Read the book: «Näher zum Himmel oder Fall Karl Simpel»
Wilhelm König
Näher zum Himmel oder Fall Karl Simpel
Schwäbischer Landroman
Saga
Näher zum Himmel oder Fall Karl SimpelCopyright © 1985, 2019 Wilhelm König und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711731352
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Narrenweisheit
Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und mit viel Gewehren, wie denn Sitte ist. Da stand ein Narr da und fragte, was Lebens das wäre. Man antwortete, man ziehe in den Krieg. Der Narr fragte weiter: »Was tut man im Krieg?« »Man verbrennt Dörfer und gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot.« Darauf der Narr:» Warum geschieht das?« »Daß man Frieden mache!« Da sagte der Narr: »Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit selbiger Schaden vermieden bliebe. Ich bin witziger, als eure Herren sind; ginge es nach mir, so wollt ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach, so der Schaden geschehen ist.«
Alter Schwank
»Heil«
Es scheint, daß es auch Schicksal der Deutschen ist, durch die Jahrtausende als Barbaren gebrandmarkt zu werden . . . Seien wir uns aber darüber klar, daß wir durch die Jahrhunderte selbst Schuld daran tragen, daß uns unsere Feinde gar zu gern Barbaren nennen.
Jörg Lechler »5000 Jahre Deutschland«, Germanisches Leben in 700 Bildern, Curt Kabitzsch Verlag Leipzig, 1937.
I.
Ernte
Obwohl ich das besonders mag – die Bäume in Blüte (vor allem die Kirschblüten; dann Äpfel und Birnen): mehr aber wie an den Frühling, erinnere ich mich doch an den Herbst mit der Ernte: die vollen Grätten auf den Wägen, und auch die Kühe sehe ich leibhaftig vor mir – wie sie die Wägen ziehen mit den Körben, dem Heu oder dem Stroh drauf; wie sie im Heuet eingespannt sind, mit den Schwänzen schlagen und mit den Schnauzen auf dem Boden herumfahren; wie sie immer wieder den Schwanz heben und eine Krattel machen. Das war ihre ganze Arbeit. Und ziehen natürlich. Und Milch geben. Die konnten nie einfach weglaufen im Heuet oder beim Akkern wie wir Kinder, mal in eine fremde Wiese hinein und dort Äpfel und Kirschen geholt: die schmeckten doch viel besser wie die eigenen!
So war es damals und wird es in meinem Hirn auch immer so bleiben.
Freilich das Schaffen auf dem Feld war nicht immer angenehm, und manchmal hatte man auch keine Lust, wollte was anderes machen oder nur rumstrielen und etwas anstellen. Das ging schon meiner Mutter so. Die wartete auf den Regen, aber auf so einen, daß man heim mußte oder gar nicht erst raus konnte. Dadrüber hatte sie sogar ein Gedicht gemacht, das sie mir einmal vorgelesen hatte, ich habe es behalten, wie so vieles andere auch, ohne zu wissen warum. Das Gedicht lautete:
Der Regen
Ich freute mich schon als Kind darauf
wir durften dann aufhören
auf dem Acker zu arbeiten
aber vom Regen bekam auch die Erde
mit Pflanzen ihre Nahrung
Das Schönste am Regen war aber das Unterstellen, und wenn die Regentropfen auf das Dach – möglichst Blechdach – über einem hauten! Dann wünschte man sich kein anderes Wetter mehr. Und keinen anderen Ort.
Aufschreiba
Aufschreiba, hotr gsagt, aufschreiba! Aber wie soll i äbbes aufschreiba, wenne gar et schreiba kann? Ond was soll i aufschreiba, hane gfrooget.
Älles, hotr gsagt; älles, was de ghört ond gseha hoscht.
No hannen oogugget: I han aber gar niggs ghört ond niggs gseha. Jetzt komm, komm, hotr gsagt.
Gwieß wohr, Herr Kommissar; Herr Maier: i hab niggs ghört ond niggs gseha. Dees ischt älles an mir vorbeigloffa – manchmol bene dogschdanda oder schdandablieba . . .
Guat! Guat, guat, hotr gsagt: no sagsch mir halt dees, was de gseha ond ghört hoscht, wo de manchmal dogschdanda oder schdandablieba bischt! – –
Dees ischt aber et viel! Dees ischt a bißle . . .
No sagsch mir halt dees bißle.
Wenne älles bhalta hedd? . . .
Sag mir dees, was de vo dem bißle bhalta hoscht. Ond i schreibs fir di auf. Eiverschdanda?
Eiverschdanda, Herr Kommissar; Herr Maier. Ihne traue.
So wurde es dann auch gemacht: Rudolf Maier, Hauptkommissar am Landeskriminalamt in Stuttgart, schrieb im Sommer 1948 auf – besser ließ zunächst alles von seiner Sekretärin aufschreiben und nahm dann das Geschriebene zur Bearbeitung nach Hause –, was ihm der damals 14jährige behinderte Bub Karl Simpel aus einem schwäbischen Voralbdorf im Laufe der mehrwöchigen Verhöre und polizeilichen Ermittlungen erzählte.
Der Hauptkommissar Rudolf Maier, selbst Schwabe und mit der Landschaft, in der die Dinge spielten, von Kindheit auf vertraut, hat über diesen eigenartigen »Fall Simpel« zeitlebens geschwiegen.
Erst nach seinem überraschenden Tod Ausgang der 70er Jahre entdeckte die Familie die folgenden Aufzeichnungen. Es kann nicht festgestellt werden, ob Maier sie selbst je zur Veröffentlichung vorgesehen hatte: In Form eines Romans, in Anekdoten zum Beispiel – als sinnvolle Verkettung einzelner landes-, sprach- und volkskundlicher Geschichten um einen Doppelmord.
Eine Veröffentlichung kann aber grundsätzlich unterstellt werden. Denn Maier hat immer geschrieben; vor allem vor dem Krieg und danach sind Gedichte und Betrachtungen zur Geschichte in verschiedenen regionalen Blättern erschienen. Es hätte also durchaus sein können . . . Doch der Tod war schneller! So war es dem Gespür der Nachkommen überlassen, die Dinge ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen oder nicht. Sie entschieden sich, ohne Zögern, für das Licht. Und für die Öffentlichkeit.
Lesen wir zunächst einen der Begleittexte oder Kommentare, mit denen Maier immer wieder seine Aufzeichnungen versieht. Im ersten Einschub befaßt er sich mit den Schwierigkeiten, die ihm das Ganze offenbar bereitete – oder ist es eine Rechtfertigung für sein Verfahren, persönliche Aussagen künstlerisch frei zu behandeln, ohne Rücksicht auf die Wahrheit? Freilich, es gab eine Wahrheit – einen Vorfall: ihm wollten er, Maier, und die Behörden auf die Spur kommen.
Aus den Aufzeichnungen des Kommissars Maier
Die Sprache des Buben ist oft wirr, und es bereitet mir große Schwierigkeiten, die Aussagen und Erzählungen in einen Zusammenhang zu bringen. Freilich kommt mir entgegen, daß ich selber immer gern geschrieben habe und viel lieber Schriftsteller als Polizist geworden wäre. Es gibt auch eigene Aufzeichnungen von mir aus meiner Kindheit und Jugend. Aber ich möchte sie noch nicht herausgeben: diese Geschichte des Karl Simpel, der kurz nach Kriegsende in seinem Dorf zwei Nazis erschoß, scheint mir wichtiger. Auch wenn er von früher Kindheit an – durch einen Schlittenunfall, nach dem er wochenlang bewußtlos war und wobei einige Gehirnzellen beschädigt worden sein mußten – als unzurechnungsfähig und als Dackel gilt, so reizt es mich, mögliche Motive für diese Tat herauszufinden, wenigstens dieses Leben etwas deutlicher für mich und für uns alle werden zu lassen.
Ich gestehe, daß ich nicht immer wörtlich alles übernehme, was Karl sagt: ich greife in die Schilderungen etwas ein. Aber das sollte mir erlaubt sein, schließlich habe ich diese Zeit bewußt durchlebt, habe einige Jahre in Konzentrationslagern – meiner Gesinnung wegen – verbracht. Endlich ist das kein gerichtliches Protokoll.
Ein bißchen Neugierde ist es auch, die mich beim Aufzeichnen leitet, sind doch einige schriftliche Erinnerungen verlorengegangen: man hat sie mir abgenommen, oder ich habe sie aus Furcht verbrannt.
Soviel zur Gestalt des Ganzen, auch als Erklärung für den Leser, damit er den Faden nicht verliert. Aber ich verspreche, ich bleibe weitgehend auf dem Boden der Tatsachen; ich lasse meine Fantasie nicht mit mir durchgehen.
Lassen wir nun die Fakten sprechen.
II.
Schüsse
Einige Frühkirschen – »balde Kiischa«, wie man hier sagte – waren schon zum Essen. Und der Mann, der im Juni 1948 durch die Wiesen schlich, von Baum zu Baum springend und dabei jede Deckung ausnutzend, so als sei er auf der Flucht oder scheute sich, gesehen zu werden, mochte einige schon probiert haben. Er mußte sich daran freuen, denn er stammte von hier und war von Kindheit an mit Bäumen und Kirschen umgegangen.
Da brach er kurz vor einem dicken Birnbaum zusammen: ein Schuß war gefallen aus einer großen ländlichen Stille heraus – und hatte ihn getroffen und auf der Stelle getötet.
Vom Schützen noch keine Spur. Nichts bewegte sich mehr nach dem Schuß. Die Landschaft schien den Atem anzuhalten, diese satte, fruchtbare Landschaft, die vom Krieg weitgehend verschont worden war und in der in den ganzen Jahren nur wenig Schüsse fielen – außer denen von Förstern und im Schützenverein. Davon gab es hier zwei; die mochten während des Krieges ihre Tätigkeit eingeschränkt haben – weil die aktiven Schützen im Feld waren: aber danach ging es mit doppelter Kraft weiter!
Selten wurde ein Mensch getötet. Aber jetzt. Aber heut. Drei Jahre nach Kriegsende. Und wer hatte geschossen? Ein letzter Soldat? Oder ein Feind auf einen letzten deutschen Soldaten? Tatsächlich gehörte der Tote von der Entwicklung her zu denen, die den Krieg immer noch irgendwie gewinnen wollten oder nicht wahrhaben wollten, daß er verloren war. Der Erschossene war der ehemalige Ortsgruppenleiter der NSDAP Fritz Fetz. Hier hatte ihn das Schicksal ereilt.
Vom Todesschützen nach wie vor noch keine Spur. Oder war es der da? Der zerlumpte Bub? Ja; ein Gewehr hatte er bei sich, wechselte es nun von einer Schulter auf die andere. Jetzt blieb er stehen, aber nur kurz; nun bewegte er sich langsam fort, so langsam, daß er unmöglich etwas mit diesem Fall zu tun haben konnte. Er schaute sich auch nicht mehr um, zeigte keinerlei Angst, gesehen oder verfolgt zu werden.
Es gibt keinen Zeugen für diesen Vorfall. Aber so muß man ihn sich vorstellen: so jenseitig und doch von dieser Welt. Eine Stunde später – vielleicht auch zwei, drei Stunden später; es dunkelte schon – fiel ein weiterer Schuß. Jetzt gibt es aber einen Zeugen: eine Zeugin, eine Frau – die Frau des nächsten Opfers! Sie erzählte, gesehen zu haben, wie der Bub vor der Hütte, wo ihr Mann, der Bürgermeister des Dorfes, sich noch versteckt hielt – und dem sie gerade das Essen bringen wollte –: wie der Simpel stehenblieb, sich ins Gras warf und um diese Hütte herumkroch. Unter einem Fenster, vor dem der Laden dran war, stand er auf und klopfte mit seinem Gewehr dagegen.
Er sagte kein Wort. Aber er klopfte wieder.
Die Frau hatte sich ebenfalls zu Boden geworfen; sie traute kaum zu schnaufen, so habe sie Angst gehabt, wie sonst nicht, als sie täglich ihren Mann in diesem Versteck besuchte, sagte sie später.
Er schlug ein drittes Mal mit dem Gewehrkolben gegen den Fensterladen. Und nochmal – bis die Tür aufging und der Mann mit erhobenen Händen herauskam. Jetzt schrie die Frau auf. Aber da war es schon zu spät; der Schuß war schon losgegangen und hatte auch diesen Mann niedergestreckt. Er sah aus wie ein Bauer; aber kein Bauer sperrte sich in eine Hütte ein – wir lebten doch nicht mehr im Bauernkrieg! Ein Bauer brauchte nicht mit erhobenen Händen aus seinem Haus kommen. Jetzt nicht mehr. Ein richtiger Bauer wäre vielleicht mit der Mistgabel auf die Straße gesprungen, wenn man so oft an seinen Fensterladen geschlagen hätte. Oder hier aus der Hütte auf die Wiese davor.
Der Bub beachtete die Frau überhaupt nicht. Er sah sie nur kurz an – samt dem Mann im Gras –, machte auf dem Absatz kehrt und trottete das Tal hinab. Die Frau blieb bei dem Toten, weinte, schluchzte, schrie auch und blickte dem Buben hintendrein – dieser wandelnden Vogelscheuche: Pickelhaube, viel zu groß; Uniformkittel, ebenso zu groß. Sie kannte ihn. Das war ein Dackel; aber was hatte er getan! Vielleicht träumte sie das nur alles. Sie hatte mal ein Buch gelesen von einem Don Quichotte und einem Sancho Pansa und einem Pferd Rosinante – ein Pferd? Ja, vielleicht kam gleich eins um die Ecke, oder es stand da unten; die Figur schwang sich auf seinen Rücken. Vorher mußte er nur noch seine Sieben Sachen einsammeln; einen Schild – aber der hatte ja ein Gewehr! Und die Leiche da? Sancho, nein, sein Herr, der Don Quichotte, hatte wieder eine Schlacht geschlagen. Und gewonnen. Aber sie hatte alles verloren: den Mann und die Hoffnung, daß man in dieser Zeit noch mal glücklich davonkam. Aber wie hätte man – vor allem glücklich – davonkommen sollen bei so viel Elend auf Erden? Jetzt und früher?
Nun, der Vergleich mit Don Quichotte hinkt doch etwas. Eher trifft das Bild von einer wandelnden Vogelscheuche zu. Andere Bilder fallen einem ein: Waldschrat; Höhlenbewohner, jedenfalls eine Erscheinung aus einer anderen Zeit. Doch sei es, wie es wolle: die Figur ist Wirklichkeit, und sie hat einen Namen – Karl Simpel, so hieß der etwa 13–14jährige Bub. Er stammte vom Ort; er war hier bekannt und geduldet – als Vogelscheuche; als Waldschrat, als Sonderling. Nicht nur, daß er sich so kleidete und sich manchmal so benahm: er galt als Dackel – als verrückt und unzurechnungsfähig. Das war sogar amtlich.
Schon seit Jahren lief er in dieser Aufmachung herum, hatte auch immer eine Waffe bei sich – und wenn nur Pfeil und Bogen; eine Heugabel, eine zerbrochene Sense, den Säbel seines Großvaters, eines Ortspolizisten, oder einen einfachen Brügel, einen Stecken.
Damit beschäftigte er sich; so drehte er seine Runden und sorgte seiner Meinung nach für Ruhe und Ordnung. So auch heute. Doch das war offensichtlich zu viel; da war Karl Simpel zu weit gegangen, war aus seiner Idiotenrolle geschlüpft und war für einige Augenblicke »normal« geworden? Eine Frage, die es zu beantworten gilt!
Das Gewehr war ja echt; er mußte es sich irgendwo besorgt haben. Aber was heißt das: »er mußte es sich irgendwo besorgt haben?« Gewehre und andere Waffen lagen ja gleich nach Kriegsende genug in der Landschaft herum. Das ganze Freibad war voll davon: dorthin hatte man die Gewehre, Dolche, Panzerfäuste, Revolver samt Munition gebracht, nachdem sie am Rathaus abgegeben werden mußten.
Es war ein öffentliches Schauspiel: die Franzosen standen da und übernahmen die Gewehre und zerschlugen sie an der eisenbewehrten Rathausecke. Ein Haufen türmte sich sehr schnell auf – so hatte man sich ja dann auch Fotoapparate, Radiogeräte, Wäsche und so weiter bringen lassen – das eine oder andere Gewehr mußte ganz geblieben sein, oder man fand ein funktionsfähiges Gewehr im Gelände, wo es ein flüchtender Landser einfach weggeworfen hatte. Da mußte es dann in die Hände von Karl Simpel gekommen sein, des Ortsdakkels, der es zunächst seiner Sammlung einverleibte.
Karl Simpel schien die Tat – besser die Taten – auch wenig zu berühren. Denn er machte sich nun auf den Heimweg; er ging nicht schneller und nicht langsamer als sonst. Zu Hause erklärte er nichts, und seine Mutter stellte ihm auch keine Fragen. Karl Simpel lebte zusammen mit seiner Mutter und einer jüngeren Schwester. Seit einigen Monaten war auch der Vater wieder da. Doch der Frieden dauerte nicht lange; die Frau des Bürgermeisters, die die Tat beobachtet hatte, alarmierte das Dorf und brachte die Militärpolizei ins Haus. Danach kam die deutsche Polizei, und die brachte den Buben zunächst in das benachbarte Amtsgerichtsgefängnis; von hier aus wurde Karl an das Landeskriminalamt nach Stuttgart überstellt, das für solche Fälle auch besser ausgerüstet war.
Obwohl es eigentlich ein Fall für den Arzt – für Zwiefalten oder Winnenden: also für das Narrenhaus war, wollte man erst herausfinden, ob nicht doch mehr dahintersteckte. Und der es in Stuttgart ermitteln oder herausfinden sollte, hieß Rudolf Maier, ein alter erfahrener Hauptkommissar; dazu noch Antifaschist, der mehrere Jahre während des Dritten Reichs in Gefängnissen und Konzentrationslagern verbracht hatte – seiner Gesinnung wegen!
Er führte also das Verhör, ließ sich erzählen – Geschichten, Vorfälle: vielleicht kam da im Laufe der Zeit etwas zum Vorschein, eine Spur wenigstens, die näher zur Tat, näher zum Grund für die Tat führte. Näher zu Schuld oder Unschuld.
Nochmal Schüsse
Um auf die Schüsse in den Wiesen unterhalb des Waldes zurückzukommen: hier irrt Maier! In dieser Gegend – in dieser Landschaft; in diesem Tal, in diesem Ort – sind mehrere Schüsse gefallen, ausgelöst nicht nur von Förstern und von Schützen in Vereinen, seien sie noch so groß oder noch so klein. Schüsse sind hier sowohl vor dem Krieg als auch danach und während des Krieges gefallen: und sie haben Menschen getötet!
Es ist aber richtig: Zerstörungen durch Bomben, durch Flugzeuge, so wie in den großen Städten dieses Landes, wie Stuttgart, Heilbronn, Mannheim, Ulm und Reutlingen, sind nicht vorgekommen. Nur ein einziges Mal hat ein Blindgänger in die Außenmauer eines Fabrikgeländes – eines Fabrikgebäudes mit vorschriftsmäßiger Tarnfarbe – eingeschlagen. Aber er hat keinen größeren Schaden angerichtet, und er konnte auch ohne Gefahr für Arbeiter und Umgebung entfernt werden.
Unvergessen ist aber ein Schuß – nein, es müssen mehrere Schüsse gewesen sein; aber wer weiß das schon so genau, hat es behalten in der allgemeinen Aufregung? Unvergessen ist ein Schuß, der gleich nach dem Einmarsch der Amerikaner, die den Franzosen voraussiegten, auf der gleichen Talseite des Dorfes gefallen ist. Es war schon Ausgangssperre angeordnet. Aber die junge Frau und Mutter hat geglaubt, das Schicksal um ein paar Minuten bescheißen zu können. Das wäre vielleicht gegangen, wenn der Wachposten nicht gewesen wäre. Sie war auf dem Heimweg und ist aus einem Häuserwinkel heraus und in den anderen hineingehuscht – aber dem Wachposten ist sie aufgefallen! Der hat sie vielleicht für einen der Nazis gehalten, die in diesen Tagen in den Wäldern der Umgebung noch in Massen verschlupft waren. Und er hat gerufen: »Halt! Stehenbleiben!« Es war ihm später nichts vorzuwerfen; er habe zwei-, dreimal gerufen. Aber die Frau hat gemeint, sie könnte diese paar Meter bis zu ihrem Haus noch packen. Doch dann fiel der Schuß – oder waren es mehrere Schüsse; das ist doch jetzt auch egal: jedenfalls die Frau fiel zu Boden und stand nie mehr auf, und die Kinder waren fortan allein. Natürlich gab das Aufruhr im Dorf, wurde der Wachposten verhört und alles genauestens untersucht. Denn es kam ja sonst nichts vor, gab es sonst keinen Widerstand gegen die Sieger; die Panzersperren in den Straßen oben und unten vom Dorf wurden von den Alten, die sie gebaut hatten, zum Teil noch selber weggeräumt, und es flatterten auch rechtzeitig weiße Fahnen – nein, Leintücher waren es ja! Deshalb war es ungerecht, daß die Frau sterben mußte. Aber sie hätte halt hören sollen. Nur auf das Kommando. Sonst vorerst auf nichts.
Immer wieder Schüsse
Wer schwätzt jetzt noch von den Schüssen, die vor dem Krieg in den Schlachten zwischen Kommunisten und Nazionalsozialisten gefallen waren: wer weiß das noch? Besonders vor der »Traube« oder der »Linde«? Und in der Langen Gasse; in der Schneidergasse – und wo nicht noch überall? Auch im Gelände; auf der Straße? Die Toten hat keiner gezählt. Schon gar nicht die Beleidigten . . .
III.
Der Pistol oder Simpel erzählt
Aber das gab dann eine Aufregung. Ein Schuß war gefallen. Die Nachbarn hatten ihn gehört. Der Polizist hatte, so hieß es, seinen Pistol gereinigt, dann war ein Schuß losgegangen, und der traf sein Weib. Sie war nicht sofort tot. Aber bald danach. Vielleicht fiel deshalb die Strafe auch so milde aus. Und man glaubte ihm auch, weil er ein tüchtiger Kerle – und in der Partei war, und früher schon sich für die Sache eingesetzt hatte: also ein »Alter Kämpfer« war er wie mein Vater ja auch. War das ein schönes Weib, so erzählte man, und die beiden hatten sich schon in der Schule gefunden, und nachher waren sie zusammengeblieben. Es gab viele, die sie wollten, aber nur der Jakob behielt die Oberhand: nur ihn ließ sie »ran«, wie die Kerle sagten. Ich konnte mir darunter zwar nichts vorstellen. Aber ich meinte auch: wenn ich zu einem Hund Zutrauen hatte, dann konnte er zu mir in die Stube, konnte an mich heran. Sonst hätte ich ihm schon eins gegeben.
Frieda habe sie geheißen; ich habe sie nicht nähers gekannt. Wir haben nie miteinander geschwätzt. Ich habe sie schon mal auf der Straße gesehen – die Leute wohnten ja ganz in der Nähe. Und dann schaffte sie schon mal im Garten, hängte Wäsche auf. Wir grüßten uns nicht. Es interessierte mich auch nicht, was sie machten, und ob er Polizist war oder Schuhmacher. Mir konnte er nichts wollen. Andere hatten vielleicht Angst vor ihm; ich nicht. Mein Ähne war ja auch das gleiche gewesen und er war noch mehr. Also mußte ich ihn gar nicht kennen. Und ein Feldschütz war sowieso gefährlicher; er konnte auch schneller sauen. Ein Polizist hatte sein Motorrad; das war schon gemein – mit dem war man ja schneller als mit dem Fahrrad.
Brot
Wenn ich nur das Wort Brot höre, denke ich gleich an Kommißbrot. Diesen Geschmack habe ich heute noch im Mund. Das kommt von der Einquartierung, die wir im Krieg bei uns hatten.
Es waren deutsche Soldaten, die unterwegs zum Truppenübungsplatz nach Münsingen auf der Schwäbischen Alb waren – oder von dort kamen, oder die eben hier unten im Tal und in den Wäldern darüber ihre Übungen machten. Es mochte vielleicht ein Dutzend gewesen sein. Sie hatten auch Gäule und Gewehre dabei.
Wir mußten die Scheuer ausräumen, Heu und Stroh vom Bahrn herunterlassen. Darauf schliefen sie. Zum Essen kamen sie in die Stube rauf, da hatte ihnen meine Mutter den Tisch gerichtet. Doch das Essen kochten sie sich selber in einem Kessel vor dem Haus. Nur Wasser und Most erhielten sie von uns. Es war eine lustige Truppe. Sie lud mich ein, hieß mich immer Platz nehmen und gab mir das Brot. Damals wußte ich noch nicht, daß es Kommißbrot hieß. Sie sagten es mir, und es schmeckte mir gleich, so daß ich jedesmal vielleicht einen halben Laib wegputzte. Ohne Butter, trocken, manchmal mit etwas Wurst dazu – und einem Glas Most.
Es war ja nicht so, daß ich Hunger leiden mußte, obwohl Krieg war und allgemeine Not herrschte. Wir betrieben selbst eine kleine Landwirtschaft mit einer Kuh, mit Hühnern. Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, hatte noch mehr Acker und Wiesen und zwei Kühe in dem viel kleineren und höhergelegenen, etwa drei Kilometer entfernten Ort, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte und eigentlich auch das Bauernhandwerk erlernte.
Meine Mutter backte das Brot selber in einem der vielen Backhäuser im Dorf. Wir bauten Weizen an, mähten, machten Garben und brachten die Garben in die Drescherei. Das Korn wurde zur Mühle gefahren, dafür bekam meine Mutter das Mehl, und daraus backte sie die Laibe – meistens in dem Backhaus am Kanal, weil das für uns am nächsten war. Und dieses Brot meiner Mutter und meiner Großmutter schmeckte natürlich auch.
Aber nicht so wie das Kommißbrot der Soldaten.
Ich weiß nicht, woher sie es hatten: ob sie es auch selber backten oder es von jemand bekamen. Jedenfalls hatten sie immer genug davon.
Sie hatten auch genug Fleisch. Und Fett. Und Haber für ihre Gäule – den hatten wir nicht, weil weder wir noch mein Großvater Gäule hatten oder je gehabt haben. Den bekamen sie vielleicht vom Bürgermeister, der sich den Haber von den Bauern holte, die Haber und Gäule hatten. Es waren nicht viele im Dorf.
Nicht nur die Soldaten hatten ihren Spaß an mir. Ich hatte genauso meinen Spaß mit ihnen.
So haben mir gleich ihre Gewehre gefallen: die hatten sie im Kreis gegeneinander aufgestellt wie zu einem Indianerzelt, und ich war versucht, darunterzukriechen. Doch ich ließ es sein. Statt dessen holte ich mein Holzgewehr von der Bühne, das mir einmal ein Onkel geschnitzt hatte, und stellte es dazu. Die Soldaten lachten.
Du gibst einen Soldaten ab, sagten sie, wie dein Vater.
Und wie dein Großvater, sagte ein anderer.
Ich hatte mir die Pickelhaube meines Großvaters aufgesetzt, die ich auf der Bühne neben dem Verschlag, wo ich schlief, gefunden hatte. Ich mochte sie sehr gern, so wie das Holzgewehr. Ich setzte sie mir oft auf, und so ging ich auch auf die Gasse. Die Leute lachten, aber das machte mir nichts aus. Ich nahm nun mein Gewehr wieder von den anderen weg und stellte mich in Positur.
Nein, mein Großvater war Landjäger.
Die Soldaten lachten noch mehr.
Mir lief die Nase. Da ich nie ein Sacktuch einstecken hatte, wischte ich einfach mit dem Ärmel drüber. Das machte den Männern noch mehr Spaß. Jetzt marschierte ich mit durchgedrücktem Kreuz durch die Scheuer – vorher und nachher auch in der Stube, während die Soldaten am Tisch saßen. Die Männer kugelten sich, und ich hatte meine Freude daran, daß ihnen gefiel, was ich machte.
Da war einer unter den Soldaten, dem folgten die anderen; der sagte auch immer, wann genug gegessen und getrunken war und sie wieder an die Arbeit – an das Krieg üben – öder aufs Stroh neben die Gäule in der Scheuer gehen sollten.
Der hatte auch eine schöne Mütze, aber eine andere, keine mit einer Spitze auf dem Dach, so wie die von meinem Großvater, dem Landjäger. Sondern da war ein schwarzes Dach über den Augen.
Er kam jetzt mit dieser Mütze auf mich zu – ich glaube es war sogar in der Scheuer, oder in der Stube nach dem Vesper –, nahm mir freundlich meine Pickelhaube ab und setzte mir dafür seine Kappe auf. Die war noch größer als die Pickelhaube, und ich konnte zunächst nichts mehr sehen. Aber dann hob ich den Schild über den Augen an und sah, daß der Soldat meine Pickelhaube auf hatte – jetzt kannte der Jubel keine Grenzen mehr, sogar meine Mutter mußte mitlachen.
Es ist uns also noch ganz gut gegangen in der Zeit, wo die Soldaten im Haus waren. Und besonders ich hatte meine Unterhaltung.
Ich mochte damals vielleicht neun oder zehn Jahre alt gewesen sein. Zur Schule brauchte ich nicht. Das hätte für mich keinen Zweck, ich solle nur auf mich aufpassen und meinem Vater und meiner Mutter folgen, sagten sie im Krankenhaus.
Das tat ich dann auch, auf mich aufpassen und meinem Vater und meiner Mutter folgen, das heißt ich folgte mehr meiner Mutter, weil die mehr zu Hause war. Mein Vater war im Krieg – in Frankreich, in Belgien und Holland: er war beim Nachschub. Aber er kam immer wieder zum Urlaub heim: zweimal vierzehn Tage im Jahr. Und einmal hatte er vierzehn Tage Sonderurlaub wegen einer leichten Verwundung. Er trug den rechten Arm in der Schlinge, aber sonst fehlte ihm nichts.
Unterm Dach
Ich hauste unter dem Dach auf der Bühne: da war ein Bett hinter einem Verschlag aufgestellt, in dem noch Jahre nach der Heirat meiner Eltern die jüngste Schwester meines Vaters schlief, bis sie dann selber einen Mann fand und auszog.
Bis dahin stand mein Bett in der Schlafkammer meiner Eltern, in die kam man nur von der Stube aus, aber sie hatte zwei Fenster: das eine ging auf den großen Garten mit der Gärtnerei und den Gewächshäusern darunter, das andere auf das Nachbarhaus mit der Schlosserwerkstatt nach unserer Seite. An unserem Haus war noch ein Schopf angebaut, dessen Dach bis unter dieses Fenster reichte; wie oft öffnete ich das Fenster, stieg hinaus und spazierte über das Dach. Das tat ich auch wegen der Birnen, die von dem Baum in Nachbars Garten zu uns herüberhingen.
Zwischen dem Zaun der Schlosserwerkstatt und unserem Schopf war nur ein schmales Wegle freigeblieben, durch das man laufen oder noch mit einem kleinen Leiterwägele hindurchfahren konnte. Es war aber ein wichtiger Weg, vor allem für die Leute, die hinter dem unseren einen Garten hatten und die ihn nur über diesen Winkel erreichen konnten. Auch wir mußten da gehen, wenn wir hinter das Haus kommen und nicht durch die Scheuer wollten. Oder durch die Haustür. Auf der Bühne gefiel es mir sehr gut, und ich hatte auf den Tag gewartet, an dem die Tante uns endlich verließ und ich mich unter dem Dach einquartieren konnte. Natürlich war ich auch schon vorher ständig oben, wußte, mit und ohne Wissen der Tante, wußte genau, welche Schätze – und welcher Gruuschd hier lagen. Das meiste stammte noch vom Ähne, der Polizist und Gemeindeschreiber hier war. Ganz bestimmt wollte mein Vater sein Nachfolger werden; aber es ist dann nichts daraus geworden: ein anderer, vielleicht ein Schulkamerad, ist ihm zuvorgekommen.
Ich habe meinen Großvater, den Vater meines Vaters, leider nicht mehr gesehen, und er mich auch nicht, denn er ist kurz vor meiner Geburt gestorben. Dabei habe er sich so auf mich gefreut, den Stammhalter und ersten männlichen Nachfolger in der Familie. Wir hätten aneinander sicher großen Spaß gehabt. Jetzt hatte ich nur noch das, was von ihm übrig war, und das war sehr viel: die Pickelhaube, ein Gürtel und ein Haufen Papiere, Briefe und Strafzettel; die Strafzettel waren aber auf meinen Vater ausgestellt – und mein Großvater hatte sie bezahlt – für die Streiche in seiner Jugendzeit.
An den Bälken hingen oder lagen auf dem Bretterboden allerhand ausgestopfte Tiere; die soll nicht mein Vater, sondern dessen jüngerer Bruder, mein Onkel Ernst, geschossen haben, der eine Metzgerei auf der Schwäbischen Alb hatte. Ich habe keine freundliche Erinnerung an ihn, das heißt ich habe überhaupt keine Erinnerung an ihn: er zog aus dem elterlichen Haus aus und kam nie mehr oder doch nur so selten, daß ich die Besuche vergaß.
Ich weiß auch von keinen Ausflügen, die wir zu ihm auf die Schwäbische Alb und in sein Haus mit der Metzgerei gemacht haben.
Da war auch einmal eine Menge Zinnsoldaten auf der Bühne gewesen, aber bevor ich richtig gucken konnte, war sie weg; vielleicht gehörte sie meinem Onkel Ernst oder der Tante Frieda. Dabei hätte ich so gerne mit ihnen gespielt. Unter dem verstaubten Fenster stand der Mehlkasten; wenn man auch nicht dauernd Mäuse herumspringen sah, so sah man doch den Mäusedreck im Mehl, weshalb es auch immer vor dem Backen gesiebt werden mußte. Aus diesem Grund – aus dem Mäusegrund – standen auch überall Fallen herum, und wenn einmal eine Maus in der Falle hing, so nahm ich sie am Schwanz heraus, lupfte eine Dachplatte und ließ sie das Dach hinunter in die Dachrinne oder auf die Straße rollen. Dort holte sie dann Nachbars Katze.
Wir selber hatten keine Katze und keinen Hund im Haus, was ich sehr schad fand. Dabei muß es hier einmal einen Hund gegeben haben, einen Spitzer oder sowas. Mein Vater erzählte mir, daß er mit ihm immer zur Oberen Mühle gegangen sei; da hatte es viele Ratten, und auch andere Buben trafen sich hier mit ihren Hunden.
Aber der Hund – Spitzer oder was er war – meines Vaters oder meines Großvaters war der beste: er packte die Ratte im Genick, schüttelte einmal kurz und warf sie wieder tot zu Boden.
Das sei schon eine Leistung gewesen, denn die Ratten hätten manchen Hund in die Flucht geschlagen oder ihm die Schnauze verkratzt.
Ja, so einen Spitzer hätte ich gut gebrauchen können.
Oder eine rechte Katze, die ist ja so stark wie ein Hund gegenüber Ratten, manchmal noch stärker.
Gärten und Felder
Gärten gab es auch, wenn man auf der Straße, die an unserem Haus vorüberführte, weiterging: nach vierzig Metern bog sie rechts ab und hieß Friedensstraße. Geradeaus kam man zwischen Äcker und Felder.
Auch wir hätten da ein Feld mit Kartoffeln, Gurken, Bohnen, Salat, Träubleshecken und herrlichen Breschtlingen. Viel besser schmeckten aber die Erdbeeren und Himbeeren im Nachbargarten – und noch mehr in dem eingezäunten Grundstück weiter oben.
Zweimal habe ich es riskiert und bin drübergestiegen – einmal wurde ich erwischt! Herr Ostertag schleifte mich gleich zu meiner Mutter, und von der bekam ich dann den Ranzen voll, was nicht oft geschah. Aber dieses Mal hatte ich es verdient – da wir ja diese Sachen alle selber hätten und ich sie niemand stehlen brauchte!
Dort auf diesen Feldern, die an unser Haus angrenzten, und unmittelbar dahinter ließ ich in jedem Jahr auch meinen Drachen steigen. Nicht nur ich, sondern alle Kinder in dieser Gegend. Den Drachen hatte ich selber gemacht; die Holzleisten hatte ich mir in einer Schreinerei geholt und sie zu einem Gerüst zusammengenagelt. Darauf spannte ich Packpapier oder Stoff. Genauso wichtig war natürlich die Schnur, an der man den Drachen hinaufließ und dann oben in der Luft führte. Da hatte ich auch immer Glück: die Schnur war lang und der Wind gut. Jeder Absturz war vorherzusehen und fiel also nicht so schlimm aus.
Weiter hinten wurden diese Felder – dort mehr Wiesen mit Bäumen; Äpfel-, Kirsch-, Birnen- und Zwetschgenbäumen – von einem Wassergraben zerschnitten. Es war ein ziemlich wilder Graben von unterschiedlicher Breite und wechselndem Wasserstand; einmal war er links und rechts von Erlen und Eschen eingesäumt und eine Brücke oder ein Steg führte darüber, dann sah man wieder kaum den genauen Verlauf in der sumpfigen Wiese.
Ich interessierte mich für jeden Abschnitt, kannte alle seine Kurven und Tiefen bis hinauf in den Wald, wo er als kleiner Wasserstrahl – im Frühjahr stärker als im Sommer – aus dem Boden drückte, und dann unterwegs zum großen Bach im Ort flossen immer mehr Quellen und Rinnsale hinzu.
Wie die anderen Kinder hatte ich mein besonderes Revier, das ich verteidigte und das man mir ließ.
Hier baute ich meine Gumpen, indem ich das Wasser mit Steinen, Holz und Letten staute.
In diesem Bereich schälte ich im Frühjahr auch die Haut von den Eschen und drehte sie zu sogenannten Dudelsäcken zusammen: so nannten wir die Röhren, die vorne ganz dünn anfingen und nach hinten immer weiter wurden. Auch das Mundstück klopfte ich mir selber mit dem Griff meines Taschenmessers von einem Zweig ab.
So hatte ich immer Arbeit, und es mangelte mir an nichts; was mir fehlte, das holte ich mir im Wald oder am Bach und machte es daheim vollends fertig.
Meine Schwester
Meine Schwester kam auf die Welt, als ich fünf Jahre alt war. Zum Glück hatte ich nicht viel Geschäft mir ihr, da meine Mutter eine Kindsmagd für sie hielt. Eigentlich mehrere hintereinander.
Meine Mutter hatte auch eine Frau, die ihr die Wäsche machte, und zwei Männer, die bei Feld- und Gartenarbeiten mithalfen. Später bekam sie von der Gemeinde auch Gefangene zugeteilt – Russen, Franzosen –, die sie nach Bedarf bei der Arbeit im Haus oder auf dem Feld einsetzen konnte. Die mußte sie morgens im Vereinshaus abholen – meistens ging ich natürlich mit – und abends um fünf Uhr zurückbringen. Denn schließlich hatte sie eine gewisse Verantwortung für sie. Da gab es sehr unterschiedliche Leute darunter, dankbare und anspruchsvolle; einige, die froh waren, herauszukommen, und andere, die meine Mutter ausnutzten.
Natürlich mußte ich auch mal ran und den Kinderwagen schieben. Das ging dann so:
Gleich nach unserem Haus in Richtung Flecken fiel die Straße oder Gasse gleich stark ab; da bekam man dann Schwung. Ich schob den Kinderwagen ganz ruhig vom Haus weg und wartete, bis meine Mutter nicht mehr herschaute. Dann stieß ich den Kinderwagen an und rannte, was ich rennen konnte, die Gasse hinunter und wartete unten in der Straße, in die unsere Gasse einmündete, auf ihn. Manchmal mußte ich auch wieder zurückrennen, weil der Wagen nicht gerade lief.
Aber das war nur am Anfang.
Mit der Zeit bekam ich den Dreh heraus, so daß der Wagen genau in der Mitte der Gasse mir entgegenrollte. Meine Schwester im Wagen merkte nichts; aber sie merkte auch nichts, wenn ich mal stehenblieb oder sie vor einem anderen Haus abstellte, um meinen eigenen Vergnügungen nachzugehen. Schreien tat sie sowieso. Als ich aber eine gewisse Perfektion im Umgang mit dem Kinderwagen entwickelt hatte – und die Nachbarn ins Haus kamen, um sich bei meiner Mutter über mich zu beklagen –, da durfte ich schon nicht mehr damit fort.
Auch wenn es nie einen Unfall gegeben hatte und der Wagen nie umgestürzt war.
Es sei einfach zu gefährlich. Und unverantwortlich von meiner Mutter. Es tat mir schon leid.
So mußte ich mich ganz mit meinem Rennwagen – auch Seifenkiste genannt – begnügen. Der war neu. Ich hatte endlich vier neue Kinderwagenräder und die Achsen dazu aufgetrieben. Darauf legte ich ein Brett, das ich bei uns im Schopf fand; vorher ließ ich mir von einem Schlosser die Achsen links und rechts durchbohren, damit konnte ich sie auf das Brett aufnageln und brauchte nicht mehr die Nägel um die Achsen herum krummschlagen. Das gab der ganzen Sache mehr Stabilität – und weniger Nägel brauchte man auch! Helfen bei dieser Arbeit tat mir mein Deede, der jüngste Bruder meiner Mutter und Sohn meines lebenden Großvaters in dem viel kleineren und höhergelegenen, etwa drei Kilometer entfernten Ort.
Er wurde auch zum Militär eingezogen; nur noch während des Urlaubs konnte er mir helfen.
Mein Rennwagen hatte ein richtiges Lenkrad, eine Vorderund eine Hinterradbremse.
Diese Seifenkiste hob sich von allen anderen in unserem Dorf ab.
Jeder wollte damit fahren. Aber da war ich wählerisch: ich ließ mich lieber von den anderen schieben. Daran hatte mein Deede auch gedacht. Er hatte hinten auf das Sitzbrett eine Latte genagelt, in der Mitte sägte er eine Ecke heraus: dahinein mußte man zum Schieben die Stange stecken. Und ich ließ mich schieben, freute mich königlich, daß ich den andern einmal etwas voraushatte. Und sie bauten meinen Rennwagen nach und ließen sich von ihren Freunden schieben. Das machte mir aber nichts mehr aus, Hauptsache ich war einmal schneller und besser gewesen. Danach mochten sie wieder machen, was sie wollten.
Ich richtete mich auch nicht nach ihnen, wie sollten die sich nach mir richten?
So lebten wir in Frieden miteinander, die Kinder des Dorfes und ich: jeder hatte, was er brauchte oder bekam mit der Zeit doch das, was in diesen Jahren möglich war.
Hunde
Nein, einen Hund haben wir nicht mehr gehabt seit dem Spitzer, den ich ja nicht mehr gesehen hab. Aber ich mochte Hunde sehr gern, und sie mochten wohl mich. Vielleicht hatte ich deshalb keine Angst vor ihnen – auch nicht vor den schärfsten und größten!
Auch nicht vor dem Schäferhund, der mal auf unsere Schlitten- und Schibahn am Bettelsteg gerannt war. Er gehörte dem Schäfer, der hier in der Nähe wohnte und jetzt heimgekommen war, seinen Hund aber einfach zwischen den Kindern herumrennen ließ.
Alle stoben sie schreiend auseinander. Ich aber blieb stehen und schlug mit dem Stock nach ihm, zuerst mit dem einen und dann mit dem andern; dann schnallte ich mir meine Faßdaugen ab und warf sie nacheinander nach dem Hund, der nicht gleich aufgeben wollte, sondern sich mir stellte.
Als ich auch die zweite Faßdauge nach ihm geworfen hatte, hob ich wieder den ersten und dann den zweiten Stock vom Schnee auf: so verjagte ich den Hund von der Bahn und trieb ihn noch am Bach entlang bis in seinen Hof hinein.
Das gab einen Aufruhr, und endlich tauchte auch der Schäfer auf; der schimpfte aber weniger mit dem Hund als mit mir, weil ich so grob gegen ihn vorgegangen sei.
Aber ich blieb hartnäckig: Der solle mir nur nochmal kommen, sagte ich.
Ich werde schon sehen, sagte der Schäfer, der Hund werde es sich merken und mich schon nochmal packen.
Und die Leute, die jetzt aus den Häusern gekommen waren und herumstanden, zusammen mit den Kindern, die sich nun wieder auf die Bahn trauten, glaubten das auch.
Ja, ja, sagte ich nur.
Aber der Hund machte nichts; er ging mir immer aus dem Weg, wenn er mich nur kommen sah.
Ich hab auch, ehrlich gesagt, nichts anderes erwartet; mit den bloßen Händen wäre ich ihm an die Gurgel gefahren.
Ich mochte ja Hunde gern, aber nicht solche, die gegen mich oder andere Kinder gingen. Da wird sich auch nichts ändern. Einige Jahre später habe ich mit einem solchen Schäferhund oder Wolfshund regelrecht Freundschaft geschlossen. Das war auf einem Hof in Oberschwaben, auf einem sehr großen Hof, so wie es bei uns im mittleren Württemberg keine gab, wo wir meinen Vater nach dem Krieg besucht haben. Er mußte hier als Knecht arbeiten in der Zeit, in der ihn die Franzosen gefangengesetzt hatten. Eigentlich waren es drei Hunde; der eine an der Haupteinfahrt von der Straße her, der andere hinten heraus zum Teich, und der dritte rechts bei den Pferdeställen und den Knechtwohnungen darüber.
Ich verstand mich mit allen dreien, aber am besten mit dem an der Haupteinfahrt. Er war in einem großen Käfig drin und sprang sofort zähnefletschend am Gitter hoch, wenn sich ein Fremder ihm nur näherte.
Das machte mich natürlich neugierig.
Nicht, daß ich ihn reizen oder herausfordern wollte: der Hund gefiel mir halt. Es war auch ein schönes Tier.
Schon am Morgen, gleich nach dem Kaffee, ging ich raus und stellte mich vor den Käfig und sprach mit ihm. Am zweiten Tag bellte er schon nicht mehr, wenn ich kam, knurrte nur noch und drehte sich weg. Schließlich gab er auch das Knurren auf und blieb stehen und drehte sich nicht mehr von mir weg.
Dann fragte ich den Bauern, ob ich mit dem Hund Spazierengehen dürfte – ich meine mit dem Harras, mit dem im Käfig an der Hauptein- und -ausfahrt? Ja, sagte er, wenn ich meinte; der Hund brauche schon wieder einmal Bewegung. Ich solle aber vorher nochmal mit ihm schwätzen, das heißt ihn füttern und so Sachen. Das tat ich auch; und jetzt winselte Harras schon, wenn er mich kommen sah. Ich ließ mir den Schlüssel zum Schloß an der Tür des Hundekäfigs geben und führte ihn heraus, und der Hund folgte mir, so als kannten wir uns schon ewig.
Ich rannte mit ihm über Äcker und Wiesen, an hohen Maisfeldern vorbei; ich warf einen Stock voraus und hetzte ihn hintendrein. Wir kamen auch zu dem Teich hinter dem Hof; das Wasser war nicht sauber. Trotzdem spuckte ich auf meinen Briegel, Harras sprang hinein und brachte ihn mir wieder – er war batschnaß, und ich wurde in diesen Tagen, wo wir meinen Vater auf dem Hof besuchten, auch nicht mehr sauber.
Es waren schöne Tage in Oberschwaben. Nicht nur wegen Harras. Auch wegen dem Essen und wegen der Milch, die es da gab: mehr als wir in dieser Zeit zu Hause hatten.
Mein Vater mußte auch Kühe melken und misten. Ich stand mit ihm in aller Herrgottsfrühe auf, half ihm oder schaute ihm nur zu. Dann melkte er einen steinernen Literkrug warmer Kuhmilch voll; ich setzte an und trank, bis mir der Bauch platzen wollte. Aber mein Vater sagte: trink nur.
Beim Essen am Tisch sagte meine Mutter: iß, und ich aß. Da saßen meine Mutter und ich allein mit dem Bauern und seiner Familie zusammen. Mein Vater mußte bei den anderen Gefangenen, den Knechten und Mägden bleiben.
Als an dieses Ende noch nicht zu denken war, erzählte mir mein Vater, daß sie in dem Lager – Mauthausen und, vor dem Krieg, Heuberg auf der Schwäbischen Alb –, wo er als Bewacher eingesetzt war, auch Hunde hätten. Auch Deutsche Schäferhunde; lauter schöne Tiere.
Ob die denn auch gegen Kinder gingen, fragte ich ihn einmal.
Die gingen gegen alles, sagte er, wenn man sie draufhetzt; die seien alle dressiert.
Dressiert? Auf was dressiert?
Auf Menschen; auf Juden, Zigeuner, Kommunisten . . .
Ich solle nicht so viel fragen, sagte mein Vater.
Na gut; er mußte es wissen.
Fahrrad
Auf mein erstes Fahrrad mußte ich sehr lange warten. Im Haus – genauer gesagt: im Schopf – gab es nur einen alten, verrosteten Rahmen mit zwei Rädern. Aber keine Schläuche und keine Mäntel; die waren in dieser Zeit auch nirgends zu bekommen. Auch die Kette fehlte.
Ein Mann, der immer im Haus und auf den Feldern half, gab mir mal den Rat, ich solle doch Seile in die Felgen legen und damit herumfahren; aber das ging nicht. Das Seil mußte ja zusammengemacht werden, und der Knopf war nachher viel zu dick, so daß sich das Rad mit den Seilern gar nicht erst durch die Gabel drehen ließ.
Trotzdem konnte ich Fahrrad fahren und durfte ich Fahrrad fahren. Einmal mit dem Fahrrad – einem Herrenfahrrad – eines Mannes, der bei uns zu Besuch war. Ich kannte ihn nicht, und auch meine Mutter kannte ihn offenbar nicht; aber er stand eines Tages vor der Haustür und sagte, daß er etwas zu Essen und zu Trinken haben wolle, er würde auch dafür etwas arbeiten.
Er blieb zwei oder drei Tage bei uns – ein Schaffer war er nicht, er hatte offenbar vorher noch nie geschafft, das sah man sofort, so wie er eine Mistgabel, eine Schaufel oder einen Rechen in die Hand nahm – von einer Axt oder einem Beil zum Holzspalten ganz zu schweigen; da bekam sogar ich Angst! Aber er hatte ein Fahrrad, und er ließ mich damit fahren. Natürlich reichte ich noch nicht auf den Sattel; ich trat seitlich, unterhalb der Lenkstange die Pedale. Das ging ganz gut, und ich flog damals auch nicht mehr hin wie später mit dem eigenen Fahrrad und richtig im Sattel sitzend und von oben her treppelnd.
Gewisse Dinge waren im Krieg einfach nicht zu kriegen. So ging es mir auch mit dem Fußball; einen echten Lederball hatte ich endlich bekommen, aber es fehlte mir die Blase dazu. Ich klapperte ein Geschäft und eine Sattlerei nach der anderen ab, in unserem Ort und in der Umgebung. Ich war tagelang unterwegs – aber eine richtige Gummiblase fand ich nicht!
So behalf ich mir dann mit einer Sauenblase, damit blieb doch eine Zeitlang die Luft im Ball, und man konnte damit kicken. Ich war sehr stolz darauf, und die Kinder folgten mir wie ein Hund, wenn ich nur mit dem Ball irgendwo auftauchte.
Im Krieg
Wie gern wäre ich bei der Hitlerjugend gewesen; die hatten so schöne Halstücher, Hemden und Hosen, Gürtel und Dolche. Ich hatte nur mein Holzgewehr und die Pickelhaube – ja, und den Gürtel! Aber das war doch nichts im Vergleich zu den Gürteln der Hitlerjugend.
Die machten so schöne Geländespiele, zündeten Feuer an, hockten sich drum herum und sangen.
Aber wenn ich einmal ein Feuer im Wald machen würde, dann würde es gleich heißen, der Wald brennt. Und einmal hat es auch gebrannt – nicht im Wald und nicht, weil ich gezündelt hatte –, sondern davor. Der Brandstifter hieß Franz Kerz; er hatte, so wie das auch andere machten und gemacht haben, im Frühjahr das dürre Gras unterhalb des Waldes angesteckt. Dann wurde das Feuer immer größer, erfaßte einige Büsche und griff auch in den Wald über.
Aber da war schon die Feuerwehr alarmiert und die ganze Bevölkerung: die zog – Kind und Kegel, Herr und Hund – den Hang hinauf. Denn es hieß: der Wald brennt – der Kerz hat den Wald angezündet! Aber es war nicht der ganze Wald – den hätte einer allein nicht anzünden können, so groß ist der um unser Dorf in dem Tal herum.
Bei der Hitlerjugend hat der Wald nie gebrannt, und wenn nachts die Flammen noch so hochschlugen. Das war etwas anderes, und da waren ja auch ältere Leute dabei als Führer. Ich hätte da sehr gern mitgemacht. Aber ich war noch zu jung – und dann wollte man mich auch nicht!
Wenigstens eine Uniform hätte man mir schenken können – vielleicht bekam ich noch eine, oder ich stahl mir eine. Meine Mutter nähte Uniformen – Soldatenuniformen – für ein Geschäft in der Nachbarstadt. Sie machte Heimarbeit; sie nähte die Knöpfe an die Kittel und an die Hosen – nur die Knöpfe: die Uniformen wurden gebracht und wieder abgeholt. Da hätte man keine wegnehmen können; die wurden alle genau gezählt.
Warum konnte mir mein Vater keine Uniform besorgen? Der war doch dabei – bei diesem Hitler; da hätte er mich doch auch einstellen können. Vielleicht hätte er nur einmal ein Machtwort sprechen müssen; aber der sprach nur dort ein Machtwort, wo es nicht viel galt – in der Wirtschaft, sagte meine Mutter! Freilich meine Mutter wollte nicht, daß ich zur Hitlerjugend gehe – und gegen Uniformen hatte sie auch etwas. Gegen jede Uniform! Sie nähte halt Knöpfe an.
Pfeil und Bogen
Was tut man als Kind, das nicht in die Schule muß, das daheim keine großen Aufgaben und so viel Zeit hat, wie ich? Es hockt im Bach, macht sich naß, baut Bunker zwischen die Holderbüsche am Ufer des Baches; es schnitzt sich Pfeil und Bogen und macht sich immer wieder eine neue Schleuder aus einer Astgabel.
Das alte Problem bei den Schleudern: geeignete Gummis zu bekommen. Die Ringe von den Eindünstgläsern waren auch nicht unerschöpflich und hielten nicht ewig. Bis ich einmal ein Stück Autoschlauch auftrieb und davon zwei Riemen herunterschneiden konnte: die hielten länger, und die konnte man auch mehr spannen.
Ich war ein guter Schütze mit meiner Schleuder – auch mit Pfeil und Bogen! Ich holte alle Straßenlampen herunter; ich spazierte unauffällig auf der Straße, unter einer Lampe blieb ich kurz stehen, richtete meine Schleuder nach oben und spannte – im nächsten Moment regnete es Glas!
Ich schoß aber auch auf Vögel, fliegende oder stillsitzende, auf Katzen und Hennen – und traf!
Getroffen habe ich auch einmal mit dem Pfeil meine Schwester – zum Glück ging es nicht direkt ins Auge, sondern nur kurz daneben. Trotzdem mußte sie ins Krankenhaus gebracht werden. Das kam so: ich hatte wieder einen stärkeren Bogen und neue Pfeile geschnitzt, aber noch kein geeignetes Ziel – im Haus diesmal, nicht draußen – gefunden.
Einige Tage vorher hatte ich auf der Bühne neben meinem Verschlag eine Rolle Zielscheiben entdeckt, das waren große Blätter mit Zahlen und Ringen drauf: die stammten von meinem Vater oder von meinem Onkel, vielleicht von dem gleichen, der früher auch die Tiere geschossen hatte, die jetzt unter dem Dach ausgestopft herumhingen und -lagen.
Ich hatte an diesem Morgen nichts besseres zu tun als eine solche Scheibe von innen an die Stubentür zu nageln und meine ahnungslose Schwester darunter zu stellen. Ich hob den Bogen, zielte mit dem Pfeil – und hörte schon das Geschrei! Der Arzt, den meine Mutter zunächst holte, war unser Hausarzt – der andere, der jüngere, nicht der, zu dessen Vorgänger schon meine Großeltern gegangen waren. Schnee hieß der – wie der Schnee im Winter: er hatte einen Stock wegen seines lahmen linken Beines, das er von einer Verwundung in Rußland davongetragen hatte, so erzählte er es allen, ob sie es hören wollten oder nicht. Der Dr. Schnee war immer schlechter Laune – pünktlich und genau in seiner Arbeit war er, aber stets in schlechter Laune!
Als erstes knallte er seinen Stock auf den Tisch, wenn er in die Stube hereinkam, setzte sich auf einen Stuhl und rieb sich das Bein. Er mußte ja zu Fuß zu seinen Kranken kommen, er hatte nicht mal ein Fahrrad; da konnte ihm das Bein schon mit der Zeit schmerzen. Aber uns Kinder erschreckte er mit seinen Auftritten.
Ich ging deshalb lieber zu dem anderen, wenn mir etwas fehlte. Der hieß Dr. Etwas und war geradezu das Gegenteil von dem Dr. Schnee: immer höflich, immer lächelnd, mit zwei gesunden Beinen – halt nicht so pünktlich, aber auch nicht so genau bei der Arbeit, etwas schusselig und leicht vergeßlich. Man mußte ihm genau sagen, was man wollte, dann bekam man es auch von ihm. Aber zum Glück fehlte mir nicht viel, war ich nur selten krank, hatte nur wenig Rufen und Warzen im Gesicht und an den Händen. Nie brach ich mir ein Bein oder einen Arm.
Nur einmal wollte mein Husten ums Verrecken nicht weggehen; da schickte mich der Dr. Etwas zu meinem Großvater in die Höhenluft: da sollte ich vier Wochen bleiben und nicht eher herunterkommen. Tatsächlich verging dort oben auch bald der Husten – ohne Hustensaft und ohne Spritzen!
So wie damals bei meiner Schwester, hatte sich Dr. Schnee auch bei meinem Vater benommen. Der war im Urlaub aus dem Krieg da – von der Nachschubfront in Frankreich, Belgien und Holland – und war zu seinem Schwager zum Saufen gegangen. Er wäre wohl heute gar nicht mehr heimgekommen; meine Mutter hieß mich ihn holen, so wie ich ihn schon aus dem »Adler«, dem »Stern«, der »Traube« dem »Löwen«, dem »Anker« oder aus der »Kelter« geholt hatte.
Sie hatten von morgens bis mittags Most und Schnaps gesoffen, so erzählte es uns Onkel Fritz später, und er selber, mein Onkel Fritz, konnte gleich gar nicht mehr geradestehen: er fiel in der Küche um und blieb da bis zum anderen Morgen liegen.
Mein Vater konnte noch aufrecht gehen, das wußte man. Aber er schwankte diesmal doch mehr als sonst und brauchte die ganze Straße; meine Führung nützte da nichts, sie riß ihn nur noch mehr auf meine Seite.
Und am Anfang unserer Straße ließ ich ihn ganz los; er würde schon alleine heimfinden, wie ein Gaul oder eine Kuh, die ihren Stall nie verfehlte. Vor dem Haus fing er sich auch plötzlich wieder, schimpfte aber auf einmal mit den Nachbarn, niemand wußte warum. Dann öffnete meine Mutter das Fenster und rief ihn herein.
Ich komme schon, lallte mein Vater. Ich werd auch noch im Urlaub mal einen heben dürfen.
Ja, ja, sagte meine Mutter und schloß das Fenster wieder. Sie mußte sich nun in Richtung Haustüre bewegt haben, denn sie stand dann auch da, als es geschah. Mein Vater wollte wirklich ins Haus rein, vor der Haustüre blieb er nochmal stehen, und es sah so aus, als wollte er sich, bevor er die Haustüre öffnete, nochmals seine Stiefel an dem eisernen Schuhabputzer abstreifen. In diesem Augenblick stürzte er und schlug mit dem Gesicht auf diesem eisernen Schuhabputzer auf. Die ganze Stirn blutete, und eine Augenbraue hing weg; mein Vater versuchte sie mit der Hand wieder anzudrücken. Aber es gelang nicht. Rauf, rauf, schrie meine Mutter, die in solchen Lagen sehr kühl blieb. Und du – damit meinte sie mich – gehst und holst den Dr. Schnee. Ich machte auf dem Absatz kehrt und beste davon. Natürlich hatte ich Angst, ich weiß nicht, ob ich um meinen Vater mehr Angst hatte oder um meine Mutter – oder um uns alle.
Es war halt die Angst, daß da etwas geschehen war, von dem wir alle bedroht wurden, auch ich; und diese Angst ließ mich durch den ganzen Flecken reifeln bis in den unteren Teil, wo der Dr. Schnee seine Praxis hatte. Dann kam er endlich, selber schon nicht mehr völlig nüchtern – und knallte als erstes seinen Stock über den Tisch, an dem mein Vater hockte und schimpfte: Was wollen Sie? Ich brauche Sie nicht. Wer hat Sie gerufen?
Ihr Sohn ist zu mir gekommen, sagte Dr. Schnee und begann in aller Ruhe seine Arzttasche zu öffnen. Ja, er hatte Fronterfahrung, das hatte man sich erzählt; in Rußland hatte er noch ganz andere Fälle zu behandeln. Und wenn er etwas getrunken hatte – Schnaps oder Bier oder Most –, dann war mit ihm eher zu geschirren, und er reagierte auch nicht mehr so mürrisch, sondern ließ auch einmal den andern, den Patienten, zu Wort kommen.
Sie brauchen gar nichts auszupacken; mir fehlt nichts, beharrte mein Vater. Ich weiß, sagte Dr. Schnee, Leuten von Ihrer Art, Herr Simpel, fehlt immer nichts, bis ihnen mal etwas fehlt, dann fehlt ihnen alles – nämlich der Verstand!
Ich bin Soldat, bruddelte mein Vater, nun schon etwas zahmer.
Das wissen wir doch; wenn wir das nicht wissen. Dr. Schnee hatte wirklich eine Spritze vorbereitet, und ich war neugierig, wie er sie meinem Vater verpaßte, und ob er sich das gefallen ließ. Aber mein Vater kam gar nicht dazu, sich zu wehren, da hatte er die Spritze schon im Ranzen. Ja, das machte sicher die Fronterfahrung von dem Dr. Schnee aus.
Ich bin Soldat, ich kann auf die Zähne beißen; ich brauche keine Spritze, wiederholte mein Vater. Aber es klang schon recht müde.
Dr. Schnee nähte ihm rasch die Fleischlappen wieder an, machte einen Verband um seinen Kopf und begann wieder seine Tasche zu packen.
So, Herr Simpel, jetzt gehen Sie ins Näscht, und dann wird man sehen, wann Sie wieder an die Front können.
Sie haben mir gar nichts zu befehlen, mußte mein Vater noch hervorbringen, bevor er tatsächlich in die Kammer wankte. Legen Sie ein Handtuch auf das Kissen, riet der Arzt meiner Mutter; es drückt immer noch ein bißchen durch.
Aber meine Mutter hatte selber schon daran gedacht und das Bett entsprechend präpariert.
Ja, man hat’s schon schwer in dieser Zeit – und Sie auch, Frau Simpel.
Ich dank auch schön, Herr Doktor, sagte meine Mutter. Sie hatte eine Schüssel mit Wasser, Seife und Handtuch hereingebracht: Der Doktor wusch sich die Hände und stockte wieder laut die Stiege hinab, ohne von dem Schnaps genommen zu haben, den ihm meine Mutter auf den Tisch gestellt hatte.
Der Ähne
Jetzt sollte ich erst noch etwas von meinem Ähne (Großvater) erzählen, von dem, der noch lebt. Bei ihm habe ich schließlich das Bauernhandwerk gelernt, den Umgang mit den Kühen; das Melken, das Stallausmisten, das Futterholen, das Mähen, das Äpfel-, das Birnen- und das Kirschenheruntertun und noch vieles mehr, was man in der Landwirtschaft halt macht und was man läßt – und das ist genausoviel wie das, was man tut.
Diese Arbeit gefiel mir auch, und sie machte mir keine Schwielen in die Hände, und auch das Kreuz tat mir nicht weh.
Ich sei halt ein Schaffer, so sagten die Leute.
Aber ich durfte nicht alles schaffen, was ich wollte und was ich in meinem Alter vielleicht auch sollte. Es sei zu gefährlich für mich, hieß es. Immer wenn ich vom Tal heraufkam – verschwitzt, dreckig, hungrig, durstig – stellte mir mein Ähne als erstes ein Gläsle Most auf das Tischeck in der Stube. Ich sagte auf das Tischeck, und zwar an den äußersten Rand des Tisches, so daß das Glas vom schieren Hinschauen hinunterzupurzeln drohte.
Das war seine Art, über die meine Ahna (Großmutter) zeitlebens den Kopf schüttelte. Aber es half nichts: bestimmten Leuten – mir und meiner Mutter, nicht meinem Vater – stellte er zum Willkommen ein Glas Most direkt auf die vordere Ecke des Tisches in der Stube hin, daß man nur scharf zu gucken brauchte, und das Glas fiel samt Inhalt auf den Dielenboden der Stube.
Hinter dem Tisch unter dem Fenster mit Blick auf das Tal stand eine einfache Bank, das war der Platz der Kinder. Dann standen noch ein paar Stühle herum. Mein Ähne selber hatte seinen Platz auf einem Stuhl vorn vor der Tischlade; in dieser Tischschublade war das Brot, waren Salz und Pfeffer, waren Messer und Gabeln, und nur mein Ähne öffnete in der Hauptsache diese Schublade und verteilte das Brot und das Salz. Auch altes Brot war in dieser Schublade, Brotrinden, an denen man länger kauen mußte und die auch satt machten.
Alle Kinder bekamen von meinem Ähne Most, alle Enkelkinder von klein auf – aber keinen Wein, den hatte er auch in einem kleinen Fäßle im Keller. Der Wein stammte aus dem eigenen Wengert.
Und da hätte ich ja nochmal Schwielen in die Hände bekommen müssen und Kreuzweh. Denn die Leset an den steilen Hängen und das dauernde Bücken war auch kein reines Vergnügen. Aber ich tat die Arbeit gern, natürlich auch der Trauben wegen, die man dazwischen essen konnte, und auch der Rätsch wegen, die ich lange vorher schwingen durfte, um die Vögel zu vertreiben.
Und ab einem gewissen Zeitpunkt wurde auf einer langen Stange auf einer Anhöhe ein Besen aufgestellt; das hieß – Weinberg zu, niemand darf mehr hinein, nicht mal der Besitzer. Und jetzt begann die Vorfreude auf die Leset und auf den süßen neuen Wein, auf den Saft, der so süß war wie der von den Äpfeln in der Mosterei. So wußte ich doch wenigstens, wo die Sachen alle herkamen.
Mein Berufswunsch oder Bomben auf Stuttgart
Ich wäre gern Schreiner geworden. Als der Hühnerstall zu einem Zimmer mit Bad ausgebaut wurde, habe ich den Handwerkern bei der Arbeit zugeschaut und ihnen auch tatkräftig geholfen, Bretter zu tragen, Bretter zu sägen, den Fußboden zu verlegen und das Fenster einzusetzen.
Das Fenster kam an die gleiche Stelle, wo schon vorher ein Lichtloch war. Es ging zum Garten und auf die Gärtnerei, darüber lag der Bergrücken mit dem Dorf davor, in dem mein Ähne und meine Ahna, die Eltern meiner Mutter, lebten. Und hinter dem allem kam Stuttgart. Das wußten wir von den Christbäumen, die nachts diesen Himmel erleuchteten, und hinter diesen Christbäumen her oder zwischen ihnen hindurch fielen die Bomben.
Meine Mutter und ich haben diesem Schauspiel oft zugeschäut, vom Hühnerstall aus und durch dieses Lichtloch hindurch.
Ich habe gefroren wie ein Schneider, und ich glaube, meine Mutter auch. Sie tröstete mich: die Bomben kommen nicht zu uns.
Aber nachher strichen die Flugzeuge leer über uns hinweg. Das war gegen Morgen, und wir wußten, wo sie gewesen waren und glaubten weiterhin, daß sie nur dieses eine Ziel in unserem Land, nämlich Stuttgart, kannten.
Es sind bei uns nie Bomben gefallen, bis auf die eine. Aber das soll ein Blindgänger gewesen sein, und der steckte nachher in der Außenwand der Spinnerei, und dort wurde er von Soldaten und Polizei herausgegraben.
Freilich gab es Fliegeralarm, bevor diese Bombergeschwaderjetzt noch voll und mit einem anderen Ton als nachher – über uns hereinzog: und dann sollten wir in den Keller, sind auch meistens in den Keller geflüchtet – oder in den Hühnerstall vor dieses Windloch – und haben gesehen, wovor wir verschont wurden. Damals habe ich vielleicht für Stuttgart gebetet, und meine Mutter wohl auch.
Aber nicht immer sind wir in den Keller – fünfzehn feuchthölzerne Treppen – hinabgegangen zu den Mostfässern, den Kartoffeln und den Äpfeln auf der Hut über den Kartoffeln und gegenüber den Mostfässern.
In den letzten Jahren des Krieges und der Bombennächte über Stuttgart sollten wir oben bleiben, unter dem Türrahmen des Eingangs zum Keller, so hatte uns der Vater angewiesen; das sei seine Beobachtung gewesen auf seiner Heimfahrt durch die zerstörten Städte und Häuser: Mauern und Decken seien eingestürzt und die Leute darunter begraben worden. Aber die Türrahmen seien stehengeblieben. Das möchte er nicht, daß wir in seinem Elternhaus ebenfalls im Keller begraben würden unter dem einbrechenden Gewölbe, deswegen sollten wir uns unter den Türrahmen hocken oder doch lieber oben in der Wohnung bleiben.
Also hockten wir uns in den Türrahmen: meine Mutter genau auf der Schwelle mit meiner Schwester auf dem Schoß und der Tasche mit den schriftlichen Sachen an sich gepreßt, und ich eine Stufe darunter. Frierend. Und stumm.
Das Bettelhaus
Das Bettelhaus stand am Bettelsteg zwischen Bach und Kanal. Beide wurden von Brücken überspannt.
Der Bach verlief in der Rinne durch den Ort, den er sich vor Urzeiten gegraben hatte. Dagegen wurde der Kanal künstlich angelegt, und zwar für die Obere und die Untere Mühle. Entlang dieses Kanals standen die drei Bachhäuser.
Und in einem Loch unter der Straßenhöhe des Bettelstegs, eigentlich Hülener Straße, die hier zwischen Bach und Kanal kurz anstieg, hockte das Bettelhaus: das einzige Gemeindehaus, in dem während des ganzen Krieges eine kinderreiche Zigeunerfamilie hauste.
Dieses Gelände mit dem «Festlandrücken» zwischen den beiden Wasserrinnen war unser Abenteuerspielplatz: über dem Bach reihten sich Holz- und Blechhütten; hier lagerten Holz und Kohle, wurden Hasen gehalten und Kleinwerkstätten aller Art betrieben.
Das Holz war auch einfach so am Bach gestapelt, und es bedurfte in der Regel keiner besonderen Kraftanstrengung, um einen Teil davon den Hang hinunter zu befördern. Und über dem Weg zwischen Bach und Kanal baumelten auch die Straßenlampen, die ich mit meiner Schleuder ins Visier nahm. Und ich sehe noch die Reihe von Pappeln auf der anderen Seite des Baches vor mir: zum Hinaufsteigen waren sie zu hoch und auch zu glatt. Aber man könnte sie als Zielscheiben nehmen, und man konnte versuchen, mit einem Stein darüberzuwerfen, der dann oft drüben über dem Bach auf einem Dach einschlug.
Mehr aber als über Pappeln warfen wir die Fenster des Bettelhauses ein: im Sommer mit Steinen – aus der Hand oder aus der Schleuder – und im Winter mit Schneeballen.
Ich tat es einfach so, und die andern Kinder taten es sicher auch einfach so; vielleicht weil man es am Bettelhaus machen konnte, ohne daß da besondere Strafen zu befürchten waren – und weil es die meisten Kinder auch einfach so taten. Nur mußte man vor dem Alten und der Alten auf der Hut sein, aber wir konnten ja alle gut sauen.
Es waren auch gleichaltrige Zigeunerkinder darunter, die nicht nur einmal bei unseren eigenen Spielen dabei waren. Eines dieser Zigeunerkinder, ein Bub in unserem Alter, fiel einmal von einem Baum – keine Pappel – in den Kanal: wir sagten, den hat dr »Hoogamoo« geholt, so versuchten uns auch unsere Eltern vor dem Wasser zu warnen.
Der Zigeuner wurde dann auch ins Krankenhaus gebracht. Es blieb ihm aber nichts zurück. Nachher sprang er wieder wie alle herum, stieg aber auf keinen Baum mehr, schon gar nicht am Kanal.
Die Scheiben am Bettelhaus wurden dann meistens wieder eingesetzt, zunächst waren die Löcher mit Tüchern oder Papier verhängt. In dieser Zeit hatten die drinnen ihre Ruhe und wir draußen andere Dinge im Kopf. Aber dann begann das Spiel von neuem – bis nach dem Krieg und bis die Zigeuner schließlich das Dorf verließen.
Von dieser Brücke über dem Bach zum Bettelsteg hinauf wurde im Winter auch der Schnee ins Wasser gekippt: manchmal blieb er da liegen, wuchs aus dem Bachbett herauf, so daß man ohne Gefahr von oben hineinspringen konnte.
Das war schon ein Erlebnis immer mit dem Schnee: wenn es schneite, fuhr bald der Bahnschlitten durch den Flecken; er wurde von vier Gäulen gezogen, und hinten drauf auf dem Schlitten hockten die Kinder.
Den Schnee, der dann an die Häuser entlang der Straße geworfen wurde, brachten dann die Leute in der Umgebung zu dieser Brücke und leerten ihn hinab.
Natürlich war ich auch schon mal im Bettelhaus drinnen – und die meisten anderen Kinder auch. Es war alles sehr nledrig und schmutzig; nichts war aufgeräumt, alles lag nur herum, und eigentlich gab es gar keine richtigen Möbel, bis auf ein Küchenbüfett und einen Kleiderkasten ohne Türe.
Erst kam man in den Hausgang, der Boden war mit Steinplatten gedeckt, in der Mitte des Hausgangs, an der Wand zu einem Zimmer, stand der Herd, da werkelte meistens die dicke Zigeunerin, rührte in einem Hafen um und verschlug nebenher ein Kind.
Es war immer Geschrei in dem Haus. Und das Kamin rauchte Tag und Nacht. Keiner wußte, wo sie das Wasser zum Kochen und das Holz zum Schieren her hatten: man sagte, in dem Bettelhaus gebe es keine Wasserleitung, und einen Holzschlag, der ihnen das Brennholz geliefert hätte, hatte der alte Zigeuner schon gar nicht.
Also holten sie das Wasser aus dem Kanal oder dem Bach, und das Holz – das stahlen sie! Es gab ja genug davon in den Hütten entlang des Bachs und davor. Ob da nun mal eine Beige den Hang hinunterrugelte und bald vom Hochwasser fortgerissen wurde, oder ob sie im Bettelhaus so nach und nach verschwand, das kam am Ende aufs gleiche heraus – und es kam auch nicht darauf an!
Und dann war der alte Zigeuner auch dauernd besoffen: wie das? Most hatten sie keinen im Keller, weil sie keine eigenen Bäume und auch keine Fässer hatten, und so viel Geld bekam er doch auch nicht, daß er sich den Rausch aus der Wirtschaft holen konnte. In den Wirtschaften durfte er sich auch nicht sehen lassen, wenn er nicht den Ranzen voll haben wollte. Also Schnaps? Aber woher?
Als dann die Bomber und feindlichen Flugzeuge über dem Dorfhimmel immer mehr wurden, hieß es, den Zigeunern würden Schnapsflaschen abgeworfen. Tatsächlich wurde der Zigeuner dann auch tage- und wochenlang nicht gesehen: vielleicht suchte er dann in den Wäldern unseres Dorfes und anderer Dörfer nach dem Schnaps und nach den anderen Dingen, die er doch von uns nicht bekam. Auch die Kinder sprangen nach der Entwarnung auf die Wiesen und in die Wälder und suchten und suchten . . .
Aber meistens fand man nur Starenkisten an den Bäumen, die man mit den Stützen, die sonst Baumäste abfingen, herunterstupfte. Am schönsten wars im Frühjahr, wenn in den Vogelkästen noch Junge hockten, die dann mit herunterfielen. Aber es konnten auch nur die Eier sein; die konnte man werfen wie Ostereier, bloß waren ihre Schalen nicht so dick und platzten viel früher. Auch konnte man diese Vogeleier nicht essen, sondern nur zertreten oder einfach liegenlassen.
Atta, Persil, Henko – hinein!
Aber wenn man richtig Schlitten oder Schi fahren wollte, dann ging man auf die Wiesen und Hänge um den Ort und fuhrwerkte nicht in den Straßen und Gassen herum. Und da gab es ganz schön steile Stellen. Und zwar auf beiden Seiten des Tals. Man war mit allen Bahnen vertraut.
Ich hatte schon lange einen Schlitten, einen ganz neuen, den hatte meine Mutter beim Wägner am Kanal gekauft.
Damit zog ich oft vom Haus weg, kam allein auf eine Bahn auf dieser oder einer anderen Seite des Tals, oder ich schloß mich unterwegs einfach einer Gruppe Kinder an und landete dann dort, wohin sie ging.
Es gab eigentlich in jedem Winter viel Schnee, und immer lief es gut; ich rauschte den Hang hinab, kam knapp an einem Baum vorbei und war rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause. Man brauchte mich nie suchen, auch damals nicht, als ich doch gegen einen Baum fuhr: damals brachten mich die Kinder, weil ich nur dalag und keinen Mucks mehr von mir gab, auf meinem Schlitten heim. So ist mir das nachher erzählt worden. Und warum soll ich es nicht glauben?
In allen Lagen fuhren wir mit dem Schlitten die Bahn hinab: sitzend; auf dem Bauch; zu zweit; zu dritt – auf einem Schlitten; in Kolonne mit aneinandergebundenen Schlitten.
Und das Geschrei, das wir vollführten: »Aus der Bahn, Katz hat Schlittschuhe an!« schrien wir zum Beispiel, und wenn eine ganz steile und vielleicht auch gefährliche Abfahrt bevorstand, ertönte es von oben. »Atta, Persil, Henko – hinein!«. Und ab ging die Post; so schoß man zwischen den Kindern hindurch, die gerade den Schlitten heraufzogen oder, wie einige Mädchen, quer herumfuhren und weiter unten am Hang zur Abfahrt ansetzten.
So muß es bei mir gewesen sein. Ich setzte immer oben an; bezog Stellung, wartete bis so viele wie möglich auf mich schauten, stieß diesen Ruf aus und warf mich mit dem Bauch auf den Schlitten und schoß ins Tal hinab.
Es war wirklich ein sehr steiler Hang, und ich bekam großen Schwung; ich meine heute noch, daß man mich anfeuerte, so daß ich gänzlich aus dem Häusle geriet und nichts mehr hörte und sah – nur diese Bahn vor mir, auf der ich immer schneller und schneller wurde.
Meine Mutter erzählte mir, ich sei damals fünf Jahre alt gewesen und ein Räuber, wie er im Buche stand: nicht zu halten, mit einem Gespür für alle Gefahren, furchtlos und leichtsinnig zugleich. Da habe ja so etwas einmal kommen müssen.
Aber man hätte mich doch nicht anbinden können, auch wenn sie das schon mal tat: tatsächlich habe sie mich öfters an einen Baum gebunden, mit einem Seile wie für die Schafe und Geißen, wenn sie auf dem Feld arbeitete und sie keinen Aufpasser oder eine Aufpasserin für mich gehabt hätte und ich sonst weggelaufen wäre – zurück ins Dorf oder hinauf in den Wald. Und da hätte sie keine Ruhe gehabt.
Vielleicht hätte sie mich in diesem Winter auch anbinden müssen: an den Pfosten der Bettlade oder in den Stall an die Krippe – in der Scheuer; hinten im Garten: ich weiß nicht! Jedenfalls geht meine Erinnerung nur bis zu dieser Abfahrt – und dieser Schlachtruf funkt mir immer durchs Hirn: »Atta, Persil, Henko – hinein!« Atta, Persil und Henko, das waren Wasch- und Putzmittel im Krieg – sie sinds wohl auch danach wieder geworden.
Und dann besuchte mich meine Mutter zum ersten Mal im Krankenhaus, nachher auch zusammen mit meinem Vater; aber, sagte sie, ich sei schon länger im Krankenhaus, und sie hätte mich auch vorher schon besucht – aber ich hätte geschlafen und nur geschlafen, ich, und die Ärzte und sie hätten fast nicht mehr daran geglaubt, daß ich jemals wieder aufwachen würde: ich hätte eine schwere Gehirnerschütterung von dem Aufprall mit dem Schlitten auf den Baum, und ich sei drei Wochen bewußtlos gewesen.
Drei Wochen?
Ja, drei Wochen.
Ist es noch Winter?
Es ist noch Winter.
Wo ist mein Schlitten?
Ach, dein Schlitten . . . den hat dr Ähne wieder ganz gemacht; der steht jetzt im Schopf. Aber was willst du jetzt mit deinem Schlitten?
Wieder damit fahren.
Das werden wir sehen.
Und dann sei ich wieder eingeschlafen, aber diesmal normal, doch hätte man sich im Krankenhaus weiter Sorgen gemacht, und sie hätte mich von da an jeden Tag besucht, und alles Geschäft im Haus und auf dem Feld blieb liegen, aber sie hätte ja zum Glück den Hannes gehabt und den alten Feldschütz, Rentner, die schon immer für sie arbeiteten, auch ihr Vater, meine Ähne, sei jetzt öfters ins Tal heruntergekommen. Zuletzt habe sie sich an die Gemeinde wenden müssen wegen eines Fremdarbeiters, den habe sie auch bekommen, aber das sei genauso viel Geschäft mit denen, ich solle doch nur rasch gesund werden, dann werde man schon sehen.
Milch, Kühe und Schafe
Wir hatten eine Kuh – mal eine Geiß, später Schafe – im Stall unter der Stube. Vom Stall zur Straße ging die Miste mit dem Güllenpumper drin.
Eines der Schafe hieß Gretel, das führte ich sogar an der Leine.
Es folgte mir aufs Wort, darauf war ich sehr stolz.
Es hatte keine Angst, vor nichts und niemand: wenn ich es hetzte, ging das Schaf sogar auf Hunde los.
Da kam einmal eine Frau aus dem Flecken mit ihrem Dackel an unserem Haus vorbei, und ich war grad mit Gretel da.
Der Dackel wollte doch gleich gegen das Schaf gehen, da hetzte ich Gretel, und sie blieb stehen, senkte den Kopf, so als ob sie Hörner hätte, und raste wie ein Stier auf den kleinen Hund zu.
Der stutzte, zog den Schwanz ein und jaulte davon.
Gretel ihm nach. Ich hinter ihr her.
Das Weib fing an zu schreien.
Aus der Scheuer kam meine Mutter.
Weit und breit kein Hund mehr, bloß das Weib und ich.
Da trabte Gretel wieder daher und auf mich zu.
Lux! Lux! komm her, schrie das Weib.
Was macht denn dein Schaf mit meinem Hund?
Meine Mutter fragte: Was gibts denn da?
Du bindest sofort das Schaf wieder an.
Nun gut: ich packte das Seil und hielt Gretel fest.
Jetzt rein in den Stall damit, sagte meine Mutter.
Aber die Frau und der Dackel hatten ihre Lehre: mein Schaf war kein gewöhnliches Schaf, und es ließ sich nicht von jedem Dackel einschüchtern. Im Gegenteil. Gretel machte es mit den Hunden, wie ich damals mit dem Schäferhund: es griff an, wenn man es bedrohte.
Als wir noch eine Kuh hatten, gab diese natürlich Milch. Die gab aber so viel Milch, daß wir sie nicht selber trinken konnten, sondern in der Molke abliefern mußten.
Es war eine Wunderkuh. Die verreckt noch, bloß an ihrer Milch; der gerinnt noch das Euter vor Milch, sagte meine Mutter. Und so war es ja dann auch: die Kuh verreckte, und wir hatten keine eigene Milch mehr im Haus.
Als wir die Kuh noch hatten, ging meine Mutter mit einer großen Kanne in aller Herrgottsfrühe in die Molke, und ich mußte natürlich mit, ich wollte mit, da gabs nichts!
Und auch später, als die Kuh verreckt war und wir unsere Milch zum Trinken in der Molke kaufen mußten, bin ich diesen Weg zur Molke und zurück gegangen. Allein. Mit einer Zweilitermilchkanne.
Immer ganz knapp an den Gartenmauern entlang bin ich gestreift, und immer wieder gabs einen Schlag mit der Kanne dagegen.
War die Milchkanne auf dem Rückweg voll, so setzte ich den Deckel drauf und schwang die Kanne durch die Luft, immer naseweis, ob die Milch auch drin blieb und der Deckel nicht fortflog.
Er flog nicht davon, und es blieb immer noch genug Milch in der Kanne, bis ich heimkam, einmal ein Maul voll mehr und einmal ein Maul voll weniger. Aber das würde sich ändern. Man lernte ja jeden Tag dazu beim Milchkannenschwingen, und sowieso war ich nicht der einzige, der das tat.
Geißenmilch schmeckte halt anders, das war keine Kuhmilch. Man erzählte sich, daß auch Schafe Milch gaben, aber die ist scheint’s nur für die Lämmer gut.
Ja, und dann gingen die Schafe eins um das andere weg, auch Gretel war dabei, aber ich konnte ihren Tod noch eine Zeitlang hinausschieben. Sie wurden alle gemetzget, es war ja Krieg, und man brauchte das Fleisch. Man brauchte auch die Wolle, da habe ich mehrmals zugeschaut, wie die Schafe bei uns in der Scheuer geschert wurden.
Wer die Gretel bekam, das weiß ich noch ganz genau: das war ein Lette, also kein Hiesiger, aber der wohnte seit dem Krieg im Dorf. Und er sagte, daß Schaffleisch zu seinem Lieblingsfleisch gehört. Und er zahlte auch ganz gut. Und ich brachte Gretel selbst zu dem Mann und in dessen Haus am Kanal hin. Ich führte das Schaf an der Leine, wie sonst auch; die Leute kamen aus ihren Häusern oder blieben auf der Straße stehen und lachten. Ich lachte auch. Wo gehts hin mit deinem Schafhund, fragten sie.
Ich schüttelte den Kopf und lief weiter. Ich war den Leuten nicht böse, so mußten sie fragen, gerade die Leute in den Straßen, durch die ich selten hindurchkam, wenn ich Gretel auf diese Wiese führte.
Ein Hund ließ sich auf der ganzen Strecke bis zu dem Letten am Kanal in Richtung Ort, in dem meine Ähne lebte, nicht sehen. Hier und da hörte man einen bellen, aber das waren so Köter, die bellten immer, einige kannte ich und verstand mich auch recht gut mit ihnen: das waren so Kerle, da brauchte man keinen Stock oder eine Wurst, daß sie friedlich wurden. Katzen waren etwas anderes, Katzen waren immer etwas anderes; die interessierte ja so etwas gar nicht, und ich betrachtete Katzen eigentlich weder als meine Freunde noch als meine Feinde. Die gab es einfach, die gehörten zum Dorfleben, und eigentlich gehörten die auch niemand; die kannte man auch nicht so gut auseinander wie die Hunde. Doch ich strengte mich auch gar nicht an. Die Gretel war an diesem Tag weder störrisch noch machte sie Luftsprünge vor Freude, so wie manchmal. Sie dachte vielleicht, jetzt gehts auf die Weide.
Es ging in das Haus von dem Letten am Kanal. Hinter der Haustüre führte eine Stiege nach oben. Von da kam der Lette herunter, nahm mir die Gretel ab und führte sie in die Scheuer. Da blieb ich noch kurz stehen und wartete, was nun geschah. Aber es geschah nichts.
Morgen, sagte der Lette, morgen kannst du kommen und zugucken: da wird dein Schaf gemetzget. Aha, sagte ich; gut, dann komme ich morgen. Wann? Gleich um acht. Gleich um acht, wiederholte ich.
Dann ging ich wieder. Das Geld hatte er meiner Mutter schon gegeben. Nun machte ich mich auf den Heimweg. Ich ging die gleiche Strecke, die ich gekommen war. Aber ich hatte kein Schaf mehr; keine Gretel – ein bißchen traurig war es schon. Punkt acht stand ich wieder vor dem Haus von dem Letten. Die Scheuer war schon offen – und die Gretel schon hee: in den Hals gestochen, auf das Hirn geschlagen. Ich hab mir gedacht, du kannst das nicht sehen, erklärte der Lette. Schon recht, sagte ich und ging näher ran. Es machte mir nichts aus, wie er meine Gretel zersäbelte – es war ja doch ein Tier und kein Mensch! Es dauerte nicht lange und das Schaf war in Teile geschnitten, das Blut in Schüsseln drin.
Zuletzt bekam ich noch ein Stück Fleisch mit heim, das sei so üblich, sagte der Lette. Es ist ein gutes Fleisch, nicht zu alt, gerade noch zur rechten Zeit. Und das Fell? fragte ich. Da mache ich mir vielleicht einen Kittel. Ich nickte und trottelte heim mit dem Stück Schaffleisch unterm Arm. Er hatte es vorher noch in Zeitungspapier eingewickelt. Aber schon nach hundert Metern merkte ich, daß es naß wurde unter meinem Arm. Dann nahm ich das Päckle auf die andere Seite.
Seckel
Dem Schäfer begegnete ich ja nochmal. Diesmal ohne Hund. Da mußte an der Kirche in der Dorfmitte etwas los gewesen sein, vielleicht kam auch eine Nachricht im Radio oder in der Zeitung, die den Schäfer aufbrachte und weshalb er mit den Leuten händelte – wie ein Verrückter, sagten die Leute.
Auf einmal deeberte er los, ich war gerade dazugekommen:
«Dia ghaerdad älle am Seckel an Kirchturm naufghängt!« Alle Leute blickten zum Kirchturm hinauf.
Er war ganz schön hoch.
Ich wußte nicht, wen der Schäfer da hinaufhenken wollte – an was, das verstand ich schon. Aber die Leute wußten es vielleicht. Jetzt lachten sie und liefen auseinander. Hat doch keinen Zweck, hörte ich noch einen Alten bruddeln.
Und ich drehte auch ab. Und der Schäfer wackelte weiter die Hauptstraße hinab – in die nächste Wirtschaft: in den »Anker«. Bestimmt war er besoffen, und jetzt gings weiter.
Kinderschüle
Ins Kinderschüle bin ich ja auch noch gegangen. Es gab zwei davon im Dorf, und zwar alle um die Kirche und die richtige Schule herum.
Ich bin in beide gegangen. Zuerst in das, von der Hauptstraße aus gesehen, hinter der Kirche.
Das war ein niedriges Holzhaus inmitten eines großen Gartens. Wenn ich zurückdenke, war meistens schönes Wetter, und wir hockten draußen, sandelten in den Sandkästen und schaukelten auf einer der zwei Schaukeln.
Das Schönste an der ganzen Sache Kinderschüle war aber das Vesper. Die Kinder hatten alle morgens ihr Täschle mitgebracht mit einem doppelten Brot drin oder einer Brezel und einem Apfel oder einer Birne. Zu trinken bekam man von den Tanten.
Die Täschle wurden alle gleich an die Haken der Garderobe gehängt. Da hingen sie nun in allen Farben. Und wenn es soweit war, nahmen die Tanten eine Handvoll weg und verteilte sie unter den Schreiern.
Wenn ich nur wüßte, wo das Täschle hingekommen ist, es war sicher aus Leder, und mein Ähne, der auch Stiefel und Geldbeutel selber machen konnte, hat es mir zusammengenäht. Vielleicht hat es meine Mutter auch fertig beim Sattler gekauft, und es ist dann an meine Schwester gegangen, und die hat es jetzt geliefert, also heegemacht.
Nachher sind wir dann in den anderen Kindergarten umgezogen, der hieß Hindenburgschule und war direkt an der Hauptstraße. Das Haus war viel größer und aus Stein, und über uns, da gab es noch mehr Räume, und da wohnten auch Leute.
Mörder
Manchmal – nicht sehr oft – kam mein Ähne von seinem Dorf auch zu uns herunter, um meiner Mutter zu helfen oder um uns den Osterhasen zu bringen. Aber meistens suchten wir den Osterhasen bei ihm: und der Osterhase hatte seine Eier in kleine Krättle auf richtiges Moos gelegt, die Körbe wurden sonst zum Brotbacken benutzt.
Und wenn er dann in die Stube hereinkam – der Hut blieb fürs erste auf dem Kopf –, schaute er immer auf das Führerbild an der Wand über der Kommode und sagte:
Nimm doch den Mörder von der Wand! Das ist doch ein Mörder; das sieht man doch, wenn man ihm nur in die Augen schaut.
Vater! rief meine Mütter jedesmal und schloß Türen und Fenster: wenn dich jemand hört. Wir werden angezeigt, vollends ich, eine Hitlerfrau.
Na ja, sagte mein Ähne und setzte endlich seinen Hut ab. Was ist auf den Äckern los?
Da habe ich den Räber-Schorsch bestellt mit seinen Gäulen, antwortete meine Mutter. Dann drehte sich das Gespräch wieder nur um diese Dinge.
Der Schlafmacher
Ich hatte den Mann mit dem Fahrrad, den meine Mutter einige Tage durchgefüttert hatte, längst vergessen, als eines Tages ein schwarzes Auto vor unserem Haus hielt. Zwei Männer, mit schwarzen Ledermänteln bekleidet, näherten sich der Haustüre.
Ich hatte das Auto kommen sehen und mich hinter der Miste versteckt.
Jetzt richtete ich mich langsam auf und äugte über die Mistemauer. Einer drückte jetzt die Haustürklinke, während sich der andre nochmal umschaute.
Dann verschwanden beide in der Haustür.
Ich raste hinter das Haus in den Garten, wo meine Mutter gerade beschäftigt war. Sie hatte meistens die Haustüre geschlossen, auch wenn sie daheim war, ich mußte ja nicht durch die Haustür, wenn ich ins Haus hinein oder daraus heraus wollte: da gab es den Weg von hinten durch den Schopf, oder durch den Hühnerstall, oder durch das kleine Fenster im Abort. Aber dazu brauchte ich eine Leiter. Nach einer solchen brauchte ich auch nicht lange suchen.
Diesmal mußte es meine Mutter vergessen haben, die Haustüre abzuschließen, da sie doch länger im Garten zu tun hatte.
Sie bemerkte mich gleich und blickte von ihrer Arbeit auf: Mamma, da sind zwei Männer; die sind schon im Haus drin. Die sind mit einem schwarzen Auto gekommen.
Meine Mutter ließ die Hau fallen und band sich den Schurz ab.
Wo?
Wir kamen von hinten durch den Schopf in die Scheuer, und von dieser Scheuer aus – oder in sie herein – ging eine Tür in den Hausgang, in den man von der Haustüre her trat und von dem aus die Stiege nach oben zur Küche und zur Stube führte.
Da hörten wir einen der Männer rufen: Hallo? Niemand da? Ja, was gibts? rief meine Mutter schon von weitem. Uns beiden war nicht geheuer.
Sie schob den Riegel von der Tür aus der Scheuer in den Hausgang zurück, da standen sie vor uns und wir vor ihnen. Grüß Gott. Geheime Staatspolizei. Sind Sie Frau Simpel? fragten die Männer und zeigten kurz einen Ausweis.
Dürfen wir mal mit Ihnen sprechen?
Ja, um was geht es denn? Dann kommen Sie doch rauf. Mein Mann ist nicht da; der ist Soldat.
Das wissen wir. Sie brauchen keine Angst zu haben.
Meine Mutter führte die Herren in die Stube. Ich folgte vorsichtig.
A Gläsle Most? fragte meine Mutter.
Ja, bitte.
Sie stellte einen Krug Most und zwei Gläser auf den Tisch, dann brachte sie noch einen halben Laib Brot, zwei Teller und ein Messer. Die Herren mögen sich bedienen, sagte meine Mutter und nahm langsam und etwas umständlich ebenfalls am Tisch Platz. Die Herren hatten nacheinander die Mäntel aufgeknöpft. Ich hockte hinter dem Ofen und lauerte.
Sie haben vor einiger Zeit einen Mann bei sich aufgenommen . . . begann der eine. Er fragte noch, ob er rauchen dürfte. So antwortete meine Mutter gleich doppelt, indem sie zögernd sagte:
Ja; ja, was ist mit dem?
Ist Ihnen nichts aufgefallen?
Was soll mir aufgefallen sein? Er hatte ein Fahrrad.
Das war gestohlen, meldete sich jetzt zum ersten Mal der andere. Der erste nickte: Hat er Ihnen nichts erzählt? Hat er nicht versucht, Sie zu hypnotisieren oder Ihnen aus der Hand zu lesen? Hat er Ihnen nicht die Zukunft und den Untergang Deutschlands vorhergesagt? –
Meine Mutter verstand kein Wort.
Ein gefährlicher Mann, sagte wieder der zweite. Ein Verbrecher: er ist aus dem KZ ausgebrochen, und jetzt suchen wir ihn.
Ja, sagte meine Mutter, jetzt müsse sie nachdenken, zum Schaffen habe sie ihn nicht brauchen können, deshalb habe sie ihn auch fortgeschickt, obwohl er noch länger bleiben wollte. Nein, hypnotisiert habe er sie nicht.
Überhaupt, was denn das heiße: Hypnotisieren?
Hypnotisieren – das komme aus dem Griechischen und heiße jemand einschläfern, schläfrig machen, so daß man nachher keinen Willen mehr habe –
Macht der Mann den Schlaf? Ist das ein Schlafmacher, fragte ich dazwischen.
Um Gottes willen, rief meine Mutter und schlug die Hände über den Kopf zusammen: mit so etwas wollen wir nichts zu tun haben.
Die Herren hatten sich Most eingeschenkt, und einer davon trank nun. Ich war gespannt, wann der erste zum Brotlaib griff und sich einen Ranken heruntersäbelte; denn wenn man Durst hatte – und dazu noch rauchte dann mußte man doch auch einmal Hunger haben. Knurrte mir doch schon der Magen und wurden meine Lippen ganz trocken, bloß vom zugucken.
Hat er Ihnen wirklich nichts erzählt?
Das war der, der als erster gesprochen hatte: er blieb hartnäckig.
Jetzt supfte auch der andere von seinem Most. Aha: einer nahm jetzt das Messer und griff zum Laib – ich bin so frei! Bitte, bitte! – –
Ja, doch, er hat was erzählt; er hat viel erzählt, wo er schon überall herumgekommen ist und was er schon alles gemacht und gesehen hat – in Düsseldorf oder Duisburg ist er zu Hause! –
Ja, das stimmt! Weiter? Ein gutes Brot haben Sie da, und auch der Most. Alles selber gebacken und selber gemacht. – Ja, daß er das könne!
Was könne?
Daß er Leute um seinen Willen bringen könne, so sagten Sie doch? Daß er hypnotisieren und in die Zukunft blicken könne. Aber er dürfe es nicht, nicht mehr, sonst komme er ins Zuchthaus. Ich wollte davon nichts wissen.
Er hat es immer und immer wieder getan: deshalb ist er ins Gefängnis gekommen, sagte der zweite mit vollem Mund.
Um Gottes willen – dann ist er ausgebrochen?
Jawoll!
Dann habe ich ja einen Verbrecher beherbergt.
Das konnten sie nicht wissen, schaltete sich der erste ein, er hatte die Backen mit Brot ausgestopft.
Wir wollen nur wissen, was er gesagt hat und wo er jetzt hin ist.
Das weiß ich nicht.
Hat er Ihnen nichts gesagt?
Ja, daß er aus Düsseldorf oder Duisburg ist, da ist er jetzt vielleicht hin.
Da ist er nicht; wir haben da schon gesucht. Er muß hier sein, in Württemberg, da ist er gut aufgenommen worden. Vielleicht kommt er wieder zu Ihnen.
Zu mir nicht. Dann schicke ich ihn sofort weg.
Erzählen Sie uns doch nochmal, was er gesagt hat – er war doch volle zwei Tage und zwei Nächte bei Ihnen, da müssen Sie doch etwas miteinander geschwätzt haben, wenn er schon nicht richtig schaffen konnte, das sagten Sie doch?
Das sagte der, der vorher nichts vom Brotlaib wissen wollte, und jetzt fraß er ein Stück um das andere und schenkte sich schon wieder Most ein. Dieser Saufkopf! Dieser Freßsack, elendiger; Blitz, daober!
Er hat gesagt, daß er das nicht mehr machen dürfe . . . und daß er Dinge in der Zukunft sehen könnte, die andere nicht sehen könnten.
Was hat er Ihnen gesagt, was er in der Zukunft sieht?
Er hat gesagt, daß wir den Krieg verlieren.
Und was haben Sie als Hitlerfrau geantwortet? Sie sind doch eine Hitlerfrau? Ihr Mann ist bei der Waffen-SS; er war bei der SA: er ist ein »Alter Kämpfer«.
Dieser Freßsack, elendiger; Blitz, daober!
Ich habe gesagt, das glaube ich nicht.
Sonst nichts?
Freßsack . . .
Er hat den Untergang Deutschlands prophezeit. Ich habe das alles nicht geglaubt und habe ihm gesagt, ich möchte das gar nicht hören.
Sie hätten den Mann anzeigen müssen.
Aber . . .
Glauben Sie denn auch an den Untergang Deutschlands?
Das sagte einer für beide, ich weiß nicht welcher: aber alle zwei starrten jetzt meine Mutter an, der Most war gesoffen und die Hälfte von dem angeschnittenen Brotlaib gefressen. Ich kümmere mich nicht um Politik, das macht mein Mann, der ist jetzt aber im Krieg; Sie können ihn ja in Holland besuchen, wenn Sie wollen.
Nicht nötig, Frau Simpel. Wir möchten Sie nur warnen, in Zukunft solche Subjekte bei sich im Haus aufzunehmen, und wenn wieder mal so eine Gestalt an Ihre Haustüre klopft, dann melden Sie das. Wir müssen jetzt gehen.
Jawoll! Möchten die Herren nichts mehr? Noch während sie fragte, räumte meine Mutter den Tisch ab – vielleicht aus Angst oder Verzweiflung, weil die Herren auf einmal so ernst geworden waren. Aber zum Glück gingen sie jetzt. Ich verkroch mich noch mehr hinter dem Ofen und kam erst hervor, nachdem sie zur Tür hinaus und die Stiege hinuntergepoltert waren.
Ich blieb in der Stube, stellte mich ans Fenster und beobachtete, wie sie ans Auto liefen, einstiegen und wegfuhren. Vorher hatten sich beide nochmal umgeschaut und sich zugenickt. Freßsack, elendiger, dachte ich; Blitz daober – abhauen! Aber schnell! Sonst krachts!
IV.
Ein Dackel
Jetzt kommst mal her; du bist doch unser Bua, sagte meine Mutter zu mir, als wir aus Tübingen zurückkamen.
Meine Eltern waren zusammen mit mir in die Klinik bestellt worden. Mein Vater hatte gerade Urlaub, und er war in vollem Wichs erschienen: SS-Uniform und schwarze Rohrstiefel, Koppel mit Ehrendolch.
Ich hatte einige Untersuchungen über mich ergehen lassen und verschiedene Spiele machen müssen; ich wurde auf eine Pritsche geschnallt und an einen Haufen Drähte angeschlossen.
Ich verstand nicht recht, was mit mir geschah; ich sah Schwestern und Ärzte immer nur den Kopf schütteln. Manchmal machten sie sehr ernste Gesichter, dann versuchten sie mich wieder mit einem Lachen bei Laune zu halten. Es war mir aber egal, was sie mit mir machten; ich würde schon nicht sterben, und Angst hatte ich nur ein bißchen. Wenn es arg wehtat, dachte ich an unsre Frau Klein aus dem Kinderschüle: die hatte einen Klumpfuß, der tat ihr auch sehr oft weh, sagte sie uns. Besonders, wenn sie schrie: dann hieß das, sie habe große Schmerzen.
Sie hatte keinen Mann mehr. Oder doch. Der war aber fort. Nicht im Krieg. Er sei eingesperrt, sagte sie. Ja, wo denn? Im Gefängnis? Nein, in einem Lager.
In was für einem Lager? In so einem Lager, wie wir welche am Bach bauten? Zwischen den Holderbüschen . . . Nein, nein! Zuerst sei er in Heuberg gewesen, Heuberg auf der Schwäbischen Alb; dann sei er verlegt worden. Wohin verlegt? Ach, es gäbe so viel Lager in Deutschland und außerhalb; das dürfe sie uns nicht sagen. Wir sollten jetzt wieder spielen.
Ich ließ aber nicht locker: was ihr Mann denn getan habe; warum er denn in ein Lager gekommen sei. Mein Vater sei auch einmal in Heuberg gewesen. Aber nicht als Gefangener, unterbrach Frau Klein. Nein, als Bewacher, sagte ich; damals sei ich aber noch nicht auf der Welt gewesen oder erst in dieser Zeit auf die Welt gekommen; es sei aber immer wieder im Haus davon gesprochen worden, weil da noch einige Leute vom Dorf in Heuberg waren, auch Schulkameraden meines Vaters . . .
Sie wolle nicht darüber sprechen, schloß Frau Klein dieses Gespräch.
Komisch, daß ich jetzt an sie denken mußte, und daß das jetzt ein Trost für mich sein soll!
Während des gesamten Aufenthalts im Krankenhaus hatte ich kein einziges Wort gesprochen, auch nicht geweint; ich hatte nur zugehört und gewartet, was nun mit mir geschah. Zweimal saßen wir in dem Wartezimmer und warteten gemeinsam mit anderen Eltern und ihren Kindern. Bis uns die Schwester endlich ins Sprechzimmer hereinrief und wir vor dem Schreibtisch des Arztes Platz nahmen. Der war freundlich, aber nicht verschrocken.
So legte er gleich los: Es sieht nicht gut aus mit Ihrem Jungen, das muß ich Ihnen ehrlich sagen. Aber wir müssen noch die Tests machen und das Ergebnis abwarten.
Um Gottes willen, Herr Doktor, platzte meine Mutter heraus.
Muß er nach Zwiefalten?
Nein, das nicht; er kann in jedem Fall daheim bleiben.
Gibt es da nicht Probleme?
Kaum.
Aber was ist das?
Ihr Sohn, setzte der weiße Kittel an: Ihr Sohn ist nicht krank. Ihr Sohn ist aber auch nicht gesund. Ihr Sohn . . .
ischt a Dackel! rief mein Vater dazwischen, und das sah ihm wieder gleich, einem Doktor ins Wort zu fallen, und vollends in Tübingen!
Ja, auf Schwäbisch heißt das wohl so, sagte der Arzt.
No wissmrs jo, was mr zom dua hääbe, sagte mein Vater und stand auf.
Nein, bitte, behalten Sie Platz; so wollen wir doch nicht miteinander umgehen, in diesem Ton, meine ich, Herr Simpel.
Ich habe zwei Kinder gezeugt.
Ja, freilich.
Alle sind gesund, wie ich auch und meine Frau auch. In meiner ganzen Familie kommt so etwas nicht vor.
Es ist auch etwas anderes.
Was?
Ihr Sohn ist, mal vorsichtig ausgedrückt: nicht entwicklungsfähig; er hat einen gewissen Intelligenzstand erreicht. Doch das Gehirn ist gesperrt, verstehen Sie.
Noe! Auch meine Mutter verstand nicht.
Na ja; einen Geburtsschaden oder eine Vererbung schließen wir aus. Da gabs doch diesen Schlittenunfall?
Ja!
Also . . . Da ist der Karl doch auf den Baum gefahren; er trug eine Gehirnerschütterung davon und war drei Wochen bewußtlos. Stimmts?
Ja; aber von einer Gehirnerschütterung wird man doch kein Dackel, erklärte mein Vater, er war jetzt schon nicht mehr so narret.
Na ja; in der Regel nicht. Aber es gibt Ausnahmen, vor allem, wenn jemand so lange Zeit bewußtlos ist, so wie es ihr Sohn Karl war. Aber ich tröste Sie: es kann sich bessern. Wir haben schon Fälle gehabt, da war die Ausgangslage noch schlimmer. Jetzt wollen wir aber erst einmal zur Untersuchung, schloß der Doktor und gab der Schwester einen Wink, die schon unter der Tür gewartet hatte.
A Dackel ischt a Dackel, bemerkte mein Vater noch im Hinausgehen, aber mehr zu sich als zu anderen.
Na ja, murmelte der Arzt.
Wir hatten uns schon sehr früh auf den Weg machen müssen. Zuerst vom Haus zu Fuß zum Bahnhof. Vom Bahnhof mit dem Zug in die nächste Stadt. Dort umsteigen und fahren bis Tübingen. In Tübingen vom Bahnhof aus zu Fuß in die Klinik.
Da vergeht Zeit.
Wäre ich ernsthaft krank gewesen oder hätte ich einen Unfall gehabt, dann hätten wir Anspruch auf ein Taxi gehabt. Und da gabs im Flecken nur eins, nämlich das Auto vom Kohlen-Rapp. Wie der Name schon sagt, handelt er mit Kohlen: aber bei Bedarf setzt er sein Auto als Taxi ein.
Es gab dann noch einen zweiten Kohlehändler im Flecken. Mit dem sind wir über meinen Vater sogar verwandt, und wir gingen auch manchmal zu ihm hin ich alleine öfters, weil er ein so großes Lager hinten heraus zum Bach hatte.
Aber ein Taxi hatte er nicht, gab sein Auto wenigstens als Taxi nicht her.
Als wir dann zur Schlußbesprechung wieder in das Zimmer des Arztes gerufen wurden, sagte mein Vater »Heil Hitler« und schlug die Absätze seiner schwarzen Stiefel zusammen.
Der Arzt im weißen Kittel sagte, wie schon beim ersten Mal: »Grüß Gott«, und meine Mutter sagte »Grüß Gott« und »Heil Hitler« in einem, und ich sagte »Godda Morga«, denn es war ja noch nicht Mittag.
Wieder sollten wir alle drei vor seinem Schreibtisch Platz nehmen. Meine Mutter nahm mich gleich auf den Schoß, mein Vater nahm die Kappe ab, vielleicht schwitzte er vor Angst, sonst nahm er ja die Kappe nie ab, außer natürlich zu Hause. Und der weiße Kittel ließ sich in seinem Ledersessel hinter dem Prunkschreibtisch fallen.
Ich war inzwischen vom Schoß meiner Mutter runtergerutscht, lief und kroch im Zimmer umher, während die Erwachsenen schwätzten. Ich packte nichts an; ich besah mir nur alles.
Plötzlich war ich unter dem Schreibtisch und roch die Füße des Doktors.
Der hatte ja auch schwarze Stiefel an: schwarze Stiefel unter seinem weißen Kittel! Und die Hose: feiner Stoff mit Bügelfalte. Trug der Mann vielleicht eine Uniform wie mein Vater, nur daß er den weißen Kittel drüber hatte? Ich weiß nicht, ob der Doktor mich bemerkte. Aber meine Mutter wurde nervös. Da ich aber weiterhin nichts anstellte und immer mal wieder unter dem Schreibtisch hervorkam, konnte sie nichts machen. Plötzlich fing meine Mutter zu heulen an, und mein Vater sagte nichts mehr.
Ich hatte nicht mehr zugehört und wußte auch gar nicht, was gesprochen worden war, besonders, was der weiße Kittel wieder Schlimmes gesagt hatte.
Eine Uniform also und schwarze Stiefel: gut, daß ich meine Kreide dabei hatte! Aber ich hatte immer eine Kreide im Hosensack: mal eine weiße, mal eine gelbe, mal eine rote – meistens eine weiße, weils die öfters gab!
Ein Griff in den Hosensack, und ich hatte meine weiße Kreide in der Hand und malte damit ein kleines weißes Hakenkreuz auf die schwarzen Stiefel. Wars der linke? Oder der rechte? Egal!
Ich malte ganz vorsichtig, so daß der weiße Kittel nichts merken konnte: wie ein Hauch legten sich die Striche auf das gewichste Leder.
Hakenkreuze malte ich nicht oft, nur wenn es mir einfiel. Mit meinen Kreiden malte ich vorwiegend Himmel und Erde auf Pflaster und Wände – oder ich malte Zielscheiben auf Haustüren.
Jetzt war mir eben wieder das Hakenkreuz eingefallen angesichts der schwarzen Stiefel des Herrn Doktors.
Ich war mit dem einen Stiefel fertig, jetzt wollte ich auch den andern anmalen. Aber der Doktor blieb ruhig, behielt sein Bein über das andere geschlagen, der stemmte sich gegen die Schreibtischwand, so daß ich nicht herankam. Aber jetzt kam der zweite Stiefel auf den Boden.
Aber da war es zu spät: meine Mutter rief mich, die Besprechung war beendet, und wir konnten gehen. Der Doktor war auch aufgestanden und hinter seinem Schreibtisch hervorgekommen. Blitzschnell ließ ich meine Kreide wieder im Hosensack verschwinden und drängte mich hilfesuchend an meine Mutter. Der Doktor machte einen Schritt auf mich zu, lächelte und strich mir übers Haar.
Zwischen ihm und meinen Leuten nun wieder die gleiche Zeremonie: Hitler und Adee! Jetzt sagte der weiße Kittel doch »Heil Hitler«, und mein Vater setzte seine Kappe wieder auf, und ich habe gesehen, wie er auf den Stiefel des Doktors blickte und sicher das Hakenkreuz entdeckte. Ich glaubte, daß er für einen Augenblick blaß wurde und mir einen bösen Blick zuwarf – wirklich? Aber es blieb keine Zeit mehr zum Fragen: wir mußten heim.
Und auch daheim war von dem Hakenkreuz nicht mehr die Rede. Dafür von mir, und durch mich wieder von anderem, gleichem oder ähnlichem.
Jetzt kommst mal her! Du bist doch unser Bua, sagte meine Mutter in ruhigem Ton zu mir, als wir aus Tübingen zurück waren.
Mein Vater wollte grad wieder aus der Stube raus.
Und du bleibst da, das geht dich auch an.
Was soll ich dazu noch sagen?
Es ist auch dein Kind.
Mein Vater ließ sich nicht aufhalten: er verzog sich in die Küche, kam aber doch mit einem Krug Most wieder. Hockte sich an den Tisch und setzte den Krug an den Mund. Er trank, wenn er nur sich zu bedienen hatte, meistens aus dem Krug.
Du sollst nichts sagen, sondern nur zuhören, nicht immer davonlaufen, so wie es deine Art ist, erklärte meine Mutter. Mein Vater setzte den Krug wieder ab. Er hatte den Kittel ausgezogen und stürmte sich nun die Ärmel seines Hemds. Auch das war seine Art.
Aber es war draußen auch warm geworden; Mai oder Juni wars und die Bäume – vor allem die Kirschen – verblüht. Doch mein Vater schwitzte sowieso gleich.
Meine Mutter holte sich auch ein Gläsle aus dem Büfett und goß sich Most ein, aber nur halb voll, dann schüttete sie Sprudel dazu.
Ich hockte schon wieder auf dem Boden und malte mit meiner Kreide auf dem Linolium – Kreise; einfache Kreuze, aber keine Hakenkreuze. Ich wischte alles gleich mit der Hand oder mit dem Taschentuch wieder weg.
Was macht ihr denn normalerweise mit so Kindern? fragte meine Mutter, nachdem sie ebenfalls einen Schluck von ihrem Most-Sprudel(süß)-Gemisch getrunken hatte, und warf einen kurzen Blick auf das Führerbild über der Kommode.
Ach, hör auf! Ich darf so etwas nicht hören, sagte mein Vater, sprang auf und stampfte mit den Stiefeln in der Stube umher.
Das kommt alles von deinem Vater.
Was kommt von meinem Vater, wollte meine Mutter wissen.
Deine feindliche Einstellung. Ich weiß nicht, mit wem du sonst noch schwätzt im Flecken. Doch ich weiß es schon. Ich habe dir schon lange gesagt, du sollst in den Frauenbund eintreten.
Ich? Fällt mir nicht ein! Da sind die Behrs drin und noch so ein paar, die ich sowieso nicht leiden kann.
Es geht in dieser Zeit des nationalen Umsturzes überhaupt nicht darum, ob man jemand leiden kann: wir haben alle nur eine Aufgabe, dem Führer zum Sieg zu verhelfen. Deswegen stehe ich auch an der Front, schloß mein Vater seine Rede.
Meine Mutter schien darauf gewartet zu haben und entgegnete:
Ja, mit deinem Seckel stehst du an der Front: in Frankreich – und immer hinten herum!
Meine Mutter war in Fahrt, und wenn sie einmal in Fahrt war, dann gab es für sie kaum einen Halt. Das wußte der Alte, und wenn er sich nicht mehr anders zu helfen wußte, schmiß er ihr einen Gegenstand aus dem Haushalt an den Kopf – oder einfach an die Wand oder an die Tür, der Narrete!
Jetzt war es gleich wieder soweit. Aber mein Vater hatte vorher noch etwas zu sagen, nämlich:
Da werden auch Leute gebraucht. Überall werden Leute gebraucht. Und alle Leute. Auch du.
Ich denke nicht daran, das habe ich dir schon hundertmal gesagt. Dein Frauenbund samt deinem Hitler können mir gestohlen bleiben, das sage ich aus mir selber heraus, und nicht von meinem Vater oder von anderen Leuten her. Du kannst ja kämpfen, du bist doch ein »Alter Kämpfer« und kämpfst auch und kämpfst – hoffentlich gewinnst du auch mal etwas für dich!
Weib! schrie mein Vater, nochmal wie zur Warnung: ich habe gesagt, ich darf das nicht hören als SA- und als SS-ler; ich habe einen Schwur getan.
Pah! machte meine Mutter.
Ja, ja: pah! Hör auf, sage ich, sonst bringe ich dich doch noch dahin, wo die andern sind, drohte jetzt mein Vater.
Aha! schrie meine Mutter: Jetzt ist es wieder raus.
Du hast mich dazu gezwungen.
Ich dich gezwungen? Wir wollten mitnander über den Buben schwätzen; er kann nicht in die Schule; er wird zurückgestellt, weiß ich, wie lange – vielleicht geht er überhaupt nicht in die Schule. Wir müssen ihn beschäftigen.
Er soll sich selbst beschäftigen, erklärte mein Vater.
Das sagst du so; du bist ja die meiste Zeit nicht da. Der Amtsarzt sagt: dem Karl fehlt manchmal die Verantwortung – fast so wie euch!
Die letzten Worte hatte mein Vater sicher nicht mehr gehört – wozu sollte er auch? Er kannte sie auswendig.
Denn noch während meine Mutter sprach, hörte ich ihn schon die Stiege hinabsetzen.
Ich rannte zum Fenster, da sah ich ihn: mit festem Schritt und Tritt ging er die Gasse hinab. Bestimmt zitterten jetzt links und rechts in den Häusern die Gläser und Tassen auf den Tischen. Einen solchen Tritt habe nur einer, nämlich der Simpel-Helm! Genauer gesagt, sei es der Hahn-Tritt seiner mütterlichen Vorfahren: die hätten schon so die Füße auf den Boden gesetzt, daß die Welt erzitterte und man sie schon von weitem hörte.
Bestimmt ging er jetzt in den »Adler«, in den »Löwen«, in die »Traube« – seltener in den »Grünen Baum« – oder in das »Waldhorn«, das am nächsten war. Natürlich konnte er auch in die »Linde« gehen, das Stammlokal seiner Partei. Da kam auch noch der »Stern«, der »Anker«, die »Kelter«, das »Rössle« und das »Faß« in Frage. In allen diesen Wirtschaften hatte ich ihn schon im Auftrag meiner Mutter zu suchen, und zum Teil lagen sie weit auseinander, und es kam dann eine ganz schöne Strecke Weges zusammen.
Und bestimmt haute er jetzt dort auf den Tisch und brüllte, daß er sich das nicht mehr gefallen lasse oder so ähnlich. Vorher brauchte er aber noch einige Bier; von Most wollte er in der Wirtschaft nichts wissen.
Im Moment wußte ich wirklich nicht, was weiter mit mir anfangen, und es wäre mir schon recht gewesen, wenn mich jemand beschäftigt hätte. Aber meiner Mutter fiel nichts anderes ein wie zu sagen: Geh jetzt rauf. Wir vespern gleich. Ich muß vorher aber noch in den Stall. Ich schrei dir dann.
Ja, sagte ich, machte auf dem Absatz kehrt und verzog mich in meinen Verschlag auf der Bühne.
Karl der Funkenschläger oder Wilhelm der Dofe
Ich hatte natürlich auch Stiefel, schwere Apparate mit dikken Sohlen, und die Sohlen voller Nägel; die Sohlenspitzen und die Absätze waren zusätzlich noch mit Eisenblättchen gesichert. Damit ließ sich schön über das Straßenpflaster schlagen, daß die Funken nur so stoben. Oft ging ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit nur deshalb nochmal aus dem Haus, um die Funken sehen zu können. Und weil ich das so oft und so gerne tat, hieß man mich im Flecken schon lange »Karl den Funkenschläger«.
Das machte mir aber nichts aus. Der Name war immer noch besser wie Roßboll (so hieß ich auch eine Zeitlang, weil ich im Flecken alle Roßbollen und Kuhfladen mit einem Leiterwägele einsammelte und den Leuten dann für ihre Gärten oder Komposthaufen verkaufte) oder Käsreiter, wie die Kinder auch einen nannten – oder wie »Wilhelm der Dofe«. So sagten sie zu meinem Vater. Das hängt mit seiner Partei oder der SA zusammen.
Die müssen mal zusammen eine Wanderung in die umliegenden Wälder gemacht haben – eine Nachtübung, wie das hieß –, und mein Vater muß der Anführer der Gruppe gewesen sein. Es gab dann noch weitere Gruppen, und sie alle sollten sich an einem bestimmten Punkt in der Landschaft treffen.
Aber mein Vater muß da mit seinen Männern nicht hingefunden haben; muß einen anderen als den vereinbarten Ort erreicht haben, weshalb dann danach der Spottvers »Wilhelm der Dofe, der (statt nach XY) nach Seeberg gelofe« aufkam. Es ging mich nicht direkt etwas an; aber ich meine, mein Vater hätte da schon hinfinden müssen. Da kannte ich mich ja besser in der Gegend aus als er!
Feind hört mit
Droben am »Waldhorn« an der Hausmauer zur Straße war so eine Gestalt auf einem Plakat: ein Schatten mit hängender Schulter. Darauf stand: »Feind hört mit!« Oder wars der »Kohlenklau?« Der sah so ähnlich aus.
Weil ich die Sache nicht verstand, habe ich meine Mutter gefragt: Du, wer ist eigentlich unser »Feind«? Und dann habe ich alle Leute auf der Straße gefragt: He, wer ist eigentlich unser Feind? Ich hab doch gar keinen Feind. Aber ihr. Wer ist das? Wie heißt der? Wo wohnt der?
Den Ortsgruppenleiter habe ich nicht gefragt, der hat aber erfahren, daß ich den Leuten auf der Straße solche Fragen stelle, und kam eines Tages zu uns ins Haus und fragte meine Mutter: Maria, dein Karl fragt da so Sachen auf der Straße rum – woher hat er das?
Von mir nicht, antwortete meine Mutter. Und: Fritz, du weißt, mein Karl ist verrückt, deswegen geht er auch noch nicht in die Schule, und in diesem Zustand fragt man vielleicht so etwas. Ich habe es ihm längst verboten, aber er folgt scheints nicht.
Na, sagte der Ortsgruppenleiter; ich habs nur gesagt, ich will auch gar nichts gehört haben, fügte er hinzu und dampfte ab. Er war ohne Uniform gekommen, denn er war in der Hauptsache Bauer, und jetzt auf dem Weg ins Feld, da wollte er das auch geschwind erledigen.
Der Fall »Karl Simpel«
An dieser Stelle gibt es wieder einen Einschub oder Einschaltung des Schriftsteller-Kommissars Rudolf Maier in den ohnehin recht locker gestalteten Aufzeichnungen zum »Fall Simpel«. Maier berichtet immer wieder – wenigstens hat es den Anschein – über den Verlauf des Verhörs im Stuttgarter Polizeigefängnis 1948. Er scheint nicht gerade begeistert zu sein von dieser Geschichte, und am liebsten hätte er den Fall wieder abgegeben. Aber er mußte ihn zu Ende fuhren, so lautete der Bescheid von oben.
Die Unzurechnungsfähigkeit des Buben war ja festgestellt. Trotzdem wollte man seine Aussagen haben, bevor er in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wurde. Also doch Zwiefalten, da hatte seine Mutter recht gehabt. Oder Winnenden.
Der Erzählerstandpunkt wechselte: so berichtete er einmal in der Ich-Form und dann wieder in der dritten Person »Er«. Wenn er den Fall am liebsten wieder abgegeben hätte, dann aus zweierlei Gründen: einmal tat ihm der Karl leid, zum anderen hielt er die Verhöre für unnötig. Sie brachten im Grunde niemand etwas. Höchstens ihm privat für seine Schriftstellerei. Aber nicht irgendeiner Behörde. Die beiden Nazis waren tot, und vielleicht hatten sie es verdient. Und wenn sie es verdient hatten und blutige Hände hatten, dann mußten sie ihre Strafe bekommen: von den Gerichten, von der Gesellschaft, jedenfalls von normalen Leuten und von keinem Dackel.
Doch wenn von denen zu dieser Abrechnung keiner nach dem Zusammenbruch und später in der Lage war, dann mußte halt so ein Dackel kommen, von dem man bis jetzt immer noch nicht wußte, ob er wußte, was er tat!
»Kommen wir jetzt endlich zur Sache, Simpel!« schrie Maier. Er wollte noch mehr aufbrausen, da fing er einen Blick seiner Sekretärin an der Schreibmaschine auf, und riß sich zusammen.
»Zur Sache, sagte ich!«
»Zu was für einer Sache, Herr Kommissar?« Manchmal wußte man bei Simpel wirklich nicht, wo man dran war – war es wirklich ein Dackel oder tat er nur so? Jetzt zum Beispiel dieses Grinsen . . . das zerrte doch ganz schön an den Nerven. »Wie moinet Sie des?« Das war eine Lieblingsfrage des Buben. »I moin des so«, begann Herr Maier ganz ruhig und von vorne: »Warum hast du damals die beiden Männer erschossen? Einfach kaltblütig abgeknallt, ha? Du drückst dich dauernd herum, wie die Katze um den heißen Brei.«
»Katze?« fragte Simpel. »Und um den heißen Brei? Aber das muß man doch, den Brei etwas stehenlassen, wenn er heiß ist, sonst verbrennt man sich die Labbel. Ich hab mir schon paarmal die Labbel verbrannt, als Kind, seitdem lasse ich den Brei stehen, bis er kalt ist. Ich weiß, von was ich schwätz; ich eß gern Brei, es ist mein Lieblingsessen. Schade, daß es hier so wenig Brei gibt . . .«
»Wenn du mir sagst . . . Ach, was! Du kriegst Brei, wenn du willst. Der hat aber gar nicht viel Kalorien, und die brauchst du jetzt!«
»Sie sind so gut zu mir, Herr Maier, wie mein Vater, wenn er gut zu mir hätte sein wollen. Aber ich weiß wirklich nichts . . . Sie wollen mich doch nicht zwingen?«
»Überhaupt nicht, Simpel!«
»Ich sag doch schon die ganze Zeit die Wahrheit: Punkt für Punkt; es war da ein innerer Befehl, und ich mußte abdrücken, wenn sie das meinen?«
»Ja, das meine ich.«
»Aber mehr weiß ich nicht. Haben Sie mir jetzt einen Brei? Einen Löffel hätte ich. Und auch eine Gabel. Das Messer ist noch in der Zelle. Da!« Simpel griff in beide Hosensäcke und legte einen Löffel und eine Gabel auf den Schreibtisch. Der Kommissar fuhr wie von einer Wespe gestochen von seinem Stuhl hoch, auch die Sekretärin erschrak.
»Wo hast du das her? Was, ein Messer hast du auch? Fräulein Schmidt, rufen Sie an, die sollen sofort nachschauen. Gib die Sachen her.«
Man hatte Karl nach der Einlieferung hier alles abgenommen: Taschenmesser, Hosenträger, Schuhbändel – Löffel und Gabel gabs mit dem Essen; sie mußten mit dem leeren Teller wieder abgegeben werden. Aber Simpel hatte sie noch; er hatte sie nicht abgegeben oder sie irgendwo mitlaufen lassen.
»Du darfst die Sachen nicht behalten«, erklärte Maier gutmütig; »du könntest dir damit etwas antun, so wie den zwei Männern.«
»Damals hatte ich doch ein Gewehr; ich erschieß doch niemand mit einer Gabel oder einem Löffel.«
Maier faßte nach: »Hast du jemand mit dem Gewehr erschossen?«
»Ich weiß nicht«, sagte Simpel. Widerstandslos ließ er sich das Besteck abnehmen.
»Wir machen für heute Schluß, Fräulein Schmidt«, sagte der Kommissar unvermittelt.
»Isch recht, Herr Maier! Noch des letzschte Täßle Bohnakaffee – vo onsre Sieger?«
»Aber gern! Des Raucha ischt doch ungesund, wenns jetzt auch wieder Tabak und Zigaretten gibt.«
»Für Sie!«
»Für mich?«
»Jedenfalls net für alle!«
»Ach so! Jo, das kann stimmen. – Simpel«, wandte sich der Kommissar wieder an den Buben, der regungslos auf seinem Stuhl saß. Er schien nichts zu hören und nichts zu sehen. Doch nun horchte er auf.
»Ha?«
»Simpel – wir machen Schluß für heute. Nur noch eine Frage – die habe ich dir schon paarmal gestellt, aber nie hast du mir eine richtige Antwort drauf gegeben: Hast du gewußt, daß der Bürgermeister in der Hütte war?«
»Ha, des hot doch dr ganz Flecka gwißt! Sie kennet naufganga ond frooga, wenn Se mir et glaubet.«
»Dann bist du also extra da hingegangen . . .?«
»Noi.«
»Was noi?«
»I bin et extra do nooganga; dui Hütte ischt uff oimol doogschdanda.«
»Simpel! . . .« Der Kommissar wollte sich grad wieder aufregen, da besann er sich, was er gesagt hatte: nämlich daß für heute Schluß sei. »Gut! I schell jetzt; no kommt jemand ond bringt dich auf dei Zelle. Du kennscht die Leut?«
»I kenn die Leut; Sie brauchet sich koine Sorga macha.«
Der Bub wurde geholt. Auch Fräulein Schmidt war gegangen. Der Kommissar war allein im Zimmer und brütete. Dem Simpel ging es gut; er bekam regelmäßig Besuch von seiner Mutter – nicht vom Vater! Der kümmerte sich offenbar nicht um ihn, so wie Karl eines Tages nicht mehr nach ihm fragte. Es war ihm gesagt worden – von seiner Mutter und von anderen –, daß er noch in dem Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb lebe, im gleichen Haus, nach der Scheidung im gleichen Jahr, 1948, kurz vor der Tat; er wolle ein Geschäft anfangen, ein Baugeschäft und wohl auch wieder heiraten, und zwar das gleiche Weib, mit der er es schon im Krieg gehabt hat. Draußen an seinen vielen Fronten – hinter der richtigen Front! Die Mutter wohntejetzt mit Karls Schwester beim Ähne und beider Ahna in dem Flecken auf der Höhe. Aber das war kein Zustand auf die Dauer.
Nein, Karl ging es gut; er bekam genug zu Essen – ohne das, was ihm seine Mutter jedes Mal mitbrachte –, und er durfte auf den Hof runter und kicken: man stelle sich vor, mit einem richtigen Fußball, Lederfußball, den ihm ein Wächter geschenkt hatte, und der kickte auch ab und zu mit ihm. Oder andere.
In den nächsten Tagen erzählte Simpel wieder:
Der Laub stall
So ein schwäbisches Haus besteht ja nicht nur aus Scheuer, Schopf, Kuhstall, Hühnerstall, Kammer, Küche, Stube und Bühne. Außer dem Kuhstall und dem Hühnerstall gibt es auch noch den Laubstall. Wir hatten so einen, und mein Ähne hatte so einen.
Unser Laubstall lag neben der Waschküche zwischen Hühnerstall und Kuhstall; beide Räume wurden später zu einem Bad und einem zusätzlichen Zimmer umgebaut.
In diesen Laubstall kam das Stroh und das Laub, das im Frühjahr von den Wiesen abgerecht wurde; auch richtiges Waldlaub – Buchenlaub – war darunter, denn mein Ähne hatte auch eigenen Wald, aus dem wir im Herbst das Laub holten. Nach und nach wanderte dieses Laub und das von den Wiesen abgerechte Stroh in den Kuhstall, wo es den Kühen gestreut wurde. Auf diese Weise wurde es wieder Mist und machte zwei-, dreimal diesen Kreislauf Kuhstall – Laubstall; Laubstall – Kuhstall. Vor nichts habe ich mich in unserem Haus und in dem Haus von meinem Ähne so gefürchtet wie vor dem Laubstall. Da war es immer dunkel, und es hieß, da seien Ratten drin. Aber warum sollten da Ratten drin sein? Bei meinem Ähne war der Laubstall stets bis unter die Decke angefüllt, und man fiel da so weich, wenn man sich da hineinstürzte.
Ja, wenn man sich verstecken wollte, dann war man im Laubstall am sichersten. Aber es konnte einem auch passieren, daß man die Gabel in den Ranzen gesteckt bekam. Eine Gabel steckte immer im Laub, und wenn einer Stroh holte, dann riß er die Gabel heraus und stach sie wieder hinein. Natürlich machte man das auch so aufdem Heu- und auf dem Strohbahrn. Aber das war etwas anderes. Um auf den Heu- oder Strohbahrn zu kommen, mußte man erst über die Leiter nach oben steigen. Was machte das für einen Unterschied?
Vielleicht deshalb die Geschichte mit den Ratten? In den Laubstall konnten die Ratten leicht gelangen, da brauchten sie nur durch die Scheuer oder aus dem Garten herein kommen. Aber hatte man schon gesehen, daß Ratten eine Leiter hinaufsteigen konnten? Das mochte es geben und gegeben haben. Doch meine Eltern, mein Ähne und ich hatten es nicht gesehen; das war unser Trost.
In dem Übergang zwischen Scheuer und Laubstall stand die Futterschneidmaschine, und so vermischten sich in diesem Bereich auch Laub, Heu und Stroh, das vom Bahrn gelassen wurde, im Sommer mit Gras und Klee.
Ich höre immer noch meine Schwester schreien, die ich einmal in den Laubstall bei uns gesetzt hatte – nur um auszuprobieren, ob es da wirklich Ratten gab: ich würde ja nachher sehen, ob sie meine Schwester angefressen hatten. Aber nichts war passiert. Sie schrie nur so, als ob die Ratten an sie gegangen wären. In solchen Augenblicken wünschte ich mir, daß der Spitzer noch da wäre: ich hätte ihn vorher in den Laubstall geschickt, dann wäre ich nachgekommen. Denn ich hätte, wenn feststand, daß es da keine Ratten gab, nirgends lieber sein wollen als im Laubstall.
Das Gespensterhaus
Es gab da noch einen Ort, der nicht nur mir, sondern allen Kindern Angst einjagte. Das war das Gespenster- oder das Hexenhaus in dem Dorf von meinem Ähne.
Das Haus stand seit ich denken konnte leer, praktisch war es das einzige verfallene Haus im Dorf und zog schon deshalb die Aufmerksamkeit von uns Kindern an.
Wir sagten Gespenster- oder Hexenhaus dazu, obwohl niemand von uns je ein Gespenst oder eine Hexe darin gesehen hatte.
Es stand am Rande der Siedlung gegen den Berg; die Bewohner, eine alte Frau und ein alter Mann, waren vor einiger Zeit gestorben, danach wollte niemand mehr hinein.
Und so wurde ein Fenster um das andere eingeworfen, eine Tür um die andere eingedrückt und Stiege nach Stiege zerschlagen. Das trauten wir uns noch: Fenster und Türen einzuschlagen, weiter mochte keiner von uns gehen. Und so waren schon bald die tollsten Gerüchte im Umlauf: es gäbe da einen unterirdischen Gang, und wer da ins Haus hereinkäme, der fiele gleich hinunter in den Keller, wo die Geister auf ihn warteten.
Auch wenn viele daran zweifelten – auch ich –, so wollte es doch niemand auf einen Versuch ankommen lassen. Es blieb dabei, daß wir das Haus mit Steinen bombardierten und wußten, daß niemand mehr darin wohnte – außer vielleicht Gespenster und Hexen. Aber um sie war es ja nicht schad, wenn sie von einem Stein getroffen wurden.
Ich wußte sehr wohl wie Hexen aussahen; unten im Tal waren zwei, ganz in der Nähe von unserem Haus. Das waren zwei altledige Weiber, und zu ihrem Haus sagte man auch Hexenoder Storchenhaus. Das waren zwei hochgewachsene, dürre Damen, die sich aus allem Geschehen im Flecken raushielten und nur in ihrem Haus und von der kleinen Landwirtschaft lebten. So sah man sie öfters mit dem Handwagen oder dem sogenannten Räuberkarren herumfahren. Damit holten sie ihr Gmüs von den Feldern oder Gras und Heu für ihre Geißen.
Auch diese Weiber haben wir genarrt. Aber das war etwas anderes. Nie haben wir bei ihnen Fenster eingeworfen oder Türen eingeschlagen. Wir haben ihnen auf der Straße höchstens nachgeschrien; aber das war schon gefährlich genug. Denn wer wußte, ob sie uns nicht nachts erschienen: als Hexen und Gespenster. Ihr Haus war ja auch schon so eingerichtet: schmal und von der Straße etwas zurückversetzt. Von einem Winkel führte eine hölzerne Stiege nach oben zur Haustüre.
Jenes Gespenster- oder Hexenhaus in dem Dorf von meinem Ähne wurde eines Tages doch abgerissen und das Gelände von einem Bagger eingeebnet, das war schon eine Enttäuschung, nicht nur für mich, sondern für alle Kinder: jetzt waren die Geister hin und niemand konnte mehr nachprüfen, ob sie wirklich gelebt hatten. Sie hatten uns Angst gemacht, das mußte genügen.
Sonderurlaub
Nicht, daß wir uns nicht gefreut hätten, meine Mutter, ich und meine kleine Schwester, wenn mein Vater Urlaub hatte und heimkam.
Er brachte auch immer für jeden etwas mit – von seiner Front in Frankreich, Belgien und Holland! Meiner Mutter hatte er es vorher geschrieben, wenn er kam, und meine Mutter hatte es mir dann auch gesagt.
Aber ich war dann doch jedesmal sehr überrascht, weil ich seine Ankunft vergessen hatte.
Wenn ich drandachte, ging ich zum Bahnhof, um ihn dort zu erwarten, denn er kam immer mit dem Zug. Aber meistens stand er schon vor der Haustüre, wenn ich nach ihm fragte, war er schon zu Fuß vom Bahnhof gekommen.
Manchmal kam er schon die Stiege herauf und ich war noch oben. Dann rannte ich ihm entgegen und fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Sein Gesicht war stachlig, die Barthaare stupften, und er roch auch nicht gut. Aber das machte nichts: Hauptsache er war wieder da.
Doch diesmal blieb ich auf der Treppe erschrocken stehen, und er lachte auch nicht wie sonst, sondern begann zu weinen, auch meine Mutter schluchzte über mir.
Was ist denn mit deinem Arm, Babba? fragte ich. Denn ich hatte entdeckt, daß er den rechten Arm in einer Schlinge trug, und der Arm war dick verbunden, und ich meinte zu sehen, wie an einigen Stellen das Blut durchdrückte.
Mein Vater wischte sich mit der linken Hand über die Augen, dann streckte er sie mir entgegen und kam vollends die Treppe herauf. Und oben vor der Küche strich er mir übers Haar und sagte:
Ich bin verwundet. Granatsplitter. Ich war im Lazarett und habe jetzt noch vierzehn Tage Sonderurlaub bekommen. Somit hatte auch meine Mutter jetzt Klarheit oder eine Bestätigung dessen erhalten, was in den spärlich eintreffenden Briefen stand.
Ich muß jetzt alles auf links umstellen, erzählte mein Vater. Wir saßen jetzt schon in der Stube, und unsere Gesichter waren wieder etwas heller.
Am Anfang ist mir das schwergefallen. Ich konnte nicht mal einen Brief schreiben, ich mußte einen Kameraden darum bitten, daß er einige Zeilen an dich aufsetzt, sonst hättest du gar nichts vorher erfahren. Es tut noch weh, fuhr mein Vater fort; aber es war schon schlimmer. Wie gehts hier, fragte er jetzt.
Es geht; wir sind alle gesund, mein Vater und meine Mutter auch, berichtete meine Mutter; sie haben Frau Klein, die Kindergärtnerin, abgeholt.
Wer?
Die Polizei! Sie hätte etwas gegen den Führer gesagt und auch schon seit längerem Feindsender gehört; Radio London.
Ich verstand erst allmählich, um was es ging. Ich hörte nur den Namen Frau Klein und Kindergärtnerin und horchte auf; kam vorsichtig wieder an den Tisch zurück, an dem meine Eltern saßen und von dem ich mich inzwischen entfernt hatte, um die Tasche zu untersuchen, die mein Vater mitgebracht hatte. Auf dem Bahnhof war noch ein Koffer, erfuhr ich dann; den müßte ich nachher mit dem Leiterwägele holen – ich oder meine Mütter selber!
Was ist mit Frau Klein? fragte ich vorsichtig.
Ach, nichts, antwortete meine Mutter. Die kennst du doch gar nicht mehr; du warst nur ein paar Monate bei ihr. Die ist von der Polizei abgeholt worden.
Und wohin hat man sie gebracht?
Das geht uns doch nichts an, unterbrach mein Vater streng. Wir haben mit der nichts zu tun. Vielleicht ist sie auch schon wieder daheim.
Das glaube ich nicht, sagte ich. Warum glaubst du das nicht, wollte mein Vater wissen.
Ihr Mann ist ja auch nicht mehr daheim, und den haben sie auch abgeholt, die Polizei: der ist jetzt in einem Lager.
Halt den Mund; den Mund sollst du halten. Mein Vater wurde jetzt zornig, und es war nicht der übliche Zorn, den er im Suff hatte. Diesen Zorn hatte er auch, wenn er gar nichts getrunken hatte.
Weib, mach mir etwas zum Vespern, sagte er jetzt. Meine Mutter hatte schon von sich aus den Brotlaib auf den Tisch gebracht.
Du gehst heute aber nicht mehr fort, in die Wirtschaft, meine ich, fragte sie.
Nein, und morgen auch nicht. Ich will erst ausschlafen. Aber übermorgen gehen wir zum Ähne, der Karl geht mit.
Ja, ich geh mit.
Es ist doch alles meine Heimat, die habe ich draußen so vermißt, grübelte er. Wir können ja morgen drüber schwätzen, was hier los ist, jetzt muß ich aber ins Bett. Der Arm tut wieder weh; morgen müssen wir auch meinen Koffer vom Bahnhof holen, da hats noch mehr Geschenke für euch drin, das hier ist ja bloß meine Tasche. Ach, der Karl hat sie ja schon umgedreht. Hast du etwas gefunden?
Ich hatte etwas gefunden: Schokolade, sagte ich.
Noch einen Krug Most kannst du mir bringen, bevor ich ins Nescht gehe; da draußen gibts auch keinen Most, die wissen gar nicht, was das ist.
So dabfer ging er also dann doch nicht ins Nescht; erst trank er einen Krug Most, dazu vesperte er einen gebratenen Leberkäs mit Spiegelei, dann trank er noch einen Krug Most. Dazwischen erzählte er und erzählte von seinen Erlebnissen in Frankreich, Belgien und Holland.
Doch da mußte ich nach oben; meine Mutter kam mit rauf und wartete, daß ich auch richtig betete: Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Äuglein zu . . .
Ich schlief aber an diesem Abend schwer ein: immer sah ich meinen Vater vor mir, wie er seinen blutenden rechten Arm in die Höhe hielt . . .
Daneben meine Mutter. Sie weinte und schrie immerzu: mein Vater solle doch endlich seinen Arm herunternehmen, da käme doch kein Blut in die Finger, und der Arm würde absterben, wenn er ihn noch lange so hoch halte.
Aber mein Vater hörte nicht auf sie; im Gegenteil, je mehr sie schrie, desto höher hielt er den Arm, bis er schon hinter dem Kopf war. Plötzlich fiel der Arm herab, fiel wie ein abgesägter Ast vom Baum: mein Vater hatte den Arm verdreht, hatte ihn ausgekugelt.
Aber komisch: jetzt floß gar kein Blut mehr. Der Arm war ganz weiß, und die Finger waren weiß, der Ellbogen; der Oberarm, der Unterarm – komisch: da war gar keine Binde mehr drum herum.
Mein Vater war plötzlich verschwunden, hatte seinen Arm alleine gelassen, und ich trat jetzt vor diesen Arm undbetrachtete ihn, völlig gefühllos; ich fürchtete mich nicht – ich war nur neugierig, was jetzt geschah.
Aber es geschah nichts. Ich war allein.
Da begann ich nach und nach meine eigenen Glieder zu betrachten: aber da geschah auch nichts. Es war alles still, auch hatte ich keinerlei Bedürfnis nach einer Bewegung. Im Gegenteil: es sollte alles so bleiben, wie es war; so gefiel es mir am besten.
Aber dann geschah doch etwas; Wind kam auf, und der wehte eine Hakenkreuzfahne heran, direkt über den abgesprungenen Arm meines Vaters – und deckte ihn zu. Dann war es wieder still. Und dann wachte ich auf.
Wann wir jetzt zum Bahnhof gingen, fragte ich meinen Vater. Ich mußte unbedingt an sein Bett. Ja, er lebte noch, war inzwischen auch wach, aber noch ein wenig mürrisch. Der verbundene Arm lag auf der Bettdecke. Meine Mutter war natürlich längst bei der Arbeit, war im Stall, hatte gemolken, gemistet und gefüttert. Jetzt öffnete sie die Kammertür: wir können Kaffee trinken, wenn ihr wollt, sagte sie.
Wann holen wir deinen Koffer, Babba, sagte ich und begann seine Füße zu kitzeln.
Das hatte ich immer schon gern gemacht: meine Eltern an den Füßen gekitzelt. Sie ließen es sich gefallen und hatten vielleicht auch ihren Spaß dran.
Nach dem Kaffee, sagte mein Vater zu mir. Und zur Mutter: Hast du gesehen, ich habe Kaffee mitgebracht.
Habe ich gesehen und schon gekocht.
Also stehe ich auf.
Prima! Ich begann einen Freudentanz aufzuführen. Wirklich warf mein Vater die Decke von sich und setzte seine Riesenfüße auf den Bettvorleger. Meine Mutter hatte wieder die Kammertür hinter sich zugemacht.
Jetzt, Bub? fragte mein Vater.
Gehen wir nachher gleich zum Bahnhof? Wir nehmen das Leiterwägele, da geht dein Koffer doch drauf?
Ja, ja; gib mir jetzt meine Unterhose, bruttelte mein Vater.
Und nach dem Kaffee machten wir uns wirklich mit dem Leiterwägele auf den Weg zum Bahnhof, mein Vater und ich. War das ein Gucken und Angegucktwerden. Ich hatte freilich mein Vergnügen daran, mein Vater weniger. Der trieb mich immer an: Komm, schneller, sagte er.
Was hats gegeben, fragten die Leute.
Eine Verwundung, nichts Schlimmes.
Hast jetzt Urlaub, wurde gefragt.
Ja, sagte mein Vater.
Es waren hauptsächlich Weiber und alte Männer, die fragten oder um die Zeit unterwegs waren. Ich wußte, daß ihm das zuwider war, und manchmal zeigte er auch seine Abneigung. Endlich kamen wir auf dem Bahnhof an, luden den Koffer auf das Leiterwägele und fuhren wieder heim. Natürlich zog ich am Deichsel, darauf war ich besonders stolz; mein Vater lief einige Meter vor mir her, grüßte links und rechts, oder sah zu Boden. Immer aber mit festem Schritt und Tritt, so wie es seiner Herkunft entsprach.
Nicht anders war es am nächsten Tag, als wir zu meinem Ähne liefen. Diesmal ohne Leiterwägele oder sonstigem Gepäck. Mein Vater trug außer dem Arm in der Schlinge nichts, und ich nur meine Kleider.
Doch mein Vater lief wieder voraus, auch als es den Berg hinaufging, und als ich zu rennen begann. Mein Vater hatte keine Angst vor Bergen und Steigungen. In seiner Jugend war er einmal Radrennen gefahren, Bergrennen, und hatte dafür Pokale bekommen. Die standen jetzt in der Stube auf dem Büfett. Lange Zeit hatte ich nicht gewußt, was das war, bis es mir meine Mutter erklärte.
Er war also immer noch in Übung, trotz des Armes in der Schlinge. Es war schönes Wetter, und wir betraten endlich die Ebene des Ortes, in dem mein Ähne und meine Ahne wohnte – sie zu besuchen, deswegen hatten wir ja den Weg auf uns genommen! Es war am Mittag nach dem Essen. Es waren nicht viel Leute auf der Straße – noch weniger als bei uns im Flecken, da dieser Ort ja viel kleiner war als der unsre. Nur wieder Weiber und ältere Männer, die sich aber schnell wegdrehten. Und ein Gefangener. Der trat im ersten Weiler, in dem mein Ähne wohnte, gerade aus dem Haus und lachte meinen Vater an, so erklärte es wenigstens mein Vater kurz danach, und zwar lachte er meinen Vater so an, daß es dieser wie auslachen empfinden mußte.
Nun war ich vorausgerannt, blieb aber stehen, als ich plötzlich Geschrei hörte. Auch mein Vater war stehengeblieben, und zwar vor einem Haus, in dem einer der wenigen Gefangenen dieses Ortes untergebracht war.
Der hat mich ausgelacht, hörte ich meinen Vater schreien. Was hat der, fragte die Frau.
Der hat gelacht, sagte mein Vater und steuerte auf den Gefangenen zu, der nun nichts mehr sagte und auch keine Miene mehr verzog, sondern nur auf den Boden blickte.
Man wird doch wohl noch lachen dürfen, versuchte es die Frau nochmal im Guten. Sie kannte meinen Vater, und er kannte sie.
Aber er hat mich ausgelacht, beharrte mein Vater. Das lasse ich mir nicht gefallen; ich bin Soldat und bin an der Front verwundet worden, und darüber lacht der Kerl; er freut sich wohl. Und außerdem bin ich SS-Angehöriger, darüber lacht man nicht.
Das sehen wir doch, wer du bist und was du bist.
Mein Vater war nicht zu bremsen; er machte plötzlich einen Satz und schlug dem Mann mit der Linken ins Gesicht, daß ihm der Kopf herumflog: Das Schwein hat einen SS-Mann beleidigt.
Jetzt hörst aber auf! Die Frau stellte sich vor den Mann, der keinerlei Anstalten machte zu fliehen oder sich zu verteidigen; es war offenbar ihr Gefangener: er arbeitete für sie – und vielleicht war ihr Mann, ihr Vater oder Bruder auch im Krieg, und deshalb hatte sie diesen Gefangenen für die Arbeit auf dem Feld und im Stall bekommen. Du rührst den Mann aber nicht mehr an; er ist bei mir zum Schaffen, und er macht seine Sache ordentlich.
Der soll froh sein, daß ich ihn nicht anzeige; dann bist du mit ihm dran, wenn du ihn auch noch in Schutz nimmst, du Hure! wetterte mein Vater weiter, er war aber wieder vom Hof heraus auf die Straße gegangen, wo ich immer noch auf ihn wartete. Es war nur noch einige hundert Meter zu meinem Ähne; wir hatten keine Ahnung, ob er überhaupt daheim war. Aber dann würden wir ihn auf den Feldern suchen: wir wußten ja, wo er seine Äcker und Wiesen hatte, zumindest wußte ich es, da ich ja oft genug mit ihm dort war zum Ackern und zum Kirschen und Äpfel heruntertun.
Was sagst du zu mir? Jetzt nahm die Frau eine solche Drohung an, als ob sie gleich eine Axt oder eine Gabel nehmen wollte, um damit auf meinen Vater loszugehen, denn das war schon ein streitlustiges Weib, dafür war sie bekannt.
Hure, habe ich gesagt, wiederholte mein Vater und stapfte weiter, und ich ihm voraus.
Es ist Zeit, daß du gehst, sonst zeige ich dich an. Kannst in deinem Tal bleiben, wenn du dich nicht anders benehmen kannst, hörte ich sie noch sagen.
Dann aber bogen wir schon in die Gasse ein, in der mein Ähne wohnte.
Mein Vater war immer noch narret, und er schimpfte auf dem ganzen Weg ohne Unterlaß; alle Fenster und Türen gingen zu, niemand wollte für heute mehr etwas mit dem verwundeten Soldaten zu tun haben, und er offenbar auch nicht.
Mein Ähne war zu Hause; er war grad in der Scheuer und lud Futter ab.
Grüß Gott, Schwiegervater, sagte mein Vater.
Er war nun wie ein umgedrehter Handschuh, freundlich und selbst lachend. Er streckte meinem Vater seine linke Hand hin und blickte auf den Verband: Eine Verwundung, aber nichts Schlimmes; habe 14 Tage Sonderurlaub bekommen und wollte Euch jetzt besuchen. Der Karl wollte mit.
Ja, Grüß Gott auch, Wilhelm; dann kommt nur herein. Mutter ist im Hühnerstall, ich schrei ihr gleich, sagte mein Ähne in alter und gewohnter Ruhe, und er hatte ein Lächeln, das Verständnis und Sorge in einem ausdrückte.
Ob mein Vater ihm auch eine schmieren könnte, überlegte ich. Es war ein kleines Männlein, und er würde bestimmt sofort das Hag hinunterfliegen. Aber so was macht man doch nicht, antwortete ich mir gleich selbst. Ja, er, mein Ähne, durfte den Kindern, wenn sie frech waren, oder den Kühen, wenn sie keine Ruhe gaben oder nicht zogen, eine mit der Hand oder der Peitsche langen – und das tat er auch öfters.
Aber ihn anrühren? Nein, das durfte man nicht, und mein Vater würde es sicher nicht tun, jetzt nicht und später nicht, denn da war er ja noch älter. Er war ja jetzt schon alt, hatte eine Glatze mit ein paar Haaren und einen weißen Schnurrbart: beides kämmte er sich täglich vor dem Spiegel in der Stube, hinter dem auch die Briefe und sonstige schriftliche Sachen steckten. Er kämmte so lange und so eingehend, daß sich meine Ahne auch dadrüber aufregte, so wie über die Gläser, die mein Ähne auf das Tischeck stellte.
So ging es auch jetzt: kaum waren wir in die Stube eingetreten und hatten an dem Tisch Platz genommen, ging er mit dem leeren Mostkrug in den Keller und kam mit dem vollen wieder herauf. Dann holte er die Gläser und stellte sie vor uns auf den Tisch, aber so knapp an den Rand, daß man wirklich fürchten mußte, sie könnten hinunterkippen.
Dann schenkte er uns ein und machte die Schublade auf, holte den Brotlaib und ein Messer heraus und säbelte zwei Ranken für uns herunter.
Dann fragte er sehr besorgt, wie es denn mit dem Arm gekommen und wo es passiert sei? Er war ja im ersten Weltkrieg auch Soldat, und da war er in Straßburg, hauptsächlich als Wachposten, und er habe auch einen Orden bekommen. Aber das sei ja jetzt etwas anderes, und verwundet sei er auch nicht worden, Gott sei Dank nicht. Mein Ähne zeigte sich also sehr besorgt, und schon deshalb mußte mein Vater anders über ihn denken.
Jetzt kam auch die Ahne dazu, und sie bedauerte meinen Vater ebenfalls. Dann könne er ja jetzt gar nichts schaffen und kein Gewehr halten, meinte sie.
Ja, so sei es, sagte mein Vater, aber wir würden den Krieg schon gewinnen; man solle ihn nur wieder gesund werden lassen.
Wo er denn zur Zeit stationiert sei, wollten beide wissen.
Ach, eigentlich immer noch überall zwischen den Fronten, und auch einmal davor; das sei auf eine Art sehr gefährlich und doch wieder sicherer als ganz an der Front. Da sollten die Jüngeren hin, die rissen sich ja gerade darum; er habe sich nur deshalb freiwillig gemeldet, um seine Pflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen, sagte mein Vater.
So ist es recht; und die Feld- und Stallarbeit macht dein Weib mit den Gefangenen, pflichtete mein Ähne bei.
Ja, nickte mein Vater und trank.
Da fallt mir ein: ich hab den Wein von der Hefe gelassen. Man kann ihn jetzt trinken, er ist gut geworden. Soll ich dir einen Krug voll heraufholen? fragte mein Ähne nach einer Weile. Mein Vater nickte. Der erste Krug mit Most war leer, und mein Ähne hätte sowieso nochmal in den Keller gehen müssen; denn mit einem Krug, vollends wenn noch ein zweiter oder dritter mittrank, hätte sich sein Schwiegersohn nicht zufriedengegeben, das wußte er. Es war ihm auch nicht arg, denn Most war genug da.
Nur beim Wein war er etwas zurückhaltender. Doch es war heut ein besonderer Tag, und man mußte dem Vater seines ersten und ältesten Enkels zeigen, daß man mit ihm mitlitt, wenn ihm etwas fehlte.
Wein stellte mein Ähne immer nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch, das Faß war auch sehr klein, und im übrigen schmeckte ein rechter Most manchmal genausogut; ich bin nicht sicher, ob mein Ähne das ernst meinte, vielleicht wollte er von dem Wein auch nur so viel wie möglich für sich haben. Recht so: schließlich hatte er darum geschafft. Andere aber auch: hatten im Wengert am Rain, zwischen den Weilern und draußen am St. Martin gehackt und geschnitten, hatten Mist gefahren (doch da hatte mein Ähne den größten Anteil) und schließlich mit gelesen. Nur den Butten hatte mein Ähne allein getragen, später dann auch seine Söhne. Nun sollte er doch seine paar Krügle mehr haben als andere.
Meinem Vater schmeckte nun der Wein aber doch besser als der Most, und er bot an, selber in den Keller zu gehen. Aber da war mein Ähne auch ein Besonderer: in den Keller ging er selber, gerade zum Wein holen.
Und ich weiß nicht, vielleicht traute er meinem Vater auch schon nicht mehr; vielleicht meinte er, er könne die Stiegen hinunterfallen und sich auch noch den linken Arm brechen. Er war schon so auf den Abort hinausgeschwankt: da mußte man erst aus der Stube raus, über den kurzen Hausgang in die Küche: hinter der Küche dann war der Abort an das Haus angebaut. Dahinter kam der Garten vom Nachbarn; dazwischen war ein so schmaler Gang, durch den ich mich kaum zwängen konnte.
Der Arm mußte meinem Vater schon zu schaffen machen, denn die paar Krüge Most und die paar Gläser Wein sollten ihm doch nichts ausmachen. Soweit kannte ich ihn auch, und soweit kannten ihn auch meine Großeltern.
Sie sagten nichts mehr, auch mein Vater sagte nichts mehr. Es wurde dunkler und dunkler draußen, das Licht wurde aber noch lange nicht angemacht; da mußte man immer lange warten. Das Maul findet man mit der Hand auch im Dunkeln, sagte mein Ähne, denn was wollte man sonst machen außer essen und trinken oder schlafen, wenn es dunkel wurde? Man hatte den ganzen Tag geschafft, und jetzt war man müde. Wie ich auch. Ich gähnte und hatte mich längst auf den Boden gelegt. Mein Vater setzte sein letztes leeres Glas ab: Ja, Bub, wir müssen gehen; der Weg ist noch weit. Gute Nacht, Schwiegervater; gute Nacht, Schwiegermutter. – Gute Nacht! Hoffentlich kommt ihr auch gut hinunter, rief meine Ahne.
Gute Nacht, antworteten wir.
Heuberg
Heuberg – das klingt so nach Heu und Heublumen für Tabak in der Pfeife das stinkt dann so und das was nachher ganz fein liegenbliebt auf dem Wagen im Heuet und auf dem Scheunenboden und vor der Scheuer und noch überall auf der Straße und – Heuberg – das klingt so nach Wiese und Baum und mähen und warben und umkehren und schochen und versähen und aufladen und abladen
und da sieht man die Kühe vor dem Wagen sie fressen mit dem Maul und schlagen mit dem Schwanz nach den Bremsen die gehen an sie obwohl man sie vorher am ganzen Ranzen mit Bremöl eingeschmiert hat mit einer Hühnerfeder die man zuvor eingetunkt hat
Heuberg – das klingt so nach Heu und mein Vater war da und es klingt so nach heuträppeln auf dem Bahrn
und es klingt nach futtern und verfuttern
eingeben von der Scheuer aus in die Krippe
und es klingt so und klingt
ist aber sehr kalt
möchte da nicht wohnen in Heuberg bei Stetten am kalten Markt
aber mein Vater war da in Heuberg – hat aber nicht gefroren Heuberg – südwestlicher Teil der Schwäbischen Alb mit dem Lemberg 1015 Meter hoch
1015 Meter tief
Das Seil
Das Mädchen – einige Jahre älter als ich – war eines Tages plötzlich da.
Sie und ihre Eltern seien ausgebombt, hieß es: sie wohnte jetzt bei ihrer Tante oder ihrem Onkel, dem Schuhmacher, in unserer Straße, nur hundert Meter von unserem Haus entfernt. Sie konnte nie normal an unserem Haus Vorbeigehen: sie mußte immer sauen.
Sie war groß und dürr und hatte lange Füße; mit denen mußte man rennen, das sah ich ein. Aber manchmal hatte ich auch den Eindruck, daß sie vor Angst so rannte, obwohl niemand hinter ihr her war. öder sie war spät dran.
Ich wußte auch nicht, mit wem sie spielte. Aber sie mußte doch Freundinnen haben, die mit ihr spielten, auch wenn sie nicht von hier war. Es war doch ein Mädchen, und Mädchen spielten immer mit Mädchen.
Schon lange hatte ich mir überlegt, wie ich es machen könnte, daß sie bei uns einmal stehenblieb. Dann kam ich auf die Idee mit der Schnur oder dem Seil.
Ich müßte es einfach über die Straße spannen, faßte ich meine Überlegungen zusammen, dann mußte sie ja anhalten. Und wenn nicht, dann . . . Aber soweit dachte ich nicht; vielmehr legte ich eines Tages ein Seil, das ich in der richtigen Länge in der Scheuer gefunden hatte, vor unserem Haus über die Straße, befestigte es am gegenüberliegenden Zaun und zog es hinter die kleine Mauer, die an dieser Stelle den Winkel zwischen dem unseren und dem Nachbarhaus begrenzte. Ich wartete; das Seil lag schlaff auf der Straße und die Zeit verging. Allmählich wurde es dunkler; dann sah sie schon nicht mehr gut. Dann mußte sie ja fallen. Aber das war mir grad recht. Jetzt hatte ich mir schon die Arbeit gemacht. Ein paar Leute kamen vorbei, einige Wagenräder und Fahrräder rollten darüber. Doch sie merkten es kaum, und dem Seil tat es nichts.
Ich hockte auf dem Boden und wartete; einmal mußte sie ja kommen, mußte heim, und sie kam immer von unten herauf, da mußte sie über das Seil.
Dann hörte ich sie kommen – im Sturmschritt, wie immer, und ich sah ihre dürren Stotzen über die Straße fliegen.
Wieder wartete ich, bis sie nahe genug heran war – und spannte das Seil mit aller Kraft an.
Da lag sie schon und schrie.
Das Mädchen war mit einer solchen Wucht in das Seil gerannt, daß es mir aus der Hand schlug.
Aber noch bevor ich das Seil wieder holen konnte, hatte sich das Mädchen wieder hochgerappelt und war davongerannt, einfach weiter, ohne sich umzuschauen, nur mit dem Unterschied zu sonst, daß sie jetzt heulte.
Noch am Abend kam ihr Onkel, der Schuhmacher, und beschwerte sich bei meiner Mutter: das Mädchen habe sich beide Knie aufgerieben und einen Ellbogen; verschrocken sei sie auch, die traue sich nun vielleicht gar nicht mehr zu rennen. Aber das glaubte ich nicht.
Mit der Schnur – es war nicht die gleiche und auch kein Seil, sondern eine neue Schnur: mit der machte ich noch etwas anders. Auf der einen Seite hängte ich einen Geldbeutel dran, legte ihn wieder vor unserem Haus auf die Straße, streute frisches Gras auf die Schnur und verschlupfte hinter der Miste.
Ich war neugierig, wer sich nach dem Geldbeutel bückte – vielleicht die alte Nachbarin, auf die hatte ich es ja hauptsächlich abgesehen, die war immer so neugierig und wollte immer wissen, was im Haus passierte.
Es war natürlich nichts drin in dem Geldbeutel; es war ein alter Geldbeutel von meinem Ähne, er machte sich die immer selbst, genauso wie seine Schuhe, und der hatte Löcher bekommen, und jetzt hatte er sich einen neuen gemacht.
Ich wollte nicht sofort an der Schnur ziehen, wenn sich die alte Frau nach dem Geldbeutel auf der Straße bückte. Ich wollte warten, bis sie so weit wie möglich unten war, denn sie würde sich ja erst umschauen und dann vorsichtig zugreifen. Dann wollte ich langsam ziehen, so daß sie an Geister glauben mußte.
So war es ja dann auch.
Das Weib kam, sah und blieb stehen. Und ich hielt die Luft an. Vorsichtig machte sie noch einen Schritt, blickte nach links und rechts und hinter sich und neigte sich nach vorne. Ihr rechter Arm schwebte schon über dem Geldbeutel, da zog ich langsam an der Schnur. Hielt inne.
Die Nachbarin richtete sich auf; ihre Hand verschwand unter dem Schurz, so verlegen mochte sie geworden sein.
Dann aber bückte sie sich zum zweiten Mal, und die rechte Hand näherte sich abermals dem Geldbeutel auf der Straße, und der Geldbeutel bewegte sich wieder. Ich hörte auf zu ziehen, sobald sie etwas zu bemerken schien. Und dann mußte sie sogar einen Schritt zur Seite machen, um näher an den Geldbeutel zu kommen. Aber der wanderte immer noch auf unsere Miste zu.
Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen; doch sie konnte nach wie vor niemand entdecken. Trotzdem brach sie ab und setzte ihren Weg fort – ich weiß nicht, wohin – in Richtung Dorfmitte. Ich aber zog den Geldbeutel ganz zu mir her, löste ihn von der Schnur und schob ihn in den Hosensack. Die Schnur wickelte ich zusammen und tat sie in den Schopf; noch wußte ich freilich nicht, für was ich sie wieder brauchen konnte.
Ameisen und Regen
Die Ameisen wanderten seit Stunden über die Straße, schafften Boden zwischen den Steinen heraus; das bedeutete, heute oder spätestens morgen schlug das Wetter um; regnete es. So wurde es uns von den Alten erklärt, und es stimmte. Wir erlebten es immer wieder.
Aber so wie es verschiedenen Regen gab, so gab es verschiedene Ameisen: die da auf der Straße, das waren die roten Ameisen, die seichten einem in die Haut.
Da gab es die anderen im Wald, die viel größeren und schwarzen; sie lebten in Dreckhaufen und rochen auch ganz anders. Man konnte seine Hand in diese Nester zwischen den Bäumen auf dem Boden halten: das sei gut für Rheuma, erklärten die Alten, sagte auch mein Ähne, und ich legte beide Hände in die Ameisen und ließ sie an mir hochkrabbeln. Dann roch ich an meinen Händen und an meinen Armen, und es war ein guter Geruch, fast hätte man davon besoffen werden können.
Ob sie auch den Regen ankündigten, das weiß ich nicht. Jedenfalls waren auch nicht mehr so viele auf dem Haufen zu sehen, wenn es regnete. War doch klar. Wenn es anfing zu gießen, dann stellte ich mich auch unter, warf mir den Kittel über den Kopf und rannte heim. Oft nur in den Schopf, und durch die offene Tür schaute ich dann zu, wie das Wasser vom Himmel kam. Manchmal war das wie in der Bibel, da kam auch oft sehr viel Wasser vom Himmel, wurden Schleusen geöffnet, so erzählte der Herr Pfarrer, der einige Male in unser Haus gekommen war, aber nur, wenn mein Vater nicht da war; und so hatte es auch meine Ahne verzehlt.
Ich hätte gern einmal so viel Wasser gesehen, wie da in der Bibel erzählt wird. Aber wir wurden immer verschont. Wir waren Gerechte.
Neue Kleider
Nein, neue Kleider und Schuhe brauchte ich am allerwenigsten: ich konnte die Leute nie verstehen, wenn sie mir für einen Gefallen, den ich ihnen tat, einen Kittel oder eine Hose schenkten. Das war auch bei meinen Tanten so, und am Anfang sogar bei meiner Mutter. Aber dann hatte sie es zum Glück eingesehen.
Ich hatte ja meine Stiefel; wenn die Sohlen abgelaufen waren, was nicht nur einmal der Fall war, kamen neue drauf. Meistens machte das ein Schuhmacher im Ort, immer der gleiche. Dann aber auch mal mein Ähne, der mir auch regelmäßig die Glatze schnitt. Und wenn ich die Nägel verlor, dann wurden neue eingeschlagen. Die Nägel auf den Sohlen meiner Stiefel waren mir eigentlich das wichtigste: ohne sie hätte ich ja keine Funken auf dem Pflaster schlagen können.
Nein, neue Kleider und Schuhe brauchte ich keine. Ich hatte ja die alten, und die mochte ich mehr als alle andern.
Wenn ich unbedingt eine Hose, ein Hemd, einen Kittel oder einen Hut brauchte, dann holte ich mir diese Sachen von den Vogelscheuchen in den Weizenfeldern und auf den Kirschbäumen. Die paßten mir wie angegossen, da mußte man nicht lange schauen. Und Löcher hatten diese Sachen auch, durch die konnte die Haut atmen.
Es kam vor, daß ich den Kameraden auf dem Feld und zwischen den Ästen meine frischen Sachen anzog, die mir von den Verwandten oder den Leuten aufgedrängt wurden. Das war immer ein Mordsgeschäft. Denn die Vogelscheuchen hatten auch ihren Willen; die wollten auch keine neuen Sachen, die waren mit ihrem alten Gruuschd zufrieden. Und ich mußte dann meine ganze Überredungskunst aufbieten. Schließlich wurden wir uns einig und sie nahmen mein neues Zeugan–wenn es nicht zu oft vorkäme, sagten sie!
Die Vogelscheuchen waren ja mit dem Wind im Bunde: wenn der ging, bewegte sich an ihnen alles, und dann sprachen sie mit mir. Ich behängte mich zeitweise auch mit den Büchsen und Metallstreifen, die zur Abschreckung der Vögel an den Vogelscheuchen hingen. Manchmal band ich mir auch eine Büchse mehr an den Fuß, so daß man mich schon von weitem hörte – Karl der Funkenschläger kommt; mit Büchsen und Funken, hieß es im Flecken.
Schwierigkeiten gab es nur mit den Kappen, den Schals und den Handschuhen: in dieser Hinsicht waren die Vogelscheuchen weniger üppig ausgestattet, so daß ich mich hier von den Leuten und den Verwandten mit neuen Sachen beschenken ließ, schließlich wollte ich nicht frieren. Bei den Vogelscheuchen war das anders: die froren nicht.
Ja, und in der Zeit, in der meine Stiefel beim Schuhmacher waren, brauchte ich ja auch etwas an die Füße: da zog ich halt ganz normale Schuhe an und unterließ für eine Weile das Funkenschlagen.
Im Adler
Wieder einmal hatte ich im Auftrag meiner Mutter meinen Vater zu suchen. Er konnte nur in einer der Wirtschaften hocken: im »Adler«, im »Stern«, im »Grünen Baum«, in der »Traube« oder sonst irgendwo. Aber in einer Wirtschaft war er, das glaubte ich auch.
Draußen war es schon kalt und etwas Schnee gefallen.
Ich hatte mir zwei Kittel angezogen und eine Kappe, die über beide Ohren ging. So trat ich in den »Adler«. Die plötzliche Wärme ließ mir die Augen übergehen; die Nase fing an zu laufen, ich schmierte die Rotze am Ärmel ab. Ich blickte mich in dem Rauch um: da sah ich ihn. Er hockte am Stammtisch zwischen anderen Männern. Ich lief hin, stellte mich davor und sagte kein Wort.
Der Rauch brannte in meinen Augen, dieser Stumpen- und Pfeifenrauch, auch Zigaretten dazwischen – da waren mir doch die Trannen lieber, die wir im Wald auch schon probiert hatten: die brannten nur auf der Zunge, stanken aber nicht so wie die da. Und Tabak hatten wir auch schon geraucht im Schopf – bis einer in die Hosen geschissen hatte. Aber das kam sicher vom Most, den er dazu getrunken hatte. Nein, dachte ich, ich laß es nun sein.
Da stand ich, die Augen tränten und die Nase lief, was das Zeug hielt.
Mein Vater hatte mich noch nicht gesehen oder wollte mich nicht sehen. Dafür sprach ein anderer Mann neben ihm am Tisch:
Helm, dein Junger ist da, er will dich holen.
Guck mal, hat der keine schönen blauen Augen? Ganz der Vater, sagte noch einer.
Und die Augen tränten, und die Nase lief.
Hast wieder dein Sonntagshäs angezogen, bemerkte ein dritter.
Komm, hock dich hin und trink mit uns ein Glas, sagte wieder der erste.
Dackel, dachte ich; die Dackel.
Babba, du sollst heimkommen, hat die Mamma gesagt, brachte ich schließlich heraus.
Aber aus einem neuen Glas, mischte sich ein vierter dazwischen.
Babba, du sollst heimkommen, hat die Mamma gsagt, wiederholte ich.
Ich hatte bis jetzt noch nicht mal den Fuß bewegt.
Ja, ja; jetzt hock dich erst mal her. Willst eine Brezel? Da im Gräddle hats, sagte mein Vater.
Ich will keine Brezel, sagte ich.
Du willst eine, sagte mein Vater.
Und er will auch ein Glas Bier; Adler-Wirt, schenk ein, das war ein anderer, wer, das sah ich jetzt schon nicht mehr: ich zog die Nase hoch, wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht und zog die Nase hoch. Die Männer lachten ununterbrochen.
Da komm her, hörte ich wieder jemand sagen: das ist dein Bier. Sauf!
Im gleichen Augenblick wurde mir ein Stuhl unter den Hintern geschoben.
Ich griff zu dem Glas, trank einen Schluck und spuckte sofort alles auf den Holzboden.
Iß und trink nur, Karl, daß du äbbes wirst, schrie es.
Babba, du sollst heimkommen, hat die Mamma gsagt.
Mir wurde schwindlig; ich mußte raus, wenigstens mußte ich aufstehen und mich bewegen.
Ich rannte zur Tür und wartete in dem engen Vorraum, der die Wirtschaft von draußen trennte. Endlich kam mein Vater herausgeschwankt und nahm mich an der Hand; aber es war dann auf der Straße nicht ganz klar, wer wen führte. Bald machte ich mich von ihm los und sprang voraus. Ich kam aber dann doch noch später heim als mein Vater, der aber auch wieder an einem Hauseck hängengeblieben war, wie ich dem immer noch andauernden Donnerwetter meiner Mutter entnahm.
Dr Hoogamoo
Immer wenn ich zum Bach oder zum Kanal kam, stellte ich mir den Hakenmann vor, wie er unterm Wasser lag und plötzlich, wenn wir uns nicht umschauten, den Haken aus dem Wasser streckte, schließlich dann selber folgte und ein Kind hereinzog. Der Zigeunerbub hätte also gar nicht auf den Baum krebsein dürfen, von dem er dann herunterflog, denn er hätte doch wissen müssen, daß unten dr Hoogamoo lauerte. Oder hatten ihn seine Eltern nicht so eindringlich davor gewarnt? War das bei Zigeunern nicht üblich? Vielleicht.
Sie hatten auch andere Haare als wir – pechschwarz; sie hatten eine andere Haut – so rötlich-braun; alle, Buben und Mädchen. Und die Mutter natürlich. Auch der Vater. Wenn man ihn zu Gesicht bekam.
In dem Kanal waren auch andere Sachen drin – Fische zum Beispiel! Manchmal wurde das Wasser oben an der Mühle abgleitet in den Bach, dann war der Kanal fast leer, und man konnte drin zu Fuß gehen, und in den paar Vertiefungen des Kanalbeckens schwammen dann die Fische: Forellen, die man mit der bloßen Hand fangen konnte.
Freilich nicht ich; ich schaute nur zu, wie andere Kinder die Fische fingen. Dann machten sie an Ort und Stelle ein Feuer und brieten die Fische; wenn ich lange genug dastand, warfen sie mir eine Gräte hin wie einem Hund, und ich nagte weiter daran herum.
Ja, und wo war nun der Hakenmann, wenn das Wasser nicht da war? Er war mit dem Wasser weg und kam mit ihm wieder, so hieß es, und das mußte wahr sein, denn ein Bub, der es probieren wollte, wurde einfach weggerissen, als das Wasser im Kanal wieder stieg; unten am Rechen hat man ihn dann gefunden. Tot. Ertrunken. Ja, ich glaubte an den Hakenmann, und wohl auch die Frauen von den Backhäusern, die ihre Hudelwische, ihre Besen, mit denen sie die Backöfen ausfegten, im Wasser abkühlten. Sie brachten dem Hakenmann etwas Wärme in sein Bett und den Duft von Brot und Flammkuchen.
V.
Andere Berufe
Soviel ich weiß, sollte ich Förster werden; nach der Volksschule sollte ich aufs Gymnasium gehen und dann studieren. So wollten es mein Vater und meine Mutter.
Förster – ich stellte mir das vor: ja, das wäre etwas. Da wäre ich im Wald und hätte ein Gewehr, hätte ein Fernglas und eine schöne Uniform mit einem schönen Hut.
Ich könnte Wildsäue schießen, Rehe und Hasen; im Winter müßte ich aufpassen, daß im Wald keine Christbäume gestohlen würden – aber man konnte freilich nicht überall sein; unser Wald ist groß! Natürlich hätte ich dann auch noch Helfer, vor allem die Waldarbeiter, denen würde ich die Bäume anzeichnen, die sie umsägen sollten. Dann wäre ich zuständig für die Holzschläge; die würde ich unter die Leute verteilen. Wir hatten auch jedes Jahr einen, und der Förster paßte auf, daß nicht gestohlen wurde.
Als Förster ist man fast mehr wie ein Soldat oder ein Polizist: da gehört einem der ganze Wald, man kennt alle Tiere darin, alle Bäume und Sträucher – vor allem weiß man als Förster auch, wo die Füchse und die Dachse ihre Höhlen haben. Als Förster darf man dahin; vor einem Förster haben die Tiere keine so große Angst wie vor anderen Leuten.
Wenn ich Fuchs sage: wir haben doch einmal zwei Junge geholt. Nicht ich, sondern ein älterer Bub, der hat mich in den Wald mitgenommen; dann hat er den Fuchsbau gefunden und die Jungen mit der bloßen Hand herausgeholt. Zwei Stück. Die Alten waren grad nicht da.
Ich sollte eines der Jungen tragen; das konnte ich zunächst nicht. Ich hatte Angst. Die waren noch ganz klein – aber vielleicht konnten sie doch beißen, und wer weiß, ob uns die Alten nicht schon folgten, und plötzlich würden sie uns anspringen und die Jungen uns wieder entreißen. Das ging dann nicht ohne Kratzer ab. Ich weiß nicht mehr, wo die jungen Füchse hingekommen sind. Im Dorf drinnen hat der ältere Kamerad dann beide genommen und ist allein weitergegangen. Vielleicht wollte er nur mit ihnen daheim spielen. Für mich war das aber nichts. Förster – ich steckte mir das Wort nochmal in den Mund und zog daran wie an einer kalten Pfeife: das wäre schon etwas!
Doch nun müßte ich zum Feldschütz in die Schule gehen, hieß es. Da könnte ich rechnen lernen, was eine Starenkiste und eine Starenkiste ist, wieviel Feldweg mal Feldweg und Apfelbaum weniger Kirschbaum ist – nämlich Zwetschgenmus, du Grobian, schrie meine Mutter meinen Vater an, als die Rede mal wieder auf die Schule kam.
Grobian war ein Lieblingswort meiner Mutter: damit bedachte sie meinen Vater öfters. Und war es denn nicht auch ein Grobian, zum Beispiel auf dem Heuberg und dann in Mauthausen? Was habe er denn mit seinen Schülern auf dem Heuberg gemacht? Was habe ich auf dem Heuberg gemacht? Nichts habe ich auf dem Heuberg gemacht, brauste mein Vater auf. Aber das war doch schon so viel Jahre her . . .
Als junger Kerle habe er – meistens im Rausch – andere im Viereck umeinandergeschlagen, das sei doch nichts Besonderes.
Nein, beharrte meine Mutter: nur einmal habe er auf dem Heuberg eine ganze Stubengemeinschaft – sein Schulkamerad, Kommunist oder Naturfreund oder was er war, gehörte dazu – mit ihren Zahnbürsten den ganzen Dielenboden scheuern lassen. Eine reine Schikane. So möchtest du es wohl daheim auch machen!
Ich habe keinen umgebracht, antwortete mein Vater.
Das habe ich auch gar nicht gesagt, lenkte meine Mutter wieder ein.
Also was ist jetzt? Zum Feldschütz geht mir der Karl nicht in die Schule. Da schicke ich ihn schon lieber . . .
Mein Vater horchte auf: Wohin schickst du ihn lieber?
Das wirst du schon sehen, antwortete meine Mutter.
Er könnte in ein SS-Heim, das habe ich dir auch schon oft angeboten.
Dann lieber zum Feldschütz!
Was wäre dabei, versuchte es mein Vater im guten; da wäre er aufgehoben, würde etwas lernen – –
Was würde er da lernen zum Beispiel?
– – und du könntest deiner Arbeit nachgehen; brauchtest keine Kindsmagd und nicht so viel fremde Helfer im Haus. Ich werd schon mit der Arbeit fertig – und mit dem Buben, wenn es darum geht!
Aber er braucht einen Unterricht; er muß wenigstens ein bißchen rechnen und schreiben lernen, das kann ich ihm nicht beibringen.
Wer sonst, wenn nicht die Schule . . .?
Das wirst du schon sehen: ich wollte dir nur sagen, daß er nicht zum Feldschütz geht und auch in kein Heim! Da gibt es andere Möglichkeiten.
Das war in dem Jahr, als in den ersten Frühlingstagen nochmal Schnee fiel und in über 400 Metern eine Zeitlang liegenblieb. Und noch etwas war seltsam: auf der Sommerseite unseres Tales lag mehr Schnee als auf der gegenüberliegenden Winterseite, und zwar gleichmäßig verteilt im Wald und auf den Wiesenhängen davor.
Den Kindern und auch mir war es recht: da holten wir nochmal den Schlitten oder die Faßdaugen von der Bühne herunter, machten Schneeballschlachten und bauten Schneemänner.
Nach zwei Tagen aber war alles vorbei, der Schnee wie weggeblasen, und jetzt gab es auf der Winterseite doch noch mehr Reste als auf der Sommerseite. So war es auch normal. Und dann konnten bald die Bäume wieder blühen – zuerst die Kirschbäume –, und man konnte nochmal an Schnee denken. Aber der war nicht kalt: auf diesen Schnee auf den Bäumen freuten sich jung und alt das ganze Jahr.
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