Read the book: «Validation als Lebensphilosophie»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 7
Validation 8
als Lebensphilosophie – Ein Lehrbuch 8
Vorwort 9
Einleitung 10
1 13
Altern und Gesellschaft 13
1.1 Psychische Veränderungen im Alter 15
1.2 Warum verhalten sich Menschen so? 16
1.3 Faktoren, die zu einer Mehrbelastung im Alter führen 19
1.3.1 Körperliche Faktoren 19
1.3.2 Seelische Faktoren 20
1.3.3 Gesellschaftliche Faktoren 20
1.4 Selbstbestimmung im Alter 22
2 24
Alzheimer-Demenz 24
2.1 Definition aus medizinischer Sicht 25
2.2 Vier Dimensionen der Desorientierung 27
2.2.1 Räumliche Desorientierung 27
2.2.2 Zeitliche Desorientierung 27
2.2.3 Personelle Desorientierung 28
2.2.4 Situative Desorientierung 29
2.3 Demenz-Merksätze 30
2.3.1 Ist Demenz eine Krankheit? 31
2.3.2 Ist Alzheimer ein normaler Alterungsprozess? 32
2.3.3 Ein Gedanke zur Vorsorge 33
3 38
Verständnismodelle 38
3.1 Existenzielle Erfahrungen 38
3.2 Fünf Säulen der Identität 39
3.2.1 Säule der Leiblichkeit 39
3.2.2 Säule des sozialen Umfelds 39
3.2.3 Säule der Arbeit und Leistung 40
3.2.4 Säule der materiellen Sicherheit 40
3.2.5 Säule der Werte 41
3.3 Maslowsche Bedürfnispyramide 42
3.4 Erikson-Theorie 44
3.5 Stroke-Babys 46
3.5.1 Anerkennung 47
3.6 Interpretation eines Gesichtsausdruckes 49
3.7 Vier Typologien 50
3.7.1 Enneagramm 50
3.7.2 Sympathikotoner und parasympathikotoner Mensch 54
3.7.3 Alpha-Omega-Typologie 55
3.7.4 Kontrolldramen 59
3.8 Dramadreieck 61
3.8.1 Opfer-Verfolger/Täter-Retter 62
3.9 Aspekte der reaktivierenden Pflege 62
3.9.1 Aktivitätstheorie 63
3.9.2 Disengagement-Theorie 63
3.9.3 Defizitmodell 64
3.9.4 Irreversibilitätstheorie 64
3.9.5 Reversibilitätstheorie 64
3.10 Halo-, Rosenthal- oder Pygmalion-Effekt in Bezug auf die Demenz 64
3.11 Krankheitsgewinn 67
4 70
Was heißt Validation? 70
4.1 Sammlung von theoretischen Annahmen 74
4.2 Zielgruppe für Validation 76
4.3 Anforderungen an den Validationsanwender 76
4.4 Prinzipien der Validation 77
4.5 Vier psychosoziale Grundbedürfnisse 78
4.5.1 Sich sicher und geborgen fühlen 79
4.5.2 Status und Prestige besitzen 79
4.5.3 Produktiv sein und gebraucht werden 79
4.5.4 Spontane Gefühle äußern dürfen 79
4.6 Validationsziele 80
4.7 Vier Stadien der Desorientierung 81
4.8 Validierende Grundhaltung 82
4.8.1 Authentizität in der Begegnung 82
4.8.2 Bedürfnisorientierte Pflege und Betreuung 83
4.8.3 Reden, Tun und Sein aus geragogischer Sicht 85
4.8.4 Tempo in der Arbeit mit Menschen 86
5 92
Validationsmethoden 92
5.1 Grundeinstellung 93
5.1.1 In Verbindung sein 93
5.2 Haltungen und Einstellungen 94
5.3 Verantwortung für Gefühle übernehmen 97
5.3.1 Vier Reaktionsmöglichkeiten auf verbale/nonverbale negative Äußerungen 97
5.4 Methoden 99
5.4.1 Zentrieren 99
5.4.2 Aktives Zuhören 100
5.4.3 Grundregeln für das validierende Gespräch 103
5.4.4 Fragen 104
5.4.5 Therapeutischer Tischbesuch (TTB) 104
5.4.6 Zusammenfassen und Wiederholen 105
5.4.7 Extreme einsetzen (Polarity) 105
5.4.8 Sich das Gegenteil vorstellen 106
5.4.9 Erinnern – Lösungen aus der Vergangenheit 106
5.4.10 Do Raank abspringo 107
5.4.11 Tanzen 107
5.4.12 Kalibrieren 108
5.4.13 Mehrdeutigkeit (Ambiguity) 113
5.4.14 Ehrlichen, engen Augenkontakt halten 113
5.4.15 Sprache 114
5.4.16 Still da sein 114
5.4.17 Berühren 115
5.4.18 Spiegeln oder überkreuztes Spiegeln 118
5.4.19 Musik, Reime und Gebete 120
5.4.20 Puppen in der Demenzpflege 122
5.4.21 Basale Stimulation 123
5.4.22 Düfte und Gerüche 125
5.4.23 Snoezelen 125
5.4.24 Validationsgruppe 126
6 133
Demenz und Ernährung 133
6.1 Richtige Speisenauswahl und Zubereitung 134
6.2 Körperliche Ursachen der Nahrungsverweigerung 135
6.3 Seelische Ursachen der Nahrungsverweigerung 137
6.3.1 Heimweh 137
6.3.2 Depressionen 139
6.3.3 Aggressionen 139
6.3.4 Angst 140
6.3.5 Wahnvorstellungen 141
6.4 Palliative Ernährung 141
6.4.1 Vorteile der Dehydration 146
6.4.2 Nachteile der Dehydration 146
7 148
Biografiearbeit 148
7.1 Anforderungen an die Begleiter 150
7.2 Biografieerhebung 150
7.3 Informationen sammeln 151
7.4 Verhaltensregeln bei motorischen Störungen 152
7.5 Auswirkungen der Biografieerhebung auf den alten Menschen 153
7.6 Schwierigkeiten 153
7.7 Biografiearbeit ist wichtig 154
7.8 Biografiearbeit im Alter 155
7.9 Gefahr in der Biografiearbeit 155
7.10 Praktische Biografiearbeit 156
7.10.1 Biografie-Fragebogen 160
8 163
Sexualität und Demenz 163
8.1 Sexualassistenz als eine mögliche Lösung 165
8.2 Herausforderndes Verhalten 166
8.2.1 Herausforderndes Verhalten im sexuellen Sinn 167
9 172
Klassisch validierende Dokumentation 172
9.1 Plan für validierende Pflege 172
9.1.1 Auszug aus der Pflegediagnose (PD) 172
9.1.2 Ressourcen 173
9.1.3 Themen 174
9.1.4 Psychosoziale Ziele 176
9.1.5 Validierende Pflegemaßnahmen 177
9.1.6 Eigener Kommentar 178
9.1.7 Evaluation 178
9.1.8 Berichtblätter 178
9.1.9 Arbeitsblatt für validierende Pflege 179
10 183
Stadien der Demenz 183
10.1 Stadium 1 183
10.1.1 Mangelhaft oder unglücklich orientiert an der Realität 184
10.1.2 Dem Fortschreiten einer Desorientiertheit vorbeugen 186
10.1.3 Emotionen 187
10.1.4 Validationstechniken in Stadium 1 188
10.2 Stadium 2 188
10.2.1 Die zeitreisende Person mit Verlust der kognitiven Fähigkeiten 189
10.2.2 Dem Fortschreiten einer Desorientiertheit vorbeugen 191
10.2.3 Validationstechniken in Stadium 2 192
10.3 Stadium 3 192
10.3.1 Wiederholende Bewegungen ersetzen die Sprache 193
10.3.2 Direkter Kontakt 195
10.3.3 Validationstechniken in Stadium 3 197
10.3.4 Symbolsprache 197
10.3.5 Validationsgespräch in Stadium 3 198
10.4 Stadium 4 200
10.4.1 Verlorenes Ich – Totaler Rückzug nach innen 201
10.4.2 Bedeutung der Körpersprache 203
10.4.3 Validation als Form der Lebensbahnvollendung 204
10.4.4 Validationstechniken in Stadium 4 207
10.4.5 Kommunizieren bei schwerer Demenz 208
11 211
Weitere Methoden der Begleitung 211
11.1 Realitätsorientierungstraining (ROT) 212
11.1.1 ROT-Gruppensitzungen 212
11.2 Türöffnungskonzept 213
11.2.1 Handlungsempfehlungen des Türöffnungskonzeptes 214
11.2.2 Zwölf positive Interaktionen 220
11.3 Biografisches Pflegemodell 221
11.3.1 Interaktionsstufen 223
11.3.2 Interpretationskriterien 227
11.3.3 Ziel des Psychobiografischen Pflegemodells 229
12 231
Anhang 231
12.1 Angehörige und ihre Situation 231
12.1.1 Warum ist es so schwer, die eigenen Eltern zu pflegen? 232
12.2 Depression als Folge von Überforderung 237
12.3 Betreuer und ihre Situationen 238
12.4 Mutter-Tochter-Konflikt 239
13 241
Schlusswort 241
14 243
Glossar 243
Literaturverzeichnis 252
Zitate 257
Quellenverzeichnis 257
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-684-1
ISBN e-book: 978-3-99107-685-8
Lektorat: Dr. Johannes Krämmer
Umschlagfoto: Wilfried Feurstein
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Wilfried Feurstein und siehe Bildunterschrift
www.novumverlag.com
Validation
als Lebensphilosophie – Ein Lehrbuch
Andelsbuch/Vlbg.
Zeichnungen: Elisabeth Feurstein
Fotos: Ludwig Berchtold
© 2011
Jede Art der Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist gesetzlich verboten. Alle Rechte, auch die Übertragung in fremde Sprachen, liegen beim Verleger.
Verfasser: Wilfried Feurstein, Andelsbuch/Vlbg. 2021
Dieses Buch ist vom Autor mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Der Autor kann jedoch auf keinerlei Weise für die im Buch angeführten Informationen garantieren. Weder der Autor noch der Verleger haften für jeglichen eventuellen Schaden an Personen, Tieren oder Gegenständen.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Buch die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.
Vorwort
Als vislos (ohne Orientierung), a bitzle vorlora (ein wenig verloren), a bitzle vorgeassle (ein wenig vergesslich), a bitzle vortrüllot (ein wenig durcheinander) oder a bitzle schrullig (ein wenig sonderbar, merkwürdig) wurden in meiner Jugend die Menschen mit der Diagnose Demenz bezeichnet. Keiner hatte damals ein besonderes Problem mit dieser als normal geltenden Eigenart des Alters. Nach einem langen, arbeitsamen und oft entbehrungsreichen Leben erschien es als selbstverständlich, dass mit dem Nachlassen der körperlichen Leistungsfähigkeit auch die geistigen Kräfte schwinden. Aufgehoben im Familienverband gestand man den Eltern und Großeltern das Bedürfnis nach Rückzug – mit etwas Abstand am lebhaften Treiben im Alltag teilzuhaben – zu, bis sie sich im langsam fortschreitenden dementierenden Prozess irgendwann ganz verloren hatten.
Laut des ersten österreichischen Demenzberichts gibt es derzeit rund 130.000 Demenzkranke in der Republik. Bis 2050 soll sich die Anzahl verdoppeln und den Betreuungs- und Pflegebedarf weiter erhöhen (Vgl. Österreichischer Demenzbericht 2014). Gleichzeitig tappen die Wissenschaftler seit Jahren im Dunkeln und haben das Versprechen, ein wirksames Medikament gegen Demenz zu erfinden, bislang nicht erfüllt.
Die wachsende Zahl, das fehlende medizinische Heilmittel und die Angst der potenziell Leidtragenden, im Alter anderen hilflos ausgeliefert zu sein, stellen die Altenpflege vor große Herausforderungen. Einige Forscher nahmen Methoden, die in den Kommunikationstheorien entwickelt wurden und die sich in verschiedenen psychosozialen Praxisfeldern bereits bewährt haben, auf und übertrugen sie auf die Altenpflege, speziell auf die Arbeit mit dementierenden Menschen.
Einleitung
Naomi Feil entwickelte infolge der Unzufriedenheit der Betreuer aber auch der betreuten desorientierten älteren Menschen zwischen 1963 und 1980 die Validations-Methode. Validation kommt vom Lateinischen validare und heißt stark machen, kräftigen, gültig sein. Mit Hilfe dieses Verfahrens soll bei alten, desorientierten Menschen das Selbstwertgefühl gestärkt und die Würde wiederhergestellt werden. Stress soll reduziert und das gelebte Leben mit all den unausgetragenen Konflikten aus der Vergangenheit angenommen werden können, damit der ältere Mensch einen glücklicheren Lebensabend verbringen kann.
Mit dem Leitsatz Verwirrt nicht die Verwirrten konzipierte Erwin Böhm in den 1970er und 1980er Jahren das Psychobiografische Pflegemodell. Die reaktivierende Pflege beschreibt er als ein Reanimationsprogramm, bei dem alte, weit zurückliegende, aus der Kindheit stammende emotionale Inhalte aus dem Langzeitgedächtnis geholt werden, um sie in die gegenwärtige, von Demenz bestimmte Zeit zu übertragen.
Dieses Pflegemodell soll beide, den Pflegenden und den dementierenden Menschen, miteinbeziehen. Als Ziele seiner Theorie nennt Böhm
die Reaktivierung positiver Erinnerungsbilder bei Klienten mit Destruktionstrieb und Rückzugstendenz
die Symptomlinderung ohne Einsatz von Psychopharmaka
die Erhöhung des Selbstwertgefühls
die Verbesserung der Pflegequalität durch seelische Pflege
eine deutliche Erhöhung der Arbeitszufriedenheit der Pflegemitarbeiter, die zu einer Senkung der Krankenstände führt.
Zwischen 1987 und 1995 entwickelte Tom Kittwood zur Veränderung der Pflegekultur die Methode der personenzentrierten Pflege, nachdem seine Nachbarin mit einer diagnostizierten Demenz in ein Pflegeheim musste und innerhalb von wenigen Monaten einen katastrophalen Rückgang aller physischen und psychischen Kompetenzen erlitt und starb.
Mit dem Evaluationsinstrument Dementia Care Mapping (DCM) gelingt es Kittwood, den Pflegeauftrag der Versorgung und der Fürsorge in der gerontologischen Pflege – speziell bezogen auf Demente – zu bewerten. Das Ziel besteht darin, einen Überblick über die geleistete Arbeit der Pflegenden zu erstellen, um dann das daraus folgende Wohlbefinden sowie die Zufriedenheit der Menschen, die unter Demenz leiden, zu evaluieren.
Das Wichtigste für Kittwood ist aber, dass die Betroffenen durch die Gestaltung des Ambientes sowie durch die therapeutischen Maßnahmen Person bleiben können und als solche behandelt werden.
Die mäeutische didaktische Methode von Cora van der Kooij entstand in den Jahren 1982 bis 1985. Der Begriff mäeutisch bedeutet befreiend, erlösend, nicht zuletzt im Sinne einer Entbindung (eine „Hebammenkunst für Pflegetalente“ wie Cora van der Kooij es umschrieben hat). Mäeutik ist eine Weiterentwicklung der Validationsmethode von Feil. In dieser Erweiterung beschreibt Van der Kooij die Fähigkeit, authentisch und kreativ zu beobachten, zu reagieren, wenn nötig, zu handeln und dieses Verhalten anschließend in Worte zu fassen und zu begründen. In diesem Sinne tauscht ein mäeutisch arbeitendes Team immer wieder Erfahrungen aus und stellt sich Fragen wie: „Was bedeutet das Verhalten eines Bewohners, woher kommt es, was braucht er, wie können wir Kontakt oder sogar eine Beziehung herstellen? Wer hatte schon einmal guten Kontakt?“
Diese inzwischen anerkannten und funktionierenden Pflegemethoden sind als psychosoziale Begegnungsformen geeignet, um Menschen mit Demenz einen würdevollen Lebensabend zu ermöglichen.
Welches ist nun die beste Methode für die Begleitung von Menschen mit Demenz?
Es ist die, die am meisten dein Herz erfüllt, die, in der du dich wohl fühlst. Wenn du das, was du tust, mit Begeisterung, Freude und Einsatz machst, ist der Gewinn schon vorprogrammiert.
Ob du dich nun für die hier beschriebene Lebensphilosophie oder für eine andere Form der Begleitung von Menschen entscheidest – ich wünsche dir alles Gute und viel Freude in deiner Arbeit.
1
Altern und Gesellschaft
„Alle wollen es werden, aber keiner will es sein: alt.“
Gustav Knuth1
Das Alter ist nicht nur ein medizinisches und ein sozial-psychologisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Problem. Welchen Wert aber das Alter(n) für unsere Gesellschaft haben könnte, zeigt sich in der folgenden Geschichte:
Eine Elefantengeschichte aus Afrika
In einen großen Safariwildpark in Südafrika kamen jedes Jahr Tausende von Besuchern aus aller Welt, die mit dem Jeep durch das Reservat fuhren, um die Tiere im Alltag zu beobachten. Das Tourismusbüro erhielt viel Lob und Anerkennung für die natürliche, tiergerechte und dennoch ungefährliche Aufmachung. Eines Tages kam ein reicher Mann zu dem Tourismuschef und wünschte sich Elefanten im Reservat. Er sagte, dass er viel Geld bezahlen würde und dafür auch Elefanten sehen wolle. Die Einheimischen im Tourismusbüro hielten Rat und beschlossen, einen jungen Elefanten aus dem Norden zu holen. Mit großer Freude über den guten Erwerb reisten sie mit dem Elefanten an und setzten ihn mitten im Reservat aus. Schon nach zwei Tagen trafen die ersten Klagen ein. Der Elefant griff die Safaritouristen an und rannte mit voller Wucht in die Jeeps, bis diese seitlich kippten. Er entwurzelte Bäume und jagte andere Tiere. Die Beschwerden wurden immer mehr und größer. Der Tourismuschef wusste sich keinen Rat, wie er auf diese Situation reagieren sollte. Kein Tierpfleger konnte ihm eine Erklärung für dieses eigenartige Verhalten geben. So wurde der Ältestenrat einberufen, um über die Vorkommnisse zu sprechen und eine Lösung zu finden. Nach langen Gesprächen stand der älteste der Männer auf und sagte: „Dem Elefanten fehlt ein Ältester. Holt einen alten Elefanten und bringt ihn in den Park, dann wird sich der Junge beruhigen.“ Nachdem der alte Mann das empfohlen hatte, wurde ein alter Elefant aus dem Norden organisiert und im Safaripark ausgesetzt. Es war wieder absolute Ruhe im Reservat. Der Alte wirkt durch sein Dasein.
Unsere weisen alten Menschen haben keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Wer will noch die Ratschläge von ihnen hören? Und wer will noch altern beim Altwerden? Was fehlt unseren Jungen, die alles auf den Kopf stellen? Was fehlt den alten Menschen, die sich in die Demenz flüchten?
Unsere (Groß-)Väter und (Groß-)Mütter verkörpern die heimische Tradition, sie bewahren sie für die nächste Generation und schaffen mit all ihren Erfahrungen einen Raum, in dem sich die Kinder und Kindeskinder entwickeln können. Den Jungen fällt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, das Wissen und die Überlieferung der Geschichte zu erhalten und zu erneuern. Beide sind füreinander unerlässlich. Denn ohne die Erneuerung würde die Tradition aussterben und ohne die Tradition bliebe das Neue haltlos. Dadurch sind die Alten und die Jungen gefordert, zu überlegen, was zu tun ist, damit das Generationenverhältnis für die Gesellschaft und die Zivilisation nützlich sein kann. Ob es sich dabei um die Verantwortung gegenüber den eigenen Eltern/Kindern handelt oder – wie in der professionellen Pflege – gegenüber fremden Alten, ist nicht mehr von Bedeutung. Die Funktion der professionellen Altenpflege zeigt sich – ethisch gesehen – im Generationenvertrag, das heißt, die Betreuung für jene Menschen zu übernehmen, die selbst nicht mehr imstande sind, sich aus eigener Kraft zu versorgen.
1.1 Psychische Veränderungen im Alter
Je mehr Menschen alt werden, desto mehr nehmen die psychischen Veränderungen zu. In Sozialzentren werden schon mehr als 60 % aller Bewohner als psychisch krank eingestuft. Alte Menschen waren im Leben zahlreichen Belastungen ausgesetzt, die sie mehr oder weniger gut bewältigt haben. Nun kommen im Alter zusätzlich unangenehme Veränderungen auf sie zu: Körperliche, weil der biologische Alterungsprozess fortschreitet, soziale, weil Freunde erkranken oder sterben, und familiäre, weil die Angewiesenheit auf die Kinder von Schuld- und Schamgefühlen begleitet ist. Wie ein Mensch diese Belastungen empfindet und wie er mit ihnen zurechtkommt, ist abhängig von den Bewältigungsstrategien, die er in seinen jungen Jahren gelernt hat. Wer seine physischen und sozialen Verluste nicht verleugnen oder verdrängen musste, sondern sie betrauern konnte, hat auch im hohen Alter mehr psychische Stärke, um die Mängel und Beeinträchtigungen zu verarbeiten. Menschen, die sich selbst akzeptieren, respektieren und wertschätzen, können Veränderungen, die ihnen im Alter nahegehen, leichter bewältigen. (Vgl. Bellinger 2002, S. 9)

L. Berchtold
1.2 Warum verhalten sich Menschen so?
Die biologisch vorgegebene Grundlage und die Prägung durch die Erziehung bilden zusammen mit den gelernten Copings die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen.

Prägungsgeschichte, E. Feurstein
Schon bei der Geburt sind alle menschlichen Fähigkeiten als Potentiale angelegt. Die konkrete Ausformung dieser Anlagen ist die Aufgabe der Erziehung. Das Denken und Tun ist somit weitgehend das Ergebnis der individuellen Geschichte.
Eltern versuchen normalerweise, die Kinder durch ihre Erziehung so gut wie möglich auf das Leben vorzubereiten, sie vor Gefahren zu schützen und ihnen ein angemessenes Verhalten beizubringen. Sie fördern ihre Kinder meist mit bester Absicht so, dass sie fähig sind, sich als Menschen mit individuellen Fähigkeiten in die Gesellschaft zu integrieren.
Spätestens in der Pubertät will das Kind seine eigene Identität entwickeln. Es versucht, seine ihm entsprechende Richtung zu finden, und sich von der elterlichen Autorität zu lösen.
In diesem Prozess des Erwachsenwerdens machen wir die Erfahrung, dass unsere Gefühlseinstellungen und Empfindungen auf weit in die Kindheit zurückreichende Identifikationen mit dem Denken der Eltern gründen und sie mit unserem eigenen, später entstandenen Denken gar nicht so leicht zu vereinbaren sind. Im Gegenteil: Obwohl wir bewusst längst eigene Werte entwickelt haben und diejenigen der Eltern als überholt und altmodisch ansehen, ertappen wir uns dabei, wie leicht wir alten, überwunden geglaubten Denk- und Empfindungsmustern verfallen.
Geschichte
Als ich ein kleiner Junge war, fuhren jedes Jahr Roma mit ihren großen Kastenwagen in unser Dorf ein, um hier ihre Korbwaren zu verkaufen. Wie im Flug verbreitete sich die Kunde ihrer Ankunft. Alle Bewohner des Dorfes rannten, um ihr Hab und Gut in den Scheunen und Häusern zu verstecken. Die Hühner durften ihren Stall und die Kinder das Haus nicht mehr verlassen, weil man sich erzählte, dass Roma stehlen und alles, was nicht eingesperrt ist, auf Nimmerwiedersehen verschwinde. Die Roma gingen mit ihren Körben von Haus zu Haus und verkauften, was sie im Winter hergestellt hatten. Manchmal bezahlten die Einheimischen mit Naturalien im Tauschhandel, manchmal mit Geld. Erst am Tag nach deren Abreise durften Kinder und Tiere wieder aus dem Haus.
Meine Prägung: Roma stehlen.
40 Jahre später:
Ich bin Lehrer an einer Schule für Erwachsene. Am ersten Schultag stellen sich die Schüler vor und erzählen aus ihrem Leben. Eine Schülerin erklärt, dass sie Roma sei und seit einigen Jahren hier wohne. Bei mir läuten alle Glocken Alarm: … STEHLEN … In mir entsteht ein innerer Konflikt: Muss ich jetzt die Schüler darauf aufmerksam machen, dass Roma stehlen und sie deshalb aufpassen sollen? Mir ist bewusst, dass ich ihrem Ruf schaden würde und sie keine Chance hätte, sich zu integrieren, also bin ich still. Insgeheim weiß ich, wer verdächtigt wird, wenn in nächster Zeit etwas verschwindet. 14 Tage nach Schulbeginn kommt die Roma und erklärt mir, dass sie ihren Eltern von meinem Unterricht erzählt habe und dass diese mich kennenlernen wollen. Ihre Familie feiere am Samstag ein großes Fest, dazu würde sie mich gerne einladen. Mein Blutdruck steigt und ich spüre Angst in mir. Trotzdem kann ich die Einladung nicht abschlagen. Am Samstag, auf dem Weg zum Fest, habe ich wieder Herzrasen und denke: „Augen zu und durch.“ Beim Eingang des Festsaales stehen die Schülerin und ein paar andere Leute. Mit freundlicher Geste holt mich die Schülerin ab, stellt mich ihren Eltern und Verwandten vor und schon bin ich mitten in der Festgemeinschaft. Alle sind sehr freundlich, es wird gegessen, getanzt, gesungen, die Musik spielt in einer Fröhlichkeit, die ich so nicht kenne. Diese Stimmung geht mir durch Mark und Bein. So viel Freiheit, Fröhlichkeit und Unbeschwertheit habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erfahren. Es ist schöner als jede Erzählung von diesen rauschenden Festen. Auf dem Nachhauseweg bin ich durch und durch erfüllt von einem unbeschreiblich leichten Gefühl und ich weiß, dass Roma nicht mehr stehlen als manch andere Bürger. Sie sind gastfreundlich und freigiebig, wie ich das nicht gekannt habe. Ich bin vom ersten Moment unserer Begegnung wie einer von ihnen behandelt worden. Wenn ich heute das Wort „Roma“ höre, spüre ich als erstes die Angst und denke an Stehlen, erst im zweiten Augenblick erinnere ich mich an das rauschende Fest und die Gastfreundschaft. Ich weiß dann, dass Roma Menschen wie du und ich sind. Trotz meines eindrücklichen Erlebnisses mit den Roma ist die elterliche Erstinformation tiefer in mir verankert als meine eigene Erfahrung.
Entwicklung heißt also nicht, alles Gelernte zu vergessen; vielmehr geht es darum, die alten mit den neuen Erfahrungen zu verbinden und zu vergleichen, sie zu ergänzen, um zu einem eigenen, individuellen Denken zu gelangen. Wenn wir das nicht schaffen, bleiben wir in der anerzogenen, autoritätshörigen Normalität stecken.
Die Loslösung von der elterlichen Autorität ist also für die Persönlichkeitsbildung entscheidend. Und gleichzeitig sehen wir an der Geschichte mit der Roma-Schülerin, wie tief wir auch noch als Erwachsene im Denken in unseren Kinderschuhen stecken, wie schnell nicht bearbeitete Ängste und Affekte aus der Kindheit in uns lebendig werden und sich mit aller Macht gegen das bewusste Ich durchzusetzen versuchen.
Aber die Geschichte zeigt uns auch, dass der Mensch imstande ist, vom kindlichen Denken Abstand zu nehmen. Diese Freiheit, die erst in der Pubertät erworben wird, können wir aber im Alter in der Demenz wieder verlieren.
Was dann bleibt, ist– wie es die Methode der Validation fordert – die dementierenden Menschen in ihrer Prägung und in ihrer Gewordenheit zu respektieren. Validationsanwender holen Dementierende mit Verständnis da ab, wo sie sich im Moment befinden.
1.3 Faktoren, die zu einer Mehrbelastung im Alter führen
1.3.1 Körperliche Faktoren
(wie Gehbehinderung, Inkontinenz, Schwerhörigkeit)
Körperliche Erkrankungen können Ursache oder Folge einer psychischen Störung sein. Beispielsweise kann eine Herzschwäche zu einem gestörten Hirnstoffwechsel und somit zu Verwirrtheitszuständen führen. Umgekehrt können körperliche Leiden als Folge von psychischen Störungen auftreten, von denen dann der Verlauf der psychischen Störung negativ beeinflusst wird. Es kann zum Beispiel zu körperlichen Leiden kommen, wenn durch eine depressive Verstimmung Essen und Hygiene vernachlässigt werden. Infolge von Austrocknung oder Unterzuckerung kann zu der depressiven Verstimmung zusätzlich noch ein Verwirrtheitszustand hinzukommen. (Vgl. Bellinger 2002, S. 10ff.)
1.3.2 Seelische Faktoren
(wie Einsamkeit, Trauer, Depression)
Trauer: Je älter wir werden, umso mehr Menschen sterben in unserer Umgebung. Die Überwindung der Verluste kann langwierig und einschneidend sein. Wenn der Lebenspartner stirbt, muss der Überlebende sich mit Kummer, Verzweiflung, Mutlosigkeit und vielleicht auch mit Schuldgefühlen auseinandersetzen. Die Trauerarbeit kostet viel Kraft.
Bewältigung des Älterwerdens: Wir müssen uns alle damit abfinden, dass das Leistungsvermögen im Laufe des Lebens langsam abnimmt. Manchen Menschen fällt diese Anpassung sehr schwer, sie erleben den Prozess des Alterns als Kränkung und kämpfen gegen diese Zumutung.
Verlust der Zukunftsperspektive: Viele Ältere rechnen mit ihrem baldigen Tod. Das Alter ist die Zeit, in der wir Bilanz ziehen: „Wie war mein Leben?“ Die Bilanz fällt nicht immer erfreulich aus und den alten Menschen bleibt oft keine Zeit oder keine Möglichkeit mehr, Schaden wiedergutzumachen oder Versäumtes nachzuholen. (Vgl. Bellinger 2002, S. 10ff.)
1.3.3 Gesellschaftliche Faktoren
(Ausgrenzung und Abgeschobenwerden)
Verlust der bezahlten Arbeit: Der Verlust der Arbeit und der gesellschaftlichen Rolle wird von den meisten Menschen als Statusverlust erlebt. Statt Geschäftsmänner, Lehrer oder Metzger sind sie nun Rentner, fühlen sich nicht mehr gebraucht und empfinden sich und ihr Leben als nutzlos.
Einstellung der Gesellschaft zum Alter: Auch vonseiten der Gesellschaft verlieren ältere Menschen ihren gesellschaftlichen Stellenwert. Altsein ist out. Ältere Menschen erleben sich als Belastung und nicht als Mitglieder der Gesellschaft.
Verlust von Kontakten: Die Altersgenossen im Freundes- und Familienkreis sterben allmählich, Vereinsamung und Isolation sind die Folge.
Verlust der vertrauten Umgebung: Wenn die Hilfsbedürftigkeit zunimmt, müssen viele ältere Menschen ihr vertrautes Umfeld verlassen und zu den Kindern oder in ein Heim ziehen. Das Wissen über die Kosten, die sie verursachen, erzeugt Schuld und Scham. (Vgl. Bellinger 2002, S. 10ff.)

Dynamik Verluste – Selbstwertgefühl, E. Feurstein
Wenn Verluste größer werden, nimmt das Selbstwertgefühl ab.
Pensionsvorbereitung, E. Feurstein

1.4 Selbstbestimmung im Alter
Brauchen alte Menschen ein Selbstbestimmungsrecht?
Ob ein Mensch die Selbstbestimmung benötigt oder nicht, resultiert aus seiner Lebensgeschichte. Es stellt sich die Frage: Wie hat dieser Mensch seine Selbstbestimmung bis jetzt gelebt und hat oder will er diese Art beibehalten oder will er sich im hohen Alter noch verändern?
Geschichte
Eine Mutter hat einen Sohn. Sie liebt ihn über alles und versucht ihn vor all dem Bösen auf der Welt zu schützen. So geht sie in den Kindergarten, um mit dem kleinen Jungen, der gestern ihrem Sohn den Bagger aus der Hand gerissen hat, zu schimpfen. Sie beschimpft auch die Kindergartenpädagogin und erklärt dieser, dass sie besser auf die Kinder aufpassen solle. Ähnliches macht sie später in der Schule mit den Lehrern, mit den Lehrherren ihres Sohnes und an dessen späterer Arbeitsstelle. Als der Junge eine Freundin findet, muss er sich entweder für die Mutter oder für die Freundin entscheiden, denn beide wollen ihn beschützen, aber keine will, dass die andere mitredet. Der Sohn entscheidet sich für die Freundin. Wie geht es wohl der Mutter jetzt?
Der Sohn heiratet die Freundin. Die Ehefrau macht sich zur Aufgabe, ihren Mann vor allem Bösen dieser Welt zu beschützen. Als der Mann an seinem Arbeitsplatz um eine Gehaltserhöhung fragt, die abgelehnt wird, sucht sie dessen Chef auf und erklärt ausführlich, warum ihr Mann die Gehaltserhöhung verdient …
Reflexion zur Geschichte
Was glaubst du: Wünscht dieser Mann im Alter Selbstbestimmung, wenn Mutter und Ehefrau gestorben sind?
Antwort
Trotz der eindeutigen Geschichte kann man diese Frage nicht eindeutig beantworten. Vielleicht will er jetzt Verantwortung für sich übernehmen und sein Selbstbestimmungsrecht nachholen oder er verhält sich nach seinem alten Muster und ist mit der Möglichkeit zur Selbstbestimmung überfordert.
Ein anderer Mann, der schon früh von seiner Mutter zur Selbstständigkeit erzogen wurde und auch in seiner Familie selbstverständlich alle Entscheidungen getroffen hat, erkrankt an Demenz. Was glaubst du? Will er, dass ihm eine Pflegerin ständig nachläuft und ihm sagt, was gut für ihn sei, was er zu tun habe?
Auch hier kommt es ganz darauf an, wofür er sich in seiner neuen Situation entscheidet. Vielleicht bringt er in der Demenz den Wunsch nach passivem Versorgtwerden hervor oder er möchte sich, wie gewohnt, von keinem eine Entscheidung abnehmen lassen und reagiert mit Abwehr, wenn Pflegende ihn unterstützen wollen.
2
Alzheimer-Demenz
Wo liegt der Unterschied?
Demenz lässt sich übersetzen mit der Geist geht weg oder ohne Geist, und bedeutet, dass der Mensch nicht mehr abstrakt denken kann.
Jeder von uns kennt die Redewendung „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ und weiß, was damit gemeint ist. Ein Mensch mit Demenz versteht zwar, was er hört, kann aber den Sinn dieser Aussage nicht erkennen, er kann nicht mehr abstrakt denken. Das Gehörte bedeutet für ihn: Der Apfel ist vom Baum gefallen und liegt nun neben dem Stamm.
Im weiteren Verlauf von Demenz kann er sogar sein Selbstbild verlieren. Er weiß dann nicht mehr, wer er ist, und erkennt sein eigenes Spiegelbild nicht mehr.
Alzheimer und Demenz beziehen sich aufeinander wie ein Apfel zum Obst (ein Apfel ist Obst, aber nicht alles Obst ist ein Apfel). Demenz ist der Überbegriff für verschiedene Arten von Demenz wie Alzheimer, vaskuläre Demenz, Multiinfarktdemenz, Lewy-Body-Demenz und viele mehr.

Gliederung der Demenz, selbst erstellt
2.1 Definition aus medizinischer Sicht
Unter Demenz versteht man eine erworbene Hirnleistungsschwäche. Es kommt zu fortschreitenden Ausfällen von
Gedächtnis und Merkfähigkeit,
Orientierung und
Kritik- und Urteilsfähigkeit.
Dabei verändert sich auch die Persönlichkeit und das führt zu Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen, so dass eine Demenz immer auch als Erkrankung der Angehörigen zu sehen ist.
Nach längerem Krankheitsverlauf
zerfallen praktische Fähigkeiten wie Ankleiden, Gehen, Essen, Lesen, Sprechen,
kommt es zum Verlust der Autonomie,
folgt eine völlige Abhängigkeit von Betreuungs- und Pflegepersonen,
tritt der Tod ein.
Im letzten Stadium der Erkrankung
liegt der Patient reglos im Bett,
ist er unfähig zu verbalen Äußerungen,
ist er inkontinent,
ist er völlig auf fremde Hilfe angewiesen.
Der Verlauf einer Demenz ist
chronisch fortschreitend,
kann durch medizinische Maßnahmen nicht rückgängig gemacht werden
und endet meist innerhalb von fünf bis zehn Jahren tödlich.
Todesursachen sind häufig Pneumonien (Lungenentzündungen) nach Aspiration (Verschlucken) und Kachexie (Abmagerung, Auszehrung) bei Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung oder Herz-Kreislaufversagen.
Die Betreuung Dementierender ist aufgrund der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen oft sehr nervenaufreibend und schwierig. Das Fortschreiten ist trotz intensiver pflegerischer und therapeutischer Bemühungen seelisch sehr belastend und führt gerade bei pflegenden Angehörigen nicht selten zur Dekompensation. (Vgl. Bellinger 2002, S. 54ff.)
Während der Körper im Laufe des Lebens mehr oder weniger abgenutzt, sklerotisch und gebrechlich wird und der Geist langsam schwindet, bleibt die Seele, die Kindheitspsyche, in der Demenz erhalten. So knüpfen wir in der Validation an die unversehrt gebliebenen seelischen Kräfte an und kümmern uns darum, möglichst lange mit ihnen in Beziehung – in Verbindung – zu bleiben.

Körper, Geist und Seele, E. Feurstein
2.2 Vier Dimensionen der Desorientierung
2.2.1 Räumliche Desorientierung
Der Dementierende
kann seinen Geburtsort nicht benennen,
kann keine zutreffenden Aussagen über seinen derzeitigen Aufenthaltsort oder Wohnort machen,
kann die Postanschrift seiner Wohnung nicht nennen,
weiß nicht, wo sich seine Arbeitsstelle befindet,
kann auch keine Wegbeschreibungen zu ihm bekannten Orten angeben,
nimmt seine Umgebung als fremd wahr,
findet Gegenstände nicht, versteckt sie, fühlt sich bestohlen (glaubt, man stehle ihm das Denken),
verfehlt angegebene Richtungen und verläuft sich,
fragt ständig, wo er sich und wo sich etwas befindet,
zeigt sich verängstigt, irrt herum, sucht etwas ihm Vertrautes oder sitzt ruhig da, um sich nicht zu verirren. (Vgl. Pflegewiki, Orientierung 2012)
2.2.2 Zeitliche Desorientierung
Der Dementierende
kann keine Angaben über die aktuelle Tageszeit, den bestehenden Tagesabschnitt oder das aktuelle Datum machen,
kann nicht bestimmen, wie lange er sich in einer Situation oder an einem Ort befindet,
kann keine Aussagen über den Verlauf und die Dauer von Ereignissen treffen,
kann den derzeitigen Monat oder die jeweilige Jahreszeit nicht bestimmen,
weiß über bevorstehende Ereignisse und ihre Bedeutung nicht Bescheid,
verwechselt Daten und Termine,
zeigt sich verunsichert,
zeigt einen veränderten Tag-Nacht-Rhythmus
und verwechselt lebende und verstorbene Personen. (Vgl. Pflegewiki, Orientierung 2012)
Ständig wiederkehrende Rituale geben Sicherheit:Alltagskleidung, SonntagskleidungFeiertage, TrauertageWechsel der Jahreszeiten oder wiederkehrende Ereignisse im Jahresablauf dekorieren (Advent, Ostern und Ähnliches)Essrituale (freitags fleischlos, Sonntagsfrühstück)Morgen- oder Abendgebete usw. (Vgl. Scharb 1996)
2.2.3 Personelle Desorientierung
Der Dementierende
kann seinen Familiennamen, Vor- und/oder Geburtsnamen nicht benennen,
weiß seinen Familienstand nicht,
weiß sein Geburtsdatum und/oder sein Alter nicht,
kann keine Auskunft über seinen erlernten Beruf geben,
kann keine Angaben darüber geben, ob und wie viele Personen im Haushalt leben,
weiß nicht, ob und wie viele eigene Kinder existieren,
zeigt sich verstört und sucht das Gefühl der Mutter (Liebe).
Die Logik unserer Denk- und Wahrnehmungsmuster ist in der Demenz ähnlich der eines Kindes. Beispielsweise suchen Dementierende die Mutter, wenn sie sich nicht geliebt und geborgen fühlen, obwohl diese schon vor langer Zeit gestorben ist. In diesem Fall ist es die Sehnsucht nach der Mutter, die die zeitlich verschobene Wahrnehmung bestimmt. Wenn sie sich durch Menschen in ihrer Umgebung überfordert fühlen, kann es passieren, dass sie selbst mit ihren nahen Angehörigen in einem sehr unpersönlichen Ton sprechen: „Was machen Sie in meinem Zimmer? Verlassen Sie sofort diesen Raum!“ Hilfreich für diese Menschen ist der Aufbau einer vertrauensvollen, fürsorglichen Interaktion. (Vgl. Scharb 1996)
2.2.4 Situative Desorientierung
Der Dementierende
kann Gründe für derzeitigen Aufenthalt oder für die gegenwärtige Situation nicht benennen,
kann keine Auskunft über die Art und Weise seiner Her- und Ankunft geben,
kann Eigenschaften von Dingen nicht beschreiben,
kann Funktionen und Positionen von Menschen nicht zuordnen,
kann Gebrauchsgegenstände nicht bestimmen und unterscheiden
oder zeigt sich ratlos.
Die Dementierenden erleben ihre Situation, sind aber nicht fähig, ihre Lage zu begreifen, was wiederum als stark existenzbedrohend erlebt wird.
Länger dauernde zeitliche Orientierungslosigkeit führt zum Verlust der ICH-Identität. (Vgl. Scharb 1996)
2.3 Demenz-Merksätze
„Demenz – Für viele ist es das schlimmstmögliche Ende: das Leben zu verlieren, lange vor dem Tod. … Vom Menschen bleibt nur mehr eine Hülle, der man den Tod wünscht, um dem langsam schleichenden Sterben ein Ende zu geben.“
„Kaum ein Schicksal wird so gefürchtet wie jahrelang im Siechtum der demenziellen Veränderung in einem Pflegeheimbett zu liegen.“
„Lieber lahm, blind oder besser gleich tot – nur kein Versinken im ewigen Vergessen.“
„So werden demenziell veränderte Menschen als dumpf dahindämmernde Hülle beschrieben. Das Leben wird ihnen abgesprochen und man redet vom lebenden Toten.“
„Die Medien erzeugen Angst und Abwehr, wenn sie die Demenz als bösartige Krankheit beschreiben, die den Menschen als Person auslöscht. Diese Meinung entsolidarisiert und grenzt demenziell veränderte Menschen aus und lässt die Frage zu, ob dieses vegetierende, menschenunwürdige Leben erhaltenswert sei.“ (Wißmann/Gronemeyer 2008, S. 20ff.)2
Was weiß die Medizin über Demenz?
„Es sind keine eindeutigen Ursachen oder Entstehungsgeschichten der Demenz bekannt.“
„Wo keine gesicherten Kenntnisse zu Ursachen und Entstehung vorliegen, kann es auch keine kausale Therapie und Heilung geben.“
„Der einzige gesicherte Risikofaktor ist das Alter.“
Wobei die Menschen mit der Diagnose „Demenz“ immer jünger werden
„Medikamentöse Behandlung der demenziellen Veränderung wird immer mehr in Frage gestellt.“
„In jüngster Zeit wurden vermehrt wissenschaftliche Untersuchungen und Positionen veröffentlicht, in denen die Wirksamkeit der Medikamente in Zweifel gezogen und auf die mangelhafte Qualität bisheriger Studien verwiesen wird.“
„Meist werden Medikamente zur Therapie von psychischen Begleiterscheinungen der Demenz verschrieben (Neuroleptika, Antidepressiva, Hypnotika und Tranquilizer). Diese Medikamente sind nicht demenzspezifisch, sondern wirken gegen die Verhaltensweisen, die von der Umwelt als störend und gefährdend eingeschätzt werden. Die Haupt- und die Nebenwirkungen können gravierend sein, deshalb muss sorgfältig damit umgegangen werden.“ (Wißmann/Gronemeyer 2008, S. 24ff.)2
2.3.1 Ist Demenz eine Krankheit?
Udo Baer sieht die Demenz als einen Erlebensprozess an: Auch in der Neurowissenschaft werde der Blick von der Denkstörung immer mehr auf die sozialen, emotionalen und anderen Aspekte des Erlebens und Verhaltens erweitert. (Vgl. Baer 2007, S. 33) Für Naomi Feil ist der Rückzug hochbetagter Menschen in ihre Vergangenheit keine Geisteskrankheit und kein Gebrechen, sondern eine Form des Überlebens. (Vgl. Naomi Feil, 1990, zitiert nach Scharb 1999, S. 1)
2.3.2 Ist Alzheimer ein normaler Alterungsprozess?
In der Literatur wie in Berichten und Geschichten tauchen immer wieder senile und sinnesgeschwächte Greise auf, deren Verhalten niemand mit einer Krankheit identifiziert hat. (Vgl. Wißmann/Gronemeyer 2008, S. 35)
Die Choctaw-Indianer begegnen Menschen, die ihr Verhalten im Alter verändern, mit mystischer Ehrfurcht. (Vgl. Wißmann/Gronemeyer 2008, S. 37)
Auch Amerikaner asiatischer oder pazifischer Abstammung sehen Demenz als nicht behandelbaren, natürlichen Alterungsprozess und afroamerikanische Pflegende weisen im Vergleich mit einer weißen Untersuchungsgruppe ein geringeres Belastungserleben auf.
Dem herausfordernden Verhalten von dementierenden Menschen wird in Entwicklungsländern eine sehr hohe Toleranz entgegengebracht. (Vgl. Wißmann/Gronemeyer 2008, S. 37f.)
Verschiedene alte Kulturen ehren demenziell veränderte Menschen. Die Inuit glauben, dass bei Menschen mit Demenz der Geist den Körper verlasse, in eine heilige Sphäre eintrete und neu wirke.
Es stellt sich die Frage, was ein Phänomen wie die Demenz einer Gesellschaft wie der unsrigen zu sagen hat und wie wir den Umgang mit dieser Bevölkerungsgruppe würdig gestalten können. (Vgl. Wißmann/Gronemeyer 2008, S. 22)
Vielleicht müssen wir trotz des enormen wissenschaftlich-technischen Fortschritts anerkennen, niemals vollständig über das Leben verfügen zu können. Diese Situation anzunehmen, statt die unter Demenz leidenden Personen auszugrenzen oder ihre Existenz zu verleugnen, könnte eine tragfähige Grundlage für einen würdigen Umgang mit Menschen, die die Fähigkeit und den Wunsch, Selbstverantwortung zu übernehmen, verloren haben, sein.
„Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind
sondern so wie wir sind.“
Anais Nin3
2.3.3 Ein Gedanke zur Vorsorge

Ein Gedanke zur Vorsorge
Das Yin-Yang-Symbol zeigt die Ausgeglichenheit der Plus- und Minussymptomatik, nach der wir streben.
Yin Yang-Zeichen E. Feurstein

In Wirklichkeit leben wir in einer Unausgeglichenheit der Minussymptomatik. Aus Zeitungen sowie aus dem Radio, Fernsehen und Internet erfahren wir viele Negativnachrichten.
Yin Yang-Zeichen E. Feurstein

Mit den positiven Lebensaspekten beschäftigt sich nur der, der sie direkt sucht.
„Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist;
weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich,
was aus dir werden kann.“
Johann Wolfgang von Goethe4
Die angeführte Plussymptomatik dementierender Menschen entspricht in den letzten Jahren immer mehr den Sehnsüchten stressgeplagter Menschen. Und trotzdem versuchen wir, diese Menschen mit verschiedenen Betreuungsmethoden auf unser Denkniveau zurückzuholen. Sind Dementierende unsere Lehrmeister, die wir nicht als solche erkennen?
Geschichte
Der Affe und der Fisch – eine Rettung in letzter Sekunde
Pflegepersonen verhalten sich manchmal wie dieser Affe, der auf dem Baum sitzt. Er sieht einen Fisch im Wasser schwimmen und denkt: „Hilfe, er ertrinkt, wenn ich ihn da nicht heraushole.“
Der Affe und der Fisch 1, E. Feurstein

So hüpft er vom Baum, springt ins Wasser und rettet den armen Fisch vor dem Ertrinken.

Der Affe und der Fisch 2, E. Feurstein
Wieder auf dem Baum sitzend gibt er ihm ein Stück seiner Banane zur Stärkung und wundert sich, dass sich der Fisch nicht darüber freut.

Der Affe und der Fisch 3, E. Feurstein
Dementierende Menschen sind wie die Fische in der kleinen Erzählung – sie leben in einer anderen Wirklichkeit. Sie wollen und können nicht in unsere Realität gerettet werden, weil sie aufgrund ihres verloren gegangenen Denkvermögens an den Überreizungen der Gesellschaft ersticken würden.
Wenn der Affe dem Fisch etwas Gutes tun will, sollte er zu ihm ins Wasser eintauchen, eine Zeit lang mit ihm verbringen und früh genug das Wasser wieder verlassen, wenn er spürt, dass ihm die Luft ausgeht. Er kann sich dann ans Ufer setzen und die Beine ins Wasser halten, damit sich der Fisch mit den Wellen, die seine Zehen schlagen, vergnügen kann. Will oder muss der Affe aber längere Zeit im Wasser bleiben, sollte er sich einen Schwimmreifen oder ein Schlauchboot zulegen, um sich länger in der Nähe des Fisches aufhalten zu können.
In der Begleitung von demenziell veränderten Menschen ist das genauso. Wenn eine Betreuungsperson Dementierende aus ihrer Welt herausholen will, sind diese Menschen völlig überfordert. Sie wehren sich, schreien oder schimpfen. Die Betreuer wiederum können das nicht verstehen und deuten das Verhalten als Undankbarkeit für ihre Unterstützung.
Dieses Eintauchen in die Welt der Demenz ist eine große und anstrengende Herausforderung, die wir als Pflegende nur kurze Zeit gut aushalten. So brauchen auch wir Rettungsboote oder Schwimmreifen, wenn wir uns längere Zeit mit Dementierenden beschäftigen.
Erich Schützendorf beschreibt in seinem Buch „Wer pflegt, muss sich pflegen“ Maßnahmen, die Pflegende treffen können:
Belobigungsecken, Zuhörecken, Entschleunigungs-Parcours, Entspannungsnischen, Atmungsstationen, Meditation, Belobigungsspiegel, Rückzugsräume, Lachräume, Windspiele, Bälle balancieren, Sandkisten, Wassersäulen, Hängematten, Kuscheltiere, Kumquats-Sprechpuppen, Sanduhren, Orff-Instrumente, Zaubervorhänge, Paradox-Spiegel und Ähnliches (Vgl. Schützendorf 2006, S. 69ff.)
3
Verständnismodelle
3.1 Existenzielle Erfahrungen
Erfahrungen aus der Vergangenheit können eine tiefe Bedeutung dafür haben, wie jemand in der Gegenwart empfindet und denkt.

Erfahrungen (Krohwinkel 2011)
Wir alle haben Erfahrungen im Leben gemacht, die positive oder negative Auswirkungen gezeigt haben. In emotional ähnlichen Situationen knüpfen wir unbewusst an die vergangenen Erlebnisse an, nach deren Vorbild wir die aktuelle Situation auffassen. Die gemachten Erfahrungen beeinflussen die Zufriedenheit, das psychische Wohlbefinden und die körperliche Verfassung in der Jetztzeit. (Vgl. Krohwinkel 2011)
3.2 Fünf Säulen der Identität
Unsere Ich-Identität ruht auf fünf Säulen. Inhalt und Bedeutung der einzelnen Säulen sind bei jedem Menschen unterschiedlich gewichtet. Unbesetzte Säulen zeigen einen Verlust, der die Ich-Identität negativ beeinflusst. Wenn wir diese fünf Säulen der Identität in Bezug auf einen bestimmten Menschen näher betrachten, erhalten wir eine gute Momentaufnahme vom gegenwärtigen Status seines Ichs. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass die einzelnen Bestandteile dieses Ist-Zustandes bei einer Änderung der individuellen Lebensumstände einen ganz anderen Stellenwert erhalten können.
3.2.1 Säule der Leiblichkeit
Was braucht der Mensch, um sich körperlich, psychisch und geistig gesund zu fühlen? Hier gelten für jeden Einzelnen natürlich unterschiedliche Kriterien (Sport, gesundes Leben, bewusste Ernährung, guter Schlaf, ausgewogenes Sexualleben und anderes).
3.2.2 Säule des sozialen Umfelds
Wer gehört zu diesem Umfeld? Welche Familienangehörigen, welche Freunde und Bekannte sind diesem Menschen wichtig? (Kollegen, Sportkameraden, Vereinskollegen und andere)
3.2.3 Säule der Arbeit und Leistung
Wann hat dieser Mensch das Gefühl, dass er erfolgreich ist? Wo bekommt er Anerkennung? Hierzu zählt die Freude an der Arbeit, die ein Mensch braucht, um sich ausgeglichen zu fühlen. Wie wichtig Arbeit und Leistung sind, sieht man auch daran, dass viele Menschen, wenn sie ihre Arbeit verlieren, eine Identitätskrise erleiden. Dies gilt auch oft für Menschen, die in Pension gehen („Pensionsschock“).
3.2.4 Säule der materiellen Sicherheit
Wir sagen oft (aus uns anerzogener Bescheidenheit), dass uns materielle Dinge nicht so wichtig sind. Wenn wir aber die Miete nicht bezahlen, uns den Friseur nicht leisten oder Heizkosten und tägliche Bedürfnisse nicht finanzieren können, dann merken wir, wie sehr wir bis zu einem gewissen Grad materielle Sicherheit brauchen. Wir müssen uns sicher sein, dass wir, wenn wir krank sind, nicht nur von einem sozialen Netz aufgefangen werden, sondern auch materiell abgesichert sind. Der eine findet im Sparbuch diese materielle Sicherheit, der andere im sicheren Arbeitsplatz oder in der sicheren Rente. Unsere materiellen Ansprüche mögen bescheiden sein, aber wenn unsere Mittel unter diesen Anspruch sinken, dann geraten wir sowohl in eine finanzielle als auch in eine seelische Krisensituation.
3.2.5 Säule der Werte
Jeder Mensch hat für seinen Lebensinhalt, seinen Lebenssinn und seine Lebensphilosophie ganz persönliche Werte, deren Beeinträchtigung für ihn eine ernste Lebenskrise auslösen kann. Der Sinn des Lebens kann in einer Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen bestehen. Im Vertrauen zu sich selbst oder zu anderen kann der Glaube für ihn ein hoher Wert sein oder die Zugehörigkeit zu einer politischen oder weltanschaulichen Gemeinschaft. Wenn der Sinn des Lebens verloren geht, können Identitätseinbußen entstehen.
Die fünf Säulen verschieben sich in Wert und Inhalt während des gesamten Lebens und sind abhängig vom Alter und von der Lebenssituation. Wenn eine Beziehung in die Brüche geht, wird die Säule des sozialen Umfeldes ihren bisherigen Stellenwert verändern, wenn jemand die Arbeit verliert, wird die Säule der materiellen Sicherheit neu positioniert werden, und wenn jemand schwer erkrankt, wird die Säule der Leiblichkeit eine neue Bedeutung bekommen. Wenn eine der Säulen zu stark vernachlässigt wird, kann die Identität Einbußen erleiden.
Im Pflegemodell der Validation liegt der Schwerpunkt der Arbeit in der Anerkennung und Befriedigung der psychosozialen Grundbedürfnisse hochbetagter Menschen.
Das unten dargestellte Raster der fünf Säulen wird daher in der Validation bei der Erhebung des Ist-Zustandes eines Klienten als wesentliche Grundlage verwendet. Was hat seine Identität, sein Selbstverständnis ausgemacht, wie waren früher die in den fünf Säulen veranschaulichten Elemente seiner Identität ausgefüllt und befriedigt? Was ist von all dem heute noch übrig geblieben?
Unter Zugrundelegung der so erhobenen Daten können wir dann validierende Pflegemaßnahmen bestimmen, die dazu beitragen, die Säulen der Identität zumindest teilweise wieder aufzufüllen. Wir werden bei jener Säule mit den Maßnahmen beginnen, die keinen oder fast keinen Inhalt mehr aufweist. (Vgl. Petzold 2004)
Was ist mir im Leben wichtig?

Säulen der Identität, Petzold 2004
3.3 Maslowsche Bedürfnispyramide
In unserer Konsumgesellschaft lassen sich fast alle materiellen Wünsche relativ leicht erfüllen. Die psychosozialen Bedürfnisse nach Sich-sicher-Fühlen und Anerkennung hingegen treten oft in den Hintergrund. Doch ein Mensch wird ein Mensch nur durch andere Menschen. In einem afrikanischen Zitat der Zulu heißt es: „Was nützt uns alles ‚Haben‘, wenn wir darin das ‚Sein‘ verlieren?“ Desorientierte Menschen suchen dieses Gefühl, wertvoll und wichtig zu sein.
Die Maslowsche Pyramide als Modell für desorientierte, alte Menschen:

Maslowsche Pyramide (Vgl. Feil 2004, S. 41)
Menschen, deren Bedürfnisse befriedigt sind, bleiben gesünder, schlafen besser, leben länger und werden seltener dement. Die Befriedigung höherer Bedürfnisse hat positive soziale Konsequenzen, wie Loyalität, Freundlichkeit und anderes mehr.
3.4 Erikson-Theorie
Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson beschreibt, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen von der Geburt bis ins hohe Alter entwickelt. Er bezeichnet die Persönlichkeitsentwicklung als eine Auseinandersetzung mit einer Anzahl von Krisen, die sich im Laufe eines jeden Erwachsenenlebens einstellen werden. Diese Krisen können entweder zu Fortschritten oder, wenn der Mensch an der Entwicklungsaufgabe scheitert, zu Regressionen in der Persönlichkeitsentwicklung führen. Erikson nimmt an, dass jeder Mensch dazu gezwungen ist, sich mit einer immer stärker entwickelten Gesellschaft auseinanderzusetzen, um seinen eigenen Platz darin zu finden und zu bestehen. Jeder Mensch lernt also von der Kindheit an bis zum Erwachsenenalter, sich in seine Umwelt zu integrieren, damit er daraus eine gesunde Persönlichkeit entwickeln kann. Damit dies verwirklicht wird, muss man bestimmte Krisen bewältigen und mit einem geeigneten Ansatz lösen. (Vgl. Erikson 1973
Ich-Integrität als Lösung?
Die Ich-Integrität ist als eine Verschmelzung des tatsächlichen Selbst mit dem idealen Selbst zu verstehen. Boeree sagt: „Ich-Integrität ist, mit seinem durchaus fehlerhaften Leben in der Summe aller Dinge im Reinen sein, zu dem stehen, was man erreicht hat und nicht erreicht hat, zufrieden sein mit seiner Lebensleistung und sie zu akzeptieren. So muss der nahe Tod nicht gefürchtet werden. Wer dem Tod ohne Furcht entgegensteht, hat die Stärke erlangt, die Erikson Weisheit nennt.“

Erikson-Theorie (Messer 2009, S. 22ff.)
In der Validation wird die Demenz im Endstadium als Verlorenes Ich bezeichnet. Naomi Feil erweitert das Entwicklungsmodell von Erikson um dieses Endstadium als die neunte Stufe.
Sie sieht es als Aufgabe des Menschen, im hohen Alter von 80 Jahren oder noch älter, seine Gefühle so weit wie möglich frei zu äußern, um dann in Frieden sterben zu können.
Wird diese Aufgabe nicht erfüllt, kann eine depressive Verstimmung entstehen, die in einer Demenz münden kann (Vgl. Feil 2005, S. 30)

Erikson-Theorie, Erweiterung nach Feil (Feil 2005, S. 30)
3.5 Stroke-Babys
(to stroke = streicheln, stroke = der Schlag, der Hieb)
Das klingt etwas eigenartig, weil wir Streicheln für positiv, Schlagen aber für negativ halten. Es muss uns aber klar sein:
Jede Zuwendung ist eine Auseinandersetzung mit der Person.
Ich setze mich nur mit Personen auseinander, die wichtig, wertvoll oder interessant sind.
Auch eine negative Auseinandersetzung ist eine Anerkennung einer Person.
Der Mensch will lieber negative Streicheleinheiten als gar keine, denn auch diese sichern das Überleben. Ohne Streicheleinheiten stirbt der Mensch.
Ignorieren sollte deshalb in der Betreuung und Begleitung von Menschen nicht vorkommen.
Menschen, die in ihrem Leben zu wenige Streicheleinheiten erhalten haben, legen es in den Beziehungen manchmal darauf an, negative Streicheleinheiten zu bekommen – im Sinne von: Negative Anerkennung ist besser als keine.
Der Mensch verhält sich dann so, dass er die Entrüstung, den Ärger, Hass und Zorn seiner Umwelt auf sich zieht. Solche Menschen haben meistens ein Streicheldefizit, das heißt, sie leiden daran, nicht genügend beachtet zu werden. Also versuchen sie, ihre Umwelt dazu zu zwingen, sich mit ihnen – wenn auch negativ – auseinanderzusetzen.
Diesen Menschen kann man nur mit häufigen, positiven Streicheleinheiten helfen. Dazu muss man sie allerdings zuerst akzeptieren. Da sie es aber anderen durch ihre negative Verhaltensweise sehr schwer machen, sie zu akzeptieren, handelt es sich um ein schwieriges Unterfangen. (Vgl. Birkenbihl 1999, S. 55)
3.5.1 Anerkennung
Wenn wir im Leben zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben, brauchen wir sehr viele kleine Anerkennungen, die unser Defizitloch wieder auffüllen. Manchmal ist das Anerkennungsdefizit so groß, dass sogar ein Loch im Loch entsteht und das Auffüllen unendlich schwer und lange erscheint. In Beziehungen von Herzen kommende Anerkennung zu geben, bringt einen Gewinn für die Empfänger und die Sender.
Anerkennungsloch, E. Feurstein

In anerkennende Beziehung treten heißt:

Bezugspunkte der Grundhaltung nach Scharb, E. Feurstein
3.6 Interpretation eines Gesichtsausdruckes
Wie Elemente der nonverbalen Kommunikation auf den Betrachter wirken, beschreibt der Duisburger Psychologieprofessor Siegfried Frey in einem Forschungsergebnis.
Am Bildnis einer Madonna zeigt Frey, wie sich die Wirkung eines Gesichtsausdruckes durch eine neue Positionierung verändert. Nur die Neigung des Bildes verändert bereits den Gesichtsausdruck. „Aus einer anmutigen, bescheidenen Frau wird eine selbstsüchtige, auf andere herabschauende Herrin.“ (Vgl. Frey, 2016)

Interpretation eines Gesichtsausdrucks, Heiligenbild vgl. Siegfried Frey
Kopfhaltung
Das Erstaunliche an diesem Beispiel ist, dass man den Eindruck hat, der Gesichtsausdruck der Madonna habe sich verändert. Die wahre Ursache an dieser Irritation liegt aber allein in der Kopfhaltung. In solchen Details verbirgt sich die Tücke der nonverbalen Kommunikation. Manchmal sind es eben nur Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob jemand auf uns einen sympathischen oder eher unsympathischen Eindruck macht. (Internet: https://www.br.de/telekolleg/faecher/psychologie/sprache-kommunikation102.html 2016)
3.7 Vier Typologien
Eine Typologie soll dazu dienen, einen Menschen in seiner individuellen und für ihn typischen Eigenart besser zu verstehen.
Im Folgenden werden das Enneagramm, der sympathikotone und parasympathikotone Mensch, die Alpha-Omega-Typologie und die Kontrolldramen nach Redfield beschrieben:
3.7.1 Enneagramm
Das Enneagramm ist eine Typenlehre mit langer Tradition, die die Besonderheiten von neun verschiedenen menschlichen Charakteren beschreibt. Diese Beschreibung soll in der validierenden Arbeit zu einem Verständnis für die Eigenheiten auch bei dementierenden Menschen führen.
Alle neun Typen haben charakteristische Züge, an denen man sie mehr oder weniger schnell erkennen kann. Dabei ist allerdings zu beachten, dass eine genauere Typeneinteilung mit einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Enneagramm einhergehen muss. Eine Erklärung zu den Wechselbeziehungen der verschiedenen Charaktere untereinander würde allerdings den Rahmen dieses Buches sprengen. Zu diesem Thema gibt es sehr gute einschlägige Literatur.
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