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Wilhelm König

Der Sonderling

Saga

Der SonderlingCopyright © 1986, 2019 Wilhelm König und SAGA EgmontAll rights reservedISBN: 9788711731390

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Drei Hirten berieten sich, denn die Herden waren ihnen in weite, dunkle Täler geflüchtet.

Da kamen am Abend drei Wanderer des Weges: Der Weise, der Narr und der Starke.

Der eine lobte den Himmel, der andere pries sein Fressen, und der letzte prahlte mit seinen Muskeln.

Als die Hirten sie fragten, was sie tun sollten, flüsterte der Weise: »Locke sie mit Salz herbei!« Der Narr rief: »Hetze ihnen die Hunde nach! Mach ein Geschrei!« Der Starke schrie: »Schlage das eine tot; dann folgen dir die andern willig!«

Nun, was taten sie? Welche Worte haben die drei Hirten wirklich gehört?

Gefundene-erfundene Fabel aus den »Notizen« des Karl Simpel

»Wir stecken seit einigen Tagen in feuchtem Herbstnebel. Wenn ich in der Früh in Königstein zum Omnibus gehe, ist um mich her ein Trippeln von lauter Vogelfußen. Es sind die fallenden Blätter. Manchmal schaue ich mich um, weil ich meine, jemanden hinter mir gehört zu haben. Es ist dann aber niemand da.«

Peter Suhrkamp, aus: Hermann Hesse / Peter Suhrkamp, »Briefwechsel«

Vorwort des Herausgebers

Als Schriftsteller und als Großneffe des verstorbenen Kriminalhauptkommissars Rudolf Maier mit der Verwaltung seines literarischen Nachlasses betraut, stieß ich bei der Sichtung seiner Unterlagen zum »Fall Karl Simpel« auf ein Manuskript, das uns in den weiteren Lebensweg jenes bemerkenswerten, inzwischen verschollenen schwäbischen Dorfdackels namens Karl Simpel führt, der 1948, im Alter von 14 Jahren, zwei ehemalige Nazis, den Bürgermeister und den Ortsgruppenleiter der NSDAP seines Heimatdorfes am Fuße der Schwäbischen Alb, erschossen hat und dann in eine Heil- und Pflegeanstalt (Zwiefalten auf der Schwäbischen Alb) eingewiesen wurde.

Der Verfasser des nachfolgenden Berichts ist Karl Simpel selbst. Er hat in Zwiefalten und später im Gefängnis lesen und schreiben gelernt. Das Manuskript ist durch Simpels Mutter in unsere Hände gelangt. Sie schickte alles, zusammen mit einem verteidigenden Begleitbrief – »zu Händen Herrn Kommissars Maier, hier« – an die Stuttgarter Kriminalpolizei, bei der Maier zuletzt tätig war und wo er den behinderten Buben verhörte. Die Polizei leitete das Päckchen schließlich an Herrn Maier weiter, der es aber nicht mehr beachtete.

Simpels Bericht umfaßt in etwa den Zeitraum von 1948 bis 1955, also die Zeit von seiner Einweisung nach Zwiefalten, über seine Flucht von dort durch die ganze Bundesrepublik bis zu seiner vorläufigen Heimkehr in das Dorf im Februar 1955. Dazwischen liegen weitere Fluchten und Aufenthalte auf Bauernhöfen, in Gefängnissen und Heimen.

Mit dem Niederschreiben seiner Erlebnisse geschieht auch Verarbeitung, Bewußtwerdung. Simpel zeichnet seine Entwicklung vom unzurechnungsfähigen geistig Behinderten zu einer bewußten Person nach, doch zugleich wird auch seine Auseinandersetzung mit Deutschland, mit dem Deutschland der fünfziger Jahre, mit dem Nachkrieg und der unbewältigt verdrängten Vergangenheit deutlich. Das macht dieses Buch wichtig für uns: Aufarbeitung des Nachkriegs, der Jahre, die unsere ganze Existenz als Bundesrepublik Deutschland (und als DDR) entscheidend prägten, tut uns allemal not. Hier sehen wir die heute oft nostalgisch verklärten und modisch vermarkteten fünfziger Jahre aus einem völlig anderen Blickwinkel. Es geht hier nicht um Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, um Rock’n Roll und Petticoats, um Nylonhemden und Bikinis: Simpels Geschichte spielt sich gewissermaßen auf dem Hinterhof Deutschlands ab, in den Bereichen des Lebens, die die Mehrzahl der Nachkriegsdeutschen verdrängt hat. Er lebt auf der Schattenseite, ein Behinderter und Sonderling unter Aufstrebenden, Erfolgreichen; einer, der sich der Wahrheit stellen muß, wo andere vergessen wollen.

Das letzte Heim im Allgäu, in das er vom Gefängnis aus »zur Bewährung« eingewiesen wird, und aus dem er sich vorzeitig absetzt, stellt ein Panoptikum geschundener, verwaister und verkrüppelter Menschen aus dem ganzen großen, zerbrochenen Deutschen Reich dar. Hier treffen sie sich alle: Versehrte, Arm- und Beinamputierte; Epileptiker – im günstigsten Fall kommen sie zur Umschulung in einen neuen Beruf, weil der alte Beruf, eben aus gesundheitlichen Gründen, nicht mehr ausgeübt werden kann.

So wie zuvor schon in den verschiedenen Verwahranstalten findet Karl in dem Heim alle möglichen Muster früheren oder künftigen Lebens. Paul zum Beispiel, Kriegsteilnehmer wie die meisten, armamputiert, Heimat Ostpreußen, abgebrochenes Studium; die Familie bis auf Reste verschollen oder versprengt.

Oder der Doktor: Bürgermeister einer Gemeinde in Thüringen; im Krieg verschüttet, danach wieder ganz »Kind« – ein weiterer Sonderling!

Doch gerade diese beiden werden Simpels wichtigste Gesprächspartner, und es ist besonders Paul, der durch alle Wirren hindurch eine gewisse Haltung – wenn auch nicht gerade verbindlich – bewahrt hat, die Karl nicht entwickeln konnte und die er nun braucht. Doch die Annahme dieses Vorbilds, dieser Vorbilder – positiv wie negative –, geschieht nicht ohne Widerspruch.

Genauso anwesend und lebendig in Karl Simpels Bericht sind – wie in seinem bisherigen Leben – die Namen Maier und Hofer. Der letztere ist ein ehemaliger Lehrer in dem Dorf, der zuerst Berufsverbot erhielt, dann vermutlich von den Nazis beseitigt wurde — wie so viele Freunde, Lehrer und Vorbilder während der Naziherrschaft.

Zum »Fall Karl Simpel« habe ich nichts Neues beizutragen. Die Tat, der Mord an den beiden Nazis in einem Tal des württembergisch-schwäbischen Voralblands, wurde zwar nicht restlos aufgeklärt, ist aber abgeschlossen. Meiner Ansicht nach kann der Fall nie restlos aufgeklärt werden. Das liegt an der Person oder an der Persönlichkeit des Mörders – nehmen wir weiterhin an, daß es Simpel allein war. Er ist selber ein Opfer: ein Opfer der Zeit und der Umstände; ein Opfer aber auch der Unfähigkeit anderer, »normaler« Menschen, mit der Zeit, mit den wirklichen Massenmördern und ihren Helfershelfern abzurechnen – in Stadt und Land, Hauptstadt und schwäbischem Land.

Da wird diesem Kind eines Tages ein Gewehr in die Hand gedrückt — von irgendwoher. Von einem andern – von der Eingebung; von der Vorsehung; vom Schicksal! Wie friedlich hätte er doch dahinleben können; hätte seine harmlosen Streiche und Dummheiten weiter treiben können, und die Umwelt, die Dorfgemeinschaft hätte ihn gewähren lassen. Sie hätte seine Narreteien, seine nutzlosen und im Grunde niemand schadenden Spiele gebraucht als Gegenstück zu ihren, tatsächlich viel gefährlicheren, Normalitäten – zu ihrem wirklich nutzlosen Ernst.

Zum Dackel ist Karl Simpel durch einen Schlittenunfall geworden, der ihn für die Volksschule untauglich machte. So mußte er nicht gerade zum Feldschütz in die Schule gehen, aber beim Zufall. Und ist dieses neue Leben als Schreibender nicht irgendwie ebenfalls Unfall und Zufall? Karl Simpel muß anders als wir frei werden von seiner Vergangenheit. Doch oft hat man den Eindruck, als befände er sich weiterhin in der Kanalisationsröhre, von der er Maier erzählt. Er ist damals zwar selber hineingestiegen in seiner Dummheit — oder in einem Moment geistiger Klarheit, die ihn andern, normalen Kindern imponieren hieß? Und er kriecht immer weiter in der dunklen Höhle voran, bis es heller wird. Er steht unter einem Schacht. Aber darüber warten schon die Kinder, lachen und verspotten ihn – »scheißen und saichen« auf ihn herab, wie Karl berichtet.

Sein Schreiben ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg von der Dunkelheit und Dumpfheit – ist es nicht die Dunkelheit und Dumpfheit seiner Umwelt, die an ihm offenbar geworden ist? – zur wachsenden Bewußtwerdung. Auch Karls Sprache wird zunehmend klarer und politischer. Sein Schreiben ist ein Innehalten vor dem nächsten großen Schritt – einem Schritt hinaus aus der Heimat, einer politischen und geographischen Grenzüberschreitung.

I

Träume oder Der Blick zurück

Seit ich wieder zu Hause bin, seit Frühjahr 1955, träume ich sehr viel, und ich kann oft gar nicht genau unterscheiden zwischen dem, was ich wirklich erlebt habe und dem, was ich nur träume. Jedenfalls ist das meiste vergangen, was ich hier erzähle. Ich blicke zurück – blicke zurück auf Wahres und Geträumtes. Alles kommt nun von sehr weit hinten auf mich zu wie eine große Welle, und ich weiß, daß sie mich verschlingen könnte. Und die Welle rollt auf mich zu, reitet über das Meer, über die See, schwillt immer mehr an: kurz vor meinen Füßen bricht sie zusammen. Das hilft mir aber nicht viel. Die Welle kommt immer wieder, und ich stehe dieselbe Angst immer wieder von neuem aus. Es ist die Angst vor mir selber: die Angst vor meinem Leben, jetzt und zuvor; in Zwiefalten und nach Zwiefalten. Wie in dieser Angst bestehen, gar weiterleben und womöglich ohne Angst? Vielleicht durch Schreiben? Im Augenblick sehe ich keine andere Möglichkeit. Zu sehr bin ich auf mich allein gestellt.

Wenn ich das äußere Bild meines Schreibens beschreiben sollte, so würde ich sagen: Rückwärts gehend und gebückt komme ich aus meiner Geschichte heraus. Dabei schreibe ich auf den Boden, male Zeichen, die die Gespenster – die Geister, die Hexen – nicht überschreiten können.

Tragen oder ertragen muß ich schon wieder viel. Nicht daß man mich verspottet; daß mir die Kinder nachlaufen oder nachschreien – schwätzen werden sie über mich, vor allem die Erwachsenen. Aber das meine ich nicht mit Ertragen. Ich meine das Ganze – das Dorf an sich; die Zeit. Alles geht weiter, als ob nichts geschehen wäre. Keiner hat etwas gesehen und gehört – und etwas Unrechtes getan oder geduldet hat gleich gar keiner von denen. Und am wenigsten hatten unsere Gefangenen, die jetzt nach Hause kommen, mit den Nazis etwas zu tun. Das will ich ja noch glauben. Sie wurden in der Hauptsache eingezogen, und wenn sie da, im Ausland oder fern im Reich etwas Böses angestellt hätten, dann hätten sie die Russen oder Amerikaner noch länger behalten. Also, was will man?

Und die, die den Krieg in der Heimat verbracht haben? Auch nichts! Da hat keiner eine Uniform getragen, eine Fahne geschwenkt oder Heil Hitler gebrüllt – alle nur »Grüß Gott«, »Grüß Gott«: »Jo, wennen sieh«, soviel hat einer allenfalls noch riskiert.

Überhaupt: wo sind die vielen Uniformen und Fahnen alle hingekommen? Zerschnitten, umgearbeitet zu bunten Sommerkleidern und Säcken – so muß ich mir das vorstellen. Und ich muß mir weiter vorstellen, daß ich mit meiner »Tat« 1948 zwischen allen Stühlen sitze und zwischen allen Lagern stehe: zwischen denen, die vergessen wollen und denen, die nicht vergessen können sowie zwischen denen, die vergessen haben und denen, die sich wieder erinnern wollen. Ich will mich ja auch wieder erinnern – doch zugleich möchte ich vergessen, freilich möchte ich erst dann vergessen, wenn ich verstanden habe. Bei allen andern kommt das zum Leben oder zum Glück dazu: bei mir ist es aber das Leben – und das Glück!

Wörter oder Schreiben und lesen können

Ob das Schreiben-und-lesen-Können nun ein Fluch oder ein Segen ist, das wird sich weisen, hätte mein Ahne, der Vater meiner Mutter in dem kleinen Dorf über dem Tal gesagt – und das sage ich jetzt auch! Auch Xaver, der in der Hütte bei Zwiefalten wohnte und vielleicht noch wohnt, von dem ich viel gelernt habe, war dieser Meinung. Xaver hat mir vor allem viel erzählt: von der Welt draußen, vom Krieg und von Abenteuern. Xaver sagte: »Es hat Kulturen gegeben in der Menschheitsgeschichte, die haben keine Schrift gekannt – die Indianer zum Beispiel, und es hat hohe Kulturen gegeben, die haben eine sehr hochentwickelte und komplizierte Schrift gehabt – die Azteken und andere: Alle sind sie untergegangen oder können jederzeit untergehen.«

»Auch Deutschland?« fragte ich dann. »Deutschland?« fragte er zurück. »Das ist doch schon untergegangen; es schwimmt nur noch über Wasser. Und an diesem Untergang sind wir selber schuld. Wir hätten uns niemals mit den Italienern und so Feiglingen einlassen dürfen, dann wäre der Krieg anders ausgegangen!« Xaver war Soldat, und er hat damals den Duce, den Führer der Italiener, zusammen mit anderen aus seiner Gefangenschaft befreit. Das waren schon starke Stücke, die konnte nicht jeder vorweisen in Zwiefalten. »Aber egal, ob Deutschland untergegangen ist oder nicht«, fuhr er fort: »Solange du noch etwas von ihm auf dem Wasser schwimmen siehst, ist es besser, du lernst lesen und schreiben – damit du vom Untergang auch etwas mitbekommst.«

»So ist das?«

»Was?«

»Ha, das: Schreiben und lesen lernt man hauptsächlich, daß man vom Untergang der Welt –«

»– vom Untergang Deutschlands!«

»Daß man vom Untergang Deutschlands etwas mitbekommt?«

»So ist es!«

»Das werde ich mir merken.«

»Hoffentlich!«

Xaver hatte im ganzen zwei Bücher, mit denen er mich traktierte, sobald er gemerkt hatte, daß ich noch nicht lesen und schreiben konnte und damit in der Anstalt, wo sie es mir auch mit Gewalt beibringen wollten, nicht genügend Fortschritte machte. Das erste Buch hieß: »Die Geschäftspraxis in Handel und Gewerbe« und hatte ein Kapitel über Schönschreiben und Rechtschreibung und eine große Zinstabelle am Schluß. Das zweite Buch hieß: »Württembergisches Realienbuch. Große Ausgabe. Bearbeitet auf Grund des Lehrplans für die württembergischen Volksschulen, Stuttgart 1912.« Ich habe ihn nie gefragt, woher er die Bücher hatte. Er hatte sie halt, und mehr brauchte er scheints auch nicht.

Daß er ein Buch von Württemberg hatte, das wunderte mich schon: Denn er war ja nicht aus Württemberg, sondern von Bayern. Das sagte schon der Name Xaver. Xaver – so hat mein Ähne immer von einem gesagt, den er nicht leiden konnte oder der nicht gerade viel vorstellte in der Gesellschaft. Und dann war er sowieso katholisch – bei dem Namen kein Wunder!

Zwiefalten – ich bin ja da nicht in einem »grauen Omnibus« hingekommen, also in einem jener Fahrzeuge, in denen während des Krieges die Dackel und Geisteskranken dort eintrafen. Sondern im gleichen schwarzen Auto – oder auch nur in einem ähnlichen, ich kann das heute nicht mehr so genau sagen –, in dem ich mit dem Kommissar und seinen Polizisten zum Ortstermin in das Dorf fuhr.

Daran erinnere ich mich seltsamerweise heute noch genau. Wir fuhren durch ein großes Tor. Wir stiegen aus und kamen in ein großes Haus. Dort wurde ich von Männern und Frauen in weißen Kitteln in Empfang genommen. Sie waren alle sehr freundlich. Einer der weißbekittelten Männer zeigte mir mein Bett in dem Zimmer, in dem noch andere Better standen, und dann sagte er, ich solle mich ausziehen. Ich müßte oder dürfte zum Baden. Au ja, sagte ich: gegen das Baden hatte ich nichts. Ich hatte Wasser, warmes Wasser, gern. Vorher würden mir noch die Haare geschnitten, sagte der Mann; ich brauchte keine Angst zu haben. Nein, nein; ich hätte keine Angst, sagte ich. Und auch der Frisör war sehr freundlich; er fragte mich, woher ich komme und wie ich heiße. Und ich erzählte ihm alles, und der Frisör lachte und sagte immer nur ja, ja – ja, ja! Und ich sagte zuletzt auch nur ja, ja – ja, ja! In diesen Worten steckte viel und nichts.

Und man sagte mir noch, ich brauche keine Angst zu haben; meine Mutter wüßte, wo ich sei, und sie würde mich auch bald besuchen. Das beruhigte mich wirklich. Und so schlief ich auch sehr tief in dieser Nacht.

Am anderen Morgen wurde ich früh geweckt und in das Zimmer eines ebenfalls weißbekittelten Mannes gebracht. Aber der mußte etwas Höheres sein; denn die anderen verhielten sich ihm gegenüber sehr ehrerbietig. Auch dieser Mann war freundlich zu mir; fragte mich, wie es mir gehe und wie ich mir die Zukunft vorstelle.

»Ha?« fragte ich.

»Na, ja!« Der Mann wurde verlegen: »Ich meine, hast du schon mal einen Wunsch gehabt?«

»Ein Fliegerabzeichen«, rief ich.

»Nein, das meine ich nicht. Hast du dir schon mal einen Beruf gewünscht?«

»Schreiner!«

»Schreiner? Na bitte; das ist doch schon etwas. Und möchtest du alles lernen – rechnen, lesen, schreiben?«

»Alles!« schrie ich.

»Das ist fein. Dann werden wir dich in die Schreinerei geben und anschließend und zwischendurch kommst du immer wieder in die Schule.«

»Zu Herrn Hofer?« fragte ich.

»Wer ist Herr Hofer?«

»Ein Lehrer.«

»Nein, wir haben hier keinen Lehrer Hofer. Aber wir haben andere Lehrer, die dir das Nötige beibringen werden.«

»Fein; kann ich gleich hin?« erkundigte ich mich.

»Sofort«, rief der Mann. »Herr Schneider?«

Ein weiterer Weißbekittelter stürzte herein: »Bringen Sie den Buben zu Meister Kranz. Er soll ihn sich ansehen und sagen, ob er ihn in der Schreinerei gebrauchen kann.«

»Jawoll«, sagte der andere.

»Also, mein lieber Simpel ... ich hoffe, es gefallt dir hier?«

»Ja, das hoffe ich auch, Herr Professor.«

»Direktor bitte! Aber wenn du willst – auch Professor!«

»Jawoll, Herr Führer!«

»Führer?« Der Direktor drohte mir mit dem Finger – »ich habe deine Geschichte gelesen: komme mir nicht auf diese Tour!«

Der Meister Kranz war ebenfalls nicht ohne. Er war bis jetzt der einzige, der keinen weißen Kittel trug – vielmehr eine blaue Schürze, so wie es sich für einen Schreiner gehörte. Er fragte nicht viel, schaute mich nur an, wies auf eine Hobelbank und sagte: »Da!«

»Ha?« fragte ich wieder.

»Nimm den Hobel in die Hand.«

»Was für einen Hobel?«

»Der da über dir in dem Kasten hängt.«

»Aber da hängen mehrere ...«

»Dann nimm einen – Simpel!«

»Gut! Und jetzt?« fragte ich, sah mich auch um, wer mich da noch beobachtete.

»Nimm das Brett, spanne es ein und hoble.«

»Sie verlangen aber Sachen, Herr Kranz.«

»Willst du Schreiner werden oder nicht?«

»Ich will!«

»Na also! Dann spann ein und hoble.«

Einspannen – und hobeln! Au – Ich rutschte mit dem Hobel ab. Das Brett stürzte zu Boden. Herr Kranz und der andere lachten.

»Komm«, hatte der Meister schließlich Mitleid, »ich will dir das Brett einspannen. Aber hobeln und den Hobel halten mußt du allein.«

»So«, sagte der Meister wieder: »Und jetzt komm da rüber.«

»Was ist da?« fragte ich.

»Maul halten, ich erkläre es dir sofort! Das ist der Leimofen. Da sind die Leimhäfen und darunter hängen die Zylinder, die mußt du jeden Morgen mit Hobelspänen vollstopfen.«

»Mache ich glatt!« sagte ich.

»Und jetzt da rüber«, zog mich der Meister fort. Der andere folgte, als sei er an mich angebunden. Wir standen vor einer Maschine: »Was steht da?« fragte der Meister.

»Wo?« grinste ich.

Herr Kranz schaute den anderen an, antwortete dann, nachdem dieser mit den Schultern zuckte, sich selber: »Ach so, kann nicht lesen. Das gehört natürlich dazu, Herr Menk. Das ist Ihre Aufgabe. Schreiben natürlich auch.«

Herr Menk, so hieß er also, der andere, nickte eifrig mit dem Kopf. Der Meister fuhr fort: »Du mußt über alles einen Bericht führen: das ist Pflicht – für die Prüfung!«

»Pflicht? Prüfung?« fragte ich und schaute von einem zum andern.

»Das wär’s ja wohl für das erste«, erklärte Herr Kranz und drehte sich einfach weg. Ich war mit Herrn Menk allein. Er führte mich wieder in den Hof und sagte: »Geh ein wenig spazieren; um zwölf wird gegessen.«

»Jawoll«, sagte ich. War er mir nun böse? Was hatte ich gemacht? Ich wollte doch Schreiner werden. Und ich wollte alles lernen – lesen und schreiben.

Ich wurde dann auch untersucht, vorn und hinten abgeklopft, kam unter eine Maschine, die meine inneren Bewegungen registrierte, und ich traf nur auf zufriedene Gesichter. Ich war gesund, hieß es; das dauerte nur einige Jahre, bis ich völlig gesund war, war damit gemeint.

Dieser Meister Kranz kostete mich dann schon Kraft. Er war ein Dickkopf. Und ich auch. Wir waren nicht die einzigen in der Schreinerei. Außer uns waren noch andere von der Anstalt und Gesellen von draußen da.

Aber alle bleiben blaß. Bis auf den Meister. Er dirigierte mich an den Leimofen, wies mir die Hobelbank an und hieß mich zinken. Und ich zinkte zunächst ohne Sinn, dann aber Schubladen. Und er schaute sie sich an – zufällig vor dem Leimofen – und schüttelte den Kopf.

»Was ist das?« fragte er.

»Was?« fragte ich zurück.

»Das soll halten?« sagte er.

»Das hält«, sagte ich.

»Das hält nicht«, schrie der Meister, warf die Schublade, die ich einige Tage lang mühsam zusammengezinkt hatte, zu Boden und rannte weg.

Im gleichen Augenblick – Gesellen und andere Lehrlinge schauten zu – stürzte ich mich auf die Schublade, ergriff sie und warf sie dem Meister hintendrein. Dazu noch eine Schraubzwinge, die gerade daneben lag. Nichts traf. Zum Glück, sage ich heute. Trotzdem wurde ich von Wärtern ergriffen und in eine Zelle gebracht. »Es ist nichts«, wehrte ich mich.

»Es ist nichts«, sagte auch der Direktor. Ich wollte es nie mehr tun, versprach ich. Und das war mir ernst. So schnell wie möglich lernen, sagte ich mir; so schnell wie möglich gesund werden – und so schnell wie möglich raus, egal wie! Das hier war nicht meine Welt; vielleicht hatte ich mal dazugehört – nun aber nicht mehr. Nun wollte ich auch nicht mehr.

Und im Laufe der Zeit sind immer mehr Leute von draußen gekommen, und ich habe gelernt, zu unterscheiden zwischen Leuten von draußen und drinnen, und ich wollte raus, ich wollte aber auch von drinnen so viel wie möglich mit herausnehmen. Da kamen Leute zu Besuch, zur Besichtigung, starrten uns an, nahmen die Parade ab, und ich wurde immer ärgerlich. Warum bin ich hier? Warum starren die mich so an? Was habe ich getan? Warum wirft man mir das immer noch vor? Und ich wurde befragt und weiterhin abgetastet, und ich gab Auskunft und schwieg. Und ich lernte, das war es vor allem: ich suchte nach Leuten, die mir helfen konnten. Und weil ich mich so gut benahm, nicht auffiel, nicht störte, durfte ich raus – hatte freien Auslauf wie ein Schaf, wie eine Kuh, wie ein Pferd. Und ich wollte das nicht ausnützen – oder doch ausnützen: ich wollte zeigen, daß ich es verdiente.

Dann bekam ich auch Besuch von meiner Mutter. Sie hatte mir zu essen mitgebracht, gerauchte Schinkenwurst und Brot; Äpfel und Schokolade –

»Kriegst du auch genug zu essen, Bua«, fragte sie.

»Jo, Mamma«, anwortete ich.

»Läßt man dich auch raus?«

»Jo! Jeda Daag.«

»Ond wo gohscht noo?«

»Ich gang spaziera. Oder bsuach da Xaver.«

»Wen?«

»Xaver! Des ischt a Einsiedler em Wald. Der verzehlt mir sehr viel.«

»Glaub et älles, waanr sait, Bua. Du woischtjo, wia se schwätzet, dia verzehlat so viel: aber wenn de nooguggescht, no ischt ällas verstonka ond verloga.«

»Der hot a Hütte em Wald.«

»Wissat des dia Herra en dr Anstalt?«

»Dia wissat des.«

»Ond duldats?«

»Ond duldats – sagat sogar, des ischt guat.«

»No willi ao niggs saaga. Do, i hao dr äbbes mitbroocht. Des mogscht doch: grauchta Schenkawurscht ...«

»Ha jo! Nadierlich moge des. Danke, Mamma!«

Xaver oder Ich, du, er, sie, es

Bis ich dahinter kam, daß er auch einer von uns war und in die Anstalt gehörte, da verging einige Zeit. Mehrmals hatte ich ihn schon vor seiner Hütte im Wald am Ortsrand schaffen sehen: er beigte Holz, hängte Wäsche auf und reparierte grad ein Fahrrad, mit dem er scheints seine Ausflüge machte. Ich traute mich nicht sofort zu ihm hin, sondern verschlupfte hinter einer Holzbeige und beobachtete ihn. Das sah alles ganz normal aus; wenn er keinen Besuch bekam, dann war das auch nichts besonderes.

Vielleicht wollte er von den Leuten nichts wissen, so wie ich: ich verließ die Anstalt so oft es mir erlaubt war und streifte lieber durch die Wälder, als mir ständig die anderen Dackel anzusehen.

Dann aber faßte ich mir doch ein Herz und stellte mich vor ihn hin: »Ich heiße Karl, und wie heißt du?«

»Xaver!«

»Xaver? Woher kommst du?«

»Woher kommst du, das sollte ich dich erst fragen!«

»Ich frage aber dich, weil ich komme aus der Anstalt.«

»Ich komme aus Bayern.«

»Bayern?«

»Kennst du das nicht?«

»Nein. Woher soll ich das auch kennen? Was ist das?«

»Das ist ein Land, so wie Württemberg – aber viel schöner!«

»Viel schöner?«

»Ja – zum Donnerwetter!«

»Wie kommst du dann hierher?«

»Durch den Krieg, du Simpel!«

»Simpel? Woher kennst du meinen Nachnamen? Ich habe dir doch nur den Vornamen gesagt?«

»Simpel – so sagt man doch hier! Jetzt aber red nicht so viel; komm rein. Gleich beginnt die Vorstellung!«

»Was für eine Vorstellung? Hast du denn ein Kino in deiner Hütte?«

»Red nicht, sage ich – komm!« Xaver zog mich fast gewaltsam in seine Hütte. Mensch, hatte der einen Griff – ich wollte geschwind schreien, denn es tat mir weh. Ich unterdrückte den Schmerz aber nochmal. Denn was ich nun sah, das beschäftigte mich mehr: Die Hütte war innen eingerichtet wie ein kleines Wohnzimmer mit einem Bett, einem Tisch, einer Lampe unter der Decke und einem kleinen Ofen gleich neben der Tür.

»Da, setz dich hin«, sagte Xaver und deutete auf das Bett unter dem Fenster.

Ich hockte mich brav hin. Xaver ging zur gegenüberliegenden Wand und zog ein Leintuch mit einem Ruck auf die Seite. Dahinter kam nun eine Landschaft zum Vorschein: sie zeigte eine grüne Wiese mit einem blauen Himmel darüber, und in dem blauen Himmel schwammen zwei winzige weiße Wölkchen. Das Bild war auf die Bretterwand gemalt; vielleicht hatte Xaver das selber gemacht. Er band das Leintuch mit einer Schnur an einen Nagel, damit es nicht vorzeitig wieder über das schöne Bild fiel, und setzte sich neben mich.

»Und jetzt?« fragte ich.

»Staad! Halt dei Gosch; gleich geht’s los. Siehst?«

»Noi? Wo?«

»Da! Dort hinten; gleich kommt der erste Panzer über den Berg ... und da ist schon das erste Flugzeug!«

»Ja, ja – du hast recht, Xaver! Jetzt seh ich es auch. Dees kommt aber tief!«

»Tiefflieger!« stöhnte Xaver.

»Panzer! Ond do, die Häuser ... Wo kommet denn zmal die viele Leut her? Ond jetzt brennts! Om Gottas willa — dia Leit! Xaver, dia Leit – die send älle verlora!«

»Dadada! Peng! Huh! ... Sirenen! Geh in Deckung, Simpel!« Xaver hatte sich richtig in die wahre oder eingebildete Situation hineingesteigert. Er schnaufte wieder und sagte: »Jetzt kannst du wieder aufstehen! Sie sind alle weg.«

»Schad om die Wiesa ond Beem; älles hee vo dene verreckte Panzer ond Bomba«, sagte ich.

»Aber wir haben gewonnen!« entgegnete Xaver.

»Alle die Schoof; die viele Gäul – ond die Menscha: Sag mol, Xaver, goht dees jedes Mol von dem Bild weg?«

»Da siehst du nachher nichts mehr. So als wenn nichts gewesen wär: Schwamm drüber und weg, verstehst du, ganz wie im Leben. Aber ich will dich nicht anlügen: die Putzarbeit machen andere für mich.«

»Wer?« wollte ich ernsthaft wissen.

»Das sage ich dir ein andermal. Jetzt aber – Vorhang zu und die Frage: hast du Durst?«

»Ja, und wie! I han scho a ganz babbiga Zong!«

»I hob aber nur Moscht ...?«

»I mog Moscht! Brauchscht aber koine Gläser: i trenk ausem Krug, so wie mei Vadder!«

»Dei Vadder – wo ist der?«

»Gfalla!«

»Gefallen? Das ist doch eine Ehre, für das Vaterland – für Führer, Volk und –«

»– Vaterland zu fallen! Ich weiß, so hat es geheißen! Mei Mutter hot dees aber et so gsäha.«

»Es hat im Krieg oft mehr Feinde hinter der Front gegeben, an der sogenannten Heimatfront, wie davor.«

»So eine aber war meine Mutter nicht, ist sie auch heute noch nicht: Sie ist keine Verräterin!«

»So meine ich das nicht, Simpel! Mein Vater lebt noch. Aber mit dem kann i über so äbbes ao net schwätza.«

»Kannscht du ao schwäbisch?«

»A bißerl!«

»Aber net viel.«

»Vielleicht lerne ichs noch. Man kann alles lernen, wenn man nur will.«

»Auch lesen und schreiben?«

Xaver stellte sich direkt vor mich hin und schaute mich von oben herab an: »Willst du damit sagen, du kannst noch nicht lesen und schreiben?«

»Nein! Das heißt ja. Ich kann nicht lesen und nicht schreiben. Ich habe es nie gelernt ...«

»Das muß aber sofort aufhören.«

»Die en dr Anstalt moenet dees ao.«

»Anstalt?«

Xaver drehte sich herum, machte einen Schritt auf einen kleinen Kasten an der Wand zu, öffnete ihn und entnahm ihm einen offenbar vollen Mostkrug. Und in dieser Bewegung wiederholte er, fast spöttisch: »Anstalt? Kenne ich nicht. Also dann trinken wir erst einmal. Prost, Karl!«

Xaver setzte an, und der Adamsapfel hüpfte an seinem Hals auf und ab. »Jetzt du«, sagte er und streckte mir den Krug hin – er war nicht so schwer wie der damals vom Schäfer. Aber vielleicht täuschte ich mich. Vielleicht war ich inzwischen nur stärker geworden.

Und an den Schäfer mußte ich jetzt denken: der wohnte damals in seinem Karren nicht so bequem wie jetzt der Xaver. Und natürlich fiel mir auch der Hund ein: der tät zur Hütte und zum Wald passen.

»Prost, Xaver«, sagte ich.

»Also saufen kannst – vielleicht auch Bier?«

»Auch Bier, wenns sein muß. Aber nicht so viel.«

»Bevor ich da her kommen bin, habe ich ja nur Bier getrunken. Und ab und zu Zigorekaffee.«

»Zigorekaffee?« hakte ich ein: »Den hat meine Mutter auch gemacht. Der schmeckt aber nicht so gut. Sag mal, Xaver, habt ihr in Bayern denn keinen Most – dann brauchtet ihr nicht so viel Bier trinken?«

»Ich weiß nicht – vielleicht im schwäbischen Bayern. Im Allgäu und im Donauried.«

»Habt ihr auch keine Äpfel?«

»Freilich haben wir Äpfel. Wir haben doch Bäume – da werden wir doch auch Äpfel haben, Simpel!«

»Und was macht ihr dann mit den übrigen Äpfeln?«

»Essen, du Simpel! Apfelkuchen backen und Apfelbrei ...«

»Das machen wir auch – Apfelkuchen und Apfelbrei! Aber man kann doch nicht von allen Äpfeln Apfelkuchen backen – Apfelbrei vielleicht, wenn man genug Zucker hineintut. Aber da gibts Apfel- und Birnensorten bei uns, da kannst du nur Most machen!«

»Bei uns nicht! Oder – ach, ich weiß nicht! Jetzt aber bist ruhig von deinem Most, von deinen Äpfeln und Birnen, und trinkst! Gib her: ich bin wieder dran!« Xaver machte eine Pause; er schien zu überlegen. Dann fuhr er fort, immer noch hoch über mir, denn ich war beim Trinken sitzen geblieben:

»Wenn du brav bist, erzähle ich dir nachher auch noch etwas. Ich bin ja viel rumgekommen in meinem Leben –« Jetzt drehte er sich doch weg, schlurfte zur Filmwand hin und ließ das Leintuch drüberfallen. Das Bild war die ganze Zeit geblieben, doch keiner hatte mehr hingeschaut. Auch jetzt interessierte es mich nicht mehr. Ich lauschte gespannt dem, was Xaver mir jetzt weiter erzählen wollte.

Er lehnte sich gegen die Wand und schaute mit den Augen irgendwohin: » ... rumgekommen! Viel! Nicht nur in Bayern und Württemberg. Ich war in Italien – bei diesen Zigeunern! Ich war in Rußland, Österreich, Ungarn, der Tschechoslowakei ...«

»Tschechoslowakei?« murmelte ich ehrfürchtig. Xaver trat unruhig auf der Stelle, schien jemand anders zu sehen und zu hören. Das gab mir Gelegenheit, den Mann näher zu betrachten. Er war nicht jung und nicht alt – ehrlich gesagt, hatte ich bis dahin keine Vorstellung von Jugend und Alter, was wohl wiederum in meinem Fall normal ist.

Aber soviel nahm ich wahr: Er hatte graue Locken auf dem Kopf – Rollen, wie wir sagen! Er hatte sich nicht rasiert; er hatte aber auch keinen Bart: die Haare im Gesicht waren wohl schon immer so lang. Und nicht nur beim Trinken, auch beim Reden und Denken – so wie jetzt – sprang sein Gurgelknopf an ihm hinauf und hinunter: wie ein Hund – wie Harras ... Aber so groß ist er doch nicht. Xaver machte ein paar Schritte, blieb stehen, sah mich an, machte das Maul auf und wollte etwas sagen. Aber es kam nicht heraus. Dann fiel mir nichts anderes ein als ihn zu fragen:

»Sag mal, Xaver, bist du katholisch?«

»Ob ich katholisch bin?«

»Du hast so ein silbernes Kettchen mit einem Kreuz um den Hals.«

»Ach so, das? Ja, ja, ich bin katholisch. Warum fragst du?«

»Ich frag halt. Ich bin evangelisch, hat meine Mutter gesagt – und haben meine Ahna und mein Ahne gesagt, und so sagt der Pfarrer.«

»Dann wirds stimmen! So«, änderte Xaver seinen Ton, ergriff den nun leeren Mostkrug und stellte ihn wieder in das Kästchen hinein: »Dann haben wir das auch geklärt. Noch etwas?« fragte er.

»Nein! Oder doch – i muaß hoim! Sonscht suachat die mi. I komm aber wieder, gell?«

»Mit Bleistift und Papier«, grinste er. »Das ist wegen der Nachricht, die du mir an der Tür hinterlassen mußt, wenn ich nicht da bin. Und ich bin öfters nicht da; muß weg, muß raus – in den Wald!«

»Gut! Wenn du an dem einen Tag nicht da bist, dann komme ich am nächsten Tag.«

»Dann kommst am nächsten Tag. So machst es, Simpel!«

»Ade«, sagte ich.

»Servus«, hörte ich ihn noch antworten und setzte mich in großen Sprüngen Richtung Anstalt ab.

Die Grundrechte jedes Deutschen oder Schwierigkeiten beim Schreiben

Beim Schreibenlernen hatte ich natürlich meine Schwierigkeiten, vorher schon in Zwiefalten und nachher noch im Gefängnis, in der »Burg«. Die Lehrlinge mußten alle in die Berufsschule. Das waren zwei Räume neben der Verwaltung beim Tor. Zweimal in der Woche kamen wir hier zusammen: Die Schreiner, die Sattler, die Schlosser, die Schuhmacher. Und von draußen herein kamen die Lehrer und übten mit uns den Stoff. Eine Anstrengung war es auch für die Lehrer: die mußten auch. Aber wenn einer nur muß und nicht will, und der andere will nur, kann aber nicht – weil der andere nicht so richtig mitmacht –, dann ist es auch nichts!

Es war aber auch manchmal zum Verzweifeln. Es gibt Wörter und Buchstaben, die liegen mir wie Steine im Maul; sie kommen erst gar nicht in meinen Magen, wo sie ihr Gewicht nur vergrößern würden. Sie bleiben mir im Maul, aber ich kann sie nicht ausspucken oder beißen. Lange Zeit konnte ich nicht einmal richtig Württemberg mit »m« schreiben; ich habe immer Württenberg mit »n« geschrieben. Das konnte mir der Lehrer hundertmal ankreuzen – ich habs einfach nicht gefressen! Das Schlimme war, der Lehrer stammte nicht einmal von Württemberg – aber er wußte, wie man es richtig schreibt.

Und dann war da noch das Wort Alb wie Schwäbische Alb. Daß es auch Alpen gibt und daß die nicht mit einem weichen, sondern mit einem harten »p« geschrieben werden, das habe ich lange nicht gewußt. Dabei seien die noch viel höher wie die Schwäbische Alb, und Schnee hätte es da das ganze Jahr; vielleicht komme ich in meinem Leben noch da hin, dann werde ich es ja sehen.

Und dann mußten wir Aufsätze schreiben – also Aufsätze! Aufsätze über alles Mögliche und Unmögliche. Ich habe geschwitzt und nachts in der Zelle phantasiert, so daß mich die Mitgefangenen, solange ich noch in einer Gemeinschaftszelle untergebracht war, aufwecken mußten.

Einen Aufsatz habe ich doch von allen aufgehoben. Es ging da um unsere Rechte: als Deutsche und als Gefangene. Der Lehrer hat mit uns gesprochen, hat aus einem Gesetz vorgelesen, und dann sollten wir schreiben über das, was wir gehört hatten und was wir uns dabei dachten. Dann kam bei mir das heraus:

Die Grundrechte jedes Deutschen!

Jeder Deutsche hat das Recht, sich frei zu bewegen, sofern er nicht in Staatsgewalt ist. Er hat ferner das Recht, sich niederzulassen, wo er will, kann glauben, was er will (evangelisch oder katholisch).

Er hat Recht auf seine Freiheit. Die Person des einzelnen ist unverletzlich.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, ob arm oder reich, ob angesehen oder verachtet. Er hat Einspruch zu erheben, wenn durch polizeiliche Gewalt, ohne richterlichen Befehl, seine Wohnung verletzt oder durchsucht wird.

Er hat Recht auf Arbeit, Unterkunft und staatlichen Schutz. Die Ehe steht unter dem besonderen Schutz des Staates. Jeder Deutsche kann Gesellschaften gründen, kann ein Geschäft eröffnen. Kein Deutscher darf einer fremden Macht ausgeliefert werden. Jeder Deutsche darf seine Meinung in Wort oder Schrift frei äußern. Er hat auch Recht auf Einhaltung des Briefgeheimnisses. Er darf an Beruf und Schaffen nicht gehindert werden.

Die Berufswahl steht ihm frei. Er hat auch Recht auf ärztliche Behandlung und, im Falle der Arbeitslosigkeit, Recht auf Arbeitslosenunterstützung. Keiner darf zu etwas gezwungen werden, was gegen seine Person geht.

Karl Simpel

Der Lehrer hat in Rot darunter geschrieben: befriedigend! Mehr konnte ich damals halt nicht bieten. Aber es war doch wenigstens etwas: es kann bei mir also immer nur noch besser und kaum schlechter kommen.

So habe ich dann auch meinen Lebenslauf geschrieben; zuerst in Zwiefalten und dann später noch in der Burg. Die habe ich alle weggeschmissen. Vielleicht war es ein Fehler. So setze ich mich jetzt hin und suche, suche und besinne mich. Und wenn man es genau nimmt, so ist das Ganze hier eigentlich ein langer Lebenslauf und Aufsatz in einem.

»Willst du heut nicht aufstehen, Karl?« Meine Mutter stand vor meinem Bett.

»Jao, jao«, fuhr ich erschreckt hoch: »Doch! Wie spät ist es denn?«

»Zehn. Wir müssen in den Wengert und grasen.«

»Ich zieh mich gleich an. Ich brauch heut kein Kaffee – als Strafe dafür, daß ich verschlafen hab. Denn ich wollt früher aufstehen. Ich muß doch schreiben.«

»Ja, ja, und wir müssen aufs Feld. Ich mach uns ein Vesper, das nehmen wir dann mit.« Mit diesen Worten verließ meine Mutter wieder das Zimmer. Ich sprang aus dem Bett und schlüpfte in die Hose, die über dem Stuhl neben der Bettlade hing. Mein Zimmer ist unter dem Dach des kleinen Hauses an der Straße. Vom einzigen Fenster aus überblicke ich die Gartenlandschaft, die sich hier im Rücken der Häuser ausbreitet. Da kann ich auch oft stundenlang stehen und träumen, kann nur lauschen. Oft ist es eine Flötenmelodie, die mich lockt; sie kommt aus einem der Häuser da hinten. Ich spiele ja kein Instrument. Vielleicht würde ich gern Klavier spielen. Aber das ist auch so ein Wunsch – und vielleicht gar nicht wahr. Ich möchte mir aller meiner Erinnerungen sicher sein: das ist wahr! Denn allein das macht mich glücklich: das genaue Erinnern, auch an Unangenehmes – nicht das Verschweigen.

Ich komme ins Wohnzimmer. Meine Mutter hat schon den Handwagen aus dem Schopf vor die Haustüre geschoben: zwei Hauen und ein Sack liegen drin. Jetzt lädt sie noch einen Henkelkorb ein, in dem das Vesper und zu trinken ist. Das heißt jetzt können wir gehen. Und damit ist dieser Tag auch herumgebracht: mit laufen, schaffen und wieder heimlaufen. Ich mache die Feldarbeit jetzt nicht mehr so gern. Aber ich begreife immer noch – oder immer mehr: Es muß sein, schließlich leben wir davon, und es lebt das Land von schönen, fruchtbaren Wiesen und Ackern.

Aber der nächste Tag gehört wieder ganz mir, mir und der kurzen Vergangenheit. Dem Xaver habe ich ja damals gesagt, mein Vater sei im Krieg gefallen, freilich habe ich mich dann verbessert.

Mein Vater lebt wirklich noch: im gleichen Dorf, in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin; im Haus seiner Eltern, in das meine Mutter hineingeheiratet hat. Er lebt jetzt da mit einer anderen Frau und anderen Kindern, die ich nicht kenne und von denen keiner genau weiß, ob sie von ihm sind oder ob sie die andere Frau von einem anderen mitgebracht hat. Die Ehe meiner Eltern wurde 1948 geschieden – aber das wissen Sie ja alles, Herr Kommissar. Aber ob Sie es wissen, Herr Hofer; ob Sie das alles mitbekommen haben, neben Ihren eigenen Sorgen, das ist die Frage. Freilich hätte es Sie interessieren können und interessieren müssen auf Grund der Beziehung – der guten Beziehung – zwischen unseren Familien.

Nun, das ist jetzt alles Geschichte: Wir leben alle nach wie vor hier, im gleichen uralten Dorf und alten Tal – aber wir kennen uns nicht mehr! Wir reden nicht mehr miteinander — wir gehen einander aus dem Weg. Vielleicht ist es ganz gut so, denn oft packt mich der Zorn, dann möchte ich meinen Vater erschlagen für alles, was er uns gegenüber versäumt hat und was er und seinesgleichen Ihnen, Herr Hofer, und anderen angetan haben. Aber dann überwältigt mich auch wieder ein unerklärlicher Wunsch, alles zu vergessen und zu vergeben.

Der Sonderling

Träumte ich schon wieder, oder war er es wirklich? Ich meine: Xaver? Er könnte es sein, der Mann da, so wie er durch die Straßen des Dorfes rennt: Turnschuhe, weißer Sportdreß und Sonnenschutz über den Augen. Nur etwas älter als der Einsiedler in Zwiefalten. Aber genauso knochig und vielleicht noch beweglicher.

So trabte er hinter dem »Löwen« hervor, wo er wohnte und ein Uhrgeschäft unterhielt; trabte fast täglich, ob Sonne oder Regen, da hervor, raus auf die Hauptstraße und ab in Richtung Sportplatz. Dort zieht er auf der Aschenbahn einige Runden und dreht wieder um in Richtung Dorf. Nein, es ist nicht Xaver! Der Mann stammt überhaupt nicht von hier: Er ist zugezogen; ein Flüchtling, ein Reingeschmeckter im besten Fall. Nein, Xaver war es nicht. Der Mann fiel natürlich auf, die Leute blieben stehen und schauten sich lachend nach ihm um.

Flüchtlinge, Reingeschmeckte: von der Sorte gibt es natürlich noch mehr hier im Tal. In Scharen sind sie einst nach dem Krieg eingefallen. Die meisten passen sich sehr schnell an und gehen auf in der neuen Gemeinschaft. Und wenn jemand auffällt, so wie der da – oder wie ich –, dann liegt es nicht daran, daß es ein Flüchtling oder ein Reingeschmeckter ist. Er ist eben ein Sonderling. So spricht man von mir inzwischen doch auch. Aber sie lachen und sie spotten nicht mehr. Sie schauen nur noch böse und ein wenig unsicher drein. Doch das kümmert mich nicht. Nur noch selten verlasse ich das Haus, halt zu Besorgungen, zu unerläßlichen Spaziergängen. Und dann treffe ich diesen Sportler, sehe ihn die nicht vorhandene Menge teilen wie ein Engel die Wolken – aber ein richtiger Engel, wenn der auf Erden landete, der brauchte auch keine Menge zu teilen: Wenn wir kommen, gehen die Leute von selber auf d’Seit, wollen nichts zu tun haben mit uns Spinnern, Sonderlingen. Sonderbar, wer ihnen das nur beigebracht hat, diese Scheu vor dem Andersartigen; diese Furcht vor dem Fremden?

Denn wir sind doch nun einander auf eine neue Weise fremd. Vorher war das scheints harmloser, weniger beängstigend: Jetzt wollen sie sich in ihrer Ruhe gestört fühlen! Aber ich tue ihnen doch gar nichts! Wer tut denen schon etwas? Doch sie selber. Manchmal hat es mich schon in den Beinen gejuckt, und ich wäre zu gern mit dem Mann durch den Flecken gerannt, wenigstens bis raus auf den Sportplatz. Aber das hätte er vielleicht falsch aufgefaßt, hätte gemeint, ich wollte ihn foppen. Denn Kinder taten das ab und zu; sie liefen ein Stück neben ihm her und schrien ihm etwas zu, feuerten ihn an. Nein, zum Kind wollte ich mich nicht mehr machen, und ich wollte ihn auch nicht verspotten. Ich könnte überhaupt nicht über ihn lachen, so wie die Leute, große und kleine. Nein, wir taten einander nichts und nützten einander auch nichts. Ich glaube nicht, daß er mich überhaupt kannte. Er kümmerte sich auf seine Weise nicht um die Menschen um sich herum; er sah sie nur in seinem Geschäft, und da lachten sie auch nicht über ihn, da waren sie ganz ernst und nahmen seine handwerklichen Fähigkeiten gern in Anspruch. Vielleicht dachte am Anfang der eine oder andere: der ist blöd, den können wir übers Ohr hauen. Der gibt uns die Sachen – oder repariert, flickt – auch mal billiger. Aber nichts wars. Der hat seine ganz normalen Preise.

Flüchtlinge

Wie habe ich gesagt – »Flüchtlinge?« Dabei bin ich doch selber ein Flüchtling: immer auf der Flucht; vor mir und vor den andern. Und dies hier ist nur eine Zwischenstation.

Herr Hofer: Sie müssen Geduld mit mir haben, so wie Sie früher immer Geduld mit mir hatten und so wie Kommissar Maier in den Verhören immer Geduld mit mir hatte.

Ich würde Ihnen jetzt gern das Heim und seine Bewohner vorstellen. Unter diesen Bewohnern ist besonders Paul wichtig — wegen seiner Kommentare, die er zu meinen Geschichten gab. Er ist auf der einen Seite einer wie Sie; auf der anderen Seite einer wie ich. Aber das geht noch nicht. Ich kann jetzt noch nicht in das Heim: ich bin noch nicht mal auf dem Hof in Niedersachsen. Ich bin noch nicht mal weg von hier. Und vom Hof gehts ja nicht direkt ins Heim. Da ist ja vorher noch die Burg, das Jugendgefängnis. Und dazwischen gibts weitere Fluchten: die Absetzungen vom Hof; die Wanderungen nach und durch Hessen und die kurzen Gastspiele auf zwei weiteren, freilich viel kleineren Bauernhöfen dort. Und es gibt die Motorradfahrt zur deutsch-französischen Grenze in der Pfalz. Von da erst zeigt der Pfeil geradewegs in die Burg, und von da ins Heim. Schon ersticke ich in meinen Erinnerungen, und vor meinen Augen beginnt alles zu flimmern. Namen und Jahre stürzen zusammen: ob ich das alles noch unter einen Hut, auf ein Blatt Papier bringe?

In meinem Gedächtnis gibt es so viele Lücken. Auf alle Fälle fehlen mir die drei Wochen – oder genauer 19 Tage –, die ich nach dem Schlittenunfall bewußtlos im Krankenhaus lag. Auch danach wird es immer wieder Nacht – und wenn plötzlich die Helle kommt, trifft sie mich wie ein Scheinwerfer, und ich sehe, höre und denke für Sekunden nichts.

Nichts! Alles das wollte ich mir zurückholen auf meinen verschiedenen Fluchten. Vielleicht habe ich das eine oder andere gefunden unterwegs auf den Straßen; in den einzelnen Häusern und Höfen – bei fremden Leuten!

Ja, der Schlittenunfall: das ist meine lebenslange Bedrohung. Denn in dieser Zeit, das sage ich mir immer wieder, hätte ich dies und das tun und etwas anderes lassen können – zum Beispiel zwei Menschen erschießen, wie mir vorgeworfen wird. Sollte das wahr sein, dann ist da in mir etwas außer Kontrolle geraten – ich bin außer Kontrolle geraten. Das könnte sich ja nun wiederholen – das ist das Beängstigende. Das ist es, was mich ständig beunruhigt.

Ich will ja niemand die Schuld geben – zum Beispiel meinem Vater oder der Zeit, dem Dorf oder seinen Bürgern: Ich allein war es, und ich allein muß es verantworten. Und ich will es auch verantworten – alles, was ich getan habe und alles, was ich noch tun werde. Gutes und Böses.

II

Auf der Flucht

So wie es mit einem Schlag laut werden kann, wird es plötzlich still, so still, daß man die berühmte Stecknadel zu Boden fallen hört. Und ich lausche, lausche dem Pferdegetrappel auf der Straße.

Ich springe auf, stürze in mein Zimmer unter dem Dach und öffne das Fenster. Von hier kann ich einen Teil des Dorfes samt der Hauptstraße übersehen. Ich muß mich nur etwas recken oder mich auf einen Stuhl oder Schemel stellen. Ich stehe aber nicht sehr oft da; ich bin kein Jäger, der dem Wild auflauert. Eher bin ich das Wild, das sich versteckt vor diesen Jägern. Und fliehen, das gehört doch auch zum sich verstekken – nicht nur vor Jägern, tatsächlichen oder eingebildeten! Da sehe ich die Gäule kommen: ein Bauer mit seinem Fuhrwerk. Ist das nicht der Räber-Schorsch, den meine Mutter schon zum Ackern geholt hat? Es gibt nicht zu viele Pferde und Pferdefuhrwerke im Ort. Es hat mehr Kühe – und ganz früher soll es auch Ochsen und Ochsengespanne gegeben haben. Das ist in manchen Familiennamen – besser Beinamen – überliefert. Weil es so viele mit dem Namen Haas gibt, nannte man diejenigen »Oggsahaasa«, die ihre Wagen von Ochsen anstatt Kühen oder Pferden ziehen ließen. Ochsen und Pferde sind natürlich teurer als Kühe; begnügen sich nicht nur mit Heu und Stroh.

Aber in Niedersachsen gab es sehr viele Pferde, Kühe nur auf der Weide und im Stall, aber keine zum Ziehen. Und in Niedersachsen, auf dem Hof bei Göttingen, begegnete ich im Grunde zum ersten Mal Pferden. Hier erhielt ich zwei zur Betreuung – war über Nacht Gespannführer geworden.

Ich war schon ein paar Tage und ein paar Nächte unterwegs – immer in Richtung Norden – und schon weit hinter Frankfurt und Kassel. Ich hatte Städte, große und kleine, durchwandert, war von der Landstraße auf die Autobahn und von der Autobahn auf die Landstraße gewechselt, so wie es sich ergab: Hauptsache, ich kam meinem Ziel, Hamburg, näher.

Bei mir trug ich eine Aktentasche, die enthielt einen Teppich und ein zweites Paar Schuhe. Der Regenmantel paßte nicht mehr hinein; den warf ich über die Schultern oder band ihn mit einem Gürtel über die Tasche. Wenn es regnete und nicht zu heiß war, konnte ich ihn anziehen: das war das Gute an Hitze und Regen im Freien.

Als ich vor einer Woche in aller Frühe das Haus meiner Mutter in dem Dorf verlassen hatte, war da auch noch ein Vesper drin. Doch das war bald gegessen. Das Vesper hatte meine Mutter am Abend zuvor gerichtet, denn wir wollten am anderen Tag alle drei — meine Mutter, meine Schwester und ich – einen Ausflug machen: nach St. Johann oder auf die Schwäbische Alb, so war es geplant.

Und die anderen Sachen, Aktentasche, Teppich, Regenmantel, Schuhe, die habe ich mir im Laufe der Zeit zusammengetragen, heimlich, nicht offen vor Mutter und Schwester. Ich habe alles auf der Bühne versteckt; in der Nacht noch habe ich alles heruntergeholt und aus dem Fenster hinter das Haus geworfen. Dort wollte ich die Sachen holen. Und wenn meine Mutter aufgewacht wäre und mich gefragt hätte, was ich machte, dann hätte ich gesagt: Ich habe wieder schlecht geträumt; ich brauche frische Luft. Du mit deinen schlechten Träumen, hätte sie vielleicht gesagt; daß das aber auch nicht aufhört!

So hätte ich nicht reden können mit der Aktentasche und mit allem andern in der Hand. Doch meine Mutter ist nicht aufgewacht. Niemand hat mich an jenem hellen Morgen aus dem Haus kommen und fortgehen sehen.

Natürlich hätte mich meine Mutter so fragen müssen. Denn sie hatte Verantwortung für mich. Ich hatte von Zwiefalten für vierzehn Tage mit ihr nach Hause fahren dürfen. Und ich lebte im Dorf schon wieder zehn Tage. Aber es war beinahe die Hölle! Deshalb freute ich mich einerseits, wenn die Vakanz herum war und ich in die Anstalt und zu Xaver zurückkam. Andererseits wollte ich nicht mehr. Ich wollte fort. Fort aus diesem Dorf und fort aus diesem Land. Fort von diesen Menschen.

Sicher hatten die Leute immer über mich gelacht. Aber damals, während des Krieges und kurz danach, hatte ich es nicht so gemerkt. Nun merkte ich es, und es tat weh! Klein und groß trieben das Michele mit mir – »Simpel ist wieder da! Der Simpel«, riefen die Kinder, und die Alten verzogen dazu spöttisch das Gesicht.

»Simpel, bischt jetzt gscheit?« fragten dann sie. Ich drehte mich wortlos um.

»Aber a Dackel bischt ond bleibscht«, hörte ich hinter mir sagen. Sowas mußte ich mir also anhören! Aber wartet nur, dachte ich: das geht nicht ewig so weiter. Und ich habe mich dann auch noch auf andere Weise auf diese Flucht vorbereitet. Mit einem Regenmantel, einem zweiten Paar Schuhe und einem Teppich – zum Übernachten im Freien – war es nicht getan!

Wenn ich mich unsichtbar machen könnte – wenigstens vorübergehend, bis der oder die vorbei sind! Aber was folgt dann? Nein, das hilft nichts. Sowieso gibts das nur im Märchen. Und dies hier ist kein Märchen. Die Leute und das Dorf sind kein Märchen – und ich bin kein Märchen.

Aber etwas muß geschehen – etwas muß weg und etwas muß dazu. Und da fiel mir nur mein Name ein: Wenn ich nicht mehr Karl Simpel hieße, sondern zum Beispiel ... Und ich könnte das beweisen: mit einem Papier; mit einem Ausweis. Bei denen hier war es doch gleich, wie ich mich nannte und was ich vorzeigte: für sie bin ich und bleibe ich der Karl – der Simpel und der Dackel! Aber die Leute draußen – die kennen mich dann gar nicht anders!

Ich habe mir die Strecke nach Hamburg vorher auf der Karte angeschaut und mir die größeren Ortschaften auf der Rückseite der Karte notiert, außerdem habe ich die Tage festgehalten, nach welchen ich sie erreichte. Es war der achte Tag, als ich in der berühmten Universitätsstadt Göttingen eintraf und durch die finsteren Gassen eines Außenbezirks trottete, daran erinnere ich mich noch sehr gut! Ich suchte nach einer Jugendherberge, so wie in allen Dörfern und Städten, fand aber keine. Also wollte ich heute noch weiter: näher zu Hamburg! Die Landkarte – DEUTSCHLAND, Germany, Allemagne – habe ich von dem Lehrer in Zwiefalten geschenkt bekommen. Ich habe ihm gesagt, ich möchte das selber nachschauen, was Sie mir da erzählen von Bergen, Landschaften, Flüssen und Seen. Er hat gesagt: Gut, schau es dir an. Deutschland ist schön; schade, daß immer wieder Leute aufkommen in der Geschichte, die es immer kleiner werden lassen und auch das wenige noch zerstören. Damals reifte in mir schon der Plan, mir dieses Deutschland anzuschauen und dort irgendwo zu bleiben, nur nicht hier in Württemberg, in dem Dorf – in der Anstalt!

Juni – das ist doch auch die Zeit, wo man die Vogelnester ausnimmt. Ein paar Junge fliegen von selber von den Bäumen – patsch! Liegen sie vor deinen Füßen! Vielleicht wird das eine oder andere auch von den Vogeleltern hinausgeworfen: ein Fresser zuviel, heißt es! Bei den Menschen ginge das nicht so einfach. Die meisten können gut noch eine Weile vom eigenen Fett leben. Die Menschen sterben auch nicht so schnell. Aber das da: so klein und blutt; ohne Haar – das bewegt sich noch kurz (zucken kann man dazu nicht sagen), dann ist es vertreten. Oder gefressen. Von einem anderen Tier – von einer Katze!

Zunächst mußte ich einmal rauskommen aus dem Dorf, möglichst ohne von jemand gesehen zu werden. Der Wald, überlegte ich mir! Und über Wiesen zwischen Bäumen; querdurch über Gräben, Böschungen hinauf und Böschungen hinunter. Und immer wieder die Bäume: sie waren mir willkommen; ich hätte mich jederzeit dahinter verstecken können, wenn Leute aufgetaucht wären. Doch ich war allein. Ich wanderte den Berg hinauf in das Dorf von meinem Ahne; aber ich lief dann nicht zwischen den Häusern durch, sondern außen herum. Und auf der anderen Seite ging es wieder hinab. Das brauchte seine Zeit. In der nächsten größeren Stadt wollte ich mit dem Zug weiter, nur um fürs erste wegzukommen: raus aus dem Land, weg, so weit wie möglich.

Ich hatte zwei Mark bei mir. Für fünfzig Pfennig kaufte ich mir eine Fahrkarte. Die reichte bis Plochingen. Da stieg ich aus und ging zu Fuß weiter. Ich sehe alles noch ganz deutlich vor mir: der Tag würde heiß werden, und ich hatte Durst. Ich suche nach einem Brunnen. Da gibt es aber keinen Brunnen. Dann schleiche ich mich in ein Hotel hinein und trinke vom Hahnen, aus der Hand. In diesem Hotel – Gasthaus, Gasthof, Wirtschaft – mußte ich auch auf den Abort. Und daran änderte sich von jetzt an nichts; wenn ich ein Dorf oder eine Stadt erreichte, suchte ich als erstes nach Wasser. Aber seltsamerweise gab es weniger Brunnen, als ich mir vom Tal und von dem Dorf auf der Höhe vorgestellt hatte. Besonders in dem kleinen Dorf von meinem Ahne gibt es viele kleine Brunnen. Alle paar hundert Meter einen: für das Vieh hauptsächlich, das an den Wagen hier vorbeikam. Und dann konnte man selber trinken, konnte sich Arme und Gesicht waschen. Das fehlte mir nun. Und mehr als Hunger litt ich immer Durst – natürlich auch Hunger! Die paar Brote von meiner Mutter waren bald weggeputzt, schon vor Plochingen. Kaufen wollte ich mir aber nichts: ich mußte mir das Geld sparen für Notfälle. Blieb mir nur noch das Betteln oder die Gutmütigkeit der Leute. Zum Beispiel der Lastwagenfahrer; er hatte mich an einer Autobahnauffahrt einsteigen lassen.

Er brachte mich ein gutes Stück voran. Und vor allem: er fragte nicht viel, woher ich komme und wohin ich gehe, war zufrieden mit dem, was ich ihm sagte. Darauf antwortete er nur: er habe Verständnis für so etwas. In meinem Alter hätte er das auch machen wollen. Aber es ging nicht, leider! Erstens hätten sie daheim ein Geschäft gehabt und zweitens sei der Krieg gekommen, verstehst?

Ja, ja, der Krieg, schrie ich in den Motorlärm hinein.

Und dann fragte er, ob ich Hunger hätte?

Das brauchen Sie nicht fragen; ich habe immer Hunger!

So? Dann lang mal da in meine Tasche; da ist mein zweites Frühstück drin. Du kannst dir die Hälfte nehmen.

Danke! Dann durfte ich auch Tee aus seiner Thermosflasche trinken.

Bevor er von der Autobahnabfahrt auf die Landstraße bog, ließ er mich aussteigen, und ich tippelte auf der Wiese neben der Autobahn so vor mich hin. Aber wenn ich mehr zu essen und zu trinken wollte, dann mußte ich von den großen Straßen herunter und in die Siedlungen hinein. Und da habe ich dann auch ganz ungeniert gebettelt: in Bäckereien, in Metzgereien. Ich bin auch auf Bauernhöfe gegangen, und ich habe meistens etwas bekommen. Auch mal einen Zehner oder zwei: das wollte ich mir alles aufheben für später.

Und geschlafen habe ich die erste Nacht in einem Weizenfeld – oder war es Haber? oder Roggen? — gleich neben der Autobahn. Wozu hatte ich schließlich den Teppich bei mir? Und mit dem Regenmantel konnte ich mich zudecken; die Aktentasche war mein Kissen. Ich schlief natürlich nicht richtig; die ganze Nacht hörte ich die Autos rauschen, und wenn mal nichts war, dann wartete ich auf das nächste Auto. Nie war es ganz still. Das hätte ich auch nicht vertragen können.

Dann bin ich in den Dörfern natürlich auch aufs Rathaus und hab um ein Bett für die Nacht gefragt. Der Bürgermeister hat mich selber in ein Gemeindehaus gebracht. Das kostete nichts. Ich bin auch zu den Pfarrern gegangen wegen einem Dach über dem Kopf bis morgen früh – und natürlich wegen Brot und einem zusätzlichen Zehner. Nur selten ging ich mit leeren Händen von einem Pfarrhaus weg. Die Pfarrer fragten auch nicht viel. Sie fragten nur: woher und wohin – und dann sagte ich: zu meiner Tante nach Hamburg! Das genügte ihnen. Diesen Bären – freilich, es war für mich keiner – habe ich auch dem Polizisten aufgebunden. Er kam mit dem Fahrrad aus dem Dorf an den Kirschbaum neben der Autobahn heran, auf dem ich gerade saß und die Kirschen in mich hineinstopfte. Ich sah seinen Pistol am Gürtel um den Ranzen, und auf dem Grind hockte die Kappe. Der Büttel stieg vom Fahrrad herunter, lehnte es an die Böschung und kam auf mich zu. Jetzt krebselte auch ich vom Baum. Das war kein großer Baum – halt so einer, wie die Bäume werden, wenn man sie nicht schneidet und wild wachsen läßt. Die Kirschen waren auch nicht mit unseren zu vergleichen. Aber es gab in dieser Landschaft keine anderen.

»Was machen Sie denn da?« fragte der Polizist.

»Kirschen essen«, sagte ich. »Ist das verboten?«

»Nein! Aber kommen Sie mal her und zeigen Sie Ihren Ausweis. Wo wollen Sie hin?«

»Nach Hamburg zu meiner Tante.«

»So, so, nach Hamburg zu Ihrer Tante?«

»Warum, darf ich das nicht?«

»Das habe ich nicht gesagt«, bruddelte der Beamte in seinen Bart hinein – ja, der hatte einen Bart: so einen kleinen, eine Rotzbremse unter der Nase. Und schwarz. Über den Ohren hingen ein paar graue Haare heraus, aber der Schnauzer war noch schwarz. Während ich nach meinem Ausweis kruschtelte, holte er ein Buch aus dem Schweiger heraus und schlug es auf. Dabei schaute er mich scharf an.

»Name?«

»Klein. Friedrich Klein: dadrin stehts.« Ich sagte es und reichte ihm den Ausweis. Der Polizist blätterte, blätterte in meinem Ausweis und blätterte in seinem Buch. Das ging lang, in dieser Zeit rauschten eine Menge Autos an uns vorbei. Und wenn man die auf der Gegenfahrbahn noch dazu rechnete, dann war es ein Haufen.

»In Ordnung«, sagte der Mann schließlich, gab mir den Ausweis zurück und schlug auch sein Buch zu. »Ich hab nichts dagegen, daß Sie sich die Kirschen nehmen, das ist Eigentum aller. Aber brechen Sie keine Äste ab.«

»Oh, nein! Ich bin Bäume gewohnt, besonders Kirschbäume«, antwortete ich.

Der Mann richtete nun stumm sein Fahrrad auf, schwang sich in den Sattel und treppelte davon. Weiter vorn über einer Auslose im Feldweg zum Graben wäre er fast umgekippt. Alles in allem war es mir jetzt wohler.

Wer sich in Gefahr begibt ...

Hallo, Herr Hofer – sind Sie noch da? Ich verlasse jetzt meinen Fensterplatz, schließe die Luke über mir, steige vom Hocker herunter, schiebe ihn zur Seite und setze mich auf den Stuhl vor den Tisch. Ich bleibe also in meinem Zimmer. Hier habe ich ja ebenfalls Papier und Schreibwerkzeug.

Fragen Sie mich nicht, was ich mir gedacht habe und ob ich mir überhaupt etwas gedacht habe. Mir sind nur so Sprüche eingefallen wie: Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um. Aber das war es ja gerade: Ich – ja, das dachte ich vielleicht! – glaubte ja gerade, einer Gefahr zu entfliehen und erst weit weg von daheim sicherer zu sein, wenigstens meine Ruhe zu haben. Auch unerkannt zu bleiben – schon durch den neuen Namen. Hier im Ort, da würde doch die Geschichte ewig an mir haften. Ein Nachmittag in Zwiefalten steigt nun vor meinem inneren Auge auf. Wir hatten ja da unseren Unterricht. Ein Gewerbeschullehrer kam von draußen herein – so wie später auch in der Burg – und versuchte, den Lehrlingen etwas beizubringen: den Schuhmachern, Schreinern, Schlossern undsoweiter. Und da ist es dann passiert. Beim Rechnen. Ganz einfache Aufgaben – Länge mal Breite; Breite mal Höhe. Sie können auch sagen: ein mal eins und zwei mal zwei. Ich starrte auf das leere Blatt vor mir. Und der Lehrer starrte auf mich. Er hatte etwas an die Tafel geschrieben, und nach meinem Eindruck gingen die mit Leichtigkeit an die Arbeit. Nur ich kam nicht weiter. Das traf mich. Der Lehrer stellte sich vor mich und fragte:

»Was ist, Simpel? Du hast doch sonst so eine große Klappe ...«

»Nein; das stimmt nicht.«

»Widersprich nicht. Beantworte mir die Frage: wieviel ist ein mal eins?«

»Ein mal eins ist – eins!« antwortete ich.

»Na, bitte! Und wieviel ist zwei mal zwei?«

»Zwei mal zwei ist – ist zwei mal zwei!«

»Simpel, es ist hoffnungslos«, schloß der Lehrer, drehte sich auf dem Absatz herum und unterhielt sich mit den andern – wie ich meinte, freundlich und hilfsbereit. Das traf mich nochmal. Wie in einem Anfall warf ich das Bleistift zu Boden und rannte hinaus, wischte aus der Anstalt und war schon in den Feldern. Dort warf ich mich in einen Graben, schlug die Hände über dem Genick zusammen und heulte – heulte, heulte, bis ich erschöpft war und nur noch wimmern konnte. So fand man mich dann gegen Abend, trug mich auf einen Hof; von dort fuhr man mich in einem Leiterwägele zurück in die Anstalt und brachte mich in eine Krankenzelle.

Meine Pferde

So, das sind deine Pferde, erklärte mir Herr Renz, der Verwalter, am nächsten Tag, also an dem zweiten Tag meines Aufenthalts auf dem Hof in Niedersachsen in aller Frühe. Insgesamt gab es drei Gespanne und drei Gespannführer, und ich war einer davon – der jüngste: heute achtzehn Jahre alt geworden.

Der Stall ging zur Straße, der Hauptstraße des kleinen Dorfes in flachem, weitem Land. In diesem Stall war außer meinem Gespann noch ein Schimmel untergebracht. Den versorgte aber die Bäuerin oder der Verwalter selbst. Der Schimmel war ausschließlich zum Reiten, für die Herrschaft und für Gäste. Natürlich hatte ich mich später auch darauf gesetzt und ihn dann dafür ab und zu mitbetreut. Und die mußt du von nun an versorgen, mußt sie füttern, tränken und striegeln, fuhr der Verwalter, ein noch jüngerer Mann, fort. Er selbst fuhr meistens mit dem Motorrad: einer 125-Kubikzentimeter-NSU. Die habe ich ebenfalls gefahren. Aber nur einmal – die Dorfstraße hinauf und herunter. Doch dann nie wieder. Mit dem Motorrad kam er auch auf die Felder: weite, große Felder. Alles ganz anders als in Württemberg und zum tief Luftholen. Kannst auch mal drauf reiten, sagte Herr Renz mit einem Augenzwinkern. Fällst halt beim ersten Mal sofort wieder herunter, versprach er. So war es dann auch. Ich hatte Hella, die Leitstute, vor aller Augen vor dem Hof auf die Straße gestellt. Reinhard, zwei Jahre älter als ich und mein Bettnachbar in dem Verschlag hinter dem eigentlichen Stallgebäude, mit Scheuer, Bahrn, Kuh- und Schweineboxen, hielt das Pferd am Zaum und lachte schon, so wie nachher die Zuschauer, als ich mit einem Satz von der einen Seite auf das Pferd sprang und auf der anderen sofort hinunterglitt. Das war aber nur am Anfang; später konnte ich mich oben halten, ob das Pferd nun einen Sattel trug oder nicht.

Auf den Hof kam ich als Anhalter. In Einbeck wars. Ich hatte nach einer Jugendherberge gesucht oder nach einer anderen Übernachtungsmöglichkeit, doch nichts gefunden. Da es aber noch etwas hell war, wollte ich weiter. Dann bin ich einfach gegangen: heraus aus der Innenstadt, durch eine Siedlung. Häuser reihten sich an Häuser in kleinen Gärten an der Straße. Und es wurde immer dunkler. Ich war noch gut bei Kräften. Einigen Leuten war ich bis zu dieser Stelle begegnet. Auch Autos kamen mir entgegen, fuhren in meine Richtung. Natürlich hob ich den Arm. Aber es hielt keiner. Es wurde nicht nur dunkler: es wurde auch stiller. Ich hörte meine Schritte auf dem Trottwar. Ich begann sie schon zu zählen, so wie ich die Sekunden zählte zwischen den Autos auf der Straße. Aber im Grunde hörte ich das alles schon nicht mehr. Es gehörte dazu und mußte so sein: weshalb sollte ich mich weiter daran aufhalten? So wurde es immer stiller um mich, und jeder Lärm gehörte dazu: als Stein in der Mauer um mich. So hätte es wirklich noch weitergehen können – wenn auch nicht bis Hamburg.

Dann plötzlich dieser Krach hinter mir. Kam da ein Panzer? Nein, kein Panzer: ein Auto, Blechbüchse, Marke Gutbrot. Grün, und ich hob die Hand. Noch im Fallen meiner Hand ratterte dieses kleine Ungeheuer an mir vorbei. Bremslichter blitzten auf, brannten. Das Fahrzeug wippte erst nach vorn und wieder zurück und kam zum Stehen, die Reifen scharf an der Bordsteinkante. Ich rase los. Ich registriere: die Beifahrerseite wird aufgestoßen. Bevor ich frage, schaue ich und entdecke einen Riesen in einem grünen Kittel oder Mantel, der hinter dem Lenkrad eingeklemmt ist. Motor und Auspuff des Wagens lärmen immer noch, aber ich höre den Mann schnaufen – oder sehe ich es nur und sage mir dann: der schnauft, als ob er Asthma habe! Der Kopf berührte den Dachhimmel; jetzt neigt er sich zur Seite und bekommt nach oben mehr Spielraum.

»Wohin, junger Mann?«

»Ja, ich ... Können Sie mich mitnehmen?« Ich mußte schreien, vielleicht mehr als notwendig. Der Mann lächelte: es war ein freundlicher Mensch, das sah ich sofort.

»Steigen Sie ein«, sagte er.

Und ich stieg ein, warf meine Tasche erst auf den Rücksitz; da lag schon etwas, und ich warf mein Gepäck einfach darüber oder dazwischen. Dann nahm ich Platz und schlug neben mir die Tür zu. Das Auto startete.

»Wo solls denn hingehen?«

»Nach Hamburg zu meiner Tante.«

»Nach Hamburg zu Ihrer Tante? Ha, ha: so weit fahre ich nicht.«

»Es ist mir schon recht, wenn ich heut noch ein Stück vorankomme.«

Vielleicht war es ein Jäger: es sah ganz so aus. Er trug einen grünen Kittel und drunter die passende Hose. Er atmete schwer zwischen den Schaltvorgängen.

Jetzt machte er Licht, das Auto stocherte mit den Scheinwerfern in der Nacht herum. Aber es kannte sicher seinen Weg, so wie zwei Kühe oder ein Gaul vor dem Wagen, wenn der Bauer schon eingeschlafen ist zwischen seinen Säcken, auf seiner Ernte.

»Ist denn das so eilig, der Besuch bei Ihrer Tante in Hamburg?« begann er.

»Nein, das nicht.«

»Nun, dann können Sie doch eine Zeitlang bei mir bleiben. Ich habe einen Hof – Sie verstehen doch etwas von Landwirtschaft? –«

»Natürlich!«

»Dann bleiben Sie doch vorerst bei mir, Hamburg läuft Ihnen nicht davon. Sie bekommen ein Zimmer, zu essen und zu trinken und ein monatliches Geld. Was halten Sie davon?«

»Ich weiß nicht; das kommt so überraschend.«

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie kommen jetzt mit mir nach Hause, lernen meine Frau und den Verwalter kennen, essen gut zu Abend, trinken etwas dazu und schlafen in Ihrem neuen Bett. Morgen früh stehen Sie auf und sehen selber, ob es Ihnen gefallt. Es ist ein großer Hof mit ein paar Knechten und mehreren Pferden.«

So redete er vor sich hin, wurde auch lauter, nachdem er gemerkt hatte, wie angestrengt ich horchte. Vielleicht lag es auch an seiner Sprache.

Ich könnte ein eigenes Gespann bekommen, fuhr er fort: das sei doch ein schöner Umgang für einen jungen Mann, um den würden mich viele im Dorf und auch sonst beneiden. Mit diesem Gespann könnte ich ein paar Tage arbeiten, dann könnte ich mich entscheiden, ob ich dableiben oder doch weiter zur Tante nach Hamburg fahren wolle. Im übrigen könne ich ja der Tante schreiben.

»Und Ihre Mutter? Weiß die Bescheid? Ihrer Mutter müssen Sie doch auch Bescheid geben, wo Sie sind? Sie macht sich bestimmt Sorgen. Das müssen wir gleich morgen früh erledigen. Sie kriegen Papier und Schreibzeug, dann schreiben Sie ihr mit einem schönen Gruß von uns. Vielleicht sucht man Sie dort schon? Wo sind Sie eigentlich zu Hause?«

»Wo ich zu Hause bin? Zu Hause bin ich; also zu Hause bin ich ... Ja, so können wir es machen. Gleich morgen früh!«

Wie lang ich denn schon unterwegs sei? Zehn Tage? Ach, das sei doch kein Leben immer auf der Straße: kein Essen, kein Bett.

»Nein, das ist nichts auf die Dauer.«

»Sehen Sie! Wie alt sind Sie denn?«

»Siebzehn.«

»Siebzehn Jahre?«

»Morgen werde ich achtzehn.«

»Morgen werden Sie achtzehn? Jetzt hätte ich beinahe die Herrschaft über den Wagen verloren! Dann haben Sie ja morgen Geburtstag? Ein Grund mehr, zu uns zu kommen und bei uns zu bleiben.«

»Jawohl«, nickte ich: was wollte ich im Moment mehr sagen oder tun? Ich fühlte mich ertappt, jetzt erst und hier in dieser Blechkiste, aber unter keinem Heuhaufen und in keinem Weizen-, Haber- oder Roggenfeld.

Der Motor brüllte wie ein Besoffener. Der Mann steuerte nach links unter Obstbäumen hindurch, die mit ihren Ästen auf Haube und Frontscheibe klatschten. Von der Asphaltstraße gings auf einen Feldweg: wir sackten in Schlaglöcher ein und wurden auf unseren Sitzen hin und her geworfen. Und die Scheinwerfer tasteten sich an den Baumstämmen entlang, so als suchten sie einen rettenden Griff. Aber da war nichts. Das schwache Licht glitt von den Stämmen ab und landete wieder auf dem Boden, von wo es sich nur mühsam wieder aufrichtete. Der Untergrund wurde glatter, gleichmäßiger: wir wurden auf eine neue Straße gespuckt. Endlich wieder auf Asphalt, der Mann hatte nur eine Abkürzung von der Stadt zu seinem Hof genommen.

»Wir sind gleich da«, sagte er. »Meine Frau wird sich freuen. Sie bekommen zuerst etwas zu essen, dann bringen wir Sie auf Ihr Zimmer, und Sie können sich ausschlafen. Morgen früh werden wir uns dann aussprechen. Einverstanden?«

»Einverstanden.«

»Sie werden es gut bei uns haben!«

»Wir sind da«, keuchte der Mann, als wir von der langgezogenen Dorfstraße in einen großen dunklen Hof rollten, das heißt das Auto stieß uns da hinein, und der Mann hatte Mühe, es in die geplante Richtung zu dirigieren.

Ein letzter Schlag ins Kreuz, dann kamen wir vor einer Häuserwand mit Fenstern und Türen zum Stehen. Der Mann drehte dieser Höllenmaschine endlich den Kragen ab und löschte die Scheinwerfer. Zu gleicher Zeit flammte über einem Eingang in der Häuserecke eine Lampe auf und gab die weiteren Umrisse von Ställen, Scheuer, Schopf und ausladendem Wohngebäude frei.

»Wir sind da«, wiederholte der Mann. Ich wartete, was er weiter machte. Er wuchtete sich hinter dem Lenkrad hervor und stieg aus. Ich tat es ihm gleich und betrat Pflastersteine; an das Pflaster schloß sich bis zur Häuserwand eine Asphaltdecke an.

Aus dem Eingang, über dem die Birne angegangen war, trat jetzt eine Frau: stämmig, das schwarze Haar streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Buz zusammengefaßt. Die Frau war wesentlich jünger als der Mann – und sicher auch gesünder als er, das sah man sofort!

Aber was war sie: seine Frau? Tochter, Schwiegertochter, Schwägerin?

Die Frau blickte erst auf mich, nickte kurz, aber freundlich: dann ruhten ihre Augen auf dem Mann – Ehemann, Bruder, Schwager. Und der freundliche Herr, der mich von der Straße aufgelesen hatte, sagte: »Der junge Mann hier – wie heißen Sie eigentlich? Das habe ich Sie noch gar nicht gefragt –«

»Klein. Friedrich Klein.«

»Herr Klein will eine Zeitlang bei uns wohnen und arbeiten. Er hat mich unterwegs angehalten, und ich habe ihn mitgenommen, Frau.«

»Schön! Kommen Sie nur herein, Herr Klein.«

»Ich bin so frei«, murmelte ich und schaute mich nach dem Auto um, in dem noch meine Sachen lagen.

»Kannst du ihm ein paar Brote machen, Erika? Und er hat Durst.«

»Aber natürlich! Ich mache Ihnen ein paar Brote, und vielleicht ist noch ein Bier da.«

»Er kann ja heute in dem kleinen Zimmer oben schlafen.«

»Ja, ich mache es gleich frei. Kommen Sie erst einmal herein, Herr Klein. Ich bin Frau Reiner.«

»Ich hab noch ...«

»Ach ja, Ihr Gepäck!«

»Nur eine Aktentasche ...«

»Nehmen Sie heraus, was Ihnen gehört. Holst du auch deine Sachen aus dem Wagen, Alfons; und verschließt ihn dann?«

»Sofort, Erika! Geht ihr nur mal voraus.«

Knechte und Mägde oder Die innere Uhr

Es machte mir dann alles so viel Spaß, daß ich blieb. Nicht nur der Pferde wegen, die sofort Vertrauen zu mir faßten. Ich vertrug mich auch mit den andern: mit Knechten und Mägden; mit Fräulein Holzapfel, die eine Woche später auf den Hof kam, einer Frau in voller Blüte, auf die rasch der Verwalter ein Auge geworfen hatte. Ha, das merkte man doch! Einmal haben wir uns gestritten, vielleicht habe ich sie beschimpft. Das war in der großen Bauernstube, in der wir uns zum Essen trafen und wo wir uns auch nach Feierabend aufhielten.

Gerade wechselten die Worte noch heftig hin und her, dann war plötzlich Stille, und genauso plötzlich wurde die Stille gebrochen. Fräulein Holzapfel lachte und sagte – vor allen andern: »Karl, Ihnen kann man nicht böse sein!«

Ich schwieg und senkte beschämt den Kopf. Ich habe diesen Satz damals nicht verstanden, und ich begreife ihn bis heute nicht. Warum konnte man mir nicht böse sein? Mußte man mir denn nicht wie jedem anderen böse sein, wenn ich etwas Böses getan oder gesagt hatte? Und hatte ich nichts Böses getan – gesagt? Von jetzt an war ich in ihrer Schuld, und es dämmerte mir auf einmal, daß ich in vieler Leute Schuld sein könnte. Aber ich konnte diese Schuld nie abtragen: weder durch Geld noch durch Arbeit; weder mit Gehen noch mit Bleiben; weder durch neue Schuld noch durch irgendetwas anderes ... Nein, das hätte sie nicht sagen dürfen: diese Freundlichkeit drückte mich schwer. Sie drückte mich um so schwerer, als ich die etwa zehn Jahre ältere Frau sympathisch und anziehend fand – da ging es mir fast wie dem Verwalter!

Nach diesem Vorfall haben wir uns nie mehr gestritten, hatte ich zu ihr kein böses Wort mehr gesagt. Ich möchte fast sagen, daß ich ihr von nun an aus dem Weg ging.

Aber das war nicht immer zu machen. Sie arbeitete ja mit uns auf den Feldern, oft neben mir, in einer Reihe mit andern. Dann wurde das Vesper herausgebracht, und wir setzten uns an den Ackerrand. Es war immer um die gleiche Zeit. Da brauchte man keine Uhr. Doch dazwischen, da wollte man hier und da die Zeit wissen. Und da keiner von uns – weder Mann noch Frau – eine Uhr bei sich hatte und die Kirchen- und Schuluhr zu weit weg war, mußte man schätzen. Und das war fast täglich unser Spiel im Sommer.

Einer oder eine fragte zum Beispiel, rief es laut: Wieviel isch? – Wie spät ist es? Und dann blickten alle zum Himmel, taxierten den Abstand der Sonne zum Horizont und nannten eine Zahl. Am Anfang lagen wir alle ziemlich daneben. Doch am dritten Tag wurden wir schon genauer – und ich dann mit der Zeit am genauesten. Zur Freude Fräulein Holzapfels, die in ihren Schätzungen völlig danebenlag, mir aber offenbar gern – zu gern! – den Vortritt ließ.

Die erste Uhr

Ewig konnte ich die Zeit aber nicht nur schätzen oder andere nach der Uhr fragen. Ich brauchte einmal eine eigene Uhr, und die kaufte ich mir dann dort von meinem ersten Geld, das ich auf dem Hof bekam.

Im Dorf gab es auch ein kleines Uhrengeschäft mit einem Schaufenster neben dem Eingang, kaum größer als ein Zimmerfenster. Der Meister war allein, so wie der unsere hier, mit dem Unterschied, daß der in Niedersachsen keinen Dauerlauf zum Sportplatz und zurück machte. Auch habe ich ihn nie auf dem Fahrrad gesehen, auf das sich unser Uhrmachermeister zur Abwechslung schwingt und dann genauso auffällt wie zu Fuß.

Diesen kleinen Laden habe ich eines Tages betreten und mir meine erste Uhr gekauft, so als hätte ich mir das schon lange vorgenommen. Vielleicht kam in mir der Wunsch auf, nachdem ich das Geschäft entdeckt hatte. Wahrscheinlicher aber ist: durch unsere Spiele auf den Feldern bin ich erst auf den Gedanken gekommen, mir doch einen richtigen Zeitmesser anzuschaffen, und dieser Gedanke wurde immer stärker. Oder habe ich damals schon gewußt, daß ich den Hof bald wieder verlassen würde – in Freundschaft natürlich‒, zusammen mit Ludwig, meinem zweiten Zimmergenossen, und noch einem vom Dorf, auch einem Knecht auf einem anderen Hof, der sich uns kurz vor der Abreise anschloß?

Jedenfalls hatte Ludwig die Idee, bald wieder auf Wanderschaft zu gehen. Er stammte zwar aus Bayern, hatte aber angeblich Bekannte in Frankfurt. Dahin möchte er, und ich solle doch mit ihm kommen. In so einer Großstadt gäbe es doch ganz andere Möglichkeiten als auf dem Land.

»Ha, wenn du meinst«, sagte ich.

»Ich meine es, und es ist wahr mit den Möglichkeiten«, fuhr Ludwig fort. Solche Gespräche über Zukunft und Vergangenheit führten wir in der Regel nachts im Bett. Meistens sprach Ludwig, und Reinhart und ich hörten gespannt zu, wobei sich Reinhart so gut wie nie mit einer Zustimmung oder Ablehnung beteiligte. Das überließ er ganz mir.

Das war fast wie später nachts in der Burg: Da war auch ein Hesse, der erzählte bis zum Einschlafen Filme nach, die er einmal gesehen hatte – und wir sahen sie nun noch einmal im Dunkeln vor unserem geistigen Auge ablaufen. Es waren sehr schöne Augenblicke.

In Frankfurt oder Umgebung könnten wir über den Sommer bleiben, und im Herbst ginge es dann ab an den Rhein zur Traubenlese.

»Zur Traubenlese?« fragte ich.

»Ja. Kennst du das nicht?«

»Freilich kenne ich das: Ich bin ja im Wengert – das heißt im Weinberg aufgewachsen und habe mit der Rätsch die Staren vertrieben.«

»Aber am Rhein ist das alles viel größer als in Württemberg.«

»Das will ich dir glauben.«

»Und da verdienst du auch mehr als hier: bei der Traubenlese am Rhein kriegst du in vier Wochen mehr als hier in einem Vierteljahr. Und du hast noch ein besseres Essen. Die am Rhein verstehen zu leben ...«

Mir lief schon das Wasser im Maul zusammen.

»Und du, Reinhart?« fragten wir.

»Ohne mich!«

»Gut, dann bleibst halt da«, entschied Ludwig. »Vielleicht kriegst mal die Rösser vom Fritz, wenn der nicht mehr da ist und der Chef keinen anderen findt!«

»Mir auch egal«, murmelte Reinhart. Und damit hatte er bei diesen Nachtgesprächen seinen längsten Wortbeitrag abgeliefert. Am Tag war das anders. Da schwätzte er mir manchmal etwas zuviel.

Und nun?

Was, und nun?

Wo ist die Uhr?

Die Uhr? Die ist weg – einfach weg! Weg wie’s Kächeles Katz!

So sagt man in diesen Fällen.

Aber die kann doch nicht einfach wegkommen ...

Doch, sie kann!

Wie?

Zum Beispiel, wenn man sie verliert oder verkauft. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten.

Zum Beispiel?

Dummheit oder Gutgläubigkeit. Wir haben ja damals Frankfurt am Main wirklich erreicht, Ludwig und ich. Und dann habe ich ihm meine Uhr ausgeliehen – in meiner Dummheit und Gutgläubigkeit. Er wollte irgendwohin, wo er eine Uhr brauchte. Und dann ist er gegangen, aber nicht wiedergekommen. Dann war ich wieder allein.

Im Moment habe ich keine Uhr – auch im Heim hatte ich keine. Hier brauche ich im Moment auch keine. Ich blicke auf die Kirchenuhr, und wenn ich sie nicht sehe, nachts meinetwegen: dann lausche ich ihren Schlägen, die Fenster und Türen durchdringen und weit im Dorf zu hören sind.

Was Paul dazu sagt 1

Herr Hofer – (Herr Kommissar, wo sind Sie eigentlich?) –, hören Sie mich? Ich greife meinen Erzählungen jetzt etwas voraus. Ich spreche nun vom Heim, wohin ich im Oktober 1954, nach Verbüßung einer Jugendstrafe und »auf Bewährung« kam. Neben anderen Männern und Jugendlichen traf ich dort auf Paul. Ich habe Ihnen den Namen schon genannt. Das war kein Mann wie wir, auch wenn es von weitem so aussehen könnte. Das war eine Respektsperson, und ich gestehe, daß ich, trotz meiner unüberhör- und auch unübersehbaren Großmäuligkeit, bis zuletzt so etwas wie Angst vor ihm hatte. Auch jetzt noch steht er bedrohlich über mir – ganz im Gegensatz zu Ihnen! Nicht, daß ich zu Paul kein Vertrauen gehabt hätte – soviel wie zu Ihnen: aber es war immer ein Abstand da, der vermutlich von seiner häufig allzu sehr zur Schau getragenen Bildung herkam. Und das förderte meine Angriffslust – aber auch meine Unterwürfigkeit!

Ich konnte mich Paul nie ganz öffnen, weil ich befurchten mußte, von ihm völlig eingenommen zu werden. Nicht daß er es darauf anlegte, den anderen zu besiegen – im Gegenteil, der Sieg war ihm geradezu lästig –: aber er befriedigte ihn auch. Diese Lust am Untergang des anderen – am Ausspielen der eigenen Fähigkeiten – konnte ich lange nicht verstehen, verstehe sie im Grunde heute noch nicht. Aber – Paul war notwendig im Heim! Er verkörperte hier etwas, das uns allen verlorengegangen war oder das wir nie gehabt hatten – wenigstens die meisten von uns. Ich könnte es auch eine Freiheit nennen, die er sich nicht allein verschafft oder erstudiert hatte: Da stehen ganze Generationen und Armeen dahinter.

Weil er doch der einzige war, dem man so etwas erzählen konnte, habe ich ihm viel von mir erzählt. Aber eigentlich wußte er schon alles. Daher das Gefühl der Unzulänglichkeit – auf meiner Seite natürlich!

Übrigens das »Du« war, mit wenigen Ausnahmen, zu denen der Doktor gehörte, unter den Heimbewohnern üblich. Paul gehörte nicht zu diesen Ausnahmen. Darin war er also wieder ein Gleicher unter Gleichen, fest eingebunden in die Schicksalsgemeinschaft.

»Wie kommst du auf den Namen Friedrich Klein?«

»Klein, so hieß meine Kindergartentante.«

»Und?«

»Sie wurde abgeholt!«

»Wie abgeholt?«

»Na, während des Kriegs – von der Gestapo.«

»Ach so.«

»Und Friedrich hieß ihr Mann.«

»Wurde der auch abgeholt?«

»Schon vor seiner Frau.«

»Was ist ihnen passiert?«

»Du fragst, Paul ...«

»Ja, ich frage: Entschuldigung! Und nun fühlst du dich verantwortlich?«

»Nein; ich habe sie gemocht. Beide. Hauptsächlich Frau Klein. Sie mußte vorher schon leiden, hatte ein böses Bein.«

»Schön! Diese Haltung ehrt dich. Dann hast du den Namen einfach angenommen nach deiner Flucht aus Zwiefalten – in einer Art Patenschaft?«

»Ja.«

»Toll! Aber du hast dem Polizisten da auf der Autobahn einen Ausweis gezeigt?«

»Meinen Ausweis, ausgestellt –«

»– auf den Namen Friedrich Klein?«

»Ausgestellt auf den Namen Friedrich Klein.«

»Woher hattest du den? Der fand sich doch nicht im Aschen-Nachlaß des Mannes – und an den wärest gerade du herangekommen?«

»Nein, das behaupte ich auch gar nicht.«

»Wie bist du dann an den Ausweis gekommen?«

»Das war ein neuer!«

»Ein neuer Ausweis?«

»Ein neuer Personalausweis vom Rathaus. Von mir selber ausgefüllt. Ha, ich konnte doch nicht länger als Karl Simpel durch die Gegend dackeln! Mit diesem Namen hätte ich zu Hause bleiben müssen. Aber ich wollte raus, nicht nur aus dem Ort, nicht nur aus dem Tal, nicht nur aus dem Land: vielleicht auch aus meiner Haut.«

»Du gefällst mir, Karl Fritz, Fritz Karl, Simpel-Klein, KleinSimpel. – Und es hat nicht wehgetan?«

»Was?«

»Die Verrenkungen beim Aus-der-eigenen-Haut-Schlüpfen ...?«

»Es schmerzt immer noch! Wie bei Verbrennungen ersten oder zweiten Grades ...«

»Nur weil man dich wieder zurückgeschoben hat?«

»Ja. Wie in den Mutterleib –«

»Um noch einmal geboren zu werden ...«

»Den Geburtstag habe ich unverändert gelassen.«

»Das mußtest du ja! Du konntest dich doch nicht noch jünger oder älter machen.«

»Ich hätte es zu gern getan. Es pfufferlete mich schon in jener Nacht auf dem Rathaus.«

»Pfufferlete? Wie hast du gesagt?«

»Es hat mich gereizt.«

»Ah! Schwätz Deutsch!«

»Das ist doch Deutsch!«

»Ja, freilich. Aber weiter: wie kommst du nachts auf das Rathaus?«

»Es war das Rathaus in unserem Dorf in dem Tal. Ich bin da eingebrochen. Ich kannte mich da ja aus, sozusagen von Kindheit an.«

»Ich kenn mich auch an vielen Orten und in vielen öffentlichen und privaten Gebäuden aus: darf ich deshalb aber da gleich einbrechen?«

»Ich wollte es gar nicht. Aber ich mußte. Wegen dem neuen Namen. Sie haben doch nur gespottet und gelacht. Früher habe ich das gar nicht gemerkt. Aber jetzt. Und es hörte nicht auf. Es wurde jeden Tag schlimmer. Der erste Urlaub wieder daheim bei meiner Mutter: das war Terror! Im Vergleich dazu war Zwiefalten das reinste Erholungsheim. Jetzt sagst du nichts mehr, Paul?«

»Da kann man auch nichts mehr sagen.«

»Ich hatte niemand, an den ich mich wenden konnte; bei dem ich mich beschweren konnte. Und meine Mutter ...«

»Deine Mutter – ja? Was hat denn die dazu gesagt? Der hast du doch von dem Hof in Niedersachsen aus nicht als Friedrich Klein schreiben können und sie konnte auch einem gewissen Friedrich Klein bei Familie Reiner nicht antworten ...«

»Doch! Doch, sie konnte es. Und sie hat es getan. Sie hat niemand gesagt, wo ich bin, weder der Polizei noch den Leuten in Zwiefalten. Der Anstalt hat sie nur gemeldet – einen ersten Entwurf zu diesem Brief habe ich später gefunden: Werte Herren, ich teile Ihnen mit, daß mein Sohn verschwunden ist. Weiß selber nicht, wohin. Vielleicht ins Ausland. Er hat mir aber vorher nichts gesagt und mir auch nicht geschrieben. Am besten, Sie lassen ihn einige Zeit in Ruhe. So wird es am besten sein. Ich denke, daß er dadurch wieder normal wird und eines Tages wieder ganz von selber vor der Haustüre steht. Dann sage ich es Ihnen selbstverständlich.«

»Du hast eine Mutter!«

»Ja, ich habe eine Mutter. Gott sei Dank. Und du, Paul, hast du keine?«

»Ach, stell keine solchen Fragen!«

»Warum denn nicht? Das interessiert mich. Du bist auch nicht vom Himmel gefallen. Hast du wirklich keine Mutter – keine mehr? Ist sie gestorben?«

»Ich weiß nicht.« Paul wurde ärgerlich; sein rechter Armstumpf zuckte: »Schließlich waren wir bis zum Ende des Krieges im zugigen Ostpreußen und nicht im warmen Württemberg, so wie du und deine Familie.«

»Ohne den Vater – Oh, Paul, so warm ist Württemberg gar nicht. Vielleicht für ein paar, heute wie früher. Aber nie für alle. Meine Mutter, meine Schwester und ich haben in dieser Zeit oft gefroren und gehungert, glaube es mir!«

»Aber das war nicht korrekt, was deine Mutter da auf deinen Brief hin aus Niedersachsen gemacht hat. Das war illegal –«

»Was war das? Wie lautet das Wort?«

Paul beugte sich zu mir herüber: »Illegal – das heißt ungesetzlich! Und leichtsinnig war es zudem.«

»Ich bin aber heimgekommen, einmal, während der Kirschenzeit, mit meinem Freund Hans –«

»Hans?«

»Hans – der Berliner, den ich auf meiner zweiten Hofstelle 1953 in Hessen kennengelernt habe. Bald nach unserer Verabschiedung von dem Hof in Niedersachsen. Unserer – damit meine ich Ludwig, noch einen und mich! Zwei Tage später sind wir wieder weiter.«

»Siehst du? Das hätte sie anzeigen müssen, deine Mutter.« »Anzeigen?«

»Anzeigen! Melden! Und wohin seid ihr wieder weiter?«

»Mit einer 125er-NSU-Fox Richtung Frankreich. Mein Lieber – neunzig Sachen lief die!«

»Jetzt mal der Reihe nach, du Heißsporn. Da kommt ja niemand mit bei deinen verschiedenen Ausbrüchen und Einbrüchen –«

»– oh, da gibt es noch viel mehr!«

»Bei deinen verschiedenen Aufenthalten, Einkehren und Wanderungen – nicht durch die Mark Brandenburg allein: sondern quer durch die Bundesrepublik. Und durch dein Hirn!«

»Ja, durch mein Hirn – aber auch tatsächlich ...«

»Wo habt ihr eigentlich das Motorrad hergehabt?«

»Das Motorrad? Das Motorrad ... Ja, deswegen das eine Jahr Gefängnis und der Rest auf Bewährung!«

»Was hast du dir dabei nur gedacht?«

»Wohl nichts! Vielleicht hat sich Hans etwas dabei gedacht. Er war auch um einige Jahre älter, hatte einen Führerschein und konnte Motorrad fahren. Wir haben nie darüber gesprochen. Wir hatten auch nie Zeit dazu.«

»Tippelbrüder – und keine Zeit!«

»Wir hatten uns in eine verzweifelte Lage gebracht. Wir Dackel hatten am Abend unsere Höfe verlassen. Mit dem Zug kamen wir in Fulda an, trieben uns planlos und ziellos in der Stadt umher, hatten Hunger, waren müde – warum sind wir nicht am Tag, am Morgen losgegangen?«

»Ja, warum nicht?«

»Ja, warum nicht – so darf man fragen! Jetzt erinnere ich mich: Hans sprach von Bekannten, die er in Fulda hatte, und da könnten wir übernachten und für die nächsten Tage planen. Dann waren, wie du sicher schon erraten hast, diese Bekannten nicht da, und wir standen auf der Straße.«

»Das zu erraten war wohl nicht schwer!«

»Ich verließ mich ganz auf Hans – dann war ich verlassen! Mit zunehmender Helligkeit schöpften wir wieder Hoffnung, verschwand wenigstens die Müdigkeit. Nur der Hunger ließ sich nicht vertreiben. Schließlich genehmigten wir uns in der ersten Bäckerei, die aufmachte, pro Mann zwei Weckle und einen Kaffee. Natürlich hatte jeder etwas Geld. Doch wir wollten damit sparsam umgehen, um so weit wie möglich damit zu kommen – frag mich aber nicht, bis wohin. Auch die Frage wozu – warum ich wieder abgehauen bin, ist nicht zu beantworten. Ich könnte sagen: ich bin verführt worden; der Altere hat mich überredet: er wollte selber fort. Da war ja auch etwas dran! Hans war aus einem anderen Grund heimatlos und fühlte sich umhergetrieben: Er war geschieden, irgendwo wohnte die Frau mit einem Kind, und er wollte sich vor dem Unterhalt drücken. Ja, wohin? Zuerst in die Caritas, eine Baracke in der Nähe des Hauptbahnhofs; die kannte ich schon. Da bekam man einen Teller Suppe. Eine Suppe gab es auch im Kloster, und zwar für jeden — kostenlos –, der dahin kam und wollte.«

»Und das Motorrad?«

»Das Motorrad stand da am Straßenrand. Wir hatten noch eine Nacht in einem städtischen Obdachlosenasyl verbringen können. Aber dann wurde es Zeit.«

»Das Motorrad stand da am Straßenrand«, wiederholte Paul; er war wütend geworden.

»Und der Schlüssel steckte. Hans hatte es sofort erkannt. Er setzte sich drauf, und er hieß mich aufsteigen, und ich stieg auf den Sozius und klammerte mich an Hans, folgte ihm wie unter Hypnose. Dann gings auf die Autobahn, Richtung Frankfurt. Aufenthalt in Frankfurt. Abends weiter nach Stuttgart. Das war wieder eine Idee von Hans! Er sagte: Können wir nicht zu dir nach Hause, bevor wir nach Frankreich weiter fahren? Das können wir, sagte ich ...«

»Das wär doch die Gelegenheit gewesen, abzuspringen?«

»Oh, Paul – aus heutiger Sicht! Aus heutiger Sicht hätte ich auf dem Hof bleiben sollen. Auch Hans. Und wenn man noch weiter zurückgeht, dann hätte ich gar nicht aus Zwiefalten fortdürfen. Aber da ist das Problem. Wenn ich drandenke, merke ich, wie etwas in mir zerfließt. Ich lebe auf einer Eisdecke; die Eisdecke zerspringt. Ich treibe auf einer der kleinen Eisschollen. Aber das ist gar kein Wasser; das ist gar kein Eis. Und es ist auch nicht kalt. Im Gegenteil: Es ist heiß, und ich schwitze – schwitze vor Angst, daß es mir gehen könnte wie dem Eis: es schmilzt, und ich mit ihm. Und dann bin ich nichts mehr und niemand oder werde erst in den Händen anderer und im Umgang mit ihnen wieder jemand.« »Einen wirklich schlechten Umgang hattest du da«, bemerkte Paul, nun schon wieder etwas milder gestimmt.

»Wie gesagt, aus heutiger Sicht! Damals war es der mir scheints einzig zugängliche Umgang. Als wir dann in Stuttgart ankamen, war es spät, und ich sagte, jetzt können wir nicht mehr heimkommen, meine Mutter würde der Schlag treffen. Also morgen früh. Und die Nacht schlugen wir uns im Wartesaal des Hauptbahnhofs um die Ohren, eine Nacht, die ich nie vergesse. Es gab da einen Vorfall; ich habe jemand einfach den Koffer weggenommen und ihm den unseren gegeben ... Es war Blödsinn. Denn in dem anderen wären nur Schuhbändel, der unsere enthielt dagegen unsere ganzen Habseligkeiten. Nein, in einer solchen Verfassung konnte ich nirgends bleiben. Ich mußte fort, um mir die Hörner abzustoßen; um Haut zu verlieren. Und das ging nur in Reibereien, in Zusammenstößen. Ein bißchen ging es mir da wie dem Germanengott Wotan in der Sage: der hat doch auch ein Auge geopfert für ein Stück Weisheit.«

Jetzt aber lachte mein Tischnachbar laut: »Wo hast du denn das her?«

»Irgendwo zwischen Zwiefalten und Burg aufgelesen; vielleicht hat es mir auch der Lehrer Hofer schon als Kind erzählt.«

»Hofer? Lehrer? Das muß auch so einer gewesen sein.«

»Sage nichts gegen Herrn Hofer – das war auch so ein Opfer!« –

Nochmal vom Hof und vom Dreschen

Die Ernte habe ich ja auf dem Hof noch erlebt. Sie kam sehr schnell, und ich hatte nur zu fahren und zu fahren: Garben auf dem Acker aufladen und im Hof wieder abladen lassen – und wieder hinaus auf den Acker und eine neue Fuhre geholt. So waren auch die beiden anderen, älteren Gespannführer beschäftigt.

Im Hof stand schon die Dreschmaschine. Nachdem alles Korn, aller Weizen von den Feldern hereingefahren war, mußten auch die Gespannführer beim Dreschen helfen. Auf das Dreschen freuten sich schon viele Knechte und Mägde, und ich bald auch, als ich hörte, welches bessere und reichere Essen es danach gebe. So kam es dann auch. Aber nach so einer harten Arbeit, da schmeckte jedes Essen.

Ich sollte auch Säcke auf die Bühne tragen, so wie die erwachsenen Männer. Ich wollte es auch sofort freiwillig tun, denn es bereitete mir Freude, zeigen zu können, wie ich die Zweizentnerlasten am Boden ergriff, mir auf die Schultern warf und damit scheinbar leicht die vielen Stiegen bis unter das Dach hinaufstieg. Wenn ich die Säcke auch nicht als hopfenleicht empfand, so hielt ich doch genau so durch wie die übrigen Männer. Und jetzt stellte sich auch meine Mutter nicht mehr dazwischen, so wie damals, als ich meinem Vater die Obstsäcke von dem Räuberkarren daheim in der Scheune abladen wollte: »Das Kind hebt sich einen Bruch; das kannst du nicht zulassen, Wilhelm«, fuhr meine Mutter meinen Vater an.

Der antwortete: »Ich will es ja nicht, der will es.«

»Aber du solltest doch noch vernünftiger sein«, beharrte meine Mutter.

»Der hebt sich schon keinen Bruch; um sein Alter habe ich so Gewichter auch getragen.«

»Aber ich dulde es nicht.«

»Gut, dann duldest du es nicht«, schloß mein Vater. »Gang weg, Bua«, sagte er und stieß mich zur Seite. Wie leer flog Sack um Sack auf seine Achsel, und ihn stellte ich mir jetzt vor: Ja, das konnte ich heut auch; ich war so stark wie mein Vater – nur nicht so böse! Ich werde meine Kraft nie gegen andere richten, vor allem nicht gegen Schwache, die sich nicht wehren können.

Fräulein oder Frau Holzapfel, die Praktikantin, war immer noch da, und zum Essen und Vesper saßen wir nachher alle miteinander in der großen Stube beisammen: Herren und Knechte, Frauen und Mägde, aßen und tanken nicht aus den gleichen Tellern und Gläsern – aßen und tranken aber das gleiche. Und das war wirklich mehr als sonst; das schmeckte herzhafter als vor und nach der Ernte.

Und ich dachte an meine Gäule, und die anderen beiden Gespannführer dachten an ihre Gäule: sie würden nun wieder mehr Hafer für sie bekommen. Doch er blieb weiterhin eingeteilt, und wir mußten wie früher für sie stehlen, um sie einigermaßen im Futter zu haben und sie neben den anderen Pferden im Dorf sehen lassen zu können. Aber ein wenig schämten wir uns: meine waren immer noch stärker und schneller als alle anderen. Nur ihr Fell glänzte weniger, und sie stellten mehr die Beiner hinaus als andere. Das war der Höhepunkt, dann sagte ich dem Bauern, daß ich gehen wolle, und Ludwig sagte es auch. Bauer und Bäuerin waren sehr traurig, doch sie wollten uns nichts in den Weg legen, sagten sie – da werden genug andere Hindernisse auftauchen! Jedenfalls wünschten sie uns Glück – jetzt und in aller Zukunft!

... und wieder von Pferden

Ja, das war eine Lust, mit den Gäulen zu arbeiten. Sie waren nicht nur stark, sondern auch schnell. Öfters trieb ich sie im Galopp aufs Feld oder kehrte von dorther in den Hof zurück – alles im Galopp! Ob voller Wagen oder leerer Wagen. Hier und da ist es auch zu Rennen gekommen mit den eigenen oder fremden Gespannen – immer habe ich, hat mein Gespann gewonnen! Darum habe ich für sie auch zusätzlich Hafer und Heu gestohlen. Die Rationen, die wir jeden Morgen auf der Bühne vom Verwalter empfingen, waren nicht üppig: zuwenig Hafer, und im Hafer auch noch Kleie. Das reichte nicht für die Arbeit, die die Pferde tun mußten. Und ich habe auch schon im Stall bei ihnen geschlafen, habe mit ihnen gesprochen und geschwätzt.

Auf der anderen Seite haben sie mich auch narret gemacht. Sie hatten so Tage, da war ich Luft für sie, und alles, was ich sagte, konnte ich genau so gut verschweigen. Sie hörten es einfach nicht; das ging bei ihnen zu einem Ohr hinein und zum anderen hinaus.

Da erinnere ich mich an eine Geschichte, da habe ich von morgens bis abends Gülle geführt auf die riesigen Weiden. Ich brauchte nur zu fahren, vorne sitzen und die Zügel in der Hand halten; hinten auf dem Wagen war das Stahlfaß, das pumpten andere Knechte auf dem Hof voll. Nur auf den Feldern mußte ich absteigen und den Hahn öffnen, dann wieder aufsitzen und weiterfahren.

Damals waren wir beide narret, die Gäule und ich: sie haben mir nicht aufs Wort gefolgt, und sie mochten von mir kein Wort hören. Trotzdem mußte ja gearbeitet werden: ich mußte lenken, und sie mußten ziehen. Das ging bis zum Mittag mit ihrer Bockerei. Dann hat mich die Wut gepackt. Als das Güllefaß leer war, habe ich die Zügel links angezogen, so scharf, daß es Hella das Maul zerreißen mußte: dann habe ich, was ich sonst nie tat, die Peitsche genommen und die Gäule samt dem Wagen mit mir drauf immer im Kreis in der Weide herumsauen lassen, bis sie müde wurden und folgten. Jetzt erst konnten wir wieder miteinander geschirren. So sind wir dann langsam nach Haus, sie in den Stall, und ich in die Waschküche. Das mußte einmal sein, und sie erfuhren wieder, wer der Herr war.

Auf der Suche ...

Ich habe wieder mal das Haus verlassen – nein, nicht zu einem Spaziergang! Sondern um etwas zu suchen; nur was ich suchte, das wußte ich nicht. Vielleicht wollte ich insgeheim zu Lehrer Hofer. Ich hatte auch schon die Richtung eingeschlagen. Doch dann schwenkte ich zmal ab und landete auf dem Kirchhof. Und da – was zog mich dahin? Laß die Toten den Toten, heißt es. Ach, wenn das so einfach wäre. Tot ist doch nicht bloß tot. Auf eine Art leben alle Toten weiter – in der Erinnerung; in ihren Taten, die sie zu Lebzeiten vollbracht haben. Alle, wirklich alle? Auch die Tausende, die Millionen von Grafeneck und sonstigen Lagern? Ja, das glaube ich! Und eine Zeitlang leben die Toten sogar auf ihren Grabsteinen, die ihnen freilich Lebende gesetzt haben.

Ach, wenn das immer so leicht wäre, zu unterscheiden, wer lebt und wer wirklich tot ist. Man kann auch vor dem Tod tot sein und dann nur noch auf das Datum warten. Zwiefalten zum Beispiel: Da siehst du Leute, die fegen Jahr um Jahr immer die gleiche Stelle im gleichen Flur. Mit dem gleichen Besen. Nur der Besen nutzt sich allmählich ab und wird irgendwann einmal ausgetauscht, und vielleicht sind eines Tages auch die Leute ausgetauscht. Aber das merkst du nicht, weil die alle gleich aussehen, den gleichen Gesichtsausdruck haben – und die gleiche Freude am Leben. Ja, das glaube ich auch: die haben alle Freude am Leben, nur können sie es nicht so offen zeigen wie wir andern. Wir? Andere?

Dann stehe ich plötzlich auf dem Burgberg und schaue hinab, schaue hinab auf das Dorf im Tal und hinüber auf das kleine Dorf von meinem Ähne und meiner Ahna. Wenn es für mich Unvergängliches gibt – jenseits von Leben und Tod, dann ist es das: diese beiden Dörfer; dieses Tal, diese Berge und Wälder, und es ist die Kirche, und es ist das Rathaus. Und es ist auch die Schule, obwohl ich sie nie besucht habe. Wie frei und selbstbewußt sie neben der Kirche steht! Ja, sie darf das; sie darf sich als einzige erheben neben der Kirche. Nicht die Fabriken; nicht ihre Kamine, die frechen!

Das ist die Zeit, in der man etwas ungeduldig wird: die Kirschen sind verblüht, es dauert aber noch, bis die ersten – »balde Kiischa«: Frühkirschen – reif sind. Jetzt ist noch alles grün: die Blätter, das Gras und die Kirschen. Die Kirschen sind hart und so groß wie nachher allein die Kerne. Der Feldschütz? Nein, der kommt auch erst später.

Mein Blick fallt wieder auf die Schule – Adolf-Hitler-Schule oder wie sie in dieser Zeit geheißen hat-, und ich erinnere mich an einen Tag im Jahr 1947 oder 1948. Ich trottle über den Schulhof. Da fliegt ein Flügel der schweren Holztür über dem steinernen Treppenaufgang auf, und eine Horde von Buben springt heraus, wirft ihre Schulranzen die Staffel hinab und rennt selber hinterher. Als sie mich bemerken, ruft einer:

»Komm, Karl, jetzt bischt du uss dr Schual.«

»Waa bee i?« frage ich.

»Du bischt uss dr Schual! Ond miar älle gange jetzt uff da Burgbärg ...«

»Ond waa do dua?« erkundige ich mich, werde aber schon in die Mitte genommen und über die Straße gedrängt. Ein Mordsgeschrei entsteht.

»Do mache miar a Fuiar!« heißt es.

»Waa mache miar do?«

»Dackel! A Fuiar, hosch et ghaert?«

»Jao! Ond waa isch no mit damm Fuiar? Waa kommt do nei?«

»Do kommst du nei, Simpel!«

»Noi; do kommat onsre Schualsacha nei, onsre Hefter ond onsre Biachr. Dia brauch mr jetzt älle nemme. Ond do schmeischt du de deine ao nei.«

»A Biacherverbrennung?« keuche ich den Berg hinauf. »I hao dees Wort amool ghaert. En Berlin hant se so äbbas dao. Ond no hant se ao Leid verbrennt; Juda ...«

»Du Dackel! Haet wand doch koine Juada mae verbrennt; der Krieg ischt aus.«

»Gott sei Dank!«

»Was Gott sei Dank – do nemm dees Schbruchbuach!«

»Ond mei Aufsatzheft«, schreit ein anderer.

Das Feuer brennt, wir stehen drum herum, und allmählich werde ich von der Begeistung angesteckt.

»Flamme empor«, rufe ich und übergebe das erste Heft dem Feuer.

»Halt dei Gosch!« zischt es neben mir.

Ich rieb mir die Augen. Stimmte das oder bilde ich mir das alles nur ein? Sie haben mich aus der Schule entlassen, ohne daß ich je da rein ging, und ich habe für Augenblicke selber daran geglaubt. Und dann habe ich alle meine Unterlagen verbrannt, so daß ich nachher mit leeren Händen dastand. Dann konnte es also wahr sein oder nicht. In keinem Fall war mir geholfen. Aber wie dem auch sei: sie haben mit mir wieder das Michele getrieben. Damit ist es heute aber vorbei.

Sieben gen Stuttgart

Und jetzt denke ich wieder an Zwiefalten und an Xaver – und nicht an das Heim, an Edda, an Paul und alle andern! Nur weil ich an die Toten gedacht habe, denke ich noch weiter zurück.

Eines Tages war Xaver richtig böse. Ich dachte erst, das liege am Wetter: weil gerade schien die Sonne, dann seichte es, und so ging es paarmal hin und her, auf und ab. Aber es lag nicht am Wetter. Xaver hatte etwas erfahren, das ihn aufregte, und er zeigte seine Aufregung offen vor mir.

»Du mit deinem Württemberg«, legte er los.

»Was denn?« fragte ich ganz verdattert: »Was ist mit meinem Württemberg?«

»Da hast du ja nochmal Glück gehabt, mein Lieber. Da, schau: die Burg Grafeneck!«

»Ja, und?«

»Schön, gell? Schön liegt sie da.«

»Ja, schön, sehr schön – direkt zum Reinbeißen.«

»Na, dann beiß doch! Schmeckscht niggs?«

»So verbrannt, stimmts?«

»Da hast du ja nochmal Glück gehabt, sage ich, daß du nicht auf dich selber gebissen hast – nein, nicht auf dich: auf deine Knochen! Auf die auch nicht: auf deine Asche.«

»Meinst du den da drüben mit seinem Kartoffelfeuer: es geht ihm immer wieder aus, aber er versucht es immer wieder.«

»Nein, den meine ich nicht. Ich meine das Feuer in den Öfen in Grafeneck; heben der Burg Grafeneck. Und da meine ich, daß du Glück gehabt hast.«

»Wieso Glück?«

»Über zehntausend von deiner Sorte – kannst du dir eine solche Zahl überhaupt vorstellen?«

»Wenn du Maikäfer sagen würdest oder Raben: das wäre ein ganzer Schwarm, und wenn sich der auf einer Wiese niederläßt, wird es dunkel.«

»Das waren keine Maikäfer oder Raben: das waren Kinder, Buben und Mädchen, auch Große, Erwachsene: Die hat man in grauen Omnibussen dahin gebracht und verbrannt ...«

»Graue Omnibusse: ja, davon habe ich gehört – wann war das?«

»Im Jahr 1940.«

»Im Jahr 1940 – warte mal, das war, da war ich – sechs Jahre alt.«

»Und vielleicht noch kein ganzer Dackel: das war dein Glück!« »Zehntausend« murmelte ich immer wieder vor mich hin, hockte mich auf den Boden und begann versunken Steine zu zählen. Ich weiß nicht, wie lange ich zählte; jedenfalls zählte ich und zählte ich und wußte schon nicht mehr, daß ich zählte. Doch dann meinte ich, auf siebentausend gekommen zu sein. Xaver war verschwunden. Ich mußte ihn aus der Hütte trommeln, und ich sagte ihm, ich hätte bis auf siebentausend gezählt.

»Wieso bis auf siebentausend?« fragte Xaver, immer noch ein bißle narret.

»Weiter bin ich nicht gekommen.«

»Was heißt weiter bin ich nicht gekommen?«

»Ich bin halt nicht weiter gekommen.«

»Wenn du bis auf siebentausend gekommen bist, dann kommst du auch noch bis auf zehntausend.«

»Ich will nicht.«

»Was heißt ich will nicht?«

»Ich will nicht, Xaver: wenn ich nur bis siebentausend zähle, dann sind die fehlenden dreitausend vielleicht noch zu retten.«

»Simpel, du bist ein echter Simpel – ein Dackel bist du! Da war mit Schweigen und Verschweigen nicht zu helfen. Da mußte man schreien. Und man hat ja dann auch geschrien; hat geschwätzt — unter sich zuerst-, und dann hat man auch Briefe geschrieben. Nicht zuletzt deshalb sind die Öfen schließlich verlöscht. Aber sieben – nicht siebentausend: da bringst du mich auf eine Geschichte, die man sich hier erzählt. Nachher waren ja auch noch Kinder da, wurden hergebracht, um hier Schutz zu finden vor den Bomben in den Städten. Und sie blieben bis zuletzt. Aber da war Grafeneck auch nicht mehr sicher. Tiefflieger haben die Kinder verschreckt.«

»Tiefflieger? Im Tal gabs keine Tiefflieger.«

»Aber auf der Alb!«

»Da sind die Berge links und rechts auch nicht so hoch.«

»Darum heißt es auch auf der Schwäbischen Alb und nicht in der Schwäbischen Alb. Das mußte ich auch alles erst lernen und verstehen – verstehen und selber sehen.«

»Drum!«

»Ja, drum! Drum sind sich die Kinder auch wie Ausgesetzte und Gefangene vorgekommen, hatten bald nichts mehr zu beißen und zu kauen. Zur Angst kam der Hunger. Wieviele es zuletzt waren, weiß man nicht. Man kennt nur eine Zahl: sieben! Diese Sieben – sieben Buben aus Stuttgart – sollen übriggeblieben sein, die anderen wurden zum Teil von ihren Vätern oder Müttern abgeholt. Die Eltern der Sieben aus Stuttgart lebten offenbar nicht mehr oder hatten sie vergessen oder konnten nicht kommen. Aber in ihnen wurde das Heimweh immer stärker. So machten sie sich eines Morgens auf den Weg, banden sich alle sieben – so wird erzählt – vor einen Kinderwagen und zogen los.«

»Aber dann müssen sie durch das Tal – dann müssen sie durch das Dorf gekommen sein?«

»Hast du sie gesehen?«

»Nein! Aber das wundert mich schon, daß ich die nicht gesehen hab – die Sieben Schwaben!«

»Glaubst du die Geschichte nicht?«

»Doch, doch, ich glaube sie schon. Ich frage mich nur ... Aber sie müssen durch unser Dorf gekommen sein.«

»Gibt es keine andere Strecke?«

»Freilich gibt es eine andere Strecke. Aber das ist die nächste.«

»Gerade darum sind sie die vielleicht nicht gegangen, oder liefen immer abseits im Wald ...«

»Das kann sein.«

»Zwei Tage lang sollen sie bis Stuttgart gebraucht haben.«

»Und haben sie ihre Eltern gefunden?«

»Ich weiß nicht. So wie Stuttgart damals ausgesehen hat, kann ich mir das schwer vorstellen.«

»Aber Berlin – in Berlin war es noch schlimmer?«

»Berlin – pah! Ein Vater eines Buben soll zu gleicher Zeit von Stuttgart nach Grafeneck aufgebrochen sein –«

»Zu Fuß?«

»Natürlich zu Fuß. Nach deiner Vorstellung hätte er ebenfalls durch das Tal – durch dein Dorf kommen müssen.«

»Da gingen Hunderte rein und raus. Wie soll ich von jedem gewußt haben, wohin er will, und fragen wollte ich auch nicht. Da wäre ich ja gar nicht fertig geworden mit fragen!«

»Dieser eine Vater – vielleicht gab es noch andere – fand Grafeneck leer und mußte verzweifelt umkehren. Da, schau nochmal hinüber, Karl, bevor es dunkel wird: die Burg hat Geld gekostet. Für die hat der Herzog Christoph mehr Geld ausgegeben als für die wichtigeren Festungen Hohentwiel und Hohenneuffen. Nur das Stuttgarter Alte Schloß war teurer, habe ich nachgelesen. Und der Wein, der da gesoffen wurde, die Göckele und die Hirsche, die da gefressen wurden bei den Festen nach 1765: wenn man das alles zusammenrechnet – und den Tod der Kinder und Dackel, dann kommt unterm Strich doch mehr heraus als beim Stuttgarter Alten Schloß. Der Bau ist ja jetzt nicht mehr der gleiche. Der ist neu. Die alten Gebäude – das war nicht nur ein Haus, sondern schon ein kleines Dorf aus Kasernen, Ställen und Kapellen – mußten vor über hundert Jahren abgerissen werden, weil alles zu schnell und zu leicht gebaut war.«

»Und jetzt? Halten die Mauern?«

»Du kannst ja mal dran wackeln.« Jetzt lachte Xaver wieder und ich mit ihm.

»Hast du keinen neuen Film?« fragte ich.

»Morgen wieder«, erklärte er, und das hieß ich mußte gehen.

Kindheitserinnerungen – Raben

Von Raben habe ich gesprochen. Von meinem Platz auf dem Burgberg hoch über dem Tal und meinem Dorf, gegenüber der kleineren Siedlung von meinem Ahne, schaue ich mich um, ob ich keinen der schwarzen Kerle sehe. Nein, grade jetzt sehe ich keinen. Dabei sind sie sonst immer da, sommers wie winters, morgens wie abends, schreien durch die Luft und hocken auf Äckern und Wiesen – fallen wie ein schwarzer Hut aufs Land. Deswegen sagt mein Ähne auch Talrabb zu einem breiten Hut: weil der so weit über den Kopf ringsum hinausgeht wie die schwarzen Raben, wenn so eine Schar auf einen Acker oder auf eine Wiese niederfährt. Wenn geackert wird, dann sind sie gleich da und schnabeln die Würmer aus den Furchen. Dabei kann man die Würmer brauchen: die schaffen den Boden genauso um wie der Pflug und die Egge, sagt der Ähne.

Die Raben sind in der Luft und auf dem Boden; sie krähen im Tal und auf den Bergen. Sie schwitzen nicht und sie frieren nicht: sie haben immer bloß Hunger. Wo schlafen sie eigentlich? Und schlafen die überhaupt? Ja, wo? Auf den Bäumen, auf dem Boden oder auf den Stromdrähten? Sie müssen eine Heimat haben, sonst hätten wir als Kinder doch nicht immer das Lied gesungen: »Rab, Rab, dei Häusle brennt; sitzat sieba Jonge dren ...« Und wenn es irgendwo gebrannt hat, dann haben wir geglaubt, jetzt ist den Raben ihr Häusle abgebrannt. Vielleicht müssen sie deshalb dauernd fliegen, und das ist schon sehr lange her, daß denen ihr Häusle abgebrannt ist, und wir erzählen es uns immer noch, so wie man sich sonst auch die gleichen alten Geschichten vom Leben und Tod immer noch erzählt ...

Kindheitserinnerungen – Was man nicht verleiht

Was mir noch einfällt zu den Kindern, hier auf meinem Weltenthron ... Thron habe ich gesagt? Das ist auch so ein Wort, das ich nie verstanden habe, und ich verstehe bis heute nicht, warum da ein »h« drin ist in dem Wort. Der ist doch nur zum Hindern da, würde mein Ähne sagen: also der ist nur im Weg!

Aber was mir einfällt: Zum Glück fangen die Raben nicht mit »f« an. Dann hätten wir sie nämlich ewig, könnten sie nicht mal weggeben – an eine andere Zeit, an einen anderen Himmel. Denn alles was mit »f« anfängt, verleiht man nicht. Das sagte mir der Schulerbub, von dem ich einmal als Kind sein Fahrrad haben wollte. Ich wollte es nicht haben, ich wollte nur darauf fahren. Er sagte: Alles was mit »f« anfängt, verleiht man nicht. Was sagst du, fragte ich. Du hast mich schon verstanden: Alles was mit »f« anfangt, gibt man nicht her, auch nicht geschwind: Füller, Fahrrad, Frauen – Aha, unterbrach ich. Jetzt verstehe ich: Fahnen, Fahnenstangen, Führer – Karl, du bischt a Dackel! Führer ond Fahna, des ischt doch äbbes anders.

Ond Farra? Ond Farrastall? Da werden doch die Kühe hingebracht zum Decken, und der Bulle springt an der Kuh hinauf und macht ihr ein Kälble. So ist das. Und nachher, wenn die Kuh zum ersten Mal ein Kälble geboren hat, dann gibt sie Milch, und die heißt man Brieschtermilch. Die hat eine ganz dicke gelbe Haut oben drauf, und man muß sie lange genug stehen lassen in einem Hafen, damit sie auch fest wird und man sie mit dem Messer verschneiden kann.

Also stimmt es doch nicht, was du sagst, Hans: es gibt Sachen, die mit »f« anfangen und doch verliehen werden, so wie der Farren im Farrenstall an die Kuh oder an den Bauern, der die Kuh bringt.

Ond mei Fahrrad kriegscht oinaweg et, beharrte der Bub.

Und Franzosen, fragte ich, und Farbe, und Fieberthermometer? Ha, da muß ich doch lachen über solche Sprüche.

Gut, schloß Hans, dann gehst halt ins Vereinshaus und holst dir einen Franzosen, und wenns da keinen mehr hat, weil der Krieg aus ist und alle Franzosen daheim sind in Frankreich, dann gehst nach Frankreich. Aber am besten, du guckst nach einem Fieberthermometer und fährst dir mit dem im Arsch rum. So hat der damals gesprochen, und so haben wir damals miteinander gesprochen, und heute erinnere ich mich wieder daran. Er hat immerhin auch Frankreich gesagt.

Hoch droben auf dem Berg

Genug für heut, Herr Hofer? Genug Krieg und genug Nachkrieg? Wenn ich das so genau wüßte. Wer immer und genau weiß, was er tut, der tut Abgelegtes, Vergangenes: der tut im Grunde nichts Neues, Zukunftsweisendes.

Du machst dich, Karl.

Gell? Aber das haben Sie mir alles beigebracht. Natürlich auch noch einige andere: aber in der Hauptsache Sie. Wußten Sie eigentlich, Herr Hofer, daß ich in der Burg, in dem Gefängnis einem Gesangverein angehörte?

Du hast es mir gesagt!

Ich weiß schon, daß ich nicht singen kann. Hab da halt mitgebrummelt ... Es war ein großer Chor, ein reiner Männerchor. Wir haben uns im Erdgeschoß in der Mitte unter der Kanzel getroffen. Der Dirigent kam von draußen, aber ich glaube nicht, daß ihm der Unterschied klar war zwischen hier und draußen oder daß er in uns andere Leute sah als die draußen. Er war in seiner Sache vollkommen versunken. Wir haben alle Lieder durchgemacht von Nord bis Süd und von Ost bis West. Und es gab da ein Lied – ich glaube das hieß »Hoch droben auf dem Berg« oder so ähnlich. Wir haben dann hinterher in den Zellen immer gesungen: Hoch droben auf dem Berg, gleich hinter den vergitterten Fenstern, da saß ich ein Jahr ...

Hoffentlich hat mich jetzt niemand gehört.

Und wenn?

Freilich, ich weiß; bei einem Sonderling wie mir ist das ja völlig normal. Unnormal wäre das Gegenteil. Sie haben mir viele Dinge gesagt, Herr Hofer, das meiste habe ich vergessen. Es gibt aber auch Sprüche und Sätze, die verstehe ich erst jetzt – oder ich sehe sie mir erst jetzt genauer an. Von Ihnen weiß ich den Namen Hölderlin – ein schwäbischer Dichter, haben Sie gesagt, in Tübingen in geistiger Umnachtung verstorben. Tübingen, Herr Hofer .... Ja, da warst du auch damals, Karl. Aber wieder zu Hölderlin – ich möchte ihn schon einmal selber lesen. Doch bis jetzt getraue ich es mir nicht. Sie haben mir Gedichte von Friedrich vorgelesen, und ich habe ein paar Zeilen behalten. In einem Gedicht wendet er sich an jemand über ihm: an Gott oder an Götter und beklagt sein eigenes Leben. Und dann wünscht er sich so zu leben wie die Götter – nur »einmal« – mehr will er nicht. Und mehr braucht es auch nicht, meint er. Und das habe ich mir jetzt überlegt: Der Hitler, der hat doch gelebt wie ein Gott. Er ist angebetet worden; man ist ihm gefolgt – überall hin. Was kann er noch mehr wollen? Wo soll es ihm noch besser gehen im Weltall: wo kann er noch mehr angebetet werden oder wo könnte man ihm noch mehr folgen wie im Krieg in Deutschland? Herr Hofer, Sie schweigen?

Karl – Friedrich, Fritz –, das verstehst du noch nicht.

Hoffentlich! Wenn da aber etwas Wahres dran ist, Herr Hofer – ist das nicht furchtbar?

Es ist furchtbar, so oder so! Die Nazis haben auch Hölderlin gelesen – und ihn mißverstanden.

Gewitter im Mai oder »Abgang«

Herr Hofer – sind Sie noch da?

Ich bin noch da!

Wo sind Sie?

In deinem Kopf.

In meinem Kopf? Das kann aber nicht so bleiben: Entweder kommen Sie heraus oder ich komme hinein.

Das kommt ganz auf dich an.

Ja, soviel habe ich inzwischen begriffen. In der Burg habe ich nicht nur gesungen – gearbeitet, heimlich geraucht, Sport getrieben (Hallenhandball auf dem Hof zwischen Gefängnismauern). Da habe ich auch gelesen: Romane, Biografien. Vor allem im »Abgang«. Von Heuberg her wissen Sie doch, was »Abgang« ist? Das ist kein Abgang für Wasser; ein Abgang in die Tiefe oder so. Sondern das war in der Burg ein kleiner Gebäudeflügel, in den man verlegt wurde, bevor man entlassen wird. Und gegenüber ist der »Zugang«: da sind die Neuankömmlinge. Die kommen dann morgen oder übermorgen in unsere alten Zellen – Einzelzellen oder Gemeinschaftszellen, wenn sie Glück haben.

Und da, im »Abgang«, hat man ja Zeit; man muß nicht schaffen; nicht in die Werkstatt; nicht auf ein Kommando: da braucht man nur zu essen und dazuliegen. Und beim Liegen kann man schlafen – oder etwas lesen. Und an das letzte Buch, das ich da gelesen habe, erinnere ich mich sehr genau, das heißt an die Geschichte. Sie hat mich damals tief berührt.

Es ging da um einen Mann aus einem Dorf; er fahrt zur See, steigt vom Schiffsjungen auf zum Offizier der Handelsmarine und schwimmt über alle Weltmeere. Nach Jahren – Poldi heißt der Mann – kehrt er zu einem Urlaub in sein Dorf zurück – aber halt, halt, was hätte das mit mir zu tun? Ich bin doch hier nicht auf Urlaub, oder doch? Jedenfalls kommt der Mann wieder heim – statt Poldi könnte er auch Fritz oder Karl heißen, meinen Sie? Eins ist richtig: zur See – wenigstens bis zur See – wollte ich auch! Also: Im Dorf trifft Poldi das Dorle wieder, jenes kleine Mädle, das er einmal aus dem Wasser gefischt hat. Das ist inzwischen ein richtiges Fräulein geworden mit langen blonden Haaren und zwei geballten Fäusten unter der Bluse in Brusthöhe ... Es war im Mai. Und wie häufig im Mai gibt es ein Gewitter, das zerstört Blüten und Blütenträume. Das Schicksal nimmt einen ganz andren Verlauf, als der Leser nach den ersten Kapiteln ahnt. Ich habe das Buch damals verschlungen, und ich fühlte mich den beiden ganz verbunden.

Du also wärest auch Poldi – und wo wäre das Dorle?

Ja, das ist die Frage. Vielleicht gibt es sie schon, und ich weiß es nur nicht.

Wenn Sie erlauben, Herr Hofer, so mache ich einen zweiten Sprung ins Heim. Der Paul ist ja auch ein belesener Mann, und mit dem habe ich auch – an den genauen Anlaß erinnere ich mich nicht mehr – über das Buch gesprochen.

»Paul, kennst du >Gewitter im Mai<?«

»Mai – Juni, Juli, August! Es soll auch im Herbst Gewitter geben. Und im April.«

»Ich meine das Buch?«

»Was für ein Buch?«

»Das Buch >Gewitter im Mai< –«

»Das ist kein Buch. Das ist ein Roman. Ob ein guter oder ein schlechter – wie oft habe ich dir gesagt, du sollst dir den Autorennamen merken. Der ist oft wichtiger als der Titel.«

»Ludwig Ganghofer! –«

»Also – was ist mit dem Roman?«

»Den habe ich gelesen.«

»So? Na ja ... Wohl sonst nichts zu tun gehabt.«

»Ein reiner Zufall ... Der Titel hat mir gefallen.«

»Und wo hast du ihn gelesen?«

»Im Abgang der Burg.«

»Im Abgang der Burg: in deinem ersten Heim?«

»Nein, in meinem zweiten.«

»Was willst du nun sagen? Willst du mit mir über den Roman >Gewitter im Mai< diskutieren? Dann bin ich nicht der richtige Partner. Ich halte nämlich nicht viel von Ganghofer.«

»Ich will doch mit dir nicht diskutieren, Paul. Da stände ich schön da.«

»Warum fragst du dann?«

»Nur so! Das Buch – den Roman von Ganghofer – habe ich gelesen.«

»Was hast du behalten?«

»Da war ein Gewitter im Mai ...«

»Hör auf! In jedem Monat gibts Gewitter.«

»In jedem? Bist du sicher? Aber doch nicht im Winter?«

»Ach, irgendwo in Afrika oder auf den Fidschiinseln.«

»Warst du da auch schon, auf den Fidschiinseln?«

»Wo soll ich denn schon überall gewesen sein?«

»Im Krieg kommt man viel herum, heißt es.«

»Aber nicht auf die Fidschiinseln.«

»Aber andere Inseln! Jetzt sag mir: gibt es wirklich in jedem Monat Gewitter?«

»Wozu willst du das wissen? Hast du da etwas erlebt?«

»Ich habe den Roman von Ganghofer >Das Gewitter im Mai< gelesen. Und da war ein Gewitter im Mai, sonst würde die Geschichte nicht so heißen. Ich habe noch mehr Bücher und noch mehr Romane in der Burg gelesen. Eine Geschichte spielte im Urwald oder in der Taiga ... Kennst du die Taiga?« »Taiga: die Pflanzenformation der osteuropäisch-sibirischen Waldgebiete zwischen mittlerer Wolga und Ochotskischem Meer; mit Nadelhölzern, Eschen, Espen, Birken –«

»Und Tiger! Tiger auf Felsen und auf Schleichwegen ...«

»Ach, was du bloß liest!«

»Was soll ich denn lesen?«

»Das Kochbuch!«

Was für ein Kochbuch, wollte ich fragen. Aber es hätte keinen Sinn gehabt: wenn Paul einmal zu einem Entschluß kam, dann blieb er dabei, egal was hintendrein kam. Doch was konnte im Heim schon hintendreinkommen – und bei diesen Gesprächspartnern? Es gab nur einen, der es mit ihm aufnehmen konnte: das war der Doktor, selber so etwas wie ein Geschlagener; mit der gleichen Ausbildung wie Paul, zudem noch abgeschlossen. Doch von alledem später, Herr Hofer. Mit diesem Ludwig Ganghofer habe ich mich inzwischen doch eingehender beschäftigt. Das ist ja ein Großschriftsteller – die Auflagen, die seine Bücher erreichten, alleine die von »Gewitter im Mai«, erschienen 1904: über achthunderttausend! Dem sein Geld möchte ich haben. Aber er hat ja nicht nur »Gewitter im Mai« geschrieben. Seine 18 Romane erreichten eine Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren. Das kann man sich nicht vorstellen, genauso wie man sich eine Million als Geldbetrag nicht vorstellen kann.

Ludwig Ganghofer, 1855 bis 1920, Vertreter der »Heimatkunst«, heißt es da. Was ist das – Heimatkunst? Es wird schon etwas sein, und ich werde es noch erfahren, indem ich mehr von Ganghofer lese – oder durch mein Schreiben? Denn über was berichte ich? Ich berichte über meine Heimat – und über meinen Zug dahin. Gleichzeitig berichte ich aber auch über meinen Drang weg von da. So ist das: man wird von ein und demselben Gegenstand angezogen und abgestoßen.

Fast wie bei Paul, wollte ich sagen. Aber das ist doch etwas anders. Zu seiner Anziehung gehört notwendig der Widerstand gegen diese Anziehung. Das hätte Paul selber so gesehen. Ich habe Paul auch meine ganze Geschichte erzählt – die mit dem Schlittenunfall, nach dem ich neunzehn Tage bewußtlos war und wegen dem ich nicht eingeschult wurde; auch die Geschichte mit dem Nazi-Bürgermeister und dem Ortsgruppenleiter der NSDAP, die ich 1948, wenige Monate vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland, in unseren Wiesen hier auf der Sommerseite des Tals erschossen haben soll, und ich habe ihm auch von dem Kommissar Maier in Stuttgart erzählt, der mich verhört hat, um herauszubekommen, ob ich bei der Tat normal war oder nicht; ob es Zufall war oder ob ich aus Rache gehandelt habe.

Rudolf Maier, wie der Stuttgarter Kommissar hieß, hat seine Arbeit sehr genau genommen – vielleicht zu genau! Das hat ihm in den folgenden Jahren zu schaffen gemacht.

Kommissar Maier

»Paul, du erinnerst mich ganz an den Herrn Maier.«

»An was für einen Herrn Maier?«

»An den Herrn Maier aus Stuttgart, den Kommissar!«

»Kenne ich nicht!«

»Natürlich kennst du ihn nicht.«

»Warum soll ich ihn dann kennen? Ich kenne nur ... aber das war im Krieg! Da hießen sie auch Maier, Schmidt, Schulze ...«

»Herr Maier war auch im Krieg.«

»Wo?«

»Ich glaube, in Rußland.«

»Rußland, Rußland – Rußland ist groß!«

»Das hat Herr Maier auch gesagt. Und er hat gesagt, das hätten andere bald auch gemerkt, daß Rußland groß sei.«

»Was für andere?«

»Na, die Generäle ... Es gab doch gar keine andern, wenigstens keine, die etwas zu sagen hatten oder ein bißchen Hirn hatten.«

»Es gab auch andere – einfache Soldaten; Offiziere, mit und ohne Ritterkreuz: und die haben auch etwas gemerkt.«

»Für sich vielleicht.«

»Ist jetzt auch egal. Was willst du mir sagen?«

»Ich habe den Herrn Maier wieder getroffen, in Frankfurt auf dem Ostbahnhof. Er war arg heruntergekommen.«

»Ein Tippelbruder wie du?«

»Schlimmer! Die Männer wurden vorher alle entlaust. Sie mußten sich splitternackt ausziehen: dann wurden die Männer in den Raum geschickt, und die Kleider kamen in einen anderen Raum. Ich durfte ja hier nicht bleiben, weil ich noch keine einundzwanzig war. Das hier war nur eine Unterkunft für Erwachsene: für Jugendliche – oder Minderjährige – gab es das Samariterheim in der Mehringstraße. Jetzt saß ich noch da im Flur vor dem Schalter auf einer Bank. Neben mir andere Männer. Bis dahin war ich von unserem Treffpunkt in einen Vorort Frankfurts gekommen. Nachdem sich Ludwig auch am dritten Tag nicht zurückgemeldet hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Zelte abzubrechen, das heißt Koffer und Kisten zu schnappen und mich auf den Weg zu machen. Richtung Frankfurt. Es geschah nicht ganz freiwillig. Wir waren beobachtet worden, und ich nachher allein. Und die, die uns beobachteten, mußten die Polizei verständigt haben: die kamen und verwiesen mich des Ortes.

Auf dem Anhänger eines Traktors konnte ich bis zum Ostbahnhof mitfahren. Da sei ein Asyl von der Heilsarmee für Obdachlose, erklärte der Fahrer, ein Bauer. Asyl. Ich habe das Wort damals zum erstenmal gehört. Es stimmte. Nur war ich noch zu jung. Wohin? fragte ich. Mit der Straßenbahn bis zum Hauptbahnhof, von dort aus in die Mehringstraße. Da ist das Samariterheim. Mit was aber die Fahrt bezahlen? Ich hatte keinen Pfennig Geld mehr. Hilflos ließ ich mich auf die Bank fallen. Und wenn ich dann von Zeit zu Zeit die Augen öffnete, hatte ich eine Tür – eine Pendeltür – im Blickfeld: Männer gingen hier hinein, noch in ihren verdreckten Monturen, nach einer Weile kamen sie wieder heraus – nackt; Kittel, Mantel, Hose, Hemd und Hut über dem Arm. Mein Nachbar, noch nicht sehr alt, dessen Aufmerksamkeit ich offenbar erregt hatte, erklärte mir dann das mit dem Entlausen.

Plötzlich zuckte ich zusammen, war hellwach. Mir war eine Gestalt aufgefallen, die ich auch in un- oder bereits halbbekleidetem Zustand zu erkennen glaubte. Wahrhaftig – war das nicht Herr Maier? – Herr Kommissar Maier, rief ich – brüllte – und sprang vom Sitz auf. Ich rief nochmal, kam aber nicht vom Fleck. Mein Banknachbar, der, dem ich wohl von Anfang an aufgefallen war, hielt mich fest und murmelte in seinen Bart »Strafbataillon 999 – Todeskommando! Bitte nicht stören. Der hört auf niemand und nichts.«

Sofort hatte ich meine eigene Lage vergessen. Was machte der hier? Das war doch der Kommissar Maier? Ich hätte wetten können!«

»Jetzt machst du mich aber neugierig, Karl: Wer soll das gewesen sein?«

»Kommissar Rudolf Maier: der, der mich nach der Geschichte in meinem Dorf in Stuttgart verhört hat; erst verhaftet und dann wochenlang verhört. Aber es ist schon nicht mehr wahr – oder sehr lange her.

Jedenfalls ist es Nacht, doch ich kann auch nicht auf den Morgen warten. Überall ist Nacht, draußen und drinnen. Und die Leute, die zu mir hereinkommen, sind Nacht. Nur die Bewegung gibt Licht. Die Leute sprechen sehr deutlich, ich verstehe aber trotzdem nicht alles, und ich erzähle den Leuten von mir. So habe ich auch dem Herrn Maier erzählt. Er war ein freundlicher Mann. Schade, daß er mich in Frankfurt nicht wiedererkannt hat. Nun ist wohl auch die Nacht über ihn hereingefallen, während es um mich doch allmählich hell wird. Warum mußte das sein? Das hatte er nicht verdient. Er war ein guter Mensch, so wie es nur wenige gibt.«

»Jetzt faß dich, Karl! Das ist bestimmt eine Verwechslung; ein Doppelgänger oder so.«

»Nein, nein; keine Verwechslung. Kein Doppelgänger, ich spürte es.«

»So, du spürtest es?« Paul wechselte den Tonfall. Das war mir gerade recht; denn ich kämpfte mit den Tränen, und Paul hatte es wohl bemerkt. Wenn ich am Tisch geheult hätte – auch wenn die meisten sofort nach dem Essen gegangen waren: es wäre ihm peinlich gewesen. Vielleicht hätten Tränen einmal diesen Stein aufgeweicht?

»Ja, ich spürte es. Und ich spüre auch, wenn man mich ernst nimmt oder nicht.«

»Ich nehme dich doch ernst, Karl!«

»Du – ja! Na, ich bin dann doch noch in dieser Nacht in dem Samariterheim in der Mehringstraße zu Frankfurt am Main angekommen. Ich habe meinem Nachbar ein Hemd verkauft, bunt, kaum getragen. Mehr wie zwei Mark wollte er nicht geben. Aber das waren die zwei Mark, die mir fehlten. Es blieb dann nach der Straßenbahn noch etwas übrig.«

»Du bist verrückt«, sagte Paul und stand auf.

»Ich war verrückt, wenn du das meinst«, entgegnete ich, und erhob mich ebenfalls.

»Meinetwegen – dann warst du es halt, du verrückter Hund, verrückter!«

Was konnte man darauf noch sagen? Nur gemeinsam und stumm den Speisesaal hinausgleiten.

Erinnerungen – gute und schlechte

Ich habe Ihnen schon gesagt, und ich sage es nochmal: es tut gut, sich so zu erinnern, und zwar so genau wie möglich — an alles: an das Gute wie an das Schlechte! Das macht frei – für Neues.

Aufschreiba, haben Sie damals gesagt, Herr Kommissar, ich weiß noch sehr gut. Aber damals, 1948, nach dem Vorfall in den Wiesen, durch den wir im Stuttgarter Polizeigewahrsam zusammengekommen sind, konnte ich noch nicht schreiben. Die ganzen Jahre habe ich daran gedacht, und ich habe mir gesagt, irgendwann einmal werde ich alles aufschreiben – das, was nach unserer Begegnung passiert ist!

Doch das kannst du dir hundertmal sagen und tausendmal. Da muß noch einer oder eine dazukommen, die sagt: tus! Karl, tus!

Und die da dazukam und mir das sagte, heißt Lena – mit Betonung auf »e«, das »a« ganz dumpf gesprochen und kurz wie in ... aber auf Hochdeutsch fällt mir kein Wort ein. Lena ist eine jüngere Frau vom Ort; Fabrikarbeiterin – sie kommt öfters ins Haus, das heißt zu meiner Mutter, so wie früher schon ihr Vater unter dem Krieg ins Haus kam zum Schaffen, und so wie ich in ihrem Haus mehrmals war.

Lena brauchte bei uns nichts schaffen, der Haushalt mit Landwirtschaft war bei weitem nicht mehr so groß wie damals. Sie kam halt – aus Gewohnheit, aus Verbundenheit. Denn daß meine Mutter und sie Freundinnen waren, das möchte ich nicht sagen, dafür war der Altersunterschied doch zu groß.

Und dann, wenn Lena kam, setzte ich mich mit meiner Mutter zu ihr an den Tisch, oder Lena sah mich in der Zimmerecke hocken und lesen. Dann fragte sie: »Was machscht?«

»Lesen«, antwortete ich.

»Und das geht jetzt?«

»Ja«, sagte ich.

»Und schreiben auch?«

»Ja.«

»Und was liescht? Romane?«

»Nein, ich mag keine Romane.«

»Aber ich hab Romane gern; Liebesromane in so kleinen Heften. Soll ich dir eines ausleihen?«

»Ich mag sie nicht.«

»Wenn du die Geschichten nicht magst, dann schreib doch selber welche.«

»Wozu?«

»Oder du hast doch schon genug erlebt: schreib darüber.«

»Für was?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich hab nur gehört, daß man darüber schreibt, wenn man etwas erlebt hat und Talent hat zum Schreiben.«

»Ich hab aber kein Talent zum Schreiben.«

»Das weiß man vorher nie. Aber mach, was du willst, Karl. Jedenfalls hättest du jetzt Zeit, solange es mit dem Geschäft nicht klappt.«

Ob Sie es glauben oder nicht – Herr Hofer, Herr Maier: das hat gezündet! Seitdem sitze ich da und schreibe. Tatsächlich habe ich auch schon an Romane gedacht – auch an Liebesromane aus fernen Ländern. Aber das ist jetzt dringender. Und wenn ich wieder ins Geschäft gehe, dann habe ich sowieso weniger Zeit.

Schon im Heim habe ich mir Notizen über alles gemacht – das habe ich der Lena natürlich nicht gesagt. Das sollte auch keinen großen Zusammenhang geben sällmals. Nein, das waren einfach meine Gedächtnisstützen, so wie man einen Apfelbaum mit Stangen stützt, wenn seine Äste voller Äpfel hängen und herabzubrechen drohen. Dann gibts nämlich im nächsten Jahr nichts.

Vieles habe ich schon verbrannt, weggeworfen, und wer weiß, was ich am Ende mit diesen Aufzeichnungen mache. Die muß mir schon jemand aus den Händen reißen, damit sie ganz sicher weitergereicht werden. Weitergereicht werden an wen und wozu? Weitergereicht an meine Mutter – vielleicht! Sie fragt mich kaum, wie es war und was geschah. Das läßt ein so großes Schuldgefühl in mir aufkommen. Doch von selber möchte ich auch nicht reden – aus Scham! Und wenn sie mich dann eines Tages wirklich fragt, dann reiche ich ihr die beschriebenen Blätter.

Und wozu? Daß sie sieht, und daß es auch andere nachlesen können, wie sehr sie mir geholfen hat in meinem Leben: auch und gerade durch ihr Schweigen – durch ihr stummes Erdulden.

III

Echte Photographie

Ich habe hier eine Karte vor mir liegen, eine Ansichtskarte – »Echte Photographie« heißt es neben weiteren Herstellerangaben auf der im übrigen unbeschriebenen Rückseite. Die Karte zeigt das Heim aus der Luft von schräg oben wie aus einer Wolke oder von einem hohen Baum herab.

Auf dem Bild gibt es sehr viele Bäume: sie umstehen das Heim in Gruppen, säumen Wiesen oder Straßen und Wege, die diese Wiesen durchschneiden. Man muß aber schon genauer hinschauen oder sich in dieser Landschaft etwas auskennen, um die Verbindungslinien unter den Bäumen nachziehen zu können. Nicht einmal zu ahnen ist die Landstraße, die von der Stadt her am Heim vorüberzieht. Man sieht von daher nur einen Weg kommen: das ist die Einfahrt, darüber spannt sich ein Holzbogen. Der Weg, ein Kiesweg, wird dann zum Heim hin zunehmend breiter und weitet sich immer mehr zu einem Hof, zu einem Freiplatz um das Heim herum aus.

Das ist aber alles so unbelebt und unbewohnt. Auf der Uhr über dem Haupteingang im zweiten Stock ist es sechs Minuten vor zehn. Eine weitere Uhr, eine Sonnenuhr, prangt in gleicher Höhe auf der Längsseite des Gebäudes über einem kleinen Balkon. Das ist das Zimmer des Heimleiters. Auf dem Balkon bin ich noch nie gestanden. Aber ich war natürlich schon ein paarmal in dem Zimmer drin, gleich am Anfang und dann nachher, um mir eine Versecklete abzuholen. An dem steinernen Geländer neben der Treppe zum Eingang lehnt ein einzelnes Fahrrad. An der vorderen Hausecke, unter dem Balkon mit der Sonnenuhr darüber, warten drei Leute – Buben, oder was sind das? Einer trägt eine Lederhose. Sie stehen da und blinzeln zu dem Fotografen herauf. Aber sonst ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Die Fenster des Hauses sind geschlossen, so als sei es verlassen oder würde in Kürze erst bezogen. Diese drei sind die letzten oder die ersten. Und wo bin hier ich? Aber dann paßt dieses Türmchen auf dem Dachfirst nicht dazu – oder es paßt doch: da drin hängt die Glocke, die zum Essen und zu dem Tischgebet ruft.

Aber nur Geduld: ich komme gleich, komme in der Oktoberhitze die Straße aus der Stadt herauf. Ich komme nicht allein. Es ist noch einer bei mir, auch ein Heimbewohner und mein erster Zimmergenosse, den ich zwischen Heim und Stadt getroffen habe. Wir hatten das gleiche Ziel: er kehrte dahin zurück und ich wurde dahin geschickt.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
420 p. 1 illustration
ISBN:
9788711731390
Publishers:
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Bookwire
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