefunden und überführt.«

Radegast versuchte, ihren Bericht wieder in Gang zu setzen Struve nickte.

»Schiller kam von Rügen. Aus Zirkow. Er hatte da ein kleines Bauunternehmen, das wohl nicht besonders lief. Jedenfalls gab es Schulden. Wir sind ihm über das Beil, das er am Tatort zurückgelassen hatte, auf die Spur gekommen. Da stand der Name seiner Firma drauf.«

»Nicht sonderlich professionell.«

»Eben. Schiller ist kein Profi. Er war ziemlich naiv. Kurz nach dem Überfall konnte er plötzlich einen Teil seiner Schulden bezahlen. In der ersten Vernehmung hat er ausgesagt, er wäre in Bad Zwischenahn in der Spielbank gewesen und hätte gewonnen. Glaubst du an solche Zufälle? Ich nicht.«

»Aber du hast das natürlich überprüft.«

»Soweit das möglich war, ja«, nickte Struve. »Schiller war tatsächlich in der Spielbank. Aber für seine angebliche Glückssträhne gab es keine Zeugen. Und von der Spielbank selbst kriegst du über Gewinne oder Verluste ja keine Auskunft.«

»Wenn ihm das klar war, wäre das ein ziemlich geschicktes Alibi«, fand Radegast. »Dann wäre er alles andere als naiv. In dem Fall hätte er die Sache ordentlich durchgeplant.«

Annekatrin Struve schüttelte den Kopf.

»Schiller ist kein Planer. Sein Überfall war eine Schnapsidee.«

»Die einen Juwelier das Leben gekostet hat.«

»Und Roland Schiller ein paar Jahre seines Lebens, plus seine Firma und auch seine Ehe. Im Grunde ist er ein armer Kerl. Ich habe versucht, ihm Brücken zu bauen: wie ein Geständnis sich positiv auf das Strafmaß auswirken würde und so weiter. Aber er hat nicht gestanden. Im Prozess habe ich dann meine Ermittlungsergebnisse vorgetragen. Die Staatsanwaltschaft hat sie sich zu eigen gemacht, und das Gericht ist der Argumentation des Staatsanwalts gefolgt. Ganz einfach – vier Jahre.«

»Dann hat er jetzt vermutlich etwas Nachlass wegen guter Führung bekommen.«

»Ich gönn’s ihm«, sagte Struve. »Auch wenn er mich umbringen wollte.«

»Wann?« fragte Radegast. Er hatte von Anfang an geahnt, dass Struves Geschichte ein dickes Ende hatte.

»Nach der Urteilsverkündung im Gerichtssaal. Er hat getobt.«

Struve lächelte.

»Ich übersetze jetzt mal: Sobald er raus sei, werde er mich persönlich zur Rechenschaft ziehen.«

Radegast schüttelte den Kopf.

»Eine explizite Drohung. Und du findest das offenbar lustig.«

»Ach, Fabian, du kennst Schiller nicht. Das war seine Wut über das Urteil, seine Enttäuschung. Er könnte so was gar nicht. Selbst wenn er wollte.«

»Ich werde es nicht darauf ankommen lassen, dass er dir das Gegenteil beweist«, erklärte Radegast.

»Aye, aye, Sir. Aber was heißt das jetzt konkret? Habe ich Hausarrest, oder kriege ich Personenschutz?«

Jetzt musste Radegast lächeln.

»Sei einfach vorsichtig. Und lass es einen von uns wissen, bevor du irgendwo allein hingehst.«

»Ja«, sagte Struve, schaltete ihren Rechner aus und stand auf. »Ich gehe jetzt runter zum Bäcker und hole mir ein belegtes Brötchen. Ich bin heute früh mit leerem Magen aus dem Haus. Kommst du mit?«

Zehn Minuten später gingen beide über den Fußgängersteg zum Hafengelände. Der Bäcker in der Fußgängerzone war von einer Schülergruppe auf Klassenfahrt umlagert gewesen. Und sie hatte plötzlich sowieso mehr Appetit auf ein Fischbrötchen.

»Übrigens«, sagte sie zu Radegast, »danke noch mal, dass du heute Morgen für mich eingesprungen bist.«

Und weil Radegast schwieg, hängte sie noch so etwas wie eine Erklärung an.

»Ich hatte einen Termin, der länger gedauert hat. Länger als erwartet.«

Radegast sah sie von der Seite an.

»Einen Termin? Morgens um halb acht?«

Annekatrin schaute weiter geradeaus, vorbei am Ozeaneum, über das Hafenbecken weit in Richtung Rügen.

»Mein Termin war um 6.15 Uhr. Wir dachten, ich bin rechtzeitig fertig.«

Radegast hatte den Eindruck, als wenn sie dabei war, ihre gewohnte Selbstsicherheit zu verlieren. Ihr angestrengter Blick, ihre Kopfhaltung, das leichte Zögern in ihrer Stimme, das kannte er kaum an ihr. Automatisch fragte er sich, ob er wegen einer unbedacht gemachten Bemerkung dafür verantwortlich war. Gerade als er sie fragen wollte, drehte sie den Kopf und sah ihn an. Trotzig und selbstbewusst.

»Ich war heute Morgen in Greifswald, in der Uniklinik. Höchstwahrscheinlich ist es nichts Ernstes. Aber bevor das feststeht, wäre es nett, wenn du es für dich behältst. Ich möchte jetzt nicht …«

Sie ließ den Satz in der Schwebe, ihre ungewohnte Unsicherheit war jetzt offensichtlich.

Fabian Radegast war stehengeblieben, Annekatrin Struve auch. Er machte einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm.

»Du kannst dich auf mich verlassen«, sagte er leise in das dunkle Gewuschel ihrer Haare.

»Ja, ich weiß, danke.«

Sie machte einen Schritt zurück und lächelte Radegast tapfer an.

»Bei der letzten Vorsorgeuntersuchung hat meine Hausärztin etwas an meiner Lunge gefunden. Und die Laborwerte waren auch nicht ganz in Ordnung. Also hat sie mich zum Röntgen geschickt, weil ich im Frühjahr diesen hartnäckigen Husten hatte. Die Bilder waren aber nicht eindeutig.«

Annekatrin zögerte erneut, bevor sie weiterredete.

»Das heißt, sie haben nur nicht eindeutig gezeigt, dass da nichts ist. Also hat meine Ärztin mich zum CT geschickt. Und Dampf gemacht. Normalerweise wartest du mindestens vier Wochen auf einen Termin. Aber sie kennt einen Spezialisten an der Uniklinik in Greifswald, und der hatte extra für uns einen blockiert. Den heute früh um 6.15 Uhr. Aber als wir ankamen, gab es irgendeinen Notfallpatienten. Und als ihr dann angerufen habt, lag ich noch in der Röhre. Keine Chance zu telefonieren.«

Annekatrin Struve setzte versuchsweise noch einmal ihr trotziges Lächeln auf.

»Und …«, sagte Radegast und musste sich erst einmal räuspern, »und was ist dabei rausgekommen?«

»Noch nichts. Ergebnisse gibt es frühestens am Freitag. Eventuell muss ich dann auch noch mal hin.« Sie machte eine Pause. »Tut mir leid. Wahrscheinlich hätte ich vorher mit dir darüber reden sollen.«

»Quatsch«, sagte Radegast. »Hör bitte auf, dir Vorwürfe zu machen.«

Sie waren am Stand mit den Fischbrötchen angekommen. Annekatrin bestellte sich eins mit Makrele, Radegast schloss sich an.

ACHT

Roland Schiller war wütend. Er riss sämtliche Fenster auf und hakte sie fest. Sein Haus roch wie ein Sack ungewaschener Socken. Oder wie angefaulte Kartoffeln. Dabei hatten Gärbers von nebenan versprochen, sich um sein Haus und seine Sachen zu kümmern, während seiner Abwesenheit. Eben war er drüben gewesen, um sein Auto zurückzuholen. Da hatte Egon Gärber ihm mit den Autoschlüsseln eine Rechnung über 1700 Euro hingeschoben. Der Volvo hätte im März ja zum TÜV gemusst, und das seien die notwendigen Reparaturkosten gewesen. Schiller hatte erst mal nach Luft geschnappt. Nicht bloß wegen der Summe. Obwohl, das auch. Aber mehr noch wegen Egons Dreistigkeit. Und weil Vera da so hinter ihm gestanden und Egon den Rücken gestärkt hatte.

Ich meine, das ist doch eigentlich unglaublich, sagte sich Roland Schiller jetzt. Er dachte die Sätze, die ihm vorhin nicht eingefallen waren. Die nutzen jahrelang meinen Wagen für lau, und dann sowas. Von wegen ein Gefallen unter Nachbarn. Hyänen sind das. Und dann kriegen sie es nicht mal fertig, ab und zu mein Haus durchzulüften. Wer weiß, was die hier veranstaltet haben, während ich nicht da war? Aber damit ist jetzt Schluss. Endgültig.

Schiller verließ das Haus und ging in den Garten. Hier hatten die Gärbers auch nichts gemacht. Überhaupt nichts. Er riss ein paar vertrocknete Ranken aus seinen Tomaten und stach sich an einer der Disteln, die sich überall breitgemacht hatten. Er warf die Ranken zurück auf die Tomaten. So wurde das nichts. Das musste man mit System machen. Und mit Arbeitshandschuhen. Roland Schiller ging rüber zu seinem Schuppen, in dem die Gerätschaften seiner alten Baufirma lagerten. Hier mussten auch Arbeitshandschuhe sein. Als erstes fiel ihm ein alter Waschmittelkarton in die Hände, noch halbvoll. Das Zeug war etwas klumpig, aber wohl noch gut. Wahrscheinlich hatte das seine Ex-Frau dagelassen, bevor sie ausgezogen war. Jetzt konnte er wenigstens die Bettwäsche in die Maschine stecken und musste nicht in dem muffigen Zeug schlafen. Er nahm den Karton und ging über den Hof ins Haus zurück. Am oberen Ende der Kellertreppe blieb er stehen und wischte sich den Schweiß ab. Der größte Unterschied zwischen der JVA und der Freiheit waren nicht die abgeschlossenen Türen. Der Unterschied war, dass man in der JVA immer wusste, was gerade Sache war. Und was als nächstes kam. Aber hier? Garten, Waschmaschine, Lüften, das Auto – alles gleichzeitig und alles gleich wichtig. Plötzlich fiel ihm wieder der Traum von heute früh ein. Helga, das tote Schaf. Er hatte nie ein Schaf gehabt. Und warum ausgerechnet Helga? Er kannte gar keine Helga, jedenfalls erinnerte er sich an keine. Ein heftiger Windstoß schlug die Tür hinter Schiller zu. Er drehte sich um, machte sie wieder auf und sicherte sie mit einem Ziegelstein. Unwichtig waren die offenen Türen für ihn auch nicht. Er stieg die Treppe runter und bestückte seine Waschmaschine.

Als Roland Schiller aus dem Keller wieder hochkam, bekam er einen Schreck. Eine Frau stand reglos in der offenen Tür zum Hof. Wegen des Gegenlichts konnte er ihr Gesicht nicht erkennen.

»Sie müssen Schiller sein«, sagte die Frau. Ihre Stimme hatte einen leichten Akzent, den Schiller nicht gleich zuordnen konnte.

»Ja«, sagte er, während er die letzte Treppenstufe nahm. »Roland Schiller, ich bin gerade …«

»Ich weiß«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich bin Michaela. Frau Harms.«

»Ach«, sagte Schiller, »ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet. Jedenfalls nicht so schnell. Ich bin noch nicht dazu gekommen, Ihr Zimmer fertig zu machen.«

Michaela Harms, immer noch im Gegenlicht, schaute in Richtung Wohnzimmer und dann die Treppe hoch.

»Sie müssen sich keine Umstände machen«, erklärte sie schließlich. »Ich wohne im Hotel.«

»Ach so«, sagte Schiller, »in welchem denn?«

»In einem, das Sie mir empfehlen werden.«

Roland Schiller spürte, dass hier etwas schiefzulaufen drohte. Die Frau, deren Gesicht immer noch im Schatten war, behandelte ihn nicht gerade wie einen gleichberechtigten Partner. Was sie doch immerhin waren. Oder nicht?

»Wie wäre es«, sagte Schiller, »wenn wir erst mal einen Begrüßungsschluck nehmen, draußen im Garten?«

»Gut«, sagte sie und drehte sich um.

»Haben Sie Aperol Spritz?«

»Ich fürchte nicht«, erklärte Schiller, während er ihr durch den Hof in den Garten folgte.

»Ich habe Dosenbier. Und Rum. Und etwas Cognac müsste auch noch da sein.«

Jetzt konnte er Michaela Harms wenigstens ansehen. Eine zierliche, fast mädchenhafte Blondine. Sie trug eine kurze, schwarze Lederjacke über einem weißen Sommerkleid, eine Handtasche hing über der linken Schulter, und mit der rechten Hand zog sie einen kleinen Rollkoffer. Das alles sah nicht eben billig aus. Sein Freund Oliver musste wirklich gutes Geld gemacht haben, als er noch draußen war.

»Dann entscheide ich mich wohl für den Cognac«, sagte Michaela Harms nach einer angemessenen Bedenkzeit und drehte sich um.

Schiller schaute ihr ins Gesicht. Sie war älter, älter, als ihre Aufmachung vermuten ließ, sicher auch älter als Oliver Harms. Und damit auch älter als er selbst. Und dann war da noch was. Schiller vermutete, dass Michaela Harms der Natur mit Hilfe der Kosmetik ein Schnippchen hatte schlagen wollen. Und dass dies nicht mehr funktionierte. Sie stand vor seinem Gartentisch und strich sich mit der rechten Hand eine lange blonde Strähne aus der Stirn. Ihre Finger, mit mehreren schweren Ringen besetzt, zitterten. War sie jetzt doch etwas nervös? Das hätte Schiller etwas beruhigt. Aber ihre nächste Frage kam wieder hart und direkt.

»Also«, sagte sie, »was ist mit meinem Cognac?«

»Kommt«, sagte Schiller. »Bitte, setzen Sie sich.«

Er ging ins Haus. Und als er zurückkam, mit zwei Bierdosen in der Hand, stand sie immer noch neben dem Gartentisch. Der war ziemlich verdreckt, sah Schiller jetzt. Genau wie die Stühle.

»Leider kein Cognac mehr da. Auch kein Rum. Die Leute von nebenan, die auf mein Haus aufgepasst haben, während ich … während ich weg war.«

»Schiller«, sagte sie mit einem trockenen Lachen. »Während Sie weg waren! Sie waren nicht weg, Sie waren bloß im Knast.«

Dann schüttelte sie den Kopf zu dem angebotenen Bier.

»Wir kümmern uns lieber um mein Hotel. Bestimmt gibt’s da auch eine Bar.«

Michaela Harms schulterte ihre Handtasche und ging auf den Volvo zu, der in der Einfahrt stand. Den kleinen Rollkoffer überließ sie ihm.

Einen kurzen Moment überlegte Schiller, ob es an ihm lag, dass die Frauen ihn so behandelten: die Polizistin, seine Ex, Vera Gräber und jetzt Michaela Harms. Mit Oliver hatte es solche Probleme nie gegeben.

NEUN

Niklas Lenz war ausgestiegen und dirigierte das Wohnmobil mit großen Armschwüngen auf den Standplatz der Wohnmobil-Oase Prora, den man ihnen zugewiesen hatte. Marvin hinter dem Steuer schaute beim Rückwärtsfahren in die Außenspiegel, mal rechts, mal links.

»Wink du nur. Ich fahre so, wie ich will«, sagte er zu seinem Bruder, der ihn wegen der geschlossenen Fenster aber nicht hörte. Was gut war, wie Danbi fand. Sie konnte es nicht leiden, wenn die beiden stritten. Sie blickte durch das Heckfenster: Ein großer, teilweise asphaltierter Platz, begrenzt von einem kleinen Wäldchen, sonst nichts als Campingfahrzeuge. Marvin Lenz stellte den Motor ab, zog die Handbremse und stieg aus, um das Bordnetz des Wohnmobils mit dem Platzstrom zu verbinden. Von der Beifahrerseite stieg Niklas Lenz wieder ein, kletterte auf seinen Sitz und drehte sich zu Danbi um. Sie wusste, was jetzt folgte, und kam ihm zuvor.

»Uhrvergleich«, lächelte sie und warf einen Blick auf das Display ihres Smartphones. »13 Uhr, 43 Minute.«

»Es heißt Minuten und Uhrenvergleich«, korrigierte Niklas. »Und bei mir ist es fünfundvierzig.«

»Minuten«, sagte Danbi.

»Okay.«

Niklas seufzte.

Marvin hatte alle Leitungen angeschlossen, kam zurück und schaute seinen Bruder erwartungsvoll an.

»Treffpunkt 16 Uhr exakt am Beachvolleyball-Stadion. Bambi geht zu Fuß, du nimmst den Bus, und ich gönne mir ein Taxi«, erklärte Niklas Lenz.

»Nein, ich auch Bus«, protestierte Danbi.

»Hör zu, Kleines«, sagte Marvin geduldig und blickte zu ihr hoch, »wenn wir arbeiten, dann kennen wir uns nicht, dann sprechen wir uns nicht und lassen uns auch nicht zusammen blicken.«

»Ich habe verstanden«, erklärte Danbi. »Aber vielleicht andere Bus? Nicht deiner.«

»Ende der Diskussion«, sagte Niklas. »Du läufst. Damit du was von Deutschland siehst.«

Er drehte sich zu seinem Bruder um.

»Steig aus. Sie will sich umziehen.«

Die Lenz-Brüder verließen das Wohnmobil, und Danbi zog rundherum die Vorhänge zu. Dann öffnete sie den eingebauten Schrank, in dem ihre Garderobe hing. Niklas und Marvin lebten zum Glück aus ihren Koffern, für deren Sachen wäre hier wirklich nicht genug Platz gewesen.

Danbi wählte ihre Arbeitskleidung für den heutigen Tag aus und legte sie zurecht: Das helle Strandkleid mit den lachsfarbenen Punkten und dem roten Lackgürtel, die roten Bastpumps mit den Plateausohlen, der breitrandige Strohhut mit dem Band, das genau die gleiche Farbe wie die Schuhe und der Gürtel hatte. Sonnenbrille und fertig. Leider besaß sie keine Tasche, die dazu passte. Aber mehr als ihr Telefon wollte sie ja auch nicht mitnehmen.

In der Enge des Wohnmobils schälte sie sich aus Jeans und T-Shirt und streifte das Kleid über. Anschließend beugte sie sich in die Nasszelle und schminkte ihre Lippen, erst mit dem roten Konturstift, dann mit dem Lippenstift. Sie schickte ihrem Bild im Spiegel einen Kussmund, mehr war wirklich nicht nötig.

Sie setzte sich in die offene Tür des Wohnmobils, um die Pumps anzuziehen. Niklas kam um das Heck des Wohnmobils herum.

»Hör zu, Mädchen, du läufst da runter bis zum Strand«, er zeigte über eine Gruppe von Kiefern hinweg, »dort hältst du dich rechts, bis du zur Seebrücke von Binz kommst.«

»Binz«, sagte Danbi probeweise, während sie den zweiten Schuh anzog.

»Richtig«, sagte Niklas Lenz. »Du hast alle Zeit der Welt. Aber sei pünktlich. 16 Uhr.«

Danbi nickte und machte sich auf den Weg.

Zehn Minuten später suchte sie immer noch das Meer. Vor fünf Minuten war sie auf ein langes, fünf- oder sechsstöckiges Gebäude gestoßen, das ihr den Weg versperrte. Jetzt lief sie immer noch an dem langen grauen Haus entlang, auf der Suche nach dem Strand.

Die deutsche Ostseeküste hatte sie sich anders vorgestellt. Dieses Gebäude erinnerte sie an ein Foto aus Nordkorea, das sie als Kind zusammen mit ihrem Vater in der Zeitung gesehen hatte. »So wollen wir niemals leben müssen«, hatte der Vater ihr angesichts des Bildes erklärt, »wie unsere armen Landsleute im Norden.« Danbi hatte ihm voller Überzeugung zugestimmt.

Dann plötzlich war das eine Gebäude zu Ende, und das nächste, das fast genauso aussah, begann. Aber zwischen beiden Häusern tat sich ein Durchgang auf, durch den Danbi den blauen Himmel über einem noch blaueren Meer sehen konnte. Wie von einer magischen Hand gezogen, ging sie hindurch. Sie zog die Bastpumps aus, setzte die Füße in den angenehm warmen Sand und lief zum Meer hinunter. Als sie das Wasser erreicht hatte und ihre Zehen von einer kleinen Welle umspült wurden, zuckte sie zurück. Die Ostsee war kühl. Aber nach ein paar Schritten hatte sie sich schon daran gewöhnt. Sie hob den Kopf, um nach der Seebrücke von Binz Ausschau zu halten. Aber sie sah weiter vorne nur viele Menschen, die am Strand lagen, ins Wasser gingen oder vom Schwimmen zurückkamen.

›Binz‹ sagte Danbi noch einmal vor sich hin. Wahrscheinlich würde sie doch jemanden nach dem Weg fragen müssen.

Danbi ging weiter am Saum des Meeres entlang. Es roch nach Seetang, Salz und Sonnenöl. Die Mittagssonne brannte auf ihr Kleid, sie war froh, dass sie den Hut hatte. Vielleicht, überlegte sie, sollte sie sich einen Badeanzug kaufen und später auch kurz ins Wasser gehen. Plötzlich und ohne Vorwarnung sprangen rechts von ihr ein paar Menschen hinter einer aufgestellten Stoffbahn hervor und stürmten auf sie zu. Drei Männer und zwei Frauen. Alle braungebrannt. Und nackt. Danbi blieb wie angewurzelt stehen. Die Gruppe teilte sich, lief an ihr vorbei und stürzte sich ins Wasser. Mit großem Spritzen und Lachen. Danbi fragte sich, ob das die Menschen aus dem grauen Gebäude waren, so arm, dass sie sich keine Badeanzüge leisten konnten. Aber etwas an dem Gedanken stimmte nicht: Sie wirkten zu fröhlich und hatten auch nicht mager ausgesehen. Einer der Männer hatte sogar richtige Speckrollen auf den Hüften. Und eine Goldkette um den Hals. Sonst trug er nichts, aber eine schwere Goldkette.

Im Weitergehen stellte Danbi fest, dass das eben nicht die einzige Gruppe war, die keine Badeanzüge besaß. Am Strand und im Wasser entdeckte sie immer mehr Menschen, die nichts anhatten. Man musste nur genau hinschauen. Also würde sie vielleicht auch keinen Badeanzug kaufen müssen. Aber bevor sie das zu Ende gedacht hatte, schüttelte sie schon den Kopf. Sie, ohne alles? Wo andere Menschen sie sehen konnten? Ausgeschlossen!

Ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, baute sich ein Herr vor Danbi auf. Sie blieb irritiert stehen und starrte ihn an. Er war alt, zwischen 50 und 60, und zu ihrer Erleichterung vollständig bekleidet: eine dunkle Stoffhose, ein weißes Hemd und eine weiße Mütze mit einem schwarzen Schirm, der oben in der Mitte einen goldenen Anker trug. Polizei war Danbis erster Gedanke. Der Mann machte zwar ein fröhliches Gesicht, aber das war manchmal so bei den deutschen Beamten. Jetzt zwinkerte er ihr aber sogar zu.

»Na, mien Deern?«

Danbi hatte nicht die leiseste Idee, was der Mann wollte. Um Zeit zu gewinnen, wiederholte sie seine Worte so gut es ihr gelang.

»Namiendeern!«

Der Mann schaute von unten zu ihr hoch. Erst misstrauisch, dann fing er an zu lachen.

»Oha. Ganz ’ne plietsche.«

Er drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.

»Awer du hes nix begriepen, nüch?«

Danbi fühlte sich unbehaglich. Sie machte einen Schritt zur Seite.

»Entschuldigung. Ich muss Arbeit.«

»Na, denn man tau«, sagte der Mann und schaute Danbi hinterher. »Dat beste iss ümmer, secht Jochn Brümmer, sick an de eegn Nääs to fatn und anner Lüd in Ruh to latn!«

Etwa hundert Meter weiter entdeckte Danbi einen befestigten Weg oberhalb des Strandes. Sie ging hoch und fand eine Bank, auf die sie sich setzte, um ihre Beine zu entsanden. Dann zog sie die Pumps mit den hohen Sohlen an, die sie die ganze Zeit in der Hand getragen hatte. Als sie aufstand, fühlte sie sich wie ein anderer Mensch. Es war wie auf einer dunklen Theaterbühne, wenn dich das Spotlight einfängt. Und dir dann folgt. Ihr Spotlight waren die Blicke der anderen Menschen auf der Promenade. Danbi wusste, dass sie nicht ihr galten, sondern Bambi. Bambi war die Rolle, die sie jetzt spielte. Sie setzte sich in Bewegung und genoss ihren Auftritt.

Rechts der Promenade eine Häuserreihe, die meisten Gebäude schienen Hotels, Pensionen oder Restaurants zu sein; links, hinter einem schmalen Streifen mit Grün und ein paar Kiefern, der Strand mit badenden, ballspielenden und strandkorbdösenden Menschen. Und auf dem Weg Männer, Frauen und Kinder mit angeleinten Hunden, die ihr entgegenkamen. Es brauchte einige Zeit, bis Danbi klar wurde, was so ungewöhnlich an dieser Szenerie war: Die Leute auf der Promenade hatten Zeit. Und sie waren alle freundlich und rücksichtsvoll. Selbst die Fahrradfahrer schoben ihre Räder, und wenn es an einer Stelle eng zu werden drohte, blieben sie stehen und ließen anderen den Vortritt. Sie hatte so etwas noch nie gesehen, seit sie in Deutschland war. Aber es kam ihr sehr entgegen. Inzwischen war sie richtig froh, dass Niklas sie auf diesen Fußweg geschickt hatte.

Danbi ließ sich treiben, in ihrem Kopf ein Ohrwurm von Bangtan Sonyeondan, den sie seit dem Morgen nicht loswurde. Also summte sie ihn mit: Oh my my my, oh my my my, Love is nothing stronger than a boy with luv.

Da plötzlich, zehn Meter vor ihr am Rande ihres Gesichtsfelds, tauchte sie auf. Die Tasche. Danbis Blick war gefesselt. Eine Gucci-Handtasche, Straußenleder in Blassrosa am Arm einer Blondine, die mit einem Mann an einem Stehtisch vor einer Open-Air-Bar stand. Beide schauten auf ein großes Glitzersmartphone. Und plötzlich stellte die Frau die Tasche auf den Hocker neben sich, griff nach ihrem leeren Glas und ging damit zum Tresen. Der Mann schaute ihr kurz hinterher, dann wieder auf das Smartphone.

Danbis Herz ging schneller. Eine Familie mit Kinderkarre und Dreirad kam ihr entgegen, sodass sie nach rechts ausweichen musste. Der Hocker mit der Tasche stand Danbi jetzt praktisch im Weg. Im Vorbeigehen führte sie den rechten Unterarm durch die hohen Griffe. Die Tasche schmiegte sich wie selbstverständlich an ihre Hüfte. Danbis Herz schlug nun irgendwo unter ihrem Schlüsselbein. Aber sie zwang sich zur Ruhe. Ein paar Meter weiter, im Spiegel neben dem Schaufenster einer Strandboutique, entdeckte sie Bambi. Und sah, wie perfekt die neue Tasche mit ihrem Standkleid, dem Hut und den Pumps harmonierte.

Danbi spürte, dass sich ein dünner Schweißfilm zwischen ihren Schulterblättern gebildet hatte, der jetzt in einem dicken Tropfen abwärts über ihre Wirbelsäule lief. Normalerweise wäre ihr das unangenehm gewesen, aber jetzt empfand sie es als wohltuend und prickelnd. Mit dieser Tasche war sie stark und unantastbar. Und plötzlich, ohne dass sie es selbst merkte, hatte sie doch begonnen zu laufen. Eine Mischung aus Freudentaumel und Flucht, ihr war ja bewusst, dass sie die Blondine bestohlen hatte und dass die sie vermutlich verfolgen würde. Hör auf zu rennen, befahl sie sich, hier rennt keiner außer dir. Aber ihre langen Beine ignorierten die Anordnung. Danbi schaute über ihre Schulter zurück. Und dann knickte sie um.

Danbi saß halb auf dem Boden und halb auf ihrem rechten Bein. Aber das war okay. Das Problem war ihr linker Knöchel. Der tat verdammt weh. Sie streckte die Hand aus, um ihn zu betasten. Aber eine andere Hand kam ihr zuvor. Eine braungebrannte Männerhand, die ihr den Pumps abstreifte. Dann kam eine zweite Hand dazu und beide legten sich um ihr Fußgelenk. Fest und warm.

»Tut das weh?«

»Ja«, sagte Danbi.

Die Stimme passte genau zu den Händen und zu dem Jungengesicht mit den hellblauen Augen, das sich jetzt vor ihres schob.

»Kein Wunder«, sagte die Stimme. »Mit Sicherheit verstaucht. Aber hoffentlich nichts gebrochen.«

»Du Arzt?«, fragte Danbi.

»DLRG-Rettungsschwimmer«, sagte der Junge. »Das ist so ähnlich.«

Danbi sah zu, wie der Junge drei Kinder von einer weißen Bank am Rand der Promenade vertrieb. Dann kam er zurück, half ihr hoch und stützte sie auf dem Weg zur Bank. Danbi bemerkte, dass er kräftig war und etwa genau so groß wie sie. Dass er sehr gut aussah, hatte sie schon vorher registriert.

»Ich bin Moritz«, sagte er. »Da unten arbeite ich.«

Er zeigte auf ein rundes, schilfgedecktes Häuschen unterhalb des Grünzuges.

»Und da drüben wohne ich. In der Jugendherberge.«

»Ich bin Danbi«, sagte Danbi. »Ich bin Schauspielerin.«

»Okay, Danbi. Kannst du auftreten?«

Sie war irritiert: »Vielleicht. Aber ich muss üben für Auftritt. Lernen.«

»Nein«, sagte Moritz. »Ich meine, kannst du den Fuß belasten?«

»Ach so«, lachte Danbi und hielt sich dabei die Hand vor den Mund.

Moritz lachte auch. Dann stand Danbi vorsichtig auf. Der Fuß tat immer noch weh. Also legte Moritz ihr seinen Arm um die Hüfte und stützte sie.

ZEHN

Roland Schiller saß an einem weiß gedeckten Tisch vor der Villa mit Meerblick und studierte die Getränkekarte. Immerhin: Aperol Spritz stand drauf. Nicht eben billig. Aber das war bei Michaela Harms wohl ohnehin nicht zu erwarten. Wer Binz will, muss auch Binz bezahlen. Und die Dame wollte ja gerne nach Binz. Jetzt war sie schon seit einer Viertelstunde in der Villa, nur um ein einfaches Zimmer zu buchen.

Ein Kellner kam an seinen Tisch:

»Darf es schon etwas sein, der Herr?«

Wenn er mit ›Herr‹ angesprochen wurde, reagierte Roland Schiller grundsätzlich erst einmal misstrauisch. Aber der Kellner schien nur seinen freundlichen Tag zu haben. Oder war das so üblich, wegen der Preise hier?

»Zwei Aperol Spritz, bitte«, sagte Schiller.

Der Kellner setzte eine ziemlich blasierte Miene auf und entfernte sich wortlos. Also doch nicht der freundliche Tag.

Drei Minuten später trat Michaela Harms aus der Villa und schaute sich um. Als sie Schiller entdeckt hatte, steuerte sie mit mürrischem Blick auf den Tisch zu. Schiller vermutete, es wäre wegen des Zimmers, daher baute er auf die harmonisierende Wirkung des Kellners, der sich auf der anderen Seite mit den Getränken näherte, das Gesicht ausdruckslos, aber die Augen lächelten jetzt verbindlich.

»Ich fahre ja wohl nicht an die See, um hier wie ein Mauerblümchen im Schatten zu sitzen.«

Michaela Harms funkelte Schiller an. Der suchte nach einer Erwiderung, aber der Kellner kam ihm zuvor.

»Wir haben hier vorne die Baltic Lounge. Da ist um diese Zeit Sonne.«

Der Kellner drehte um und nahm mit seinem Tablett Kurs auf einen hölzernen Rundpavillon am Rand der Strandpromenade. Michaela Harms folgte ihm taschenschlenkernd. Schiller hatte keine Wahl. Er schloss sich den beiden an.

Die Baltic Lounge entpuppte sich als eine Gruppe von vier runden Hochtischen mit hohen Hockern, die den Pavillon flankierten. Michaela entschied sich für den äußersten Tisch, der voll in der Sonne stand, und kletterte auf den Hocker. Während Schiller sich neben sie hievte und der Kellner ihnen die Aperol-Gläser hinstellte, holte Michaela ein übergroßes Smartphone und eine Sonnenbrille aus ihrer Handtasche und legte sie neben ihr Glas. Dabei schaute sie Schiller forschend an. Er fühlte sich etwas unbehaglich unter diesem Blick.

»Und das Zimmer?«, fragte er schließlich, »So weit okay?«

Ihre Antwort war ein Achselzucken. Dann griff sie nach ihrem Glas.

»Also, auf gute Zusammenarbeit.«

»Stimmt, darauf sollten wir trinken«, sagte Schiller. Er griff ebenfalls nach seinem Glas, um mit ihr anzustoßen, aber da klemmte der dicke schwarze Trinkhalm schon zwischen ihren rotgeschminkten Lippen. Schiller konnte sehen, wie der Spiegel der rötlichen Flüssigkeit in ihrem Glas sank. Michaela Harms hatte einen guten Zug. Er selbst nahm erst einmal nur einen Anstandsschluck.

»Zu viel Eis, wie meistens«, sagte Michaela, als sie ihr Glas abstellte und nach ihrem Smartphone griff. »Also: Was hat Oliver Ihnen gesagt?«

»Ich soll Sie ganz herzlich grüßen«, erklärte Schiller. Das mit dem Kuss behielt er lieber erstmal für sich.

»Ich meine, von unserer Sache«, gab sie etwas bissig zurück und nahm noch einen Schluck Aperol.

»Nicht viel«, sagte Schiller. »Man weiß ja nie, in so einer JVA. Da haben die Wände Ohren.«

Das war zwar Quatsch, aber er fand, es klang halbwegs professionell. Und man konnte ja nicht vorsichtig genug sein. Angesichts der Feriengäste, die sich auf der Promenade dicht an ihrem Tisch vorbeischoben, näherte er sein Gesicht dem von Michaela Harms und fing fast an zu flüstern.

»Ich weiß, dass es um ein paar Bilder geht, die in einer Ferienwohnung hängen und nach Celle gebracht werden sollen.«

Während er sprach, wich Michaela etwas zurück. Hatte er Mundgeruch? Schiller nahm noch einen kleinen Schluck Aperol. Michaela Harms griff ebenfalls nach ihrem Glas und hielt ihm mit der linken Hand ihr Smartphone hin.

»Von wegen Ferienwohnung. Das ist eine Residenz. Sie gehört einem Fondsmanager aus Hamburg.«

Das grelle Sonnenlicht brach sich auf dem mit Strass besetzten Smartphone und spiegelte sich auf dem Display. Mit zusammengekniffenen Augen erkannte Schiller das Foto eines blendend weißen, strohgedeckten Hauses.

»Nicht übel«, sagte er. »Und wie kommen wir da rein?«

»Ich habe einen Schlüssel«, erklärte Michaela Harms. »Die nächsten Fotos sind die Gemälde von Neo Rauch. Um die geht es.«

»Aha. Sehr gut«, sagte Schiller und beugte sich wieder zu Michaela Harms hinüber, während sie über das Display wischte. Mit dem Namen des Künstlers konnte er so wenig anfangen wie mit den Abbildungen. Er sah nicht viel mehr als einen dunkelfleckigen Hintergrund, auf dem sich jetzt sein eigenes, sonnenbestrahltes Gesicht spiegelte. Der kurze rote Oberlippen- und Kinnbart, die dünnen Strähnen, die an seiner Stirn klebten, die kleinen, tiefliegenden Augen. Sah er tatsächlich so fertig aus? Die JVA hatte ihn in dreieinhalb Jahren um mindestens zehn Jahre altern lassen. Und alles nur wegen Struve. Annekatrin Struve. Schiller musste die Augen schließen, um den Gedanken an die Polizistin loszuwerden. Als er sie wieder öffnete, entfernte sich Michaela Harms vom Tisch, ihr leeres Aperol-Glas in der Hand.

Schiller beugte sich noch einmal über das Telefon und wischte zurück zu der Aufnahme des weißen Hauses. Das sah tatsächlich nach einem lohnenden Objekt aus. Vielleicht könnte man noch etwas mehr als nur Bilder mitnehmen, wenn man schon mal drin war.

Ein fruchtiger Duft ließ Schiller aufschauen. Er sah eine großgewachsene, schlanke Frau im Sommerkleid die Promenade entlanggehen. Und sofort überfiel ihn eine sehr lange vergessene Sehnsucht nach weiblicher Nähe. Die Frau entfernte sich. Er sah sie leider nur von hinten. Sie ging nicht, sie schritt. Hohe Schuhe, die passende Handtasche, pechschwarze Haare unter einem großen Sonnenhut. Eine Chinesin? In jedem Fall eine Ausnahmeerscheinung unter all den rothäutigen Feriengästen.

Schiller wandte sich wieder dem Smartphone zu, aber das Display hatte sich inzwischen selbsttätig abgeschaltet. Er griff nach seinem Drink und nahm noch einen Schluck. Es schmeckte bitter.

Im nächsten Augenblick war eine Stimme direkt über ihm, jede Silbe extra betont.

»Wo ist meine Tasche?«

Schiller schaute überrascht hoch in das Gesicht von Michaela Harms. Weil er nicht gleich antwortete, wiederholte sie: »Wo ist meine Tasche?« Diesmal schneller, lauter und wie aus einem Guss.

»Ich denke, die hatten Sie …« – weiter kam Schiller nicht.

»Sie blöder Idiot«, keifte sie über ihm, ein neues Glas Aperol Spritz in der Hand.

»Hey, hey«, sagte Schiller und stand auf. »Seit wann bin ich für Ihre Tasche verantwortlich?«

»Ich habe sie hiergelassen. Da auf dem Hocker.«

Roland Schiller versuchte nachzudenken. Aber er kam nicht weiter als bis zu der hübschen Asiatin, die auch eine Tasche gehabt hatte, so ähnlich wie die von Michaela Harms.

»Ich will meine Tasche. Und zwar sofort.«

Michaela Harms sprach jetzt so laut und schrill, dass Leute auf der Strandpromenade stehen blieben und herüberschauten. Auch das Personal im Rundpavillon war aufmerksam geworden. Ihr schien das nichts auszumachen. Es war also an Schiller, die Ruhe wiederherzustellen.

»Ich kann Ihre Aufregung verstehen«, sagte er. »Aber das ist bestimmt nur ein Missverständnis.«

»Gar nichts können Sie! Überhaupt nichts. Sie können mich allerhöchstens …«

Statt einer Fortsetzung der Beschimpfungen landeten jetzt Eiswürfel und klebriger Aperol in Schillers Gesicht. Und rutschten von dort abwärts auf sein Hemd. Das war zu viel. Er holte aus und schlug sie mit der flachen Hand ins Gesicht. Da war sie fürs Erste ruhig.

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221 p. 2 illustrations
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9783356023848
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