Read the book: «Der Reichtagbrandprozess»
Walter Brendel
Der Reichstagbrandprozess
Tatsachen, Hintergründe, Nachweise
Impressum
Texte: © Copyright by Walter Brendel
Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Inhalt
Impressum
Einleitung
Das Braunbuch
Ermittlungen
Die Rolle des Walter Gempp
Wer sagt die Wahrheit?
Was tat van der Lubbe?
Der Prozess
Märtyrer oder Depp
Geplatzte Nazipropaganda
Zusammenfassung
Anmerkung
Quellen
Einleitung
Die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“ berichtete am 28. Februar 1933 vom Vortag, dass in den Abendstunden ein Riesenfeuer den Himmel über der City rötete und das die Kuppel des Reichstages in hellen Flammen gestanden hätte. Feuerwehr und Polizei hätten übereinstimmend die Ursache als Brandstiftung bezeichnet, da an verschiedenen Stellen Brandnester gefunden worden waren. Kurz nach 21 Uhr sei im Reichstag Feueralarm gegeben worden. Zunächst wurde ein Feuer im Restaurant gemeldet. Dort konnten die Flammen rasch erstickt werden. Aber kurz danach wurden mehrere weitere Brandherde entdeckt. In kurzer Zeit brannte der Sitzungssaal des Gebäudes lichterloh.
Das Feuer, das an den Abgeordnetensitzen, Pulten und der hölzernen Wandverkleidung überaus reiche Nahrung fand, griff wie rasend um sich. Die Feuerwehr war inzwischen mit 15 Löschzügen vor Ort. Diese nahmen den Kampf gegen den Brand mit zahlreichen Spritzen von verschiedenen Seiten auf. Allerdings war es anfangs wegen der Hitze unmöglich, an das Zentrum des Brandes heranzukommen. Daher beschränkte sich die Feuerwehr darauf, ein Ausbreiten der Flammen zu verhindern. Erst gegen 0 Uhr 25 hatte die Feuerwehr das Feuer weitgehend gelöscht. Im Laufe der Zeit sammelten sich mehrere tausend Schaulustige an. Mehrere Hundertschaften der Schutzpolizei führten Absperrungen durch, da man annahm, unter den Zuschauern Komplizen ausfindig zu machen. Das Blatt berichtete weiter, dass im Polizeipräsidium eine Sonderkommission gebildet worden sei. Diese hat eine Vernehmung des festgenommenen geständigen Täters von der Lubbe durchgeführt. Dieser sei 24 Jahre alt, von Beruf Maurer und stamme aus Leyden. Er blieb auch bei der ersten Vernehmung dabei, allein gehandelt zu haben. Der Vorwärts war allerdings der Meinung, dass der Täter gute Ortskenntnisse gehabt haben müsse und schloss indirekt eine Mittäterschaft der Kommunisten nicht aus.
Der Chef der preußischen politischen Polizei Rudolf Diels, der unmittelbar nach der Meldung an den Tatort geeilt war, berichtete im Rückblick über die Umstände der Festnahme und dem Geständnis von der Lubbes. Kurze Zeit später trafen auch Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Hermann Göring, Wilhelm Frick sowie Wolf-Heinrich Graf von Helldorf ein. Göring äußerte dabei: „Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandes, sie werden jetzt losschlagen! Es darf keine Minute versäumt werden!“
Hitler hat dies nach diesem Bericht noch verschärft: „Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr.“ Diels äußerte die Überzeugung, dass es sich nach Meinung der Polizei, um einen verrückten Einzeltäter handele, stieß damit bei den führenden Nationalsozialisten auf Ablehnung und diese bestanden auf der Ausrufung des Ausnahmezustandes und der Verhaftung von sozialdemokratischen und kommunistischen Funktionären. Auch ein Tagebucheintrag von Joseph Goebbels vom 9. April 1941 über eine Unterredung mit Hitler, bei der beide rätseln, wer den Brand denn nun gelegt hatte, deutet darauf hin, dass die nationalsozialistische Führung vom Brand überrascht wurde.
Der Reichstagsbrand fiel mitten in den Wahlkampf für die Reichstagswahl die am 5. März 1933 stattfinden sollte. Wie die ersten Äußerungen am Tatort gezeigt haben, war man bis in hohe Kreise der NSDAP von einem Aufstandsversuch der KPD überzeugt.
Andere zeitgenössische Beobachter hielten ihn für eine Aktion der neuen Machthaber, um geplante politische Repressalien zu legitimieren. Karl Jaspers und mit ihm ein Großteil der historischen Forschung argumentiert, dass die Nationalsozialisten – zunächst tatsächlich an den kommunistischen Aufstand glaubend – die Gelegenheit virtuos ausgenutzt und den Verdacht als Tatsache dargestellt.
Wer auch immer den Brand gelegt hat, kam dieses Ereignis für die Nationalsozialisten äußerst gelegen, um gegen ihre politischen Gegner vorzugehen. Der Wahlkampf der NSDAP wurde ohnehin bereits als „Kampf gegen den Marxismus“ geführt. Der Brand gab der Partei nunmehr die Möglichkeit zur Radikalisierung und den Einsatz staatlicher Machtmittel gegen die Linksparteien.
Die NSDAP sprach unmittelbar danach von einem „Fanal zum blutigen Aufruhr und zum Bürgerkrieg“. Hinter dem Brand sollten angeblich kommunistische Kräfte stecken. Noch in der Brandnacht ordnete Hermann Göring in seiner Funktion als kommissarischer preußischer Innenminister das Verbot der kommunistischen Presse an.
Außerdem wurden die Parteibüros geschlossen und zahlreiche Funktionäre der Partei in die so genannte Schutzhaft genommen. Allein in Berlin wurden 1500 Mitglieder der KPD festgenommen. Darunter war fast die gesamte Reichstagsfraktion. Der Polizei gelang es jedoch nicht die eigentliche Parteiführung zu verhaften, weil sich das Politbüro zu einer geheimen Sitzung getroffen hatte. Der Fraktionsvorsitzende der KPD im Reichstag Ernst Torgler stellte sich kurze Zeit später freiwillig, um so die Behauptung er sei am Brand beteiligt gewesen, als absurde Behauptung erscheinen zu lassen.
Da der am Tatort festgenommene Marinus van der Lubbe angeblich auch Verbindung zur SPD zugegeben hatte, geriet auch diese Partei in den Fokus der Behörden. Die sozialdemokratische Presse aber auch die Wahlplakate der Partei wurden für 14 Tage verboten.
Am 28. Februar noch wurde vom Reichskabinett die Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ verabschiedet. Damit wurden die Grundrechte außer Kraft gesetzt. Der Polizei und ihren Hilfsorganen (namentlich der SA) war es nunmehr möglich Verhaftungen ohne die Nennung von Gründen vorzunehmen und den Betroffenen jeden Rechtsschutz zu verweigern. Weder die Unversehrtheit der Wohnung noch des Eigentums waren mehr gewährleistet. Das Post- und Fernmeldegeheimnis war ebenso aufgehoben wie die Meinungs-, Presse- und Vereinsfreiheit. Gleichzeitig waren darin stärkere Eingriffsmöglichkeiten des Reichs in die Angelegenheiten der Länder verbunden. Für verschiedene Terrordelikte wie auch für Brandstiftung wurde rückwirkend die Todesstrafe eingeführt. Diese Verordnung war gleichbedeutend mit dem Ende des Rechtsstaates in der bisherigen Form. Die Verordnung blieb bis zum Ende des Dritten Reiches in Kraft und war die Grundlage für ein Regime des permanenten Ausnahmezustandes.
Aus taktischen Gründen sah die Regierung noch von einem formellen Verbot der KPD ab. Aber Adolf Hitler machte noch am 28. Februar unmissverständlich deutlich, dass jetzt rücksichtslose Auseinandersetzung mit der KPD dringend geboten sei. Das erklärte Ziel war die völlige Vernichtung der Kommunisten. Daneben konnte die Notverordnung auch auf Sozialdemokraten und letztlich auf alle Gegner des Regimes angewandt werden.
Die Notverordnung schuf die Grundlage zur Verhaftung nicht nur zahlreicher weiterer Funktionäre der Arbeiterparteien, sondern auch zahlreicher kritischer meist linker Intellektueller. Unter diesen waren noch am 28. Februar Carl von Ossietzky, Erich Mühsam, Ludwig Renn, Egon Erwin Kisch, Max Hodann oder Hans Litten. Einige Tage später gelang der Polizei auch die Verhaftung des kommunistischen Parteivorsitzenden Ernst Thälmann.
Der laufende Reichstagswahlkampf konnte von der NSDAP nach dem Brand in offen terroristische Bahnen gelenkt werden. Bis Mitte Mai 1933 wurden allein Preußen über 100.000 politische Gegner, die Mehrzahl Kommunisten, verhaftet und in provisorischen Konzentrationslager und Folterkeller gebracht. Am Wahltag zählte man 69 Tote und hunderte Verletzte allerdings nicht nur auf Seiten der Opposition sondern auch bei SA und NSDAP.
Die nationalsozialistische Führung hätte gerne auf einen ordentlichen Prozess verzichtet. Aber dies war nicht möglich, da der Übergang zur Diktatur noch nicht abgeschlossen war. Hinzu kam der Druck des Auslandes. Dabei spielte die Exil-KPD eine starke Rolle. Allerdings wurde einen Monat nach dem Reichstagsbrand von der Reichsregierung mit einer Lex van der Lubbe das Strafmaß erhöht, so dass für Brandstiftung auch die Todesstrafe verhängt werden konnte.
Die polizeilichen Ermittlungen und gerichtlichen Voruntersuchungen richteten sich neben Marinus van der Lubbe auch gegen den angeblichen Anstifter den deutschen Kommunisten Ernst Torgler und drei bulgarische Kommunisten Georgi Dimitroff, Blagoi Popow und Wassil Tanew. Als Staatsschutzsache war der Fall eine Sache für das Reichsgericht in Leipzig. Insgesamt wurden bei der Voruntersuchung über 500 Zeugen vernommen. Die Ergebnisse aus 32 Aktenbänden wurden in einer umfangreichen Anklageschrift zusammengefasst. In dieser Zeit versuchte die Regierung das Verfahren zu beeinflussen, so wurde der die Untersuchung leitende Richter durch einen Mann des Regimes ersetzt, der konsequent alle Entlastungsanträge der Beschuldigten ablehnte. Der Versuch von Dimitroff einen ausländischen Verteidiger hinzuzuziehen scheiterte, den Angeklagten wurden stattdessen einige Offizialverteidiger zugewiesen.
Am 21. September 1933 wurde der Prozess vor dem IV. Strafsenat des Reichsgerichts eröffnet. Der vorsitzende Richter war Wilhelm Bünger ehemals Mitglied der DVP und Landesminister in Sachsen und kein Anhänger des neuen Regimes. Das Verfahren war in weiten Teilen geprägt von politischen Auseinandersetzungen. Dimitroff hatte sich in der Haft intensiv mit dem deutschen Strafrecht und –prozessordnung vertraut gemacht und lieferte sich als guter Rhetoriker heftige Redeschlachten mit den Vertretern der Anklage, versuchte die Belastungszeugen in Widersprüche zu verwickeln und stellte eine Vielzahl von Beweisanträgen. Durch die zahlreichen in- und ausländischen Pressevertreter konnte er sich seiner medialen Wirkung sicher sein. Die Richter sowohl von der Presse wie auch der Regierung kritisch beobachtet, erwiesen sich gegenüber Dimitroff als hilflos. Ihre einzige Waffe war dessen mehrfacher Ausschluss vom Verfahren. Bemerkenswert ist, dass einige Zeugen die als Inhaftierte in Konzentrationslagern unter Druck gegen die Angeklagten ausgesagt hatten, vor Gericht ihre Aussage widerriefen. Ein Gutachter kam zwar im Verlauf des Prozesses zu dem Urteil, dass van der Lubbe unmöglich der alleinige Täter sein könne. Insbesondere die ausländische Öffentlichkeit blieb aber skeptisch. Die Wende sollte der Auftritt von Joseph Goebbels und Hermann Göring bringen. Göring griff die Kommunisten scharf an, ließ sich aber von Dimitroff aus der Fassung bringen. Geschickter verhielt sich Goebbels aber auch ihm gelang es nicht den Eindruck eines nationalsozialistischen Schauprozesses zu entkräften.
Das Urteil, zudem keine Revision möglich war, erging am 23. Dezember 1933. Danach wurden die Angeklagten Torgler, Dimitroff, Popoff und Taneff freigesprochen. Der Angeklagte Lubbe wurde wegen Hochverrats in Tateinheit mit aufrührerischer Brandstiftung und versuchter einfacher Brandstiftung zum Tod und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Der Freispruch der kommunistischen Angeklagten erfolgte dabei aus Mangel an Beweisen. Die These von der kommunistischen Verantwortung wurde allerdings aufrechterhalten. Das Urteil wurde im Ausland mit Erleichterung, von der nationalsozialistischen Presse mit Entrüstung aufgenommen. Marinus van der Lubbe wurde am 10. Januar 1934 durch die Guillotine hingerichtet.
In London wurde 1933 eine „Internationale Untersuchungskommission zur Aufklärung des Reichstagsbrandes“ eingerichtet, als deren Vorsitzender Denis Nowell Pritt fungierte. Außerdem gab es im Ausland einen Gegenprozess.
Wenn die Unabhängigkeit des Gerichts auch bereits deutlich eingeschränkt war, zeigte das Urteil, dass die Kontrolle des Regimes noch nicht vollständig gesichert war. Der Prozess wurde eine Haupttriebkraft zur Schaffung eines außerordentlichen Strafrechts. Dazu gehörte nicht zuletzt die Einrichtung des Volksgerichtshofes.
Es gab insgesamt drei Theorien zu den Hintergründen des Brandes:
1. Die Nationalsozialisten sprachen von einem „kommunistischen Aufstand“, zu dem der Brand des Reichstags das Fanal gewesen sein soll.
2. Kommunisten, aber auch Demokraten vermuteten schon frühzeitig, dass die Nationalsozialisten selbst den Brand gelegt hätten, um einen Vorwand für die Verfolgungen zu haben.
3. Schließlich gibt es die These von der Alleintäterschaft des am Tatort aufgefundenen Marinus van der Lubbe.
Das Braunbuch
Am Abend des 27. Februar 1933, vier Wochen nachdem die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernommen haben, steigt der holländische Maurer Marinus van der Lubbe in das Berliner Reichstagsgebäude ein und setzt zunächst die Restaurationsräume und dann den Plenarsaal in Brand. Nach seiner Verhaftung erklärt er, aus politischen Motiven gehandelt zu haben, bestreitet aber die Existenz von Mitwissern oder Helfershelfern. Obwohl auch Polizei und Feuerwehr keinerlei Beweise dafür erbringen können, dass außer Lubbe noch weitere Brandstifter im Reichstag gewesen sind, beschuldigen die Nationalsozialisten die KPD, den Reichstag angesteckt zu haben. Sie lassen den KPD-Fraktionschef Torgler und später die drei Bulgaren Dimitroff, Popoff und Taneff verhaften, um sie der Mittäterschaft am Reichstagsbrand anzuklagen. Die Kommunisten wiederum beschuldigen die NS-Führung der Brandstiftung, denn, so argumentieren sie, die Nazis brauchten einen Vorwand, um die KPD verbieten zu können. Die These der Kommunisten fand Eingang in die Geschichtsbücher.
Während Göring und Goebbels sich darauf verließen, dass Polizei und Justiz genügend Beweise für die Schuld der KPD am Reichstagsbrand zusammentragen würden, holten die Kommunisten zum Gegenschlag aus und organisierten einen weltweiten Propagandafeldzug gegen die neuen Herren Deutschlands. Der Drahtzieher dieser Aktion war Willi Münzenberg, Chef der kommunistischen Zentrale für Agitation und Propaganda {"Agitprop") in Paris. Ohne dass sein Name jemals in Erscheinung trat; gab Willi Münzenberg in der französischen Hauptstadt eine Flut von Broschüren und Emigrantenzeitschriften heraus, die von ihm dirigiert und finanziert wurden.
Kernstück seines publizistischen Kampfes gegen Hitler aber waren, die "Braunbücher" I und II, zwei dickleibige, geschickt aufgemachte Bände von 382 und 462 Seiten, die in Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren in allen Weltsprachen verbreitet wurden. In Deutschland kursierten sie getarnt als Liederbücher oder Reclam-Bände.
Der Titel des ersten Braunbuches lautete: "Braunbuch über den Reichstagsbrand und Hitler-Terror, Vorwort von Lord Marley"; der des zweiten: "Braunbuch II - Dimitroff contra Göring, Enthüllungen über die wahren Brandstifter". Für diese Braunbücher und ähnliche Publikationen hatte Münzenberg in Paris eigens einen Verlag gegründet, die "Editions du Carrefour".
Die beiden Braunbücher können heute noch als Standardbeispiele moderner Propagandakunst gelten. Nahezu alles, was an Argumenten für die Schuld der Nazis am Reichstagsbrand ins Feld geführt wurde - und wird -, stammt aus den Münzenberg-Publikationen. Schon die Wahl des Titels "Braunbuch" war ein gelungener Griff. Er suggerierte unbewusst die Vorstellung von "amtlichen Dokumenten", unanfechtbaren Unterlagen. Genau das hatte man erreichen wollen, und genau das erreichte man: Wochenlang füllten Auszüge, Kommentare und Leitartikel zum Thema Braunbuch die Spalten der Weltpresse.
Über die grandiose Pariser Hexenküche, in der die kommunistischen Agitprop Spezialisten wirkten, hat neben anderen ehemaligen Kommunisten vor allem Arthur Koestler ausführlich berichtet. In seiner "Geheimschrift" 1 und in "Ein Gott, der keiner war" 2 leuchtet er rücksichtslos in den Kreis jener kommunistischen Intellektuellen hinein, die sich in Paris um den "roten Hugenberg" - wie Münzenberg genannt wurde - scharten.
Agitprop-Chef Münzenberg war nach Koestlers Schilderung "eine magnetische Persönlichkeit von einer ungeheuren, mitreißenden Vitalität und einem unsentimentalen, verführerischen Charme". Die Münzenberg-Schwägerin Margarete Buber-Neumann bestätigt das in ihren Erinnerungen: "Wohl kein anderer prominenter deutscher Kommunist war so voller Ideen wie Münzenberg... Fast alle standen unter dem Eindruck seiner kraftvollen Persönlichkeit, bewunderten seine Fähigkeit, alles seinen Zwecken dienstbar zu machen, mochte es sich um die Sammlung von Unterschriften einflussreicher Dichter, Künstler oder Gelehrter handeln oder um den Aufbau einer Hilfsaktion."
Münzenberg war zur Zeit des Reichstagsbrandes noch in Berlin, 43 Jahre alt und einer der jüngsten Abgeordneten des Reichstags. Er war 1914 als Handwerksbursche in die Schweiz gegangen und hatte dort Verbindung mit russischen Emigranten aufgenommen. Er wurde, gut Freund mit Trotzki, Sinowjew und auch mit jenem Wladimir Uljanow, den die Welt später unter dem Namen Lenin kennen lernen sollte.
Als die Schweizer ihn nach dem Ersten Weltkrieg über die Grenze nach Deutschland abschoben, ging Münzenberg nach Berlin, wo er den "Kommunistischen Jugendverband" mitgründete, die "Internationale Arbeiterhilfe" leitete und schließlich Reichstagsabgeordneter wurde.
Am Brandabend hatte sich Münzenberg in Frankfurt am Main aufgehalten. Als ihm klar wurde, dass er als einer der von den Nazis bestgehassten Kommunisten mit seiner Verhaftung rechnen musste, flüchtete er zunächst in die Schweiz und siedelte einige Wochen später nach Paris über. Dort organisierte er unverzüglich das Propa-gandahauptquartier der Komintern, mit dem er - nach Koestlers bewundernden Worten - "einen weltweiten, antifaschistischen Kreuzzug begann, der eine einmalige Leistung in der Geschichte der Propaganda darstellt".
"Dieses Hilfskomitee für die Opfer des deutschen Faschismus", so berichtete Koestler weiter, "mit seinem glänzenden Aushängeschild internationaler Berühmtheiten, wurde der Hebel des ganzen Kreuzzuges. Mit großer Vorsicht vermied man, dass Kommunisten - mit Ausnahme einiger Träger international bekannter Namen wie Henri Barbusse und G.B.S. Haldane - öffentlich mit dem Komitee in Verbindung kamen. Das Pariser Sekretariat, welches das Komitee leitete, war jedoch eine ausschließlich kommunistische Fraktion, mit Münzenberg an der Spitze und kontrolliert von der Komintern. Die Büros waren zuerst in der Rue Mondetour und später im Hause Nr. 83 Boulevard Montparnasse. Münzenberg selbst arbeitete in einem großen Zimmer innerhalb der Räumlichkeiten des Komitees, doch kein Außenseiter wusste davon.

Er rief internationale Ausschüsse, Kongresse und Bewegungen ins Leben, wie ein Zauberer Kaninchen aus seinem Hut hervorzieht: das Hilfskomitee für die Opfer des Faschismus, so genannte 'Ausschüsse für Wachsamkeit und demokratische Kontrolle', internationale Jugendkongresse usw. Jede dieser getarnten Parteiorganisationen konnte stolz auf ein Aushängeschild mit einer Liste von hochachtbaren Persönlichkeiten hinweisen - darunter englische Herzoginnen, amerikanische Leitartikler und französische Wissenschaftler, von denen die meisten den Namen Münzenberg nie gehört hatten und die Komintern für einen von Goebbels erfundenen Butzemann hielten.
Ein Pariser Mitarbeiter Münzenbergs, Professor Alfred Kantorowicz, hat im Jahre 1947 - zehn Jahre vor seiner Flucht aus dem kommunistischen Machtbereich - seine Erinnerungen an das Braunbuch veröffentlicht. Er schreibt im "Aufbau" Nr. 2/47: "Das 'Braunbuch über den Reichstagsbrand und Hitler-Terror' hat lückenloses, unwiderlegliches und nun durch die seit Kriegsende aufgefundenen Nazi-Geheimdokumente bestätigtes Beweismaterial über diesen welthistorischen Kriminalfall (des Reichstagsbrandes) zusammengetragen."
"Damals" - so ließ sich Kantorowicz 1947 über das Zustandekommen des Braunbuchs aus - wurden "alle diese dokumentarischen Materialien gesiebt, sorgfältig auf ihre Richtigkeit überprüft, geordnet und zusammengestellt von, einer Gruppe bekannter Schriftsteller und Journalisten, zu denen mit anderen André Simone, Alexander Abusch, Max Schröder, Rudolf Furth und der Verfasser dieses Berichtes (Kantorowicz) gehörten. Das ,Braunbuch' ist kein Pamphlet, sondern eine Dokumentensammlung."
In der "Weltbühne" 1947 werden André Simone und Alexander Abusch als die beiden "damals natürlich anonymen Redakteure", Kantorowicz und Furth als die "engsten Mitarbeiter", Max Schröder als "Lektor" bezeichnet.
Arthur Koestler freilich gibt eine ganz andere Darstellung über das "Sammeln von Dokumenten" durch den Münzenberg -Stab als Kantorowicz: "Wie aber konnten wir den naiven Westen von der Wahrheit einer so phantastischen Geschichte überzeugen? Wir hatten keine unmittelbaren Beweise, keinen Zugang zu den Zeugen und nur unterirdische Verbindungen mit Deutschland. Kurz, wir hatten nicht die leiseste Vorstellung von den konkreten Umständen. Wir mussten uns aufs Raten verlassen, aufs Bluffen und auf unser intuitives Wissen um die Methoden und die Denkart unserer Gegner in der totalitären Verschwörung. 'Wir' bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Propagandahauptquartier der Komintern in Paris, das unter der Flagge des 'Hilfskomitees für die Opfer des deutschen Faschismus' segelte."
Die Verfasser der Braunbücher blieben wohlweislich anonym; das Vorwort des ersten Bandes aber trug die Unterschrift des leibhaftigen Oberhaus-Mitglieds Lord Marley, eines Mannes, der mit den Kommunisten nicht das Geringste zu tun hatte, was ihn nicht daran hinderte, ein glänzendes Honorar dafür zu kassieren, dass er seinen Namen als zugkräftigen Werbeslogan hergab. Das Schreiben des Vorworts hatten ihm Münzenberg und sein Famulus Otto Katz, der sich später, im spanischen Bürgerkrieg, André Simone nannte, großzügig abgenommen.
Der Kernpunkt des Braunbuchs I war die "dokumentarisch belegte Geschichte des Reichstagsbrandes". Schreibt Koestler: "Das Braunbuch enthielt die Geschichte des Reichstagsbrandes, beginnend mit einer ausführlichen Lebensgeschichte van der Lubbes, die der holländische 'Apparat' ausgegraben hatte, mit Berichten über seine Kontakte mit den homosexuellen Kreisen um Hauptmann Röhm, und endend mit einer überzeugenden Schilderung, auf welche Weise die Brandstifter durch den unterirdischen Gang in den Reichstag gelangt waren. Mehrere unmittelbare Teilnehmer an der Tat wurden genannt: Graf Helldorf und die SA-Führer Heines und Schulz ... All' das gründete sich auf Deduktion, Intuition und Pokerbluff. Das einzige, was wir mit Sicherheit wussten, war, dass irgendwelche Nazikreise es irgendwie zustande gebracht hatten, das Gebäude abbrennen zu lassen."
Dieses freimütige Eingeständnis kennzeichnet die damalige Situation der Kommunisten. Ernst Torgler, dem sein Verteidiger Dr. Sack das Braunbuch in seine Zelle im Untersuchungsgefängnis geschickt hatte, schrieb darüber: "Ich muss gestehen, dass ich einigermaßen erschüttert war, als ich es durchlas. So primitiv hatte ich mir die Dinge eigentlich nicht - vorgestellt. Dieser van der Lubbe sollte ein alter Bekannter von Röhm sein und auf seiner 'Liebesliste' stehen? Goebbels sollte den Plan für den Reichstagsbrand entworfen und Göring, gewissermaßen an der Treppe zum unterirdischen Gang stehend, sollte die Brandstiftung geleitet haben?"
Trotzdem wurde das Braunbuch ein riesiger Erfolg. Es war eben raffiniert gemixt aus echten und gefälschten Dokumenten und spekulierte auf den üblen Ruf, den die Nazis sich verschafft hatten. Und so blieb ihm der Erfolg denn auch nicht versagt. Den meisten Lesern des Braunbuchs erschien es durchaus einleuchtend, dass so übel beleumdete Funktionäre wie "die Fememörder" Heines und Schulz auch Brandstifter waren. Dass Oberleutnant Schulz als ehemaliger- Adjutant Gregor Strassers bei der NS-Partei längst in Ungnade gefallen war - Wer konnte das in England und Frankreich schon wissen. Und so druckten denn auch angesehene Blätter die Münzenberg-Märchen nach.
Nach dem erstaunlichen Erfolg seines ersteh Braunbuches kam Willi Münzenberg eine neue, noch wirksamere Idee. Er erinnerte sich der "Geheimgerichte" russischer Revolutionäre aus der Zarenzeit und setzte zusammen mit Otto Katz etwas Ähnliches in Szene: den so genannten Reichstagsbrand-Gegenprozess - jene öffentlichen Untersuchungen in Paris und London, die die Aufmerksamkeit des Auslands auf die Vorgänge im Dritten Reich lenkten.
Das "Weltkomitee für die Opfer "des Hitler-Faschismus" gebar einen "Untersu-chungsausschuss zur Aufklärung des Reichstagsbrandes". In der Praxis ging das so vor sich, dass Münzenberg sich von Vertrauensleuten eine Anzahl international renommierter Anwälte liberaler Prägung nennen ließ, die dann ein sehr sachliches Schreiben mit der schmeichelhaften Aufforderung erhielten, sich für die Verteidigung der unschuldigen Opfer der Hitler-Barbarei und für die Aufrechterhaltung des Rechts zur Verfügung zu stellen.
Aus der großen Zahl der ausländischen Anwälte, an die das Pariser Sekretariat des "Weltkomitees" herangetreten war, kristallisierte sich schließlich folgende "Internationale Juristenkommission" heraus: Frau Dr. Betsy Bakker-Nort (Holland); Gaston Bergery (Frankreich); Georg Branting (Schweden); Arthur Garfield Hays (USA); Vald Huidt (Dänemark); Vincent de Moro-Giafferi (Frankreich); Denis Nowell Pritt (England); Pierre Vermeylen (Belgien).
Keines der Mitglieder gehörte offiziell einer kommunistischen Partei an. Alle waren höchst respektable Angehörige des Bürgertums, die ihren guten Namen, ihre Hilfsbereitschaft und ihr Geltungsbedürfnis von Münzenberg für die Zwecke der Kommunisten einspannen ließen. Zum Vorsitzenden der Juristen-Kommission wurde der damals 45jährige Königliche Rat Denis Nowell Pritt aus London gewählt. Noch im Jahre 1957 erhielt Pritt von den dankbaren Kommunisten die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig. Und vor einigen Wochen wurde seine Schrift "Der Reichstagsbrand" vom Ostberliner Kongress-Verlag neu herausgebracht.
Die Kommission hatte sofort große Resonanz in aller Welt. Fast täglich erschienen Berichte über gefundene Dokumente, über sensationelle Zeugenaussagen, über "unwiderlegbare Beweise" für die Schuld der Nazis. Um im Interesse seines Mandanten unter keinen Umständen etwas Wichtiges zu versäumen, flog Dr. Sack, Torglers Verteidiger, am 8. September 1933 nach Paris.
Dr. Alfons Sack, einer der prominentesten Anwälte Berlins, hatte die Verteidigung Torglers übernommen, nachdem der einstige KPD-Fraktionschef den vom Reichsgericht beigeordneten Offizial-Verteidiger Dr. Huber abgelehnt hatte. Sack war Mitglied der NSDAP, hat sich aber dennoch bemüht, die Wahrheit zu finden. Vor Gericht verteidigte er zwar nicht die Kommunistische Partei, wohl aber den "Menschen Torgler". Er widerlegte zahlreiche von den Nazis oder auch von den Sachverständigen vorgebrachte Beweise" für die Schuld der KPD und machte sich dadurch bei den NS-Führern unbeliebt. Auch darf sein Buch über den Reichstagsbrand als die bisher detaillierteste Darstellung zu diesem Thema gelten.
An der fünfstündigen Besprechung mit Dr. Sack im Hotel "Bourgogne et Montana" nahmen neben dem schwedischen Mitglied der "Internationalen Juristenkommission", Advokat Branting, der amerikanische Anwalt Leo Gallagher und "ein angeblicher österreichischer Journalist" teil, der sich Breda nannte. In Wirklichkeit verbarg sich dahinter Otto Katz, Münzenbergs bester Mann.
Als Dr. Sack das Entlastungsmaterial für Torgler zu sehen begehrte, bekam er zur Antwort: "Man sei nicht berechtigt, die Adressen der Notare zu nennen, bei denen das Material hinterlegt sei."
Es war verständlich, dass man dem "Nazi -Gericht" die Original-Dokumente nicht zur Verfügung stellen wollte; aber welchen Sinn sollte es haben, sie auch dem Verteidiger Torglers vorzuenthalten? Noch überraschter war Sack, als er bemerkte, dass die angeblich so dokumententrächtige Kommission sich nicht scheute, ihn ungeniert auszufragen. Er gelangte daher sehr bald zu der Einsicht, dass man auch hier nur bluffte: Es gab keine Beweisdokumente für die Schuld der Nationalsozialisten.
Mit leeren Händen flog er am 9. September 1933 wieder nach Berlin zurück, immerhin stark beeindruckt von der Münzenbergschen Propaganda-Kampagne. Plakate forderten zu Massenkundgebungen auf; und am 11. September 1933 kam es sogar zu einer vom "Büro M" (= Münzenberg) organisierten Riesendemonstration mit 10 000 Teilnehmern in der Pariser "Salle Wagram".
Der französische Advokat und frühere Deputierte Vincent de Moro-Giafferi, der auch heute noch in Publikationen als "Doyen der französischen Strafverteidiger" bezeichnet wird, hielt das angekündigte "Plädoyer über den deutschen Reichstagsbrand". Er berief sich auf sein "eingehendes Studium der Akten" und riss die Massen durch theatralische Ausrufe wie diese hin: "Bei meiner Seele und meinem Gewissen erkläre ich: Göring hat es getan. Der Mörder, der Brandstifter, der Urheber des Verbrechens der Reichstagsbrandstiftung, das bist du, Göring!"
Maitre Moro-Giafferi hatte zwar die Akten des Kriminalfalls Reichstagsbrand bestimmt nicht gelesen; trotzdem hielt er es für richtig, "bei seiner Seele" ein Urteil zu fällen, so wie es andererseits Hermann Göring nicht genierte, unter Vorwegnahme dies Urteils am 4. November 1933 ebenfalls bei seinem Gewissen zu erklären: "Ich weiß geradezu hellseherisch, dass die Kommunisten den Brand entzündet haben."
Am 14. September 1933 fand im Saal der renommierten englischen "Juristen-Gesellschaft" (Law Society) in der Londoner Carey Street die erste öffentliche Sitzung der Kommission statt. Sir Stafford Cripps, später Botschafter in Moskau und Minister im Kabinett Attlee, hielt die Eröffnungsansprache. Unter den Zuhörern sah man viele prominente Männer, darunter den Schriftsteller H.G. Wells. Auch Bernard Shaw war eingeladen worden, hatte eine Teilnahme jedoch abgelehnt und die ganze Aktion mit der Begründung abgetan, ihm sei kein Fall bekannt, in dem eine Einmischung des Auslands in politische Prozesse den Angeklagten zum Vorteil gereicht hätte. Shaw: "Wenn ein Gefangener als Knüppel benutzt werden soll, um eine Regierung damit zu schlagen, so besiegelt man damit sein Schicksal."
Die Sitzung der Kommission fand im Stil einer Gerichtsverhandlung statt. Auf der Schmalseite des Raumes saß das "Gericht", die internationale Juristen-Kommission.
Als Dr. Sack, der am Nachmittag des 14. September 1933 nach Schluss der ersten Sitzung in London eintraf, am folgenden Tage die Szene beobachtete, sah er zu seiner Überraschung den Maitre Moro-Giafferi unter den Richtern. Schreibt Sack: "Vier Tage vorher hatte dieser französische Anwalt des Rechts in Paris erklärt, dass für ihn Ministerpräsident Göring als der Schuldige am Reichstagsbrand erwiesen sei. Jetzt saß er, den jedes Gericht der Welt als befangen abgelehnt hätte, als 'Richter' am Tisch."
Das amerikanische Kommissions-Mitglied Hays berichtet über Moro-Giafferi die folgende Episode: "Am dritten Tage der Vernehmungen beobachtete ich meinen Kollegen Moro-Giafferi, der augenscheinlich in tiefes Nachdenken versunken war. Er kritzelte eine Notiz und schob sie Bergery zu, der zu meiner Rechten saß. Ich fragte mich, was mir entgangen, diesem hervorragenden Advokaten aber aufgefallen sein mochte. Ich warf daher einen Blick auf den Zettel und las: 'Es ist nicht ein einziges passables Frauenzimmer im Saal!'"
Nicht nur die passablen Frauenzimmer blieben weg; auch das Interesse der Journalisten ließ schnell nach. Denn die Zeugen, die das Sekretariat bestellt hatte, wussten über die Angaben im Braunbuch hinaus natürlich nichts Neues zu berichten.
Theodor Plieviers ehemaliger Sekretär Harry Schulze-Wilde berichtete nach 1945, dass der KPD-Funktionär Albert Norden - später "Professor für neueste Geschichte" in der DDR - als "aus Deutschland stammender SA-Führer" mit verhülltem Kopf zur Zeugenaussage gekommen sei. Das geschah angeblich, weil ihm sonst Gefahr für Leib und Leben gedroht hätte, sobald er nach Deutschland zurückginge. Er sei jedoch weniger wegen seiner angeblichen SA-Zugehörigkeit maskiert gewesen, sondern wegen seines "prononciert nichtarischen Aussehens", denn sonst wäre der Schwindel sogleich erkannt worden.
Es wurden auch Zeugen geheim vernommen, weil sie auf "Todeslisten Londoner Naziklubs" standen. Die angebliche Liquidierungsliste eines solchen "Londoner Naziklubs" wurde vorgezeigt; sie war mit dem Schlusswort versehen: "Wenn Du einen von ihnen triffst, dann bringe ihn um; und wenn es ein Jude ist, dann brich ihm jeden Knochen im Leibe!" Der sonst recht findigen Londoner Polizei gelang es freilich nicht, auch nur einen der gefährlichen Naziklubs ausfindig zu machen.
Ein Zeuge besonderer Art war der Holländer "W.S.". Er bekundete, dass ihm ein Zutreiber des SA-Stabschefs Röhm namens Bell Anfang 1932 eine Liste von 30 Männern, bekannten Homosexuellen, gezeigt habe, die er, wie er sagte, Röhm "zugeführt" habe. "Auf dieser Liste stand auch der Name Marinus van der Subbe oder Marinus van der Lubbe und darunter die Bemerkung 'Holland'", so bekundete der Zeuge.
Andere Zeugen sagten ähnlich aus. So der holländische Schriftsteller Freek van Leuven, der wider besseres Wissen behauptete, van der Lubbe sei homosexuell. Heute bedauert van Leuven, dass er sich damals dazu hergab, "im Parteiinteresse" eine wissentlich falsche Aussage zu machen.
Zusammen mit weiteren derartigen Zeugenaussagen ergab dann das Urteil der Kommission über Lubbe genau das, was im Braunbuch längst mit dem Schlagwort "Werkzeug der Nazis" umschrieben worden war. Die Kommission stellte fest: "Er (Lubbe) lebte von 1927 bis 1933 in einem Milieu von mehr oder minder anarchistischen Elementen, von Homosexuellen, zu denen er selbst gehörte."
Am Abend des fünften Verhandlungstags versammelte sich die Kommission in einem Hotel-Appartement. Das amerikanische Kommissions-Mitglied Hays schildert, wie der schwerfällige und würdevolle Pritt im Badezimmer saß und auf der Schreibmaschine hämmerte, während Dr. Kurt Rosenfeld, Torglers früherer Rechtsbeistand (der zuvor als Zeuge vor der Kommission aufgetreten war), zusammen mit anderen Komiteemitgliedern die einzelnen Teile des "Spruches" redigierte. Zahlreiche Leute saßen oder standen rauchend und schwatzend herum. Das Bett war mit Papieren bedeckt. Der todmüde Hays legte sich schließlich erschöpft in irgendeiner Ecke auf den Fußboden und schlief ein.
Der "Spruch von London", dessen Formulierung von Gaston Bergery stammt und der gezielt am 20. September, also einen Tag vor Beginn des deutschen Reichstagsbrandprozesses verkündet wurde, lautete:
Die Kommission ist zu folgenden Schlussfolgerungen ihrer Untersuchung gekommen.
1. Dass von der Lubbe nicht Mitglied, sondern ein Gegner der kommunistischen Partei war, dass keine Spur einer wie immer georteten Verbindung zwischen der KPD und dem Reichstagsbrand besteht, dass die Angeklagten Torgler, Dimitroff, Popoff und Taneff nicht nur unschuldig sind an dem Verbrechen, dessen sie beschuldigt werden, sondern dass sie auch in keiner Weise - weder direkt noch indirekt - mit dem Verbrechen in Verbindung bzw. in Beziehung standen.
Diese Feststellung entsprach den Tatsachen.
2. Dass die Dokumente und mündlichen Aussagen sowie das übrige Material, das die Kommission in Händen hat, geeignet sind, festzustellen, dass van der Lubbe das Verbrechen nicht allein begangen haben kann.
Das war zugleich auch die These der Nazis und der deutschen Untersuchungsbehörden.
3. Dass die Prüfung aller Möglichkeiten von Ein- und Ausgang vom und zum Reichstag es höchst wahrscheinlich macht, dass die Brandstifter den unterirdischen Gang benutzt haben, der vom, Reichstagspräsidentenpalais zum Reichstag führt.
Das wiederum entsprach genau der Auffassung Görings.
4. Dass ein solcher Brand zu der in Frage kommenden Zelt von großem Vorteil für die nationalsozialistische Partei war; dass aus diesem und anderen Gründen ... schwerwiegende Anhaltspunkte für den Verdacht gegeben sind, dass der Reichstag von führenden Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Partei oder in deren Auftrag in Brand gesetzt wurde.
Die Londoner Kommission und viele andere Juristen in aller Welt haben dem deutschen Oberreichsanwalt zu Recht vorgeworfen, dass er unter Verzicht auf jede Beweisführung gegen die Beschuldigten Torgler, Dimitroff, Taneff und Popoff Anklage erhob und sich dabei der Erklärung bediente, es sei "unerheblich, in welcher Weise die Angeklagten im Einzelnen an der Tat selbst beteiligt" gewesen seien.
Die Londoner Gegenseite freilich war ebenso voreingenommen, denn auch in London musste man auf jede Beweisführung verzichten, weil man keine Beweise, sondern allenfalls Verdachtsmomente geltend machen konnte. Weder der Leipziger Oberreichsanwalt noch die Londoner Kommission begnügten sich mit dem tatsächlich vorliegenden Beweismaterial, denn sonst hätte man in London wie in Leipzig zu dem Ergebnis kommen müssen, dass weder die Nazis noch die Kommunisten mit dem Reichstagsbrand etwas zu tun gehabt hatten.
An die Möglichkeit, dass van der Lubbe allein gehandelt hatte, glaubte zum Zeitpunkt des Prozesses ohnehin niemand mehr. Der ungeschlachte Holländer, der die meiste Zeit apathisch, zusammengesunken und leichenblass vor seinen Richtern saß, sollte den Riesenbrand ohne jede Hilfe entfacht haben? Er sollte seine Tat vor der Polizei in allen Einzelheiten und in einwandfreiem Deutsch gestanden haben, sollte in langen, lebhaften Diskussionen seine Argumente dargelegt, sollte hervorragend gezeichnet, ja sogar die Protokolle geändert haben?
Was aber stand denn in diesen Protokollen? Gab es sie überhaupt? Wer hatte sie je gesehen? Münzenbergs Männer in Paris waren mit der Antwort schnell bei der Hand: Die Nazis hatten das erste Polizei-Protokoll verschwinden lassen, weil darin für sie gefährliche Dinge standen. Heißt es im Braunbuch I:
"Es wurde vor Gericht nie festgestellt, was in diesem ersten Protokoll stand. Das Verschwinden dieses ersten Protokolls ist eine der großen 'Merkwürdigkeiten' des Reichstagsbrandprozesses."
Münzenberg und seine Redakteure wussten recht gut, dass dieses Protokoll keineswegs verschwunden war, zumal aus den Verhandlungsniederschriften des Reichsgerichts in Leipzig hervorging, dass es in der Gerichtsverhandlung häufig zitiert wurde. Also zogen sie sich auf die Tatsache zurück, dass man das Protokoll vor Gericht nie "verlesen" hatte. Dies war ihnen Beweis genug, dass für die Nazis unangenehme Dinge in diesem Protokoll stehen mussten.
Die Braunbuch-Kommunisten hatten jedoch offensichtlich keine Ahnung von der deutschen Strafprozessordnung. Denn nach dem Mündlichkeits- und Unmittelbarkeitsprinzip bestand für das Gericht normalerweise gar keine Möglichkeit, die von der Polizei aufgenommenen Vernehmungsprotokolle in der Hauptverhandlung verlesen zu lassen. Nur das, was von Zeugen unmittelbar bekundet wird, darf Verwendung finden, damit sich das Gericht vom Zeugen und seinen Aussagen ein eigenes Bild machen kann.
Die von den Braunbuch-Autoren aufgebrachte Legende, die Nazis hätten das Protokoll der Kriminalpolizei verschwinden lassen, geistert seither durch nahezu alle Berichte über den Reichstagsbrand, die nach dem Krieg erschienen sind. Auch Dr. Richard Wolff, der Anfang dieses Jahres verstorbene Verfasser jenes offiziösen Forschungsberichts über den Reichstagsbrand, der heute in der Bundesrepublik in Hunderttausenden von Exemplaren existiert und als Unterrichtsmaterial verwendet wird, hat die Legende kritiklos übernommen.
Dr. Wolff, der 1938 emigrierte, sich in Nairobi niederließ und britischer Staatsbürger wurde, erhielt 1955 von der Bonner Bundeszentrale für Heimatdienst einen gutdotierten Forschungsauftrag. Mit Unterstützung westdeutscher Behörden sollte er versuchen, das Geheimnis des Reichstagsbrandes endlich zu klären. Der Forschungsbericht, den Wolff schließlich vorlegte, steckt nicht nur voller zum Teil leicht nachweisbarer Fehler und Ungenauigkeiten, er gehört auch zu dem Naivsten, was je über den Reichstagsbrand geschrieben wurde.
Dr. Wolff beklagt, dass es ihm nicht gelungen sei, ein Exemplar der sieben Kopien des Polizeiprotokolls aufzutreiben. Sie seien von den Nazis "systematisch vernichtet" worden. Überhaupt wundert er sich über den "erstaunlichen Quellenmangel", der ihm viel zu schaffen gemacht habe: "Es ist mir nicht gelungen, ein amtliches Stenogramm der Anklage des Oberreichsanwalts und der Reichsgerichtsverhandlung aufzutreiben oder auch nur festzustellen, wer von den maßgebenden Juristen des Prozesses noch am Leben ist."
Forschungsbeauftragter Dr. Wolff kann nicht sehr eingehend geforscht haben; denn es existieren nicht nur die Protokolle der Kriminalpolizei, auch Anklageschrift und Urteil liegen im vollständigen Text vor. Zudem leben noch viele der am Verfahren beteiligten Kriminalbeamten und Juristen. Zwar zeigen sich zumal die ehemaligen Reichsgerichtsräte, die das Grauen der russischen Internierungshaft überlebt haben, nicht allzu begierig, über den Reichstagsbrand zu sprechen; ihre Anschriften sind aber durch die Justizverwaltung der Bundesrepublik ohne Schwierigkeit zu beschaffen.
Obwohl Dr. Wolff also an die entscheidenden Quellen gar nicht herangekommen ist, betrachtete er es "als erwiesen", dass van der Lubbe nur ein harmloser Strohmann war und dass in Wahrheit die SA mit Zustimmung Hitlers den Reichstag angesteckt habe.
Dr. Wolffs mit Bundesgeldern erstellter Forschungsbericht wurde bald zur wichtigsten Unterlage zahlreicher "Dokumentarberichte", die in den letzten Jahren in der deutschen und ausländischen Presse erschienen. Da auch die Autoren dieser Berichte nicht an die Originaldokumente herankamen, übernahmen sie nur zu gern neben anderen Legenden auch die These von den verschwundenen Polizeiprotokollen. Schrieben die Gemeinschaftsautoren Heydecker/Leeb in der "Münchner Illustrierten" Nr. 51/1957: "Alle acht Exemplare dieses inhaltsschweren Dokuments sind aber auf mysteriöse Weise verschwunden und nie wieder zum Vorschein gekommen."
Der Journalist Peter Brandes - auch bekannt unter dem Namen Curt Rieß - ging sogar noch einen Schritt weiter. In der Überzeugung, dass keine der Protokollkopien mehr existiert, erweckte er den Anschein, das Stenogramm der ersten Abhörung zu kennen, und phantasierte munter drauflos. Nach seinem "atemberaubenden Tatsachenbericht" im "Stern" vom 23. November 1957 soll van der Lubbe in der Brandnacht erklärt haben: "Als ich in den, großen Saal kam ... den Saal mit den vielen Stühlen und Bänken ..., mit der Holzverkleidung... Der Saal brannte schon, als ich hereinkam...
"Den habe ich nicht angezündet! Den nicht! Er brannte schon, als ich hereinkam." Brandes fügt hinzu: "Und davon wird sich van der Lubbe niemals abbringen lassen ...
"Mit vor Müdigkeit zitternder Hand unterschreibt er (Lubbe). Um allen Irrtümern vor-zubeugen: Er unterschreibt nichts, was er nicht gesagt hat. Das von der Berliner Polizei verfasste Protokoll ist vollkommen in Ordnung..."
Die Legende des Illustriertenschreibers Rieß wird nicht nur durch das Polizeiprotokoll selbst entlarvt, das Rieß nie zu Gesicht bekommen hat; sie ist bereits durch die Ver-handlungsprotokolle des Leipziger Reichsgerichts widerlegt. Vor Gericht haben nämlich die Kriminalkommissare Heisig und Dr. Zirpins wiederholt unter Eid versichert, weder die Vernehmung van der Lubbes noch die Ermittlungen im Reichstagsgebäude hätten irgendwelche Anzeichen dafür erbracht, dass außer van der Lubbe noch andere Mittäter an der Brandstiftung beteiligt gewesen seien. Und beide Kriminalisten haben ihre Angaben nach dem Krieg wiederholt bestätigt.
Das Polizeiprotokoll der Vernehmung van der Lubbes, das nachstehend - zum ersten Mal - auszugsweise veröffentlicht wird, widerlegt zudem die Behauptung der Pariser Braunbuch-Autoren, die Nazis hätten allen Grund gehabt, dieses Dokument zu fürchten.
| STRAFSACHE VAN DER LUBBE BAND: HAUPTAKTEN I. Berlin, am 28. 2. 33 "Vorgeführt erscheint Marinus van der Lubbe und sagt aus: Zur Person: Ich bin in 's Hertogenbosch und dann in Leiden in die Volksschule gegangen, und dann habe ich Maurer gelernt. 1928 bin ich Geselle geworden. Seitdem habe ich mit kurzen Unterbrechungen keine Stellung gehabt. 1929 erlitt ich einen Unfall und beziehe seit dieser Zeit eine Unfallrente von 7 Gulden 44 Cents pro Woche . . . Im März 1931 bin ich nach Berlin gelaufen von Leiden aus und hier in Berlin etwa 1 Woche geblieben. Ich wohnte damals im Männerheim Alexandrinenstraße. Dann ging ich wieder zu Fuß nach Holland zurück; für den Hin- und Rückweg brauchte ich je etwa 6 Wochen . . . Im September 1931 ging ich wieder von Leiden los: Bayern, Österreich, Jugoslawien und über Ungarn fuhr ich mit dem Zuge nach Hause . . . Im Januar 1932 bin ich zum zweiten Mal nach Budapest gelaufen, das hat wieder einen Monat gedauert. Ich ging wieder über Bayern nach Österreich. Auf dem Rückwege habe ich Tschechien durchquert... 1933 blieb ich im Januar zuhause und ging erst in den letzten Tagen wieder auf Wanderschaft. Ich ging von Leiden nach Cleve, Düsseldorf, Essen, Bochum, Dortmund, Braunschweig, Magdeburg bis Berlin. Ich bin hier an einem Sonnabend angekommen. Es war dies der 18. Februar 1933. Ich kam in den Nachmittagsstunden über Potsdam und konnte kurz vor Berlin ein Lastauto benutzen, mit welchem ich bis Schöneberg fuhr. Der Weg von Leiden bis Berlin betrug etwa 800 km. Die erste Nacht von Sonnabend zu Sonntag schlief ich in der Alexandrinenstraße. Die Adresse ist mir von früher her bekannt gewesen ... Am Sonntag war ich vormittags auf einem SPD-Konzert auf dem Bülowplatz, das aber von der Polizei aufgelöst worden ist. Dann ging ich mittags in den Lustgarten. Hier sah ich den Aufmarsch des Reichsbanners. Abends ging ich in das Asyl in der Fröbelstraße schlafen. Am Montag musste ich früh für das Asyl Schnee schippen. Ich war gegen 13 Uhr fertig und schrieb dann Briefe nach Holland. Nachdem ich noch etwas spazieren gegangen war, ging ich zeitig schlafen, und zwar wieder in der Fröbelstraße. Am Mittwoch bin ich etwa gegen 11 Uhr vom Asyl weggegangen und habe mich nach der Gleimstraße begeben, wo ich in der Volksküche vom Wohlfahrtsamt Essen bekam. Ich ging dann noch einige Zeit im Wedding spazieren und ging dann nach der Alexandrinenstraße im Männerheim schlafen. Ich will jetzt den Dienstag nachtragen: Bis 12 Uhr war ich im Wohlfahrtsamt, wo ich eine Esskarte für Mittwoch bekam. Dort habe ich lange warten müssen, weil da sehr viel Leute waren, so dass die Sache sehr lange dauerte. Nachmittags ging ich in der Gegend des Alexanderplatzes spazieren und um drei Uhr in ein Kino, wo ich den Film 'Der Rebell' sah. Ab 17 Uhr bin ich noch etwas gelaufen und dann ins Fröbel- Asyl zurückgegangen. Am Donnerstag bin ich um 9 Uhr früh losgegangen und habe mich nach Neukölln gewandt. Vor dem Wohlfahrtsamt habe ich mich mit den Erwerbslosen unterhalten und auch eine Erwerbslosenzeitung gekauft. Abends ging ich, dann in das Männerheim Alexandrinenstraße zurück. Meinen Unterhalt habe ich teils von eignem Gelde bestritten, das mir mein Freund Jacobus Vink, Leiden, Heringsgracht hierher postlagernd beim Postamt in der Königstraße gesandt hat. Es waren zweimal 5,- RM, die am Dienstag und am Freitag kamen. Im Übrigen habe ich im Asyl kostenlos gewohnt und auch das Essen sonst frei gehabt. Am Freitag bin ich den ganzen Tag unterwegs gewesen, und zwar habe ich besucht: Das Zentrum, Alexanderplatz, Schönhauser-Allee, Gleimstraße und zurück in der Gegend von Alexanderplatz bis zur Alexandrinenstraße, Diesmal habe ich kein Mittag gegessen, dafür bekam ich Abendbrot in dem Männerheim. Zur Tat: Am Sonnabend ging ich um 10 Uhr aus dem Männerheim fort und wandte mich dem Zentrum zu, wo ich auch das Schloss gesehen habe. Vom Alexanderplatz ging ich direkt nach Süden und kam auf den Hermannplatz. Hier war ich etwa gegen 17 Uhr. Auf dem Wege zum Hermannplatz kam mir der Gedanke, das Wohlfahrtsamt anzuzünden. Ich kaufte zu diesem Zweck für 30 Pfg. 4 Pakete Kohlenanzünder. Das Wohlfahrtsamt liegt am Mittelweg. Ich habe eine Hecke überklettern müssen und bin hinten herum gegangen, bis ich etwa in Kopfhöhe ein Eckfenster sah, in das ich dann ein brennendes Paket hineinwarf. Ob das Paket einen Brand entfacht hat, weiß ich nicht, da ich sofort auf demselben Wege, wie ich hingekommen war, geflüchtet bin ... Mit der Untergrundbahn bin ich von der nächsten Haltestelle aus bis zum Alexanderplatz gefahren. Die Tat im Wohlfahrtsamt habe ich um 18.30 Uhr begangen. Vom Alexanderplatz aus ging ich die Königstraße lang und kam um 19.15 Uhr vor das Rathaus. Hier ging ich, so wie ich in der Skizze eingezeichnet habe, zunächst an der Kehrseite des Rathauses vorbei. An der Ecke sah ich ein Kellerfenster offen stehen. Ich entzündete wieder ein Paket der Kohlenanzünder und warf es in den Keller hinein. Es war schon dunkel und mich hat niemand beobachtet. Ob das Paket einen Brand entfacht hat, weiß ich nicht, da ich auch hier schnell weggegangen bin. Ich bin an der hinteren Längsseite des Rathauses entlang, die Spandauer Straße und dann die Königstraße in Richtung zum Schloß eingebogen. Am Schloss war ich gegen 20 Uhr ... Auf der linken Seite des Torbogens bin ich hochgeklettert und auch auf das Dach gelangt. Dort oben lief ich die Front entlang und dann quer zur Spree zu. Mitten auf der Seite des Daches brachte ich dann die restlichen beiden Pakete zur Entzündung, Ich bin dann denselben Weg wieder zurückgeklettert. Ein Paket habe ich in ein Dachfenster geworfen, mich aber nicht darum gekümmert, ob sie gezündet haben ... Am Sonntag bin ich früh um 9 Uhr aufgebrochen und bin durch den Tiergarten über Charlottenburg nach Spandau gegangen . . . Am Sonntag abend bin ich in ein Dorf bei Spandau eingekehrt Dieses Dorf heißt Hennigsdorf. (Vermerk: v.d. Lubbe ist am 26. 2. 33 um 18.20 Uhr in Hennigsdorf polizeilich gemeldet und am 27. 2. 33 um 7.45 Uhr weitergewandert. - Telephonische Auskunft des Polizeireviers.) Am Montag bin ich gegen 8 Uhr von Hennigsdorf wieder in Richtung Berlin abmarschiert und habe mich zuerst nach Tegel begeben. Ich bin dann die ganze Müllerstraße, Chausseestraße und Oranienburger Straße entlang bis zum Reichstag gegangen. Ich kam von der Oranienburger Straße zunächst zu den Linden, ging diese herunter bis zur ersten Querstraße vor dem Brandenburger Tor (Neue Wilhelmstraße). Von dort ging ich direkt zum Reichstag herüber. Ich war etwa gegen 17 Uhr da. Zunächst bin ich den Weg so gegangen, wie ich ihn in Skizze 4 eingezeichnet habe. Auf diese Weise konnte ich mir das ganze Gebäude ansehen. Ich bin dann die Siegesallee herunter zum Potsdamer Platz gegangen und von hier die Leipziger Straße entlang nach dem Alexanderplatz. Bereits am Vormittag habe ich mir beim Passieren der Müllerstraße (auf der linken Seite derselben nach der Stadt zu gesehen) 4 Pakete Kohlenanzünder für 30 Pfg. gekauft. Der Laden war ein Kohlengeschäft in einem kleinen Holzgebäude. Kartoffeln sind auch verkauft worden. Ich möchte mich noch dahin berichtigen, dass ich am Sonnabend nicht alle 4 Stück in dem Geschäft am Hermannplatz gekauft habe, sondern nur zwei. Zuerst hatte ich zwei auf der Alexandrinenstraße gekauft. Wenn wir an den Geschäften vorbeifahren würden, würde ich sie wieder erkennen. Ich habe nachmittags den Anbruch der Dunkelheit abgewartet und bin wieder die Linden entlang zur Dorotheenstraße gegangen, die ich diesmal lang herauf bis zur Spree ging, wo ich dann umkehrte und fast ganz um den Reichstag herumging. Als ich an die Freitreppe kam, bin ich an der rechten Seite der Treppe (vom Beschauer des Gebäudes aus gesehen) an einem etwa mannshohen Gesims hochgeklettert und auf einen kleinen Balkon gestiegen. Ich trat das Glas der Balkondoppeltür ein und gelangte in ein Zimmer. Dort habe ich das erste Feuer angezündet, und zwar mit einem von den Paketen, das ich unter die Gardine legte. Da der Brand gar nicht richtig losging, habe ich noch ein zweites Stück angezündet und auf den Tisch gelegt. Da es so dunkel war, habe ich dann das Zimmer erhellen wollen. Ich ging auf den Korridor und habe mir meine Jacke und meine Weste ausgezogen. Das Feuer war inzwischen ausgegangen und ich habe daher meinen Pullover angezündet, um das Feuer weiter zu tragen. Zum Anzünden des Pullovers verwendete ich die glimmenden Reste auf dem Tisch. Mit dem brennenden Pullover rannte ich den Korridor entlang, der dann hinten einen rechten Winkel machte. Dort fand ich in einem Büro Papier, das ich nun mit dem 3. Paket Kohlenanzünder zum Anlegen eines großen Brandes verwenden konnte. Ich bin dann zurück gerannt und dann in die im Erdgeschoß liegende Küche eingedrungen, indem ich die Tür zur Küche eintrat. In der Küche habe ich ein Tafeltuch in Brand gesetzt, indem ich das letzte Paket Kohlenanzünder verwendete. Dann bin ich durch eine Speiseklappe, die zum Durchgeben des Essens dient, durchgedrungen, indem ich auch diese entzwei machte. Ich gelangte in einen kleineren Saal und rannte dort die Treppe hoch. Ein brennendes Tafeltuch habe ich mitgenommen und kam dann in eine große Kirche (gemeint ist der Plenarsitzungssaal). In dieser Kirche waren die Pulte vorn tief und hinten höher gestellt. v. g. u. gez. van der Lubbe Vermerk: Die Vernehmung wurde abgebrochen, weil eine Zeichnung des Reichstagsgebäudes nicht vorlag und auch sonst ein Lokaltermin dringend erforderlich schien. Die Besichtigung am Tatort erfolgte von 16.30 bis 19.30 Uhr. Berlin, den 28. 2. 33. WEITERVERHANDELT. Berlin, den 1. 3.33 Nachdem ich nun gestern den Tatort noch einmal gesehen habe, stelle ich fest, dass ich die Reihenfolge meiner Brände doch nicht ganz richtig geschildert habe. Ich will sie daher noch einmal wiederholen: Nachdem ich am Sims hochgeklettert und die Doppelscheiben zu der Restauration von dem Balkon aus durch 10 Fußtritte eingeschlagen hatte, bin ich in den Raum hinein gestiegen. Ich habe gerade diesen Winkel in der Ecke an der Freitreppe gewählt, um nicht bei meinem Eindringen von der Straße aus gesehen zu werden. In der Restauration habe ich zunächst 1 Gardine in Brand gesetzt, die sich an dem Fenster befand, durch das die Feuerwehr eingedrungen ist. Dann lief ich hinter den Schanktisch, wo ein Tafeltisch stand. Auf diesem entzündete ich das zweite Paket Kohlenanzünder. Gegenüber von der brennenden Gardine befand sich eine Tür auch mit einer großen Portiere. Diese Tür führt nach einer Halle, in die ich bloß ganz kurz hineingesehen habe. Mit einem Stück Kohlenanzünder bin ich vom Fenster zu dieser Tür gelaufen und habe hierbei die Gardine in Brand gesetzt. Da es sehr dunkel war, habe ich mir die Überjacke und Jacke sowie die Weste ausgezogen und den Pullover abgelegt, den ich in Brand setzte und damit leuchtete. Ich hatte also nur noch mein Hemd an. Die Jacke legte ich in der Halle neben der Restauration auf die Erde nieder. Als ich aus der Halle in die Restauration zurückkam, bin ich mit dem brennenden Pullover eine Treppe heruntergerannt, die sich in einem Raum hinter dem Schanktisch befindet. Die Treppe führte in eine Küche im Erdgeschoß. Sie war aber abgeschlossen durch einen Türvorbau. Die Tür selbst war mit Stäben gesichert und abgeschlossen. Ich schlug daher eine Seitenscheibe ein und zwängte mich durch. Der Pullover war jetzt ausgebrannt und ich warf ihn auf die Fliesen. Da ich nun kein Licht hatte, zog ich mir mein Hemd aus und entzündete es an dem brennenden Lappen. Die Küchenräume bin ich schnell durchgelaufen und kam bis an eine verschlossene Tür. Neben derselben befand sich ein Schiebefenster zur Speisendurchgabe. Da ich es eilig hatte und das Fenster nicht aufbekam, habe ich es mit einem kleinen Teller, der dort stand, eingeschlagen. Ich kletterte durch das Fenster durch und kam in eine Art Restaurant. (Vorraum zur Beamtenkantine). Das Hemd war bald wieder ausgebrannt und ich nahm jetzt ein Tischtuch, das ich in der Küche fand. Das Hemd warf ich weg. (Vermerk: Unter dem Kronleuchter in Raum 24 wurde ein Brandfleck gefunden.) In diesem Raum hörte ich einen Knall, habe aber weiter nicht auf ihn geachtet. (Vermerk: In diesen Raum hatte ein Schutzpolizeibeamter geschossen.) Ich lief dann durch mehrere angrenzende Räume bis zu einer großen Kleiderablage in der Toilette. Der Fleck in Raum 43a mag dadurch entstanden sein, dass brennende Fetzen aufgefallen sind. In der Toilette fand ich einen Stoß Handtücher, mit denen ich an der linken Seite der Toilette ein größeres Feuer anlegte. Etwa 5 Handtücher nahm ich mit, um sie unterwegs zum Leuchten zu verwenden. Ich rannte dann eine Treppe hoch. Den auf dem zweiten Absatz 5. Stufe befindlichen Brandfleck erkläre ich auch wieder durch das Abfallen von brennenden Fetzen. Die Handtücher habe ich alle gleichzeitig angebrannt. Ich war dann wieder im Hauptgeschoß und rannte hier ganz gerade aus. Ich kam hier wieder an der Halle neben der Restauration vorbei. Das weiß ich daher, weil ich dort wieder meine Jacke fand; hier waren noch zwei Pakete Kohlenanzünder darin. Einen zündete ich an, um zu leuchten. Ich rannte dann in einem rechten Winkel weiter und kam bis an einen Nebenraum, in dem ich viel Papier sah. Hier nahm ich meinen letzten Kohlenanzünder und machte ein großes Feuer an. Das Feuer wollte aber gar nicht schnell brennen und ich nahm meine Überjacke zu Hilfe. Dann lief ich schnell weiter, wobei ich einen Teil der brennenden Überjacke mitnahm. Mit dieser zündete ich große Portieren an, die den Plenarsaal abschlossen. Dass dies der Plenarsaal war, habe ich erst gestern am Tatort erfahren. Ich habe in dem Feuer der Portieren einen großen Kuppelraum gesehen, der wie eine Kirche aussah, vorn waren die Pulte niedriger und hinten höher. Ich riss ein größeres Stück von der Portiere herunter und rannte damit auf die andere Seite des Saales, wo ich einen Teil der Portiere niederwarf. (Vermerk: Dadurch sind die Portieren im Ausgang zu H 69 in Brand geraten.) Ich lief wieder zu der ersten Portiere zurück, riss noch ein Stück Portiere ab und lief in dem Gang weiter. In einem zweiten Gang brannte ich eine Gardine an und ein Sofa darunter. Da es hier zu schnell brannte und ich auch keinen neuen Stoff zum Weitertragen des Feuers hatte, rannte ich wieder an den Eingang zum Plenarsaal zurück, wo ich mir ein großes brennendes Tuch holte. In diesem Augenblick hörte ich auf der gegenüberliegenden Seite des Saales Stimmen. (Vermerk: siehe Vernehmung des Polizeileutnants Lateit.) Ich lief jetzt in einen großen Saal, in dem ich auch noch Feuer anzünden wollte: Ich habe aber hier nichts Brennbares gefunden. Ich rannte zunächst links in ein Zimmer und dann rechts gegenüber. Unterwegs verlor ich auch noch brennende Teile. Durch eine Tür kam ich dann wieder an dieselbe Stelle, wo ich vorher das Sofa angebrannt hatte. Hier steckte ich die brennenden Fetzen unter einen Sessel, um auch diesen in Brand zu setzen. Ich ging zum Bismarcksaal zurück, wo ich auch wieder Stimmen hörte. Ich nahm an, dass es die Polizei ist und habe gewartet. In dem Bismarcksaal bin ich auch festgenommen worden. Als ich das erste Mal die Stimmen hörte, habe ich mich nicht stören lassen, ich habe mir vielmehr gesagt, dass ich jetzt noch arbeiten könne, da die Stimmen noch weit entfernt waren ... Dass im Reichstagsrestaurant der Vorhang vor dem Fenster langsamer gebrannt hat, als der vor der Türe, liegt an der Qualität des Stoffes. Vor dem Fenster hing ein roter Vorhang, der gar nicht brennen wollte. Der halbe Vorhang vor der Tür war aus Samt und brannte schnell, daher ist auch zu erklären, dass die Tür so verbrannt war. Am schnellsten aber zündeten die Portieren vor dem Plenarsaal; diese brannten wie Zunder hoch und standen in wenigen Augenblicken in Flammen, das Holz brannte langsam nach ... Bezüglich des Ankaufs der Kohlenanzünder möchte ich sagen, dass das erste Geschäft in der Nähe der Alexandrinenstraße gelegen hat. Nach der heutigen Ortsbesichtigung glaube ich, dass es die Prinzenallee (mit Bleistift geschrieben: Prinzenstraße) war. Ich bitte, dass ich morgen diese Straße sowie die Müllerstraße (3. Geschäft) noch einmal sehen kann, damit ich in der Lage bin, das Geschäft richtig zu bezeichnen. Das zweite Geschäft war Johann Heleski, Liegnitzer Straße 6. Ich kenne den Händler genau wieder. Als ich in das Geschäft kam, hatte ich noch nicht gewusst, wie man diese Anzünder nennt. Ich habe nach diesen Dingern zum 'Kacheln' gefragt, bis mich ein Mann im Laden darauf brachte, dass dieses Material Kohlenanzünder heißt. Der Händler fragte mich, ob ich Holländer sei. Ich glaubte, dass er damit irgendetwas bezweckte und sagte, dass ich Rheinländer sei. Die Bezeichnung Rheinländer schien mir unverfänglicher, als wenn ich gesagt hätte, ich bin Ausländer. Ich erwiderte also, dass ich nahe an der holländischen Grenze wohne. Bei Heleski habe ich den Kohlenanzünder gegen 17 Uhr gekauft. Ich weiß das daher, weil ich noch eine ganze Zeit warten musste, bis es dunkel wurde ... (Vermerk: Heleski bestätigt die Aussagen in vollem Umfange.) Von Heleski bin ich dann direkt zum Wohlfahrtsamt gegangen und habe mir dort die Gegend angesehen. Dann bin ich noch etwa 1 1/2 Stunden in der Gegend des Hermannplatzes spazieren gegangen. Von dem Geschäft in der Prinzenallee bin ich zum Zentrum gegangen und habe mir das Rathaus und das Schloss angesehen. Hierbei habe ich schon morgens bemerkt, dass das Fenster im Kellergeschoß des Rathauses offen war und dass sich vor dem Schloss die Baustelle befand. Ich habe mir dann sofort überlegt, dass ich zunächst die Sache im Wohlfahrtsamt, das ich mir aber erst mittags richtig angesehen habe, dann im Rathaus und dann im Schloss machen könnte." v. g. u. gez. van der Lubbe |
Die Schilderung, die van der Lubbe von seiner Brandstiftung gab, enthält - wie die Kriminalkommissare Heisig und Dr. Zirpins noch nach dem Krieg versichert haben keinen Widerspruch zu seinen ersten Aussagen unmittelbar nach der Verhaftung, die zum Teil stenographisch festgehalten worden waren. Sie stimmen zudem in jedem Punkt mit den Aussagen van der Lubbes vor dem Reichsgericht in Leipzig überein.
Auch über seine Motive hat van der Lubbe vor den Berliner Kriminalkommissaren wie den Leipziger Richtern gegenüber stets die gleichen Angaben gemacht. Im Polizeiprotokoll liest sich das so:
| Berlin, den 2. März 1933 DIE MOTIVE: "Von vornherein erkläre ich, dass meiner Handlung ein politisches Motiv zugrunde liegt. Ich habe in Holland gelesen, dass jetzt in Deutschland die Nationalsozialisten an die, Regierung gekommen sind. Ich habe schon immer die Politik in Deutschland mit großem Interesse verfolgt und die Zeitungen gelesen, die über Brüning, Papen und Schleicher geschrieben haben. Als jetzt Hitler, die Regierung übernahm, erwartete ich in Deutschland eine Begeisterung für ihn, aber auch eine große Spannung. Ich kaufte mir alle Zeitungen, die darüber berichteten, die dieselbe Meinung hatten. Ich selbst bin links orientiert und gehörte bis der kommunistischen Partei an. Mir gefiel an der Partei nicht, dass sie innerhalb der Arbeiter die führende Rolle spielen und nicht die Arbeiter selbst an die Führung heranlassen will. Ich sympathisiere mit dem Proletariat, das den Klassenkampf betreibt. Seine Führer sollen an der Spitze stehen. Die Masse selbst soll beschließen, was sie zu tun und zu lassen hat. In Deutschland hat sich jetzt eine nationale Konzentration gebildet, und ich bin der Meinung, dass das zwei Gefahren bildet: 1. werden die Arbeiter unterdrückt und 2. wird sich die nationale Konzentration niemals von den anderen Staaten ducken lassen, so dass es schließlich doch zum Krieg kommen wird. Ich habe noch einige Tage die Entwicklung der Dinge abgewartet und dann den Entschluss gefasst, nach Deutschland zu gehen, um mich hier zu informieren. Der Entschluss stammt von mir ganz allein und ich bin auch allein hier nach Deutschland gekommen. Ich habe hier beobachten wollen, wie sich die nationale Konzentration auf die Arbeiterschaft auswirken werde und wie die Arbeiterschaft über die nationale Konzentration denkt ... Ich habe festgestellt, dass die Anhänger der nationalen Konzentration volle Freiheit in Deutschland haben, der Arbeiter aber nicht. Weiter ist der Kampf der Organisation der Arbeiter nicht der richtige, um die Arbeiter zum Kampf für die Freiheit aufzurütteln. Ich habe nun mit den Arbeitern Mittel und Wege besprochen, wie man das richtig machen muß. Das Recht, das die Nationalsozialisten heute haben, das müssen auch die Arbeiter haben. Ich habe zum Beispiel aufgefordert, eine Demonstration zu machen. Da wurde mir gesagt, man müsse sich zuerst an die Organisation, die KPD, wenden, die sich dann die Demonstration überlegen wird... Meine Meinung war, dass unbedingt etwas geschehen müsste, um gegen dieses System zu protestieren. Da nun die Arbeiter nichts unternehmen wollten, wollte ich eben etwas tun. Für ein geeignetes Mittel hielt ich irgendeine Brandstiftung. Ich wollte nicht Privatleute treffen, sondern etwas, was dem System gehört. Geeignet hierzu waren also öffentliche Gebäude, z. B. das Wohlfahrtsamt, denn das ist ein Gebäude, in dem die Arbeiter zusammenkommen, dann das Rathaus, weil es ein Gebäude des Systems ist, weiter das Schloss. Letzteres, weil es im Zentrum liegt und wenn es gebrannt hätte, hohe Flammen gegeben, hätte, die weit sichtbar gewesen wären. Da diese 3 Brände nun nicht funktioniert haben, also der Protest nicht zustande gekommen war, habe ich den Reichstag gewählt, weil das ein Zentralpunkt des Systems ist. Zu der Frage, ob ich die Tat allein ausgeführt habe, erkläre ich, dass das der Fall gewesen ist. Es hat mir niemand bei der Tat geholfen, und ich habe auch im ganzen Reichstagsgebäude keine Person getroffen..." gez. van der Lubbe. |
Dieser Aussage hatten die Kriminalisten Heisig und Dr. Zirpins nichts Wesentliches hinzuzufügen, denn alle ihre Nachforschungen bestätigten die Richtigkeit der Angaben und besonders die Behauptung van der Lubbes, allein gehandelt zu haben.
| Im Abschlussbericht der Polizei vom 3. März 1933 heißt es dazu: MITTÄTER? "Die Frage, ob van der Lubbe die Tat allein ausgeführt hat, dürfte bedenkenlos zu bejahen sein. Die Ermittlungen, der objektive Tatbestand und die genauen Feststellungen des Täters selbst beweisen dies. Im Laufe der Ermittlungen ist eine Unzahl von neuen Spuren aufgetaucht, die einer Nachprüfung aber nicht standgehalten haben ... Die Schilderung des Tatortes und der Tatausführungen hat van der Lubbe schon von der ersten Vernehmung an (also vor der Tatortbesichtigung selbst) genau mit allen Einzelheiten, Brandstellen, Beschädigungen und Spuren sowie des Weges, auf dem sie liegen, so angegeben, wie sie ihm noch in Erinnerung waren. Hierzu ist aber nur derjenige in der Lage, der die Tat selbst ausgeführt hat. Einer, der nicht dabei war, konnte dies alles, besonders die nicht planmäßig angelegten kleineren Brandstellen nicht vorher schon beschreiben und nachher praktisch demonstrieren... Über den persönlichen Eindruck, den van der Lubbe macht, ist zu sagen, dass van der Lubbe über eine (allerdings sicher einseitige) Intelligenz verfügt; er ist ein so genannter 'fixer Junge', obwohl er seinem Äußeren nach das Gegenteil zu sein scheint. Er beherrscht die hochdeutsche Sprache, die er aber undeutlich ausspricht, sogar bis in Feinheiten hinein, konnte also nicht nur der Vernehmung folgen, sondern sogar ganze Sätze behalten und inhaltsgetreu, ja sogar wortgetreu wiedergeben. Er verbessert (besonders bei den Motiven) die niederzulegenden Wendungen, die ihm nicht richtig gewählt erscheinen, selbst. Auffallend ist sein Orientierungsvermögen, das er wahrscheinlich bei seinen vielen weiten Wanderfahrten erworben hat. Obwohl er erst acht Tage in Berlin ist, ist er imstande, ganze Straßenzüge zu schildern und Tatorte (nach Anleitung) zeichnerisch darzustellen. Die Rekonstruktion des Tathergangs, die er bei den einzelnen Fällenwahrheitsgetreu schilderte, war, wie die wiederholten Nachprüfungen ergaben, lückenlos... Die Ermittlungen werden von Krim.-Komm. Heisig und Krim.-Komm. Dr. Zirpins geführt." Dr. Zirpins, Krim.-Komm. |
Kriminalkommissar Zirpins ist - wie auch sein Kollege Heisig - stets bei der Auffassung geblieben, dass van der Lubbe die Tat allein ausgeführt hat. In seinem damaligen Abschluss Bericht versucht er allerdings auch den Nachweis zu führen, dass van der Lubbe zu seiner Tat "von dritter Seite" angestiftet worden sei. Nachdem die polizeilichen Untersuchungen schon keine Anhaltspunkte für irgendwelche kommunistischen Mittäter van der Lubbes erbracht hatten, glaubte Zirpins offenbar, es seinen Vorgesetzten - die ja doch an die Mittäterschaft der Kommunisten glaubten - nicht antun zu können, eine Verbindung van der Lubbes mit der deutschen KP zu verneinen. Er berief sich dabei vor allem auf die Aussagen jener angeblichen Augenzeugen Karwahne, Frey und Kroyer, die van der Lubbe zusammen mit dem KPD-Fraktionschef Torgler gesehen haben wollten - Aussagen, die später vom Leipziger Reichsgericht durchweg als unglaubwürdig verworfen wurden.
Ermittlungen
Die Kriminalkommissare Heisig und Dr. Zirpins, die mit der ersten Vernehmung van der Lubbes beauftragt waren, haben sich nie von ihrer Überzeugung abbringen lassen, dass der Holländer den Reichstag allein und ohne fremde Hilfe angesteckt hat. Zwar wies Zirpins in seinem Abschlussbericht über die Vernehmung auf die Möglichkeit hin, dass van der Lubbe von dritter Seite angestiftet worden sei, blieb aber dabei, keinen Anhaltspunkt für irgendwelche Helfer bei der Tat selbst gefunden zu haben - obwohl er wusste, dass seine höchsten Vorgesetzten anderer Meinung waren und von der Kriminalpolizei andere Ergebnisse erwarteten.
Der Untersuchungsrichter Vogt und die Leipziger Richter haben sich um dieses Ergebnis der Kriminalpolizei wenig geschert. Ihrer Meinung nach vermochte ein einziger den Reichstag gar nicht in Brand zu setzen; van der Lubbe musste also Helfershelfer gehabt haben. Die gleiche These vertraten auch die Pariser Braunbuch-Autoren, und sogar der Bulgare Dimitroff erklärte in trauter Übereinstimmung mit Göring und Goebbels am 12. Oktober 1933 in einem Schreiben an den Senatspräsidenten des Leipziger Gerichts: "Ich bin fest überzeugt, dass van der Lubbe in diesem Prozess sozusagen nur ein Reichstagsbrand-Faust ist, hinter ihm stand zweifellos ein Reichstagsbrand-Mephisto. Der klägliche 'Faust' steht nun vor den Schranken des Reichsgerichts, aber der 'Mephisto' ist verschwunden."
Mit unverhohlenem Stolz auf seine Kenntnisse in deutscher Literatur verwandte Dimitroff diesen Vergleich in der Folgezeit immer wieder und verfocht leidenschaftlich die gleiche These wie die Nazis: Lubbe sei nur ein Werkzeug gewesen. Gegen diesen Punkt anzukämpfen, hielt er für töricht. Er wollte die Nazis vielmehr in ihrer eigenen Falle fangen, nämlich: den Nachweis führen, dass van der Lubbe Mittäter hatte und dann die eigene, die kommunistische Unschuld beweisen. Das aber konnte seiner Meinung nach nicht schwer fallen, da zumindest er und seine Landsleute Popoff und Taneff ja nur durch Zufall in den Kriminalfall verwickelt worden waren. Dimitroff handelte als Kommunist; es ging ihm weniger darum, die eigene Haut zu retten, als die Nazis zu entlarven.
Den Gedankengängen Dimitroffs und der Pariser Braunbuch-Verfasser sind denn auch alle jene mehr oder minder prominenten Autoren gefolgt, die sich in den letzten Jahren mit dem Reichstagsbrand beschäftigt haben, unter ihnen der einstige Gestapobeamte und spätere Widerstandskämpfer Gisevius, der Forschungsbeauftragte Dr. Wolff, der vorgebliche Reichstagsbrandspezialist Schulze-Wilde, der auch unter dem Pseudonym H. S. Hegner schreibt, der Ex-Diplomat Hans Otto Meißner und Illustriertenschreiber wie Curt Rieß. Wenn van der Lubbe nur der "Faust" war - und daran zweifelte keiner von ihnen -, dann musste es eben einen zweiten Mann, einen "Mephisto", gegeben haben!
Dieser zweite Mann, der Helfershelfer des - laut Braunbuch I - "kleinen halbblinden Lustknaben" van der Lubbe, spielt seit dem Braunbuch II in nahezu allen Publikationen über den Reichstagsbrand eine zentrale Rolle: Er hat inzwischen auch einen Namen bekommen: Paul Waschinsky.
Die Waschinsky-Legende existiert in vielen, voneinander mehr oder minder abweichenden Versionen; ihr Gerüst aber ist immer wieder dasselbe: Die SA will den Reichstag anstecken, dabei aber den Anschein erwecken, die Kommunisten hätten es getan. Sie lässt daher durch ihren Mittelsmann Waschinsky nach einem Kommunisten suchen, der das Geschäft des Brandstiftens übernehmen soll, sobald SA-Männer den Plenarsaal mit Brandmitteln präpariert haben. Waschinsky macht sich an Lubbe heran, indem er sich als KPD-Funktionär ausgibt, und veranlasst ihn, den Reichstag anzuzünden. Lubbe ist nach der Brandstiftung fest überzeugt, für die Kommunisten gearbeitet zu haben.
In dem Forschungsbericht Dr. Wolffs, der heute sozusagen amtlich abgestempelten Geschichte des Reichstagsbrandes, wird als wichtigste Quelle für diesen Paul Waschinsky der Journalist Harry Schulze-Wilde eingeführt - als ein Mann, der seit über zwanzig Jahren umfangreiches Material zum Problem des Reichstagsbrandes gesammelt hat. Dr. Wolff: "Er (Schulze -Wilde) war in der Brandnacht in Berlin verhaftet worden und konnte in dem damals herrschenden Wirrwarr im Polizeipräsidium am Alexanderplatz entkommen. Er flüchtete nach Paris und trat dem Kreis von Willi Münzenberg nahe."
Dr. Wolff gibt dann in zusammengefasster Schilderung wieder, was bei Schulze-Wilde als Ergebnis der "jahrelangen Nachforschungen unter kritischer Verwertung aller einschlägigen Literatur" herausgekommen ist, beziehungsweise, was ihm Schulze-Wilde darüber enthüllt hat:
Zentralfigur in der Darstellung Schulze -Wildes über den Reichstagsbrand ist der politische Agent Paul Waschinsky. Er ist mit dem Holländer van der Lubbe in den letzten Tagen vor dem Brand ständig zusammen gewesen, bat mit ihm die letzte Nacht vor dem Brand im Hennigsdorfer Asyl zugebracht und ihn dann am Brandabend zum Reichstag begleitet. Er ist auch identisch mit jenem Mann, der dem Polizeileutnant Lateit die erste Brandmeldung überbrachte.
Der mysteriöse Helfershelfer van der Lubbes ist nach Schulze-Wilde also jener junge Mann in Schaftstiefeln, der sich vor dem Reichstag plötzlich zu Oberwachtmeister Buwert gesellte, von Buwert aber für den Studenten Flöter gehalten und mit der Brandmeldung zur Polizeiwache am Brandenburger Tor geschickt wurde.
Schulze-Wilde erläutert nicht, warum ausgerechnet Paul Waschinsky die erste Meldung über den von ihm selbst inszenierten Brand zur Polizei brachte, statt sich so schnell wie möglich aus dem Staube zu machen. Denn wenn Waschinsky wirklich Lubbes Helfershelfer war, dann konnte er ja kein Interesse an einem raschen Eintreffen der Feuerwehr haben und riskierte außerdem mit seiner prompten Meldung die Entlarvung seiner Hintermänner. Dass die Polizei ihn - einen wichtigen Zeugen - entgegen den Vorschriften nicht nach Namen und Ausweis fragen würde, das hatte er bei aller guten Regie wohl kaum vermuten können.
In dem Forschungsbericht Dr. Wolffs kann man lesen, wie die Waschinsky-Legende, ein wichtiger Pfeiler für die NS -Schuld-These, zustande gekommen ist:
"Schulze-Wilde", so erzählt Dr. Wolff, "hatte in Paris unmittelbar nach dem 30. Juni 1934 vor dem Eingang zu einem jüdischen Wohlfahrtsbüro einen jungen Mann gesehen, der zweifellos Nicht-Jude war. Er sei mit ihm ins Gespräch gekommen und habe von ihm erfahren, dass er ein aus Deutschland geflüchteter SA-Mann sei. Die beiden Männer kamen dann noch öfter zusammen, und schließlich erzählte der SA-Mann, dass die SA den Reichstag angezündet habe, erzählte ihm alle die genannten Einzelheiten über die enge Zusammenarbeit des nationalsozialistischen Agenten Waschinsky mit van der Lubbe."
Schulze-Wilde, berichtet Dr. Wolff weiter, habe dann den SA-Mann aus den Augen verloren und könne sich unglücklicherweise auch nicht mehr auf dessen Namen besinnen.
Obwohl der eifrige Materialsammler Schulze-Wilde den zutraulichen SA-Mann in Paris wieder aus den Augen verloren und zudem auch noch dessen Namen vergessen hat, erscheint ihm die Sache mit Paul Waschinsky doch so gehaltvoll, dass er sie auch noch selbst - im Juni -Heft 1957 der "Frankfurter Hefte" - publiziert. Seine Studie heißt "Zur Geschichte der Technik der nationalsozialistischen Machtergreifung" und ist ein Vorabdruck aus dem 1958 erschienenen Band "Die Machtergreifung, für den Hans Otto Meißner, der Sohn des verstorbenen Chefs der Präsidialkanzlei, als Mitverfasser zeichnet.
Die Redaktion der "Frankfurter Hefte" wirbt dafür mit den Worten: "Für Leser, die jene Monate von 1933 miterlebt haben, wird die Wiedergabe eine Gedächtnisauffrischung sein, für Jüngere, so hoffen wir, ein Anreiz, ihre Kenntnisse der jüngsten deutschen Vergangenheit zu vervollständigen, damit sie keiner Verschweigens- oder Verharmlosungstaktik zum Opfer fallen können."
Paul Waschinsky, der Mann in Schaftstiefeln, ist auch in der neuen, jugendbildenden Schrift der eigentliche Held des Reichstagsbrands. Schreibt Harry Schulze -Wilde in den "Frankfurter Heften":
"Einer der ungezählten V-Männer, die es zu dieser Zeit in Berlin gibt und die ihr Brot durch Zusammentragen von mehr oder weniger richtigen Nachrichten verdienen, ist der Dauererwerbslose Paul Waschinsky, noch keine fünfundzwanzig Jahre alt. Er arbeitet sozusagen hauptberuflich für Graf Helldorf und nebenberuflich noch für andere, darunter für den 'Hellseher Erik Jan Hanussen ... Für Hanussen war Waschinsky früher einmal als 'Medium' und 'Mann aus dem Saale' tätig gewesen. Auf der Suche nach einem geeigneten 'Attentäter' hatte sich Dr. Goebbels Anfang Februar an Graf Helldorf gewandt und dieser hatte ihm Waschinsky empfohlen. Aber Dr. Goebbels lehnte ihn ab: Der Mann war ihm einerseits zu wach, anderseits nicht fest genug."
Schulze-Wilde weiß nicht nur Bescheid über das, was Dr. Goebbels und der nach dem 20. Juli 1944 von den Nazis hingerichtete Graf Heildorf dachten und taten; er kennt sich auch in den Gedankengängen Waschinskys aus:
"Waschinsky überlegt: Warum ließ ihn Goebbels zu sich kommen? Warum stellt Graf Helldorf Listen von Kommunisten Juden und Katholiken zusammen, die verhaftet werden sollen? Warum wird immer wieder verlangt, nach 'terroristischen Kommunisten' Ausschau zu halten, und warum ist man so enttäuscht, wenn er nichts zu melden hat?"
Der "wache" Waschinsky "kombiniert aus dem, was er erfährt, ziemlich mühelos einen Attentatsplan und spricht mit Hanussen ... Dem passt das für seine Seancen sehr in den Kram, ein Propaganda-Genie ist auch er, und so äußert er die Idee, bei etwas Derartigem müssten, wenn man es schon starte, Tausende zusehen können wie bei einem Großfeuer, zum Beispiel im Rathaus oder im Schloss, oder gar im Reichstag.
Nicht Goebbels wäre damit also der Erfinder der Idee, den Reichstag anzustecken, sondern der jüdische Hellseher Erik Jan Hanussen, der sich - nach Schulze-Wilde "als Spross eines uralten dänischen Adelsgeschlechts vorgestellt hatte, in Wahrheit Herrschel Steinschneider hieß und in Wien geboren wurde".
Es gibt zahlreiche Varianten darüber, wie Hanussens geniale Idee dann zu Goebbels gelangte. Eine davon hat Schulze -Wilde als "H. S. Hegner" in der "Frankfurter Illustrierten" vom 17. Januar 1959 mit dem entsprechenden Lokalkolorit beschrieben:
Waschinsky bestellt Helldorf, was ihm Hanussen aufgetragen hat. Dann setzt er zu einer kleinen Rede an: "Gruppenführer, ick hab' mir det übalecht. Da muß wat brennen, det Rathaus, oda det Schloß, ooch der Reichstach wär jut. So'n Großfeuer sieht janz Berlin, det macht ooch die Leute wild."
"Helldorf lacht laut auf. 'Du bist wohl verrückt, Reichstag anzünden ..."
"Der Graf spielt mit dem Federmesser. Überlegt. Verzieht den Mund. Starrt auf den Schreibtisch. Springt auf. 'Ein toller, ein verwegener Gedanke!'
"'Melde dich morgen früh wieder', befiehlt er und eilt aus dem Zimmer. Seine Sekretärin blickt erschreckt auf. Rufen Sie gleich bei Goebbels an, dass ich auf dem Wege zu ihm bin', ruft er ihr zu. Ganz dringende Sache."
"Der Gauleiter ist mitten im Diktat, aber er schickt seine Stenotypistin auf Helldorfs Wunsch hinaus."
Soweit "H.S. Hegner". In den "Frankfurter Heften" spinnt Schulze-Wilde diesen Fäden so weiter: "Über Waschinsky und Helldorf kommt das Stichwort zu Goebbels, der es sofort aufgreift. Unwahrscheinliche Möglichkeiten, die in dem Gedanken stecken, den Reichstag anzuzünden ... Hunderttausende, ja Millionen, die in den Wochenschauen der Kinos den Brand zu sehen bekommen, werden entsetzt sein...
"Noch an den Nachwirkungen einer Grippe leidend, beauftragt Goebbels um den 12. Februar Graf Helldorf, der Reichstagsabgeordneter ist wie er, das Gebäude auf die Möglichkeit (der Brandstiftung) hin zu inspizieren. Der Graf meldet sich alsbald im Palais des Reichstagspräsidenten Göring, ohne diesen selbst jedoch getreu der Anweisung von Goebbels in die Überlegung einzuweihen. Dass allerdings für den 27. Februar etwas geplant ist, weiß auch Göring; darüber wurde im Führergremium ja bereits ganz offen gesprochen. Und Göring selbst bereitet für den Tag X Verhaftungslisten vor."
Einigermaßen unverständlich ist die Geheimnistuerei gegenüber Göring. Bei Waschinsky war Helldorf nicht so zurückhaltend; ihm erzählte er sogar, dass "Kommunisten, Juden und Katholiken" verhaftet werden sollten.
Schulze-Wilde fährt fort: "Das Reichstagsgebäude wird von einer Stabswache der SA beschützt. Die Leute unterstehen dem direkten Kommando von Oberführer Ernst, einem Untergebenen des Grafen Helldorf."
Dieses Beschützen muss sehr heimlich vor sich gegangen sein. Denn das Reichstagsgebäude war nach wie vor den altbewährten Pförtner und Amtsgehilfen aus der Zeit der Weimarer Republik anvertraut. Auch im Reichstagspräsidentenpalais - falls Schulze-Wilde dieses meint - gab es keine Stabswache, denn Göring wohnte damals ja noch in seiner Wohnung am Kaiserdamm.
Im weiteren Ablauf ähnelt die Handlung der Waschinsky-Legende stark der Darstellung, die der, frühere Assessor der Staatspolizei Hans Bernd Gisevius 1946 in seinem Buch "Bis zum bittern Ende" dargeboten hat.
Was Gisevius über die Vorgeschichte der Brandstiftung berichtet, ist zum klassischen Bestandteil aller Varianten der Reichstagsbrandlegende geworden: Der Berliner "SA-Brigadeführer" Ernst empfängt Ende Februar zehn Mann: "Karl Ernst hatte sie vorerst einmal tüchtig angebrüllt. Das war so üblich in der braunen Soldateska. Wer den Brülljargon gut beherrschte, galt 'ganz groß' ... Dann aber war der Brigadeführer plötzlich nett geworden, sehr menschlich. Er hatte gemeint, man würde jetzt ein 'Ding drehen'. In den nächsten Tagen wolle man zum vernichtenden Schlag gegen die Marxisten ausholen. Alles sei vorbereitet. Was fehle, sei der Anlass. Den müssten sie jetzt schaffen. Wie sie wussten, wollten die Kommunisten ganz Deutschland in Schutt und Asche legen. Sie, die Nazis, würden bloß den Reichstag, diese elende Quasselbude, anzünden. Hinterher würden sie behaupten, die Kommune hätte das Feuer gelegt. "Polizei? Um die brauchten sie sich keine Sorge zu machen. Notfalls werde man die Untersuchung in die gewünschte Bahn lenken. In dieser Hinsicht habe der 'Doktor' - das war Goebbels - alles mit Göring durchgesprochen.
"Der Befehlsempfang hatte damit geendet, dass sie so etwas wie einen Räuberhauptmann erhielten. Karl Ernst wollte nur das Oberkommando führen; den Stoßtrupp sollte ein anderer befehligen: dafür fühlte sich der Brigadeführer zu prominent. Und so wurde dem Sturmbannführer Heini Gewehr die hohe Ehre zuteil, in historischer Stunde seine Gefolgschaftstreue und seine pyrotechnischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen."
Die Brandstiftung selbst spielte sich nach Gisevius dann so ab: "Gegen sechs Uhr fuhren sie vor dem Palais des Reichstagspräsidenten vor, das gegenüber dem Hauptgebäude lag und durch einen unterirdischen Gang mit diesem verbunden war. Es standen dort so viele Autos herum, dass ihre Ankunft überhaupt nicht auffiel ...
"Sofort gingen sie in den Keller hinunter. Dort mussten sie eine ziemliche Weile warten ... Aber plötzlich kam mit lautem Gepolter Karl Ernst herunter. Heini Gewehr schon den Namen finde ich köstlich, ich beneide Goebbels um seine Improvisation meldete, alles sei in Ordnung, und von da an ging alles wie der Wind. Sie jagten durch den vielberedeten unterirdischen Gang. Natürlich vermieden sie es, unnötigen Lärm zu machen. Anderseits hatten sie weder ihre klobigen SA -Schuhe ausgezogen, noch liefen sie auf Gummisohlen, noch hatten sie sonstige Vorkehrungen getroffen, etwa ihre SA -Kluft mit Räuberzivil vertauscht oder wenigstens ihre Ausweise weggesteckt"
Trotz der mangelnden Umsicht der SA-Männer läuft bei Gisevius alles "wie am Schnürchen" ab: Die SA verschwindet, nachdem sie die Brandmittel verteilt hat. Schulze-Wilde hat diese Version in den "Frankfurter Heften" noch weiter ausgesponnen. Bei ihm führt nicht Heini Gewehr, sondern Oberführer Karl Ernst den brandstiftenden SA-Trupp an. Er weiß auch, wie der Brennstoff der Brandstifter beschaffen war: Benzol, Phosphor und "eine Mischung aus Sangajol", ein Brandstoff, der "sich selbst entzündet" und "genau auf 20 Minuten eingestellt" war.
Der Einfall mit dem geheimnisvollen Brandstoff, "der sich selbst entzündet", war nicht eben originell. Das "Sangajol" ist nämlich nichts anderes als Terpentin -Ersatz und spielte im Prozess vor dem Reichsgericht - nur als Bestandteil eines Möbel-Putzmittels für das Gestühl im Plenarsaal - eine absolut harmlose Rolle. Durch eine anonyme Postkarte war nämlich die Behauptung aufgestellt worden, dass durch die ständige Anwendung des mit "Sangajol" verdünnten Putzmittels die Brennbarkeit der Möbel erhöht worden sei.
Nach Schulze-Wilde hatte die SA also ganze Arbeit geleistet. Alles war glatt gegangen. Und: "Zum gerade noch geeigneten Zeitpunkt fand sich auch noch ein unmittelbar greifbarer 'kommunistischer Attentäter!'" Waschinsky hatte ihn beschafft: Marinus van der Lubbe.
"Wie van der Lubbe mit Waschinsky in Verbindung kam, ist nicht sicher bekannt." Das hatte Schulze-Wilde noch am 25. Februar 1956 in einer Zuschrift an die "Süddeutsche Zeitung" geschrieben. Obwohl er seinen geheimnisvollen Informanten aus Paris doch niemals wieder getroffen hat, weiß Schulze-Wilde sechzehn Monate später genau Bescheid. Da schreibt er nämlich in den "Frankfurter Heften":
"Am 18. Februar taucht er (Lubbe) in Berlin auf, im Männerheim in der Alexandrinenstraße. Die Gäste: Erwerbslose, Exmittierte, die ihre Miete nicht bezahlen konnten, Tippelbrüder, verkrachte Existenzen, hören dem Mann aus den Niederlanden amüsiert zu ... Unter den Zuhörern sitzt ein Bursche mit schwarzem Mantel und schwarzen Schaftstiefeln: Paul Waschinsky. Er hat den Auftrag, 'kommunistische Aufrührer' beizubringen . . . Schnell schließt er mit van der Lubbe Freundschaft. Am nächsten Morgen machen sie sich zusammen auf den Weg in die Stadt."
Eine eigene Fassung hat Schulze-Wildes Ko-Autor Meißner über das Bündnis des "Mephisto" Paul Waschinsky mit dem holländischen "Faust" van der Lubbe gegeben. In seinem "Tatsachenbericht" im "Weltbild" Nr. 2/1958 "Ein Toter spricht" wurde "Paul - ein heller Berliner Junge aus Neukölln" - Nachrichtenmann der SA und avancierte bereits im Frühjahr 1932 zu einem der persönlichen Agenten und Begleiter des SA-Führers Karl Ernst. Dann suchte Hanussen einen zuverlässigen jungen Mann für sein Vorzimmer. Die Wahl fiel auf Paul Waschinsky.
Diese Stellung scheint dem hellen Jungen aber nichts eingebracht zu haben, denn er findet sich freitags in der Stempelbaracke in Neukölln ein, um sein Geld abzuholen. Er wird Zeuge, wie am 24. Februar 1933 "ein merkwürdiger Kauz ... mit beiden Fäusten in der Luft herumfuchtelte und schrie: 'Protest! Protest! Deutsche Arbeiter ... Steckt die Bude an!' Dazu rollte er die Augen in seinem gutmütigen Kindergesicht."
Laut Meißner lernt Waschinsky den Holländer also erst am 24. Februar - und nicht am 18., wie bei Schulze-Wilde - kennen. Er begleitet van der Lubbe, wenn der Holländer einkaufen geht, um sich für die Brandstiftungen mit Kohlenanzündern einzudecken, und später sogar bei den Brandstiftungen selbst.
Da sich Meißners Version mit der Darstellung Schulze-Wildes nicht deckt, muss der Leser annehmen, Meißner habe die Einzelheiten selbst recherchiert. Überraschend ist dann freilich Meißners Erklärung: "Die Geschichte von Paul Waschinsky, wie sie hier in großen Zügen berichtet worden ist, wurde ... Harry Wilde um 1935 herum von einem Mann aus Karl Ernsts Gefolge in Paris erzählt."
Bei H. S. Hegner in der "Frankfurter Illustrierten" (der ja mit Harry Schulze -Wilde identisch ist) treffen Lubbe und Paul Waschinsky noch anders - nämlich an einer Tankstelle in Glindow - zusammen. Lubbe bittet einen Freund Waschinskys, der Chauffeur ist, ihn mit nach Berlin zu nehmen. Als Beifahrer sitzt bereits Waschinsky im Wagen. Lubbe hält revolutionäre Reden, spricht von Häuseranstecken, und "Paule" spitzt die Ohren. Das muß er Helldorf melden. Womit denn auch in dieser Version der Kreis geschlossen wäre: Der Brandstifter und die Nazis haben sich gefunden.
In dem Bericht Schulze-Wildes, bei dem Lubbe und Waschinsky sich also bereits seit dem 18. Februar kennen, hat Lubbe am 25. Februar nicht übel Lust, nach Holland zurückzukehren, denn für eine Revolution sieht er keine Chance mehr. "Da erzählt ihm Waschinsky, eine kommunistische Gruppe werde in den nächsten Taden 'das Signal zum Aufstand' geben. Wenn er, van der Lubbe, der erfahrene Revolutionär, dabei sein wolle, dann könne er mitmachen. Nur: Die Gefahr, verraten zu werden, sei groß, die Gruppe verlange eine Art Mutprobe.
"Infolgedessen kauft Marinus in mehreren Geschäften Kohlenanzünder, einige Pakete, und wirft sie, angezündet, am Mittelweg in eine Baracke, es qualmt, und die Feuerwehr wird alarmiert - anschließend in der belebten Königstraße in ein offenes Kellerfenster des Rathauses, wo der Maschinenmeister Kiekbusch den Brand bemerkt und mit ein paar Eimern Wasser löscht -, schließlich auf dem Dach des kaiserlichen Schlosses in eine Bauhütte -, dorthin wird ebenfalls die Feuerwehr geholt."
Die Sache mit der Mutprobe ist zweifellos ein gelungener Einfall. Nur wurde die städtische Feuerwehr tatsächlich in keinem der drei Fälle bemüht.
Am Sonnabendabend gegen 21 Uhr - zwei Tage vor dem Brand - "kommen Waschinsky und van der Lubbe ins Männerheim Alexandrinenstraße ... Van der Lubbe legt sich sofort schlafen. Waschinsky geht noch einmal weg; er informiert seine Auftraggeber. Der Propagandameister der NSDAP hält das Ganze für zwar recht mager, aber mangels jeglicher, sonstiger 'kommunistischer Terrorversuche' gibt er der Redaktion des 'Angriff' die Anweisung durch, die beiden Brandstiftungsversuche, die durch die Alarmierung der Feuerwehr aufgefallen sind, 'ganz groß' aufzumachen." Besonders solle herausgestellt werden, "dass im Schloss eine Menge Brandmaterial gefunden worden sei".
In Wirklichkeit war keine der Brandstiftungen durch das Eingreifen der Feuerwehr aufgefallen. Auch hatte man die Pressemeldungen durchaus nicht groß aufgemacht. Sie beschränkten sich zudem auf den Brand im Schloss; denn von den Bränden im Wohlfahrtsamt und im Rathaus erfuhr die Polizei erst durch Lubbes Geständnis, einen Tag nach dem Reichstagsbrand. Auch stand weder im "Angriff" noch in sonst irgendeinem Blatt, dass im Schloss "eine Menge Brandmaterial" gefunden worden sei.
Schulze-Wildes Story geht dann so weiter: "Am Sonntag-Morgen erklärte Paul Waschinsky ... seinem Freund Marinus, wie begeistert die Mitglieder der Terrorgruppe über die gestern erfolgten Aktionen gewesen seien; sie würden sich freuen, wenn er am Montag bei einer geplanten Großunternehmung mitmache; einer der Führer wolle ihn heute in Spandau kennen lernen." Denn: "In der Tat hat Waschinsky von Helldorf den Befehl erhalten, den Holländer im Bahnhofswartesaal von Spandau einmal dem Oberführer Ernst vorzuführen."
Unverständlich bleibt, warum die Nazis wegen des trampenden Holländers, der nicht einmal Mitglied der Kommunistischen Partei war, soviel Aufhebens machten und warum es ihnen nicht gelang, einen einzigen abtrünnigen echten Kommunisten zu finden.
"Gegen halbelf Uhr vormittags", so erzählt Schulze-Wilde, "treffen die beiden am Ziel ein. Waschinsky bestellt sich ein Bier, van der Lubbe will 'Melk' haben. Der Kellner glaubt nicht recht gehört zu haben; Milch steht nicht auf seiner Getränkekarte. Schließlich entscheidet sich der Revolutionär für Schokolade, - das nährt, sättigt und schmeckt gut. Pünktlich stiefelt Ernst mit seinem Adjutanten, der aber an der Theke stehen bleibt, in den Wartesaal. Er trägt keine Mütze und hat sich einen Zivilmantel übergezogen.
"Er nimmt am Tisch der beiden Burschen Platz und ist beim Anblick sowohl des Holländers wie der Schokolade entsetzt; kurzsichtig scheint der Kerl auch noch zu sein."
Als van der Lubbe dann gewohnheitsgemäß gar "zu einer Rede ansetzt", verliert Karl Ernst die Geduld. Er gießt seinen Zorn mit einem Korn hinunter und sagt zu Waschinsky die klassischen Worte: "Dein Heini hat wohl nicht alle Tassen in't Schrank? Der ruft ja nach der Mama, wenn's mulmig wird! Nich in die Tüte, det mach'n wa alleene.' Und weg ist er!"
Die Redaktion der "Frankfurter Hefte" hat wohl diesen Passus gemeint, als sie in einer Vorbemerkung schrieb: "Der Typus des Berichts passt sich der Eigenart der Ereignisse und der handelnden Personen an." Merkwürdigerweise fehlt die dokumentarisch bedeutsame Aussage in der später erschienenen Buchfassung "Die Machtergreifung".
Paul Waschinsky ist freilich durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Zwar hatte ihn schon Dr. Goebbels abgelehnt, dem er "einerseits zu wach, anderseits nicht fest genug" war, - trotzdem machte Waschinsky weiter mit. Aber auch nachdem der SA -Führer Karl Ernst im Spandauer Wartesaal erklärt hat: "Det mach'n wa alleene", gibt "Paule" nicht auf:
"Van der Lubbe ist zwar enttäuscht, aber er entschuldigt selbst seinen Freund Paul, als dieser erklärt, 'Karl' habe so schnell gehen müssen, weil ein Polizist am Eingang des Wartesaals aufgetaucht sei...
"Sie marschieren durch den Spandauer Forst bis zum Arbeitervorort Hennigsdorf. Dort sehen sie sich eine SA-Demonstration an, dann beschließt Waschinsky, in die Stadt zurückzufahren, 'um die Sache einzurenken'." Er lässt van der Lubbe also allein. Schulze-Wilde: "Van der Lubbe meldet sich bei der Polizei, um ins Hennigsdorfer Asyl eingewiesen zu werden. Er ist der einzige Gast."
Das "Einrenken" in der Nacht zum Sonntag - der letzten vor dem Brand - geht unerwartet einfach vonstatten: "Mit Erstaunen stellt der V-Mann bei Gruppenführer Helldorf fest, dass Oberführer Ernst einen gewaltigen 'Anpfiff' wegbekommen hat. Der Holländer sei sofort zu veranlassen, morgen Abend Punkt neun Uhr in den Reichstag einzusteigen und dort Feuer zu legen!"
Aber der bisher so aktive und gewissenlose Paul Waschinsky bekommt es plötzlich mit der Angst zu tun, so dass der gräfliche Gruppenführer ihn ermuntern muss: "Seine (Waschinskys) Aufgabe sei lediglich, den Holländer zu überreden, in den Reichstag einzusteigen, und zwar Punkt neun Uhr abends, dann zur Wache am Brandenburger Tor zu laufen und dort Meldung zu erstatten. Anschließend habe er sich unverzüglich im Gaubüro einzufinden ..."
Helldorf will Waschinsky gleich im Wagen des Oberführers Ernst nach Hennigsdorf zurückbringen lassen. "'Ich kann doch aber vor dem Asyl nicht mit einem Horch vorfahren!' wehrt sich Waschinsky gequält. Helldorf und Ernst lachen laut auf; die Vorstellung ist prachtvoll, dass ein Obdachloser mit einem 'pfundigen Wagen' vor der Polizeiwache ankommt und um ein kostenloses Obdach bittet."
Man einigt sich also nach Schulze-Wilde darauf, Waschinsky nur bis zum Stettiner Bahnhof zu bringen; von dort aus soll er die Vorortbahn nehmen. Waschinsky fährt nach Hennigsdorf und erteilt dort seinem Schlafgenossen van der Lubbe letzte Instruktionen.
Am Montagabend tritt gleichzeitig mit van der Lubbe und Waschinsky das Sonderkommando des SA-Führers Ernst in Aktion: "Gegen acht Uhr sammelt sich die Gruppe z. b. V., insgesamt zehn Mann, auf dem Bahnhof Friedrichstraße. Von da schlendern sie zwei und zwei nach dem Reichstagsufer. Vom Garten des Präsidentenpalais führt ein eisernes Tor nach dieser Straße. Man hat sich Schlüssel beschafft und braucht deshalb die Portierloge nicht zu passieren; zwar sitzt dort die Stabswache von Oberführer Ernst, die nicht zu fürchten ist, aber je weniger Mitwisser, umso besser."
Die "Stabswache" in der Portierloge? Dort saß doch, wie sich im Prozess einwandfrei ergab, allein der Nachtpförtner Paul Adermann!
"Die zehn Mann überqueren lautlos - es liegt Schnee - den Garten und verschwinden in den Heizungsraum." Dann beginnen sie ihren Marsch durch den unterirdischen Gang, der zum Reichstag führt.
Die Phantasie und der Hang zum Geheimnisvollen fanden im "geheimen Gang" ihr kriminalistisches Gruselstück. Dieser ganz prosaische Röhrentunnel, der von den Kelleranlagen des Reichstagsgebäudes unter der Friedrich-Ebert-Straße und unter dem Palais des Reichstagspräsidenten hindurch zum Kessel- oder Maschinenhaus führte, wo die acht Riesenkessel für die Heizung standen, ist neben der "Mephisto"-Figur Waschinsky ein Kernstück der Legende vom Reichstagsbrand geworden.
Als der Baumeister Paul Wallot 1894 - nach zehnjähriger Bauzeit - das Reichstagsgebäude aus feuerfestem Sandstein fertig gestellt hatte, verlegte er dennoch die Heizungsanlagen in das 120 Meter entfernte Kessel- oder Maschinenhaus jenseits der späteren Friedrich-Ebert-Straße, um jedwede Feuergefahr nach menschlichem Ermessen auszuschalten.
Ein Verbindungsgang nahm die Rohre für Heizung und Lüftung sowie die Kabel für Strom und Telefon auf. Im Keller des Reichstags befand sich die "Heizungszentrale", eine Verteilerstelle, von der aus Heizung und Belüftung im Reichstagsgebäude gesteuert wurden.
Der Gang hatte einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Die dicken Heizungsrohre ruhten übereinander auf Sockeln an der Wand. Der Gang wurde vom technischen Personal des Reichstags, den Heizern und den Handwerkern häufig benutzt.
In der Anklageschrift heißt es daher auch: "Der Gang wird auf beiden Seiten durch eiserne Türen, und zwar nach dem Maschinenhaus durch eine rote und nach der Reichstagsseite durch eine schwarze Tür, abgeschlossen. Diese beiden Türen stehen am Tage offen, da der Gang häufig, besonders vom Kesselhaus aus, dienstlich betreten werden muss. Nach Dienstschluss werden die Türen aber regelmäßig verschlossen."
Das Braunbuch und die Darstellungen von Gisevius, Dr. Wolff und Schulze-Wilde haben sich die Sache einfach gemacht: Mit "Nachschlüsseln" konnten die zehn SA- Männer ohne weiteres in den "Heizraum" gelangen. Gemeint ist offenbar das Maschinenhaus. Das geht nach Schulze-Wilde aufregend genug vor sich: "Doch bevor die Gruppe losgehen kann, muss erst noch das Signal aus dem Reichstag kommen, dass alle Abgeordneten das Haus verlassen haben und der einzige Nachtwächter, der zurückblieb, seinen obligaten Rundgang gemacht hat."
Schulze-Wilde verschweigt leider, wie und von wem dieses "Signal" gegeben wurde. Eine Telefonverbindung zu den Kellerräumen existierte jedenfalls nicht. Oder waren die SA-Männer gar mit Funkgeräten ausgerüstet?
Um 20 Uhr 40 ist es dann soweit: "Alle stehen startbereit, die Uhr zeigt acht Uhr vierzig. Wer keine Schuhe mit Gummisohlen hat, muss auf Socken gehen." Schulze-Wilde weiß offenbar nicht, dass zwischen 20 Uhr 45 und 20 Uhr 55 der Postbote Willy Otto durch die Gänge des Reichstags zu den Postkästen ging. Wären Ernst und seine Männer um 20 Uhr 40 losmarschiert - der Marsch auf Socken dauerte "keine fünf Minuten" -, dann hätten sie dem Postboten eigentlich begegnen müssen.
Doch der Postbote störte sie nicht. Bei Schulze-Wilde gibt es ihn gar nicht. "Nachdem sie ungesehen die Portierloge im Reichstag passiert haben ..."
Welche? Es gab fünf, und nur eine davon, am Portal V, war mit einem Pförtner besetzt; gerade diese aber lag vom Zugang zum Keller weit entfernt.
Nachdem die SA-Männer also die Portierloge passiert haben, "stürzen sie die teppichbelegten Treppen nach oben in den Plenarsaal. Erst als sich die dicke Eichentür hinter ihnen geschlossen hat, zündet der Oberführer seine Pechfackel an. Im Schein des gespenstischen Lichts laufen die Männer die Bankreihen entlang und gießen ihre Flaschen aus ...
"Alles hat bis jetzt geklappt, aber dann gibt es auch hier den unvermeidlichen Zwischenfall. Einer der Männer lässt beim Rückmarsch in dem unterirdischen Gang seine Jacke, die er dort deponiert hat, hängen."
Die hängen gebliebene Jacke stammt aus dem Braunbuch II, hier hängt sie allerdings an der Tür zum unterirdischen Gang; sie ist von einem "vorbeikommenden" Feuerwehrmann gefunden worden - an einer Stelle tief unten im Keller-Labyrinth des Reichstags, wo kein Feuerwehrmann etwas zu suchen hatte.
"Bereits wenige Minuten nach neun Uhr", so geht es bei Schulze-Wilde weiter, "verlässt der erste der Z.b.V.-Gruppe den Heizungsgang und verschwindet durch das eiserne Tor zum Reichstagsufer hin ... Ohne Aufenthalt fährt Ernst ins Gaubüro in der Hedemannstraße; den jackenlosen Mann setzt er im SA-Heim ab."
Jetzt braucht nur der tumbe "Faust" aus Holland nach den Befehlen seines "Mephisto" Waschinsky zu handeln und sich mit seinem Kommunistenausweis erwischen zu lassen. Schreibt Schulze-Wilde: "Vorne an der Auffahrt-Seite des Reichstages hat van der Lubbe seine Rolle gespielt. 'Los!' hatte Waschinsky gerufen, als es schon fünf Minuten nach neun Uhr war und van der Lubbe sich noch einmal erstaunt umsah, weil sonst niemand erschien. 'Die Anderen sind schon eingestiegen - an der andern Seite!' Er wird etwa zehn Minuten später, als er keuchend durch die Gänge des brennenden Gebäudes rennt, von einem Wachtmeister namens Poeschel und dem Hausinspektor Scranowitz verhaftet: auf frischer Tat im Reichstag gestellt!"
Gefasst, weil sein Verführer Waschinsky die Polizeiwache am Brandenburger Tor alarmierte. Die Regie hat geklappt: Der Reichstag steht in lodernden Flammen, und ein Kommunist ist als Brandstifter verhaftet.
Der Illustrierten-Geschichtsschreiber Peter Brandes, alias Curt Riess, lässt den Verführer Waschinsky genauso geheimnisvoll verschwinden, wie er aufgetaucht war: "Der Name taucht nur noch einmal auf - im Sommer 1934, Wenige Tage nach dem 30. Juni ... Einem von der SA ist es gelungen, sich über die Grenze zu flüchten, er macht seinen Weg nach Paris, er trifft dort ein paar ehemalige deutsche Journalisten, denen er alles erzählt, was er weiß, und er weiß eine Menge." Damit ist auch Peter Brandes wieder bei dem Kolporteur der Waschinsky -Legende, Harry Schulze-Wilde, angelangt.
Die Wahrheit über den zweiten Gast im Hennigsdorfer Asyl und über den Brandmelder in Schaftstiefeln sieht nun allerdings anders aus. Aus den Akten des Leipziger Reichsgerichts, aus Zeugenaussagen und aus dem Übernachtungsbuch der Hennigsdorfer Polizei ergibt sich nämlich folgendes:
Am Sonntag, dem 26. Februar 1933, befindet Marinus van der Lubbe sich in Hennigsdorf und geht gegen Abend gewohnheitsgemäß zur nächsten Polizeiwache, um seine Unterkunft für die Nacht sicherzustellen. Auf der Wache empfängt ihn als Diensthabender ein 35jähriger Polizeihauptwachtmeister mit dem ostpreußischen Namen Karl Adomeit, nimmt ihm den Pass ab und vermerkt in der Übernachtungskladde zunächst die genaue Uhrzeit der Ankunft van der Lubbes: 18 Uhr 20. Dann stutzt er: Ein Ausländer. Er fragt mit beruflichem Misstrauen, was Lubbe denn in Deutschland wolle. Van der Lubbe: "Arbeit suchen." Darauf hält ihm Adomeit griesgrämig vor, dass es in Deutschland doch wahrlich schon genug Arbeitslose gebe, die keine Aussicht hätten, Beschäftigung zu finden.
Dann führt er den nicht sehr willkommenen Gast ins Asyl, einen kleinen Raum im Hause der Polizeiwache. Er schließt auf, lässt van der Lubbe hinein und - schließt hinter ihm wieder ab.
Van der Lubbe aber ist nicht allein. Von den vier Betten im Asyl ist eins bereits belegt. Von einem Gast, der nicht noch ihm, sondern etwas früher, nämlich um 17 Uhr 43, von dem Polizeiwachtmeister Schmidt in Empfang genommen und ins Asyl eingeschlossen worden war. So steht es in der Polizeikladde.
Auch der erste Gast war Arbeitsloser. Er kam aus Rottenbuch in Oberbayern und hieß Watschinski. Seine Eltern hatten ihn allerdings, wie seinem Ausweis zu entnehmen war, nicht Paul, sondern Franz genannt. Franz Watschinski und der Holländer Marinus van der Lubbe aus Leiden verbrachten gemeinsam die Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1933 im Polizeiasyl in Hennigsdorf, wo sie - den Vorschriften entsprechend - für die Dauer der Nacht eingeschlossen worden waren.
Am 27. Februar, morgens um 7 Uhr 45, ließen die Hennigsdorfer Polizisten die beiden wieder hinaus. Nachdem Lubbe und Watschinski im Lokal der Frau Wolter in der Hennigsdorfer Hauptstraße, gegenüber dem Polizeirevier, Kaffee getrunken hatten, machten sie sich gemeinsam auf den Weg nach Berlin; sie trennten sich jedoch vor der Stadt.
Franz Watschinski ging seiner Wege. Sein Name jedoch, besser gesagt sein missverstandener Nachname, wurde zum Inbegriff einer Legendenfigur. Unter Beifügung eines passenden Vornamens, Paul - "zwanglos Paule genannt" -, und unter Verwendung der Tatsache, dass der von Oberwachtmeister Buwert im Dunkel des Brandabends nur verschwommen wahrgenommene "Zivilist im dunklen Mantel" später scheinbar spurlos verschwand, sah man hier die Möglichkeit, den fehlenden "Mephisto" des Reichstagsbrands hervorzuzaubern. Als der Reichstag schon brennt, alarmiert dieser Bursche noch die Polizei und verschwindet dann für immer. Jammert Peter Brandes in Anlehnung an das Braunbuch noch Ende 1957: "Der Mann ... scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein."
In Wirklichkeit war der junge Mann, der die Polizeiwache am Brandenburger Tor alarmierte, keineswegs verschwunden. Er tauchte später während des Reichstagsbrandprozesses wieder auf. Denn der Mann, der am Brandabend den Auftrag des Oberwachtmeisters Buwert so gehorsam ausführte, die Polizei alarmierte und dann auch noch mit den Beamten zum Reichstag zurückfuhr, hieß nicht Waschinsky, sondern Neumann. Er war es, der sich zu Buwert gesellte, als der Student Flöter nach Hause gegangen war. Er war es, der neben Buwert herlief. Er war es, der mit Leutnant Lateit ins Auto stieg, und zum brennenden Reichstag fuhr. Als dann die Polizei beim Eintreffen der Feuerwehr mit der Absperrung begann, wurde er mit anderen Schaulustigen zurückgedrängt und ging schließlich nach Hause.
Am nächsten Morgen kam es ihm nicht in den Sinn, noch einmal zur Polizei zu gehen, um sich dort wegen seiner Rolle als Brandmelder wichtig zu tun. Denn schließlich hatte er ja das Einsteigen van der Lubbes gar nicht gesehen, sondern war lediglich dazugekommen, als Buwert zur Einstiegstelle rannte.
Als Neumann dann nach Prozeßbeginn den Presseberichten entnahm, dass man sein Verschwinden und ihn selbst als "geheimnisvoll" bezeichnete und rügte, dass seine Personalien in der Aufregung nicht aufgenommen worden waren, meldete er sich unverzüglich bei der Polizei. Er wurde an den Oberreichsanwalt verwiesen. Man verhörte ihn, nahm auch seine Personalien auf, widmete ihm aber kein sonderliches Interesse, da ja seine Aussage zur Aufklärung des Falles nichts beitragen konnte. Immerhin - so sagte man ihm - wäre es möglich, dass man seiner noch bedürfe.
So wurde er vorsorglich geladen, als am 10. Oktober 1933 die Beweisaufnahme in Berlin begann. Bei dieser Gelegenheit wurde der Zeuge Nr. 1, Hans Flöter, später Dozent in Bremen, mit ihm bekannt, und die beiden unterhielten sich im Zeugenzimmer und später in einem Charlottenburger Lokal über den Prozess. Neumann berichtete Flöter über seine Eigenschaft als "Reservezeuge".
Er wurde tatsächlich nicht gebraucht, denn damals ahnte ja niemand, dass viele Jahre später die ausschweifende Phantasie eines Journalisten aus Neumanns Kurzstreckenlauf zur Polizei am Brandenburger Tor eine neue Reichstagsbrand-Legende und aus ihm selbst "einen Mann namens Waschinsky" machen würde.
Unerlässlich für die kommunistische Waschinsky-Legende war die Existenz des unterirdischen Ganges. Das Stichwort freilich, van der Lubbes Helfershelfer könnten diesen Gang benutzt haben, kam nicht von den Kommunisten, sondern von dem Reichstagspräsidenten Hermann Göring.
Schon im September 1932, also vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten, war die Polizei durch die Falschmeldung alarmiert worden, es sei ein Sprengstoffattentat auf den Reichstag geplant. Die Sprengladung sei irgendwo im Keller des Gebäudes versteckt. Offenbar hätten die Attentäter den unterirdischen Gang benutzt.
Die politische Polizei untersuchte den Gang mit großer Sorgfalt. Wenige Jahre zuvor nämlich, am 1. September 1929, war tatsächlich ein Sprengkörper im Reichstag explodiert: Rechtsradikalisten hatten eine Bombe in den Luftschacht eines Kellerfensters manövriert. Der Schaden war zwar gering gewesen, dennoch erinnerten sich die Angestellten des Reichstags noch an das Attentat. Der Gang musste seitdem von den Nachtpförtnern mehrmals kontrolliert werden.
Am Abend des 27. Februar 1933 kam Göring gegen 21 Uhr 35 am brennenden Reichstag an, wenige Minuten nachdem Pförtner Paul Adermann vom Reichstagspräsidenten-Palais aus Görings Sekretärin, Fräulein Grundtmann, alarmiert hatte. Nach den ersten Meldungen der Polizeioffiziere und des Berliner Oberbranddirektors Gempp war es für Göring ausgemacht, dass Kommunisten den Brand gelegt hatten. Da sich aber außer van der Lubbe kein weiterer Täter fand, obwohl das Reichstagsgebäude abgesperrt und jeder Winkel eifrig abgesucht worden war, stand Göring vor einem Rätsel. Wo waren die anderen Brandstifter geblieben? Im Hause waren sie nicht Herausgekommen waren sie auch nicht.
In diesem Augenblick muss Göring der Heizungsgang eingefallen sein. Schon 1932 hatte man ja doch die Kommunisten im Verdacht gehabt und - entgegen parlamentarischem Brauch - sogar ihre Fraktionsräume durchsucht. In seiner Vernehmung vor dem Reichsgericht am 4. November 1933 schilderte Göring seine Gedankengänge am Brandabend so:
"Ich hatte vor, van der Lubbe in der Nacht sofort aufzuhängen. Wenn ich es nicht getan habe, so nur aus dem Grund, weil ich mir sagte: Wir haben nur den einen, aber es muss eine ganze Schar gewesen sein. Vielleicht brauche ich den Mann noch als Zeugen."
In der Tat wäre es von Göring ja sehr unklug gewesen, van der Lubbe sofort hinrichten zu lassen, denn dann hätte ihm jedermann vorwerfen können, er habe einen unbequemen Mitwisser aus dem Wege geschafft.
Görings Vermutung, kommunistische Brandstifter hätten den unterirdischen Gang benutzt, wurde zur Gewissheit, als der Garderobier Robert Kohls die Kommunisten Torgler und Koenen als die Personen bezeichnete, die das Haus als letzte verlassen hatten Göring vor dem Reichsgericht: "Der Ausländer (van der Lubbe) hat den Ausgang nicht gekannt. Er ist umhergelaufen wie ein wilder Igel. Die anderen sind längst entschlüpft. Meiner Überzeugung nach haben sie den unterirdischen Gang benutzt. Der führt hinten zum Maschinenhaus hinaus. Es ist eine Leichtigkeit, von dort über die Mauer zum Spree-Ufer zu kommen."
Noch in der Brandnacht ordnete Göring die Durchsuchung des unterirdischen Gangs an. Er gab den Befehl an seinen Adjutanten, Hauptmann Jakoby, der wiederum Görings SS-Leibwächter und Kraftfahrer Walter Weber mit der Durchsuchung beauftragte. Mit einer Bedeckung von drei wahllos beorderten Schutzpolizisten begab sich Weber zum Präsidenten-Palais. Die Schupo-Begleitung beruhigte die Portiersfrau, die - ohne weiter zu fragen - die Schlüssel zum Gang aushändigte.
Die vier betraten den ominösen Gang. Weber wandte sich in Richtung Reichstagskeller. Er fand dort die Tür ordnungsgemäß verschlossen und traf auf dem Rückweg mit den Polizisten zusammen, die den Teil des Ganges in Richtung Maschinenhaus durchforscht hatten. Sie hatten auch am dortigen Ausgang die Tür verschlossen vorgefunden. Nach sieben bis acht Minuten trafen sie wieder beim Pförtner im Präsidenten-Palais ein.
Wenn Göring den Reichstag tatsächlich angesteckt hatte und andererseits die Kommunisten verdächtigen wollte, durch den einzig möglichen Weg gekommen und entwischt zu sein, hätten er oder seine Helfershelfer doch wenigstens die Türen offen gelassen, statt sie wieder sorgfältig zu verschließen. Was man aber aufgrund seiner Anweisung feststellte, war praktisch die Widerlegung seiner eigenen These.
In der Anklageschrift hieß es denn auch: "Jedenfalls steht durch die Aussagen des Zeugen Adermann sowie der beiden anderen Pförtner des Präsidentenhauses, Müller und Wutstrack, völlig einwandfrei fest, dass vom Präsidentenhaus aus irgendwelche Mittäter des Angeschuldigten van der Lubbe auf keinen Fall durch den unterirdischen Gang in das Reichstagsgebäude hinein oder auf diesem Wege nach der Tat wieder hinausgelangt sein können. Ebenso erscheint es außerordentlich unwahrscheinlich, dass von dem Kesselhaus, also dem Grundstück Reichstagsufer 5, am Brandtage jemand unbefugt in das Reichstagsgebäude eingedrungen sein könnte. Denn von keiner Seite ist in dieser Beziehung irgendwie etwas Auffälliges wahrgenommen worden.
"Dass es einem Mittäter des Angeschuldigten van der Lubbe am Abend des Brandtages gelungen sein sollte, auf diese Weise durch den unterirdischen Gang aus dem Reichstagsgebäude ungesehen zu entkommen, ist gleichfalls nicht anzunehmen. Denn wie festgestellt ist, waren zur Zeit des Brandes sämtliche Türen des Ganges fest verschlossen. Unmittelbar nach der Brandstiftung ist der Gang von dem Zeugen Weber zusammen mit drei Schutzpolizeibeamten kontrolliert worden.
"Auch bei dieser Kontrolle sind die Türen, die den unterirdischen Gang nach dem Reichstagsgebäude und dem Präsidentenhaus abschließen, fest verschlossen vorgefunden worden. Die Reichstagsbrandstifter hätten also, abgesehen davon, dass sie in diesem Fall über ganz genaue Ortskenntnisse hätten verfügen müssen, sämtliche Türen aufschließen und hinter sich wieder ordnungsgemäß abschließen müssen. Dies muss aber nach den ganzen Umständen als ausgeschlossen angesehen werden.
"Nach alledem wäre also an sich die Schlussfolgerung berechtigt, dass das Entkommen eines Mittäters aus dem Reichstagsgebäude nach neun Uhr abends weder durch eines der fünf Portale noch durch den unterirdischen Verbindungsgang möglich gewesen ist."
Dieser Gedankengang war logisch, richtete sich aber gegen die These Görings, dem nach der Expedition Webers und der drei Polizisten nur die Lösung offen blieb: Die Brandstifter müssen über Schlüssel verfügt haben, um den vierfach verschlossenen Gang benutzen zu können.
Die Täter konnten sich Nachschlüssel verschafft oder sogar die normalen Schlüssel benutzt haben. Auf jeden Fall mussten sie von Angehörigen des Reichstagspersonals unterstützt worden sein. Das allein blieb als Ausweg übrig, wenn die Nazi-These von den kommunistischen Mittätern Lubbes aufrechterhalten werden sollte.
Um diesem auch in den Vernehmungsprotokollen ausgesprochenen Verdacht zu begegnen, jemand von ihnen habe den kommunistischen Brandstiftern geholfen, waren die Angestellten des Reichstags eifrig bemüht, zur Aufklärung der Tat etwas beizutragen. Nicht ein einziger von ihnen war ja seit der Machtübernahme Hitlers entlassen oder ausgewechselt worden. Kein Wunder, dass die misstrauischen neuen Herren sie in den Personenkreis der Verdächtigen einbezogen. Ein halbes Dutzend der im Maschinenhaus und in der Heizzentrale Beschäftigten wurde denn auch wegen "marxistischer Einstellung" am 1. März vom Dienst abgelöst.
Douglas Reed, der Korrespondent der Londoner "Times", schreibt in seinem Buch "The Burning of the Reichstag" über die Reichstagsangestellten: Der Durchschnitts-Laie malt sich vielleicht das Reichstagsgebäude als eine große Halle aus, die zwischen den Sitzungstagen menschenleer, frostig und düster ist. Er hat jedoch keine Vorstellung von der Kompliziertheit eines solchen Gebäudes mit seiner riesigen Maschinerie für Heizung, Beleuchtung und Entlüftung und keine Ahnung vom Umfang des menschlichen Gemeinwesens, das darin ständige Beschäftigung findet. Er weiß nichts von den kleinen Reibereien, den Nebenbuhlerschaften und Streitigkeiten, die darin eine Rolle spielen.
"Mehr als einmal während des Prozesses konnten Beobachter dieses menschliche Element beim Studium der vielen Reichstagsbediensteten, die ihre Aussagen machten, wahrnehmen. Es gab schweigsame Zeugen, die mehr gewusst haben mögen, als sie sagten. Es gab zungenfertige Zeugen, deren Art erkennen ließ, dass sie mehr sagten, als sie in Wirklichkeit wussten."
Ein solcher zungenfertiger Zeuge war Paul Adermann, der Nachtpförtner im Reichs-tagspräsidenten-Palais. Er war es nämlich, der durch seine Angaben vor dem Unter-suchungsrichter und später vor Gericht Kopfschütteln bei seinen Kollegen, bei den Kommunisten im Ausland aber lärmenden Triumph hervorrief, denn er sagte aus, er habe vor dem Brand mehrfach Schritte in dem unterirdischen Gang gehört.
Zwischen dem Senatspräsidenten Bünger und Adermann entspann sich in der Verhandlung am 18. Oktober 1933 folgender Dialog:
BÜNGER: Sie haben früher einmal nachts Schritte im Gang gehört?
ADERMANN: Ja, das war mehrmals zwischen elf und ein Uhr nachts, das letzte Mal etwa zehn Tage vor dem Brand. Das war eine Person, und ich nahm an, dass jemand kontrollieren wollte, ob wir nicht etwa schlafen. (Tatsächlich war ein Nachtpförtner entlassen worden, weil er im Dienst geschlafen hatte.)
BÜNGER: An sich würden Sie - wenn der Brand nicht gewesen wäre - dabei nichts gefunden haben?
ADERMANN: Nein, gar nichts.
Adermann begründete diese Auffassung auch recht einleuchtend, indem er anführte, dass etwaige Bösewichter ja sicherlich nicht so deutlich hörbar und herzhaft, aufgetreten, sondern vermutlich leise geschlichen wären.
Immerhin hatte Adermann vor dem Brand seinem Vorgesetzten, dem Hausinspektor Scranowitz, von den "Schritten im unterirdischen Gang" berichtet. Der wies ihn an, gut aufzupassen, wenn er wieder etwas hören sollte. Das Aufpassen betrieb Adermann auf recht komplizierte Weise: Er klebte auf die rote Tür zum Maschinenhaus einen roten, auf die schwarze zum Reichstag einen schwarzen Papierstreifen. Außerdem spannte er Fäden über die Türspalten und legte Klötzchen unter die Laufplatten.
Einige seiner so aufschlussreichen Erlebnisse hatte Paul Adermann bereits bei der Kriminalpolizei zum Besten gegeben. Am 3. März hatte er ausgesagt: "Ungefähr drei bis vier Wochen vor dem Brande wurde in der Nacht so zwischen 21.30 Uhr bis ein Uhr hinten im Beamtenhaus stark geklopft. Es hörte sich mitunter so an, als wenn jemand mit einer Ramme auf das Pflaster schlägt."
Wurde da etwa ein unterirdischer Stollen vorgetrieben? Der Obermaschinenmeister Eugen Mutzka gab der Polizei am nächsten Tage, am 4. März, die folgende Aufklärung: "Die Erzählungen über die starken Klopfgeräusche sind stark aufgebauscht. Die Klopfgeräusche stammen aus der Wohnung des Botenmeisters Prodöhl. Prodöhl besitzt einen erwachsenen Sohn, der geistig etwas beschränkt sein soll, welcher in den Abendstunden wiederholt mit Händen und Füßen auf den Tisch in seiner Stube getrommelt hat."
Die Kriminalpolizei tat daraufhin Adermanns Bekundungen in ihrem Protokoll mit den Sätzen ab: "Die ganze Klopftonangelegenheit wird diesseits als erledigt betrachtet, da sie nach Lage der Sache mit dem Brand im Reichstagsgebäude in keinen verständlichen Zusammenhang gebracht werden kann. Es hat sich bei den Ermittlungen auch kein Anhalt dafür ergeben, dass die angeblichen Beobachtungen mit einer anderen, etwa geplanten strafbaren Handlung Zusammenhang gehabt haben."
Es war nämlich ein offenes Geheimnis - und Adermann selbst musste es vor Gericht zugeben -, dass der Gang "aus Bequemlichkeitsgründen sehr oft von technischen Reichstagsangestellten benutzt worden ist". Das sollten sie zwar nicht. Aber sie taten es. Allein aus dieser Tatsache erklärt sich die Sherlock-Holmes -Rolle Adermanns vor Gericht. Er wusste genau, dass da keine gefährlichen Leute herumgeisterten; deshalb machte er seine Mätzchen, um Material für seine Wichtigtuerei zu haben.
Der Obermaschinenmeister Eugen Mutzka bestätigte auf Befragen des Oberreichsanwalts in seiner Vernehmung vom 16. Oktober 1933, dass "die Heizungsleute unten frei verkehren konnten".
OBERREICHSANWALT: "Auch durch den unterirdischen Gang?"
MUTZKA: "Ja, auch durch den unterirdischen Gang!"
So erklärten sich die nächtlichen Schritte recht einfach: Einer der Heizungsleute benutzte hin und wieder den Gang aus Gründen der Bequemlichkeit.
Douglas Reed von der "Times" traut dem "üblen Schwätzer" Paul Adermann durchaus zu, von den Brandstiftern bestochen gewesen zu sein. Denn es war zwar möglich, mit Hilfe von Nachschlüsseln durch das unbewachte Maschinenhaus in den unterirdischen Gang zu gelangen; dann aber mussten die Brandstifter den Gang direkt unter der Pförtnerloge des Präsidentenpalais passieren. Und der Tunnel war mit losen Metallplatten ausgelegt, die - wie Douglas Reed selber wahrnehmen konnte - "ein Getöse verursachten, das vom Pförtner gehört werden musste".
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