Read the book: «Mein Freund Jim»
W. E. Norris
Mein Freund Jim
Roman
Autorisierle Uebersetzung aus dem Englischen
Saga
Erstes Kapitel.
Ich entsinne mich des ganzen Vorgangs so deutlich, als ob er gestern nachmittag stattgefunden hätte — merkwürdig, wie einzelne, an sich weder bedeutsame, noch folgenschwere kleine Scenen es fertig kriegen, sich unserm Gedächtnis einzuprägen und darin zu haften, indes hundert andre im Lauf der Jahre verblassen und verschwinden. Als ich vorhin die Augen eine Weile zudrückte, sah ich alles wieder vor mir: das dunkle, muffig riechende Studierzimmer, in das ein breiter Sonnenstrahl in gerader Linie hereinfällt; Bracknell, Jim und ich stehen nahe bei einander vor dem hohen, leeren Kamin; der alte Lord Staines sieht mit einer Blume im Knopfloch und einem heiteren, behaglichen Lächeln auf seinem schönen Gesicht ungemein vornehm und weltmännisch aus (was er zu jener Zeit immer zu thun pflegte), und mein Lehrer blinzelt hinter seinen Brillengläsern und richtet wie gewöhnlich seine Worte an keinen von uns im besondern.
„Es thut mir leid, diese drei Burschen zu verlieren,“ sagte er. „Sie sind, alles in allem genommen, keine üblen Gesellen, und werden es voraussichtlich in der Welt zu etmas bringen, gerade wie in Eton, ja ungefähr auch in derselben Weise. Bracknell — nun ich wüsste nicht, was man mehr von ihm verlangen könnte, als dass er unter den Elfena) ist, und dabei ernstlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen wüsste. Er ist ein hübscher, gutmütiger Bursche, und von Zeit zu Zeit habe ich sogar Spuren von — nun ja von Intelligenz bei ihm wahrgenommen. Bracknell kann so bleiben; er wird seiner Stellung Ehre machen. Was dann Maynard betrifft, so ist er gescheit, wenn auch nicht in dem Mass, als er selbst es glaubt. Zu einem Denkmal wird er’s schwerlich bringen, aber ich hoffe, seine Mutter wird sich nie an ihm zu schämen brauchen, und ich habe ihr geschrieben, dass ich ihn als meinen Paradezögling betrachte. Das ist vielleicht etwas zu viel gesagt, keinenfalls laufe ich aber Gefahr, dass meine Mitteilung bezweifelt wird. Nun und dann haben wir noch Leigh,“ der Professor trat ein paar Schritte näher und klopfte Jim auf die Schulter, „ja, was lässt sich denn eigentlich von Ihnen sagen, Leigh? In den alten Sprachen sind Sie mittelmässig, in der Mathematik, soviel ich weiss, ebenfalls, unter den Elfen sind Sie auch nicht, und dass Sie unter die Acht gekommen sind, danken Sie, glaube ich, mehr Ihren zahlreichen Freunden als Ihrer Geschicklichkeit. Also kurzum mittelgut, Jim Leigh, und trotzdem der Beste von allen! Und deshalb möchte ich Ihnen fast prophezeien,“ fügte unser Mentor hinzu, indem er den jungen Riesen, der um mehr als eines Hauptes Länge über ihn emporragte, mit einem eigentümlichen, freundlichen Lächeln ansah, „dass es Ihnen nie an Freunden fehlen wird, Leigh, und dass Sie Aussicht haben, Ihr lebelang mehr oder weniger — hm — missbraucht zu werden.“
Bei dieser einigermassen cynischen Prophezeiung brach Lord Staines in ein herzliches Lachen aus. „Wir werden uns schon seiner annehmen,“ sagte er, „wir wollen sorgen, dass Ihnen kein Unrecht geschieht, Leigh.“
Ich bin überzeugt, dass Lord Staines sich für vollständig befähigt hielt, solches zu thun, und doch hätte ein Unparteiischer, der den eignen Lebensgang desselben gekannt, ihn schwerlich für den geeigneten Mann gehalten, eine derartige Aufgabe zu vollbringen. Er hatte von jeher einen wohlgemeinten, etwas gönnerhaften Anteil an Jim genommen, der Vater und Mutter früh verloren hatte, dessen bescheidener Grundbesitz an seinen ausgedehnten in Berkshire grenzte und der vor allen Dingen der Freund seines Sohnes war. Er hielt ziemlich grosse Stücke auf ihn und war so gütig, dies hie und da auszusprechen; die Bemerkung des Professors, dass „Jim der Beste von allen“ sei, nahm er jedoch selbstverständlich als Scherz. Aber selbst wenn jemand in vollem Ernst die Behauptung aufgestellt hätte, dass Jim seinem Sohn überlegen sei, würde Lord Staines schwerlich böse geworden sein. Wenn man selbst im glücklichen Besitz eines edlen Rassepferdes ist, so gönnt man dem andern ja wohl die harmlose Freude, seinen behäbigen, fleissigen Ackergaul für das wertvollere der beiden Tiere zu halten.
Der arme, alte Lord Staines war von einer thörichten, närrischen Vaterliebe. Ich habe diese Ansicht mit solch langweiliger Einstimmigkeit aussprechen hören, dass ich den Satz sicherlich bestreiten würde, wenn auch nur die leiseste Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Da dies nicht der Fall, will ich wenigstens auf alles das aufmerksam machen, was zu seiner Entschuldigung dienen kann, und ich glaube mit vollem Recht behaupten zu können, dass auch ich stolz sein würde auf einen Sohn, der so hübsch und gewandt, so unerschrocken und fröhlich, so übermütig und jugendfrisch wäre, wie Bracknell es in jenen Tagen gewesen. Es lässt sich ja streiten, ob gerade diese Eigenschaften zu väterlichem Stolze berechtigen, aber es lässt sich nicht in Abrede ziehen, dass sie dieses Gefühl in der Regel hervorrufen. Dabei muss freilich zugegeben werden, dass Lord Staines’ Prahlen und Sichbrüsten etwas Herausforderndes hatte, und es ist begreiflich, dass seine Freunde es zum Teil komisch, zum Teil widerwärtig fanden. So oft eine Cricketpartie stattfand, las er so viele alte Kameraden auf als thunlich und schleppte sie nach Eton, um seinen Wunderknaben kämpfen und siegen zu sehen. Er wurde dieses entzückenden Anblicks niemals müde, und es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass die Sache für andre allmählich an Reiz verlieren könnte. Bracknells Kasse war selten leer, und der Vater lachte gutmütig über die Geschwindigkeit, mit der das Taschengeld erneuert werden musste. Ich glaube, dass selbst die etwas langen Rechnungen, die von Zeit zu Zeit von den Geschäften in Eton und Windsor einliefen, ihm wenig Sorge machten, auch wenn die Absender ergebenst zu bemerken sich erlaubten, dass sie drei Jahre nicht bezahlt worden seien. Auch er war seiner Lebtage sorglos, freigebig und leichtsinnig gewesen; vermutlich fand er es nicht mehr als billig, dass sein Sohn und Erbe ebenso geartet, und wenn er je gelegentlich bedachte, dass die Verschwendung zweier Generationen auf ein nicht allzu glänzendes Vermögen nachteilig wirken müsse, so sagte er sich ohne Zweifel, dass Bracknell eine reiche Frau heiraten und dadurch alles wieder in Ordnung bringen werde. So hatte er es dereinst gemacht und die Sache war vorzüglich ausgefallen, das heisst, er war zu der Zeit, von der ich spreche, noch nicht am allerletzten Schilling des Vermögens seiner Frau angelangt.
Am letzten Tag von Bracknells Schulzeit lagen ihm aber sicher derartige Betrachtungen überhaupt fern, denn er strahlte förmlich vor Wohlwollen und Selbstzufriedenheit. Als es Zeit war, Abschied zu nehmen, drückte er uns beiden herzlich die Hand und versicherte Jim und mich wiederholt, dass wir uns nicht einfallen lassen sollten, an ein Ende unsrer Freundschaft zu denken, weil unsre Lebenswege nun äusserlich auseinander gingen — Bracknell sollte nämlich sofort in das Leibgarderegiment eintreten, indes Jim und ich unsre Studien regelrecht in Oxford fortsetzen wollten.
„Wir sehen uns ja in Bälde wieder, in Staines Court natürlich. Wann eigentlich? — ja im nächsten Herbst vielleicht noch nicht, weil ich ziemlich lang in Schottland oben bleiben werde, aber dann sicher irgend einmal jedenfalls. Und Bracknell wird nach Oxford hinunterfahren und sich nach euch umsehen. Aber warum wollt ihr nicht zu uns nach Schottland kommen? Sind die jungen Herren Jäger? Was, noch nie auf der Jagd gewesen? Nun, jedes Ding muss einmal versucht werden, Bracknell ist für sein Alter ein tüchtiger Schütze. Also wir erwarten euch, abgemacht, und nun lebt wohl, meine lieben Jungen, lebt wohl!“
Damit eilte er, Bracknell mit sich nehmend, davon und hatte vermutlich unser beider gesamte Existenz in der nächsten Viertelstunde vergessen.
Ich erinnere mich, dass Jim stehen blieb, ihnen nachsah, und dann, nachdem sie unsern Blicken entschwunden waren, in die Worte ausbrach: „Was für ein prächtiger Mensch er ist!“, und es mir bitter übelnahm, dass ich vorgab, diese Aeusserung auf den alten Lord Staines zu beziehen. Ich hatte Jims enthusiastische Bewunderung für Bracknell nie geteilt. Einmal liegt Enthusiasmus nicht gerade in meiner Natur, und dann habe ich, wie man mir wenigstens nachsagt, ein scharfes Auge für die Fehler meiner Freunde. Wie dem auch sei, so viel ist richtig, dass ich in Bracknells Charakter ein paar dunkle Flecken wahrgenommen hatte, wovon einer Selbstsucht, ein andrer Unbeständigkeit hiess. Ich war daher ganz darauf gefasst, dass er sich von dem Augenblick an, wo äussere Verhältnisse uns nicht mehr zusammenführten, wenig um uns bekümmern werde, konstatiere jedoch mit grossem Vergnügen, dass ich ihm hierin unrecht gethan. Wir machten selbstverständlich von der etwas allgemein gehaltenen Einladung zur Jagd in den Hochlanden keinen Gebrauch, aber wenige Monate darauf löste Bracknell seines Vaters Wort ein und suchte uns in Oxford auf, wo er, da noch viele andre einstige Schulkameraden vorhanden waren, sich so trefflich vergnügte, dass er sich leicht erbitten liess, seinen Besuch in Bälde zu wiederholen, und auch in den zwei folgenden Jahren von Zeit zu Zeit da erschien, wo eine Schar Gleichgesinnter stets bereit war, ihn willkommen zu heissen, und wo sein Erscheinen jedesmal zu einem Ringkampf von ungewöhnlicher Ausdehnung das Zeichen gab. Am andern Tag kehrte Bracknell nach London zurück und überliess es dem armen Jim, den hohen Würdenträgern des Kollegs die Stirn zu bieten, die ihn jedoch meist glimpflich behandelten. Ich bilde mir ein, dass sie so gut wie wir wussten, dass Jim dazu erlesen war, in jeder Lage der Sündenbock zu sein; und überdies war es keinem nur halbwegs fühlenden Menschen gegeben, mit Jim Leigh hart zu verfahren.
Hie und da erhielt Jim einen Tag Urlaub, um nach London zu gehen, von wannen er jedesmal etwas blass und angegriffen, aber hoch entzückt über die Gastfreundschaft des vierten Garderegiments zurückkehrte, dessen Treiben seiner Schilderung nach ein überaus fröhliches war. Ich kann darüber aus eigner Erfahrung nichts berichten. Weder forderte Bracknell mich auf, ihn in London zu besuchen, noch nahm ich an den vorerwähnten Ringkämpfen Anteil. Einmal war ich ein Bücherwurm, und zweitens konnte ich mich der Gefahr, zu verwildern und meiner Mutter Herz dadurch zu brechen, nicht aussetzen. Jim war, wie schon gesagt, Waise, und das Schlimmste, was ihm widerfahren konnte, war deshalb lange nicht so bedenklich.
Mit einundzwanzig Jahren trat er vorschriftsmässig den Besitz seines Gutes und seines Vermögens an, wonach er sich jährlich auf etwas über fünftausend Pfund stellte, so dass er in des Wortes vollster Bedeutung unabhängig war. Seinem Wunsch gemäss blieben jedoch sein Onkel und seine Tante, die Elmhorst während seiner Minderjährigkeit verwaltet hatten, dort wohnen bis zu seiner Verheiratung, einem Ereignis, das ich allen Grund hatte, für nahe bevorstehend zu erachten. Die Sache war freilich ein tiefes Geheimnis — ich war eingeweiht, weil Jim von unsrer ersten Kindheit an kein Geheimnis vor mir hatte. Ausser mir ahnte keine Menschenseele von seinen Hoffnungen — am allerwenigsten die, welche der Gegenstand derselben war.
Ich wünschte sehnlich, mit vollkommener Unparteilichkeit über Hilda Turner sprechen zu können; wäre ich dessen fähig, so würde ich dem Leser wahrscheinlich einen weit günstigeren Begriff beibringen von einem Wesen, das ihn, wenn er ihr im Leben begegnete, zweifellos bezaubern würde, wie es den meisten geschah, ja, in das er sich vielleicht verlieben würde, was so vielen passierte. Aber ich muss ehrlich bekennen, dass dies Mädchen mir immer unerträglich war, und dass mein Zeugnis also nur als das eines sehr zu ihren ungunsten voreingenommenen Zeugen zu betrachten ist. Dennoch gestehe ich ohne Widerstreben zu, dass sie hübsch war, wenn auch keine regelmässige Schönheit, und dass ihr Wesen einen grossen Reiz besass, wenn auch nicht für mich. Sie war eine jener Blondinen mit blendend weissem Teint und rosig angehauchten Wangen, jenem Teint, der sich bis in ein hohes Alter frisch und faltenlos erhält. Man belehrt mich, dass die letztere beneidenswerte Eigenschaft der Dicke der Epidermis zu verdanken ist, und ich habe mich zuweilen des Gedankens nicht erwehren können, dass solche Menschen auch ein gewisses Mass von moralischer Dickhäutigkeit besitzen, welches zur Erhaltung der jugendlichen Glätte das seinige beitragen mag — ich will diese Behauptung aber nicht allzu ernsthaft aufrecht erhalten. Hilda hatte goldblondes Haar und blaue Augen, und wenn Zähne wie die ihrigen häufiger vorkämen, müssten die Herren Zahnärzte sich nach einem andern Beruf umsehen. Trotz alledem hatte ihr Gesicht Mängel genug, wenn man sich einmal ans Kritisieren machte; ihre Nase zum Beispiel war zu kurz, ihr Kinn zu breit und ihre Lippen ein wenig zu dünn. Ich erinnere mich, dass meine Mutter, als ich diese Fehler einmal hervorhob, mir kopfschüttelnd bemerkte, dass ich kaum jemals eine Frau finden werde, wenn ich absolute Vollkommenheit verlange — Thatsache ist, dass ich bis auf den heutigen Tag unverheiratet bin, wenn auch freilich nicht aus diesem Grunde; aber ich bin überzeugt, dass selbst meine Mutter es vorzöge, mich als Hagestolz sterben zu sehen, als dass ich mich in Hilda Turner verliebte.
Vermutlich hat es seit Welterschaffung keinen schlechteren Menschenkenner gegeben als mein gutes Mütterlein. Teils rührte dies wohl davon her, dass sie von der Nachtseite der menschlichen Natur wenig zu sehen bekam — sie war fast seit meiner Geburt gelähmt und unfähig, einen Schritt zu machen — teils von ihrem unerschütterlichen Glauben an die Weisheit und Gnade einer alles lenkenden Vorsehung, der sie an jeglichem Ding die beste Seite herausfinden lässt, sogar an ihrem eignen Leiden — dazu kommt noch ihre gut und glücklich angelegte Natur, die sie, glaube ich, völlig ausser stand setzt, sich von bewusster Bosheit einen Begriff zu machen, und die sie die Menschen erblicken lässt, wie sie sie haben möchte, und nicht, wie dieselben wirklich sind. Aber trotzdem gab sie mir bei einer Gelegenheit äusserst zögernd und mit vielen Umschweifen zu verstehen, dass sie fürchte, dass Hilda Turner nicht ganz aufrichtig sei. Was ihr Veranlassung gegeben, dies furchtbar harte Urteil auszusprechen, konnte ich ihr nicht entlocken, aber ich vermute, dass sie die junge Dame bei einer unzweideutigen Lüge ertappt hatte. Ich hätte ihr versichern können, dass dies kein vereinzelter Fall gewesen, aber wenn ich es vermeiden kann, sie in dieser Richtung aufzuklären, thue ich es, weil die einzige Wirkung einer derartigen Mitteilung ist, ihr weh zu thun.
Wenn sie über Hilda einige Zweifel hegte, so hatte sie in Bezug auf deren Vater durchaus keine — er war der Ortsgeistliche, und meine Mutter sprach nie anders von ihm, als von „dem guten Mr. Turner“. Der gute Mr. Turner war ein absoluter Dummkopf, aber harmlos. Er machte sich mit seiner Gemeinde hie und da zu schaffen, arbeitete ein weniges, hielt uns Predigten, die wenigstens den Vorzug der Kürze hatten, und war von einem passiven Wohlwollen. Hilda herrschte über ihn — ich will nicht gerade sagen mit eiserner Rute, denn eine solche Waffe war in so zarter Hand undenkbar, aber sie beherrschte ihn vollständig.
Da unsre Nachbarschaft keine sehr zahlreiche war, kannten die paar Familien sich natürlich genau. Hilda, Jim und ich waren von klein auf Spielgefährten gewesen, und wenn Lord Staines auf seiner Besitzung anwesend war, verkehrten Bracknell und seine Schwester ebenfalls viel mit uns. Nach Lady Staines’ Tod stand das grosse Herrenhaus jedoch häufig leer, denn Lord Staines hielt sich in London, Schottland, Newmarket oder an irgend einem jener Orte auf, wo er sein Geld zu verschwenden liebte, und nur in langen Zwischenräumen kam die stille, kleine Lady Mildred mit ihrer Erzieherin und einer der Tanten, die sich ihrer annahmen, aufs Land. Sie war ein wohlerzogenes kleines Mäuschen, mit glänzenden braunen Augen, die weit mehr sahen, als man gewöhnlich voraussetzte, und dem besten Herzen von der Welt; da sie aber ziemlich schüchtern war und ihre Ansicht gewöhnlich für sich behielt, nahm niemand viel Notiz von ihr. Sie und Hilda galten für Freundinnen, obwohl kaum eine wirkliche Zuneigung zwischen ihnen bestanden haben kann, und als Hilda achtzehn Jahre alt war, hatte Lady Petworth, Mildreds Tante, die Gutmütigkeit, dieselbe für die Ballsaison nach London einzuladen und bei Hof vorzustellen.
„Ich bin froh,“ pflegte Mr. Turner in seiner bedächtigen, ehrlichen Weise zu sagen, „dass meine gute Hilda ihre Beziehungen zu Lady Mildred immer frisch erhalten hat. Ich habe sie darin bestärkt,“ (er glaubte vielleicht wahr und wahrhaftig, dass seine Wünsche irgend welchen Einfluss in dieser Frage gehabt hätten!) „weil ein gebildeter, feiner Umgang für die Jugend nur förderlich sein kann, und weil ich es für wünschenswert halte, dass Hilda einigermassen in die — nun eben in die beste Gesellschaft kommt.“
Ohne Zweifel hielt auch Hilda dies letztere Resultat ihres Verkehrs mit Lady Mildred für äusserst wünschenswert. Was den gebildeten Umgang betraf, so hätte sie diesen Zwang wohl mit Vergnügen abgeworfen.
Ich weiss nicht, ob es nach Miss Turners Einführung in die „beste Gesellschaft“ war, dass Jim die Entdeckung machte, dass er bis über die Ohren in sie verliebt sei, aber es war etwa um jene Zeit, dass er mich zu meinem Leidwesen, aber nicht zu meiner Ueberraschung, von seinem Herzenszustand in Kenntnis setzte. Aber erst mehr als ein Jahr später, nachdem wir beide Oxford verlassen hatten, kam die Sache zu einer Krisis. Bis dahin waren Jims Aufmerksamkeiten höchst bescheidener und schüchterner Natur gewesen; er hatte eine sehr geringe Meinung von seiner persönlichen Anziehungskraft und litt lieber die Qual der Ungewissheit, als dass er sich der Gefahr einer Zurückweisung aussetzte. Zu diesem Zögern trug ich meinerseits auch ein gut Teil bei, denn ehrlich gestanden, ich dachte mir, es müsste in den Sternen geschrieben sein, dass eine so bezaubernde junge Dame wie Hilda in London jemand begegnen würde, dessen Anspruch auf ihr Interesse grösser wäre, als der des armen Jim. Es war dies aber nicht der Fall — fünftausend Pfund jährlich ist kein sehr glänzendes Einkommen, aber wenn man sich die Mühe gibt, seine Bekannten Revue passieren zu lassen, so wird man finden, dass die heiratsfähigen Herren, die sich eines solchen erfreuen, in der Minorität sind, und es ist mehr als möglich, dass Hilda diese Berechnung anstellte.
Und so geschah es, dass in einem schönen heissen Juli, als das Pfarrhaus, halb verdeckt von seinen prächtigen Bäumen, die richtige Scenerie für eine Idylle bildete, als die breiten Terrassen von Staines Court in lustigem Blumenschmuck prangten, dessen sich leider niemand erfreute, als die Gärtner selbst, und als sogar unser bescheidenes Heim nach meiner Mutter Ausspruch, die ihren grossen Stolz darein setzte, „wie ein Paradies“ aussah, man zwei junge Wesen, von denen man sagen konnte, dass sie ein hübsches Paar bildeten, fortwährend miteinander zu Pferd oder zu Fuss Wiesen und Wälder durchstreifen sah. Nicht, dass unser starkknochiger, breitschultriger Jim mit seiner gebogenen Nase, seinen ruhigen grauen Augen und dem grossen Mund, der sich bei der geringsten Veranlassung lächelnd von einem Ohr zum andern zog, im eigentlichen Sinn des Wortes ein hübscher Mann gewesen wäre, aber er kam diesem Begriff doch nahe genug, um die von vielen und auch von Ehrwürden Simeon Turner ausgesprochene, wohlmeinende Bemerkung über das junge Paar zu rechtfertigen. Der geistliche Herr war frei von Ehrgeiz; ein Schwiegersohn mit fünftausend Pfund jährlich, einem tadellosen Lebenswandel und einem fügsamen Charakter genügte seinen Ansprüchen.
Ich war zu jener Zeit mit meinen Rechtsstudien beschäftigt und bereitete mich vor, als Anwalt aufzutreten, obwohl ich damals wie heute dies Studium für das widerlichste halte, zu dem ein leidlich intelligenter Mensch sein Gehirn zwingen kann. Eines Nachmittags, als ich mit irgend eines Menschen „Civilrecht“ und „Entscheidungen in Strafsachen“ vor mir dasass, stürmte Jim in meine Zelle, und sich rittlings auf den Tisch schwingend, teilte er mir mit, dass er „der glücklichste Mann im römischen Reich geworden“ oder wenigstens etwas derart.
Wenn man weiss, dass ein Freund fest entschlossen ist, einen dummen Streich zu machen, so ist es die grösste Thorheit von der Welt, ihm dies zu sagen. Ich gab mir also alle Mühe, heiter teilnehmend auszusehen, und fragte: „Hat sie dir ihr Jawort gegeben?“
„Nun — nein“ — antwortete er, „das gerade nicht, aus dem einfachen Grund, weil ich sie gar nicht danach gefragt habe, aber ich glaube, dass alles gut gehen wird. Harry, altes Haus, ich weiss wahrhaftig nicht, womit ich ein solches Glück verdient habe.“
Das wusste ich ebensowenig, bin sogar überzeugt, dass er in seinem Leben nichts gethan, womit er das verdient hätte, und trotzdem ward es sein Los — und schliesslich, man sieht ja manchen Gefangenen ganz vergnügt mit seinen Ketten klirren. „Und weshalb,“ forschte ich, „hast du deine Werbung nicht angebracht?“
Jim lachte. „Ich bin nun einmal ein einfältiger Geselle!“ sagte er. „Es braucht lange, bis ich so weit bin, und so oft ich darauf lossteure, kriegt sie es fertig, mich wieder aus dem Geleise zu bringen. Nun, es liegt ja nicht so viel daran, Eile hat es nicht!“
„Durchaus nicht,“ pflichtete ich eifrig bei, da ich, solang das bindende Wort nicht gesprochen, immer noch einen Schimmer von Hoffnung für ihn hatte. Er aber warf sich in meinen Lehnstuhl, steckte sich eine Cigarre an und erging sich in Rhapsodieen, deren Wiederholung mir und dem Leser gleich langweilig sein würde.
Zweites Kapitel.
In diesem etwas kritischen Zeitpunkt kam es Lord Staines plötzlich in Sinn, Staines Court zu beziehen, und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, längere Zeit dort zu verweilen. Seiner Ankunft ging die eines französischen Kochs, eines Haushofmeisters, Kammerdieners und der Himmel weiss, wie vieler andrer dienstbarer Geister voran, denn sein Haushalt war immer weit grossartiger gewesen als seine Mittel. Die Sache versetzte die ganze Nachbarschaft in fieberhafte Aufregung, und jedermann zerbrach sich den Kopf über die Veranlassung zu diesem plötzlichen Entschluss. Dieselbe wurde uns schon am nächsten Morgen klar, und zwar durch Lady Mildred, die so bald als möglich herüber kam, um meine Mutter zu besuchen.
„Papa hat dieses Jahr Unglück gehabt,“ sagte sie in ihrer einfachen geraden Weise. „Erstens unterlag sein Pferd im Derby um eine Kopflänge, wie Sie wissen —“
„Mein liebes Kind,“ unterbrach meine Mutter, „ich fürchte, dass ich von dem Derby gar nichts weiss, als dass es ein Rennen ist, welches alljährlich im Frühjahr stattfindet.“
„Natürlich. Papa dagegen weiss sehr viel davon, und sogar ich verstehe mich ein wenig darauf. ‚Premier‘ hätte gewinnen müssen, wenn nicht Störungen vorgekommen wären, niemand hatte schuld daran, aber meinen armen Papa traf das Unglück, und drauf hat er auch in Ascott kein Glück gehabt. Wir werden also in diesem Sommer nicht reisen, sondern ganz ruhig hier bleiben und fast niemand bei uns sehen.“
„Des einen Leid, dem andern Freud’,“ bemerkte meine Mutter; „für unsre jungen Leute wird es eine grosse Freude sein, dich hier zu haben. Und wer weiss,“ fügte sie nachdenklich hinzu, „ob dies scheinbare Unglück Lord Staines nicht zum Segen gereichen und ihn bestimmen wird, nicht mehr zu wetten, was ich nicht für recht halten kann, denn, siehst du, wenn der eine Geld dabei gewinnt, muss notwendig der andre das seinige verlieren.“
Lady Mildred gab zu, dass dies vermutlich der Fall sein werde, bezweifelte aber, dass Verluste vom Spiel abschrecken. „Was mich betrifft,“ sagte sie, „so bin ich ja am allerliebsten in Staines Court, und in einigen Tagen kommt Bracknell auch, und dann wird es wieder ganz sein, wie in unsrer Kinderzeit, nur fürchte ich, wird er es langweilig finden und nicht lange bleiben.“
„Ach, er findet ja Gesellschaft genug,“ versicherte mein Mütterchen in ihres Herzens Unschuld, „Harry ist hier und Jim Leigh und Hilda Turner.“
Jahr für Jahr und Tag für Tag auf ihrem Sofa liegend, ohne Abwechslung, oder auch nur die Möglichkeit einer solchen, ward es ihr schwer, sich klar zu machen, wie rasch aus Kindern Leute werden. Man sagt, dass der Knabe der Vater des Mannes sei, und sobald man sich irgendwie mit Logik befasst, kommt man unwillkürlich zu dem Schlusse, dass das Mädchen die Mutter der Frau sei. Diese Theorie ist etwas betrübend, aber ich kann meinen eignen Beobachtungen nach kaum umhin, sie zu bestätigen. Ich nehme an, dass, als unser Pädagoge die Prophezeiung aussprach, Bracknell werde seiner Stellung Ehre machen, dies mit jener kleiner Beimischung von harmloser Ironie geschah, die er sich zuweilen erlaubte. Bracknell war nun mit dreiundzwanzig Jahren wahrscheinlich genau das, was unser Professor von ihm erwartet hatte. Er war einer der hübschesten Männer von London; unendlich gesucht und gefeiert von der Gesellschaftsklasse, die man neuerdings „die Leute von Schick“ nennt; seine Liebesaffairen waren zahlreich und nicht sehr in Geheimnis gehüllt, er war Eigentümer oder Mitbesitzer von verschiedenen Rennpferden, die es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hatten, und er stak ziemlich tief in Schulden. Welch hervorragende Eigenschaften er besessen hätte, ausser der, Glück zu haben, wüsste ich nicht zu sagen, aber trotzdem wundere ich mich keineswegs über seine grosse Beliebtheit. Jim, der in ihm von jeher ein leuchtendes Gestirn sah, war überglücklich, als er vernahm, dass er unser stilles Thal eine Zeit lang mit seiner Gegenwart beehren werde, und es fiel mir auf, dass Hildas Augen leuchteten, als ihr die erfreuliche Neuigkeit mitgeteilt wurde.
Wir alle, das heisst die Turners, Jim Leigh und ich, waren am Abend von Bracknells Ankunft in Staines Court zu Tisch, und wir sassen noch nicht fünf Minuten, als es mir ganz klar war, dass Hilda Turner ihn zu fesseln gedachte. Was mir die Sache zweifellos machte, war der Eigensinn, mit welchem sie jedes Gespräch mit ihm ablehnte. Lord Staines, der sie zu Tisch geführt hatte, war anfangs sichtlich gedrückt und geistesabwesend, aber Hilda bot ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, und als der Fisch abgetragen wurde, war es ihr schon gelungen, ihren Nachbar in glänzende Laune zu versetzen, denn niemand schätzte Frauenschönheit und Geist höher als Lord Staines. Indessen war es Bracknell, zu dessen Rechten der alte Mr. Turner sass, sehr bald klar geworden, dass sich zu seiner Linken ein reizendes Wesen befinde, und es war äusserst amüsant, das grenzenlose Erstaunen zu beobachten, das sich auf seinem Gesicht zeigte, als ihm nach verschiedenen Versuchen, Hildas Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die Ahnung aufdämmerte, dass sie die Gesellschaft seines Vaters der seinigen vorziehe. Vermutlich war ihm ein so absonderlicher Geschmack bei einer so anziehenden Persönlichkeit im Leben noch nicht vorgekommen. Vergebens führte er all seine Künste ins Treffen und zwang sie, sich umzudrehen, während er schmachtende Blicke nach ihr sandte, die aber völlig unerwidert blieben, ja sie gab ihm höflich, aber äusserst deutlich zu verstehen, dass seine Unterbrechungen ihr störend seien, antwortete ihm einsilbig mit flüchtigen Worten oder zerstreutem Lächeln und richtete ihre Bemerkungen sofort wieder an Lord Staines, der sich an der Missstimmung seines Sprösslings sichtlich ergötzte.
Jim plauderte die ganze Zeit höchst vergnüglich mit Lady Mildred von Kindheitserinnerungen, und nur hie und da ruhten seine Blicke mit einem fast komischen Ausdruck von Stolz und Liebe auf Hilda; ohne Zweifel dachte er, wie unendlich gut es von ihr sei, sich so viel Mühe mit der Erheiterung des alten Herrn zu geben. Der Herr Pfarrer und ich verzehrten unsre Mahlzeit, die nebenbei vorzüglich war, ohne dass irgend jemand sich um uns gekümmert hätte.
Als wir später im Salon wieder bei einander waren, wurde Lord Staines abermals ernst und schweigsam — die Sorge mochte wohl wieder die Oberhand gewonnen haben. Er brachte eine undeutliche Entschuldigung hervor und schlich sich davon — vielleicht versuchte er noch einmal, Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen. Lady Mildred hatte Jim Photographieen zu zeigen — möglich dass er sich wirklich so sehr für dieselben interessierte, als es den Anschein hatte, vielleicht war es auch nicht der Fall. Mr. Turner würdigte in Ermanglung bessrer Zuhörer mich, seine Gedanken über weltliche Erziehung zu vernehmen, und während er mir dieselben in einiger Ausführlichkeit entwickelte, beobachtete ich, dass es genau so kam, wie ich erwartet hatte. Bracknell setzte sich auf ein Sofa neben Hilda, die ihren Fächer in die Hand nahm und ihn mit einem halb übermütigen, halb aufmunternden Seitenblick empfing. Er redete sie halblaut an, der Ton klang vorwurfsvoll: vermutlich drang er in sie, ihr zu gestehen, weshalb sie ihn mit so auffallender Kälte behandelt habe, denn plötzlich vernahm ich ein leises Auflachen und die Antwort: „An Ihrer Stelle, Lord Bracknell, würde ich die Frage unerörtert lassen. Wenn nicht, so darf ich mir vielleicht Ihre Lesart gewisser Anekdoten ausbitten, die ich in London über Sie erzählen hörte.“
„Was für Anekdoten?“ versetzte er eifrig. „Verlassen Sie sich darauf, es war kein wahres Wort daran. Sie werden doch auf solchen Klatsch keinen Wert legen?“ Und so weiter, und so weiter.
Das Zwiegespräch wurde nun mit so gedämpften Stimmen fortgesetzt, dass die Beredsamkeit des Herrn Pastors, der sehr nahe neben mir stand und seinen Worten durch gelegentliches Betippen meiner Weste mit seinem Zeigefinger Nachdruck verlieh, dasselbe meinem Gehör entzog. Ich war aber nicht einmal neugierig, mehr zu hören, eher möchte ich wissen, wie oft dieser Dialog wörtlich so wiederholt worden ist, seit die Welt steht, und wie oft er sich noch wiederholen wird? In der Regel dauert es etwa fünf oder zehn Minuten, bis die Dame ein unumwundenes Bekenntnis als Vorbedingung einer etwa möglichen Absolution begehrt, und dann sagt ihr der Mann — nun, vermutlich sagt er ihr zuweilen die Wahrheit, obwohl dies zu den Ausnahmefällen zählen wird. Was Bracknell Hilda sagte, nachdem sie sich langsam auf die offne Balkonthüre zu bewegt hatten und durch dieselbe verschwunden waren, kann ich mir schwer vorstellen, ist aber auch ganz unwesentlich. Was ich dagegen weiss, ist, dass sie nicht viel weniger als eine Stunde unsichtbar blieben, dass Jim lange vor Ablauf dieser Zeit unruhig wurde und dass Lady Mildred ängstlich dreinsah, dass Mr. Turner den Schlaf des Gerechten schlief und dass der bescheidene Chronist vollständig erschöpft war von seinen verzweifelten Anstrengungen, ein Gespräch in Gang zu erhalten, das nach jedem Versuch sofort aufs neue erstarb.
Endlich erschien Lord Staines wieder. Sein Haar sah sehr zerwühlt aus, woraus ich schloss, dass er immer noch kein Rechnungsverfahren entdeckt hatte, vermittelst dessen man die grössere Summe von der kleineren abziehen kann, und wenn ich mich nicht täusche, so lag ihm bei unserm Anblick der Ausruf: „Wie, noch da?“ stark auf der Zunge. Er war aber ein viel zu höflicher Mann, um so etwas laut werden zu lassen, und machte artig Konversation, bis Bracknell und Hilda wieder erschienen, was von ihrer Seite aus ohne das leiseste Zeichen von Verlegenheit geschah. Der alte Turner erwachte nun plötzlich, rieb sich die Hände und versicherte, dass sie einen reizenden Abend verlebt hätten, nun aber den Wagen nicht länger warten lassen könnten, worauf wir einander gegenseitig mit grosser Lebhaftigkeit gute Nacht wünschten und aufbrachen.
Jims Dogcart war da, und er hatte versprochen, mich heimzufahren; als ich aber im Vorsaal nach meinem Ueberrock griff, trat er zu mir und sagte: „Macht es dir etwas aus, noch eine Viertelstunde zu warten, Harry? Ich möchte mit Bracknell eine Cigarre rauchen.“
Natürlich erwiderte ich, dass ich ganz damit einverstanden sei, und wir begaben uns ins Rauchzimmer, wohin Lord Staines uns nicht folgte. Ich glaube, einen so unentwegt auf sein Ziel lossteuernden Menschen wie Jim gibt es nicht noch einmal; einige Umschweife zu machen und etwas auf den Busch zu klopfen, wie wir alle es mehr oder weniger thun, kommt ihm gar nie in Sinn. Wenn er irgend etwas auf dem Herzen hat, darf man ganz sicher sein, dass er keine Minute verlieren und nicht das geringste bei sich behalten wird. Seine Cigarre war kaum angezündet, so hatte er auch Bracknell schon alles so klar gemacht, dass keinerlei Missverständnis möglich war.
„Siehst du, Bracknell, alter Freund,“ sagte er, „ich wünsche nicht, dass du Hilda Turner den Hof machst. Wir sind alte Freunde, deshalb will ich dir ehrlich sagen, dass ich sie heiraten will, bitte dich aber, vorderhand noch mit niemand darüber zu sprechen.“
Es lag etwas in dieser Mitteilung, das Bracknell unwiderstehlich komisch berührte, und seine Heiterkeit war so unmässig und anhaltend, dass Jim sich schliesslich gezwungen sah, hinzuzufügen: „Es ist kein Spass!“
„O doch, es ist einer, mein guter Junge,“ versetzte der andre, immer noch lachend, „ein ganz famoser sogar, nur merkst du ihn nicht. Lass dir raten, Jim, und lass ab von dieser jungen Dame — zieh deine Hand zurück wie von einer heissen Kastanie. Das ist die Frau nicht für dich!“
„Mag sein,“ erwiderte Jim ruhig, „aber jedenfalls ist sie auch die Frau nicht für dich.“
„Sicherlich nicht! ‚Die Frau für mich‘, darunter verstehe ich eine Dame mit fünfzigtausend Pfund disponiblen Vermögens. Wünschenswert wäre es, dass sie mehr hätte, aber fünfzigtausend ist das unumgänglich nötige Minimum, das hat mir mein Alter auseinandergesetzt. Apropos, glaubst du eigentlich, dass die blonde Hilda dich erhören wird?“
Jim ward natürlicherweise rot, gab aber natürlicherweise zu, dass er dies hoffe.
„Nun, es kann wohl sein. Fünftausend im Jahr ist in diesen harten Zeiten nicht zu verachten, und so viel bist du unter Brüdern wohl wert, nicht?“
Jim stand auf und lehnte sich mit dem Rücken ans Kamin. „Weisst du, Bracknell,“ sagte er, „ich kann deine Art zu sprechen nicht leiden. Ich bin überzeugt, dass du mir nicht weh thun willst, aber es ist mir peinlich, von Hilda sprechen zu hören als ob —“
„Als ob sie ein Weib wäre wie die andern. Gut, gut, Jim, ich will deine Gefühle in Zukunft schonen, und ich denke, ich will auch Miss Turner nicht heiraten, danke sehr. Darf ich zuweilen mit ihr sprechen, oder ist es dir lieber —“
„Natürlich darfst du das!“ versetzte Jim vollkommen ernsthaft. „Wenn du mir versprichst, dass du ihr nicht den Hof machen willst, so bin ich ganz zufrieden. Du musst ja selbst einsehen, wie ich’s meine. Wenn du anfängst, Hilda oder einem andern Mädchen Aufmerksamkeit zu schenken, so ist für mich alles vorbei, das sagt mir mein gesunder Menschenverstand. Ich bin nicht hübsch und nicht geistreich, bin überhaupt gar nichts. Nicht einmal mit Harry Maynard würde ich’s riskieren, den Kampf aufzunehmen.“
Mit dieser der unwiderstehlichen Anziehungskraft seines Freundes dargebrachten Huldigung und der etwas beiläufigen Anerkennung meiner Liebenswürdigkeit setzte sich Jim wieder an seinen vorigen Platz.
Bracknell fühlte sich, wie ich glaube, einigermassen geschmeichelt und war vielleicht auch etwas gerührt, wovon ich jedoch weniger fest überzeugt bin. „Glück auf!“ sagte er. „Heiraten ist das Verkehrteste, was der Mensch thun kann, aber wenn er sich’s einmal in den Kopf gesetzt hat, ist nichts zu machen. Lass mich’s wissen, wenn das Ereignis stattfindet, mein Segen soll dir nicht fehlen.“
Es ist hie und da schwer zu sagen, bis zu welchem Grad man sich bei Menschen von Bracknells Art auf ihr Ehr- und Pflichtgefühl verlassen kann. Zweifellos gibt es Dinge, deren sie sich unter keinen Umständen gegen ihren Nebenmenschen schuldig machen würden, bei manch anderm Unrecht dagegen ist es nur eine Frage der Gelegenheit und der Versuchung. Der Wahrheit zu Ehren muss ich sagen, dass die Versuchung, in die Hilda den Erben von Staines Court während der folgenden Wochen versetzte, derart war, dass sie auch die stärkste Widerstandskraft zu erschüttern vermocht hätte. Ihre Taktik war nicht neu, aber die Anwendung derselben war raffinierter, als ich sie sonst gesehen. Selbstverständlich war „die Jugend“, unter welchem Begriff wir von den älteren Herrschaften zusammengefasst wurden, täglich beisammen. Ausflüge zu Pferd, Picknicks, Lawn-Tennis-Partieen, kurz all die üblichen Sommervergnügungen auf dem Lande, wurden in Scene gesetzt, und wenn es nicht zu gleicher Zeit etwas betrübend gewesen wäre, hätte man es sehr amüsant finden können, Bracknell und Hilda dabei zu beobachten. Sie erregte seine Neugier; sie reizte seinen Ehrgeiz, sie schmeichelte seiner Eitelkeit heute, um sie morgen um so tiefer zu verwunden; zuweilen ignorierte sie ihn so beharrlich, wie an jenem ersten Abend; dann konnte sie ihm wieder, wenn Jim den Rücken drehte, einen Blick zuwerfen, der ihn durchbeben musste, trotzdem dass er im Ruf stand, an solche Blicke gewöhnt zu sein. Dabei war sie in ihrem Benehmen gegen den armen Jim gleichmässig reizend und liebenswürdig, vermied es aber, mit ihm allein zu sein auf unsern Spaziergängen, und alles dieses hatte zur Folge, dass sie nach vierzehn Tagen statt einen seufzenden Liebhaber deren zwei zu ihren Füssen sah. Das Kunststück mag nicht so sehr schwierig gewesen sein, aber es wurde mit grosser Geschicklichkeit ausgeführt.
Der Ausgang der Sache war leicht vorauszusehen, und doch war ich, als die Katastrophe eintrat — denn so muss ich es ja wohl nennen — nicht wenig verblüfft. Mr. Turner setzte mich in Kenntnis davon. Als ich an einem heissen Morgen Staines Court zuschlenderte, sah ich ihn seiner Gartenthüre zueilen; er riss das Thor rasch auf, nahm den Hut ab und fing an, sich die Stirne abzutrocknen. Offenbar bestürmten ihn die verschiedensten Empfindungen, und schon seine ersten Worte bewiesen mir, dass ich recht gesehen.
„Mein lieber Harry!“ sagte er, „ich bin bestürzt, vollkommen bestürzt. Sagen Sie mir doch, Sie haben ja einen alten Kopf auf Ihren jungen Schultern, sagen Sie doch, ob es Ihnen je auffiel, dass zwischen Lord Bracknell und meiner Tochter Beziehungen bestanden?“
Ich versetzte, dass ich diesen Eindruck längst gehabt habe.
„Was Sie sagen!“ rief Mr. Turner. „Du lieber Himmel! Ich versichere Sie, dass ich in meinem Leben nicht so vollständig überrascht worden bin wie gestern abend, als Lord Bracknell zu mir kam und mir mitteilte, dass er um Hilda geworben und ihr Jawort erhalten habe. Ach — Sie sind auch erstaunt, das seh’ ich. Die Sache ist, dass ich ganz andre — hm — andre Erwartungen gehegt hatte — möglicherweise haben Sie dieselben geteilt?“
Ich bejahte dies kopfnickend, und er fuhr fort:
„Aufrichtig gesprochen, Harry, mir wäre es lieber gewesen, wenn es anders gekommen wäre. Sogar jetzt noch bin ich nicht gewiss — nun, wir werden ja sehen. Soeben habe ich von Lord Staines ein Billet erhalten, worin er mich ersucht, sofort zu ihm zu kommen, und ich fürchte sehr, dass er nicht gut zu dieser Verlobung sieht. Sie sind ja so ein stiller Beobachter, haben Sie irgend etwas wahrgenommen, was darauf hindeutet, dass er meine geliebte Hilda — dass er sie — hm — freudig als Schwiegertochter begrüssen wird?“
Ich war nicht im stande, ihn dessen zu vergewissern, und der arme Mann, der so ganz ohne seine Schuld zwischen zwei Mühlsteine geraten zu sein schien, that mir aufrichtig leid. Dass er mit seinem Patronatsherrn ernstliche Schwierigkeiten haben werde, war sicher, und ebenso gewiss, dass er bei seiner Rückkehr mit der Lenkerin seines Hauses und seines Schicksals nicht weniger ernste Kämpfe zu bestehen haben würde. Ich begriff vollständig, dass er mich bat, mit keinem Menschen darüber zu sprechen, und auch wer mit diesem stark betonten „keinem Menschen“ gemeint war, denn ein wohlhabender Gutsbesitzer in der Hand ist zwei Grafen auf dem Dache wert. Nachdem ich ihm das gewünschte Versprechen bereitwillig gegeben hatte, eilte er, sich mit dem Taschentuch fächernd, dem Schloss zu.
Drittes Kapitel.
Lord Staines war ein schwacher Mensch, und wie es bei solchen häufig der Fall ist, äusserst leidenschaftlich, wenn sein Zorn einmal entflammt war. Der arme Mr. Turner konnte wahrhaftig nichts dafür, dass Bracknell um ein Haar eine grosse Dummheit begangen hätte, denn, wie männiglich bekannt, besass er über seine Tochter etwa ebensoviel Gewalt, wie über die Kaiserin von China. Immerhin müsste jeder, der den Schein der Macht besitzt, darauf vorbereitet sein, dass er zur Verantwortung gezogen wird, sobald ein Unheil geschieht, und es ist sehr zu beklagen, dass so mancher hohe Würdenträger dieser vortrefflichen Regel nicht häufiger unterworfen wird. Nachdem Lord Staines Hildas nominellen Gebieter in seine Macht bekommen hatte, führte er den unglücklichen Mann in sein Studierzimmer, wo ihm der Kopf gründlich gewaschen wurde. Ich besuchte Se. Ehrwürden absichtlich im Lauf des Nachmittags und fand ihn noch ganz zerschmettert. In seinem ganzen Leben, sagte er jammernd, habe niemand eine solche Sprache gegen ihn geführt, und wenn er sich auch als Christ verpflichtet fühle, Lord Staines zu verzeihen, so fürchte er doch, dass er lange nicht im stande sein werde, zu vergessen.
Was Bracknell betraf, so wurde er mit einem Floh im Ohr und, wie ich stark vermute, einem Check in der Tasche in den ersten abgehenden Bahnzug gesteckt. Er schrieb an Hilda und stellte sich, soviel ich hörte, als völlig machtlos und gebrochenen Herzens dar. Sein Vater wolle von der Verlobung nichts hören, und da er gänzlich abhängig von demselben sei, sei nichts zu machen. Wenn ich mir’s recht überlege, so muss er ganz zweifellos einen Check bekommen haben. Lord Staines war heftig, allerdings, aber er vergötterte seinen Sohn, der bedeutend mehr Willenskraft besass als er selbst, und wenn Bracknell ernstlich entschlossen gewesen wäre, seine Köchin zu heiraten, so bin ich überzeugt, dass er seinem Vater ein Schnippchen geschlagen und seinen Kopf durchgesetzt hätte. Dies mag auch insgeheim Hildas Auffassung gewesen sein, und ihre Empörung, als sie sich so gleichmütig aufgegeben sah, muss einen hohen Grad erreicht haben, wie ich aus einigen Aeusserungen ihres Vaters schloss.
Sie würde ihre Enttäuschung leichter verschmerzt haben, und die ganze Geschichte hätte stillschweigend begraben werden können, wenn Lord Staines vernünftig gewesen wäre und reinen Mund gehalten hätte. Allein er war siegestrunken und konnte seinem Mitteilungsbedürfnis nicht Einhalt thun. Dass Lady Mildred es durch ihn erfuhr, war vielleicht nicht zu vermeiden, am Abend des nämlichen Tages aber, als er wieder vollständig guter Laune geworden, machte er sich auf, meine Mutter zu besuchen, und rühmte sich nicht wenig der Leichtigkeit, mit der er diese Narrheit im Keim erstickt habe.
„Ja, meine liebe Mrs. Maynard,“ versicherte er, „in solchen Fällen nur rasch und entschieden. Die Leute behaupten, ich sei zu nachsichtig gegen Bracknell gewesen, und das ist vielleicht richtig; aber ich glaube, er weiss nun ziemlich genau, dass es eine Grenze gibt, die zu übertreten nicht ratsam für ihn ist. Ich kann mir den Luxus einer bettelarmen Schwiegertochter nicht erlauben — damit Punktum.“
Meine Mutter erklärte, dass das sehr weltlich und ganz abscheulich sei, und dass Lord Staines sich seines Verfahrens schämen solle, wenn er nichts andres als den Mangel an Vermögen gegen Hilda einzuwenden habe. Er schämte sich jedoch nicht im geringsten, sondern muss sich im Gegenteil überall frei ausgelassen haben über die Vorzüge einer raschen und energischen Handlungsweise, denn nach wenigen Tagen war die ganze Nachbarschaft nicht nur über die Thatsachen auf dem laufenden, sondern erzählte sich auch die üblichen Erweiterungen und Verbesserungen, die sich im Verlauf der Uebermittelung angeheftet hatten.
Unter den ersten, die von der Geschichte erfuhren, war Jim, der in grosser Erregung zu uns herübergeritten kam, mich zu fragen, ob ich etwas von dieser „infamen Lüge“ gehört habe. Als ich genötigt war, ihm klar zu machen, dass die Sache vielleicht infam, keinenfalls aber erlogen sei, kam ein Moment, wo ich wirklich fürchtete, er könnte sich thätlich an mir vergreifen. Aber er besann sich eines Bessern und sank in einen Stuhl mit einem Ausdruck des Schmerzes und des Vorwurfs in seinem Gesicht, der mir das Herz durchschnitt, als ob ich ihn verdient hätte.
„Und du wusstest, dass Bracknell sich all die Zeit her über mich lustig machte?“ rief er aus.
Ausgesprochen hatte ich das nicht, aber recht hatte er. In der ersten Aufwallung schien ihn Bracknells Verräterei mehr zu bekümmern als Hildas Unbeständigkeit, und ich fürchte, ich trug all die wohlgesetzten, weisen Entschuldigungen, die ich für den Missethäter und mich selbst vorbrachte, tauben Ohren vor. Als ich aber, da ich einmal im Zug war, Grossmut zu üben, auch Hilda zu verteidigen anfing, unterbrach er mich sofort.
„Lass das, Harry! Du meinst es gut, aber du scheinst nicht zu fühlen, dass in deiner Verteidigung Hildas ein Vorwurf für sie liegt, den ich ihr keinen Augenblick mache. Sie hat mir nie irgend ein Versprechen gegeben, und wenn ich mir in den Kopf gesetzt habe, sie möge mich leiden, so war ich eben ein Narr!“
„Nun ja, vielleicht,“ gab ich zu. „Jedenfalls ist es nun sonnenklar, dass ihr nichts an dir liegt.“
„Ja,“ erwiderte er mit einem Seufzer, „das ist sonnenklar, meine ich. Und doch — ich kann den Gedanken nicht loswerden, dass sie mich lieb gewonnen hätte, wenn Bracknell nicht gekommen wäre. Doch wozu nun all das Gerede. Ich denke, ich werde die paar nächsten Monate nicht hier sein — könntest du dich nicht entschliessen, mit mir in die Schweiz zu gehen, und dann vielleicht den Winter in Italien zuzubringen?“
Ich erinnerte ihn daran, dass ich kein unabhängiger Mensch sei, und dass ich meinen Winter in der bedeutend weniger reinen Atmosphäre der Gerichtssäle zubringen werde, redete ihm aber eifrig zu, den Reiseplan auszuführen. Er war so reich an Freunden, dass er schwerlich lange ohne Gefährten bleiben würde. Ich fürchte, er fand mein Mitleid etwas kühl, und es kostete mich auch die grösste Ueberwindung, ihn nicht zu seiner Rettung zu beglückwünschen.
Plötzlich sagte er, dass er meiner Mutter guten Morgen sagen möchte, wenn sie wohl genug sei, ihn zu empfangen, und ich hütete mich, ihn zu ihr zu begleiten. Von dieser Seite konnten alle, die an Leib oder Seele betrübt und zerschlagen waren, auf warme Teilnahme oder gar Trost rechnen, und als Jim nach einer halben Stunde von ihr wegging, stand so viel weniger Lebensüberdruss auf seinem Gesicht zu lesen, dass ich Angst bekam, meine Mutter möchte so unvorsichtig gewesen sein, ihm zu einem erneuten Versuch zu raten; dem war aber nicht so.
„O nein,“ sagte er ruhig, als ich ihn darüber ausforschte, „sie hat mir gar keine Hoffnung gemacht. Sie war aber riesig gut gegen mich, und ich glaube, sie hat recht: ich werde einmal damit fertig werden. Wenn nur Bracknell ein bisschen ehrlicher gegen mich gehandelt hätte.“
Das schien mir die vernünftigste Art und Weise, sein Leid aufzufassen, und als ich ihn die Treppe hinabgeleitete, sagte ich mir, dass die Wunde vielleicht nicht so gefährlich sei, als ich mir vorgestellt. Ich öffnete die Hausthüre und wen fanden wir vor derselben, Jims Pferd streichelnd und sich liebenswürdig mit dem Reitknecht unterhaltend — wen anders als Miss Hilda Turner in Person!
Jim erschrak heftig, während ich sie im stillen zu allen Teufeln wünschte, denn dass sie nicht ohne bestimmte Absicht in dieser auffallenden Weise aussen gewartet hatte, stand bei mir fest.
„Weshalb sind Sie nicht hereingekommen?“ fragte ich ziemlich scharf. „Sie wollten doch wohl meine Mutter besuchen, nicht?“
„Gewiss,“ erwiderte sie mit vollständiger Ruhe, ohne im geringsten die Farbe zu wechseln; „als ich aber Jims Pferd sah, beschloss ich, auf ihn zu warten und Mrs. Maynard ein andermal zu besuchen, weil ich weiss, dass zwei Besuche zu gleicher Zeit sie ermüden. Jim, wenn Sie nichts andres vorhaben, so begleiten Sie mich vielleicht nach Hause.“
„Grosser Gott, hat sie im Sinne, sich ihm anzutragen?“ fragte ich mich. Ich nahm mir die Freiheit, meine Augenbrauen sehr auffällig in die Höhe zu ziehen, aber ich fürchte, dass auch die kühnste gymnastische Leistung meiner Gesichtsmuskeln nicht im stande gewesen wäre, ihren Gleichmut zu stören. Sie hielt meinen Blick voll aus, und schliesslich war ich es, der die Augen senkte.
Auf dem Gesicht meines einfältigen Jim kämpften Staunen, Zweifel und Freude. Was halfen all meine zahlreichen Rippenstösse und Grimassen? Ein Wink von Hilda und er wäre mit ihr bis ans Ende der Welt gepilgert. Ohne jedes Zögern wenigstens wandelte er, sein Pferd am Zügel führend, unsre kurze Avenue mit ihr entlang, und dann entschwanden sie meinen Blicken. Es bedurfte gerade keines zweiten Gesichtes, um so ziemlich zu wissen, was nun zwischen ihnen vorgehen werde, und ich kehrte zu dem hohen Studium der Rechte mit Ahnungen zurück, die sich nur zu bald bestätigen sollten. Eine Stunde später — ich hatte mich eben in das Prozessrecht versenkt und zermarterte mein Gehirn mit dem abgeschmackten Jargon von Repliken, Dupliken, Tripliken und Quadrupliken und derlei angenehmen Dingen — hörte ich jemand in gestrecktem Galopp aufs Haus zureiten, und unmittelbar darauf flog meine Thüre, wie von einer Dynamitpatrone gesprengt, auf, und da stand Jim — siegreich und triumphierend. Ein Blick in sein Gesicht sagte mir, dass alles verloren sei.
„Bitte erlass mir einen Gefühlsausbruch,“ sagte ich herb, „ich weiss alles!“
„Na aber, mein alter Harry,“ versetzte er, „wie in aller Welt kannst du denn ‚alles‘ wissen?“
„Wenigstens weiss ich, dass du mit Hilda Turner verlobt bist.“
Seine Antwort bestätigte mir, dass er in dieser glücklichen Lage sei. „Und weisst du auch,“ fuhr er fort, „es ist wahr, dass sie — ach es ist ja so beseligend, dass ich’s kaum glauben kann, und doch ist mir, als ob ich es allezeit gewusst hätte — es ist wahr, dass sie von Anfang an mich geliebt hat.“
„Da hat sie eben,“ konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken, „den wunderlichsten Weg gewählt, ihre Gefühle an den Tag zu legen, der mir je vorgekommen ist.“
Jim aber erklärte: „Keineswegs; das ist eine Geschichte, wie sie hundertmal passiert, das weiss ja jeder. An allem ist meine dumme Schüchternheit schuld. Sie sagte sich natürlich, dass mir nicht viel an ihr gelegen sei, sonst würde ich mich ja aussprechen, und so nahm sie Bracknells Antrag an. Sie sei in einer Stimmung gewesen, in der sie jedes beliebigen Menschen Antrag angenommen hätte, sagte sie mir — und ich verstehe das vollkommen.“
Dass mit einem solchen Tollhäusler zu streiten, hoffnungslos war, ist klar, trotzdem versuchte ich es zur Beruhigung meines eignen Gewissens.
„Es scheint,“ sagte ich, „dass sie dich heute aufgesucht hat, um dir ihre Liebe zu bekennen. Wenn sie heute nicht zu stolz dazu war, weshalb in aller Welt hat sie es nicht schon vor ein paar Wochen gethan?“
„Grosser Gott!“ stiess Jim hervor, „was für eine erbärmlich niedrige Meinung du von den Menschen hast. Mich aufgesucht! Ach, lieber Freund, wenn du nur wüsstest, wie schwer es war, ihr das Geständnis zu entreissen. Weshalb sie mich aufgesucht hat — das heisst, sie hat mich ja gar nicht gesucht — war, um mich um meine Vermittlung zwischen ihrem Vater und dem alten Lord zu bitten. Natürlich kamen wir dadurch auf Bracknell zu sprechen, und ich weiss nicht, wie es kam, aber ich konnte nicht anders, ich musste ihr sagen, wie ich sie geliebt habe, und dann gestand sie mir endlich, dass sie ihm ihr Wort nur aus Verzweiflung gegeben. Aber sie war sehr abgeneigt, mich zu erhören. O Harry, du ungläubiger Thomas, du kennst Hilda nicht; sie ist das süsseste Geschöpf auf der Welt.“
Wenn dem so war, so kannte ich sie allerdings nicht, allein diese „Replik hätte mir nur eine „Duplik“ eingetragen, die zu widerlegen ganz aussichtslos gewesen wäre; ich begnügte mich also, so gut als möglich herzustammeln, was an passenden Worten von mir erwartet werden konnte, und sobald Jim das Zimmer verlassen hatte, flogen die verhassten Gesetzbücher in einen Winkel, womit ich meinem speziellen Abscheu gegen dieselben Ausdruck verlieh, sowie meinem Widerwillen vor einem Stand der Dinge, den zu ändern ich machtlos war.
Viertes Kapitel.
Es war von jeher mein Bestreben gewesen, die Sonne meiner Unparteilichkeit leuchten zu lassen über Gerechte und Ungerechte. Da ich mir schmeichle, meine eignen kleinen Schwächen so ziemlich zu kennen, und dringend wünsche, meine Tugenden vollauf anerkannt zu sehen, ist es nicht mehr als billig, dass ich auch bei denjenigen Menschen, die meinem Herzen nicht teuer sind, das Gute anerkenne, vorausgesetzt, dass ich bei mikroskopischer Untersuchung solches entdecke. So bin ich denn wirklich froh, zugeben zu können, dass, meiner Ansicht nach, Hilda Turner Jim so lieb hatte, als es überhaupt in ihrer Natur lag, einen Menschen zu lieben. Ich kann dies Zugeständnis um so eher machen, als dasselbe bei Licht betrachtet, nicht allzu vielsagend ist. Bei vollständig gleichen äusseren Verhältnissen, glaube ich, dass sie Jim den Vorzug vor Bracknell gegeben hätte; leider waren aber die Verhältnisse nicht gleich, denn Bracknell hatte den Titel eines Marquis zu erwarten, während Jim seiner Lebtage ein mässig begüterter Landedelmann bleiben musste. Bei alledem muss ich sagen, dass sie, nachdem die erste Saite gesprungen, mit grosser Anmut die zweite aufspannte. Ob sie, wie ich damals gemutmasst habe, ihre Verlobung so hastig in Scene setzte, um dem so sehr pflichtgetreuen Bracknell einen Schlag zu versetzen, oder ob sie von Jims beabsichtigtem Verschwinden Kunde bekommen hatte und ihn durch Aufschub ganz zu verlieren fürchtete, sicher ist, dass sie sich mit Würde und grosser Liebenswürdigkeit in dieser einigermassen peinlichen Situation benahm und dass sie Jim unendlich beglückte — vernünftigerweise konnte man eigentlich nicht mehr von ihr verlangen.
Das junge Paar war allem Anschein nach vollständig befriedigt, und dieses Gefühl wurde grösstenteils, wenn auch nicht ausnahmslos, von den beiderseitigen Freunden und Verwandten geteilt. Der alte Mr. Turner rieb sich seine runden, weissen Hände und erklärte, dass sein Herzenswunsch nun erfüllt sei; Lord Staines war so vergnügt, dass er keine Ruhe hatte, bis er im Pfarrhaus gewesen war und seinem Entzücken Worte geliehen hatte; und wenn meine Mutter auch im stillen ein wenig enttäuscht war, denn Jim war ihr grosser Liebling, so zögerte sie doch nicht, zu versichern, dass alles gut sei und ihnen zum Besten diene. Allerdings hätte sie letzteres auch gesagt und gedacht, wenn ich zum Strick verurteilt worden wäre, denn darin bestand ihr frommer, einfältiger Glaube. Auf gewisse Schriftstellen gestützt, versicherte sie kühn, dass es nicht an uns sei, zu beurteilen, ob dies oder jenes zu gutem oder schlimmem Ende führen werde, und sie stellte rundweg ohne jeden Vorbehalt den Satz auf, dass alles gut sei, so wie es sich eben füge.
Es ist mir nie möglich gewesen, mich den Anschauungen meines Mütterleins in dieser Hinsicht anzuschliessen, und es war mir einigermassen wohlthuend, in dem allgemeinen Beifallsjubel wenigstens eine einzige Stimme zu hören, die aus einer andern Tonart sang und mit der meinigen übereinstimmte. Es war eine sanfte, kleine Stimme, aber sie klang süss und wurde selten zu irgend welchen lieblosen Bemerkungen über den lieben Nächsten gebraucht. „Weil Sie mich fragen,“ sagte Lady Mildred, „muss ich gestehen, dass ich mich nicht freue, nein, dass ich sogar traurig bin über diese Verlobung. Mir scheint Hilda lange nicht gut genug zu sein für Mr. Leigh.“
„Das,“ bemerkte ich, „ist ausser Zweifel.“
„Ja gewiss und ich kann nicht verstehen, wie sie so schnell andern Sinns werden konnte. Natürlich war es ja ganz unmöglich, dass Bracknell sie heiratete, aber die Möglichkeit vorausgesetzt, glaube ich, dass sie ganz gut miteinander fertig geworden wären. Ich habe Bracknell so lieb wie niemand sonst auf der Welt, und ich bin auch nicht gerade sicher, ob sie für ihn gut genug wäre — aber es ist doch ganz anders, als bei Mr. Leigh. Ich glaube, dass Bracknell es sich lange nicht so zu Herzen genommen hätte, wenn er hernach eingesehen haben würde, dass Hilda nicht gerade — nicht ganz das ist, was er sich eingebildet.“
Dies war haarklein meine Empfindung. Da es aber keinem Menschen im entferntesten einfiel, Lady Mildred oder mich um Rat zu fragen, fanden wir es am geratensten, unsre Weisheit für uns zu behalten, was wir denn auch thaten.
Von Bracknell hörte ich nichts, und ich glaube auch, dass Jim aus jener Himmelsgegend keinen Glückwunsch empfing; fragen mochte ich nicht danach. Ohne Zweifel hatte er dem alten Freund vergeben, da er nun, wo er sich mehr oder weniger als Sieger fühlte, schon ein übriges in Grossmut leisten konnte. Die Hochzeit wurde für den folgenden Januar anberaumt, und kurz nachdem ich dies vernommen hatte, verliess ich das mütterliche Dach, um meine Advokatenlaufbahn zu beginnen und mir ein Büreau einzurichten, in welchem sich meine juristische Bibliothek heute noch gänzlich unbenutzt vorfindet, was ich mich Freuden bekenne. Denn gerade damals empfing ich die erste praktische Ermunterung zu der litterarischen Thätigkeit, die mir seither das Leben lieb gemacht und mich gelegentlich in den Stand gesetzt hat, mein täglich Brot mit Butter zu geniessen.
Während des Herbstes und der ersten Wintermonate erhielt mich meine Mutter, welche die reizendsten Briefe schreibt, die je einer menschlichen Feder entflossen, vollständig auf dem Laufenden über alles, was in Cranfield vor sich ging, und diesen Berichten nach verlief der Brautstand regelrecht. Jim richtete Elmhorst von oben bis unten neu ein, wobei ihm die Braut ratend zur Seite stand. Sein Onkel und seine Tante, ein höchst uninteressantes Menschenpaar, mit welchem niemand verkehrte, und dessen Abzug zu bedauern keinem, ausser meiner Mutter, im Schlaf einfiel, hatten sich schon nach Bath aufgemacht, wo sie von nun an zu wohnen gedachten; „und die gute Mildred,“ fügte die Mama hinzu, „benimmt sich bei allem gar zu lieb und reizend. Sie scheint Jims Glück ganz mit zu empfinden und wird, das hoffe ich, eines Tages noch selbst so glücklich werden, wie sie es verdient.“ Ich gestehe, dass mir der tiefere Sinn dieser Lobrede damals entging, obwohl ich ihn bei einiger Erleuchtung leicht hätte durchschauen können.
Ein paar Tage vor Weihnachten setzte ich mich auf die Eisenbahn, mit dem zweifachen Reisezweck, die Festtage daheim zu verleben und Jims darauf folgender Hochzeit beizuwohnen.
Im letzten Augenblick, als der Zug sich eben in Bewegung setzen wollte, sprang ein junger, fashionabel aussehender Mann in den Wagen, stolperte über meine Beine, entschuldigte sich und sagte dann: „O, du bist’s, Maynard, wahrhaftig? Fährst hinunter in das alte Loch?“
Ich erwiderte, dass dies meine Absicht, vermutlich aber nicht die seinige sei — nicht dass ich damals schon das Kommende geahnt hätte, sondern weil ich es alles in allem genommen, für geschmackvoller gehalten hätte, wenn Bracknell gerade während dieser Zeit das Elternhaus gemieden hätte.
„Natürlich gehe ich nach Staines Court,“ erwiderte er. „Weshalb denn nicht?“
„Wenn du das nicht selbst weisst, so weiss ich’s auch nicht,“ bemerkte ich.
„Ach, lieber Freund!“ sagte Bracknell, seine Cigarre ansteckend, „wenn man jedem weiblichen Wesen, in das man einmal verliebt war, aus dem Wege gehen sollte, würde sich das Leben zu einem fortdauernden Versteckensspiel gestalten. Die Sache wäre in der That nicht ausführbar. Wie kommt denn Jim zurecht, das gute alte Kamel? Herrgott! was hat der für ein Dasein vor sich! Das war ein schlimmer Schicksalsschlag für ihn, als mein Alter mir verbot, ihm Fräulein Hilda abzunehmen. Das Mädel wird ihm zu guter Letzt das Herz brechen — das wirst du sehen.“
„Das deinige scheint sie nicht gebrochen zu haben,“ bemerkte ich.
Bracknell lächelte, und es fiel mir auf, dass er ein wenig mit den Augen zwinkerte. „Die Weiber sind alle gleich,“ sagte er, „und wem um ihretwillen das Herz bräche, der müsste ein Narr sein. Jim ist einer!“
„Wenn zu ritterlich denken für die Welt, in der wir uns umtreiben, ein Narr sein heisst, so ist er sicherlich einer,“ gab ich zu, und ich weiss selbst nicht, was mich trieb, hinzuzusetzen: „Ich hoffe, Bracknell, du wirst immer so loyal gegen ihn sein, wie er es gegen dich ist.“
Es war das eine ziemlich thörichte Aeusserung und vielleicht auch eine etwas unverschämte, aber Bracknell schien es nicht übelzunehmen. Er sah mich betroffen an und sagte dann: „Aha, es hat ihm wohl nicht behagt, dass ich ihn ausgestochen? War auch hart für ihn, das gebe ich zu, aber zum Kuckuck, was konnte denn ich dafür?“
Da es mir nicht gelang, eine klare Antwort auf diese Frage zu finden, erwiderte ich nur: „Nun, das ist ja jetzt vorüber, und je weniger man noch daran denkt, um so besser.“
Auf diesen Wink nahm mein Gefährte ein andres Thema auf und erzählte mir von einem Rennen, an dem er kürzlich teilgenommen, welcher Stoff dann mit einigen Unterbrechungen bis ans Ende der Fahrt vorhielt.
Die erste Begegnung zwischen Bracknell und Hilda hätte ich gern mit angesehen, aber diese Freude ward mir nicht zu teil. Am Christfest ging ich zu Tisch nach Staines Court — meine Mutter die nicht im stande war, ihr Zimmer zu verlassen, hatte darauf bestanden, dass ich die Einladung annehmen müsse. Das Haus war voll von Verwandten Lord Staines’, lauter Henleys und Beauchamps, die mir völlig unbekannt waren; als ich aber in den Salon trat, sah ich auf den ersten Blick eine kleine Gruppe, die aus Hilda, Lady Mildred, Bracknell und Jim bestand. Sie plauderten aufs freundschaftlichste zusammen und hatten sich offenbar entschlossen, das Vergangene vergangen sein zu lassen. Jim nickte mir zu, und gleich darauf flüsterte er mir, mich beiseite ziehend, ins Ohr: „Ist Bracknell nicht ein herzensguter Kerl? Ich glaube, dass auf der weiten Welt kein andrer Mensch die Sache so aufgefasst hätte, wie er, und nun kommt er noch ganz extra hierher, um uns zu zeigen, dass er keinen Groll hegt.“
Möglich, dass Bracknell in dieser menschenfreundlichen Absicht nach Staines Court gekommen war, aber mir fiel es etwas schwer, daran zu glauben. Erstens einmal hatte er wohl kaum vorausgesetzt, dass irgend jemand ihn im Verdacht habe, dumpf zu grollen, und zweitens hätte ein Brief genügt, solche Befürchtungen zu beseitigen. Aber da war er, dies war unzweifelhaft, und plauderte mit Hilda so unbefangen wie je, und sogar wenn er Schlimmes im Schilde führte, was jedoch wirklich nicht wahrscheinlich war, so wäre Jim sicher nicht davon zu überzeugen gewesen.
Miss Turner sollte sich seiner Gesellschaft nicht lange erfreuen. Ich glaube früher schon erwähnt zu haben, dass Bracknell einer jener Glücklichen — denn dass sie glücklich sind, muss man doch annehmen — war, die von lebenslustigen jungen Frauen mit Huld und Gnade überschüttet werden. Verschiedene der anwesenden Damen gehörten zu dieser Sorte, und sie tänzelten um ihn herum in einer Weise, die ebenso belustigend für den Zuschauer, als schmeichelhaft für den Gegenstand ihrer Wünsche war. Schliesslich führten sie ihn als ein kaum widerstrebendes Opferlamm von dannen, und wir ländliche Nachbarn konnten ihn den grössten Teil des Abends nur von weitem bewundern. Lord Staines beobachtete den Triumph seines Sohnes mit wohlwollendem Lächeln und drehte seinen grauen Schnurrbart. Vermutlich hatte er gegen Hofmachereien durchaus kein Vorurteil, solange die Dame nicht arm war und nicht geheiratet werden konnte. Er selbst sah jünger und heiterer aus als im Sommer; er hatte, wie ich aus einem kurzen Gespräch mit Lady Mildred erfuhr, bei dem Cesarewitsch eine hübsche Summe gewonnen.
Zu ziemlich vorgerückter Stunde schlug irgend jemand — wenn ich mich nicht täusche war es Bracknell — eine Partie Billard vor, und eine Gesellschaft von etwa zehn Personen, zwei oder drei Damen darunter, begab sich ins Billardzimmer. Dort war ich endlich im stande, einige Beobachtungen über Hildas Haltung ihrem früheren Geliebten gegenüber anzustellen. Ihre Stellung war durchaus keine behagliche zu nennen; jedermann im Zimmer wusste, dass sie ein paar Monate vorher entschlossen gewesen war, Bracknell zu heiraten, und sie selbst wusste sehr genau, dass die Thatsache allgemein bekannt war. Ihre Heiterkeit wurde aber durch all dieses nicht gestört, und sie beging nicht eine der kleinen Ungeschicklichkeiten, die sie so leicht hätte begehen können und die ein Mädchen von tieferer Empfindung schwerlich vermieden hätte. Weder ignorierte sie Bracknell, noch suchte sie seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; weder war sie allzu freundlich gegen ihn, noch that sie fremd. Wenn er mit ihr sprach, so antwortete sie ihm artig, ja sie redete ihn sogar ein- oder zweimal zuerst an, im allgemeinen aber war sie ruhiger als gewöhnlich und sprach überhaupt nicht viel. Das einzige, was man möglicherweise an ihrem Benehmen hätte aussetzen können, war, dass sie etwas zu zärtlich mit Jim war, ihm gelegentlich, wenn sie um das Billard herumzugehen hatte, etwas ins Ohr flüsterte und ihm einen Beifall fordernden Blick zuwarf, so oft sie einen guten Stoss gethan.
Nachdem das Spiel eine Zeit lang gedauert hatte, warf Bracknell sich plötzlich neben mir auf ein Sofa. „Zum Kuckuck!“ rief er in einem Tone, der nicht frei von Gereiztheit war, „das Mädchen hat nicht mehr Herz als ein Kieselstein!“
„Das ist mir nicht neu und geht dich nichts an!“ erwiderte ich.
Ohne auf meine Bemerkung zu achten, fuhr er fort: „Und das ist nun in ländlicher Stille in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Nette Unschuld vom Lande, das muss ich sagen! Da ist in der ganzen grossen Welt keine einzige, die sich mit ihr an Kühle und Ruhe messen könnte!“
Was er eigentlich erwartet hatte, dass sie sagen oder thun würde, weiss ich nicht, aber er war offenbar ärgerlich, und er fügte hinzu, dass er um keinen Preis in Jims Schuhen stecken möchte. Er gab mir eben seine Anschauungen über die weibliche Natur im allgemeinen zum besten, die, wie ich zu meinem Bedauern sagen muss, allzu ruchlos und allzu roh ausgedrückt waren, um wiederholt werden zu können, als ihm jemand zurief, dass die Reihe an ihm sei.
Er hatte einen ziemlich schwierigen Stoss zu machen, und in dem Augenblick, als er mit dem Billardqueue zurückfuhr, trat Hilda plötzlich unmittelbar hinter ihn, so dass er sie mit dem Griff heftig in die Seite stiess. Mit einem Schmerzensschrei sank sie auf das Sofa, auf welchem ich sass. Bracknell liess ganz erschrocken das Billardqueue sinken und starrte auf die blassen Wangen der Verletzten; Jim stürzte vom andern Ende des Zimmers herbei; ein dritter rannte nach einem Glas Wasser und die übrigen Spieler standen um das Sofa her — es war eine ganze Scene. Endlich konnte Hilda wieder aufatmen und versicherte mit schwachem Lächeln, dass sie nicht verletzt sei.
„Es hat nichts zu sagen, wirklich gar nichts,“ sagte sie, „es war ganz und gar meine Schuld, und in ein paar Minuten werde ich wieder frisch und munter sein. Bitte, bitte, spielen Sie weiter und bekümmern Sie sich nicht um mich.“
Ich bin bis zum heutigen Tag nicht gewiss, ob sie es absichtlich gethan; wenn es der Fall gewesen, so gewährte es mir einige Befriedigung, dass sie einen weit kräftigeren Rippenstoss erhielt, als sie vorausgesetzt haben mochte. Jedenfalls aber brachte der unbedeutende Zwischenfall in Bracknells Stimmung eine bedeutende Umwandlung hervor. Selbstverständlich that es ihm furchtbar leid, einer Dame weh gethan zu haben, und diese Selbstanklage mag durch das Bewusstsein, vor kurzem so hart über sie geurteilt zu haben, noch verschärft worden sein. Er blieb neben ihr sitzen, nachdem sie Jim liebevoll weggedrängt hatte und die andern auf ihr Verlangen das Spiel fortsetzten, und ich sah, dass sie rasch und eifrig sprachen. Ihr Zwiegespräch ward bald darauf unterbrochen, allein es hatte immerhin lange genug gedauert, um Bracknells Wangen höher zu färben und seine Augen nachdenklich blicken zu machen. So wie ich Miss Hilda kannte, war ich vollständig überzeugt, dass sie ihn entweder noch einmal unterjochen oder sich an ihm rächen wollte, und was auch ihr Plan sein mochte, sie hatte allem Anschein nach Aussicht, ihn glänzend durchzuführen.
Als ich dies am folgenden Morgen gegen meine Mutter äusserte, die immer gern einen ausführlichen Bericht über jede Gesellschaft entgegennimmt, die ich besuchte, schüttelte sie den Kopf.
„Ach, mein lieber Harry,“ seufzte sie, „du bist zu schnell bereit, den Menschen schlimme Motive zuzutrauen, und beschäftigst dich überhaupt zu viel mit dem Studium des Bösen — angenommen nämlich, dass die arme Hilda überhaupt böse ist. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich viel lieber Mildred beobachten, oder ist sie etwa zu gut, um anziehend zu sein?“
„Willst du mir damit den Vorschlag machen, mich in Lady Mildred zu verlieben?“ fragte ich.
„Nein, mein lieber Junge, wahrhaftig nicht — was würde Lord Staines dazu sagen? Ueberdies fürchte ich, du würdest einigermassen zu spät kommen. Hast du denn wirklich Mildreds Geheimnis nicht erraten, Harry — du mit deinem rechnenden Scharfblick?“
Jeder hat seine Schwächen, und unter den vielen, zu denen ich mich bekennen müsste, wenn man mich eidlich darüber vernähme, steht obenan die, dass ich mir einbilde, mit Leichtigkeit in Herz und Kopf meines Nebenmenschen lesen zu können. Nun war es mir aber wahrhaftig entgangen, dass Mildred ihr Herzchen an Jim verloren hatte, meine Eitelkeit gestattete mir jedoch nicht, diese beschämende Thatsache anzuerkennen, und ich bemerkte an Stelle einer direkten Antwort nur, dass ein Unterschied sei zwischen Anziehend- und Interessantsein, und dass böse Menschen zu studieren interessanter sei als gute, weil für gewöhnlich die Gründe ihrer Handlungsweise tiefer liegen.
„Das scheint mir auch,“ stimmte meine Mutter zerstreut bei. „Armer Jim!“
„Ich weiss wahrhaftig nicht, weshalb du ihn bemitleidest,“ versetzte ich gereizt, denn ich verargte es meiner Mutter, etwas gesehen zu haben, was mir entgangen war. „In dieser vortrefflichsten aller Welten dienen uns ja alle Dinge zum besten.“
„Ich glaube, dass alles, was geschieht, zu unserm Besten dient,“ antwortete sie einfach, „fürchte aber, dass du daran zweifelst. Wir dürfen uns nicht anmassen, zu denken, dass es besser für unsern Freund wäre, Mildred zu heiraten als Hilda, die ja auch sehr viel nette Eigenschaften hat. Armer Jim!“
Meine Mutter gestattet sich zuweilen einen harmlosen Humor, der sie sehr erfrischt. Nach diesem letzten Stossseufzer sah sie halb abbittend zu mir auf und wir lachten eine Weile herzlich miteinander. Ich glaube, dass sie so deutlich wie ich kommendes Unheil ahnte, dass sie es aber vorzog, nicht darüber zu sprechen, ehe es da war, woran sie wahrscheinlich wohl that.
Fünftes Kapitel.
Meine Reitkunst ist nie hervorragend gewesen und ich kann mich über Sportangelegenheiten nur mit einer gewissen Vorsicht äussern, habe aber von Sachverständigen allezeit versichern hören, dass in unsrer Gegend das Terrain für Fuchsjagden ein höchst ungünstiges sei. Die sogenannte niedere Jagd dagegen gilt für ausserordentlich ergiebig, und die zu Staines Court gehörigen Wälder sind dafür geradezu berühmt. Nun hatte Lord Staines bis Weihnachten die heilige Stille seiner Parks durch keinen einzigen Schuss stören lassen, zu welchem Akt der Selbstverleugnung ihn sicher nur die Rücksicht auf seinen Sprössling bewog, der zur Zeit einer der besten Schützen Englands war. Gross war daher des alten Herrn Erstaunen und noch grösser seine Enttäuschung, als es sich herausstellte, dass Bracknell während seines Aufenthaltes sich ausschliesslich dem Jagdsport zu Pferde hingab, und selbst an Tagen, wo nicht hinaus geritten wurde, sich nicht bewegen liess, seine Büchse zur Hand zu nehmen.
„Er muss den Verstand verloren haben — anders kann ich mir sein Betragen absolut nicht erklären,“ sagte der bekümmerte Vater in meiner Gegenwart.
Ich hätte es ihm erklären können; dass aber bei meiner Erklärung die Geistesstörung ausgeschlossen gewesen, will ich nicht behaupten. Ich hätte Lord Staines sagen können, dass trotz der unbedeutenden Jagden ein benachbarter Gutsbesitzer diesen Sport mit Passion betrieb, und dass derselbe seiner Braut erst kürzlich ein wohl zugerittenes Reitpferd geschenkt hatte; und dass Bracknell, wenn er nicht mit obgenanntem Paar dahinsauste, sich auf irgend eine andre, vielleicht weniger unschuldige Art in Gesellschaft der weiblichen Hälfte die Zeit vertrieb. Das alles sagte ich ihm jedoch nicht, einmal weil er mich gar nicht fragte, und zweitens weil ich von Natur grossen Widerwillen dagegen habe, angedonnert zu werden. Um Bracknell ein zweites Mal aus der Gegend zu entfernen, hätte ich willig ein persönliches Opfer gebracht, das muss ich zu meinen gunsten bemerken, allein es war mir sehr klar, dass nur der Augenschein Lord Staines hätte überzeugen können, dass sein Sohn fähig war, sich eines Edelmannes unwürdig zu betragen. Nun kann man es leider nicht wohl anders bezeichnen, wenn einer der Braut des Freundes vor den Augen desselben den Hof macht, und ich zweifle, ob der Umstand, dass die in Frage stehende Dame eine gewissenlose Kokette war, den Fall in viel milderem Licht erscheinen lässt.
Wenn man für Bracknells Betragen irgend eine Entschuldigung geltend machen wollte, so könnte man sie nur in dem Ton der Gesellschaft finden, welche er zu besuchen pflegte. Es gibt Kreise, in denen es Regel zu sein scheint, dass jeder in irgend eine Dame verliebt ist, vorausgesetzt nur, dass er sie nicht heiraten kann. Bracknell mag die Sache so angesehen haben, als ob Miss Turner schon verheiratet wäre, und infolgedessen ein ganz ungefährlicher und geeigneter Gegenstand seiner Huldigungen. Ueberdies liess sie es an Ermutigung nicht fehlen. Ich begegnete ihnen ein paarmal, als sie zu bedenklich früher Stunde miteinander von der Jagd heimritten; Bracknell kam fortwährend „zufällig“ zum Lunch oder Thee ins Pfarrhaus; und Jim fand kaum Worte, um seiner Befriedigung über das freundschaftliche Verhältnis zwischen seiner Verlobten und seinem Freund Ausdruck zu geben. Solches Glück habe er kaum zu hoffen gewagt, vertraute er mir einmal gelegentlich an.
Als ein starker Frost, der in wenigen Tagen das Eis auf dem grossen Teich von Staines Court tragfähig machte, dem Jagdvergnügen plötzlich Einhalt that, hatte das ehrenwerte Paar eine neue Gelegenheit, sein gegenseitiges Wohlwollen an den Tag zu legen. Bracknell war ein vorzüglicher Schlittschuhläufer, wie er sich denn in jeglichem Sport und allen ritterlichen Künsten auszeichnete, und in Hilda fand er eine talentvolle Schülerin. Jim, der nicht zu den rasch begreifenden Kunstjüngern gehörte, lauschte andächtig auf Bracknells Unterweisungen, und wenn dann das Paar an ihm vorüberglitt, was häufig geschah, so beobachtete er sie von weitem mit einem rührenden Ausdruck von Stolz und Bewunderung.
Diese beiden Menschen waren ihm das Liebste auf der Welt, und ich glaube, dass keine Auszeichnung, die ihm selbst zu teil geworden wäre, ihn so beglückt hätte, wie die Betrachtung ihrer Vollkommenheit.
Ich für mein Teil hatte triftige Gründe, die durcheinander wirbelnde Menge zu vermeiden, wenn ich mich auf Stahlschuhen befand. Eines Nachmittags hatte ich ein hübsches, geschütztes Plätzchen gefunden, das durch eine kleine Insel den Blicken der am Ufer Stehenden verborgen war, und widmete mich mit Feuereifer dem edlen Studium des „Holländerns“, als Bracknell und Hilda plötzlich pfeilschnell hinter meinem schützenden immergrünen Buschwerk hervorschossen. Hand in Hand glitten sie an mir vorüber, und durch die Stille drangen ein paar Worte klar und deutlich an mein Ohr: „O, du lieber Himmel! Können wir ihn denn nicht loswerden?“ Ein leises Lachen von Hilda hörte ich noch, dann folgte eine Erwiderung, welche die grössere Entfernung mir schon unverständlich machte.
Einen Augenblick darauf vernahm man das Geräusch kurzer, ungleicher Züge, die den ungeschickten Schlittschuhläufer kennzeichnen, und Jims Riesengestalt kam in Sicht. „Hallo! ihr beiden,“ hörte ich ihn rufen, „wartet auf mich!“ Und vorwärts stürmte er mit Wucht, das Miniaturkap umsegelnd, hinter dem Bracknell und Hilda schon verschwunden waren.
Weshalb dies flüchtige Nebelbild mein Blut vor Empörung kochen machte, weiss ich kaum, denn ich hatte längst keiner Beweise mehr bedurft, um gewiss zu sein, dass man den armen Jim zum Narren hatte, und doch fasste mich die Wut. „Loswerden möchtet ihr ihn,“ sagte ich zu mir selbst, indem ich mich zur Verfolgung anschickte. „Na, weder ihn, noch mich sollt ihr loswerden, meine Teuersten.“
Ich wurde jedoch an der Ausführung meiner wohlwollenden Absichten verhindert, denn kaum hatte ich tüchtig ausgezogen, als ich Jim in gewaltiger Eile zurückkehren sah.
„Wohin denn so plötzlich?“ fragte ich, die Hand ausstreckend, um ihn aufzuhalten.
Mit grossen Schwierigkeiten unterbrach er seinen Lauf, indem er einen ungeheuren Halbkreis beschrieb, um an meine Seite zu gelangen. „Hilda möchte ihre Jacke haben,“ erklärte er mir atemlos, „sie hat sie im Haus liegen lassen.“
„Und schickt dich eine Meile weit, um sie zu holen? Ich dächte, sie hätte wohl Bracknell mit dem Auftrag beglücken können. Aber einerlei, geh du nur wieder zu ihr, die verfluchte Jacke werde ich holen!“
Ich konnte nicht umhin, dieser unschuldigen Jacke zu fluchen, und bemerkte sofort, dass Jim ein wenig überrascht und unangenehm berührt war. „Mein lieber Junge,“ sagte er sanft, „ich sehe gar nicht ein, weshalb du so viel Mühe haben sollst — mir macht es gar nichts.“
„Aber mir macht es sehr viel, wenn du gehst,“ erwiderte ich, in meinem Aerger aller Vorsicht vergessend. „Himmel und Hölle, Mensch, glaubst du denn wahrhaftig, dass Hilda dich wegschickt mit einem Auftrag, den du nicht unter dreiviertel Stunden ausrichten kannst, weil sie Angst hat, einen Schnupfen zu kriegen? Glaubst du denn wirklich und wahrhaftig, dass Bracknell die ganze Zeit hier geblieben ist, weil er an dieser erbärmlichen Jagd Vergnügen findet oder weil ihm das Schlittschuhlaufen auf dieser Pfütze interessanter ist als sein Londoner Treiben? So dumm zu sein, ist polizeiwidrig!“
Jims Gesicht ward sehr ernst. „Bracknell bleibt hier, um unsrer Hochzeit beizuwohnen,“ erwiderte er, „und hat verschiedene Einladungen abgesagt, um uns nicht um die Freude zu bringen. Was Hilda betrifft, so kann ich dir nur sagen, dass sie mich nicht hätte gehen lassen, wenn ich nicht darauf bestanden hätte, die Jacke zu holen.“ Mit einer gewissen Ueberwindung setzte er dann hinzu: „Harry, wir sind alte Freunde, und ich lasse mir viel gefallen, ehe ich mich mit dir entzweie, aber ich bin gezwungen, dir zu sagen, dass, wenn du noch einmal eine derartige Andeutung machst, unsre Freundschaft zu Ende ist. Es kommt mir vor, als ob du dir angewöhnt hättest, in jedem Menschen einen Schurken zu wittern, und nun ist dir’s zur andern Natur geworden. Ich will dir keine Moralpredigt halten, alter Kamerad, aber eine verteufelt schlechte Gewohnheit hast du dir da beigelegt, das ist sicher.“
Das war der Lohn für meine wohlgemeinte, aber unüberlegte Einmischung. Ich muss leider gestehen, dass ich thöricht genug war, mich durch Jims Zurechtweisung tief verletzt zu fühlen, und dass eine Entfremdung zwischen uns entstand, die nicht leicht wieder gut zu machen gewesen wäre, hätten nicht die Ereignisse selbst uns wieder zusammengeführt. So viel war jedenfalls klar, dass ich meinerseits den Dingen ihren Lauf lassen musste; Jim konnte ich die Augen nicht öffnen, und Bracknell sein Unrecht vorzustellen, wäre in den Wind gesprochen gewesen.
Und doch fand sich eine, die genügend an ihn und an sich selbst glaubte, um sich der vergeblichen Aufgabe zu unterziehen. Einige Tage, nachdem das Eis wieder geschmolzen war, und ungefähr eine Woche vor dem Hochzeitstag, vertraute die schüchterne kleine Lady Mildred mir an, wieviel Sorge ihr der vertrauliche Verkehr zwischen ihrem Bruder und Jims Braut bereite. „Mit Ihnen kann ich ja wohl darüber sprechen,“ sagte sie, „denn ich weiss, dass Sie es ebensogut bemerkt haben wie ich. Ich denke mir, dass Sie Bracknell sehr streng beurteilen — nicht?“
„Natürlich, doch gewiss nicht strenger als er es verdient,“ erwiderte ich.
„Jawohl, und doch ist er lange nicht so schlimm als Sie denken — er sieht gar nichts Unrechtes in der ganzen Sache. Er lachte einfach, als ich ihn darüber zur Rede stellte und sagte, er verstehe gar nicht, was ich rede, und so werden sie es treiben, bis irgend etwas Furchtbares geschieht.“
„Meine liebe Lady Mildred,“ sagte ich, „ich glaube nicht, dass es zu ‚etwas Furchtbarem‘ kommen wird. Wenn ich die bezaubernde Hilda richtig beurteile, so wird sie einer Katastrophe womöglich aus dem Wege gehen. Leute, die ‚etwas Furchtbares‘ thun, büssen ihre Stellung in der Gesellschaft ein und haben allerlei Unbequemlichkeiten zu ertragen. Sie wird sich ohne Zweifel amüsieren, so gut sie kann, und solange ihr Gatte die Augen zudrückt und sich nicht darüber grämt, sehe ich nicht ein, weshalb andre dies thun sollen?“
Lady Mildred schien keinen Geschmack an meiner Philosophie zu finden. „Das heisst mit andern Worten, dass es Ihnen einerlei ist, was aus Ihrem Freund wird,“ bemerkte sie.
„Allerdings“, erwiderte ich mit erzwungener Ruhe. „Wenn ich es unternehme, ihm zur rechten Zeit ein Wort der Warnung zu sagen, so fährt er auf mich los wie eine Bulldogge und sagt mir, dass ich mich nicht in seine Angelegenheiten mischen soll, und wenn ich ihn dann seinem Schicksal überlasse, so machen Sie mir den Vorwurf, kein Herz für ihn zu haben. Ein Freund scheint mir in diesem Falle ein lästiges und überflüssiges Möbel zu sein.“
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