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William McIlvanney

Die Suche nach
Tony Veitch

Aus dem Englischenvon Conny Lösch

Verlag Antje Kunstmann

Für Hilda, sie weiß warum

1

FREITAGNACHT, GLASGOW. Die Stadt der starren Blicke. Mickey Ballater stieg an der Central Station aus dem Zug und hatte das Gefühl, nicht in den Norden, sondern in die eigene Vergangenheit gereist zu sein. Als er in die Bahnhofsvorhalle trat, hielt er kurz inne, wie ein Forscher, der sich auf die der Region eigentümliche Fauna besinnt.

Und doch war hier nichts, das einem nicht auch andernorts hätte begegnen können. Vorübergehend fiel es ihm schwer, die Atmosphäre zu fassen. Im Grunde sagen alle Städte dasselbe, nur der Tonfall ist anders. An den von Glasgow musste er sich erst wieder gewöhnen.

Menschen standen in Trauben herum und schauten auf die Tafeln mit den Abfahrtszeiten. Offenbar glaubten sie, ihre Reiseziele allein durch drohende Blicke erscheinen lassen zu können. Auf den Bänken ihm gegenüber fühlten sich zwei Frauen zwischen Einkaufstüten heimisch. Nicht weit davon entfernt führte ein Säufer mit grell orangefarbenem Bart, der so lang war, dass er auch als Bettdecke hätte dienen können, eine hitzige Diskussion mit einem Guinness-Plakat.

»Von denen bekommen Sie nichts, Sir.« Ein kleiner Mann, der stehen geblieben war, um den Säufer zu beobachten, hatte das gesagt. Er war Mitte sechzig, aber sein Gesicht wirkte so schelmisch wie das eines jungen Hundes. »Hab’s letzte Woche auch über eine Stunde lang versucht.« Bevor er weiterging, warf er Mickey noch einen Blick zu. »Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.«

In diesem Augenblick kam Mickey in Glasgow an. Keine anonyme Stadt, sondern eine der Nähe, die trotz der Weitläufigkeit ihrer Elendsviertel so geräumig erschien wie ein Bus in der Rushhour. Erneut verstand er, welche Erwartungen ihn jedes Mal bei seiner Ankunft hier überfielen. Man konnte nie wissen, woher der nächste Einbruch in die eigene Privatsphäre kam.

Er erinnerte sich auch, warum er Birmingham einfacher fand. In Glasgow wimmelte es vor enthusiastischen Amateuren und Sonntagsrowdys. Man bekam ebenso schnell vom Busschaffner eine gescheuert wie von einem stillen Mann in einer Schlange, vor allem nachts. Der Text eines Songs über Glasgow fiel ihm wieder ein:

Going to start a revolution with a powder-keg of booze,

The next or next one that I take is going to light the fuse –

Two drinks from jail, I’m two drinks from jail.

Trotzdem war es gut, wieder zu Hause zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit. Zumal er wusste, dass er mit sehr viel mehr Geld abreisen würde, als er mitgebracht hatte. Nur von Paddy Collins keine Spur.

Er ging zur »Royal Scot Bar« in der Bahnhofshalle und durch die Glastür. Auf den orangefarbenen Plastikschalen, die wohl das waren, was sich irgendein Designer mal unter einem Stuhl vorgestellt hatte, saßen drei oder vier Leute. Sie hatten nichts miteinander zu schaffen und wirkten dabei irgendwie abwesend, wie aus sich selbst vertrieben oder im Übergang zwischen zwei Inkarnationen. Hier herrschte die düstere Unaufgeräumtheit eines Ortes, der niemandem gehört, ein Abfalleimer verschwendeter Zeit.

Aber die Gespräche am Tresen – wo er nicht vergaß, ein Pint »Heavy« und kein »Bitter« zu verlangen – ließen vermuten, dass dies die Stammkneipe nicht weniger war. Die Barfrauen mochten die Erklärung dafür sein. Die eine war jung und hübsch und so bunt geschminkt wie ein Schmetterling. Die andere älter. Früher musste auch sie hübsch gewesen sein. Jetzt war sie besser als das. Dem Aussehen nach musste sie Mitte oder Ende dreißig sein, hatte anscheinend aber keine Zeit verschwendet. Ihre Augen suggerierten, Ali Babas Höhle könne sich dahinter verbergen, vorausgesetzt, man kannte das Passwort und kam den vierzig Dieben zuvor.

Mickey ließ sich sein Bier schmecken und dachte an Paddy. Er hätte hier sein müssen. Kein guter Anfang. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es zu Komplikationen gekommen war, denn die Sache schien so riskant wie ein Überfall auf ein Baby im Kinderwagen.

Ein Mann mit Brille am Tresen war betrunken genug, um sich einzubilden, er habe einen privaten Draht zu der Barfrau mit den Augen. Auf dem Grund seines Glases hatte er magische Kräfte entdeckt, und nun starrte er sie auf eine Weise an, der keine Frau widerstehen konnte. Jedenfalls glaubte er das. »Das ist die Wahrheit«, sagte er. »Wenn ich’s dir doch sag. Du hast die schönsten Augen, die ich je gesehen hab.« Sie blickte stumpf an ihm vorbei und stülpte ein Pintglas über die Spülbürsten. Er hätte genauso gut geniest haben können.

»Ich sag’s dir. Die schönsten Augen, die ich je gesehen hab.«

Sie schaute ihn an.

»Verrätst du mir den Namen deines Optikers? Dann schick ich meinen Mann hin.«

Mickey fand, es reichte. Er trank aus und nahm seine Reisetasche. Anschließend ging er runter zu den Toiletten und knurrte, weil er am Drehkreuz zahlen musste. Heutzutage kostet alles. In der Kabine machte er die Tasche auf, kramte darin nach dem lose verpackten Messer, dessen Klinge keinen Griff hatte, sondern nur mit schwarzem Klebeband umwickelt war. Er steckte es in die Innentasche seines Jacketts. Dann zog er die Spülung.

Als er herauskam, sah er einen Mann, der wie ein Ölarbeiter aussah und seinen heftigen Bartwuchs gerade mit einem kleinen elektrischen Rasierer bändigte. Wie Sandpapier auf Rauputz. Ballater gab seine Tasche an der Gepäckaufbewahrung ab und trat hinaus auf die Gordon Street.

Das Gewicht des Messers fühlte sich gut an, ohne dieses Argument begab er sich nicht gerne an unvertraute Orte. Aus seiner anderen Innentasche zog er einen Zettel und las die Adresse. Am besten ging er die West Nile Street rauf und dann immer weiter.

Der Abend war angenehm. Vorbei am Empire House, das ihm gut gefiel, und zwei Männern, die sich unterhielten. Der eine erzählte von den Trinkgewohnheiten seiner Frau. »Davon würden einer Natter Titten wachsen«, sagte er.

Der Eingang war schäbig. Den italienischen Namen, den er suchte, fand er im dritten Stock. Er drückte auf die Klingel. Der Elektrorasierer von vorhin hatte dagegen melodiös geklungen. Nichts passierte. Er drückte noch einmal, lange, und lauschte. Stöckelschuhe in einem teppichlosen Flur. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Die Frau wirkte unkonzentriert, als wäre sie noch nicht vollständig von dort wieder zurückgekehrt, woher sie kam.

»Kannst du später noch mal kommen?«

Tatsächlich ein italienischer Akzent.

»Nein«, sagte er und stieß die Tür auf.

»Warte.«

Aber er war schon drin. Erschrocken hatte sie die Tür zuhalten wollen, dabei war ihr rosa Morgenmantel kurz aufgegangen. Darunter trug sie nur einen schwarzen Strapsgürtel, Strümpfe und Schuhe mit Stilett-Absätzen. Wer auch immer im Schlafzimmer wartete, er stand auf Schuhe. Mickey schloss die Tür.

»Ich bin ein Freund von Paddy Collins«, sagte er. »Wenn du keine Zeit hast, nimm dir welche.«

Er ging den Flur entlang ins Wohn- und Esszimmer, das irgendwann einmal mit guten Absichten eingerichtet worden war. Hier gab es einen Korbstuhl mit roten Kissen, einen bunt gemusterten Sessel und ein dazu passendes Sofa. Außerdem einen weißen, runden Tisch mit passenden Stühlen. Es war unaufgeräumt und staubig. Auf dem Tisch standen schmutzige Tassen, eine Kante vertrocknetes Brot lag daneben.

Sie war ihm gefolgt, hatte den Gürtel ihres Morgenmantels fest zugezogen, sie wirkte beunruhigt.

»Ich kann nicht«, sagte sie und glaubte ihren eigenen Worten nicht.

»Oh doch, du kannst.«

Ein Mann erschien im Türrahmen. Er hatte sich die Hose hochgezogen und sein Bauch schwabbelte über dem Bund. Seine nackten Füsse wirkten verletzbar. In seinem Gesichtsausdruck lag die Gereiztheit eines Kunden, der guten Service gewohnt und jetzt enttäuscht worden war.

»Verdammt«, sagte er. »Was ist hier los?«

»Zieh dich an«, sagte Mickey.

»Ich hab aber bezahlt.«

»Du willst doch nicht ramponiert nach Hause. Deine Frau wird sich fragen, was passiert ist.«

»Hör zu …«

»Ich hab zugehört, jetzt reicht’s. Schwing dich aufs Fahrrad. Sofort. Es sei denn, du willst deine Fresse im Taschentuch nach Hause tragen.«

Mickey setzte sich in den Korbsessel. Der Mann verschwand im Schlafzimmer. Die Frau wollte ihm hinterher, sah aber Mickey an. Er nickte sie zu dem bunten Sessel. Sie setzte sich. Nicht schlecht für eine Nutte, dachte Mickey, allmählich wird sie fett, aber aus dem Leim ist sie noch nicht. Die Schuhe taten ihren Beinen gut, sonst wären sie zu schwer gewesen. Sie nahm ein Päckchen Zigaretten vom Wohnzimmertischchen neben ihrem Sessel und bot es Mickey an. Er schüttelte den Kopf. Sie nahm sich Feuer und beide hörten, wie sich der Mann im Schlafzimmer anzog.

Dann tauchte er wieder im Türrahmen auf. Mit Kleidern wirkte er beeindruckender. Anscheinend hatte er mit ihnen auch Empörung angelegt.

Er sagte: »Ich denke …«

»Schön für dich«, erwiderte Mickey. »Weiter so. Jetzt verpiss dich.«

Der Mann ging. Mickey wartete, bis die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, dann sprach er.

»Du bist also Gina.«

Sie nickte nervös.

»Ich bin Mickey Ballater.«

Sie riss die Augen auf und überschlug die Beine. Der Morgenmantel rutschte und Mickey ließ den Blick auf ihrem Schenkel ruhen.

»Wo ist Paddy Collins? Er wollte sich mit mir treffen.«

Sie zuckte mit den Schultern und blickte zur Decke. Mickey stand auf, ging zu ihr, beugte sich über sie und schlug ihr fest ins Gesicht. Sie fing an zu weinen. Dann ging er zurück und setzte sich wieder. Während sie sich langsam fing, sah er sich im Raum um.

»Wo ist Paddy Collins?«

»Im Krankenhaus.«

»Wieso?«

»Wurde niedergestochen.«

»Von wem? Weißt du das?«

»Sein Schwager war gestern da. Sehr wütend. Sagt, Paddy ist verletzt. Schlimm. Glaubt, Paddy wird sterben.«

Es dauerte nicht lange, bis der Gedanke an Paddy Collins Mickeys Bedauern in Energie verwandelte, wie wenn man alte Fotos ins Feuer wirft. Starb Paddy Collins, würde mehr für ihn abfallen, sobald er Tony Veitch gefunden hatte. Aber ganz unproblematisch war das nicht.

»Sein Schwager, Cam Colvin? Bist du sicher?«

»Mr Colvin.«

»Das hat uns noch gefehlt. Woher wusste der von dir?«

»Paddy hatte meine Adresse dabei.«

»Praktisch. Was hast du ihm gesagt?«

»Dass Paddy Tony Veitch sucht.«

»Sieht aus, als hätte er ihn gefunden. Was noch?«

»Sonst nichts. Ich weiß sonst nichts.«

Mickey fand die schottische Färbung ihres italienischen Akzents sexy. Allmählich nahm er sie wahr.

»Hast du ihm von mir erzählt?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sicher?«

»Paddy hat gesagt, ich darf nichts sagen. Sonst.«

Sie machte eine halsabschneidende Geste. Beinahe hätte Mickey gelacht. Das klang auf jeden Fall nach Paddy, Frauen einschüchtern, das konnte er, und zwar immer noch genau auf dieselbe Tour wie im Drehbuch eines alten Films mit Edward G. Robinson.

»Was hat Paddy noch gesagt?«

»Wenn ich mache, was er will, wird alles gut.«

Klang überzeugend. Paddy hatte auch Mickey nicht viel erzählt. Er wusste nur, dass Veitch Hook Hawkins’ Bruder kannte. Und so wie es aussah, würde Paddy Geheimnisse künftig noch viel besser für sich behalten können.

»Wo ist Tony Veitch?«

»Niemand weiß das.«

»Komm schon. Cam Colvin war doch im Krankenhaus.«

»Er liegt im, wie sagt man? Im Com-Como?«

»Verfluchte Scheiße. Was soll das heißen?«

»Como? Komma?«

Mickey starrte sie an.

»Koma. Du meinst, Paddy liegt im Koma?«

»Kann nicht reden.«

»Aber du kennst Tony Veitch.«

»Nicht gesehen seit dem Ärger mit Paddy. Seit zwei Wochen hat ihn niemand gesehen.«

»Ach!« Ballaters Augen bohrten sich in die Decke. Er zeigte auf sie.

»Hör zu, ich bin nicht wegen der schönen Aussicht hier. Egal, was du weißt, erzähl’s mir lieber.«

»Für Tony bist du mein Mann.«

Er betrachtete sie ganz genau. Sie wirkte nicht abgebrüht, eher wie eine Amateurin, die immer noch staunte, dass sie Geld dafür bekam. Als sie Veitch geködert hatte, muss sie sich schön gewundert haben, dass Paddy ihr plötzlich auch noch einen vermeintlichen Ehemann verpasste, von dem Veitch sie freikaufen sollte. Wahrscheinlich hatte sie am Anfang gar nichts davon gewusst.

Aber viel Zeit blieb nicht. Wenn Veitch Paddy auf dem Gewissen hatte, konnte der Erwerb einer Schachtel Streichhölzer schon eine unverantwortlich langfristige Investition für ihn sein. Mickey würde schnell, aber vorsichtig handeln müssen. Er kannte sich in der Stadt gut genug aus, um zu kapieren, dass er sich nicht mehr auskannte. Zwei weitere Zeilen des Songs kamen ihm in den Sinn:

They’re nice until they think that god has gone a bit too far

And you’ve got the macho chorus swelling

Out of every bar.

Durch Minenfelder hüpft man nicht. Er brauchte einen Sprengstoffdetektor. Ihm ging auf, dass Cam Colvin dafür infrage kam.

»In welchem Krankenhaus liegt Paddy?«, wollte er wissen.

»Victoria Infirmary.«

Ein Baby fing an zu weinen. Gina drückte die Zigarette aus, achtete dabei auf ihre Nägel. Sie stand auf und er hörte ihre Schritte auf dem Boden im Flur draußen, dann die vertrauten Geräusche, mit der eine Mutter ihr Kind beruhigt, als könne sie ihm ein Geheimnis verraten, das es beschützen wird, auch wenn sich die ganze Welt gegen beide verschwört.

Er verließ den Raum und fand das Telefon im leeren Schlafzimmer, wo das Licht noch brannte und das Bett zerwühlt war. Die Stimme am Telefon im Victoria Infirmary erklärte ihm, Mr Collins’ Angehörige seien bei ihm. Er rechnete sich aus, dass er noch ein bisschen Zeit hatte.

Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, stand sie unsicher am Kamin. Als er auf sie zuging, drehte sie sich um und zuckte leicht zusammen, als habe er sie schlagen wollen. Dann öffnete er den Gürtel ihres Morgenmantels und ließ ihn zu Boden gleiten. Er zeigte Richtung Schlafzimmer. Als sie unbeholfen dorthin stakste, fiel ihm auf, dass sie zitterte.

»Wenn du schon angeblich meine Frau bist«, sagte er. »Können wir auch in die Flitterwochen fahren.«

2

DER ANRUF WAR KAUM MEHR als eine belanglose Störung, aber schon ein einziger Stein kann eine Lawine ins Rollen bringen.

»Und dann«, hatte Ena gesagt. »Was glaubt ihr wohl? Der Wagen hat den Geist aufgegeben. Hoffnungslos abgesoffen. Mitten im Clyde Tunnel. Und wo war Jack? Natürlich mal wieder bei einem Fall. In Morecambe!«

Laidlaw kannte die Geschichte. Er hatte Ena schon einmal schonend beizubringen versucht, dass es vielleicht mit Ausnahme der Nordvietnamesen auf der ganzen Welt niemanden mehr gab, der sie nicht kannte. Seine Gereiztheit rührte daher, dass er inzwischen begriffen hatte, welche Bedeutung sie für Ena besaß: das Versagen des Verbrennungsmotors stand für seine Vernachlässigung ihrer Ehe.

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich hätte nebenherrennen sollen.«

Die anderen nahmen die Bemerkung amüsiert hin, wie einen anzüglichen Witz auf einer Beerdigung. Laidlaw spürte, dass sein Gefühl von Isoliertheit in Aggression umschlug. Das Telefon rettete ihn.

»Ich geh dran«, sagte er.

Er achtete darauf, sein Schritttempo zu zügeln, damit der Teppich nicht Feuer fing. Das Telefon stand im Flur.

»Hallo?«

»Ist da Detective Inspector Jack Laidlaw?«

»Genau.«

»Der Detective Inspector Jack Laidlaw? Leiter des Crime Squad? Beschützer der Armen? Anwalt der kleinen Leute?«

Zuerst erkannte Laidlaw den Stil, dann die Stimme. Es war Eddie Devlin vom Glasgow Herald.

»Du liebe Zeit, Eddie«, sagte er. »Deine Witze werden immer schlechter. Hättest du nicht deinen Korrektor mit ans Telefon holen können?«

»Das kommt davon, dass man der Öffentlichkeit ständig geben muss, was sie von einem erwartet. Hör zu, Jack. Im Royal liegt jemand in der Notaufnahme, der dich dringend sprechen will.«

»Heute noch? Hat er auch gesagt, ob ich Maltesers oder dunkle Trauben mitbringen soll? Was willst du, Eddie?«

»Nein. Im Ernst, Jack. Ich hab den Tipp von einem Pförtner bekommen. Ein alter Säufer, mit einem Kratzschwamm am Kinn. Stinkt wie ein Fass nach der Weinernte. Er ist gerade so noch bei Bewusstsein. Aber er hat immer wieder nach Jack Laidlaw gefragt. Will unbedingt Jack Laidlaw sprechen. Der Pförtner gehört zu meinen Informanten, weißt du? Na ja, er hat schon mal mitbekommen, dass ich von dir gesprochen habe. Deshalb dachte er, er sagt’s mir lieber. Für mich springt dabei nichts raus. Wahrscheinlich deliriert der Alte im Suff. Nichts für ungut, Jack, aber Errol Flynn bist du nicht gerade. Vermutlich trotzdem noch besser als Spinnen und rosa Elefanten.«

»Ist er verletzt?«, fragte Laidlaw.

»Anscheinend nicht. Aber ich hab nicht viel rausbekommen. Er gibt sich Mühe, aber mit dem Reden hat er’s nicht so.«

»Wann hast du den Anruf bekommen, Eddie?«

»Hier im Pub. Vor fünf Minuten. Dachte, ich sag dir lieber Bescheid, bevor ich gehe. Will noch mal im Vicky vorbei. Wegen Paddy Collins. Vielleicht bekomme ich ja ein paar berühmte letzte Worte. Egal, mach was du willst, Jack.«

»Danke, Eddie. Bin dir was schuldig.«

»Schon gut. Wenn die Revolution kommt, hätte ich gerne einen Presseausweis. Bis bald, Jack.«

»Bis bald.«

Laidlaw legte auf. Eddies Stimme hatte ihm das Trommelfell durchbohrt. In der Stadt war einiges los. Aber er hatte Gäste. Oder besser, Ena hatte Gäste. Er wollte fair sein, kam dann aber zu dem Schluss, dass sie ihn nicht vermissen würden. Wahrscheinlich würden sie seine Abwesenheit sogar als Erleichterung empfinden.

Jedes arbeitsfreie Wochenende war verplant. Ena hatte sich an die sozialunverträglichen Dienstzeiten bei der Polizei gewöhnt und gelernt, fehlende gemeinsame Stunden wieder wettzumachen. Wenn Laidlaw darauf bestand, mit dem Kalender umzugehen wie ein Alkoholiker mit Schnaps – lange Abwesenheiten, kurze Stippvisiten zur Ausnüchterung zu Hause –, so hatte sie beschlossen, seine Freizeit grundsätzlich gemeinsam mit ihm zu verbringen. Sie setzte Babysitter ein wie Schachfiguren – matt. Seinen Durst nach den Straßen Glasgows bekämpfte sie mit Ereignissen, so sorgfältig abgefüllt wie selbst gekelterter Wein, jede Flasche längst im Voraus etikettiert. »Freitag – Frank und Sally.« »Samstag – Party bei Mike und Aileen.« »Samstag – Film mit Al Pacino im La Scala. Babysitter schon bestellt.«

Heute war »Freitag – Donald und Ria«. Nicht ihr bester Jahrgang und mit einer starken Kohlsuppennote im Abgang, auf keinen Fall berauschend, aber vielleicht, hoffte Laidlaw, würden die zwischenmenschlichen Geschmacksknopsen langfristig so abstumpfen, dass er eine Binsenweisheit nicht mehr von einem Lebenselixier unterscheiden konnte. Er bemühte sich, nichts gegen Donald und Ria zu haben. Trotzdem hatte er, wenn sie zu viert zusammensaßen, das Gefühl, an einer Feldstudie über Gruppensedierung teilzunehmen.

Außerdem ging es vielleicht um jemanden, der ihm einen Gefallen getan hatte. Jemanden, der im Sterben lag. In dem Raum, den er gerade verlassen hatte, lag niemand im Sterben. Wahrscheinlich waren die dort Anwesenden längst tot. Im Sterben lagen sie jedenfalls nicht.

Er trug ein rotes Polohemd und eine schwarze Hose, holte seine Jeansjacke aus dem Schrank im Flur und zog sie über. Gerne hätte er das Komitee von seinen Absichten in Kenntnis gesetzt, aber dann hätten die Anwesenden Veto eingelegt. Seine Entscheidung stand fest. Er hatte ein schlechtes Gewissen, aber das Gefühl war ihm vertraut.

3

ES WAR NUR EINE KURZE FAHRT von Cathcart, wo Laidlaw lebte, bis zum Royal Infirmary in der Cathedral Street, aber ein Riesenunterschied. Zum Glück wandelte sich die Architektur stufenweise, wie in Druckkammern, sodass man keine Kopfschmerzen davon bekam.

Das erste Tor stand halb offen und er fuhr durch. Viele Autos parkten hier, aber es war noch genug Platz. Er schloss den Wagen ab, und wieder wurde ihm bewusst, wie groß das Gebäude war, drei riesige miteinander verbundene Einheiten, jede mit einem imposanten Kuppeldach, wie eine Burg aus schwarzem Stein. Krankheit erschien ihm hier weniger als ein Gleichmacher denn als Ritterschlag, die Voraussetzung für den Zugang zur gothischen Aristokratie.

Auf der anderen Seite des Hofs befand sich die Unfallstation, wie ein Torhaus, in dem zunächst die Referenzen geprüft werden. Er ging hinein, es war nach elf.

Im Flur parkten blaue Rollstühle, ungefähr dreißig. Auf einem saß ein Junge von vielleicht zwanzig Jahren. Aber er war nicht gelähmt. Er wirkte so krank, als könne er Gleise durchbeißen. Die kleinen Kratzer auf seiner rechten Wange unterstrichen nur die Härte seiner Erscheinung. Er hatte eine dünne Jacke umgelegt, deren Schultern schwarz waren vor Blut. Er wartete auf jemanden.

»Hey, du«, sagte er, als Laidlaw eintrat. »Hast du mal ne Kippe?«

Laidlaw sah neugierig zu ihm rüber. Er erkannte Alkohol, aber keine Betrunkenheit, dafür die Reste einer Aggression aus einem gewonnenen Kampf. Sein Adrenalinausstoß stand unter der Überschrift: »Wer ist als Nächstes dran?«

Laidlaw wandte sich zur Tür Richtung Notaufnahme.

»Hey, du! Großer. Ich rede mit dir. Rück mal ne Kippe raus!«

Laidlaw ging zu ihm.

»Schau mal, Kleiner«, sagte er. »Bis jetzt hast du nur ein paar Blessuren. Willst du unbedingt auf die Intensivstation?«

Der Junge guckte ratlos angesichts des fremden Wortes, aber der Tonfall war so universal wie Esperanto.

Er sagte: »Komm schon. Hab dich bloß um einen kleinen Gefallen gebeten.«

»Dann pass auf, dass deine Bitte nicht nach einer Drohung klingt.«

Laidlaw gab ihm eine Zigarette.

»Das Ende mit dem Filter steckt man in den Mund, das andere zündet man an.«

Der Junge grinste. Laidlaw wandte sich wieder Richtung Notaufnahme. Der Raum war lang, die Decke gewölbt, gleichzeitig schlicht und überladen, wie eine viktorianische Wellblechbaracke. Laidlaw begab sich hinein, als wär’s eine Zeitschleife.

Zuerst fielen ihm zwei Geister seiner Jugend auf, zwei Constables, deren Gesichter an frisch gelegte Eier erinnerten. Nicht weit von ihnen entfernt stand eine Gruppe in weißen Arztkitteln. Laidlaw hoffte, dass es Studenten waren. Die Polizisten und die Ärzte wirkten so jung, als hätten sie ihre Uniformen zu Weihnachten geschenkt bekommen. Plötzlich war Laidlaw Rip Van Winkle.

Er warf einen Blick in das Behandlungszimmer rechts. Unter der Aufsicht zweier Schwestern machte ein Arzt einem Jungen Vorhaltungen, der dort mit freiem Oberkörper saß. Er war von den Haarspitzen bis zum Gürtel blutüberströmt. Durch das Rot wirkte der Raum wie die Garderobe einer grotesken elisabethanischen Tragödie, Titus Andronicus vielleicht.

»Kein Problem!«, sagte der Junge.

Körperlich schien er recht zu haben. Laidlaw entdeckte eine längliche Platzwunde an seinem Nacken, aber sonst nichts. Ganz offensichtlich genoss er den Geschmack des Heroischen, den das eigene vergossene Blut vermitteln kann. Das wahrscheinlich Schlimmste, was man ihm antun konnte, war ihn sauber zu waschen. Danach würde er sich wieder mit sich selbst begnügen müssen. Laidlaw kannte ihn nicht, glaubte aber, dass er ihn vielleicht noch kennenlernen würde.

Gegenüber dem Behandlungszimmer befand sich eine Reihe mit Betten, durch Vorhänge voneinander getrennt. Hier bot sich Laidlaw eine Abfolge von Anblicken, die aus einem zeitgenössischen Mysterienspiel hätten stammen können. Ein Mädchen mit weit aufgerissenen Augen umklammerte ein blutbeflecktes Bettlaken und wartete auf jemanden oder etwas. Ein junger Mann mit einem linken Auge, das verfaultem Obst glich, beschwerte sich hysterisch über irgendeine Ungerechtigkeit, während der Arzt ihn versorgte. Eine Frau weinte, der Arm wurde ihr verbunden. »Schlimme Prügel bezieh ich von dem«, sagte sie. Ein Mann mittleren Alters erklärte einer Schwester im Beisein zweier Polizisten: »Das ist so ein wandernder Schmerz.« Laidlaw erkannte die ihm vertraute Kunstfertigkeit der Festnahmeverzögerung durch plötzliches Erkranken an geheimnisvollen Leiden.

Kabine E, von der Laidlaw wusste, dass sie früher zur Entlausung genutzt wurde, war allem Anschein nach eben noch in Benutzung gewesen, jetzt aber leer. Abgesehen vielleicht von den beiden zivil gekleideten Männern, die gerade hereinkamen, erkannte er niemanden hier. Begegnet war er ihnen noch nicht, aber ihre konzentrierte Art, sich in professionellen Bahnen zu bewegen, war ihm vertraut. Sie verschmolzen ebenso unauffällig mit ihrer Umgebung wie Mormonen.

Als Laidlaw zum Schluss noch einen Blick zurück warf, fiel ihm nichts Besonderes auf. Die Stadt durchlitt dieselben Schmerzen wie jede Freitagnacht. Hier war ihr Beichtstuhl. Man kam her, um zu gestehen, um sich zu Gebrechlichkeit, Dünnhäutigkeit oder organischer Anfälligkeit zu bekennen – der jämmerlich unzureichenden Maschinerie, der wir die Last unserer Ansprüche aufbürden.

Vor allem aber kam man her, um sich dem Blut zu ergeben. Überall war es hier, an Verletzten, Tupfern, dem Boden und den Kitteln der Ärzte. Verräterisch tropfte es aus unserem unhaltbar sicheren Selbstverständnis. Wie der Anblick von Ehrlichkeit ließ sich auch der von Blut nur schwer ertragen.

Laidlaw empfand hier noch stärker, was ihn so aufgebracht hatte gegen den Raum, aus dem er gerade kam und in dem Ena, Donald und Ria noch saßen. Er erzählte Lügen. Dieser dagegen versuchte es auch, aber er kam um das Eingeständnis seiner allgemeinen Menschlichkeit nicht herum. Der andere war exklusiv. Er fußte auf unzutreffenden Einschätzungen. Laidlaw fiel ein, dass elitäres Denken zu den Dingen gehörte, die er am allermeisten hasste. Entweder wir teilen mit allen oder wir verlieren uns.

»Hallo, Captain.«

Der Mann war schon älter, hatte eine kleine Platzwunde am Auge und mehr als nur ein bisschen was getrunken. Laidlaw hatte gesehen, wie er umhergewandert und hier und da Leute angesprochen hatte, wie Tennysons alter Seefahrer auf der Suche nach einem Hochzeitsgast.

»Sind Sie der Arzt, Sir? Geht um mein Auge hier. Hab Kopfball mit dem Gehweg gespielt. Und eins zu null verloren. Wäre ich nicht blau gewesen, hätte ich gewonnen.«

Laidlaw grinste und zuckte mit den Schultern.

»Tut mir leid«, sagte er. »Bin selbst fremd hier.«

Der Mann ging an der Trennwand vorbei. Dahinter lag das sagenumwobene Zimmer neun, der Reanimationsraum des Royal, in dem sich so ziemlich alles abgespielt hatte, was auf dem Gebiet der körperlichen Katastrophen möglich ist. Der Mann wurde sofort wieder von einem Arzt herausgeführt und Richtung Notaufnahme zurückgeschickt.

»Verzeihung«, sagte Laidlaw. »Ich suche jemanden.«

Laidlaw zeigte seinen Dienstausweis. Der Arzt warf einen Blick darauf, seine Zunge lag auf den Schneidezähnen, dann nickte er, ohne diese zu entblößen. Er konnte nicht älter als Ende zwanzig sein, mit der Brille und den strubbeligen Haaren sah er aber jetzt schon aus wie einer, der bei einem Erdbeben lediglich die Augenbrauen hochzieht. Sein Kittel war braun gesprenkelt, darauf die standesgemäßen Blutflecken.

»Harte Nacht?«, meinte Laidlaw.

»Nein. Heute ist es ruhig. Obwohl wir zwei VUPs und einen AMI hier hatten.« Er nickte Richtung Zimmer neun. »Wen suchen Sie?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Laidlaw.

Der Arzt verriet weder Erstaunen noch Belustigung oder Interesse. Er wartete einfach ab. Dann folgte er dem älteren Mann mit Blicken. Laidlaw wusste, dass ein VUP ein Verkehrsunfall mit Personenschaden war. Nach dem AMI wollte er sich lieber nicht erkundigen. Der Arzt schien nicht in Stimmung, ein medizinisches Wörterbuch zu ersetzen.

»Ich hab gehört, hier wurde jemand eingeliefert, der nach mir gefragt hat. Jack Laidlaw. Ein Mann. Unrasiert. Wahrscheinlich betrunken.«

Der Alte hatte Zuflucht bei einer Schwester gefunden. Der Blick des Arztes ruhte jetzt auf dem Boden. Er sah zu Laidlaw auf, als wollte er ihn auf eine unwahrscheinliche Verbindung prüfen.

»Sie meinen den alten Säufer?«

»Kann sein.«

»Ja. Ich glaube, das war tatsächlich der Name, den er erwähnt hat. Hat ihn ständig wiederholt. Ich dachte, dass er vielleicht selbst so heißt. Hab sonst nichts aus ihm rausbekommen. Er hat Probleme mit den Atemwegen. Gott war der dreckig. Wusste nicht, ob ich ihn erst an die Dialyse hängen oder kauterisieren soll. Eine wandelnde Beulenpest.«

»Was ist passiert?«

»Es ging ihm immer schlechter. Anscheinend hat er sich mit letzter Kraft hergeschleppt. Wir haben ihn erst mal gewaschen.«

»Und was fehlt ihm?«

Der Arzt schüttelte den Kopf.

»Alles?« Sein Blick wanderte erneut im Raum umher. »Eine bessere Diagnose, als dass er sterben wird, haben die Kollegen nicht hinbekommen. Seine Atmung verschlechtert sich rapide. Anstatt ihn hier zu intubieren, haben wir ihn auf die Intensivstation verlegt. Ist gerade eben weg.«

»Wo ist die Intensivstation?«

»Neben der chirurgischen Abteilung, das ist …«

»Ich weiß.«

»Wahrscheinlich sind Sie dort nicht erwünscht.«

»Macht nichts«, sagte Laidlaw.

Auf dem Weg nach draußen warf er dem jungen Mann im Rollstuhl noch eine Zigarette zu. Um die Götter zu besänftigen.

4

DRAUSSEN WAR ES KALT. Laidlaw musste sich erst mal orientieren. Im mittleren, jetzt dunklen Teil des Hauptgebäudes war die Verwaltung untergebracht. Rechts, nicht weit vom Tor, die medizinische Abteilung. Er ging nach links.

Beim Überqueren des Hofs dachte er an den Arzt. Wahrscheinlich war es wirklich eine ruhige Nacht. Alles ist relativ. Laidlaw hatte einen einfachen Stoßdämpfer, der ihm half, fertig zu werden mit dem, was er zu Gesicht bekam. Er erinnerte sich an Glaister’s Medical Jurisprudence and Toxicology – ein unauffälliger Name für eines der grauenvollsten Bücher, in denen er je geblättert hatte. Darin wurden die entsetzlichsten ungewöhnlichen Todesarten sachlich beschrieben, dazu Abbildungen erstklassig fotografierter Enthauptungen, Strangulationen und Genitalverstümmelungen. Die Darstellung willkürlicher und vorsätzlicher Brutalität ließ den Marquis de Sade wie den Touristen erscheinen, der er war. Hat man erst einmal verstanden, in was für einer Welt wir leben, muss man sich auch den Dingen stellen, die man lieber nicht sehen möchte.

Laidlaw hatte das akzeptiert. Er stieg die gewundene Treppe hinauf in den ersten Stock. Auf einem blauen Schild mit weißen Buchstaben las er »Intensivstation«. Er trat durch die Schwingtüren und stand in einem kurzen, breiten Gang vor einer weiteren Schwingtür. Sofort schaute eine Frau aus einem Zimmer. Ihr Gesichtsausdruck wurde zum Verbot, zeugte von der Verärgerung einer Fachkraft über das unbeholfene Eindringen eines Laien. Laidlaw kam sich vor, als hätte er eine Kamera um den Hals. Sie kam heraus und richtete sich wie eine Schusswaffe auf ihn.

»Ja?«

»Entschuldigung. Ich glaube, hier wurde gerade jemand herverlegt. Er hat darum gebeten, mich zu sprechen. Mein Name ist Laidlaw. Detective Inspector Laidlaw.« Er zeigte seinen Ausweis.

»Und?«

»Ob ich den Patienten wohl sehen kann?«

Sie stieß ein knappes, einsilbiges Lachen aus, es klang wie das weit entfernte Bellen eines Wachhunds und ebenso humorvoll. Anschließend schüttelte sie auf Beamtenart den Kopf und setzte den strengen, herablassenden Blick auf, der alle Uneingeweihten zu den Rettungsbooten fliehen lässt.

»Ist das Ihr Ernst?«

»Ich gebe mir Mühe«, sagte Laidlaw.

»Das hier ist eine Intensivstation.«

»Für ein Café habe ich es nicht gehalten. Und ich hab’s eilig.«

Sie starrte Laidlaw an, schätzte ihn vermutlich neu ein: kein Durchschnittsidiot – vielmehr ein Ärgernis ersten Grades. In solchen Fällen mag es notwendig sein, eine Fassade aus minimalen Fakten aufzubauen, vorzugsweise unverständlichen.

»Der Ventilator wird vorbereitet. Möglicherweise ist eine Dialyse unerlässlich.«

»Ist er bei Bewusstsein?«

»Er ist sehr durcheinander.«

»Aber bei Bewusstsein.«

»Im Augenblick, ja.«

»Na, dann«, sagte Laidlaw. »Wenn er mich sprechen will, muss es ihm wichtig sein. Ich gehe davon aus, dass er trotz allem gewisse Rechte hat. Wenn Sie nicht wollen, dass ich zu ihm reingehe, überlegen Sie sich lieber, wie Sie’s verhindern.«

Er ging an ihr vorbei. Sie holte ihn ein, bevor er die Schwingtür erreicht hatte.

»Warten Sie bitte hier«, sagte sie und ging weiter. Wenige Augenblicke später kam sie heraus und nahm einen frisch gewaschenen Krankenhauskittel von einem Stapel. Es machte ihr Spaß, Laidlaw zu beobachten, der dahinterzukommen versuchte, wie man den Kittel anzog. Da er die richtigen Filme gesehen hatte, zog er den Kittel falsch herum an. Sie bot ihm nicht an, ihm beim Zubinden zu helfen, weshalb er ihr mit den Händen auf dem Rücken folgte und dabei fürchtete, die Urheberrechte des Duke of Edinburgh zu verletzen.

Hinter der zweiten Schwingtür sagte sie: »Warten Sie hier, bitte.«

Das Licht im Raum war gedämpft. Rechts befanden sich mit Glasscheiben voneinander getrennte Kabinen. Aus manchen drangen leise Geräusche. Man hatte das Gefühl, hier auf Zehenspitzen zu leben. Zwei Schwestern bewegten sich beinahe geräuschlos hin und her, Vestalinnen dieses Allerheiligsten.

Die Geräte waren Gott. Auf einem Monitor zuckten drei gezackte Linien. In der Mitte lag der für Laidlaw einzig sichtbare Patient, wie auf einem Altar. Er war entsetzlich bewegungslos und an eine Beatmungsmaschine angeschlossen, ein belüfteter Leichnam. Als er ihn betrachtete, erinnerte sich Laidlaw, dass er irgendwo einmal gehört hatte, dass sich solche Patienten wund liegen, wenn sie nicht alle zwei Stunden eingeölt und umgebettet werden. Von seinem neuen Standpunkt aus, hielt er die Leute in der Notaufnahme für größenwahnsinnige Statisten. Ihre Einschätzungen wirkten jetzt unerhört grob. In ihrer Unerbittlichkeit waren sie Anfänger. Dieser Mann legte Zeugnis für uns alle ab, ohne Melodram. Er war auf das Atmen reduziert und stellte keine weiteren Ansprüche, seine Demut war absolut. Zog man den Stecker, starb er.

Aus der ersten Kabine ganz rechts drangen Geräusche. Laidlaw nahm an, dass dort sein Mann sein musste. Und tatsächlich, die Schwester, die ihn wie ein Bakterium behandelt hatte, winkte ihn nun heran.

Als er beklommen einen Bogen um die Trennwand machte und in die Nische trat, ereilte ihn derselbe Schrecken, wie wenn man einen Bekannten sterben sieht. Alle vorangegangenen Momente der Zuversicht zählen nicht mehr. Der Tod soll anonym bleiben, das wird jetzt klar. Sonst nimmt er einen ins Visier.

Er sah einen Verdacht bestätigt, den er längst geschöpft hatte. Es war Eck Adamson. Und wenn er nicht so gut wie tot war, dann war Laidlaw unsterblich.

Ein Arzt schob sich zwischen Laidlaw und das Bett. Er war Inder, jung, zart und hübsch. Seine Stimme bildete einen erstaunlich angenehmen Kontrast zu den Glasgower Kehllauten, seine Konsonanten waren weich und die Aussprache originell.

»Sie dürfen mit Ihrem Freund reden, wenn Sie wollen. Wir werden ihn gleich an ein Beatmungsgerät anschließen. Im Moment ist es vor allem wichtig, die Lungenfunktion zu stabilisieren. Wenn Sie zu ihm durchdringen, versuchen Sie herauszufinden, was passiert ist.«

Laidlaw nickte. Zuerst fiel ihm auf, dass er Eck nie zuvor so sauber gesehen hatte. Sie hatten ihn zum Sterben schön gemacht. Nur der mehrere Tage alte Bart ließ darauf schließen, aus welchem Winkel des Lebens Eck stammte; der Bart und sein Blick. Schreckhaft war er immer schon gewesen, aber jetzt spielte er komplett verrückt, sprang mal hierhin, mal dorthin, als wüsste Eck endlich mit Sicherheit, dass es die Welt auf ihn abgesehen hatte. Der Arzt und die Schwestern warteten darauf, ihn von sich selbst zu erlösen.

»Eck«, sagte Laidlaw. »Ich bin’s, Jack Laidlaw.«

Als er es noch mal wiederholte, streifte ihn Ecks Blick mehrmals, kehrte immer wieder zu ihm zurück, bis er auf ihm ruhte, noch unstet, aber immerhin auf derselben Umlaufbahn wie Laidlaw. Er blieb nicht auf seinem Gesicht haften, sondern schien unterschiedliche Körperteile abzusuchen, als wollte Eck Laidlaw wie ein Puzzle zusammensetzen. Eck wollte etwas sagen.

»Gut«, hörte Laidlaw.

»Gut«, erwiderte er.

»Gut.«

»Gut.«

Eck zuckte vor Anstrengung mit dem Kopf.

»Schreib auf«, glaubte Laidlaw verstanden zu haben. Er fand einen Umschlag in seiner Tasche und nahm einen Stift.

»Was ist passiert, Eck?«

Aber er hätte sich genauso gut mit einem Fernschreiber unterhalten können. Eck empfing keinerlei Nachrichten mehr. Mit dem letzten Rest, der von ihm übrig war, sandte er Informationen aus. Dass er Schmerzen hatte, war offensichtlich. So wie er die Worte daran vorbeipresste, mussten sie ihm sehr wichtig sein. Laidlaw hörte zu und fragte sich, warum.

Eck redete unzusammenhängend. Er sprach wie jemand, der einen Schlaganfall erlitten hatte, in Zeitlupe und unterbrochen von den Knacklauten des Betrunkenen, was das physische Trauma verschlimmert, weil es die Betroffenen zu Idioten macht. Laidlaw glaubte, aus den verzerrten Äußerungen, die einer zu langsam abgespielten Platte ähnelten, eine ständig wiederholte Aussage herauszuhören. Er schrieb mit, mehr aus Respekt vor der in Auflösung befindlichen Person denn aufgrund einer Bedeutsamkeit, die er den Worten beimaß: »Der Wein, den der mir gegeben hat, das war gar keiner.«

Das war alles, was er verstand. Als würde man einen Aufruhr belauschen. Eck wurde in seiner Not immer verzweifelter und der Arzt trat dazwischen.

»Der Herr kann in meinem Zimmer warten«, sagte er.

Die Schwester führte Laidlaw in einen kleinen abgetrennten Bereich am Ende der Station. Hier war gerade genug Platz, um sich hinzulegen. Laidlaw setzte sich auf das Einzelbett.

Er betrachtete die Rückseite des Umschlags, der Letzte Wille und das Testament von Eck Adamson. Er erinnerte sich an einen Artikel über eine Putzfrau in einer Anwaltskanzlei. Auf ihrem Totenbett hatte sie Juristenlatein vor sich hin genuschelt. Eck war nicht weit davon entfernt.

Vielleicht passte es, dass Ecks letzte Information wie Sanskrit rüberkam. Als Spitzel war er nie besonders wertvoll gewesen. Aber Laidlaw hatte ihn immer gemocht, und einmal, im Fall Bryson, hatte Eck ihm unwissentlich sehr geholfen.

Hinter der Trennwand war es still geworden und der Arzt tauchte wieder auf. Er schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid«, sagte er mit der förmlichen Getragenheit, die einem eine fremde Sprache zu schenken vermag.

Laidlaw steckte den Umschlag ein.

»War er ein Freund?«

Laidlaw dachte nach.

»Möglich, dass er keinen besseren hatte. Woran ist er gestorben?«

»Kann ich im Moment noch nicht sagen. Wer war er?«

»Alexander Adamson. Ein Penner. Im Winter hat er in billigen Absteigen gehaust. Im Sommer da, wo er konnte. Angehörige nicht bekannt. Tolle Grabinschrift.«

Laidlaw erinnerte sich, dass er Eck eines Nachts schlafend auf einem Belüftungsgitter draußen vor der Central Station gefunden hatte. Er hatte sich die Wärme zunutze gemacht, die aus der Küche des Central Hotel aufstieg. Jetzt fand hier die Totenfeier am Ende eines trostlosen Lebens statt, sie beschränkte sich auf wenige zwischen Fremden gewechselte Sätze.

»Zum Schluss war es nicht mehr schlimm für ihn«, sagte der Arzt. »Er ist friedlich gestorben.«

Laidlaw nickte. Wie ein Blatt.

»Ich will eine staatsanwaltliche Obduktion.«

»Natürlich. Das ist Vorschrift.«

»Heute noch? Ich hätte das Ergebnis gerne heute.«

»Wir werden sehen.«

»Ja, das werden wir.«

Auf dem Weg zum Wagen schaute Laidlaw noch einmal in der Notaufnahme vorbei. Der Junge mit der blutverschmierten Jacke war weg. Eine Schwester zeigte Laidlaw Ecks Habseligkeiten in einem braunen Umschlag; eine leere Dose mit krümeligen Tabakresten, eine stehen gebliebene Armbanduhr, sieben einzelne Pfund und ein schmutziger Zettel. Laidlaw strich den Zettel glatt und las die handschriftliche Botschaft.

Der puritanische Trugschluss besteht darin zu glauben, Tugendhaftigkeit würde von alleine erreicht. Man macht das Richtige, weil man es nicht anders kennt. Das ist die Woolworth-Moral der Gesellschaft, ein billiger Ersatz. Wahre Moral beginnt mit einer Entscheidung: je größer die Entscheidungsvielfalt, desto größer die Moralität. Nur diejenigen können wahrhaft gut sein, die ihre Fähigkeit, Böses zu tun, genau überprüft haben. Idealismus ist Zensur der Realität.

Fein säuberlich notiert, darunter eine Adresse in Pollokshields und die Namen Lynsey Farren und Paddy Collins in schwarzem Kugelschreiber, außerdem »The Crib« und die Nummer 9464 946.

Laidlaws erste Reaktion war eine praktische. Ihm fiel auf, dass die Handschrift dieselbe, der Text aber mit blauem Stift notiert worden war. Er vermutete, dass die hausgemachten philosophischen Überlegungen bereits auf dem Zettel gestanden hatten, als deren Verfasser weitere Informationen hinzugefügt hatte. Für wen aber? Für Eck?

Der erste Teil war sicher nicht für ihn bestimmt gewesen. Aber auch die Adresse schien nicht zu passen. Pollokshields, wo das Geld auf Bäumen wächst, war wohl kaum Ecks Gefilde. Die Nummer sagte Laidlaw nichts. Nur »The Crib« ergab Sinn.

Dann überkam Laidlaw ein leichter Schauder, als er den Zettel in Händen hielt und Menschlichkeit seine Professionalität zu verdrängen drohte. In dem Versuch, diesem Gefühl auf den Grund zu gehen, las er den Absatz noch einmal. Vielleicht lag es an der hier spürbaren, gefährlich verzerrten Form jener calvinistischen Selbstgerechtigkeit, die sich in den Herzen vieler Schotten wie Eiszapfen herausgebildet hatte. Er fragte sich, von wem Eck diese seltsame Botschaft bekommen hatte.

Als er aufblickte, löste sich seine Schwermut angesichts des freundlich runden Gesichts der Schwester, die sich praktischen Dingen widmete. Durch sie wurde ihm bewusst, dass er es am besten genauso machen sollte.

»Verzeihung«, sagte er. »Den Zettel brauche ich. Muss ich was dafür unterschreiben?«

5

SCHANKGESETZE KÖNNEN SPASS MACHEN. Ohne käme man nie in den Genuss der geheimnisvollen Freuden des verbotenen Trinkens nach Kneipenschluss – und des Gefühls der Dazugehörigkeit zu einem sehr kurzlebigen Klub. Romantisch wie eine Holzhütte in Yukon, doch die Zeit sabbert schon wie ein zahnloser Wolf vor verschlossener Tür.

Genau solch eine Atmosphäre herrschte im »Crib«, einem Pub, das trotz seines Namens für Kinder kaum geeignet war. Es war nach halb eins. Draußen auf den Straßen von Saracen, einem ruppigen Viertel nördlich des Zentrums, war es ruhig. Drinnen hatten fünf Menschen spontan ein Pentagramm gebildet und dazu aufgerufen, sich selbst zu feiern.

Einer von ihnen war der ständige Barkeeper Charlie, der von einem Pub in Calton hierhergekommen war. Er war Mitte fünfzig und seinem Alter an Klugheit weit voraus. Obwohl er den Großteil seines Lebens zwischen gewalttätigen Männern verbracht hatte, waren seine schlimmsten Auseinandersetzungen solche mit Bierfässern gewesen.

Das Geheimnis seines narbenfreien Gesichts war ein feines Gespür für Hierarchien. Wie ein Glasgower Knigge kannte er exakt die für jede beliebige Situation angemessene Form der Ansprache. Außerdem arbeitete er für einen Mann, dessen Namen andere sich überzogen wie eine Livree aus Panzerstahl. Hatte man Beziehungen zu John Rhodes, war das ein bisschen, als hätte man Securicor als Taxiunternehmen verpflichtet.

Ein Vorteil, den Charlie nie ausnutzte. Selbst jetzt, in der sicher abgesperrten Kneipe, zügelte er sich, weil er wusste, dass Ausgelassenheit angreifbar macht. Er hatte zwei nicht allzu große Whisky getrunken und leise in den Refrain eines Lieds eingestimmt.

Dass er genau wusste, wo er war, war weniger entscheidend als dass er wusste, wo er nicht war, nämlich im Krankenhaus. Dies hier war Dave McMasters Veranstaltung. Charlie begnügte sich damit, einer weiteren von Daves Geschichten zu lauschen.

»Die gehen also auf den Barras, den Markt, okay? Einer ist als Nikolaus verkleidet. Ein Zentner Baumwolle und Gummistiefel von der Armee. Der andere schleppt die Spielsachen, kleine Modellautos und angesabbertes Kaugummi. Nikolaus lockt sie an, und sein Helfer nimmt ihnen das Geld ab. So machen die das den ganzen Tag, verziehen sich nur ab und zu zum Aufwärmen ins Pub. Gut. Als dichtgemacht wird, sind sie auch wieder drin. Teilen die Beute. Nur dass der Helfer zwei Drittel haben will und der liebe Nikolaus nur eins bekommen soll. Nikolaus ist stinkig. Und zack! Könnt ihr euch das vorstellen? Er präsentiert ihm ein Geschenk. Dann tätowiert er ihm die Rippen mit den Stiefeln. Flucht so laut, dass sein Bart Feuer fängt. Am lustigsten war’s, als der Türsteher die beiden rausgeschmissen hat. Nikolaus liegt auf dem Gehweg und der Rausschmeißer schreit: Du hast Hausverbot, Nikolaus! Hausverbot. Nikolaus hat Hausverbot.«

Charlie lachte mit, aber nicht mit derselben Unbekümmertheit wie die anderen. Er hatte begriffen, worum es ging. Die anderen drei hofierten Dave.

Das Mädchen war seine Freundin. Jedes Mal, wenn er etwas sagte, fraß sie ihn mit Blicken auf. Lachte über seine Witze, als gelte es einen Wettstreit zu gewinnen.

Mit ihrem vornehmen Akzent, ihren schicken Klamotten und ihrer blonden Eleganz gehörte sie hierher wie eine Jungfrau ins Bordell. Aber wahrscheinlich steckte mehr dahinter, als der erste Eindruck vermuten ließ. Sie war jetzt schon seit einem Monat ständig in Daves Nähe. Was auch immer sie an ihm anziehend fand, seine zuvorkommenden Manieren konnten es nicht sein.

Dave McMaster war die neue Version eines alten Typs. Charlie hatte schon einige von seiner Sorte erlebt, Rabauken mit der Ambition, sich einen Ruf über den eigenen Freundeskreis hinaus aufzubauen und das eigene Hobby, Gewalt, zum Beruf zu machen.

Bei einer Schlägerei mit zwei jungen konkurrierenden Banden aus Possil war Dave ausgetickt, hatte ein Bajonett geschwungen und mehr als sechs Gegner in die Flucht geschlagen. Charlie konnte sich vorstellen, wie er am nächsten Morgen aufgewacht war und plötzlich einen Ruf zu verteidigen hatte, der ihm ebenso viel abverlangte wie eine Heroinsucht. Seither hatte er sich weiterentwickelt, aber Charlie zweifelte immer noch. Dave war sehr schnell aufgestiegen. Jetzt war er die rechte Hand von Hook Hawkins, der im Auftrag von John Rhodes vier Pubs in Saracen führte, darunter auch »The Crib«. Dave war ehrgeizig. Charlie fragte sich nur, ob er sich in seinem Ehrgeiz nicht übernahm.

Keiner der anderen schien Charlies Bedenken zu teilen. Sie waren so kritisch wie ein Fanklub. Außer dem Mädchen saßen dort Macey, ein kleinkrimineller Einbrecher, und ein Junge namens Sammy, den Charlie nicht kannte. Wahrscheinlich wollte sich Macey in Daves Fahrwasser hocharbeiten.

Sammy war Tourist, Macey hatte ihn hier eingeführt. Er sah aus wie ein Vetter vom Land. Seine Augen glänzten vor Bewunderung für Daves Unerbittlichkeit. Vermutlich gehörte er zu der Sorte von Schwachköpfen, die Eintrittskarten für Verkehrsunfälle kaufen. Er wollte unbedingt dazugehören, konnte sich aber selbst nicht helfen.

Er hatte eine lustige Geschichte zum Besten geben wollen, war damit aber rübergekommen wie einer, der eine Partie Golf Loch für Loch nacherzählt. Zum Glück konnte er singen, seine helle, schöne Stimme hatte ihn nicht verdient. Charlie ging durch den Kopf, dass Sammy besser zu Hause geblieben wäre und nur Kassetten von sich geschickt hätte.

»Das ist wahr«, sagte Dave. »Als die bei ihm waren, stand eine Drechselbank im Schlafzimmer. Und er wusste nicht mal, was man damit macht. Hat sie nur mitgehen lassen, falls sie was wert ist. Wofür das Ding gut sein kann, hat er erst aus der Anklageschrift erfahren.«

Das Gelächter entsprach nicht dem Witz des Gesagten, nur der Autorität, mit der Dave es vorgetragen hatte. Seine selbstbewusste Ausstrahlung ließ alles, was er sagte, lustig erscheinen, auch wenn es in der Nacherzählung auf ein Nichts zusammengeschrumpft wäre. Als es an der Tür zur Straße klopfte, lachten sie immer noch.

Dave zog eine Grimasse.

»Sieh nach, Charlie«, sagte er. »Wenn’s niemand Besonderes ist, wirf ihn raus.«

Charlie ging zur Tür und machte auf, ließ die Kette aber vorgelegt. Durch den Spalt sah er Cam Colvin. Hinter ihm standen zwei andere, die Charlie nicht erkennen konnte. Was auch nicht nötig war. Cam Colvin genügte. Charlie wünschte, John Rhodes wäre da.

»Mr Colvin. Kann ich helfen?«

»Du kannst dir selbst helfen, indem du die Tür aufmachst. Es sei denn, du willst einen zweiten Durchbruch zur Straße.«

Charlie kannte seine Aufgaben, und sich Cam Colvin zu widersetzen gehörte nicht dazu. Dave hatte nur gesagt, wenn’s jemand Besonderes ist, sollte er ihn reinlassen. Cam war jemand Besonderes. Charlie zog die Kette ab.

Hinter Cam traten Mickey Ballater und Panda Paterson ein. Mickey war eine Zeit lang aus Glasgow weg gewesen und nicht mehr so bekannt wie früher, aber Charlie hatte ein gutes Gedächtnis.

Panda hieß wegen seines trügerisch gemütlichen Aussehens so, er war groß und schwerfällig, hatte ein rundes unschuldiges Gesicht. Er hätte ein Teddybär sein können, wären seine Krallen nicht echt gewesen.

Charlie ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Keiner von ihnen gehörte zu Colvins Männern. Charlie, der wusste, dass Paddy Collins im Sterben lag, konnte nur vermuten, dass sie im Vicky aufmarschiert waren, um Cam gegenüber guten Willen zu zeigen, wie ein rückwirkendes Alibi. Aber bestimmt war Ballater nicht nur deshalb aus England hierhergekommen. Beide hatten Paddy Collins gekannt, was aber ihr Erscheinen nicht erklärte. Charlie gefiel das nicht. Er wusste ziemlich genau, wer zu wem gehörte, und seltsame Zusammenstellungen machten ihm stets Sorge. Meist bedeuteten sie Ärger. Er schloss die Tür ab und folgte ihnen, dann stellte er sich hinter die Bar.

Cam Colvin blieb in einigem Abstand zu den bereits dort Sitzenden stehen. Sie sahen einen mittelgroßen Mann in einem Crombie-Mantel. Seine Klamotten wirkten ausnahmslos teuer, aber ein kleines bisschen der Mode hinterher, als hätte er The Tailor and Cutter immer nur beim Zahnarzt im Wartezimmer gelesen. Die Haare waren zu lang, aber gut geschnitten. Charlie fragte sich, ob sie wussten, wen sie vor sich hatten.

Auf der Tabelle der Glasgower Profigangster, die inoffiziell in Pubs und auf Grundlage unglaublicher Anekdoten von denen erstellt wird, die sich auskennen, rangierte Cam Colvin derzeit an der Spitze. Die Eigenschaften, die wie Punkte bei einer Fußballliga angeführt wurden und seinen Platz rechtfertigten, waren seine extreme Bösartigkeit und seine absolute Vorsicht. Sein Name stand für brutale Präzision, darin ähnelte er einem paranoiden Computer.

Wenn er sich gewaltsam Zugang zu einem Pub verschaffte, das John Rhodes gehörte, war dies nicht auf Leichtsinn zurückzuführen. Es bedeutete, dass ihm etwas sehr Ernstes auf der Seele brannte.

»Cam«, sagte Dave. »Charlie, gib dem Mann was zu trinken. Was darf’s denn sein?«

Charlie rührte sich nicht. Er wusste, wer die Befehle gab.

»Ich suche Hook.«

»Ist heute Abend nicht da, Cam. Worum geht’s?«

»Ich hab nicht gesagt, dass ich dich suche. Ich erklär’s ihm selbst. Wo ist er?«

Die Stimme war hell und ausdruckslos und ließ die automatische Zeitansage der Telefongesellschaft exaltiert klingen.

»Keine Ahnung«, sagte Dave. »Ich glaub nicht, dass er heute Abend zu Hause ist. Soll ich ihm was ausrichten?«

Cam ging an Dave vorbei ins andere Zimmer, kam aber gleich wieder zur Tür zurück.

»Mach Licht«, sagte er zu Charlie.

Charlie machte Licht. Solange Cam weg war, musterte Panda Paterson das Mädchen, als stünde es auf der Speisekarte.

»Wie heißt du?«, fragte er sie.

»Geht dich nichts an«, erwiderte Sammy.

Der Klang seiner Stimme erschreckte ihn selbst. Als hätte sich etwas spontan entzündet, ein atmosphärischer Unfall. Er war so versunken in die Situation, in den Auftritt Daves und der anderen, dass er sprach wie sie, nicht wie er selbst. Betreten sah er sich um, als wollte er denjenigen ausfindig machen, dessen Stimme aus seinem Mund gekommen war. Panda begutachtete ihn wie eine Bakterienkultur.

»Ihr Name ist Lynsey«, sagte Dave. »Und sie gehört mir.«

Panda sah ihn an.

»Dann bist du mit einem Chauvinistenschwein zusammen«, sagte er. »Du bist Dave McMaster.«

»Ich weiß, wer ich bin. Wer bist du?«

Daves ahnungslose Dreistigkeit gehörte zu den Dingen, die Charlie an ihm Sorgen machten. Eines Tages würde er beim Wikingerspielen ersaufen.

»Ich nehm ein Pint Heavy«, sagte Panda.

Charlie zapfte, während Cam Colvin zurückkam. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Er sah Dave an.

»Sag Hook, ich will ihn sprechen«, meinte er. »Macey, du kannst mir Bescheid geben. Wo und wann. Aber schnell. Sag das Hook.«

Panda Paterson nahm sein Pint vom Tresen. Er ging zu den anderen, als wollte er sich dazusetzen, und kippte ganz langsam sein Bier über Sammys Kopf. Charlie vermutete, Panda wollte Cam zuliebe eine Vorstellung inszenieren. Mickey Ballaters Miene war undurchdringlich.

Es dauerte sehr, sehr lange und war ein Akt von ausgesprochener Grausamkeit, sadistischer als ein Faustschlag. Je langsamer er goss, desto umfassender schien Sammys Erbärmlichkeit. Die anderen sahen zu, wie er zunächst erschrak, seine Wut unterdrückte, aufstehen wollte, es sich dann aber doch anders überlegte und sich mit einem entsetzlichen Selbstverständnis begnügte. Er schloss die Augen und verhielt sich reglos wie eine Leiche. Als Panda Paterson beinahe schon gewissenhaft die letzten Tropfen aus dem Glas schüttelte, leuchtete Sammys Schmach grellbunt. Die anderen ertrugen den Anblick kaum. Panda stellte das Glas vorsichtig ab, es war so leer wie Sammys Ego.

Cam Colvin hatte desinteressiert zugesehen, anscheinend war er mit den Gedanken woanders.

»Sag Hook Bescheid«, sagte er und ging, gefolgt von den anderen beiden. Dave erlaubte dem Schweigen nicht, sich auszubreiten.

»Hol einen Lappen!«, sagte er verächtlich.

Es war nicht ganz klar, wem seine Verachtung galt. Während sich niemand sonst rührte, holte Charlie einen Lappen und wischte Sammy wie eine Mutter trocken.

»Zum Teufel, Kleiner«, sagte Charlie. »Stillhalten war genau richtig. Ich hätte es genauso gemacht. In dem Kampf gab’s nicht mal Gewichtsklassen. So ein großes Arschloch, wie der eins ist, kannst du gar nicht werden. Das ist ein richtiger Schweineficker. Als der klein war, hat er alten Frauen halb über die Straße geholfen. Überlass den John.«

Das Menschliche in Charlies Stimme ließ den Raum allmählich tauen. Das Mädchen sagte: »Puuuh.« Macey legte Sammy eine Hand auf die Schulter.

»Vergiss es, Junge«, sagte er, was ungefähr dasselbe war wie einem Napalmopfer Heftpflaster zuzuwerfen. »Worum ging’s eigentlich?«

»Ärger«, meinte Dave McMaster. »Jemand steckt in Schwierigkeiten.«

6

ALS ER ZURÜCKKAM, hatte Ena sich bereits ein altes Drehbuch zurechtgelegt. Sie verkörperte Rom und er Attila, den Hunnenkönig. Seine Portion Lasagne war während seiner langen Abwesenheit ungenießbar geworden, im eigenen Fett erstarrt. Die Gäste waren gegangen. Ena deutete an, es habe sich ein tiefgründiges Gespräch entsponnen, das er verpasst habe. Der letzte Blick in Ecks totes Gesicht war noch frisch in Laidlaws Erinnerung, und so fiel es ihm schwer, sich an seinen Text zu erinnern.

Sie fing wieder mit seinem angeblich mangelnden sozialen Fingerspitzengefühl an. Er zeige sich so charmant wie King Kong. Sie geziert, wie in ein Mustertuch gestickt. Dagegen er ein Monument der Selbstsucht. Wer Sorgen habe wie sie, müsse an Frostbeulen sterben. Jedenfalls habe er alles dafür getan, dass Donald und Ria ihn nicht ausstehen konnten. Wer Feinde hatte wie diese beiden, wer brauchte da noch Freunde?

Nach dem Kabarett der gegenseitigen Vorwürfe ging Ena ins Bett, und Laidlaw schenkte sich ein halbes Glas Antiquary ein, füllte es mit Wasser auf. Er ging ans Telefon, hoffte jemanden dranzubekommen, den er kannte und mit dem er klarkam, was nicht ganz einfach war, wie er schuldbewusst dachte. Er hatte Glück. Der diensthabende Staatsanwalt war Robbie Evans.

»Hallo, Jack. Was gibt’s Neues von der Front?«

Laidlaw erzählte ihm von Eck.

»Du glaubst, sein Tod hatte keine ausschließlich natürlichen Ursachen?«

»Möglich.«

»Welche zum Beispiel?«

»Gift?«

»Wie willst du das feststellen? Hat er sich nicht seit Jahren selbst vergiftet?«

»Wenn er’s mal wirklich alleine gewesen ist. Es wird eine Obduktion geben. Ich würde nur gerne sichergehen, dass es so schnell wie möglich passiert. Noch Morgen Vormittag. Anscheinend hat er ziemlich lange im Sterben gelegen. Wenn ihm das jemand angetan hat, gehen uns Spuren verloren, je länger es dauert. Ich würde mich gerne vergewissern, bevor er im Kühlhaus landet.«

»Ich kümmer mich drum. Hat dir den Abend verdorben, oder?«

»Ja, schon. Aber Eck ist es nicht besser ergangen.«

»Ruf morgen wieder an, Jack.«

»Danke.«

Er trank ein paar Schluck Antiquary und ging hoch, um nach den Kindern zu sehen. Wenn er Schlimmes erlebt hatte, war das für ihn fast wie ein Zwang. Er erinnerte sich, wie er einmal vor vielen Jahren, als er noch Uniform getragen hatte, als Erster am Tatort eines Mordes eingetroffen war, nicht in Glasgow. Das Opfer, ein Homosexueller, war von zwei jungen Männern, die er auf einer öffentlichen Toilette getroffen und mit nach Hause in seine Wohnung genommen hatte, zu Tode gefoltert worden. Einer der Männer war Fleischer-Lehrling und hatte den Jungen zum krönenden Abschluss, nachdem sie ihn bereits stranguliert hatten, von der Leiste bis zum Brustknochen aufgeschlitzt und ausgeweidet wie ein Huhn. Später hatte der Fleischer ausgesagt: »Der war nicht normal.«

Damals war Moya gerade erst auf der Welt und Laidlaw merkte, dass er so oft nach ihr sah, dass es ihm schon wie ein Wachdienst vorkam. Große böse Welt, ich behalte dich im Auge.

Heute Abend war alles gut. Moya schlief mit ihren elf Jahren beinahe lächelnd, als habe sie ein Geheimnis. Dem Anschein nach ein sinnliches. Ihr Körper wurde dieser Tage weicher und ihr Gesichtsausdruck zog sich in Nachdenklichkeit zurück. Gute Probleme kamen auf sie zu. Mit zehn sah Sandra jünger aus, als sie war, und schien immer noch den Ehrgeiz zu besitzen, als Junge durchzugehen. Jackie lag wie immer ausgestreckt und selbstvergessen wie ein Unfall in der Kammer. Er war sieben. Ihnen ging es gut.

Er stieg die Treppe runter und stürzte sich kopfüber auf seinen Drink, schenkte sich gleich einen weiteren ein. Er überlegte, ob er lesen sollte. Aber alles schien ein bisschen zu weit vom toten Eck im Royal entfernt. Er dachte über ihn nach. Entfernt verspürte er das Bedürfnis, jemandem davon zu erzählen, der sich dafür interessierte. Für jeden Toten sollte es mindestens einen geben, der sich für ihn interessiert. Je mehr Menschen etwas darüber wissen wollen, desto näher kommt man einer Art humanistischen Erlösung. Und für eine andere fehlte Laidlaw der Glaube.

Er erinnerte sich, dass er Eck seit Beginn seiner Zusammenarbeit mit Brian Harkness ein paar Mal getroffen hatte. Brian hatte beim Fall Bryson zum ersten Mal mit ihm zu tun gehabt.

Laidlaw ging zum Telefon. Es war inzwischen früh am Morgen, aber er rief trotzdem an. Er musste es einige Male klingeln lassen, bevor Brians Vater abnahm. Brian war nicht zu Hause. Laidlaw entschuldigte sich. Brians Vater war ein netter Mann, der Laidlaw von seiner generellen Abneigung gegen Polizisten auszunehmen schien, obwohl er ihm nur einmal begegnet war. Er nahm die Nachricht über den Toten entgegen und erklärte, er wolle Brian ausrichten, dass Laidlaw ihn früher treffen wollte. Aber natürlich hatte er Eck nicht gekannt.

Laidlaw legte auf und nahm Ecks Zettel aus der Hosentasche. Da fiel ihm das Geld ein. Dass Eck sieben Pfund in der Tasche hatte, war genauso ungewöhnlich für ihn wie ein Hauptgewinn im Fußball-Toto. Die Nummer musste eine Telefonnummer sein, drei Ziffern Vorwahl. Er wählte sie, ließ es fünfzehn Mal klingeln. Niemand hob ab.

Dieser wenig überraschende Umstand zog Laidlaw in seiner Niedergeschlagenheit noch weiter runter. Wenn er auf der Intensivstation schon ganz unten angekommen war, dann hing er jetzt in den Schlaglöchern. Das Schweigen am anderen Ende der Leitung wirkte auf ihn so absolut, als hätte er Gott angerufen. Immer wieder lockte ihn die Verzweiflung über gegenseitiges Desinteresse in einen Hinterhalt und machte jegliches Gefühl, etwas geleistet zu haben, zunichte.

Entweder war jeder etwas wert oder niemand. Er erinnerte sich, als Teenager hochfliegende Gedanken gehegt zu haben, als wäre er der Erste, dem sie je in den Sinn kamen. Rückblickend nannte er das seine »Warum sind wir auf der Welt«-Phase, während derer er manchmal mit einem Kopf herumlief, der einer Titelseite mit der Schlagzeile glich: Gibt es Gott? Heute konnte er darüber lachen, aber sein Lachen klang reumütig.

In Wirklichkeit verfolgten ihn einige der Unmöglichkeiten, mit denen er damals zu kämpfen hatte, bis heute. Er erinnerte sich, den Glauben an eine übergreifende Bedeutung des Lebens aufgegeben zu haben, weil eine solche unteilbar, unwiderruflich und allgemeingültig hätte sein müssen und jeder schwebenden Feder und jedem Fitzelchen Papier gleichermaßen und unvoreingenommen Bedeutung verliehen hätte.

Eck war wie ein solches Fitzelchen Papier. Man konnte nicht behaupten, der Sinn sei anderswo und Eck spiele keine Rolle. Das wäre Verrat. Wir haben nur einander, und wenn wir Waisen sind, können wir ehrenhalber nichts anderes machen, als einander zu adoptieren, der Sinnlosigkeit des Lebens mit der Sorge füreinander trotzen. Das ist, was uns adelt.

Laidlaw versuchte, seine Energie wieder aufzufüllen, indem er beim Whisky allen Gewalttätern den Krieg erklärte, allen, die sich nicht für andere interessierten. Doch allein der Gedanke war ihm peinlich. Er wäre ein solch verhinderter Held, ein Gescheiterter, der sich Gescheiterten entgegenstellt. Er musste sich eingestehen, dass er in diesem Moment Jan im Burleigh Hotel anrufen wollte und deshalb gleich ein doppelt schlechtes Gewissen hatte. Einerseits, weil er damit der Versuchung erliegen würde, Jan als Trösterin zu missbrauchen, obwohl er sie kaum an seinem Leben teilhaben ließ. Und andererseits, weil er Ena betrog. Der Kompromiss seines Lebens, mit dem er andere so sehr verletzte, widerte ihn an.

Doch ihm fiel niemand ein, dem Eck genug bedeutete, um herausfinden zu wollen, was ihm zugestoßen war. Laidlaw musste es versuchen. Erbärmlicherweise, wie ihm schien, fielen ihm nur kleine Dinge ein. Er würde die Adresse und die Namen überprüfen und die verfluchte Nummer so lange wählen, bis jemand abnahm. Und morgen würde er die Ergebnisse der Obduktion bekommen.

Wenigstens konnte er Brian morgen davon erzählen, einem, der den Toten gekannt hatte. Damit wurde die Liste der Trauernden um einen weiteren Namen verlängert. Doch auch dieser Gedanke vermochte nicht, seine wütende Traurigkeit zu vertreiben.

7

HARKNESS WACHTE MIT einem ganz eigenen Problem auf. Im Vorzimmer des anbrechenden Tages war es in letzter Zeit sein ständiger Begleiter. Wann sollte er heiraten? Die Antwort wurde durch eine zweite Frage, die sich der ersten stets wie ein siamesischer Zwilling anschloss, erheblich verkompliziert: Wen sollte er heiraten?

Müde durchlief er sein frühmorgendliches Gedankenprogramm, das er statt Liegestützen absolvierte. Er hatte genug von der Herumtreiberei. Er wollte heiraten. Er mochte Morag. Er mochte Mary. Morag wollte er auf keinen Fall den Laufpass geben. Mary auch nicht. Aber er wollte heiraten. Und hatte genug von der Herumtreiberei.

Seine gegenwärtige Situation bestätigte dies. Er lag in Unterhose unter einer Decke auf jemandes Couch. Die Couch war ein Garant für Schlaflosigkeit. Sie war so konstruiert, dass der Kopf im rechten Winkel zum Körper unter der einen Armlehne eingeklemmt lag, während die andere ein wildes Muster in die Waden prägte. Seine Füße guckten unter der Decke hervor, und der große Zeh seines rechten Fußes – schwarz angelaufen, seitdem er ihn sich bei einem Spiel des Crime Squad gestoßen hatte – schien ihm vorzuwerfen, jünger erscheinen zu wollen, als er tatsächlich war. Er war nämlich schon siebenundzwanzig. Und sein Fußnagel sah aus, als würde er abfallen. Auch das noch.

Jetzt wusste er wieder, wo er war. Zuerst hatte er geglaubt, bei einem Mädchen zu Hause. Gestern Abend war er im »Joanna’s« gewesen, einer Disco. (Was hatte er da gewollt? Nach einer dritten Möglichkeit Ausschau halten?) Aber dann erkannte er die unnachahmliche Einrichtung von Milligans kleiner Wohnung, eine Art Wartezimmer-Barock.

Die Wände waren graubraun und schmucklos, die Möbel so anheimelnd wie in einem Gebrauchtwarenlager und überall verstreut dazwischen Klamotten. Weniger ein Zimmer als ein Koffer mit Türen.

Aus der winzigen Küche drang das Brutzeln von etwas, das in einer Pfanne gebraten wurde, und dann hörte er Milligan vergnügt »My Way« massakrieren.

Harkness grinste. Seit er vor seiner Versetzung zum Crime Squad unter Detective Inspector Milligan bei der North Division gearbeitet hatte, war er mit der ansteckend-nervösen Fröhlichkeit Milligans vertraut. Der Mann benahm sich, als wäre die Welt eine Parade zu seinen Ehren. Wenn er an Laidlaws Angespanntheit dachte, verstand Harkness, weshalb sein neuer und sein alter Vorgesetzter einander nicht leiden konnten. Ihre Charaktere widersprachen sich.

Milligan tapste durchs Zimmer, trug einen dunkelblauen Frotteebademantel von Marks & Spencer. Vermutlich aus der Grabbelkiste. Er deckte den Tisch. Harkness, der immer eine Weile brauchte, um zurück an die Oberfläche zu gelangen, wollte zumindest guten Willen beweisen. Er machte den Mund auf, um zu sprechen, doch heraus kam nur ein verzerrtes Gähnen, ein »Narrgh«. »Darf ich dich damit zitieren?«, fragte Milligan. »Du hast gestern Abend ganz schön getankt. Was war los? Bist du in ein Fass gefallen?«

»Hab meine Probleme in Alkohol ertränkt.«

»Welche Probleme? Dein einziges Problem ist, dass du nicht genügend hast.«

Beim Anblick von Milligan, der die zahlreichen ihn umhüllenden Hektar Frottierstoff sprengte und dessen breites Gesicht aussah, als hätte es mehr Gegenwind bekommen als Beachy Head, kam sich Harkness, was Probleme anging, allerdings naiv vor. Milligan hatte eine gescheiterte Ehe und eine verhinderte Karriere hinter sich, er war ein Überlebender, der selbst bei einem Luftangriff noch fröhlich pfiff.

»Ich bilde mir aber ein, dass ich welche habe«, sagte er kleinlaut und stand auf. Seine Füße waren eiskalt. »Danke, dass du mich gestern Nacht aufgenommen hast.«

»Dachte, du hast vielleicht noch ein Mädchen dabei. Wie ein Take-away.«

Harkness ging ins Badezimmer und wusch sich, benutzte Milligans letzte Rasierklinge, die sich wie eine Metallsäge auf der Haut anfühlte, und fragte, ob er das Telefon benutzen dürfe.

»Wenn’s nicht abgestellt ist.«

Er rief seinen Vater an, um sich zu erkundigen, ob jemand eine Nachricht für ihn hinterlassen hatte. Dann ärgerte er sich, weil er nicht da gewesen und mit Laidlaw über Eck gesprochen hatte. Er versicherte seinem Vater, dass noch Zeit genug war, um Laidlaw pünktlich zu treffen. Kurz überlegte er, ob er in Simshill anrufen sollte, aber da es auf seiner Uhr bereits fünf vor acht war, ließ er es bleiben.

Das Frühstück war eine einzige Selbstkasteiung. Der Schinken und die Eier waren fraglos gut, aber er hatte sich die Zähne nur mit dem Zeigefinger geputzt, und die Reste der vergangenen Nacht in seinem Mund ließen alles nach Federn schmecken. Milligans grausame Heiterkeit machte es nicht besser.

»Ich glaube, ich werde heiraten«, sagte Harkness mehr oder weniger zu sich selbst und unterbrach damit Milligans Monolog.

»Warum machst du nicht was Vernünftigeres und spielst Russisch Roulette?«

»Kannst du die Ehe nicht empfehlen?«

»Ich hoffe, das soll kein Antrag sein. Nur weil ich ein gutes Frühstück zustande bringe. Eigentlich bin ich auch vergeben. Meine Frau und ich überlegen, ob wir uns nicht wieder versöhnen wollen. Ehrlich. Letzte Woche hab ich zwei oder drei Stunden mit ihr verbracht und sie kein einziges Mal schlagen wollen. Das muss Liebe sein. Sie hat immer noch nicht die Scheidung eingereicht, weißt du? Eine Schande ist das. Wenn die sich erst mal auf mich einlassen, sind sie für andere verdorben.«

»Wann soll das passieren?«

»Gib ihr Zeit. Sie wird schon klein beigeben. Die Kinder treiben sie in den Wahnsinn. Machen das Haus zum Abenteuerspielplatz. Denen fehlt die starke Hand des Vaters. Wobei’s schade ist, wenn ich aus meiner hübschen kleinen Jungesellenbude rausmuss.«

»Zwing dich.«

»Könnte das letzte Mal sein, dass du hier gepennt hast. Und das ist erst der Anfang. Ich werde diesen Arschgesichtern zeigen, was ein richtiger Polizist ist. Die werden gar nicht mehr anders können, als mich zu befördern.«

»Wie meinst du das?«

»Kennst du Paddy Collins?«

»Im Victoria Infirmary? Der bei einer Messerstecherei verletzt wurde?«

»Verletzt? Er ist durchlöcherter als Haggs Castle. Die wussten nicht, ob sie ihn verbinden oder eine Runde auf ihm spielen sollen. Seit Tagen war er schon so gut wie tot. War nur eine Frage der Zeit, bis er’s zugeben musste. Letzte Nacht war’s dann so weit.«

»Weißt du, wer’s getan hat?«

»Nein, aber ich krieg’s raus. Ich war ein paar Mal bei ihm, leider war er nie bei Bewusstsein. Weißt du, wer er war?«

»Paddy Collins.«

»Klar. Und Hitler war Anstreicher. Ich meine, ob du weißt, mit wem er verwandt war? Cam Colvin ist sein Schwager. Und weißt du, was das bedeutet?«

»Paddy Collins bleibt vielleicht nicht der einzige Tote.«

»Kann eine große Sache werden.« Milligans unverhohlener Enthusiasmus irritierte Harkness, wie eine Touristenführung im Leichenschauhaus. »Stell dir das vor. Ich hab Cams Schwester im Krankenhaus gesehen. Sie macht auf trauernde Witwe, übt schon seit Tagen. Allmählich hat sie’s richtig gut drauf. Toll, oder? Ihr Mann war schon immer so voller Scheiße wie zwei Tonnen Kompost. Gemein zu Frauen, gemein zu Männern. Hat nur von Cam Colvins Ruf gelebt. Jeder, der ihn kannte, hätte gesagt, er hat’s verdient, als Leiche zu enden. Aber kaum liegt er im Krankenhaus mit einem Schlauch in der Nase, fangen die Engelschöre an zu singen. Sie wird dafür sorgen, dass es einem vorkommt wie ein Weltuntergang. Und Cam wird das nicht gefallen. Er wird ihr ein Leichentuch zum Tränentrocknen reichen. Mit einem Toten drin. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen.«

Harkness schüttelte den Kopf, dachte an die Konsequenzen.

»Drängt Jacks Sorgen in den Hintergrund«, sagte er.

»Wer? Laidlaw? St. Francis aus Simshill. Was treibt er so?«

»Hab gerade meinen Vater angerufen. Jack hat sich bei mir gemeldet. Eck Adamson ist gestern Nacht im Royal gestorben.«

»Und deshalb hat er Sorgen? Das ist ungefähr so traurig, wie wenn eine Flasche Brennspiritus zerbricht. Der muss doch inzwischen aus reinem Alkohol bestanden haben. In Laidlaws Augen war er natürlich das Paradebeispiel einer Not leidenden Kreatur. Du lieber Himmel, wir haben alle unsere Probleme, schon wahr. Außerdem war Eck als Spitzel ungefähr so viel wert wie ein Kanarienvogel. Der war ja nicht mal in der Lage zu wiederholen, was man ihm vorgesagt hat, geschweige denn, dass er einem was verraten hätte. Aber ich hab einen echten Spitzel. Kannst du dich an Macey erinnern?«

Harkness nickte. Als er mit Milligan gearbeitet hatte, war er Benny Mason ein paar Mal begegnet. Macey war das, was Polizisten unter einem »guten Halunken« verstehen – professionell, nicht gewalttätig. Er hielt den Ball flach und nahm die Dinge wie sie kamen, ohne sich zu beschweren. Seine Berufung zum Informanten schien er als selbst gewählte Beförderung zu betrachten. Und er machte sich gut in seiner neuen Rolle, schien nervlich unbelastet von den Risiken eines Lebens im kriminellen Schwebezustand. Harkness hatte jüngst gehört, Macey habe bei einem Einbruch seelenruhig zu einem unaufgeklärten Polizisten, der ihn festnehmen wollte, gesagt: »Nicht schnappen. Ich hab euch von dem Ding erzählt. Ich bin der, der knapp entkommt.« Und das ist er dann auch.

»Du arbeitest immer noch mit ihm?«

»Hab nicht vor, damit aufzuhören«, sagte Milligan. »Hab seine Eier im Schraubstock. Der gehört mir. Steckt mit Hook Hawkins unter einer Decke. Hab ihm schon gesagt, dass ich Informationen über Paddy Collins von ihm erwarte. Ich bin sicher, dass er welche hat. Besser wär’s.«

»Pass nur auf, dass er sich nichts ausdenkt.«

Milligan lachte.

»Dann kann er gleich seinen Grabstein bestellen. Nee. So blöd ist Macey nicht. Der wird mir den kleinen Gefallen tun. Heute Abend treffe ich ihn. Rate mal wo?«

Harkness zuckte mit den Schultern.

»The Albany.«

»The Albany? Du machst Witze. Das ist ein scheiß Treffpunkt für einen Spitzel.«

»Na, und wie.«

»Kannst ihn gleich bitten, es auf Plakatwände zu schreiben.«

»Ja, oder? Er wollte absagen. Konnte’s kaum fassen. Hat ins Telefon gebrüllt. Aber ich hab ihn gezwungen, einzuwilligen. Ich wette, der musste durch seine eigenen Exkremente waten, um aus der Telefonzelle rauszukommen.«

»Wozu?«

»Ich will, dass er sich angreifbar fühlt. Als hätte er seinen Deckmantel zu Hause vergessen.« Milligan zwinkerte. »Hast du’s eilig?«

»Ja«, sagte Harkness. »Jack will mich schon früher treffen.«

»Spülst du noch die Teller? Ich muss mich fertig machen. Hab heute viel vor. Hör zu. Später am Nachmittag bin ich im ›Admiral‹, wenn du Zeit hast. Wir könnten einen trinken. Wenn sich dein Magen erholt hat.«

Als sie raus auf die Straße traten, blickte Harkness in einen Himmel so schwarz wie eine Mülltonne. Passte zu seinem Kater. Er wünschte gerade, er könnte sich Milligans Heiterkeit zu eigen machen, als dieser von einem langhaarigen Mann in Jeans angerempelt wurde. Der junge Mann sah Milligan an, ohne sich zu entschuldigen.

»Verpiss dich, bevor ich dich zertrampele«, sagte Milligan und brach in schallendes Gelächter aus.

Harkness erinnerte sich an das, was Laidlaw über Milligans Lache gesagt hatte – »klingt, als würden Knochen brechen«.

Dann vertiefte er sich wieder in seinen Kater.

8

DER »GAY LADDIE«, John Rhodes’ Lieblingsbar in Calton, am Anfang – und wie einige meinten auch am Ende – des Glasgower East End, war gerammelt voll. Jedenfalls kam es einem so vor. Macey, Dave McMaster und Hook Hawkins waren da. Außerdem John Rhodes.

Trotz seiner Erfahrenheit ließ sich Macey immer noch von John einschüchtern. Das hatte keinen bestimmten Grund. Nicht seine beachtliche Größe. Nicht die irre Strahlkraft seiner Augen, so blau wie eine Ansichtskarte vom Meer. Äußerlich gab es nichts, womit man das Gefühl hätte erklären können. Vielleicht hatte es etwas mit der Gewalt zu tun, die John in der Vergangenheit auf sich gezogen und angesammelt hatte, den schlimmen Orten, die er besucht und von denen er wieder zurückgekehrt war. Auf Macey wirkte er wie eine drohende Gefahr, als würde er mit Flüssigsauerstoff jonglieren. Und immer wieder widerlegte seine gelassene Natürlichkeit diesen Eindruck.

Wenn er sich John jetzt so ansah, wie er den Tee, den Dave hinten aufgegossen hatte, in vier Becher schenkte, war sich Macey erneut der explosiven Widersprüche bewusst, die John Rhodes ausmachten. Dass sie hier waren, gehörte dazu. Sie trafen sich in dem Pub, weil John nicht duldete, dass die brutalen Methoden, mit denen er sein Geld verdiente, in sein Zuhause einbrachen und sein Familienleben störten, das er mit seiner Frau und den beiden Töchtern führte, als wäre er der Geschäftsführer einer Bank.

Der befremdende Gedanke fand Widerhall in der Befremdlichkeit der Kneipe. Es war circa halb zehn Uhr morgens, und durch die hohen Fenster, die kaum mehr als drahtverstärkte Glasschlitze waren, drangen Lichtstrahlen voll wirbelnder Staubpartikel, was dem fast leeren Pub eine verstörende Feierlichkeit verlieh, ähnlich einer Kapelle mit Baugerüst. Als das Teeritual beendet war, sprach der Hohepriester.

»Hook«, sagte er. »Sag die Wahrheit. Weißt du, was Cam Colvin vorhat?«

Hook Hawkins blickte auf. Sein erhobener Kopf bewegte sich, als wollte er absichtlich die Narbe betonen, die sich von seiner linken Wange bis unter sein Kinn zog. Manche behaupteten, sein Spitzname rühre daher, denn er habe sie einem Mann mit einer Hakenhand zu verdanken. Andere behaupteten, der Name stamme aus seiner kurzen Karriere als Boxer.

Macey dachte an sein Treffen mit Ernie Milligan später am Abend und hatte außer seiner angeborenen Neugierde weitere Gründe, aufmerksam zuzuhören. Er wusste, dass Hook und Paddy Collins zerstritten waren, hatte aber nie erfahren warum. Er fragte sich, ob es um etwas ging, das noch nicht ausgestanden war. Aber er fand Hooks Darbietung überzeugend.

»Bei Gott, ehrlich. Ich weiß nicht, worum’s geht, John. Keine Ahnung.«

»Paddy Collins ist tot«, sagte John. »Weißt du was darüber?«

»Wir waren Freunde.«

»Nicht immer.«

»Ist lange her, John.«

»Vielleicht sieht Cam das anders. Ist dieser Sammy auch ein Freund von dir, Macey?«

»Ja. Na ja, ein Bekannter, John. Der ist harmlos.«

John sah Dave McMaster an. Macey bereute seine letzte Bemerkung. Er hatte nur John gegenüber klarstellen wollen, dass er keinen Unruhestifter in dessen Pubs einführen würde. Aber er begriff jetzt, dass er Daves Situation damit verschlimmert hatte, weil er ihm unterstellte, er würde zulassen, dass Unschuldige belästigt werden. Hoffentlich würde Dave es ihm nicht übel nehmen.

»Dem geht’s gut«, ergänzte Macey beschwichtigend. »Ist nichts passiert. Nur die Jacke sieht jetzt aus, als wär sie gebatikt.«

Wenn er in Stimmung war, ließ sich John ebenso leicht unterhalten wie das Publikum im Glasgow Empire an einem regnerischen Dienstag. Immer noch ruhte sein Blick auf Dave. So angeguckt zu werden, dachte Macey, ist, als würde man einem Schmelzofen zu nahe kommen. Man weicht automatisch zurück.

»Was macht Mickey Ballater hier oben? Wer will diesen Abschaum hier haben? Und Panda Paterson? Wenn ich scheiße, kommt was Besseres raus als der.«

»Der war kein Problem, John«, sagte Dave. »Aber ohne dein Okay wollte ich mich nicht mit Cam anlegen. Jetzt wird’s ernst. Das ist alles.«

John starrte ihn an.

»Das will ich hoffen«, sagte er. »Auf einen Laden aufpassen heißt auch, dass man sich um alle kümmert. Wenn du einem Arschloch erlaubst, dir ins Gesicht zu pissen, kommt der Nächste gleich mit ner ganzen Busladung vorbei, und die wollen dann alle mal. Kann ganz schnell einreißen, wenn sich rumspricht, dass man sich im ›Crib‹ was erlauben kann.«

Er trank seinen Tee. Eigentlich fällte er gar keine Entscheidung. Er ließ sie fällen. Bedachtsamkeit war nicht seine Stärke. Dafür Wut. Als er dort saß, lockte er sie aus ihrem Zwinger, legte ihr Bruchstücke des Geschehenen vor, als wollte er sie auf eine Fährte setzen.

»Einen zweiten Durchbruch zur Straße?«, sagte er. »Ich glaube kaum, dass das klappt. Wir müssen mal sehen, wie er’s haben will. Wenn er uns so kommt, verpass ich ihm einen Durchbruch in den Brustkorb. Ich hau Löcher rein, da können Vögel drin nisten.«

Er sah Macey an.

»Mach was mit ihm aus.«

»Wann, John?«

»Jetzt.«

»Hier?«

»Nein. Er soll sich’s aussuchen. Egal wo. Aber komm gleich wieder. Ich will ihn gleich sehen.«

Macey ließ den Tee stehen, den er kaum angerührt hatte, und ging zur Tür.

»Macey. Am besten irgendwo in der Nähe von einem Krankenhaus.«

John Rhodes grinste, ein Ereignis, so freundlich wie eine Sonnenfinsternis im Winter.

9

DEN URBANEN BEDUINEN gibt es in Glasgow wie in jeder anderen Stadt. Aufgrund der Orientierungslosigkeit des Alkoholikers verändert er ständig seinen Standort, aber sein Vagabundieren folgt eingefahrenen Handelswegen. In einer Saison sind bestimmte Orte angesagt, die irgendwann aufgegeben werden, wie Kurorte, deren Brunnen versiegt sind.

Laidlaw hatte Eck gut genug gekannt, um eine grobe Vorstellung von seinen Präferenzen zu haben. Über kurze Zeiträume hinweg – und in den vergangenen Jahren sehr unregelmäßig – war er hin und wieder, wie einige meinten, in Wohlanständigkeit abgetaucht, hatte in richtigen Häusern gelebt. Aber natürlich war er immer wieder auf der Straße gelandet, meist in einem Mantel, der mehr oder weniger einer Müllhalde mit Knöpfen glich.

Wenn er gerade keinen Ausflug machte, wusste man meist, wo er zu finden war. Selbst Zerfall kann zur Routine werden. Die Winter verbrachte er im Talbot House oder dem Great Eastern Hotel, dessen Name eine Absteige in der Duke Street zierte wie ein Zylinder einen Scheißhaufen. Bei freundlicherem Wetter zog es ihn meist ins East End, in die Nähe des Glasgow Green und die verkommene, noch immer nicht sanierte Gegend südwestlich der Gorbals Street.

Harkness machte sich Sorgen um Laidlaw, seit sie das Büro zu Fuß verlassen hatten. Er kannte Laidlaws Überzeugung, die »Straße in sich aufnehmen« zu müssen, als ließen sich Fälle durch Osmose lösen. Abgesehen von der zweifelhaften Effizienz dieser Methode, lief man sich die Füße wund. Die geistesabwesenden Gespräche, die damit einhergingen, machten es nicht besser. Man sah einem Hamster im Laufrad zu, der verzweifelt nirgendwohin gelangt.

»Paddy Collins steht auf Ecks Zettel. Paddy Collins ist tot. Was hat Eck mit Paddy Collins’ Tod zu tun? Hat dir Milligan noch was erzählt?«

»Nein. Nur das.«

»Hat er gesagt, ob jemand ins Victoria gekommen ist, als er da war?«

»Paddys Frau. Und, ich denke, Cam.«

Sie gingen an einer Telefonzelle vorbei.

»Seltsam. Warte, ich versuch’s noch mal unter der Nummer.«

Beide quetschten sich in die Zelle und Laidlaw wählte aus dem Gedächtnis. Harkness wusste warum. Seit sie losgegangen waren, hatte er es schon drei Mal versucht. Dieses Mal wurde beim zwölften Tuten abgenommen. Laidlaws Augen strahlten wie die eines kleinen Jungen an Weihnachten. Er warf Geld ein und nickte Harkness gleichzeitig zu, damit dieser sein Ohr an den Hörer hielt.

»Hallo«, sagte Laidlaw.

»Hallo?« Eine Frauenstimme.

»Hallo. Wer spricht da bitte?«

»Hallo, hallo?« Sie klang etwas älter.

»Wer spricht da bitte?«

»Hallo. Hier ist Mrs Wotherspoon. Wer sind Sie, junger Mann?«

»Verzeihung«, sagte Laidlaw und zwinkerte Harkness zu. »Ich will nur sichergehen, dass ich die richtige Nummer habe. Wie lautet Ihre Adresse?«

»Die Adresse? Das ist eine öffentliche Telefonzelle, junger Mann. Ich bin nur vorbeigekommen und hab’s klingeln hören. Bin auf dem Weg zur Fußpflege. Meine Füße bringen mich um. So wie ich gehe, brauch ich zehn Minuten, bis ich an der Telefonzelle vorbei bin. Wahrscheinlich hab ich’s deshalb gehört.«

Harkness keuchte leise, war knallrot im Gesicht vor Anstrengung, sich das Lachen zu verkneifen, er zwinkerte zurück. Laidlaw guckte, als hätte er einen Strumpf voller Asche zu Weihnachten bekommen.

»Wo steht die Telefonzelle, meine Liebe?«, fragte er.

»Ist eine von zweien an der Ecke Queen Margaret Drive und Wilton Street. Worum geht’s denn, junger Mann? Wollen Sie jemanden erreichen? Kann ich helfen?«

»Meine Liebe«, sagte Laidlaw. »Tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe. Ist die falsche Nummer. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«

»Keine Ursache.«

»Ich hoffe, Ihren Füßen geht’s bald besser.«

»Das hoffe ich auch, junger Mann. Allerdings. Im Moment fühlen sie sich an wie zwei Laib Toastbrot. Machen Sie’s gut, junger Mann.«

»Cheerio.«

Als sie weitergingen, hatte Laidlaw nichts gegen Harkness’ Frotzeleien. Sie hielten ihn aber nicht davon ab, sich sofort wieder in Gedanken zu verlieren.

»Immerhin etwas«, sagte er. »Das hätten wir erledigt. Paddy Collins fällt aus. ›The Crib‹ ist zu allgemein, als dass es im Moment von Bedeutung sein könnte. Bleibt die Adresse in Pollokshields und die geheimnisvolle Lynsey Farren. Mal sehen, was dabei herauskommt, wenn wir sie überprüfen.«

Laidlaw und Harkness hielten sich zunächst auf der Nordseite des Flusses. Gingen ein kurzes Stück durch den Park und kamen hinter der seltsam verzierten Fassade von Templeton’s Teppichfabrik wieder heraus.

»In dieser Stadt gibt’s ein paar fantastische Gebäude«, sagte Harkness. »Aber man guckt fast nie hin.«

Laidlaw stimmte ihm zu.

»In unserem Job bekommt man einen Tunnelblick«, sagte er.

Betreten gingen sie weiter. Harkness machte sich jetzt noch mehr Sorgen um Laidlaw. Es hatte etwas Zwanghaftes, wie Laidlaw immer weiterlief. Schonungslos. Er sprach Fremde an, beschrieb Eck und erkundigte sich, ob ihn in letzter Zeit jemand gesehen hatte. Harkness war es peinlich.

So hatte man ihm das in der Polizeischule nicht beigebracht. Ähnlich schlau wie nackt über die Straße rennen. Und trotzdem funktionierte es irgendwie. Niemand erschrak. Harkness überlegte, dass einem Offenheit in Glasgow am besten freies Geleit sicherte. Versuchte man Glasgower zu überrumpeln, fielen sie aus allen Ecken über einen her. Sie hassen es, an der Nase herumgeführt zu werden. Begegnet man ihnen ehrlich, ist ihre Toleranz riesengroß.

Für einen Mann galt dies ganz besonders. Er war klein, hatte ein lahmes Bein und trug etwas, das aussah wie ein Beutel mit Brötchen. Als Laidlaw ihn ansprach, nickte er weise.

»Du lieber Gott, ja. Der Junge vom großen Tammy Adamson. Kein Problem. Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Als Big Tammy den Laden in Govanhill verkauft hat, ist Alec zur See gefahren. Bei der Handelsmarine. Soweit ich weiß, ist er da immer noch. Netter Junge, aber groß. Fast eins neunzig.«

»Nein«, sagte Laidlaw. »Das ist nicht der, den wir meinen.«

»Klingt aber nach ihm. Trotzdem viel Glück. Einen anderen Eck Adamson kenne ich nicht.«

»Danke«, sagte Laidlaw.

»Wofür? War froh, dass mein Bein mal Pause hatte. Tschüs, Jungs.«

Auf ihren Wegen begegneten sie auch ein paar Mal Obdachlosen und unterhielten sich mit ihnen. Einige, die um ein Feuer herumsaßen, schickten sie auf die Südseite des Flusses. Die Information war wahrscheinlich ebenso hilfreich wie ein hölzerner Kompass. Aber etwas anderes hatten sie nicht.

Sie überquerten den Fluss auf der Suspension Bridge. Eine Zeit lang passierte gar nichts. Nachdem sie weitergegangen waren, entdeckten sie fünf Leute hinter der Caledonia Road Church. Ein bemerkenswerter Moment. Vier Männer und eine Frau, die sich verschworen hatten, einer hatte eine Flasche in der Hand. Sie führten eine tiefgründige Diskussion. Platon hatte es nicht schwerer gehabt.

Mit der Kirche im Rücken, wirkten sie klein, und doch relativierten sie deren Größe. Die Außenmauern des in den Sechzigerjahren ausgebrannten Gebäudes waren ein Mahnmal der Zuversicht, die bröckelnde Gewissheit, dass Gott gut ist. Wie eine konkurrierende Glaubensgemeinschaft stritten sie lebhaft in ihrem Schatten

»Hallo zusammen«, sagte Laidlaw, womit er den Tag für Harkness auf eine andere Wellenlänge hob. Laidlaws Unterhaltung ähnelte dem Versuch, mit einem auf dem Atlantik sinkenden Schiff von der Küste aus zu kommunizieren.

»V’pissich«, sagte einer von ihnen, ein kleiner Mann, dessen Gesicht durch alkoholbedingte Zerfallsprozesse zum Wasserspeier geworden war. »V’pissich, das is uns.«

Die Frau schmunzelte, ein gespenstisch kokettes Kichern, das eigentlich hinter einen Fächer gehörte. Sie sah den Kleinen voll schelmischer Bewunderung an, als hätte er gerade einen seiner besten Sinnsprüche von sich gegeben. Die anderen drei ignorierten Laidlaw und Harkness.

»V’pissich«, wiederholte der Kleine.

Er näherte sich Laidlaw auf gleichermaßen bedrohliche wie rührende Weise, schleppte einen Stil, an den er sich kaum noch erinnerte, wie eine ungeladene Pistole mit sich herum.

»Ich will Sie nur etwas fragen«, sagte Laidlaw. »Hat hier jemand Eck Adamson gekannt? Sie, ich kenne Sie.« Laidlaw zeigte auf den Mann mit der Flasche. »Ich habe Sie mit ihm zusammen gesehen.«

Alle verstummten. Der Mann mit der Flasche schwankte, zog seine Würde wie einen Opernumhang fester um sich. Seine Iris wirkte pelzig.

»Ich weiß alles, was man über Boote wissen kann«, sagte einer. »Ich kann Boote zum Sprechen bringen.«

»Verzeihen Sie, Captain«, sagte der Mann mit der Flasche. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

Die Höflichkeit der Nachfrage wirkte bizarr vor dem Hintergrund seines grausamen Niedergangs.

»Sie haben Eck Adamson gekannt, ist das richtig?«, fragte Laidlaw.

Der Mann schien mental in einem umfänglichen Terminkalender zu blättern.

»Ich freue mich, ihn zu meinen Bekannten zählen zu dürfen.«

»Sie durften. Er ist tot.«

»Hat nie genug gekriegt«, sagte jemand.

»Ich bin erschüttert«, sagte der Mann mit der Flasche. »Erschüttert.«

Er nahm einen Schluck und reichte die Flasche der Frau. Während die anderen tranken, erklärte Laidlaw, was geschehen war, und fragte den Mann, ob er wusste, wo sich Eck in letzter Zeit herumgetrieben hatte. Aber es kamen nur Bruchstücke bei ihm an.

»Einer unserer Lieblingsplätze«, sagte der Mann und setzte sich in Bewegung. Laidlaw und Harkness kamen mit, während die anderen hinterhertrotteten.

Weit mussten sie nicht gehen. Er blieb an einer Brache stehen, wo die Asche eines erloschenen Feuers auf ein verlassenes Lager verwies. Der Mann nickte. Die anderen stellten sich dazu.

»Haben Sie gesehen, dass ihn jemand angesprochen hat?«, fragte Laidlaw. »Ein Fremder vielleicht?«

»Ein junger Mann. Möglicherweise ein Wohltäter.«

Harkness verstand Laidlaws Gesichtsausdruck. Wahrscheinlich heizten seine Fragen die kreative Fantasie des Mannes an. Außerdem war ihm die verstörende Angewohnheit des Säufers eigen, zwischen einzelnen Bemerkungen in eine Art Winterschlaf zu verfallen.

»Ja, da war ein junger Mann. John? David? Alex? Patrick?«

»Danke«, sagte Laidlaw. »Erinnern Sie sich auch an seinen Familiennamen?«

»Wir verwenden hier keine Familiennamen.«

»Hat nie was abgegeben«, sagte der Kleine.

»Was meinen Sie?«

»Wenn der eine Flasche hatte, wollte er nichts abgeben. Basta.«

Laidlaw gab dem Gediegenen fünfzig Pence.

»Vielen Dank. Derzeit fehlt es mir an finanziellen Mitteln.«

Die Versammlung löste sich auf wie Nebel.

»Nützliche Informationen«, sagte Harkness.

Sie standen ziellos auf der Brache herum.

»Lass uns suchen«, sagte Laidlaw.

»Wonach? Einer Visitenkarte?«

»Egal. Such!«

Sie suchten. Eine dreckige halbe Stunde später drehte Harkness eine Flasche in einer mit losen Backsteinen verstopften Mauernische herum. Lanliq mit Schraubverschluss. Darin befand sich etwas Dunkles.

Vorsichtig fasste Laidlaw die Flasche am Hals, schraubte den Deckel ab und roch. Nichts ihm Bekanntes. Er sah Harkness an.

»Wir müssen sowieso zurück aufs Revier und einen Wagen holen. Wir nehmen die Flasche mit.«

»Klar«, sagte Harkness. »Vielleicht gibt’s ja noch Pfand dafür.«

»Darauf spare ich mir die Entgegnung. Wir nehmen ein Taxi.«

An sich war die Idee einfach, aber sie führte zu einem jener unvorhergesehenen Momente Glasgower Kabarettkunst, vor der die Stadt nur so strotzt. Laidlaw winkte das Taxi heran und nannte mit dem ihm instinktiv eigenen Gespür für Unauffälligkeit ein Ziel unweit der Pitt Street. Kurz nachdem sie angefahren waren, scherte ein grüner Wagen ohne Vorwarnung direkt vor ihnen auf die Fahrbahn.

»Weg mit dir!«, brüllte der Taxifahrer. »Hoffentlich fallen dir die Räder ab.«

Er wirkte wie Ende dreißig, sein lockiges Haar wurde bereits schütter und offensichtlich litt er extrem unter jener zeitgenössischen Krankheit, dem urbanen Wutausbruch.

»Arschloch«, sagte er und warf den Kopf hin und her, als müsse er den Fausthieben der Welt ausweichen.

Er gehörte zu den Taxifahrern, die ihren Wagen wie ein kleines Häuschen auf Rädern ausstaffieren. Ein schicker Teppich lag auf dem Boden, und statt Werbung hingen an den Sitzlehnen Landschaftsbilder aus den Highlands, die Three Sisters of Glencoe und die Ballachulsih Ferry, bevor die Brücke gebaut wurde. Am Rückspiegel baumelten zwei Bommeln, und Plastikfußballer, Rangers und Celtic, thronten auf dem Armaturenbrett. Wie bei einer Spazierfahrt durch die Psyche eines anderen.

»Wollt ihr ein bisschen Musik, Jungs?«

Der Anblick seiner Augen im Spiegel ließ vermuten, dass Abwehr einem Kapitalvergehen gleichkam. Sie nuschelten etwas Unverbindliches und er legte eine Kassette ein.

»Magisch, oder? James Last. In dem Job braucht man was Beruhigendes.«

Eine fast volle Flasche Irn Bru klemmte verkehrt herum zwischen Taxiuhr und Gepäcktür. Während er weiterredete, entstand der Eindruck, dass er damit nicht nur seinen Durst löschte.

»Ich sag euch, wo ich nicht hinfahre.« Er erklärte dies, als seien sie eigens gekommen, um sich nach seinen persönlichen Tabuzonen zu erkundigen. »Nicht mehr jedenfalls. Blackhill und Garthamlock. Auf keinen Fall. Wisst ihr warum? Garthamlock. Hab so einen Wichser da rausgefahren. Hinten drin hat er gesessen mit dem größten Schäferhund, den ich je gesehen hab. Rin Tin Tin mit Elefantiasis. Wir kommen an, er hat kein Geld. Will mir seinen Hund auf den Hals hetzen. Ich steig aus dem Taxi. Bevor ich Jack Robinson sagen kann, hat er mir auch schon einen Tritt voll in die Eier verpasst. Aus dem Nichts. Mein Sack war dick wie eine Wassermelone. Eine Woche bin ich gelaufen wie ein Cowboy. Aber clever war er nicht. Hab ja ungefähr gewusst, wo er wohnt, richtig? Bin mit ein paar Kumpels bei ihm vorbei, hab auf ihn gewartet. Und mit seinem Kopf Fußball gespielt. Keine Sorge. War ein großer Kerl. Hat geschrien wie ein Schwein. Sein Gesicht hat ausgesehen wie ein Puzzle. Als wir fertig waren, hatte er Nasenlöcher in den Ohren. Korrekt. War schön, Jungs.«

Er drehte die Musik auf und summte kurz mit.

»In dem Job trifft man Irre.«

Harkness beobachtete die Augen des Fahrers, der auf den wahnsinnigen Vorfall mit einer kosmischen Verdauungsstörung zu reagieren schien. In der Erkenntnis, dass sie ihr Ziel fast erreicht hatten, lag eine gewisse Erleichterung. Jetzt konnte er sein Lachen nicht länger unterdrücken.

»Ja. Man lernt, niemandem zu vertrauen. Gibt Leute, die massieren dir die Fresse mit ner Flex, schneller als du gucken kannst. Die Welt ist ein Schlachtfeld.«

»Das Trinkgeld ist ja auf der Uhr schon drauf«, sagte Laidlaw, als er bezahlte.

Harkness merkte, dass Laidlaw recht hatte. Mit seinem Gerede hatte er sie abgelenkt und war eine unnötig umständliche Strecke gefahren. Der Mann sah Laidlaw an, als überlege er, sich mit ihm zu duellieren.

Er schaltete sein Taxischild ein und fuhr los. Harkness stellte sich vor, dass er wie ein manischer Radiomoderator auf Rädern durch Glasgow fuhr, Radio Armageddon, die Taxiuhr tickte wie eine Zeitbombe.

»Wir bringen das hier ins Labor«, sagte Laidlaw und lachte plötzlich.

Er zeigte hilflos auf das davonrauschende Taxi und schüttelte den Kopf. Harkness nickte, krümmte sich.

»Was war das denn?«, brachte Harkness gerade so mit Mühe noch heraus.

»Wie eine Fahrt im Taxi über die Niagarafälle.«

»Ich frage mich, was in Blackhill los war?«, sagte Harkness.

10

DER »TOP SPOT« WAR im selben Gebäude untergebracht wie das Theatre Royal und hatte sich seit der Übernahme des Theaters durch die Scottish Opera verändert. Durch die nach wie vor bestehende Nähe zum neuen Haus von Scottish Television kam immer noch sehr viel Kundschaft von dort. Bob Lilley ging an der Bar vorbei nach unten, die gewölbten Kellernischen und mit Löwenbräuwappen geschmückten Bierfassdeckel an den Wänden wirkten wie Kulissen der Operette The Student Prince.

In der Lounge war angenehm viel los. Er entdeckte Laidlaw und Brian Harkness an einem der Tische. Harkness sagte etwas, womit Laidlaw augenscheinlich nicht einverstanden war. Als Bob sich vor ihnen aufbaute, wartete Laidlaw ein paar Minuten und fragte dann: »Was muss man tun, um hier ein Getränk zu bekommen? Sich schminken?«

Harkness und Laidlaw hatten erneut über die Autopsie gesprochen, der Laidlaw am Vormittag beigewohnt hatte. Harkness war froh, dass Bob gekommen war.

Als Laidlaw an der Bar wartete, schüttelte Harkness den Kopf. Bob setzte sich und schaute zu Laidlaw rüber. Er sah einen großen, gut aussehenden Mann, der nicht wie ein Polizist wirkte, auch nicht wie vierzig, er betrachtete die kopfüber hinter dem Tresen hängenden Flaschen, als könne er sein Schicksal daran ablesen. Laidlaws intensive Gedankenverlorenheit war Bob so vertraut, dass er sich fragte, weshalb Harkness sie beunruhigend fand.

»Jack hat keine fixen Ideen«, sagte Harkness, »das sind schon Wahnvorstellungen.«

Bob teilte sich ein Büro mit Laidlaw und stand ihm näher als alle anderen, abgesehen vielleicht von Harkness, wobei sich Harkness selbst in diesem Punkt nicht so sicher war. Er kannte Laidlaw jetzt seit ungefähr einem Jahr und fand ihn im Umgang immer noch unberechenbar, jede beiläufige Bemerkung konnte erstaunliche Entgegnungen provozieren. Er war ähnlich undurchsichtig wie der Louisiana Purchase. Gegenüber den Kollegen beim Crime Squad hatte sich Bob selbst zu Laidlaws Verteidiger erkoren, wobei ihm diese Funktion manchmal wie ein Vollzeitjob vorkam.

»Was ist los?«, fragte Bob.

»Fruchtlose Tage liegen hinter uns. Ich denke, das ist es. Jack glaubt, er kann herausfinden, wer Eck Adamson auf dem Gewissen hat.«

»Wurde Eck denn ermordet?«

»Jack ist davon überzeugt.«

»Wie?«

»Das musst du ihn fragen. Wäre ja gut und schön, wenn er die Augen offen halten und hoffen würde, dass sich was ergibt. Aber das genügt ihm nicht. Ich merke, dass ihm der Fall zur Obsession wird. Und es ist hoffnunglos, oder? Als stünde man im Schneesturm und würde rufen: ›Siehst du die Flocke da hinten am Ende der Straße. Geh und hol sie dir.‹ Es ist aussichtslos. Und du weißt ja, wie Jack ist, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat. Auch wenn’s ein sinnloses Unterfangen ist. Man kann ihn ebenso wenig ignorieren wie einen singenden Aufmarsch der Heilsarmee. Alle werden die Köpfe schütteln.«

»Inzwischen sollten sie sich an ihn gewöhnt haben.«

»Wer gewöhnt sich schon an Jack? Du weißt, was ich meine. Ich mag ihn. Ich wünschte nur, jemand würde ihm einen Laster voll Valium zu Weihnachten schenken.«

Laidlaw brachte Harkness’ Lager, einen Whisky für Bob und nahm einen Schluck von seinem Soda and Lime. Bob beschloss Harkness zu helfen.

»Wurde Eck ermordet?«, fragte Bob.

Laidlaw nickte.

»Lungenfibrose. Verdacht auf Paraquat-Vergiftung.«

»Paraquat? Ach, komm«, sagte Bob. »Wie kommst du dann auf Mord? Eck hat nicht mal vor Pferdepisse haltgemacht, wenn er Durst hatte. Der war wählerisch wie ein öffentliches Pissoir. Hat getrunken, was ihm in die Quere kam. Fertig. Wieso willst du behaupten, dass es Mord war?«

»Er hat so eine Bemerkung gemacht.«

»Jack! Du hast Eck doch gekannt. Pat the Liar ist George Washington dagegen. Das darf nicht dein Ernst sein. Du kannst solchen Bemerkungen kein Gewicht beimessen.«

»Doch, ich denke schon. Er hat gesagt: ›Der Wein, den der mir gegeben hat, das war gar keiner.‹ Ich glaube, jemand hat ihm Unkrautvernichter untergejubelt.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Bob. »Konnte Paraquat nachgewiesen werden?«

»Nein, das ist nicht mehr nachweisbar. Die eigentliche Vergiftung war wohl schon eine ganze Weile her. Der Stoff verursacht proliferative Veränderungen.«

»Und was heißt das?«, fragte Harkness.

»Ich weiß es nicht genau. Ich glaube, auch wenn die Substanz nicht mehr nachweisbar ist, verschlimmern sich trotzdem die verursachten Schäden. Und diese weisen auf Paraquat hin. Kein schöner Tod.«

»Hast du ihn gesehen?«

Laidlaw nickte.

»Na gut, Jack«, sagte Bob. »Dann ging’s ihm also schlecht. Er tut dir leid, aber Mitleid ist kein Ersatz für gesunden Menschenverstand. Reiß dich zusammen, bitte. Du musst lernen, dich zufriedenzugeben mit dem, was du tun kannst.«

»Gut, Bob«, sagte Laidlaw. »Ich glaube, ich hab mir von Brian schon genug gute Ratschläge aus dem Police College anhören müssen. Meinst du, das weiß ich nicht? Wenn du das perfekte Verbrechen begehen willst, ein Verbrechen um des Verbrechens willen, wie gehst du vor? Du bringst einen Penner um. Hab ich recht? Und zwar aus zwei Gründen: Keiner schert sich um ihn. Gleichgültigkeit brandet dir entgegen. Und du versuchst dagegen anzuschwimmen. Zweitens: Um ein Verbrechen aufzuklären, musst du mit den Nachbarn, den Angehörigen und den Freunden sprechen. Was hat ein Penner schon für Freunde? Höchstens andere Penner. Den telefonischen Nachrichtendienst könnte man besser ins Kreuzverhör nehmen. Nachbarn? Die Tauben im Park. Angehörige? Wenn sie nicht schon ins östliche Nekropolis gezogen sind, halten sie sich bedeckt. Darauf kannst du dich verlassen. Wie ist das abgelaufen? Wer weiß das schon? So nachvollziehbar wie die Flugbahn eines Pin-Ball. Und immer hat man das Gefühl, dass es nur zum Spaß geschehen ist. Jemand wollte eine Mücke zerquetschen. Als würde man kreuz und quer über die Hope Street laufen und mitten auf der Straße eine Fliege mit ausgerissenen Flügeln finden. Wird jemand versuchen, den Täter aufzuspüren? Ich weiß, Bob. Ich weiß.«

»Wieso zum Teufel nimmst du’s nicht einfach mal so hin?«

»Und warum nimmst du’s hin? Ich weiß nicht, was du von deinem Job hältst. Aber ich fühl mich damit so wohl wie im Büßerhemd. Schön, ich mache meine Arbeit. Weil ich manchmal das Gefühl habe, dass sie wichtig ist. Aber nicht, wenn ich einfach nur als besserer Straßenkehrer unterwegs bin. Barlinnie vollstopfe wie einen Müllcontainer. Man muss doch auch mal was anderes machen als immer nur Steuergelder verbraten. Ich will was zurückgeben. Wenn ich nicht mehr tun kann, als im Auftrag des Establishments den Deckel draufzuhalten, dann scheiß drauf. Ich kündige. Aber ich glaube, dass man mehr machen kann. Lernen gehört zu den in unserem Beruf unerlässlichen Dingen. Nicht nur, wie man Verbrecher fängt, sondern auch, wie sie ticken und vielleicht sogar warum. Ich bin kein Wachhund, bin nicht auf Pfeifkommandos trainiert, jage nicht, egal auf wen man mich ansetzt. Und ich misstraue nicht den Menschen, deren Spur ich aufnehme. Ich misstraue denen, in deren Auftrag ich das mache. Und ich habe nicht vor, mich zu ändern.«

»Und?«

»Wäre Wee Eck in einem Penthouse gestorben, hätte ich dich gerne dasselbe sagen hören. Du weißt, was für ein Leben er hatte. Torquemada war sein Schutzheiliger. Seinen Tod nicht gleichgültig zu betrachten ist das Mindeste, was wir tun können. Verstehen wollen, was geschehen ist. Als würden wir einen kleinen Kranz aus Plastik auf sein Grab legen. Apropos Grab. Er wird nicht mal eins haben. Sein Leichnam geht direkt in die Anatomie-Abteilung der Glasgow University. Ich weiß noch, dass mir Eck vor Jahren erzählt hat, er habe seinen Körper dort für fünf Pfund verkaufen wollen. Er wusste nicht, dass der Körper nach dem Tod den nächsten Angehörigen gehört. Und sie ihn deshalb umsonst bekommen. Sogar da hat er den Kürzeren gezogen.«

»Seit wann bist du Mitglied der Bürgerwehr, Jack?«

»Überhaupt nicht. Ich veranstalte keine Hexenjagd. Ich denke nur, dass wir ihm schuldig sind, das Geschehene zu verstehen. Die Wahrheit ist das einzig gesunde Klima.«

Harkness sagte: »Und wie kommen wir da hin, großer weißer Jäger?«

Laidlaw lachte.

»Bitte keine unangenehmen Fragen.«

Bob sagte: »Du könntest eine Anzeige schalten: Geständiger gesucht. Ich würde sagen, das ist deine einzige Chance.«

»Ich möchte lieber was Praktisches tun«, sagte Laidlaw.

Die attraktive junge Bedienung kam rüber und nahm Laidlaws leeres Glas. Sie hatte langes schwarzes Haar und Augen, die immer knapp neben dem Gesicht ihres Gegenübers etwas zu sehen schienen, vielleicht Schuppen auf der Schulter. Sie war dunkel und interessant auf eine Art, dass man sie länger anstarrte, als nötig war. Die Frau blieb stehen – wartete sie darauf, eine Bestellung entgegenzunehmen, oder wollte sie entdeckt werden?

»Nein, danke, meine Liebe«, sagte Laidlaw.

Die anderen beiden bestätigten dies. Die Kellnerin ging wieder. An einem Tisch in der Nähe saß ein bekanntes Fernsehgesicht und benahm sich wie ein bekanntes Fernsehgesicht. Die Gruppe drum herum legte die Spontaneität eines Studiopublikums an den Tag.

»Noch ein Soda and Lime«, sagte Laidlaw, »und ich geh rauf zum Vorsingen. Von dem Zeug wird man blöd im Kopf. Außerdem haben wir noch einen Besuch zu machen.«

»Jetzt bin ich aber erleichtert«, sagte Harkness. »Hab schon gedacht, du willst den Fall allein durch Reden aufklären.«

»Wir besorgen uns was zu essen und fahren nach Pollokshields.«

»Jack«, sagte Bob. »Übertreib’s nicht.«

»Ignorier ihn«, sagte Laidlaw. »Er verbringt sehr viel Zeit hier. Ich sollte dem Geschäftsführer Bescheid sagen.«

Bob kam mit vor die Tür. Die Kellnerin hätte fast Cheerio gesagt. Draußen hatte die Stadt die Laune gewechselt. Warm war es immer noch nicht, aber immerhin war der Himmel jetzt klar. Harkness, der seinen Kater inzwischen überwunden hatte, empfand mal wieder, dass das Wetter etwas sehr Subjektives war. Bob meinte, er wolle ins Büro: »Zurück in die Zurechnungsfähigkeit.«

Bevor sie in die Stewart Street gingen, um sich einen Wagen zu holen, blieb Laidlaw am Eingang zum Theatre Royal stehen und betrachtete das Programm.

»Ich wünschte, das Leben wäre der Oper ähnlicher«, sagte Laidlaw.

»Warum?«

»Weil dann niemand ohne ausführliche Erklärung sterben würde. Hätte Wee Eck eine Arie im Royal gesungen, wäre alles klar.«

Sie gingen weiter und überquerten die Cowcaddens Road. Harkness, kurzzeitig geblendet von der Helligkeit des Tages, dachte darüber nach.

»I-hiii-ich ha-ha-haaaabe das Gii-hihihihi-hift von He-hector McGobleeee-gin bekommen.«

»Na ja«, sagte Laidlaw. »Vielleicht war’s ganz gut, dass er keine Arie gesungen hat.«

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
02 October 2024
Volume:
290 p. 1 illustration
ISBN:
9783956140365
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Bookwire
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