Read the book: «Lebens lauf»
Wilhelm König
Lebens lauf
Saga
Lebens laufCover Bilder: Shutterstock Copyright © 1974, 2019 Wilhelm König und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711731376
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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lebens lauf
so vergeht die zeit: die drehung
der uhrzeiger ist auf alle fälle gesichert — sie
werden auch ihren stillstand anzeigen.
auch dem glücklichsten
schlägt die stunde. die züge
müssen abfahren, bevor
sie ankommen können.
so vergeht die zeit: jemand
spricht in eine fernsprechmuschel
ICH WERDE BEI IHNEN VORSPRECHEN
jemand
fragt einen polizisten
jemand schneidet blumen
jemand kauft ein
jemand setzt sich hin
jemand steht auf
jemand ißt
jemand schläft ein
jemand braucht jemand
jemand ist jemand
jemand jemand
so vergeht die zeit.
auf dem bahnhof rollen die züge ein.
züge sind schienenfahrzeuge
und die schienen führen in den bahnhof
und es ist die zeit
die auf dem plan schwarz auf weiß
festgelegt ist. und es ist
immer eine zeit.
züge in allen richtungen
wie die schienen gelegt sind —
Straßen in allen richtungen
wie die polizisten gelaunt sind.
sonne über allen ländern
wie die nacht steht
städte —
menschen —
so vergeht die zeit
selbstbildnis 1962
manches jahr
verbrachte ich
wie ein geschwätz
in betrieben warenhäusern
schreibstuben:
immer auf abruf
dem einzigen wort bereit
das aus durchstorbenen jahren
mir entgegenfliege,
übersteigend die wände
wie niedere hürden
die mich gefangenhalten
im schatten
des ersten gültigen worts.
anschauungen gewechselt
sehnsucht nach liebe
fluchtgedanken —
immer noch
auf der suche
nach der suche
und auch mögliche
künftige fehlschläge
einschließend
im jahre 1967
so wird man mich eines tages wiederfinden —
in keinem anderen licht: aber gewachsen
und dadurch deutlich geworden.
die beute, die beute der worte
mit der waffe der worte erlegt,
kann verteilt werden: jeder
braucht so etwas!
zurzeit regle ich
meinen tagesablauf selbst:
versicherungsaußendienst ist eine tätigkeit
wie jede andere, zu der
keine besonderen kenntnisse vorausgesetzt sind.
in den zeitungen werden
die hoffnungen bestätigt: kann man es
irgendwo besser haben?
ich habe keinen beruf gewechselt.
beruf ist weder das eine noch das andere,
was zu tun ist.
tagebuch 68
I
was will man bezeugen
wenn man den unfall
gar nicht gesehen hat?
mein tisch steht hier
dann kommt die telefonzentrale
und dahinter verläuft die straße
wenn etwas geschieht, was
die gemüter der anderen bewegt,
dann geschieht es ohnehin nur draußen
es kann ermunternd sein, den kollegen
oder die jüngere Sekretärin
deren garderobe man inzwischen gut kennt,
jeden morgen nach dem gleichen zu fragen
nur die monate
sind verschieden: allerdings auch
nicht mehr als im letzten jahr
täglich kommen die
striche aufs kalenderblatt: nach vier uhr
werden die papierkörbe geleert — ich z. b.
schreibe rechnungen
II
was will man bezeugen
wenn man den unfall
gar nicht gesehen hat?
kreidestriche halten
die bremsspur noch eine zeitlang fest: —
auch das blut ist vom regen
noch nicht abgewaschen —
ich habe meine arbeit
hier sind meine vorgänge: meine akten,
meine aktennotizen —
wer hat mich verlangt?
man hat schon viel zeit
verloren bei der abfassung
bekannter fragen — mit der einordnung
der gewohnten antworten ist man
auch weiterhin vollauf beschäftigt
biografie 1969
mit dem ballast des ungeschriebenen
von einem tag auf den nächsten verwiesen
—: es wird sich schon finden,
— — wieder wird ein neues heft angelegt, —
das wird einiges ändern — —
wir haben die bücherschränke
und einige wenige zeugnisse
sie werden aber immer älter
wir haben die bilder
sie sind von anderen gemalt
— —: aber hätten wir malen sollen? —
bei einer sache bleiben
sie ganz formulieren
bis zur Wiederholung —?—
sich nun vorzustellen: so
wie es jetzt ist
soll es noch wenigstens
die nächsten jahre bleiben
meine jahre 1970
elemente
eines fußabdrucks
im sand. keine neuen
arbeiten.
meine jahre
oft noch weniger weise angelegt
als die gärten
anderer.
es verging
die zeit: gestern
eine frage —
gestern eine antwort.
die asche
wurde über keinem haupt zerstreut;
sie bleibt im herd
oder als dünger
im acker.
der regen stellt
keine fragen: er fiel
oder wir sahen
es nicht.
an grenzen
wird immer noch sorgfältig kontrolliert.
darum nimm nicht
viel gepäck mit.
zwischensumme 1971
der beitrag
des jahres 1971 ist
wieder mehr als nur
ein zwischenergebnis
die flut, in der ich
untergehen sollte
ist zurückgegangen: die wasser
die freilich den hals nie
überstiegen, haben auch
einen baum getränkt
ich habe überlebt, weil
ich überleben wollte
heute zählen die bilder
die ich nie für mich allein
gemalt habe. ich wollte
es nie anders.
meine worte kommen
immer noch aus notizbüehern,
die die übergänge festhalten —
vieles wurde
verbrannt oder verlegt: dann
wieder hervorgeholt und
immer wieder verworfen!
die selbstbildnisse vor 1962
sind nie gemalt worden. aber
danach setzte sich etwas fort,
was in dieser zeit
seine wurzeln hat
und der weg
war schon ein ziel
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