Read the book: «Der Goldvogel»
Werner Gerl
DER
GOLD
VOGEL

Werner Gerl ist Kabarettist, Satiriker und Krimi-Autor. 2010 erschien »Mordsgaudi«, eine Sammlung bayerischer Kurzkrimis, 2011 Tischlers erster Fall »Eine Art Serienmörder». 2013 wird seine bayerische Krimi-Komödie »Der Schweinskopfmörder« am Münchner Volkskunsttheater uraufgeführt. Werner Gerl ist Mitglied im Syndikat und Mitveranstalter des Münchner Krimitags.
Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen wäre rein zufällig.
1. Auflage 2013
Cover und grafische Gestaltung: pinxit
© Hirschkäfer Verlag, München 2013
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-940839-32-9
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Mit Liebe gemacht.
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Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
01 Als Kemal Üzli erwachte, hatte er sofort das ungute Gefühl, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Genau genommen war das bei ihm der Regelfall. Denn immer schlug der Blitz ein, dieser grelle Blitz, der die ganze bunte Welt des Traumes in ein weißes Nichts verwandelte. Seit drei Jahren, seit jenem schicksalshaften, schwülen Junitag, als sich Kemal die Laufschuhe band, um seine weite Runde im Perlacher Forst zu drehen.
Er, der Modell-Athlet, der ein Sport-Gymnasium absolviert hatte und fit wie ein ganzes Regal Turnschuhe war, kannte kein schlechtes Wetter. Er lief bei Schnee und Wind, bei Regen und brüllender Hitze. Nur vor einem Gewitter hatte auch er Respekt. Doch dieses zog so jäh und unvermutet auf, dass er es nicht einmal mehr bis zum Stadtrand schaffte.
Der Blitz schlug rund zehn Meter vor ihm ein. Ein Ausläufer traf ihn und schleuderte ihn zu Boden. Ohnmächtig lag er stundenlang auf dem regengetränkten Waldboden, bis ihn ein Jäger fand und ins Krankenhaus fuhr. Nur seiner guten Konstitution hatte er sein Überleben zu verdanken. Doch unbeschadet überlebte er diese persönliche Naturkatastrophe nicht. Er ließ sein Kurzzeitgedächtnis im Perlacher Forst. Während er sich also an jeden Schülerstreich, an seinen ersten Rausch, da war er bereits volljährig, und an die erste Nacht mit Seda erinnern konnte, war jeder vergangene Tag mit dem nächsten Sonnenaufgang ausradiert wie eine misslungene Zeichnung.
So wurde jeder Morgen zu einem neuen Abenteuer und zu einer Suche nach dem Gestern. Als Kemal Üzli an jenem Apriltag erwachte, spürte er, dass etwas nicht in Ordnung war. Seine rechte Wange war geschwollen. Schlurfenden Schrittes ging er ins Bad und betrachtete sich eingehend im Spiegel. Er hatte zweifelsfrei einen Schlag abbekommen. Das war für einen Kickboxer nichts Ungewöhnliches, nur trug er beim Training einen Kopfschutz, es musste also in seiner Freizeit gewesen sein, vermutlich in der Nacht, da die Wunde unbehandelt war. Er schmierte ein wenig Bepanthen auf die Schwellung, nachdem er sich das Gesicht eiskalt gewaschen hatte.
Nun fühlte er sich frisch. Der Tag konnte beginnen. Doch als er energiegeladen zurück in das Schlafzimmer ging, war ihm, als würde ihn wieder ein Blitz streifen. Seine Kleidung, die er achtlos auf den Boden geworfen hatte, war blutverschmiert, zumindest die Jacke und die ausgewaschene Jeans. Aber auch auf dem blauen Adidas-Pullover befanden sich dunkle Spritzer.
Er kniete sich nieder und nahm seine Hose in die Hand. Es war zweifellos Blut. Die Kniepartie war jedoch auch voller Dreck. Offensichtlich hatte er am Boden gelegen, vermutlich hatte er gekämpft. Doch nicht das kleinste Bild wollte durch die weiße Wand, die den Morgen vom gestrigen Tag abtrennte, kommen. Die Erinnerung an einen Kampf war völlig ausgelöscht.
Schwer atmend ging er in die Wohnküche, um sich einen Kaffee zu machen. Auf dem rechteckigen Küchentisch aus Nussbaumholz lagen sein Block und ein FC Bayern-Kugelschreiber. Er notierte oft wichtige Ereignisse des Tages, bevor er zu Bett ging, um diese nicht zu vergessen. Von weitem sah er, dass er sich offensichtlich auch in der letzten Nacht noch ein paar Notizen gemacht hatte. Fast ängstlich blickte er auf den Zettel. Ein eisiger Schauer durchzuckte ihn, als er den Text las: »Habe vielleicht Mord gesehen.«
02 Hauptkommissarin Barbara Tischler stand am Fenster und blickte gedankenverloren über die Dächer Münchens. Sie nippte an ihrem Kaffee und genoss den ruhigen Morgen. Der tiefblaue Aprilhimmel hatte etwas Beruhigendes, wobei ihr Berufsleben in diesen Tagen nicht gerade aufregend war. Es wurde einfach zu wenig gemordet in dieser Stadt, ein Umstand, der für die Mitarbeiter des Dezernats für Tötungsdelikte den Vorteil mit sich brachte, dass sie auch einmal ihre ruhigen Stunden hatten.
Den einzigen Fall der letzten Wochen hatte man Barbara Tischler wieder weggenommen. Nicht weil sie nachlässig recherchiert oder weil sie – was bisweilen schon vorgekommen war – etwas arg robuste Methoden angewandt hätte. Nein, den Mordfall Olga Sibowska hatten die Kollegen vom LKA übernommen, da er ihrer Meinung nach von der Russenmafia begangen worden war. Und organisierte Kriminalität, zumindest wenn es sich um ein derartiges Kapitalverbrechen handelte, fiel in deren Zuständigkeitsbereich.
Barbara Tischler gab den Fall freilich ungern ab. Ihr war, als müsste sie ein spannendes Buch nach drei Kapiteln in der Bibliothek zurückgeben, ohne den Schluss zu erfahren. Sicher, sie konnte aufmerksam Zeitung lesen, aber dies konnte weder ihre Neugier noch ihren Ehrgeiz befriedigen, zumal der Fall äußerst brisant war.
Olga Sibowska war die Sekretärin von Titus Wallenberg, einem Staatsanwalt, der sich als Mafiajäger einen Namen gemacht hatte. Unerbittlich bekämpfte dieser das organisierte Verbrechen, die chinesischen Triaden genauso wie die weißblauen Abordnungen von Camorra oder Cosa Nostra. Seinen Fokus hatte er jedoch auf die Russenmafia gerichtet.
Offensichtlich versuchte ein Ex-Offizier namens Boris Bylkow ein neues Kartell aufzubauen. Mit selbst für russische Verhältnisse brutalen Methoden hatte er zwei seiner Konkurrenten ausgeschaltet. Zumindest kursierten wüste Gerüchte über die Säuberungsaktionen des neuen Paten. Angeblich hatte er einen Gangsterboss aus Nowosibirsk an seine ausgehungerten Pittbulls verfüttert, den anderen hatte man gewissermaßen in seine Einzelteile zerlegt gefunden. Jeder griechische Torso war ein Gesamtkunstwerk dagegen. So war Bylkow zu einem der führenden russischen Paten in Süddeutschland aufgestiegen und ins Visier von Wallenberg geraten.
Offensichtlich hatte der Staatsanwalt einen gewaltigen Berg an Beweisen zusammengetragen, die für eine Anklage reichen sollten. Da wurde Olga Sibowska ermordet. Ende März fand man ihre Leiche im Büro des Staatsanwalts. Die Sekretärin war regelrecht hingerichtet worden. Man hatte ihr die Hände auf den Rücken gebunden und sie mit einem Genickschuss getötet. Das Kaliber, eine Makarov Deko, wie sie auch bei der Roten Armee verwendet wurde, deutete auf die Russenmafia hin. Besonders aber der Umstand, dass alle einschlägigen Akten verschwunden waren und mit ihnen Wallenbergs Computer.
Der Staatsanwalt hatte jedoch von allen Materialien Kopien in seinem Haus, auch von seiner Festplatte. Der Einbruch selbst schien also ein Fehlschlag gewesen zu sein, was die Gegenseite vermutlich bereits spitz bekommen hatte.
Welche Rolle aber spielte Olga Sibowska? Warum befand sie sich in der Kanzlei, als die Gangster einbrachen? Wallenberg selbst vermutete, dass seine Sekretärin von der Russenmafia gekauft worden war, um ihn auszuspionieren. Offensichtlich aber hatte sie Gewissensbisse bekommen oder vielleicht auch nur kalte Füße, weshalb sie aussteigen wollte. Die Konsequenz in diesem harten Geschäft war die Hinrichtung per Genickschuss.
Barbara Tischler hatte diese Version nie wirklich überzeugt. Warum sollte die Sekretärin für einen letzten Verrat in das Büro des Staatsanwalts gehen und ihr Leben riskieren? Umgekehrt, warum sollten die Gangster ein so überdeutliches Schuldgeständnis hinterlassen? Sollte Wallenberg, der Mafiajäger, eingeschüchtert werden? Auch das leuchtete der Kommissarin nicht wirklich ein, zumal Bylkow ein Stratege war, der mit kühlem Kopf seine Expansionspläne entwarf. Er war bemüht, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Auch deshalb stand er im Ruf, seine Opfer an die Hunde zu verfüttern. Die Knochen konnte man verbrennen oder anderweitig entsorgen. Insgesamt war die Beweislage gegen den Ex-Offizier also dünn. Manche hielten ihn sogar nur für ein Phantom, eine Legende, die als Erklärung für einen eskalierenden Bandenkrieg in Bayern herhalten sollte.
Zu gern wäre Barbara Tischler diesem Phantom hinterhergejagt, doch diesen Job durften nun die Kollegen vom LKA erledigen. Die Kommissarin selbst hatte in den letzten Tagen nur Schreibkram zu erledigen. Langweilige, aber nötige Büroarbeit. Ihre To-do-Liste war an jenem Aprilmorgen aber bereits nahezu abgearbeitet. Deshalb stand sie gedankenversunken, fast schon ein wenig gelangweilt am Fenster. Ja, es waren ruhige Tage im Dezernat für Tötungsdelikte. In dieser schönen Stadt wurde einfach zu wenig gemordet. Dies sollte sich in dieser Woche allerdings gehörig ändern.
Die Stille in Tischlers engem Büro nahm ein jähes Ende, als Ralf Mangel, ihr engster Mitarbeiter, ohne zu klopfen hereinplatzte. Zu seiner Entschuldigung wedelte er mit einer blauen Tüte von Rischart, einer der besten Bäckereien Münchens.
»Servus Barbara, magst eine Butterbrezn?«, fragte er schmatzend.
»Gern. Ich hatte heute bislang nur flüssiges Frühstück.«
»Schaust du wieder auf deine Linie?«
»Schmarrer. Ich habe in den Kühlschrank und in den Brotkasten geschaut und beide haben mich angegähnt. Ich leide unter akutem Shopping-Alzheimer.«
»Du meinst, du hast das Einkaufen vergessen?«, entgegnete Mangel unsicher. Mit der Ironie seiner Chefin stand er gelegentlich auf Kriegsfuß.
»Bingo. Was machen wir heute mit dem angebrochenen Vormittag?«, fragte Tischler und biss in ihre saftige Breze. »Schießübungen? Oder spielen wir eine Runde aufgedeckten Schafkopf?«
»Wir könnten an die Säbener Straße fahren zum Bayern-Training. Die spielen zurzeit echt kriminell, da könnten schon mal zwei Kommissare vorbeischauen.«
In diesem Moment klopfte es an der Tür.
»Kundschaft. Die hätte jetzt auch noch warten können, bis ich mit meiner Breze fertig bin«, murrte Tischler und packte den Rest zurück in die Tüte.
Der Mann, der ohne Aufforderung eintrat, war keine alltägliche Erscheinung. Das Schwarz seiner Haare war zumindest nachgetönt und bildete einen denkbar starken Kontrast zu seiner blässlichen Gesichtshaut. Seine eingefallenen Wangen überwucherte ein stoppeliger Wochenbart, der in etwa so lang war wie die kurzrasierte linke Schädelhälfte. Die restliche Frisur sah jedoch nicht nach Fremdenlegionär aus, sondern eher nach Freak. Ein widerspenstiger Haarwust bildete eine Arkade vom Scheitelansatz bis fast zur rechten Schulter.
Auch sein Körper wirkte abgemagert, nachgerade anorektisch, soweit man dies überhaupt beurteilen konnte, zu schlaff hing das blau-weiße Baumwollhemd an dem Mann. Dagegen saß der schwarze Anzug maßgenau. Ein Stilbruch gegenüber dem Hemd, das mehr nach Sträflingskleidung aussah, denn Sakko und Hose waren aus edlem Zwirn, allerdings abgetragen.
In scheinbarem Widerspruch zu dem schlaksigen, unterernährt wirkenden Körper standen die kräftigen Hände. Sie waren mit Schwielen und dicken Hornhäuten überzogen, die Handrücken durchfurchten wülstige Adern wie blaue Schlangen. Dieser Mann, so eingefallen er auf den ersten Blick wirkte, hatte die Kraft eines Bären in seinen Händen.
»Polonius«, stellte er sich kurz vor und ließ sich unaufgefordert in den freien Besucherstuhl fallen. Er lag mehr, als dass er saß und schlug seine dürren Beine übereinander.
»Was kann ich für sie tun, Herr Polonius?«, fragte Tischler, die sich ebenfalls setzte, um auf Augenhöhe mit ihrem Gesprächspartner zu sein.
»Einfach nur Polonius, ohne Herr.«
»Ist das ein Künstlername?«, fragte Mangel nach.
»Scheint so«, entgegnete Polonius mit ausdrucksloser Stimme. »Hören Sie«, hob er an und blickte Tischler direkt in die Augen, »ich habe da etwas, das Sie vielleicht interessieren könnte. Und zwar einen Brief, einen seltsamen Brief. Und von einer seltsamen Absenderin, nämlich von Olga Sibowska.«
»Der ermordeten Sekretärin? Wie ist das möglich?«, fragte Mangel erstaunt.
»Na, wenn Sie ihn nicht aus dem Jenseits geschickt hat, wird sie ihn wohl vor ihrem Tod geschrieben haben«, meinte Tischler lakonisch.
»Das klingt plausibel. Ihre Formulierung greift jedoch nicht.«
Fragend blickten Mangel und Tischler Polonius an. Dieser drehte sich auf dem Stuhl, zog aus seiner Sakkoinnentasche ein Kuvert und legte es auf den Schreibtisch. »Sehen Sie selbst. Geschrieben hat sie nichts vor ihrem Tod.«
Tischler zog vorsichtshalber erst einmal Handschuhe an, bevor sie den Brief an sich nahm. Dann studierte sie den Umschlag. Er war an Polonius adressiert, als Absender stand Olga Sibowskas Name mit Privatadresse in Milbertshofen im linken oberen Eck. Die Handschrift war regelmäßig, die Buchstaben rund, fast schon ausgebeult. Das Kuvert wurde eindeutig von einer Frau beschrieben. Ob es Olga Sibowskas Handschrift war, musste ein Vergleich ergeben.
Neugierig zog Tischler den Brief aus dem Umschlag. Dann verstand sie, was Polonius meinte: der Brief war leer.
»Olga Sibowska hat Ihnen ein weißes Blatt Papier geschickt?«
Polonius zuckte mit den Achseln. »Sieht danach aus.«
Tischler öffnete eine Schublade und zog eine Plastiktüte heraus, um darin das Beweisstück aufzubewahren. »Das Blatt ist zwar jetzt mit Ihren Fingerabdrücken versehen, aber vielleicht können die Kollegen noch ein paar Spuren finden.« Dann studierte die Kommissarin den Umschlag noch einmal genau. »Der Brief wurde am 22. März abgestempelt.«
»Das ist der Tag, an dem sie ermordet wurde«, sagte Mangel.
»Genau, Ralf, also keine Botschaft aus dem Jenseits. Herr äh, nein Polonius, haben Sie eine Idee, warum Ihnen Frau Sibowska ein leeres Blatt schickt?«
Polonius verzog leicht die Mundwinkel und fuhr sich mit seinen knochigen Fingern durch das Haar, um den Scheitel wieder in Form zu bringen. »Keine Ahnung. Ich sagte ja, es ist ein seltsamer Brief.«
»In welcher Beziehung standen Sie zu Olga Sibowska?«, fragte Tischler nach.
»Gott, in welcher Beziehung.« Polonius atmete schwer aus und blickte gedankenverloren zur Decke. »Sie war meine Schülerin.«
»Und was haben Sie ihr beigebracht?« Stilberatung ganz sicher nicht, dachte sich Tischler.
»Kunst«, meinte Polonius lapidar. Er war offensichtlich der Meinung, man müsse ihm den Künstler bereits aus drei Meilen Entfernung ansehen. »Ich bin Bildhauer und Schnitzer. Nicht der Schlechteste, aber die Zeiten sind hart. Die Leute geben 100.000 Euro für einen Porsche aus, aber die Kunst soll umsonst sein. Ich hasse diese Kisten. Sie verseuchen nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geist.«
Polonius hatte bei seiner kleinen Suada einen starren Blick und eine eindringliche Stimme. Tischler sah ihm kurze Zeit erstaunt zu, wie er sich in seiner Zivilisationskritik erging, bevor sie ihn unterbrach.
»Polonius, wollen Sie mir damit erklären, dass Sie Unterricht erteilen, weil Sie vom Verkauf Ihrer Kunstwerke nicht leben können?«
»Das sage ich doch die ganze Zeit«, antwortete der Künstler patzig.
»Und was genau hat Olga Sibowska bei Ihnen gemacht?«
»Sie nahm an einem Abendkurs teil. Olga war talentiert, handwerklich, meine ich, aber künstlerisch eher blass. Ein wenig epigonal, ein bisschen Naturalismus, ein bisschen Klassizismus und eine Prise Arno Breker. Erstaunlicherweise.«
»War das nicht der Haus- und Hofbildhauer von Hitler?«, fragte Tischler erstaunt nach.
»Ja, aber kein schlechter Mann. Außerdem hat er Peter Suhrkamp gerettet und wahrscheinlich auch Picasso. Ja, Olga hatte dieses Kantige, Heroisierende der Nazi-Kunst, die freilich dem sowjetischen Realismus nicht unähnlich war.«
»Beenden wir die Kunstgeschichtelektion, Polonius. Sagen Sie mir einfach, was Olga Sibowska in Ihrem Kurs machte.« Die Kommissarin war langsam ungeduldig geworden, auch wenn sie im Prinzip keine Arbeit hatte an diesem schönen Aprilmorgen.
»Das versuche ich Ihnen gerade zu erklären. Und dafür muss ich auf ihren Stil eingehen.«
Tischler sah den Künstler unterkühlt an.
»Olga schnitzte Figuren. Einen schreienden Menschen, eine abstrakte Form und einen Adler, wenn Sies genau wissen wollen. Der Kurs ging von Mitte November bis Mitte März, ist also aus, erledigt. Und Olga war die beste Studentin. Mit Abstand sogar.«
»Das glaube ich Ihnen gern«, nickte Tischler, »was mich aber noch wundert: Warum kommen Sie erst jetzt mit dem Brief? Ich meine, wir haben heute den 11. April. Der Brief wurde also vor knapp drei Wochen aufgegeben.«
Polonius lehnte sich zurück und fuhr sich durch das Haar. »Ich war im Ausland, genauer gesagt in Teplice. Ich hatte zu tun.«
»Eine Ausstellung?«
»Nein«, antwortete Polonius kurz angebunden. Der ansonsten so redselige Künstler wollte offensichtlich für sich behalten, was er in seiner alten Heimat zu erledigen hatte.
»Wieso kommen Sie eigentlich zu mir, Polonius?«
»Weil ich Ihren Namen noch in einem Zeitungsartikel gelesen habe. Müsste am Tag meiner Abreise gewesen sein. Aber was soll die Frage? Leiten Sie nicht die Ermittlungen?«
»Nein«, erklärte Tischler. »Den Fall hat das LKA übernommen. Ich leite Ihren Brief aber weiter, keine Angst. Eine Frage noch: In welcher Beziehung standen Sie privat zu Olga Sibowska?«
»In einer rein künstlerischen«, antwortete Polonius etwas beleidigt.
»Warum schickt sie Ihnen dann einen Brief, auch wenn dieser leer ist?«
»Nun«, Polonius hatte ein trotziges Gesicht aufgesetzt, »es gab eine kurze Zeit, in der uns mehr als die Liebe zur Bildhauerei verband. Aber das ist lange her.«
»Warum ist die Beziehung auseinandergegangen, wenn ich fragen darf? Olga Sibowska war meines Wissens weder liiert noch verheiratet.«
»Das stimmt. Aber sie hatte einen Geliebten. Leider vertrat sie diese kleinbürgerliche Vorstellung, dass man nur einen Sexualpartner haben dürfe. Welch groteske, ja widernatürliche Beschneidung der Sexualität.«
»Und wer war dieser Geliebte?« Tischler war neugierig geworden. Man war nämlich davon ausgegangen, dass die ermordete Sekretärin Single war.
»Das entzieht sich meiner Kenntnis. Sie wollte nicht darüber sprechen und wirklich interessiert hat es mich auch nicht.« Mit diesen Worten stand Polonius auf. Er straffte sein Sakko und bändigte noch einmal seine Strähne. »Die Kunst ruft, Frau Kommissarin.« Mit einer lässigen, fast despektierlichen Geste verabschiedete er sich.
»Was hältst du von der Sache, Ralf?«, fragte Tischler und blickte den Brief an.
»Keinen Schimmer, aber wir sollten ihn mal im Labor untersuchen lassen.«
»Ich weiß, was du denkst. Der Brief könnte mit einer Geheimtinte beschriftet sein und die München-Mafia-Verschwörung aufdecken.«
»So in etwa«, lachte Mangel leicht verlegen.
»Auf gehts. Der Brief wandert erst einmal in unser Labor. Das LKA bekommt dann die Ergebnisse präsentiert.«
03 Und jetzt ran an die Hakenkreuze, dachte sich Georg von Taubenberg, als er vor der altehrwürdigen Villa Harrt stand. Er hatte seinen maßgeschneiderten 1200-Euro-Anzug als passende Hülle für das Treffen mit Albert Harrt erachtet. Man musste bereits durch das Auftreten beeindrucken, so lautete sein nicht sonderlich originelles Geschäftscredo. Doch reich wurde man nicht unbedingt mit Innovationen, sondern indem man bewährte Methoden perfektionierte. Das war sein zweites Geschäftscredo. Und dass es in der Villa Harrt einiges zu holen gab, davon war er überzeugt.
Der Antiquitätenhändler, der sich auf Militaria und die Zeit des Nationalsozialismus spezialisiert hatte, war perfekt auf den Termin vorbereitet. Sein Haar war frisch nachgeschnitten, ein Scheitel, aber mit Schwung, so dass er seriös, doch nicht spießig wirkte, aber jede Spitze an ihrem angestammten Platz saß. Eine Seidenkrawatte, Mundwasser, dezentes Eau de Toilette und er fühlte sich selbst frisch und unternehmungslustig, als er vor der alten Villa die Klingel drückte. Er sollte diese kleine Aktion mehrfach wiederholen, bis er endlich auf Gehör stieß und sich das eiserne Tor mit einem Summen öffnete.
Der Weg hin zur Villa war mit Steinplatten gesäumt, der Garten noch welk in dieser Jahreszeit. Vermutlich hatte sich seit dem Tod des alten Harrt auch keiner darum gekümmert. Das Gras dagegen war bereits saftig grün, hatte es allerdings dringend nötig, endlich gemäht zu werden. Georg von Taubenberg achtete auf all diese Details. Sie sagten ihm, dass der Enkel des »Todeshammers» ein nachlässiger Mensch war, der sich nicht mit der nötigen Akribie und Liebe um das Erbe kümmerte. All das bestätigte ihn in seiner Meinung, er könne Albert Harrt ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.
Wer den Garten verlottern lässt, kann kein akkurater Mensch sein, da war sich der Antiquitätenhändler sicher. Dass der Hausherr freilich einen derart derangierten Eindruck machte, erstaunte ihn dann doch. Albert Harrt sah ein wenig wie sein eigenes Gespenst aus, ein Avatar auf einem defekten Monitor. Er hatte ein Veilchen unter dem rechten Auge, das erst in den nächsten Tagen seine ganze Blütenpracht entfalten würde, dazu eine Nase, die aufgrund ihrer Schwellung fast schon einem Schweinerüssel glich. Ferner war er ungeduscht und unrasiert. Offensichtlich hatte Albert Harrt eine kurze Nacht hinter sich und noch keine Zeit gefunden, sein Äußeres dem zivilisierten Standard anzupassen.
»Komme ich ungelegen?«, fragte Georg von Taubenberg und zog distinguiert die Augenbrauen hoch. Er hatte keinesfalls vor, seinen Besuch zu verschieben, ganz im Gegenteil, die schlechte Konstitution seines Geschäftspartners konnte ihm gerade recht sein, aber er fand, die Frage war ein Zeichen des Anstands.
»Nein«, antwortete der Hausherr matt. Seine Stimme klang rau und verschleimt, offensichtlich war er Kettenraucher. »Kommen Sie.«
Mit einer einladenden Geste bat Harrt seinen Gast herein. Bei jedem Schritt von Harrt fiel auf, dass ihm offensichtlich auch andere Knochen als die im Gesicht schmerzten. Selbstverständlich brannte es Georg von Taubenberg unter den Nägeln, den Grund für diese Verletzungen zu erfahren, doch solche Indiskretionen vermied er. Aristokratisches Auftreten war ihm wichtig, wenngleich er wusste, dass man dies nicht übertreiben durfte. Jeder Anschein von Snobismus würde von den Geschäftspartnern nicht goutiert werden und ein Unterlegenheitsgefühl durfte man ebenfalls nicht vermitteln. Doch von Taubenberg hatte kein Problem mit seiner Rolle, schließlich hieß er mit bürgerlichem Namen Georg Hintermeier und sein Vater war kein Blaublütler, sondern Metzgermeister.
Allerdings war bei ihm der Schein dem Sein gleichwertig. Denn natürlich kannte sich der Händler auch mit den historischen Details aus, mit jedem Dienstgrad und Orden, jeder Waffe und jedem Abzeichen. Und er kannte die Preise. Georg von Taubenberg war ein wandelnder Katalog, der einem Gesamtverzeichnis nahe kam.
Der Gang und die Diele enttäuschten von Taubenberg. Das war nichts als der Muff der Adenauerzeit, stehengebliebene Fünfzigerjahre. Der alte Harrt hatte vor keiner Scheußlichkeit zurückgeschreckt. Braune Wandtapeten mit Glöckchenmuster, wuchtige Polstermöbel, die man nicht einmal den Holzwürmern zum Fraße vorwerfen wollte, und Vorhänge, die wohl einst dottergelb waren, eine Farbe, die auch eine Überdosis des besten Waschmittels nicht mehr zu restaurieren vermochte.
Hier hatte also Karl Friedrich Harrt gelebt, genannt der Todeshammer, weil er mit seinen Faustschlägen töten konnte. In Lettland, bei einem seiner seltenen Auslandseinsätze, soll er an einem Tag fünf Juden erschlagen haben. Und das auf dem Marktplatz unter dem Gejohle der Menge. Es waren nicht nur SS-Kameraden, die ihm zujubelten. Auch die Einheimischen verbargen ihren Antisemitismus keineswegs und sorgten für Stimmung wie bei einem Boxkampf. Ja, die Deutschen wurden im Baltikum zunächst als Befreier begrüßt. Der Hass auf Russen und Juden einte die Slawen und die Deutschen, zumindest in den ersten Jahren der Besetzung.
»Möchten Sie Tee oder Kaffee?«, fragte Harrt seinen Gast. Jedes Wort wirkte bei ihm wie ein Stöhnen.
»Danke«, lehnte dieser ab. »Sie verzeihen mir meine berufliche Neugier, aber ich würde doch zu gern gleich den Nachlass Ihres Großvaters inspizieren.«
»Der gesamte Nazi-Kram ist in einem Zimmer im ersten Stock«, erklärte Harrt und wies den Weg zur Treppe. Schwerfällig ging der Enkel des SS-Obersturmbannführers voran.
»Ich kaufe und verkaufe keinen Nazi-Kram, Herr Harrt.« Den Seitenhieb konnte sich von Taubenberg nicht verkneifen.
»Wie sagen Sie dann zu dem alten Zeug?«
»Ich bevorzuge die Begriffe Militaria und historische Gegenstände aus der Zeit des Nationalsozialismus. Mein Kundenstamm rekrutiert sich auch keineswegs aus Anhängern rechtsradikalen Gedankenguts. An die braune Horde würde ich nicht das verbogenste Eiserne Kreuz verkaufen.«
Tatsächlich war diese Aussage nur halb gelogen. Die politische Gesinnung seiner Kunden war von Taubenberg so egal wie der berühmte Reissack, der so oft in Peking umfällt, allerdings kamen die Käufer für seine NS-Devotionalien aus aller Herren Länder. Zumeist waren sie äußerst finanzstarke Sammler.
»Sie glauben nicht, wie viele Scheichs ganz wild beispielsweise auf das Porzellan aus Hitlers Teehaus sind. Aber auch die Amerikaner kommen in Scharen. Reiche Amerikaner.«
»Und die wollen Tassen, in die Hitler seinen Deppenbart getaucht hat?«
»Oh ja. Und bei mir zu Hause in Berchtesgaden sitze ich gewissermaßen an der Quelle, was die Überbleibsel aus dem ganzen Führerkosmos Obersalzberg anbelangt. Tischdeckchen, Teller, Flaschen, alles findet seine Käufer, wenn es nur einmal in der Nähe Hitlers war.«
»Zum Kotzen«, lautete der einzige Kommentar von Harrt.
»Ich selbst empfinde größte Abscheu vor diesem schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, bitte, nicht dass Sie mich falsch verstehen.« Ein kleines ethisch-moralisches Feigenblatt konnte von Taubenberg nicht schaden, zumal es stimmte, dass er keinerlei Sympathie für den Weltkriegsgefreiten und selbsternannten Gröfaz hegte. »Ich handle mit historischen Gegenständen, nichts weiter.«
Harrt antwortete nichts mehr darauf. Er machte immer noch den Eindruck, als würde ihn nicht nur jede Bewegung, sondern auch jedes Wort schmerzen. Vor der letzten Tür im Gang des ersten Stocks blieb er stehen, zog einen Schlüssel heraus und sperrte auf.
»Das Führerzimmer, so hat es mein Opa immer genannt.«
Von Taubenberg konnte seine Vorfreude kaum mehr verbergen. In solchen Momenten fühlte er sich wie einst als kleiner Bub bei der weihnachtlichen Bescherung. Welche Geschenke, welche Schätze mochten auf ihn warten? Diese waren freilich nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Woher das Zimmer seinen Namen hatte, allerdings schon. An den Wänden hingen Hakenkreuzfahnen, mehrere vergilbte Hitler-Fotografien und eine Standarte der Waffen-SS. Das waren Originale, keine billigen Nachdrucke oder Kopien aus England, wie von Taubenberg natürlich sofort erkannte. Er versuchte seine Erregung zu verbergen, sie war schlecht fürs Geschäft, denn sie trieb im schlimmsten Fall die Preise nach oben. Er setzte nun sein Pokerface auf.
»Dann wollen wir uns doch einmal alle Stücke einzeln anschauen«, sagte von Taubenberg und trat in das Zimmer. Es roch stickig und abgestanden. Wahrscheinlich war seit dem Tod des alten Harrt vor rund drei Monaten nicht mehr gelüftet worden. Der Enkel öffnete deshalb ein Fenster.
»Beginnen wir mit dem SS-Zeug«, schlug Harrt vor und ging auf einen Kleiderschrank zu. In ihm hingen diverse SS-Uniformen und Mäntel. Sie machten einen gepflegten Eindruck, die Motten hatten sich offensichtlich noch nicht an ihnen gütlich getan.
Der schwere Feldmantel, zweireihig geknöpft, war kaum getragen. Nur der Kragen war ein wenig abgewetzt. Er hing neben einer Uniform für das Lagerpersonal. Der Todeshammer war nämlich zwei Jahre in Dachau stationiert und gefürchtet gewesen. Auch diese Uniform war in bestem Zustand. Sie wies die originalen Schulterklappen der SS auf, im Kragenspiegel befanden sich SS-Runen und am Ärmel der Adler. Und der Totenkopf vorne durfte natürlich nicht fehlen.
Vorsichtig schlug von Taubenberg das Revers auf. Das Innenfutter war im Fischgrätenmuster. Aufgenäht war der SS-Bekleidungsstempel, das Gütesiegel schlechthin. Zumindest für den Sammler.
Von Taubenberg schätzte, dass ihm die drei Uniformen und die beiden Mäntel gut und gern 20.000 Euro einbrachten. Bis auf eine Jacke waren alle in tadellosem Zustand. Selbstverständlich nahm er vorsichtig das eine leicht verschlissene Stück und mäkelte daran herum.
»Die Note eins kann ich für diese Stücke natürlich nicht erteilen, sehen Sie hier, die Naht ist notdürftig repariert worden, der Stoff insgesamt schon arg abgewetzt.« Von Taubenberg verzog das Gesicht und wippte mit dem Kopf hin und her. »5.000 Euro für alle Stücke, mehr fürchte ich, kann ich Ihnen nicht bieten.«
»Dann fürchte ich, kann ich Ihnen nur anbieten, das Haus schnellstens wieder zu verlassen«, entgegnete Harrt schroff. »Ich bin zwar kein Experte wie Sie, aber ich habe Internet. 15.000 Euro und keinen Cent weniger.«
Von Taubenberg verdammte innerlich die Segnungen der modernen Technik. Seit die kleinste Kleinigkeit über jeden und alles online nachzulesen war, konnte er eigentlich nur noch Leute über fünfundsechzig übers Ohr hauen. Man einigte sich schließlich auf 11.500 Euro und ging über zu den kleineren Stücken.
Der alte Harrt hatte selbstverständlich mehrere Auszeichnungen und Orden verliehen bekommen, darunter die germanische Leistungsrune in Bronze. Das war ein geschwungenes, gerilltes Hakenkreuz, auf dem die Siegrune der SS prangte. Die Auszeichnung, die 1943 von Himmler eingeführt worden war, war nur Mitgliedern der Waffen-SS verliehen worden. Nicht nur deshalb erfreute sie sich bei Sammlern äußerster Beliebtheit, sondern auch weil die Siegrune in Deutschland verboten war.
Von Taubenberg spürte immer ein Kribbeln, so etwas wie die Magie der Geschichte, wenn er solche Originalgegenstände in der Hand hielt. Das Leuchten in seinen Augen intensivierte sich, als er die Alben mit Postkarten und Fotografien durchblätterte. Beliebte Motive waren rauchende SS-Männer mit Schäferhunden und Gefangenen, oft in heroischen Posen oder Kameradschaft und Zusammenhalt demonstrierend. Die Sammlung sparte nicht mit brutalen Bildern des Krieges. Erhängte Partisanen, erschlagene Juden, gefolterte Kommunisten. Und immer grinsten die SS-Männer.
Der Handel mit solchen Fotos war allerdings auch sechsundsechzig Jahre nach dem Krieg immer noch nicht unproblematisch, da die Abgebildeten – und nicht selten auch deren Nachkommen – wenig Wert darauf legten, dass von ihren Verbrechen etwas bekannt wurde. Man hatte sich die Weltkriegszeit schön gelogen, viele hatten es nach geraumer Zeit sogar selbst geglaubt, dass sie lediglich Mitläufer waren und niemandem etwas Böses angetan hatten. Nur unter vorgehaltener Hand kam der Zusatz, zumindest niemandem, der es nicht verdient gehabt hätte.
Die Schmuckstücke der Sammlung aber waren die Fotos vom Obersalzberg. Der alte Harrt war nämlich in den letzten beiden Jahren zur Leibwache Hitlers abkommandiert worden. Rund ein Dutzend Bilder zeigten den Führer in der idyllischen Alpenlandschaft.
»Hitler hat rund ein Drittel seiner Zeit als Diktator auf dem Obersalzberg verbracht«, dozierte von Taubenberg. »Das muss man sich vorstellen. Ein Mann erklärt der Welt den Krieg und spaziert über blühende Almwiesen.«
»Während seine Leute in Russland verrecken«, ergänze Harrt. »Ich war selbst mal dort, hab mir alles angeschaut. Dieser Dreckskerl schlief bis Mittag, aß gemütlich seine Gemüsepfannen und dann ging er mit seinem Schäferhund Blondi und seiner Eva spazieren. Unglaublich, der selbst ernannte größte Feldherr aller Zeiten war die größte Schnarchnase aller Zeiten.«
»Wahr, wahr. Andere Welteroberer waren da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Napoleon wurde einmal bei einer Schlacht der Zeh weggeschossen und er verlangte nur nach einem neuen Stiefel. Oder nehmen Sie Alexander den Großen. Der kämpfte immer an vorderster Front. Einmal übersprang er sogar eine Stadtmauer, ohne auf seine Mitstreiter zu warten und sah sich einer Übermacht von Feinden gegenüber. Aber …«
»Bitte keine Geschichtsstunde«, unterbrach Harrt die Ausführungen des Militariahändlers. »Lassen Sie uns beim Geschäftlichen bleiben.«
Dann feilschten die Männer über den restlichen Nachlass des Obersturmbannführers Karl Friedrich Harrt. Man einigte sich auf 22.000 Euro und regelte die Zahlungsmodalitäten.
»Aber eine Frage hätte ich da noch, Herr Harrt«, hob von Taubenberg an, als der Deal bereits beschlossen war. »Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, besitzen Sie noch ein besonderes Stück, ein Stück, das Sie mir vorenthalten haben.«
Albert Harrt stutzte. Er wirkte irritiert, tat aber so, als wüsste er von nichts.
»Ich habe Ihnen alles gezeigt«, behauptete er. »Was für ein Stück soll ich denn noch besitzen?«
»Ein besonderes. Ein Stück, das Ihr Großvater von Hitler kurz vor Kriegsende bekommen haben soll, ein Stück, um das sich viele Legenden ranken.«
»Tut mir leid«, Harrt zuckte mit den Achseln, »davon weiß ich nichts.«
Du Bastard lügst doch wie gedruckt, aber dir werde ich die Würmer schon noch aus der Nase ziehen, dachte sich von Taubenberg, als er das Führerzimmer verließ. Von dem Braten schneide ich mir eine Scheibe ab.
Jens Neureuther war ein Gemütsmensch. Nichts konnte ihn leicht aus der Ruhe bringen. Geduld, diese bisweilen fast unmenschliche, weil den Affekten und Leidenschaften widerstrebende Tugend, hatte er im Überfluss. Sicher, für seinen Beruf war sie unabdingbar. Denn Jens Neureuther war Logopäde. Und die Heilung von Sprachstörungen aller Art verlief meist langsam und zäh. Als Weinbergschnecke, die sich zu einem Marathon aufmachte, so sah Neureuther viele Patienten und ihren langen Weg, wenngleich er sehr wohl wusste, dass die schlimmsten Fälle nie ihr Ziel erreichen würden, die Schlaganfallpatienten beispielsweise, die unter völliger Aphasie litten.
Kemal Üzli dagegen machte Fortschritte. Er hatte seine Sprachstörungen bereits mehr oder weniger überwunden. Nebensätze kamen ihm wieder problemlos über die Lippen, auch einmal etwas verschachtelte Sätze und das eine oder andere Bonmot. Nur Geduld musste man mit ihm haben und ein gutes Ohr, denn Kemal sprach ausgesprochen langsam und leise. Hier setzte Neureuther an.
Insgesamt war Kemal freilich ein Musterpatient, der dem Logopäden zeigte, wie sinnvoll und fruchtbar seine bisweilen so mühselige Arbeit sein konnte. Doch an diesem Vormittag stutzte Neureuther, als er Kemal sah. Es waren nicht nur die offensichtlichen Hinterlassenschaften einer Schlägerei, die ihn beunruhigten. Sein Patient wirkte fahrig und nervös, so nervös, dass er das Verb an die falsche Stelle setzte oder nach Wörtern rang, was ihm lange schon nicht mehr passiert war.
»Kemal, was ist los mit dir?«, fragte Neureuther mit seiner sonoren, beruhigenden Stimme.
Der leidenschaftliche Kickboxer schluckte. Man sah ihm an, wie er sich die Worte zurechtlegte, bevor er sie aussprach, genauer genommen aushauchte, so leise war er an diesem Vormittag. Er berichtete dem Therapeuten von der Nachricht, er habe einen Mord gesehen, und der blutverschmierten Kleidung.
»Du musst zur Polizei gehen«, forderte ihn Neureuther auf. Er wusste, wie gewissenhaft Kemal war und dass dieser nicht leichtfertig oder gar, um anzugeben von einem möglichen Mord sprach.
»Traue ich mich nicht«, flüsterte Kemal und blickte zu Boden. »Kann rede nichts.«
»Das ist falsche Scham. Du kannst doch sprechen. Mit mir geht es doch auch.«
»Polizist aber …« Kemal schüttelte nur den Kopf.
Neureuther versuchte, seinem Patienten Mut zuzusprechen, doch es half nichts.
»Sie …«, Kemal richtete seinen Blick wieder auf, »Sie kommen Polizei.«
»Ich?« Neureuther blickte ihn erstaunt an. Dann nahm er seinen Terminkalender zur Hand und zeigte ihn Kemal. »Ich fürchte, ich habe keine Zeit. Siehst du? Ich bin den ganzen Tag verplant.«
»Noch ein Problem«, flüsterte Kemal, dem man anmerkte, wie schwer er sich jedes Worte aus den Rippen schneiden musste. »Hab bei Kampf verloren …«
»Na, das macht doch nichts. Ich weiß, du bist ein stolzer Kickboxer, aber trotzdem nicht unbesiegbar.«
»Nein. Habe verloren Geldbeutel. Mit Ausweis und alles.«
Neureuther dachte kurz nach und pfiff leise aus. Das veränderte die Situation natürlich. »Das heißt, dass der Mörder, wenn es denn einen gibt, vielleicht weiß, wer du bist.«
Kemal nickte.
»Und er hält dich für einen Augenzeugen?«
Kemal nickte wiederum.
»Dann lass uns gehen. Den nächsten Termin muss ich eben verschieben«, sagte Neureuther kurz entschlossen, stand auf und holte seine Jacke.
»Danke«, hauchte Kemal kaum vernehmbar.
Wer bei Föhn auf den Besucherhügel des Ostparks geht, dem bietet sich ein bizarrer Anblick. Einerseits genießt er ein grandioses, nachgerade erhabenes Alpenpanorama. Mit den Beinen noch in der Großstadt verwurzelt, sieht er von der Ferne, wie sich Berg an Berg reiht. Jedem Naturfreund wärmt dieser Anblick, auch wenn noch Schnee die Gipfel bedeckt, das Herz. Es erkaltet jedoch schnell, sobald er seinen Fokus auf den Vordergrund richtet. Dort reiht sich ein kahles, an Hässlichkeit kaum zu überbietendes Hochhaus an das andere und verbindet sich zur schlimmsten Betonwüste Münchens.
Neuperlach, in den Sechzigerjahren als größte Satellitenstadt der Bundesrepublik geplant, ist heute eine Stadt in der Stadt, die für rund 55.000 Menschen Platz bietet und als einer der größten sozialen Brennpunkte der bayerischen Landeshauptstadt gilt. So wenig erinnert hier an alle weißblauen Klischees, dass man den Stadtteil jederzeit in eine x-beliebige Großstadt verpflanzen könnte.
Hier wohnte auch Kemal Üzli. Er hatte ein kleines Ein-Zimmer-Appartement in der Nähe des Karl-Marx-Rings, nachdem er mit neunzehn, kaum hatte er sein Abitur in der Tasche, ausgezogen war. Parkplätze, das unterschied das Viertel auch stark vom Zentrum Münchens, gab es in weiten Teilen Neuperlachs genügend, so auch vor Kemals Mietshaus. In einer breiten Lücke konnte Jens Neureuther seinen roten und bereits ziemlich betagten Ford Fiesta bequem parken. Dann begleitete er Kemal in dessen Wohnung.
Auf den Steinfliesen hallten ihre Schritte, obwohl beide Turnschuhe trugen. Eigentlich quietschten sie vielmehr, doch jedes Geräusch in diesem dumpf ausgeleuchteten Gang hallte unweigerlich. Als die beiden vor Kemals brauner Holztür mit dem üblichen Spion in der Mitte standen, meinte Neureuther so etwas wie Angst bei seinem Patienten zu spüren. Wortlos legte er ihm kurz die Hand auf die Schulter, um ihm Mut zu machen.
Kemal spannte seinen Körper. Er war darauf gefasst, dass jemand hinter der Tür auf ihn lauerte. Das würde ihm einen Vorteil verschaffen. Seine Geistesgegenwart, seine hundertprozentige Konzentration im Kampf, das hatte ihm schon viele Siege eingebracht und dieses Talent vermochte auch sein Unfall nicht zu schmälern.
Vorsichtig betraten sie das Appartement. In dem kleinen Flur war alles wie gehabt. Ein paar Jacken, zumeist aus Jeans und billigem Leder, hingen an einem wackeligen Kleiderständer. Es roch ein wenig muffig, abgestanden, aber das lag daran, dass es bis zum Eingang so schlecht durchzog.
Dann gingen sie wortlos in das Zimmer, das gleichzeitig Schlaf-, Wohnund Essraum war. Auf den ersten Blick war auch hier alles unverändert. Auf dem Bett, das genau genommen lediglich aus einer Matratze auf dem Boden bestand, lag noch die zusammengeknüllte Decke mit der FC Bayern-Wäsche und ein zerknautschtes Kissen, Zeugen eines unruhigen Schlafes.
Die Wohnung war nicht in penibler Ordnung, aber auch nicht verlottert. Es war eine ganz normale Single-Bude eines jungen Mannes. Seine Beziehung zu Seda hatte sich in den Monaten nach dem Unfall verschlechtert und war schließlich in die Brüche gegangen. Und seine Mutter, die sich um die jüngeren Geschwister kümmern musste und noch halbtags arbeiten ging, wollte er nicht überstrapazieren. Aber die nötigsten Hausarbeiten erledigte Kemal selbst.
»Alles in Ordnung?«, fragte Neureuther, dem die Anspannung seines Schützlings nicht entgangen war. Doch Kemal wies ihn mit einer Handbewegung an, nichts zu sagen. Leise ging er auf das Bad zu und öffnete vorsichtig die Tür. Mit einer schnellen Bewegung sprang er dann hinein und ging sofort in Kampfstellung. Doch umsonst. Niemand hatte sich in seinem Bad versteckt. Kemal atmete auf und ging wieder zurück.
»Du hast Angst?« Neureuther wusste, dass er einen wunden Punkt bei dem stolzen Kämpfer ansprach.
»Nicht Angst, aber du musst gefasst sein. Immer. Auf alles.« Das kaum hörbare Flüstern stand in krassem Gegensatz zu dem entschlossenen Gesichtsausdruck des erfahrenen Kickboxers.
»Hat sich etwas verändert? Ich meine, glaubst du, dass jemand hier war?«
Kemal schüttelte nur den Kopf. Neureuther sah den kleinen Haufen blutverschmierter Kleidung am Boden und ging darauf zu.
»Das ist Beweismaterial. Unter Umständen zumindest. Wir sollten die Klamotten in eine Plastiktüte packen und am besten nur mit Handschuhen anfassen.«
Wortlos ging Kemal zu seinem Küchenschrank, holte eine große Kaufhof-Tüte hervor und Plastikhandschuhe. Er streifte sie über und packte die Kleidungsstücke vorsichtig in die Tüte. Die schmutzverkrustete Jeans, die abgewetzte Lederjacke, den blauen Pullover.
»Unterwäsche auch?«, fragte Kemal verlegen.
»Ich bin kein Polizist, aber sicher ist sicher. Vielleicht finden sich ja an den Socken noch Spuren.«
Wortlos stopfte Kemal auch noch seine Boxershorts und seine Socken in die Tüte.
»Dann fahren wir mal«, meinte Neureuther und wandte sich zum Gehen. In diesem Moment klingelte das Telefon. Die beiden Männer verharrten kurz in ihrer Position und blickten sich an.
»Willst du nicht rangehen?«, fragte Neureuther, wenngleich ihm die Antwort im Prinzip klar war.
»Machen Sie, bitte«, antwortete Kemal.
Der Logotherapeut schaute sich das Display an und prägte sich die Nummer ein. Es war eine Münchner Nummer.
»Ja hallo«, meldete er sich mit fester Stimme.
Es kam zunächst keine Antwort. Man hörte nur Hintergrundgeräusche, vor allem das Rauschen des Straßenverkehrs.
»Hallo«, sagte Neureuther bereits wesentlich lauter. »Ist da jemand?« Dann vernahm er ein leises Atmen.
»Bin ich dort bei Üzli? Kemal Üzli?«
Der Mann sprach mit verzerrter Stimme, das war eindeutig. Er versuchte, ein wenig wie Charles Bronson nach einer durchsoffenen Nacht zu klingen, rau und heiser.
Neureuther hatte die Lautsprechfunktion aktiviert, sodass Kemal mithören konnte. Fragend blickte er seinen Patienten an. Dieser nickte wiederum.
»Ja, hier ist Kemal. Was gibts?« Neureuther versuchte, so leger wie möglich zu reden, um glaubwürdig zu klingen.
»Du bist nicht Kemal, Arschloch.« Dann klickte es in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt.
04 Normalerweise war das Labor nicht Tischlers bevorzugter Aufenthaltsraum, aber da sie nichts zu tun hatte, leistete sie dem Kollegen von der Spurensicherung Gesellschaft. Außerdem war sie neugierig, wie die Fingerabdrücke auf dem Papier sichtbar gemacht wurden. Dafür verwendet man kein Einstaubpulver, sondern Ninhydrin. Dieses Reagenz färbt Aminosäurespuren aus dem Hautschweiß violett und kann so Fingerabdrücke sichtbar machen, was bei älteren Spuren oft kaum mehr möglich ist.
»Und dir sind wirklich die Leichen ausgegangen?«, fragte Paul Siewert spitz.
»So ist es. Keine Kugel, die sich in einen weichen Leib bohrt, kein Metzgerbeil, das fälschlicherweise einen Menschen in Stücke haut statt das eigentlich vorgesehene Schwein, nicht einmal eine alte Frau, deren Todesursache als ›vielleicht nicht natürlich‹ angegeben wird. Keine verdächtigen Toten. Nichts.«
»Andere Arbeitslose gehen aufs Arbeitsamt …«
»… das heißt doch Agentur für Arbeit, Paul«, korrigierte die Hauptkommissarin.
»Verzeihe meine ungenaue Terminologie, andere gehen zur Agentur für Arbeit, wenn sie keinen Job haben, und Frau Tischler kommt ins Labor und schaut uns auf die Finger.«
»Mach ich dich nervös?« Tischler versuchte, so lasziv wie möglich zu klingen, was ihr aber nur bedingt gelang.
»Frauen machen mich immer nervös«, entgegnete Siewert. »Aber auch dieser Brief.«
»Was ist damit?«, fragte Tischler neugierig.
»Langsam kristallisieren sich einige Fingerabdrücke heraus. Aber ich brauche noch ein bisschen. Jemand hat den Brief achtlos aus dem Umschlag genommen?«
»Genau. Dieser Polonius, der Künstler, von dem ich dir vorher erzählt habe.«
»Der mit der Tolle? Er hat also das Dokument versaut. Seine Fingerabdrücke, soweit ich das erkennen kann, sind ausschließlich an den Rändern. Aber hier in der Mitte haben wir noch ganz schwache Reste. Sie müssten von der Hand stammen, die das Blatt gefaltet und in das Kuvert gesteckt hat.«
»Also von Olga Sibowska?«, fragte Tischler nach, die den skeptischen Unterton in Siewerts Stimme gehört hatte.
»Das glaube ich eben nicht. Ich kann mich noch an die Dame erinnern. Sie war schließlich einen Tag gewissermaßen bei uns. Sie war doch, bitte korrigiere mich, wenn mich mein Gedächtnis trügt, gerade mal einen Meter zweiundsechzig groß und brachte dreiundfünfzig Kilo auf die Waage?« Siewert blickte sie über seinen Brillenrand an.
»Ja, ein zartes Persönchen, zweifellos. Bei den Weight Watchers hatte sie nichts verloren.«
»Diese Fingerabdrücke sind klobiger, gröber.« Siewert schüttelte den Kopf. »Die passen nie im Leben zu einer dürren Heugeige wie der Sibowska. Und wenn du meine unmaßgebliche Meinung hören willst, sie stammen von einem Mann. Da bin ich mir ziemlich sicher.«
Tischler runzelte die Stirn. »Das macht das Rätsel nicht eben kleiner. Wieso sollte ein Mann diesem Polonius einen leeren Brief schicken?«
»Das herauszufinden, dürfte dein Job sein.«
»Oh nein«, wehrte Tischler ab. »Ich bin raus aus dem Fall.«
»Barbara, mach nicht einen auf beleidigt und bind mir keinen Bären auf. Ich kenne dich doch. Es brennt dir unter den Nägeln, das Rätsel zu knacken.«
»Das schon, aber die im LKA sind stärker. Wir sollten allerdings noch etwas untersuchen, und zwar … wie sage ichs am besten.« Die Kommissarin druckste ein wenig herum. »Ich hoffe, du lachst mich nicht aus und hältst mir vor, ich hätte in meiner Jugend zu viele ›Die drei ???‹-Bücher gelesen, aber wäre es nicht möglich, dass der Brief eine versteckte Botschaft enthält.«
»Ah, geschrieben mit geheimster Geheimtinte, wie man es aus der Sendung mit der Maus kennt«, meinte Siewert ironisch.
»So in etwa. Ich kann mich noch an ein paar Möglichkeiten erinnern. Gehen nicht Essig und Zwiebelsaft?«
»So ist es«, bestätigte der Fachmann. »Wahlweise kannst du auch Zitronen, Milch und Tintenkiller benutzen, wenn du jemandem eine Botschaft schicken willst, die nur Eingeweihte lesen können.«
»Und wie macht man sie wieder sichtbar? Ich fürchte, meine Erinnerung an die Sendung mit der Maus ist hier ein wenig verblasst.«
»Ganz einfach: erwärmen. Im Prinzip reicht eine Kerze, aber wir wollen etwas vorsichtiger sein mit dem guten Stück und keinen Brand riskieren.«
Siewert stand auf und verschwand. Nach kurzer Zeit kam er mit einer Wärmelampe zurück. Sie war verchromt und hatte einen schweren Standfuß sowie einen Panzerschlauch.
»Stylisches Teil«, meinte Tischler und pfiff anerkennend.
»War auch nicht ganz billig. Die nimmt man in besseren Restaurants her, um das Essen warm zu halten. Zweihundertfünfzig Watt hat die Birne. Damit mache ich dir alle Tinten aus dem Kinderfernsehen sichtbar.« Siewert steckte die Lampe ein und stellte sie auf den Tisch.
»Gibt es noch andere?«
»Aber klar. Es gibt noch einige andere Möglichkeiten wie Phenolphthaleinlösung oder Kaliumrhodanid, aber da brauchst du auch einen Chemiebaukasten, um die Schrift lesbar zu machen. Und das halte ich denn doch für ausgeschlossen. Ich meine, dieser Polonius hätte wissen müssen, dass eine geheime Botschaft auf ihn wartet und wie er diese entziffern kann. Hat er aber offensichtlich nicht. Insofern wäre es ein sinnloses Unterfangen. Wenn du mich fragst, glaube ich allerdings auch nicht an Essig und Zitronensaft-Botschaften. Aber wir werdens gleich sehen.«
Siewert schaltete die Lampe ein und legte das Papier darunter. Gespannt blickten zwei Augenpaare auf das Blatt, doch es tat sich nichts.
»Das wars«, meinte Siewert lakonisch nach kurzer Zeit. »Keine geheime Botschaft. Schade. Irgendwie hätte mich das auch gefreut.«
»Mich auch. Tja, dann verschwinde ich mal wieder«, meinte Tischler, die eine gewisse Enttäuschung nicht verleugnen konnte.
»Moment, junge Frau, wo willst du denn hin. Wir wollten uns doch noch mit der Handschrift auf dem Kuvert beschäftigen. Die müssen wir mit der von der Sibowska vergleichen.«
»Klar, aber das müssen die vom LKA übernehmen.«
»Mitnichten. Das kann ich auch«, meinte Siewert, der ausgesprochen gern mit Tischler zusammenarbeitete. Er schätzte ihren Humor. Und ihre Verbissenheit.
»Haben wir denn noch Vergleichsmaterial?«, fragte Tischler erstaunt.
»Aber klar doch«, grinste Siewert. »Meinst du, ich habe den Fuzzies vom LKA alles gegeben, ohne Kopien zu machen? Das war unser Fall.«
Tischler klopfte ihm anerkennend auf die Schultern. »Gut gemacht, Soldat. Dann auf in die Schlacht.«
Siewert räumte seine Utensilien auf, verschweißte den Brief mit den Fingerabdrücken und gab ihn der Kommissarin. »Die lassen wir später durch den Computer laufen, mal schauen, ob wir unseren Brieffreund kennen.«
Dann gingen sie in Siewerts kleines Büro. Es war eng und ungemütlich. Für Pflanzen war darin kein Platz und Bilder oder anderer Wandschmuck waren für den prosaischen Spurensucher überflüssiger Schnickschnack. Er ließ sich in seinen Drehstuhl fallen und rollte zu einem metallenen Wandschrank, den er mit einem Ruck öffnete. Auf den ersten Griff hatte er die Akte Sibowska in der Hand. Mit einem dumpfen Knall ließ er sie auf seinen aufgeräumten Schreibtisch fallen.
»Wieso hast du eigentlich Schriftproben von der Sibowska genommen? Kann mich nicht erinnern, dass das bei den ersten Untersuchungen eine Rolle gespielt hätte«, meinte Tischler, als Siewert zwei von der Sekretärin beschriebene Blätter aus seinem Folianten zog.
»Routine, Barbara. Routine. Diese beiden Seiten lagen auf ihrem Schreibtisch. Sie muss sie an ihrem letzten Erdentag beschrieben haben. Und das heißt, vielleicht liefern sie uns irgendwann einmal entscheidende Hinweise.« Siewert zog die Kopien aus der Hülle und breitete sie aus. Daneben legte er den Briefumschlag.
»Keine Frage. Was hat sie denn geschrieben? Einen Liebesbrief an ihren unbekannten Lover? Oder eine Ode an die Melancholie? Oder eine kryptische Botschaft an die Russenmafia?«
»Nein, nein. Das eine Blatt besteht aus Arbeitsnotizen.«
Siewert schob es der Kommissarin zu, die das Papier aufmerksam studierte.
»15 Uhr Termin mit Seibusch verschieben, Brief an Markwort nicht vergessen, Toner bestellen. Das ist eine Art To-do-Liste. Wenn mir nichts Doppeldeutiges entgangen ist, hat das alles für uns keinen großen Erkenntniswert.«
»Vermutlich. Außerdem müssen sich damit die LKA-Fuzzies rumschlagen.«
»Du scheinst mir weitaus angesäuerter zu sein von der feindlichen Übernahme unseres Falles als ich«, stellte Tischler fest.
»Ja klar, wer gibt schon gern sein Kind her? Außerdem, was bitte wollen die herausfinden, was wir nicht könnten?«
»Das sind Spezialisten für organisierte Kriminalität. Die haben in der Beziehung wesentlich mehr Ahnung von der Materie als ich«, gab die Kommissarin unumwunden zu. »Diesen Boris Bylkow kenne ich beispielsweise gar nicht. Wenn du mir erzählt hättest, das wäre ein sibirischer Kaviarfischer, hätte ich es glatt geglaubt.«
»Sibirischer Kaviarfischer«, lachte Siewert, »auch nicht schlecht. Aber welchen Beweis hatten die für Bylkows Schuld? Keinen. Reine Mutmaßungen.«
»Stimmt, aber so beginnt bei uns halt meist die Arbeit.« Tischler zuckte kaum merklich mit den Schultern. Gerade bei den verzwickten Fälle baute man sich erst einmal wackelige Gerüste aus Annahmen, die bei leichtesten Erdstößen in sich zusammenbrachen.
»Mag sein, aber ich fühle mich zurückgestuft und unterschätzt, fast schon ein bisschen missachtet.«
»Dann stellen wir die verlorene Ehre des Paul Siewert wieder her und knacken das Geheimnis des leeren Briefes. Was steht denn auf dem zweiten Blatt? Was Interessanteres oder ihre Einkaufsliste für Aldi?«
»Nein, offensichtlich Notizen für einen Brief. Schau sie dir selbst mal an.«
Siewert schob der Kommissarin die Kopie über den Schreibtisch.
»Du hast Recht«, meinte Tischler, nachdem sie die Seite genau studiert hatte, »das ist ein Entwurf für einen Brief, und zwar an Jürgen Mielbach.«
»Soll mir der Name was sagen? Zu welcher Mafiagruppe gehört der?«
»Zur Bauunternehmermafia«, entgegnete Tischler trocken.
»Oh, gleich die allerschlimmste Sorte«, lachte Siewert.
»Mielbach hatte vor ein paar Monaten einen saftigen Korruptionsprozess am Hals. Ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern, aber er hat einige Leute in diversen städtischen Bauämtern subventioniert, um an öffentliche Aufträge zu kommen.«
»Das ist doch keine Straftat. Das machen doch alle«, meinte Siewert lakonisch.
»Schon, aber Mielbach hat wohl den Bogen überspannt. Aufgeflogen ist sein ganzer Sumpf, weil er sich die Genehmigung für ein Einkaufszentrum in einem Naturschutzgebiet mit einer Finca auf Mallorca erkauft hat.«
»Oh Gott, eine Finca auf Mallorca!« Theatralisch verdrehte Siewert die Augen und hob die Hände flehend zum Himmel. »Barbara, warum arbeiten wir nicht im Bauamt?«
»Wahrscheinlich weil ich gar nicht nach Malle will. Zu heiß, zu viele Teutonen auf dem Grill. Nichts für mich.«
»Du Kostverächterin. Die Insel ist wunderschön, zumindest abseits vom Ballermann. Zieht es dich mehr nach Norden?«
»Nein, so masochistisch bin ich auch nicht veranlagt. Mir reicht der lange Winter hier. Und dass in jedem zweiten Sommer die Regenjacke zum wichtigsten Kleidungsstück wird. Danke. Nein. Ich fahre gern in den Süden, aber ich mag einfach keine Menschenmassen. Der Kampf um den täglichen Handtuchplatz, da vergeht mir die Lust am Urlaub.«
»Verstehe ich«, entgegnete Siewert, »aber Sandra ist auf die Balearen abonniert. Da kann ich nichts machen. Die Frauen sind nun mal die Stärkeren in der Beziehung.«
Das Thema wollte Tischler allerdings weiträumig umschiffen, deshalb wandte sie sich demonstrativ wieder dem Brief zu.
»Wallenberg war offensichtlich der Staatsanwalt in dem Prozess gegen Mielbach. Wenn ich mir aus diesen Stichpunkten das gesamte Schreiben zusammenreime, würde ich sagen, Wallenberg bestätigt, dass das Verfahren nach Ableistung einer Geldbuße eingestellt wird und keine weiteren Ermittlungen erfolgen.«
»Der Obergangster ist also mal wieder davongekommen, während wir nach dem dritten Mal schwarzfahren schon eingesperrt werden«, seufzte Siewert.
»Übertreib nicht, erst nach dem vierten Mal bekommst du ein Ticket nach Stadelheim. Aber weißt du, an diesen Notizen ist etwas seltsam.«
»Dann schieß mal los«, meinte Siewert neugierig.
»Da steht am Ende eine Art Schlussfloskel. ›Dank für Kooperation‹.«
»Und was ist daran so komisch? Das könntest du auch zu deinen geständigen Mördern sagen.«
»Jaja, das schon. Aber Olga Sibowska hat diese Formel mit einem Smiley versehen.«
Tischler zeigte ihrem Kollegen den Brief. Erstaunt sah er, dass die Sekretärin offensichtlich als Kommentar zu dieser Notiz ein grinsendes Gesicht gezeichnet hatte.
»Sag mal, die Sibowska galt doch eigentlich als die personifizierte Seriosität?«, wunderte sich Siewert über den Smiley. »Das sieht ihr gar nicht ähnlich.«
»Stimmt, aber darüber sollen sich die Herren vom LKA kümmern, nicht wir. Aber die Handschrift, die vergleichen wir noch.«
»Kein Problem«, entgegnete Siewert. »Ich denke, das schaffe ich auch ohne technische Hilfsmittel. Auf den ersten Blick würde ich sagen, eindeutig dieselbe Handschrift und auf den zweiten Blick …«
Der Fachmann für Spurenanalyse nestelte an seiner Brille herum und legte die Zeigefinger auf je einen Buchstaben auf dem Notizblatt und auf dem Kuvert.
»Hier, vergleiche das kleine b in Sibowska«, er deutete auf den Absender links oben auf dem Umschlag, »mit demselben Buchstaben hier bei dem Namen Mielbach. Was fällt dir auf?«
»Der Strich oberhalb des Buchstabenbauches ist geschwungen, fast schon wie eine kleine Schlange.«
»Tja, da konnte die Sibowska wohl ihre Herkunft nicht verleugnen. Im kyrillischen Alphabet schreibt man das kleine b so oder zumindest so ähnlich.«
»Und das heißt, sie hat definitiv den leeren Brief abgeschickt, aber auf dem Blatt keine Fingerabdrücke hinterlassen. Seltsam. Sehr seltsam.«
Als David Walker erwachte, hatte er das Gefühl, sein Gehirn würde von tausend Kaktusstacheln durchbohrt. Der Schmerz war höllisch, schlimmer als der Trümmerbruch im rechten Bein, den er sich bei einem Absturz von einer Felswand zugezogen hatte, auch schlimmer als die Kugel, die ihn einmal im Brustkorb erwischt hatte. Ein Steckschuss, der schnell verheilt war. Dieser Schmerz war schlimmer als alles, was ihn jemals gepeinigt hatte. Eine Höllenqual, die ihn an den Rande der Bewusstlosigkeit brachte und dazu, etwas zu tun, was er vor Schmerz auch seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hatte: Er schrie, nicht allzu laut, aber er schrie. Die Pein musste heraus, musste artikuliert werden.
Allmählich wurde es etwas erträglicher. Vermutlich war es nur die Gewöhnung. Walker traute sich dennoch nicht, sich zu bewegen. Er hatte Angst, sein Kopf würde zerplatzen. Langsam und bedächtig öffnete er die Augen. Er sah zunächst nichts als eine weiße Decke. Es war ein schmutziges, modriges Weiß, das ins Gelbliche ging, Ablagerungen vom Rauch tausender Zigaretten, Nikotinsediment. Der Gelbton rührte jedoch auch von der Lichtquelle her. Irgendwo musste eine alte Glühbirne brennen.
Sonnenlicht erhellte diesen Raum jedenfalls nicht. Er vermochte also nicht zu sagen, welche Tageszeit man hatte, geschweige denn, wie spät es war. Er wusste auch nicht, wo er sich befand und wie er hierher kam. Die Erinnerung ließ ihn im Stich und der stechende Schmerz verhinderte, dass er angestrengt nachdachte.
Er hätte nicht einmal bestimmen können, wie lange er einfach nur dalag und vor sich hinstierte, unfähig zu einer Regung. Da spürte er eine jäh aufkommende Übelkeit. Schon schmeckte er die ersten Vorboten der Magensäure in seinem Mund. Dann setzte der Würgereflex ein. Er rülpste und plötzlich schoss ihm der saure Mageninhalt aus dem Mund. Er konnte sich gerade noch leicht zur Seite drehen, dennoch traf der Großteil des Erbrochenen ihn selbst. Seine Schulter, sein linke Wange, seinen Oberarm. Auch die zweite Welle kam nicht weiter.
Das Unmögliche trat ein. Die unerträglichen Schmerzen wurden noch schlimmer. Lange verharrte er in der leichten Neigung, bis sich sein Kopf etwas beruhigt hatte. Walker spuckte die letzten Reste von Erbrochenem aus und versuchte, sich aufzurichten.
Es war schwer, doch unter Aufbringung all seiner Kräfte schaffte er es. Bedächtig wischte er sich ab und blickte sich um. Er war in einem fensterlosen Kellerraum. In der Ecke stand ein kleiner Tisch, auf dem sich eine rote Lampe, die ihre besten Jahre lang hinter sich hatte, befand. Sie sorgte für das funzlige Gelblicht.
Der Tisch war für eine Person gedeckt. Auf der rot-weiß karierten Decke stand ein großer Brotzeitteller. Er bot alles, was das Herz begehrte. Einige Streifen Geräuchertes mit Kren, Essiggurken, gesalzener und gepfefferter Emmentaler, Butter, eine Tomate und ein Stück Camembert, dazu zwei Scheiben Bauernbrot. Komplettiert wurde die Mahlzeit von einer Flasche stillem Wasser.
Als Walker den Teller sah, konnte er nur mühsam einen weiteren Brechreiz unterdrücken. Das Wasser machte ihn weitaus mehr an. Er war dehydriert und verspürte einen ungeheuren Durst. Er hätte ein Fass austrinken können, so ausgetrocknet fühlte er sich.
Langsam, ganz langsam erhob er den Oberkörper und drehte sich. Trotz der rasenden Kopfschmerzen setzte er sich auf. Er sah, dass ihm eine braune, geblümte Plüschcouch als Bett gedient hatte. Ein hässliches Teil aus dem letzten Jahrhundert.
Walker versuchte, sich an die Sitzhaltung zu gewöhnen. Er fühlte sich schwach, unendlich schwach. Gerade er, der sein erfolgreiches Gaunerleben nicht nur seiner Geschicklichkeit, sondern auch seiner Stärke zu verdanken hatte. Aber auch seiner Vorsicht.
Er wusste, er durfte nichts überstürzen, keinen schnellen Schritt wagen. Bedächtig stützte er sich auf die Plüschcouch und stand auf. Er war wacklig auf den Beinen, aber er wollte sich nicht mehr hinsetzen. Langsam zu der Flasche kommen, das war sein Ziel. Er musste trinken. Unbedingt.
Lediglich drei Schritte trennten ihn vom Tisch. Vorsichtig setzte er ein Bein vor das andere und versuchte, sich auf die Koordination seiner Bewegungen zu konzentrieren und seine Schmerzen zu ignorieren. Endlich konnte er die Rückenlehne des Stuhles ergreifen. Erschöpft stützte er sich auf und atmete erst einmal tief durch. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Dann setzte er sich und nahm die Flasche. Selten hatte ihm, dem Whiskyconnaisseur und Biertrinker, Wasser so gut geschmeckt. Dennoch trank er Schluck für Schluck. Nur nichts überhasten. Er durfte keine falsche, keine übereilte Bewegung machen. Er war schwer verletzt, das wusste er.
Das Wasser tat ihm gut. Jeder Schluck spülte den Geschmack des Erbrochenen hinweg und weckte ein wenig die letzten verbliebenen Lebensgeister. Als sein Durst gestillt war, blickte er sich vorsichtig in dem Raum um. Es standen einige Kisten darin herum. Und ein Metallregal mit irgendwelchem Krimskrams, eine Luftpumpe, zwei gelbe, weißverspritzte Farbeimer, drei Paar uralte Schuhe. Wo war er? Die Erinnerung war immer noch nicht zurückgekehrt.
Die Tür. Das musste sein nächstes Ziel sein. Sie befand sich nur wenige Schritte entfernt. Der Raum war klein und maß bestenfalls fünfzehn Quadratmeter. Langsam schlurfte er zur Tür, auf den Weg in die Freiheit. Er brauchte einen Arzt, genauer gesagt ein Krankenhaus.
Endlich fand seine Hand die Klinke. Doch, er hatte es bereits befürchtet, die Tür war verschlossen und der Schlüssel steckte nicht. Normalerweise wäre das für ihn eine der leichtesten Übungen gewesen, dieses primitive Schloss zu knacken, doch in seinem Zustand war nicht daran zu denken, obwohl er vermutlich das nötige Werkzeug dabei hatte. Er musste sich konzentrieren und den Schmerz ablenken, dann würde es vielleicht klappen.
Wer hatte ihn eingesperrt? Und warum? Diese Fragen zermarterten Walker allmählich das Gehirn genauso wie die Schmerzen. Doch dann kam die Erinnerung schlagartig zurück. Und er hörte, wie sich ein Schlüssel in das Schloss bohrte.
05 Bei ihrer Rückkehr ins Büro hätte die Nase der Hauptkommissarin um ein Haarbreit Bekanntschaft mit der Härte der Tür gemacht. Denn diese wurde jäh und schwungvoll aufgestoßen, als sie just eintreten wollte. Es war nur ihrer Reaktion, ihren in unzähligen Karatestunden antrainierten Reflexen zu verdanken, dass sie schnell zurückwich.
Dem Mann war es nicht entgangen, dass er eine Frau fast mit der Tür gerammt hätte. Offensichtlich war er in Eile, doch nicht so sehr, dass er seine Manieren vergessen hätte. Artig entschuldigte er sich für seinen übertriebenen Schwung, aber er müsse zur Arbeit.
»Neureuther, Jens Neureuther«, stellte er sich vor und gab der Hauptkommissarin die Hand. »Ich habe einen meiner Patienten bei Ihnen abgeliefert.«
»Das Krankenhaus ist aber ein paar Blocks weiter«, entgegnete Tischler.
»Ich habe ihn nicht hierher gebracht, damit Sie ihn therapieren. Das schaffe ich ganz allein. Ich habe ihn hergebracht, weil er möglicherweise einen Mord beobachtet hat.«
»Möglicherweise?« Tischler sah Neureuther mit gerunzelter Stirn an.
Zwischen Tür und Angel erzählte Neureuther die Geschichte von Üzlis Unfall und seinen Folgeschäden, von den Verletzungen, der blutigen Kleidung und dem seltsamen Anruf.
»Die Nummer habe ich mir gemerkt und Ihrem Chef mitgeteilt«, schloss Neureuther seinen Bericht.
»Ein Stuhl macht noch keinen Chef. In der dienstlichen Rangfolge stehe ich über meinem Kollegen«, rückte Tischler die Verhältnisse zurecht.
»Das wusste ich nicht«, entschuldigte sich Neureuther und griff in seine Jackentasche. »Damit Sie sich nicht übergangen fühlen«, meinte er mit einem Anflug von Ironie und überreichte ihr seine Visitenkarte. »Sollte es ein Problem mit Kemal geben, wenden sie sich bitte an mich.«
Dann grüßte er und ging. Tischler betrat ihr Büro, wo Mangel und Kemal schon auf sie warteten. Die Kommissarin musterte den Patienten von Neureuther. Kemal war ein Musterathlet. Groß gewachsen wie ein Baum, drahtig und ohne zu hungern so frei von Fett, wie es sich jedes Model wünschen würde. Die physische Erscheinung passte jedoch gar nicht zu seiner Haltung. Er kauerte auf dem Stuhl, als würde er gerade eines Schwerverbrechens überführt. Es war nicht zu übersehen, wie unwohl er sich fühlte.
»Ralf, bring bitte die blutigen Kleidungsstücke zur Spurensicherung. Danach überprüfst du die Telefonnummer«, trug Tischler ihrem Mitarbeiter auf. Schnell stand Mangel auf, packte die Beweisstücke und verschwand. »Ich unterhalte mich inzwischen ein wenig mit Herrn Üzli.«
Erschrocken blickte dieser hoch. »Ich nicht sprechen kann«, wehrte er ab, dabei so leise flüsternd, dass ihn nur sensible Ohren vernehmen konnten.
»Oh doch, das können Sie«, ermunterte ihn Tischler.
Tischler blickte Kemal an. Sie überlegte, wie sie am besten mit diesem verunsicherten Mann umgehen sollte.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee? Saft? Wasser?« Sie ließ zwischen jedem Wort eine kleine Pause, damit Kemal mit einer Kopfbewegung antworten konnte. Beim letzten Angebot nickte er. Tischler holte eine Flasche klassischen Sprudel und zwei Gläser und schenkte Kemal ein. Sie selbst nahm auch einen kräftigen Schluck. Dann holte sie einen Block hervor und legte ihn Kemal vor.
»Machen wir es so, ich versuche, Ihnen vorrangig Entscheidungsfragen zu stellen, die Sie mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantworten können. Alles andere beantworten Sie schriftlich, wenn Sie nicht sprechen wollen. In Ordnung?«
Kemal nickte erleichtert. Seine Redehemmung war bei unbekannten Personen enorm groß.
»Die erste Frage müssen Sie wohl schriftlich beantworten. Ich muss genau Ihren gestrigen Nachhauseweg kennen. Bitte schreiben Sie auf, wie Sie von A nach B gekommen sind, am besten mit den Zeiten.«
Kemal nickte und nahm den Block und einen Kugelschreiber. Dann überlegte er, schrieb etwas und begann zu zeichnen. Immer wieder hielt er inne und überlegte. Nach einigen Minuten riss er das Blatt heraus und legte es Tischler vor. Sie stutzte, denn Kemal zeichnete sofort weiter.
Muss ein verdammt langer Nachhauseweg gewesen sein, dachte sich die Kommissarin und betrachtete den ersten Teil der Karte. Kemal war kein großer Zeichner und alles andere als ein Kalligraph. Seine Schrift war unästhetisch, krakelig, aber wenigstens lesbar.
Eigentlich hätte Tischler gern die Kollegen vom LKA angerufen und ihnen von dem seltsamen Brief erzählt, doch sie wollte ungestört telefonieren. Diese Informationen waren nichts für fremde Ohren. Stattdessen vertrieb sie sich die Zeit damit, den Computer anzuwerfen und nachzuschauen, wo die Schlüsselbergstraße war. Dort befand sich nämlich das Towasan Martial Arts Center, das Kemal gegen einundzwanzig Uhr verlassen hatte.
Schnell wurde die Kommissarin fündig. Die Straße verband den Mittleren Ring Ost kurz vor dem Richard-Strauß-Tunnel mit der Berg-am-Laim-Straße, die ihren Namen von dem unscheinbaren Viertel im Münchner Osten hatte, das so unbedeutend zwischen Haidhausen und Trudering lag. Als die Kommissarin den zweiten Teil von Kemals Karte bekam und bemerkte, dass er sich an den dritten machte, wurde ihr klar, dass der Tag gerettet war. Diese Strecke nach Blutspuren abzusuchen, würde mindestens zwei Stunden, eher drei oder vier dauern. Weg vom Schreibtisch und hinaus in die Sonne. Das war nicht das Schlechteste.
In der Schlüsselbergstraße gab es sogar einen russischen Supermarkt, genauer gesagt einen Supermarkt mit Produkten aus Osteuropa. Ansonsten zeichnete sie sich dadurch aus, dass man die Häuser in ihrer grauen Einförmigkeit lediglich an der Hausnummer unterscheiden konnte. Einzig der Radweg war von einer Baumallee gesäumt, die im Grün des erwachenden Frühlings etwas Strahlendes, fast schon Lyrisches hatte.
An dem Kampfsport-Center wäre Tischler fast vorbeigefahren, so unscheinbar war es. Lange hatte das Haus schon keinen Malerpinsel mehr gesehen, was die Tristesse nur verstärkte. Dem gegenüber standen die bunten Auslagen und Transparente des Martial-Arts-Center. In der roten Tür war eine stilisierte Weltkugel, in deren Vordergrund ein schwarzes gegen ein rotes Strichmännchen kämpfte.
Bei den Fahrradständern hingen zwei Transparente, die Werbung für Kinder-Karate machten. Ab dem zarten Alter von fünf Jahren nahm man kampfbereite Kids auf, um sie in die Geheimnisse dieses japanischen Sports einzuweihen.
Tischler fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, hatte sie doch selbst mit neun begonnen, Karate zu machen, ein Mädchen in einer Jungenwelt, das sich durchbeißen musste. Und es auch tat. Der anfängliche Spott, es gab nur zwei Mädchen in der Gruppe, die notgedrungen mit den teils sogar älteren Jungs mitmachen mussten, war schnell gewichen, da sie und Becki zäh und ehrgeizig dagegenhielten und sich von den üblichen Scherzen nicht beeinflussen ließen. Die Kommissarin war es von zu Hause nicht anders gewohnt. Früh war ihre Mutter gestorben, viel zu früh. Und viel zu früh wuchs sie in die Rolle als einzige Frau im Haushalt hinein, die sich um die Brüder und den zwar intelligenten, aber bisweilen unpraktischen, gelegentlich fast schon lebensuntauglichen Vater kümmern musste.
»Hier sind Sie also gegen einundzwanzig Uhr nach dem Training raus und mit zu Ihrem Kumpel Leo, der gleich nebenan im zweiten Stock wohnt.« Tischler riss sich selbst aus ihren Jugenderinnerungen.
Kemal nickte und deutete auf einen Balkon, dessen Tür offen stand. Allem Anschein nach wohnte dort sein Kickboxpartner. Kemal steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Kurz darauf schlurfte ein semmelblonder Jüngling im ärmellosen T-Shirt und in blauer Trainingshose heraus. Er war ähnlich durchtrainiert wie Kemal.
»Hey Mann, was geht?«, fragte er kurz und musterte misstrauisch die beiden Polizisten.
»Ihr Freund hatte gestern auf dem Nachhauseweg ein unangenehmes Erlebnis.« Tischler wollte bewusst im Vagen bleiben. Sie selbst hatte nämlich größere Zweifel, dass Kemal wirklich einen Mord gesehen hatte. Sie glaubte vielmehr an eine kleine Prügelei. Und war es ausgeschlossen, dass die Fäuste gleich unter den Kickboxpartnern flogen? Sicher nicht, zumal in Leos Gesicht ein mittelprächtiges Veilchen blühte.
»Können Sie uns sagen, was Sie zwischen Trainingsende und Kemals Aufbruch gemacht haben?«, fuhr die Kommissarin fort.
»Komme gleich«, entgegnete der Kickboxer und verschwand in seiner Wohnung, um kurz darauf bei den Polizisten wieder aufzutauchen. »Muss ja nicht die ganze Nachbarschaft hören.«
Tischlers Neugier war langsam erwacht.
»Wir haben uns zwei Pornos reingezogen, skandinavisches Zeug, echt geil. Und uns mit ein paar Bierchen zugelötet. Ist ja noch nicht verboten, oder?« Leo hatte einen feindseligen Ton am Leib, möglicherweise war er in der Gegenwart von Polizisten aber auch nur unsicher, wie viele andere Leute.
»Nein, das ist ganz legal, wenn es sich nicht um Kinderpornos handelte«, meinte Mangel in seiner Überkorrektheit.
»Hey Mann, willst du sagen, ich stehe auf Kinderärsche, oder was?« Leo lief rot an.
»Das hat mein Kollege doch nicht gemeint«, beschwichtigte Tischler, die Leos erhöhten Adrenalinspiegel spürte. »Er wollte nur definieren, was legal und was illegal ist.«
»Will ich ihm auch raten. Mich nennt keiner Kinderficker.« Drohend schaute Leo Mangel an. »Was ist mit meinem Kumpel? Was hat er für eine Scheiße erlebt gestern? Hat ihn einer angemacht? Den mach ich kalt.«
»Hey Freundchen«, ging Tischler den Kickboxer scharf an. »Runter vom Gas. Und dass eines klar ist, die Fragen stellen wir.« Energisch und entschlossen blickte sie ihren Kontrahenten an. »Und wenn Sie Ihrem Kumpel helfen wollen, dann antworten Sie, klar?«
»Okay«, nickte Leo.
»Wir müssen zunächst wissen, wann Kemal Ihre Wohnung verlassen hat?«
»Scheiße, wann war das?« Leo dachte kurz nach. »So halb eins, eins. Später glaube ich fast nicht. Nein, das kommt hin.«
»Wie viele Biere hat jeder von euch getrunken?«
»Ein Sixpack. Meine Fresse, kann ich nicht mehr saufen, was ich will, Mann?«, rief Leo empört aus.
»Sind sechs Bierchen für Sportler wie euch nicht ein bisschen viel?«, fragte Tischler nach.
»Das steck ich locker weg. Und Kemal mittlerweile auch.«
»Mittlerweile?«
»Naja, früher hat er kaum was getrunken, aber seit seinem Unfall hat er den Alk entdeckt. Er lötet sich nicht jeden Tag voll zu, aber ein paar Bier säuft er schon am Abend«, erklärte Leo.
»Noch eine Frage: Wer hat Ihnen das Veilchen verpasst?«
»Ein Russe. Mieser Typ. Aber der hat mehr abbekommen. Der Arsch kann sich die nächste Zeit nicht mehr schnäuzen, ehrlich Mann«, meinte Leo hasserfüllt, aber voller Stolz, den Kampf siegreich beendet zu haben.
»Wann ist das passiert?«
»Vorgestern. Wir sind im Krieg mit den Russen. Wenn ich einen von den Drecksäcken seh, mach ich ihn platt.«
»Und Kemal?«
»Hat keinen Zoff mit den Scheißkerlen«, entgegnete Leo zögerlich.
»Aber die Russen wissen, dass er Ihr Kumpel ist«, folgerte Tischler.
»Klar. Haben diese Drecksäcke ihm gestern eine verpasst, oder was? Die mach ich alle, die haue ich in Stücke.« Leo geriet wieder in Rage.
»Wir wissen nicht, was gestern passiert ist und nicht einmal, ob etwas passiert ist, also reg dich jetzt mal ab, Kerl.« Tischler war angesichts der permanenten Aggression Leos so angefressen, dass sie in das Du verfiel. »Allerdings sind wir hier sowieso fertig. Sie sind entlassen und können wieder in Ihre Wohnung gehen.«
»Stopp mal, und was ist mit meinem Kumpel?« Breitbeinig und mit verschränkten Armen stellte sich Leo vor Tischler hin. Er war nicht gewillt, seinen Freund der Obhut der Polizisten zu überlassen.
»Mit dem machen wir einen kleinen Spaziergang«, erklärte Tischler.
Währenddessen ging Kemal zu Leo und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Mein Kumpel will, dass ich ihn begleite«, sagte Leo bestimmt.
Tischler hatte schon so etwas befürchtet. Aus Rücksicht auf Kemals fragilen Zustand willigte sie ein, wenngleich ihr die Aussicht nicht behagte, mit Mangel und dem adrenalingeladenen Kickboxer den restlichen Vormittag zu verbringen. In ihr reifte allerdings der Gedanke, der vermeintliche Mord sei nichts anderes als eine Bandenschlägerei. Insofern erwartete sie eine einfache Routineuntersuchung.
»Gut, dann marschieren wir mal los«, rief die Kommissarin zum Aufbruch. »Wenn ich die Zeichnung richtig verstanden habe, gingen Sie in der Nacht hier die Altöttinger Straße entlang.«
Kemal nickte wiederum.
»Woher will er das wissen?«, fragte Mangel nach. »Ich dachte, er kann sich an nichts mehr erinnern.«
»Weil er diesen Weg immer geht, Mann«, sagte Leo genervt.
Tischler atmete tief durch.
»Wir machen es jetzt so. Kemal und Leo gehen die rechte Straßenseite entlang und suchen nach Blut- oder Kampfspuren, Ralf und ich übernehmen die linke Straßenseite«, schlug die Kommissarin vor.
»Blutspuren? Hats nicht heute in der Nacht mal brutal geschifft? So um vier oder so?«
»Blut wäscht sich nicht so leicht weg. Wenn es einmal getrocknet ist, bleibt ein Fleck übrig, der auch vom Regen nicht entfernt wird. Chemisch betrachtet«, hob Mangel gerade zu einer kleinen Nachhilfestunde an, wurde aber von Tischler unterbrochen.
»Wir suchen also einen vertrockneten Blutfleck. Er kann auch recht klein sein. Also schauen Sie genau hin, meine Herren. Wir gehen den Weg nur einmal.«
Baumreihen flankierten auch die Altöttinger Straße. Die beiden langgezogenen Mietsblocks waren auf der einen Seite ockergelb und auf der anderen olivgrün, damit man sie unterschieden konnte. Außerdem standen die einen längs und die anderen quer zur Straße. Zwischen dem Asphalt und den Häusern befand sich ein einigermaßen breiter Fußgängerweg, den die beiden Duos entlangschlenderten.
Die Altöttinger Straße traf am Ende der Blockreihe auf eine Querstraße. Für Autos war die Weiterfahrt gesperrt. Kemal deutete an, dass man geradeaus weiter in den breiten Fußgängerweg gehen müsse. Die beiden Polizisten hatten auf ihrer Seite einen Sportplatz, gegenüber befand sich nun ein kleines Reihenhaus mit putzigen Vorstadtgärten, die allerdings von einer dicken Ligusterhecke vor allzu neugierigen Blicken geschützt waren. Schließlich führte der Weg an einer großen Kleingartensiedlung vorbei.
Forsythien leuchteten allerorten, teilweise mit Plastikeiern verschandelt. Einige fein säuberlich zugeschnittene Obstbäume blühten und entfalteten Ansätze ihrer weißen Pracht. Efeu überwucherte manche Zäune und Pforten, andere Gärten warteten mit sterilem englischem Rasen auf, von jeglichem anderen Grün befreit, auf den Millimeter geschnitten.
Der Weg wurde hier breiter, auch durch die Parkbuchten. Man musste genauer schauen, weil die Fläche größer war. Schweigend tasteten sie den Boden mit ihren Augen ab. Da bemerkte die Kommissarin, dass die beiden Kickboxer stehen geblieben und in die Hocke gegangen waren.
»Habt ihr etwas entdeckt?«, rief Tischler.
»Kann sein. Schaut Scheiße nach Blut aus, da!«, antwortete Leo.
Schnell überquerten die Polizisten die Straße. Tatsächlich befanden sich auf dem Boden mehrere kleine dunkle Flecken.
»Ich bin mir nicht sicher, ob es sich hier um Blut handelt«, kommentierte Mangel.
»Das sieht doch ein Blinder, Mann, dass das Blut ist. Was wärs denn sonst? Rotwein oder was?« Leo war sofort aggressiv, kaum dass der Polizist den Mund aufmachte.
»Mit bloßem Auge lässt sich das nicht eindeutig klären«, entgegnete Tischler.
»Sollen wir die Spurensicherung holen?«, fragte Mangel.
»Würde nicht schaden. Im Gegensatz zu eurer Anwesenheit«, sagte sie zu den beiden Jungs. »Wenn es sich hier um einen Tatort handelt, seid ihr gerade munter am Spurenverwischen. Also tretet bitte ganz sachte ein paar Schritte zurück.«
Die Kickboxer taten, wie ihnen befohlen wurde. Mangel telefonierte mit den Kollegen von der Spurensicherung und Tischler schaute sich weiträumig den potenziellen Tatort an. Der Weg verbreiterte sich hier, denn es war ein kleiner Parkplatz für rund acht Autos angelegt. Auf Schildern stand zu lesen, das Parken sei nur Kleingärtnern erlaubt.
Auf dem Parkplatz lag Rollsplitt, nicht allzu viel, aber genügend, um gewisse Spuren, gewisse Unregelmäßigkeiten zu erkennen. Tischler nahm eine schmale Bahn von etwa einem Meter Länge wahr. Möglicherweise war hier jemand ausrutscht und hingefallen.
Etwa drei Meter von der Stelle entfernt parkte ein Auto, ein roter Ford Fiesta mit Münchner Kennzeichen. Der Wagen hatte einen Platten, stand also vermutlich schon gestern da. Etwa einen halben Meter vor der Fahrertür befanden sich nochmals langgezogene Fußspuren. Langsam ging die Kommissarin auf das Auto zu. Es glänzte in der Sonne, allerdings nur an einer Stelle, und zwar an der Beifahrertür. Sie war offensichtlich eingedellt.
Tischler beugte sich und betrachtete die Stelle genau. Es handelte sich um eine frische Beule, nicht allzu groß. Das wäre nicht weiter erstaunlich gewesen, wäre nicht dieser besondere Glanz gewesen. Bei näherem Hinsehen erhärtete sich Tischlers Verdacht. Es war Goldstaub.
06 Der schöne Tag lockte die Schrebergärtner des Münchner Ostens in ihre Parzellen. Erstaunt nahmen sie wahr, dass man einen Teil des Parkplatzes abgeriegelt hatte. Zwei Männer, die mit ihren Plastikhandschuhen und ihrer sonderbaren Kleidung ein wenig nach Außerirdischen aussahen, tummelten sich innerhalb der Absperrung. Davor standen eine Frau und ein Mann, die vergeblich versuchten, die Schaulustigen zu vertreiben wie Wespen im September.
Tischler wollte kein allzu großes Aufsehen erregen und hatte deshalb auf die Kollegen von der Schutzpolizei verzichtet, was sie angesichts der penetranten Schaulust bitter bereute.
»Wenn ich noch einmal ›Hier gibts nichts zu sehen‹ und ›Lediglich eine Routineuntersuchung‹ sagen muss, dann kotze ich«, gestand die Kommissarin Mangel.
»Machs nicht, denk an die Sauerei!«, entgegnete Mangel ungewohnt trocken.
»Woher weißt du, dass ich deine Jacke als Kotztüte benutzen wollte?«, fragte ihn Tischler ironisch.
»Ich danke dir, Barbara«, meinte Paul Siewert, der die Absperrung verlassen hatte und zu den Polizisten gegangen war.
»Ich wüsste nicht, wofür.«
»Ganz einfach, dir habe ich es zu verdanken, dass ich heute nicht acht Stunden in einem muffigen Labor und einem noch muffigeren Büro darbe, sondern ein bisschen in die Sonne komme. Da hat man ja richtig Frühlingsgefühle, auch wenn man so romantische Tätigkeiten verrichtet wie Blutflecken abkratzen.«
»Na, deine Frau wirds mir noch danken, wenn du wegen mir Aprilschmetterlinge im Bauch bekommst«, meinte Tischler etwas anzüglich. »Es handelt sich also wirklich um Blutflecken?«
»Was hast du gedacht? Dass die hier Rotwein ausgekippt haben?«
»Den Spruch habe ich heute schon aus weniger berufenem Mund vernommen.«
»Nein, du hast Recht. Hundertprozentig kann man sich nicht sicher sein, aber mein geübtes Auge sagt mir, dass das Blut ist, möglicherweise von mehreren Personen. Aber Genaueres erfährst du heute Abend.«
»Was sagst du zu den Spuren auf dem Rollsplit?«
»Die sind fast noch eindeutiger als die Blutflecken. Da ist einer ausgerutscht. Ob ein Schlag oder ein Kampf vorausging, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall hatte derjenige, der zu Boden ging, mit höchster Wahrscheinlichkeit einen speziellen Gegenstand dabei.«
»Einen goldigen Gegenstand?«, riet Tischler und hob die Augenbrauen.
»So ist es. Könnte ein großer Pokal gewesen sein oder dergleichen. Die Spuren im Lack sind auf jeden Fall frisch.« Plötzlich nieste Siewert mehrmals hintereinander, als hätte er ein Munitionsdepot in der Nase.
»Das sind wohl auch Frühlingsgefühle, allerdings der unangenehmen Art«, meinte Tischler süffisant.
»So ist es. Birken, die sind die Schuldigen. Und davon gibts in den Schrebergärten wohl einige«, entgegnete Siewert und schnäuzte kräftig.
»Woher kamen die Leute, die diese Spuren hinterließen?«, wollte Tischler noch wissen.
»Das kann ich nicht genau sagen, der Regen in den Morgenstunden hat wohl einiges weggewaschen. Aber ich vermute, aus dem südlichen Gartenabschnitt.«
Siewert deutete auf das Portal neben dem Parkplatz.
»Du meinst also, dass zwei Leute in der Nacht aus der Gartenkolonie gerannt kamen. Einer hat einen goldenen Gegenstand dabei, den er möglicherweise gestohlen hatte. Er wird von dem Mann, dem das wertvolle Stück gehört, niedergeschlagen oder zumindest in eine Rauferei verstrickt.«
»Das ist alles denkbar, aber pure Spekulation.« Siewert nieste noch einmal kräftig und fluchte auf die Birken.
»Wie kommt nun unser Kemal ins Spiel? Hat er die beiden bei ihrer Schlägerei überrascht? Wurde wirklich einer von den beiden ermordet? Wo ist dann der Tote? Wo ist der goldene Gegenstand?«
»Das klingt nach einer Menge Arbeit, Barbara. Forsch mal nach. Ich kümmere mich inzwischen um die Blutproben hier und vergleiche sie mit den Blutspritzern auf Kemals Kleidung. Bis dahin solltest du aber auch daran denken, dass wir hier nur einen Vielleicht-Tatort haben. Vielleicht ist jemand gestern Abend hier ausgerutscht? Und ein anderer hatte schweres Nasenbluten? Ist alles möglich. Oder vielleicht ist das hier nur Ochsenblut?«
Siewert packte seine Utensilien zusammen und bedeutete seinem Gehilfen, er solle sich zum Aufbruch bereit machen.
»Das heißt, Kemals Mord, den er möglicherweise beobachtete, könnte auch an einem anderen Ort stattgefunden haben.«
»Das heißt das wohl«, grinste der Spurenexperte, der genau wusste, was dieser Schluss für die Kommissarin bedeutete.
»Dann marschieren wir mal bis Kemals Wohnung, Ralf. Auf gehts. Wir drehen eine kleine Runde durch den Ostpark. Und immer die Augen offen halten, wir könnten ja einen Blutfleck entdecken.«
Überrascht blickte Mangel seine Chefin an. Er war felsenfest davon überzeugt, hier den Tatort vor sich zu haben.
»Nein, der könnte auch anderswo sein«, korrigierte ihn Tischler. Dann holten sie Kemal von seinem Freund ab, wo sie ihn während der Untersuchung deponiert hatten. Aus Rücksicht auf ihren Kollegen wimmelte Tischler diesmal jedoch Leo ab. Sie wollte nicht riskieren, dass es auf dem Weg nach Neuperlach einen weiteren Blutfleck gab.
Als sich die Tür öffnete, erblickte David Walker ein altbekanntes Gesicht. Man hatte sich gestern schon zweimal gesehen, einmal allerdings im Dunklen. Das war einmal zu viel. Er hatte seinen Kontrahenten unterschätzt und einen Fehler begangen, einen amateurhaften Fehler. Wie konnte ihm das bei seiner Erfahrung passieren? Doch Routine ist oft der Feind der Konzentration.
Sein Gegenspieler hielt etwas linkisch ein Fleischmesser in der Hand, vermutlich die schärfste Waffe, die er in seinem Haus hatte.
»Steck den Zahnstocher wieder ein, ich bin am Ende«, keuchte Walker.
»Sicher ist sicher«, entgegnete der Mann und hielt das Messer weiterhin kampfbereit. »Sie haben gestern schon versucht, mich aufs Kreuz zu legen. Außerdem sind Sie ein Profi, Mr. Walker.«
»Aber nur ein professioneller Dieb, kein professioneller Schauspieler.« Seine Schmerzen waren wieder unerträglich geworden. Die kleinste Regung ließ sein Hirn explodieren. »Ich brauche einen Arzt, Mann«, bat er fast flehentlich. »Mein Schädel ist zertrümmert.«
»Erst will ich wissen, wo du meine Figur hast?« Der Mann versuchte, einen möglichst rauen, bestimmten Ton anzustimmen. Er wollte wie ein knallharter Gangster klingen.
»Ich hab keine Ahnung, wo der Vogel hingeflattert ist.«
»Verarsch mich nicht, du Mistkerl«, giftete der Mann und stieß Walker mit der linken Faust gegen den Kopf, dass dieser laut aufschrie.
»Mach das nicht, Mann«, wimmerte er. »Ich muss ins Krankenhaus. Sofort.«
»Erst wenn ich meine Plastik zurück habe.«
»Okay. Sie ist in meinem Wagen, ein schwarzer Chevrolet Camaro.« Walker wusste, dass er verloren hatte und er auspacken musste, wenn er überleben wollte.
»Schickes Auto. Dein Handwerk hat goldenen Boden.«
»Ist ein Leihauto, nichts zum Angeben.« Dann nannte Walker das Kennzeichen und den genauen Standort.
»Und der Schlüssel?« Der Mann streckte die Hand aus und machte eine ungeduldige, bittende Bewegung.
Walker keuchte, er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Langsam setzte er sich auf den Stuhl. Er griff in seine Hosentasche und zog ein Bündel mit Schlüsseln hervor.
»Da haben wir ein kleines Problem.« Walker durchsuchte den Schlüsselbund. Es wurde ihm immer wieder schwarz vor Augen. »Hier. Der müsste passen«, sagte er zu dem Mann und zeigte ihm einen bestimmten Schlüssel, der in keiner Weise aussah wie ein Original von Chevrolet. »Wenn nicht, hast du Pech gehabt und die Sirene geht los.«
Dann nahm der Mann den Schlüssel. Er betrachtete den ganzen Bund. So etwas hatte er schon einmal gesehen, als er einen Schlüsseldienst kommen lassen musste, weil er sich ausgesperrt hatte. Über 200 Euro hatte ihn seine Schusseligkeit gekostet. Das waren keine normalen Schlüssel, das waren Dietriche, die ganze Ausrüstung des genialen Einbrechers. Sicherheitshalber nahm er den Bund an sich. Walker war sicher nicht nur ein geübter Ein-, sondern auch Ausbrecher.
»Ich hoffe für dich, dass du nicht gelogen hast. Wenn ich meine Figur finde, fahre ich dich sofort ins nächste Krankenhaus. Wir müssen uns allerdings eine hübsche Geschichte zurechtlegen, wie das mit deinem Kopf passiert ist.«
»Ist in Ordnung. Du kannst dir vorstellen, dass ich noch weniger Interesse daran habe als du, die Wahrheit zu erzählen.«
»Ja, das glaube ich auch. Übrigens, in wie vielen Ländern wirst du eigentlich gesucht?«
»In gar keinem. Ich war nicht so dämlich und habe mich erwischen lassen«, log Walker.
»Ach, dann bin ich der Erste gewesen. Welch Ehre. Denn dein Ruf ist dir vorausgeeilt. Sonst hätte ich dir gestern auch nicht aufgelauert. Ich habe dir einfach nicht getraut.«
Der Mann lächelte. Er war stolz auf seinen Spürsinn.
»Du bist einfach zu clever für mich. Und jetzt gib Gummi, Mann, mein Schädel explodiert.«
»Soll ich noch ein paar Aspirin plus C runter bringen?«, fragte der Mann spöttisch.
»Verpiss dich. Ich brauche einen OP-Saal, keine Tabletten.«
Daraufhin zog sich der Mann zurück und verschloss die Tür.
07 Auf dem Weg durch den Ostpark entdeckten die Polizisten keine weiteren Blut- oder Kampfspuren. Tischler kam lediglich zur Erkenntnis, dass Kemal einen verdammt weiten Nachhauseweg hatte. Selbst wenn er schnell ging, war er eine dreiviertel Stunde unterwegs. Sie hatte Respekt vor dem Jungen, aber auch ein wenig Mitleid.
Bis zu seinem Unfall war Kemal ein mustergültiger Sportler und ein guter Schüler gewesen. Der Blitzeinschlag hatte ihn jedoch aus der Bahn geworfen. Langsam erst fing er sich wieder. Und ein Silberstreif am Horizont war sichtbar. Da er mit dem Sprechen Fortschritte machte, wollte er sich im Wintersemester an der Universität für Sportwissenschaften einschreiben. Die mysteriösen Vorkommnisse der letzten Nacht und vor allem die Folgen, nämlich sein Rückfall in die Sprachlosigkeit, machten ihm allerdings schwer zu schaffen. Was würde er tun, wenn er ein Referat an der Uni zu halten hatte? Solche Fragen gingen ihm durch den Kopf, als er seine Wohnung in Neuperlach erreichte.
»Respekt, Kemal. Die Strecke gehen Sie in der Nacht und das auch noch mit ein paar Bierchen im Leib«, meinte Tischler anerkennend. »Das wäre nichts für mich. Bevor ich Sie entlasse, möchte ich noch ein paar Dinge mit Ihnen abklären.«
Kemal blickte die Kommissarin erwartungsvoll an.
»Gehen Sie in der nächsten Zeit ans Telefon?«
Der Kickboxer schüttelte vehement den Kopf. »Nur Handy«, flüsterte er ergänzend.
»Gut, die Nummer haben wir ja. Dann erübrigt es sich, dass wir Ihren Anschluss abhören lassen. Wünschen Sie Polizeischutz?«
Wiederum schüttelte Kemal den Kopf.
»Nein? Dann bedenken Sie aber bitte, dass Sie in Gefahr sind. Sollten Sie wirklich einen Mord gesehen haben, haben Sie den Mörder gesehen, es jedoch vergessen! Der Mörder aber kennt Sie, weiß nichts von Ihrer Krankheit und muss davon ausgehen, dass Sie ihn wiedererkennen.«
Kemal wedelte mit den Händen, was seine Ablehnung des Polizeischutzes verstärken sollte.
»Ich möchte aber nicht, dass Sie hier allein leben. Das ist zu gefährlich. Sie sind möglicherweise Zeuge in einem Mordfall und ich muss Sie schützen. Haben Sie eine Vertrauensperson, die bei Ihnen schlafen kann oder – was mir noch lieber wäre – bei der Sie schlafen können.«
Kemal überlegte kurz und nickte dann. »Meine Schwester Aische«, hauchte er.
»Wollen Sie bei Ihr wohnen?«
Wiederum bejahte der Kickboxer die Antwort.
»Ralf, gib ihm bitte deinen Block. Kemal soll Adresse und Telefonnummer der Schwester notieren.«
Kemal schrieb mit krakeligen Buchstaben, was man von ihm wollte. Dann verabschiedete er sich. Die Kommissarin bestand allerdings darauf, noch mit in seine Wohnung zu kommen. Man wusste ja nicht, ob nicht ein Killer wartete. Doch die Wohnung war leer, auf dem Anrufbeantworter keine Nachricht. Beruhigt gingen die Polizisten wieder hinunter.
»Und nun?«, fragte Mangel unentschlossen.
»Nun rufen wir uns erst mal ein Taxi. Ich geh die Strecke auf jeden Fall nicht zurück.«
»Denk an unsere Spesenrechnung.«
»Ich denke Tag und Nacht an nichts anderes«, meinte Tischler.
»Vor zwei Monaten hast du einen Anschiss bekommen, weil sie so hoch war.«
»Da musste ich aber auch undercover in einem Zwei-Sterne-Restaurant ermitteln und in so einem noblen Futter-Trog kann ich mir ja wohl keinen Cheeseburger bestellen«, entgegnete Tischler und zückte ihr Handy.
»Ich habs ja nicht mit Scampi im Trüffelsabayon«, gestand Mangel.
»Ich weiß, Ralf. Du bist ein Schweinsbraten-Jünger und Weißwurst-Guru.«
»Meine Mama hat den besten Krustenbraten der ganzen Hallertau gezaubert. Nach dem hätte sich dein Sterne-Koch die Finger geleckt.«
»Ganz sicher. Aber wie du dich vielleicht erinnern kannst, wurde meinem Mordopfer, diesem Spitzenkoch, ein Küchenbeil in den Kopf gerammt. Der schleckt vielleicht noch die Radieschen von unten ab. Ganz ohne Salz, also ganz unbayrisch.«
»Barbara, du redest oft wie eine Zuagroaste«, beschwerte sich Mangel.
»Nein, ich bin in München geboren, du in Niederbayern, das ist der ganze Unterschied.«
»Einigen wir uns darauf: du bist in München aufgewachsen, ich in Bayern.«
»In Ordnung.«
In diesem Moment fuhr das Taxi heran und beendete das weißblaue Streitgespräch.
»Wo solls denn hingehen?«, fragte der Fahrer, ein Mittvierziger mit schütterem Haar und Pferdeschwanz, der sie wenige Minuten später am Kampfsportzentrum in der Schlüsselbergstraße wieder aussteigen ließ.
»Ich hab da eine Theorie«, hob Mangel an, als er in den Dienstwagen einstieg.
»Ich brenne darauf, sie zu erfahren.«
»Die Russen, mit denen dieser Leo im Clinch liegt, die hab ich im Visier.«
»Weil sie Russen sind?«
»Nein.«
»Weil sie Wodka trinken und für sündteures Geld Fischeier verkaufen?«
»Nein«, antwortete Mangel mit einem Anflug von Ärger. »Lass mich halt ausreden. Diese Gangs halten zusammen, egal, was passiert. Die lauern Kemal auf, folgen ihm bis zu den Kleingärtnern und fallen über ihn her.«
»Daran habe ich auch schon gedacht, aber woher kommen die Goldspuren in der Fahrertür?«
Fast mitleidig grinste Mangel. »Barbara, diese Russen tragen doch alle Goldkettchen und Goldringe. Einer von denen bekommt einen Tritt von Kemal und saust gegen den Wagen. Bumms. Schon haben wir die schönste Delle mit Goldstaub.«
»Verwechselst du die Russen nicht mit den Zuhältern aus den Achtzigerjahren?«, fragte Tischler nach. »Und dann wäre die Sache mit dem beobachteten Mord. Kemal hätte diese Nachricht an sich selbst auf keinen Fall geschrieben, wenn er in eine Schlägerei verwickelt worden wäre.«
»Stimmt. Daran habe ich schon auch gedacht. Ich glaube, dass Leo von seinem Balkon aus beobachtet hat, wie seinem Freund ein paar Russen nachgestiegen sind. Er macht sich auf die Socken, stößt später hinzu und macht einen Russen platt.«
»Dann hätte sich Kemal niemals die Notiz ›Habe vielleicht Mord gesehen‹ geschrieben. Außerdem: Wo steckt die Leiche? Die Russen-Gang hätte keinen Grund, Leo nicht anzuzeigen oder ihn zu attackieren.«
»Bandenehre: Gehe niemals zur Polizei.«
»Ach komm, Ralf. Das ist kein Rockerkrieg wie ihn die Desperados und die Hells Angels ausfechten. Das sind Jugendliche, die gelegentlich ihr überschüssiges Testosteron abbauen müssen.«
»Ist ja recht. Ich rede ja immer nur Schmarrn daher, wie?«, antwortete Mangel beleidigt.
»Nein, Ralf, Gott sei Dank nicht immer, aber seltener ist es in den letzten Jahren auch nicht geworden.«
»Was meint dann Fräulein Allwissend, was passiert ist?«
»Das weiß ich nicht. Ich meine, wir sollten erst die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten, dann zimmere ich mir die eine oder andere Theorie. Und du läufst bis dahin nicht den Russen hinterher, klar?«
Mangel brummte wie ein Schwarm Hornissen. Er hätte zu gern in Neuperlach weiter recherchiert.
Das Atelier von Polonius bot dem Betrachter nur teilweise das kreative Chaos, das viele Leute von Künstlerbehausungen erwarten. Küche und Schlafzimmer waren durchaus spartanisch eingerichtet. Polonius selbst würde freilich den Ausdruck minimalistisch bevorzugen. Sehr funktional eben unter Verzicht auf überflüssige Dinge.
Polonius hatte Geschmack und wollte zu jedem seiner Einrichtungsgegenstände gewissermaßen eine Beziehung haben. Die Dinge sind ein Spiegelbild der Seele, meinte er. Und wer seine Wohnung mit Müll vollstopfe oder mit Dutzendware, der beweise, welch verwechselbaren Charakter er habe, so sein Credo.
Individualität beginne bei der Zuckerdose. Und die war bei Polonius aus dem 19. Jahrhundert, ein Sammlerstück aus dem Biedermeier, das er auf einem seiner zahlreichen Flohmarktbesuche ergattert hatte. Zwölf-lötiges Silber mit Blumengravur, eine Zierde für jede Küche, allerdings nicht gerade billig. Für jeden Gast hätte er das Schmuckstück auch nicht auf seinen marmorierten Pariser Bistrotisch gestellt, aber für seine beste Freundin Irina war ihm nichts zu schade.
»Und du willst sicher nicht zur Polizei gehen?«, fragte Irina, selbst Künstlerin, allerdings hatte sie ihre kreative Seele der Malerei verschrieben.
»Zu diesen Ignoranten? Den Herren und Damen habe ich heute schon einen Besuch abgestattet. Das ist verlorene Lebenszeit, nichts weiter«, entgegnete Polonius und unterstrich seine Abneigung mit einer abfälligen Handbewegung. »Und Zeit ist unser wichtigstes Gut. Also lass es uns genießen, zum Beispiel mit diesem köstlichen Espresso.«
Der Künstler stellte zwei Art-Deco-Tassen auf seinen glatt polierten Tisch, auf den angeblich schon Sartre und Camus ihre Croissants gebröselt hatten.
»Die Crema meiner neuen Maschine ist umwerfend. Du wirst begeistert sein«, lobte Polonius seine anthrazitfarbene Butterfly von La Scala, die einen traumhaften Espresso zauberte.
»Du hast recht, der Kaffee ist ein Gedicht«, stimmte Irina in die Lobrede ein. Die Künstlerin war eine Rubensschönheit. Griffig und üppig. Sie trug gern die alten olivgrünen Bundeswehrunterhemden ihres Vaters und eine abgewetzte Jeans, dazu zierte ihre Stupsnase eine mit Fensterglas gefüllte schwarze Hornbrille.
»Doch was diesen Einbruch anbelangt, muss ich dir widersprechen. Du solltest das nicht so auf die leichte Schulter nehmen.«
»Aber die haben nichts gestohlen. Es fehlt keine Antiquität, kein Kunstwerk. Nicht einmal ein Stück Würfelzucker haben sie mir gestohlen«, entgegnete Polonius und süßte demonstrativ seinen Espresso.
»Aus Jux und Dollerei hat dir freilich keiner die Tür aufgebrochen. Die haben was gesucht, Polly.«
»Aber nicht gefunden.«
»Weil es nicht hier ist, stimmts?«
»Stimmt«, gab Polonius zu.
»Das heißt, die werden weiter suchen, bis sie es gefunden haben.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher. Übrigens ist mir nicht klar, was diese Leute suchten. Da gäbe es durchaus mehrere Stücke zur Auswahl.« Zum ersten Mal an diesem Tag huschte ein diebisches Lächeln über das ernste Gesicht des Künstlers. »Eine Schutzmantelmadonna aus dem Spätmittelalter zum Beispiel. Welch Anmut und Grazie in der Haltung, so unfasslich in ihrer Entrückung und doch beherbergt sie in ihrem Mantel, der von ausgesuchtem Blau ist, eine ganze Schar an Bürgern. Allein der Faltenwurf der Kopfbedeckung ist eine unglaubliche Herausforderung.«
»Woher hast du das Schmuckstück?«
»Das, meine liebe Irina, darf ich nicht einmal dir anvertrauen. Auch nicht den Ort, an dem sich die Madonna befindet und auf ihren Klon wartet. Den kenne nur ich. Und so soll es bleiben.«
Polonius nahm die beiden Kaffeetassen zur Hand und räumte sie in die Küche. Von dort holte er eine Flasche Bordeaux und zwei Kristallgläser aus dem Wien zur Zeit Sisis und Franz Josephs.
»Lass uns ein Glas trinken auf die Kunst. Auf dass sie uns weiter gut ernähre und für unser täglich Brot und Wein sorge«, sagte Polonius mit spöttischem Unterton.
»Wenns danach geht, sorgt sie bei mir nur für mein täglich Leitungswasser, aber das ist bekanntlich auch recht gut.«
Mit einem dumpfen Plopp entkorkte Polonius die Flasche und schenkte Irina und dann sich selbst vorsichtig ein.
»Du musst einfach pragmatischer werden, meine Liebste. Die Welt ist noch nicht bereit für deine Farbattacken, sie liebt das Immergleiche. Die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Schalte das Radio an und höre dir dieses immergleiche Gewinsel an. Immer dieselben einfachen Phrasen, immer dieselben Rhythmen und Tonfolgen. Warum? Weil der Massenmensch konditionierte Sinne hat. Ein einfacher Hund, der auf ein Signal mit Sabbern reagiert. Du musst den Leuten dieses Signal geben.«
»Oder ich suche mir endlich einen vernünftigen Galeristen. Harry ist ein lieber Kerl, aber er hat einfach keine Connections.« Irina nahm einen tiefen Schluck auf diese Erkenntnis und hielt Polonius ihr Glas hin. Sie war durstig und in der Stimmung, sich zu betrinken.
»Aber, aber, du Undankbare.« Theatralisch gab Polonius Irina einen Knuff auf die Schulter. »Hat er dir nicht bei sämtlichen Volkshochschulen in der Münchner Prärie Kurse und Ausstellungen verschafft?«
»Nein, die in Ebersberg hat er ausgelassen. Aber im Ernst, manchmal denke ich mir, diese ganze Künstlerscheiße ist ein einziger Irrweg. Ein großes Missverständnis.« Dann leerte sie abermals ihr Glas, schenkte sich diesmal aber selbst nach.
»Nein, nein«, widersprach Polonius ernst. »Du bist gut, Irina, sehr gut. Du hast Kraft im Pinsel wie nicht viele Leute. Dir ist die Gabe verliehen, Farben neu zu sehen. Du darfst dein Talent nicht verschwenden. Das wäre Verrat an der Kunst und damit Verrat am Leben.«
»Vielleicht. Aber wie mich die Kunst behandelt, ist Verrat an meinem Bankkonto.«
»Das ist Bockmist, oberflächlicher, kleinbürgerlicher, defätistischer Bockmist.«
»Sag das meinem Vermieter. Der Drecksack hat mir schon mit Kündigung gedroht, nur weil ich mit der Miete zwei Monate im Rückstand bin.«
»Irina, bevor du in der Gosse landest oder gar van Goghs Schicksal teilst, pumpst du mich an. Und du weißt, ich will kein Geld zurück. Außerdem war der letzte Auftrag durchaus lukrativ.«
»Der, wegen dem du in nach Tschechien gefahren bist?«
»Genau der.« Polonius nahm einen Schluck und badete genüsslich damit seine Zunge, auf dass jede Geschmacksknospe getränkt wurde. »Der Wein ist flüssiges Balsam, fast schon ein Aphrodisiakum. In jedem Fall aber ein Geschenk von Dionysos.«
Dann fasste Polonius Irina an den Bauch, streichelte sie und glitt mit der Hand unter ihr T-Shirt. Die Künstlerin hatte üppige Brüste, die sie nicht selten deutlich zur Schau stellte, da sie trotz ihrer Oberweite eine angeborene Abneigung gegen BHs hatte.
»Warte mal noch ein bisschen«, sagte Irina und schob die Hand wieder weg. »Ich bin noch nicht so weit für Eros. Erst noch ein bisschen Dionysos, sei mir nicht böse.«
Wiederum füllte sie ihr Glas. Sie musste nicht betrunken sein, um mit Polonius zu schlafen. Aber sie war einfach zu verspannt, innerlich verspannt, um an Sex zu denken. Und da konnte der Wein einiges beitragen, damit sich ihre Verspannungen lösten.
08 Walker lag auf der Couch und versuchte, jede Bewegung, und sei es auch nur das geringste Zittern, zu vermeiden. Ebenso versuchte er, dem Schmerz eine Farbe und eine Gestalt zu geben. Das war eine Meditationsübung, die er schon des Öfteren erfolgreich angewandt hatte, beispielsweise als ihn ein chronisches Magengeschwür plagte. Dann musste man den visualisierten Schmerz in einen Käfig sperren. Idealerweise würde er so, wenn nicht verschwinden, zumindest erträglich werden.
Doch diesmal half alle Autosuggestion nichts. Das Kopfweh war übermenschlich und ließ sich nicht zähmen, eine Bestie, die den ganzen Menschen terrorisierte.
Aber auch Walkers Seele fand keinen Frieden. Er ärgerte sich maßlos über sich selbst. Zweifellos hatte er seinen Widersacher unterschätzt, ihn für einen Naivling gehalten, den man leicht übers Ohr hauen konnte. Die alte Masche aber hatte nicht gezogen. Oder doch. Im Prinzip war sie erfolgreich. Der Vogel wurde ausgelagert und an einem vermeintlich sicheren Ort versteckt.
Adler, flieg zu deinem neuen Horst, auf dass ich dich abhole, hatte sich Walker gedacht. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass der Horst bewacht würde. Wie oft hatte er diesen Trick schon erfolgreich angewandt? John Bearns, einem Sammler in Los Angeles, hatte er einmal im Auftrag eines japanischen Multimillionärs, eines völlig Verrückten, mit dem er aber mehrere einträgliche Geschäfte machte, ein überaus großzügiges Angebot für ein Samurai-Schwert aus dem 17. Jahrhundert unterbreitet, das dieser nicht ablehnen konnte.
Mithilfe all seiner rhetorischen Künste hatte er Bearns allerdings den Floh ins Ohr gesetzt, dass Yakuzas hinter dem Objekt her seien und ihn überfallen wollten, deshalb müsse er das wertvolle Stück an einem unscheinbaren Ort deponieren, wo es niemand vermuten und deshalb niemand finden würde. Das war Bearns’ Blockhaus am Rande der Mojavewüste gewesen, das er, Walker, selbstverständlich kannte.
Der routinierte Kunstdieb hatte lediglich abzuwarten, bis die Hütte für kurze Zeit leer stand, weil sich der Besitzer ein paar Cheeseburger bei McDonald’s besorgte, und schon schlug er zu. Er hatte sogar noch die Chuzpe besessen, Bearns in Los Angeles aufzusuchen und das Schwert zu verlangen. Mit gespielter Wut und Enttäuschung, ja anklagender Verbitterung hatte er auf die Nachricht reagiert, das Prachtstück sei gestohlen.
Aber auch in seiner goldenen Zeit in den Staaten hatte er sich einmal verspekuliert. Es war ein glatter Einbruch. Alles hatte funktioniert wie am Schnürchen. Das Kaufgespräch mit dem Scheinangebot, die Überlistung der Alarmanlage und die Flucht auf leisesten Sohlen. Bedauerlicherweise hatte die Münzsammlung aus dem 18. Jahrhundert einem Mafia-Paten gehört, der eins und eins zusammenzählen konnte. Plötzlich fand sich Walker auf der Abschussliste wieder.
Und nun lag er mit zertrümmertem Schädel in einem miefigen Keller, starrte die Decke an und ärgerte sich. Wie konnte er nur übersehen, dass der Besitzer des Adlers in seiner Hütte war? Und wie konnte er diesem ohne Not seinen Schlüsselbund zeigen? So war er seiner Dietriche beraubt, der einzigen Möglichkeit, dieses Gefängnis zu verlassen.
Aber sein Widersacher würde den Chevrolet finden und ihn in ein Krankenhaus fahren. Es konnte sich nur noch um Minuten handeln. Walker versuchte, sich bis dahin abzulenken. Er dachte an einen Tauchurlaub in der Karibik, glitt durch das klare türkisfarbene Meer und sah Papageienfische, Adlerrochen, Riesenschildkröten. Der Schmerz war plötzlich wie verschwunden und sein Bewusstsein löste sich in dem Erinnerungstraum auf. Doch das Klicken des Türschlosses holte ihn schnell in die Gegenwart zurück. Walker öffnete die Augen, versuchte aber ansonsten, sich möglichst nicht zu bewegen.
»Und? Hast du den Wagen und den Vogel gefunden?«, fragte er mit gepresster Stimme.
»Nichts«, lautete die niederschmetternde Antwort. »Du Drecksack. Glaubst du, du kannst mich hier verarschen? In deinem Zustand?« Der Hausherr war sauer, um nicht zu sagen wütend.
»Mann, reg dich ab. Das kann nicht sein, ich …«
»Es ist aber so. Zum letzten Mal: Wo ist mein Vogel?« Der Mann ging zu Walker und packte ihn an der Schulter.
»Im Auto«, schrieb Walker unter höllischen Schmerzen. Daraufhin packte ihn der Mann an den Haaren und zog Walkers Kopf nach oben, dass diesem schlecht wurde und er sich übergab.
»Kerl, mach nicht auch noch eine Sauerei. Ich hab dir gesagt, du kommst nicht eher in ein Krankenhaus, bis ich meinen Vogel wieder habe.«
»Der Türke gestern. Ich hab ihn dem Türken gegeben. Der hat ihn versteckt.«
»Scheiße. Ausgerechnet diesem Kerl. Der ist gefährlich und verdammt schlagkräftig.« Der Mann dachte nach.
»Und was ist mit mir? Ich brauche ein Krankenhaus. So schnell wie möglich, sonst gehe ich drauf.«
»Hör mal, ich mache keine Witzchen. Ich habe dir gesagt, erst den Vogel, dann die Operation. Und sei mir nicht böse, was bist du für ein Meisterdieb? Erst klaust du so etwas Wertvolles und dann lässt du es dir von einem dahergelaufenen Schläger mopsen. Das ist erbärmlich, ehrlich.«
Alles Bitten und Flehen von Walker half nichts. Die Unterredung war beendet. Walker hörte noch, wie sich die Tür schloss, dann fiel er in ein tiefes schwarzes Loch.
Mit einem Block in der Hand kam Mangel in Tischlers Büro. Er hatte seine Fleißaufgaben gemacht und musste seiner Chefin Bericht erstatten.
»Also, es sind heute zwei Vermisstenanzeigen eingegangen. Lisa-Marie Gröblinger, eine sechzehnjährige Schülerin, ist seit letzter Nacht nicht von einer Party nach Hause gekommen.«
»Woher?«, fragte Tischler nach.
»München.«
»Ralf, das ist mir auch klar, dass die nicht aus Castrop-Rauxel kommt, aus welchem Stadtteil?«, entgegnete die Kommissarin unbeherrscht.
»Tschuldigung, dass ich lebe, du hast ja heute eine Stimmung!«
»Welcher Stadtteil?«
»Pasing.«
»Dann scheidet sie wohl als mögliches Opfer aus. Die wird zu irgendeinem Typen nach der Party gefahren sein, aber kaum in eine Kleingartensiedlung am anderen Ende der Stadt. Zweite Vermisstenanzeige?« Tischler war ungeduldig. Sie wollte keine Zeit mit unnützem Geplänkel vergeuden und sie kannte Mangel, der sich gern in abstruse Theorien verwickelte oder sich in Nebensächlichkeiten verbiss.
»Manfred Jordan.«
»Ist hoffentlich letzte Nacht nicht über selbigen gegangen.«
»Was meinst du?«, fragte Mangel nach.
»Nichts. Nur ein Späßchen am Rande. Mach weiter, Ralf«, entgegnete Tischler in versöhnlichem Ton.
»Also, Manfred Jordan, wohnhaft in Berg am Laim.«
»Schau an. Das könnte unser Mann sein.«
»Möglich. Er ist allerdings aus dem Seniorenheim Sankt Michael ausgebüxt.«
»Oh«, bemerkte Tischler, »dement oder hat er die Feinschmeckerküche im Altersheim nicht mehr ausgehalten?«
»Hochgradig dement, aber ich glaube nicht, dass die schlecht kochen. Das sind die Barmherzigen Schwestern«
»Ist in Ordnung, Ralf. Du musst nicht alle katholischen Einrichtungen verteidigen. Wo liegt das Altersheim?«
»Da fällst du von der Kleingartensiedlung zweimal um, dann bist du dort«, erklärte Mangel.
»Wie alt ist Jordan?«
»Sechsundachtzig Lenze.«
»Ralf, hast du heute deinen poetischen? Was kommt als nächstes? Er feierte sein sechsundachtzigstes Wiegenfest?«
»Jaja, mach dich nur immer über mich lustig«, gab Mangel beleidigt zurück. »Ich will halt nicht immer dieselben abgegriffenen Wörter benutzen.«
»Kritik akzeptiert. Soll nicht wieder vorkommen – bis zum nächsten Mal. Aber sag mal, wenn der Knabe sechsundachtzig ist, dann kann ich mir schwerlich vorstellen, dass er mit Kemal in eine Schlägerei verwickelt war«, meinte Tischler skeptisch. Mangel aber grinste wissend.
»Deinem Gesichtsausdruck zufolge siehst du das anders, Ralf, stimmts?«
»Aber freilich. Schau mal, der …«
»Lass mich raten«, unterbrach ihn Tischler und hob die Hand als Bitte, sie brauche noch ein wenig Zeit. »Jordan ist Mitglied einer Bande von Alt-Nazis, die in Sankt Michael einen eingeschworenen Zirkel bilden. Alles alte SS-ler und Hitler-Jungen, die für den Führer heute noch in den Tod gingen. Jordan ist wegen seiner Demenz jedoch ein Problemfall. Denn er weiß zu viel und ist schon debil genug, auch geheimste Geheimnisse auszuplaudern. Also verfolgt man den Flüchtigen und stellt ihn. Leider kommt gerade ein kickboxender Türke, dem man eins aufs Maul geben möchte, aber anständig Prügel bezieht. Bei der ganzen Schlägerei kommt Jordan allerdings zu Tode und seine Waffenbrüder verscharren irgendwo die Leiche.«
»Du hast ja eine blühende Phantasie.« Mangel klatschte Beifall, während Tischler aufstand und sich verbeugte.
»Danke, aber ich kenne dich zu lange, als dass dein Ideenreichtum nicht auf mich abfärben würde.«
»Und wie erklärst du dir in deiner Theorie den Goldstaub auf der Autotür?«, hakte Mangel nach.
»Jordan ist mit einer Goldreliquie, was weiß ich, dem Goldnapf von Hitlers Schäferhund Blondi oder einem seltenen Goldorden ausgebüxt, den die alten SS-Männer unbedingt wiederhaben wollten. Die Reliquie war gewissermaßen ihr Baal, ihr Totem, das sie anbeteten.«
»Deine Geschichte wird immer besser. Ich würde sagen, wir führen einen dieser Entnazifizierungstests aus der Nachkriegszeit durch und schauen mal, ob wir ein paar mittlere Fische ins Netz bekommen.«
»Genau das machen wir. Wir sind schließlich Beamte und dürfen legal unsere Arbeitszeit verblödeln. Im Ernst, mir scheint die Jordan-Spur kalt wie eine Huskieschnauze im Dezember.«
»Mir nicht«, hielt Mangel dagegen. »Ich glaube, dass Jordan bei seinem Streifzug etwas gesehen hat, was er besser nicht gesehen hätte. Einen Raub oder eine Vergewaltigung oder so etwas.« Erwartungsvoll blickte er seine Chefin an.
»Möglich. Mach weiter.«
»Der oder die Täter gehen auf Jordan los und bringen ihn um. Just in dem Moment taucht Kemal auf und mischt sich ein. Er kämpft mit dem Mörder und schlägt ihn vielleicht sogar in die Flucht, verliert dabei aber seine Geldbörse.«
»So weit, so gut. Aber jetzt musst du den Goldstaub erklären.«
»Dann schließen wir die Vergewaltigung aus und beschränken uns auf den Raub. Unser Täter hat etwas Goldenes gestohlen, allerdings nicht den Goldnapf von Blondi. Und schon funktioniert die Geschichte. Und sie ist ausnahmsweise etwas glaubwürdiger als deine Verschwörungstheorie mit den Alt-Nazis.«
»Wirklich? Dabei habe ich dir noch nicht von meiner Vermutung erzählt, dass Hitler im April 1945 von Außerirdischen entführt und als Manfred Jordan ins Altenheim zurückgebracht wurde.« Tischler lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte kurz zur Decke. »Im Prinzip hast du recht, völlig aus der Luft gegriffen ist deine Version nicht. Aber wo ist dann die Leiche geblieben?«
Mangel strich sich übers Kinn und legte die Stirn in Runzeln. »Daran habe ich auch schon gedacht und mir sind da ein paar Ideen gekommen, die ich aber besser noch für mich behalte.«
»Ach nein, Ralf. Ich habe dich doch nicht entmutigt, oder? Mir macht der ganze Job keinen Spaß mehr ohne deine Theorien«, alberte Tischler.
»Nein, ich mach nicht mehr den Kasper für dich. Ich werde einiges selbst recherchieren und dir dann die Ergebnisse präsentieren. Was ich vorhin sagen wollte: Das Problem mit der verschwundenen Leiche haben wir immer, egal ob Jordan am Tatort war oder nicht.«
»Stimmt. Da hast du völlig recht. Wir müssen also von einem Täter ausgehen, einem Opfer und mittendrin unser Kemal, der zu einer für ihn ungünstigen Zeit vor der Kleingartensiedlung auftauchte. Sollte es eine Leiche gegeben haben, hat sie wohl der Täter irgendwann nach der Auseinandersetzung verschwinden lassen.«
»Genau. Und sollte es keine Leiche gegeben haben, sondern nur einen Schwerverletzten, müssen wir uns mal in den Krankenhäusern umhören.«
»Ralf, du sagst es. Du bist also für die nächste halbe Stunde beschäftigt. Viel Spaß beim Telefonieren.« Dann wies sie mit einer Hand zur Tür.
»Wieso muss eigentlich immer ich die niederen Tätigkeiten ausführen?«, maulte Mangel.
»Weil ich zwei Sterne mehr auf meiner Generalsuniform habe, ganz einfach. Außerdem habe ich ein wichtiges Telefonat zu führen.«
Mürrisch verließ Mangel das Büro. Dann griff Tischler zum Telefonhörer. Nach kurzer Wartezeit hatte sie ihren Kollegen vom LKA in der Leitung.
»Barbara, ich bin unter Druck. Brutal unter Druck. Machs kurz.« Oberkommissar Bechthold klang, als würde er gerade auf dem Frankfurter Börsenparkett Aktien für Billionen durch die Welt schaufeln.
»Ist dir das Wörtchen bitte aus dem Vokabular gestrichen worden oder handelt es sich um eine Dienstanweisung, dass man fortan mit den Lokalpolizisten ein bisschen schroffer umspringt?«
»Nein. Sei nicht schon wieder so anstrengend«, seufzte Bechthold. »Bitte.«
Tischler und ihr Kollege vom LKA hatten bislang kaum etwas miteinander zu tun. Eigentlich waren sie sich zum ersten Mal begegnet, als der Fall Olga Sibowska übergeben wurde. Da es Tischler – milde ausgedrückt - gegen den Strich ging, sich von der Morduntersuchung zu verabschieden, war sie bisweilen etwas kratzbürstig, bisweilen aber auch spitzfindig und ironisch, was ihrem Kollegen gehörig auf die Nerven ging.
Er selbst hatte immer versucht, jeglichen Anflug von Arroganz oder Überheblichkeit zu vermeiden und sich zu den Leuten von der Kripo so kollegial wie möglich zu verhalten. Normalerweise wurde dies auch goutiert, bei Tischler war er sich da allerdings nicht sicher. Dennoch mochte er sie, obwohl sie anstrengend sein konnte.
»I will do my very best, Mister Bechthold«, meinte Tischler und berichtete in Kürze von dem leeren Brief und den seltsamen Fingerabdrücken. Gespannt wartete sie auf die Reaktion ihres Kollegen, die freilich ganz anders ausfiel als erwartet.
»Gut und schön. Das ist eine mysteriöse Geschichte. Der Punkt ist der, und deswegen steh ich so unter Starkstrom, wir haben heute Nachmittag einen Zugriff.«
»Bylkow?«, fragte Tischler nach.
»Genau. Er hat sich mit ein paar seiner Getreuen im Norden verschanzt. Wo genau, darf ich dir nicht sagen. Die Bude wird auf jeden Fall heute noch gestürmt.«
»Da würde ich gern mitstürmen. Die Sturmtruppen waren schon in meiner Kindheit mein Lieblingscomic.«
»Nein, Barbara. Das ist nur was für …«
»Für harte Männer, die im Stehen pinkeln? Für LKA-Fuzzies?« Tischler war gespielt aufgebracht. Sie wusste, dass sie eigentlich bei dem Einsatz nichts verloren hatte, aber ein bisschen Empörung hat noch nie geschadet, wenn man ein Ziel erreichen will.
»Nein, aber es ist einfach unser Einsatz.«
»Bitte. Ich halte mich auch brav im Hintergrund und spiele Mäuschen.«
»Nein.« Bechthold klang nicht mehr ganz so ablehnend, was Tischler aufgefallen war.
»Weißt du was, ich bringe dir sofort den Brief vorbei. Das ist schließlich euer Beweisstück. Und ich tue, als wüsste ich von nichts. Du lädst mich für meine Nettigkeit als Gast zur Verhaftungsparty ein. Ist doch eine Superidee, gelle?«
Tischler wartete die Antwort nicht ab, sondern legte sofort auf. Überrumpelungstaktik, dachte sie, klappt manchmal auch bei Polizisten.
Dieser Engel sah aus wie Scarlett Johansson, ja, sie war das Mädchen mit dem Perlenohrring in der Filmversion, also das Zitat des Zitats, wenn man so wollte, oder die Bearbeitung der Bearbeitung. Die etwas blässliche, wie keusche Schönheit mit den sinnlichen Lippen, die fast schon verboten rot leuchteten. Ähnlich wie auf dem Filmplakat, drehte sich Vermeers Muse um und blickte den Betrachter direkt an, als wolle sie ihm ein Geheimnis anvertrauen.
Und jener Engel daneben glich Emily Blunt, hatte also nicht das blütenweiße, antiseptische der klassischen Engel, sah eher aus wie ein Himmelsbote auf Dope, der nicht genau wusste, ob er zufrieden sein sollte mit seiner postmortalen Zuweisung. Vielleicht wäre es in der Hölle doch spritziger gewesen, scheint sich der Blunt-Engel zu denken.
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