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Will Berthold
Die wilden Jahre
SAGA Egmont
Die wilden Jahre
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).
Originally published 1964 by Desch Verlag, Germany.
All rights reserved
ISBN: 9788711727157
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Vorspiel
Er war ein Held der Zeit, ein Abgott der wilden Jahre. Die Frauen wünschten sich einen solchen Mann, die Männer einen solchen Erfolg.
Die Gesellschaft hielt ihn für einen Emporkömmling, die Börse für einen Spieler, die City für einen Außenseiter; als einen Abenteurer werteten ihn brave Bürger.
Seine Freunde rühmten ihn als Verschwender, Politiker nannten ihn eine Gefahr, Bankiers eine Pest; die Presse schätzte ihn als Sensation, denn der Mann auf der Straße zählte seine Millionen mit.
Er hieß Martin Ritt, und Eva wußte, daß diese schillernde, umstrittene Legende – hochgewachsen, kraftvoll, zweiundvierzig Jahre alt – der unmöglichste Mann war, den es für sie geben könnte, und nahm sich vor, es heute abend nicht zu vergessen.
Eva, von Freunden verehrt, von Männern begehrt, vom Leben verwöhnt, verliebt in das Leben, war in Martin Ritt einem Mann nach Maß begegnet, bei dem die Frauen maßlos wurden: Eintagsfliegen im Leben eines Freibeuters, der Menschen wie Aktien kaufte und Frauen wie Utensilien nahm, Dinge, zum Verbrauch bestimmt.
Sie kannte Männer, und da Eva sie auch mochte, verstand sie, mit ihnen umzugehen. Viele waren zu ihr gekommen, alle mit Blumen; die meisten hatten sie verführen wollen, die wenigsten waren über ihr Wohnzimmer hinausgelangt.
Sonst hatte Eva höchstens Eiswürfel vorbereitet; heute fror sie Vorsätze ein: seine Hände nicht zu spüren, bevor er sie berührte; keine Gänsehaut zu bekommen, so er sie anfaßte, und gelassen zu bleiben, wenn seine Verdammte Hand auf ihrer verfluchten Haut zu brennen begänne – um wenigstens einen frigiden Kopf zu behalten, wenn es schon ihren Körper zu ihm hinzog.
Er war pünktlich, kam mit Blumen wie alle, lachte sie an mit blauen Augen, die fast grau waren, und sah sich um wie der Liebhaber in der Wohnung einer ausgehaltenen Freundin.
»Hübsch«, sagte Martin Ritt. »Ich sehe schon, Aschenbrödel, wir haben den gleichen Geschmack.«
»Schlecht für Sie«, erwiderte Eva, »denn das sagen alle.«
»Kommen viele?« fragte er beiläufig und sah sich weiter um. »Ich bin neugierig, Aschenbrödel, darf ich?« sagte er und öffnete die Küchentür.
»Falls Sie das Schlafzimmer suchen«, entgegnete sie, »es liegt auf der anderen Seite.«
»Aber Eva«, antwortete der große Mann mit dem erprobten Charme des kleinen Jungen, »alles zu seiner Zeit.«
Er ging auf den Balkon, sie folgte ihm. Eva sah hinunter; er musterte sie, zärtlich und wild, frech und zufrieden.
»Ich bin hungrig«, sagte er.
Von Anfang an mochte Eva seine Art, leichte Dinge ernst und ernste Dinge leicht zu nehmen. Zuerst fiel ihr auf, daß er nichts von sich erzählte, nichts vom Krieg, nichts vom Geld, nichts von seiner Gesundheit, nichts von Frauen.
Er war groß und schlank, sein Gesicht straff und kühn. Die harten Kerben der Melancholie an seinen Mundwinkeln lauerten darauf, sich in Spott zu retten. Martin Ritt sammelte Gobelins, haßte Uniformen, mochte Blumen, verstand etwas vom Essen und wählte den Wein bedächtig.
Langsam schälte er sich aus der Ritt-Legende.
»Wie lebt es sich im goldenen Turm?« fragte sie.
»Anstrengend – und einsam«, antwortete Martin lächelnd. »Wissen Sie, Eva, eigentlich verstehe ich nur von zwei Dingen etwas: von Armut und Reichtum.« Er lächelte niederträchtig. »Und so sage ich Ihnen: der Mensch verarmt, wenn er reich wird. Verstehen Sie?«
»Kein Wort.«
»Es ist ein Teufelskreis: Gier schafft Besitz, und Besitz macht gierig.«
»Perpetuum snobile«, erwiderte Eva mit flimmerndem Spott. »Die Philosophie der Satten? Oder die Bescheidenheit der Arroganz? Was sind Sie eigentlich: Ein armer Reicher? Oder ein reicher Armer? Ein abenteuerlicher Philantrop? Ein Haifisch mit Herz? Ein Räuber mit Gewissen? Ein vegetarischer Tiger?«
»Vielleicht ein ehrlicher Dieb«, gab er melancholisch zurück.
Eva begriff, daß Martin immer anders war, als man erwartete, und sich doch stets gleich blieb: rechnete man mit seinem Zorn, wurde er sanft; setzte man auf seine Ergriffenheit, kam ein Witz; wurden andere gewöhnlich, war er ein Herr.
Ein Einzelgänger, wenn es nötig schien, sich in Kolonnen einzureihen; ein Mann, zu arrogant, um zu lügen, ein Mann, dem man verfallen konnte.
Die Zeit, aus der er gekommen war, hing noch an ihm, und bereits an diesem Abend, der zu einem Anfang wurde, gegen den sich die junge Frau wehrte, witterte sie seine Vergangenheit, diesen Geruch von Blut und Geld, von Gier und Angst, von Haß und Schlamm.
Martin Ritt hatte die wilden Jahre besiegt, aber sie verfolgten ihn weiter.
Erster teil
Drachensaat
I
Sie hatten geflucht und gestürmt, getrunken und geträumt, gebetet und getötet, gesungen und gehurt, gehalten und geräumt, und die meisten Soldaten des Bataillons Ritt waren gefallen, bevor sie wußten, wie man ein Mädchen nimmt und eine Frau hält.
Die Überlebenden hatten Blasen an den Füßen, Schwielen an den Händen, Läuse auf der Haut und Leere im Hirn. Sie erwarteten vom Leben noch ein Stück Brot, eine Gefechtspause, eine Zigarettenkippe, einen Etappenpuff; die Heimat war selbst für ihre Phantasie zu fern geworden.
Der Alte, wie Martin Ritt, der Kommandeur, genannt wurde, war erst achtundzwanzig, hart, kühl und beliebt, eine Wand, von der alles abprallte. Er wirkte nie schmutzig, und er schien nie müde zu sein. Die Kälte machte ihn nicht frieren, die Hitze nicht schwitzen, und selbst der Mangel ließ ihn nicht hungern – und so dachten die Männer des Bataillons: wenn es schon nötig ist, gegen Ende dieses verdammten Krieges noch verheizt zu werden, dann immer noch besser unter Ritt als einem anderen Scheißoffizier.
Die Einheit hielt eine vorgeschobene Stellung im Donezbecken bei Stalino; sie hatte noch die Stärke einer Kompanie, deren Männer Wracks und deren Uniformen Lumpen waren, und sollte den Rückzug zweier Divisionen decken, wie es im Befehl hieß: bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone.
Die Männer richteten sich zur Verteidigung ein; sie waren bereits tot, nur wußten sie es nicht. Hauptmann Ritt kauerte in einem Loch; er sah ihnen zu. Nach der Übung der Zeit mußte er seine Leute Kameraden nennen; diese Bezeichnung war falsch, denn viele Soldaten waren mehr für ihn, manche weniger.
Er war froh um jeden, den er dem Heldentod abhandeln konnte, und es wurde sein Schicksal, der glänzende Vertreter eines Handwerks zu sein, das er haßte.
Viele deutsche Offiziere waren jetzt, Ende 1943, soweit, aber Ritt unterschied sich von den meisten, weil er schon ohne Begeisterung in den Krieg gezogen war. Er leistete keinen Widerstand gegen den Wahnwitz der Zeit, er verachtete ihn bloß, und zwar zunächst aus persönlichem Grund: das braune System war ihm so zuwider wie sein Vater, dessen Gefolgsmann.
Schon dem jungen Martin war der alte, stets polternde Mann fremd geworden, der ihm dann später noch die Mutter nahm; sie konnte für den Heranwachsenden nicht viel mehr sein als die hübsche flockige Wolke der Erinnerung an eine schmale sensible Frau, die ihn an sich gezogen und mon petit filou genannt hatte.
Als Martin befehlsmäßig auf die Landsleute seiner Mutter Germaine, einer Französin, zu schießen hatte, war die Ehe seiner Eltern durch Schuld des Vaters längst geschieden, und die Mutter, an der der Junge in einer romantischen, unwirklichen Weise hing, bestand für ihn nur aus der Ahnung einiger sonniger Ferientage in Südfrankreich, die er auch nicht vergessen konnte, als ihn der Drill für den Krieg schliff.
Er hatte die Kriegsschule durchlaufen, war an die Front gekommen, Offizier geworden. Er erwies sich als ein guter Soldat, nicht, weil er kräftiger und mutiger war als viele andere, sondern weil er seinen Vater nicht mochte und keine Mutter hatte.
Es war der 7. September 1943, sieben Monate nach Stalingrad. Die Einheit Ritt hatte vordere Kampfstellung bezogen. Um zehn Uhr morgens hing der russische Himmel über den Männern wie ein Stück Blei, das sie gleich zerschmettern mußte.
Die linke Nachbareinheit hatte führerlos die Stellung verlassen, um der russischen Übermacht zu entlaufen, die Stunden später über sie hinweggewalzt wäre. Damit war die Fühlung nach Norden abgerissen und das Bataillon ohne Flankenschutz.
Die Männer wurden unruhig, sahen ihren Kommandeur fragend an, aber sie folgten ihm immer wieder stumm. Keiner würde ohne Ritt nach hinten gehen. Der junge Offizier verwünschte seine Soldaten, weil sie nicht ebenso handelten wie die Männer der Nachbareinheit und einfach davonliefen.
Der Wind riß die Wolken auseinander. Durch einen schmalen Schlitz schien matte Sonne, einer frischen Wunde ähnlich, die noch blutete; in diesem Monat war sie am russischen Himmel so selten wie die deutschen Flugzeuge.
Die Kompanieführer meldeten, daß die Stellung ausgebaut sei; der Hauptmann betrachtete angewidert das Grabensystem. Er ließ die Schultern durchhängen und winkte verdrossen ab: Weder hatte er den Krieg erfunden, noch konnte er ihn ändern. Ein paar Leichtverwundete schickte er nach hinten; sie schlichen davon wie Deserteure.
Gegen Mittag braute sich nordostwärts das Ende des aufgeriebenen Bataillons zusammen. Russische Panzer waren zu hören, die ihnen folgenden Infanteristen schon mit bloßem Auge zu sehen. Dann sikkerten Meldungen durch, daß die Russen auch im Westabschnitt die deutschen Linien überrollt hatten.
»Gleich gibt’s Kattun«, sagte Hauptmann Ritt, als gleichzeitig links und rechts der Kampflärm anschwoll. »Wer will, kann beten, rauchen oder austreten.« Er lachte dem Küken seiner Einheit, dem achtzehnjährigen Richtkanonier Traube, zu.
»Wie fühlen Sie sich?« fragte er.
»Prima, Herr Hauptmann«, antwortete Traube und schluckte.
Der Hauptmann spuckte aus und fragte, auf die russische Beute-Pak weisend: »Wie viele Granaten haben wir noch, Traube?«
»Vierundzwanzig«, meldete der Achtzehnjährige beflissen.
Vierundzwanzig Schuß und zweihundert T 34, rechnete Ritt rasch, vielleicht bloß hundert oder bloß achtzig.
Schon fünfzehn oder zwanzig der im Norden immer lauter rumorenden Stahlkästen würden genügen, um hundertachtundzwanzig vergessene Soldaten jetzt in den Tod zu stampfen.
Endlich kamen die Russen.
Hauptmann Ritt lag in seinem Loch und sah ihnen entgegen. Sie kamen mit Panzern, und das machte das Ende leichter, weil schneller. Langsam krochen sie näher, schwarze Schatten zunächst, dann unförmige Käfer. Vier, sieben, zwölf, siebzehn – so viele, daß Ritt es aufgab, sie zu zählen.
Er sah nach der Beute-Pak und nickte.
Die Männer gehorchten wie Roboter, richteten ihr Geschütz auf den vordersten T 34 ein; ihre Hände blieben ruhig, ihre Bewegungen sicher. Ihre Gesichter waren wie von Haß verzerrt; Haß nicht so sehr auf den Feind, der jetzt ihr Leben zertrat, bevor es noch recht begonnen hatte, Haß auf die Zeit, der man dieses zerschundene, beschissene Dasein verdankte.
Aber sie hatten keine Zeit mehr für ihren Haß.
»Entfernung neunhundert Meter!« schrie der Beobachter am E-Messer. »Achthundertfünfzig«, verbesserte er sich gleich.
Das Gedröhn schwoll an, die Erde zitterte. Der Motorenlärm zersägte die Nerven. Der Gefreite Traube spürte, wie sein Mund trokken wurde, wie die Zähne wackelten; in seiner Zielrichtung tänzelten Lichteffekte, weil die müde Sonne wieder durch die Wolken sah. Wer sich nicht hinter die Pak zu drücken brauchte, lag im Graben und sehnte sich danach, so tief wie möglich unter die Erde zu kriechen.
»Siebenhundert Meter«, kam der neue Meßwert durch.
Sie rollten in breiter Formation. Hinter den T 34 sah man die Stahlhelme der sowjetischen Infanteristen wie Schildkröten, die langsam näher krochen.
Hauptmann Ritt ließ sie bis auf vierhundert Meter herankommen. Aus, dachte er, Feierabend. Die Besatzungen in den T 34 mußten seine Stellung längst erkannt haben, und er wunderte sich, daß die Russen sie nicht beschossen. Es würde ein paar von ihnen noch das Leben kosten, stellte er bedauernd fest; er war, als perfekter Soldat, grundsätzlich dafür, Blut zu sparen.
»Feuer frei!« rief er und sah auf die schmalen Lippen des Richtkanoniers, der verbissen nickte.
Ritt duckte sich in sein Panzerdeckungsloch, er hatte das Glas an den Augen, eine entsicherte MP in der Hand und eine sicher nutzlose Haftladung neben sich.
Drei Sekunden später fauchte die erste Granate aus dem Rohr.
Treffer, stellte Ritt fest.
Der Turm des vorderen Panzers flog hoch wie ein Zylinder im Windstoß. Die Lafette stellte sich noch einmal auf die Hinterräder, dann platzte sie wie eine Konservenbüchse.
Richtkanonier Traube wechselte das Ziel.
Er schoß einen zweiten und dritten Panzer ab, zielte auf den vierten, schoß und traf. Doch der T 34 rollte stur weiter, genau auf die Pak zu, wie ein Gespenst; Gespenster kann man nicht töten.
Blindgänger, dachte Ritt …
Die Russen feuerten zurück, verwandelten die Erde in eine zuckende, feurige Hölle. Jetzt war es auch zum Rückzug zu spät. Hauptmann Ritt, der Achtundzwanzigjährige, prägte sich jede Einzelheit seines schwindelnden Lebens ein, als sei das noch wichtig.
Plötzlich schossen die Russen nicht mehr. Die Männer der Pak, die Schuß auf Schuß und Blindgänger auf Blindgänger hinausgejagt hatten, merkten, daß der Feind das Feuer nicht mehr erwiderte; er war so nahe herangerollt, daß man schon Gesichter unter den Schildkrötenhelmen erkennen konnte.
Unvermittelt drehten die meisten Panzer nach links ab; sie hatten jetzt erfaßt, daß die Stellung im Nachbarabschnitt geräumt war und daß sie hier ohne Widerstand die Hauptkampflinie passieren konnten. Vielleicht waren auch sie perfekte Soldaten, die Blut sparten, oder sie fürchteten, daß diese lächerliche einsame Pak nicht lauter Blindgänger hatte. Zwei T 34 rollten genau auf die Pak zu, die etwas links von dem Graben stand, in dem der Rest des Bataillons auf den Heldentod wartete.
Einen T 34 konnte der achtzehnjährige Richtkanonier noch erledigen, dann zog er nur noch Nieten. Er schrie, fluchte, schoß und zitterte, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Er starrte in den Schlund der Kanonen, die gleich aufblitzen mußten, zielte und wußte, daß es nicht helfen würde.
Fünfzig Meter noch.
Keine Deckung mehr. Flucht sinnlos.
Das Ungetüm drehte auf einer Kette. Der russische Fahrer schaltete herunter. Der Motor heulte im ersten Gang schrill auf. Der Stahlkasten verschmähte es, die Gegner an der Pak abzuschießen.
Er wollte sie in den Boden walzen.
Die Männer lagen wie gelähmt im toten Winkel, und aus dieser Entfernung jagte Traube die siebzehnte und letzte Granate aus dem Lauf, aus solcher Nähe, daß ihm die surrenden Splitter um den Kopf flogen.
Acht Meter.
Der Richtkanonier hörte, wie der Fahrer Vollgas gab.
Er sah die Ketten, nichts als Ketten, und die widerliche Bordkanone; er erfaßte, daß er seine Mutter nicht mehr wiedersehen würde. Er schrie wie die Russen in den brennenden Panzern, wenn sie zu schwarzen Klumpen geschmort wurden, und er hörte seine eigenen Knochen knacken, sah sein eigenes Blut in den Dreck rinnen, spürte, wie sein Herz stehenblieb, starrte die Infanteristen hinter dem T 34 noch an, sah Raupen, die sich weiterdrehten, ein Fließband der Vernichtung, das zwei, drei Sekunden später sein Leben zermalmen würde.
So sah ihn Ritt, der seitlich der Pak lag und schon mit allem Schluß gemacht hatte, sah den Panzer, sah, was in Sekunden geschehen würde, sah diese jungen Burschen zerstampft, sah ihre Körper von Gliedketten des T 34 erfaßt, hatte die Haftladung in der Hand, sprang aus dem Graben, hetzte mit zwei, drei Schritten an den Panzer heran, warf ihm den Tod auf die Stahlplatten und wunderte sich, daß er noch immer lebte.
Jetzt wurde er vom Panzer aus beschossen, kam bis fünf Meter an sein Deckungsloch, hörte, wie die Haftladung explodierte, wie der Stahlkasten zerplatzte, und fiel, sich überschlagend, in den Graben, wie ein Betrunkener, den der Wirt mit einem Tritt vor die Tür setzt.
Plötzlich war es still.
Die Luft stank nach Pulver, nach Eisen, nach Schwefel, nach Blut, und trotzdem herrschte Ruhe wie auf einem Friedhof.
Es war das letzte Wunder des jungen Hauptmanns Ritt, daß bis auf vier Gefallene und drei Verwundete das Bataillon noch einmal davonkam; für die Stunde, für den Tag. Die Russen hatten es nicht nötig, diese letzte, stumpfe Igelstellung aufzurollen.
Ein Kompanieführer wollte melden, Ritt winkte ab und befahl, die formlose Beerdigung der vier Toten »mit Beeilung« vorzunehmen.
»Stilles Vaterunser«, sagte er, setzte sich auf den Grabenrand und rauchte eine Zigarette. Er hatte nie eine Ansprache gehalten. Worte wie Durchhalten, Heldentod, Endsieg waren ihm fremd, und wenn sie einer benutzte, griff er nach seiner Zigarette und kniff die Lippen zu dieser seltsamen Ritt-Grimasse, die zu sagen schien: Was geht’s mich an?
Er sah zu, wie sie die Toten eingruben – 124 Lebende auf Abruf. Ritt hatte das alles satt, das Graben, Schießen, Befehlen, Sterben, die genormten Beileidsbriefe, die Latrinenparolen, die Fußlappen und den Kunsthonig. Er hatte es satt, sich für eine Stunde Leben weiterhin wie ein Wurm in die Erde zu verkriechen; er haßte den Rückzug, den Vormarsch, den Landsermief, diesen Stallgeruch der Kameradschaft. Er hatte es satt, von seinen Männern angestarrt zu werden wie ein Ausnahmemensch, der Wunder wirkt, obwohl er nur den Tod zu bieten wie zu erwarten hatte. Ihre Augen hatte er satt, mit denen sie zu ihm aufsahen, Kälber zu einem Lohnschlächter des Krieges, und er sagte sich in diesen Minuten – da nur das Knirschen der Spaten zu hören war, die wiederum ein Grab für vier Gefallene aushoben –, daß er auch den Tod in der Masse satt hatte: Wenn es nötig sei, dann wollte er wenigstens seinen eigenen haben.
Während diese Gedanken Ritt in einen kalten, lodernden Zorn hetzten, errechnete er – mit der Genauigkeit des perfekten Soldaten –, daß er vielleicht dieses Mal noch 124 Männer retten könnte, wenn er sein eigenes Leben dagegen setzte.
Er war nicht erpicht auf den Tod, obwohl ihn das Ende mitunter wie eine Erlösung gelockt hatte. Er ging die vielen Gelegenheiten durch, bei denen er sein Leben für sinnlose Taten weggeworfen hatte. Warum, so fragte er sich aufgebracht, soll ich mich nicht noch einmal als Zielscheibe stellen, jetzt, da es doch wenigstens einen Sinn hat?
»Fertig?« fragte er mechanisch, während er sich flüchtig eingestand, daß er von Stalingrad bis zu dieser Stellung wohl nur gelebt hatte, um sich für das Kriegsgericht aufzusparen.
»Wir rücken ab!« beendete Ritt das formlose Begräbnis und warf dabei die Zigarette im gleichen Bogen weg wie seine Zukunft.
»Aber – aber, Herr Hauptmann«, stotterte ein junger Leutnant hilflos, voller Angst, den Befehl mißverstanden zu haben.
»Schon gut«, sagte Ritt. »Ich weiß, was ich tue – und wir wollen nicht dramatisch werden.«
Er handelte letztlich aus dem gleichen unsinnigen Motiv – Anstand, Kälte und Gleichgültigkeit –, aus dem er vor einem Jahr eine Frau geheiratet hatte, die er nicht liebte; sie hatte vor einigen Monaten sein Kind geboren, das er nicht kannte.
Das Rest-Bataillon vermied die Rollbahnen und Rückzugsstraßen. Querfeldein schafften die Männer am ersten Tag vierundzwanzig Kilometer und am nächsten neun. Ohne Feindberührung fluteten sie zufällig in die rechte Richtung.
Am dritten Tag hängten sie sich an eine Lkw-Kolonne, die als letzte aus der russischen Umklammerung rollte.
Am fünften Tag meldete sich der Hauptmann bei einer Auffangstelle. Er wurde von seinen Offizierskameraden herzlich begrüßt und in eine alte Scheune geleitet, die sich Kasino nannte. Man gab ihm Wodka und stellte Fragen.
Ritt trank und schwieg.
Stunden später kamen die Kettenhunde; Feldgendarmen mit hölzernen Gesichtern und blechernen Helmen, Offiziersstreife, geführt von einem Hauptmann. Als Ritt sie sah, goß er sich rasch noch einen Wodka ein, denn er wußte, daß sie ihn holen würden.
Gegen den verhafteten Offizier wurde Tatbericht eingereicht.
Die rasch angesetzte Verhandlung des Kriegsgerichts verschoben allerdings die Russen; dreimal wechselte Ritt das Gefängnis, dann schafften man ihn sicherheitshalber gleich bis Warschau zurück, wo man für seinen Tod Vorbereitungen traf wie für eine Hochzeit: Er wurde entlaust, durfte baden, erhielt ein frisches Hemd und eine saubere Uniform.
Der Unteroffizier vom Dienst sammelte seine Tapferkeitsauszeichnungen ein wie ein Gerichtsvollzieher die Schulden; Ritt warf ihm das EK I und jenen Orden, der wie ein Spiegelei aussah, sowie das Verwundetenabzeichen in Silber zu wie Fallobst, sich von seinen Ehrenzeichen genauso lustlos trennend, wie er sie empfangen hatte: Blech.
II
Der Tag war schön und kalt, der Winter reckte sein weißes Haupt über schwelende Trümmer. In der flimmernden Luft tänzelten Schneekristalle in giftbunten Farben. Ein Hoch reichte vom Ural bis zum Atlantik. Sein Zentrum stand am 6. Januar 1944 über Deutschland, und das bedeutete Flugwetter, Bomben, Keller, Tod.
Die Zivilbevölkerung würde Verluste haben.
Die Fliegenden Festungen kamen in drei, vier Wellen. Die Sirenen heulten erst, als schon die Bomben fielen. Rauchsäulen stiegen steil gegen den Himmel. Geborstene Mauern brannten aus. Viele Menschen unter den Trümmern lebten noch.
Die erste Welle hatte ihr Ziel getroffen, die zweite war im Anflug.
Die Menschen in Frankfurt hofften, daß die nächste Ladung die Menschen in Köln treffen würde. Die Menschen in Köln waren erleichtert, als sie hörten, daß die neuen Pulks nach Südosten abdrehten. Die Menschen in den glitzernden Flugzeugrümpfen hofften, daß sie den Feindflug überleben und zu ihren Frauen und Kindern zurückkommen würden; sie dachten nicht daran, daß ihre Luftminen Frauen und Kinder erschlugen.
Die Ritt-Werke am Stadtrand von Frankfurt, vormals Lessing & Kahn, wurden nicht getroffen. Eine viermotorige Maschine brannte, von der Flak angeschossen, in der Luft. Zwei amerikanische Piloten retteten sich mit dem Fallschirm. Sie landeten auf dem Außengelände der Firma, bevor es ihre Maschine in der Luft zerriß.
Die beiden US-Soldaten waren Neger, aber ihre Gesichter wirkten nicht schwarz, sondern grau; sie hielten die Hände hoch über dem Kopf, wie bittend, als sich einige Betriebsfunktionäre daranmachten, sie zu lynchen; die Soldaten schrien gellend um Hilfe. Aus den dunklen Gesichtern leuchteten die verdrehten weißen Augäpfel.
Der Kleinere hatte es leichter; bevor er noch begriff, was mit ihm geschehen sollte, wurde er niedergeschossen. Der andere Amerikaner sah es und riß sich los.
Er kam nicht weit. Uniformierte hielten ihn auf. Ein paar schlugen auf ihn ein, Weiber kreischten hysterisch. Ein Mann vom Werkschutz schlug ihm mit dem Kolben in die Seite.
Dann waren die anderen heran.
Der Soldat hob die Hände, seine Lippen zitterten stumm. Dann rief er flehend: »Don’t do that!« Er sprach, als betete er.
»Schlag das schwarze Schwein tot!« brüllte eine Hilfsarbeiterin.
Sie fielen mit Knüppeln, Gewehrkolben und bloßen Fäusten über ihn her; als sie sahen, daß ihm das Blut über das Gesicht lief, zertrampelten sie im Blutrausch seinen Kopf.
Einige waren betroffen, andere verlegen, als sich der Amerikaner nicht mehr rührte.
Wehrwirtschaftsführer Friedrich Wilhelm Ritt hatte vom Hauptgebäude aus den Zwischenfall verfolgt. Er fuhr mit dem Wagen zu seinem Außenlager – er kam zu spät. Die Gesichter der abgesprungenen Feindflieger waren nicht mehr grau, sondern rot, soweit noch etwas zu erkennen war.
Er spürte, wie sich sein Magen umdrehte. Es graute ihm vor dem Verbrechen, das sie verübt hatten, aber er sagte:
»Geschieht diesen Schweinen ganz recht. Was führen sie Krieg gegen Frauen und Kinder.«
Friedrich Wilhelm Ritt lief zurück zu seinem Hauptgebäude, leicht vornübergebeugt. Sein Gesicht war gedunsen, schlaff. Die faltige Haut war ihm zu weit geworden, sie machte die Mensurschmisse zu schmalen roten Strichen. Der Wehrwirtschaftsführer sah ungut aus, kränklich.
Die Sirenen heulten Entwarnung.
Ritt ging in sein Büro. Er sah lauter Neger mit roten Gesichtern. Indianer, dachte er, Scheißbande. Immer mehr. Aber am Marterpfahl stand er. Delirium tremens, hämmerte es in seinen Schläfen, doch dann kam die Angst wieder, diese quälerische Frage, was nach dem Zusammenbruch geschehen würde.
Er hätte das Bild der gelynchten Flieger gern in Schnaps ertränkt, aber er mußte auf einen Hoheitsträger von der Gauleitung warten, der sich angesagt hatte, und so blieb der Reichstagsabgeordnete heute länger nüchtern als sonst.
Der Raum war überheizt, doch Friedrich Wilhelm Ritt fror. Sein Blick war stumpf wie ein Wetzstein, nichts an ihm wirkte mehr markant. Jetzt, im Januar 1944, hätte er gern seinen Führer, durch den er beides geworden war: ein Millionär und ein Mörder, aufgegeben. Aber es war zu spät, er hatte sich zu stark exponiert und hatte zuviel zusammengerafft; deshalb suchte er längst nicht mehr den Luftschutzkeller auf.
Ritt war Reserveoffizier des Ersten Weltkrieges gewesen, hatte einem Freikorps angehört, wurde nach dessen Auflösung Korpsstudent, Jurist, Syndikus und Arbeitsloser. Nach der Inflation liehen ihm Verwandte Geld. Er kaufte sich in eine Möbelfabrik ein, die zwei Jahre später in Konkurs ging; den Antrag hatte der alte Lessing gestellt, ein jüdischer Mitbürger, und seitdem war Friedrich Wilhelm Ritt ein wilder Antisemit. Er landete folgerichtig bei der braunen Bewegung und blieb ein Nichts im bürgerlichen Leben, bis sein Führer an die Macht kam.
Er arisierte Betriebe, die später Granaten produzierten, wurde ein wichtiger Mann der Rüstung, für die ein Heer von Ausländern arbeiten mußte. Schufteten die Verschleppten nicht willig, genügte ein Wink des alten Ritt, sie ins KZ zu bringen.
Er war für viele dieser Einweisungen verantwortlich, aber es belastete ihn nicht; das war anonym geschehen, mündlich, ohne schriftliche Unterlage, ohne jeden Beweis. Der Wehrwirtschaftsführer hatte dabei höchstens telefoniert.
Der Tag ging langsam zu Ende. Der Mann von der Gauleitung verspätete sich. Ritt war es gleich, was er von ihm wollte.
Martins Vater saß am offenen Kamin. Er hatte sich in eine Decke gehüllt. Der Kognak war gut chambriert, aber er hielt den Schwenker, als müsse er das Glas anwärmen. Er starrte in das Feuer, dessen Widerschein blutig auf seinem Gesicht flackerte und die Falten beweglich machte, die Augen noch tiefer in die Höhlen senkte, die dünnen Lippen noch starrer formte.
Er beugte sich nach vorn, starrte in die Flammen des Kamins, die nach oben leckten wie in der Kristallnacht. Und wieder erlebte er den Spuk, brüllte er in der SA-Versammlung.
Die Instinkte, die sie einst zur Bewegung gebracht hatten, dürfen sich austoben: die Lust, in Massen zu heulen, die Wonne, in Horden zu prügeln, die Gier, in Haufen zu plündern.
Wieder steht Ritt vor der Synagoge, rüttelt am Tor, schaut zu, wie seine Kameraden das massive Eisengitter aufsprengen, in das Haus drängen, die silbernen Leuchter beiseite stoßen, die Bundeslade umwerfen – und wieder steht ein Mann vor ihnen, einsam, allein, würdig: Kommerzienrat Lessing, Wohltäter und Ehrenbürger der Stadt, der den Brandstiftern entgegentritt, die vor dem weißhaarigen, gebeugten Mann zurückweichen.
Wieder sieht er den Juden, den Hauptgläubiger, den Mann, der ihn zum Konkurs zwang – und wieder erlebt er, wie er die Hand hebt, Lessing niederschlägt, die anderen heranholt, die den Röchelnden zerschlagen, zertreten, zerfetzen.
Fast gewaltsam stand der alte Ritt auf und lief mit schweren, unruhigen Schritten durch den Raum. Er wandte seinen Blick vom Kamin ab, von den Flammen weg, aber es half nichts – das Blut rinnt, die Synagoge brennt, die Flasche kreist, die Horde brüllt, der Jude stirbt.
Ritt warf die Flasche in das Feuer. Das Glas zersprang, die Flüssigkeit zischte, der Alkohol nährte die Flamme. Alles Unfug, überlegte er, keiner denkt mehr daran, niemand spricht mehr davon, nur: Was ist aus Lessings Sohn geworden, Martins Mitschüler, der nach Amerika vorausflog, um für seinen Vater Quartier zu machen? Der Alte brauchte es nicht mehr – sein Quartier lag seit der Kristallnacht unter der Erde.
Wäre diese bohrende, würgende Angst nicht, hätte Friedrich Wilhelm Ritt seine Weltanschauung weggeworfen wie zerrissene Socken. So aber konnte er nicht. Er war verdammt, bei der Hakenkreuzfahne zu bleiben, deren Ende sein Ende sein mußte; und so haßte er alle, die nicht ihr Leben einsetzten, um dieses Ende hinauszuschieben, so hoffte er wider besseres Wissen auf Wunderwaffen, obwohl er aus seinem eigenen Betrieb wußte, wie es wirklich aussah.
Ritt hatte alles falsch gemacht, seitdem seine erste Frau Germaine von ihm gegangen war. Die zweite Ehe: ein zweiter Fehlschlag. Denn die Jahre des Kampfes, der Sieg, der Aufstieg – ein Leben, wie er es sich gewünscht hatte und dessen Rechnung er doch nicht bezahlen wollte.
Martin, seinen einzigen Sohn, hatte er in ein Internat gesteckt und fast nie gesehen. Er wußte, daß der Junge ihn nicht mochte; und im Laufe der Jahre wurde ihm Martin auch innerlich so fremd, wie er äußerlich von ihm verschieden war.
Als der Junge sich an der Front auszeichnete, hätte er ihn gern bei seinen Parteifreunden herumgereicht, aber Martin wollte nicht. Jetzt gestand sich Friedrich Wilhelm Ritt ein, daß er von seinem Sohn seit fast zwei Jahren nichts mehr gehört hatte. Der Junge mied ihn; es war dem Alten eine Zeitlang ganz recht gewesen, wenn es sich auch nicht gehörte und teilnehmende Fragen nach Martin oft recht peinlich wurden.
Endlich kam der Mann von der Gauleitung; es war Silbermann, Leiter der Rechtsabteilung, der unter seinem Namen litt, obwohl er Reinarier war. Er hatte eine seltsame Kopfform, oben dick, unten dünn; sein Schädel sah aus wie eine umgedrehte Birne an einem viel zu dünnen Stiel.
»Ich soll dich vom Gauleiter herzlich grüßen«, sagte der Hoheitsträger schon von weitem.
»Danke«, erwiderte Ritt, »was gibt’s Neues?«
»Nichts Besonderes.«
»Warum kommst du? – Kognak, Wein, Sekt, Zigarre?«
»Nicht soviel auf einmal.« Silbermann lachte gezwungen. »Aber wenn du vielleicht etwas zu essen hättest …« Er trug die senffarbene Uniform, aber er trug sie nicht mehr so stolz, jedenfalls lieber nachts als am Tage, denn er deutete die Blicke vieler Passanten richtig. Auch er konnte wegen der verdammten Judentransporte nicht abspringen, die er zur Frontbewährung beim Sicherheitsdienst geleitet hatte, woran er sich jetzt ungern erinnerte.
Sie setzten sich an den Kamin, tranken.
»Also, was ist los?« fragte Ritt. Er spürte, daß Silbermann mit schlechter Nachricht kam.
»Es handelt sich um deinen Sohn.«
»Martin?«
»Ja.«
»… gefallen?«
»Nein.«
»Verwundet?«
»Kerngesund – und doch fast tot –, falls wir nichts unternehmen, Kamerad Ritt«, setzte Silbermann hastig hinzu. »Ich soll dir persönlich vom Gauleiter ausrichten, daß er Verständnis für dich hat – und überhaupt nichts an dir hängenbleibt.«
»Was heißt das?« fragte der alte Ritt barsch.
Er starrte in den Kamin, hob mit mechanischer Geste das Glas an den Mund, trank den Rest auf einmal aus, spürte den Schnaps an der Magenwand, Gastritis, dachte er, harmlos, nicht so schlimm wie die Leber …
»Schön ist es nicht …«, begann Silbermann umständlich.
»Nun sprich endlich!« fuhr ihn Ritt an.
»Dein Sohn hat wohl die Nerven verloren – und entgegen dem Befehl eine Stellung geräumt …«
Zuerst begriff ihn der Wehrwirtschaftsführer nicht, dann erfaßte er langsam, was ihm Martin angetan hatte, ihm persönlich und dem Reich.
»Ein idiotischer General besteht auf einer Kriegsgerichtsverhandlung, die in den nächsten Tagen stattfindet, wenn wir nichts unternehmen. Nun läßt dich der Gauleiter fragen – ob du …«
Silbermann schwieg, betrachtete den alten Ritt, der geduckt am Kamin kauerte und in das Feuer starrte. Wieder will er nichts selbst tun, dachte der Hoheitsträger, wieder soll ich für ihn in das Feuer greifen, wie damals, als ich die Juden für ihn laufenließ, die Kahns, Mitbesitzer der von ihm arisierten Firma … Und warum? Warum wohl? Weil er ihre Verwandten erpreßte – und Devisen, keine Reichsmark, in die Schweiz verschob – wer weiß wieviel? Aber mich hast du nicht hereingelegt, ich kenne deinen Verbindungsmann Panetzky – und eines Tages, sei es nach dem Sieg oder dem Zusammenbruch, werden wir noch einmal davon sprechen, Pg. Ritt!
»Was soll ich eigentlich bei der Sache?« fragte der alte Ritt.
»Wenn du willst«, antwortete Silbermann, »bringt der Gauleiter die Geschichte in Ordnung.«
Auch Martin hat mich also verraten, dachte der alte Ritt. Auch er will nicht für den Vater eintreten. Er spürte Haß, den die Angst nährte und der so stark wucherte, daß er jede andere Empfindung auslöschte.
»Du bist also einverstanden?«
»Womit?«
»Mit einer Intervention beim Kriegsgericht …«
»Warum?«
»Dir zuliebe …«
»Weshalb?«
»Es ist dein Sohn«, antwortete Silbermann.
»Und wenn schon …«
»Wir können ihn retten.«
»Einen Lumpen?« fragte der alte Ritt. »Einen Verräter …«
»Es ehrt dich, Kamerad Ritt«, sagte der Hoheitsträger, den die Härte dem eigenen Sohn gegenüber abstieß, wie er überhaupt für elegantere Lösungen war, als sie der totale Krieg in letzter Zeit mit sich brachte. »Du hast genug für die Bewegung getan – wenn wir mehr solche Gefolgsleute hätten wie dich –, aber du sollst nicht auch noch deinen Sohn …«
»Nein!« bellte Ritt. Über sein eingefallenes morsches Gesicht geisterten wieder Schein und Schatten.
»Er ist dein Einziger«, sagte Silbermann leise.
»Wer den Tod in Ehren fürchtet …«, brüllte Ritt.
Dem Mann mit dem Birnenkopf wurde der alte Ritt unheimlich. Ein Verrückter, dachte er, einer, der die Zeichen der Zeit nicht begreift und vor Torschluß auch noch den eigenen Sohn vor die Hunde gehen läßt. Es war seine Idee gewesen, den jungen Ritt zu retten, die nun zu seiner Blamage beim Gauleiter werden würde. Er raffte seine Akten zusammen, griff nach dem Mantel, hielt ihn mit gestreckten Armen wie einen Schild vor sich.
»Heil Hitler!« sagte er halblaut, aber das übliche Echo blieb aus.
III
Dicke Schneeflocken wirbelten gegen die Fensterscheiben des Warschauer Feldgerichts, das an diesem lichtlosen Januartag 1944 über sieben Angeklagte zu befinden hatte.
Hauptmann Ritt war der zweite. Er betrat, von zwei Posten flankiert, den Raum, grüßte, während er zum Vorsitzenden, Kriegsgerichtsrat Dr. Schiele, geführt wurde, der ihm mit großen grünen Basedowaugen mehr unwillig als neugierig entgegensah.
Ein untersetzter Obergefreiter mit dickem rundem Kopf begegnete ihm; der Mann war, soeben verurteilt, mit fünf Jahren Wehrmachtsstrafe davongekommen und strahlte vor Glück. Dieses Glück sah so aus, daß er, zu einem Strafbataillon versetzt, bei halber Verpflegung, in vorderer Linie, und unbewaffnet dem Feind ausgesetzt, Stellungen und Gräben ausheben mußte; es war ein Todesurteil, das von den russischen Gewehren vollzogen werden würde.
Mir, dachte Martin, wird man schon Kugeln eigener Herkunft zubilligen. Er hatte einen klaren Befehl bewußt übertreten und sich in der Voruntersuchung auf keine Ausrede verstanden. Er hatte nicht das namenlose Schicksal eines Obergefreiten, den der Kriegsrichter noch einmal laufenließ – er war das Alibi eines Generals, der sich seinerseits wiederum gegenüber dem Oberkommando zu versichern hatte; auch in der Etappe hatte einer für den anderen einzustehen – wie vorn, nur anders.
Martin dachte daran, und auf seinen Lippen platzte der Spott.
»An Ihrer Stelle«, empfing ihn der Vorsitzende, »würde ich hier keine Grimassen schneiden – Sie haben nichts zu lachen, Ritt«.
»Jawohl, Herr Kriegsgerichtsrat«, antwortete Martin mit gleichmütiger Stimme.
Dr. Schiele sah ihn fest an.
»Sie sind das also«, sagte er, »Ihr Fall stand mir schon in der Voruntersuchung bis dahin«, er hob die Hand bis zum Kinn.
»Jawohl, Herr Kriegsgerichtsrat.«
»Sie verstehe ich überhaupt nicht«, fuhr Dr. Schiele fort, »Sie haben in Frankreich einen Panzerdurchbruch aufgefangen und sich das EK Eins geholt – beim Vormarsch auf Moskau waren Sie zum Ritterkreuz vorgeschlagen –, na ja, es reichte nicht ganz, aber immerhin erhielten Sie später doch das Deutsche Kreuz in Gold.« Der Vorsitzende hob den Kopf, betrachtete den Angeklagten. Seine hervorquellenden Augen wirkten wie grüne Glaskugeln. »Und dann laufen Sie einfach davon, ohne jeden Grund. Was ist los mit Ihnen, Ritt? Sie waren doch ein verdienter Soldat.« Die Glaskugeln schienen aufeinander zuzurollen.
Martin schwieg. Er wußte, daß es töricht war.
Eine Stunde vor der Verhandlung hatte ein Wärter ihm eine dampfende Hundeschüssel mit dem Frühstück und ein geöffnetes Amtsschreiben gebracht, frei durch Ablösung Reich. Es war eine Mitteilung des Landgerichts II in Frankfurt, daß seine Ehe mit Bettina Ritt, geborene Dahlberg, geschieden und das fast einjährige Kind Petra der Mutter zugesprochen worden sei und daß er die Alleinschuld trage.
Der Häftling in der Todeszelle schob Essen und Brief von sich weg, abgestumpft gegen beides; an das Essen hatte er sich gewöhnt und von Bettina nichts anderes erwartet.
Sie war eines jener Mädchen gewesen, die mit Blumensträußen und verlegenen Worten in die Krankenstuben der Soldaten entsandt wurden, damit die Landser wüßten, wofür sie kämpften.
Es war ein Mißverständnis der Zeit, denn die eben Kurierten wären lieber geschlossen in einen Soldatenpuff gezogen, als sich Gänseblümchen und Ringelreihen anzusehen. So standen sie hilflos herum und begegneten der vaterländischen Aufmerksamkeit mit scheuen Blicken, gedrechselten Worten und gutmütigem Spott.
Eine der Sängerinnen fiel Martin auf. Sie war älter als die anderen, hatte einen Pagenkopf mit glatten dunklen Haaren, ein auffallend blasses Gesicht mit vielen Sommersprossen und dazu eine unfrauliche Nase. Sie bewegte den Mund so eifrig, als singe sie immer eine Silbe mehr.
Dieses Mädchen, Bettina Dahlberg, wirkte apart, wenn auch nicht hübsch. Ihre Augen begegneten Martin. Später, als man im Lazarett zum heiteren Teil überging, saß sie neben ihm, und er erfuhr, daß sie Jura studiere und ihre Eltern in der Provinz wohnten, daß sie allein sei, sich aber nichts daraus mache. Die Art, in der sie über Männer sprach, in der sie ihre Selbständigkeit, den gleichen Rang der Geschlechter betonte, die heftige Beteuerung, sie habe das Jurastudium gewählt, um auch als Frau unabhängig zu bleiben, schienen ihm ein handfester Komplex zu sein.
Auf einmal faszinierte ihn, wohl weil er zuviel getrunken hatte, der Unsinn, daß dieses Mädchen, das in Lazaretten vor verwundeten Soldaten sang und Hefekuchen verteilte, die Männer pauschal verachtete.
Auch Bettina hatte getrunken. Ihre Worte wurden schneller, ihre Bewegungen hektischer. Als der Hauptmann einmal mechanisch nach ihrer Hand griff, stieß Bettina sie weg, als spüre sie Ekel, was ihn mehr belustigte als verärgerte.
Er stand auf und suchte ein anderes Mädchen, um aus dem Abend vielleicht doch noch etwas zu machen, aber Bettina folgte ihm, rückte an ihn heran, ihn stets ihrer Abneigung versichernd. Er trank weiter und spürte auf einmal eine frivole Lust, dieses virile, hübschbeinige, blaustrümpfige Geschöpf zu verführen – ein Spiel auf der Durchreise, eine Gewohnheit des Soldaten, in der Pause des Sterbens.
Martin richtete sich auf energischen Widerstand ein und versuchte, ihn mit wissenden Händen zu umgehen, aber zu seiner Überraschung preßte sich das seltsame Mädchen mit einem solchen Ungestüm an seinen Körper, daß er, statt anzugreifen, einen Moment lang vor ihr zurückwich.
Er begleitete sie nach Hause, und ihm schien, als würde er abgeführt. Bettina nahm ihn mit in ihr Zimmer, das einfach war, aber kleinbürgerlich, und noch im Stehen warf sie sich wieder an seine Schultern.
Er sah über sie hinweg, über ihre glatten, nach Männerart geschnittenen Haare, sah den Riß in der Wand, der wie eine Stirnfalte wirkte und mit dem Wochenspruch der Partei verklebt war: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.
Nietzsche, dachte er, du gehst zu Frauen – er lächelte höhnisch. Wer nimmt schon eine Peitsche zur Lazarettbescherung mit? Da schlug ihre Sinnlichkeit über ihm zusammen, die ungestüm war, unerfahren, sie krallte sich in seine Arme, drückte ihn an sich, als presse sie ihn weg. Ihre Gier wurde laut, bewegt, heftig, und nebenan klopfte der Zimmernachbar an die Wand. Aber Bettina hörte es nicht.
Sie keuchte, stöhnte, schluchzte, obwohl ihre Lippen geschlossen waren wie ein noch nicht aufgeschnittenes Buch, und während Ritt sie nahm, hatte er die Empfindung, daß ihm Gewalt geschehe, und als er von ihr abließ, ihrer wie des Alkohols müde, ließ sie ihn nicht zur Ruhe kommen: ihr Mund kroch ihm über die Haut wie eine Schnecke. Er wartete ergeben auf den Morgen, er hatte noch nie so ungeduldig dem Fronturlauberzug entgegengesehen, der ihn wieder hinausbrachte.
Er schlüpfte in seine Uniform, wollte gehen, ohne sich umzudrehen, überlegte es sich anders, kam noch einmal zurück und beugte sich zu Bettina hinab, die endlich schlief. Er legte ein angebrochenes Päckchen Zigaretten auf ihren Nachttisch. Schlaftrunken wachte sie auf, und Martin küßte sie flüchtig, mit einigem Mitleid, weil sie doch offensichtlich ein wenig verrückt war, und mit viel Erleichterung darüber, daß er ihr im Leben voraussichtlich nie wieder begegnen würde.
Monate später geriet er in den Kessel von Stalingrad. Bettina teilte ihm in einem Feldpostbrief mit, daß das Spiel auf der Durchreise »nicht ohne Folgen geblieben« sei. Zuerst war der junge Hauptmann nur überrascht, dann verwundert, und zuletzt sagte er sich, daß etwas geschehen müsse. Er schien an der Front sowieso keine Chance mehr zu haben, und der eine Satz des Briefes, der sich sonst nicht weiter mit Gefühlen aufgehalten hatte, rumorte in seinem Bewußtsein: das Kind sollte einen Namen haben.
So entschloß er sich kurz vor der russischen Offensive, diesem Kind den Vornamen seiner Mutter Germaine und den Nachnamen Ritt zu geben. Die Ferntrauung fand einen Tag vor dem Trommelfeuer statt, mit dem die Russen ihren Stoß auf Stalingrad einleiteten. Ritt wurde verwundet und aus dem Kessel geflogen; ein Oberschenkelschuß, der gerade für das Feldlazarett reichte.
Er kam wieder an die Front, das Kind zur Welt. Bettina, die er nie wiedersehen wollte und die trotzdem seine Frau geworden war, teilte ihm mit, daß sie kurz vor dem Referendarexamen stehe und daß sie übrigens das Baby Petra getauft habe, statt ihm den unzeitgemäßen Namen Germaine zu geben.
Mit seiner Verhaftung riß die Verbindung dieser Kriegsehe ab, und so erfuhr Martin erst heute, als Auftakt der Verhandlung, daß Bettina Ritt, geborene Dahlberg, Rechtsreferendarin in Frankfurt, unverzüglich gegen ihn die Scheidung eingereicht und durchgesetzt hatte, wobei im Urteil ihm die Schuld und ihr das Kind zugesprochen wurde.
Er hatte gleichgültig darüber gelächelt.
Bettina mochte er nicht, und Petra kannte er nicht, weshalb sie ihm auch nichts bedeutete; man kann ein Kind nicht lieben, das man nicht kennt, sagte er sich, womit seiner Meinung nach alles geregelt war.
»Vielleicht ist es auch besser«, sagte der Vorsitzende, »Sie halten den Mund – was Sie uns zu sagen hätten, wissen wir ohnedies.« Er lächelte fahrig, »Bitte«, nickte er einem Hauptmann zu, dessen rote Biesen an der Hose auswigsen, daß er zum Generalstab gehörte.
Er war Zeuge und Ankläger in einem und sagte als Fachmann schlicht aus, daß der angeklagte Hauptmann durch seine Befehlsverweigerung, sprich: Feigheit vor dem Feind, den Zusammenbruch eines ganzen Frontabschnittes verschuldet habe, Weder der General noch die Strategie, noch die Bewaffnung, noch der Nachschub hatten versagt, sondern lediglich ein junger Hauptmann namens Ritt.
Kriegsgerichtsrat Dr. Schiele hörte dem Generalstabsoffizier scheinbar aufmerksam zu. Er stützte das Kinn in die linke Hand, mit der rechten kritzelte er auf einem Block Männchen, mechanisch, ohne sich etwas dabei zu denken. Als er sie bewußt betrachtete, sahen sie verzweifelt armen Teufeln ähnlich, wie er sie an die Wand stellen ließ.
»Der Befehl war Ihnen also bekannt?« fragte er.
»Sicher, Herr Kriegsgerichtsrat.«
»Sie wußten, was davon abhing, daß die Stellung gehalten wurde? Sie hatten einen klaren Befehl, die Absetzbewegung zu decken und Ihren Abschnitt bis zum letzten Schuß, bis zum letzten Mann, bis zum letzten – bis zum letzten …«
»Atemzug«, sagte Ritt.
Der Richter in der Wehrmachtsuniform betrachtete den Angeklagten mit seinen großen glänzenden Augen mehr verdrossen als zornig. Er saß breit und groß zwischen den anderen Offizieren. Im Privatleben bevorzugte er Rotwein, bei seinen Urteilen Strenge, was nicht seiner Neigung, sondern den Umständen entsprach. Der Mann, Rechtsanwalt im Zivilleben, war der Meinung, daß es besser sei, als Marionette an einer Schnur zu hängen als seinen Kopf in die Schlinge zu stecken oder gar am Fleischerhaken zu enden, den das System zu dieser Zeit als Hinrichtungsmethode erfunden hatte.
»Sie haben also versagt, Angeklagter?« fragte der Kriegsgerichtsrat. »Es war Ihnen nicht gelungen, Ihre Leute in der Stellung zu halten?«
Er baute diesem sturen Angeklagten eine ärmliche Notbrücke; aber statt sie zu betreten, riß Ritt sie ein.
»Doch, Herr Kriegsgerichtsrat«, sagte er und lächelte fahl.
»Was heißt das?« fragte Dr. Schiele scharf.
»Ich habe meinen Männern ausdrücklich befohlen, die Stellung zu räumen.«
»Entgegen dem Befehl?«
»Jawohl.«
»Können Sie mir erklären, warum?« stieß der Kriegsgerichtsrat zu.
Der angeklagte Hauptmann lächelte melancholisch. Lohnte es sich, auf diese rhetorische Frage eine Antwort zu geben? Hatte es einen Sinn, zu sagen, daß der Ankläger, Zeuge und Sachverständige ein verlogener Idiot war? Hatte er die geringste Chance vor diesem Tribunal? Sollte er also noch, wie man erwartete, Einsicht zeigen, bevor man ihn erschoß? Mußte er noch von dem zügellosen Rückzug sprechen, von den eingekeilten Kolonnen, von flüchtenden Soldaten, die über ihre sterbenden Kameraden hinwegtrampelten, von den zerrissenen Pferdekadavern, den brennenden Verpflegungslagern, den gesprengten Geschützen, von dem Untergang einer Armee mit Mann und Roß und Wagen?
»Nein«, sagte Martin Ritt.
»Sind Sie verrückt?« schrie Dr. Schiele.
Die Frage war platonisch. Der Psychiater fiel wegen Zeitmangels ohnedies aus. Es war auch kein Recht zu sprechen, sondern ein Exempel zu statuieren.
So ließ Ritt den Rest der Verhandlung über sich ergehen. Er hob die Schultern, als regne es. Die Worte, die man wie Pfeile gegen ihn abschoß, den rüden Ton – das alles kannte er längst.
»Sie wissen, was Sie sind?« rief der Vorsitzende.
Ritt betrachtete ihn, es schien, als sähe das Opfer arrogant auf seinen Richter hinab.
»Sie sind ein Defaitist! Ein Lump! Ein Vaterlandsverräter!«
Das Echo schwebte lange im Saal, als hätte sich der Raum längst an Phrasen überfressen.
Der Angeklagte preßte die Lippen fest aufeinander. In den Mundwinkeln sagten nur verächtliche Falten, daß er mit der Tapferkeit, der Ehre und dem Vaterland fertig sei. An diesen Schlagworten waren zu viele verblutet. Zu viele Menschen wurden von ihnen verhetzt, verdammt und verheizt, als daß sie für den Hauptmann noch einen Sinn gehabt hätten.
»Sie sind ein Feigling, Mann!«
Die Falten an den Mundecken des Angeklagten, die einzigen in dem straffen Gesicht, das von sachlichen grauen Augen beherrscht wurde, traten deutlich hervor, zogen Linien zur Nase, als rügten sie die schlechte Luft.
Feigling? Wie damals am Rand des Schwimmbeckens. Geschlossene Klasse, Dreizehnjährige. Und Müller zwo, der dümmliche, dicke Turnlehrer, deutet auf den Fünfmeterturm. Die Mitschüler zittern vor Angst. Aber sie steigen nach oben, einer hinter dem anderen, schneidig auf Befehl. Weil sie keine Courage haben, legen sie die Mutprobe ab. Bis auf einen, den letzten: Martin.
Feigling! So brüllten sie ihn zusammen. Auch die Mitschüler jetzt, die es überstanden haben. Dann gehen sie. Und dann springt er. Freiwillig, ohne Überwindung, ohne Furcht vor dem Tadel, ohne Sucht nach dem Lob, vom Fünfmeterbrett. Nach vorn fallen lassen, Arme ausstrekken, Kopfsprung – nicht wie die anderen, mit den Beinen voran.
»Sie haben das letzte Wort«, sagte der Vorsitzende schroff.
»Ich verzichte.«
»Überlegen Sie sich das noch einmal«, entgegnete Dr. Schiele, »vielleicht könnten wir – in Anbetracht …«
»Ich verzichte trotzdem«, antwortete der Angeklagte und setzte dann noch hinzu: »Ich habe den Krieg satt, der Führer, Großdeutschland – das alles kann mir …«
Weiter kam er nicht.
Zehn Minuten später wurde sein Versagen an der Front wie sein Verhalten vor Gericht entsprechend bestraft: »… ist der frühere Hauptmann Ritt«, verlas Dr. Schiele mit erhobener Stimme, »wegen Feigheit vor dem Feind, wegen Befehlsverweigerung und Wehrkraftzersetzung zum Tode durch Erschießen zu verurteilen …«
Der Angeklagte stand ruhig, sein Gesicht schien offen eine Zustimmung zu dem Urteil zu zeigen.
»… und aus der Wehrmacht auszustoßen …«
Das ist das Schlimmste, dachte er sarkastisch und machte sich wieder einmal zum Sterben fertig.
IV
Drei Tage oder drei Wochen vor Martins Erschießung – der Tod war sicher, doch die Stunde ungewiß – betrat ein seltener Gast sein Verlies: Richter fütterten zwar das Gefängnis mit Schicksalen, aber es war nicht üblich, daß sie hinterher ihre Opfer auch noch besuchten.
Das Grauen hing in der Zelle wie ein schlechter Geruch, an den sich der degradierte Hauptmann Ritt inzwischen gewöhnt hatte. Er stand gleichmütig im Halbdunkel, als Dr. Schiele den Raum betrat.
»Kennen Sie mich noch?« fragte der Mann mit den Basedowaugen.
»Allerdings«, antwortete Martin.
Der Kriegsgerichtsrat zündete sich eine Zigarette an, nahm zwei, drei rasche Züge.
»Stehen Sie bequem«, befahl er dann mit jovialer Kälte. Er nahm die Zigarette noch einmal zur Hand, betrachtete dann Martin, als müsse er sich seine Großzügigkeit noch überlegen, entnahm dann dem Päckchen eine Zigarette, wies sie dem Häftling vor wie einem Hund das Holz, warf sie ihm zu.
Martin apportierte nicht; die Zigarette rollte unter die Pritsche.
»Verwöhnt?« fragte Dr. Schiele.
»Wie man’s nimmt.«
»Für einen Mann, der morgen erschossen wird, sind Sie noch hübsch arrogant, Sie Nichtraucher.«
»Ich habe mir manches hier abgewöhnt.«
Dr. Schiele betrachtete den Mann, dessen Todesurteil er gefällt hatte. Es ärgerte und gefiel ihm, daß er die Würde dieses Gefangenen nicht zerbrechen konnte. Er mochte die anderen nicht, die vor ihm winselten; jetzt aber verdroß es ihn, daß einer anders war.
»Setzen Sie sich, Ritt«, sagte der Kriegsgerichtsrat.
Der Häftling setzte sich auf die Pritsche, unter der die Zigarette lag. Schiele nahm den Hocker und ließ sich breitbeinig darauf nieder.
Wieder sahen sie einander an; dann bot der Richter Martin aus dem Päckchen eine andere Zigarette an. Ritt nahm sie und bedankte sich stumm.
»Ich bin hier, weil ich trotz allem eine Schwäche für Sie habe«, sagte der Kriegsgerichtsrat. »Sie sind der mutigste Feigling, den ich je erschießen ließ. So etwas interessiert mich.«
»Warum?« fragte Martin zerstreut; er versuchte, nicht gierig zu rauchen.
»Ich sagte Ihnen doch schon, daß Sie morgen …«
»Ja, sicher.«
»Ich könnte es verhindern, wenn Sie mich darum bäten.« Er betrachtete den Delinquenten interessiert.
Wenn ich das Gespräch verlängere, überlegte Martin, gibt er mir noch eine zweite Zigarette und vergißt vielleicht die dritte unter dem Bett.
»Also dann nicht.« Dr. Schiele drückte seine Zigarette aus, hielt die Kippe zwischen den kräftigen kurzgliedrigen Fingern wie das Geschick seines Angeklagten, preßte sie aus, zündete sich die nächste an. Seine Lippen, die wie geschlossen wirkten, rauchten genüßlich und lächelten steif.
»Sie interessieren mich«, fuhr er fort, »wie einen Arzt eine medizinische Anomalie. Nehmen Sie an, ich wäre ein Anatom und Sie lebten ohne Herz …«
»Sie haben ein Herz?« unterbrach ihn der Gefangene spöttisch.
»Was erlauben Sie sich?« fragte Schiele ruhig.
»Was soll ich noch fürchten?«
»Sie werden gar nicht erschossen«, erwiderte Dr. Schiele. »Ich habe Sie schon von der morgigen Hinrichtungsliste absetzen lassen.«
Martins Gesicht blieb beherrscht. Er hatte nicht daran geglaubt, daß er am nächsten Tag exekutiert würde, nun wollte er auch nicht daran glauben, daß die Hinrichtung verschoben sei. Er zeigte eine unmenschliche Haltung, aber er wußte, daß sie nicht echt war, daß er sie bald mit siedender, fiebernder Todesangst bezahlen müßte.
»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen«, sagte Dr. Schiele. »Ich habe mir den Fall noch einmal angesehen. Ich wußte gar nicht, daß Ihr Vater Friedrich Wilhelm Ritt, Wehrwirtschaftsführer in Frankfurt, hoher Parteifunktionär, Standartenführer der Reiter-SS und …«
»DAF-Betriebsleiter, NSKK-Standartenführer, Mitglied des Reichstags, des …« Die Lippen Ritts sprühten die Titel und Namen der Organisationen wie ein Mittel zur Vertilgung von Insekten.
»Danke, genügt«, sagte der Richter, ohne zu lächeln. »Wenn ein Mann wie Ihr Vater etwas für Sie unternimmt, dann kommen Sie noch einmal davon.«
»Vielleicht«, sagte der Delinquent unbeteiligt.
»Weiß Ihr Vater, daß Sie …?«
»Nein.«
»Sie haben ihm das Urteil nicht mitgeteilt?«
»Nein.«
»Verstehe«, sagte Dr. Schiele, »Sie wollen ihm keine Schande …«
»Keine Umstände«, unterbrach ihn der Verurteilte.
»Ich werde ihm also auf dem Dienstweg schreiben«, sagte der Richter. »Sie werden es in einem privaten Feldpostbrief tun.«
»Nein«, erwiderte Martin.
»Warum nicht?« fragte der Kriegsgerichtsrat.
»Sie kennen ihn nicht …«
»Ihr Vater ist mir so wurscht wie Sie. Verstehen Sie. Sie bieten mir eine Chance, einmal einen laufenzulassen.«
»Seit wann so menschlich?«
»Sie sind ein Idiot, Ritt. Alle, die in Ihrer Lage Helden spielen, sind Idioten.«
»Und wenn sich diese Idioten nicht an der Front totschießen lassen, dann besorgen Sie das in der Etappe.«
»Meine Pflicht«, sagte Schiele kalt. »Besser sterben lassen als selbst sterben.«
»Lassen Sie mich endlich in Ruhe.« Martin hatte die Zigarette vergessen. Er spürte erregte Verbitterung, weil er das Gewissen eines Feldrichters aufhellen sollte, der im Krieg ein Durchhaltefanatiker und im Zivilleben womöglich ein Philanthrop war. Er wollte nicht zum lebenden Alibi eines Rückversicherers werden für den Fall, daß ein Krieg verloren werden sollte, den der Richter bis zum bitteren Ende mit Todesurteilen fütterte.
»Ganz recht«, sagte Schiele, »der Endsieg ist weit. Ich glaube auch nicht mehr daran. Das hier«, er lächelte süffisant, »die Todeszelle ist einer der wenigen Orte, wo sich in unserem schrumpfenden Großdeutschland zwei Männer noch offen unterhalten können, zumal, wenn einer auf das Geheiß des anderen bald erschossen wird.«
Seine Eckzähne glänzten. Sie waren aus Gold, dem gleichen Edelmetall, das Schieles braune Auftraggeber aus dem Mund ihrer toten Opfer brechen ließen. Der Führer brauchte Devisen, sackweise. Jeder Sack wog ungefähr sieben Kilo, und je zwei Gramm des Inhalts waren im Durchschnitt ein Leben.
»Sie halten mich für einen Unmenschen. Ich bin nur ein Praktiker. Von mir verlangt man Todesurteile wie von Ihrem Vater Rüstungszahlen. Er liefert Granaten, ich liefere Menschen. Doch ist da ein Unterschied: Ihr Vater ist um jede Granate froh, die er über das Soll hinaus produzieren kann; ich bin dankbar um jedes Leben unter der Norm. Unter der Norm kann ich nur bleiben in besonderen Fällen. Ein besonderer Fall sind Sie. Es ist Ihr Glück, nicht Ihr Verdienst. Sie waren glücklicher in der Wahl Ihres Vaters als zum Beispiel das arme Schwein, das morgen an Ihrer Stelle erschossen wird. Zehn Mann sind zu erschießen. Anordnung von oben. Tut mir leid. Wer Befehle nicht ausführt, landet«, er sah sich in der Zelle um, »hier.«
Martin spürte Zorn, Haß, Spott und Resignation.
»Da stehen Sie nun«, fuhr der Kriegsgerichtsrat fort, »wie Ihr eigenes Denkmal und sehen voller Respekt zu sich hinauf. Vielleicht fallen Sie am Ende doch um. Oder Sie halten es auch durch. Auch solche Narren hatte ich hier schon«, er spuckte das Wort aus, »in meiner feldgrauen Praxis.«
Dr. Schiele stand auf, stieß mit dem weichen Offiziersstiefel den Holzschemel um, sah an der graugekalkten, schmutzigen Zelle entlang, ging probehalber vier Schritte vor, vier Schritte zurück wie sein Delinquent, sah nach oben zu dem winzigen Ausschnitt der Zelle, die auch tagsüber das Licht bemaß, roch nach Kölnisch Wasser, dachte an das Essen und die Brasil hinterher, Friedensware, rümpfte die Nase, verschränkte die Arme, sah Martin Ritt an und sagte:
»Und Sie sind stolz auf sich, Sie Armleuchter, auf was? Sie haben sich in diesem Krieg schließlich genauso einen Dachschaden geholt wie andere ein Holzbein.«
»Vielleicht«, sagte Martin, »vielleicht habe ich aber auch mit meinem Befehl zum Rückzug hundertvierundzwanzig jungen Menschen das Leben gerettet.«
»Selbst da muß ich Sie noch enttäuschen«, sagte der Richter in der grauen Wehrmachtsuniform. »Ich habe mich nach Ihrer Einheit erkundigt. Die gibt’s nicht mehr. Ist bei Kiew aufgerieben worden.« Er lächelte fahl. »Das haben Sie also erreicht, Ritt, nicht mehr.«
»Wann ist mein Bataillon aufgerieben worden?« fragte der Häftling.
»Vor zwei Wochen.«
»Dann haben meine Leute sechzig Tage länger gelebt.«
»Aber wie«, sagte Dr. Schiele. Er gab das Gespräch auf, nickte seinem Opfer zu, klopfte an die Zellentür, ließ sich aufsperren.
Er ging, ohne sich umzudrehen. Ritt hatte nicht auf ihn gesetzt aber, als jetzt das Geräusch seiner Schritte ferner wurde, spürte er eine Hoffnung schwinden.
Dann griff er unter die Pritsche, suchte und fand die Zigarette. Immerhin war ihm von der Begegnung etwas geblieben.
Er zündete sie an, nahm einen tiefen, süchtigen, befriedigenden Zug, zog den Rauch fest in die Lunge, hielt ihn ein paar Sekunden auf, ließ dann einen kleinen Teil durch den offenen Mund, den Rest ganz langsam durch die Nase ziehen; sein ganzer Körper kostete wohlig das Nikotin.
Stiefel wuchteten über den Gang.
Alles war Ritt gleichgültig, außer dem Gift, nach dem jede Pore, jeder Nerv gierten.
Er hörte, daß die Tür aufgesperrt wurde, und tat noch einen raschen Zug, nahm mechanisch Haltung an und sah betroffen, daß der Kriegsgerichtsrat zurückgekommen war.
»Sie können sich also doch noch bücken, Ritt?« sagte der Mann und genoß, wie sich Martins Gesicht mit Scham und Zorn beschlug.
V
Wenigstens der Unterleib ist unpolitisch, dachte der US-Captain Felix Lessing, als er in dem Aachener Vorort auf ein zerschossenes Haus zuging, in dem die Frau auf ihn wartete. Er war dreißig, groß und schlank. Er trug ein Gewehr über der Schulter, dessen Lauf auf den Boden zeigte, und er ging, als schwanke er.
Über leere zerstörte Straßen fegte ein kalter Wind. Die Zivilbevölkerung mußte nachts in ihren Ruinen bleiben. Die alliierten Truppen hatten den Atlantikwall überrannt, Frankreich befreit und Hitlers verzweifelte Ardennenoffensive ins Leere laufen lassen; heute, am 7. März 1945, stießen ihre Voraustruppen gegen den Rhein vor.
Der Captain blieb stehen und suchte den Eingang. Er holte die Flasche aus der Tasche, nahm tiefe Schlucke, als müsse er sich Mut antrinken. Eigentlich wollte er umkehren, aber er sehnte sich nach einer langen Nacht mit einem weißen Körper in einem weichen Bett. Verdammt, dachte Felix Lessing, schließlich bin ich Soldat – ich brauche eine Frau, und wenn es keine andere gibt …
Er fand den Eingang und klingelte.
Die junge Frau öffnete sofort; sie mußte hinter der Tür auf ihn gewartet haben.
»Da bin ich«, sagte der Captain.
Sie legte den Finger auf den Mund, ihre Blicke glitten zu den Nachbarwohnungen hin, als sie den Besucher in die Diele zog. Unschlüssig stand er da und sah sich um. Sie nahm ihm den Trenchcoat ab. Sie hatte sich für ihn zurechtgemacht, aber Lessing übersah es. Er wollte ihr Schlafzimmer so kurz wie nötig und so sachlich wie möglich hinter sich bringen.
»Hier«, sagte die junge Frau und wies auf die Tür zu ihrem Zimmer.
»Hübsch«, erwiderte er, ohne sich umzuschauen.
»Die Nachbarn?« fragte er.
»Nein – das Kind.«
»Ach so …« Er holte die Flasche aus der Tasche. Während er sie der Frau anbot, die ablehnte, sah er das Bild des Feldgrauen an der Wand.
»Ihr Mann?«
Sie nickte.
»Gefallen?«
»Nein«, antwortete sie, »im Osten …« Ihre Stimme schien zu besagen, daß das keinen Unterschied mache.
»Ach so«, erwiderte Felix und trank wieder aus der Flasche.
»Ich hole Ihnen ein Glas«, sagte die junge Frau. Sie betrachtete ihn von der Seite, stellte wie schon heute morgen auf der Straße fest, daß er ein hübsches Gesicht mit einer breiten, ausladenden Stirn hatte, das hart und glatt wirkte wie ein Stein in der Brandung.
»Wieso sprechen Sie so gut deutsch?« fragte sie.
»Gelernt«, brummte der Captain, »an der Universität.«
»Erstaunlich«, entgegnete die Frau, »Sie reden wie ein Deutscher …« Sie merkte, daß sie etwas Falsches gesagt haben mußte. Seine Augen wurden klein, sein Mund zornig. Seine Hand hielt die Flasche wie eine Keule, mit der er gleich zuschlagen wollte. »Entschuldigung«, sagte sie erschrocken.
Ohne Einleitung riß er sie an sich, beugte sich über sie. Ihre Schatten an der Wand wurden unförmig. Der Captain hob die Frau, trug sie zur Couchecke, setzte sie ab, begann sie auszuziehen. Seine Hände waren ungeschickt. Er konnte die Schließe am Rücken nicht öffnen, riß sie ab, halblaut vor sich hinfluchend.
»Kann hier jemand kommen?« fragte er.
»Kein Mensch«, erwiderte sie, stand auf, ging an die Wohnungstür, um sie von innen zu verriegeln. Sie kam zurück und sah wieder, wie hektisch er trank, lächelte, ging auf ihn zu, nahm ihm die Flasche ab, drückte ihn zurück in die Kissen, suchte seine Lippen.
Ihre wilde Zärtlichkeit machte ihm Mut: Felix brauchte ihn für den Haß, mit dem er über fünftausend Kilometer marschiert und über sechs Jahre gelebt hatte, ihn mehr als zweitausend Nächte lang sammelnd, zählend und mehrend. Haß war zu seinem ständigen Begleiter geworden, mit ihm wachte und schlief, trank und kämpfte er – und so wollte sich Felix jetzt, kurz vor dem Ziel, nicht ein Quentchen von dem Haß auf ein Land nehmen lassen, das ihn geboren und verstoßen hatte.
In Deutschland war er mit Martin aufgewachsen, und die Freundschaft der beiden Jungen, deren Väter jahrelang gegeneinander prozessierten, hatte als unzertrennlich gegolten. Martin erwies sich als der Praktiker, Felix als der Theoretiker, aber beide waren gleich vital, gleich intelligent und gleich versessen auf das Leben.
Vielleicht auch hingen die beiden Jungen so aneinander, weil sie ohne Mutter aufwachsen mußten. Martins Vater war geschieden, der alte Kommerzienrat Lessing hatte seine Frau schon verloren, bevor Felix in das Gymnasium ging; er heiratete nicht wieder, weil der Junge keine Stiefmutter haben sollte.
Es war eine liebenswerte patriarchalische Vorstellung, die der Heranwachsende häufig belächelte, obwohl er recht zufrieden mit ihr war. Sie lebten nicht wie Vater und Sohn, sie hausten wie zwei Freunde zusammen, häufig auch wie drei, denn Martin hatte Gastrecht.
Auch ihn faszinierte die liberale Geistigkeit des alten Lessing, des Philanthropen, in dem die Jungen einen modernen Nathan liebten.
Nach dem Abitur bezogen Felix und Martin die Universität, der eine studierte Literaturgeschichte, der andere Volkswirtschaft. Sie lasen, sprachen, liebten und stritten sich durch lange Nächte, voll schöpferischer Unruhe, Begünstigte des Lebens, deren einziges Vorurteil der gemeinsame Glaube an den Fortschritt war.
Zu dieser Zeit hatten sie die Männer in den Braunhemden nur für einen Auswuchs auf Abruf gehalten. Aber schon ein Semester später erkannten sie den Riß, der durch Deutschland ging. Felix gehörte zu der kleinen Minderheit, die von einer verhetzten großen Mehrheit verfolgt wurde.
Martin stand wortlos und konsequent an seiner Seite; die Abneigung gegen den eigenen Vater, die Verehrung für den alten Kommerzienrat und das Unrecht, das man Felix antat – einem von einer halben Million –, nahmen ihm jede Wahl.
Die meisten Gäste, die sich vor kurzem noch in das gastliche Haus des Kommerzienrates gedrängt hatten, mieden es jetzt. Die Stadt, in der er lebte, hatte vergessen, wie viele soziale Werke der alte Lessing geschaffen hatte.
Die Künstler blieben aus, die einen Mäzen suchten, die Autoren, die einen Protektor brauchten. Felix erlebte, daß aus seinen Mitschülern von gestern Feinde von heute geworden waren. Die offenen Angriffe der Fanatiker trafen ihn weniger als das versteckte Mitleid vieler Bürger. Felix litt fast physisch, und so steigerte er die vom braunen Staat betriebene Isolierung noch, indem er sich, Martin ausgenommen, von der Umwelt absonderte.
Fast täglich schlug er dem Freund vor, den Umgang mit dem Hause Lessing zu meiden, und suchte ängstlich in Martins Gesicht nach einem Zögern, nach unterdrückter Zustimmung. An manchen Tagen wollte er selbst ihm mißtrauen, aber er überwand es und begriff, daß der Freund sein Freund geblieben war. Mehr als für die Zivilcourage, die Martin bewies, war ihm Felix dankbar für seine Unbefangenheit.
Er bestürmte den Vater, Deutschland zu verlassen; zum erstenmal erwies sich der alte Lessing als unvernünftig und verspann sich immer mehr in seinen Starrsinn. Die Auswanderung aus seiner Heimat kam ihm wie Flucht vor dem Pöbel vor, wie Feigheit vor dem Feind.
»Horden ruft man zur Ordnung«, sagte er, »und vor Schreihälsen läuft man nicht davon.«
Auch Martin riet dem Kommerzienrat zur Flucht. Doch der alte Mann stand noch fünf bittere Jahre durch, bis er sich endlich entschloß, nach Amerika zu gehen.
Die beiden Freunde mußten sich trennen.
Es geschah im Mai 1938. Felix erhielt ein Visum für einen Studienaufenthalt in den USA. Sein Vater blieb noch in Frankfurt und sollte bald folgen.
Das Schiff lief in Hamburg aus. Die beiden Freunde verbrachten noch ein paar Tage in der Hansestadt, die so vom Abschied überschattet waren, daß Felix und Martin nichts von ihnen haben konnten.
Sie gaben sich die Hand, sahen aneinander vorbei, wußten, daß sie sich vielleicht nie mehr oder höchstens nach vielen Jahren wiedersehen würden.
Sie sagten kein Wort, als sie auseinandergingen. Beide standen sie da mit schweren Köpfen, unfähig, sich zu rühren, als das Schiff auslief, der eine an Land, der andere an Bord, und sie sahen beide, wie rasch die Entfernung wuchs. Als Martin vom Kai ging, fühlte er, daß er nicht nur dem Schiff, sondern auch seiner Jugend den Rücken kehrte.
Das Leben der Freunde gabelte sich in zwei entgegengesetzte Richtungen.
Kurz nach der Abreise des jungen Lessing wurde Martin zur Wehrmacht einberufen.
Felix kämpfte um die Einreise seines Vaters; die amerikanische Behörde sagte zu, aber der Instanzenweg brauchte Zeit – Felix schaffte es und teilte es dem Vater brieflich mit.
Als Antwort erhielt der Dreiundzwanzigjährige die Nachricht, daß sein Vater in der Kristallnacht gelyncht worden war und daß der alte Ritt den Mord angestiftet hatte.
Es war ein Schlag, den Felix nie verwinden konnte.
Er quälte sich mit Vorwürfen, daß er die Einwanderungsbehörden nicht mehr bedrängt hatte, und immer heftiger wuchs sein Haß auf das Land, in dem sein Vater geblieben war.
Haß wurde zu seiner Krankheit und zu seiner Stärke. Er kompensierte ihn mit dem Glauben an das Land, das ihn aufgenommen hatte. In Amerika wollte er nur Licht sehen, in Deutschland nur Nacht. Aus dem deutschen Einwanderer wurde ein amerikanischer Patriot, der zielstrebig alles in sich ausmerzte, was ihn an seine Heimat erinnern wollte.
Felix sprach nicht mehr deutsch, las keine Bücher in dieser Sprache, nicht einmal die seiner Gefährten im Exil; er verübelte es ihnen, wenn sie sich in ihrer Muttersprache unterhielten. Deutsch wollte er erst wieder sprechen, wenn er Germany als Vorhut der Strafe betrat.
Er fieberte dem Kriegseintritt Amerikas entgegen. Er begann, dem imponierenden mächtigen Land zu verübeln, daß es nicht gleich auszog. Er bekämpfte seine Ungeduld mit Schnaps, wurde zum sporadischen Trinker, sooft das Bild der lodernden Flammen, der johlenden Massen und gequälten Menschen ihn folterte. Wenn er betrunken war, zeigte er sich von faszinierender kalter Intelligenz. In den letzten Monaten vor dem Kriegseintritt der USA betrank er sich beinahe täglich.
Der japanische Überfall auf Pearl Harbour machte ihn nüchtern. Felix, der Individualist, wurde Soldat aus Überzeugung, landete mit dem Expeditionskorps in Nordafrika, kämpfte im amerikanischen Brückenkopf bei Nettuno und meldete sich freiwillig zu einer Einheit der Fallschirmjäger, die bei der Invasion als erste über dem Atlantikwall abspringen sollte.
Er war einer der acht Überlebenden dieser Kampfgruppe und sollte zur Erholung nach England gebracht werden. Felix weigerte sich, die Front zu verlassen, und raste mit den amerikanischen Panzern wie im Taumel quer durch Frankreich. Er kam an feldgrauen Kolonnen deutscher Gefangener vorbei und gestand sich verdrossen, daß sie nicht wie Mörder seines Vaters aussahen. Er schluckte gewaltsam diese Gedanken hinunter; sie schmeckten nach Schnaps, zu dem er wieder griff, wenn er verzweifelte.
Die alliierten Truppen erreichten Deutschlands Westgrenze. Felix Lessing wurde zum Captain befördert, gegen seinen Willen aus der kämpfenden Truppen gezogen und, weil er Deutsch wie ein Deutscher sprach, der Abteilung für psychologische Kriegführung zugewiesen. Er war verwundert und verärgert, wie leicht ihm die Muttersprache fiel.
Felix vernahm Gefangene und sprach Propagandasendungen. Seit Wochen kam er erstmals mit deutschen Zivilisten zusammen, mit Frauen, Kindern, Ruinen. Noch immer nährte er seinen Haß. Er schirmte sich gegen außen ab; aber seine verwundbarste Stelle lag im Innern, war sein Herz, ein Erbteil des alten Kommerzienrates, das die Mordbrenner nicht arisieren konnten.
Felix stemmte sich dagegen; er sah an Frauen vorbei, durch Kinder hindurch und erlaubte sich nur den Blick auf Grauen, Gräber und Greuel. Er trank, fluchte und schuftete für die Propaganda, an die er nicht mehr glaubte; er hielt sie für nötig und wußte, wie töricht sie war; er merkte, daß er log, und trank noch mehr.
Sie lachten und stöhnten in einem Atem, im selben Takt. Das Gesicht der jungen Frau glühte wie im Fieber. Sie liebte unter Zeitdruck, rasch und gierig. Sie fragte nicht, woher Felix kam, und wollte nicht wissen, warum er so gut deutsch sprach; sie sah nicht mehr, daß er eine andere Uniform trug als ihr Mann.
Sie hatte das Krachen der Bomben satt und das Krepieren der Granaten, das Warten auf die Post und die Schlange vor dem Milchladen, die Sorge um ihr Kind, und so hatte sie den Händen und Lippen des Fremden entgegengefiebert, der langsam Feuer fing und begriff, daß sie den Mann und keine Schokolade wollte.
Felix wütete gegen die Frau und gegen sich. Er litt, weil ihm die Frau gefiel. Er zitterte vor dem Verlangen; und er sagte sich im Hin und Her, im Auf und Ab, wieder und noch, daß es gleich sei, ob seine Lust einer Araberin, einer Japanerin, einer Italienerin oder einer Deutschen gelte.
Einer Deutschen …
Das Wort machte sich breit, wälzte sich durch seinen Kopf, setzte sich auf seinen Haß und lächelte spöttisch.
Felix richtete sich auf.
»Was hast du?« fragte die Frau flüsternd.
»Ich muß dir etwas sagen.«
»Komm«, erwiderte sie und legte ihre Arme um seinen Nacken, zog ihn an sich.
»Ich bin Jude«, sagte er.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Dann horchte sie. Nebenan weinte das Kind.
»Verstehst du nicht?« Seine Hände griffen nach ihren Schultern. »Ich bin Jude – ein Jude! Ihr habt meinen Vater ermordet …« Er atmete in keuchenden Stößen. »Und habt vergessen, auch mich zu … zu …«
»Komm!« sagte sie leise, weich.
»Das ist Rassenschande!« schrie er sie an.
Es waren nicht seine Worte, es war sein Gesicht, das sie so fürchtete. Felix nahm es fälschlich als eine Bestätigung, und er war ihr dankbar dafür.
Als er sich anzog, stieß er Unflätigkeiten aus. Sie befreiten ihn von der Scham über seinen Verrat, gaben ihm den Haß zurück, nahmen ihm die Lust an wütender Zärtlichkeit mit dieser Frau und die Enttäuschung darüber, daß sie sich ihm gegeben hatte, ohne daß er sie kaufen mußte – daß er kein Geschäft getätigt, sondern ein Geschenk erhalten hatte. Morgen wollte er es mit einer Kiste Lebensmittel zurückweisen.
Er kam nicht mehr dazu.
Als Felix die Tür zugeschlagen hatte und mit dem Jeep losgerast war, um die Sehnsucht nach dem warmen, weichen Körper, den er verlassen hatte, im Alkohol zu ertränken, rasselte der Alarm: durch einen Zufall war die Eisenbahnbrücke von Remagen nicht gesprengt worden, was die US-Soldaten die Ruhepause am Rhein kostete; sie fielen stürmisch nach Germany ein, unter ihnen Captain Lessing, der endlich mit dem Mörder seines Vaters abrechnen konnte.
VI
Schon bevor die amerikanischen Panzertruppen den Main erreichten, hatten sich der Wehrwirtschaftsführer und Reichstagsabgeordnete Friedrich Wilhelm Ritt in ein kleines Jagdhaus im Taunus zurückgezogen, das von ihm heimlich und vorsorglich erworben worden war, da er auf eine Flucht in die angebliche Festung Alpenland verzichten wollte: Ritt sagte sich richtig, daß die Alliierten, so sie Frankfurt nähmen, in kurzer Zeit auch Oberbayern überrollen würden.
Er hatte sein Versteck mit Behaglichkeit ausgestattet, soweit ihr die Umstände nicht Grenzen zogen; hier wollte der alte Ritt die Wirren des Zusammenbruchs überleben.
Er wußte nicht, daß er gleich beim Einmarsch von einem Kameraden gemeldet worden war, der kein schützendes Schlupfnest hatte und ins Lager mußte. So wurde Ritt schon ein paar Tage später von einem Jeep überrascht, der den Waldweg entlangrollte und vor dem Jagdhaus hielt. Drei GI’s umstellten es mit der Waffe im Anschlag; der vierte hämmerte mit dem Gewehrkolben gegen die Holztür.
Mit zitternden, erhobenen Händen und einem Gesicht, das von Angst verzerrt war, trat der Hausherr aus der Tür.
Die US-Streife fand bei der Durchsuchung des Blockhauses ein üppiges Lebensmittellager, abenteuerliche Zivilkleidung, falsche Ausweispapiere und einen vorbildlichen Weinkeller, über den die Soldaten herfielen, weshalb sie vermutlich ein Bündel mit Dokumenten übersahen, die Ritt zu einer neuen Zukunft im Ausland verhelfen sollten: diese Papiere wären nicht nur ein Braunbuch seiner Vergangenheit gewesen, sie hätten auch dem Alliierten Militärtribunal Aufschlüsse über Untaten abzuurteilender Verbrecher geben können.
Die GIs sahen in dem Verhafteten mehr einen schwächlichen Sonderling als einen gefährlichen Nazi. Sie schafften ihn mit anderen Gefolgsleuten des Führers, die von allen Seiten zusammengekarrt wurden, in ein Internierungslager. Die Elite von gestern bezog morsche, verschmutzte Baracken, die sie zuvor für russische Kriegsgefangene hatte errichten lassen, woran sie nicht dachte, als sie sich über die unwürdige Unterkunft beschwerte.
Diese Gefolgsleute des Führers erwiesen sich nicht mehr als seine alte Garde, die durch Nacht zum Licht marschierte, sondern als eine Horde verwirrter, mißtrauischer oder weinerlicher Männer, die zuviel voneinander wußten und noch mehr preisgaben.
Viele der Herrenmenschen hatten wieder zu ihrer kleinbürgerlichen Herkunft zurückgefunden. Unter den ältesten Kämpfern der Bewegung gab es nach dem Zusammenbruch die erfolgreichsten Denunzianten. Der Verrat wurde im Lager fett wie ein Mastschwein; man tat es aus Angst oder aus Liebedienerei, für eine Zigarette oder einen zusätzlichen Schlag Suppe. Man verkaufte die Kameraden, den Vorgesetzten, den Mitkämpfer; die Internierten unterschrieben wilde Anklagen gegen den Stubengenossen, mitunter auch falsche.
Die verschworene Gemeinschaft, die Friedrich Wilhelm Ritt immer gepredigt hatte, erlebte er nun in der Praxis: Gestern war ihm ein Kanten Brot gestohlen worden, heute fehlte ein Stück Seife. Er hinkte, weil er, als er sich nach der Zigarettenkippe eines Wachtpostens bükken wollte, von einem alten Kameraden gegen einen Zementpfosten geschleudert worden war.
So paradox es schien: körperlich ging es ihm seit seiner Festnahme besser als zuvor. Er arbeitete in frischer Luft; der Entzug des Alkohols und das einfache Essen bekamen seiner Leber; sein zerlaufenes Gesicht wurde fester und verlor die Blässe.
Selbst die Angst, die ihn anfänglich nachts gequält hatte, verlor sich allmählich.
Es geschah nicht viel im Lager.
Eigentlich, dachte Friedrich Wilhelm Ritt, sind diese Amerikaner ganz anständige Burschen. Gewiß, das Essen war schlecht, und viel militärische Disziplin zeigten die Wachtposten auch nicht. Aber da war doch, so meinte er, unverkennbar das angelsächsische Element, die nordische Verwandtschaft: Sauberkeit, Haltung, Ordnung.
Das Lager zerfiel in Cliquen, die einander bekämpften.
Einige Internierte wurden als Zeugen nach Nürnberg gerufen, andere als Angeklagte zu den Kriegsverbrecherprozessen nach Dachau überstellt. Die ersten deutschen Anwälte besuchten die Häftlinge, und die ersten Insassen wurden entlassen.
Vom Blockleiter bis zum Gauleiter wurde die Verteidigung für das zu erwartende Entnazifizierungsverfahren vorbereitet. So sinnlos es schien: selbst hier unter den alten Kämpfern bedachten sich die Männer, die einander denunziert hatten, mit »Persil-Scheinen«; mit Attesten, die sie sich ausstellten, um einander zu entlasten.
Unruhe entstand, als ein neuer Captain in das Lager kam, den noch kein Internierter bisher gesehen hatte. Ein junger, aufgeschlossener Offizier, an die Dreißig, mit dunklen gewellten Haaren und einem alerten Gesicht.
In den Unterkünften der Gefangenen wurde dieses Ereignis heftig erörtert. Der frühere Reichstagsabgeordnete war in einer Viererstube, die außer seinem alten Kampfgefährten Silbermann von der Gauleitung noch zwei weitere Gefangene teilten: Dr. Link, Vorsitzender eines Sondergerichts, ein magenkranker hagerer Mann mit faltigem Hals, schlaffem Karpfenmund und kleinen runden Fischaugen, die früher den Angeklagten vor dem Sondergericht gequält hatten, und Hanselmann, ein rotgesichtiger kahlköpfiger Mann, der im bürgerlichen Leben den Beruf des Henkers versehen und die von Link verhängten Todesurteile an Hunderten von Schwarzsehern, Schwarzhörern, Schwarzschlächtern und Schwarzhändlern vollstreckt hatte.
Dr. Link hielt es für eine amerikanische Zumutung, mit einem Burschen vom Niveau Hanselmanns eingesperrt zu sein. Den moralischen Unterschied sah er nicht, im Gegensatz zu dem US-Lagerkommandanten, der sie bewußt zusammengelegt hatte.
Zwischen den beiden kam es zu ständigen Zusammenstößen, die unterhaltsam für die anderen Lagerinsassen waren, wenn die Internierten auch meist auf Seite des Sonderrichters standen, der heute, in der Hoffnung, von Hanselmanns Gesellschaft erlöst zu werden, die Meinung vertrat, der neue Captain würde der neue Kommandant des Lagers.
»Dazu ist er noch zu jung«, sagte Silbermann. Sein aufgeschwemmtes Gesicht war hohl geworden; der Birnenkopf schrumpfte. Doch dieser Mann, vor kurzem noch die rechte Hand des Gauleiters, wirkte gefaßter als die anderen drei in der Barackenstube.
Friedrich Wilhelm Ritt hatte es inzwischen aufgegeben, hinter Gerüchten herzujagen. Er war mit seinem kleinen Leben soweit ganz zufrieden. Einmal würde die Schranke hochgehen, und wenn er sich auch über die Zukunft der Ritt-Werke mit den Erben von Lessing & Kahn vergleichen müßte: schließlich hatte er immerhin elf Jahre Arbeit in die Firma investiert. Kahns hatte er geholfen; an Lessing freilich dachte er lieber nicht.
Jetzt bereute der Internierte auch, daß er für Martin, seinen Sohn, nichts unternommen hatte. Er war ganz sicher, daß er ihn gerettet hätte, wäre ihm nur bekannt gewesen, wie harmlos sich letztlich der Zusammenbruch abspielen würde. Zu dumm, daß Martin tot ist, dachte er. Ich war nicht herzlos, nur meine Nerven hatten versagt, und so ist der Junge noch kurz vor Torschluß ein Opfer des Krieges geworden, der ohnedies nicht nötig gewesen wäre, wie sich mittlerweile herausgestellt hatte …
Der Lautsprecher ächzte. Alle vier sahen zu dem Gerät über der Tür. Es dauerte immer ein paar Sekunden, bis es warm wurde. So lang war im Raum die Stille synthetisch und die Luft brackig; so lange spürten sie jeweils die Spannung im Nacken wie einen Strick, so lange hofften sie, daß er sich um den Hals des anderen legen würde, nicht um den eigenen; so lange schwitzten die Hände an den Innenflächen; so lange hörte man den eigenen Atem.
Die vier warteten mit flackrigen Augen. Der Karpfenmund des Sonderrichters bewegte sich stumm. Seine Augen wirkten noch kleiner, fern, als verteidigte sich der Mann, der die Köpfe rollen ließ, wieder gegen seine stummen Ankläger.
Hanselmann betrachtete ihn hämisch. Immer hatte er sachlich gewaltet, ohne Zorn und ohne Eifer hingerichtet, bestrebt, es so rasch und schmerzlos wie möglich zu machen, wie es sein Handwerk befahl. Würde man ihn erneut in seinem Beruf einsetzen, würde Hanselmann in gleicher sachlicher Manier weitertöten. Welches Recht, so dachte er, hat dieser Link, mich zu verachten, weil ich seine Schmutzarbeit besorgte, obwohl ich doch auch lieber weiter Vertreter für Haarwasser und Hautcreme geblieben wäre?
«Friedrich Wilhelm Ritt zur Lagerleitung!« kam die Durchsage.
Dr. Link war erleichtert, Hanselmann enttäuscht.
»Bestimmt eine Lappalie«, munterte Silbermann seinen alten Kameraden auf.
Ritt nickte stumm. Er hatte Angst, wollte sie verbergen und entblößte sie dadurch. Er ging mit den Schritten eines Blinden, der nicht erkennen lassen möchte, daß er nicht sehen kann.
»Vielleicht wirst du verlegt – oder gar entlassen«, rief ihm Silbermann nach.
Seine Stimme log, man konnte es hören. Nur Ritt erfaßte es nicht mehr, weil er zu erregt war. Er folgte dem Posten mechanisch.
Ritt betrachtete den fremden Offizier, über den die Stubenkameraden gesprochen hatten. Jetzt hoffte auch er, daß dieser Neue den Kommandanten ablösen und den Kurs im Lager erleichtern würde.
Der unbekannte Captain war von lässiger Eleganz in den Bewegungen, kühl und doch lebhaft. Einer der vielen Yankees, dachte Ritt, die Gummi kauen, Baseball spielen und einhändig essen.
»My name is Ritt«, sagte der Internierte in poliertem Schulenglisch und stand sicherheitshalber vor dem jungen Captain stramm.
Der fremde Offizier taxierte ihn aus der Distanz. Seine dunkelblauen Augen schillerten metallisch.
»Sie können mit mir deutsch sprechen«, erwiderte er gedehnt.
Der frühere Reichstagsabgeordnete zog hörbar die Luft ein; er spürte einen Schwindel im Kopf und ein Brennen im Mund, er wollte diesen Metallaugen ausweichen, aber er konnte es nicht.
»Was ist los mit Ihnen?« fragte der Offizier.
»Ich weiß nicht – Sie – ich meine – haben wir uns nicht schon einmal …?«
»Komme ich Ihnen bekannt vor?« fragte der Captain.
»No, Sir.«
»Sprechen Sie deutsch, Ritt. Ich bin kreuz und quer mit dem Jeep durch Deutschland gefahren, um Sie zu finden.« Er zündete sich eine Zigarette an. »Ich habe mindestens zwanzig solcher Lager durchkämmt. Ich habe an die tausend Fragebogen geprüft, ich habe mit Hunderten von Menschen gesprochen.« Der Ton wurde brüsk: »Es hat sich rentiert, Herr Ritt.«
Der fremde Offizier wandte sich an den Lagerkommandanten, nickte ihm zu: »I’ll take him with me.«
»Okay, Felix, but sign this paper please.«
Der alte Ritt spürte sein ganzes Gewicht auf den Kniekehlen; sie zitterten wie seine Hände. Er hatte begriffen, daß er in ein anderes Lager kommen sollte, und er betrachtete den Captain genau, der kaum älter war, als Martin jetzt wäre – und Felix hieß …
Auf einmal spürte er einen rasenden Wirbel im Hinterkopf. Er atmete schwer, wußte sich umgeben von Flammen, spürte die Hitze, roch den Qualm, hielt sich mühselig am Schreibtisch fest, während der US-Offizier einen halben Kopf kleiner und dreißig Jahre älter wurde, während sich seine Haare weiß färbten …
»Ganz recht«, sagte der Captain, »ich heiße Lessing.«
Ein Posten hatte den Internierten auf dem Weg zum Jeep gestützt. Ritt kauerte auf dem Rücksitz, sah dem Offizier in den Nacken, der vorn neben dem Fahrer saß. Welches Schwein hat mich verraten? überlegte er, während die Landschaft an ihm vorbeiflog, die ihm keine Antwort gab.
Der junge Lessing sagte kein Wort; es war dem alten Ritt recht, aber im Bodensatz der Erleichterung trieb die Angst vor der Zukunft. Ich wollte das doch gar nicht mit seinem Vater, sagte sich der Gefangene, gewiß, eine Abreibung – doch nicht so. Ich bin doch selbst erschrokken, als der Jude entseelt und entstellt am Boden lag, mit offenem Mund und gebrochenem Blick – ein Mann, mit dem man sich vielleicht heute noch arrangieren könnte –, nicht einer wie dieser Offizier, einer aus Martins verdammter Generation …
Der Wagen rollte nach München. Felix Lessing lieferte den Internierten im Gefängnis der Militärpolizei ab.
»Ich möchte«, sagte Ritt, als er merkte, daß der Mann noch immer nicht mit ihm sprechen wollte, »ich möchte mit Ihnen reden – hören Sie, ich muß das …«
»Wir werden uns bestimmt noch sprechen«, entgegnete der Captain.
Felix Lessing spürte, daß er nicht schlafen konnte. Zu lange hatte er auf diesen Tag gespart, an dem er ohne weiteres einen Haftbefehl gegen den alten Ritt erhalten hatte – und alles andere würde sich finden. Felix war entschlossen, den Mann mit der gleichen Präzision zu vernichten, sachlich und rationell, mit der man widerliches Ungeziefer beseitigt.
Er besuchte einen Offiziersklub, aber er traf keine Bekannten, erfuhr, daß sie in einer requirierten Villa im Münchener Norden eine »Schwabinger Nacht« veranstalteten. Er hatte keine Lust auf Liebe, aber er brauchte Menschen, Lachen, Gesellschaft, Ablenkung.
Als er ankam, waren die meisten schon betrunken. Mädchen liefen lachend und halb nackt durch die Räume, verfolgt von Amerikanern, die sie tolpatschig jagten. In diesem Stadium war das Vergnügen mehr komisch als orgiastisch.
Die Offiziere gehörten zu einer amerikanischen Dienststelle mit deutschem Personal, die ihren Stenotypistinnen eine amerikanische Mahlzeit und eine Bescheinigung für das Arbeitsamt bieten konnten. So kamen immer mehr Favoritinnen hinzu.
»Hallo, Felix«, rief eine Platinblonde, aber der Captain ging weiter, ohne sich um sie zu kümmern.
»Laß ihn stehen!« rief ein anderes Mädchen, »du siehst doch, daß er schlechte Laune hat.«
Felix hatte sonst nichts gegen diese Fräuleins einzuwenden, aber er wollte den Tag, auf den er so lange gewartet hatte, nicht entweihen. Er legte Platten auf und trank, sah sich um dabei: Nicht nur der Hunger treibt sie zu Paaren, dachte er, die meisten wollen weniger candies oder Schnitzel, als mit einem Mann zusammensein und keine Feldpostbriefe schreiben. Sie wollen nachts zärtliche Musik hören und nicht auf das Rauschen der Bomben warten. Lieber tanzen und flirten als bangen und sterben. Deshalb nehmen sie diese kräftigen, harmlosen GIs mit den Stifteköpfen in ihre Liebesschule – und diese unverdorbenen Burschen aus den matriarchalischen Staaten lassen sich von ihren Fräuleins für die Nacht abrichten wie Hunde für die Jagd: Hunde, die eifrig apportieren …
Felix wollte den anderen den Abend nicht verderben und ging. An der Tür begegnete er einem jungen frischen Mädchen, das er hier noch nie gesehen hatte, das verloren dastand und, einen Brief in der Hand haltend, ratlos dem lärmenden, tanzenden Treiben zusah.
Eine Betrunkene faßte die Widerstrebende am Arm und versuchte, sie in den Raum zu ziehen.
»Nun komm schon, Susanne – sei nicht so zimperlich!«
Felix erkannte sofort, daß es sich hier um ein Mädchen und nicht um ein Fräulein handelte, das man unter einem Vorwand in die Falle einer Wohnung locken wollte.
»Lessing«, er verbeugte sich knapp. »Das hier ist nichts für Sie. Kommen Sie, ich bringe Sie nach Haus.«
»Ja – aber, ich kann doch …«
»Kein Aber«, entgegnete er.
»Wenn der Brief…«
»Und auch kein Wenn«, setzte er hinzu, während er das Mädchen Susanne zu seinem Wagen führte.
VII
Die Gehängten baumelten drei Tage; die Gefangenen standen vierundzwanzig Stunden. Wer umfiel, wurde mit kaltem Wasser begossen. Die Knöchel waren dick, der Mund trocken. Die Kälte schnitt in die Haut. Der neue Kommandant des Wehrmachtsstrafgefängnisses, dessen Vorgänger wegen seiner »schlaffen Haltung« abgelöst worden war, bewies seine Härte.
Martin Ritt gehörte zu den wenigen, die nicht umfielen. Er stand in der ersten Reihe, und er prägte sich jede Einzelheit ein, entschlossen, falls er die Hölle überlebte, sie und ihre Teufel niemals zu vergessen. Er wußte nunmehr, daß es etwas anderes war, im Gefecht zu fallen als von Landesschützen erschossen zu werden. Martin brauchte sich nicht mehr zu überlegen, ob es falsch gewesen war, sich nicht an seinen Vater um Hilfe zu wenden: er erfuhr, daß der alte Ritt sich geweigert hatte, ein Gnadengesuch für seinen Sohn einzureichen.
Die Strafanstalt war im Warthegau, ostwärts von Berlin. Zwischen Leben und Sterben standen im besten Fall zwei Stunden und im schlechtesten zehn Minuten. In der Regel wurde zwei- bis dreimal in der Woche erschossen, morgens zwischen fünf und sieben, mitunter in alphabetischer Reihenfolge, manchmal auch willkürlich. Die Namen der Delinquenten kamen aus Berlin; Ritt hatte jeweils auf der Liste gefehlt, wodurch er von allen Insassen – Zufall oder Regie – sein Todesurteil am längsten überlebte. Er wartete auf den Tod und setzte auf die Flucht, während man im Morgengrauen andere holte. Es war kein Trost; er starb jedesmal mit, ohne von fiebernder Angst und törichter Hoffnung erlöst zu werden.
Vor ein paar Tagen waren zwei Gefangene ausgebrochen. Ein dritter Häftling, Pfarrer im Zivilberuf, hatte von der Flucht gewußt; Mitwissen erschien dem neuen Kommandanten ein Grund, ihn mitzuhängen. Zur Abschreckung hatte er die »verschärfte Vollstreckung« des Todesurteils befohlen.
Alle Bewacher und alle Gefangenen mußten jetzt zusehen, wie die drei mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen auf die Küchenbaracke zugetrieben wurden, wo sich die Exekution vollzog.
Die drei Häftlinge starben an einem Seil; es hing zwischen einem Baum und einem Balken in mäßiger Höhe, so daß einer von ihnen mit den Zehenspitzen jeweils kurz die Erde berührte, gerade lange genug, um einzuatmen, um schauerlich zu schreien, um den Tod zu verlängern. Dann wurde der Delinquent wieder hochgezogen, zugunsten der beiden anderen, die auch nicht schneller sterben sollten.
Die Bewacher konnten die grausame Prozedur oft selbst nicht mit ansehen, aber sie stießen befehlsgemäß Häftlingen, die wegsehen wollten, den Gewehrkolben in den Rücken. Im Halbkreis um den Galgen gestellt, sahen die Gefangenen schweigend in die roten, aufgedunsenen Gesichter mit den verdrehten, verquollenen Augen. Sie hörten die Schreie ihrer Kameraden und wurden selbst vom Grauen gewürgt.
Am leichtesten hatte es der mittlere Delinquent. Er war kleiner und wog weniger, und so starb er zuerst. Das Gewicht der beiden anderen zog ihn hoch. Sein Gesicht wurde dunkelblau und hörte auf zu zucken; der Mann hing als toter Ballast zwischen den beiden, deren Fußspitzen einmal links und einmal rechts am Boden aufkamen, Sekunden nur, während derer sich die Schlinge um den Hals lockerte und die Qual des Todeskampfes verlängerte.
Die Schneidezähne grinsten weiß in den Gesichtern. Die Zunge schwoll in den offenen Mündern der Männer, die noch um ihr Leben kämpften und doch keine Chance mehr hatten. Dann war auch der Pfarrer tot. Die beiden Leichen hatten das Übergewicht und zogen den dritten erlösend nach oben. Während der endlosen Stunden, die die Gefangenen noch am Hinrichtungsplatz stehen mußten, bewegte nur noch der Wind die Toten.
Martin überstand noch viele Nächte, noch häufig kamen am Morgen die Schritte über den Gang, auf seine Zelle zu – und gingen weiter. Er erfuhr von dem Geheimbefehl, beim Durchbruch der Russen die Gefangenen zu erschießen, und er fand, daß alles besser war, als in der Strafanstalt das Ende abzuwarten.
Täglich rückte die Front näher. Die Amerikaner und Engländer, die längst Frankfurt genommen hatten, griffen aus der Luft in die Kämpfe im Osten ein. Der Kommandant ließ probehalber Alarm geben. Es entstand ein Durcheinander, weil die Bewacher annahmen, die Sowjets seien tatsächlich durchgebrochen. Entsetzt trieben sie Entsetzte aus den Zellen und kämpften gegen die Panik. Martin nutzte sie – während verzweifelter Zählappelle gelang ihm die Flucht.
Er kannte sein Risiko. Die drei Toten am Seil, in deren verzerrte Gesichter er gesehen hatte, schärften seine Sinne. Ein Wald versteckte ihn, eine alte Frau gab ihm zu essen. Er wartete ab.
Am 17. April 1945 begannen die Russen mit dem Sturm auf Berlin. Sie brachen bei Küstrin durch, wo sich Martin verborgen hielt. Aufgelöste, aufgeriebene, versprengte Divisionen deckten den Flüchtling. Mit stechenden Lungen, querfeld gejagt, von Ängsten gepeitscht, gehetzt, doch frei, versuchte Martin, sich weiter nach Süden durchzuschlagen.
Er kam bis Jüterbog, wo ihn russische Panzer vor die Wahl stellten, in sowjetische Gefangenschaft zu fallen oder in die untergehende Reichshauptstadt zu fliehen. Er mochte die Roten nicht, weil er die Braunen haßte; er hatte für alle Zeiten genug von den Diktaturen aller Schattierungen; außerdem sagte ihm sein Instinkt, daß er in dem von den Russen belagerten Berlin untertauchen könne.
Er schloß sich einer Kolonne an, die in wilder Auflösung nach Berlin zurückflutete, um dort versorgt und als Kampfverband wieder aufgestellt zu werden. Es war Martins Chance. Er meldete sich jeweils als Versprengter und verschwand rechtzeitig. Von einem kalten Willen zum Überleben getrieben, kam er bis Berlin-Falkensee, wo er sich in einer gepflegten Waldkolonie wiederfand und feststellte, daß er Hunger auf ein Stück Brot, Bedürfnis nach einem sauberen Hemd und Appetit auf eine Frau hatte.
Er sollte von allem so viel bekommen, wie er wollte. Es waren achtunddreißig Frauen, junge, alte, anständige, verdorbene und gleichgültige, sowie drei Soldaten, die ihn in einer möblierten Waschküche empfingen, wo sie sich, Männer, Frauen und Kinder, auf den Weltuntergang einrichteten.
Sie wußten, daß die Russen in Stunden oder Tagen kämen, und sie wußten, daß es sinnlos war, sie aufhalten zu wollen. Sie trugen ein paar Betten in den Keller, die Soldaten zogen die Zivilkleider der abwesenden Hausherren an. Warum sollten sie auch Hemmungen haben, wenn sie schon in ihren Betten lagen, mit ihren Frauen schliefen und mit ihren Kindern scherzten?
In der Nähe war das verlassene Lager einer Nachschuborganisation, die rechtzeitig aus Berlin geflüchtet war; es lieferte Schnaps und Schinken.
Vier ausgemergelte Männer verfügten über dreimal soviel Alkohol, als sie trinken, und zehnmal soviel Frauen, als sie nehmen konnten, und sie wußten, daß sich die Russen greifen würden, was sie zurückließen: die Frauen, den Schinken und den Kognak.
Zuerst wuschen sie noch die Gläser aus und duschten sich. Später tranken sie aus der Flasche, und der Weg ins Bad war ihnen zu beschwerlich, und zuletzt gab es ohnehin kein Wasser mehr.
Die Frauen machten sich nicht mehr zurecht, sie frisierten sich nicht, sie sahen aus wie Tiere, und genauso benahmen sie sich auch; ihre Gesichter schminkte die Angst.
Frauen, die ihren eingezogenen Männern über Jahre treu geblieben waren, boten sich an; die Angst trieb sie in die Betten, aber während der Intervalle lagen die Paare nicht still; sie wurden von krepierenden Granaten, fallenden Bomben und den Druckwellen der Explosionen aufgescheucht.
Was der Magen nicht halten konnte, gab er wieder her; die Männer knallten volle Flaschen gegen die Wand. Der Gefechtslärm rückte näher, aber sie hatten noch über hundert, und sie waren bloß zweiundvierzig. Achtunddreißig Frauen geteilt durch vier Männer, genaugenommen dreiunddreißig, denn zwei verzichteten des Alters wegen und drei aus anderen Gründen.
Martin spürte den Fusel im Magen und Umarmungen auf der Haut. Zärtlichkeiten wie Peitschenhiebe. Er trank, um nichts zu fühlen, und er zog die Frau an sich, um nicht zu denken. Sie war Mitte Dreißig, ihr Mann stand als SS-Obersturmführer irgendwo bei Erkner. Aus Angst zitierte sie Hölderlinverse, und wenn sie sich angesichts des Untergangs schon vergaß, wollte sie es nur mit einem einzigen Mann treiben, was Martin ihr versprach und auch hielt.
Das Haus zitterte, das Bett vibrierte, die Frau flüsterte, der Schnaps brannte, und Martin sah nur noch Flaschen, die um nackte Frauen, und nackte Frauen, die um Flaschen kreisten.
Er richtete sich auf, machte sich von der Frau frei, warf die Flasche an die Wand, und da begann der Reigen schon wieder: Körper, Flaschen – Flaschen, Körper, die keinem gehörten und jedem. Der Mensch, das Ebenbild Gottes, lag im Fusel, auf Scherben, im fremden Bett und stank nach Schweiß und Angst, umgeben von schreienden Kindern.
Dann sah Martin die Alte mit erloschenen Augen in der Ecke, eine, die nichts mehr sah, nichts mehr hörte, nichts mehr sagte. Eine stille Frau mit grauen Haaren, mit einem zarten sensiblen Gesicht, das nicht mehr in diese Zeit paßte.
Er stand auf.
»Was hast du denn?« fragte die Frau neben ihm etwas ärgerlich.
»Nichts.«
Vielleicht lag es nur am Alkohol, den Martin plötzlich widerlich fand – so lange sah er die weiße Flocke der Erinnerung, einen daunenweichen Traum, den es einmal gegeben hatte, als er noch ein Kind war, ein Junge, der kurze Hosen trug und Ostereier suchte. Auf einmal sah er das Bild einer fragilen, grazilen Frau, seiner Mutter, die klein und zierlich war wie ein Kobold, die mon petit filou zu ihm gesagt hatte und von der er seit vielen Jahren nichts mehr hören konnte, weil sie in Frankreich lebte – wenn sie noch lebte.
Plötzlich war er nüchtern, zog sich an und ging auf die Alte zu, die aus der Nähe die Ähnlichkeit mit seiner Mutter verlor. Sie sah nicht auf, als er seinen Arm um ihre Schultern legte, sie hochzog und sanft rüttelte. Er hob ihr Kinn; sie rührte sich noch immer nicht. Ihr Gesicht war schön, aber maskenhaft starr. Es gehörte einer Mumie von sechzig, deren Herz noch schlug.
Martin ging in den Nebenraum.
»Schluß!»brüllte er.
Sie empfingen ihn mit wieherndem Gelächter. Sie lagen aufeinander, durcheinander, Uniformstücke in Erbrochenem. Alkohol lief ihnen über das Gesicht, Speichel aus dem Mund. Ihre Augen waren rotgerändert, ihre Lippen wurden giftig.
»Junge, Junge«, keuchte ein Gefreiter.
»Mensch«, sagte ein Unteroffizier, »den ganzen Krieg nischt zu fressen, und nun so viel Fleisch auf einmal.«
»Halt’s Maul und sauf!« rief ein Leutnant.
»Hurenoffizier«, sagte der Gefreite.
»Schluß!« brüllte Ritt wieder.
Sie hörten nicht auf ihn, sie warteten auf die Russen und wollten noch immer etwas vom Leben haben, während Martin klar wurde, daß die törichten Weisheiten des Krieges für ihn einen Sinn hatten, wenn es ihm gelang, auch nur ein paar Menschen aus dem sterbenden Berlin herauszubringen.
Drei Frauen und ein Kind schlossen sich ihm an, und Martin brachte sie in tagelangen Märschen, vorbei an Straßenpatrouillen und Aufhängestäben, Richtung Westen an die Elbe bis nach Tangermünde, wo er sich von ihnen trennte, um über den Fluß zu schwimmen.
Er wurde vom rechten Ufer aus von den Russen beschossen, am linken von amerikanischen Vorposten belauert, dennoch hob er den Kopf aus dem Wasser und sah noch einmal zu der alten Frau hin, als müßte er sich endgültig davon überzeugen, daß sie nicht seine Mutter war.
Glücklich und durchnäßt erreichte er das amerikanische Elbufer, kam an schläfrigen GI-Posten vorbei, betrat Land, das in den Tagen nach der Kapitulation noch als Kampfgebiet geführt wurde und von Zivilisten geräumt war. In einer Scheune stieß er auf einen deutschen Ex-Soldaten, der ihm Zivilkleider überließ. Zu zweit flüchteten sie weiter.
Gegen Mittag hielt sie ein Jeep der Militärpolizei auf. Martin gab sich für einen Franzosen aus; seinem Begleiter hatte er eingeschärft, als Elsässer aufzutreten. Ein junger US-Offizier, der die beiden am nächsten Tag aufgriff, wurde sofort freundlich, als er hörte, daß sie Franzosen seien. Der Jeep fuhr schon wieder an, da ließ der Offizier den Fahrer noch einmal halten, als hätte er es sich anders überlegt.
»In Salzwedel is a camp for french DPs. It’s just on my way up. Get in, I’ll give you a lift.«
»It isn’t necessary, but thanks anyway«, sagte Ritt, der sich seines Kumpels wegen nicht vom Leutnant nach Salzwedel bringen lassen wollte.
Sie mußten aufsitzen und erster Klasse dem Verhängnis entgegenrollen. Der Amerikaner verwöhnte sie mit Schokolade und Zigaretten, der Fahrer fuhr schnell, die Landschaft flog vorbei. Martin betrachtete seinen Kumpel, der sich behaglich zurücklehnte.
Sie erreichten das französische Barackenlager. Der Leutnant schüttelte ihnen die Hand, dann übergab er jedem noch ein Päckchen Kaugummi als Abschiedsgeschenk. Die Schranke ging hoch, und dreißig, vierzig Franzosen, im vom Alkohol geschürten Befreiungstaumel, empfingen die beiden Neuen.
Bevor Martins Begleiter noch den ersten Satz gestottert hatte, merkten sie, daß er ein Deutscher war, und fielen über ihn her.
Der amerikanische Leutnant war schon angefahren, wurde aber von dem Fahrer auf die Schlägerei aufmerksam gemacht.
«Shit«, fluchte der US-Offizier und ging, gefolgt von seinen beiden Leuten, in das Lager zurück, entriß Martin und seinen Gefährten den Franzosen, und verprügelte anschließend die Deutschen.
Dann fuhr er die beiden ohne Schokolade und ohne Kaugummi in das nächste amerikanische Camp für deutsche PoWs. Nach vierzehn Tagen höllischer Freiheit war Martin wieder hinter vertrautem Stacheldraht und begriff, daß aus einem Krieg ohne Erbarmen ein erbärmlicher Friede geworden war.
VIII
Das berüchtigte KZ Dachau wurde zum Umschlagplatz der braunen Schuld. Die Baracken um das Krematorium, die sich wie häßliche Warzen im Gesicht der Landschaft ausnahmen, vor kurzem noch Unterkünfte gequälter Häftlinge, waren jetzt bereits Veteranen im Dienst alliierter Gerechtigkeit.
Täglich wurde in einem Dutzend Holzbuden über Hunderte von Verbrechen befunden. Die Richter waren wie Ärzte, die während des Andrangs bei der Unfallambulanz gezwungen sind, gleichzeitig an mehreren Tischen zu operieren.
Friedrich Wilhelm Ritt saß in Einzelhaft und hielt Schattenplädoyers gegen eine Anklage, die er erwartete. Der Jurist in ihm wurde mit der sülzartigen Trance fertig, die sein Bewußtsein überzogen hatte. Wer sollte jetzt, nach so vielen Jahren, noch feststellen, welcher Stoß oder welcher Stich den Tod des alten Lessing verschuldet hatte? Nach rechtsstaatlichen Grundsätzen, dachte der alte Ritt, kann man mich nicht hängen, sondern höchstens wegen Beihilfe zum Totschlag verurteilen. »Hohes Gericht«, murmelte er in das Halbdunkel der Zelle, aber es antwortete ihm immer nur die eigene Stimme, »Hohes Gericht …«
Man trennte Ritt von Angeklagten und Zeugen. Er hoffte, daß die Kameraden der Kristallnacht herangekarrt wurden, denn er rechnete sich aus, daß die Schuld des einzelnen kleiner würde, wenn sich mehrere Täter in sie teilten. Seltsam, wie lässig die Amerikaner die Voruntersuchung betreiben, dachte er, weder wurde er anderen Zeugen gegenübergestellt noch überhaupt vernommen. Auch der junge Lessing ließ sich nicht mehr sehen.
Ein US-Captain, der nichts mit der Rechtssprechung zu tun hatte, aber als unnachsichtiger Ankläger auftrat, besuchte im Internierungslager einen Zeugen.
»Hören Sie gut zu, Silbermann«, begann Captain Lessing, »es handelt sich um Ihren Freund Ritt.«
Silbermanns Kiefer mahlten stumm. Seine Blicke wanderten im Raum, blieben am Fenster hängen.
»Mein Vater war – Deutscher. Die Alliierten verfolgen keine Verbrechen, die an Deutschen begangen wurden. Eine deutsche Justiz gibt es jetzt und lange noch nicht – und wenn es sie eines Tages wieder geben sollte, weiß ich nicht, wie sie aussehen wird. Ich könnte Ritt an Polen oder Rußland ausliefern lassen, aber ich will meine eigene Strafe …« Felix betrachtete seine Fingernägel. »Sie, Silbermann, haben Ihre Frontbewährung bei einem Einsatzkommando im Osten abgelegt, Sie haben mitgeholfen, Tausende jüdischer Verdammter in den Tod zu jagen«, wieder betrachtete er seine Fingernägel, »und ein paar haben Sie auch laufenlassen.« Er sah, daß Silbermann sprechen wollte, und schnauzte: »Ich rede, nicht Sie. Ich rechne Ihnen das nicht an – Sie haben es auf eigene Rechnung getan. Sie haben ein Geschäft getätigt, gut. Ich schlage Ihnen einen neuerlichen Handel vor.«
Er drehte sich um, als könnte er den Anblick des Internierten nicht länger ertragen.
»Sie kennen Ritt – Sie wissen, was der Mann auf dem Gewissen hat. Liefern Sie mir einen Grund – ein Verbrechen, verübt an westlichen Alliierten –, wenn Sie das besorgen – verstehen Sie mich?«
»Ja«, antwortete Silbermann. Es war fast nicht zu hören. Seine Zunge fuhr über die Lippen. Sein eingefallener Birnenkopf schwoll vor Angst und Erregung.
»Sie werden mir einen Grund liefern – einen Grund, den ich nicht weiter untersuchen werde. Erledigen Sie das nicht, und zwar umgehend – dann werde ich Ihre Frontbewährung näher durchleuchten lassen …«
»Wenn ich etwas finde …« Die Angst zersetzte Silbermanns Gesicht, seine Lippen zitterten, »werden Sie dann nichts mehr gegen mich unternehmen?«
»Nichts«, antwortete Felix.
»Und wenn Sie dieses Versprechen nicht halten …?«
»Dann haben Sie Pech gehabt«, erwiderte Felix; er verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.
Nach einigen Wochen steckte man Friedrich Wilhelm Ritt in eine der Gruppen, die jeweils die Reihen der Anklagebänke füllten. Er erhielt eine Nummer, und er erfuhr, daß er wegen der Ermordung zweier farbiger US-Flieger belangt würde.
Er verstand die Anklage nicht, und es war sein Irrtum, daß er sie für ein Versehen hielt. Selbst als ihn sein Anwalt besuchte, der mit geübtem Lächeln, raschem Händedruck und behenden Worten dem Angeklagten klarmachen wollte, welches Urteil ihm drohte, glaubte er, daß sich das Verhängnis während der Verhandlung wie ein Spuk auflösen würde.
Es gab viele Dinge aus dem braunen Jahrzwölft, die man ihm vorhalten konnte, aber hier fühlte er sich unschuldig. Bei diesem Verbrechen hatte er in seinem Büro gesessen und betroffen verfolgt, wie zwei alliierte Soldaten vom Werkpöbel gelyncht wurden. Er war entsetzt gewesen, wenn er öffentlich auch ganz anders gesprochen hatte.
Am Tag der Verhandlung trugen die MP-Soldaten Silberhelme und weiße Koppel. Der Ernst in ihren gesunden Gesichtern war aufgesetzt wie eine Brille; wenn niemand zu diesen martialisch kostümierten Burschen hinsah, gähnten sie, denn dieser Wartesaal in die Ewigkeit langweilte sie längst.
Friedrich Wilhelm Ritt betrat als vierter von links die Verhandlungsbaracke; er hatte die Nummer acht und saß unter Bauern, Arbeitern und kleinen Bürgern, die man alle des gleichen Verbrechens anklagte, verübt an verschiedenen Orten: der Ermordung alliierter Flieger.
Sein Blick tastete sich vorsichtig durch den Raum, streifte ein paar Reporter. Er bedauerte sie fast, weil sie wegen Papiermangels nicht viel schreiben konnten und, was ihn betraf, vergeblich erschienen waren. Sein Blick blieb auf der Holzbalustrade des Angeklagtenpferches hängen. Er las eingeritzte Namen, sah eine zotige Zeichnung, unter der mit dem Messer eingeschnitzt war: Heil Hitler.
Er erhob sich beflissen, als er aufgerufen wurde. Zunächst erschienen drei frühere Betriebsfunktionäre, die mit verschiedenen Worten das gleiche aussagten: daß Friedrich Wilhelm Ritt, Inhaber der gleichnamigen Werke, vormals Lessing & Kahn, die alleinige Schuld am Tod der beiden Amerikaner trage.
Der Angeklagte begriff es nicht. Dann soufflierte ihm der Zorn. Irgendein Drahtzieher mußte im Hintergrund eine Intrige geknüpft haben.
Dann war Ritt erleichtert, als er Silbermann sah. Der frühere Mitkämpfer nannte seine Personalien, gab als Beruf Kaufmann an und sagte aus, am Tag der Untat im Auftrag des Gauleiters den Betriebsführer Friedrich Wilhelm Ritt auf seinem Werksgelände besucht zu haben.
Silbermann nahm die stramme Haltung ein, die aus der Mode war. Dann sprach er klar und ungeheuerlich, denn er bestätigte, oft über die Aussagen der ersten drei Belastungszeugen hinausgehend, die Darstellung des Anklägers.
Der Angeklagte stand da wie ein vom Blitz getroffener Baum. Seine vom Körper weit weggestreckten Arme sahen aus wie eben abgesplitterte Äste.
»Er lügt!« schrie er in den Saal. »Es ist kein Wort wahr!« Er lügt, um seinen Kopf aus der …«
Zunächst wurde der Angeklagte Ritt verwarnt.
Sein Verteidiger redete beruhigend auf ihn ein, obwohl auch er überrascht war. Da der Zeuge erst heute von der Anklage benannt worden war, kam seine Aussage auch für den Rechtsanwalt überraschend.
»Ruhig bleiben«, zischte er seinem Mandanten zu.
Doch Friedrich Wilhelm Ritt riß sich los, hastete nach vorn, an den Richtertisch heran. Einer der bulligen MPs wollte ihn zurückreißen, aber der Richter mit den weißen Haaren in der Mitte des Podiums winkte dem Mann ab.
»Herr Oberst«, beteuerte Ritt weinerlich, mit einer Stimme, die sich wie eine Schraube in den Windungen nach oben drehte, »das ist eine Lüge, eine Verschwörung! Ich bin unschuldig, un-schul-dig!«
Er redete gegen eine Wand, von der nur sein eigenes Echo zurückkam, er ging auf Silbermann los, mit beschwörenden, bestechenden Worten:
»Du bist verrückt – überleg dir das, Egon, es kann doch nur ein Irrtum sein! Bleib bei der Wahrheit! Laß dich doch nicht verrückt machen! Du weißt doch – du bist doch erst am Abend gekommen, damals – und ich war in meinem Büro – ich bin überhaupt erst auf das Außengelände gekommen, als schon alles vorbei und vorüber war –.« Ritt betrachtete den Kumpan ängstlich, flehend. »Sag doch etwas! Ich bin …«
Er griff Silbermann am Arm, zog ihn zu sich hin. »Un-schul-dig!« Die Panik skandierte das Wort zu Silben.
Jetzt erfaßte der Angeklagte den ganzen Hinterhalt. Gleichzeitig verlor er die letzte Beherrschung.
»Wenn du weiterlügst, mach ich dich fertig!« schrie er den früheren Hoheitsträger an, dessen Lippen starr und hart aufeinanderlagen.
Der alte Mitkämpfer war auf die Szene vorbereitet, deshalb machte er vor den Richtern, die Recht vom Fließband zu sprechen hatten, die bessere Figur, trotz seiner unsteten Augen, die wie Insekten waren, bereit, beim ersten Widerstand aufzufliegen: gejagte Insekten, Mücken, die sich auf alles setzen müssen, Stechmücken.
»Ich bring die Sache mit den Juden aufs Tapet!« heulte Friedrich Wilhelm Ritt in den Raum. Dann klang seine Stimme wie gewürgt: »Die Transporte nach dem Osten – nach …«
»Stop it now«, sagte der Richter barsch und schlug mit dem Holzhammer auf den Tisch. »You still stand to your statement, Mister Silbermann?« fragte er.
»Bleiben Sie bei Ihrer Aussage, Herr Silbermann?« übersetzte der Dolmetscher.
»Selbstverständlich«, antwortete der alte Pg.
»Du Schwein! Du …« Ritts Stimme überschlug sich.
Er breitete die Hände aus wie Greifzangen, sprang auf den Zeugen los, um auf ihn einzuschlagen.
Da traf ihn der Gummiknüppel des MP; er wurde auf die Anklagebank zurückgerissen.
Ritt weinte und tobte, bis er zusammenbrach. Er benannte andere Zeugen, aber die Richter waren längst beim nächsten Angeklagten, einem Bauern aus dem Fränkischen, der einen amerikanischen Leutnant mit der Mistgabel erstochen hatte. Die Schilderung dieser Tat nahm ihnen die Lust, sich mit den inkriminierten Krauts länger aufzuhalten, als ihnen nötig schien.
Am Abend verkündete der Vorsitzende das Urteil. Der Angeklagte Ritt sah ihm auf die Lippen, betrachtete den Mann beschwörend, der trotz seiner olivgrünen Uniform wie ein Zivilist wirkte.
»Death by hanging«, sagte er.
Das gibt es nicht, dachte der alte Ritt. Mit fliehendem Bewußtsein sagte er sich immer wieder, sinnlos und heiß: das gibt es nicht, keiner wird mehr gehängt, das ist doch Barbarei, das ist Mittelalter, das haben wir doch abgeschafft; wir leben doch in der Zivilisation; wir beide wurden doch geboren, getauft, geimpft; wir lernten Lesen und Schreiben, lebten und liebten, du drüben, ich hüben; wir hatten doch Erfolg und glaubten an unser Zeitalter; wir sind beide froh, diese Unmenschlichkeiten überstanden zu haben. Wer wird denn jetzt noch aufhängen, wird bei Hitler in die Schule gehen …?
Als man Friedrich Wilhelm Ritt in die Festung Landsberg schaffte, aus der das Kriegsverbrechergefängnis geworden war, merkte er, daß sein Leben zu Ende ging. Er wehrte sich gegen die Militärposten. Drei kräftige Burschen waren nötig, das menschliche Wrack einzuladen. Ritt saß zum letztenmal in einem Wagen, der nur eine kurze Strecke in die kleine Stadt rollte, an deren Rand der Galgen stand und der Henker wartete.
Es war Hanselmann, der Scharfrichter des Dritten Reiches; er diente den Amerikanern mit der nämlichen Disziplin wie den Nazis, aber seit man ihn aus dem Internierungslager geholt und wieder in sein Amt eingesetzt hatte, es zweimal in der Woche, Dienstag und Donnerstag in den Vormittagstunden, ab neun Uhr, pedantisch einzuhalten.
Der Mann mit dem düsteren Beruf und dem roten Gesicht – er sah im Cutaway mehr lächerlich als tödlich aus – köpfte nicht mehr, sondern hängte. Er hielt diese Art des Vollzugs für schmerzloser, was den Delinquenten betraf, und für umständlicher, was ihn anbelangte.
Als man Friedrich Wilhelm Ritt die blutrote Gabardinejacke überzog, die Uniform der Todeskandidaten – eine Tasche links, eine rechts, vier Kunststoffknöpfe in der Mitte –, schrie er wie ein Tier im Schlachthof; es half ihm genausowenig.
Er war noch nicht an der Reihe, kauerte in der ebenerdigen Zelle, was auf eine veraltete amerikanische Gefängnisvorschrift zurückging, fürchtete den hohlen Klang der Schritte auf dem Gang, aber noch mehr die plötzliche Stille, die dem Geräusch des Schlüsseldrehens vorausging, fürchtete den untersetzten, breitschultrigen Sergeanten, den die Häftlinge von Landsberg den Todesengel nannten.
In Hunderten von Zellen wurde hier das Strandgut des Krieges verwahrt: Namen, die Millionen kannten, neben Schicksalen, um die nur die Angehörigen wußten. Die Zellen waren gleich eng und hoch, ob sie Minister, Generäle, Diplomaten, Gauleiter, Industrielle oder Frauen bargen. Es gab keine großen Unterschiede. Nur nach der Wachablösung fragten die neuen Militärposten gelegentlich nach Prominenz und tauschten Zigaretten gegen Autogramme.
Friedrich Wilhelm Ritt hoffte, wartete, verzweifelte. Manchmal raste er mit den Fäusten gegen die Wand. Dann wieder ergab er sich still. Er war so schwach, daß er mitunter bei seinem Rundgang in der Zelle umfiel. Aber es würde ihm nichts helfen. Wer zu matt war für den Galgen, wurde getragen.
In Landsberg hatten die Reihengräber Nummern, keine Namen; sie lagen hinter dem Hauptgebäude, dazwischen gedieh das Unkraut.
Friedrich Wilhelm Ritt wartete Tage, Wochen, Monate: auf Gerüchte, auf die Post, auf die Wachablösung, auf das Essen, auf den Pfarrer, auf die Begnadigung, auf den Henker. Jetzt hätte er ausgiebig Gelegenheit gehabt, zu erfassen, was sein Sohn Martin in der Todeszelle durchlitten hatte, die auf ein Wort des Vaters aufgesperrt worden wäre. Aber das Grauen nahm ihm die Einsicht, den Schauder vor der letzten Zeremonie, der man den Mann in der Rotjacke an einem der ersten Aprilmorgen des Jahres 1947 unterzog.
»Bible, pictures, covers!« rief der massive Sergeant, genannt Todesengel, am Vorabend. »Bibel, Bilder, Decken!«
Du wirst gehängt, hieß das. Morgen. Heute nacht kommst du in den Keller, und morgen früh liegst du im Reihengrab.
Unten darfst du mit den anderen sprechen, hieß das, die morgen mit dir zum Galgen müssen. Jetzt erlebst du noch ein Konzert im Todessaal, man bringt dir Essen, das der amerikanische Steuerzahler bezahlt; alles, was dein Magen verträgt, außer Alkohol. Während die Musiker spielen, sind schon die Gräber ausgehoben.
Sie hielten ihm den Mund zu. Sein Herz machte nicht mehr mit. Sie gaben ihm eine Spritze. Der Wahnsinn streifte ihn, aber der Psychiater hatte ihm die volle Zurechnungsfähigkeit bestätigt; er kam in den Keller, den Vorraum des Galgens, und sein Leben zählte noch neun grausame Stunden.
IX
Das junge Mädchen lag neben dem Mann, nackt und zufrieden. Eine kleine Melodie schwebte im Raum, weich, zärtlich. Auf dem niederen Glastisch flackerte die erschöpfte Kerze. Wenn der Wind mit der bunten Seidengardine spielte, strich rötlicher Schein über die gebräunte Haut Susannes, der den jugendlichen Körper verschattete und seine Formen konturierte.
Es roch nach Wachs, nach Rauch, nach Liebe. Der Mann beugte sich vor, um Susanne zu betrachten. In der letzten Stunde hatte sie ihm viele Gesichter gezeigt, aber ihre Augen waren immer bei ihm geblieben und glänzten bei Kerzenlicht wie Smaragde im Mondschein.
Felix Lessing griff nach der Flasche neben der Couch. Er hob sie vom Boden, trank den Whisky pur, lauwarm, ohne ein Glas zu benutzen. Gleichzeitig suchte er am Boden nach Zigaretten. In der Flamme des Feuerzeuges sah er wieder Susannes Gesicht. Es war klar, frisch. Die ovale Stirn wirkte klug. Der Mund war sparsam und unbeschrieben, das Kinn fest, doch nicht unweiblich.
»Hast du etwas gesagt?« fragte sie leise.
»Nein. Wolltest du etwas von mir hören?«
»Nein.« Er lachte, nahm die brennende Zigarette aus dem Mund und steckte sie ihr zwischen die Lippen. In der aufleuchtenden Glut sah sie sein Gesicht.
Felix war ein Mann, der Frauen gefiel. Er hatte alles, was im März 1947 zu einem homme à femme nötig war: ein gutes Gesicht, lässige Bewegungen, sichere Eleganz, Witz und Verve; dazu ein eigenes Haus mit friedensmäßiger Küche. Er gehörte als Offizier der amerikanischen Armee einer Siegernation an und war zudem ein wichtiger Mann der Militärregierung.
Susanne richtete sich auf, stützte sich auf beide Ellenbogen, wandte Felix ihr Gesicht zu. Ihre langen Haare fielen nach vorn über die kindlichen Schultern bis zum Ansatz der Brust. Sie betrachtete ihn, als sehe sie ihn seit diesem Abend anders.
Ihr gefiel sein Gesicht, das kühl und geschlossen war in seiner Zerrissenheit: eine Einheit des Zwiespalts. Es war ein Gesicht, das seinen Ausdruck jäh wechseln konnte, von einer Sekunde zur anderen.
Zuerst war ihr seine breite, ausladende Stirn aufgefallen: eine Mauer, hinter der sich der Fluß staute: klares Wasser, trübes Wasser, frisches Wasser, fauliges Wasser, Gewässer.
Er spürte, daß sie ihn beobachtete, und er mochte es nicht. Er war ungehalten, weil ihm dieses natürliche Mädchen soviel gegeben hatte. Er war schließlich nicht nach Deutschland gekommen, um Gefühle zu erfüllen oder sein Glück zu suchen.
Felix Lessing hatte es schwer mit seinem Haß, für und von dem er jahrelang gelebt hatte.
Er beschwor immer wieder das Bild des Vaters und versuchte, alle Deutschen für den Tod des alten Kommerzienrates verantwortlich zu machen.
Als er merkte, daß ihm das Land, das er verachtete, immer näher kam, durchlitt er alle Höllen und Tiefen der Haß-Liebe. Die erste scheue Annäherung an seine alte Heimat rüttelte an dem Zerrbild, in das er sich in langen Jahren hineingesteigert hatte. Ein Kind, das ihn anlächelte: Kannst du in jeder Illustrierten sehen, dachte er. Eine an Hungerödemen leidende Greisin, die mit ihren kärglichen Lebensmitteln herrenlose Hunde und Katzen fütterte: Nicht selten ist Tierliebe ein Ausdruck der Menschenverachtung, und Hysteriker gibt es überall, meinte er. Der alte Organist, der sich nach dem Einmarsch der Alliierten mit verklärtem Gesicht und gichtigen Händen an die Orgel der kleinen Dorfkirche setzte und befreit das Tedeum spielte: Kannst du in jedem dritten Kriegsfilm sehen, überlegte er. Junge Soldaten, die freudig in die Gefangenschaft gingen, weil sie zugleich das Ende des braunen Staates bedeutete: Sie leben auch lieber hinter Stacheldraht, als auf den Schlachtfeldern zu sterben, sagte er sich.
So lag Felix im ständigen Zwiespalt mit sich selbst; er sah Würde in Lumpen und traf Feinheit unter dem Schutt, und er rang um seinen Haß und merkte, daß er schrumpfte.
Er spürte, daß eines Tages sein Anstand und seine Intelligenz das Zerrbild endgültig zerreißen würden, und so beschwor er, um es zu verhindern, die anderen Bilder, zwang sich wieder, Skelette von Bergen-Belsen, die Vergasten von Auschwitz und die Gehängten von Buchenwald zu sehen, krallte sich an diese Visionen des Grauens wie ein Ertrinkender an den Balken und kämpfte noch weiter gegen sich, als er merkte, daß sich der Balken drehte.
Schließlich begann der junge Captain Felix Lessing, nur noch in wirklichen Tätern die Mörder zu sehen; er eilte der Politik der Siegermächte weit voraus, weit hinweg von ihrer These der Kollektivschuld, als er sich überwand, nicht mehr pauschal zu verurteilen, sondern individuell zu richten – wie den alten Ritt.
»Bist du fertig?« fragte Felix schroff, weil ihn Susanne immer noch ansah.
»Fertig?«
»Mit deiner Vivisektion.«
»Wieso?«
»Du starrst mich so an«, sagte er.
»Warum sollte ich nicht? Ich schaue dich gern an, Felix.«
Die Worte klangen gut, und es brachte ihn wieder gegen sich selbst auf. Seine Lippen lagen flach aufeinander wie Scharniere. Wie meistens wollte er sich lieber den Mund verschließen als sich etwas vergeben.
»Vielleicht verstehst du das nicht«, erklärte er, »ich will nicht im Schaufenster liegen. Ich möchte mich nicht bestaunen, betasten, kaufen und umtauschen lassen. Ich bin keine Ware. Ich bin …«
»… eine Mimose. Nicht böse sein«, unterbrach sie ihn und küßte seine Hand.
Er wandte das Gesicht ab. »You are my sunshine …«, sang eine hellblonde Stimme im Radio. Susanne folgte seinem Blick, stand auf, drehte die Musik ab. Sie ging mit weichen Schritten. Sie war schlank und groß, verspielt und arglos; auf ihrer kupferfarbenen Haut war der Sommer geblieben, ein langer heißer, sonniger Sommer, auf den Felix eifersüchtig war, weil er an ihm nicht teilgenommen hatte.
Sie blieb stehen, beugte sich über den Glastisch und wechselte die Kerze aus. Das Lächeln auf ihrem Gesicht war bei seinen letzen Worten eingeschlafen. Sie hatte begriffen, daß er sich zwang, nicht sentimental zu werden. Vielleicht hat er recht, dachte sie, Worte sind banal geworden. Aber müssen es deswegen auch Gefühle sein?
Sie wußte keine Antwort. Sie war gerade erst zwanzig geworden.
Felix griff wieder nach der Flasche. Er trank ständig.
»Warum eigentlich?« fragte Susanne.
»Weil es mir schmeckt.«
»Nein«, widersprach das Mädchen. »Du belügst dich. Du schüttest den Whisky hinunter wie Wasser in das Feuer. Du möchtest das Feuer auslöschen.« Sie nickte und sah ihn voll an. »Felix, was möchtest du vergessen?«
»Kluges Kind.« Er wich ihr mit Spott aus. »Männer sind keine Frauen – Frauen haben ihre Tränen – Männer nehmen Schnaps.«
»Wenn ich dich recht verstehe, Felix, dann sollte ich jetzt wohl weinen.«
»War auch schon dagewesen.«
Bevor seine Worte sie verletzen konnten, zog er sie an sich, küßte sie zärtlich, während seine Augen ihren Körper streichelten.
»Du bist schön«, sagte er.
»Du wirst galant«, erwiderte sie.
Sie lagen nebeneinander. So oft sich ihre Haut berührte, setzte ein Körper den anderen in Flammen, während das Kerzenlicht Worte, die nicht gesagt wurden, feierlich machte.
Das Telefon rief sie aus den Wolken zurück. Es läutete gedämpft. Felix, der es verabscheute, hatte über den Apparat ein Kissen gelegt. Das Gerät stand in der Ecke wie eine Teekanne unter der Haube.
Verdrossen machte er sich frei, hob den Hörer ab, meldete sich.
Sie verstand die Worte nicht, aber sie merkte, wie betroffen er war.
»Du, Jack?« fragte er. »Jetzt?« Bei den nächsten unverständlichen Worten zogen sich seine Gesichtsmuskeln zusammen wie im Krampf. »Morgen! Okay«, sagte er schließlich, »thank you.«
Er legte den Hörer langsam auf und sah zum Fenster hinaus, um sein Gesicht zu ordnen, bevor es Susanne sah.
»Etwas Schlimmes?« fragte sie.
»Nein.«
»Du möchtest nicht darüber sprechen?«
»Wirklich nicht.« Er ging wieder auf die Flasche zu. »Ich muß weg«, sagte er.
»Jetzt?«
»Ja. In dieses verdammte Gefängnis. Nach Landsberg.«
Sie dachte an die Nebel, die vom Ammersee aufstiegen, an den Alkohol, den er getrunken hatte, an die vielen Bäume am Straßenrand.
Nach einer halben Stunde begann er zu sprechen; entgegen seiner Art umständlich. Er sagte, daß sein Vertreter angerufen und seit Stunden versucht hätte, ihn zu erreichen. Im Office sei für ihn eine Nachricht hinterlassen worden, daß der Verurteilte, den er noch sprechen wollte, morgen früh hingerichtet würde. »Und mit Toten«, schloß Felix, »kann man sich nicht unterhalten.«
»Ein Bekannter?«
»Ja.«
»Und du hast – das – nicht verhindern können?«
»Im Gegenteil«, versetzte er brutal, »ich habe das Urteil herbeigeführt. Ich bin Tausende von Kilometern gefahren, habe Lager um Lager untersucht. Ich habe Zeugen gekauft und bestochen. Ich habe den Mann an den Galgen gebracht.«
»Und jetzt?«
»Jetzt«, sagte er mit zu hoher Stimme, »jetzt muß ich diesem Kerl nur noch klarmachen, warum er stirbt. Ich will nicht, daß dieser Gefangene umkommt bei einem Verkehrsunfall. Er soll wissen, weswegen er hängt!«
Die Bäume trugen schon Knospen, man sah sie nicht im Vorbeifahren; die Äste wirkten kahl, leer, trostlos, und sie schienen mit knochigen Armen, um die sich dicke Nebelschwaden wie schmutzige Leichentücher wickelten, nach dem klapprigen Ford zu greifen, der zaghaft über die nächtliche Straße rollte.
Vor dem Ortseingang blieb er stehen; die Scheinwerfer hatten sich endgültig in der Nacht verloren. Felix stieg fluchend aus, suchte die Straße.
»Wir sind da«, rief er vom Wegrand.
Susanne erschrak, weil seine Stimme fremd klang, wie vom Wind verzerrt; die Haut in seinem Gesicht sah aus wie gesprungenes Eis.
Felix starrte nach vorn, wie auf der ganzen Fahrt; sein Gesicht brütete im Dunkel des Wagens, dessen Heizung abgestellt war. Er spürte den Blick des Mädchens auf seinem Gesicht. Die Reifen polterten auf dem schlechten, nassen Pflaster. Die Gebäude gähnten. Der Wagen fuhr eine lange Schleife aus und dann auf den idyllischen Marktplatz zu, dessen Häuser Wand an Wand standen, als wärmten sie sich aneinander.
Der Wagen hielt, Felix stieg aus; Susanne folgte ihm fröstelnd zum Eingang, der finster war, verdunkelt wie im Krieg. Sie gingen einem spärlichen Lichtschein nach und traten in ein Nebenzimmer.
»Ich komme gleich wieder – es geht ganz schnell«, sagte Felix. Er drehte sich noch einmal um. »Bis gleich.«
Ein müder Kellner begrüßte Susanne mißmutig, betrachtete ihr Gesicht, lächelte unschlüssig. »Wie lange haben Sie auf?« fragte sie.
»Die ganze Nacht«, erwiderte der Mann; seine Stimme dämpfend, deutete er auf einen Tisch mit mehreren Frauen in der Ecke, die still waren und alt und grau dasaßen, vom Leben verbraucht. »Wegen ihnen«, sagte der Kellner. »Unsere Zimmer sind besetzt – wir müssen den Raum offenhalten für sie.« Er sah, daß Susanne die Andeutungen nicht verstand, und ergänzte mit blassem, unsicherem Lächeln: »Ihre Männer werden doch morgen früh – gehängt …«
Susanne verstand, erschrak; sie ließ sich eine Zeitung bringen und versteckte ihr Gesicht. Ihre Hände wurden müde, aber sie wagte nicht, das Blatt sinken zu lassen; sie wollte den Augen dieser Frauen nicht begegnen.
Sie wirkten wie die Besucher vor den Operationssälen, die in ihrer Not jeden, der über den Gang kommt, ansprechen und nach dem Zustand des Patienten fragen. Sie hatten vor ein paar Stunden von ihren Männern Abschied genommen, grausamen endgültigen Abschied; seitdem sahen sie auf die Uhr, froren dabei, dachten an die Operation, hofften, daß sie ausfiele, obwohl sie wußten, daß sie morgen früh stattfinden müßte.
Viele von ihnen hatten seit Jahren geahnt, daß dieser Morgen einmal kommen würde. Nicht wenigen von ihnen war von den Männern in der Rotjacke vieles angetan worden, aber sie hatten es vergessen, weil sie Mütter waren und Kinder hatten: Kinder, deren Väter morgen früh gehängt wurden.
Sie starrten die Reporter an, die gelegentlich, leise auftretend, in den Raum kamen, als erwarteten sie von ihnen Hilfe, obwohl diese Zeitungsleute von der Militärregierung als Zeugen der Hinrichtung geladen waren, ein befehlender Wunsch, dem sie nachkamen; einige von ihnen taten es nicht zuletzt, weil er mit Schinkenbrötchen und Bohnenkaffee honoriert wurde.
Felix hatte sich auf dem Weg zum Gefängnis verfahren; endlich löste sich das mehrflügelige Gebäude aus den Nebeln. Posten in dunklen Uniformen tauchten auf, sprachen miteinander und verloren sich wieder am schwarzgelben Horizont.
In den Zellen brannte kein Licht; die Herberge des Todes lag im Dunkel: mehr als tausend Zellen waren belegt; morgen würden zweiundvierzig frei.
Felix stellte den Wagen im Hof ab und betrat das Verwaltungsgebäude. Die polnischen Posten wollten ihn aufhalten, erkannten ihn dann als US-Offizier und grüßten.
Der Kommandant des Kriegsverbrechergefängnisses war noch in seinem Büro, obwohl er längst im Bett sein sollte; er konnte nicht schlafen in solchen Nächten und hatte sich schon ein paarmal von Landsberg weggemeldet.
Er riß die Fenster auf, durch die sich die Nacht in das Haus drängte. Er fror und schwitzte, seine Hand fuhr an den Hals, um die krawatte zu lockern, bis er bemerkte, daß sein Hemd schon offenstand. Er legte das Buch beiseite und polierte seine Fingernägel. Zwischendurch versuchte er, einen Brief an seine Frau nach Philadelphia zu schreiben; er zerriß ihn in kleine Schnipsel.
Der Kommandant hörte Stimmen, ging in sein Vorzimmer, erkannte Felix. »Sie kommen spät«, sagte er.
»Sorry – ich habe es erst vor einer Stunde erfahren, daß …«
»Wir bekommen selbst erst am Abend die Hinrichtungsliste aus Berlin«, entgegnete der Major dumpf. »Ich lasse Ihren Mann in das Besuchszimmer holen.« Felix folgte einem massigen Sergeanten, der ihn mit Neuigkeiten über die Rotjacken unterhalten wollte; der junge Captain hörte nicht zu. Er zwang sich, seinen Vater zu sehen, auf dessen Gesicht sich der Flammenschein der Synagoge spiegelte, zu sehen, wie der Mörder auf den Kommerzienrat zuging, die Hand hob, zu sehen, wie ihn die Männer in den Braunhemden zertraten.
Auch der Todeskandidat Friedrich Wilhelm Ritt hob jetzt die Hand; sie war gefesselt. Der Posten schloß sie auf und zog sich zurück. Der Mann ging wie gezogen; seine Beine schleiften am Boden, während er langsam den Kopf dem Besucher zuwandte. In seinem Gesicht zitterte Hoffnung, lauernd, bang. An seiner Rotjacke hing die Todesangst wie ein übler Geruch.
Er erkannte den jungen Captain; sein Blick wurde starr; seine Hoffnung riß wie die Sehne eines überspannten Bogens.
»Sie?« fragte Ritt. »Ihnen verdanke ich das also?«
»Erfaßt«, entgegnete Felix Lessing ruhig. Er hatte auf diesen Tag lange gewartet; jetzt wunderte er sich, wie wenig er spürte.
»Ich habe die Sache mit den abgeschossenen Fliegern niemals …«
»Das weiß ich«, unterbrach ihn Felix ruhig. Er zündete sich eine Zigarette an. Die Flamme zitterte.
»Sie wissen das?« fragte Ritt.
»Noch viel mehr«, antwortete der junge Captain. »Ich weiß auch, was mit meinem Vater geschah – und mit Martin, Ihrem Sohn. Ich weiß auch, daß er noch leben würde, wenn Sie …«
»Martin?« stieß der alte Mann mit Kinderstimme hervor. Er sah zur Decke, als müsse er überlegen, wem der Namen galt.
»Auch daran sind Sie schuld«, sagte Felix scharf.
Der Mann in der Rotjacke dachte nach. Langsam. In seinem fahlen Gesicht gärte es.
»Dann wäre das morgen …«
»… ein Justizmord«, unterbrach ihn Felix.
»Das sagen … Sie?«
»Ich habe die Zeugen erpreßt«, sagte Felix, »und bestochen.« Der Schall rauschte wie Hochwasser im Raum.
»Und warum sind Sie jetzt hier?« fragte der Gefangene nach langer Pause.
»Um Ihnen das zu sagen.«
»Macht es Ihnen Freude?« fragte der Alte.
»Wäre ich sonst gekommen?« versetzte Felix. »Lassen wir das«, versuchte er, die Worte, vor denen ihm schlecht wurde, wieder einzuholen. »Ich will Ihnen nur beibringen, daß Sie trotz des Fehlurteils zu Recht sterben. Verstehen Sie mich, Ritt? Ein Justizmord – und doch Gerechtigkeit.«
Der Alte stand da, als habe er den Besucher vergessen.
Er versuchte, etwas zu erfassen, das er sein Leben lang nicht empfunden hatte. Niemals hätte er sich mit dem Urteil abfinden können – und jetzt begriff er leise, dunkel, daß es gerecht war – wenn auch falsch begründet.
Felix wußte nichts von den Regungen des Mannes in der Todesjacke; er sah, daß dieser gefaßt wirkte, wollte darüber zornig werden – und spürte, wie ihn der Haß verließ.
»Gut«, sagte der Mann, dem nur noch ein paar Stunden Zeit zum Leben blieben, »ich bin schuld am Tod Ihres Vaters.« Er sprach jetzt, als deklamiere er einen auswendig gelernten Text: »Ich bin vielleicht auch mitschuldig am Tod Martins.« Er schwieg, wie erschöpft von einer Regung des Gewissens, das lange Jahre verschüttet war.
»Und damit, meinen Sie«, sagte Felix halblaut, »könnten wir den Fall abschließen und wären quitt.«
Der alte Ritt hob langsam den Kopf. Sein Blick tastete sich an der Wand entlang zu dem Besucher hin.
»Heute noch nicht«, entgegnete der Gefangenen, »aber – vielleicht morgen …«
Felix kostete die Bitternis eines Sieges, der ihm gestohlen wurde; an seinem versteinerten Haß hing das Mitleid wie ein Bleigewicht.
»Es war schlimm, was mir alles zugestoßen ist«, sagte der Mann mit der toten Stimme, »aber vielleicht – vielleicht habe ich Ihnen jetzt sogar – zu danken …«
Felix atmete schwer. Er spürte, daß der Mann wuchs – während er zu schrumpfen schien. Es fiel ihm schwer, weiterhin sein Opfer anzusehen, dessen Gesicht schon still wie ein Friedhof wirkte, mit leblosen Zügen.
»Okay«, sagte Felix und winkte den Posten herbei, der während des Gesprächs mit stupider Miene auf einem Stuhl gesessen hatte und jetzt mit den Schlüsseln und Handschellen wieder zu dem Mann in der Rotjacke trat.
Jetzt, dachte Felix. Er stand und schwankte, hoffte und verzagte, wehrte sich und wartete: auf einen Bestechungsversuch, auf Erniedrigung, auf einen Ausbruch des Zorns.
Der Alte machte es ihm schwer. Er streckte seinem Bewacher die Arme entgegen wie ein Kind, das der Mutter beweisen will, daß es sich vor Tisch die Hände gewaschen hat.
Die Handschellen klickten ein.
Wenn Ritt jetzt etwas sagen würde, überlegte Felix, wenn er mich jetzt um Verzeihung bäte, wenigstens für Martin, wenn er jetzt ein rechtes Wort fände, eine gute Geste zeigte, dann würde ich umfallen, neun oder zehn Stunden vor seinem Ende, und müßte ich den Strick selbst durchschneiden.
Felix beugte sich vor, erschrocken und gespannt.
Friedrich Wilhelm Ritt nickte. Ohne den Sohn seines Opfers noch einmal anzuschauen, folgte er willig und gebeugt dem Posten. Der junge Captain starrte ihm noch nach, als er schon gegangen war und sich die Falltür dieses Lebens bereits geschlossen hatte.
Felix fuhr los, ohne sich von dem Kommandanten zu verabschieden. Er fürchtete die Leere des Raums, den der Haß gefüllt hatte. Er hatte Ritt vernichten müssen, um das Bild der brennenden Synagoge loszuwerden. Aber er fürchtete, daß ihn nun eine andere Vision verfolgen würde: der Mann mit dem Friedhofsgesicht, der morgen früh die dreizehn Stufen des Blutgerüstes hinaufsteigen mußte.
Der Captain parkte den Wagen vor dem Hotel und fand Susanne in dem Nebenzimmer. Sie hatte den Kopf auf die Arme gestützt, auf ihrem Gesicht lag eine Zeitung. Er zog sie vorsichtig weg. Susanne erschrak, dann sagte sie leise, zu den stillen Frauen schauend, die in ein paar Stunden Witwen sein würden:
»Ich kann das nicht sehen. Ich will nicht hier bleiben. Keine Stunde. Können wir nicht weg?«
»Sofort«, entgegnete Felix.
Sie fuhren ab. Jetzt war er froh, daß sie bei ihm geblieben war. Er wollte nicht allein sein in dieser Nacht. Er spürte, daß er sich betrinken mußte. Wie immer würde der Schnaps alles schlimmer machen, steigern, verzerren, enthüllen.
Susannes Hand lag auf seinem Arm.
»Es war – schlimm?« fragte sie behutsam.
Er schwieg. Seine Lippen lagen so fest aufeinander, daß sie schmal wurden, gerade. »Susanne«, fragte er später, »bleibst du heute bei mir?«
»Wenn du willst?«
»Und deine Eltern?«
»Trotzdem.«
»Danke«, sagte Felix. Es klang, als schäme er sich.
X
Als sich die Schranke des amerikanischen POW-Camps bei Reims im Mai 1947 hob, spürte der entlassene Kriegsgefangene Martin Ritt ein Gefühl, das seinen ganzen Körper erfaßte, auf der Haut prickelte, in seine Lunge schnitt und in seinen Schläfen klopfte.
Es war ein trockener Rausch, ein nüchterner Wahn.
Er wollte stehenbleiben, ein dicklicher MP-Soldat stieß ihm mit mittlerer Wucht seinen Gewehrkolben in den Rücken. Martin lächelte: die neue Freiheit hatte ihm die Hand gereicht. Er ging weiter, gefühllos gegen den Schmerz. Er mußte wieder nach hinten sehen, mußte die Gesichter seiner Bewacher betrachten, von der Langeweile des Militärlebens genormt.
Das Mitleid, das er für sie empfand, war überwältigend: er sah sie weiter strammstehen, während er mit zügigen Schritten in ein Leben ohne Uniform, ohne Befehl, ohne Kasernenhof, ohne Erkennungsmarke, ohne Ducken, ohne Fallen, ohne Kunsthonig und ohne Latrinen ging.
Auf einem offenen Kohlenwagen fuhr er über geflickte Schienen. Für eine Reise von zehn Stunden brauchte er zehn Tage und war noch rasch vorangekommen. Der Frankfurter Hauptbahnhof empfing ihn wie eine Lücke in einem morschen Gebiß.
Martin war endgültig frei, als er vom Waggon sprang. Während er mit elastischen Schritten durch die zerbombte Stadt ging, trug er die speckige Uniform bereits wie ein Maßanzug. Er lief achtlos an Trümmern vorbei, stapfte über Schuttberge hinweg. Auch die Menschen wirkten wie Schutt. Sie waren blaß, schlecht angezogen, hatten fiebrige Augen und bückten sich nach Zigarettenkippen.
Martin hatte, so schien es, nichts mit ihnen zu tun. Er spürte auch kein Mitleid. Die Alten haben es verdient, dachte er, jedenfalls viele von ihnen, und die Jungen wird es abhärten gegen die Phrasen der Nationalisten, gegen die Moral der Kleinbürger. Raubtierinstinkte, so überlegte er weiter, sind immer noch besser als Kadavergehorsam …
Aus den Ruinen der prunkvollen Geschäftsstraße hingen Rohre wie abgeschnittene Därme. An der Hauptwache blieb er stehen und betrachtete Ratten, die es miteinander trieben. Die Menschen kamen ihm ungewöhnlich dünn, die Ratten ungewöhnlich dick vor. Sie wühlten unter den Trümmern, wo noch Tote des Luftkrieges lagen.
Er fuhr zum westlichen Stadtrand. An den Straßenbahnen hingen Menschentrauben. Die ganze Stadt war eine Trümmerhalde. Oft fuhr er fünf Minuten lang durch Ruinen; dann stand wieder unbeschädigt ein Haus, bei dem nur die Scheiben durch Pappe ersetzt waren. Es wirkte paradox, grotesk. Zufälligkeiten hatten ganze Familien gerettet, andere vernichtet.
Der Heimkehrer stieg aus. Seine Schultern waren hochgezogen, die Augen offen, kühl, grau. Er wirkte wie gestaute Kraft. Er beugte sich nicht nach Zigarettenkippen, entschlossen, sich nie mehr zu bücken. Er trug die Uniform der Verlierer und ging wie ein Sieger. Er kam aus einem Welt-Krieg, als zöge er in eine Privat-Schlacht.
Gleichgültig ging er an müden Passanten vorbei. Spielende Kinder lächelten ihm zu, Frauen suchten seinen Blick, der ihnen wie feiner Sand über die Haut rieselte.
Wo die Großstadt endete, begann der Frühling. Zwischen den Ruinen und den Häusern des südlichen Villenvorortes lagen Felder, Wiesen, ein kurzes Waldstück. Die Sonne war schon unterwegs. Ihre Strahlen kletterten wie Käfer an den sattgrünen Halmen hoch. Die Kerzen der Kastanien reckten sich. Vereinzelt blühte schon Flieder. Die Luft roch nach Frühling, der Sand der Waldwege glänzte wie Gold. Spielende Falter woben gelbe Tupfen in das üppige Grün. Durch die Kronen der Bäume fielen irisierende Lichtflecke wie durch ein bemaltes Kirchenfenster. Der Morgen war voll Andacht. Die Luft roch nach Erde und Tau, nach Jugend und Verwirrung.
Martin lief blicklos durch die sanftschöne Landschaft wie über eine Marschstraße: er witterte seine Zukunft. Es entsprach seiner Gewöhnung, die Natur nicht in ihrer Schönheit zu bewundern, sondern nach Deckungslöchern und Laufgräben zu bewerten. Schönheit war etwas für Romantiker; Deckung aber tat not für Männer, die eine Stunde, einen Tag oder einen Krieg überleben wollten.
Der Krieg hatte ihn hart, nüchtern und bedenkenlos gemacht. Er war von der Zeit getreten worden; künftig wollte er die Zeit treten. Er war entschlossen, aus Jahren, die ihn viel gekostet hatten, seinen Zins zu nehmen.
Eine Querstraße noch, dann erreichte er das Haus seines Vaters. Auf einmal spürte er Angst, daß ihn die Bomben der Auseinandersetzung enthoben haben könnten oder daß Friedrich Wilhelm Ritt, von dem er seit fast drei Jahren nichts mehr gehört hatte, in einem Internierungslager untergetaucht sei.
Die meisten Häuser waren zerstört, aber hinten links, das zweite, die von seinem Vater erworbene Villa, stand noch. Sie hing mit der rechten Seite leicht vornüber, hatte über dem Eingang einen geflickten Riß, aber Glasfenster. Die Balkontür seines früheren Zimmers im ersten Stock stand offen.
Zwei junge Leute, die er nicht kannte, unterhielten sich.
Er blieb vor der Tür stehen, las auf dem Schild »Ritt« und erschrak darüber, daß er denselben Namen führte wie sein Vater; er klingelte und wartete ungeduldig, hörte Schritte und straffte sich. Seine Lippen waren aufeinandergepreßt, weiß, blutleer.
Der Mann in der Tür hatte einen dunklen Wuschelkopf und trug eine überlange Jacke. Sein Blick wirkte unsicher, er hatte Augen, die nicht auffallen wollten.
»Was gibt’s?« fragte er mit hartem Akzent.
»Wer sind Sie?« fragte Martin.
Es sah aus, als wollte der Fremde die Tür zuschlagen.
Die Augen des Mannes aus Polen trafen sich mit den Augen des Delinquenten aus dem Wehrmachtsgefängnis. Die Augen des Mannes, der in einem Kanalloch den Warschauer Aufstand überlebt hatte, während seine Familie, sein Volk vernichtet worden war, trafen sich mit den Augen des Mannes, dessen Hinrichtung immer wieder verschoben wurde. So sehr sich die beiden Männer unterschieden, das gemeinsame Leid schien eine unbestimmte Gemeinsamkeit zu schaffen.
»Ich suche meinen Vater«, erklärte Ritt.
Der Pole begriff, wer in der Tür stand. Sein Gesicht verschloß sich. Dann hob er den Kopf, als horche er dem Klang der Worte Martins nach. Der Mann aus Polen deutete auf das Wohnungsschild.
»Meinen Sie – den da?«
»Ja.«
»Er ist nicht hier.«
»Wo finde ich ihn?«
»Kommen Sie doch herein«, sagte der Mann in der offenen Tür zögernd.
Die Teppiche fehlten, auch zwei Bilder an der Wand. Sonst stand noch alles am alten Platz, aber es war seltsam fremd.
»Wissen Sie etwas von ihm?« fragte Martin.
»Vielleicht«, versetzte der Pole. »Sie sind also der Sohn?«
Der Mann im überlangen Sakko sah und erfaßte viel. Er hatte in Polen überlebt, durch spontane Entschlüsse, nach rechts oder nach links zu gehen. Ob man an den Burschen mit der Nickelbrille oder an den Uniformierten mit den Sommersprossen herantrat, konnte Leben oder Tod bedeuten, und zwar Sekunden später schon.
»Dieses Haus wurde beschlagnahmt«, erklärte der Mann, »Vermögenskontrolle. Einstweilen wurden zwanzig displaced persons eingewiesen.«
»Verschleppte Personen«, übersetzte Martin, »also Ausländer?« fragte er den Polen.
»DPs«, erwiderte er hartnäckig. »Mit anderen Worten: vorwiegend Überlebende der Konzentrationslager.«
Ihre Augen erfaßten einander, und solange verstanden sie sich wieder. Der Pole öffnete die Schreibtischschublade, nahm ein Päckchen Camel, zögerte kurz, dann warf er Ritt eine Zigarette zu, der sie in der Luft auffing, sich beiläufig bedankte und nicht wußte, welch fürstliches Geschenk ihm gemacht worden war, da er noch nicht gemerkt hatte, daß Zigaretten die neue Währung bestimmten.
»Ihr Vater wurde verhaftet«, sagte der Pole und nahm von Martin Feuer. »Landsberg, Kriegsverbrechergefängnis.«
Er sah Martin voll an; Spannung zeigte sich in seinen Augen.
»Und?« fragte Martin.
Der Pole sah Martin unverwandt an, während er die Schublade noch einmal öffnete und ihr ein Telegramm entnahm.
»Lesen Sie englisch?« fragte er.
»Es geht.«
»Gut«, sagte der Mann. »Setzen Sie sich. Nehmen Sie einen Schnaps?«
»Gern.«
Martin setzte sich und betrachtete das geöffnete Telegramm, vom Kriegsverbrechergefängnis Landsberg ordnungsgemäß an die Zivilanschrift von Friedrich Wilhelm Ritt gerichtet, weil man in Landsberg offensichtlich nicht wußte, daß die arisierte Villa mittlerweile für zwanzig DPs requiriert worden war. Es war an eine Frau Ritt gerichtet, die es nicht mehr gab.
Falls sie auf die leiche friedrich wilhelm ritts anspruch erheben stop bitten wir um mitteilung bis morgen neun uhr stop war crime prison landsberg.
Martin las langsam, Wort für Wort. Erst allmählich begriff er, daß er den Vater nicht mehr belangen konnte.
Er las, trank, rauchte.
Der Mann mit dem langen Sakko hatte sich abgewandt.
Martin sah noch einmal auf das Datum und stellte fest, daß die Mitteilung schon fast einen Monat zurücklag.
Der Pole drehte sich um und betrachtete den Mann in der gefärbten Uniform voll.
»Noch eine Zigarette?« fragte er leise.
»Bitte.«
»Noch einen Schnaps?«
Martin nahm beides und sagte: »Danke.«
Dann gab er dem Polen die Hand und stand auf.
Er dachte an seinen Vater. Vielleicht war es besser so. Vielleicht war das eine nötige, unabwendbare Lösung, dachte Martin. Der Haß gegen den Vater schlug um, trieb wie ein toter Fisch auf dem Rücken, glitschig und steif.
Er verließ nicht die Wohnung seines Vaters, sondern das Haus eines Toten. Und bald würde diese Villa ohne Teppiche so ohne Erinnerung hinter ihm liegen wie eine Jugend ohne Wärme.
Der Mann aus Polen folgte ihm.
»Hier«, sagte er und streckte ihm das Telegramm hin.
Sein Gast winkte ab.
Das Blumenbeet längs des Hauses war vom Unkraut überlagert; aber auch die Schlingblätter waren grün und streckten sich lichthungrig nach der Sonne. Warum ihn die Amerikaner gehängt haben? überlegte Martin. Wegen der Kristallnacht? Wegen Mißhandlung von Fremdarbeitern?
Gleichviel. Dieser Tod ist abscheulich. Man kennt ihn nur, wenn man in der Zelle auf das Erschießungspeloton gewartet hat. Bei mir sind die Russen noch rechtzeitig gekommen. Ihn konnte nichts mehr retten. Bei ihm konnten keine Russen kommen. Es war kein Krieg mehr: Friede.
Schluß. Aus. Tabula rasa. Eine klare Lösung. Erspart mir viel. Ihm vielleicht noch mehr: ein Leben im Zuchthaus; mit mir als Wärter. Schade um den hübschen Garten. Wenn die Polen jetzt nicht das Unkraut jäten, werden sie in diesem Jahr nicht mehr damit fertig …
Martin ging in die Stadt zurück, sein Schritt wurde wieder fest. Er entlief dem eigenen Schatten, maß wieder tote Schußwinkel und suchte Deckungsmulden. Er merkte es und lachte über sich.
Einen Moment lang sonnte sich sein Gesicht. Solange sein Blick blind war, spürte er das Prickeln auf der Haut. Der Frühling narrte ihn. Er spürte ihn in den Poren und in seinem Atem. Er wunderte sich, daß er nicht mit Landsberg haderte, das ihn um seinen Haß betrogen hatte. Vielleicht gefiel ihm auch jetzt der Tag, weil er wieder menschliche Regungen haben durfte.
Wieder ging er über Trümmer und Gräben, durch die toten Straßen der Stadt, die aussahen wie ausgeblutete Adern. Er sah die jungen Mädchen an, die mit GIs in den Jeeps fuhren. Ihre bunten Kopftücher flatterten wie Wimpel der Lebenslust. Er dachte an die Fraternisierungsverbote, die der General erlassen hatte. Als ob Hannibal mit keiner Römerin geschlafen hätte und Cäsar mit keiner Ägypterin; die Kreuzritter nicht mit Sarazeninnen – und ich nicht mit Polinnen, Tschechinnen, Russinnen, Italienerinnen und Griechinnen. Du kannst den Tod befehlen, mon général, aber nicht das Leben reglementieren, überlegte er, Soldaten werden für das Abendland oder das Morgenland oder das Niemandsland, für den Kommunismus, den Faschismus, den Nationalismus, den Sozialismus, den Kapitalismus oder den Idiotismus sterben, aber vorher werden sie, wo auch immer, mit Mädchen, die bunte Kopftücher tragen, in Wagen sitzen.
Martin stand Schlange beim Wohnungsamt; er brauchte eine Zuzugsgenehmigung, mußte aber, um sie zu erhalten, eine Arbeitsbescheinigung vorzeigen. Diese wiederum gab es nur gegen Quartiernachweis, an den auch die Ausgabe von Lebensmittelkarten gebunden war.
Nach zwei Tagen erfuhr er, daß der Entlassungsschein die Zuzugsgenehmigung ersparte. Fluchend drehte er sich weiter auf dem Karussell der Behörden: Zimmereinweisung gab es nur gegen Arbeitsnachweis; Arbeitsbeschaffung nur gegen Wohnungsnachweis. Die Bürokratie war so machtlos wie mächtig. Aus Hilflosigkeit spielte sie Größenwahn.
Beamte, die in den Ämtern geblieben waren, da man sie als Fachleute brauchte, wagten wegen ihrer Vergangenheit nicht, den Ersatzleuten zu widersprechen, die man über sie gesetzt hatte; diese waren zwar politisch einwandfrei, verstanden aber meist nicht viel von ihrer Arbeit.
Martin stand wieder vor dem Wohnungsamt Schlange, wurde nach zwei Stunden vorgelassen und sollte nun an eine Behörde verwiesen werden, die ihn gestern hierher geleitet hatte.
Er brüllte den Beamten nieder; es war die Sprache, die der Mann verstand.
»Sie haben hier nicht zu schreien«, erwiderte er schüchtern. »So kommen Sie zu gar nichts.« Er wollte den lästigen Besucher mit sanftem Vorwurf zur Räson bringen. Dann sah er Martin an, der angespannt wie zum Sprung dastand, und fing einen Blick auf, der ihm Angst machte.
»Also, was wollen Sie?« fragte der Beamte, er hielt den Kopf schief.
»Was zu essen«, sagte Martin, »ein Zimmer und von mir aus auch einen Arbeitsplatz.«
»Waren Sie in der Partei? Oder in einer Gliederung?« fragte der Beamte streng; diese Zauberformel war im Mai 1947 noch immer die Zwangsjacke für renitente Burschen.
»Nein.«
Der Mann im Stuhl wurde unruhig.
»Auch nicht in der Hitlerjugend?« fragte er.
»Auch nicht in der Hitlerjugend.«
Der Beamte schüttelte den Kopf; er deutete dezent und mechanisch an, wie skeptisch er diese Behauptung aufnehmen müsse.
»Und Sie haben schon vor dem Krieg in Frankfurt gewohnt?«
»Ja.«
»Sie sind nicht vorbestraft?«
»Doch«, antwortete Martin zynisch, »mit dem Tod.«
Der Mann trommelte hilflos mit den Fingerspitzen auf der Schreibtischplatte. Seine Augen zogen sich in die Höhlen zurück wie Schnekken in ihr Gehäuse.
»Ich bin neunzehnhundertvierundvierzig wegen Zersetzung der Wehrkraft, Nichtausführung eines Befehls und Feigheit vor dem Feind zum Tode durch Erschießen verurteilt worden – vielleicht kann ich Ihnen trotzdem beweisen, daß ich noch lebe.«
»Dann«, sagte der Mann, und seine Augen wurden rund, »sind Sie ja gewissermaßen politisch …«
»Was bin ich politisch?«
»Verfolgt.«
Martin begriff sofort; er hatte nicht beabsichtigt, aus der Verurteilung einen Nutzen zu münzen, aber er war es leid, sich in jeder Schlange Wartender vorrechnen zu lassen, daß wohl immer noch zu viele die letzten Jahre überlebt hatten.
»Wenn Sie meinen«, erwiderte er, »dann bin ich politisch verfolgt.«
»Lassen Sie das amtlich anerkennen«, riet der Beamte. »Mit einem Sonderausweis brauchen Sie nirgends mehr zu warten. Wenn Sie schon den Schaden haben«, der Mann sprach sich hüstelnd frei, »dann sollten Sie jetzt auch den Vorteil beanspruchen. Zuzug, Wohnung: alles ist dann viel leichter. Außerdem erhalten Sie Schwerarbeiterzulage.« Sein Blick wurde hungrig. »Vierhundert Kalorien mehr pro Tag.«
Martin wußte noch nicht, was Kalorien waren, und noch weniger, was sie zu bedeuten hatten; deshalb wunderte er sich, daß man politisch Verfolgte stillenden Müttern gleichstellte, als könnten hundert Gramm Butter mehr ein paar Jahre Haft wiedergutmachen. Er hatte die Menschen noch nicht gesehen, wie sie aus den Lagern gekommen waren.
Als er sich schließlich bei der Behörde für rassisch, politisch und religiös Verfolgte meldete, um einen Passepartout für die Bürokratie zu erhalten, kam er sich wie ein Hochstapler vor und wurde auch als solcher behandelt.
Die Leute, die seinen Fall zu prüfen hatten, selbst überlebende Opfer des braunen Regimes, schienen ihn wegen des großen Zudranges zu der Interimsbehörde für einen Defraudanten zu halten, denn so stürmisch wie die hier gemeldeten Ansprüche hatten sie den Widerstand gegen Hitler wohl nicht in Erinnerung, zumal die meisten Gegner liquidiert worden waren.
Man teilte Martin mit, daß seine Akten, von der Militärregierung angefordert, nicht zur Hand wären. Er stand allein; und so gab es, unter Einschluß der Militärregierung, wohl kaum einen Menschen, der sich für ihn und seine Vergangenheit interessieren mochte.
Er hielt diese Auskunft für eine Ausrede, wurde aber, als er nach vier Tagen wieder vorsprach, ohne Aufenthalt zum Leiter dieser Behörde vorgelassen und einem zu fördernden Personenkreis zugewiesen, weil seine Angaben durch ein der Wehrstammrolle beigefügtes Kriegsgerichtsurteil bestätigt worden waren.
Als er die Behörde verließ, war er nicht nur als Existenz anerkannt, sondern auch privilegiert. Er erhielt ohne Arbeitsnachweis Lebensmittelkarten und vom Wohnungsamt einen Quartierschein. Da es zu dieser Zeit vorwiegend bei »belasteten« Zeitgenossen Zimmer gab, ahnte der Heimkehrer, daß er kein gemütliches Zuhause haben würde.
Die unfreiwillige Vermieterin betrachtete ihn mit schweigendem Mißtrauen, das langsam in beredte Zufriedenheit überging. Wenigstens, so dachte sie, ist er ein Mann und keine Frau, Deutscher und kein Pole …
Sie hatte nichts gegen die Polen, empfand auch nichts für sie. Was die Menschen im Osten mitgemacht hatten, wußte sie nicht; und Untaten einzelner DPs, meist Raubüberfälle, wurden, da sie der Stadt im Augenblick näherstanden, mehr besprochen als die Verbrechen der Totenkopfleute in den Todesmühlen.
Die Frau ging voraus und zeigte Martin das Zimmer.
»Hier hat unser Erwin gewohnt.« Sie sprach gleichmütig; ihre Stimme hatte sich an das Leid gewöhnt. Sie sah zu dem Bild an der Wand hin.
Martin folgte ihrem Blick. Es war ein junger Bursche mit einem hübschen offenen Gesicht.
»Ich kann das Bild wegnehmen, wenn es Sie stört.«
»Lassen Sie nur.«
Er sah in die fragenden Augen seiner Quartierwirtin.
»Eine Tasse Tee kann ich Ihnen machen«, sagte sie.
»Gern«, erwiderte er aus Höflichkeit und folgte ihr in die Küche.
»Früher haben wir natürlich nicht hier gegessen … Sie sind noch sehr jung«, fragte sie neugierig.
Er nickte stumm.
»Höchstens siebenundzwanzig …«, fuhr sie fort.
»Dreißig«, berichtigte er mechanisch.
»Und schon politisch verfolgt?«
»Was?«
»Na, Sie haben doch sicher mit den Nazis einen Zusammenstoß gehabt?«
»Wer hat das nicht gehabt?« erwiderte er müde.
»Waren Sie im KZ?« fragte sie, die Stimme dämpfend.
»Nein.« Gereizt setzte er hinzu: »Und wenn ich schon in einem Lager gewesen wäre …«
»Nicht böse sein, Herr Ritt«, entgegnete sie, »ich hab’ bestimmt nichts gegen diese Menschen – aber es gibt doch überall solche oder solche. Oder nicht?«
Das Gerede war ihm gleichgültig; er hatte andere Sorgen. Er mußte sich für einen der Berufe entscheiden, wie sie das Jahr neunzehnhundertsiebenundvierzig zur Auswahl stellte. Er konnte Holzfäller werden, Schwarzhändler, Studiosus, Hilfspolizist, Ost-West-Agent, Benzinschieber, Klubmanager, Spruchkammerermittler, Automarder, Buntmetalldieb oder Schnapsbrenner. Er entsann sich der vier Semester Nationalökonomie, die er vor dem Krieg studiert hatte, und dachte: die Volkswirtschaft ist durch die Zigarettenwährung zu blauem Dunst geworden …
Zunächst einmal wollte er abwarten und sich vom Krieg erholen, obwohl er nicht müde war. Er hatte Zeit und genoß sie. Nach einem Jahrzehnt Leben, das man ihm gestohlen hatte, sollte es ihm auf Wochen und Monate nicht mehr ankommen.
Einstweilen durchstreifte er die Stadt nach Gelegenheiten, nach Mädchen, Zigaretten und Brotmarken. Er sammelte Erlebnisse und nahm sie nicht ernst. Entschlossen, die Militärdoktrinen in grimmiger Umkehr für das Zivilleben zu nutzen, erkundete er ein Schlachtfeld: der Soldat lernt das Gelände kennen und richtet es zur Verteidigung und Angriff ein.
Die Luft war lind. Die Sonne hatte zwischen den Mauern der Stadt die Wärme gespeichert. Der Frühling lockte die Menschen auf die Straßen, in die Parks, in die Grünanlagen, aus der Stadt hinaus. Die Passanten gingen paarweise oder zu dritt; die Schuttberge versteckten ihre häßlichen Fassaden hinter wucherndem Grün. Die Knospen öffneten sich wie Fäuste, die nie mehr drohen wollten.
Eine Horde Jungen scherzte mit amerikanischen Soldaten. Die Alten wirkten jünger, die Müden frischer, die Hungrigen satter. Die Nachbarn mochten sich wieder, und irgendwo im Osten tönte feierlich eine Glocke. Die Menschen, die sie hörten, blieben stehen und sahen sehnsüchtig nach oben, als läute diese einsame Glocke den Frieden ein.
Die Mädchen lächelten. Niemand sprach mehr vom Krieg. Die Fenster der ausgebrannten Ruinen sahen nicht mehr aus wie tote Augenhöhlen, sondern waren ganz gewöhnliche Löcher in der Mauer, die mit Mörtel, Holz und Glas wieder zu Fenstern gemacht werden konnten.
Martin ging allein und ziellos durch die Straßen. Er merkte heute zum erstenmal nach Jahren hinter Gefängnismauern und Stacheldraht, daß er einsam war, ein Fremder zwischen fremden Wänden, ein Heimkehrer ohne Zuhause, ein Mann, der gern seine Stimme gehört hätte, aber denken mußte, weil er nicht sprechen konnte.
Er traf seinen früheren Mitschüler Rothauch, mit wenig Freude, da er ihn schön damals nicht hatte leiden können. Als er jetzt dessen schlaffe Hand spürte, wußte er, daß sich daran nichts geändert hatte.
»Du?« sagte Rothauch. »Du lebst noch, Ritt?«
»Zweifelst du daran?« fragte Martin lachend.
»Du bist schon der vierte«, sagte er, »aber Maier zählt nur halb, beide Beine ab, der arme Hund – Bömmelmann ist noch in russischer Gefangenschaft.« Er schichtete Schicksale aufeinander wie Ziegelsteine. »Sollte er wirklich nach Hause kommen, dann hat unsere Klasse fünf Überlebende. Diese Quote ist nicht einmal so schlecht. Siehst ja gut aus«, stellte Rothauch fest, »hast dich rechtzeitig klein gemacht? Schöne Scheiße, was?«
»Sicher.«
»Der Zusammenbruch. Wer hätte das gedacht? Wir hätten uns vorsehen sollen. Wir waren eben Idealisten. Ich kämpfe noch um meine Zulassung zum Weiterstudium, machen mir Schwierigkeiten, weil ich bei der SS war.« Er sprach mit gedämpftem Stolz. »Als ob es einen von uns gäbe, der nirgends dabei war. Du warst doch sicher auch in der Partei – oder?« Rothauch lächelte wie ein Fuchs.
»Nein.«
»Ist ja prima!« Das Lächeln in Rothauchs Gesicht wurde starr. »Dann könntest du mir ja für meine Entnazifizierung so einen Wisch ausstellen?«
»Vielleicht.«
»Tu nicht so, alter Junge.« Rothauch lachte gepreßt und klopfte ihm auf die Schulter. »Du wirst doch nicht auch so einer sein. Man kann seine Wunder erleben heute: stell dir vor, der Lessing ist da.« Er sprach flink, geschwätzig. »Kennst du doch noch: Felix Lessing, der Emigrant. Ist heute amerikanischer Captain in München.«
»Was sagst du da?« fragte Martin erregt.
»Ich traf ihn auf der Straße. Ist eine große Nummer bei der Militärregierung. Ein Wort von ihm, und ich wäre aus allem.«
»Felix Lessing?« fragte Martin noch einmal. Seine Backenmuskeln spannten sich.
»Natürlich. Ach, du warst ja immer befreundet mit ihm – aber bilde dir nichts ein, der strotzt vor Arroganz. Weißt ja, wie diese Kerle sind, wenn sie Oberwasser haben.« Seine Schneidezähne grinsten gelb. »Hab’ sie auch schon anders gesehen, im Osten. Zuerst tat er so, als kenne er mich nicht, und dann ließ er mich durch seine Sekretärin ’rauswerfen. Ich sag’ dir, Leute kannst du kennenlernen heute. Dabei war ich noch neunzehnhundertdreiunddreißig auf seiner Geburtstagsfeier. Stelle dir vor, ich als HJ-Führer – bei einem …!«
Felix in Deutschland? begriff Martin langsam. Bei der Militärregierung? In München?
Er ließ den früheren Mitschüler auf der Straße stehen.
Der Mann sah ihm mit giftigem Blick nach.
Auch so ein Schwein, sagten seine Augen.
XI
Die Militärregierung residierte am Stadtrand; der Volksmund nannte die Straße, die zu ihr führte, die Bücklingsallee. In Scharen pilgerten Supplikanten zu den weiträumigen Gebäuden wie zu einem Wallfahrtsziel – freilich nicht wie Gläubige zum Gnadenort, eher wie Hungrige an die Futterkrippe.
Die amerikanische Residenz war ein schmuckloser Betonklotz, der an eine Kaserne erinnerte, was auch daher kommen mochte, daß die Hausherren ausnahmslos Uniform trugen. Das riesige Gebäude hatte ihrer Wahl, nicht jedoch ihrem Geschmack entsprochen: weil es zentral beheizt werden konnte, intakt war und genügend sanitäre Einrichtungen besaß, war der weißgraue Komplex schließlich zu einem Hauptquartier innerhalb des Vier-Zonen-Deutschlands aufgerückt.
Die Hausherren waren Offiziere, aber keine Buchhalter. Sie waren als Sieger gekommen und nicht als Kalfaktoren. Viele von ihnen wußten, wie man einen Atlantikwall durchbricht, wenige aber, wie man einen Trümmerhaufen verwaltete, was sie nunmehr besorgen sollten, da aus dem Kreuzzug in Europa ein Kreuzweg in Germany geworden war.
Martin näherte sich dem Portal. Er trug einen neuen Anzug aus Zellwolle, der grau war und an den Schultern scheuerte, Bezugsscheinware, dazu schwarze Halbschuhe, ein weißes Hemd mit amerikanischem Kragen, eine dunkelrote Strickkrawatte und deutliche Lust am Leben. Er ging mit saloppen Schritten wie einer, der Zeit hat und Geld, die Not nicht sieht, den Hunger nicht kennt und den Hausarzt nicht fürchtet.
Er betrat die Portiersloge, als erobere er sie; der Pförtner hatte eine gerötete Glatze, eine wichtige Miene und eine selbstgedrehte Zigarette.
»Was wollen Sie?« fragte er in strengem Ton.
»Ich möchte zu Captain Lessing.«
»Haben Sie eine Vorladung?«
»Nein.«
»Dann müssen Sie sich schriftlich anmelden.« Der Pförtner reichte Martin einen Fragebogen. Er sah, daß der ungeladene Besucher ihn gleich ausfüllen wollte, und sagte: »Sie müssen das mit der Post schikken. Sie erhalten schriftlichen Bescheid, so rasch geht das bei uns nicht.«
Martin war erfahren im Umgang mit Behörden und mit Hausverwaltern, die sich wie Hausherren aufführten; er wies seinen Ausweis als Verfolgter des Regimes vor. Ein durchschlagender Erfolg blieb ihm zunächst versagt, denn sehr viele, die hier ein und aus gingen, waren politisch verfolgt worden – oder wollten es gewesen sein.
»Trotzdem«, entgegnete der Portier.
»Außerdem bin ich ein Freund von Captain Lessing.«
»Ein Freund? Von Mr.…«, er hob die Stimme, denn der amerikanische Mister-Rang hatte derzeit den deutschen Doktortitel abgelöst, »von Mr. Lessing?« Er griff zögernd zum Telefonhörer, war noch immer mißtrauisch und telefonierte mit dem Vorzimmer. Um von den Gesuchen der Besetzten nicht überschwemmt zu werden, benutzten die Besetzer die Vorräume als Schleusen. »Captain Lessing ist zu einer Besprechung beim Gouverneur. Warten Sie hier«, sagte der Portier. Er deutete auf eine Bank.
Der Gouverneur war am Ende seiner täglichen Konferenz. Sie hatte wie meist der politischen Säuberung sowie der Verbindung zwischen den alliierten Dienststellen gegolten. Da die örtlichen Militärkommandanten wie absolute Fürsten regierten – Washington war weit, und das Pentagon hatte sich mehr mit dem Sieg als mit der Verwaltung des Sieges beschäftigt –, war je nach Format, Herkunft, Temperament und Auffassung der regionalen Regenten die Anwendung der Kontrollratsgesetze verschieden, so daß zwischen den einzelnen Dienststellen ein Gefälle entstanden war, das viele der Besetzten zu nutzen wußten; es konnte in der Praxis dazu führen, daß Deutsche, die man in Bayern eingesperrt hätte, in Hessen als Hilfsbeamte der Militärregierung fungierten oder umgekehrt.
Der Gouverneur, ein bärbeißiger Colonel der Panzertruppen, hatte im Konferenzraum seinen Ressortchefs einige Beispiele der letzten Zeit berichtet, die von den Offizieren mehr belustigt als erschüttert aufgenommen worden waren. Im übrigen verfügte der Oberst über viele Kriegsauszeichnungen und wenig Verwaltungserfahrungen. Er trug kurze graue Haare zu einem jungen Gesicht, und er war guter Laune, da ihm die beantragte Versetzung von der US-Army bereits zugesichert war.
Captain Lessing saß am Fenster auf der Heizverkleidung und verfolgte mit übereinandergeschlagenen Beinen und verschränkten Armen die tägliche Konferenz.
Er war vielleicht einer der klügsten, sicher aber einer der unbeliebtesten Offiziere im Haus. Er kümmerte sich so wenig darum wie um den Whiskydunst, der von ihm ausging. Seit einigen Monaten hatte er sich angewöhnt, schon am frühen Morgen mit dem Trinken zu beginnen. Felix verbarg es nicht, sondern betonte es noch, denn sein Gesuch um Versetzung war noch nicht genehmigt worden, da der Gouverneur selbst auf einen trinkenden Captain Lessing nicht verzichten wollte, zumal der Alkohol ihn nicht verdummte, sondern seinen Verstand schärfte.
Dann verfiel Felix in der Officers Mess in den peitschenden, süffisanten Ton, der seine Kameraden verärgerte. Aber lieber mochten sie ihn noch berauscht als nüchtern; in diesem Zustand fürchteten sie seine Art, wenig zu sagen und viel zu wissen, sein spöttisches Zucken um die Mundwinkel, seine knappen Gesten; dann wurden sie unsicher.
»Also, haben wir uns verstanden, Gentlemen?« rief der Gouverneur und beendigte die Besprechung.
Seine Männer nickten ihm zwanglos zu. Ein langer Major sagte zu Felix: »Let’s take a drink!«
»That’s a good idea«, erwiderte Felix. Er ging mit einigen Offizieren zurück in sein Office.
Es lag im zweiten Stock und gehörte zur Informationsabteilung, die die Pressefreiheit in Wort und Schrift kontrollierte. Von einer Militärdiktatur auf dem Verwaltungsweg angeordnet, konnte sie zunächst nicht viel mehr sein als ein gutwilliger, aber gebrechlicher Versuch, den die Papierzuteilung der Besatzung künstlich nährte. Es gab keine Vorzensur mehr – diese seit der braunen Diktatur anrüchige Maßnahme hielt die Militärregierung für überflüssig, denn wenn die deutschen Redakteure ihren Weisungen nicht nachkamen, drohte ihnen die Entlassung.
Susanne, die Dolmetscherin im Vorzimmer des Captains, hörte ihn kommen und erriet aus den Schritten, daß er wieder Besuch mitbrachte. Sie kannte und fürchtete diese Nachsitzungen. Sie sah Felix bekümmert entgegen, der ihr zunickte; drei, vier Offiziere, die ihm folgten, riefen:
»Hallo, Susan!« und betraten lärmend sein Büro.
Er hat wieder einen schlimmen Tag, dachte die Zwanzigjährige. Sie wußte, für Felix war der Alkohol eine Droge gegen die Krankheit Leben. War Felix betrunken, gab er sich brutal, um sich danach um so zärtlicher zu entschuldigen. So wie Susanne ihn haßte, wenn er trank, liebte sie ihn, wenn er nüchtern war.
Sie litt an ihren Gefühlen für ihn. Sie nahm sich vor, ihn zu verlassen, wußte aber, daß sie es nicht konnte, denn sie spürte, wie sehr er sie brauchte, weil er sie liebte und dagegen ankämpfte. Es war, als wolle er die Haß-Liebe zu dem Land, in dem er geboren war, auf Susanne übertragen.
»Die Konferenz ist beendet!« rief der Portier Martin zu. »Gehen Sie zur Anmeldung im zweiten Stock. Wenn die Sie vorlassen …«
Martin stand auf und hastete über den Gang. Das Unbehagen, das sich verbreitete, je mehr er sich der zweiten Etage näherte, war ihm nicht anzusehen. Ob Felix weiß, wer in der Kristallnacht seinen Vater ermordet hat? überlegte er.
Ob er es mir nachträgt? Unsinn! Sippenhaftung.
Das Haus roch nach Maisbrei, Chlor und Lippenstift. Martin kam an Mädchen mit prallen Busen und leeren Gesichtern vorbei; passierte langbeinige, langhaarige Geschöpfe mit üppigen Lippen und wissenden Augen, traf auf Gängen, unter den Türen, in den Vorzimmern naive, kokette, hochmütige, sachliche, reizvolle Mädchen, die appetitlich und gepflegt wirkten, ein lustiges Englisch sprachen und ihren amerikanischen Dienstherren die saloppe Ungezwungenheit abgesehen hatten.
Nicht wenige spielten Amerikanerin und wollten es durch Heirat werden.
Sicher geben sich einige als Pompadours und nutzen ihr befristetes Regime, dachte Martin, aber alle haben Brüder, Väter, Freunde, die etwas brauchen, und wenn sie schon in den Vorzimmern der Macht sitzen, warum sollten sie sie nicht nutzen? Hier kommen wohl auf 200 Amerikaner 2 000 Deutsche, vorwiegend weiblichen Geschlechts, und so schaffen diese Mädchen der Militärregierung, Dolmetscherinnen, Telefonistinnen und Sekretärinnen, zwischen den Siegern, die zuviel, und den Besiegten, die zuwenig haben, einen natürlichen Ausgleich und kurbeln damit die Volkswirtschaft an …
Er hatte den zweiten Stock erreicht und sah sich nach dem Anmeldeschalter um.
»Was möchten Sie?« fragte eine klare Stimme.
Er betrachtete die Zwanzigjährige mit der klugen Stirn, dem knappen Mund und den hellen Augen.
»Zu Captain Lessing«, antwortete er.
»Oh«, sagte Susanne, »wenn Sie Geduld haben. Ich will es versuchen. Warten Sie bitte.« Auch sie deutete auf eine der Bänke.
Sie standen überall längs der Gänge, und auf ihnen saßen die Wartenden wie Hühner auf der Stange während eines Unwetters.
»Grüß Gott«, sagte ein kleiner bescheidener Mann, der aussah, als warte er schon drei Tage. Er trug einen dicken Anzug mit Knickerbokker.
Martin setzte sich neben ihn. Er hoffte, daß er durch die Tür gehen und Felix einfach auf die Schulter klopfen könnte. Aber er hatte auch nichts gegen eine Verzögerung.
Er hörte Stimmengewirr von drinnen, er sah deutsche Angestellte hin und her hasten, sah Besucher kommen und gehen. Manche wirkten, wenn sie mit den amerikanischen Offizieren sprachen, als bückten sie sich beständig, um mit dem Kopf nicht gegen eine unsichtbare Decke zu stoßen.
»Flachbauer, mein Name«, sagte der Mann in den Knickerbockern, »wollen Sie auch eine Lizenz?«
»Für was?«
»Na, heutzutage braucht man doch für alles eine Lizenz, und die Amerikaner sind Bürokraten, kann ich Ihnen sagen, schlimmer als unsere.«
»So long, Felix«, rief ein Bariton von drinnen.
Flachbauer brach das Gespräch ab und sah gespannt zur Tür, aus der vier Offiziere kamen. Der Mann auf der Bank stand auf und grüßte einen von ihnen; doch die Amerikaner gingen an ihm vorbei, als hätten sie ihn nicht gesehen.
Felix Lessing saß in seinem Büro mit angezogenen Beinen. Auf seinem Schreibtisch stand die Whiskyflasche. Susanne sah, daß sich seine Pupillen verfärbten, violett wurden wie Eis im Föhn, und sie wußte, daß sein Gesicht in Stunden wieder aussehen würde wie ein vertrocknetes Flußbett.
»Kann Flachbauer jetzt kommen?« fragte sie.
»Kann warten«, erwiderte der Captain und lehnte sich zurück.
Die Tür zum Vorzimmer stand offen. Felix sah Susanne, verfolgte ihre sicheren, geschickten Bewegungen. Er kannte ihr kurzes Leben auch aus den Akten. Der Fragebogen war in dieser Zeit Beichte wie Visitenkarte. Er wußte, daß Susanne aus einer katholischen Familie kam, daß ihr Bruder gefallen und ihr Vater politisch farblos und unbelastet war: kein Nationalsozialist und kein Antifaschist, ein braver Bürger.
Sie hatte nie mit ihm über ihre Familie gesprochen, nie etwas von ihm gewollt, und selbst wenn sie ihm zürnte, versuchte sie es zu verbergen. Er begriff, daß sie ihn richtig nahm, daß er ihre Passion war, während er Susanne doch nur als Episode ansehen wollte.
Felix trank. Er sah Susannes schweigenden Vorwurf und hielt ihr die Flasche vor wie ein rotes Tuch.
»Willst du etwas?«
»Nein.«
»So du etwas wolltest«, sagte er mit harter Stimme, »wäre es besser, du würdest es sagen.«
Sie überging seine Worte. Ihre Lippen schlossen sich wie eine wattierte Tür.
»Okay«, sagte Felix, »dann ruf diesen damned guy« herein.«
Flachbauer trat mit einer Verbeugung ein.
»Mr. Lessing«, begann er, »leider kann ich nicht englisch, und so muß ich Sie bitten …«
»Zur Sache, bitte!« unterbrach ihn Felix. Ungeduldig setzte er hinzu: »Sie haben Ihre Unterlagen doch schriftlich eingereicht?«
»Ja – und außerdem …«
»Gleich«, sagte der Captain.
Er ließ sich von Susanne den Akt Flachbauer bringen, schlug den Leitzordner auf, ohne den Mann zu betrachten, der seine Schuhspitzen besah. Sie glänzten vor Sauberkeit. Alles war reinlich an diesem Besucher, selbst sein Fragebogen. Felix Lessing konnte in fünf Minuten fünfzig Jahre Leben überblicken.
Er sah diesen Mann in den Knickerbockern als Sekretär einer konfessionellen Organisation vor sich, einen harmlosen Menschen, der nach der Machtergreifung ein paar Tage lang für seine Religion in Haft kam – während sich seine Kirche bereits, wenn auch nur zeitweilig, mit Hitler arrangiert hatte –, er sah die Familie Flachbauer, die Zweizimmerwohnung, roch Bohnerwachs und Mottenpulver, hörte das Klavierspiel der Tochter und das Schulgedicht des Sohnes, klappte den Aktendeckel zu und vergaß den Mann, der auf der anderen Seite des Schreibtisches auf dem Stuhl saß, wie alle anderen Supplikanten vor ihm, die viel mehr von dem US-Offizier verlangt hatten als eine Lizenz für farbige Ansichtskarten.
Felix Lessing bemerkte Flachbauers besorgte Miene nicht. Dieses Mal hatte er es leicht. Bei diesem Besucher brauchte er sich nicht zu fragen, ob er ihm ein Stück künftiger Pressefreiheit anvertrauen könne. Er mochte die Entscheidung nicht, die er zu treffen hatte, weil er den fatalen Gedanken nicht loswurde, daß viele Berufene, die das Dritte Reich überlebt hatten, lieber schwiegen, als den Weg über die Bücklingsallee anzutreten.
Am leichtesten hatte es Felix mit Männern, die er rufen ließ, weil sie nicht freiwillig kamen. Schwieriger war es mit anderen, die sich an ihn herandrängten. Er war kein Diogenes. Er brauchte auch in vielen Fällen keine Laterne, weil sich manche seiner Gäste selbst ins Licht setzten.
Während der Captain dasaß, rauchte, nach Whisky roch und Susannes knappe Bewegungen verfolgte, mußte er seine Besucher auf weiße, graue oder schwarze Listen setzen und zuhören, wie sie die Lücken ihres Lebenslaufes füllten, um gute Vergangenheit in genutzte Gegenwart zu verwandeln.
Felix Lessing war draußen gewesen, in Übersee, weit weg vom Mord, und sollte nun hier rasch und ex cathedra entscheiden, welche seiner Besucher Menschen wie seinen Vater verfolgt oder ihnen heimlich geholfen hatten.
Nicht nur diese Verantwortung drückte. Weil der Militärregierung, oft in bester Absicht, Fehler unterliefen, versuchte er, in seinem Ressort gründlich zu arbeiten.
Er wußte, daß aus den Leuten, denen er heute eine Lizenz gab, die Mächtigen von morgen werden konnten.
Felix versuchte verzweifelt, die richtige Wahl zu treffen, jagte die Aspiranten durch ein umständliches und gefürchtetes Clearing-Verfahren, ließ von Ermittlern ihr Leben umgraben wie ein braches Feld, fand meistens nichts und irrte doch oft.
Wie gestern, da er einem Verleger die Lizenz abnahm, weil der Mann seine Mitarbeit an der braunen Presse mit Erfolg verheimlicht hatte. Jetzt mußte der Captain binnen kurzer Zeit einen anderen Kandidaten suchen, sich dabei der Gefahr aussetzend, durch Zeitnot einen noch größeren Fehler zu begehen.
Felix betrachtete den Mann mit der durchsichtigen Vergangenheit: Er wollte wenig. Das sprach für ihn. Er hat kein Format, dachte Felix, aber saubere Hände. Ist es nicht besser als umgekehrt?
»Also, Sie wünschen eine Lizenz?« fragte der Captain.
»Ja, Mr. Lessing – für handkolorierte Ansichtskarten.«
»Aber deswegen brauchen Sie doch nicht zu mir zu kommen«, erwiderte Felix zerstreut.
»Es ist eine Verordnung der Militärregierung.« Der Mann mit den Knickerbockern schaute auf den Boden, um den US-Offizier nicht der Unkenntnis seiner eigenen Order zu bezichtigen.
»Warum sind Sie eigentlich so bescheiden?« fragte Felix. »Warum begnügen Sie sich mit Postkarten?«
»Es würde ausreichen für meine Existenz.«
»Vielleicht hätte ich etwas anderes für Sie.« Der Captain lächelte über sich. Ja, er hatte es satt, die Wortreichen zu lizenzieren, und außerdem soufflierte seinem spontanen Einfall der Alkohol: »Eine Lizenz für einen Zeitungsverlag.«
Der Besucher verstand ihn nicht; er bangte um seine Ansichtskarten.
»Ich suche noch jemanden für den Tageskurier«, sagte Felix. »Es ist eine der Lizenzen frei, vielleicht für Sie. Was halten Sie davon?« Felix verfolgte jede Regung im Gesicht Flachbauers, bereit, sein Angebot sofort als Scherz abzutun, falls sich sein Besucher als zu gierig, zu töricht oder zu schlau erwies.
Der Bewerber antwortete überhaupt nicht. Er kannte das Projekt Tageskurier, aber es war ihm zu groß.
»Na, was meinen Sie?«
»Ich habe zwar früher schon für eine Zeitung gearbeitet«, antwortete der Mann in den Knickerbockern, »aber ich verstehe vielleicht doch zu wenig davon.«
Felix erläuterte Flachbauer, daß man in Aufgaben hineinwachsen könne und die derzeitige Presse ohnedies von dér Improvisation lebe. Er lächelte über die vertauschte Rolle: statt daß er sich beschwatzen ließ, versuchte er, einem Besucher eine Lizenz aufzureden, von deren Wert der Mann wahrscheinlich keine Ahnung hatte.
Schließlich wollte der Captain ungeduldig die Postkartenerlaubnis ausstellen, als ihm der Mann, der jetzt nervös wirkte, aber doch wohl seine Chance erfaßte, sagte:
»Bitte, verstehen Sie, Mr. Lessing, eine so große Sache möchte ich mit meiner Familie – vor allem mit meiner Frau besprechen.«
»Gut«, sagte Felix lachend, »fragen Sie Ihre Frau; und kommen Sie wieder.«
Flachbauer verließ das Vorzimmer des Captains so rasch, als sei er bedroht worden. Sein Gesicht war zerstreut. Er debattierte innerlich wohl schon mit seiner Frau und ging so achtlos an Martin vorbei wie vorher die amerikanischen Offiziere an ihm. Martin brauchte nicht erst zu fragen, ob er Erfolg gehabt hatte; aber er konnte nicht ahnen, wie reich dieser unscheinbare Flachbauer durch eine Unterschrift seines Freundes binnen weniger Jahre werden würde.
Das Lächeln entspannte den Captain. Susanne war dem Mann mit den Knickerbockern dankbar dafür. Sie betrachtete Felix und sah, daß die Iris seiner Augen nicht mehr violett war, sondern blau, und der Blick auch nicht starr, sondern lebhaft.
Er zog Susanne kurz an sich. Seine Hände streichelten ihre Haare. Sie sah überrascht zu ihm auf, denn sie wußte, daß er Zärtlichkeiten im Office nicht mochte.
»Es ist noch ein Besucher da«, sagte sie.
»Schluß für heute! Der Nachmittag gehört uns.«
»Er hat schon so lange gewartet.«
»Oder willst du nicht?« fragte Felix und spielte mit der Flasche. Er sah Susanne dabei an, als hinge es von ihrer Antwort ab, ob er weitertrinke.
»Doch – aber drei Minuten bloß«, bat sie.
»Eine«, erwiderte er. »Wie heißt denn der Kerl?«
»Ritt«, antwortete sie.
Die Flasche knallte auf den Schreibtisch. Felix Lessings Stimmung kenterte wie ein Boot im Sturm. Sein Gesicht wurde hart, sein Kinn spitz, seine Nase weiß, und seine Augen waren auf der Flucht.
»Den gibt es doch nicht mehr«, sagte er, »den haben wir doch aufge …«
Er stand benommen auf und ging mit schwankenden, taumelnden Schritten zur Tür. Seine unsichere Hand lag schwer auf der Klinke. Dann drückte er sie nach unten.
Die beiden Freunde standen einander mit dem gleichen unsicheren Lächeln gegenüber.
»Martin!« stieß Felix leise hervor; seine Stimme schien sich im Nebel von Landsberg zu verlieren.
XII
Die Mauer zwischen den beiden Freunden war neun Jahre hoch, und so standen sie links und rechts von ihr, in ihrem Schatten geduckt, und versuchten, sie flinkhändig einzureißen. Doch leicht machte es ihnen die Trennwand nicht, und so tauschten sie Banalitäten, leerten Gläser, versicherten sich gegenseitig, wie gut sie aussähen, miteinander sprechend, ohne sich etwas zu sagen.
»Wir fahren zu mir«, sagte Felix schließlich.
Er lief so rasch durch das weiträumige Gebäude der Militärregierung, daß Martin wiederholt hinter ihm zurückblieb; es sah aus, als schäme sich der amerikanische Captain seines deutschen Begleiters, aber Felix wollte zunächst nur Martins Fragen zuvorkommen und auch verhindern, daß er selbst fragte.
Er hatte es schwerer als Martin, der auf die Begegnung eingestellt war. Der Freund war für Felix ein feierliches fernes Denkmal gewesen, vor dem die Erinnerung mit schwindendem Aufwand paradierte. Jetzt stand Martin vor ihm, robust, gesund, beweisend, wie sehr er lebte.
Sie saßen nebeneinander im offenen Wagen. Der Fahrtwind blies den Alkohol aus den Köpfen, den Firnis, mit dem sie die Verlegenheit überzogen hatten. Es war später Nachmittag, Büroschluß, aber die Straßen waren fast ohne Verkehr. Dennoch sah Felix hartnäckig nach vorn, als sei er ein schlechter Fahrer, der pedantisch auf den Verkehr achten müsse; er wollte Zeit gewinnen.
Martin schaute ihn von der Seite an, betrachtete das straffe Gesicht seines Freundes. Er sah die hohe zerklüftete Stirn, er bemerkte das vertraute Wetterleuchten. Er ist älter geworden und reifer, dachte er, geprägt von dem Jahrzehnt, das zwischen uns liegt. Neun Jahre genau: so lange haben die alten Griechen Troja berannt; so viele Leben hat uns die Zeit gestohlen.
»Ich weiß mehr von dir, als du denkst«, sagte Felix. »Ich bin auf deine Militärakte gestoßen, nur …«
Er bog von der Hauptstraße ab, wählte links eine Abkürzung, sah weit vor sich eine Frau in der Mitte der Fahrbahn, die zuerst nach vorn, dann zurück wollte und jetzt unschlüssig stehenblieb; obwohl er leicht an ihr vorbeigekommen wäre, hielt er an.
»… nur wußte ich nicht«, sprach er weiter, »daß dieses Urteil nicht vollstreckt wurde.« Seine Stimme hallte unnatürlich wie in einem leeren Raum. Es kam daher, daß er die Worte einzeln abwog, bevor er sie aussprach, und dadurch den Ton verzog, ihnen den Fluß nahm. »Und so habe ich auch gar keinen Versuch gemacht, dich zu finden.«
Der Wagen stand an der Kreuzung. Obwohl sie frei war, hielt Felix in übertriebener Vorsicht. Nach jeder Seite sichernd, wirkte er unsicher; er achtete auf alles, außer auf den wiedergefundenen Freund.
»Zu dumm«, sagte er, sprach rasch, als sollten seine Worte seine Gedanken überrunden, »es wäre für mich natürlich eine Kleinigkeit gewesen, dich aus diesem verdammten Camp in Reims herauszuholen. Schade um die verlorene Zeit.«
»Ein Jahr mehr oder weniger macht nicht mehr viel aus«, entgegnete Martin, »und auf eins kannst du dich verlassen: Ich werde diese gestohlene Zeit wieder hereinbringen – jeden Tag und jede Stunde!«
Der Wagen hatte den Stadtrand erreicht. Dicke, satte Wolken drohten am Himmel. Die Wälder, Wiesen und Hügel waren von einem finsteren flimmernden Blau.
»Erinnerst du dich an Rothauch?« fragte Martin.
»Ungern.«
»Ich traf ihn zufällig, und er sagte mir, wo ich dich finden kann.«
»Er war bei einer SS-Einheit, die im Osten Polen und Juden …« Felix brach ab.
»Warum stellt ihr ihn nicht vor Gericht?« fragte Martin.
Der Captain antwortete stumm mit der gleichen resignierenden Geste, die Martin schon wiederholt an ihm bemerkt hatte, und sie mochte vielleicht heißen: Was geht es mich an? Oder: Es gibt zu wenig Ankläger. Oder: zu viele Schuldige.
»Nun muß ich leider zur Sache kommen«, sagte Martin. Er mißdeutete das Verhalten des Freundes. »Mein Vater war damals in der Kristallnacht in Frankfurt schuld daran, daß …«
»Das weiß ich«, unterbrach ihn Felix. Es hörte sich an, als spräche er mit vollem Mund.
»Und«, fuhr Martin fort, bestrebt, es rasch hinter sich zu bringen, »er wurde in Landsberg …«
»Auch das weiß ich«, sagte Felix und sah sich um wie gehetzt. »Bitte«, setzte er hinzu, bemerkte die Tankstelle am Wegrand und lief sie an wie ein Versteck. »Wollen wir nicht später …?«
Der Tankwart trug einen schmutzigen Overall und bettelte um eine Zigarette.
Es gingen nicht einmal zwölf Liter in den Tank. Der Mann betrachtete den Captain verwundert, denn er konnte nicht wissen, daß Felix gar nicht auftanken, sondern nur ausweichen wollte.
Endlich erreichten sie die Villa, die Felix bewohnte. Wieder ging der junge Captain so zielstrebig durch den Vorgarten, als wollte er Martin entfliehen; er eilte über den Flur zum Schrank und ergriff, sichtlich erleichtert, eine Whiskyflasche, nahm zwei Gläser, schenkte ein, drehte sich zu Martin um, reichte ihm, an den Augen des Freundes vorbeispähend, ein Glas und sagte:
»Cheerio!«
»Auf uns«, erwiderte Martin und ging im Raum umher, blieb vor Schränken, Truhen und Klubsesseln stehen, die er interessiert betrachtete. Er wollte Felix die Zeit lassen, die er brauchte, und ging deshalb das Mobiliar durch: genormte Stücke von auffälliger, aufdringlicher Schlichtheit, die wohl den Besitzer trotz sichtbaren Reichtums als einen Mann von spartanischer Lebensführung ausweisen sollten. Martin wunderte sich; diese Einrichtung paßte nicht zu Felix.
»Es ist nicht mein Geschmack«, erklärte der Freund, »es ist auch nicht mein Haus. Sein Besitzer braucht es nicht, weil er in einer Baracke wohnt, ein Nazirichter namens Link, und mein Gastspiel in Deutschland ist hoffentlich so kurz, daß sich Anschaffungen nicht lohnen.« Er trank sein Glas aus, Martin flüchtig zuprostend, und füllte sofort nach.
»Du trinkst viel?« fragte Martin.
»Zuviel – und du?«
»Das richtet sich nach der Gelegenheit«, antwortete Martin.
Er ging auf eine Klubgarnitur zu, zog den Freund hinter sich her, drückte ihn in einen Sessel und sagte:
»So, und nun sprechen wir miteinander und stellen diese Sache ein für allemal klar.« Er wartete, bis ihn Felix ansah. »Einverstanden?« Einer Antwort zuvorkommend, setzte er hinzu: »Mein Vater hat also damals in Frankfurt …«
»Du brauchst mir nichts zu erklären« erwiderte Felix. »Ich weiß alles. Seit Jahren. Ich habe es schon Wochen danach erfahren, in Amerika. Und ich kam mit dem Vorsatz – du verstehst mich doch? –, ihn, deinen Vater, für die Tat an meinem Vater, dafür also …«
Felix blickte auf den Boden.
Martin merkte, daß er, statt den alten Ritt anzuklagen, sich selbst verteidigte. »Er hat es nicht anders verdient«, sagte er mit fester Stimme, »und ich verstehe nicht, wie du …«
»Es mag sein, daß er sein Ende verdient hat.« Felix stand auf, kehrte dem Freund den Rücken, holte den Behälter mit Eis, trug ihn zurück, schüttelte die Würfel; es hörte sich an, als schlügen im plötzlichen Frost Zähne aufeinander. »Hör mir gut zu, Martin, ich wollte dieses Gespräch verschieben, aber es hat keinen Zweck, ihm auszuweichen; es wäre nur feige und dumm, und du mußt erfahren – gerade du …«
Felix stellte den Eisbehälter ab. Er sah Martin an. Seine Pupillen glänzten.
»Ich habe deinen Vater gesucht, gejagt und gestellt. Ich – ich habe das Urteil von Dachau erwirkt.«
»Nun, und?« fragte Martin.
»Er war nicht schuldig.«
»Was sagst du da?«
»Nicht in dieser Sache«, antwortete Felix.
»In welcher Sache?«
»Wegen der man ihn hängte.«
»Macht das einen Unterschied?« fragte Martin schroff. »Ich bin ein Realist – mich interessiert, ob ein Mensch schuldig ist oder nicht. Der Text des Urteils ist mir gleichgültig. Es scheint mir unwichtig, ob mein Vater«, er biß auf das Wort wie auf einen Stein, »gehängt wurde, weil er Polen und Russen in das KZ einweisen ließ – oder wegen des Mordes an deinem Vater –, einer mußte ihn anklagen und einer das Urteil sprechen.«
»Du willst mich nicht verstehen«, sagte Felix, »ich habe …«
»Ich bin mit dem Vorsatz aus dem Krieg zurückgekommen«, unterbrach ihn Martin, »Männern seines Schlages heimzuzahlen, was sie an mir, an dir, an deinem Vater, an unserer Generation verbrochen haben –. Ich hätte ihn selbst – wie hast du doch gesagt, Felix? – gesucht, gejagt und gestellt.«
»Du weißt noch nicht alles«, sagte Felix. Er sprach langsam und bedächtig, als reihe er die Buchstaben wie Perlen auf eine Schnur, falsche Perlen, Glasperlen, Plunder. »Du weißt nicht, wie ich das Urteil erwirkt habe.«
»Und?« fragte Martin und spürte Unbehagen, weil ihn Felix so unverwandt und aggressiv musterte, daß sich die Blicke des Freundes wie zwei spitze Nadeln in sein Gesicht zu bohren schienen.
»Ich habe Zeugen erpreßt und bestochen. Ich habe sie zum Meineid gedrängt – und …«
Die Schnur riß. Die Perlen fielen zu Boden. Sie rollten unter die Kommoden und Tische.
»Also los«, Martins Stimme stieß an die Zähne, »erzähl deinen Roman. Mach es rasch – und laß endlich den dummen Schnaps stehen!«
Felix sprach langsam, eindringlich. Zwischendurch betrachtete er den Freund, wie damals an der Universität, als er ihm immer und immer wieder vorschlug, den Verkehr mit ihm aufzugeben, und dabei in Martins Gesicht nach verhohlener Zustimmung suchte. Die verblaßte Erinnerung stand wieder vor ihm, nahm Farbe an, Kontur, Jahre waren weggewischt, die Mauer übersprungen, auch wenn Felix das noch nicht wußte und erst nach und nach begriff, daß sein Freund ein Freund geblieben war und bleiben würde.
Während Felix sprach, brach draußen das Gewitter los, tobte der Wind gegen die Hauswand, prasselten dicke Tropfen an die Fensterscheiben, hinter denen sich die drückende Schwüle verschanzt hatte.
Immer wieder sah Felix zu Martin, verstand nicht seinen Gleichmut: Sosehr ihn seine Haltung beruhigte, so wenig konnte er sie begreifen. Sie schien ihm so unnatürlich, daß sie ihn fast störte.
»So habe ich also«, schloß Felix, »planmäßig und vorsätzlich einen in diesem Fall Unschuldigen …«
»Es reicht!« schnitt ihm Martin das Wort ab und stand auf. Er sah, wie der Freund wieder nach der Flasche griff, nahm sie ihm weg, knallte sie auf den Tisch.
»Jetzt bin ich an der Reihe. Hör mir gut zu, denn ich möchte nie mehr darüber sprechen: Der Mann, um den es geht, ist mir fremd, obwohl ich sein Sohn bin.«
Martin sprach ruhig, gezielt, abgehackt: »Schon als er mir die Mutter nahm, mochte ich ihn nicht; als er deinem Vater die Fabrik abpreßte, verachtete ich ihn. Ich habe ihn gehaßt, als mir im Krieg Dreck und Kugeln um den Kopf flogen, als ich den ersten Toten eingrub und die ersten zerfetzten Därme sah.« Grimmig fuhr er fort: »Als ich im Lazarett verwundet unter der Sauerstoffmaske lag und nach drei Tagen zum Bewußtsein kam, sah ich keine Schwester, hörte keinen Arzt, achtete ich nicht auf die Diagnose: ihn sah ich, fahlgelb, betrunken und randalierend in dieser Mostrichuniform. So sah ich ihn im Kriegsgefangenen-Camp, auf der Fahrt hierher. Wegen dieses Bildes habe ich mich auf die Heimkehr gefreut. Wir – wir sind Zwillingsbrüder des Hasses, mein Lieber …«
Martin blickte nach draußen, als betrachte er die schwefelgelben Blitze, denen der Donner in weiter Entfernung folgte.
»Zurück zur Sache: Wenn wegen dieses Urteils einer mit dir hadern kann, dann bin ich es. Du hast mich um die Abrechnung gebracht. Du hast mir den Wahn vieler Jahre genommen. Verstehst du das? Einem Toten gegenüber habe ich keinen Haß mehr. Er ist mir so fremd wie Millionen andere, die in diesem Krieg umgekommen sind, schuldig und unschuldig, einer neben dem anderen.«
Felix sah zu Martin auf, ungläubig, betroffen, gebannt, fasziniert.
»Im übrigen schaue ich nicht mehr nach hinten«, erklärte Martin, »sondern nach vorn. Mein Vater ist tot, und mit ihm ist unser Problem gestorben, und ich möchte nie mehr über diese Sache sprechen. Haben wir uns verstanden?«
Felix lächelte dünn. Die Falten in seinem Gesicht wirkten wie die ersten Sprünge auf einer Eisfläche.
»Es geht auch gar nicht um unsere Väter«, fuhr Martin fort, »sondern um uns. Allenfalls ist die Frage zu klären, ob ein Captain der amerikanischen Armee und ein Entlassener der deutschen Wehrmacht Freunde sein können. Kapiert?«
Martin riß die Fenster auf.
Von draußen strömte saubere, vom Regen gewaschene Luft in den Raum und nahm ihm die brackige Schwüle. Die Sonne brach durch die abziehenden Wolken. Der Tag wurde wieder licht; die Bäume im Garten glänzten im neuen Grün.
Die beiden Freunde standen nebeneinander und betrachteten schweigend den Regenbogen in seinen phantastischen Farben, der wie eine Traumbrücke war, die sie tragen würde. Ihre Gesichter waren entspannt, ihre Hände ruhig.
Das Gewitter hatte den Tag gesäubert.
XIII
Durch nichts ließ Martin in den nächsten Wochen erkennen, daß er am Anfang einer Karriere stand, die von der Boulevardpresse später als »ein märchenhafter Aufstieg ohne Beispiel« gefeiert werden sollte.
Er gewöhnte sich an die wortreichen Tiraden der Frau Brenner, seiner Quartiergeberin; sie plädierte stets für ihren Mann, einen städtischen Oberinspektor, der fristlos aus dem Dienst entlassen worden war. Ihr Mann, so führte sie aus, hätte unter der braunen Bewegung gelitten und wäre seiner Familie zuliebe 1937 in die Partei eingetreten, lediglich, um Beiträge zu entrichten. Sei das ein Grund, ihn aus dem Amt zu entfernen?
Martin verneinte.
Es waren Gespräche, die an jeder Straßenecke, an jedem Schalter, auf jeder Anklagebank zu hören waren. Überall beteuerten Menschen ihre politische Unschuld, auf ihr schweres Schicksal verweisend; und das Tragische war, daß viele von ihnen recht hatten. Im Netz einer oberflächlichen, summarischen Säuberung blieben vorwiegend die kleinen Fische hängen, denn die Hechte lagen auf Grund oder Untergrund.
Martin war nach Frankfurt zurückgekehrt, um seine Übersiedlung nach München vorzubereiten, wo ihm Felix eine Wohnung beschaffen wollte. Das gesamte Vermögen des alten Ritt unterstand der Property Control, der amerikanischen Vermögensverwaltung. Über einen befreundeten US-Major wollte Felix versuchen, zunächst wenigstens das persönliche Eigentum des Freundes freizubekommen.
Bis dahin saß Martin untätig in Frankfurt herum, warf Rothauch, den lästigen Mitschüler, der Bescheinigungen für sein Spruchkammerverfahren sammelte, hinaus, schlief unter dem Bild Erwins, des Gefallenen, das mit Wachsblumen geschmückt war und ihm zulächelte. Erwin und Martin wurden Kameraden des Zufalls.
Das Leben der Familie Brenner war streng geordnet. Zuerst kam der Kirchenbesuch. Der Oberinspektor war auch während des Dritten Reiches zur Kirche gegangen, aber was er damals verstohlen getan hatte, demonstrierte er jetzt.
Nicht nur er. Auch andere, die früher dem Gottesdienst ferngeblieben waren, betonten jetzt ihr Christentum. Die Kirchentüren öffneten sich weit wie Scheunentore, in die die Ernte eingefahren wurde: mancherlei Fallobst war darunter, das bald von beflissenen Winzern zum Most der Macht vergoren werden sollte.
Dieser Andrang verbitterte den städtischen Oberinspektor Brenner, weil die großzügigen Atteste, die recht bereitwillig ausgestellt wurden, die Bescheinigungen der Leute entwerteten, die, wie er, zur Religion gestanden hatten, zu deren Wesen es freilich wiederum gehörte, zu verzeihen.
Den zweiten Rang nach dem Umgang mit der Kirche nahmen Brenners tägliche Gänge zu Verwandten, Bekannten, Untergebenen und Vorgesetzten ein, die ihm seine anständige Vergangenheit schriftlich bestätigen sollten.
Zu dieser Zeit sammelten die Frauen Kleinholz und die Männer Persilscheine wie dieser Oberinspektor, der dicke Leitzordner damit füllte, da er annahm, vor der Spruchkammer wöge ein Kilogramm Papier schwerer als die einfache Wahrheit.
An dritter Stelle des Alltags stand der Schulbesuch Guidos, der in die fünfte Klasse des Gymnasiums ging, frech und frisch, und zudem der Krösus der Familie war. Er hatte damit begonnen, deutsche Orden an amerikanische Souvenirjäger zu verkaufen, hatte daran auf dem Umweg über Zigaretten ein Fahrrad und einen Fußball verdient und den Schwarzhandel mit den Ehrenzeichen aufgegeben, als er merkte, daß er durch das im übrigen lästige Klavierspiel genausogut verdienen konnte. Er mußte täglich unter Aufsicht seiner Mutter eine Stunde üben, und wenn sie den Raum verließ, stellte er zwecks Abkürzung der lästigen Etüden die Uhr vor, weshalb bei Brenners immer die Stunde vorauseilte, obwohl sie doch sonst notorisch hinter der Zeit blieben.
Guido hatte im amerikanischen Soldatensender einige Modeschlager aufgefischt und konnte sie jetzt ganz leidlich klimpern, wozu ihn Anny, die zweite Untermieterin der Familie, ermunterte, die hauptberuflich im Dienst der deutsch-amerikanischen Verständigung stand, was die bürgerliche Moral der Familie Brenner häufig durch amerikanische Konserven belastete.
Anny, nach der Entnazifizierung des Hausherrn der wichtigste Gesprächsstoff der Familie und willkommene Abwechslung Martins, sah aus wie ein verblaßter Rauschgoldengel, der dringend renoviert werden mußte. Sie hatte kurze blonde Haare und ein kaum stillbares Verlangen nach Männern, dem sich Martin bislang mit Erfolg entzogen hatte, nicht aus Gründen der Moral oder um Frau Brenner gefällig zu sein, sondern weil er es nicht verstand, wie es ein Mann mit einem verblaßten Rauschgoldengel haben konnte. Aber die Burschen aus Übersee kamen in Scharen, und Anny mußte ihnen erst beibringen, mit ihrem Jeep am Hinterausgang des Hauses vorzufahren, weniger weil sie sich vor den Nachbarn genierte, sondern weil die GIs aus Texas und Alabama dicke Pakete mitbrachten, die zeitweilig in der Badewanne der Brenners eingelagert werden mußten.
Dann machte es sich Anny, wie sie sagte, gemütlich, und Guido, der Sechzehnjährige, mußte sich an das Klavier setzen und You belong to my heart oder No can’t do herunterklimpern, obwohl Anny ziemlich viel mit sich tun ließ. Wenn aber Guido, dessen Musikalität mit Zigaretten und Schokolade honoriert wurde, Don’t fence me in spielte, schossen dem Rauschgoldengel die Tränen aus den Augen, denn Anny war eingesperrt gewesen, in einem Arbeitslager, wegen geselligen Umtriebs mit ausländischen Arbeitern, welches Delikt freilich mehr nymphomanisch als politisch bedingt gewesen war.
Jedenfalls brachte sie einen gewaltigen Nachholbedarf mit; es führte häufig zu Schwierigkeiten im Parteienverkehr, wenn der eine Uniformierte in den Schrank kriechen mußte, während der andere seine Liebe gestand, der Dritte sich im Badezimmer aufhielt und ein Vierter schon im Anmarsch war. Zuletzt gewannen die olivgrünen Soldaten meist einträchtig, aber geschlagen, wieder das Freie.
Dann jeweils begannen die Gewissensfragen der Frau Brenner, die einerseits ihre »politische« Untermieterin fürchtete und deshalb Geschenke nicht zurückweisen wollte, andererseits zu anständig war, um sich an dem Treiben »einer solchen« zu bereichern. Aber was hieß schon bereichern, wenn die ganze Familie Hunger hatte und auch der andere, anständige, wenn auch ebenfalls politische Untermieter Martin Ritt als alleinstehender Junggeselle einmal etwas Warmes im Magen haben sollte? Zumal sich seine Quartiergeberin längst überlegte, wie sie ihn in den Feldzug zur Rehabilitierung ihres Mannes einspannen könnte, was immerhin schwierig war, da der Verfolgte den Belasteten erst seit ein paar Wochen kannte.
Aber die resolute Frau sagte sich, daß, wo ein Wille, ein Weg sei; und so saß Martin notgedrungen am Familientisch und aß das mittels Zwiebeln und Petersilie veredelte Cornedbeef aus der Büchse, dazu geröstete Kartoffeln und grünen Salat, auf dem Guido lustlos herumkaute.
»Nun iß!« sagte Frau Brenner zu ihrem Jüngsten. Sie sah zu dem Zimmer, in dem Anny vermutlich wieder nicht allein schlief, verzog den Mund und sagte: »Die ist noch nicht aufgestanden. Noch immer nicht.« Sie wandte sich an Martin, der froh war, beim Thema Nummer zwei zu sein. »Sie mag ja Schweres durchgemacht haben«, fuhr Frau Brenner fort, die Stimme dämpfend, »aber das geht doch wohl zu weit – meinen Sie nicht auch, Herr Ritt?«
Der gewesene Oberinspektor sprach wenig. Er litt. Um seinen Beruf zu erhalten, war er in die Partei eingetreten; nun hatte er ihn deswegen verloren – das begriff er nicht.
»Es geht mir ja nur …« Frau Brenner betrachtete Guido. »Es kommen ja einmal wieder normale Zeiten und dann …«
»Und dann?« fragte der Junge ungezogen mit vollem Mund. »Sagt ihr dann wieder, daß ihr gezwungen wart, mitzumachen?«
»Guido!« verwies ihn die Mutter und wandte sich wieder an Martin: »Gewiß, wir haben den Krieg verloren – aber muß ich so etwas in meiner Wohnung dulden, selbst wenn mein Mann bei der Partei war?«
»Ich glaube nicht«, erwiderte Martin ernsthaft.
»Dann verbiet ihr doch, daß sie es mit den Amis treibt!« rief Guido laut.
»Pst!« erwiderte Frau Brenner. »Und drück dich nicht so gewöhnlich aus! Da sehen Sie es, Herr Ritt, wie das abfärbt, wie …«
»Wie was abfärbt?« fragte der Junge. »Das Cornedbeef? Das Fett? Warum redet ihr von Moral und freßt doch das Zeug? Wo ist denn das Fleisch her? Womit hast du die Soße gemacht?«
«Guido, ich bitte dich!« sagte der stille Oberinspektor scharf.
»Entschuldigen Sie«, wandte sich seine Frau an Martin.
»Habt ihr nicht erlebt«, fuhr der Junge fort, »wie weit ihr mit euren Schwindeleien gekommen seid? Und jetzt schwindelt ihr schon wieder!«
Er stand auf, warf die Serviette auf den Tisch:
»Warum sprichst du mit ihr? Warum gibst du ihr die Hand? Warum wirfst du ihr den Plunder nicht vor die Füße? Warum wohl?« Guido beugte sich zornig zu seiner Mutter hinab: »Weil du satt werden willst. Ich auch. Dann laßt aber gefälligst das dumme Gefasel von Moral und so!«
Der Junge warf die Tür hinter sich zu.
Seine Mutter weinte.
»Es tut mir leid, Herr Ritt«, klagte sie zwischen Tränen, während ihr Mann sich lautlos schämte, »aber Sie sehen ja, wie die Kinder in dieser Zeit verwildern.«
»Es wird schon alles werden«, sagte Martin und folgte Guido.
Draußen schloß er mit dem Jungen Freundschaft und träumte davon, daß die heranwachsende Generation aus lauter wilden, respektlosen Guidos bestehen möge.
Am nächsten Tag fuhr ein Jeep vor, der nicht am Hinterausgang hielt, sondern auf der Straßenseite. Ein dicklicher GI keuchte die Treppe herauf und fragte sich nach Martin durch. Er hatte Befehl, ihn in das Hauptquartier der Frankfurter Militärregierung zu schaffen, das im beschlagnahmten Hochhaus der IG-Farben lag, deren Direktoren zur gleichen Zeit vom Nürnberger Militärtribunal abgeurteilt wurden.
»Es tut mir leid«, begrüßte ihn ein Major mit einem Pferdeschädel, der schriftdeutsch mit leicht schwäbischer Klangfarbe sprach, »einem Freund von Captain Lessing hätte ich gern geholfen, aber ich komme selbst nicht durch das Gestrüpp der verdammten Bürokratie.« Er bot Martin eine Zigarette an. »Es kann noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis ich aus dem Vermögen Ihres – Ihres Vaters …«
»Ich habe nicht die Absicht«, unterbrach ihn Martin, »etwas aus dem Vermögen meines – meines Vaters an mich zu nehmen.«
»Nonsens«, knurrte der Pferdekopf, »mit Ressentiments kommen Sie nicht weiter, Mr. Ritt.« Er sah seinen Rauchringen nach, die wie kleine Schlingen aussahen. »Wir haben eine Möglichkeit gefunden, Ihnen wenigstens unter der Hand zu helfen.«
Die Waldhütte, die der alte Ritt während des Zusammenbruchs als Zuflucht benutzt hatte, diente jetzt einem Colonel als Jagdhaus. Der Offizier war damit einverstanden, daß Martin sich dort holte, was er für brauchbar hielt, und ließ ihm den Schlüssel überreichen. Der Major von der Property Control lieh ihm Jeep und Fahrer für den ganzen Tag.
Eine Stunde später stand Martin mit zwiespältigen Regungen vor der Jagdhütte. Sie lag in einer Waldlichtung, die von der Sonne verwöhnt wurde, an leicht erhöhter Stelle, von Mischwald umsäumt.
Das Schloß war eingerostet, der Schlüssel brach ab. Der dicke Amerikaner fluchte, riß den morschen Holzladen auf, schwang sich auf den Sims, trat mit dem Gummistiefel die Scheibe ein, setzte das Käppi nach hinten, grinste und sagte:
»All right – go in!«
Spinnweben streiften Martins Gesicht. Verbrauchte Luft schlug ihm entgegen. Er kam sich, als er das zwecklose Asyl seines Vaters betrat, wie ein Grabräuber vor. Er riß die anderen Fenster auf. Das Licht fiel auf eine dicke Staubschicht, mit der die Zeit den Raum gepudert hatte. Langsam vertrieb der Luftzug den Geruch von Holz, Nässe und Fäulnis.
Martin wollte nicht an seinen Vater denken, aber er spürte unwillkürlich die Angst und die Einsamkeit, die der alte Mann erlebt haben mußte. Er hat, so dachte Martin, gefehlt und gebüßt – mehr gebüßt als andere, die unbehelligt blieben –, und diese glatte Rechnung erlaubt es mir, mich mit ihm auszusöhnen.
Martin sah sich um und spürte beim ersten persönlichen Kontakt, den er seit vielen langen Jahren mit der Welt seines Vaters hatte, Mitleid.
Er schüttelte es ab und begann, die Schränke und Truhen zu durchsuchen. Er fand Anzüge, deren Hosen und Ärmel ihm zu kurz und deren Jacken ihm zu weit waren. Gutes Material, das man ändern konnte, aber Martin faßte die Kleidungsstücke mit spitzen Fingern an. Zwischen den Socken stieß er auf das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz und steckte es lächelnd für Guido ein, der für dieses seltene Ehrenzeichen mindestens hundert Zigaretten herausschlagen würde.
Die Ausbeute war schmal. Martin hatte es nicht anders erwartet. Er war auch nur gekommen, weil Felix es vorgeschlagen hatte. Er war Überlebender und wollte nicht mehr nach hinten sehen.
Auch das Bücherregal versprach wenig. Brehms Tierleben hielt sich noch aufrecht; die Germanischem Heldensagen waren schräg abgerutscht, und Grimms Volk ohne Raum lag mit dem Gesicht im Staub, umrahmt von Kriminalromanen.
Hinter der Badezimmertür hing ein schwarzes Nylonnegligé, das vermutlich der Gefährtin des derzeitigen Hausherrn gehörte. Martin ging weiter in den Keller, stieß auf leere Wein-und Kognakflaschen, auf weggeworfene Schuhe mit defekten Absätzen und ein Radiogerät, Marke Volksempfänger, das bei der letzten Party in Stücke gegangen war.
Schließlich ging die Rechnung dieses Tages auf: Martin hatte keinen Nachlaß erwartet und auch keinen vorgefunden. Er nahm zwei getragene Anzüge unter den Arm und pfiff vor sich hin, wollte durch die Tür, merkte, daß er den Weg durch das Fenster nehmen mußte, und stieß an einen Stuhl, der gegen die holzverkleidete Wand polterte. Er setzte das Kleiderbündel ab, und während er den Stuhl aufhob, sah er zum zweitenmal den Riß über einer Ausbuchtung der Holzvertäfelung, betrachtete ihn genau und erfaßte, daß in einem Hohlraum etwas versteckt war.
Er nahm ein Streichholz, leuchtete hinein und sah ein Bündel Akten. Bevor er sie durchsah, wußte er schon, daß er auf das Fluchtgepäck seines Vaters gestoßen war.
Er fand im ersten Ordner einen ganzen Block Reisemarken, die ungültig waren. Ein dickes Bündel Geldscheine fiel zu Boden, Papiermark, die noch zählte. Er schob sie so achtlos in die Tasche wie das Ehrenzeichen, schaute in den zweiten Ordner und stieß auf geballten Unrat des braunen Systems: Intrigen, Verleumdungen, Verdächtigungen; Momentaufnahmen aus dem Dritten Reich, der Gemeinschaft von Erpressern und Erpreßten.
Als er diesen Abfall auf den Müllhaufen werfen wollte, stieß er auf den Namen Kahn.
Er kannte vier Kahns, und am besten von ihnen Lydia, die Tochter, eine dunkelhaarige, hochbeinige Zwanzigjährige mit schelmischen Augen und einer kecken Figur, das Gegenteil ihres Zwillingsbruders Jakob, der verschlossen und ernst wie sein Vater war und seine Jugend vergessen hatte.
Martin sah Lydia vor sich, im Weiß des plissierten Tennisrocks, das ihre Beine noch gebräunter wirken ließ. Sie flirtete lebhaft herum, ohne sich festzulegen. Ihre großen dunklen Augen mußten viel Trauriges ansehen, aber sie blieben lustig bis zuletzt. Lydia machte in schwerer Zeit ihren Eltern das Leben leichter und einigen ihrer Hasser die Verfolgung schwerer. Sie lächelte die Braunhemden sorglos an, lachte sie aus, und liebte es – wenigstens in der ersten Zeit –, die Augen singender Kolonnen auf sich zu ziehen, obwohl der Vorbeimarsch auf der anderen Seite abgenommen wurde.
Lydia leugnete die Gegenwart, verlachte die Zeit und spielte mit Martin Tennis, solange man sie noch auf den Platz ließ. Sie glich ihrer Mutter und hatte wenig vom Vater, einem Ingenieur, der auf ein halbes Dutzend Erfindungen Patente besaß; diese waren seine Einlage der Werke Lessing & Kahn, die sich mit Metallveredelung befaßten.
Lessing, der Vater von Felix, war der Kopf des Unternehmens; Kahn, sein Teilhaber, die Hand, deren Geschick auch während der wirtschaftlichen Depression der dreißiger Jahre der Fabrik die Vollbeschäftigung bewahrt hatte. Dann kam die Rüstung – allerdings unter neuer Leitung.
Unvermittelt schwand vor Martin das Bild eines lustig flatternden Tennisrocks. Die Buchstaben kreiselten wie Insektenschwärme. Der Schriftwechsel in seiner Hand wog schwer: Aus den vergilbten Blättern schlug ihm Blutgeruch entgegen. Er zwang sich zum Lesen, versuchte, die pedantisch nach Daten geordnete, durch Briefe und unterschriebene Notizen belegte Ungeheuerlichkeit zu begreifen.
4. März 1941:
Frederic Panetzky, Inhaber einer Import-Export-Firma in Zürich, Talstraße, läßt durch Kurier unter Berufung auf die alte Geschäftsverbindung Friedrich Wilhelm Ritt einen vertraulichen Brief überreichen, in dem er anfragt, ob die vierköpfige Familie Kahn noch am Leben sei und ob eine Möglichkeit bestünde, ihr zur Auswanderung zu verhelfen. »Ich bin ermächtigt«, heißt es, »in einem solchen Fall im Namen amerikanischer Verwandter der Kahns, die in Philadelphia, Pennsylvania, leben, ein lukratives Angebot (in Dollars) zu machen. Die Summe, deren genaue Höhe noch auszuhandeln ist und die zur Begleichung der Unkosten usw. dienen soll, würde bei einer Zürcher Privatbank hinterlegt und nach dem Eintreffen der Auswanderer in der Schweiz ohne jede Nachfrage und auch ohne jedes Risiko an mich zwecks Weiterleitung ausgehändigt.«
5. März 1941:
Friedrich Wilhelm Ritt erkundigt sich bei einem alten Korpsbruder, z. Zt. Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt, Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, ob ihm ein Frederic Panetzky, Zürich, usw. bekannt sei.
6. März 1941:
Gaufachschaftsleiter Egon Silbermann teilt »dem alten Kameraden Ritt« auf Anfrage mit, daß die Juden Kahn, Vater, Mutter, Sohn und Tochter zur Zeit in einem Arbeitslager auf ihren Transport in den Osten warteten, der spätestens in einigen Wochen erfolge. »Zwar habe ich seit meiner Rückkehr von der Frontbewährung mit diesen SD-Aktionen nichts mehr zu tun, aber ich könnte immerhin aufgrund alter Beziehungen unter Umständen eingreifen. Wenn Du mir also rechtzeitig mitteilst, was mit diesen Juden geschehen soll, werde ich versuchen, Deine Wünsche entsprechend berücksichtigen zu lassen.«
7. März 1941:
Sturmbannführer K. vom RSHA teilt Friedrich Wilhelm Ritt »streng vertraulich« mit, daß es sich bei Fritz Panetzky um einen Rein-Arier handle, der zur Zeit der k. u. k. Monarchie in Lemberg geboren wurde, es aber 1918 abgelehnt habe, Pole zu werden. »Später schlug sich der Mann als Staatenloser nach Deutschland durch und stellte ein Gesuch auf Einbürgerung. Bei der Überprüfung dieses Antrages kam er mit einer Dienststelle in Berührung, die ich im Reichsinteresse selbst Dir gegenüber nicht näher benennen kann. Panetzky übersiedelte dann nach Zürich, und gründete dort eine Firma; er hat sich offensichtlich bei vielen Aufträgen sehr bewährt. Obwohl er vom Endsieg des Führers überzeugt ist, würde ich ihm mit einer gewissen Vorsicht begegnen.«
9. März 1941:
Aktennotiz über eine Auslandsreise in die Schweiz:
»Sodann teilte ich Panetzky bei einer persönlichen Unterredung mit, daß ich mich für die Auswanderung der mir persönlich bekannten Familie Kahn verwenden würde, falls Pg. Silbermann von der Gauleitung keine Bedenken äußere und das Reich die für seinen Schicksalskampf so nötigen Devisen erhielte. Ich schlug vor, daß die amerikanischen Verwandten der Juden pro Kopf der Auswanderer fünfundzwanzigtausend Dollar, insgesamt also hunderttausend Dollar, hinterlegen sollten, die später auf noch festzulegende Weise der Deutschen Reichsbank …«
2. April 1941:
Panetzky läßt in einem Brief aus Zürich wissen, daß die amerikanischen Verwandten der Kahns mit der Abwicklung »der Sache« zwar grundsätzlich einverstanden seien, aber angeblich hunderttausend Dollar nicht aufbringen könnten und die Hälfte dieser Summe vorschlügen, die sofort überwiesen würde. »Trotzdem erscheint mir dieser Betrag zu gering, zumal ich weiß, daß es sich bei den Verwandten um steinreiche Leute handelt. Um die Aktion selbst nicht durch ein langes Gefeilsche zu gefährden, schlage ich vor, einen der vier Juden – möglichst nicht die Mutter, da es sich bei ihr um die direkte Verwandte der Amerikaner handelt – mit dem nächsten Transport nach dem Osten zu verschicken. Ich bin ganz sicher, daß dann das Geld, und zwar die volle Summe, sofort auf den Tisch kommen wird, wenn man den Leuten in Übersee glaubhaft klarmacht, (vielleicht durch einen Abschiedsbrief oder dergleichen), in welcher Gefahr jüdische Parasiten heutzutage in Deutschland schweben.«
3. April 1941:
Handschriftliche Notiz von Friedrich Wilhelm Ritt: »Ich kann die von Panetzky vorgeschlagene Maßnahme nicht gutheißen und distanziere mich hiermit von dem ganzen Auswandererplan. Selbst wenn ich bedenke, daß es sich bei den Kahns um Menschen handelt, die zu den natürlichen Feinden unseres Volkes gehören, möchte ich doch aus rein menschlichen Gründen eine solche Härte …«
4. April 1941:
»Lieber Kamerad Ritt, … ich bin absolut mit Dir einer Meinung, daß wir uns an Panetzkys Plan in Sachen Kahn nicht beteiligen können. Selbst wenn es mir gelänge, meine rein humanen Argumente auszuschalten, könnte ich schon aus technischen Gründen bei einem solchen Vorhaben gar nicht mitwirken. Als Leiter der Rechtsabteilung beim Gauleiter habe ich mit den Judentransporten glücklicherweise nichts zu tun. Stets zu Deinen Diensten! Dein Egon Silbermann.«
Martin war auf der vorletzten Seite der Akte, die wohl ebenso ein Alibi für Menschenhändler wie eine Kapitalanlage für die Zukunft sein sollte. Und schon bevor er umblätterte, wußte er, wie es weitergehen würde.
Seine Augen brannten. Er sah nach draußen, wunderte sich, daß es nicht regnete, sondern die Sonne schien. Er wandte sich wieder der Vergangenheit zu: dem Vater als Lieferanten, Panetzky als Zwischenhändler, Silbermann als Prokuristen – und den Kahns als Handelsware, deren Preis durch Verminderung des Angebots von vier auf drei hochgehalten werden sollte.
Es war still im Raum. Martin hörte seinen eigenen Atem. Wer, fragte er sich, wer? Der alte Kahn, der nur für seine Firma und seine Familie gelebt hatte? Jakob, der Sohn, der niemals jung gewesen war? Lydia, das lustige Tennismädchen?
Wer von den vier hatte für das Lösegeld der anderen drei sterben müssen, für den Tausch: Geld gegen Blut?
Während Martin das Blatt wendete, schienen Bälle gegen seinen Kopf zu fliegen, harte, schnelle weiße Tennisbälle: Schmetterbälle, Flugbälle, Matchbälle. Aufschlag – Treffer. Vorhand – Treffer. Rückhand – Treffer. Treffer. Treffer …
Martin zog den Kopf tief in die Schultern und las:
2. Juni 1941:
Panetzky teilt dem Reichstagsabgeordneten Ritt der Ordnung halber mit, daß die Affäre Kahn erledigt sei. Vater, Mutter und Tochter wären inzwischen nach Portugal weitergefahren, um von dort per Schiff nach Amerika zu reisen. »Trotz aller Beziehungen hat es sich leider nicht verhindern lassen, daß der Sohn Jakob nach Polen geschafft wurde; über sein weiteres Schicksal ist nichts bekanntgeworden. Zwar erreichte auf sehr dubiosen Schleichwegen ein Abschiedsbrief seine Verwandten in Philadelphia; es handelte sich dabei jedoch vermutlich um eine Fälschung.
Die volle Summe wurde rechtzeitig hinterlegt und steht nach Abzug meiner Provision in Höhe eines Drittels zwecks weiterer Veranlassung zur Verfügung.
Sicherheitshalber darf ich noch einmal dringend auf unsere Vereinbarung hinweisen, daß alle Unterlagen dieser Sache schon im Reichsinteresse zu vernichten sind.«
Also Jakob, dachte Martin, stand auf, schloß die Akte, sah das Kleiderbündel, das er sich zurechtgelegt hatte, fegte es mit der Hand vom Tisch. Er wollte das Jagdhaus verlassen, dachte dann an den US-Colonel, seinen unbekannten Gastgeber, hängte die Anzüge wieder in den Schrank, warf die Hemden hinterher, stieg durch das Fenster und schloß die Läden.
Der rundliche Fahrer schlief im Jeep. Er hatte die Beine auf das Steuerrad gelegt und den Kopf auf die Knie gestützt. Sein Gesicht träumte auf einer üppigen Badeschönheit der Stars and Stripes. Der Mann hörte Martin kommen, fuhr benommen hoch, lächelte leer und stand auf.
»Can I help you?« fragte er mit schläfriger Stimme.
»Thank you.« Martin winkte ab.
Der GI sah, daß Martin nichts in der Hand hielt als einen Schnellhefter, und fragte:
»That’s all?«
»Das ist alles.«
Sie rollten nach Frankfurt zurück. Vor dem IG-Farben-Hochhaus setzte ihn der Fahrer ab. Martin bedankte sich. Der Soldat grüßte flüchtig. Martin griff mechanisch in die Tasche, stieß auf das Geldbündel, reichte es dem GI, der verwundert und beleidigt den Kopf schüttelte.
Martin schleuderte das Geld in den Jeep und ging mit raschen Schritten in das Haus.
»Nuts!« rief ihm der Fahrer nach, tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn und sammelte die Papierscheine ein.
Der Major mit dem schmalen klugen Pferdekopf hatte Martin schon erwartet, stand auf und begrüßte ihn lebhaft.
»Felix hat angerufen«, sagte er, »es ist alles okay, er schickt Ihnen morgen einen Wagen, und Sie können sofort nach München übersiedeln.«
»Danke«, antwortete Martin zerstreut.
»Haben Sie – da draußen – etwas Brauchbares für sich gefunden?«
»Ja.«
Der US-Major merkte, daß Martin nicht sprechen wollte, und griff zu dem Mittel, mit dem man im Jahre 1947 alle deutsch-amerikanischen Verlegenheiten überbrücken konnte: er bot ihm eine Zigarette an.
Sie rauchten schweigend.
Auf dem Gang pfiff einer einen Gassenhauer. Ein paar Soldaten schienen Football zu spielen, polterten gegen die Türen. Mädchen lachten und schäkerten in einem buntsprachigen Kauderwelsch. Es ging auf Dienstschluß zu, und die Menschen in dem weiträumigen Gebäude freuten sich auf ihre Freizeit.
»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?« fragte der Pferdekopf.
Martin zögerte, dachte nach: es war keine Zeit zu verlieren.
»Vielleicht«, antwortete er gedehnt. »In dieser Stadt – bei der früheren Gauleitung – gab es einen Nazi namens Silbermann …«
»Vorname?« fragte der Major und griff nach einem Zettel.
»Egon.«
»Gut«, entgegnete der Offizier, »wenn der Bursche nicht aufgehängt wurde oder inzwischen untergetaucht ist, werden wir ihn gleich haben.«
Er drückte auf einen Klingelknopf, übergab der Sekretärin den Zettel, klopfte Martin auf die Schulter und setzte hinzu: »Und bis dahin nehmen wir einen Drink …«
Sie gingen in die kleine Offiziersbar im Haus und tranken Whisky. Der Major, der Martins düstere Stimmung aus eigenen Erlebnissen kannte, stellte keine Fragen.
Schon nach dem dritten Glas wurde der Offizier an das Telefon gerufen, und noch während des Gesprächs drehte er sich zu Martin um und sagte: »Wir haben ihn.«
Er warf dem Kellner Script-Dollars auf die Theke und zog Martin vom Hocker.
Die Sekretärin hatte bereits die Unterlagen auf den Schreibtisch des Majors gelegt; er überflog sie.
»Was wollen Sie von dem Mann?« fragte er betont leicht.
»Eine Auskunft.«
»Er ist interniert«, sagte das Pferdegesicht. »Es liegt einiges gegen ihn vor. Er geht übrigens bald in deutschen Gewahrsam über.«
»Kann ich ihn sprechen?« fragte Martin.
»Sicher«, erwiderte der Offizier, »aber das ist wieder eine so umständliche Sache.« Er las weiter. Seine Lippen öffneten sich zu einem Riß des Spotts. »Übrigens«, fuhr er fort, »ist Silbermann mit einer Fuhre anderer Nazis für den Weltkongreß der Moral Rearmament ausersehen.«
»Moralische Aufrüstung? Was ist das?« fragte Martin.
»Eine Mischung von guter Absicht und schlechtem Geschmack«, antwortete der Major. Er lächelte mit geschlossenen Lippen. »Mit dem Hauptsitz in Caux.«
»Ihr sperrt ein ganzes Volk ein«, entgegnete Martin leise, »und laßt Nazis in die Schweiz reisen?«
»Nicht etwa nur Nazis«, erwiderte das Pferdegesicht und griff nach seinem Lineal, »die Militärregierung unterstützt alles, was-der deutschen Umerziehung dienlich sein könnte.« Er grinste breit. »Auch das.«
»Gilt das auch für mich?« fragte Martin.
Der Offizier betrachtete ihn gelassen, schob das Lineal weg. »Haben Sie es nötig?«
»Wer nicht?«
Der Pferdekopf sah verblüfft zu Martin, nickte dann:
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