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W. E. Norris
Die geprellten Verschwörer
Roman
Autorisierte Aebersetzung aus dem Englischen
von
Emmy Becher
Saga
Erstes Kapitel.
An einem gewissen Frühlingsabend eines gewissen Jahres (die Möglichkeit, das Datum genauer anzugeben, wäre vorhanden, aber aus verschiedenen Gründen erscheint es wünschenswert, die Zeit minder deutlich zu bezeichnen) gab Lord Guise in seinem Klub ein kleines Diner. Es machte ihm besonderes Vergnügen, derartige Einladungen zu erlassen, ja, er war überhaupt nur in diesen Klub eingetreten, weil dieser wegen der Trefflichkeit der Küche, womit die Mitglieder Fremde bewirten konnten, berühmt war. Ob er es nun nicht der Mühe wert fand, sich um die Zusammensetzung der Gesellschaft viel zu bekümmern, oder ob er ihre Buntscheckigkeit ergötzlicher fand, kurz, Lord Guise suchte sich seine Gäste aus, ohne im geringsten Rücksicht darauf zu nehmen, ob sie sich untereinander verstehen würden oder nicht. Dass die drei, die er bei dem heutigen Anlass zusammengebeten hatte, ausser dem Sinn für gute Küche und gute Weine keinerlei Berührungspunkte hatten, dessen musste er sich auf alle Fälle bewusst gewesen sein.
Einer davon war sein alter Freund und einstiger Schulkamerad, Percy Thorold, ein hübscher, ziemlich ernsthaft dreinschauender Mann von über dreissig Jahren, mit dunklem Haar und breiter Stirn, der früh Parlamentsmitglied geworden war, sich rasch als Redner hervorgethan hatte und jetzt die Stellung eines jüngeren Lordschatzmeisters einnahm. Der zweite war Eustace Moreton, ein auffallend hübscher und nach Ansicht der meisten Leute auffallend nichtsnutziger junger Mensch; er war eine Zeitlang Gardeoffizier gewesen, hatte diesen Beruf aber aufgegeben, weil er gefunden hatte, dass seine Mittel ihm diesen Luxus nicht gestatteten. Ob er oder sein Vater es weniger kostspielig fanden, wenn er ganz ohne Beschäftigung in London lebte, bleibt eine offene Frage, jedenfalls hatte er weder Lust noch Aussicht, auf irgend eine Weise sein Brot zu verdienen. Als treuer Unterthan des neuesten Modegesetzes war er ganz glatt rasiert; sein blondes, lockiges Haar wuchs weit in die breite Stirn hinein, seine schläfrigen blauen Augen drückten der Welt, die im Ganzen genommen so gnädig mit ihm verfahren war, als er irgend erwarten konnte, ein gewisses lässiges Wohlwollen aus. In der Gesellschaft war er ein begehrter Mann, denn er tanzte gut, hatte kein Vorurteil gegen Londoner Bälle und wusste sich angenehm zu machen. Der dritte Gast endlich war der kleine Herr Schneider, von dem weder sein Wirt, noch sonst jemand viel wusste, als dass er viel Geld besass, dass er im Park und an andern Orten vierspännig fuhr, dass sein verstorbener Vater ein deutscher Bankier gewesen war und dass ihm ausserordentlich viel daran lag, in der Gesellschaft festen Fuss zu fassen. Von den vier Tischgenossen war Lord Guise selbst der älteste und der wenigst elegante; sein Haar, das er länger trug, als es heutzutage bräuchlich ist, war nicht forgfältig genug gepflegt, seine Kleider sassen schlecht und seine Züge waren plump und unregelmässig. Alles zusammengenommen, sah er sehr gewöhnlich aus, wenn es auch Leute gab, die ihn in seiner Eigenschaft als ältester Sohn eines Herzogs eine vornehme Erscheinung zu nennen beliebten. Er galt für excentrisch, was aber nicht viel mehr heissen wollte, als dass seine Umgangsformen weniger fein waren, als zu erwarten gewesen wäre, und dass er noch unverheiratet war.
Wenn Lord Guise, trotzdem verlockende und ziemlich deutliche Aufforderungen, seinen Stand zu verändern, nicht ausblieben, noch immer Junggeselle war, so rührte das nicht von phantastischen Launen her, sondern beruhte auf der tiefen Ueberzeugung, dass ein Mann, der sich lebenslang an ein Weib bindet, zehn gegen eins eine unwiderrufliche Thorheit zu bereuen haben werde. Es war dies ein Lieblingssatz von ihm, und er trug ihn jetzt eben seinen drei Gästen vor, die ihm mit Interesse und Spannung zuhörten.
„Selbstverständlich ist die Ehe als gesellschaftliche Einrichtung eine Notwendigkeit,“ bemerkte er in seiner langsamen, etwas schleppenden Sprechweise, „und das zu bestreiten, wird wohl niemand einfallen. Wogegen ich mich auflehne, ist nur die englische Art, Heiraten zu schliessen. Was zum Henker hat denn die Liebe mit der Geschichte zu thun? So ein verrannter Esel ist doch wohl kein Mann, dass er glauben könnte, er werde sein ganzes Leben lang in eine und dieselbe Frau verliebt sein und bleiben.“
„Ich kann mir doch vorstellen, dass ein Mann ein solcher Esel wäre,“ sagte Thorold mit einem leisen Lächeln.
„Bei Licht besehen, ich auch, eigentlich bildet man sich das ja ein, so oft man verliebt ist. Ich habe meinen Gedanken nicht richtig ausgedrückt, ich hätte sagen sollen, so dumm ist keiner von uns, an die Möglichkeit einer unwandelbaren Liebe bei einem andern Mann zu glauben.“
„Oder an die dauernde Liebe bei einem Weib,“ setzte Moreton mit einem Seufzer hinzu und heftete einen wehmütigen Blick auf sein leeres Sektglas.
Lord Guise gab dem Kellner einen Wink und nahm seine Vorlesung wieder auf.
„Der Grund, aus dem so viele Eheleute sich gegenseitig hassen, liegt nur darin, dass sie mit dem abgeschmackten Gelöbnis, Unmögliches zu vollbringen, vom Stapel gelaufen sind. Man sollte anfangen, wie man fortzumachen gesonnen ist, und wenn man mit einem guten, ruhigen Gefühl gegenseitiger Rücksicht und Achtung beginnen wollte, so liesse sich die Sache wahrscheinlich ohne viel Unbehagen durchführen. Ich sage nicht, dass die Ehe in irgend welcher Weise erfreulich sein könnte, aber erträglich könnte sie gemacht werden!“
Der kleine Herr Schneider, mit seinem runden, rosigen Gesicht und den hervorstehenden Augen, nickte beistimmend und klopfte auf den Tisch.
„Vollkommen richtig!“ rief er lebhaft. „Ich stimme Ihnen ganz und gar bei!“
„Das habe ich von Ihnen erwartet,“ bemerkte Lord Guise trocken. „Sie thun das in der Regel. Aber was halten Sie davon, Thorold? Geben Sie mir recht?“
In Wahrheit hatte diese ganze Standrede, so allgemein sie der Form nach auch gehalten war, nur auf einen einzelnen Fall Bezug, und Herr Thorold war sich dessen vollkommen bewusst.
„Sie mögen recht haben,“ versetzte er. „Ich persönlich hätte kein grosses Verlangen, nach französischem Rezept zu heiraten, aber vermutlich bewährt es sich in den meisten Fällen besser, als das unsrige. Uebrigens hat es nicht viel zu sagen, ob Sie recht oder unrecht haben, denn Sie werden schwerlich eine Umwälzung unsrer angebornen Vorstellungen hervorbringen.“
„Das weiss ich denn doch nicht,“ erwiderte Lord Guise. „Jede Bewegung entsteht durch einen einzelnen, und so sehr ich von meines Nichts durchbohrendem Gefühle durchdrungen bin, könnte es doch sein, dass ich der erste wäre, der die Kugel in der rechten Richtung ins Rollen brächte. Nicht, dass ich dem französischen Rezepte unbedingte Geltung verschaffen möchte — für meinen Geschmack nimmt in Frankreich die Schwiegermutter eine zu hervorragende Stellung im Haushalt ein. Ich möchte es nur dahin bringen, dass die Männer einsehen, dass in eine Frau verliebt zu sein, gar kein Grund ist, sie zu heiraten — im Gegenteil. So viel werden Sie mir doch zugeben müssen, Thorold?“
Die Blicke der beiden andern Tischgenossen waren erwartungsvoll und mit einer versteckten Heiterkeit auf den jungen Politiker gerichtet, dessen Verlobung mit einer sehr bekannten Dame kürzlich abgebrochen worden war, und von dem man annahm, er sei noch etwas herzwund über die Geschichte.
„O gewiss gebe ich das zu,“ erwiderte er achselzuckend. „Schliesslich handelt es sich ja nur um verschiedene Abstufungen unsrer Unkenntnis, denn was wissen wir überhaupt von den Frauen, auch wenn wir nicht verliebt sind? Das beste ist, ihnen freien Spielraum zu geben.“
„Was nur nicht ausführbar ist,“ versetzte Lord Guise. „Wollen wir jetzt hinaufgehen und rauchen?“
Der Gegenstand wurde für den Augenblick fallen gelassen, aber später im Rauchzimmer von Eustace Moreton, der in Beziehung auf das andre Geschlecht einen haarsträubenden Cynismus zur Schau trug, wieder aufs Tapet gebracht. So kurz sein Lebensgang war, so ereignisreich war er in Dingen der Liebe gewesen, und was die Beständigkeit anging, so hatte er sich dadurch nicht eben ausgezeichnet, teilte aber jetzt seinen Zuhörern mit, dass er in keinem einzigen Fall der zuerst Erkaltende gewesen sei.
„Meine Ueberzeugung ist,“ erklärte er feierlich, „dass es den Frauen niemals um den Mann selbst zu thun ist. Ihr einziges Streben ist, ihn zum Heiraten zu verlocken, und sobald sie sehen, dass er keine Lust hat, so furchtbar weit zu gehen, wird er beiseite geworfen, wie ein alter Handschuh.“
Diese Lehre von der gänzlichen Unvernunft weiblicher Natur wurde von Herrn Schneider bestätigt, der, mit dem Kopf nickend, salbungsvoll bemerkte: „Ganz Ihrer Meinung, Moreton.“
Herr Schneider war einer von den liebenswürdigen, leider allzu seltnen Menschen, die nie widersprechen.
„Suchen wir, gerecht zu sein selbst gegen die Frauen, obwohl sie es beinahe nie gegen uns sind,“ sagte Lord Guise. „Es ist nur billig, wenn wir anerkennen, dass sie in mancher Hinsicht lange nicht so thöricht sind, wie wir, und ihr Wunsch, geheiratet zu werden, ist ihnen in Anbetracht ihrer Lage nicht zu verargen. Natürlich wollen sie unter die Haube kommen und natürlich geben sie sich alle Mühe, uns zu angeln, aber weshalb beissen wir immer Hals über Kopf an? Das möchte ich nur wissen?“
„Manche lassen es wohl bleiben,“ bemerkte Thorold.
„Hm! Manche haben das Glück, wieder ins Wasser geworfen zu werden, weil sie sich gar zu leicht fangen liessen.“
Thorold hatte eine Entgegnung auf der Zunge, besann sich aber eines Besseren, drehte seinen Schnurrbart und schwieg.
„Was wir brauchen,“ fuhr Lord Guise fort, „ist ein Junggesellenbund zu gegenseitigem Schutz und Beistand. Wie ich vorhin schon sagte, ist es abgeschmackt, die Frauen zu tadeln, weil sie ihren angebornen Trieben gehorchen. Das thun auch die besten; aber der Himmel weiss, dass es schlechte genug gibt, und wie soll ein harmloses Geschöpf von einem Mann ihnen ausweichen? Sobald sie nur ein bisschen hübsch sind, müssten sie entsetzlich ungeschickt sein, wenn sie es nicht fertig brächten, uns um den Verstand zu bringen, und dann ist es um uns geschehen. Es vergeht kein Jahr, dass ich nicht von einem halben Dutzend Verlobungen höre, die geradezu herzbrechend sind.“
„Sie sind übrigens bis jetzt noch immer ungefährdet davongekommen,“ bemerkte Thorold.
„Nur weil ich mit einer ausnahmsweise ruhigen Gemütsart begnadet bin; hätte ich meinen ersten Regungen gehorcht, so wäre ich längst ein elender Sklave. Sie sind ein reicher Mann und werden ein Lied zu singen wissen von den Fussangeln, die uns auf Schritt und Tritt gelegt werden.“
„Ohne ein reicher Mann zu sein,“ schaltete Moreton ein, „kann ich davon auch mitreden. Niemand hängt mehr am Weibe als ich und niemand weiss besser, dass sie alle, die eine wie die andre, Lug und Trug üben.“
Herr Schneider gab zu verstehen, dass seine persönlichen Erfahrungen ihn auch zu diesem traurigen Ergebnis geführt hätten.
„Aber auf welche Weise gedenken Sie denn, diesem betrüblichen Zustand abzuhelfen?“ fragte Thorold.
„Wie ich Ihnen sage, durch Gründung eines Schutz- und Trutzbündnisses,“ gab Lord Guise zur Antwort. „Von dem Augenblick an, wo der Mann sich verliebt, ist er nicht mehr zurechnungsfähig. Zu seinem eignen Besten hätten die Freunde die Pflicht, jede Verantwortung für ihn zu übernehmen; das können sie aber natürlich nur dann thun, wenn er ihnen, solange er noch seine fünf Sinne beisammen hatte, Vollmacht dazu erteilt hat. Man hört häufig von armen Teufeln, die einen ererbten Hang zum Trunk haben, es aber vorher fühlen, wenn der Anfall kommt, und freiwillig in Anstalten gehen, wo keine geistigen Getränke verabreicht werden. Derselbe Grundsatz sollte auch auf das Heiraten Anwendung finden. Wenn einer auf dem Punkt steht, eine Dummheit zu machen, sollte er zu seinen Freunden gehen und ihnen sagen: ‚Hört, wenn ihr mich nicht festhaltet, so werbe ich heute oder morgen um Fräulein A. oder Lady B. Meiner Ansicht nach ist sie ein Engel, aber ich bin mir bewusst, dass meine Urteilsfähigkeit gegenwärtig gleich Null ist — sorgt also für mich, so gut ihr könnt!‘ Das ist mein voller Ernst,“ setzte er hinzu, als er bemerkte, dass seine Zuhörer behaglich lächelten.
„Und was würden Sie mit dem Unglücklichen beginnen, der sich in so rührender Weise unter Ihren Schutz flüchten wollte?“ fragte Thorold. „Einsperren? In Ketten legen?“
„Nein, solche Mühsal könnte er mir doch wohl nicht zumuten, überdies zweifle ich, ob das gesetzlich wäre. Meine Idee ist, dass jedes Mitglied der Gesellschaft sich verpflichten sollte, eine gewisse Zeitlang — sagen wir sechs Monate — vollständig dem Rat der Freunde zu gehorchen. Selbstverständlich könnte es auch der Fall sein, dass sie seine Heirat auf der Stelle gut hiessen, wären sie aber überzeugt, dass er im Begriff stehe, einen moralischen Selbstmord zu begehen, so müssten sie ihm jeglichen Verkehr mit der Dame für ein halbes Jahr untersagen. Nach dieser Frist würde es ihm anheimgestellt sein, ob er mit dem Kopf gegen die Wand rennen will oder nicht, es ist aber alle Aussicht vorhanden, dass der Zeitraum genügt hätte, ihn zu nüchterner Ueberlegung zu bringen. Weshalb sollten wir nun die Sache nicht frischweg ins Werk setzen? Wir scheinen so ziemlich Gesinnungsgenossen zu sein, und offenbar ist augenblicklich keiner von uns verliebt.“
„Wenigstens nicht mehr als sonst,“ versetzte Moreton, von sich ausgehend.
„Nicht die Spur,“ versicherte Herr Schneider selbstgefällig.
Nach einer kleinen Pause sagte Thorold: „Nun, ich glaube, ich kann ganz gut mit einstimmen in den Chor. Jedermann weiss, dass ich bis vor kurzem mit Lady Belvoir, meiner Cousine, verlobt war und dass ich es nicht mehr bin. Da wir einmütig übereingekommen sind, unsre Beziehungen abzubrechen, so lässt sich annehmen, dass weder bei mir noch ihr von einer unglücklichen Liebe die Rede ist.“
„Ich freue mich, dass Sie die Sache zur Sprache bringen, Thorold,“ bemerkte Lord Guise, indem er sich behaglich in seinen Lehnstuhl zurücklegte und eine blaue Rauchwolke zur Zimmerdecke hinaufsandte. „Ich hätte Ihren Fall ohne besondre Erlaubnis nicht gern angeführt, und doch gehört er so sehr hierher.“
„Es schmerzt mich gar nicht, wenn Sie ihn anführen. Aber wieso gehört er hierher?“
„Na, ich dächte doch! Meines Wissens ist noch nie jemand so glücklich einer Gefahr entronnen, wie Sie. Der Himmel behüte mich, Sibyl Belvoir irgend jemand zur Frau zu wünschen, aber von allen Männern der Welt wäre keiner weniger geeignet, ihr Mann zu werden, als Sie.“
„Möglich,“ versetzte Thorold mit einem Anflug von Gereiztheit. „Deshalb begreife ich aber noch immer nicht, weshalb mein Fall von so allgemeinem Interesse sein soll. Wir haben es selbst herausgebracht, dass wir nicht füreinander taugen, und danken diese Entdeckung weder Ihnen noch andern Freunden.“
Lord Guise lächelte ein wenig.
„Sie sind der Gefahr entronnen, aber mit knapper Not, und wenn Sie unsrem Schutzverein angehört hätten, so würden sie ihr gar nicht ausgesetzt worden sein; denn würde irgend einer von Ihnen, meine Herren — es versteht sich, dass diese Unterredung eine ganz vertrauliche ist und dass von dem hier Gesprochenen nichts weitergetragen wird — würde einer von Ihnen Thorold gestattet haben, Lady Belvoir zu heiraten?“
„Entschieden nicht!“ rief Moreton.
Herr Schneider sprach sich weniger schroff und etwas weitläufiger aus; wenn man aber seine Aeusserungen zusammenfasste, so war der ganzen Rede kurzer Sinn, dass, wenn er in der Sache ein Wort mitzureden gehabt hätte, er es nicht mit seinem Gewissen hätte vereinigen können, eine solche Verbindung gut zu heissen.
„Sie sehen also, dass Sie in guten Händen gewesen wären,“ sagte Lord Guise, sich an Thorold wendend. „Was mich betrifft, so kenne ich Sibyl Belvoir ungefähr so lange, als sie auf der Welt ist.“
„Ich auch,“ fiel ihm Thorold ins Wort.
„Ganz richtig, nur kannten Sie die Dame, ohne sie zu kennen, und ganz London, sogar unser Freund Schneider, der meines Wissens nie ein Wort mit ihr gewechselt hat, scheint sie besser gekannt zu haben als Sie. Ihre Lebensgeschichte spricht übrigens für sich selbst. Kaum war sie der Schulstube entschlüpft, als sie gegen den Willen ihrer ganzen Familie darauf bestand, Belvoir zu heiraten; er ist jetzt tot, und wir wollen nichts weiter über ihn sagen, als dass er sich die Kehle abgetrunken hat. Man kann also entschieden nicht behaupten, dass sie mit dem Heiraten Glück gehabt habe. Seit sie Witwe ist, hat sie mit jedem Mann, ob er nun ernstlich in Frage kommen konnte oder nicht, kokettiert — ich will mich so mild als möglich ausdrücken — und ihn an der Nase herumgeführt, solange es ihr Spass machte; sie hat —“
„Ich dächte, wir brauchen uns nicht in all diese Einzelheiten zu vertiefen,“ unterbrach Thorold den Sprecher zum zweitenmal.
„Nun gut, lassen wir sie ruhen. Ich wollte Ihnen nur klar machen, dass auch eine Frau, die sich einer so unerquicklichen Berühmtheit erfreut, noch immer im stande ist, sogar einen so gescheiten Menschen wie Sie zu täuschen.“
Moreton erklärte sehr ernst, Lady Belvoir sei in der That und Wahrheit ein schlimmes Geschöpf, fast so schlimm, als die Leute sagten, und eine Weile hatte es den Anschein, als ob Herr Schneider dem ganz beipflichten wollte, bei näherer Ueberlegung begnügte er sich jedoch, sein Haupt tiefsinnig hin und her zu wiegen. So schlimm diese Lady Belvoir auch sein mochte, war sie doch tonangebend in der Gesellschaft, und von Magnaten soll man nichts Uebles reden, wenigstens nicht, solange man noch einen Funken Hoffnung hat, bei ihnen eingeladen zu werden.
„Nicht ein jeder kann auf Thorolds Glück rechnen,“ fasste Lord Guise das Ergebnis des Gespräches zusammen. „Gestern war die Reihe an ihm, morgen, mein armer Schneider, können Sie daran kommen, und bei Ihren grossen persönlichen und — hm — materiellen Vorzügen, sind Sie in einer sehr bedenklichen Lage, die die grösste Vorsicht erheischt. Bei Moreton sind die Gefahren andrer Art, darum aber nicht minder schrecklich, ich selber habe vorderhand wohl schwerlich Aussicht, ein Opfer zu werden, aber man thut wohl, sich vor Uebermut zu hüten. Lassen Sie uns deshalb, solange wir alle noch im Besitz unsrer fünf Sinne sind, den Entschluss fassen, Carré zu bilden und Schulter an Schulter, Rücken gegen Rücken dem gemeinsamen Feind Widerstand zu leisten.“
Der kleine Herr Schneider fühlte sich sehr geschmeichelt; es that ihm wohl, seine gesellschaftlichen Vorzüge anerkannt zu hören, und es war ihm ein Hochgefühl, in so vortrefflicher Gesellschaft irgend eine Verpflichtung auf sich zu nehmen. Er erklärte sich sofort bereit zu allem, was man von ihm wünschen konnte, und Eustace Moreton folgte seinem Beispiel mit der Bemerkung, dass er immer dankbar sei, wenn jemand ihm die Sorge um sein Selbst abnehme. Nur Thorold, dessen Gedanken in den letzten fünf Minuten eine andre Richtung genommen hatten, antwortete ausweichend.
„Was für einen verzweifelt schlechten Witz wollen Sie sich denn eigentlich mit uns erlauben, Guise?“ fragte er.
„Von einem schlechten Witz ist gar nicht die Rede, sondern von heiligem Ernst, und ich habe mich schon deutlich genug ausgesprochen,“ erwiderte Lord Guise. „Im Fall der Not wollen wir das Recht haben, einander eine Frist von sechs Monaten zum Aufatmen zu sichern, das ist die ganze Sache. Nun werde ich die Form des Eides feststellen, oder, falls Ihnen das lieber ist, Sie geben mir freiwillig Ihr Versprechen — es wird ja genügen, wenn wir uns durch Ehrenwort binden.“
Das Rauchzimmer war um diese Zeit ziemlich verödet; die Klubmitglieder, die im Hause gespeist hatten, waren weggegangen und solche, die erst nach dem Theater oder einer Gesellschaft zu erscheinen pflegen, noch nicht da. In einer entfernten Ecke sass ein beleibter Herr und schlief, den Hut über die Augen gezogen, den Schlaf des Gerechten. Etwas mehr in der Nähe der Verschwörer war ein andrer über seiner Zeitung eingenickt.
„Ich denke, wir können ohne Gefahr des Verrats an unser Geschäft gehen,“ sagte Lord Guise, worauf die vier Herren ihre Stühle möglichst zusammenrückten und der Reihe nach die folgende Formel feierlich nachsprachen:
„Auf mein Ehrenwort verspreche ich, dass, wenn ich innerhalb Jahresfrist die Absicht hegen sollte, um eine Dame zu werben, ich eine Versammlung dieser Gesellschaft einberufen, ihr meine Pläne unterbreiten und sie bitten würde, die wünschenswerten und für nötig erachteten Erkundigungen einzuziehen. Ferner verspreche ich auf mein Ehrenwort, dass ich, im Fall die Mehrheit der Gesellschaft sich gegen die in Frage stehende Dame erklären würde, ich jeden Verkehr mit ihr, sei er mündlich oder schriftlich, mittelbar oder unmittelbar, für den Zeitraum von sechs Kalendermonaten vom Tag des Urteilsspruchs ab, unterbrechen werde.“
„Damit ist für mich überhaupt alles abgethan,“ sagte Eustace Moreton gelassen, „und ich kann mich mit dem Gedanken an ein einsames Alter vertraut machen. Bisher dachte ich immer, wenn die Dinge schief gingen, könnte ich mich noch auf die bräuchliche ältliche Erbin verlegen, aber nun muss ich auch diesem Hoffnungsstrahl den Abschied erteilen. So angealtert eine Erbin auch sein mag, sechs Monate Verlassenheit in einem Zug, dem hält keine stand.“
„Weshalb setzen Sie denn so unbedingt voraus, dass die Gesellschaft sich gegen die ältliche Erbin aussprechen werde, mein lieber Junge?“ fragte Lord Guise. „Ich für meine Person zum Beispiel würde ihr, vorausgesetzt, dass sie eine anständige, vernünftige Person ist, meine Stimme geben. Unser einziges Ziel ist ja, gegenseitig unser Glück zu fördern, und wer Sie kennt, kann keinen Zweifel darüber hegen, dass Sie mit einer älteren Frau glücklicher wären, als mit einer jungen. Verständige ältere Frauen sind nachsichtig, und diese Tugend ist bei Ihnen sehr am Platz.“
Thorold erhob sich, um seinem Wirt gute Nacht zu sagen. Er hielt es dabei für angezeigt, deutlich zu erklären, dass er der neugebildeten Gesellschaft nur aus rein selbstlosen Gründen beigetreten sei, denn ihm selbst werde es nie einfallen, zu heiraten. Wenn er jedoch andre durch Rat oder That von einer Thorheit abhalten könne, so werde ihm das natürlich eine grosse Freude sein.
„Ich bin nur neugierig,“ kicherte Herr Schneider, nachdem er sich ebenfalls empfohlen hatte, „wer von uns zuerst eine Versammlung einberufen wird. Wundern sollte es mich gar nicht, wenn trotz seiner Behauptungen Thorold der erste wäre, wenn er daran dächte, ein zweites Mal um Lady Belvoir zu werben.“
„Das beweist nur, dass Sie trotz Ihres natürlichen Scharfsinns Thorold noch nicht ganz das Mass genommen haben, mein lieber Schneider,“ bemerkte Lord Guise. „Er hat sich an den Weltdamen gründlich den Magen verdorben und wird sich das nächste Mal in ein kleines Mädchen verlieben, das an Wochentagen in die Kirche geht und für arme Kinder Röckchen häkelt.“
Schneider und Moreton gingen zusammen weg.
„Ist diese Lady Belvoir wirklich so schlimm, wie man sie macht?“ fragte Herr Schneider neugierig.
„Schlimmer,“ versetzte Moreton lakonisch. „Ich kenne sie nur oberflächlich, habe aber viel von ihr gehört. Da ich selbst kein Mustermensch bin,“ fügte er hinzu, „mache ich keine übertriebenen Ansprüche an die Tugend andrer und bin nachsichtig gegen ihre Schwächen, aber die Herzlosigkeit kann ich einem Weibe nicht vergeben.“
Zweites Kapitel.
Es traf sich, dass genau zur nämlichen Stunde, wo die eben geschilderte abscheuliche Verschwörung in St. James Street ausgeheckt wurde, zwei Damen, die in einem elegant eingerichteten Wohnzimmer auf der Carlton House Terrace vor dem Kaminfeuer sassen, den Rädelsführer jener Gesellschaft in einer Weise durchhechelten, die dem selbstbewussten Edelmann schwerlich behagt haben würde.
„Lord Guise,“ sagte Lady Belvoir, „ist einer von jenen unglückseligen Männern, die sich einbilden, die Frauen gründlich zu kennen und zu verstehen, und ich habe öfter beobachtet, dass Leute dieses Schlags unfehlbar durch die Frauen ins Unglück geraten. Lord Guise hat ein abergläubisches Grauen vor mir und lässt keine Gelegenheit vorüber, mir das zu sagen. Wenn es der Mühe wert wäre, würde ich ihn, glaube ich, selbst heiraten, nur damit er sieht, wie leicht einem so etwas passieren kann.“
Lady Belvoir war der Ansicht, dass sie heiraten könne, wen sie wolle, und es steht einem schüchternen Vertreter des andern Geschlechts nicht zu, diese Ueberzeugung als irrig zu bezeichnen. Dass sie Percy Thorolds Frau nicht geworden war, kam zweifelsohne nur daher, dass sie bei näherer Betrachtung keine Lust mehr dazu verspürt hatte, und dass sie eine so berüchtigte und rohe Persönlichkeit wie den verstorbenen Lord Belvoir geheiratet hatte, war nur ein Beweis für die Grösse ihrer Anziehungskraft. Die Macht der Schönheit stand ihr unstreitig in vollem Masse zu Gebote; gross, prachtvoll gewachsen und mit einem paar grosser, lichtbrauner Augen begabt, die ganz dazu angethan waren, Physiognomiker irre zu führen — es kommt dies bei Augen hie und da vor — hatte sie im ersten Jahr ihres Auftretens in der Gesellschaft nicht eine Nebenbuhlerin gefunden und galt jetzt mit vierundzwanzig Jahren allgemein für die hübscheste Frau Londons. Ihr Mund war vielleicht zuweilen ein wenig hart, mehr im Ausdruck, als in der Form, und es liess sich voraussehen, dass in zehn Jahren ihre Nase zu stark gebogen und ihr Kinn zu stark ausgebildet sein werde, jedoch hat es, wie sie selbst bemerken würde, wirklich nicht viel auf sich, wie die Nase und das Kinn einer Frau nach dem dreissigsten Jahre aussehen. Sie galt für ausserordentlich wohlhabend, doch belief sich ihr Einkommen thatsächlich nicht so hoch, als man annahm, und sie brauchte viel. An Freiern hatte sie jetzt und voraussichtlich noch lange keinen Mangel.
„Natürlich würde es sich nicht lohnen,“ sagte ihre Gefährtin lebhaft. „Ich begreife überhaupt nicht, dass du es überhaupt der Mühe wert findest, Männer zu erobern, die dir gleichgültig sind. Die Aufgabe kann doch für dich keine angenehme sein, und von deiner Fähigkeit dazu brauchst du die Leute ja nicht erst zu überzeugen.“
„Ach, die Aufgabe ist gar nicht so unangenehm als du meinst,“ erwiderte Lady Belvoir lachend, „und was Lord Guise betrifft, so traut er nur eben nicht zu, dass ich ihn erobern könnte, wenn ich wollte. Das ist’s ja gerade!“
„Und willst du dir wirklich die Mühe geben, ihn eines Besseren zu belehren?“ fragte Fräulein Leslie mit einem wegwerfenden Blick.
Dorothea Leslie war achtzehn Jahre alt und nach London gekommen, um an einem der ersten Empfangstage des Jahres der Königin vorgestellt und in die Gesellschaft eingeführt zu werden, soweit diese sich willig zeigen würde, ihre Pforten einem Mädchen zu öffnen, das nicht eben viele einflussreiche Bekanntschaften besass. Ob Lady Belvoir zu diesen gezählt werden sollte oder nicht, darüber war Frau Leslie einigermassen im Zweifel, und die grosse Vertraulichkeit, die zwischen ihrem Töchterchen und der gefeierten Weltdame, deren Witwensitz in der Nähe ihres nordischen Heims lag, entstanden war, erfreute sich nicht ihrer vollen Billigung. Dorothea aber war sehr geneigt, sich ihr Urteil selbst zu bilden und ihre Freunde allein zu wählen, und sie hatte Lady Belvoir lieb, obwohl äusserst wenig innere Verwandtschaft zwischen ihnen bestand. Wichtiger für ihren Verkehr war vielleicht, dass Lady Belvoir Dorothea gern hatte. Die schöne Frau mag ja auch ihre guten Eigenschaften gehabt haben — wenn sie auch für den beschränkten männlichen Unterthanenverstand nicht zu entdecken waren, können sie dennoch vorhanden gewesen sein, wie sie bei den meisten Leuten vorhanden sind — und man kann gestehen, dass Frische, Ehrlichkeit, unverbrüchlicher Glaube an die Lehren der Kirche ihr anziehend waren, weil sie dadurch an die Zeiten erinnert wurde, da sie selbst noch so unverdorben und schlichten Sinnes gewesen war. Wie dem auch sein mochte, sie hatte sich das junge Mädchen zur Freundin erlesen, und es wäre unschön und unritterlich, dabei hervorzuheben, dass Dorothea nicht hübsch genug war, um ihr gefährlich zu werden.
Der Massstab für Frauenschönheit scheint so veränderlich zu sein, wie der Geschmack in Hunderassen, so dass es von einem Jahr zum andern unmöglich zu sagen ist, was den Preis gewinnen wird; aber selbst gerade jetzt, wo man Unregelmässigkeit der Züge als Reiz ansieht, würden nur wenige uneingeschränkt versichern, dass Dorothea Leslie ein hübsches Mädchen sei. Andrerseits gab es aber eine Menge Leute, die sie sehr bewunderten, und jedenfalls waren ihre stahlgrauen Augen solcher Anerkennung würdig und ihr dunkles Haar reich und schön. Ausserdem besass sie eine hübsche, zierliche Gestalt und eine auffallend angenehme Stimme.
„Ach, ich weiss nicht,“ erwiderte Lady Belvoir auf ihre Frage, „wahrscheinlich thue ich es nicht. Ich kenne ihn jetzt schon geraume Zeit und habe mir nie die Mühe genommen, nur bin ich im Augenblick etwas gereizt gegen ihn, weil er sich einbildet, an der Lösung meiner Brautschaft mit Percy Thorold schuld zu sein, und ganz gewiss jedem, der ihn danach fragt, solche Andeutungen macht.“
„Hatte er denn wirklich etwas damit zu schaffen?“ fragte Fräulein Leslie nach einer Weile.
„Keine Rede! Er that, natürlich aus Liebe zu Percy, sein Möglichstes, mich zu überzeugen, dass ich auf einem Irrweg begriffen sei, was ich aber ohne seine Mitwirkung längst entdeckt hatte. Es gab eine Zeit,“ setzte Lady Belvoir mit einem erinnerungsreichen Gähnen hinzu, „da war ich ernstlich in Percy verliebt. Er war um ein gutes jünger damals, und ich war blutjung, eigentlich das halbe Kind. Ich erinnere mich, dass ich ihm einmal so ganz im allgemeinen das Versprechen gab, ihn zu heiraten. Nun, dann kam es anders, ich nahm den armen Belvoir, und Percy war, gleich vielen andern, entsetzt darüber. Erst als ich wieder frei geworden war, sah ich ihn wieder, und er kehrte zu mir zurück; seine Treue rührte mein Herz, und ehe ich recht wusste, wie mir geschah, waren wir verlobt. Es hätte niemals gut ausfallen können; er ist ein guter Kerl, aber er hat altmodische Ideen und steckt bis über die Ohren in der Politik, die mich rasend langweilt. Ueberdies fand meine Art und Weise des Gesprächs keine Gnade vor seinen Ohren, und er ging so weit, mir seine Missbilligung auszusprechen, was unausstehlich war. Als ich ihm dann sagte, dass ich genug an ihm habe, stellte er sich an, als ob es ihm sehr nahe ginge; in Wahrheit war er aber gerade so vergnügt über seine Freilassung wie ich, und wir sind jetzt recht gute Freunde. Ich glaube, er würde dir gefallen, denn er ist furchtbar gescheit und sieht das Leben ernsthaft an wie du, auch wird er jedenfalls noch Minister oder so etwas, ehe er stirbt. Du musst einmal zu Tisch kommen, wenn ich ihn einlade, willst du?“
„Es würde mir sogar grosse Freude machen,“ erwiderte Dorothea. „Aber — verkehrt er denn noch bei dir?“
„Wenn ich ihn einlade, sicher, und weshalb denn nicht? Du weisst ja, er ist mein Vetter, und wie ich dir eben sagte, sind wir die besten Freunde. Uebrigens wäre es auch höchst lächerlich, wenn wir allen Männern, die wir abschütteln mussten, gestatteten, uns zu schneiden.“
Perey Thorold hatte nie die Absicht gehabt, seine Cousine zu „schneiden“, und ihr Ausspruch, dass ihm die wieder gewonnene Freiheit so willkommen gewesen sei, wie ihr, kam der Wahrheit ziemlich nahe, während die andre Versicherung, dass er und sie die besten Freunde seien, minder richtig war. Dafür hatte sie ihn denn doch ein wenig zu schlecht behandelt, und wenn er sie auch jetzt nicht mehr liebte, so hatte er sie doch manch ein Jahr geliebt. Dass er über Bord geworfen worden war, schmerzte ihn zwar nicht mehr; deshalb hegte er aber doch grimmen Groll gegen die Hand, die es gethan hatte, wie überhaupt kein Mann der Frau, die seinen Glauben an das Weib im allgemeinen zerstört hat, leicht vergeben wird. Trotzdem nahm er ihre Einladung zu Tisch für den folgenden Sonntag an, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er nicht wollte, dass sie oder irgend jemand sich einbilde, er brüte tiefsinnig über die erlittene Kränkung.
Dorothea Leslie erhielt die mütterliche Erlaubnis, dieser ungewöhnlichen Gesellschaft beizuwohnen, nicht ohne kleine Schwierigkeiten.
„Ein Diner am Sonntag, das will mir nicht recht gefallen,“ sagte Frau Leslie, die vielleicht nicht zu beurteilen wusste, wie schwierig es für moderne Gesetzgeber ist, ihre Freunde an den Wochenabenden zu sehen. „Und ich finde,“ setzte sie mit etwas mehr Berechtigung hinzu, „Lady Belvoir sollte mich hie und da auch einladen; sie scheint mein Vorhandensein gänzlich zu vergessen.“
Lady Belvoir hatte keineswegs vergessen, dass es eine Leslie gab, aber sie fand, dass sie ein lästiger, langweiliger Gast sei, und es wäre ihr ebensowenig in den Sinn gekommen, eine lästige Person zu ihren kleinen Diners zu bitten, als ihren Gästen ungeniessbare Speisen vorzusetzen. Diese kleinen Diners, die sie seit ihrer Verwitwung zu geben pflegte, waren auf dem besten Wege, berühmt zu werden. Sie hatte einen Koch, der ein Meister seiner Kunst war, sie kannte jedermann, „den zu kennen es der Mühe lohnte“ — ein Satz, der vielleicht zu Missverständnissen führen könnte, für den vorliegenden Zweck aber bezeichnend genug ist — und ohne sich besonders den Kopf zu zerbrechen, verstand sie es immer, Leute zusammenzubringen, die gut zusammenpassten. Percy Thorold zum Beispiel kam mit Dorothea Leslie erstaunlich gut zurecht; er führte sie zu Tisch und erkannte mit Entzücken in ihr ein Mädchen, das noch unberührt war von jenem „Etwas, das die Welt vergiftet“. Die Welt, über die wir so gerne lästern, sobald wir den mittleren Jahren nahe kommen, ist ohne Zweifel genau so, wie wir sie uns denken oder machen. Nach Ansicht dieses aufstrebenden Staatsmannes war sie eine traurige, verfehlte Einrichtung, bewohnt von Millionen Mühseliger und Beladener und beherrscht von ein paar Tausenden, die ihre Macht im ganzen selbstsüchtig und thöricht missbrauchen. Er war konservativ, weil er glaubte, dass die Lage der Dinge noch schlimmer würde, als sie schon ist, wenn der mühselige und beladene Teil die Oberhand gewänne, im Herzen und in der Theorie war er vermutlich durchaus radikal. Die oberen Klassen, wozu er selbst zählte, betrachtete es als beinahe, wenn nicht völlig, verkommen, gestand ihnen ausser Keckheit keine Tugend zu und sah, wenn auch ohne Verlangen, ihrem unvermeidlichen Untergang entgegen. Wahrscheinlich hätte er eine bessere Meinung von der Gesellschaft gehabt, wenn Lady Belvoir eine gute Frau gewesen wäre; aber er hatte es in der Selbstkritik nicht weit genug gebracht, um diesen Umstand zu ahnen.
Für einen solchen Schwarzseher war es natürlich sehr erfrischend, einem jungen Mädchen aus seinem eignen Lebenskreise zu begegnen, dessen Denkweise schlicht und ehrlich war, das keinen Modepessimismus heuchelte, das mit einem leidlich klaren Verstand die Vorgänge im politischen Leben verfolgte und nicht im geringsten an der künftigen Grösse und Herrlichkeit des Vaterlandes verzweifelte.
„Ich finde, dass Sie ganz unrecht thun, so höhnisch und wegwerfend von der Politik zu reden,“ bemerkte sie, nachdem sie ihn veranlasst hatte, ihr ein Stück seiner Lebensauffassung anzuvertrauen, „und ich glaube auch gar nicht, dass es Ihnen ernst damit sei. Wenn Sie wirklich überzeugt wären, dass es Ihrer ganzen Partei und jeder politischen Partei nur um Aemter zu thun sei, und wenn Ihnen selbst wirklich nichts an solchen läge, weshalb würden Sie denn Ihre Zeit im Parlament vergeuden, während Sie sich mit Schiessen, Jagen, Rosenpfropfen oder sonst einem Sport angenehmer und heilsamer beschäftigen könnten?“
„Wahrscheinlich, weil ich Thor genug bin, Ehrgeiz zu haben,“ versetzte er, die Achseln zuckend, „und weil es mir so gut wie andern Narren wohlthut, wenn ich denke, die Leute reden von mir und gaffen mich an.“
„Nein, nicht deshalb, sondern weil Sie hoffen, die Welt ein wenig besser zu hinterlassen, als Sie sie gefunden haben.“
„Ach, so ehrgeizig und so sanguinisch bin ich nicht,“ sagte Thorold lachend. Wie die meisten Engländer schreckte er davor zurück, seinen Handlungen hohe Beweggründe zuzuschreiben oder sogar zuschreiben zu hören, und doch wusste er, dass dieses Mädchens Urteil über ihn wahr und richtig war, und er konnte nicht umhin, das Ahnungsvermögen zu bewundern, womit sie sein mühsam verhülltes Geheimnis erraten hatte. Er fand, dass ihre Ansichten und Neigungen über verschiedene Dinge mit den seinigen zusammentrafen; sie liebte die Musik und das Landleben; was sie von der Londoner Gesellschaft bisher gesehen hatte, machte ihr keinen besondern Eindruck, und sie legte auf das Tanzen nicht mehr Wert, als für ein Mädchen ihres Alters nötig ist. Aus dem allem ergab sich, dass man sich trotz ihres Geschlechts angenehm mit ihr unterhalten konnte, und schliesslich konnte das arme Ding ja gar nichts dafür, dass es nicht als Knabe zur Welt gekommen war. Die übrigen anwesenden Frauen waren Weltdamen und schon als solche zur Zeit für Thorold unleidlich, deshalb sprach er kaum ein Wort mit ihnen und den ganzen Abend fast nur mit Fräulein Leslie, so dass ihn Lady Belvoir, als er sich verabschiedete, mit einem ganz absonderlichen Lächeln und in die Höhe gezogenen Augenbrauen ansah.
„Schon!“ sagte sie.
„Was denn schon?“ fragte er.
„Schon getröstet. Nimm, bitte, keine Rücksicht auf mich, meine Eitelkeit ist gegen Wunden dieser Art gefeit; denn, mein lieber Percy, ich habe nicht den Schatten eines Zweifels, dass ich dich zurückpfeifen könnte, wenn ich nur wollte — was der Himmel verhüte!“
Thorold verbarg seinen Aerger unter einem Lachen, das nicht sehr natürlich klang und seinen Zweck schlecht erfüllte.
„Ich räume dir mit Vergnügen das Recht ein, den Versuch zu machen,“ konnte er sich nicht enthalten zu sagen.
„Danke, ich werde aber keinen Gebrauch von deiner Grossmut machen; denn die Erinnerung an gewisse Moralpredigten ist noch zu frisch in mir. Dorothea Leslie brauchst du nie zu ermahnen; sie ist ein durchaus nettes Mädchen und passt in jeder Hinsicht trefflich zu dir. Es wird mir ein Vergnügen sein, dich nächster Tage, wenn es dir passt, der Mutter vorzustellen, und ich werde von Stunde an mein Taschengeld zusammensparen, damit ich euch ein hübsches Hochzeitsgeschenk machen kann. Gute Nacht.“
Thorold fand es nicht lohnend, ihr zu widersprechen, und ging mit dem behaglichen Bewusstsein weg, jetzt vollständig herzheil zu sein und es auch in Zukunft zu bleiben. Da er Fräulein Leslie folglich ganz leidenschaftslos und gewissermassen väterlich beurteilen konnte, stimmte er mit Lady Belvoir dahin überein, dass sie ein sehr nettes Mädchen sei, und es that ihm wirklich leid, dass er sie wahrscheinlich nie wieder treffen würde.
Drittes Kapitel.
Der kleine Herr Schneider war einer von jenen glücklichen Sterblichen, deren Los der übrigen Menschheit beneidenswert erscheint und wohl so erscheinen darf. Sein Vermögen legte ihm in nichts Schranken auf, er hatte keine Ländereien, keine Verwandten, keine Pflichten, keine Verantwortlichkeit oder Widerwärtigkeiten irgend welcher Art, und dass er keine nennenswerten Vorfahren hatte, ist in unsern Tagen doch nur ein unbedeutendes Missgeschick. Nichtsdestoweniger erging es ihm, wie es neunundneunzig Prozent unsres widerspruchsvollen Geschlechts ergeht: er war nicht zufrieden, und zwar deshalb nicht, weil es ihm trotz seines verschwenderischen Aufwands noch nicht gelungen war, die hauptstädtische Gesellschaft im Sturm zu erobern. Diese That zu vollbringen, war sein glühendes, leidenschaftliches Verlangen, und es lässt sich nicht sagen, ob er irgend einen Preis zu hoch gefunden hätte, um den er sich den Zugang zu jenen innern Kreisen, an deren Grenze er sich mit gierigen, sehnsüchtigen Blicken umtrieb, hätte erkaufen können.
Sein Ehrgeiz war weder erhabener noch verständiger Art, aber er war wenigstens harmlos, wie der ganze Herr Schneider in Wahrheit überhaupt ein sehr harmloser kleiner Mann war, wenn es ihm auch nicht das geringste Vergnügen gemacht hätte, so bezeichnet zu werden. Seiner eignen Ansicht nach war er ein Schwerenöter und trieb es so toll, dass den Leuten Hören und Sehen vergehen musste. Das Tempo, in dem er seine Rosse lenkte, brachte jedenfalls bei den hinter ihm Sitzenden diese Wirkung hervor, das kam aber nur davon her, dass er sie ganz und gar nicht in der Gewalt hatte und mit dem erhabenen Mut gesegnet war, den die Unkenntnis der Gefahr verleiht. Wie er seinen Wagen in und aus dem Park und durch die überfüllten Strassen Londons brachte, ohne sich und seiner Ladung die Hälse zu brechen, bleibt ein ungelöstes Rätsel; vielleicht hätte er auf einer einsamen Landstrasse weniger Glück gehabt. Dass er immer eine Menge Leute fand, die mit Vergnügen an diesen lebensgefährlichen Ausflügen Teil nahmen, zeigt nur, was der unbemittelte Brite wagt, ohne mit der Wimper zu zucken. Bei den Rennen war in letzter Zeit Herrn Schneiders rundes, rosiges Gesicht von allen Anwesenden bemerkt worden, nicht so sehr wegen der Pferde, die er besass und von denen er immer einige „im Training“ hatte, als wegen der ungeheuren Wetten, womit er die Bookmaker je nachdem entzückte und zur Verzweiflung brachte.
Lord Guise in seinem gleichgültigen Cynismus liess ihn an sich kommen, weil er sich einiges Vergnügen davon versprach. Lord Guise schätzte die Londoner Gesellschaft nur so hoch, wie ungefähr jeder das schätzt, was er ohne Mühe haben kann. Er wusste, was viele minder hochgestellte Menschen vor ihm schon entdeckt haben, dass diese Gesellschaft nicht aus besonders angenehmen, begabten oder auch nur wohlerzogenen Einheiten zusammengesetzt ist und dass sie sich von der andrer europäischer Hauptstädte dadurch unterscheidet, dass ein goldner Schlüssel all ihre Pforten aufschliesst. Er selbst legte deshalb gar keinen Wert darauf, eine hervorragende Rolle darin zu spielen, aber er verspürte Lust, des kleinen Schneiders goldnen Hauptschlüssel in all ihre verschiedenen Schlüssellöcher einzupassen, denn es gab wenig Dinge, die ihn so reizten, wie hochgeborne Damen in ihrem Verkehr mit reichen Emporkömmlingen zu beobachten.
„Sagten Sie nicht neulich, dass Sie Lady Belvoir nicht kennen?“ fragte er eines Tages seinen Schützling. „Möchten Sie vielleicht ihre Bekanntschaft machen?“
Das war ungefähr, wie wenn man einen aufstrebenden Künstler fragte, ob er den Präsidenten der königlichen Akademie kennen lernen möchte, oder einen Lieutenant, ob er dem Kommandierenden vorgestellt werden wolle; aber Schneider, der seine Manieren den elegantesten jungen Männern der Zeit abgeguckt hatte, fühlte, dass es seiner unwürdig gewesen wäre, seine Freude zu verraten. Er heftete den Blick auf seine Stiefel, seufzte tief und brummte etliche Worte, von denen nur „sehr angenehm“ zu verstehen war.
„Ach, natürlich, nur wenn Sie Lust dazu haben,“ sagte Lord Guise lachend. „Ich dachte mir nur, Sie würden gern bei der Dame verkehren, weil Sie überhaupt Sinn für Gesellschaften haben. Ueberdies hat sie ihre persönlichen Verdienste. Jemand hat einmal von dieser oder jener Dame gesagt, sie zu kennen, sei ein Stück Erziehung, nun, das passt auch auf Sibyl Belvoir, wenn ich auch nicht behaupten will, dass es gerade die Sorte Erziehung ist, die ich für meinen Sohn aussuchen würde, wenn ich nämlich das Missgeschick hätte, einen Sohn zu besitzen.“
„Ich glaube kaum, dass sie mir Dinge offenbaren wird, die ich noch nicht wüsste,“ bemerkte Herr Schneider, mit Selbstgefühl lächelnd.
„Wahrscheinlich nicht,“ pflichtete Lord Guise ernsthaft bei. „Ich reisse mitunter die Augen auf über sie, aber ich bin eben merkwürdig unschuldig für mein Alter. Gut, ich werde Sie heute abend in Paddington House der Dame vorstellen — Sie gehen doch hin? Keine Einladung erhalten? Einerlei! Sie speisen mit mir und wir gehen dann zusammen hin, das geht ganz gut.“
Es war eine Leistung, dass Herr Schneider sich enthielt, einen Freudensprung zu machen. Bisher hatte sein vertrauter Verkehr mit Lord Guise ihm keine gesellschaftlichen Vorteile eingetragen; nun kam dies Anerbieten, dessen Bedeutung und Grossmut er etwas durch das Vergrösserungsglas sah. Die Herzogin Paddington war eine grosse Dame und der Herzog sogar unter Herzogen eine Grösse, vielleicht standen sie ein wenig zu hoch, um wählerisch zu sein. Jedenfalls waren in der Menge, die sich herbeidrängte, so oft sie ihren prachtvollen Ballsaal aufthaten, ebensoviel unbedeutende als berühmte Namen zu bemerken, und man brauchte nicht im geringsten zu fürchten, dass ein ungeladener Gast, für den Lord Guise die Verantwortung auf sich nehmen mochte, ihren Widerspruch erregen werde. Ohne sich darüber klar zu sein, machte Herr Schneider noch sorgfältiger Toilette als sonst und folgte glückselig seinem Gönner nach dem grossen Haus, das jedem Londoner von aussen und einem grossen Teil der Einwohner auch von innen wohlbekannt ist. Die Aufnahme, die ihm zu teil wurde, war sehr erhebend, denn die Herzogin reichte ihm die Hand, und der Herzog wusste zu seiner angenehmen Ueberraschung ganz genau, wer er war.
„Habe Sie oft in New Market gesehen, Herr Schneider,“ sagte der gutmütige Magnat. „Sie beteiligen sich, so viel ich weiss, an den Rennen oder nicht?“
„Ach, nur in ganz bescheidenem Massstab,“ erwiderte Schneider, der nicht recht wusste, ob er Durchlaucht sagen solle, es aber doch für sicherer hielt, diese feierliche Anrede wegzulassen.
„Hm! Bescheiden? Das weiss ich denn doch nicht! Man sagt mir, Sie seien der Schrecken der Bookmakerzunft. Ich selber habe meiner Lebtage Pferde gehen lassen und doch nie gewettet, aber ich mache darin wohl eine Ausnahme.“
Der Herzog war ausnehmend reich und konnte sich daher den Luxus erlauben, ohne zu wetten, am Rennen teil zu nehmen; Schneider fand es aber nicht passend, ihn daran zu erinnern, und er bemerkte nur, ein Rennen würde ihm unvollkommen erscheinen, wenn er nicht etwas dabei riskierte.
„Ja, ja, das ist’s!“ erwiderte der Herzog. „Ihr jungen Leute treibt den Sport nicht um des Sports willen, und unter zehn von euch trifft man kaum einen, der ein gutes Pferd von einem schlechten unterscheiden kann.“
Solch entsetzliche Dinge lässt man sich nicht gern sagen, und wäre es auch von einem Herzog, und sie berühren um so schmerzlicher, wenn sie in so wohlwollender und sachlicher Weise gesagt werden. Herr Schneider zog sich ein wenig verdutzt zurück und sah sich die Gesellschaft an, unter der er zu seinem Leidwesen sehr viele Bekannte entdeckte. Es war ja eine Genugthuung, dass sie ihn in Paddington House sahen, aber es war ihm durchaus keine, sie hier zu finden, und es wäre ihm weit lieber gewesen, wenn sie morgen erst aus den Zeitungen erfahren hätten, in welch hohe Kreise er Zutritt hatte.
Mittlerweile liess Lord Guise die Interessen seines Schützlings keineswegs aus dem Auge, er bahnte sich einen Weg zu Lady Belvoir, die eben mit seinem Freunde Eustace Moreton tanzte, und knüpfte ohne Rücksicht auf die Gegenwart ihres Tänzers ein Gespräch mit ihr an.
„An was für einem Unheil arbeiten Sie denn jetzt gerade?“ fragte er sie. „Vermutlich besuchen Sie nie einen Ball ohne feindselige Absichten auf die Gemütsruhe irgend eines armen Teufels.“
„Ich gehe nach dem Balle, um zu tanzen,“ erwiderte Lady Belvoir, „glaubte aber, Sie besuchen überhaupt keinen. Was für einem Umstand verdanken wir denn die ungewohnte Freude Ihrer Gegenwart?“
„Wenn ich sagen wollte, ich sei hierher gekommen, um Sie zu sehen, so würden Sie das wahrscheinlich für eine Lüge halten, oder nicht?“ fragte Lord Guise.
„O nein, das würde ich durchaus nicht, es würde mir gar nicht schwer, daran zu glauben; denn ich frage mich oft, weshalb Sie mich nicht leiden mögen, während ich Ihnen doch nie das geringste Unrecht angethan habe.“
„Es ist auch nicht Abneigung bei mir, sondern Angst. Sie sind ja so unwiderstehlich.“
Lady Belvoir seufzte und machte sich das Vergnügen, ihre grossen, ein wenig schwermütigen Augen eine Weile auf seinem Gesicht ruhen zu lassen, worauf sie in ein helles Lachen ausbrach.
„Haben Sie nur keine Angst,“ rief sie. „Wie unwiderstehlich ich auch sein mag, Sie sollen nicht in die Lage kommen, sich meiner erwehren zu müssen. Ich will nicht unartig sein; aber da wir alte Freunde sind, nehmen Sie es mir gewiss nicht übel, wenn ich Ihnen sage, dass ich einen angebornen Widerwillen gegen hässliche Männer habe. Als Freunde sind sie mir natürlich lieb und wert, als Verehrer aber unerträglich.“
„Und diese Regel lässt keine Ausnahme zu?“ fragte Lord Guise ohne jegliche Verstimmung. „Das thäte mir leid, denn ich hatte im Sinn, Ihnen heute abend einen hässlichen Mann vorzustellen, und dass er ein Verehrer werden wird, ist, wenn Sie sich herbeilassen, ihn kennen zu lernen, unvermeidlich!“
„Das kann ich ja thun,“ erwiderte Lady Belvoir. „Wer ist es und wo ist er und weshalb wollen Sie ihn mir vorstellen? Herr Moreton, ich merke wohl, dass Sie darauf brennen, hier loszukommen, und ich will Sie nicht länger festhalten. Lord Guise wird mich irgendwo zu einem Sitzplatz führen.“
Als Moreton dem Wink verständnisvoll gehorcht und sich empfohlen hatte, fand sich auch ein unbesetztes Sofa, wo sie ihre Erkundigungen nach dem hässlichen Unbekannten fortsetzte.
„Wenn ich mir recht überlege,“ sagte Lord Guise, „so weiss ich eigentlich nicht, ob er so hässlich ist — sehr hässlich wenigstens nicht. Er ist jung, und das ist an und für sich schön, hat ein rundes Gesicht, einen leeren Kopf, weiss sich zu kleiden und heisst Schneider — ist die Personalbeschreibung ausführlich genug?“
„Ach! Der kleine Mann, der so grosse Summen wettet! Er hat die Geldsäcke bergweise dastehen, nicht?“
„Nun ja, etliches Kleingeld hat er wohl, ist aber kein Jude, falls Sie darauf abzielen und falls dies in Frage kommt. Meine Gutmütigkeit hat mich auf den Einfall gebracht, Ihnen den Mann vorzustellen. Ich weiss, dass auf Ihrer Besuchsliste zu stehen, eine wahre Wonne für ihn wäre, und bei Licht besehen, ist er gerade so wohl erzogen, wie die Mehrzahl Ihrer Vertrauten.“
„Gehen Sie und holen Sie ihn,“ befahl Lady Belvoir, „schlechtere Manieren als Sie kann er jedenfalls nicht haben.“
„Und ganz gewiss benimmt er sich besser als Sie, meine liebe Sibyl, was aber noch nicht hoch geschworen ist.“
„Ich hätte gedacht, Sie wüssten allmählich, dass ich Ihre Ungezogenheiten nichts weniger als unterhaltend finde,“ bemerkte Lady Belvoir mit Ruhe.
„Das habe ich allerdings beobachtet, und es hat mich immer in Erstaunen versetzt. An Ihrer Stelle würde ich mich darüber freuen, denn sie bringen doch einige Abwechslung ins Leben. Doch vermutlich weiss keine Frau, was es heisst, Schmeichelei satt bekommen. Jetzt will ich gehen und meinen kleinen Schneider zur Stelle schaffen; er wird Ihren Durst nach Huldigung befriedigen, falls Sie ihn nicht zu sehr einschüchtern.“
Lady Belvoir hatte das durchaus nicht im Sinn, vielmehr hielt sie es für selbstverständlich, den unschuldigen Schneider der Zahl ihrer Eroberungen beizugesellen. Sie nahm sich das bei jeder neuen männlichen Bekanntschaft vor und führte es auch unfehlbar aus; in diesem Falle sprach aber überdies noch ein Hintergedanke andrer Art mit.
„Vielleicht lässt sich etwas mit ihm machen,“ dachte sie, „Wenn er wirklich so reich ist, wie es heisst, so könnte es wohl gehen.“
Des Pudels Kern war, dass Lady Belvoirs Vermögensverhältnisse durchaus nicht befriedigend waren. Schon seit geraumer Zeit gab sie mehr aus, als sie einnahm, und sie hatte Stunden, wo die Zukunft sie ernstlich beunruhigte. Natürlich verfiel sie in solchen Augenblicken darauf, sich selbst zum Verkauf auszubieten, und sie schickte sich an, Herrn Schneider Gelegenheit zu geben, den sehr hohen Preis zu bieten, den sie zu fordern berechtigt war.
Sie war eine Frau von ungewöhnlich rascher Fassungsgabe, und ehe sie ein halbes Dutzend Redensarten mit dem kleinen Mann gewechselt hatte, der ihr mit jener Art von Schüchternheit gegenübertrat, die sich in übertriebener Sicherheit äussert, wusste sie ganz genau, wes Geistes Kind er war und wie er behandelt werden musste. Sie schob ihr Kleid zur Seite, um ihm auf der Sofaecke neben sich Platz zu machen.
„Sie haben natürlich keine Lust, zu tanzen?“ sagte sie, „dies ist zwar einer der wenigen Räume in London, die zum Tanzen geeignet sind, aber heute abend ist das Gedränge viel zu gross. Kommen Sie zu Paddingtons kleiner Tanzgesellschaft am siebzehnten?“
„Nein, ich glaube nicht,“ erwiderte Herr Schneider zögernd, denn er fürchtete, durch den triftigsten aller Gründe vom Besuch dieser Gesellschaft abgehalten zu sein.
„Ist Ihnen nicht gut genug? Nun, ich muss sagen, das ist wirklich zu schlimm von euch Herren. Sie scheinen alle die Vorstellung zu haben, dass die Gesellschaft verpflichtet sei, für ihre Unterhaltung zu sorgen, und wollen doch zu gunsten der Gesellschaft nicht das kleinste Opfer bringen. Wenn die eleganten jungen Männer den Tanz verschwören, so können einfach keine Bälle mehr gegeben werden.“
„Ach, ich habe das Tanzen gar nicht verschworen; nur finde ich es zuweilen viel angenehmer, still zu sitzen und zu plaudern, meinen Sie nicht auch?“ sagte Herr Schneider, überglücklich, ein eleganter junger Mann genannt worden zu sein.
„Ja wohl, aber Pflichterfüllung ist selten angenehm, und Sie haben Pflichten, wenn Sie das auch nicht anerkennen mögen. Heute abend werde ich Sie übrigens nicht zum Tanzen veranlassen. Was das für eine unglückselige Geschichte ist mit der Herzogin, nicht wahr?“
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