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Kleine Novellen

Wilkie Collins


Inhaltsverzeichnis

Kleine Novellen Fräulein Bertha und der Yankee.(Miss Bertha and the Yankee.) Nr. 1. Fräulein Bertha Laroche von Nettlegrove Hall bezeugt und sagt aus:

I.

II.

III.

IV.

Nr. 2. Julius Bender, Fechtmeister, bezeugte und sagt aus:

Nr. 3. Thomas Outwater, Diener des Hauptmanns Stanwick, bezeugt und sagt aus:

Nr. 4. Seine Ehrwürden, der Pfarrer Alfred Loring von Nettlegrove, bezeugt und sagt aus:

I.

II.

III.

Nr. 5. Herr Friedrich Darnel, Mitglied der Akademie der Wundärzte, bezeugt und sagt aus:

Nr. 6. Herr Lionel Varleigh von Boston in den Vereinigten Staaten von Nordamerika bezeugt und sagt aus:

Die Heirat wider Willen.(Mr. Cosway And The Landlady.)

I.

II.

Erster Zeitabschnitt in Cosways Leben

Zweiter Zeitabschnitt in Cosways Leben

Dritter Zeitabschnitt in Cosways Leben

Vierter Zeitabschnitt in Cosways Leben

Die letzte Liebe des Kapitäns.

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

Miss Dulane und der Lord.(Miss Dulane and my Lord.)

Teil I. Zwei Einwände.

I.

II.

Teil II Die platonische Ehe.

III.

IV.

V.

Teil III.Nachrichten aus der Kolonie.

VI.

Teil IV.Die Nachtschwester.

VII.

Frau Jéromette und der Pfarrer.(Miss Jéromette and the Clergyman.)

I.

II.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

Herr Lepel und die Haushälterin.(Mr. Lepel and the Housekeeper.)

Erste Epoche.

Zweite Epoche.

Dritte Epoche.

Vierte Epoche.

Fünfte Epoche.

Sechste Epoche.

Siebente Epoche.

Achte Epoche.

Herr Lismore und die Witwe.(Mr. Lismore and the Widow.)

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

Herr Marmaduke und der Pfarrer.(Mr. Marmaduke and the Minister.)

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

Mr. Medhurst und die Prinzessin.(Mr. Medhurst and the Princess.)

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

Fräulein Minna und der Reitknecht.(Miss Minna and the groom.)

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

Fräulein Morris und der Fremde.(Miss Morris And The Stranger.)

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

Percy Linwood und der Prophet.(Mr. Percy and the Prophet.)

TEIL 1. Die Prophezeihug.

Kapitel I. Der Quacksalber.

Kapitel II. Die Zahlen.

Kapitel III. Die Beratung.

Kapitel IV. Der Mann.

Teil II. Die Erfüllung.

Kapitel V. Der Ballraum.

Kapitel VI. Liebe.

Kapitel VII. Politik.

Kapitel VIII. Die Warnung.

Kapitel IX. Amtsgeheimnisse.

Erste Anmerkung.

Zweite Anmerkung.

Dritte Anmerkung.

Vierte Anmerkung.

Kapitel X. Die Eröffnung.

Kapitel XI. Verfolgung und Entdeckung.

Letzte Worte.

Der Polizist und die Köchin. (Mr. Policeman and The Cook)

Zunächst ein Wort für mich.

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

Mrs. Zant und ihr Geist. (Mrs. Zant and the Ghost.)

I.

II.

III.

IV.

V.

VI. Das Manuskript der Dame.

VII. Dort endete das Manuskript.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

Impressum

Fräulein Bertha und der Yankee.
(Miss Bertha and the Yankee.)

Aus dem Englischen.

von

Peter Butzer

Vorläufige Erklärungen der Entlastungszeugen, aufgenommen auf dem Bureau des Verteidigers:

Nr. 1.
Fräulein Bertha Laroche von Nettlegrove Hall bezeugt und sagt aus:
I.

Gegen die Mitte des Monats Juni im Jahre 1817 unternahm ich eine Badekur zu Maplesworth in Derbyshire, und war hierbei von meiner nächsten noch lebenden Verwandten — von meiner Tante — begleitet.

Ich bin ein einziges Kind und war an meinem letzten Geburtstage einundzwanzig Jahre alt. Als ich die Mündigkeit erlangt hatte, erbte ich in Derbyshire ein Haus und Ländereien sowie ein weiteres Vermögen in barem Gelde von zusammen hunderttausend Pfund.

Die einzige Erziehung, die ich erhalten habe, habe ich innerhalb der letzten zwei oder drei Jahre meines Lebens empfangen und ich habe so durchaus nichts von der vornehmen Gesellschaft, weder in England noch in irgend einem anderen Teile der zivilisierten Welt gesehen. Ich kann aber, wie es mir scheint, trotz dieser Nachteile doch ein vollgültiger Zeuge sein. Wie dem aber auch sei, ich gedenke die Wahrheit zu sagen.

Mein Vater war ein französischer Ansiedler ans der Insel St. Domingo. Er starb, während ich noch sehr jung war und hinterließ meiner Mutter und mir gerade genug, um davon in dem abgelegenen Teile der Insel, in dem unser kleines Besitztum gelegen war, zu leben. Meine Mutter war eine Engländerin. Ihre zarte Gesundheit machte es ihr notwendig, mich während vieler Stunden des Tages unter der Aufsicht unserer Dienerschaft zu lassen. Ich kann

niemals ihre Güte für mich vergessen, aber unglücklicherweise kam ihre Unwissenheit ihrer Freundlichkeit gleich. Wenn wir reich genug gewesen wären, eine passende Erzieherin aus Frankreich oder England kommen zu lassen, so würden wir sehr wohl daran getan haben. Aber wir waren nicht reich genug. Ich schäme mich zu sagen, dass ich beinahe dreizehn Jahre alt war, ehe ich richtig lesen und schreiben konnte.

Vier weitere Jahre gingen vorüber, und dann trat ein wichtiges Ereignis in unserem Leben ein, welches nichts Geringeres als die Übersiedelung von St. Domingo nach England war.

Meine Mutter war weitläufig mit einer alten und reichen englischen Familie verwandt. Sie erregte bei diesen stolzen Leuten ernstlich Anstoß, als sie einen unbekannten Fremden heiratete, welcher nichts hatte, wovon er leben konnte, als sein Stückchen Land in Westindien. Da sie von ihren Verwandten nichts zu erwarten hatte, so zog meine Mutter das

Glück mit dem geliebten Manne allen anderen Rücksichten vor, und auch ich denke, sie hatte recht. Von diesem Augenblicke an wurde sie von dem Haupte der Familie gänzlich unbeachtet gelassen. Während achtzehn Jahren ihres Lebens als Gattin, Mutter und Witwe kam ihr kein Brief aus ihrer Heimat in England zu. Wir hatten gerade meinen siebzehnten Geburtstag gefeiert, als der erste Brief ankam, durch den meine Mutter benachrichtigt wurde, dass nicht weniger als drei Menschenleben, welche zwischen ihr und der Erbschaft von gewissen Teilen des Familienbesitzes standen, durch den Tod hinweggerafft worden seien. Die Ländereien und das übrige Vermögen, das ich schon erwähnt habe, waren ihr somit nach Recht und Gerechtigkeit zugefallen, und ihre überlebenden Verwandten waren in großmütiger Weise bereit, ihr zuletzt zu vergeben.

Wir ordneten unsere Angelegenheiten in St. Domingo und gingen nach England, um von unserem neuerworbenen Reichtum Besitz zu ergreifen.

Anfangs schien die Rückkehr meiner Mutter in das Klima ihrer Heimat eine heilsame Wirkung auf ihre Gesundheit auszuüben. Aber es war dies nur eine zeitweilige Besserung.

Ihre Gesundheit war durch das Klima Westindiens verhängnisvoll erschüttert worden, und gerade als wir eine passende Persönlichkeit angenommen hatten, welche sich meiner

vernachlässigten Erziehung annehmen sollte, war meine beständige Anwesenheit am Bette meiner Mutter nötig. Wir liebten uns zärtlich und wir wünschten nicht, dass fremde

Pflegerinnen sich zwischen uns drängten. Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, löste mich in der Pflege ab, wenn ich Ruhe nötig hatte.

Während sieben langer trauriger Monate litt unsere Dulderin. Ich habe nur eine Erinnerung, die mich tröstet, der letzte Kuss meiner Mutter gehörte mir — sie starb friedlich, während ihr Kopf an meiner Brust ruhte.

Ich war fast neunzehn Jahre alt, bevor ich die nötige Entschlossenheit in mir fühlte, ernstlich an mich selbst und an meine Zukunft zu denken. In diesem Alter unterwirft man sich nicht gern zum ersten Mal der Botmäßigkeit einer Erzieherin. Da ich meine Tante als meine Gefährtin und Beschützerin hatte, so erklärte ich, meine Lehrer selbst zu nehmen und meine weitere Ausbildung selbst überwachen zu wollen.

Meine Pläne erhielten aber nicht die Billigung des Familienhauptes. Es erklärte — sehr zu Unrecht, wie die Folge ergab — dass meine Tante keine passende Persönlichkeit sei, für mich zu sorgen. Sie hätte die letzten Jahre ihres Lebens ganz in Zurückgezogenheit zugebracht. Sie sei eine gute Seele in ihrer Art — das gab jener zu — aber sie habe keine Kenntnis von der Welt und keine Festigkeit des Charakters. Die richtige Person, mich in die öffentliche

Gesellschaft einzuführen und meine Erziehung zu überwachen, sei die hochsinnige und gebildete Frau, welche seine eigenen Töchter unterrichtet habe.

Mit gebührender Dankbarkeit und Achtung lehnte ich es ab, seinem Rate zu folgen. Schon der Gedanke, so bald nach dem Tode meiner Mutter mit einer Fremden zusammenleben zu müssen, empörte mich. Außerdem liebte ich meine Tante und sie liebte mich. Nachdem das Familienhaupt von meinem Vorhaben Kenntnis erhalten hatte, wurde ich, gerade so wie meine Mutter vor mir, nicht weiter mehr beachtet.

So lebte ich mit meiner guten Tante in Zurückgezogenheit und bemühte mich unablässig, meinen Geist auszubilden, bis mein einundzwanzigster Geburtstag kam.

Ich war nun Erbin, und berechtigt, selbst zu denken und selbst zu handeln.

Meine Tante küsste mich zärtlich. Wir sprachen von meiner guten Mutter und weinten, uns einander umarmend, an dem wichtigen Tage, der mich zu einem reichen Mädchen machte.

Kurze Zeit darauf sollte aber anderer Kummer als vergeblicher Gram um die Tote mich auf die Probe stellen, und es sollten andere Tränen meine Augen füllen als diejenigen, die ich dem Andenken meiner guten Mutter gewidmet hatte.

II.

Ich will nun zu meinem Besuche der Heilquellen von Maplesworth im Juni 1817 zurückkehren. Dieser berühmte inländische Badeort war nur neun bis zehn Meilen von

meiner neuen Heimat Nettlegrove Hall entfernt. Ich hatte mich seit einigen Monaten schwach und niedergeschlagen gefühlt und unser ärztlicher Berater empfahl uns daher einen

Ortswechsel und einen Versuch mit den Heilquellen von Maplesworth. Meine Tante und ich richteten uns dort behaglich ein und hatten uns mit einem Empfehlungsschreiben an den ersten Arzt im Orte versehen. Dieser sonst harmlose und würdige Mann erwies sich seltsamerweise als die unschuldige Ursache der Versuchungen und Verlegenheiten, die mich beim Beginne meines neuen Lebens bedrängten.

Am Tage nach der Abgabe unseres Empfehlungsschreibens begegneten wir dem Arzte auf der öffentlichen Promenade.

Er war von zwei Fremden begleitet, jungen Männern, und, wie ich bei meiner geringen Erfahrung nach ihrer Kleidung und ihrem Benehmen urteilte, vornehmen Herren. Der Arzt richtete einige freundliche Worte an uns und ging dann wieder zu seinen Begleitern. Die beiden Herren sahen nach mir und zogen ihre Hüte, als ich und meine Tante den Spaziergang fortsetzten.

Ich gestehe, dass ich während des übrigen Tages zuweilen an die beiden wohlerzogenen Fremden dachte, besonders an den kleineren derselben, der nach meiner Meinung auch der schönere von beiden war.

Wenn dieses Geständnis etwas kühn erscheint, so möge man sich erinnern, dass ich auf St. Domingo niemals gelehrt worden bin, meine Gefühle zu verhehlen und dass die Ereignisse, welche unserer Ankunft in England folgten, mich vollständig von der Gesellschaft anderer junger Damen meines Alters abgeschlossen hatten.

Am nächsten Tage, während ich mein Glas Brunnen trank — beiläufig bemerkt ein äußerst schmutziges Wasser — gesellte sich der Arzt wieder zu uns.

Während er sich nach meiner Gesundheit erkundigte, erschienen auch die beiden Fremden wieder und zogen wieder ihre Hüte. Sie blickten erwartungsvoll nach dem Arzte, und dieser stellte sie — wohl in Erfüllung eines nach meiner Vermutung ihnen bereits gegebenen Versprechens — meiner Tante und mir förmlich vor: Erstens (ich nenne den hübscheren Mann zuerst) Arthur Stanwick, Hauptmann im Heere und von Indien in Urlaub zu Hause, der sich zu Maplesworth aufhielt, um eine Badekur zu gebrauchen; zweitens Herr Lionel Varleigh von Boston in Amerika, welcher England besuchte, nachdem er ganz Europa durchreist hatte, und nun zu Maplesworth verweilte, um seinem Freunde, dem Hauptmann, Gesellschaft zu leisten.

Da die beiden Herren ohne Zweifel bei ihrer Vorstellung wahrnahmen, dass ich ein wenig schüchtern war, so vermieden sie es zartfühlend, uns ihre Gesellschaft aufzudrängen.

Hauptmann Stanwick strich mit einnehmendem Lächeln seinen Backenbart und fragte mich, ob ich bereits einen Vorteil von meiner Badekur wahrgenommen hätte. Er sprach hierauf mit großem Lob von der reizenden Umgebung von Maplesworth und richtete dann, sich von mir wegwendend, seine nächsten Worte an meine Tante. Herr Varleigh nahm seine Stelle ein. Er hatte nicht den Vorzug eines hübschen Backenbartes und sprach mit vollendeter Würde.

»Ich habe einst den hiesigen Brunnen aus bloßer Neugier versucht. Ich kann daher den Ausdruck verstehen, Fräulein, den ich auf Ihrem Gesichte bemerkte, als Sie eben Ihr Glas leerten. Erlauben Sie mir, Ihnen etwas Feines anzubieten, das den üblen Geschmack des Wassers Ihrem Munde benimmt.« Dabei nahm er aus seiner Tasche eine hübsche kleine Schachtel, die mit Zuckermandeln gefüllt war, und überreichte sie mir. »Ich kaufte sie in Paris,« bemerkte er. »Da ich lange in Frankreich gelebt habe, so habe ich es in der Gewohnheit, Damen und Kindern kleine Geschenke dieser Art zu machen. Ich würde es den Arzt nicht sehen lassen, Fräulein, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Er hat das gewöhnliche ärztliche Vorurteil gegen Zuckermandeln.«

Mit dieser seltsamen Mahnung verbeugte er sich ebenfalls und zog sich bescheiden zurück.

Als ich nachher darüber nachdachte, musste ich mir eingestehen, dass es dem englischen Hauptmann — obgleich er der schönste der beiden Männer war und die feinsten

Manieren besaß — doch nicht gelungen war, meine Schüchternheit zu überwinden. Die ungekünstelte Aufrichtigkeit und die gute Laune des amerikanischen Reisenden dagegen behagten mir durchaus. Ich konnte ihn ansehen, ihm danken und mich erheitert fühlen über seine Teilnahme der Grimasse gegenüber, die ich machte, als ich das schlechtschmeckende Wasser verschluckte. Und doch war es, während ich wach zu Bette lag und gerne wissen mochte, ob wir unseren neuen Bekannten am nächsten Tage wieder begegnen würden, der englische Hauptmann, den ich am liebsten zu sehen wünschte, und nicht der amerikanische Reisende. Jetzt schreibe ich dies nur meiner eigenen Verkehrtheit zu. O Himmel! Jetzt weiß ich es besser als damals.

Der nächste Morgen brachte den Arzt zu einem speziellen Besuche meiner Tante nach unserem Gasthofe. Er ersann einen Vorwand, mich in das anstoßende Zimmer zu schicken,und da ich seine Absicht durchschaute, so war meine Neugier rege geworden. Ich gab ihr nach. Soll ich mein Geständnis noch offener machen? Soll ich eingestehen, dass ich mich soweit herabließ, hinter der Tür zu horchen? Ich hörte meine liebe alte Tante harmlos sagen: »Doktor! Ich hoffe, dass Sie nichts Beunruhigendes in dem Gesundheitszustande Berthas sehen.« Der Arzt brach in lautes Lachen aus. »Gnädige Frau!« sagte er, »es ist nichts in dem Befinden der jungen Dame, was Ihnen oder mir auch nur die geringste Besorgnis verursachen könnte. Der Zweck meines Besuches ist vielmehr der, mich zu rechtfertigen, dass ich Ihnen gestern jene beiden Herren vorgestellt habe. Fräulein Berthas Schönheit hat auf beide außerordentlichen Eindruck gemacht, und beide ersuchten mich dringend, sie vorzustellen. Solche Einführungen sind bei mir, ich habe es kaum zu sagen nötig, ganz besondere Ausnahmen von der allgemeinen Regel. In neunundneunzig Fällen von hundert würde ich Nein gesagt haben. In Hauptmann Stanwick und Herrn Varleigh sah ich indessen keinen Grund zu Bedenken. Lassen Sie mich Ihnen die Versicherung geben, dass ich nicht zwei abenteuernde Glücksjäger Ihrer Bekanntschaft zuführen werde. Sie sind beide Männer von Stellung und Vermögen. Die Familie Stanwick ist mir seit Jahren wohlbekannt und Herr Varleigh überbrachte mir einen Brief von meinem ältesten noch lebenden Freunde, worin dieser für ihn als für einen Gentleman im strengsten Sinne des Wortes einsteht. Er ist von beiden der reichere Mann und es spricht nach meiner Meinung nichts so sehr für ihn, als dass er auch nach einem langen Aufenthalte in Orten wie Paris und Wien sich seinen schlichten Sinn bewahrt hat. Hauptmann Stanwick hat zwar ein leichteres, gefälligeres Benehmen, aber wenn man etwas tiefer blickt, könnte man schließen, dass sein Temperament eher etwas Heftiges und Herrschsüchtiges an sich hat. Indessen, wir alle haben ja unsere Fehler.

Ich kann von diesen meinen beiden jungen Freunden nur sagen, dass Sie kein Bedenken zu hegen brauchen, ihnen Ihr Vertrauen zuzuwenden, wenn sie Ihnen — und Ihrer Nichte etwa gefallen sollten.

Da ich nun, wie ich hoffe, jeden Zweifel beseitigt habe, der Sie beunruhigt haben könnte, so bitte ich, Fräulein Bertha wieder zurückzurufen. Ich fürchte, Sie in der Besprechung Ihrer Pläne für den heutigen Tag gestört zu haben.«

Der geschmeidige, gesprächige Arzt machte für einen Augenblick eine Pause und ich flog von der Tür hinweg.

Unsere Pläne für den Tag umfassten auch eine Spazierfahrt durch die herrliche Landschaft in der Nähe der Stadt. Meine beiden Verehrer stellten sich zu Pferde bei uns ein. Hier war wieder der Hauptmann seinem Freunde überlegen. Vollendet war insbesondere sein Reitanzug und die Art, wie er zu Pferde saß. Der Engländer ritt auf der einen Seite des Wagens und der Amerikaner auf der anderen. Beide plauderten recht angenehm, aber Herr Varleigh hatte im allgemeinen mehr von der Welt gesehen, als der Hauptmann Stanwick, und war sicherlich der interessantere und unterhaltendere der beiden Gesellschafter.

Auf unserem Rückwege wurde meine Bewunderung durch einen dichten Wald erregt, welcher in einer kleinen Entfernung von der Landstraße auf einer Anhöhe herrlich gelegen war. »O Himmel!« sagte ich, ,,wie gerne möchte ich einen Spaziergang in diesen Wald machen!« Flüchtige, unbedachte Worte, aber ach! welche Erinnerungen drängen sich mir auf, wenn ich jetzt an sie denke!

Hauptmann Stanwick und Herr Varleigh stiegen sofort ab und boten sich mir als Begleiter an. Der Kutscher ermahnte sie, vorsichtig zu sein, da sich, wie er sagte, schon oft Leute in diesem Walde verirrt hätten. Ich fragte nach seinem Namen. Er hieß der Hernewald. Meine Tante war nicht sehr geneigt, ihren bequemen Sitz im Wagen zu verlassen, aber sie ging doch zuletzt mit uns.

Ehe wir den Wald betraten, stellte Herr Varleigh die Lage der Landstraße durch seinen Taschenkompass fest.

Hauptmann Stanwick lachte über ihn und bot mir seinen Arm an. Da ich in den gesellschaftlichen Formen und im Kokettieren unerfahren war, so fühlte ich nur instinktmäßig, dass ich den einen der Herren nicht zu rasch auf Kosten des anderen auszeichnen dürfe. Ich nahm daher den Arm meiner Tante und ordnete die Sache auf diese Weise.

Ein sich schlängelnder Pfad führte uns in den Wald. Bei näherer Betrachtung täuschte er mich in meinen Erwartungen; je weiter wir gingen, desto unheimlich düsterer wurde er. Die dicht stehenden Bäume verwehrten dem Lichte jeden Zutritt. Der Nebel umhüllte mich nach und nach so dicht, dass ich einen Schauer empfand. Im Unterholz des dichten Gebüsches raschelte es zuweilen geheimnisvoll, wenn irgendeine unsichtbare Kreatur hindurchkroch. An einer Krümmung des Pfades erreichten wir eine Art Lichtung und sahen den Himmel und den Sonnenschein wieder. Aber gerade hier ereignete sich ein unangenehmer Vorfall. Eine Schlange machte ihren schlängelnden Weg quer über den freien Raum dicht an mir vorüber, und ich war töricht genug, zu schreien. Der Hauptmann tötete das Tier mit seiner Reitpeitsche und fand daran Gefallen. Das sah ich nicht gern.

Wir verließen die lichte Stelle und schlugen einen anderen Pfad ein und dann noch einen anderen. Und fortwährend raubte mir der schreckliche Wald die gute Stimmung. Ich war mit meiner Tante der Ansicht, dass wir gut tun würden, nach dem Wagen zurückzukehren. Auf unserem Rückwege verfehlten wir aber den rechten Pfad und verirrten uns für einen Augenblick. Herr Varleigh nahm seinen Kompass zu Hilfe und zeigte nach einer bestimmten Richtung. Hauptmann Stanwick, der nichts als seine eigene eifersüchtige Stimmung zu Rate zog, zeigte nach einer anderen. Wir folgten der Führung des Herrn Varleigh und gelangten nach der Lichtung zurück. Er wandte sich zu dem Hauptmann und sagte in guter Laune: »Sie sehen, der Kompass hatte recht.« Hauptmann Stanwick antwortete scharf: »Es gibt mehr als einen Weg aus einem englischen Walde; Sie reden so, als wenn wir in einem Ihrer amerikanischen Urwälder wären.«

Herr Varleigh schien seine Heftigkeit nicht zu bemerken; es entstand eine Pause. Die beiden Männer standen auf der braunen Erde der Lichtung Auge in Auge — und des Engländers frische Gesichtsfarbe, hellbraunes Haar und Bart und seine offenen, kühn blickenden, blauen Augen stachen auffallend ab gegen die bleiche Gesichtsfarbe und das schwarze, kurzgehaltene Haar, gegen den scharf beobachtenden Blick und das feingeschnittene Gesicht des Amerikaners. Aber dies dauerte nur einen Augenblick; ich fühlte mich kaum beunruhigt, so beherrschten sie sich auch schon und führten uns zum Wagen zurück, während sie so angenehm miteinander plauderten, als wenn nichts vorgefallen wäre. Indessen, noch tagelang nachher kam mir der Vorfall in der Lichtung — Gesicht und Gestalt der beiden Männer, die dunkle Reihe von Bäumen, die sie von allen Seiten einschloss, das braune runde Fleckchen Erde, auf welchem sie standen — immer wieder ins Gedächtnis zurück und verdrängte hellere und glücklichere Gedanken aus ihm. Als meine Tante mich fragte, ob mich dieser Tag gefreut hätte, verneinte ich dies zu ihrer Überraschung. Und als sie nach der Ursache fragte, konnte ich nur antworten: »Es wurde alles durch den Hernewald verdorben.«

III.

Drei Wochen sind seitdem vorübergegangen.

Das Entsetzen über jene furchtbaren Tage beschleicht mich wieder, wenn ich an sie denke. Ich gedenke die Wahrheit ohne Beben zu sagen; aber ich möchte doch wenigstens meine eigenen Gefühle insoweit berücksichtigen, als ich bei gewissen Einzelheiten so kurz wie möglich verweile. Ich werde mein Verhalten gegen die beiden Männer, die um mich warben, am deutlichsten schildern, wenn ich sage, dass ich keinen von beiden bevorzugte. Aber in unschuldiger, ja in törichter Weise ermutigte ich sie beide.

In Büchern werden die Frauen im allgemeinen so geschildert, dass sie in Fragen, welche sich auf Liebe und Heirat beziehen, ihr eigenes, sicheres Urteil haben. Diese Erfahrung habe ich bei mir selbst nicht gemacht.

Ein Tag folgte dem anderen, und so lächerlich dies auch erscheinen mag, ich konnte nicht entscheiden, welchen von beiden Verehrern ich am besten leiden mochte.

Anfänglich war Hauptmann Stanwick der Mann meiner Wahl. So lange er sein Temperament beherrschte, entzückte er mich. Aber wenn er ihm freien Lauf ließ, war ich enttäuscht, zuweilen sogar erzürnt. In dieser Verfassung wandte ich mich zum Trost an Herrn Varleigh, da ich fühlte, dass er der edlere und der würdigere der beiden Männer war, und ich alsdann ehrlich glaubte, dass ich ihn seinem Mitbewerber vorziehe. In den ersten Tagen nach unserem Besuche des Hernewaldes hatte ich vortreffliche Gelegenheit, sie miteinander zu vergleichen. Sie statteten uns zusammen ihre Besuche ab und teilten ihre Aufmerksamkeit sorgsam zwischen mir und meiner Tante. Am Ende der Woche indessen fingen sie an, sich getrennt vorzustellen. Wenn ich irgendwelche Erfahrung von dem Wesen der Männer gehabt hätte, so hätte ich wissen können, was dies bedeutete, und ich hätte die Möglichkeit einer ernsteren Entfremdung zwischen den beiden Freunden voraussehen können, deren Ursache ich unglücklicherweise sein sollte. So aber beunruhigte ich mich niemals darüber, was sich in meiner Abwesenheit ereignen mochte. Ob sie zusammen, oder ob sie einzeln kamen, ihre Besuche waren mir immer angenehm, und ich dachte an nichts und kümmerte mich um nichts.

Aber die Zeit, die mich aufklären sollte, war nicht mehr fern.

Eines Tages sprach Hauptmann Stanwick viel früher als gewöhnlich bei uns vor. Meine Tante war von ihrem Morgenspaziergang noch nicht zurückgekehrt. Der Hauptmann brachte eine Entschuldigung vor, dass er sich unter diesen Umständen einfinde, doch habe ich diese jetzt wieder vergessen.

Ohne wirklich bis zu einem Heiratsantrage zu gelangen, sprach er doch mit einem so zärtlichen Gefühle, und übte seinen Einfluss meiner Unerfahrenheit gegenüber in so feiner Weise, dass er mich dazu brachte, einige Worte meinerseits zu sagen, deren ich mich, sobald ich wieder allein war, mit einer gewissen Besorgnis erinnerte. Eine halbe Stunde später wurde Herr Lionel Varleigh als nächster Besucher gemeldet. Ich bemerkte sogleich in seinem Blicke aus seinem Benehmen eine gewisse Unruhe, welche, soweit ich ihn kannte, ganz neu bei ihm war. Ich bot ihm einen Stuhl an. Zu meiner Überraschung lehnte er ihn ab. »Von Ihrer Nachsicht erbitte ich mir die Erlaubnis, eine sonderbare Frage an Sie zu richten,« fing er an. »Es steht bei Ihnen, Fräulein Laroche, zu entscheiden, ob ich hier bleiben oder ob ich Sie von meiner Gegenwart befreien soll, indem ich das Zimmer verlasse.«

»Was können Sie damit nur meinen?« fragte ich.

»Ist es Ihr Wunsch,« fuhr Lionel Varleigh fort, »dass ich Ihnen fernerhin nur noch in Gesellschaft des Hauptmanns Stanwick, oder mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis Besuche abstatte?«

Mein Erstaunen beraubte mich für den Augenblick der Fähigkeit ihm zu antworten. »Wollen Sie wirklich damit sagen, dass Hauptmann Stanwick Ihnen verboten habe, bei mir vorzusprechen?« fragte ich, sobald ich wieder sprechen konnte. »Ich habe genau das wiederholt, was Hauptmann Stanwick vor einer halben Stunde zu mir sagte,« antwortete Lionel Varleigh.

Als ich dies hörte, vergaß ich in meinem Unwillen ganz die unvorsichtigen Worte der Ermutigung, die der Hauptmann mir entlockt hatte. Wenn ich jetzt daran denke, schäme ich mich, die Ausdrücke zu wiederholen, in welchen ich die anmaßende Behauptung dieses Mannes von seiner Gewalt über mich zurückwies. Obgleich ich schon eine Unbesonnenheit begangen hatte, so trieb mich doch das Bestreben, mir die Freiheit des Handelns zu bewahren, dazu, noch eine solche zu begehen. Ich erklärte Herrn Varleigh, dass er mir willkommen sei, so oft es ihm beliebe, mich zu besuchen, und ich tat dies in Worten, die sein Gesicht unter den Gefühlen der Freude und Überraschung, die ich in ihm erweckt hatte, erröten ließen. Meine verletzte Eitelkeit kannte keine Grenzen. Ich winkte ihm, an meiner Seite auf dem Sofa Platz zu nehmen; ich versprach, am nächsten Tage mit meiner Tante zu ihm zu kommen und die Raritätensammlung, die er auf seinen Reisen zustande gebracht hatte, zu besichtigen. »Ich glaube beinahe, wenn er versucht hätte, mich zu küssen, wäre ich über den Hauptmann hinreichend erzürnt gewesen, jenen dies tun zu lassen.

Erinnert euch, was mein Leben früher gewesen war; erinnert euch, wie unwissend ich die kostbaren Tage meiner Jugend verbracht hatte, wie bedenklich dann ein plötzlicher Zuwachs von Vermögen und Ansehen meine Torheit und meinen Stolz ermutigt hatte — und versucht deshalb, wie gute Christen, ein wenig Nachsicht mit mir zu haben!

Meine Tante kehrte von ihrem Spaziergange zurück, ehe der Besuch des Herrn Varleigh zu Ende war. Sie empfing ihn ziemlich kalt, und er bemerkte dies. Nachdem er mich noch an unsere Verabredung für den nächsten Tag erinnert hatte, nahm er Abschied.

»Was für eine Verabredung meinte Herr Varleigh?« fragte meine Tante, sobald wir allein waren. »Ist es klug, unter den jetzigen Umständen mit Herrn Varleigh Verabredungen zu treffen?« sagte sie, als ich ihre Frage beantwortet hatte. Ich fragte natürlich, was sie meine. Meine Tante erwiderte: »Ich bin auf meinem Spaziergang Hauptmann Stanwick begegnet. Er hat mir etwas erzählt, was ich durchaus nicht verstehen kann. Ist es möglich, Bertha, dass du einen Heiratsantrag von ihm günstig aufgenommen hast, ohne mir auch nur ein Wort von deinen Absichten zu sagen?«

Ich leugnete es augenblicklich. Wie unbesonnen ich auch gesprochen haben mochte, so hatte ich doch sicherlich nichts gesagt, was Hauptmann Stanwick berechtigen konnte, mich als seine Verlobte zu bezeichnen.

In seiner niedrigen Furcht vor einer ehrlichen Mitbewerbung Herrn Varleighs hatte er meine Worte mit Vorbedacht falsch gedeutet.

»Wenn ich einen von beiden heirate,« erklärte ich, »so wird es Herr Varleigh sein.«

Meine Tante schüttelte den Kopf. »Diese beiden Herren scheinen in dich verliebt zu sein, Bertha. Es ist ihnen gegenüber eine bedenkliche Lage, in welcher du dich befindest, und ich fürchte, dass du ein wenig unvorsichtig gehandelt hast. Hauptmann Stanwick sagte mir, dass er und sein Freund bereits in Zwiespalt geraten seien. Ich fürchte, dass du die Ursache bist. Herr Varleigh hat den Gasthof, in dem er mit dem Hauptmann wohnte, infolge eines heute morgen zwischen ihnen stattgehabten Streites verlassen. Du wusstest dies nicht, als du seine Einladung annahmst. Soll ich eine Entschuldigung für dich schreiben? Wir müssen den Besuch wenigstens so lange verschieben, liebe Bertha, bis du dich mit Hauptmann Stanwick auseinandergesetzt hast.«

Ich fing an, mich ein wenig beunruhigt zu fühlen, aber ich war zu halsstarrig, um ohne Not nachzugeben. »Gib mir Zeit, darüber nachzudenken,« sagte ich. »Eine Entschuldigung schreiben hieße des Hauptmanns Gewalt über mich anerkennen. Lass uns bis morgen früh warten.«

IV.

Der nächste Morgen brachte uns noch einen Besuch des Hauptmanns Stanwick. Diesmal war meine Tante anwesend. Er blickte nach ihr, ohne zu sprechen, und wandte sich dann in seiner erregten Stimmung, die sich schon in seinen Augen zeigte, an mich.

»Ich habe mit Ihnen ein Wort unter vier Augen zu sprechen,« fing er an. »Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Tante,« antwortete ich. »Was Sie mir auch zu sagen haben, Herr Hauptmann, es kann hier gesagt werden.«

Er öffnete die Lippen zu einer Erwiderung, hielt aber plötzlich inne. Er drängte seinen Ärger durch eine so gewaltsame Bemühung zurück, dass sein sonst so frisches Gesicht auf einmal leichenblass wurde. Für den Augenblick erlangte er seine Ruhe wieder – und er wandte sich an mich, indem er wenigstens den äußeren Schein einer Rücksichtnahme mir gegenüber wahrte.

»Hat dieser Varleigh gelogen,« fragte er, »oder haben Sie auch ihm Hoffnung gemacht — nach dem was Sie gestern mir sagten?«

»Ich habe Ihnen gestern nichts gesagt, was Ihnen irgendwelches Recht geben könnte, diese Frage an mich zu stellen,« erwiderte ich. »Sie haben mich gänzlich missverstanden, wenn Sie dies glauben.«

Meine Tante versuchte, ihm einige ruhige Worte zu sagen, in der Hoffnung, ihn zu besänftigen, aber er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ohne sie anzuhören, und schritt näher auf mich zu.

»Sie haben mich missverstanden,« sagte er, »wenn Sie glaubten, dass ich ein Mann sei, der sich zum Spielzeug in der Hand einer Koketten machen ließe.«

Meine Tante legte sich wieder ins Mittel mit einer Entschiedenheit, die ich nicht von ihr erwartet hätte.

»Hauptmann Stanwick,« sagte sie, »Sie vergessen sich.« Er achtete nicht auf sie und sprach weiter mit mir. »Es ist mein Unglück, Sie zu lieben« stieß er heraus. »Mein Herz hängt an Ihnen. Ich hoffe, Ihr Gatte zu werden, und kein anderer Mann auf Erden soll mir im Wege stehen. Nach dem, was Sie mir gestern sagten, habe ich das Recht, anzunehmen, dass Sie meiner Werbung geneigt sind. Das ist keine Tändelei; denken Sie das nicht! Es ist die Leidenschaft eines Lebens! Hören Sie? Es ist die Leidenschaft des ganzen Lebens eines Mannes! Ich lasse nicht so mit mir spielen. Ich habe um Ihretwegen eine schlaflose, elende Nacht gehabt — ich habe Ihretwegen genug gelitten — und Sie sind dies nicht wert. Lachen Sie nicht! Das ist kein Gegenstand zum Lachen. Hüten Sie sich, Bertha, hüten Sie sich!«

Meine Tante erhob sich von ihrem Stuhle. Sie setzte mich in Erstaunen. Sie, die in gewöhnlichen Verhältnissen die zurückhaltendste und sanfteste Frau war, schritt nun auf Stanwick zu und blickte ihm fest ins Gesicht, ohne auch nur einen Augenblick zu wanken.

»Sie scheinen vergessen zu haben, dass Sie in Gegenwart von Damen sprechen,« sagte sie. »Ändern Sie Ihre Sprache, mein Herr, sonst werde ich genötigt sein, meine Nichte aus dem Zimmer zu nehmen.«

Halb erbittert, halb erschreckt versuchte ich ebenfalls zu sprechen. Meine Tante winkte mir aber, stille zu sein. Der Hauptmann trat einen Schritt zurück, als wenn er ihren Vorwurf fühlte; aber seine Augen, die noch immer auf mich gerichtet waren, blitzten mehr denn je in wildem Grimme auf. Hier vermochte die oberflächliche Bildung dieses Herrn nicht, seine wahre Natur zu verbergen.

»Ich will Sie im ungestörten Besitze des Zimmers lassen,« sagte er mit bitterer Höflichkeit zu meiner Tante. »Ehe ich gehe, werden Sie mir erlauben, ihrer Nichte Gelegenheit zu geben, nochmals über ihr Benehmen nachzudenken, ehe es zu spät ist.« Meine Tante zog sich zurück und gestattete ihm, mit mir zu sprechen. Nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, legte er seine Hand fest, aber nicht rauh auf meinen Arm. »Sie haben die Einladung Varleighs, ihn zu besuchen, unter dem Vorwande angenommen, seine Raritäten zu besichtigen,« sagte er. »Denken Sie nochmals darüber nach, ehe Sie sich dazu entschließen, der Einladung zu folgen.

Wenn Sie morgen zu Varleigh gehen, werden Sie es bis zum letzten Tage ihres Lebens zu bereuen haben.« Indem er diese Worte in einem Tone sprach, der mich wider Willen erbeben ließ, ging er nach der Türe. Als er seine Hand auf das Schloss legte, wendete er sich zum letzten Mal nach mir um. »Ich verbiete Ihnen, zu Varleighs Wohnung zu gehen,« sagte er ruhig und bestimmt. »Hören Sie, was ich Ihnen sage! Ich verbiete es Ihnen.« Mit diesen Worten verließ er uns.

Meine Tante setzte sich an meine Seite und ergriff freundlich meine Hand. »Hier bleibt nur eins zu tun übrig,« sagte sie, »wir müssen sogleich nach Nettlegrove zurückkehren. Wenn Hauptmann Stanwick versuchen sollte, dich in deinem eigenen Hause zu belästigen, so haben wir Nachbarn, die uns beschützen werden, und wir haben Herrn Loring, unseren Pfarrer, um uns an ihn um Rat zu wenden. Was Herrn Varleigh betrifft, so will ich ihn schriftlich um Entschuldigung bitten, ehe wir abreisen.«

Sie streckte die Hand aus, um die Schelle zu ziehen und den Wagen zu bestellen. Ich hinderte sie daran. Mein kindischer Stolz trieb mich dazu, mich doch in irgendeiner Weise zu äußern, nachdem ich gezwungen gewesen war, während des Zusammentreffens mit Hauptmann Stanwick untätig zu bleiben.

»Nein,« sagte ich, »es ist nicht schön gegen Herrn Varleigh gehandelt, wenn wir unserer Verabredung mit ihm nicht nachkommen. Lass uns auf alle Fälle nach Nettlegrove zurückkehren, aber lass uns vorher bei Herrn Varleigh vorsprechen und Abschied von ihm nehmen. Sollen wir deshalb, weil Hauptmann Stanwick uns durch feige Drohungen zu erschrecken versucht hat, uns einem gebildeten Manne gegenüber ungeziemend benehmen, der uns immer mit der größten Aufmerksamkeit behandelt hat? Das gewöhnlichste Gefühl der Selbstachtung verbietet uns dies.«

Meine Tante widersprach ruhig und vernünftig diesem Ausbruch von Torheit, aber meine Hartnäckigkeit (meine Festigkeit, wie ich damals dachte) war unerschütterlich. Ich ließ ihr die Wahl, entweder mit mir zu Herrn Varleigh zu gehen, oder mich allein zu ihm gehen zu lassen. Da sie fand, dass es nutzlos sein würde, sich mir zu widersetzen, entschloss sie sich natürlich, ich brauche es nicht zu sagen, mit mir zu gehen.

Wir fanden Herrn Varleigh sehr höflich, aber ernster und stiller wie gewöhnlich. Unser Besuch währte nur einige Minuten: meine Tante benutzte den Einfluss, den das Alter und die Stellung ihr gab, ihn abzukürzen. Sie führte Familienangelegenheiten als den Grund an, der uns nach Nettlegrove zurückrufe. Ich nahm es auf mich, Herrn Varleigh einzuladen, mich in meinem eignen Heim zu besuchen. Er verneigte sich und dankte mir, ohne meine Einladung ausdrücklich anzunehmen. Als ich ihm beim Abschiede die Hand reichte, brachte er sie an seine Lippen und küsste sie mit einer Zärtlichkeit, die mich in Verwirrung setzte. Seine Augen blickten schmachtend und sorgenvoll in die meinigen, und es lag in ihnen zwar Bewunderung, aber auch das tiefe Bedauern, dass sie nun für lange Zeit von mir Abschied nehmen mussten. »Vergessen Sie mich nicht,« lispelte er, als er an der Tür stand, während ich meiner Tante hinausfolgte. »Kommen Sie nach Nettlegrove,« flüsterte ich ihm zu. Seine Augen senkten sich zu Boden; er ließ mich gehen, ohne ein Wort weiter zu sagen.

Dies war, wie ich feierlich erkläre, alles, was bei unserem Besuche vorgekommen ist. Infolge einer unausgesprochenen Übereinstimmung zwischen uns wurde keinerlei Anspielung auf Hauptmann Stanwick gemacht, nicht einmal sein Name wurde erwähnt. Ich erfuhr nie, dass die beiden Männer kurz vor unserem Besuche bei Herrn Varleigh sich getroffen hatten. Nichts wurde gesagt, was auch nur den geringsten Verdacht in mir erwecken konnte, dass irgendein Übereinkommen für ein anderes Zusammentreffen später am Tage zwischen ihnen verabredet worden sei. Über die unbestimmten Drohungen hinaus, die Hauptmann Stanwicks Lippen entfuhren — Drohungen allerdings, die ich, wie ich gestehen muss, außer acht zu lassen unvorsichtig genug war — wurde mir keinerlei Warnung vor den schrecklichen Ereignissen zuteil, die sich zu Maplesworth am Tage nach unserer Rückkehr nach Nettlegrove Hall zutrugen.

Ich kann nur hinzufügen, dass ich bereit bin, mich allen weiteren Fragen zu unterziehen, die an mich gerichtet werden könnten, aber ich bitte, mich nicht für ein herzloses Weib zu halten. Mein schlimmster Fehler war Unwissenheit. Zu jener Zeit wusste ich noch nichts von der Maske, unter welcher die Männer das, was selbstsüchtig und roh in ihrer Natur ist, vor den Frauen verbergen, die zu täuschen sie ein Interesse haben.

Nr. 2.
Julius Bender, Fechtmeister, bezeugte und sagt aus:

Ich bin deutscher Nationalität und habe mich im Anfang des laufenden Jahres in England als Lehrer im Gebrauche des Degens und der Pistole niedergelassen. Da das Geschäft in London flau ging, so kam mir unglücklicherweise der Einfall, zu versuchen, ob sich vielleicht auf dem Lande etwas machen ließe. Ich hatte von Maplesworth als einem Orte gehört, der wegen der landschaftlichen Schönheit von Touristen und auch häufig von Leidenden besucht werde, die eine Badekur gebrauchen müssen; ich eröffnete dort im Anfange der Kurzeit des Jahres 1817 einen Saal für Fechtübungen und Pistolenschießen. Was die Touristen anlangt, so war ich nicht getäuscht worden; denn es gab eine Menge junger, müßiger Herren unter ihnen, von denen erwartet werden konnte, dass sie meinem Unternehmen ihr Interesse zuwenden würden. Sie zeigten aber die erschreckendste Gleichgültigkeit gegen die edle Kunst des Angriffs und der Verteidigung, kamen zu zweien und zu dreien, blickten in meinen Saal und kamen nicht wieder. Meine geringen Mittel gingen zu Ende. Nachdem ich alle Kosten bezahlt hatte, stand mir wirklich der Verstand still, als ich nur noch einige Pfund in der Tasche fand, von denen ich — in der Hoffnung auf bessere Tage — weiter leben sollte.

Eines Herrn erinnere ich mich, der mich besuchte und sich sehr freigebig gegen mich benahm.

Er gab sich selbst für einen Amerikaner aus und sagte, dass er sehr viel gereist sei. Wie mein Unglück es wollte, bedurfte er aber meiner Unterweisungen nicht. Bei den zwei oder drei Malen, wo er sich mit meinen Rapieren und meinen Pistolen die Zeit vertrieb, erwies er sich als einer der geschicktesten Fechter und trefflichsten Schützen, denen ich jemals begegnete. Es war nicht zu verwundern: er war von Natur kaltblütig und hatte ein scharfes Auge, und war in Wien und Paris von Meistern der Kunst unterrichtet worden.

Anfangs Juli — ich glaube den 9. oder 10. dieses Monats — saß ich allein in meinem Saale und betrachtete recht traurig die beiden letzten Sovereigns in meiner Börse, als mir ein Herr gemeldet wurde, der Unterricht wünschte. »Privaten Unterricht,« sagte er mit Nachdruck, indem er nach dem Manne blickte, dem die Reinigung und die Fürsorge für meine Waffen oblag.

Ich schickte den Mann hinaus. Der Fremde — ein Engländer, und nach dem äußeren Scheine zu urteilen, Soldat — nahm aus seinem Taschenbuche eine Fünfzig-Pfund-Note und hielt sie mir vor die Augen. »Ich bin eine wichtige Wette, einen Wettkampf im Fechten, eingegangen,« sagte er, »und ich habe keine Zeit, mich hierzu besonders vorzubereiten. Lehren Sie mir einen Kunstgriff, der es mir möglich macht, mich mit einem im Gebrauche des Rapiers erfahrenen Manne zu messen. Halten Sie die Sache geheim, und diese fünfzig Pfund hier sind Ihnen.«

Ich zögerte. Ich zögerte wirklich, so arm ich auch war. Aber dieser Teufel von einem Manne hielt seine Banknote vor mich hin, nach welcher Richtung ich auch blickte, und ich hatte nur zwei Pfund in der Welt übrig.

»Sind Sie im Begriffe, ein Duell auszufechten?« fragte ich.

»Ich habe Ihnen ja schon gesagt, was ich vorhabe,« antwortete er.

Ich wartete einen Augenblick. Die höllische Banknote versuchte mich noch immer. Wider meinen Willen stellte ich ihn nochmals auf die Probe.

»Wenn ich Ihnen den Kniff lehre,« erwiderte ich zähe, »wollen Sie sich verpflichten, keinen schlechten Gebrauch von diesem Unterricht zu machen?«

»Ja,« rief er ungeduldig.

Ich war noch nicht ganz befriedigt.

»Wollen Sie mir dies auf Ihr Ehrenwort versprechen?« fragte ich.

»Natürlich will ich dies,« antwortete er. »Nehmen Sie das Geld, und lassen Sie mich nicht länger warten!«

Ich nahm das Geld und lehrte ihm den Kunstgriff — und ich bedauerte dies, sobald ich es getan hatte. Nicht dass ich etwa glaubte, es sei von ernsten Folgen begleitet, denn ich kehrte am nächsten Morgen nach London zurück. Aber ich teilte die Anschauungen eines Mannes von Ehre, welcher fühlt, dass er seine Kunst herabgewürdigt habe, und der nicht ganz sicher war, ob er nicht ebenso gut auch die Hand eines Meuchelmörders bewaffnet hatte.

Ich habe nichts weiter auszusagen.

Nr. 3.
Thomas Outwater, Diener des Hauptmanns Stanwick, bezeugt und sagt aus:

»Wenn ich nicht fest glaubte, dass mein Herr den Verstand verloren habe, so würde keine noch so hohe Strafe mich dazu bringen, das von ihm auszusagen, was ich jetzt zu sagen im Begriffe bin. Aber ich versichere, er ist wahnsinnig und deswegen nicht für das verantwortlich, was er getan hat, — wahnsinnig aus Liebe zu einem Mädchen. Wenn ich es könnte, würde ich diesem Frauenzimmer den Hals umdrehen, obgleich es eine vornehme Dame und noch dazu eine reiche Erbin ist. Ehe sie ihnen begegnete, lebten mein Herr und Herr Varleigh zusammen wie Brüder. Ihretwegen entzweiten sie sich, und ob sie dies beabsichtigte oder nicht, ist mir ganz einerlei. Ich gestehe, dass sie mir zuwider war, sobald ich sie zum ersten Mal sah. Sie war eine von jenen blauäugigen Blondinen mit unschuldigem Blicke und schlanker Taille, auf die man aber, wie ich gefunden habe, sich durchaus nicht verlassen kann.

Ich höre, dass man nicht von mir verlangt, über die zwischen den beiden Herren entstandenen Misshelligkeiten Auskunft zu geben, deren Ursache diese Dame war. Ich soll nur erzählen, was ich zu Maplesworth tat und was ich nachher im Hernewald sah. So arm ich auch bin, ich würde jedem eine Fünf-Pfund-Note geben, der dies für mich tun könnte. Unglücklicherweise muss ich es aber selbst tun.

Am zehnten Juli abends ging mein Herr zum zweiten Mal an jenem Tage in Herrn Varleighs Wohnung. Ich bin im Datum sicher, da es der Tag der Ausgabe der Stadtzeitung war und in ihr sich ein Bericht über eine gerichtliche Verhandlung befand, die das allgemeine Gerede veranlasste. Es hatte nämlich ein oder zwei Tage vorher zwischen einem Eingeborenen der Stadt und einem Touristen ein Duell auf Pistolen stattgefunden, das durch irgendeinen Wortwechsel über Pferde veranlasst worden war. Dieser Zweikampf hatte keine besonders ernsten Folgen. Einer der Männer nur war verletzt worden, und es ergab sich, dass die Wunde von keiner Bedeutung war. Die unangenehme Seite der Sache war vielmehr die, dass die Schutzleute auf dem Platze erschienen, ehe noch der Verwundete weggeschafft worden war. Dieser und seine beiden Sekundanten wurden festgenommen und dem Gericht zur Einleitung einer Untersuchung übergeben. Die Richter erklärten, dass das Duell eine unmenschliche und unchristliche Tat sei, und es wurde beschlossen, das Gesetz in Kraft treten zu lassen und diese Ausschreitung zu verhindern. Dieses Urteil machte viel Aufsehen in der Stadt und prägte das Datum, wie gesagt, meinem Gedächtnis ein. Da ich zufällig von einem Wortwechsel zwischen meinem Herrn und Herrn Varleigh über Fräulein Laroche gehört hatte, hatte ich Besorgnis wegen des zweiten Besuchs des Hauptmanns bei seinem Freunde, mit dem er schon vorher Streit gehabt hatte. Ein Herr sprach bald, nachdem er ausgegangen war, bei ihm vor. Dies gab mir einen Vorwand, ihm mit der mir übergebenen Karte nach Herrn Varleighs Wohnung zu folgen, und ich benutzte diese Gelegenheit.

Ich hörte sie bei meinem Gange die Treppe hinauf heftige Worte miteinander wechseln und wartete einen Augenblick auf dem Vorplatze. Der Hauptmann war in einem seiner wütenden Zornesausbrüche. Herr Varleigh dagegen blieb wie immer kaltblütig und fest. Nachdem ich etwa eine Minute gelauscht hatte, hörte ich meiner Meinung nach genug, um meinen Eintritt in das Zimmer zu rechtfertigen. Ich traf meinen Herrn, wie er gerade seinen Rohrstock erhob und Herrn Varleigh zu schlagen drohte. Er ließ augenblicklich den Arm sinken und wandte sich wegen meiner Zudringlichkeit wütend gegen mich. Ich nahm von seinem Aufbrausen keine Notiz, gab ihm die Karte seines Freundes und ging wieder hinaus. Es folgte noch ein Gespräch zwischen beiden, aber es wurde so leise geführt, dass ich es draußen nicht verstehen konnte. Und dann näherte sich der Hauptmann der Tür. Ich ging ihm aus dem Wege, in großer Unruhe über das, was demnächst kommen musste. Ich konnte es nicht wagen, Herrn Varleigh zu fragen. Das einzige, woran ich denken konnte, war, der Tante der jungen Dame zu sagen, was ich gesehen und gehört hatte, und Fräulein Laroche selbst zu bitten, zwischen beiden Frieden zu stiften. Als ich nach den Damen in ihrer Wohnung fragte, wurde mir gesagt, dass sie Maplesworth verlassen hätten.

In dieser Nacht sah ich den Hauptmann nicht mehr. Am nächsten Morgen schien er wieder ganz bei Besinnung zu sein. Er sagte zu mir: »Thomas, ich will im Hernewald Skizzen aufnehmen. Nimm den Malkasten und das übrige, und bringe dies hier in den Wagen.«

Er händigte mir ein Paket aus, das so dick wie mein Arm, etwa drei Fuß lang und mehrfach in Segeltuch eingeschlagen war. Ich erlaubte mir zu fragen, was dies sei. Er antwortete, es sei ein Malerschirm für die Aufnahme von Skizzen und für die Reise gepackt.

In einer Stunde hielt der Wagen auf der Landstraße unterhalb des Hernewaldes. Mein Herr sagte mir, er wolle seine Malutensilien selbst tragen und ich sollte bei dem Wagen warten. Als ich ihm den vermeintlichen Schirm gab, benutzte ich die Gelegenheit, da sein Blick für einen Augenblick von mir weggewendet war, meine Hand behutsam über das Paket gleiten zu lassen, und ich fühlte durch das Segeltuch hindurch den Griff eines Degens. Als alter Soldat konnte ich mich nicht irren — es war der Griff eines Degens.

Was ich dachte, als ich diese Entdeckung machte, ist nicht besonders wichtig. Was ich tat, war, den Hauptmann auf seinem Gange in den Wald zu beobachten und ihm dann zu folgen. Ich folgte ihm längs des Pfades bis dahin, wo sich in der Mitte der Bäume eine Lichtung befand. Dort blieb er stehen, und ich begab mich hinter einen Baum. Er nahm das Segeltuch auseinander und zog zwei Degen heraus, die in dem Paket verborgen waren. Wenn ich vorher noch irgendwelche Zweifel gehabt hätte, jetzt war ich sicher über das, was nun kommen musste. Ein Duell ohne Sekundanten oder Zeugen, indem man die Beamten der Stadt in Unkenntnis hielt — ein Duell zwischen meinem Herrn und Herrn Varleigh! Sowie ich an diesen Namen dachte, erschien der Mann selbst, der seinen Weg in die Lichtung von der anderen Seite des Waldes her nahm.

Was konnte ich tun, um die Sache zu verhindern? Kein menschliches Wesen war zu sehen. Das nächste Dorf war, wenn man von der entferntesten Seite des Waldes an rechnete, eine Meile entfernt; der Kutscher war ein alter, geistig beschränkter Mann und in einer Schwierigkeit wie der gegenwärtigen ganz unbrauchbar; selbst wenn ich Zeit genug gehabt hätte, nach der Landstraße zurückzukehren und ihn um Hilfe anzurufen. Während ich noch hierüber nachdachte, hatten der Hauptmann und Herr Varleigh sich ihrer Kleider entledigt. Als sie ihre Degen kreuzten, konnte ich es nicht länger aushalten — ich sprang auf sie los. »Beim allmächtigen Gott, meine Herren,« rief ich, »schlagen Sie sich nicht ohne Sekundanten!«

Mein Herr wandte sich wie ein Wahnsinniger nach mir um und bedrohte mich mit der Spitze seines Degens. Herr Varleigh zog mich gewaltsam aus dem Bereich der Gefahr. »Seien Sie unbesorgt,« flüsterte er mir zu, als er mich nach dem Rande der Lichtung zurückführte, »ich habe absichtlich den Degen anstatt der Pistole gewählt, um sein Leben zu schonen.« Diese ernsten Worte beruhigten mich, denn sie wurden von einem Mann gesprochen, der so brav und ehrlich war, wie je einer lebte. Ich wusste, dass Herr Varleigh sich den Ruf erworben hatte, einer der geschicktesten Fechter Europas zu sein.

Das Duell nahm seinen Anfang. Ich stellte mich hinter meinen Herrn und befand mich also seinem Gegner gegenüber. Der Hauptmann hielt sich in der Defensive und wartete auf den Angriff seines Gegners. Herr Varleigh führte einen Stoß gegen ihn. Ich stand der Spitze seines Degens gegenüber und sah, wie diese des Hauptmanns linke Schulter berührte. In demselben Augenblicke schlug mein Herr den Degen seines Gegners mit seiner eignen Waffe in die Höhe, ergriff mit seiner linken Hand Herrn Varleighs rechtes Handgelenk und durchbohrte mit seinem Degen vollständig dessen Brust. Varleigh fiel als das Opfer eines mörderischen Kniffes — er fiel ohne ein Wort zu sagen oder einen Schrei auszustoßen.

Der Hauptmann wendete sich langsam um und sah mich an, indem er seinen blutigen Degen in der Hand hielt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie er aussah; ich kann nur sagen, dass sein Anblick mich vor Schrecken fast in Ohnmacht fallen ließ. Ich war bei Waterloo dabei, ich bin kein Feigling. Aber ich sage Ihnen, dass mir der kalte Schweiß wie Wasser vom Gesicht strömte. Ich würde hingesunken sein, wenn ich mich nicht an einem Baumast gehalten hätte.

Mein Herr wartete, bis ich mich einigermaßen wieder erholt hatte. »Fühle, ob sein Herz noch schlägt,« sagte er, indem er nach dem Mann auf dem Boden zeigte.

Ich gehorchte. Er war tot — das Herz stand still, der Pulsschlag hatte aufgehört. Ich sagte: »Sie haben ihn getötet.«

Der Hauptmann antwortete nicht. Er packte die beiden Degen wieder in das Segeltuch und nahm sie unter den Arm. Alsdann befahl er mir, ihm mit den Malgeräten zu folgen. Ich zog mich vor ihm zurück, ohne etwas zu sagen; es war ein grässlicher hohler Ton in seiner Stimme, der mir zuwider war. »Tue wie ich dir sage,« sprach er. »Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, das es mir nicht einfällt, Sie jetzt aus dem Gesicht zu verlieren,« dachte ich, ersparte es ihm aber zu sagen, damit er mir vertrauen möchte, dass ich von dem Vorfalle nichts verlauten lasse. Aber er schien mir nicht zu trauen; er streckte seine Hand aus, um mich zu fassen. Ich konnte dies nicht ertragen. »Ich will mit Ihnen gehen,« sagte ich; »rühren Sie mich nicht an!« Wir erreichten den Wagen und kehrten nach Maplesworth zurück. An demselben Tage noch reisten wir mit der Post nach London.

In London gelang es mir, dem Hauptmann zu entschlüpfen. Am nächsten Morgen ging ich mit der ersten Postkutsche nach Maplesworth zurück, begierig zu erfahren, was sich etwa weiter zugetragen habe und ob der Leichnam gefunden worden sei. Nicht die geringste Nachricht kam mir zu Gehör; nichts schien von dem Duell im Hernewald bekannt zu sein.

Ich ging in den Wald —- und zwar zu Fuß, da ich fürchtete, dass man mir folge, wenn ich einen Wagen mietete. Die Gegend ringsum war so einsam wie gewöhnlich. Nicht ein lebendes Wesen war in der Nähe, als ich in den Wald trat; nicht ein lebendes Wesen war nahe, als ich auf die Lichtung blickte. Dort lag nichts mehr auf dem Boden. Der Leichnam war fort.

Nr. 4.
Seine Ehrwürden, der Pfarrer Alfred Loring von Nettlegrove, bezeugt und sagt aus:
I.

Anfangs Oktober des Jahres 1817 wurde mir mitgeteilt, das Fräulein Bertha Laroche in meinem Hause vorgesprochen und den Wunsch geäußert habe, mich in einer Privatangelegenheit zu sprechen. Ich war Fräulein Laroche zuerst bei der Ankunft mit ihrer Tante vorgestellt worden, als sie von ihrem Eigentum in Nettlegrove Hall Besitz ergreifen wollte. Die späteren Gelegenheiten, diese Bekanntschaft mit ihr zu erneuern und weiter zu pflegen, waren nicht so zahlreich gewesen, als ich dies gewünscht hätte, und ich bedauerte dies aufrichtig. Sie hatte einen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht. Außerordentlich unerfahren und leicht erregbar, mit einer seltsamen Mischung von Schüchternheit und Lebhaftigkeit in ihrem Benehmen und dann und wann plötzlichen Anwandlungen der Eitelkeit und des Mutwillens unterworfen, die sie zum Ergötzen anderer nicht verbergen konnte, waren doch unter diesen Äußerlichkeiten die Zeichen eines echten und edlen Gemütes, eines einfachen und lauteren Herzens wahrzunehmen. Ihre persönliche Erscheinung war, wie ich hinzufügen möchte, in hohem Grade anziehend. Es lag in jener etwas so Eigentümliches und zu gleicher Zeit etwas so Bezauberndes, dass ich meine Voreingenommenheit für sie nur zugestehen will. Um aber nicht missverstanden zu werden, will ich hinzufügen, dass ich alt genug bin, um ihr Großvater zu sein und dass ich überdies ein verheirateter Mann bin.

Ich befahl dem Diener, Fräulein Laroche in mein Studierzimmer zu führen.

Als sie eintrat, erschreckte mich ihr Aussehen; ihr Gesicht war wirklich von Schrecken erfüllt. Ich erbot mich, meine Frau kommen zu lassen, sie lehnte aber mein Anerbieten ab. Ich drang dann in sie, sich doch wenigstens so lange Zeit zu nehmen, bis sie sich beruhigt hätte. Es war ihrer erregten Natur nicht gegeben, dies zu tun. Sie sagte: »Geben Sie mir Ihre Hand und lassen Sie mich sprechen, so lange ich kann.« Ich reichte der Armen die Hand: ,,Sprechen Sie mit mir, meine Teure, als wenn ich Ihr Vater wäre.«

Soweit ich die unzusammenhängende Darstellung, die mir gegeben wurde, verstehen konnte, war sie, während sie Maplesworth besuchte, gleichzeitig von zwei Herren umworben worden, welche beide sie zu heiraten wünschten. Da sie in ihrer Wahl schwankte und überdies in solchen Dingen ganz unerfahren war, so war sie unglücklicherweise die Ursache der Feindschaft zwischen den Nebenbuhlern geworden, und war auf den Rat ihrer Tante nach Nettlegrove zurückgekehrt, das beste Mittel, sich aus ihrer peinlichen Lage zu befreien. Aber auch dieses Mittel vermochte nicht, die schmerzlichen Erinnerungen an das Vorgefallene zu verwischen, und sie hatte daher mit ihrer Tante ein weiteres Mittel versucht, indem sie eine zweimonatliche Reise auf das Festland unternahmen. Von dieser Reise war sie in einer ruhigeren Gemütsverfassung zurückgekehrt. Zu ihrer größten Überraschung hatte sie aber von dem Tage an, wo sie Maplesworth verließ, bis zu dem Tage, an dem sie sich bei mir einfand, von keinem ihrer beiden Freier wieder etwas gehört.

In der Frühe dieses Morgens spazierte sie nach dem Frühstück in dem Parke von Nettlegrove, als sie Tritte hinter sich hörte. Sie wandte sich um und sah sich einem ihrer Verehrer aus Maplesworth gegenüber. Man hat mir gesagt, dass kein Grund vorliege, dessen Namen jetzt noch zu verschweigen. Es war Hauptmann Stanwick.

Er hatte sich so schrecklich verändert, dass sie ihn kaum wiedererkannte.

Nachdem er einen Blick auf sie geworfen hatte, hielt er die Hand über seine blutunterlaufenen Augen, als wenn ihnen das Sonnenlicht wehe tue. Ohne sie vorher durch ein Wort auf die Mitteilung vorzubereiten, gestand er, Herrn Varleigh in einem Duelle getötet zu haben. Gewissensbisse hätten, so bekannte er, seinen Verstand verwirrt und erst vor einigen Tagen sei er aus dem Irrenhause entlassen worden. »Sie sind die Ursache davon,« rief er wild. »Aus Liebe zu Ihnen habe ich es getan. Ich habe nur noch eine Hoffnung im Leben — meine Hoffnung auf Sie. Wenn Sie mich von sich weisen, so ist mein Entschluss gefasst. Ich will mein Leben für das hingeben, das ich geraubt habe; ich will durch meine eigene Hand sterben. Sehen Sie mich an, und Sie werden finden, dass ich im Ernste rede. Mein ferneres Leben hängt von Ihrer Entscheidung ab. Überlegen Sie sich dies heute, und kommen Sie morgen wieder zu mir hierher. Aber nicht zu dieser Stunde, das schreckliche Tageslicht empfinde ich wie Feuer in meinen Augen, und wie Feuer durchdringt es mein Gehirn. Warten Sie bis zum Sonnenuntergange — Sie werden mich hier finden.«

Er verließ sie ebenso plötzlich, wie er erschienen war. Als sie sich soweit wieder erholt hatte, dass sie eines Gedankens fähig war, entschloss sie sich, ihrer Tante nichts von dem zu sagen, was sich zugetragen hatte. Sie nahm vielmehr ihren Weg nach dem Pfarrhause, um bei mir Rat zu suchen.

Es ist unnötig, meine Erzählung mit der Angabe von Fragen zu belasten, die ich unter diesen Umständen an sie zu richten für meine Pflicht hielt.

Auf meine Fragen erfuhr ich, dass Hauptmann Stanwick zuerst einen günstigen Eindruck auf sie gemacht habe, dass sie aber später an den weniger glänzenden Eigenschaften Herrn Varleighs größeres Gefallen gefunden habe, zumal da ihr die heftige Sprache und das ungestüme Benehmen zuwider war, das Stanwick zeigte, als er vermuten konnte, dass ihm sein Mitbewerber vorgezogen werde.

Als sie die schreckliche Nachricht von Varleighs Tod erfuhr, »erkannte sie« — ich wiederhole ihre eignen Worte — »ihr Herz« an dem Schlage, den sie fühlte. Hauptmann Stanwick gegenüber hatte sie dagegen unwillkürlich nur ein Gefühl des größten Abscheus. Mein Verhalten schien mir in dieser schwierigen und schmerzlichen Angelegenheit deutlich vorgezeichnet zu sein.

»Ihre Pflicht als Christin ist es, diesen Unglücklichen nochmals aufzusuchen,« sagte ich, »und meine Pflicht als Ihr Freund und Seelsorger ist es, Ihnen in dieser Prüfungsstunde zur Seite zu stehen. Ich will morgen mit Ihnen an den Ort der Zusammenkunft gehen.«

II.

Am nächsten Abend trafen wir Hauptmann Stanwick im Parke auf uns warten.

Er zog sich zurück, als er meiner ansichtig wurde. Ich erklärte ihm ruhig und bestimmt, welchen Standpunkt ich in der Sache einnehme. Mit finsteren Blicken ergab er sich darein, meine Anwesenheit zu dulden. Allmählich gewann ich sein Vertrauen. Der erste Eindruck, den ich von ihm erhielt, blieb unerschüttert — der Verstand des Mannes war verwirrt. Ich vermutete, dass seine Angabe von der Freilassung aus dem Irrenhause unwahr sei, und dass er in Wirklichkeit aus dem Asyl entwichen war. Es war unmöglich, aus ihm herauszubringen, in welcher Anstalt er gewesen war. Er war zu schlau, um dies zu sagen — zu schlau, um irgendetwas über seine Verwandten anzugeben, als ich zunächst versuchte, das Gespräch auf diese zu lenken. Auf der anderen Seite sprach er mit einer empörenden Leichtfertigkeit von dem Verbrechen, das er begangen hatte, und von seinem bestimmten Entschlusse, sich das Leben zu nehmen, wenn Fräulein Laroche es ablehne, seine Frau zu werden. »Ich habe sonst nichts, was mich an das Leben fesselt; ich stehe allein in der Welt,« sagte er. »Selbst mein Diener hat mich verlassen. Er weiß, wie ich Lionel Varleigh getötet habe.« Stanwick machte eine Pause und sprach dann die weiteren Worte flüsternd zu mir: »Ich tötete ihn durch einen Kniff – er war der bessere Fechter von uns beiden.«

Dieses Geständnis war so entsetzlich, dass ich es nur der Täuschung eines Wahnsinnigen zuschreiben konnte. Als ich mit weiteren Fragen in ihn drang, fand ich, dass auf denselben Gedanken auch die Verwandten des Unglücklichen und die Ärzte gekommen sein mussten, die ein Gutachten ausgestellt hatten, dass er unter ärztliche Obhut zu nehmen sei. Wie ich nachher hörte, war diese Ansicht besonders auf die Tatsache gestützt worden, dass Varleighs Leichnam auf dem bezeichneten Schauplatze des Zweikampfes nicht gefunden worden war. Was den Diener anbetrifft, so hatte er seinen Herrn in London verlassen und war nicht wieder zurückgekehrt. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung war die vorliegende Frage nicht die, ob ein sich selbst anklagender Mörder dem Gericht überliefert werden sollte, da ja ein Leichnam zum Zeugnis gegen ihn nicht vorhanden war, sondern die, ob ein Wahnsinniger wieder in die Obhut derjenigen Leute zurückzubringen sei, die ihn in Verwahrung zu halten hatten.

Ich versuchte, die Größe seines Wahnsinns in einem Augenblicke zu prüfen, da er es unterließ, Fräulein Laroche mit seinen Anträgen zu belästigen.

»Wie können Sie wissen, dass Sie Herrn Varleigh getötet haben?« fragte ich.

Er blickte mich mit wildem Entsetzen in den Augen an. Plötzlich hob er die rechte Hand empor und schüttelte sie in der Luft, indem er einen kläglichen Ton ausstieß, der unverkennbar ein Schmerzensschrei war. »Würde ich seinen Geist sehen,« sagte er, »wenn ich ihn nicht getötet hätte? Ich merke es an dem Schmerze, der die Hand quält, die ihn erstach. Immer in der rechten Hand! Immer denselben Schmerz in dem Augenblicke, wenn ich ihn sehe!« Er hielt inne und knirschte in der Qual des wirklichen Wahnsinns mit den Zähnen. »Sehen Sie!« rief er. »Dort zwischen den beiden Bäumen hinter Ihnen! Dort ist er — mit seinem schwarzen Haar und seinem glattrasierten Gesicht und seinem starren Blick! Dort steht er vor mir, wie er im Walde vor mir stand, seine Augen auf die meinigen gerichtet, indem sein Degen den meinigen berührte.« Er wandte sich zu Fräulein Laroche »Sehen Sie ihn auch?« fragte er hastig. »Sagen Sie mir die Wahrheit. Mein ganzes Leben hängt davon ab, dass Sie mir die Wahrheit sagen.« Sie beherrschte sich mit erstaunlichem Mute. »Ich sehe ihn nicht,« antwortete sie.

Er nahm sein Taschentuch heraus und fuhr damit über das Gesicht, indem er erleichtert aufatmete. »Dies ist meine letzte Hoffnung!« sagte er. »Wenn sie mir treu sein wird, wenn sie mir immer nahe sein wird, morgens, mittags, abends, so werde ich von seinem Anblick befreit sein. Sehen Sie! Er verschwindet schon. Er ist fort!« rief er mit einem Freudenschrei. Er fiel auf die Knie und blickte Fräulein Laroche wie ein Wilder an, der zu seinem Götzenbild betet. »Wollen Sie mich jetzt von sich weisen?« fragte er demütig. »Lionel liebte Sie in seinem Leben, und sein Geist ist ein barmherziger Geist. Er will Sie nicht erschrecken; er hat mich um Ihretwillen verlassen; er wird mich um Ihretwillen freigeben. Haben Sie Erbarmen mit mir, nehmen Sie mich auf, damit ich mit Ihnen lebe – und ich werde ihn nie wiedersehen.«

Es war schrecklich, ihn reden zu hören. Ich sah, dass das arme Mädchen dies nicht länger ertragen konnte. »Verlassen Sie uns,« flüsterte ich ihr zu; »ich werde Sie zu Hause wieder treffen.« Er hörte dies und trat sofort zwischen uns. »Sie soll mir ein Versprechen geben, sonst lasse ich sie nicht weggehen.« Fräulein Laroche fühlte wie ich die gebieterische Notwendigkeit, etwas zu sagen, was ihn besänftigen konnte. Auf ein Zeichen von mir gab sie das Versprechen, wieder zu kommen.

Er war befriedigt und bestand darauf, ihr die Hand zu küssen; dann ließ er sie gehen. Es war mir damit gelungen, ihn zu bewegen, dass er mir vertraute. Er schlug mir unaufgefordert vor, ihn nach dem Wirtshause im Dorfe zu begleiten, wo er sich aufgehalten hatte. Der Wirt, der seinem unglücklichen Gast selbstverständlich nicht traute, hatte ihn diesen Morgen aufgefordert, sich irgendein anderes Unterkommen zu suchen. Ich übernahm es, durch meinen Einfluss auf den Mann ihn zu bestimmen, von seinem Vorhaben abzustehen, und ich setzte auch die notwendigen Anordnungen durch, dass nach dem armen Mann gehörig gesehen werde. Nach meiner Rückkehr nach Hause schrieb ich sodann an einen Amtsbruder in meiner Nähe und an den Direktor der Provinzial-Irrenanstalt, die ich beide ersuchte, mit mir über die beste Art zu beraten, um Hauptmann Stanwick auf gesetzlich zulässige Weise so lange in Verwahrung zu halten, bis wir uns mit seinen Verwandten in Verbindung gesetzt hätten.

Konnte ich mehr als dies tun? Das Ereignis des nächsten Morgens beantwortete diese Frage — beantwortete sie sogleich und für immer.

III.

Als ich mich zu Nettlegrove Hall gegen Abend einfand, um Fräulein Laroche meine Fürsorge zuzuwenden, stieß ich auf den Widerspruch ihrer Tante.

Diese gute Dame hatte von der Anwesenheit des Hauptmanns Stanwick im Parke gehört und sie missbilligte es sehr, dass ihre Nichte ihn zu einem weiteren Verkehr ermutigt hatte. Sie hielt auch dafür, dass ich meine Pflicht versäumt hätte, indem ich den Hauptmann noch frei umhergehen lasse. Ich sagte ihr, dass ich, um zu handeln, nur auf den Rat kompetenter Leute warte, die am nächsten Tage eintreffen würden, um mit mir zu beraten; und ich tat mein Bestes, sie von der Zweckmäßigkeit der Schritte zu überzeugen, die ich inzwischen getan hatte. Fräulein Laroche ihrerseits war fest entschlossen, dem Versprechen treu zu bleiben, welches sie gegeben hatte. Wir brachten ihre Tante endlich dazu, unter gewissen Bedingungen nachzugeben.

»Ich kenne den Teil des Parkes, in dem die Zusammenkunft stattfinden soll,« sagte die alte Dame; »es ist der bevorzugte Spazierweg meiner Nichte. Wenn sie nicht in einer halben Stunde zu mir zurückgebracht worden ist, werde ich die Bedienten ausschicken, um sie in Schutz zu nehmen.«

Die Dämmerung trat ein, als wir den verabredeten Ort erreichten. Wir fanden dort bereits Hauptmann Stanwick; er war ungeduldig und misstrauisch, und es war nicht leicht, ihn über unsere Verzögerung zu beruhigen. Sein Wahnsinn schien jetzt mehr denn je hervorzutreten. Er hatte den Geist Varleighs während der vergangenen Nacht gesehen, oder doch geträumt, ihn zu sehen. Zum ersten Mal, sagte er, habe die Erscheinung des toten Mannes zu ihm gesprochen. In feierlichen Worten habe er ihn dazu verurteilt, sein Verbrechen zu sühnen, indem er sein Leben für das Leben hingebe, das er geraubt habe. Er habe ihn gewarnt, nicht auf einer Verheiratung mit Bertha Laroche zu bestehen. »Sie soll Ihre Strafe teilen, wenn sie Ihr Leben teilt. Und Sie werden es an diesem Zeichen erkennen — sie soll mich sehen, wie Sie mich sehen.«

Ich versuchte, ihn zu beruhigen. Er schüttelte den Kopf in starrer Verzweiflung. »Nein,« antwortete er; »falls sie ihn sieht, wenn ich ihn sehe, so hört die einzige Hoffnung auf Erlösung auf, die mich an das Leben fesselt. Wir müssen uns dann Lebewohl sagen, ein Lebewohl für immer!«

Während wir sprachen, waren wir weiter zu einem Teile des Parkes gegangen, durch den ein Bach mit klarem Wasser floss. Am jenseitigen Ufer führte das unbepflanzte Gelände in ein waldiges Tal hinab. Am diesseitigen Ufer des Baches erhob sich eine dichte Anpflanzung von Tannen, die von einem gewundenen Pfade durchschnitten wurde. Hauptmann Stanwick blieb stehen, als wir diese Stelle erreichten. Seine Augen hefteten sich in der zunehmenden Finsternis auf den schmalen Zwischenraum, den der Pfad zwischen den Bäumen bildete. Plötzlich erhob er die rechte Hand mit demselben Schmerzensschrei, den wir früher gehört hatten, mit der linken fasste er Fräulein Laroche am Arme. »Dort!« sagte er. »Sehen Sie dorthin, wohin ich blicke! Sehen Sie ihn dort?«

Als diese Worte über seine Lippen kamen, wurde eine nicht deutlich zu erkennende Gestalt sichtbar, welche den Pfad entlang auf uns zukam.

War es die Gestalt eines lebenden Menschen, oder war es nur ein Gebilde meiner eignen erregten Phantasie? Ehe ich diese Frage tun konnte, schritt der Mann näher auf uns zu. Der letzte Strahl des scheidenden Lichtes fiel durch eine Öffnung in den Bäumen auf sein Gesicht. In demselben Augenblicke fuhr Fräulein Laroche mit einem Schrei des Entsetzens vor Hauptmann Stanwick zurück. Sie würde zur Erde gefallen sein, wenn ich nicht nahe genug gewesen wäre, sie aufrecht zu halten. Hauptmann Stanwick war augenblicklich wieder an ihrer Seite. »Sprechen Sie!« rief er. »Sehen Sie ihn auch?«

Sie war gerade noch imstande, »Ja« zu sagen, als sie in meinen Armen in Ohnmacht fiel.

Er beugte sich über sie und berührte mit seinen Lippen ihre kalte Wange.

»Leben Sie wohl!« sagte er in einem Tone, der seltsamerweise plötzlich in die ausgesuchteste Zärtlichkeit überging. »Leben Sie wohl für immer!«

Er sprang über den Bach, überschritt den freien Raum und war in dem waldigen Tale jenseits bald unseren Blicken entschwunden.

Sowie er verschwand, kam auch die Erscheinung jenes anderen Mannes näher, ging schweigend an uns vorüber, sprang in einem Satze über den Bach und verschwand, wie die Gestalt des Hauptmanns vor ihm verschwunden war.

Ich war allein mit dem ohnmächtigen Mädchen geblieben. Nicht ein Laut, weder fern noch nah, unterbrach die Stille der herankommenden Nacht.

Nr. 5.
Herr Friedrich Darnel, Mitglied der Akademie der Wundärzte, bezeugt und sagt aus:

Ich bin gewohnt, in der freien Zeit, die mir die Pflichten meines Berufes lassen, mich mit dem Studium der Botanik zu befassen, wobei mir ein Freund und Nachbar zur Seite steht, dessen Neigungen in dieser Hinsicht den meinigen gleichen. Wenn ich eine oder zwei Stunden von der für meine Patienten bestimmten Zeit erübrigen kann, so gehen wir zusammen aus, Pflanzenproben zu suchen, Unser Lieblingsort ist der Hernewald. Er bietet dem Botaniker reiche Ausbeute und ist nur eine Meile von dem Dorfe entfernt, in dem ich wohne.

Anfangs Juli machten ich und mein Freund in dem Walde eine unerwartete und erschreckende Entdeckung. Wir fanden in der Lichtung einen Mann, der mit einer gefährlichen Wunde am Boden lag und allem Anscheine nach bereits tot war.

Wir trugen ihn in das Haus des Wildhüters am Saume des Waldes auf der unserem Dorfe nächstgelegenen Seite. Dieser war mit seinem Burschen ausgegangen, aber der leichte Wagen, in dem er in dem entfernteren Teile des Besitztums seines Herrn die Runde macht, befand sich im Hinterhause. Während mein Freund das Pferd anspannte, untersuchte ich die Wunde des Fremden. Sie war ihm kurz vorher erst beigebracht worden und ich bezweifelte, ob sie ihn wirklich getötet hatte. Mit Leinwand und kaltem Wasser, welches mir die Frau des Wildhüters darreichte, tat ich mein Möglichstes und dann brachten wir ihn vorsichtig auf dem Wagen in meine Wohnung. Ich wendete die nötigen Stärkungsmittel an, und überzeugte mich zu meiner Freude bald davon, dass die Lebenskräfte des Verwundeten wieder auflebten. Er war natürlich vollständig bewusstlos, aber die Tätigkeit des Herzens war deutlich wahrzunehmen, und ich fasste Hoffnung für seine Wiederherstellung. In einigen weiteren Tagen fand ich, dass diese durchaus gesichert sei; dann stellte sich das gewöhnliche Fieber ein.

Seiner Freunde wegen war ich genötigt, seine Kleider in Gegenwart eines Zeugen zu untersuchen. Wir fanden sein Taschentuch, seine Börse und seine Zigarrentasche, sonst aber nichts, weder einen Brief noch eine Visitenkarte. In seine Kleider waren nur Anfangsbuchstaben eingezeichnet. Es gab also nur ein Mittel, um seine Persönlichkeit festzustellen: zu warten, bis er wieder sprechen konnte. Als diese Zeit kam, gestand er mir, dass er sich absichtlich jeden Anhalts für die Feststellung seiner Person in der Besorgnis entäußert habe, dass im Falle eines Unfalls, der ihm zustoße, die Nachricht darüber seinen Eltern ohne Vorbereitung durch die Zeitungen zukommen möchte. Er habe an seinen Bankier in London einen Brief geschickt, der an seine Eltern befördert werden sollte, wenn jener innerhalb Monatsfrist ihn weder sähe noch von ihm höre. Sein Erstes war, diesen Brief zurückzuziehen. Die übrigen Einzelheiten, die er mir mitteilte, sind, wie ich höre, bereits bekannt. Ich habe nur noch hinzuzufügen, dass ich gern sein Geheimnis bewahrt habe, indem ich in der Nachbarschaft von ihm nur als von einem Reisenden aus der Fremde sprach, dem hier ein Unfall begegnet sei.

Seine Genesung ging nur langsam von statten. Es war bereits Anfang Oktober, als seine Gesundheit gänzlich wiederhergestellt war. Als er uns verließ, ging er nach London. Er benahm sich sehr freigebig gegen mich, und wir schieden voneinander mit den besten Wünschen auf beiden Seiten.

Nr. 6.
Herr Lionel Varleigh von Boston in den Vereinigten Staaten von Nordamerika bezeugt und sagt aus:

Mein erster Schritt nach meiner Genesung war der, zu den Verwandten des Hauptmanns Stanwick in London zu gehen, um bei ihnen Erkundigungen über ihn einzuziehen. Ich will mich nicht auf Kosten dieses unglücklichen Mannes rechtfertigen. Es ist wahr, ich liebe Fräulein Laroche zu sehr, um sie, außer, wenn sie es selbst wünschte, einem anderen zu überlassen. Es ist ferner wahr, dass Hauptmann Stanwick mich mehr als einmal gröblich beschimpfte und ich dies ruhig hinnahm. Er hatte schwer an einem Sonnenstich gelitten, der ihn in Indien befiel, und in Augenblicken der Erregung konnte er kaum für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden. Erst als mir ein tätlicher Angriff von seiner Seite drohte, ging mir die Geduld aus. Wir griffen zum Degen. Ich war fest entschlossen, sein Leben zu schonen; er aber hatte zweifellos die Absicht, mich zu töten. Ich habe ihm vergeben und will darüber nichts weiter sagen.

Seine Verwandten teilten mir mit, dass bei ihm nach dem Duelle die Symptome des Wahnsinns zu Tage getreten seien, dass er bisher in einer Irrenanstalt verwahrt worden, aber aus ihr entwichen sei, und dass es bisher nicht gelungen sei, seinen Aufenthalt zu ermitteln.

In dem Augenblicke, wo ich dies hörte, erfasste mich die Furcht, dass Stanwick wieder seinen Weg zu Fräulein Laroche gefunden haben könnte. Nach einer Stunde war ich auf dem Wege nach Nettlegrove Hall.

Ich kam dort spät abends an und fand Fräulein Laroches Tante in großer Unruhe um die Sicherheit ihrer Nichte. Die junge Dame war gerade in diesem Augenblicke im Park und im Gespräche mit Stanwick, und sie hatte nur einen älteren Herrn, den Pfarrer, zu ihrem Schutze bei sich.

Dies veranlasste mich, mich sogleich auf den Weg zu machen, um ihr auch meine Fürsorge angedeihen zu lassen. Ein Diener begleitete mich, um mir den Ort der Zusammenkunft zu zeigen. Wir hörten zwar undeutlich Stimmen, aber wir sahen niemand. Der Diener zeigte auf einen Pfad, der durch die Tannen führte. Ich selbst ging rasch vorwärts, während ich den Diener so weit zurückließ, dass ich ihn zu jeder Zeit herbeirufen konnte. In einigen Minuten bemerkte ich sie in geringer Entfernung an dem Ufer eines Baches. Die Furcht, Fräulein Laroche ernstlich zu erschrecken, wenn ich mich ihnen plötzlich zeigte, beraubte mich für einen Augenblick meiner Geistesgegenwart. Indem ich stehen bleibend überlegte, was zu tun sei, war ich durch die Bäume weniger verdeckt worden, als ich vermutet hatte. Fräulein Laroche hatte mich gesehen; ich hörte ihren Angstschrei. Einen Augenblick später sah ich Hauptmann Stanwick den Bach überspringen und die Flucht ergreifen. Dies brachte mich in Bewegung. Ohne mich aufzuhalten und ohne ein Wort der Erklärung zu sagen, verfolgte ich ihn. Unglücklicherweise glitt ich im Halbdunkel aus und fiel auf dem freien Raume jenseits des Baches zur Erde. Als ich wieder auf meinen Füßen stand, war Stanwick unter den Bäumen verschwunden, die die Grenze des Parkes vor mir bildeten. Ich konnte von ihm weder etwas sehen, noch hören, als ich auf die Landstraße hinausgekommen war. Ich traf dort einen Arbeiter, der mir den Weg nach dem Dorfe zeigte. Aus dem Wirtshause schrieb ich Fräulein Laroches Tante einen Brief, in dem ich ihr mitteilte, was sich zugetragen hatte, und sie um die Erlaubnis bat, am nächsten Tage in ihrer Wohnung vorsprechen zu dürfen.

Früh morgens kam der Pfarrer zu mir in das Wirtshaus und brachte traurige Nachrichten. Fräulein Laroche litt an einem nervösen Anfall und mein Besuch musste verschoben werden. Als wir sodann von dem vermissten Manne sprachen, erfuhr ich alles, was Herr Loring mir sagen konnte. Meine genaue Bekanntschaft mit Stanwick setzte mich in den Stand, aus den mitgeteilten Tatsachen meine Schlüsse zu ziehen. Sofort fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, dass der Unglückliche vielleicht an derselben Stelle sühnenden Selbstmord begangen haben könnte, an der er versucht hatte, mich zu töten. Ich überließ dem Pfarrer, die erforderlichen Erkundigungen einzuziehen, und nahm Postpferde nach Maplesworth, um den Weg nach dem Hernewald einzuschlagen. Als ich von der Landstraße dem Walde zuschritt, sah ich in geringer Entfernung zwei Personen — einen Mann in dem Anzuge eines Wildhüters und einen jungen Burschen. Ich war zu sehr erregt, um von ihnen besondere Notiz zu nehmen; ich eilte auf dem Pfade vorwärts, der zur Lichtung führte. Meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht. Dort lag er tot an dem Platze des Duells, und an seiner Seite lag ein blutbeflecktes Rasiermesser. Ich fiel an dem Leichnam auf die Knie; ich nahm seine kalte Hand in die meinige, und ich dankte Gott, dass ich ihm in den ersten Tagen meiner Wiedergenesung vergeben hatte.

Ich kniete noch nieder, als ich von hinten ergriffen wurde. Ich arbeitete mich wieder auf die Füße und stand dem Wildhüter gegenüber. Er hatte mich in den Wald eilen sehen, sein Verdacht war rege geworden, und er und sein Bursche waren mir gefolgt. An meinen Kleidern befand sich Blut, und in meinem Gesicht war Entsetzen ausgeprägt. Der Schein war deutlich gegen mich; ich hatte keine andere Wahl, als dem Wildhüter vor den nächsten Untersuchungsrichter zu folgen.

Die Weisungen, die ich meinem Verteidiger gab, untersagten es ihm, für meine Freisprechung in der Weise zu plädieren, dass er etwa gewohnheitsmäßige Einwendungen gegen das formelle Verfahren des Richters oder des Leichenbeschauers geltend mache. Ich bestand nur darauf, dass meine Zeugen auf das Bureau meines Verteidigers bestellt würden und dass ihnen gestattet werde, in ihrer Weise das anzugeben, was sie wahrheitsgemäß über mich auszusagen wüssten, und ich stellte es anheim, meine Verteidigung lediglich auf das so erlangte Beweismaterial zu stützen. Unterdessen wurde ich natürlich in Haft behalten. Damit erreichte das Trauerspiel des Duells seinen Höhepunkt: ich wurde angeklagt, den Mann ermordet zu haben, der versucht hatte, mir das Leben zu nehmen.

Mit dem Bericht dieses Vorfalles geht das, was in meinem Beitrag zur gegenwärtigen Erzählung erwähnenswert erscheint, zu Ende.

Es fand eine gerichtliche Verhandlung statt, wie dies nach Recht und Gerechtigkeit nicht anders sein konnte. Aber der Beweis, wie er durch die Vernehmung der Zeugen auf dem Bureau meines Verteidigers geführt wurde, war nur der Form, nicht aber dem Wesen nach ein anderer, wie der durch die Vernehmung der Zeugen vor dem Gerichtshof geführte. Meine Verteidigung befriedigte die Geschworenen so vollständig, dass sie gegen das Ende der Verhandlung ungeduldig wurden und ihren Wahrspruch auf Nichtschuldig abgaben, ohne zu einer längeren Beratung sich zurückzuziehen.

Es ist gewiss unnötig, mich dabei aufzuhalten, welchen Gebrauch ich zuerst von meiner ehrenvollen Freisprechung machte. Ob ich den beneidenswerten Platz, den ich in Berthas Meinung behauptete, verdient habe, darüber steht mir ein Urteil nicht zu. Ich will die Entscheidung darüber der Dame überlassen, die nun aufgehört hat, Fräulein Laroche zu sein — ihr, die so liebenswürdig gewesen ist, meine Frau zu werden.


Die Heirat wider Willen.
(Mr. Cosway And The Landlady.)

Aus dem Englischen.

von

Peter Butzer

I.

Die Gäste würden sich über ihren Besuch im Landhause des Baron Peter gefreut haben — wäre nicht Herr Cosway gewesen.

Und was die Sache noch schlimmer machte, nicht Herr Cosway war es, sondern die Gäste, die zu tadeln waren. Sie wiederholten in größerem Maßstabe die alte Geschichte von Adam und Eva. Die Frauen sündigten zuerst, und sie waren es, die dann die Männer verführten.

Herr Cosways schlimmster Feind hätte nicht leugnen können, dass er ein schöner, wohlerzogener, anspruchsloser Mann war. Kein Geheimnis irgendwelcher Art heftete sich an seine Person. Er hatte den Dienst in der Marine als seinen Beruf erwählt — war dessen aber nach einer Dienstzeit von einigen Jahren überdrüssig geworden — und lebte nun von dem bescheidenen Einkommen, das ihm nach dem Tode seiner Eltern zuteil geworden war. Aus diesem wenig versprechenden Material baute nun die lebhafte Phantasie der Frauen einen Roman auf. Die Männer machten nur die Wahrnehmung, dass Herr Cosway ziemlich schweigsam und gedankenvoll sei, dass er es mit dem Lachen nicht eilig habe und dass er lange Spaziergänge allein zu machen pflege.

Harmlose Gewohnheiten sicherlich!

Und doch erregten sie die Neugier der Frauen als Zeichen eines Geheimnisses in Cosways vergangenem Leben, in dem irgendein unbekanntes, geliebtes Wesen eine Hauptrolle gespielt haben musste.

Natürlich näherte sich ihm weiblicher Einfluss vorsichtig auf Umwegen und versuchte, ihn dazu zu bringen, sein Herz zu öffnen und die Geschichte seines Kummers zu erzählen. Aber mit vollendeter Höflichkeit wies er die Neugier zurück und behielt das vermutete Geheimnis für sich. Das schönste Mädchen im Hause wäre bereit gewesen, mit seinem Vermögen sich ihm zum Troste anzubieten, wenn dieser unergründliche Junggeselle sie nur in sein Vertrauen hätte ziehen wollen. Er lächelte traurig und ging im Gespräche auf einen anderen Gegenstand über.

Nachdem die Frauen in ihren Hoffnungen bis jetzt getäuscht worden waren, nahmen sie zu einem anderen Hilfsmittel ihre Zuflucht.

Einer der im Hause sich aufhaltenden Gäste, ein ehemaliger Offizier in der Marine und ein Kamerad Cosways war sein intimer Freund. Dieser wurde nun ebenfalls in vorsichtiger Weise ausgeforscht, wie es bereits bei seinem Freunde erfolglos geschehen war. Mit unerschütterlicher Gemütsruhe aber verwies er die Damen, eine nach der anderen, an Herrn Cosway. Sein Name war Stein, und die Damen waren der Meinung, dass er dieses Namens würdig sei.

Das letzte Hilfsmittel, das unseren schönen Freundinnen übrig blieb, war, das schlummernde Interesse der Männer zu wecken und dem intimen Verkehr des Rauchzimmers die Aufklärung zu überlassen, die sie auf andere Weise nicht zu erlangen vermochten.

Bei der Ausführung dieses Vorhabens verdankten sie den außerordentlichen Erfolg, der ihre Anstrengungen belohnte, einer günstigen Lage der Dinge im Hause: die Jagd war unergiebig, der Billardtisch wurde einer Ausbesserung unterzogen, und unter den Gästen gab es nur zwei wirklich geschickte Whistspieler. In einer solchen Atmosphäre der Langeweile wurden die Männer nicht allein von der Neugier der Frauen ergriffen, nein, sie zeigten sogar das Verlangen, dem Geschwätz der Dienstbotenstube zu lauschen, das dann von den Kammerjungfern auch ihren Herrinnen hinterbracht wurde.

Es dauerte nicht lange, und die Folgen einer solchen wirklich niedrigen Gesinnung zeigten sich deutlich.

Wäre nicht ein günstiges Ereignis eingetreten, so würde Herr Cosway, als er an einem Morgen die Gesellschaft beim Frühstück traf, wahrgenommen haben, bis zu welchem Grade von unanständiger Neugier Müßiggang und Torheit auch solche Leute führen kann, die zu den Gebildeten gezählt sein wollen. Die Zeitungen liefen ein, ehe noch die Gäste sich vom Tische erhoben hatten. Baron Peter überreichte eine davon der Dame, die ihm zur Rechten saß.

Es bedarf nicht der Erwähnung, dass sie zuerst nach der Liste der Geburten, Sterbefälle und Heiraten sah; dann aber wandte sie sich zu den allgemeinen Neuigkeiten — Feuersbrünsten, Unglücksfällen, Reisen von Personen aus höheren Ständen u.s.w. Nach einigen Minuten ließ sie die Zeitung unwillig in den Schoß fallen.

»Hier ist noch ein unglücklicher Mann« sagte sie, »der der Dummheit der Frauen geopfert worden ist! Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, ich würde die Kunst des Schwimmens dazu benutzt haben, mich zu retten, und hätte es den Frauen überlassen, auf den Grund des Stromes zu fahren, wie sie es verdienten!«

»Vermutlich ein Unfall auf einem Boote?« sagte Baron Peter.

»Ach ja — die alte Geschichte. Ein Herr nimmt zwei Damen in ein Boot. Diese werden nach einer Weile unruhig und fühlen das unsinnige Verlangen, die Plätze zu wechseln. Das Boot stürzt natürlich um, und der arme Mann, der sie zu retten versucht, ertrinkt mit ihnen trotz

aller seiner Anstrengungen. Abscheulich! Abscheulich!«

»Sind Namen genannt?«

»Ja. Sie sind mir alle fremd; ich spreche nur von der Sache.«

Indem die Dame derart ihre Meinung äußerte, händigte sie unwillig die Zeitung an Cosway aus, der ihr zufällig am nächsten saß. »Als Sie in der Marine dienten« fuhr sie fort, »war sicherlich Ihr Leben auch der Gefahr ausgesetzt, wenn Sie Frauen ins Boot nahmen. Lesen Sie es selbst und lassen Sie sich’s für die Zukunft zur Warnung dienen.«

Herr Cosway überblickte den Bericht des Vorfalls — und tat das romantische Geheimnis seines Lebens in dem ergebungsvollen Ausruf kund: »Gott sei Dank, meine Frau ist ertrunken!«

II.

Wenn ich sage, dass Baron Peter und seine Gäste vor Erstaunen sprachlos waren, als sie auf diese Weise erfuhren, dass Herr Cosway ein verheirateter Mann sei, so habe ich damit noch sehr wenig gesagt.

Der allgemeine Eindruck schien der zu sein, dass er verrückt sei. Seine Tischnachbarn zogen sich, mit Ausnahme seines Freundes, alle von ihm zurück. Herr Stein blickte auf die Zeitung, drückte Herrn Cosway in stiller Teilnahme die Hand — und wandte sich an den Gastgeber.

»Erlauben Sie mir, dass ich für meinen Freund spreche« sagte er, »bis er die nötige Ruhe gefunden hat, für sich selbst einzutreten. Die Umstände sind so außergewöhnlicher Art, dass ich annehmen darf, ihn durch sie entschuldigt zu sehen. Wollen Sie uns erlauben, mit Ihnen privatim zu sprechen?«

Baron Peter öffnete, indem er sich mit einer Entschuldigung an seine Gäste wandte, die Tür, die zu seiner Studierstube führte. Herr Stein nahm Herrn Cosways Arm und ging mit ihm aus dem Zimmer. Cosway achtete auf niemand, sprach mit niemand — und bewegte sich nur mechanisch fort wie ein Nachtwandler.

Nach Verlauf einer Stunde, für die Zurückbleibenden eine unerträgliche Zeit, kehrte Baron Peter allein in das Frühstückszimmer zurück. Herr Cosway und Herr Stein waren mit ihres Gastgebers vollständigem Einverständnis bereits nach London abgereist.

»Es ist in mein Belieben gestellt« fuhr Baron Peter fort, »Ihnen wieder zu erzählen, was ich in meiner Studierstube gehört habe. Ich will dies tun unter der einen Bedingung — dass Sie alle sich auf Ehrenwort verpflichtet betrachten, die wahren Namen und die wirklichen Orte nicht zu nennen, wenn Sie die Geschichte anderen erzählen.«

Unter diesem klugen Vorbehalte wird die Geschichte hier von einem aus der Gesellschaft wieder erzählt. Dieser findet, wenn er darüber nachdenkt, wie er seine Aufgabe aufs vorteilhafteste lösen könne, dass die Ereignisse, welche Herrn Cosways unglücklicher Heirat vorausgingen und ihr folgten, sich in gewisse wohlmarkierte Teile bringen lassen. Indem er diese Einteilung zu Grunde legt, erzählt er die Geschichte wie folgt:

Erster Zeitabschnitt in Cosways Leben

Die Abfahrt Ihrer Majestät Schiff Albicorn wurde durch die ernste Krankheit des Kapitäns verzögert. Ein Mann, der keinen politischen Einfluss besaß, würde auf den bedenklichen Bericht des Arztes hin durch einen anderen Kommandanten ersetzt worden sein. Im vorliegenden Falle aber zeigten sich die Herren im Marineministerium als ein Muster von Geduld und Teilnahme Sie hielten das Schiff im Hafen zurück und warteten des Kapitäns Wiederherstellung ab.

Unter den jüngeren Offizieren in minder wichtigen Stellungen, die unter diesen Umständen an Bord nicht nötig waren und demgemäß leichten Urlaub erhielten, um auf dem Lande weitere Ordre abzuwarten, befanden sich auch zwei junge Männer im Alter von 22 und 23 Jahren, die unter den Namen Cosway und Stein bekannt waren.

Das Ereignis, durch das sie uns jetzt bekannt werden, nimmt seinen Anfang in einem bedeutenden Seehafen an der Südküste Englands und zeigt uns die beiden jungen Herren am Mittagstische in einem Privat-Zimmer ihres Gasthofes.

»Ich glaube, dass wir die letzte Flasche Champagner entkorkt haben« sagte Cosway. »Lass uns noch eine versuchen. Du bist der Schelle am nächsten, Stein. Schelle!«

Stein zog die Schelle, aber er machte seine Bedenken geltend. Er war der ältere von beiden und ein Muster von Besonnenheit.

»Ich fürchte, dass unsere Rechnung schrecklich aufläuft« sagte er. »Wir sind länger als drei Wochen hier gewesen —«

»Und wir haben uns nichts versagt« fügte Cosway hinzu. »Wir haben wie Fürsten gelebt. Kellner, noch eine Flasche Champagner! Wir haben unsere Reitpferde, unsere Wagen, die beste Loge im Theater und Zigarren, wie sie London selbst nicht liefern kann. Das heiße ich den höchsten Vorteil aus dem Leben ziehen. Probiere einmal die neue Flasche! Herrliches Getränk, nicht wahr? Warum hat denn nur mein Vater keinen Champagner auf seinem Familientische?«

»Ist dein Vater ein reicher Mann, Cosway?«

»Ich könnte es nicht sagen. Er gab mir nichts als das gehoffte Geld, als ich ihm Lebewohl sagte — und ich glaube sogar, er ermahnte mich beim Abschiede ernstlich, mit ihm recht sparsam umzugehen. ‚Du bekommst keinen Heller mehr‘, sagte er, ‚bis euer Schiff von seiner Fahrt nach Südamerika wieder zurückkehrt.‘«

»Dein Vater ist ein Geistlicher, Stein.«

»Ja, und was willst du damit sagen?«

»Nun, einige Geistliche sind reich.«

»Mein Vater ist keiner von diesen, Cosway.«

»Dann lass uns nicht mehr von ihm sprechen. Schenke dir selbst ein und reiche mir dann die Flasche.«

Anstatt dieser Aufforderung zu folgen, erhob sich Stein mit sehr ernster Miene und zog noch einmal die Schelle.

»Bitten Sie die Wirtin heraufzukommen« sagte er, als der Kellner erschien.

»Was willst du mit der Wirtin?« fragte Cosway.

»Ich wünsche die Rechnung.«

Die Wirtin — eine Frau Pounce — betrat das Zimmer. Sie war Witwe, von kleiner Statur, alt, wohlbeleibt und geschminkt.

Leute, die Charaktere studieren, wie solche im Gesicht ausgeprägt sind, würden Bosheit und List in ihren glänzenden kleinen schwarzen Augen und ein heftiges, rachsüchtiges Gemüt in den Linien ihrer dünnen roten Lippen wahrgenommen haben. Die beiden jungen Offiziere waren solch feiner Unterscheidungen nicht fähig und gingen daher in ihren Ansichten über Frau Pounce weit auseinander. Cosways sorgloser, heiterer Sinn gefiel sich in der Behauptung, dass er verliebt in sie sei. Stein hatte dagegen von Anfang an eine Abneigung gegen sie gefasst. Als sein Freund nach deren Grunde fragte, gab er eine merkwürdig dunkle Antwort.

»Erinnerst du dich jenes Morgens, als du im Walde die Schlange tötetest?« sagte er. »Ich fasste eine Abneigung gegen die Schlange.«

Cosway stellte keine weiteren Fragen an ihn.

»Nun, meine jungen Helden« rief Frau Pounce, die immer laut, immer heiter und immer zutraulich gegen ihre Gäste war, »was wünschen Sie denn von mir ?«

»Nehmen Sie ein Glas Champagner, mein Liebchen« sagte Cosway, »und lassen Sie mich versuchen, ob ich meinen Arm um Ihre Taille legen kann. Das ist alles, was ich von Ihnen wünsche.«

Die Wirtin ließ diese Bemerkung unerwidert vorübergehen. Obgleich sie zu beiden gesprochen hatte, blieben doch ihre kleinen, listigen Augen von dem Augenblicke ihres Eintritts an auf Stein haften. Instinktmäßig erkannte sie den Mann, der sie nicht leiden mochte — und sie wartete bedächtig auf Steins Antwort.

»Wir sind eine Zeitlang hier gewesen« sagte dieser, »und Sie würden uns verpflichten, Madame, wenn Sie uns die Rechnung geben wollten.«

Frau Pounce öffnete mit einem Ausdruck unschuldiger Überraschung weit die Augen. »Ist der Kapitän wieder gesund und müssen Sie heute abend an Bord gehen?« fragte sie.

»Nichts von alledem!« warf Cosway dazwischen. »Wir haben keine Nachricht von dem Kapitän und gehen heute abend ins Theater.«

»Aber« wiederholte Stein, »wir wünschen die Rechnung zu haben, wenn es beliebt.«

»Gewiss, verehrter Herr« sagte Frau Pounce, indem sie plötzlich eine ehrerbietige Miene annahm. »Aber wir sind drunten sehr beschäftigt und hoffen, dass Sie uns heute abend nicht drängen werden.«

»Natürlich nicht!« rief Cosway.

Frau Pounce verließ augenblicklich das Zimmer, ohne auf eine weitere Bemerkung von Cosways Freund zu warten.

»Ich wünschte, wir wären in ein anderes Haus gegangen« sagte Stein. »Merke dir, was ich sage, diese Frau will uns betrügen.«

Cosway äußerte seine abweichende Meinung in der freundlichsten Weise. Er füllte das Glas seines Freundes und bat ihn, doch von Frau Pounce nicht solche böse Dinge zu reden.

Aber das gewöhnlich so sanfte Gemüt Steins schien nun einmal erregt zu sein; er beharrte auf seiner Ansicht. »Sie ist unverschämt und neugierig, wenn sie nicht geradezu unredlich ist« sagte er. »Was für ein Recht hat sie, dich zu fragen, wo wir zu Hause wohnten; und welches unsere Vornamen seien; und wer von uns der ältere sei, du oder ich? O ja — das ist alles ganz schön gesagt, dass sie nur ein schmeichelhaftes Interesse für uns zeige! Ich vermute, sie zeigte ein schmeichelhaftes Interesse für meine Geschäfte, als ich ein wenig früher wie gewöhnlich aufwachte und sie in meinem Schlafzimmer mit meiner Brieftasche in der Hand erwischte.«

»Glaubst du, dass sie im Begriffe war, die Brieftasche der Sicherheit wegen einzuschließen? Sie weiß ebensogut, wie viel Geld wir bekommen haben, als wir selbst. Jeder Pfennig, den wir besitzen, wird morgen in ihrer Tasche sein. Aber es hat auch sein Gutes — wir werden genötigt sein, das Haus zu verlassen.«

Selbst dieser zwingende Grund vermochte nicht, Cosway zu einer Erwiderung zu bringen. Er nahm Steins Hut und überreichte ihn seinem prophetischen Freunde mit der äußersten Höflichkeit.

»Es gibt nur ein Mittel für eine solche Gemütsverfassung wie die deinige« sagte er. »Komm mit mir ins Theater.«

Am nächsten Morgen um zehn Uhr befand sich Cosway allein am Frühstückstische. Es wurde ihm gesagt, dass Herr Stein ausgegangen sei, um einen kleinen Spaziergang zu machen, und bald wieder zurück sein werde. Als er sich zu Tische setzte, bemerkte er auf seinem Teller ein Kuvert, das augenscheinlich die Rechnung enthielt. Er ergriff es, überlegte einen Augenblick und warf es dann uneröffnet wieder hin. In demselben Augenblick stürzte Stein in großer Aufregung ins Zimmer.

»Nachrichten, welche dich wundern werden« rief er. »Der Kapitän ist gestern abend angekommen. Die Ärzte sagen, dass die Seereise seine vollständige Wiederherstellung bewirken werde. Das Schiff segelt heute noch ab — und wir haben den Befehl, uns innerhalb einer Stunde an Bord zu melden. Wo ist die Rechnung?«

Cosway zeigte auf sie. Stein nahm sie aus dem Kuvert. Sie bedeckte zwei Seiten eines ungeheuer langen Streifens Papier. Die Gesamtsumme war mit Linien in roter Tinte schön verziert. Sten sah nach ihr und gab dann Cosway schweigend die Rechnung. Diesmal war selbst Cosway in Bestürzung. In unheimlicher Stille zogen die beiden jungen Männer ihre Brieftaschen hervor, rechneten ihr bares Geld zusammen und verglichen das Ergebnis mit der Rechnung. Ihre gesamten Mittel betrugen etwas mehr als ein Drittel der Forderung der Wirtin.

Der einzige Weg, der sich darbot, war nach Frau Pounce zu schicken, um ihr die Verhältnisse auseinanderzusetzen und ihr auf der noblen Geschäftsbasis des Kredits einen Vergleich vorzuschlagen.

Frau Pounce erschien und war prächtig in ein Promenadenkostüm gekleidet. War sie im Begriffe auszugehen oder war sie gerade nach dem Gasthofe zurückgekehrt? Nicht ein Wort entschlüpfte ihr, sie wartete mit ernster Miene, um zu hören, was die Herren wünschten.

Cosway, darauf vertrauend, dass Frau Pounce ihm bisher ihre Gunst zugewendet hatte, bot ihr den Inhalt ihrer beiden Brieftaschen an und teilte ihr die traurige Wahrheit mit. »Das ist alles Geld, was wir haben« sagte er zuletzt. »Wir hoffen, dass Sie damit einverstanden sind, den Rest Ihres Guthabens in einem Wechsel auf drei Monate in Empfang zu nehmen.«

Frau Pounce antwortete mit einem Ernst in Wort und Miene, der für Cosway und Stein ganz neu war.

»Meine Herren, ich habe für Ihre Pferde und Wagen bares Geld an Miete bezahlt« sagte sie; »hier sind die Quittungen der Mietspferdehalter, die dies nachweisen. Ich nehme niemals Wechsel an, wenn ich nicht im voraus ganz sicher bin, dass sie auch bezahlt werden. Ich bestreite, dass Sie eine Überforderung in der gestellten Rechnung nachweisen können und erwarte, dass Sie Zahlung leisten, ehe Sie mein Haus verlassen.«

Stein sah nach seiner Uhr. »In dreiviertel Stunden« sagte er, »müssen wir an Bord sein.«

Frau Pounce war ganz seiner Ansicht. »Und wenn Sie nicht an Bord sind« bemerkte sie, »so werden Sie vor ein Kriegsgericht gestellt und vom Dienste entfernt werden, und Ihr guter Ruf wird fürs ganze Leben zu Grunde gerichtet sein.«

»Verehrteste Frau, wir haben keine Zeit nach Hause zu schicken, und kennen in der Stadt niemand« erklärte Cosway. »Nehmen Sie um Gottes willen unsere Uhren und Juwelen und unser Gepäck und lassen Sie uns gehen.«

»Ich bin kein Pfandleiher« sagte die unbeugsame Dame. »Sie müssen entweder Ihre unbestreitbare Schuld mir in richtigem Gelde bezahlen oder —«

Sie machte eine Pause und blickte nach Cosway. Ihr wohlgenährtes Gesicht heiterte sich auf — zum erstenmal zeigte sich ein anmutiges Lächeln auf demselben.

Cosway starrte sie in unverhohlener Verwirrung an. Verwirrt wiederholte er ihre letzten Worte. »Wir müssen entweder die Rechnung bezahlen« sagte er, »oder was?«

»Oder« antwortete Frau Pounce, »einer von Ihnen muss mich heiraten.« Scherzte sie? War sie berauscht? Oder war sie von Sinnen? Nichts von all dem. Sie war vollständig Herrin ihrer selbst, und ihre Erklärung war ein Muster von klarer und überzeugender Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse:

»Meine Stellung hier hat ihre Unannehmlichkeiten« fing sie wieder an. »Ich bin eine alleinstehende Witwe; es ist bekannt, dass ich ein ausgezeichnetes Geschäft und erspartes Geld habe. Die Folge davon ist, dass ich von einer Schar geldgieriger Lumpen zu Tode gequält werde, die mich heiraten wollen. In dieser Lage bin ich Beleidigungen und Verleumdungen ausgesetzt. Selbst wenn ich nicht wüsste, dass die Männer es nur auf mein Geld abgesehen haben, wäre doch nicht einer unter ihnen, den ich zu heiraten wagen würde. Er möchte sich als Tyrann erweisen und mich schlagen, oder als Trunkenbold, und mich beschimpfen, oder als ein Spieler, der mich zu Grunde richtet. Wie Sie sehen, ist es zu meiner eigenen Sicherheit und Ruhe nötig, dass ich mich für verheiratet erklären und den Beweis dafür durch einen Heiratsschein erbringen kann. Ein Herr aus gebildeter Familie, der eine angesehene Stellung zu gewähren hat und an Jahren so viel jünger ist als ich selbst, dass er nicht daran denkt, mit mir zusammenzuleben — das wäre so ein Ehegatte, der mir passte! Meine Herren, ich bin eine vernünftige Frau. Ich würde darauf eingehen, mich von meinem Gemahl an der Kirchtür wieder zu trennen, und nachher niemals wieder versuchen, ihn zu sehen, oder ihm auch nur zu schreiben. Ich würde, wenn nötig, nur meinen Heiratsschein vorzeigen, ohne irgendwelche Erklärungen abzugeben. Ihr Geheimnis würde ganz sicher bei mir aufgehoben sein. Ich kümmere mich nicht im geringsten um Sie, so lange Sie meinem Zweck entsprechen.

Was sagen Sie dazu, dass einer von Ihnen in dieser Weise meine Rechnung bezahlt? Ich bin bereits für den Altar gekleidet und der amtierende Geistliche hat Nachricht erhalten.

Ich ziehe Herrn Cosway vor« fuhr das schreckliche Weib in grausamster Ironie fort, »weil er mich bisher mit Aufmerksamkeit behandelt hat. Die Heiratserlaubnis, die ich vor vierzehn Tagen in dieser Voraussetzung erwirkt habe, ist auf seinen Namen ausgestellt. So weit geht meine Vorliebe für Herrn Cosway. Aber das hat nichts zu sagen, falls Herr Stein seinen Platz einnehmen will. Er kann unter seines Freundes Namen aufgerufen werden. O ja, er kann es! Ich habe meinen Rechtsanwalt befragt. So lange als Braut und Bräutigam darin übereinstimmen, können sie unter einem beliebigen Namen getraut werden, und die Ehe ist rechtsgültig. Sehen Sie nochmals auf Ihre Uhr, Herr Stein. Die Kirche ist in der nächsten Straße. Nach meiner Berechnung haben Sie gerade noch fünf Minuten Zeit, sich zu entschließen. Ich bin eine pünktliche Frau, meine lieben Jungen, und werde auf die Minute wieder zurück sein.« Sie öffnete die Tür, zögerte einen Augenblick und kehrte in das Zimmer zurück.

»Ich hätte sagen sollen« fing sie wieder an, »dass ich Ihnen am Schlusse der Feierlichkeit mit der quittierten Rechnung ein Geschenk machen werde. Ich werde Sie mit allem Gelde, das Sie in der Tasche haben, in meinem eigenen Boote auf das Schiff bringen lassen und Ihnen einen Korb mit guten Esswaren mitgeben. Danach habe ich mit Ihnen nichts mehr zu schaffen. Sie können Ihren eigenen Weg zum Teufel gehen.«

Mit diesem Abschiedssegen verließ sie die beiden.

Nachdem sie so in die Falle der Wirtin geraten waren, blickten sich die beiden Opfer in bedeutsamem Schweigen einander an. Ohne hinreichende Zeit, um den Rat eines Rechtskundigen einzuholen, ohne Freunde auf dem Lande und ohne die Möglichkeit, Offiziere ihres Ranges auf dem Schiffe anzusprechen, hatten sie allerdings nur die Wahl zwischen einer Heirat und dem Verderben.«

Stein machte einen Vorschlag, der eines Helden würdig war.

»Einer von uns muss heiraten« sagte er. »Ich bin bereit, mich dafür herzugeben.«

Cosway kam ihm an Großmut gleich.

»Nein« antwortete er. »Ich war es, der dich hierher brachte und dich zu diesen höllischen Ausgaben verleitete. Ich muss dafür büßen und ich will es auch.«

Ehe noch Stein Einwendungen machen konnte, waren die fünf Minuten vorüber. Pünktlich erschien Frau Pounce wieder in der Tür.

»Nun?« fragte sie, »wer soll es sein, Cosway oder Stein?«

Cosway trat so sorglos wie immer vor und bot ihr seinen Arm.

»Nun denn, Fettklümpchen« sagte er, »komm und lass dich heiraten!«

In weiteren fünfundzwanzig Minuten war Frau Pounce eine Frau Cosway geworden, und die beiden Offiziere befanden sich auf dem Weg zum Schiffe.

Zweiter Zeitabschnitt in Cosways Leben

Vier Jahre waren verflossen, ehe die »Albicore« nach dem Hafen zurückkehrte, aus dem sie ihre Fahrt angetreten hatte. In der Zwischenzeit waren Cosways Eltern gestorben. Der Rechtsanwalt, der während seiner Abwesenheit von England seine Geschäfte besorgt hatte, benachrichtigte ihn, dass die Erbschaft aus seines verstorbenen Vaters »Besitztum« sich auf ein jährliches Einkommen von achthundert Pfund belaufe. Seine Mutter hatte nur die lebenslängliche Nutznießung ihres Vermögens besessen; sie hatte ihm ihre Juwelen, sonst nichts, hinterlassen.

Die Erfahrungen, welche Cosway als Seeoffizier im Auslande gemacht hatte, hatten ihn in seinen Erwartungen vollständig getäuscht, denn er besaß keinen politischen Einfluss, der seine Beförderung hätte beschleunigen können. Er entschloss sich daher, vom Dienste zurückzutreten, sobald das Schiff »außer Dienst gestellt« sei.

Zum Erstaunen seiner Kameraden hatte er indessen keine Eile, von dem ihm bewilligten Urlaub aufs Land Gebrauch zu machen. Der treue Stein war der einzige Mann an Bord, der da wusste, dass er seiner »Frau« zu begegnen fürchtete. Dieser gute Freund erbot sich, in den Gasthof zu gehen und die notwendigen Erkundigungen mit aller Vorsicht anzustellen.«

»Vier Jahre sind eine lange Zeit, in ihrem Alter« sagte er. »Vieles kann sich in vier Jahren zutragen.«

Eine Stunde später kehrte Stein zum Schiffe zurück und machte seinem Kameraden an Bord eine schriftliche Mitteilung in den Worten: »Packe deine Sachen sogleich ein und komme zu mir ans Land.«

»Was für Nachrichten?« fragte der Ehegemahl besorgt. Stein blickte bedeutsam nach den Müßiggängern am Landungsplatze »Warte« sagte er, »bis wir allein sind.«

»Wohin gehen wir?«

»Zur Eisenbahn-Station.«

Sie begaben sich in einen leeren Wagen, und Stein benahm seinem Freunde sogleich jede weitere Besorgnis.

»Niemand kennt das Geheimnis deiner Heirat, als wir beide« fing er ruhig an. »Ich meine, Cosway, du hättest nicht nötig, traurig zu sein.«

»Du willst doch nicht sagen, dass sie tot ist!«

»Ich habe einen Brief von ihrem eignen Anwalt gesehen, der ihren Tod meldet« erwiderte Stein. »Er war so kurz, dass ich glaube, ihn Wort für Wort wiederholen zu können: —

,Werter Herr! Ich habe Nachricht von dem Tode meiner Klientin erhalten. Bitte, zahlen Sie die nächste und letzte Rate des Kaufschillings für den Gasthof an die Testamentsvollstrecker der verstorbenen Frau Cosway.« Das war der Brief. Mit den Worten ‚Werter Herr‘ meinte er den gegenwärtigen Inhaber des Gasthofes. Dieser erzählte mir in einigen Worten die frühere Lebensgeschichte deiner Frau. Nachdem sie ihr Geschäft mit gewohnter Klugheit länger als drei Jahre fortgeführt hatte, wurde sie kränklich und ging nach London, um einen Arzt zu befragen. Dort blieb sie unter dessen Obhut. Das nächste war, dass ein Agent erschien, der mit Rücksicht auf die schwankende Gesundheit der Wirtin den Auftrag hatte, das Geschäft zu verkaufen. Nimm nun noch den späteren Tod hinzu — und du hast den Anfang und das Ende der Geschichte Fortuna schuldete dir eine glückliche Wendung, Cosway — und Fortuna hat ihre Schuld entrichtet. Empfange meine besten Glückwünsche.«

In London angekommen, begab sich Stein sogleich zu seinen im nördlichen Teile wohnenden Verwandten. Cosway ging auf das Bureau des Herrn Atherton, des Anwaltes der Familie, der während seiner Abwesenheit seine Interessen vertreten hatte. Sein Vater und Herr Atherton waren Schulkameraden und alte Freunde gewesen. Er wurde herzlich aufgenommen und eingeladen, am nächsten Tage dem Rechtsanwalte in seinem Landhause zu Richmond einen Besuch abzustatten.

»Sie werden London nahe genug sein, um Ihre Geschäfte im Marineministerium zu besorgen« sagte Herr Atherton, »und in meinem Hause eine Besucherin antreffen, die eins

der reizendsten Mädchen in England ist — die einzige Tochter des hochangesehenen Herrn Restall. Guter Himmel! Haben Sie nie von ihm gehört? Mein werter Herr, er ist einer der Teilhaber der berühmten Firma Benshaw, Restall und Benshaw.«

Cosway war verständig genug, diesen letzten Teil der Auskunft als ganz selbstverständlich hinzunehmen. Am nächsten Tage stellte ihn Frau Atherton dem reizenden Fräulein Restall vor, und Frau Athertons unvermählte Tochter, die in ihrer Kindheit seine Spielgenossin gewesen war, flüsterte ihm, halb im Scherz, halb im Ernste zu: »Benutze deine Zeit aufs beste; Fräulein Restall ist noch frei.«

Cosway schauderte bei dem bloßen Gedanken an eine zweite Heirat innerlich zusammen. War Fräulein Restall die Frau, die seine Zuversicht wieder aufrichten konnte? Sie war klein und zierlich und hatte dunkles Haar — ein anmutiges, wohlerzogenes, recht verständiges Mädchen, und sie hatte eine Stimme, die außerordentlich lieblich und einnehmend war. Ohr, Hand und Fuß waren bewunderungswürdig, und sie hatte den jetzt bei Frauen höchst seltenen Reiz eines ganz natürlichen Lächelns.

Ehe noch Cosway eine Stunde im Hause war, fand sie, dass seine lange Dienstzeit im Auslande ihm eine Unterhaltungsgabe verliehen hatte, die vorteilhaft gegen das gewöhnliche Geschwätz abstach, das sie von anderen Männern gehört hatte.

Cosway wurde bald ihr Liebling, wie Othello seinerzeit ein solcher geworden war.

Die Damen des Hauses freuten sich alle des Erfolges des jungen Offiziers mit Ausnahme von Fräulein Restalls Gesellschafterin, einer Frau Margery, die vermutlich gegen hohen Lohn Mutterstelle bei ihr versah.

Zu vorsichtig, um sich durch Worte bloßzustellen, drückte diese Frau Zweifel und Missbilligung in ihrem Blicke aus. Sie hatte weißes Haar, eisengraue Augenbrauen und geschwollene Augen; ihr Blick war ungewöhnlich scharf. Eines Abends erwischte sie den guten Herrn Atherton allein und befragte ihn vertraulich über Cosways Einkommen. Dies war die erste Warnung, die dem braven Rechtsanwalt über die Art der zwischen seinen beiden Gästen bereits bestehenden ‚Freundschaft‘ die Augen öffnete. Er kannte Fräulein Restalls hochangesehenen Vater sehr wohl und fürchtete, dass es bald seine unangenehme Pflicht werden könnte, dem Besuche Cosways ein Ende zu machen.

Als an einem Sonnabendnachmittag Herr Atherton noch darüber nachdachte, wie er es Cosway am freundlichsten und rücksichtsvollsten beibringen könne, dass es Zeit sei, sich zu verabschieden, kam ein leerer Wagen im Landhause an.

Herr Restall sandte Frau Atherton ein Billet, in dem er mit vollendeter Höflichkeit für die seiner Tochter erwiesene Güte dankte. »Umstände« fügte er hinzu, »machen es notwendig, dass meine Tochter heute nachmittag noch nach Hause zurückkehrt.«

Die ‚Umstände‘ bezogen sich vermutlich auf eine Gartengesellschaft, welche von Herrn Restall in der folgenden Woche veranstaltet werden sollte. Aber warum war seine Tochter zu Hause nötig, ehe noch der Tag für die Veranstaltung gekommen war?

Die Damen des Hauses, immer noch für Cosway eingenommen, waren der Meinung, dass Frau Margery ohne Zweifel insgeheim mit Herrn Restall in Verbindung getreten und dass die Ankunft des Wagens die natürliche Folge davon sei. Frau Athertons verheiratete Tochter tat alles, was getan werden konnte. Sie schaffte sich Frau Margery für einen Augenblick vom Halse und wusste es so einzurichten, dass Cosway und Fräulein Restall in ihrem eigenen Wohnzimmer voneinander Abschied nehmen konnten. Als die junge Dame im Hausgange erschien, hatte sie ihren Schleier vors Gesicht gezogen. Cosway eilte auf die Straße und sah gerade noch den Wagen, als er davonfuhr.

In wenig mehr als vierzehn Tagen war seine Abneigung gegen eine zweite Heirat ein überwundenes Gefühl geworden. Er verweilte aus Dankbarkeit gegen seine guten Freunde noch bis zum Montagmorgen im Landhause, und dann begleitete er Herrn Atherton nach London. Geschäfte bei dem Marineministerium dienten ihm als Entschuldigung. Aber er täuschte damit niemand. Er war augenscheinlich auf dem Wege zu Fräulein Restall.

»Legen Sie Ihre Geschäfte in meine Hand« sagte der Rechtsanwalt auf dem Wege zur Stadt, »und gehen Sie zu Ihrem Vergnügen auf das Festland. Ich kann Sie nicht tadeln, dass Sie sich in Fräulein Restall verliebt haben; ich hätte die Gefahr vorhersehen und warten müssen, bis sie uns verlassen hatte, ehe ich Sie in mein Haus einlud. Aber ich möchte Sie wenigstens warnen, die Sache nicht weiter zu treiben. Wenn Sie auch ein Einkommen von achttausend Pfund anstatt von achthundert jährlich hätten, würde es Herr Restall doch für eine Anmaßung von Ihrer Seite halten, nach der Hand seiner Tochter zu trachten, wenn Sie nicht auch einen Titel mit in den Kauf zu geben hätten. Betrachten Sie es im wahren Lichte, mein lieber Junge, und Sie werden es mir eines Tages danken, deutlich mit Ihnen gesprochen zu haben.«

Cosway versprach, »es im wahren Lichte zu betrachten.«

Diese Betrachtung führte ihn, von seinem Standpunkte aus, zu einer Verlegung seines Wohnsitzes. Er verließ seinen Gasthof und nahm eine Wohnung in einer Nebenstraße, die dem Palaste des Herrn Restall in Kensington am nächsten gelegen war.

An demselben Abend wandte er sich, gestützt auf eine vorausgegangene Verabredung, wegen eines Briefes an das benachbarte Postamt und erhielt einen solchen, der an E. C. — die Anfangsbuchstaben von Edwin Cosmay — adressiert war. »Bitte, sei vorsichtig« schrieb ihm Fräulein Restall, »ich habe versucht, dir eine Eintrittskarte für unsere Gartengesellschaft zu verschaffen, aber das gehässige Geschöpf, die Margery, hat offenbar mit meinem Vater gesprochen; es ist mir nicht eine einzige Karte anvertraut worden. Ertrage es wie ich, geduldig, mein Teurer, und lass mich hören, ob es dir gelungen ist, eine Wohnung in unserer Nähe zu bekommen.«

Cosway fügte sich nicht sehr geduldig diesem ersten Missgeschick, sondern sandte seine Antwort, die an A.R. — die Anfangsbuchstaben von Adele Restall — adressiert war, zum Postamt. Am nächsten Tage schon fragte der ungeduldige Liebhaber bei der Post nach einem weiteren Briefe. Dieser war auch eingetroffen, aber seine Adresse war nicht von Adeles Hand geschrieben. War ihre Korrespondenz entdeckt worden? Er öffnete den Brief in der Straße und las mit Staunen folgende Zeilen:

»Werter Herr Cosway!

Mein Herz hat Mitgefühl mit zwei treuen Liebenden, trotz meines Alters und trotz meiner Pflicht. Ich füge eine Einladung zu der morgen stattfindenden Gartengesellschaft bei. Bitte verraten Sie mich nicht und erweisen Sie Adele keine zu auffällige Aufmerksamkeit. Vorsicht ist leicht zu beobachten, denn es werden zwölfhundert Gäste da sein.

Dem äußeren Scheine zum Trotz

Ihre Freundin

Louise Margery.«

Wie abscheulich ungerecht hatten sie doch alle diese ausgezeichnete Frau beurteilt! Cosway begab sich als dankbarer und glücklicher Mann zur Gesellschaft. Die ersten ihm bekannten Personen, die er unter der Menge der Fremden erkannte, waren die Athertons. Sie waren so erstaunt wie möglich, ihn zu sehen. Aber die Rücksicht auf Frau Margery verbot ihm, sich in irgendwelche Erklärungen einzulassen.

Wo war denn nun diese beste und treueste Freundin? Mit einiger Mühe gelang es ihm, sie aufzufinden. War es unschicklich, ihre Hand zu ergreifen und sie herzlich zu drücken? Die Folge dieser Dankesbezeugung war, gelinde gesagt, geradezu verblüffend. Frau Margery benahm sich wie die Athertons. Sie war erstaunt, ihn zu sehen, und stellte genau dieselbe Frage:

»Wie gelangten Sie hierher?«

Cosway konnte nur annehmen, dass sie scherze.

»Wer sollte dies, teure Frau, besser als Sie selbst wissen?« erwiderte er.

»Ich verstehe Sie nicht« antwortete Frau Margery gereizt.

Nachdem er einen Augenblick nachgedacht, geriet er auf eine Lösung des Geheimnisses. Besucher waren in der Nähe, und Frau Margery hatte ihren besonderen Gebrauch von Herrn Restalls Eintrittskarte gemacht. Sie mochte wichtige Gründe haben, äußerst vorsichtig zu sein. Cosway blickte sie bedeutungsvoll an.

»Das geringste, was ich tun kann, ist verschwiegen zu sein« flüsterte er ihr zu — und verließ sie.

Er wandte sich einem Seitengange zu, und dort traf er endlich Adele! Es schien wirklich ein Verhängnis zu sein. Sie war erstaunt, und auch sie fragte: »Wie gelangtest du hierher?« Diesmal waren keine zudringlichen Besucher in der Nähe. »Meine Teuere!« wandte Cosway ein, »Frau Margery muss es dir doch gesagt haben, als sie mir eine Einladung schickte.« Adele erblasste. »Frau Margery?« wiederholte sie. »Frau Margery hat mir nichts gesagt; sie verabscheut dich. Wir müssen dies aufklären. Nein! Jetzt nicht — ich muss für unsere Gäste sorgen. Erwarte einen Brief von mir, und, um des Himmels willen, Edwin, bleibe meinem Vater aus dem Wege. Einer der Eingeladenen, den er ganz besonders zu sehen wünschte, hat sich entschuldigt — und er ist darüber schrecklich ärgerlich."

Sie verließ ihn, ehe noch Cosway erklären konnte, dass er und Herr Restall sich bis jetzt noch nicht gesehen hätten. Er schritt bis zum äußersten Ende des Gartens, von einem unbestimmten Argwohn beunruhigt und verletzt von der Kälte, mit der ihn Adele empfangen hatte. Als er das Gebüsch betrat, das an dieser Stelle den Garten anscheinend vor der außen vorüberführenden Straße verbergen sollte, bemerkte er plötzlich unter den Bäumen einen hübschen kleinen Pavillon. Ein kräftiger Herr in reiferen Jahren saß hier allein in dieser Einsamkeit. Stirnrunzelnd blickte er in die Höhe. Cosway entschuldigte sich, ihn gestört zu haben, und fing aus Höflichkeit eine Unterhaltung mit ihm an.

»Eine prächtige Gesellschaft heute, mein Herr.«

Der korpulente Herr antwortete in einem unartikulierten Tone, der so etwas zwischen Grunzen und Husten war.

»Und ein prächtiges Haus und Gelände« fuhr Cosway fort.

Der kräftige Herr wiederholte den unartikulierten Ton.

Cosway begann dies unterhaltend zu finden. War dieser seltsame alte Mann taubstumm?

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie angeredet habe« fuhr Cosway fort. »Ich fühle mich wie ein Fremder hier. Hier sind so viele Leute, die ich nicht kenne.«

Der dicke Herr geriet plötzlich ins Sprechen. Cosway hatte endlich eine gleichgestimmte Faser berührt.

»Es sind sehr viele Leute hier, die ich nicht kenne« sagte er mürrisch. »Sie sind einer von diesen. Wie heißen Sie ?«

»Ich heiße Cosway, mein Herr. Und wie heißen Sie ?«

Der kräftige Herr erhob sich mit wütendem Blicke. Er stieß einen Fluch aus und fügte die unerträgliche Frage hinzu, die schon dreimal von anderen gestellt worden war: »Wie kamen Sie hierher?« Und der Ton dieser Worte war noch beleidigender als der Fluch. »Ihr Alter beschützt Sie, mein Herr« sagte Cosway mit der stolzesten Gemütsruhe. »Es tut mir leid, dass ich einem so groben Menschen meinen Namen nannte.«

»Grob?« schrie der alte Herr-. »Vermutlich wollen Sie meinen Namen ebenfalls wissen? Sie junger Geck, Sie sollen ihn erfahren! Ich heiße Restall.« Er kehrte ihm den Rücken und ging weg. Cosway schlug den einzigen Weg ein, der ihm offen blieb. Er kehrte in seine Wohnung

zurück.

Am nächsten Tage kam kein Brief von Adele. Er ging zur Post. Kein Brief war da. Es war schon Abend geworden, als eine Frau erschien, die ihm fremd war. Sie schien eine Dienerin zu sein, und war die Überbringerin einer geheimnisvollen Botschaft.

»Bitte kommen Sie um zehn Uhr morgen früh an die Gartentür, die auf die Straße hinausgeht. Klopfen Sie dreimal an die Tür — und dann rufen Sie ,Adele‘. Es wird jemand, der Ihnen wohl will, allein in den Anlagen sein und Sie einlassen. Nein, mein Herr! Ich soll nichts nehmen und kein Wort weiter sagen.« Sie sagte dies — und verschwand.

Cosway war pünktlich beim Stelldichein. Er klopfte dreimal und nannte Fräulein Restalls Vornamen. Aber nichts regte sich. Er wartete eine Weile und machte einen zweiten Versuch. Diesmal drang Adeles Stimme befremdlich aus der Anlage zu ihm und sie rief im Tone der Überraschung:

»Edwin, bist du es wirklich?«

»Erwartetest du sonst jemand?« fragte Cosway.

»Mein Liebchen, deine Botschaft sprach von zehn Uhr — und hier bin ich.«

Die Tür wurde rasch aufgeschlossen.

»Ich sandte keine Botschaft« sagte Adele, als sie sich auf der Türschwelle gegenüberstanden.

Schweigend und in der größten Verlegenheit gingen sie miteinander in den Pavillon. Auf Adeles Ersuchen wiederholte Cosway die Botschaft, die er erhalten, und beschrieb die Frau, die sie überbracht hatte. Die Beschreibung passte auf keine Frau, die Fräulein Restall bekannt gewesen wäre.

»Frau Margery sandte dir nie eine Einladung, und ich, ich wiederhole es, nie eine Botschaft. Diese Begegnung ist von jemand ins Werk gesetzt worden, der da weiß, dass ich nach dem Frühstück gewöhnlich in den Gartenanlagen spazieren gehe. Da ist irgendein heimliches Werk im Gange —«

Noch in Gedanken den Feind suchend, der sie verraten hatte, hielt sie inne und überlegte einen Augenblick. »Ist es möglich —?« begann sie und hielt wieder ein. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Mein Sinn ist so vollständig verwirrt« sagte sie, »dass ich über nichts mehr klar nachdenken kann. O Edwin, wir hatten einen glücklichen Traum, und er hat sein Ende erreicht. Mein Vater weiß mehr, als wir denken. Einige unserer Freundinnen gehen morgen ins Ausland — und ich soll mit ihnen gehen. Nichts, was ich auch sagen mag, übt auch nur die geringste Wirkung auf meinen Vater aus. Er gedenkt uns für immer zu trennen — und in dieser grausamen Weise will er es tun.«

Sie schlang ihren Arm um Cosways Hals und lehnte ihren Kopf liebevoll an seine Schulter. Mit zärtlichen Küssen erneuerten sie das Gelübde ewiger Treue, bis ihnen die Stimme versagte.

Cosway benutzte die Pause zu dem einzig vorteilhaften Vorschlage, den er jetzt machen konnte, mit ihm zu entfliehen.

Adele nahm diese kühne Lösung der Schwierigkeit, in die sie versetzt waren, gerade so auf, wie tausend andere junge Mädchen ähnliche Vorschläge vorher und nachher aufgenommen haben. Zuerst sagte sie entschieden Nein. Cosway beharrte auf seiner Meinung. Sie fing an zu weinen und fragte, ob er denn gar keine Rücksicht auf sie nehme. Cosway erklärte, dass seine Rücksicht jedes Opfer bringen könne, das ausgenommen, sich von ihr für immer zu trennen. Er könne und wolle, wenn sie dies vorziehe, für sie sterben, aber so lange er lebe, müsse er sich weigern, ihr zu entsagen. Daraufhin brachte sie einen anderen Grund für ihre Weigerung vor. Konnte er denn erwarten, dass sie allein mit ihm wegging? Sicherlich nicht. Ihre Kammerjungfer könnte mit ihr gehen, oder, wenn man sich nicht auf sie verlassen könnte, würde er sich an seine Wirtin wenden und eine anständige ältere Person annehmen, die sie bis zum Tage ihrer Verheiratung begleiten solle. Würde sie wohl ein wenig Mitleid mit ihm haben und dies sorgfältig überlegen? Nein: sie fürchtete sich, darüber nachzudenken. Wollte sie lieber Elend fürs ganze Leben? Nichts lag ihm an seinem Glücke: Nur ihr Glück hatte er im Sinne. Mit unsympathischen Leuten zu reisen, von England wer weiß wie lange abwesend zu sein, nach der Rückkehr an einen reichen Mann verheiratet zu werden, den sie nicht leiden mochte — wollte, konnte sie an diese Aussichten nur denken? Unter Tränen dachte sie daran, sie dachte daran unter Seufzern, Küssen und Beteuerungen — sie zitterte, zögerte und gab nach. Zu einer bestimmten Stunde der kommenden Nacht, wenn ihr Vater im Rauchzimmer und Frau Margery zu Bett gegangen sein würde, sollte Cosway noch einmal an der Straßentür klopfen, nachdem er ihr inzwischen Zeit gelassen hatte, alle notwendigen Anordnungen zu treffen.

Unter diesen Umständen war es das einzige dringende Erfordernis, sich gegen Verrat und Überraschungen zu schützen. Cosway spielte vorsichtig auf das noch ungelöste Geheimnis der Einladung und der Aufforderung zum Stelldichein an.

»Hast du irgendjemand in dein Vertrauen gezogen?« fragte er. Adele antwortete mit einer gewissen Verlegenheit. »Nur eine Person« sagte sie, — »das liebe Fräulein Benshaw.«

»Wer ist Fräulein Benshaw?«

»Weißt du es wirklich nicht, Edwin? Sie ist reicher selbst als Papa — sie hat von ihrem verstorbenen Bruder die Hälfte des großen Geschäftes in der City geerbt. Fräulein Benshaw ist die Dame, die Papa in seinen Erwartungen täuschte, als sie nicht zur Gartengesellschaft kam. Du erinnerst dich. mein Lieber, wie glücklich wir gewesen sind, als wir bei Athertons zusammen waren? Ich war sehr unglücklich, als sie mich wegbrachten. Fräulein Benshaw besuchte uns zufällig am nächsten Tage und bemerkte es.

,Meine Teuere« sagte sie (Fräulein Benshaw ist jetzt eine ganz alte Dame), ,ich bin eine alte Jungfer, die ihr Lebensglück verfehlt hat, da sie in ihrer Jugend keinen Freund hatte, der sie geführt und ihr geraten hätte. Leiden Sie, wie ich einst litt?« Sie sprach so liebenswürdig — und ich fühlte mich so unglücklich — dass ich wirklich nicht mithin konnte, ihr mein Herz zu öffnen.«

Cosway blickte ernst· »Bist du sicher, dass man sich auf sie verlassen kann?« fragte er.

»Vollkommen sicher.«

»Vielleicht hat sie aber, mein Liebchen, ohne etwas Arges dabei zu denken, mit einer ihrer Freundinnen über uns gesprochen? Alte Damen sind ja so sehr dem Klatsch ergeben. Es ist leicht möglich — meinst du nicht auch?«

Adele ließ den Kopf sinken.

»Ich habe es auch für möglich gehalten« gab sie zu. »Es ist reichlich Zeit, sie heute noch zu besuchen. Ich will unseren Zweifel beseitigen, ehe noch Fräulein Benshaw heute nachmittag ihre Spazierfahrt macht.«

Nachdem sie sich in dieser Weise verständigt hatten, trennten sie sich. Gegen Abend waren Cosways Vorbereitungen für die Flucht getroffen. Er nahm sein einsames Mittagsmahl, als ihm ein Billet überbracht wurde. Es war von einem Boten an der Tür abgegeben worden, der sich wieder entfernt hatte, ohne auf Antwort zu warten. Das Billet lautete also:

»Fräulein Benshaw übersendet Herrn Cosway ihre freundlichen Grüße und würde dankbar sein, wenn er sie heute abend um neun Uhr in einer Angelegenheit besuchen könnte, die ihn selbst betrifft.«

Diese Einladung war augenscheinlich die Folge des Besuches, den Adele ihr an diesem Tage bereits abgestattet hatte.

Cosway, von dem natürlichen Gefühle der Besorgnis und Spannung beunruhigt, fand sich bei ihr ein. Sein Empfang war nicht derart, ihn zu beruhigen. Er wurde in ein dunkles Zimmer geführt. Die einzige Lampe aus dem Tische war tief heruntergedreht und das so zugelassene spärliche Licht noch durch einen Schirm vermindert. Die Winkel des Zimmers waren beinahe in vollständige Dunkelheit gehüllt.

Aus einem der Winkel kam eine Stimme, die ihm zuflüsterte:

»Ich muss Sie bitten, das dunkle Zimmer zu entschuldigen. Ich leide an einer ernsten Erkältung. Meine Augen sind entzündet und mein Hals ist so schlimm, dass ich nur flüstern kann. Setzen Sie sich, Herr Cosway. Ich habe Nachrichten für Sie erhalten.«

»Hoffentlich keine schlimmen, gnädige Frau?« wagte Cosway zu fragen.

»Die allerschlimmsten Nachrichten« sagte die flüsternde Stimme. »Sie haben einen Feind, der Ihnen im Dunkeln seine Streiche versetzt.«

Cosway fragte, wer dies sei und erhielt keine Antwort. Er änderte die Frage dahin, warum denn der Ungenannte im Dunkeln nach ihm schlage. Dies hatte Erfolg; er erhielt jetzt eine Antwort:

»Es ist mir mitgeteilt worden« sagte Fräulein Benshaw, »dass diese Person es für nötig halte, Ihnen einen Denkzettel zu geben, und das boshafte Verlangen habe, dies so empfindlich wie möglich zu tun. Diese Person sandte Ihnen, wie ich zufällig erfahren habe, die Einladung zur Gartengesellschaft und veranlasste auch die Zusammenkunft, die an der Gartentür stattfand. Warten Sie einen Augenblick, Herr Cosway, ich bin noch nicht fertig. Die Person hat es auch Herrn Restall in den Kopf gesetzt, seine Tochter morgen ins Ausland zu schicken.«

Cosway versuchte sie zu veranlassen, dass sie deutlicher spreche.

»Ist dieses elende Geschöpf Mann oder Frau?« fragte er.

Fräulein Benshaw fuhr fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten:

»Sie brauchen keine Besorgnis zu haben, Herr Cosway. Fräulein Restall wird England nicht verlassen. Ihr Feind ist allmächtig. Seine Absicht konnte nur sein, Sie zu einem Fluchtplan zu veranlassen — und, nachdem Ihre Vorbereitungen getroffen waren, Herrn Restall zu benachrichtigen und Sie und Fräulein Adele so vollständig voneinander zu trennen, als wenn jedes von Ihnen am entgegengesetzten Ende der Welt wäre. O, Sie werden unzweifelhaft voneinander getrennt werden! Boshaft, nicht wahr? Und, was noch schlimmer ist, das Unheil ist so gut wie geschehen.«

Cosway erhob sich von seinem Sitze.

»Wünschen Sie noch eine weitere Erklärung?« fragte Fräulein Benshaw.

»Noch eins« erwiderte er. »Weiß Adele davon?«

»Nein« sagte Fräulein Benshaw; »Ihnen bleibt es überlassen, es ihr zu sagen.«

Nun trat ein Moment des Schweigens ein. Cosway sah nach der Lampe hin. Wenn er einmal erregt war, so war mit ihm, wie dies bei Männern seines Temperaments gewöhnlich ist, nicht zu scherzen.

»Fräulein Benshaw« sagte er, »ich darf wohl sagen, dass Sie mich für einfältig halten; aber ich kann mir trotz alledem ein Urteil bilden. Sie sind meine Feindin.«

Die einzige Erwiderung war ein kicherndes Lachen. Alle Stimmen können im Flüstern mehr oder weniger erfolgreich verstellt werden — aber das Lachen trägt sein Erkennungszeichen in sich selbst. Cosway riss plötzlich den Schirm von der Lampe weg und drehte den Docht in die Höhe. Das Licht überflutete das Zimmer und zeigte ihm — seine Frau.

Dritter Zeitabschnitt in Cosways Leben

Drei Tage waren vorübergegangen. Cosway saß, bleich und erschöpft, allein in seiner Wohnung. Er war nur noch der Schatten seiner früheren Person.

Adele hatte er seit jener Entdeckung nicht gesehen. Es gab nur einen Weg, den er wagen konnte, um die unvermeidliche Eröffnung zu machen — er schrieb ihr und, Herrn Athertons Tochter trug dafür Sorge, dass der Brief in ihre Hände gelangte. Spätere, durch diese gute Freundin eingezogene Erkundigungen ergaben, dass Fräulein Restall erkrankt war.

Die Hausfrau kam herein.

»Frischen Mut, mein Herr« sagte die gute Frau.

»Heute haben wir bessere Nachrichten über Fräulein Restall.«

Er erhob den Kopf.

»Scherzen Sie nicht mit mir!« sagte er gereizt; »sagen Sie mir genau, was der Diener sagte.«

Die Frau wiederholte die Worte. Fräulein Restall hatte eine ruhigere Nacht und war imstande gewesen, für einige Stunden ihr Zimmer zu verlassen. Er fragte dann, ob eine Antwort auf seinen Brief angekommen sei. Es war keine Antwort eingegangen.

Wenn Adele es entschieden vermied, ihm zu schreiben, so war ihr Entschluss zu klar, um missverstanden zu werden. Sie hatte ihn aufgegeben — und wer konnte sie tadeln?

Man hörte ein Pochen an der Haustür; die Hausfrau blickte hinaus.

»Hier ist Herr Stein wieder zurück, Herr Cosway!« rief sie freudig aus — und eilte weg, um ihn hereinzulassen.

Cosway blickte nicht einmal auf, als sein Freund erschien.

»Ich wusste, dass es mir gelingen würde« sagte Stein. »Ich habe deine Frau gesehen.«

»Sprich mir nicht von ihr« rief Cosway. »Ich würde sie umgebracht haben, als ich ihr Gesicht sah, wenn ich nicht augenblicklich ihr Haus verlassen hätte. Die Elende wird noch von mir getötet werden, wenn du fortfährst, von ihr zu sprechen!«

Stein legte sanft seine Hand auf seines Freundes Schulter.

»Muss ich dich daran erinnern, dass du deinem alten Kameraden doch einigen Dank schuldig bist?« sagte er. »An dem Morgen, da ich deinen Brief erhielt, habe ich Vater und Mutter verlassen — und mein einziger Gedanke war, dir zu dienen. Zeige dich dafür erkenntlich. Sei ein Mann und höre, was zu erfahren dein Recht und deine Pflicht ist. Danach wollen wir, wenn du dies wünschest, nie wieder deine Frau erwähnen.«

Cosway ergriff schweigend seine Hand zum Zeichen des Zugeständnisses, dass er recht habe. Sie setzten sich zusammen nieder. Stein fing an:

»Sie ist so außerordentlich schamlos« sagte er, »dass ich keine Mühe hatte, sie zum Sprechen zu bringen. Und sie hasst dich so tiefinnerlich, dass sie ihrer eigenen Falschheit und Verräterei sich rühmt.«

»Sie lügt natürlich« sagte Cosway bitter, »wenn sie sich Fräulein Benshaw nennt?«

»Nein! sie ist wirklich die Tochter des Mannes, der das große Geschäftshaus in der City gründete.

Trotz aller Vorteile, die Reichtum und Stellung geben konnten, heiratete dieses eigensinnige Geschöpf einen der Angestellten ihres Vaters, der verdientermaßen aus seiner Stelle entlassen worden war. Von diesem Augenblicke an gab ihre Familie sie auf. Mit dem Gelde, das sie sich durch den Verkauf ihrer Juwelen verschafft hatte, erwarb ihr Gemahl den Gasthof, der uns so bittere Erinnerungen bringt — und sie führte das Geschäft auch nach seinem Tode weiter. So viel von der Vergangenheit. Gedenke nun der Zeit, da unser Schiff uns nach England zurückbrachte. Damals lag das letzte überlebende Glied der Familie deiner Frau — ihr älterer Bruder — in den letzten Zügen: Er hatte im Geschäfte seines Vaters Stelle eingenommen und außerdem dessen Vermögen geerbt. Nach einem glücklichen ehelichen Leben wurde er Witwer ohne Kinder, und er musste notwendigerweise seinen letzten Willen ändern. Er zögerte aber, dieser Verpflichtung nachzukommen, und erst zur Zeit seiner letzten Krankheit hatte er Weisungen für ein neues Testament gegeben, wonach er sein Vermögen mit Ausnahme gewisser Vermächtnisse an alte Freunde den Krankenhäusern in Großbritannien und Irland vermachte. Sein Rechtsanwalt verlor keine Zeit, die Weisungen auszuführen. Das neue Testament war bis auf die Unterschrift fertig — das alte war von seiner eigenen Hand vernichtet worden — als die Arzte erklärten, dass der Kranke nicht mehr bei Sinnen sei und wahrscheinlich in diesem Zustande sterben werde.«

»Ergab es sich, dass die Arzte recht hatten?«

»Vollkommen recht. Unsere erbärmliche Wirtin erbte als nächste Verwandte nicht allein sein Vermögen, sondern nahm auch nach dem Gesellschaftsvertrage die Stelle ihres verstorbenen Bruders im Geschäfte ein: unter der einzigen leichten Bedingung, dass sie ihren Familiennamen wieder annehme. Sie nennt sich selbst ,Fräulein Benshaw‘, aber gesetzliche Gründe machten es notwendig, sie im Vertrage als »Frau Cosway-Benshaw« zu bezeichnen. Nur ihre Geschäftsteilhaber wissen jetzt, dass ihr Gemahl noch lebt, und dass du der Cosway bist, den sie insgeheim geheiratet hat.

Willst du einen Augenblick Atem schöpfen? Oder soll ich fortfahren und die Sache zu Ende bringen?«

Cosway winkte ihm fortzufahren.

»Sie fragt nicht im geringsten« fuhr Stein fort, »nach einer Bloßstellung. ,Ich bin der Hauptteilhaber,‘ sagt sie, ,und der Reiche im Geschäft; sie dürfen nicht wagen, mir den Rücken zu kehren.« Du erinnerst dich doch der Auskunft, die ich ganz in gutem Glauben von dem jetzigen Inhaber des Gasthofes erhalten habe? Die Behauptung, dass sie einen Londoner Arzt besucht habe und krank sei, war nur ein Vorwand, um die Dame (jetzt die hochangesehene Dame!) auf gute Art von einem Berufe zu trennen, der wie der Wirtschaftsbetrieb ihrer so unwürdig war. Ihre Nachbarn im Seehafen wurden alle bis auf zwei durch diese List getäuscht Es waren dies zwei Männer — zwei Abenteurer, die beharrlich versuchten, sie, als sie noch Witwe war, zu einer Heirat zu verleiten. Sie glaubten nicht an die Krankheit und an den Besuch beim Arzte und bezweifelten die Gründe, die angeblich zu einem Verkaufe des Gasthofes unter so ungünstigen Umständen geführt hatten. Sie entschlossen sich, nach London zu gehen und waren hierbei von der niedrigen Hoffnung erfüllt, Entdeckungen zu machen, die sich als Mittel zu Gelderpressungen erweisen möchten.«

»Sie entwischte ihnen natürlich« sagte Cosway. »Wie ?«

»Mit Hilfe ihres Anwalts, der es nicht verschmähte, eine hübsche Extravergütung zu nehmen. Er schrieb dem neuen Wirte und zeigte ihm fälschlicherweise das Ableben seiner Klientin in einem Briefe an, den ich dir auf unserer Reise nach London im Eisenbahnwagen mitteilte. Noch andere Vorsichtsmaßregeln wurden getroffen, um die Täuschung aufrecht zu erhalten; doch erscheint es unnötig, sich bei ihnen aufzuhalten. Deine natürliche Folgerung, dass du frei seist, um Fräulein Restall den Hof zu machen, und des armen Mädchens unschuldiges Vertrauen in ,Fräulein Benshaws‘ Teilnahme gaben diesem gewissenlosen Weibe die Mittel, dir den herzlosen Streich zu spielen, der uns nun klar vor Augen liegt. Bosheit und Eifersucht — ich weiß es, wohlgemerkt, von ihr selbst! — waren nicht ihre einzigen Beweggründe. ,Wäre nicht dieser Cosway,‘ sagte sie — ich verschone dich mit dem Zusatz zu deinem Namen — ,mit meinem Gelde und in meiner Stellung hätte ich einen armen Lord heiraten und mich in meinen alten Tagen im vollen Glanze der Pairswürde sonnen können.’ Verstehst du nun, wie sehr sie dich hasst? Doch genug von der Sache! Die Moral davon, mein lieber Cosway, ist, diesen Ort zu verlassen und zu versuchen, was ein Ortswechsel für dich tun kann. Ich habe vollauf Zeit und will mit dir ins Ausland gehen. Wann soll es sein?«

»Lass mich noch einen oder zwei Tage warten« erklärte Cosway.

Stein schüttelte den Kopf. »Hoffst du noch, mein armer Freund, auf eine Zeile von Fräulein Restall? Du ängstigst mich.«

»Das tut mir leid, Stein. Wenn ich ein teilnehmendes Wort von ihr erhalten kann, so will ich mich dem elenden Leben unterwerfen, das vor mir liegt.«

»Erwartest du nicht zu viel?«

»Du würdest nicht so sagen, wenn du sie so liebtest, wie ich.«

Beide schwiegen. Allmählich wurde es dunkel, und die Hausfrau kam wie gewöhnlich mit der Lampe herein. Sie brachte einen Brief für Cosway mit.

Er riss ihn auf, las ihn in einem Augenblick und bedeckte ihn mit Küssen. Seine aufs höchste erregten Gefühle machten sich in einer kleinen entschuldbaren Übertreibung Luft.

»Sie hat mir das Leben gerettet!« sagte er, als er Stein den Brief überreichte.

Dieser enthielt nur folgende Zeilen:

»Meine Liebe gehört Dir, mein Versprechen Dir. Trotz aller Not, trotz aller Ruchlosigkeit, die uns bedroht, trotz der hoffnungslosen Trennung, die uns in dieser Welt bevorstehen mag, bete und sterbe ich als die Deinige. Mein Edwin, Gott segne und tröste Dich.«

Vierter Zeitabschnitt in Cosways Leben

Die Trennung hatte beinahe zwei Jahre gedauert, als Cosway und Stein im Landhause den Besuch abstatteten, der im Anfange der gegenwärtigen Erzählung erwähnt wurde. In der Zwischenzeit hatte man nur von Herrn Atherton etwas über Fräulein Restall gehört. Dieser teilte mit, dass Adele ein sehr stilles Leben führe. Das einzige bemerkenswerte Ereignis war eine Zusammenkunft zwischen »Fräulein Benshaw« und ihr gewesen. Niemand anders war anwesend, aber das wenige, was über die Zusammenkunft verlautbarte, war geeignet, Fräulein Restalls Charakter über alles Lob zu erheben. Sie hatte dem Weibe vergeben, das sie so grausam verletzt hatte.

Es mag hier erwähnt werden, dass die beiden Freunde, nachdem sie die vollständigste Erklärung über Cosways befremdliches Benehmen am Frühstückstische gegeben hatten, sogleich nach London reisten. Stein war durchaus nicht sanguinischer Natur. »Ich glaube nicht an unser Glück« sagte er. »Lass uns ganz sicher sein, dass wir nicht die Opfer eines neuen Betruges sind.«

Der gemeldete Unfall auf der Themse hatte sich wirklich zugetragen, und die Meldung in der Zeitung erwies sich in jeder Hinsicht als richtig. Stein stellte persönlich seine Nachforschungen an. Aus natürlichem Zartgefühl gegen Adele zögerte Cosway, über die Sache an sie zu schreiben. Der immer hilfsbereite Stein schrieb an seiner Stelle. Kurze Zeit darauf traf eine Antwort ein. Sie enthielt eine kurze, amtliche Darlegung der zuständigen Behörde vom letzten Akte der Bosheit, die von der verstorbenen Teilhaberin des Hauses Benshaw und Comp. verübt worden war. Sie war nicht, wie ihr Bruder, ohne Testament gestorben. Der erste Punkt ihres Testamentes enthielt der Erblasserin dankbare Anerkennung, dass Adele Restall ihr in echt christlicher Barmherzigkeit vergeben hatte. Nach der Feststellung, dass weder Verwandte noch Kinder vorhanden seien, die im Testamente hätten bedacht werden müssen — vermachte der zweite Paragraph Frau Cosway-Benshaws Vermögen der Adele Restall unter der einen unbarmherzigen Bedingung, dass sie Edwin Cosway nicht heirate. Der dritte Absatz überwies — wenn Adele Restall diese Bedingung verletzte — alles Geld dem Geschäftshause in der City »zur Ausdehnung des Geschäftes und zum Vorteile der überlebenden Teilhaber.«

»Einige Monate später wurde Adele großjährig. Zum Ärger ihres Vaters und zum Erstaunen der »Handelsgesellschaft« gelangte das Geld wirklich an das Londoner Geschäftshaus. Der vierte Abschnitt in Cosways Leben war Zeuge seiner Vermählung mit einer Frau, die mit Freuden eine halbe Million Pfund für das Glück hingab, das Leben bei achthundert Pfund jährlich mit einem geliebten Manne zu teilen.

Aber Cosway fühlte sich aus Dankbarkeit verpflichtet, sein Weib zu einer reichen Frau zu machen, wenn Arbeit und Entschlossenheit dies ausrichten konnten. Als Stein zuletzt von ihm hörte, machte er seine Studien für die Advokatur, und Herr Atherton war bereit, ihm den ersten Unterricht im Rechtsverfahren zu geben.

Anmerkung.

Jener »unwahrscheinlichste« Teil der gegenwärtigen Erzählung, der im »ersten Abschnitte« von Cosways Leben enthalten ist, gründet sich auf ein Abenteuer, das keinem Geringeren als einem Vetter von Walter Scott wirklich begegnete. In Lockharts köstlichem »Leben« ist die Anekdote zu finden, wie sie von Walter Scott dem Kapitän Basil Hall erzählt wird. Das übrige der gegenwärtigen Erzählung ist vollständig erdacht. Der Verfasser wollte gerne wissen, was solch eine Frau, wie die Wirtin, unter gewissen gegebenen Umständen tun würde, nachdem sie einen jungen Seeoffizier geheiratet hatte — und hier ist die Antwort.


Die letzte Liebe des Kapitäns.

bearbeitete

automatische Übersetzung.

Aus Belgravia Januar 1877 XXXI, Nr.123 S.257-274

Erstmals veröffentlicht Spirit of the Times, New York 23. Dezember 1876.

Dieser markante ganzseitige Stich für "The Captain's Last Love" stammt von Walter Jenks Morgan (1847-1924) und trägt den Titel "The Nymph of the Island".

I.

»Der Kapitän ist noch in der Blüte seines Lebens«, bemerkte die Witwe zu mir. »Er hat sein Schiff aufgegeben, er hat ein ausreichendes Einkommen, und er hat niemanden, der mit ihm lebt. Ich würde gerne wissen, warum er nicht heiratet.«

»Der Kapitän war übermäßig unhöflich zu mir«, fügte die jüngere Schwester der Witwe ihrerseits hinzu. ›Als wir uns in London von ihm verabschiedeten, fragte ich, ob es wahrscheinlich sei, dass er in dieser Saison zu uns nach Brighton kommen würde. Er drehte mir den Rücken zu, als hätte ich ihn tödlich beleidigt; und er gab mir diese außergewöhnliche Antwort: »Fräulein! Ich hasse den Anblick des Meeres.‹ Der Mann ist sein ganzes Leben lang Seemann gewesen. Was will er damit sagen, dass er den Anblick des Meeres hasst?«

Ich war der Witwe und der Schwester der Witwe völlig ausgeliefert. Die anderen Mitglieder unserer kleinen Gesellschaft in der Pension waren alle zu einem Konzert gegangen. Man wusste, dass ich der älteste Freund des Kapitäns war und mit allen Ereignissen im Leben des Kapitäns gut vertraut war. Es blieb mir keine höfliche Alternative, als die Fragen zu beantworten, die mir gestellt wurden.

»Ich kann Ihre Neugier befriedigen«, sagte ich zu den beiden Damen, »ohne das in mich gesetzte Vertrauen zu verletzen — wenn Sie nur die Geduld haben, sich eine sehr seltsame Geschichte anzuhören.

Es ist überflüssig, über die Antwort zu berichten, die ich erhielt. Wir schickten die Teesachen weg und richteten die Lampe, und dann erzählte ich den Damen, warum der Kapitän niemals heiraten würde und warum er (Seemann, wie er war) den Anblick des Meeres haßte.

II.

Das britische Handelsschiff »Fortuna" (bei der letzten Gelegenheit, als unser Freund, der Kapitän, das Kommando über das Schiff übernahm) verließ den Hafen von Liverpool mit der Morgenflut. Sie war auf dem Weg zu bestimmten Inseln im Pazifischen Ozean, auf der Suche nach einer Ladung Sandelholz — einer Ware, die in jenen Tagen im chinesischen Reich einen leichten und profitablen Markt fand.

Die Eigner schenkten dem Kapitän große Diskretion, denn sie kannten ihn nicht nur als durch und durch vertrauenswürdig, sondern auch als einen Mann mit seltenen Fähigkeiten, die in den Mußestunden eines Seefahrerlebens sorgfältig kultiviert wurden. Mit Leib und Seele seinen beruflichen Pflichten gewidmet, war er ein fleißiger Leser und auch ein ausgezeichneter Linguist. Da er viel Erfahrung mit den Bewohnern der pazifischen Inseln hatte, hatte er ihre Charaktere aufmerksam studiert und beherrschte ihre Sprache in mehr als einem ihrer vielen Dialekte. Dank der wertvollen Informationen, die er auf diese Weise erhalten hatte, war der Kapitän nie in der Verlegenheit, die Inselbewohner zu beschwichtigen, und es war ihm mehr als einmal gelungen, eine Ladung unter Umständen zu finden, an denen andere Kapitäne gescheitert waren. Trotz dieser Vorzüge hatte er auch seine menschlichen Schwächen. Zum Beispiel war er sich seines eigenen guten Aussehens ein wenig zu sehr bewusst — seines hellen kastanienbraunen Haars und Schnurrbarts, seiner schönen blauen Augen, seiner hellen weißen Haut, auf die so manche Frau mit einer Bewunderung geblickt hatte, die an Neid grenzt. Seine wohlgeformten Hände waren durch Handschuhe geschützt; ein breitkrempiger Hut schützte seinen Teint bei schönem Wetter vor der Sonne. Er war nett in der Wahl seiner Parfüms; er trank nie Spirituosen, und der Geruch von Tabak war ihm zuwider. Wenn neue Männer unter seinen Offizieren und seiner Mannschaft ihn in seiner Kajüte studieren sahen, perfekt gekleidet, gewaschen und gebürstet, bis er ein makelloses Objekt war, sanft in der Stimme und vorsichtig in der Wahl seiner Worte, waren sie geneigt zu schließen, dass sie sich auf See einem Kommandanten anvertraut hatten, der eine anomale Mischung aus einem Schulmeister und einem Dandy war. Aber wenn die geringste Verletzung der Disziplin stattfand, oder wenn sich der Sturm erhob und das Schiff in Gefahr war, wurde bald entdeckt, dass die behandschuhten Hände eine eiserne Stange hielten; dass die sanfte Stimme sich durch Wind und Meer von einem Ende des Decks zum anderen Gehör verschaffen konnte; und dass sie Befehle erteilte, von denen der größte Narr an Bord wusste, dass sie das Schiff retteten. Während seines ganzen Berufslebens war der allgemeine Eindruck, den dieser vielseitig begabte Mann auf die kleine Welt um ihn herum machte, immer derselbe. Einige wenige mochten ihn; alle respektierten ihn; niemand verstand ihn. Der Kapitän akzeptierte diese Ergebnisse und fuhr fort, seine Bücher zu lesen und seinen Teint zu schützen; und seine Besitzer schüttelten ihm die Hand und ertrugen seine Handschuhe.

Die »Fortuna« legte in Rio an, um Wasser und Lebensmittel zu holen, die sich im Falle von Skorbut als nützlich erweisen könnten. Zu gegebener Zeit umrundete das Schiff Kap Hoorn, und zwar bei dem besten Wetter, das der älteste Mann an Bord je in diesen Breitengraden erlebt hatte. Der Maat, ein gewisser Mr. Duncalf — ein saufender, keuchender, selbstbewusster alter Seebär mit einem flammenden Gesicht und einem riesigen Wortschatz an Flüchen — schwor, dass ihm das nicht gefiel. ›Das schlechte Wetter kommt, meine Jungs‹, sagte Mr. Duncalf. Denkt an meine Worte, es wird genug Wind geben, um dem Kapitän die Locken aus dem Bart zu treiben, bevor wir viele Tage älter sind!

Noch vierzehn Tage lang kreuzte das Schiff auf der Suche nach den Inseln, zu denen die Eigner es geschickt hatten. Am Ende dieser Zeit nahm der Wind die vorhergesagten Freiheiten mit dem Bart des Kapitäns, und Mr. Duncalf zeigte sich einer bewundernden Mannschaft als wahrer Prophet.

Drei Tage und drei Nächte lang lief die »Fortuna« vor dem Sturm, ausgeliefert an Wind und Meer. Am vierten Morgen legte sich der Sturm, die Sonne kam gegen Mittag wieder zum Vorschein, und der Kapitän konnte eine Beobachtung anstellen. Das Ergebnis teilte ihm mit, dass er sich in einem Teil des Pazifischen Ozeans befand, den er überhaupt nicht kannte. Daraufhin wurden die Offiziere in die Kabine gerufen. Mr. Duncalf wurde, wie es seinem Rang entsprach, zuerst konsultiert. Seine Meinung besaß den Vorzug der Kürze. »Meine Jungs, das Schiff ist verhext. Glaubt mir, wir werden uns in unseren Breitengraden zurückwünschen, bevor wir viele Tage älter sind. Das bedeutete, dass Mr. Duncalf, wie sein vorgesetzter Offizier, in einem Teil des Ozeans verloren war, von dem er nichts wusste.

Der Kapitän beschloss (das Wetter war nun wieder recht gut), noch vierundzwanzig Stunden unter leichtem Segeldruck weiter zu fahren und zu sehen, ob sich etwas ergeben würde.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit geschah dann doch noch etwas. Der Ausguck vorne rief an Deck mit dem furchtbaren Ruf: »Brecher voraus! In weniger als einer Minute hörten alle das Krachen des gebrochenen Wassers. Die »Fortuna« wurde gewendet und drehte sich langsam im leichten Wind. Dank des rechtzeitigen Alarms und des schönen Wetters war für die Sicherheit des Schiffes leicht gesorgt. Sie hielten sie unter kurzem Segel und warteten auf den Morgen.

Die Morgendämmerung zeigte ihnen in der Ferne eine herrliche grüne Insel, die in den Schiffskarten nicht eingezeichnet war — eine Insel, die von einem Korallenriff umgeben war und in deren Mitte ein hoher Berg lag, der durch das Fernrohr wie ein Berg vulkanischen Ursprungs aussah. Mr. Duncalf, der seinen morgendlichen Schluck Rum und Wasser nahm, schüttelte seinen groggy alten Kopf und sagte (und fluchte): »Meine Jungs, ich mag das Aussehen dieser Insel nicht. Der Kapitän war anderer Meinung. Er ließ eines der Schiffsboote zu Wasser lassen, bewaffnete sich und sechs seiner Leute, die ihn begleiteten, und fuhr im Morgenlicht los, um die Insel zu besuchen.

Sie umschifften das Korallenriff und fanden einen natürlichen Durchbruch, der sich als breit und tief genug erwies, nicht nur für die Durchfahrt des Bootes, sondern auch des Schiffes selbst, wenn es nötig war. Sie durchquerten den breiten inneren Gürtel aus glattem Wasser und näherten sich dem goldenen Sand der Insel, der mit prächtigen Muscheln übersät war und von den düsteren Inselbewohnern bevölkert wurde — Männer, Frauen und Kinder, die alle in atemloser Verwunderung darauf warteten, die Fremden an Land gehen zu sehen.

Der Kapitän hielt das Boot ab und untersuchte die Inselbewohner genau. Die unschuldigen, einfachen Menschen tanzten und sangen und liefen ins Wasser und flehten ihre wunderbaren weißen Besucher mit Gesten an, an Land zu kommen. Kein einziges Wesen unter ihnen trug irgendeine Waffe; eine gastfreundliche Neugier beseelte die gesamte Bevölkerung. Die Männer riefen in ihrer sanften, musikalischen Sprache: »Kommt und esst!« und die molligen, schwarzäugigen Frauen, die alle zusammen lachten, fügten ihre eigene Einladung hinzu: »Kommt und lasst euch küssen! War es in Sterblichen, solchen Versuchungen zu widerstehen? Der Kapitän führte den Weg ans Ufer, und die Frauen umringten ihn in einem Augenblick und schrien vor Freude über den herrlichen Anblick seines Bartes, seines Teints und seiner Handschuhe. So wurden die Seeleute aus dem hohen Norden auf der neu entdeckten Insel willkommen geheißen.

III.

Der Morgen zog sich hin. Mr. Duncalf, der das Kommando über das Schiff hatte und die Insel bei Rum und Wasser als »scheußlich grünen Streifen, der in keiner christlichen Karte verzeichnet ist« verfluchte, musste vier tödliche Stunden warten, bevor der Kapitän zu seinem Kommando zurückkehrte und sich bei seinen Offizieren wie folgt meldete:

Er hatte seine Kenntnisse der polynesischen Dialekte für ausreichend befunden, um sich in gewissem Maße mit den Eingeborenen der neuen Insel verständigen zu können. Unter der Führung des Häuptlings hatte er eine erste Erkundungsreise unternommen und mit eigenen Augen gesehen, dass der Ort ein Wunder an natürlicher Schönheit und Fruchtbarkeit war. Der einzige karge Fleck war der Gipfel des vulkanischen Berges, der aus bröckelndem Gestein bestand; ursprünglich zweifellos Lava und Asche, die sich im Laufe der Zeit abgekühlt und verfestigt hatten. Soweit er gesehen hatte, war der Krater auf dem Gipfel jetzt ein erloschener Krater. Aber wenn er richtig verstanden hatte, hatte der Häuptling von Erdbeben und Eruptionen in bestimmten vergangenen Zeiten gesprochen, von denen einige in seinen eigenen frühesten Erinnerungen an diesen Ort lagen.

Als Nächstes verkündete der Kapitän, dass er auf der Insel genug Sandelholz gesehen habe, um ein Dutzend Schiffe zu beladen, und dass die Eingeborenen bereit seien, sich für ein paar Spielzeuge und Schmuckstücke, die allgemein unter ihnen verteilt würden, davon zu trennen. Zum Leidwesen des Maats wurde die »Fortuna« an diesem Tag ins Innere des Riffs gebracht und lag vor Sonnenuntergang in einem natürlichen Hafen vor Anker. Zwölf Stunden Erholung, beginnend mit dem nächsten Morgen, wurden den Männern gewährt, unter den weisen Einschränkungen, die der Kapitän in solchen Fällen festlegt. Nach diesem Intervall sollte die Arbeit des Schneidens des kostbaren Holzes und des Beladens des Schiffes ohne Unterlass fortgesetzt werden.

Mr. Duncalf hatte die erste Wache, nachdem die »Fortuna« gemütlich gemacht worden war. Er nahm den Bootsmann beiseite (ein alter Seebär wie er selbst) und sagte in schroffem Flüsterton: »Mein Junge, das hier ist nicht die Insel, die in unseren Segelanweisungen vorgesehen ist. Sieh zu, dass aus der Missachtung von Befehlen kein Unheil entsteht, bevor wir viele Tage älter sind.«

In dieser Nacht geschah nichts in Form von Unfug. Aber bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen trat ein verdächtiger Umstand ein; und Mr. Duncalf flüsterte dem Bootsmann zu: »Was habe ich euch gesagt? Der Kapitän und der Häuptling der Inselbewohner hielten eine private Konferenz in der Kajüte ab, und der Kapitän, nachdem er zunächst jede Kommunikation mit dem Ufer bis zu seiner Rückkehr untersagt hatte, verließ plötzlich das Schiff, allein mit dem Häuptling, in dessen eigenem Kanu.

Was hatte dieses seltsame Verschwinden zu bedeuten? Der Kapitän selbst, als er im Kanu Platz nahm, wäre bei der Beantwortung dieser Frage verwirrt gewesen.

»Werden wir lange vom Schiff weg sein?« fragte er.

Der Häuptling antwortete geheimnisvoll: »Lange oder kurze Zeit, Ihr Leben hängt davon ab, und das Leben Ihrer Männer.«

Der Häuptling paddelte sein leichtes kleines Boot schweigend über das glatte Wasser im Inneren des Riffs und brachte seinen Besucher an einem Teil der Insel an Land, der für den Kapitän ganz neu war. Die beiden überquerten eine Schlucht und stiegen auf eine Anhöhe dahinter. Dort hielt der Häuptling an und zeigte schweigend auf das Meer hinaus.

Der Kapitän schaute in die ihm angezeigte Richtung und entdeckte eine zweite, kleinere Insel, die im Südwesten in einer Entfernung von weniger als zwei Meilen lag. Er nahm sein Fernrohr aus der Tasche, die er auf dem Rücken trug, und untersuchte den Ort durch sein Glas. Zwei Kanus der Eingeborenen lagen vor dem Ufer der neuen Insel, und die Männer in ihnen schienen alle in einer seltsam gewählten Haltung zu knien oder zu hocken. Als der Kapitän seinen Blickwinkel ein wenig verlagerte, erblickte er die Gestalt eines großen, einsamen Mannes — der einzige Bewohner der Insel, den er entdecken konnte. Der Mann stand auf dem höchsten Punkt einer felsigen Landzunge. Zu seinen Füßen brannte ein Feuer. Mal hob er feierlich die Arme zum Himmel, mal warf er einen unsichtbaren Brennstoff in das Feuer, der einen blauen Rauch erzeugte, mal warf er andere unsichtbare Gegenstände in die unter ihm schwimmenden Kanus, die von den Inselbewohnern ehrfurchtsvoll und mit unterwürfig zusammengekauerten Körpern empfangen wurden. Der Kapitän senkte sein Fernrohr und schaute den Häuptling an, um eine Erklärung zu erhalten. Der Häuptling gab die Erklärung bereitwillig. Seine Sprache kann folgendermaßen interpretiert werden:

»Wunderbarer weißer Fremder! Die Insel, die du dort siehst, ist eine heilige Insel. Als solche ist sie Tabu — eine Insel, die geheiligt und abgesondert ist. Die ehrenwerte Person, die du auf dem Felsen siehst, ist ein allmächtiger Liebling der Götter. Er ist von Beruf ein Zauberer und von Rang ein Priester. Sie sehen jetzt, wie er Zauber und Segen in die Kanus unserer Fischer wirft, die ihn um gutes Wetter und großen Fischreichtum anflehen. Wenn irgendeine gottlose Person, ob Einheimischer oder Fremder, sich anmaßt, einen Fuß auf diese Insel zu setzen, werden meine sonst friedlichen Untertanen (in Erfüllung einer religiösen Pflicht) diese Person zu Tode bringen. Erwähne dies bei deinen Männern. Sie werden von meinen männlichen Leuten gefüttert und von meinen weiblichen Leuten gestreichelt werden, solange sie sich von der Heiligen Insel fernhalten. Da sie ihr Leben schätzen, sollen sie dieses Verbot respektieren. Ist das zwischen uns klar? Wunderbarer weißer Fremder! Mein Kanu wartet auf dich. Lasst uns zurückfahren.«

Der Kapitän verstand genug von der Sprache des Häuptlings (veranschaulicht durch seine Gesten), um die so an ihn gerichtete Mitteilung im richtigen Geist zu empfangen, und wiederholte die Warnung an die Schiffsbesatzung im einfachsten Englisch. Die Offiziere und Männer nahmen daraufhin ihren Urlaub an Land, mit Ausnahme von Mr. Duncalf, der sich strikt weigerte, das Schiff zu verlassen. Zwölf herrliche Stunden lang wurden sie von den männlichen Leuten gefüttert und von den weiblichen gestreichelt, dann wurden sie gnadenlos aus den Fleischtöpfen und den Armen ihrer neuen Freunde gerissen und machten sich ernsthaft an die Arbeit im Sandelholz. Mr. Duncalf beaufsichtigte das Verladen und wartete mit einer Zuversicht, die einer besseren Sache würdig war, auf das Unheil, das aus der Missachtung der Befehle der Besitzer entstehen sollte.

IV.

Seltsamerweise entschied sich der Zufall einmal mehr für die Sichtweise des Maats. Das Unheil kam tatsächlich; und das auserwählte Instrument dafür war ein hübscher junger Inselbewohner, der einer der Söhne des Häuptlings war.

Der Kapitän hatte sich in den gutmütigen, intelligenten Jungen verguckt. Er hatte den Sohn des Häuptlings zu seinem Tutor gemacht und sich damit vergnügt, dass er ihm im Gegenzug Englisch beibrachte, um den Dialekt der Insel zu lernen. Mehr als ein Monat war in diesem Verkehr vergangen, und die Ladung des Schiffes wurde schnell fertiggestellt, als in einer bösen Stunde das Gespräch zwischen den beiden auf das Thema der Heiligen Insel kam.

»Lebt denn niemand auf der Insel außer dem Priester?« fragte der Kapitän.

Der Häuptlingssohn schaute sich misstrauisch um. »Versprich mir, dass du es niemandem erzählst!« begann er sehr ernsthaft.

Der Kapitän gab sein Versprechen.

»Es gibt noch eine Person auf der Insel«, flüsterte der Junge, »eine Person, an der man seine Augen weiden kann, wenn man sie nur sehen könnte! Sie ist die Tochter des Priesters. Sie wurde als Säugling auf die Insel gebracht und hat sie seitdem nicht mehr verlassen. In dieser heiligen Einsamkeit hat sie nie einen anderen Menschen gesehen als ihren Vater und ihre Mutter. Ich habe sie einmal von meinem Kanu aus gesehen, wobei ich mich hütete, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen oder dem heiligen Boden zu nahe zu kommen. Oh, so jung, lieber Herr, und, oh, so schön!« Der Häuptlingssohn vervollständigte die Beschreibung, indem er seine eigenen Hände in stiller Verzückung küsste.

Die feinen blauen Augen des Kapitäns funkelten. Er stellte keine weiteren Fragen, aber später an diesem Tag besuchte er heimlich die Anhöhe, die die Heilige Insel überragte. Am nächsten Tag und am übernächsten schlich er sich an denselben Ort. Am vierten Tag war ihm das Schicksal hold. Er sah die Nymphe der Insel durch sein Fernrohr, die allein auf dem Kap stand, auf dem er schon ihren Vater entdeckt hatte. Sie fütterte gerade einige zahme Vögel, die wie Turteltauben aussahen. Das Glas zeigte dem Kapitän ihr reinweißes Gewand, das in der Meeresbrise flatterte; ihr langes schwarzes Haar, das ihr bis zu den Fersen fiel; ihre schlanke und geschmeidige junge Gestalt; ihre einfache Anmut in der Haltung, wie sie sich hin und her drehte, um sich um die Bedürfnisse ihrer Vögel zu kümmern. Vor ihr war der blaue Ozean, hinter ihr das leuchtende Grün des Inselwaldes. Die lebhafte Phantasie des Kapitäns sorgte für die unvermeidlichen Mängel des Glases. Er schaute und schaute, bis ihm die Augen und die Arme weh taten. Und als sie mit ihren Vögeln leicht in den Wald zurückhuschte, schloss der Kapitän seufzend sein Fernrohr und sagte zu sich selbst: »Ich habe einen Engel gesehen!«

Von dieser Stunde an wurde er ein veränderter Mann; er war träge, still, an nichts interessiert. Die allgemeine Meinung entschied, dass er krank werden würde.

Eine weitere Woche verging, und die Offiziere und die Mannschaft begannen, über die Reise zu ihrem Markt in China zu sprechen. Der Kapitän weigerte sich, einen Tag für das Auslaufen festzulegen. Er nahm sogar Anstoß daran, dass man ihn um eine Entscheidung bat. Anstatt in seiner Kajüte zu schlafen, ging er für die Nacht an Land.

Wenige Stunden später, kurz vor Tagesanbruch, wurde Mr. Duncalf, der in seiner Kabine an Deck schnarchte, durch eine auf seine Schulter gelegte Hand geweckt. Die schwankende Lampe, die immer noch brannte, zeigte ihm das düstere Gesicht des Häuptlingssohns, der vor Schreck zusammenzuckte. Mit wilden Zeichen, mit unzusammenhängenden Worten in dem wenigen Englisch, das er gelernt hatte, versuchte der Junge, sich dem Maat verständlich zu machen. Der dicke Mr. Duncalf, der nichts verstand, rief den zweiten Offizier, der auf der anderen Seite des Decks stand. Der zweite Offizier war jung und intelligent; er deutete die schrecklichen Nachrichten, die das Schiff erreicht hatten, richtig.

Der Kapitän hatte seine eigenen Regeln gebrochen. Im Schutze der Nacht hatte er seine Chance gewittert, ein Kanu genommen und heimlich den Kanal zur Heiligen Insel überquert. Niemand war zu dieser Zeit in seiner Nähe gewesen, außer dem Sohn des Häuptlings. Der Junge hatte vergeblich versucht, ihn zur Aufgabe seines verzweifelten Vorhabens zu bewegen, und hatte vergeblich am Ufer gewartet, in der Hoffnung, das Geräusch des Paddels zu hören, das seine Rückkehr ankündigte. Ohne jeden Zweifel hatte der Verliebte den Fuß auf die Küste der verbotenen Insel gesetzt.

Die einzige Chance für sein Leben bestand darin, seine Tat zu verheimlichen, bis das Schiff den Hafen verlassen konnte, und ihn dann (wenn ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war) nach Einbruch der Nacht zu retten. Es wurde beschlossen, die Nachricht zu verbreiten, dass er wirklich krank sei und in seiner Kajüte gefangen gehalten werde. Der Sohn des Häuptlings, dessen Herz der Kapitän durch seine Freundlichkeit gewonnen hatte, konnte sich darauf verlassen, dies zu tun und das Geheimnis dem Kapitän zuliebe treu zu bewahren.

Gegen Mittag des nächsten Tages versuchten sie, das Schiff in See zu stechen, was mangels Wind misslang. Von Stunde zu Stunde wurde die Hitze immer drückender. Als der Tag zu Ende ging, gab es unheilvolle Erscheinungen am westlichen Himmel. Die Eingeborenen, die im Laufe des Tages durch ihre Besorgnis, den Kapitän zu sehen, und durch ihre Neugier, den Grund für die plötzlichen Vorbereitungen zur Abfahrt des Schiffes zu erfahren, einige Unannehmlichkeiten verursacht hatten, gingen alle zusammen an Land, schauten misstrauisch zum Himmel und tauchten nicht mehr auf. Gerade um Mitternacht zitterte das Schiff, das noch immer in seiner gemütlichen Koje innerhalb des Riffs lag, plötzlich von seinem Kiel bis zu seinen Mastspitzen. Mr. Duncalf, umgeben von der erschrockenen Mannschaft, schüttelte seine knorrige Faust gegen die Insel, als ob er sie in der Dunkelheit sehen könnte. »Meine Jungs, was habe ich euch gesagt? Das war ein heftiges Erdbeben.«

Mit dem Morgen verschwand unerwartet der bedrohliche Aspekt des Wetters. Eine schwache, warme Brise vom Land her, die gerade ausreichte, um das Schiff zu steuern, bot Mr. Duncalf eine Chance, in See zu stechen. Langsam segelte die »Fortuna«, mit dem Maat selbst am Steuer, halb segelnd, halb treibend in den offenen Ozean. In einer Entfernung von kaum zwei Meilen von der Insel war die Brise nicht mehr zu spüren, und das Schiff lag für den Rest des Tages in der Flaute.

In der Nacht warteten die Männer auf ihre Befehle, in der Erwartung, in einem der Boote hinter ihrem Kapitän hergeschickt zu werden. Die tiefe Dunkelheit, die luftlose Hitze und ein zweiter Erdbebenstoß (den das Schiff in seiner jetzigen Entfernung vom Land gerade spürte) mahnten den Maat zur Vorsicht. »Ich rieche Unheil in der Luft«, sagte Mr. Duncalf. Der Kapitän muss warten, bis ich mir des Wetters sicherer bin.

Doch der neue Tag brachte keine Veränderung. Die Totenstille hielt an, und die luftlose Hitze. Als der Tag sich neigte, wurde eine weitere unheilvolle Erscheinung sichtbar. Durch das Fernrohr wurde eine dünne Rauchlinie entdeckt, die vom obersten Gipfel des Berges auf der Hauptinsel aufstieg. Drohte der Vulkan mit einem Ausbruch? Der Maat jedenfalls hegte keinen Zweifel daran. »Bei Gott, der Ort wird explodieren!«, sagte Mr. Duncalf. »Wie dem auch sei, wir müssen den Kapitän noch heute Nacht finden!«

V.

Was tat der Kapitän? und welche Chance hatte die Mannschaft, ihn in dieser Nacht zu finden?

Er hatte sich auf sein verzweifeltes Abenteuer eingelassen, ohne irgendeinen Plan zur Erhaltung seiner eigenen Sicherheit zu schmieden; ohne auch nur einen Augenblick an die Folgen zu denken, die sich daraus ergeben könnten. Das bezaubernde Bild, das er durch sein Fernrohr gesehen hatte, verfolgte ihn Tag und Nacht. Das Bild der unschuldigen Kreatur, abgeschieden von der Menschheit in ihrer Insel-Einsamkeit, war das einzige Bild, das seinen Geist erfüllte. Ein Mann, der auf der Straße an einer Frau vorbeigeht, handelt aus dem Impuls heraus, sich umzudrehen und ihr zu folgen, und formt in diesem einen gedankenlosen Moment das Schicksal seines zukünftigen Lebens. Der Kapitän, der das Kanu am Strand sah, handelte aus einem ähnlichen Impuls heraus, als er das Paddel nahm und seinen rücksichtslosen Kurs auf die verpönte Insel einschlug.

Als er das Ufer erreichte, als es noch dunkel war, tat er etwas Vernünftiges — er versteckte das Kanu, damit es ihn nicht verraten würde, wenn das Tageslicht kam. Nachdem er das getan hatte, wartete er am Rande des Waldes den Morgen ab.

Das zitternde Licht der Morgendämmerung offenbarte die geheimnisvolle Einsamkeit um ihn herum. Er folgte den äußeren Grenzen der Bäume, erst in die eine, dann in die andere Richtung, und da er keine Spur eines lebenden Wesens fand, beschloss er, in das Innere der Insel vorzudringen. Er betrat den Wald.

Nach einer Stunde Fußmarsch gelangte er auf einen höher gelegenen Platz. Als er den Aufstieg fortsetzte, löste er sich von den Bäumen und stand auf der grasbewachsenen Spitze einer breiten Klippe, die das Meer überblickte. Eine offene Hütte befand sich auf der Klippe. Vorsichtig schaute er hinein und stellte fest, dass sie leer war. Die wenigen Haushaltsutensilien, die herumstanden, und das einfache Bett aus Blättern in einer Ecke waren mit feinem Sandstaub bedeckt. Nachtvögel flogen aus den inneren Hohlräumen des Daches und flüchteten in den Schatten des Waldes darunter. Es war offensichtlich, dass die Hütte schon seit einiger Zeit nicht mehr bewohnt war.

Als der Kapitän an der offenen Tür stand und überlegte, was er als nächstes tun sollte, sah er einen Vogel aus dem Wald auf sich zufliegen. Es war eine Turteltaube, die so zahm war, dass sie ganz nah an ihn heranflatterte. Im selben Moment ertönte zwischen den Bäumen ein süßes Lachen. Sein Herz schlug schnell; er ging ein paar Schritte weiter und blieb stehen. In einem weiteren Augenblick erschien die Nymphe der Insel in ihrem weißen Gewand und stieg die Klippe hinauf, um ihren untreuen Vogel zu verfolgen. Sie sah ihn und blieb plötzlich stehen, wie erstarrt von der erstaunlichen Entdeckung, die über sie hereingebrochen war. Der Kapitän näherte sich lächelnd und streckte seine Hand aus. Sie rührte sich nicht; sie stand in hilfloser Verwunderung vor ihm — ihre schönen schwarzen Augen starrten wie gebannt auf ihn; ihr düsterer Busen pochte über den herabgefallenen Falten ihres Gewandes; ihre vollen roten Lippen schürzten sich in stummem Erstaunen. Wie gebannt auf der Seite liegend, sich schweigend an ihrer Schönheit ergötzend, kam der Kapitän nach einer Weile wieder zu sich. Er wagte es, mit ihr in der Sprache der Hauptinsel zu sprechen. Der Klang seiner Stimme, mit der er sie in der Sprache ansprach, die sie kannte, weckte das schöne Geschöpf zum Handeln. Sie sprang auf, trat dicht an ihn heran und fiel zu seinen Füßen auf die Knie.

»Mein Vater verehrt unsichtbare Götter«, sagte sie leise. »Bist du eine sichtbare Gottheit? Hat meine Mutter Sie geschickt?« Während sie sprach, zeigte sie auf die verlassene Hütte hinter ihnen. Du erscheinst mir«, fuhr sie fort, »an dem Ort, an dem meine Mutter gestorben ist. Ist es ihr zuliebe, dass du dich ihrem Kind zeigst? Schöne Gottheit, komm in den Tempel — komm zu meinem Vater!«

Der Kapitän hob sie sanft vom Boden auf. Wenn ihr Vater ihn sah, war er ein Verdammter. So vernarrt er auch war, er hatte noch genug Verstand, um sich in seinem eigenen Charakter deutlich als sterbliche Kreatur zu erkennen zu geben, die aus einem weit entfernten Land kam. Das Mädchen wich augenblicklich mit einem Blick des Schreckens vor ihm zurück.

»Er ist nicht wie mein Vater«, sagte sie zu sich selbst, »er ist nicht wie ich. Ist er der verlogene Dämon aus der Prophezeiung? Ist er der prädestinierte Zerstörer unserer Insel?«

Die geschlechtliche Erfahrung des Kapitäns zeigte ihm den einzig sicheren Ausweg aus der misslichen Lage, in der er sich jetzt befand. Er berief sich auf seine persönliche Erscheinung.

»Sehe ich aus wie ein Dämon?«, fragte er.

Ihre Augen trafen seine. Ein halbes Lächeln zitterte auf ihren Lippen. Der Kapitän wagte zu fragen, was sie mit der vorherbestimmten Zerstörung der Insel meinte. Sie hob feierlich die Hand und wiederholte die Prophezeiung.

Der Heiligen Insel drohte die Zerstörung durch ein böses Wesen, das eines Tages an ihren Ufern erscheinen würde. Um das Verhängnis abzuwenden, wurde der Ort geheiligt und unter den Schutz der Götter und ihrer Priester gestellt. Hier lag der Grund für das Tabu und für die außerordentliche Strenge, mit der es durchgesetzt wurde. Aufmerksam hörte der Kapitän seiner charmanten Begleiterin zu, nahm ihre Hand und drückte sie sanft.

»Fühle ich mich wie ein Dämon?« flüsterte er.

Ihre schlanken braunen Finger schlossen sich freimütig um seine Hand. »Sie fühlen sich weich und freundlich an«, sagte sie mit der furchtlosen Offenheit eines Kindes. »Drücke mich noch einmal. Ich mag das!«

Im nächsten Moment riss sie ihre Hand von ihm weg; das Gefühl seiner Gefahr hatte sich ihr plötzlich aufgedrängt. »Wenn mein Vater dich sieht«, sagte sie, »wird er das Signalfeuer am Tempel anzünden, und die Leute von drüben werden hierher kommen und dich zu Tode bringen. Wo ist dein Kanu? Nein! Es ist helllichter Tag. Mein Vater könnte dich auf dem Wasser sehen.« Sie überlegte einen Moment und legte ihm dann die Hände auf die Schultern. »Bleib hier, bis es dunkel wird«, sagte sie. »Mein Vater kommt nie hierher. Der Anblick des Ortes, an dem meine Mutter starb, ist schrecklich für ihn. Hier bist du sicher. Versprich mir, bis zur Nacht zu bleiben, wo du bist.«

Der Kapitän gab sein Versprechen. So weit von der Angst befreit, fand das bewegliche südliche Temperament des Mädchens seine ursprüngliche Heiterkeit wieder — seine süße Fröhlichkeit und seinen Geist. Sie bewunderte den schönen Fremden, wie sie einen neuen Vogel hätte bewundern können, der zu ihr geflogen war, um mit den anderen gestreichelt zu werden. Sie streichelte seine helle, weiße Haut und wünschte sich, sie hätte eine solche Haut. Sie hob die großen, glänzenden Falten ihres langen, schwarzen Haares und verglich es mit den hellen, lockigen Locken des Kapitäns und wünschte sich aus tiefstem Herzen, mit ihm die Farbe wechseln zu können. Sein Kleid war ein Wunder für sie; seine Uhr war eine neue Offenbarung. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lauschte entzückt dem Ticken, während er die Uhr an ihr Ohr hielt. Ihr duftender Atem spielte auf seinem Gesicht, ihre warme, geschmeidige Gestalt lehnte sich sanft an ihn. Der Arm des Kapitäns schlich sich um ihre Taille, und die Lippen des Kapitäns berührten sanft die ihren. Sie hob den Kopf mit einem Blick der freudigen Überraschung. »Danke«, sagte das Kind der Natur schlicht. »Küssen Sie mich noch einmal, das gefällt mir. Darf ich dich küssen?« Die zahme Turteltaube hockte auf ihrer Schulter, als sie dem Kapitän ihren ersten Kuss gab, und lenkte ihre Gedanken auf die Haustiere, die sie verlassen hatte, um die unentschuldigte Taube zu verfolgen.

»Kommen Sie«, sagte sie, »und sehen Sie sich meine Vögel an. Ich halte sie auf dieser Seite des Waldes. Es besteht keine Gefahr, solange du dich nicht auf der anderen Seite zeigst. Mein Name ist Aimata; Aimata wird sich um dich kümmern. Oh, was für einen schönen weißen Hals du hast!« Sie legte ihren Arm bewundernd um seinen Hals. Der Arm des Kapitäns hielt sie zärtlich an sich gedrückt. Langsam stiegen die beiden die Klippe hinab und verloren sich in der blattreichen Einsamkeit des Waldes. Und die zahme Taube flatterte vor ihnen, ein geflügelter Bote der Liebe, und gurrte ihrer Gefährtin zu.

VI.

Die Nacht war gekommen, und der Kapitän hatte die Insel nicht verlassen. Aimatas Vorsatz, ihn in der Dunkelheit wegzuschicken, war schon vergessen. Sie hatte sich von ihm einreden lassen, daß er nicht in Gefahr sei, solange er in der Hütte auf dem Felsen blieb, und sie hatte beim Abschied versprochen, bei Tagesanbruch zu ihm zurückzukehren, während der Priester noch schlief.

Er war allein in der Hütte. Der Gedanke an das unschuldige Geschöpf, das er liebte, war ihm sowohl schmerzlich als auch zärtlich gegenwärtig. Fast bedauerte er seinen überstürzten Besuch auf der Insel. »Ich werde sie mit nach England nehmen«, sagte er zu sich selbst. »Was kümmert mich die Meinung der Welt? Aimata soll meine Frau werden.«

Die große Hitze bedrückte ihn. Gegen Mitternacht trat er auf die Klippe hinaus, um einen Hauch von Luft zu spüren. Die erste Erschütterung des Erdbebens (die das Schiff spürte, während es sich im Riff befand) erschütterte den Boden, auf dem er stand. Er dachte sofort an den Vulkan auf der Hauptinsel. Hatte er sich geirrt, als er annahm, dass der Krater erloschen war? War die Erschütterung, die er gerade gespürt hatte, eine Warnung des Vulkans, die durch eine Unterwasserverbindung zwischen den beiden Inseln übermittelt wurde? Er wartete und beobachtete die Stunden der Dunkelheit, mit einem vagen Gefühl der Besorgnis, das sich nicht wegdiskutieren ließ. Mit den ersten Strahlen der Morgendämmerung stieg er in den Wald hinab und sah das liebliche Wesen, dessen Sicherheit ihm schon so kostbar war wie seine eigene, ihm durch die Bäume entgegeneilen.

Sie winkte ablenkend mit der Hand, als sie sich ihm näherte. »Geh!«, rief sie, »geh mit deinem Kanu weg, bevor die Insel zerstört wird!«

Er tat sein Bestes, um sie zu beruhigen. War es der Schock des Erdbebens, der sie erschreckt hatte? Es war nicht nur der Schock des Erdbebens, es war etwas noch Unheilvolleres, das dem Schock gefolgt war. In der Nähe des Tempels gab es einen See, dessen Wasser angeblich durch unterirdische Feuer erhitzt wurde. Der See war mit dem Erdbeben aufgestiegen, hatte wütend geblubbert und war dann in der Nacht weggeschmolzen. Ihr Vater, der das Vorzeichen mit Schrecken sah, war zum Kap gegangen, um den Vulkan auf der Hauptinsel zu beobachten und mit Gebeten und Opfern den Schutz der Götter zu erflehen. Als der Kapitän dies hörte, bat er Aimata, ihn in Abwesenheit des Priesters den geleerten See sehen zu lassen. Sie zögerte; aber sein Einfluss war allmächtig. Er überredete sie, mit ihm durch den Wald zurückzukehren.

Als sie die äußerste Grenze der Bäume erreicht hatten, kamen sie auf offenes, felsiges Gelände, das sanft zur Mitte der Insel hin abfiel. Nachdem sie diese Fläche durchquert hatten, erreichten sie ein natürliches Amphitheater aus Felsen. Auf einer Seite davon erschien der Tempel, teils ausgegraben, teils durch eine natürliche Höhle gebildet. In einem der Seitenarme der Kaverne befand sich die Wohnung des Priesters und seiner Tochter. Die Mündung der Höhle blickte auf das felsige Becken des Sees hinaus. Der Kapitän beugte sich über den Rand und entdeckte weit unten in der leeren Tiefe eine leichte Dampfwolke. Nirgendwo war ein Tropfen Wasser zu sehen.

»Bedeutet das nichts?«, sagte Aimata und deutete auf den Abgrund. Sie erschauderte und verbarg ihr Gesicht an der Brust des Kapitäns. »Mein Vater sagt«, flüsterte sie, »dass es dein Werk ist.«

Der Kapitän schreckte auf. »Weiß Ihr Vater, dass ich auf der Insel bin?«

Sie blickte mit einem schnellen, vorwurfsvollen Blick zu ihm auf. »Glauben Sie, ich würde es ihm sagen und Ihr Leben in Gefahr bringen?«, fragte sie. Mein Vater spürte den Zerstörer der Insel im Erdbeben; mein Vater sah die kommende Zerstörung im Verschwinden des Sees. Ihre Augen ruhten mit einer liebevollen Trägheit auf ihm. »Bist du wirklich der Dämon aus der Prophezeiung?«, sagte sie und wickelte sein Haar um ihren Finger. »Ich habe keine Angst vor dir, wenn du es bist. Ich bin ein verzaubertes Mädchen; ich liebe den Dämon.« Sie küsste ihn leidenschaftlich. »Es ist mir egal, ob ich sterbe«, flüsterte sie zwischen den Küssen, »wenn ich nur mit dir sterbe!«

Der Kapiän machte keinen Versuch, sie zur Vernunft zu bringen. Er wählte den klügeren Weg — er appellierte an ihre Gefühle.

»Du wirst mit mir in mein eigenes Land kommen«, sagte er. »Mein Schiff wartet. Ich werde dich mit mir nach Hause nehmen und dich zu meiner Frau machen.«

Sie sprang auf die Füße und klatschte vor Freude in die Hände. Dann dachte sie an ihren Vater und setzte sich weinend wieder hin.

Der Kapitän verstand sie. »Lass uns diesen trostlosen Ort verlassen«, sagte er. »Wir werden in den kühlen Lichtungen des Waldes darüber sprechen, wo du mir zum ersten Mal gesagt hast, dass du mich liebst.«

Sie reichte ihm die Hand. »Wo ich dir zum ersten Mal sagte, dass ich dich liebe«, wiederholte sie und lächelte zärtlich und nachdenklich, als sie ihn ansah. Gemeinsam verließen sie den See.

VII.

Die Dunkelheit war wieder eingebrochen. Das Schiff lag noch immer auf dem Meer.

Mr. Duncalf kam nach dem Abendessen an Deck. Die dünne Rauchfahne, die man am Abend vom Gipfel des Berges hatte aufsteigen sehen, wurde jetzt von unheilvollen Feuerblitzen abgelöst, die aus demselben Viertel kamen und zeitweise zu sehen waren. Die schwache, heiße Brise vom Land war wieder zu spüren. »Es ist nur ein Hauch von Wind«, bemerkte der Maat. »Wir werden versuchen, den Kapitän zu finden, solange wir die Gelegenheit dazu haben.«

Eines der Boote wurde zu Wasser gelassen — unter dem Kommando des zweiten Maats, der die »Peilung« der verpönten Insel bei Tageslicht aufgenommen hatte. Vier der Männer sollten ihn begleiten, und sie sollten alle gut bewaffnet sein. Mr. Duncalf richtete seine letzten Anweisungen an den Offizier im Boot.

»Du hältst mit einer Laterne am Bug Ausschau. Wenn du dich der Insel näherst, feuerst du eine Kanone ab und rufst den Kapitän. . .«

»Völlig überflüssig«, mischte sich eine Stimme vom Meer ein. »Der Kapitän ist hier!«

Ohne die geringste Notiz von dem Erstaunen zu nehmen, das er hervorgerufen hatte, paddelte der Kapitän mit seinem Kanu an die Seite des Schiffes. Anstatt auf das Deck der »Fortuna« zu steigen, trat er in das Boot. »Leihen Sie mir Ihre Pistolen«, sagte er leise zu dem zweiten Offizier, »und tun Sie mir den Gefallen, Ihre Männer wieder an Bord zu bringen. Er sah zu Mr. Duncalf auf und gab weitere Anweisungen. »Wenn sich das Wetter ändert, halten Sie das Schiff in sicherer Entfernung vom Land auf und ab und werfen Sie von Zeit zu Zeit eine Rakete ab, um Ihre Position anzuzeigen. Erwartet mich bei Sonnenaufgang wieder an Bord.«

»Was!«, rief der Maat. »Willst du damit sagen, dass du zur Insel zurückfährst — in diesem Boot — ganz allein?«

»Ich fahre zurück zur Insel«, antwortete der Kapitän, so ruhig wie immer, »in diesem Boot — ganz allein.« Er stieß sich vom Schiff ab und hisste das Segel, während er sprach.

»Du vernachlässigst deine Pflicht!«, rief der Maat mit einem seiner lautesten Flüche.

»Befolgen Sie meine Anweisungen«, rief der Kapitän zurück, während er in die Dunkelheit abdriftete.

Mr. Duncalf — zum ersten Mal in seinem Leben heftig erregt — verabschiedete sich von seinem vorgesetzten Offizier mit einer eigenartigen Mischung aus Feierlichkeit und Höflichkeit, mit diesen Worten:

»Der Herr sei Ihrer Seele gnädig! Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.«

VIII.

Allein im Boot blickte der Kapitän mit sorgenvoller Miene auf das Aufblitzen des Vulkans auf der Hauptinsel.

Hätten die Ereignisse ihn begünstigt, hätte er Aimata an dem Tag, als er das geleerte Becken auf dem See sah, in den Schutz des Schiffes gebracht. Aber der Rauch des Opfers des Priesters war von der Hauptinsel aus entdeckt worden; und der Häuptling hatte zwei Kanus mit der Anweisung geschickt, Nachforschungen anzustellen. Eines der Kanus war zurückgekehrt; das andere wurde vor dem Kap in Wartestellung gehalten, um dem Priester ein Mittel zur Kommunikation mit der Hauptinsel zur Verfügung zu stellen. Die zweite Erschütterung des Erdbebens hatte natürlich den Alarm des Häuptlings erhöht. Er schickte Nachrichten an den Priester, in denen er ihn bat, die Insel zu verlassen. Der Priester weigerte sich. Er glaubte an seine Götter und seine Opfer — er glaubte, sie könnten das Unheil abwenden, das sein Heiligtum bedrohte.

Der Häuptling gab dem heiligen Mann nach und schickte Verstärkung in Form von Kanus, um die Wache an der Landspitze zu übernehmen. Mit Hilfe von Fackeln waren die Inselbewohner (in abergläubischer Furcht vor dem Dämon der Prophezeiung) sowohl bei Tag als auch bei Nacht in Alarmbereitschaft. Der Kapitän hätte den sicheren Tod riskiert, wenn er es gewagt hätte, sich dem Versteck zu nähern, in dem er sein Kanu versteckt hatte. Erst nachdem Aimata ihn wie üblich verlassen hatte, um am Abend zu ihrem Vater zurückzukehren, sprachen die Chancen für den Kapitän. Die Feuerblitze vom Berg, die bei Anbruch der Nacht zu sehen waren, hatten den Männern in den Kanus Angst eingejagt. Sie dachten an ihre Frauen, ihre Kinder und ihr Hab und Gut auf der Hauptinsel, und sie alle verließen ihren Priester. Der Kapitän ergriff die Gelegenheit, sich mit dem Schiff in Verbindung zu setzen und das gebrechliche Kanu, das er schlecht zu steuern vermochte, gegen ein schnelles Segelboot auszutauschen, das bei stürmischem Wetter die See halten konnte.

Als er sich nun dem Land näherte, informierten ihn einige kleine rote Funken, die sich in der Ferne bewegten, dass die Kanus zu ihrem Dienst zurückbeordert worden waren. Durch die fernen Fackellichter gesteuert, erreichte er unfallfrei die eigene Seite der Insel und ankerte, geleitet von der Bootslaterne, unter der Klippe. Er kletterte auf die Felsen, ging zur Tür der Hütte — und wurde zu seiner Freude und seinem Erstaunen von Aimata auf der Schwelle empfangen.

»Ich habe geträumt, dass der Zorn der Götter uns für immer getrennt hat«, sagte sie, »und ich kam hierher, um zu sehen, ob mein Traum wahr ist. Oh, wie habe ich geweint, ganz allein in der Hütte! Jetzt, wo ich dich gesehen habe, bin ich zufrieden. Küss mich, und lass mich zurückgehen. Nein! Du darfst nicht mit mir zurückgehen. Mein Vater zweifelt. Vielleicht ist er draußen und sucht nach mir. Ihr seid in Gefahr, nicht ich. Ich kenne den Wald so gut im Dunkeln wie bei Tag. Du wirst mich bei Tagesanbruch wiedersehen.«

Der Hauptmann hielt sie fest. »Jetzt bist du hier«, sagte er, »warum sollte ich warten, um dich bis zum Tagesanbruch in Sicherheit zu bringen? Ich war auf dem Schiff, ich habe eines der Boote zurückgebracht. Die Dunkelheit wird sich mit uns anfreunden — lass uns einschiffen, solange wir können.«

Sie wich zurück, als er ihre Hand nahm. »Mein Vater!«, sagte sie schwach.

»Dein Vater ist nicht in Gefahr. Die Kanus warten am Kap auf ihn; ich habe die Lichter gesehen, als ich vorbeifuhr.«

Mit dieser Antwort zog er sie aus der Hütte und wandte sein Gesicht dem Meer zu. Nicht ein Hauch der Brise war jetzt zu spüren. Es herrschte wieder Totenstille — und das Boot war zu groß, um von einem Mann allein an den Rudern bewältigt werden zu können.

»Die Brise kann wieder kommen«, sagte er zu ihr. »Warte hier, mein Engel, auf die Gelegenheit.«

Während er sprach, wurde die tiefe Stille des Waldes unter ihnen von einem Geräusch durchbrochen. Eine raue, klagende Stimme war zu hören, die rief: »Aimata! Aimata!«

»Mein Vater!« flüsterte sie; »er hat mich vermisst. Wenn er hierher kommt, bist du verloren.«

Sie küßte ihn mit leidenschaftlicher Inbrunst; sie hielt ihn einen Augenblick lang mit aller Kraft an sich gedrückt.

»Erwarte mich bei Tagesanbruch«, sagte sie und verschwand den landwärtigen Abhang der Klippe hinunter.

Er lauschte, ängstlich um ihre Sicherheit besorgt. Die Stimmen von Vater und Tochter erreichten ihn gerade zwischen den Bäumen. Die Priesterin sprach in keinem zornigen Ton; sie hatte offenbar eine akzeptable Entschuldigung für ihre Abwesenheit gefunden. Nach und nach verriet ihm der schwächer werdende Klang ihrer Stimmen, dass sie gemeinsam auf dem Rückweg zum Tempel waren. Die Stille brach wieder ein. Nicht ein Plätschern brach sich am Strand. Kein einziges Blatt raschelte im Wald. Nichts bewegte sich außer den reflektierten Blitzen des Vulkans am schwarzen Himmel über der Hauptinsel. Es war eine luftlose und furchtbare Stille.

Er ging in die Hütte und legte sich auf sein Bett aus Blättern, nicht um zu schlafen, sondern um sich auszuruhen. Alle seine Kräfte könnten für die kommenden Ereignisse des Morgens benötigt werden. Nach der Reise zum und vom Schiff und der langen Wache, die ihr vorausgegangen war, brauchte er, stark wie er war, Ruhe.

Einige Zeit lang lag er wach und dachte nach. Unmerklich schloss die drückende Hitze, unterstützt durch seine eigene Müdigkeit, verräterisch seine Augen. Ungeachtet seiner selbst fiel der müde Mann in einen tiefen Schlaf.

Er wurde durch ein Dröhnen geweckt, das wie die Explosion eines Artillerieparks klang. Der Vulkan auf der Hauptinsel war in einen Eruptionszustand ausgebrochen. Rauchiges Flammenlicht überzog den Himmel und blitzte durch die offene Tür der Hütte. Er sprang von seiner Couch auf — und fand sich bis zu den Knien im Wasser wieder.

Hatte das Meer das Land überflutet? Er watete aus der Hütte, und das Wasser stieg ihm bis zur Mitte. Im gleißenden Flammenlicht der Eruption sah er sich um. Das einzige sichtbare Objekt in seinem Blickfeld war das Dach der Hütte. In jeder anderen Richtung breitete sich das Wasser des schrecklichen Meeres, blutrot gefärbt durch den flammenden Himmel, wirbelnd und sich seltsam kräuselnd in der toten Stille aus. In einem weiteren Augenblick wurde ihm bewusst, dass die Erde, auf der er stand, unter seinen Füßen versank. Das Wasser stieg ihm bis zum Hals; der letzte Rest des Daches der Hütte verschwand. Er schaute sich noch einmal um, und die Wahrheit brach über ihn herein. Die Insel sank — langsam, langsam sank sie in vulkanische Tiefen, unter die äußerste Tiefe des Meeres! Das höchste Objekt war die Hütte, und die war vor seinen Augen Zentimeter für Zentimeter unter Wasser gesunken. Durch okkulte vulkanische Einflüsse an die Oberfläche geworfen, war die Insel unter denselben Einflüssen wieder in die Finsternis gesunken, aus der sie aufgetaucht war!

Ein schwarzer schattenhafter Gegenstand, der sich in einem weiten Kreis drehte, kam langsam auf ihn zu, während der alles zerstörende Ozean seine bitteren Wasser in seinen Mund spülte. Das schwimmende Boot, das sich auf dem Meer erhob, als die Erde es verließ, hatte seinen Anker gezogen und trieb in dem Strudel herum, den die langsam sinkende Insel erzeugte. Mit einer letzten verzweifelten Hoffnung, dass Aimata gerettet werden könnte, wie er gerettet worden war, schwamm er zum Boot, ergriff die schweren Ruder mit der Kraft eines Riesen und machte sich auf den Weg zu dem Ort (soweit er ihn jetzt erahnen konnte), wo der See und der Tempel einst gewesen waren.

Er schaute sich um und um ihn herum — er spannte seine Augen an in dem vergeblichen Versuch, unter die Oberfläche des brodelnden, kribbelnden Meeres zu dringen. Hatten die panischen Wächter in den Kanus ihren Posten verlassen, ohne einen Versuch zu unternehmen, Vater und Tochter zu retten? Oder waren beide erstickt worden, bevor sie einen Versuch unternehmen konnten, aus ihrer Höhle zu entkommen? Er rief ihr in seiner Not zu, als ob sie ihn aus der unergründlichen Tiefe hören könnte: »Aimata! Aimata!« Das Gebrüll der fernen Eruption antwortete ihm. Die aufsteigenden Feuer beleuchteten das einsame Meer weit und nah über der sinkenden Insel. Das Boot drehte sich langsam und immer langsamer in dem abnehmenden Strudel. Nie wieder würden ihn diese sanften Augen mit unaussprechlicher Liebe ansehen! Nie wieder würden diese frischen Lippen seine Lippen mit ihrem glühenden Kuss berühren! Allein, inmitten der mächtigen Kräfte der Natur, die sich im Kampf befanden, hob der elende Sterbliche seine Hände in verzweifeltem Flehen — und der brennende Himmel blickte in seiner erbarmungslosen Größe auf ihn herab und zwang ihn im Boot auf die Knie. Seine Vernunft sank mit seinen sinkenden Gliedern. In der barmherzigen Raserei, die dem Schock folgte, sah er sie in der Ferne, wieder lebendig in ihrem weißen Gewand, ein Engel, der auf dem Wasser schwebte und ihm winkte, ihr in die hellere und bessere Welt zu folgen. Er löste das Segel, er ergriff die Ruder; und je schneller er sie verfolgte, desto schneller floh die spöttische Vision vor ihm über das leere und endlose Meer.

IX.

Das Boot wurde am nächsten Morgen vom Schiff aus entdeckt. Alles, was die Hingabe der Offiziere der »Fortuna" für ihren unglücklichen Kommandanten tun konnte, wurde auf der Heimreise getan. Zurück in seiner Heimat und unter fachkundiger medizinischer Hilfe erholte sich der Geist des Kapitäns langsam wieder. Er hat wieder seinen Platz in der Gesellschaft eingenommen — er lebt und bewegt sich und regelt seine Angelegenheiten wie jeder andere auch. Aber sein Herz ist tot für alle neuen Gefühle; nichts lebt darin als die heilige Erinnerung an seine letzte Liebe. Er umwirbt oder meidet die Gesellschaft der Frauen nicht. Ihre Sympathie findet er dankbar, aber ihre Reize scheinen ihm verloren zu gehen; sie gehen aus seinem Geist, wie sie aus seinen Augen gehen — sie rühren nichts in ihm als die Erinnerung an »Aimata«.

Jetzt wissen Sie, meine Damen, warum der Kapitän niemals heiraten wird und warum er, Seemann wie er ist, den Anblick des Meeres hasst.


Miss Dulane und der Lord.
(Miss Dulane and my Lord.)

bearbeitete

automatische Übersetzung.

Zuerst erschienen als ›An Old Maid's Husband‹ in Spirit of the Times 25 December 1886

Teil I.
Zwei Einwände.
I.

Eines Nachmittags betrat die alte Miss Dulane ihren Salon, bereit, Besucher zu empfangen, prächtig gekleidet und mit allen Äußerlichkeiten eines trotzigen Gemütszustandes ausgestattet.

Gerade als eine freche bronzene Nymphe auf dem Kaminsims auf einer eleganten Uhr unter ihrem Arm das Viertel vor drei schlug, wurde ein Besucher angekündigt: »Mrs. Newsham«.

Miss Dulane trug ihr eigenes, unverhülltes graues Haar, gekleidet in perfekter Harmonie mit ihrer Lebenszeit. Ohne den Versuch, etwas zu verbergen, gab sie zu, zu klein und zu dick zu sein. Ihr Äußeres (wenn man es nur zum Sprechen gebracht hätte) hätte tatsächlich gesagt: »Ich bin eine alte Frau, und ich schäme mich, das zu verbergen.«

Mrs. Newsham, groß und elegant, geschminkt und gefärbt, handelte bei ihrer Kleidung nach dem entgegengesetzten Prinzip, das nichts verrät. Die Verkleidung dieser Dame verriet vor aller Welt, dass sie an ihrem letzten Geburtstag ihr dreißigstes Lebensjahr erreicht hatte. Ihr Mann schwieg diskret, und Vater Zeit schwieg diskret: beide wussten, dass ihr letzter Geburtstag dreißig Jahre zurücklag.

»Sollen wir über das Wetter und die Nachrichten sprechen, meine Liebe? Oder sollen wir gleich zum Gegenstand deines Besuchs kommen?« So eröffnete Miss Dulane das Gespräch.

»Ihr Ton und Ihre Art, mein guter Freund, sind zweifellos durch den Bericht in der Zeitung von heute Morgen provoziert worden. Um Ihnen gegenüber gerecht zu sein, weigere ich mich, den Bericht zu glauben.« Mrs. Newsham nahm also den Vorschlag ihrer Freundin an.

»Deine Freundlichkeit ist hinfällig, Elizabeth. Der Bericht ist wahr.«

»Matilda, du schockierst mich!«

»Warum?«

»In deinem Alter!«

»Wenn er nichts gegen mein Alter einzuwenden hat, was kümmert es dich?«

»Sprich nicht von diesem Mann!«

»Warum nicht?«

»Er ist jung genug, um dein Sohn zu sein; und er heiratet dich — unverschämt, unverhohlen — für dein Geld!«

»Du musst mich nicht daran erinnern, Matilda, dass du die Tochter eines Schneiders bist.«

»In ein oder zwei Wochen, Elizabeth, werde ich dich daran erinnern, dass ich die Frau eines Adelssohns bin.«

»Ein jüngerer Sohn, vergiss das nicht.«

»Ein jüngerer Sohn, wie du sagst. Er findet die gesellschaftliche Stellung, und ich finde das Geld — eine halbe Million zu meiner alleinigen Verfügung. Mein zukünftiger Mann ist auf seine Art ein guter Kerl, und seine zukünftige Frau ist auf ihre Art ebenfalls ein guter Kerl. Wenn man Ihr grimmiges Gesicht sieht, könnte man meinen, dass es auf der Welt keine Vernunftehen gibt.«

»Nicht in Ihrer Lebensphase. Ich sage Ihnen, dass Ihre Heirat ein öffentlicher Skandal sein wird.«

»Das macht uns keine Angst«, bemerkte Miss Dulane. »Wir haben uns mit allem abgefunden, was unsere Freunde über uns sagen können. Im Laufe der Zeit wird das Wunder der nächsten neun Tage die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen, und wir werden vergessen sein. Ich werde deswegen nicht weniger als Lady Howel Beaucourt sein. Und mein Mann wird glücklich sein, wenn er zum ersten Mal in seinem Leben jeden teuren Geschmack befriedigen kann, den ein armer Mann sich wünschen kann. Habt Ihr noch weitere Einwände zu erheben? Zögern Sie nicht, Klartext zu reden.«

»Ich möchte eine Frage stellen, meine Liebe.«

»Ich bin entzückt, sie zu beantworten — wenn ich kann.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Lord Howel Beaucourt etwa halb so alt ist wie du?«

»Ja, meine Liebe; mein zukünftiger Ehemann ist so gut wie möglich halb so alt wie ich.«

Mrs. Newshams unruhige Tugendhaftigkeit erschauderte. »Was für eine Entweihung der Ehe!«, rief sie aus.

»Nichts dergleichen«, erklärte ihre Freundin positiv. »Die Ehe ist nach englischem Recht (wie mir mein Anwalt sagte) nichts anderes als ein Vertrag. Wer hat je davon gehört, einen Vertrag zu entweihen?«

»Nenn es, wie du willst, Matilda. Erwarten Sie, in Ihrem Alter ein glückliches Leben mit einem jungen Mann als Ehemann zu führen?«

»Ein glückliches Leben«, wiederholte Miss Dulane, »weil es ein unschuldiges Leben sein wird.« Sie legte eine gewisse Betonung auf das vorletzte Wort.

Mrs. Newsham ärgerte sich über diese Betonung und erhob sich, um zu gehen. Ihre letzten Worte waren die bittersten, die sie bisher gesprochen hatte.

»Sie haben sich einen so bemerkenswerten Ehemann gesichert, meine Liebe, dass ich mich ermutigt fühle, Sie um einen großen Gefallen zu bitten. Würden Sie mir das Foto seiner Lordschaft geben?«

»Nein«, sagte Miss Dulane, »ich werde Ihnen das Foto seiner Lordschaft nicht geben.«

»Was ist dagegen einzuwenden, Matilda?«

»Ein sehr ernster Einwand, Elizabeth. Du bist nicht rein genug im Geiste, um des Fotos meines Mannes würdig zu sein.«

Mit dieser Antwort nahm der erste der Vorwürfe feindselige Ausmaße an und fand ein vorzeitiges Ende.

II.

Der zweite Vorwurf war für ein glücklicheres Schicksal reserviert. Sie entstand in einem Gespräch zwischen zwei Männern, die alte und wahre Freunde waren. Mit anderen Worten, sie führte zu keinem Streit.

Der ältere Mann war einer jener bewundernswerten Menschen, die herzlich, sanft und gutmütig sind, ohne ihre Tugenden bewusst auszuüben. Man kannte ihn in der Welt, in der er lebte, unter einem liebevollen und vertrauten Gebrauch seines Vornamens. Ihn auf diesen Seiten »Sir Richard« zu nennen (außer in der Rolle eines seiner Diener), wäre einfach lächerlich. Wenn er sein Geld, seine Pferde, sein Haus und (manchmal, nachdem unglückliche Freunde in die unterste soziale Schicht gesunken waren) sogar seine Kleidung verlieh, war dieser allgemeine Wohltäter in der besten wie in der schlechtesten Gesellschaft als »Dick« bekannt. In den Tagen, als es in London eine Oper gab, füllte er die hundert Münder der Gerüchteküche mit seinem Spitznamen als Besitzer der »Beauty-box«. Die Damen, die in der Loge saßen, wurden alle unter den gleichen Umständen eingeladen. Sie liebten Opernmusik, aber ihre Ehemänner und Väter waren nicht reich genug, um diesen teuren Geschmack befriedigen zu können. Dicks Kutsche holte sie ab und brachte sie wieder nach Hause, und die Schönheiten waren sich einig, dass Mrs. Dick, sollte er jemals heiraten, die beneidenswerteste Frau auf der ganzen zivilisierten Erde sein würde. Sogar die falschen Berichte, die behaupteten, er sei privat bereits verheiratet und habe ein schlechtes Verhältnis zu seiner Frau, verleumdeten ihn herzlich unter dem Namen des Volkes. Und seine Vertrauten, wenn sie untereinander auf eine Romanze in seinem Leben anspielten, die bis zum Ende seiner Tage eine verborgene Romanze bleiben sollte, vergaßen, dass der Anlass einen ernsten und strengen Gebrauch seines Nachnamens rechtfertigte, und tadelten ihn liebevoll als »armer lieber Dick«.

Es war Mitternacht, und die Freunde, die der gastfreundlichste aller Männer gern um seinen Tisch versammelte, hatten sich verabschiedet, mit Ausnahme eines Gastes, den der Gastgeber besonders festhielt und in den Speisesaal zurückführte.

»Du warst wütend auf unsere Freunde«, begann Dick, »als sie dich nach dem Bericht über deine Ehe fragten. Auf mich wirst du nicht böse sein. Willst du wirklich der Ehemann der alten Jungfer werden?«

Auf diese einfache Frage erhielt er eine einfache Antwort: »Ja, das werde ich.«

Dick nahm die Hand des jungen Lords. Schlicht und ernst sagte er: »Nimm meine Glückwünsche an.«

Howel Beaucourt zuckte zusammen, als hätte er statt eines Kompliments einen Schlag erhalten.

»Es gibt keinen anderen Mann und keine andere Frau in meinem ganzen Bekanntenkreis«, erklärte er, »die mir zur Heirat mit Miss Dulane gratuliert hätten. Ich glaube, Sie würden mir verzeihen, wenn ich einen Mord begangen hätte.«

»Ich hoffe, das würde ich«, antwortete Dick ernst. »Wenn ein Mann mein Freund ist — Mord oder Heirat — , dann nehme ich an, dass er einen Grund für sein Handeln hat. Warten Sie einen Moment. Du darfst mir nicht mehr zutrauen, als ich verdiene. Ich stimme Ihnen nicht zu. Wäre ich selbst ein Heiratskandidat, würde ich keine alte Jungfer nehmen, sondern eine junge. Das ist eine Frage des Geschmacks. Sie sind nicht wie ich. Sie haben immer ein bestimmtes Ziel vor Augen. Ich weiß vielleicht nicht, was das Ziel ist. Das macht nichts. Ich wünsche Ihnen trotzdem viel Freude.«

Beaucourt war der Freundschaft, die er geweckt hatte, nicht unwürdig. »Ich wäre wirklich undankbar«, sagte er, »wenn ich Ihnen nicht sagen würde, was mein Ziel ist. Sie wissen, dass ich arm bin?«

»Der einzige arme Freund von mir«, bemerkte Dick, »der sich nie Geld von mir geliehen hat.«

Beaucourt fuhr fort, ohne dies zu bemerken. »Ich habe drei teure Vorlieben«, sagte er. »Ich will ins Parlament, ich will eine Yacht haben und ich will Bilder sammeln. Dazu kommt noch der selbstsüchtige Luxus, der Armut und dem Elend zu helfen, und mir von meinem Gewissen sagen zu lassen, was für ein ausgezeichneter Mensch ich bin. Ich kann das alles nicht mit fünfhundert im Jahr machen — aber ich kann es mit vierzig mal fünfhundert im Jahr machen. Moral: Heiraten Sie Miss Dulane.«

Dick hörte aufmerksam zu, bis der andere geendet hatte, und zeigte dabei eine sardonische Seite seines Charakters, die Beaucourt noch nie an ihm entdeckt hatte.

»Ich nehme an, Sie haben die notwendigen Vorkehrungen getroffen«, sagte er. »Wenn die alte Dame Sie entlässt, wird sie Ihnen in ihrem Testament Trost hinterlassen.«

»Das ist das erste Unverschämte, was ich von dir höre, Dick. Wenn die alte Dame stirbt, erschrickt mein Ehrgefühl und wendet sich von ihrem Testament ab. Es ist eine Bedingung meinerseits, dass jeder Pfennig ihres Geldes ihren Verwandten vermacht wird.«

»Bezeichnest du dich nicht als einen von ihnen?«

»Was für eine Frage! Bin ich ihr Verwandter, weil die Gesetze der Gesellschaft uns eine Scheinehe aufzwingen? Wie kann ich von ihrem Geld Gebrauch machen, wenn ich nicht ihr Ehemann bin? und wie kann sie von meinem Titel Gebrauch machen, wenn sie nicht meine Frau ist? Solange sie lebt, stehe ich aufrichtig zu meinem Teil der Abmachung. Aber wenn sie stirbt, ist das Geschäft zu Ende, und der überlebende Partner kehrt zu seinen fünfhundert im Jahr zurück.«

Dick zeigte eine weitere überraschende Seite seines Charakters. Der sonst so nachgiebige Mann wurde jetzt so stur wie das sprichwörtliche Maultier.

»Schön und gut«, sagte er, »aber das erklärt nicht, warum Sie sich — wenn Sie sich schon verkaufen müssen — an eine alte Dame verkauft haben. Es gibt viele junge und hübsche Frauen mit einem großen Vermögen, die dich in Versuchung führen könnten. Es ist merkwürdig, dass du dein Glück nicht bei einer von ihnen versucht hast.«

»Nein, Dick. Es wäre seltsam, und schlimmer als seltsam, wenn ich mein Glück mit einer jungen Frau versucht hätte.«

»Das sehe ich nicht.«

»Du wirst es gleich sehen. Wenn ich eine alte Frau wegen ihres Geldes heirate, habe ich keine Veranlassung, ein Heuchler zu sein; wir beide wissen, dass unsere Ehe eine reine Formsache ist. Wenn ich aber eine junge Frau zu meiner Frau mache, weil ich ihr Geld will, und wenn diese junge Frau zufällig einen Strohhalm wert ist, dann muss ich sie betrügen und mich selbst in Ungnade bringen, indem ich Liebe vortäusche. Das, mein Junge, darauf kannst du dich verlassen, werde ich niemals tun.«

Dicks Gesicht erhellte sich plötzlich mit einer Mischung aus Erleichterung und Triumph.

»Ha! Mein Söldnerfreund«, platzte er heraus, »da ist etwas in diese Sache verwickelt, das dich mehr auszeichnet als alles, was ich bisher gehört habe. Halt! Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben klug sein. Ein Mann, der so von der Liebe spricht wie Sie, muss selbst Liebe gefühlt haben. Wo ist die junge und die hübsche Frau? Und was hat sie getan, das arme Kind, dass sie für eine alte Frau verlassen wurde? Guter Gott, wie du mich ansiehst! Ich habe Ihre Gefühle verletzt — ich war ein größerer Narr als je zuvor — ich schäme mich mehr, als Worte sagen können!«

Beaucourt unterbrach ihn sanft und bestimmt.

»Sie haben einen ganz natürlichen Fehler gemacht«, sagte er. »Da war eine junge Dame. Sie hat mich abgewiesen — ganz und gar abgewiesen. Es gibt keine Liebe mehr in meinem Leben. Es ist ein dunkles Leben und ein leeres Leben für den Rest meiner Tage. Ich muss sehen, was das Geld als nächstes für mich tun kann. Wenn ich mein Herz gründlich verhärtet habe, werde ich mein Unglück nicht mehr so empfinden wie jetzt. Habt Mitleid mit mir oder verachtet mich. In jedem Fall lasst uns gute Nacht sagen.«

Er ging auf den Flur hinaus und nahm seinen Hut. Dick ging in die Halle und nahm seinen Hut.

»Machen Sie, was Sie wollen«, antwortete er, »ich mache, was ich will — ich gehe mit Ihnen nach Hause.«

Der Mann war einfach unwiderstehlich. Beaucourt setzte sich resigniert auf den nächstgelegenen Stuhl im Saal. Dick bat ihn, ins Esszimmer zurückzukehren. »Nein«, sagte er, »das ist nicht der Mühe wert. Was ich Ihnen sagen kann, können Sie in zwei Minuten erfahren.« Dick fügte sich und nahm den nächsten Stuhl in der Halle. An diesem unpassenden Ort wurde das unvorbereitete Geständnis des jungen Lords aus ihm herausgezwungen, und zwar durch keine gewaltigere Machtausübung als durch die Freundlichkeit seines Freundes.

»Wenn Sie hören, wo ich sie getroffen habe«, begann er, »werden Sie wahrscheinlich nichts mehr hören wollen. Ich habe sie zum ersten Mal auf der Bühne eines Varietés gesehen.«

Er sah Dick an. Vollkommen ruhig und undurchdringlich sagte Dick nur: »Fahren Sie fort.« Beaucourt fuhr mit diesen Worten fort:

»Sie sang Arnes köstliche Vertonung von Ariels Lied aus dem ›Sturm‹ mit einem Geschmack und Gefühl, das dem größten Teil des Publikums völlig abgeht. Dass sie schön war — zumindest in meinen Augen — brauche ich nicht zu sagen. Dass sie in eine Sphäre hinabgestiegen war, die ihrer unwürdig und neu für sie war, konnte niemand bezweifeln. Ihre bescheidene Kleidung und ihr feines Benehmen schienen die meisten der Anwesenden eher zu verwirren als zu erfreuen; sie applaudierten ihr, aber nicht sehr herzlich, als sie sich zurückzog. Ich wurde durch ihren Musikmeister, der zufällig mit einigen meiner Verwandten beruflich bekannt war, mit ihr bekannt gemacht. Er erzählte mir, dass sie eine junge Witwe sei, und versicherte mir, dass das Unglück, durch das ihre Familie ihren Platz in der Welt verloren habe, keine Schande über sie gebracht habe. Wenn ich mehr wissen wollte, verwies er mich an die Dame selbst. Ich fand sie sehr zurückhaltend. Es dauerte lange, bis ich ihr Vertrauen gewinnen konnte — und noch länger, bis ich es wagte, ihr das Gefühl zu gestehen, mit dem sie mich inspiriert hatte. Den Rest kennen Sie ja.«

»Sie meinen natürlich, dass Sie ihr einen Heiratsantrag gemacht haben?«

»Gewiss.«

»Und sie lehnte ab, wegen Ihrer Stellung im Leben.«

»Nein. Ich hatte dieses Hindernis vorausgesehen und war dem Beispiel des abenteuerlustigen Edelmannes in der alten Geschichte gefolgt. Wie er nahm ich einen Namen an und gab mich als Angehöriger ihrer eigenen respektablen Mittelschicht aus. Sie sind ein zu alter Freund, um mich der Eitelkeit zu verdächtigen, wenn ich Ihnen sage, dass sie keine Einwände gegen mich hatte und keinen Verdacht hegte, dass ich mich ihr (persönlich gesprochen) unter einer Verkleidung genähert hatte.«

»Welches Motiv könnte sie gehabt haben, Sie abzulehnen?« fragte Dick.

»Ein Motiv, das mit ihrem toten Mann zusammenhängt«, antwortete Beaucourt. »Er hatte sie geheiratet — wohlgemerkt, unschuldig geheiratet — als seine erste Frau noch lebte. Die Frau war eine unverbesserliche Säuferin; sie waren seit Jahren getrennt. Ihr Tod war in den Zeitungen öffentlich bekannt gegeben worden, als einer der Toten eines Eisenbahnunfalls im Ausland. Als sie ihren unglücklichen Ehemann zu sich holte, befand er sich in einem schlechten Gesundheitszustand. Der Schock tötete ihn. Seine Witwe — ich kann und will nicht von ihrem Unglück sprechen, als sei es ihre Schuld — kannte keine lebenden Freunde, die in der Lage gewesen wären, ihr zu helfen. Sie war zwar keine große Künstlerin mit einer wunderbaren Stimme, aber sie konnte sich dennoch auf ihre musikalischen Fähigkeiten verlassen, um für das Lebensnotwendige zu sorgen. So sehr ich sie auch anflehte, die Vergangenheit zu vergessen, ich bekam immer die gleiche Antwort: Wenn ich so niederträchtig wäre, mich von der glücklichen Zukunft, die du mir anbietest, verführen zu lassen, hätte ich die unverdiente Schande verdient, die mir widerfahren ist. Heiraten Sie eine Frau, deren Ruf eine Untersuchung zulässt, und vergessen Sie mich. Ich war verrückt genug, meinen Antrag einmal zu oft zu stellen. Als ich sie am nächsten Tag besuchte, war sie verschwunden. Alle Versuche, sie ausfindig zu machen, sind gescheitert. Verloren, mein Freund — unwiederbringlich verloren für mich!«

Er reichte ihm die Hand und sagte »Gute Nacht«. Dick hielt ihn auf der Türschwelle zurück.

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594 p. 8 illustrations
ISBN:
9783754180532
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