Read the book: «Für mich gab's nur Jérôme - Katharina von Württemberg und Jérôme Bonaparte»
Utta Keppler
Für mich gab’s nur Jérôme
Katharina von Württemberg und Jérôme Bonaparte
SAGA Egmont
Für mich gab’s nur Jérôme - Katharina von Württemberg und Jérôme Bonaparte
Copyright © 1985, 2017 Utta Keppler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711708552
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Abenteuer auf Haiti
In den ersten Aprilwochen des Jahres 1802 brannte der Boden unter der bleiernen Luft, die Mauern der Forts und Gärten staubten ausgedörrt, und die Hibiskusstauden verloren in der Hitze ihre schrumpeligen Blüten. Ein penetranter Kampfergeruch dunstete aus den Eukalyptusbäumen in die unbewegte Atmosphäre. Ein paar Hafenarbeiter, deren schwarze Haut fleckig von den zerfetzten Hemden abstach, schauten stumpfsinnig auf die Wasserwüste hinaus, die sich um Port-au-Prince zog. Stumm und lethargisch lag das Meer, als brüte es etwas aus, einen jäh losbrechenden Regenguß, ein Tropengewitter, das Erde und Sträucher wegfegt.
Am Himmel schoben sich grüne Streifen auseinander wie Jalousien, Orange und Rot brachen durch, die Abendsonne schoß unverhofft grelle Strahlenbündel in die monotone Fläche, zog Rillen, spiegelte Silber und Kupfer und zeichnete, hart aufleuchtend, ein Segel an den Rand des Horizonts.
Die Schwarzen drehten sich jetzt um, hinter ihnen wurde die Gasse laut. Zwischen flachen maisstrohgedeckten Hütten lag ein gemauerter Bau, seine bläulich und gelb erleuchteten Fenster schienen auf wie gebleckte Zähne, und der verworrene Lärm von Stimmen und Blechmusik drang heraus. Vor dem breiten Tor standen Wachen, angeschienen von den Lichtbündeln, die aus der weitoffenen Tür quollen. In der hellen Bahn leuchteten bunte Waffenröcke, ein Trüppchen Offiziere schlenderte auf den Eingang zu, die Wachen salutierten.
»Die Herren Franzosen«, murmelten die Leute am Kai in ihrem sonderbaren Gemisch aus Spanisch, Französisch und einer verschollenen Negersprache.
Drinnen schloß ein eifriger Mulatte hinter den Offizieren die Tür, und um sie her ging sofort ein Höllenspektakel los. Alle schrien durcheinander, aus dem Dunst der Holländerpfeifen schimmerten Gesichter; durch das Geklapper aus der Küche, durch Klirren und Stühlescharren hörte man Rufe: »Bürger Bonaparte! Fähnrich zur See! Parbleu, wie sehen Sie denn aus!«
Grölen und Lachen, ein langer Mensch stand auf: »Laß untersuchen! Eine neue Uniform aus Paris? Oder ein Papagei? Ein Indianerfürst?«
Eine laute zitternde Stimme fuhr dazwischen: »Wer wagt’s, den Bruder des Ersten Konsuls zu beleidigen? Gustave? Ich werde dich melden, dich und dein laienhaftes Gerede! Mein Bruder …«
Es wurde sofort still.
»Jérôme, niemand will dich kränken! Wir haben doch nur über deinen Anzug gelacht, du siehst ja aus wie auf dem Maskenball! Laß dich anschauen! Ah, charmant, charmant!«
»Wo hast du das her?« fragte ein anderer.
Jérôme, schnell beruhigt, drehte sich geschmeichelt im Kreis und lachte. Er war ein bildhübscher Bursche, mit schmalen Hüften, die schlanken Beine in engen hellblauen Hosen, den knappen Dolman, eine Jacke ohne Schöße, reich mit Goldschnüren bestickt, den Samtumhang wie eine Tänzerin anmutig um die Schultern gewirbelt.
Er wiegte sich. »Und steht es mir nicht?« Er warf die Lippen auf, blinzelte aus nah zusammenstehenden schwarzen Augen in den Dunst der Pfeifen und Kerzen, hinter dem er ein paar dunkle Mädchengesichter witterte.
»Étonnant«, urteilte einer der jungen Leute, »setz dich und zeig die Berlocken am Gürtel her! Bezahlt die auch der Erste Konsul? Oder die Schwester Pauline und dein lieber Schwager Leclerc?«
»Leclerc«, murrte Jérôme und setzte sich, vorsichtig den Prunkdegen neben sein linkes Bein plazierend, »wird sich wundern, er muß sich daran gewöhnen, daß sich ein Bonaparte nicht befehlen läßt, auch wenn er erst siebzehn Jahre zählt.«
»Mag sein, wenn er Erster Konsul ist!« Das sagte ein älterer Offizier und griff neugierig nach dem glitzernden Gebaumel an Jérômes Hüfte. »Brillanten – im Ernst, Junge, wer bezahlt die?«
»Ihr Spießer!« rief Jérôme lachend, »ihr faden Böcke, ihr …«
Aus dem Dunst tauchte eine Gestalt auf, eine Ordonnanz in der blau-roten, bordierten Uniform der französischen Matrosen.
Jérôme warf sich sofort in die entsprechende Pose – ihm kam Bewunderung zu, einem der glänzendsten Offiziere der Kolonialarmee, wenn auch noch nicht dem ranghöchsten; und was er vor aller Augen darstellte, das glaubte er zu sein.
Man schwieg jetzt erwartungsvoll und insgeheim ein bißchen belustigt, aber jeder spürte, daß der gutmütige Spott nicht so weit gehen durfte, den Bruder des großen Mannes, den »lieben Kleinen«, wirklich zu verstimmen; und sein jungenhafter Charme machte das leicht.
Der Bursche, der eben eingetreten war, sah allerdings wenig von solchem Glanz, er schaute ernsthaft auf den turbulenten Kreis und zog, als er nahe genug heran war, ein Schreiben aus der umgehängten Ledertasche.
»An den Bürger Jérôme Bonaparte, Fähnrich zur See, unter dem Kommando des Generalkapitäns Leclerc …« Er drehte suchend den Kopf. »Wo finde …?«
Jérôme trat vor. »Kennt Er mich nicht, Bürger?« fragte er scharf, und der Soldat wurde blaß, da er als Zivilist angeredet wurde. Er entschuldigte sich leise. Jérôme nickte gnädig, nahm den Brief entgegen und winkte abschließend. Der Bote stand stramm, drehte mit dem vorgeschriebenen Ruck um und stelzte zur Tür. Sofort fielen die Kameraden über den Jungen her.
»Was ist los? Ein Befehl? Eine Rechnung? Ein Liebesbrief?«
Jérôme wehrte sie ab und setzte sich. Er hatte das Siegel und die Pariser Zensurzeichen erkannt, die roten Streifen des Sonderkuriers auf dem Umschlag, und steckte das Kuvert ungeöffnet in die Hosentasche. Aber ein dünnbärtiger Leutnant, der ihm zunächst saß, packte sein Handgelenk und zog das Papier zurück. Eine Rauferei begann, bei der ein Stuhl umfiel und der Tisch wankte; der Wirt sprang zu und hielt die Flaschen fest, so gut es ging.
»Vom großen Bruder!« schrien die Freunde, als einer das Papier hochhielt, und Jérôme, mit gespieltem Zorn, streckte die Hand danach aus. »Gib’s her, ich werd’s lesen!«
»Laut! Ohne Abzug! Lies vor!« hieß es.
Jérôme entfaltete die penibel geschriebenen Seiten – Napoleons Sekretäre waren dazu erzogen, rasch und doch deutlich zu schreiben.
»Bürger Bonaparte!« las er. »Er könnte mich wohl mit meinem Rang anreden, er hat ihn mir selbst verliehen!« murrte er.
»Weiter!« drängten die anderen. Er zögerte. Murmelnd hatte er das Folgende überflogen. »… ich erhielt soeben einen Mahnbrief des Bürgers Bourrienne, den Sie, Bruder, zu Ihrem Bankier ernannt zu haben scheinen. Dieser ehrliche Makler meldet mir das Ausbleiben Ihrer Wechsel, den Zinsverlust, die verzweifelten Klagen der nie bezahlten Lieferanten. Er berichtet mir, daß Sie ein Toilette-Necessaire im Wert von 16 000 Francs gekauft und diese kostbare Torheit – zwölf Stück aus Gold und Elfenbein – für mich auf Kredit genommen haben …«
Jérôme vergaß, wo er war. »Das hat Bourrienne nie getan, er ist mir treu!« kreischte er aufgeregt, »das verdanke ich nur dem Juwelier Biennais in der Rue St. Honoré, keinem anderen … Der Hund! Der schäbige Hund …«
Eine Woge von Gelächter antwortete dem Ausbruch. »Und stimmt es denn?«
»Warum nicht?« Jérôme drehte den schönen Kopf und riß die dunklen Augen weit auf. »Ich war einer Dame verpflichtet, ritterlich und ehrenhalber, und …«
Wieder das tobende Gelächter.
»Und du konntest dich nicht billiger revanchieren?«
»Billiger? Meint ihr mit Geld, ihr gamins?« Er stieß auf den Sprecher zu wie ein wütender Vogel. »Das war eine Dame! Und mein Rivale …«
»Dann hättest du dich natürlich duellieren müssen, Freund …«
Jérôme sprang auf den anderen zu. »Hast du etwa schon ein Duell hinter dir?« Er packte ihn am Latz. Er war blaß geworden, griff ins Jabot und riß es auf. »Hier – hier im Brustbein steckt die Kugel, und wenn ich zum Ruhme Frankreichs falle, wird man sie finden – bei meiner Autopsie …« Er warf die Spitzen seines Seidenhemdes wieder übereinander, atmete laut hörbar, stand da, den Oberkörper anmutig gedreht und darauf bedacht, eine gute Figur zu machen.
»Erzähl, erzähl!« schrien jetzt die jungen Leute. Einige von ihnen kannten das Histörchen schon, aber Jérômes Drang nach Bewunderung war so zwingend, daß man ihm gern den Gefallen tat, noch einmal zuzuhören. Er selber war froh, daß er von dem fatalen Brief ablenken konnte, von dem er in der Aufregung zuviel vorgelesen hatte …
Man rückte näher heran, er im Mittelpunkt, hochaufgereckt vor den erhobenen neugierigen Gesichtern, hinter denen die Bedienten und die braunen Mädchen in der rauchigen Dämmerung sich drängten.
Das war die Atmosphäre, die Jérôme brauchte.
»Was ist das wieder für ein tolles Abenteuer?«
»Ach, nichts weiter: es ging um eine Dame.«
»Und der andere? Hast du ihn getötet? Sag schnell!«
»Davout hat mich beleidigt, eine hinterhältige Intrige versucht – wir schlugen uns mit Pistolen bis zur Kampfunfähigkeit!«
»Und da du umfielst …?«
»Ja, gewiß, man hielt mich für tot, auch der Arzt sah kein Leben mehr in meinem Körper. Davout war tief erschüttert, aber dann, ich weiß nicht wie, muß ich mich bewegt haben, ihr kennt ja die Weissagung, daß kein Bonaparte durch eine Kugel fällt.« Er sah sich um. »Meinen Vater haben sie auf das Blutgerüst geschleppt …«
Man schwieg und schaute ihn an, aber Jérôme vertrug keine bedrückende Stimmung. »Die Dame«, sagte er pathetisch, »fuhr danach an den Kampfplatz und ließ sich den Stein zeigen, der von meinem Blut gezeichnet war, im Wald von Vincenne.«
»Warst du denn in Paris damals?« wollte einer wissen.
»Ich gehörte zur Leibgarde, neben Eugène de Beauharnais übrigens, der brav seinen Dienst tat, braver als ich, wie ihr euch vielleicht denken könnt.«
»Du bist ja auch der Bruder des Ersten Konsuls!« tönte es, und Jérôme war nicht ganz sicher, ob das nicht ironisch klang; aber er nahm solche Nuancen nicht ernst, wenn sie ihm nicht paßten. Freilich, der Name des großen Bruders trieb ihm jetzt das Blut in den Kopf, der Brief, die Schulden – und mit Napoleone war nicht so leicht fertig zu werden wie mit den gutwilligen und leicht bezauberten Kameraden.
Im Wirtshaus von Port-au-Prince endete der Abend wie jedesmal mit einem ausgelassenen Gelage, Mestizinnen und Kreolenmädchen, die sich sonst stolz zurückhielten, wurden johlend herbeigeholt, man schäkerte und tanzte, torkelte und schlich in die dunkleren Ecken und hinaus in die dampfende Tropennacht.
Jérôme Bonaparte, der Sohn der asketischen Madame Letizia, rasselte im Wagen eines Kameraden ins Quartier zurück, summend und pfeifend, zwei braune Mädchen im Arm. Den Mantel hatte er liegenlassen; anderntags verschlief er, wie ein paarmal schon, den Dienstantritt auf seinem Übungsschiff, aber da wurde die Meldung an den Admiral direkt weitergeleitet und dort »vergessen«.
Den kostbaren Samtumhang brachte ein übereifriger Mulatte aus dem Wirtshaus zum Kommandeur, dem General Leclerc, von dem man wußte, daß er Jérômes Schwager war. Seine Frau, die hübsche, leichtfertige Pauline, war mit ihm in die Tropen gereist. Leclerc wohnte in einem palmenumstandenen weißen Gebäude, das man eigens als Präsidentenpalais aufgebaut und für ihn hergerichtet hatte. Unter dem Säulenportikus standen Wachen in farbigen Uniformen, im Eingang Palmen in großen Kübeln, als wäre es mit denen draußen nicht genug, und ein Springbrunnen schoß seinen dünnen Strahl in ein glitzerndes Becken. Das alles war nicht eigentlich nach Leclercs Geschmack, aber die zum Überschwang neigende Pauline liebte solche Zurschaustellung ihrer wichtigen Position.
Ein gelblivrierter Soldat öffnete dem Kellner, der Jérômes Mantel offen auf dem Arm trug; er fragte, wie er die Wachen passiert habe, und erfuhr, man kenne ihn hierzuland. Als dann der Mulatte endlich vor Leclerc stand, machte der Kommandant ein düsteres Gesicht. Er war ein gutaussehender hagerer Mann; schwarze Bartkoteletten ließen sein gelbliches Gesicht noch schmaler erscheinen. Er trug die betreßte Uniform mit freier, natürlicher Würde und winkte dem Türsteher, dabeizusein, während er den Kellner ausfragte.
Der Mann dienerte, während er das schwere dunkelrote Gewand vor sich hinhielt wie ein Tablett. Leclerc mußte lächeln – zum Lachen war ihm nicht zumut, denn er durchschaute schnell den Zusammenhang. Als er dann hörte, wo Jérôme sein prunkvolles Stück verloren und wie er darunter gekleidet gewesen war, sprang er verärgert auf. Das sei doch nicht die Uniform eines Marinefähnrichs, schrie er den Boten an, und ob er sich nicht täusche, daß dieses da der Fähnrich zur See Bonaparte getragen habe?
Und schließlich ließ er sich, penibel wie er war, die farbigen Bilderlisten bringen, auf denen ein Malergeselle die vorgeschriebenen Uniformen »bis auf den Knopf genau«, wie die Vorschrift hieß, abgeschildert hatte, rote mit blauen Tressen und weißen Hosen, und grüne und schwarze, verschnürte und geschlitzte, und ausgeschnittene Stiefel und Schuhe. Er erhitzte sich bei dem Anblick; denn der Erste Konsul selber hatte diese und jene Uniform für die Kolonien genehmigt, da es wichtig sei, la grande nation dort würdig zu vertreten.
Er ließ Pauline rufen, und sie kam nach einer Weile, mit wehendem Seidenschal, die dunklen Locken ins Gesicht gekämmt, und hörte sich die Reden ihres empörten Gemahls an. »Aber, mon cher! Wieviel Firlefanz trägt man zur Schau! Und wenn der Kleine sich in seinem kindischen Spiel gefällt, als Berchinyhusar, was schadet das? Er hat vermutlich bezaubernd darin ausgesehen, denn er ist der hübscheste von meinen Brüdern, Lucien ist zu düster, Louis zu fade, und Giuseppe ist ein Kahlkopf.«
Leclerc hörte gar nicht zu. »Es ist Vorschrift, und er hat ein Muster zu sein als Offizier. Wenn ich ihm eine Nachlässigkeit erlaube, kommt bald jeder als Zieraffe daher, als Indianer, als Mulatte …«
Pauline sagte nichts mehr, sie nahm den Fächer vors Gesicht und kicherte heimlich.
Leclerc nahm Bagatellen ernst, er hielt sich beharrlich an die Formen, die den Dienst hier ausmachten, da der große Atem fehlte, die echte Gefahr, jetzt, wo das Land unterworfen war. Sein starres spitzes Gesicht verkrampfte sich, während er die Uniformbilder eins ums andere beiseite tat.
Jérôme wurde zitiert, er nannte es freilich vor den Kameraden eine Einladung, und Pauline hatte Likör und Gebäck auftragen lassen.
Leclerc saß, vertieft in irgendein Schriftstück, an seinem Schreibtisch. Pauline lächelte gequält, erhob sich, was sie sonst nie tat, wenn ein Mann gemeldet wurde, und schwebte mit wogenden Gazeschleiern dem »Kleinen« entgegen. Jérôme stand etwas verlegen, mit trotzigem Gesicht, auf dem Rand des riesigen roten Perserteppichs, der die Tür vom Schreibtisch trennte. Pauline erwartete jeden Augenblick einen Ausbruch, einen frechen, taktlosen, nie wieder zu glättenden Ausbruch, und sah ihn flehend an. Schließlich trat sie von hinten an Leclerc heran und legte die Hand auf seine Schulter. Er zuckte zusammen und sah sich um, so schnell, daß die Goldschnüre an seinen Epauletten wirbelten. »Ma chérie!« Aber er drehte dann doch endlich den Sessel in Jérômes Richtung, der zuerst rot und dann bleich geworden war und sich sichtlich kaum mehr beherrschen konnte.
»Sie haben mich rufen lassen, monsieur mon beau-frère«, sagte er halblaut mit schwankender Stimme und tat einen Schritt vorwärts: er war im Gesellschaftsanzug, mit weißen engen Hosen und einem goldgeschnürten langschößigen Rock, den Prunkdegen an der Seite.
Leclerc schlug ein Bein übers andere und betrachtete ihn ausgiebig. »Ihr Dienst, Fähnrich, scheint Ihnen viel Zeit zu lassen? Sie haben, wie ich sehe, die Modejournale ausgiebig studiert?«
Jérôme deutete eine Verbeugung an. »Es ist die vorgeschriebene Galauniform, mon beau-frère, für große Empfänge beim Gouverneur!«
Leclerc sprang auf. »Das ist kein Galaempfang, Jérôme, das ist eine Vorladung, wenn Ihnen das noch nicht klargeworden ist! Ich erwarte Auskunft über Ihr unmögliches, disziplinloses Benehmen, Ihre Affereien, Ihre Maskeraden, mit denen Sie die französische Armee lächerlich machen! Ich erwarte Entschuldigungen wegen Ihrer allzuhäufigen Besuche in den übelsten Spelunken, über Ihre Schulden, Ihre Angebereien und Aufschneidereien und Ihren laschen Dienst!« Er winkte Pauline, die noch immer neben dem Sessel stand. »Setz dich doch, ma chère, ma fleur!«
Sie lächelte halb belustigt, halb kokett und sank, die winzigen seidenen Schuhe gekreuzt, in einen Stuhl.
Jérôme zögerte noch, er wußte nicht recht, welche Geste hier angebracht sei, die des hübschen Familienlieblings schien ihm nicht zu genügen. Immerhin war Leclerc sein Vorgesetzter, und er spürte, daß der über die Sippenzusammenhänge hinausdachte. Und er war auch kein Italiener wie die Bonapartes und Ramolinos, und das hieß, daß er nüchtern einstufte und sich kein alles überwindendes sentimento della famiglia erlaubte, wie gelegentlich sogar der ruhmreiche Napoleon.
Jérômes Verstand war der eines großen Jungen, nicht mehr; aber sein Instinkt, die fast feminine Einfühlung in das Wesen seines Gegenübers, die ihn auch für Frauen oft so unwiderstehlich machte, gab ihm ein zu sagen: »Verzeihen Sie, mon général, ich habe die Seeschlacht von Saint Domingue mitgekämpft, und der Admiral gab mir den ehrenvollen Auftrag, die – nach zweimaligem Ansatz endlich geglückte – Unterwerfung der englischen Swiftburne …« Er stockte plötzlich, trotz aller Keckheit aus dem Konzept gebracht. »Nun, Sie werden wissen, ich habe die eroberte feindliche Prise bemannt und aus den Händen des unterlegenen Kapitäns seinen Degen empfangen.«
Pauline hob die Hände. »Oh, Jérôme, das muß ein wundervoller Anblick gewesen sein! Du im Moment des Sieges, auf dem zerschossenen Schiff, in Gegenwart der gefangenen Mannschaft, noch im Pulverdampf …« Sie sprach auf einmal italienisch, und Jérôme antwortete hingerissen: »Si, travolgente, Paolina!« Überwältigend, das war es, und er selber war von seinem Ruhm überwältigt!
Leclerc schwieg, da er kaum Italienisch verstand, aber den Sinn dieser Tirade hatte er erfaßt und auch die Motive des Admirals Gantheaume richtig eingeschätzt, der die erste, einzige Gelegenheit nutzte, den kleinen Bruder auszuzeichnen und dem großen Konsul gefällig zu sein, in dessen Diensten er stand.
»Sehr gut, mein Schwager, und zweifellos hatten Sie eine solche persönliche Hervorhebung damals verdient – nach der Schlacht.« Er wies jetzt auf einen der herumstehenden Stühle. Pauline lächelte.
»Im Januar 1800«, sagte Jérôme jetzt, »kam dem Admiral ein böses Unwetter zustatten. Wir kreuzten in wilden Regenböen, das Admiralsschiff drohte zu kentern, einige Segler verloren die Masten, die Flottille wurde auseinandergetrieben … und das mitten in der finstersten Nacht; man wartete besseres Wetter ab, bis schließlich doch die Engländer – der Admiral Warren – auftauchten und uns so zusetzten, daß wir nach Toulon auswichen.« Er atmete auf, wenigstens hatte ihn sein Gedächtnis nicht im Stich gelassen. »Drei Monate danach dasselbe – Sie wissen ja. Aber dann kam der Sieg über die Swiftburne, das schönste Schiff, das der englische König auf See zu schicken vermochte.«
»Das haben Sie bereits erzählt, Degen abgefordert und Prise bemannt«, sagte Leclerc nüchtern. »Und dann?«
»Es war meine erste Seeschlacht, und ich habe die Kugeln nicht gefürchtet.«
»Gewiß, das hat Ihnen auch der Erste Konsul bestätigt, Gantheaume hat es mir berichtet.«
Von Paris, das er als junger Held wieder betrat, erwähnte Jérôme nichts; er ließ lediglich beiläufig verlauten, er habe seinem Bruder den Admiral warm empfohlen. (Gantheaume hatte, da ihn Jérôme um eine größere Geldsumme angegangen hatte, als Gegengabe diese Hilfe erbeten …)
Leclerc lag daran, diese sonderbare Audienz abzuschließen. Er beschied den Schwager kurz: »Das genügt; halten Sie sich in Zukunft auch in Ihrem Auftreten so, wie es einem Seeoffizier der grande nation zukommt, und erregen Sie kein Ärgernis mehr. Ihren Mantel habe ich reinigen lassen, er wird Ihnen beim ersten Sekretär übergeben werden. Ich lasse einen Wagen vorfahren. Pauline?«
Pauline stand auf, anmutig mit dem Schleier hantierend, und trat zu Jérôme, der ihr die Hand küßte. Strammstehen, Aufstechen, ein freches Blitzen aus den kleinen schwarzen Augen – dann war er draußen.
Leclerc ließ sich seufzend in seinen Sessel zurückfallen, streckte die Hand nach Pauline aus und zog sie zu sich herüber; sie schmiegte sich auf seine Knie und streichelte sein Haar. Dann ging sie langsam zur Tür.
Gelegentlich gab es Jérômes wegen einen gereizten ehelichen Disput zwischen Leclerc und Pauline; daß er nun schon das zweite Mal in den Kolonien sei, meinte sie, zeige doch, daß Napoleon ihn für bewährt und fähig halte, und immerhin habe er sich ja bei der Einnahme von Port-au-Prince recht gut bewährt, sonst hätte ihn doch der Admiral nicht gleich zum Fähnrich zur See gemacht. Und Latouche-Tréville sei keiner von den unkritischen Admiralen.
Persönliche Tapferkeit und Wagemut – die habe er, sagte der Gouverneur, aber das genüge eben nicht; er hätte den Schwager gern verantwortungsvoller gesehen und auch »politischer« in seinen Auftritten. Er hätte sehnlich gewünscht, diese schwierige, kaum mehr übersehbare Lage mit ihm zu bereden und den »Kleinen« nicht bloß als Dekorations- und Zierstück einzusetzen.
Pauline widersprach, da ihr jedes Gespür für Leclercs Sorgen abging. Sie hatte in den Jahren ihrer Kolonialzeit gerade gelernt, die Kreolen von den Mulatten und diese von den Negern zu unterscheiden, die vielerlei Nuancen der Mischungen ersten und zweiten Grades, die in diesem Schmelztiegel wirbelten und agierten, so weit zu trennen, daß sie keine Taktlosigkeiten beging und ihm schadete. Kreolen hießen ursprünglich die seit Generationen in Haiti ansäßigen Weißen. Es gab die »großen Weißen«, Aristokraten und Großgrundbesitzer, und die »kleinen Weißen«, die ein Handwerk trieben, keine Pflanzungen hatten und nur »Haussklaven«, keine Plantagenarbeiter hielten. Mulatten nannte man die Mischlinge aus der Verbindung Weißer und Schwarzer, später auch alle freien Farbigen, gleich welcher Abstammung sie waren. Und endlich gab es »neue Freie«, ehemalige Sklaven, die das Dekret des Nationalkonvents vom 4. Februar 1792 losgesprochen hatte, als Folge der großen Kolonialdebatte vom Mai 91, in der Robespierre für die Abschaffung des Menschenhandels und der Sklaverei plädiert hatte.
Verständlicher als diese politischen und juristischen Begriffe waren Pauline die Bitten der Joséphine Beauharnais um die Befriedung Haitis. Sie war ja selbst Kreolin und stammte aus Mozambique.
Befriedung – das war freilich ein fernes Ziel. Leclerc wußte das. Die Kolonisten, durch billige Sklavenarbeit reich geworden, zögerten mit vielerlei Vorwänden die Durchführung der Beschlüsse aus dem fernen Paris hinaus, die Schwarzen, die Bescheid wußten, empörten sich und lieferten damit das Argument, das Dekret zu widerrufen: neue Aufstände, Widerspruch der weißen Grundbesitzer, die einsahen, daß sie mit den freien Farbigen besser arbeiten konnten als mit unzuverlässigen und aufsässigen Sklaven. Es gab ein erbittertes Hin und Her, und Paris erwog militärische Eingriffe gegen die unbotmäßigen Landsleute in der Kolonie.
Leclerc – eingezwängt zwischen Auftrag und Einsicht – machte dringend auf die Agenten Englands aufmerksam, die den Zwiespalt ausnutzten und den Kolonisten Hilfe anboten … Spannungen, Emotionen, zwischen denen der Kommandeur sich wand, ohne Rückhalt und auch nur Verständnis bei seinen Nächsten. Pauline erfuhr durch Briefe aus der Heimat von der Enthauptung Ludwigs XVI., redete sprudelnd und naiv über den armen, dummen König, machte sich gegen Leclercs Wunsch wichtig damit und verstand erst zu spät, daß die Spanier, noch immer begierig auf den Besitz der Kolonie, aus diesem Königsmord eine Legende machten, um die Schwarzen aufzuhetzen, denen der König noch immer ein magisches Symbol und ein halbgöttlicher Heros war, auch bei einem fremden Volk. Übrigens nutzten gerade die spanischen Pflanzer ihre Sklaven, die Unfreien, barbarisch aus und straften Ungehorsam mit grausamen Folterungen.
Einer der Freigelassenen, ein riesiger, reinblütiger Neger, Toussaint Louverture, organisierte seine Landsleute, trieb sie zu Massakern in einsam gelegenen Gehöften an, drillte sie nach europäischem Muster und ließ sie glauben, ihre Seelen kehrten, nach dem Tod durch die verhaßten Weißen, in die afrikanische Heimat, zu ihren Geistern, Medizinmännern und Wodu-Heiligtümern zurück …
Leclerc versuchte den Rebellen mit hinhaltenden Scharmützeln zu begegnen, setzte auf ihre Desorganisation und allmähliche Ermüdung, hoffte auf ein langsames Versickern des Widerstandes, als er von einer üblen Nachricht aufgeschreckt wurde: Jérôme hatte eine junge Negerin entführt, geschwängert und verschwinden lassen … Das war nicht mehr nur ein harmloser Streich, sondern lieferte der Hetze gegen Frankreich reichliche Nahrung. Aber noch viel brisanter wurde die Sache, als bekannt wurde, daß es sich bei dem Mädchen um eine Verwandte des Generals Toussaint Louverture handle. Daß sie mit einem Boot verschwunden war und die Ruderer schließlich, scharf verhört, zugaben, man habe sie nicht getötet, ließ vermuten, daß sie das Abenteuer weiterverbreitete und daß Toussaint inzwischen davon wußte.
Leclerc wurde ungeachtet seiner trockenen, verbissenen Redeweise so heftig, daß Pauline aus dem Zimmer lief. Jérôme weinte fast; er jammerte, er habe bei seiner Jugend und seinem romantischen Feuer ja nicht anders handeln können – aber Leclerc schnitt ihm brutal das Wort ab, und gemahnt, das Mädchen zu suchen und abzufinden, stöhnte Jérôme, er habe doch kein Geld, nur große Schulden …
Schließlich drehte sich dér Generalgouverneur angewidert weg. »Ich werde die Sache bereinigen«, sagte er, »und das arme Geschöpf bezahlen.« Nicht einmal Paulines Schwesternzärtlichkeit kam dem Leichtsinnigen mehr zu Hilfe: Solche Eskapaden, vollends wenn sie bekannt geworden waren, mochte sie nicht.
Leclerc ließ sich trotz seines Ärgers herbei, Jérôme noch einmal über die Vorgeschichte und die politischen Schwierigkeiten und Ziele der Kolonialisierung Haitis aufzuklären. Müde, sichtlich von Jérômes Unverständnis überzeugt, zeigte er ihm auf der Karte die portugiesischen, englischen und spanischen Eroberungen und Verluste, Toussaints Unternehmungen, seine – Leclercs – Gegenzüge und die Erlasse und Dokumente, die zwischen Napoleon und dem Rebellenführer gewechselt worden waren. Jérôme bekam zum erstenmal Papiere in die Hand, die ihm das Maskenspiel, in dem er sich vergnüglich umzutreiben glaubte, als Aufgabe, als Verantwortung, als Arbeit, die einen reifen Mann verlangte, auswies.
»Sie sehen, Bürger Jérôme«, sagte Leclerc, »welch großes Ansehen dieser Schwarze genießt, Sie verstehen, daß der Erste Konsul wünscht, ihn zu schonen und freundlich zu stimmen, und Sie ahnen wohl jetzt endlich« – seine Stimme wurde scharf –, »wie aufgebracht er sein wird, wenn er von Ihrem üblen Streich erfährt. Segeln Sie nach Paris und stiften Sie hier keine Unruhe mehr, das ist ein Befehl!«
Es war nur die halbe Wahrheit, die Leclerc preisgegeben hatte, aber weder Pauline noch gar Jérôme durchschauten das.
Nach den Kämpfen, die noch während des Briefwechsels der Anführer wieder ausbrachen, nach Toussaints bissigen Vorwürfen gegen Napoleon, dem er den eigenen ungesetzlichen Staatsstreich vorwarf, lag weder dem Generalgouverneur noch dem Ersten Konsul mehr allzuviel an Toussaints Schonung und Freundschaft. Schließlich erließ Leclerc einen Tagesbefehl, mit dem er die Aufständischen außerhalb des Gesetzes stellte.
Obwohl der Partisanenkampf in dem mörderischen Klima, die Moskitos und der Durst die Franzosen furchtbar schwächten, hatte Leclerc die Festung Crête Pierrot erobert, sechshundert Schwarze gefangennehmen und erbarmungslos niedermachen lassen. Und eben jetzt, fast gleichzeitig mit der Verabschiedung des Schwagers, verlangte Leclerc die bedingungslose Unterwerfung Toussaints, seiner Unterführer und Vasallen und plante gleichzeitig die Überlistung und Gefangennahme des gefürchteten Feindes. Der harmlose »Kleine« sollte Leclercs freundliche Gesinnung bekannt machen und zugleich gemaßregelt und aus der bedrängten Kolonie entfernt werden.
Toussaint, militärisch durch den Verrat seiner Verbündeten fast wehrlos, baute auf einen bösen Helfer: Er verzögerte durch Guerillakämpfe die Übergabe, versteckte sich und ließ hier und dort einen unübersichtlichen grausamen Buschkrieg auflodern; denn er hoffte auf die Regenzeit, die alljährlich das Gelbfieber brachte, die Seuchen, gegen die seine Schwarzen nahezu immun, die Franzosen aber kaum widerstandsfähig waren – es würde sie, schrieb er, »niederwalzen wie Gras«, vielleicht, wie schon einmal bei der ersten Eroberung vor Jahrhunderten die Spanier, zu Aufgabe und Verzicht zwingen …
Jérôme schiffte sich auf der Cisalpin ein und landete am 11. April in Brest.
Pauline hatte ihn – trotz allem – gerührt fortgewinkt, Leclerc war erleichtert, den unberechenbaren und letztlich unbrauchbaren Burschen loszusein, den er nicht maßregeln durfte.
In Saint Domingue nahm die Hitze zu, in der brütenden Glut brachen fast täglich Tropengewitter und Regengüsse los, die wie Urweltkatastrophen niederstürzten, alles überschwemmten und wegrissen, was nicht fest verankert war, Felsen kahlfegten und Hütten mitspülten. Die Keller liefen voll, die Pferde standen bis an den Bauch im Wasser. Danach wurde es dann schnell kühler, aber nur für Viertelstunden. Die Hitze drückte bald wieder auf die Dächer, und auch im Gouverneursbau halfen die Springbrunnen nicht viel; Pauline lag den Tag über auf einem Diwan und ließ sich Luft zufächeln, man trug Wassersprenger mit duftenden Essenzen durch die Zimmer, die schwarzen Mädchen standen um Pauline herum und schwitzten; sie verlangte mehr und anderes Parfum und plagte Leclerc mit immer neuen Wünschen, die sie ihm melden ließ.
Schließlich unterbrach er seine Arbeit und ging zu ihr hinüber. »Liebe, du mußt dich zufriedengeben«, sagte er matt, »wir haben gewußt, daß uns das Tropenklima drücken würde, mich quält es auch. Aber schau, es regnet ja schon. Und wenn ich das Fenster öffne, wie kühl es hereinweht – spürst du den Schauder, Pauline?«
Sie sah ihn erstaunt an. »Ich spüre keinen Schauder, mein Freund!« Sie stöhnte weinerlich. »Ich spüre bloß die trockene Glut. Komm, setz dich zu mir und tröste mich!«
Leclerc ließ sich auf den Rand des Lagers sinken. Er nahm ihre Hand, und sie zuckte zurück.
»Du bist heiß – fast zu heiß!« murmelte sie und legte ihre Fingerspitzen auf seine Stirn, wo das dunkle Haar klebte. Er warf die Hände vor die Augen und ächzte: »Mir ist schlecht, Pauline, ich fürchte …«
»Du hast Fieber, mon cher!« schrie sie ekstatisch und sprang auf. »Ein Arzt soll kommen, schnell!«
Eines der schwarzen Mädchen lief kreischend hinaus, Leclerc fiel auf das Lager und krümmte sich wimmernd. Es war das Gelbfieber, das schon seit Tagen unter den Soldaten grassierte und das die Fliegen, die Moskitos eingeschleppt hatten. Man brachte ihn zu Bett.
Der Kranke phantasierte, er schüttelte sich in Frost und Glut, sein helles Gesicht wurde fast braun. Der Arzt verbot Pauline, ihn zu besuchen, spülte und wusch, gab Fiebermittel und legte, nach indianischem Rezept, Blätter auf gegen das »schwarze Erbrechen«. Nach vier Tagen kam die gefürchtete Krise, der abgemagerte Körper bäumte sich in Krämpfen, der General ächzte, den Mund weit offen, zerrte am Laken und verlangte zu trinken, und endlich, in der fünften Nacht, starb er.
Pauline war nicht bei ihm, sie lag weinend, aufgeregt wartend in einem bequemen Landhaus, das ihr Leclerc im Gebirge hatte bauen lassen, in der Mitte der Insel, dort, wo sich die Hügel, wie die Geographen schrieben, »wie Papier falteten«.
Nach dem Tod des fähigen Mannes, nach den tausendfachen Toden seiner Soldaten, erwogen die französischen Führer, wie sie schnell, rücksichtslos, ohne sich noch mehr zu schwächen, den angeschlagenen Schwarzen und ihrem fähigsten Strategen ein Ende machen könnten. Am 7. Juni 1802 schrieb der General Brunet, Leclercs Nachfolger, an Toussaint Louverture:
»Der Augenblick ist gekommen, Bürger General, wo Sie dem Oberkommandierenden unwiderleglich beweisen müssen, daß diejenigen, die ihm Zweifel an Ihrer Glaubwürdigkeit einzuflüstern versuchen, böswillige Verleumder sind. Wir haben … einige Fragen zu klären, die unmöglich brieflich zu regeln sind, für die jedoch eine kürzere Unterredung von einer Stunde ausreicht. Wenn ich nicht mit Arbeit und Geschäften überlastet wäre, käme ich zu Ihnen … Kommen Sie zu mir … Sie werden in meiner ländlichen Wohnung nicht alle Bequemlichkeiten vorfinden, über die ich zu Ihrem Empfang gern verfügen würde, aber Sie werden die Offenheit eines Ehrenmannes zu schätzen wissen … Ich wiederhole es, Bürger General, Sie finden nirgends einen aufrichtigeren Freund als mich, vertrauen Sie … halten Sie Freundschaft mit unseren Untergebenen, und Sie werden endlich Ruhe genießen. Ich grüße Sie herzlichst!
Brunet.«
Toussaint schrieb später: »Um acht Uhr traf ich im Haus des Generals ein. Nachdem er mich in ein Zimmer geführt hatte, entschuldigte er sich, daß er mich einen Augenblick allein lassen müsse, und ließ einen Offizier rufen, um mir Gesellschaft zu leisten. Er war kaum gegangen, als ich brutal gefesselt und hinausgezerrt wurde …«
Zwischenspiel
In Paris bezog Jérôme seine alte Wohnung in den Tuilerien; Feste, Empfänge, Bälle, Assembleen wechselten auf seinem Kalender, er hielt es nicht ohne Trubel aus, ohne Bewunderung, und natürlich war es unumgänglich, sich einen neuen Anzug beim ersten Pariser Schneider machen zu lassen, halb Uniform eines Fähnrichs zur See, halb Hofkleid mit Seidenhosen. Er kaufte die kostbarsten Schmuckstücke für seine Freundinnen, zog Wechsel auf den Bankier Bourrienne, der mit den »Hoflieferanten« ein Abkommen getroffen hatte und sich dafür bezahlen ließ. Sie boten dem »kleinen Verschwender« immer herrlichere Preziosen an, und wenn Napoleon ihn wegen seiner Ausgaben zur Rede stellte, hatte er die nicht mehr ganz neue Ausrede: »Ich liebe eben die schönen Dinge« – eine hübsche Wendung, die nur den Fehler hatte, daß das »gut und schön« der Griechen, von dem Jérôme gewiß einmal im Internat gehört hatte, sich zwar auf die »Schönheit des Guten«, nicht aber in jedem Fall auf »Gutsein des Schönen« beziehen ließ. Leider hatte der große Bruder schon als Konsul eine sehr agile Geheimpolizei eingerichtet, die über Jérômes Unmäßigkeit jetzt haarsträubende Einzelheiten meldete, so daß Napoleon ihn wieder aus Paris entfernte.
Er wurde – ob willig oder nicht – auf der Epervier eingeschifft, die nach den Antillen segelte. Wenigstens setzte er mit sanfter Schmeichelei durch, daß sein Freund aus Saint Domingue, der junge Kapitänleutnant Halgan, die Brigg befehligte. Auch die übrigen Offiziere waren ehemalige Kameraden aus der Kolonie.
Und er wäre nicht Jérôme gewesen, wenn er nicht einige Verzögerungen als unabdingbar notwendig erklärt hätte, Reparaturen am Schiff, Verschönerungen, die Herstellung neuer Wimpel und Fahnen, die er – als Ratgeber und Vertreter des Kommandanten – entwarf. Also Aufenthalt in Nantes – erst mußte ja die Brigg betakelt werden – und endlich Abreise.
Am 28. Oktober erreichte man Saint Pierre de la Martinique. Admiral Villaret-Joyeuse ernannte Jérôme zum Kapitänleutnant, in der Hoffnung, beim Konsul empfohlen zu werden. Und da Halgan krank wurde, meldete sich Jérôme für den Posten des Kommandanten und – bekam ihn.
Napoleon erfuhr zu spät davon, vielleicht dachte er, wie manch anderer von Jérômes Vorgesetzten: »Die Antillen sind weit genug weg …«
Talleyrand, der von der Sache hörte, sagte zu einem seiner Sekretäre: »Dieser Bursche ist anmaßend und ohne Maß!«
Und der, ein gescheiter Mensch, gab zurück: »In unserer Epoche, Exzellenz, wo man die große Gebärde, das Pathos, die Bilder und Symbole im Blut ertränkt hat, fallen die Leute auf jede hohle theatralische Geste herein. Ein hübsches Gesicht und eine modische Frisur, eine gutgeschneiderte Uniform und ein sicheres anmaßendes Benehmen täuschen ihnen das vor, was sie entbehren. Mit ein bißchen Frechheit und savoir vivre ist das meiste getan!«
Der Minister lachte und meinte, einiges an Wissen und Können gehöre doch wohl auch noch dazu; für den Moment und vor dem Hintergrund des brüderlichen Ruhmes möge allerdings das blenden, was Jérôme zu bieten habe.
Dieser Ruhm des Ersten Konsuls wuchs beständig, nicht nur, weil die Nation das Bedürfnis nach »Gloire« verspürte.
Napoleon hatte, schon als er 1797 Erster Konsul geworden war, die fast unüberschaubaren Staatsschulden aufgedeckt, die Unbrauchbarkeit einer Armee erkannt, die schlecht besoldet und ernährt war, und die Findelhäuser untersucht, in denen die Kinder zu Hunderten verhungerten, wenn sie sich nicht als kleine Diebe und Straßenräuber durchschlugen; er hatte sich um Siechenbaracken und Ärzte gekümmert, und es zeigte sich, daß er nicht nur Feldherr und mitreißender Volkstribun war, sondern ein Organisator, der Ordnung und harte Disziplin von sich und seiner Umgebung forderte.
Von alledem besaß der »Kleine« nichts, aber er benahm sich, als habe Fortuna, die er im übrigen für seine verpflichtete Untergebene hielt, ihm alle ihre Kränze zugedacht und ihn ausersehen, das schwer erkämpfte Kriegsglück seines Bruders durch den Schimmer seiner königlichen Gesten erst wirklich sichtbar zu machen.
Friedrich von Württemberg
Im Stuttgarter Schloß, dessen Bau noch Herzog Carl Eugen begonnen hatte, residierte seit dem Dezember 1797 Herzog Friedrich von Württemberg, ein Sohn des Herzogs Friedrich Eugen, der nur ein knappes Jahr lang regiert hatte oder, wie ein französischer Agent schrieb, durch seine Gemahlin, die Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, regiert worden war.
Friedrich stapfte auf und ab; das Parkett spiegelte in bräunlichem Blond, die Kristallüster klirrten bei jedem Schritt, den der riesenhafte Herr tat, auf und ab, auf und ab, während die Kerzen über ihm zitterten, die Dielen knirschten und der breite schwere Sessel, der ihn aufnehmen sollte, hie und da mit einem starken Stoß weggerückt wurde.
Friedrichs graugepudertes Haar, in einer Art flüchtiger Zopffrisur zusammengehalten, klebte im Nacken. Er schnaufte heftig und schwenkte die starken Arme, als wolle er etwas greifen oder zerdrücken, dann ließ er sie an sich herunterfallen wie Gewichte.
Er war allein im Raum, die Diener standen vor der Tür und hofften, der Herr möge bald schlafen gehen.
»So ist das, seit er krank ist«, flüsterte einer, ein Älterer, dem neu eingestellten Lakaien zu. »Weißt schon, der Graf Zeppelin«.
»Ja, hab’s gehört.«
Graf Zeppelin, der Minister, Berater, einzige Freund des verbitterten Herzogs, war schwerkrank. Friedrich hatte ihn täglich gesehen, befragt, sogar mit ihm geplaudert, ein Wort, das sonst in seinem streng geordneten Sprachschatz fehlte. Jetzt hetzte er die Ärzte, zornig und verzweifelt, nach Hilfe für den Kranken herum.
Die Leute vor der Tür guckten sich verschüchert an. »Da sei was nicht ganz hasenrein … heißt es.«
»Um Gottes willen«, warnte der Grauhaarige, »sag das nicht!«
Es gab freilich nichts, was die schwäbischen Pietisten hätte empören können, nur eine Art Sohnesfreundschaft und ehrfürchtige, manchmal nachsichtig-zärtliche Rücksicht auf den dunklen Koloß und seine vulkanische Natur; und vom Herzog her vielleicht den heftigen, gewalttätigen, fordernden Anspruch auf unbedingte Zuverlässigkeit.
Er hatte gelacht und gelächelt, wenn Zeppelin hereingetreten war, und jetzt stieß und würgte den Alleinherrscher das Gefühl der Machtlosigkeit einer rätselhaften Krankheit gegenüber.
»Vorgestern«, flüsterte der jüngere Kammerdiener, »war er eingeschlafen, mit dem Kopf auf dem Tisch. Er hat nicht geläutet, aber weil ich ihn schnarchen hörte – ich hatte das erstemal Dienst –, kriegte ich Angst, es könnte ihm etwas fehlen, er schnarchte so laut … da bin ich doch hinein, ganz leis, und sah ihn sitzen und ließ ihn.«
Friedrich klingelte. Zwei Diener kamen unter Bücklingen herein.
»Wecken, morgen früh, wie immer!« Der massige Kopf ruckte auf den Schultern, als rühre sich ein Steinblock auf dem Sockel. »Und morgen um zehn Uhr soll der Dannecker antreten, der Sculpteur, verstanden?«
Als Dannecker sich meldete, ein kräftiger Mann mit einem schwäbischen großen Mund und halblangem hellbraunem Haar, ließ ihn Friedrich sofort hereinrufen, unterbrach die Besprechung mit dem russischen Geschäftsträger und winkte: »Prenez place, Dannecker! Ich brauche einen Entwurf, eine Skizze, nach Ihren Notizen – das Modell steht im Moment nicht zur Verfügung.«
Dannecker zog vorsichtig einen Stuhl heran, verbeugte sich noch einmal und setzte sich. »Zu Diensten, Durchlaucht.«
»Ich will von Ihnen ein Porträt des Grafen Zeppelin. Er ist krank, die Ignoranten von Medizinern wissen wieder einmal nicht weiter. Ich will, daß Sie das so vorbereiten, daß Sie ihn nach seiner Genesung – Gott füg’s! – nicht mehr lange zu quälen brauchen, er hat ja auch immer wenig Zeit, wenn er gesund ist … Lassen Sie sich das Gemälde des Schick ins Atelier bringen, ich erwarte etwas wie das Wesen des Grafen, und es soll ihn freuen, wenn er’s sieht.« Friedrich riß an seiner Hemdspitze herum. »Können Sie das?«
Dannecker sagte bescheiden, der Herzog kenne ja seine Arbeit an der Schillerbüste, die er schon 1796 begonnen habe, den Gipsguß, den er gern, so der Herr es wünsche, noch einmal aus der Werkstatt herschaffen lasse.
»Der Schiller ist anders«, knurrte Friedrich, »der ist knochiger, männlich und heldenhaft, ein Volksheros. Diesen da will ich für mich, einen hellstirnigen Menschen, ein geistiges Bild.«
Dannecker sah erstaunt auf. Der Gigant da vor ihm hatte die kleinen Augen fast ganz geschlossen, um den Mund zogen sich die Schrammen bis zum Kinn hinunter, keine Falten mehr, tiefe Risse, trotz des unschönen Fetts, das die Wangen blähte und den Hals fast verschwinden ließ.
»Schau Er mich nicht so abschätzig an!« schrie Friedrich und brauchte absichtlich das altmodische »Er«.
Dannecker entschuldigte sich, er sei Künstler und sehe jedes Gesicht als Vorwurf für eine Plastik. Das sei ehrfürchtig gemeint, sagte er noch.
Friedrich schwieg darauf und stemmte sich aus dem Stuhl in die Höhe.
»Lassen Sie das Gemälde ins Atelier tragen! Ich weise das an.« Friedrich schellte, während der Meister sich unter Bücklingen zur Tür tastete. Draußen wurde ihm versichert, das Werk werde pünktlich in seinem Hause sein. Dannecker ging.
»Hofbildhauer …«, murmelte er ärgerlich, »Hofknecht!« Im Weitergehen wurde er gelassener. Aber doch, dachte er, der alte Carl Eugen hat’s ganz gut gemacht, daß er mich meinem Vater abgeluchst hat … Sonst wäre ich dem sein Roßbub geblieben, und wie hätt’ ich je zum Le Jeune kommen sollen ohne ihn? Gerecht muß man schon sein, auch gegen die Fürsten, sogar wenn’s arg menschliche Menschen sind! Und der da drin ist scheint’s bös geplagt worden in Rußland, und Genaues weiß keiner von uns. Da denkt er halt nicht viel Gutes von den Leuten, und seine englische Mathilde gilt ihm auch wenig. Der Zeppelin ist der einzige, dem er traut – und jetzt will er ihn festhalten im Stein, wo er bald Kurfürst wird, und ihn selber soll ich auch machen.
Man klatschte viel am Stuttgarter Hof über die englische Heirat, es war klar, daß dies eine rein politische Angelegenheit war. Aber für die Princess Royal, Charlotte Augusta Mathilde, war die Heirat doch wohl mit ein paar fraulichen Hoffnungen verknüpft gewesen. Seiner Tochter Katharina hatte Friedrich geschrieben:
»Mein liebes Kind! Seit dem achtzehnten Juli hast Du eine neue Mutter, die das Glück Deines Vaters bedeutet und bedeuten wird, und die Du infolgedessen lieben und achten wirst, davon bin ich überzeugt …«
Als das junge Mädchen den Umschlag öffnete, weinte es, schon bei den ersten Sätzen. Was der Vater tat, war immer unberechenbar und eigentlich zum Fürchten. Und er erklärte nichts, er verfügte bloß. Er hatte sie mit den beiden Brüdern aus Rußland nach Württemberg gebracht, das sie kaum kannte, nur aus Berichten und von Bildern her, und sie wußte nicht, was aus ihrer Mutter, der Braunschweigerin, geworden war. Man sagte ihr, sie sei tot, aber die russische Kinderfrau hatte ihr erzählt, die Prinzessin-Mutter sei mit einem kleinen Engel im Arm weit fortgeflogen.
»Und das war mein Schwesterchen oder mein Bruder?« fragte Katharina einmal, aber niemand gab Antwort darauf. Daß der Vater seit damals anders geworden war, noch verschlossener, selbstherrlicher, härter, spürte sie bald. Sie gewöhnte sich daran, ihn zu meiden, und merkte doch, daß er für sie offener und zugänglicher war als für die Brüder. Er erzählte sogar manchmal von Rußland, von seinem Gouvernement in Cherson, zu dem ihn die große Katharina, ihre Patin, berufen hatte. Mit ihr hatte er manchmal deutsch gesprochen, sie war eine deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, vom großen Friedrich, dem Preußen, für den russischen Paul ausgesucht … Von Cherson, an das sie eine unklare und meist verdrängte Erinnerung hatte, war die Kleine nach Mömpelgard gebracht worden; sie dachte oft an die Zeit in dem großen Stadtschloß und an das weiter draußen gelegene Staint Étupe, an den Weg neben dem Flußufer, unter hängenden Buchenzweigen, zwischen denen immer wieder Stadt und Schloß sichtbar wurden, an die vielen Kanäle, die alles Gemauerte einschlossen.
Man hatte ihr gesagt, Mömpelgard gehöre seit dreihundert Jahren zu Württemberg, von jener Henriette als Heiratsgut eingebracht, die den Friedrich von Zollern in der Schlacht besiegt hatte, den Ahnen des Preußenkönigs. Inzwischen war das Gebiet oft von Truppen durchzogen, geplündert und verwüstet worden. Sie kannte nur das alte Bild aus der Kinderzeit, ihr hafteten kleine Blitzlichter, helle Funken ohne Zusammenhang, ein rosenumwachsener Balkon, ein schmaler Dachfirst, im Gedächtnis.
Katharina war mit achtzehn Jahren noch immer ein halbes Kind, wie es die blonden, hellhäutigen Typen oft sind; und sie war in ihrem Umkreis gefangen, in ihrer Kaste, ihrer Tradition, wie unter einer Glasglocke, die ihr keinen Ausgriff in die »gewöhnliche Menschenwelt« ließ. Sie war naiv, aber klug genug, um wenigstens im eigenen Wesen, in der eigenen Sippschaft, in der Geschichte der Familie zu forschen, da sie wissen wollte, »mit welchen Pferden sie fahren sollte«. Sie verglich Züge im Charakter des Vaters mit ihren eigenen Antrieben, fragte nach seiner Jugend und nach der Mutter, die noch immer, kaum gekannt, wie ein Traumwesen in einem Nebelflor vorüberschwang, wenn sie das Thema beim Kurfürsten anschlagen wollte.
Dann tauchte auch, sichtlich vorsichtig berührt, nur mit undeutlichen Floskeln erwähnt, die berühmte Großtante auf, ihre Patin, die große Zarin Katharina. Sie merkte bald, daß die Herrscherin wie ein Tabu, ein bedrückendes, quälendes Phantom über dem Vater hing, das einzige Bild, vor dem der Mächtige sich duckte, das er mied und fürchtete. Das erschreckte sie, denn sie glaubte zu wissen, daß der Name ein Zeichen, ein Stempel und ein Signum sei, das eine Richtung weise, und man hatte ihr den Namen dieser Frau mitgegeben.
Die Herzogin Mathilde, die seit 1797 Katharinas zweite Mutter war, lebte sehr zurückgezogen. Wenn Katharina sich bei ihr melden ließ, tat sie das aus gutmütiger Höflichkeit und kaum aus Freundschaft. Mathilde nutzte dann gern die Gelegenheit, aus ihrem sonst so förmlich-distanzierten Benehmen etwas herauszutreten. Sie erzählte der begierig zuhörenden Prinzessin von geheimen Hofberichten, die sie sich aus englischen Quellen verschaffte, sprach von makabren Schauermären, die über den russischen Hof umgingen, und von dem wilden, grausamen, genialischen Wesen der »bösen Zarin«. Katharina hörte erstaunt, dann erschrocken zu. Aber obwohl sie Mathildes Eifer und Abscheu befremdete, ließ sie sich doch von den weitschweifigen Schilderungen gefangennehmen.
Vor fünf Jahren war die große Katharina gestorben, sie hatte, so hörte man, ihren Sohn Paul, den Gatten der württembergischen Sophie, die Katharinas Tante war, ehrlich gehaßt, genau wie ihren Mann, den groben, dümmlichen Paul I., von dem sie nur Brutalitäten und Beleidigungen erfahren hatte.
Den Enkel aus der deutsch-russischen Ehe ihres Sohnes, den Alexander, hatte sie geliebt und für den Thron bestimmt …
Aber die Zarin war – verbraucht – früher und rascher gestorben, als sie selber gedacht. (Mathilde sagte trübsinnig: »Wer denkt bald genug an den Tod?«) Und der immer unterdrückte Sohn, der sich nun endlich mächtig genug zur Rache fühlte, hatte sich jetzt erst eigentlich als der Psychopath entpuppt, der er war: Geschützt durch die unbeschränkte Macht seiner Zarenkrone, ließ er den Leichnam seines Vaters ausgraben und das gekrönte Skelett durch die Straßen führen, voraus die kerzentragenden Günstlinge der toten Mutter, die er für die Mörder hielt, und beide Gatten – zum Hohn – nebeneinander beisetzen …
Katharina saß blaß, mit zitternden Händen, vor der schwatzenden Dame, die sich wichtig damit tat, dem Mädchen die Barbarei der Russen einzureden, und in ihrer Befangenheit nicht sah, daß sie eine völlig Verstörte, Erschütterte vor sich hatte, die sich kaum mehr aufrecht halten konnte. Erst als Katharina fragte: »Die Tante? Hat sie das nicht hindern können?« wurde sie wacher. »Es gab doch Dokumente, ein Testament der Zarin, denke ich …«
Mathilde lachte leise: »Das hat der neue Zar verbrannt.«
»Arme Tante, arme Frau!« Die beiden schwiegen eine Weile. »Sie hat doch bloß Angst vor ihrem Gatten gehabt.«
Mathilde zuckte die Achseln, sie wickelte sich in ihre Pelzdecke, obwohl es im großen schönen Stuttgarter Schloß nicht kalt war – draußen flirrte und flimmerte ein heller Märztag, Militärmusik klang, halbverwischt, herauf, Marschtritt, auch einmal helles Gejubel von Kindern, die wohl dem Zug nachliefen.
Katharina entschuldigte sich, sie müsse zu ihrer Vorleserin zurück.
Das nächstemal, bei einem dieser Pflichtbesuche, kam sie zögernd und hatte sich vorgenommen, gleich nach der formellen Begrüßung ein harmloses Thema anzuschlagen; sie habe, sagte sie zu Mathilde, recht Interessantes über die Bonapartes gehört, von denen jetzt die ganze Welt widerhalle, da der Feldherr Napoleon die Italiener, die Österreicher, sogar den Papst in seine Gewalt gezwungen habe.
Ein Konkordat sei geschlossen worden, meinte die Kurfürstin, und der Papst sitze irgendwo im Exil oder werde es bald tun müssen – diese räuberische südländische Sippe habe nur Fußtritte für Traditionen, und Katharina werde ihr, die in den Formen der High Church erzogen worden sei, keine Sympathien für den Papst zutrauen!
Immerhin, sagte Katharina, sorge dieser Napoleon für seine Familie.
Eine Weile saßen die beiden Damen wieder stumm voreinander. Katharina hatte einiges von Seegefechten und Schiffsbegegnungen, von irgendeiner ärgerlichen Geschichte über den jüngsten Bruder Napoleons, Jérôme, gehört und glaubte, der Engländerin mit einem Lob der Royal Navy Freude zu machen.
Mathilde reagierte anders. Sie wurde unvermutet lauter: »Dieser Scharlatan! Der jüngste und dümmste der Napoleonsbrüder! Er ist mit seiner Brigg – mit neunzehn Jahren hatte man ihn zum Kommandeur gemacht! – nicht etwa befehlsgemäß nach Guadeloupe gesegelt, wohin er sollte, sondern nach dem englischen Dominique! Und bei diesem schon brüchigen Pakt … fair, wie Old England ist, hat man sich noch einmal an den bereits fraglichen Vertrag gehalten, hat Jérôme festlich empfangen, und danach ist er – dieser Blender und Schaumschläger – nach Neuengland gesegelt, nach Baltimore, nach den abtrünnigen Staaten von Amerika!«
Katharina nickte. Allzuviel interessierte sie dieser sichtlich unzuverlässige Bursche nicht.
Mathilde allerdings hatte sich einmal für das Thema erwärmt, nicht Jérômes wegen, dessen ganzes Wesen ihr zuwider war, eher, weil sie trotz aller Abneigung gegen den illegitimen, angemaßten, wildwüchsigen Kaiser seine Faszination spürte und die Gefahr für England und Europa mehr ahnte als sah – dieses völlig Neue, den Elan, die unverbrauchten Gedanken und die unvorhersehbaren Pläne.
Es war die Rede davon, was sich dieser junge Fant, Jérôme, geleistet hatte, als er ein englisches Kriegsschiff angehalten und wie eine Handelsprise gestoppt hatte, als gelte die Blockade auch der bewaffneten englischen Macht. Sein Admiral wütete, man fürchtete, der offene Kampf werde ausbrechen, ehe noch Frankreich dafür gerüstet sei, und war froh, als England nicht zurückschlug. Später, als der Seekrieg zwischen den beiden Mächten wirklich erklärt war, leistete er sich ein echtes Bravourstück, das ihm rühmlich angerechnet wurde: Er steuerte die umstellte und – nach aller Voraussicht – verlorene Veteran durch ein unerhört kühnes Manöver in die Bucht von Concarneau und entzog sie so dem Zugriff der Navy …
Indessen hatte sich sein »großer Bruder« 1804 selber die Krone aufgesetzt und den Papst dabei nur zusehen lassen. Man beobachtete erstaunt, wie er seinen ägyptischen Feldzug aufzog, ein tolles Unternehmen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt schien.
Man erfuhr empört von der Hinschlachtung der zweitausend Türken, die er gefangengenommen hatte; ihrem Ehrenwort, nicht mehr zu kämpfen, war nach den früheren Erfahrungen nicht zu trauen, sie zu ernähren war ohne besseren Nachschub unmöglich – man trieb sie mit Schüssen ins Meer.
Mathilde konnte sich in ihrem Barbarenhaß nicht genug tun, freilich lag das englisch-indische Beispiel noch zu fern. Sie wußte vom Befehl Peters des Großen, sein im Krieg durch die Pest bedrohtes Heer durch die Ermordung aller Pestverdächtigen zu retten.
Katharina, bedrückt von allem Düsteren des Riesenreiches, in dem sie ihre früheste Kinderzeit erlebt hatte, sprach von der besseren Regierung der Katharina, und Mathilde ließ den Mord am Zaren, den die Zarin geduldet und geschürt habe, noch einmal auftauchen.
Die junge Katharina mochte ihre Patin nicht beschmutzen lassen – ihr stand das majestätische Gemälde, das der Vater besaß, vor Augen, die herrscherliche schöne Frau im Purpur mit den bannenden dunklen Augen und dem vollen Mund …
Mathilde hielt ihre Plantagenets und Tudors dagegen, den Löwenherz und Heinrich den Zweiten; nur auf die Frage nach den Lebenden, den Hannoveranern, schwieg sie gern: Der schwerkranke, geistig verdüsterte Georg der Dritte hatte wenigstens die beiden Pitts, seine fähigen Minister, die Schlimmeres verhüteten, ehe er an seiner unerkannten Porphyrinurie sterben durfte.
Napoleon also! Das Thema Europas … Lükkenhafte Berichte kamen aus Ägypten, wo der General sich noch immer mit Türken und Arabern schlug, wenig Nachschub und Proviant hatte und einen Kleinkrieg führte, der ihm zwar Ruhm, aber auf die Dauer keinen Landgewinn bringen konnte.
Dafür hatten seine Wißbegier, seine Ungeduld, die Raserei seines immer unbefriedigten Impetus ihn geführt, verführt zu Erkenntnissen, die beinahe hellsichtig waren.
Erstaunliches erfuhr man in Europa über seine hingeworfenen Gedanken: Er sei, hieß es, durch den Fehler eines ägyptischen Führers an den »Quellen Mose« bei Suez von der Flut überrascht worden und habe beschlossen, das Land zu vermessen und einmal, in befriedeten Zeiten, einen Kanal dort zu bauen – er habe, angeregt durch die monumentalen Grabmäler, die Pyramiden, die seinen Hang zum Kolossalischen ansprachen, nach Leben und Kultur Ägyptens geforscht und ein Team von Gelehrten aufgeboten, die erstaunliche Ergebnisse einbrachten, denn die frühe Geschichte Ägyptens lag für die Europäer im dunkeln. Vor allem ihre Schrift interessierte Napoleon, von ihr erhoffte er Aufschlüsse über die Geheimnisse des Landes. Schließlich gelang es dem Orientalisten Champollion, den »Stein von Rosette« zu entziffern, auf dem in drei verschiedenen Sprachen ein Dekret niedergeschrieben war – ägyptisch, demotisch und griechisch –; die Hieroglyphen konnten in der Folge entziffert werden. Es verstand sich, daß medizinische und organisatorische Reformen dazukamen, daß der Eroberer das besetzte Land sich und seinen Ideen »anverwandelte«.
Friedrich von Württemberg – oder Wirtenberg, wie es damals noch hieß – ließ sich nicht ungern auf solche Einzelheiten der Berichte ein, obgleich ihm die großen Linien napoleonischer Politik wichtiger und vielleicht sogar durchsichtiger waren als vielen seiner Mit-Rheinbundfürsten. Denn in kleinerem Maßstab war sein Charakter dem des großen Korsen sogar ähnlich, wenn ihm auch – abgesehen von den engeren Verhältnissen und ohne den ungeheueren Vorangang und Auftrag der Revolution – die Verpflichtung zum Neuerer fehlte. Friedrich war bei hoher Intelligenz und einem erstaunlichen Gespür für kaum zu formulierende Antriebe in der Wurzel ein Mann der Ordnung, der starren, versteiften Tradition, er glaubte an das göttliche Recht seines Fürstentums und an die gottverliehene Würde – oder zumindest, er ließ Land und Leute samt Mathilde und Katharina glauben, daß er daran glaubte …
Ein bißchen Geschichte könne den Frauen nicht schaden, meinte er bei einem seiner raschen Besuche beiläufig; Katharina kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er diese Visiten nur halbherzig machte, mit halbherziger Teilnahme, nur selten mit einer aufflackernden väterlichen Zärtlichkeit für seine Tochter. Die Frau, immer unförmiger und unbeweglicher geworden, behandelte er mit der vorgeschriebenen Höflichkeit als Fürst und offizieller Gatte, bei Festen und Auftritten mit der Courtoisie des Herrn aus altem Haus.
Katharina war ziemlich isoliert mit ihren Damen, der Hof sollte wenig Kosten machen und klein gehalten werden. Ein paar Briefbekanntschaften, flüchtige Ballplaudereien, einmal das Kompliment eines trockenen norddeutschen Prinzen, der sich mühsam zu gestotterten Höflichkeiten aufschwang. Die wenigen Gespräche mit dem Vater, der sogar gelegentlich über den Halbgott Napoleon und dessen italienische Abkunft aus der Toskana ein paar Worte verlor, waren eigentlich das einzige, was sie mehr als nur flüchtig interessierte. Die »Buonaparte« seien bei den Ghibellinen gestanden, den Waiblingern, und also eigentlich schwäbische Untertanen, behauptete er, und genauso die Buonarroti, was ›guter Stein‹ heißen könnte und zu dem Bildhauer Michelangelo passe.
Er gönnte ihr selten solche Unterhaltungen, und sie hatte keine Mutter, nur Mathilde, die zu kühl war, um ihr nahzukommen. Sie las, ritt, wanderte in den Schloßgärten herum mit den Damen und hatte zu den beiden Brüdern kaum Kontakt. Es gab eigentlich nichts, was ihr wirklich Vergnügen gemacht hätte, und wenn sie gern Musik hören oder Theater sehen wollte, hielt das der Vater für allzu kostspielig. Er pflegte nur eine Art von Familienstolz, Standestradition, und sah mit Kummer, daß sie nicht eigentlich schön war – niedlich, lieblich, knospenhaft und kindlich, aber zu rund, zu kurz geraten, mit dicken Beinen und einem molligen Unterkinn …
Sie ritt am liebsten im Herbst, allein, in den Schloßanlagen, zwischen dicken Ahornstämmen, die gefleckt, grau-weiß gesprenkelt unter dem bunten Laub standen; wenn sie Galopp anschlug, raschelten die Hufe rhythmisch im wiegenden Trab durch die dürren Blätter. Sie saß gern im Damensattel, die Beine um das »Horn« gewinkelt, und lenkte das gut trainierte Tier mit ihrer Gerte, sanft, als habe sie kein Temperament. Man hatte ihr gesagt, Reiten tue ihrer Figur gut, die schon füllig wurde, und gäbe ihrem Gesicht frische Farben, den rundlichen Backen unter dem gekräuselten Haaransatz.
Aber eigentlich Spaß machte ihr nur das Einverständnis mit dem geduldigen Tier, das willig auf sie einging und ihr nichts vorschrieb und nichts befahl.
Sobald sie dann wieder in den Schloßhof einbog, präsentierten die Wachen, sie setzte sich gerade auf, und wenn sie dann die Treppe hinaufstieg, schlug sie die Schleppe im gelernten Schwung über den Arm.
Einmal hatte sie die Reitschute schnell abgeworfen und den Sessel damit verfehlt, und die Hofdame war zugelaufen, um das Hütchen aufzuheben, als ihr Vater hereintrat, unverhofft, wie er das manchmal tat, entgegen der strengen Etikette, die er von anderen verlangte.
Er hatte sie später zu sich kommen lassen und zornig angeschrien: »Das tut eine Prinzessin nicht! Man bleibt gemessen vor den Bedienten! Form und Ordnung sind das, was wir beherrschen und wodurch wir herrschen müssen. Was ungeregelt ist, muß draußen bleiben …«
Katharina hatte fast geweint, nur die Angst vor einem neuen Tadel hatte sie davor bewahrt. »Das Ungeregelte« – sie spürte, daß es ihre Mutter getötet und den Vater aus Rußland getrieben hatte, daß die Furcht davor wie ein Krampf und Zwang sein Menschliches niederhielt, vielleicht seine schwerblütige, cholerische Natur verbogen und verzerrt hatte. Und auch, daß die englische Frau mit aller geistlosen Form ihm nicht helfen konnte.
Rückblende
Gegen Ende des Jahres 1803 hatte Jérôme Bonaparte die bildhübsche junge Elisabeth Patterson in Baltimore geheiratet, mit kirchlichem Segen von der Hand eines hohen geistlichen Würdenträgers.
In Württemberg wurde nicht mehr davon geredet, seit Mathilde die romantische Geschichte mit mißbilligenden Zusätzen an Katharina weitergegeben hatte.
Um so mehr in den Pariser Salons, denn die Affäre des wildverliebten, tollköpfigen Jungen, dem dazuhin der Ruf des waghalsigen Seehelden anhing, bewegte alle empfindsamen Gemüter, zumal eine Tragödie wie eine düstere Wolke über seinem Lockenkopf drohte: Der Zorn des großen Bruders war zu erwarten. Napoleon hatte auf die Ankündigung seines Besuchs hin depeschiert, daß er zwar bereit sei, seinen Bruder zu empfangen, ihn sogar, wenn er reuig und folgsam heimkomme, trotz seiner Eskapaden anzunehmen, nicht aber diese junge Person, »jene Mademoiselle Patterson, mit der er lebt«.
Jérôme faßte einen typischen Entschluß: Diplomatische Winkelzüge lagen ihm nicht; er war sicher, den Bruder überrumpeln zu können, denn Elisabeths Schönheit, ihr Takt, ihre Intelligenz, ihr Charme würden, so verkündete er, »das Herz des Ersten Konsuls im Sturm erobern«.
Also sollte Elisabeth ohne Kenntnis der zahlreichen Agenten, die Napoleon in Baltimore verteilen ließ, nach Frankreich gebracht werden. Jérôme mietete eine Brigg, ging im Herbst 1804 in Baltimore an Bord und nahm seine Frau, ihre Tante und ein nicht eben dürftiges Gefolge mit, außerdem eine Summe von 3 000 Dollar samt reichlicher Bagage. Die Brigg segelte bei gutem Wind den Fluß abwärts, und alles ließ sich recht hoffnungsvoll an, doch als man das offene Meer erreichte, nahm der Seegang zu, die junge Frau fühlte sich übel, Jérôme ängstigte sich um sie und das vielleicht erwartete Kind und befahl dem Schiffsführer, vor Anker zu gehen.
Anderntags, als man wieder »in See stechen« wollte, wie Jérôme das fachmännisch nannte, hatte der Wind umgeschlagen, und die Flut ging bedenklich hoch. Der Kapitän murrte: In einer halben Stunde hätte man Cap Henlopen erreichen können, wenn man gleich weitergesegelt wäre, aber durch den Aufenthalt sei man jetzt in das wüsteste Unwetter geraten, das in dieser Gegend möglich sei …
Die Nacht wurde dann auch fürchterlich, das Schiff schlug gegen ein Riff, das in der Dunkelheit nicht zu erkennen gewesen war, der Sturm brüllte, tobte, als wären alle Höllenmächte losgelassen, Jérôme hielt sich tapfer, aber das Elend der seekranken Frau, das Gewimmer der Tante, die ihm Vorwürfe machte, das Fluchen der Matrosen und die Erbitterung des gemaßregelten Kapitäns, der sich dem jungen »Milchbart« überlegen fühlte, machten auch Jérôme schließlich heiß. Im tiefsten Herzensgrund war er bei aller Forschheit unselbständig und froh, wenn ein übermächtiger Wille ihm seinen Weg aufzwang.
Endlich versuchte der Kapitän zu wenden, von dem gefährlichen Klippenufer wegzukommen. Er wollte wenigstens ankern, damit seine Brigg dem rasenden Seegang nicht ganz wehrlos ausgeliefert wäre, aber es schmetterte so wütend, daß jeder Versuch fehlschlug.
Schließlich mußte man das Schiff auf Strand setzen, peitschende Brecher fegten über das leergespülte Deck, die Matrosen klammerten sich an Rahen und Segelfetzen fest, Jérôme verlor nun doch den Mut, und sah die einzige Rettung im Flüchten aus dem angeschlagenen Wrack. – Man legte Planken aus, der Steven lag festgerammt über einer Felsnase, Elisabeth wurde halb ohnmächtig hinübergetragen, Jérôme, die Tante, die Dienerschaft kletterten und krochen, kaum bekleidet, ans Ufer, klatschnaß, schlotternd vor Kälte und Aufregung.
Anderntags versuchte man die Fracht zu retten, aber das meiste war über Bord geschwemmt worden. Jérôme forschte verzweifelt nach seiner Barschaft, die ihm den Anfang in der Heimat ermöglichen sollte, aber seine Dollars waren verschwunden, weggespült – eher gestohlen …
Ein paar von den frisch angeheuerten Matrosen fehlten, zu allem Unstern verlangte der Schiffseigner noch den vollen Preis seiner ruinierten Brigg, da Jérôme, um die heimliche Flucht nicht zu verraten, keine Versicherung abgeschlossen hatte.
Man kam deprimiert nach Baltimore zurück; wenig später machte Jérôme einen zweiten Versuch, immer in der Hoffnung, daß die Agenten Fouchés, die Napoleon auf ihn angesetzt hatte, nichts davon ahnten. Aber diesmal erschienen englische Kreuzer unheildrohend nah, und da der Vertrag von Amiens bereits gebrochen und nichtig war, zwangen sie den Kapitän zur Rückkehr; auch ein dritter Versuch scheiterte, und Elisabeth bewunderte die »treue Ausdauer ihres liebenden Gemahls«.
Napoleon, ohne die »Person« auch nur anzusehen, die ihn vielleicht bezaubert hätte, ohne den »Kleinen« mit seiner vertrauten jungenhaften Keßheit anzuhören, verdammte und verwarf Jérôme, anscheinend in alle Ewigkeit.
Nicht bloß der naive und seiner Wirkung sonst so sichere Jérôme, auch andere, die den Herrscher kannten, verstanden diese Unerbittlichkeit nicht: Er hatte doch auch die nichtadeligen Gatten seiner Schwestern erhoben; er verteilte Fürstentümer und Würden an alle, die ihm irgendwie verbunden waren …
Nur von Jérôme verlangte er den Verzicht auf seine Frau und die Bereitschaft zu einer hochfürstlichen, seinem, Napoleons, Aufstieg förderlichen Verbindung.
Vielleicht hatten die übrigen Geschwister, die sich ihm oft genug widersetzten, seine Geduld erschöpft; vielleicht hatte er gerade auf die Weichheit und Bildsamkeit dieses – zärtlich verwöhnten – Jüngsten gerechnet, vielleicht fühlte er auch, daß dieser Bruder im Grunde genommen nicht so ungern nachgeben und sich mit Märtyrergeste dem von fern winkenden fürstlichen Glanz zuneigen würde? Trotzdem blieb seine drakonische Härte seltsam; es war etwas darin wie der Zorn des enttäuschten Vaters, die Erbitterung des gescheiterten Erziehers: Hatte sich Jérôme nicht eine unverkennbare, nicht zu vertuschende Desertion geleistet, als er sein Schiff bei Guadeloupe verließ und gegen den Befehl des Admirals in Amerika herumschwirrte, allen Warnungen zum Trotz? Hatte er nicht ungeachtet aller Verweise Napoleons immense Schulden gemacht und mit dem Namen, der ein großer werden sollte, Schindluder getrieben und ihn zu allen möglichen Gaunereien benutzt?
Freilich, auch die Schwestern hatten sich nicht eben königlich benommen: Pauline, die Witwe Leclercs, ließ sich als nackte Venus von Canova modellieren, trieb allerhand Unfug, bis sie den gutmütigen Fürsten Borghese heiratete; Lucien hatte sich offen widersetzt, er, dem Napoleon das Gelingen seines Staatsstreiches eigentlich hätte anrechnen müssen; Joseph hatte Ansprüche gestellt und Schwierigkeiten gemacht; Louis war verwirrt und verschattet; und dieser Kleine ließ sich, da er allein nicht stehen konnte, von seiner energischen jungen Frau gängeln, der er verfallen war – und er sollte nur ihm, dem Großen, folgen und dienen, dem allein er Schutz und Schonung und Hilfe verdankte.
Die Mutter nur war für Napoleons Familiensinn Maßstab und Richterin. Vor ihr rechtfertigte er sich, erklärte seine Maßnahmen, denn die strenge Letizia – trotz ihrer Abneigung gegen die »neuenglische Protestantin« – hatte sich für den Jüngsten eingesetzt.
Napoleon schrieb ihr: »Wenn er so weitermacht, muß man ihn verhaften. Ich habe befohlen, daß Mlle. Patterson, wenn sie kommt, nach Amerika zurückgebracht wird mit dem ersten Schiff, das dorthin abgeht. Ich muß diesen jungen Mann streng behandeln, da er sich des Namens wenig würdig erweist, den zu tragen er die Ehre hat. Wenn er nicht imstande ist, die Schande von dem meinen abzuwaschen, die er mir angetan hat, als er seine Fahnen verließ, und das allein für eine schlechte Frau, muß ich ihn verstoßen und vielleicht ein Beispiel an ihm statuieren, damit meine jungen Offiziere die Heiligkeit ihrer Pflicht erkennen lernen und die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens, die Fahne wegen einer Frau im Stich zu lassen.«(Napoleons Macht über die Gemüter lag auch in dem Gespür für die Wirkung der Symbole, von denen die Fahne eines der heiligsten war.)
Er verbot den Hafenkommandanten, Jérômes Schiff landen zu lassen, den Kapitänen, ihn mitzunehmen, den Konsuln und Bürgermeistern, die Eintragung der Heiratsakte in ihre Register vorzunehmen, Banken und Kreditinstitute hatten die Zahlung zu sperren. Er drohte dem Bruder Enterbung an, Ausschluß aus der Gemeinschaft der Herrschersippe.
Und – er hatte Jérôme richtig eingeschätzt: Er wehrte sich zwar mit Emphase und Pathos und sicher echt empfundenem Schmerz. Er schrieb an Verwandte und Freunde, Geistliche und Würdenträger, aber Napoleon wußte, der Test für die Reichweite seiner Macht würde so positiv ausfallen, wie er es vorausgesehen hatte.
Auch Elisabeth wehrte sich; sie fühlte, wie labil ihr Gemahl war, sie hatte noch den Elan der Neusiedler, ihre ungebrochene Weltsicherheit empörte sich gegen die Ungerechtigkeiten, ihr Puritanismus (schwer überwunden bei der katholischen Trauung durch einen spanischen Priester) gegen den Schandfleck des Konkubinats: Sie hatte ja vorher das französische Gesetz nicht gekannt, das diese Ziviltrauung mit einem Minderjährigen für ungültig erklärte.
Sie reiste mit Jérôme nach Lissabon, die Überfahrt ging glatt vonstatten. Im Hafen verweigerte ihnen der französische Geschäftsträger die Pässe, das Betreten des Landungsstegs, den Eintritt in ein von Frankreich kontrolliertes Land. Jérôme sei Gast des Gouverneurs, aber ohne die »Dame« … Endlich beschloß Jérôme, allein zum Bruder zu fahren, um ihn umzustimmen. Elisabeth segelte ohne ihn nach Amsterdam, der Abschied glich einem Operndrama, Tränen, Schwüre, Ohnmacht. Aber auch Holland wies die Unglückliche ab.
Statt nach Amerika zurückzukehren, wie man gehofft hatte, fuhr sie nach England. In Camberwell, in der Bannmeile Londons, gab sie einem Söhnchen das Leben, das sie später in Amerika taufen ließ.
Und jetzt, getrennt von der energischen Frau, die ihn durch ihre Schwangerschaft noch stärker gebunden hatte, allein, angewiesen auf den Schatten des Bruders, wurde Jérôme wieder das schwankende Fähnchen, das er jedesmal ohne starken Halt von außen wurde. Er bedingte sich eine Schonzeit aus, er verkroch sich vor dem Donnergrollen des Herrn, er hoffte noch immer, aber endlich, nach zehn Tagen des qualvollen Schwankens, nach liebevollen Briefen an »Elisa«, nach einem Fieber, das ihn nicht nur packte, um Napoleon zu rühren, nach zehn Höllentagen also schrieb Jérôme einen demütigen Unterwerfungsbrief und wurde erbost, aber mit herablassender Gnade wieder aufund angenommen. Schließlich hatte er ja das einzige bewiesen, worauf es ankam: Gehorsam und die Fähigkeit, ein Kind zu zeugen.
Napoleons Antwort war die eines Siegers an den Gesandten einer fremden Macht: »Mon frère, es gibt in meinen Augen keine Verfehlung, die durch echte Reue nicht getilgt werden könnte. Ihre Verbindung mit Mlle. Patterson ist nach kirchlichem wie bürgerlichem Recht ungültig. Schreiben Sie ihr, sie möge nach Amerika zurückkehren. Ich werde der Dame eine lebenslange Rente von 60 000 Francs gewähren, unter der Bedingung, daß sie meinen Namen endgültig ablegt. Sie selbst werden sie wissen lassen, daß Sie die Dinge nicht ändern konnten noch ändern werden, Ihre Ehe wird hiermit ›durch Ihren eigenen Willen‹ für nichtig erklärt.«
Danach wurde die Erwartung ausgesprochen, daß sich der Gemaßregelte in der Armee auszeichne, eine Verdammung und Erhebung, wie sie ein Gott auf einen jammervollen Sünder herunterprasseln läßt, und der »Sünder« war seit dieser Unterwerfung »jeden Charakters beraubt«, wie ein Freund sagte, gebrochen, entnervt, seinen albernen Antrieben ohne Hemmung preisgegeben, sofern sie ihm der gewaltige Donnerer erlaubte. Das war im Sommer 1805.
Die Ordnung
»Ma très chère enfant!« Katharina las den Brief ihres Vaters schon zum drittenmal – »Mein geliebtes Kind!« Sie hatte vielerlei und immer zärtliche väterliche Briefe von ihm empfangen, und hier, das spürte sie, fiel eine Entscheidung. Friedrich, jetzt König Friedrich, hatte die Rheinbundakte als letzter und mit Widerwillen und Vorbehalten unterschrieben und seinem Minister Wintzigerode als Leitsatz mitgegeben: »Lavieren im stürmischen Meer und möglichst den Schiffbruch vermeiden, etwas anderes bleibt uns nicht übrig.« Er wehrte sich als einziger und am stärksten gegen die Politik des Kaisers, die alles und alle vereinnahmen wollte.
Napoleon zögerte, ihm scharf entgegenzutreten, er sah den Krieg mit Preußen kommen und fürchtete ein Bündnis zwischen diesem und den süddeutschen Staaten. Er ließ dem »petit sultan« seine Eigenwilligkeiten lange Zeit hingehen – »er ist der bedeutendste der Rheinbundfürsten«, sagte er –, aber jetzt, jetzt endlich wollte der Kaiser ein Opfer haben, ein Geschenk, das Friedrich band, das alle Eskapaden des Württembergers wettmachte und entschuldigte, ein großes Geschenk, das größte und dem Kaiser willkommenste.
»Ma très chère enfant!« Katharina las wieder und wurde weiß. Der Vater verlangte »das Opfer Deines Glücks, für unser Land und für mich …«.
So stand es da, und sie sah vor Tränen nichts mehr. Es gab Kommentare, Versicherungen, Beruhigung. Der charmante Prinz, der ihr zugedacht sei – hübsch, reizend, elegant und der Bruder des Herrschers, dem alle Reiche Europas und bald auch Asiens, des unbesiegbaren, zu Füßen lägen –, »wäre er der Sohn eines Königs, ich hätte ihn für Dich gewählt …«. Und die Rettung des Vaterlandes, das vor allem …
Katharina nahm sich zusammen; sie tupfte die Augen trocken und ließ sich bei ihrem Vater melden.
Friedrich saß über Papieren, zwei Minister standen vor dem blockigen Schreibtisch, Lakaien an den Türen; die Prinzessin kam langsam auf ihn zu, der unbeweglich und unbewegt zurückgelehnt im Sessel saß.
»Mon père!« murmelte sie, stand in ihrem weißen, hochgegürteten Kleid vor ihm, das Griechentuch um die Schultern, die kleine Hand auf der Brust. »Mon père!« Sie schaute ihn an, die großen, langbewimperten blauen Augen waren feucht, einer der Herren schob ihr einen Stuhl zu, sie winkte ab.
Endlich hob der König den Kopf, aus kleinen Pupillen sah er sie an und kniff den Mund eng zusammen. »Ich habe dich erwartet«, sagte er, »und erwarte deine Vernunft.«
Katharina war für die Heiratsbräuche der Zeit nicht mehr jung, sie war sogar fast zwei Jahre älter als ihr designierter Gemahl, sie war die Tochter eines kleinen besiegten Fürsten, sie war nicht einmal eine strahlende Schönheit. Friedrich maß seine Tochter mit den Blicken, er schickte die Herren hinaus und winkte die Lakaien weg. Katharina saß jetzt vor ihm, ein Kind, das man tadelt, ein wehrloses Geschöpf, das man weiterschieben will. Sie sagte nichts auf die lange, geschickte und gar nicht ungütige Rede des Vaters, auch über das hohe Lob des großen Kaisers, der ihr beau-frère sein würde und ihr schon jetzt alles Wohlwollen entgegenbringe.
Eine Spannung wie zwischen zwei Polen spürte sie, sie sah das ungesunde volle Gesicht des Alternden, das gepreßte Kinn und die derben Finger am breiten Gürtel über dem Leib. Sie sah auch, wie in einer rasenden, stürzenden Folge, Bilder ihres engen Lebens und fühlte ihre alten Ängste. Eine – die ärgste – Erinnerung aus der frühen Kinderzeit in St. Petersburg – lang versteckt, verdrängt, verleugnet, stand auf einmal da und war gegenwärtig: Die kochende, dampfende, siedende Schwärze, im Untergeschoß des Zaren-Palastes, im Dunkeln, bloß flecken- und flockenhaft angeleuchteten Grund, wo die großen Bottiche standen, und lange Holzröhren, von Klammern gestützt, an den Wänden hinliefen, von Nässe glitzernd, und im schwankenden Laternenlicht wie gleitende, rußige Schlangen, Dunst, beißender Kräutergeruch, Wolken von heißem Qualm; sie stapft, plötzlich vom quellenden Wasser angefallen, mit aufgehobenem Rock, mit bedrängten Füßen, auf dem Steinboden entlang; da ist etwas Schwarzes, Bewegtes, ein Fleck, ein Wesen, kaum kenntlich, in Krämpfen die haarig-verklebten Glieder: Zuckend treibt ein Kätzchen in der anwachsenden heißen Brühe. Katharina bückt sich, kniend streckt sie die Ärmchen danach – und rutscht ab. Sie schreit, tastet nach der Wand, ihr Kreischen ist kaum lauter als das Brausen unter ihr und um sie herum. – Sie spürt noch, daß sie eine Stange greift, sich, gezerrt von der Strömung, festklammert. Dann klatschende Trampelschritte, ein Riesenschatten im Dampf, und ein derber Zugriff. Man trägt das triefende Kind hinaus mit rotgeschwollenen Füßen. Hinterher erfährt sie, daß die jungen Prinzen mit ihren Spielfreunden alle Wasserhahnen im Badehaus aufgedreht haben, um die neue Einrichtung im Kreml zu probieren; daß keiner gewußt hat, wo das kleine Mädchen steckte, allein im Labyrinth, in der schwarzen Wasserhölle. Das tote Kätzchen fand sich später im Abflußrohr.
König Friedrich faßte nach ihrer Hand. »Was hast du, Mädchen?«
Das Gespräch stockte, noch ehe es recht begonnen hatte. Die Prinzessin stand auf, klammerte sich an die Lehne seines Stuhles und zitterte so sehr, daß Friedrich es spürte, obwohl er ihr jetzt den Rücken zukehrte.
Er drehte sich um und griff nach ihrem Arm.
»Ich werde dir jetzt erklären, was vorgeht und was du dabei zu tun hast.«
Katharina schwieg, sie biß die Zähne zusammen und schüttelte sich vor Weinen. »Sagen Sie mir doch wenigstens, wer es ist? Welcher Bruder …?«
»Das weißt du bereits, Cathérine – du spielst nur, du agierst …«
Sie unterbrach ihn leidenschaftlich: »Wie die Maus vor der Katze, Papa.«
Er lachte. »Eh bien, mon enfant, vous êtes la souris, eine liebe und niedliche Maus, und dein Fellchen wird ein Prinz streicheln, wie ihr jungen Mädchen es euch wünscht!«
Er sah, daß sie sich veränderte. Katharina sprühte ihn empört an: »Sagen Sie mir den Namen, Vater, bitte!«
»Nun – Prinz Jérôme, der jüngste Bruder des Empereur!«
»Der? Der schmale Windhund, der Flattervogel, der italienische Hasardeur? Ich soll so einen Buben haben fürs ganze lange Leben, Vater, der doch an eine andere Frau gebunden ist, die er liebhat, von der er ein Kind hat?«
»Was schwatzest du, Mädchen? Woher willst du das wissen?«
»Die Königin hat mir alles gesagt von ihr – Elisabeth heißt sie, aus Baltimore. Und du willst mich zur Ehebrecherin machen, ich soll ihn zur Bigamie verleiten …«
Der König hatte die wilde Rede reglos angehört, er war auf einen Ausbruch vorbereitet gewesen, aber er hatte die Erziehung der Prinzessin für wirksamer gehalten.
»Seine Ehe ist durch den Willen des Kaisers für ungültig erklärt worden.«
Sie fuhr auf. »Hat das Jérôme gern getan?«
»Für gekrönte Menschen kommt es nicht auf ihr Glück an, sondern auf das Glück ihrer Völker.«
»Hältst du den Befehl des fremden Eroberers für das Glück deines Volkes?« fragte sie beinahe pathetisch.
»Ich sehe keinen anderen Ausweg.« Es klang bitter und fast kleinlaut.
»Und meine Ehre?« rief Katharina und stampfte mit dem Fuß auf.
Friedrich lächelte, der breite Mund zog sich in die vollen hängenden Backen hinein. »L’honneur des enfants est obéir aux parents!«
Sie wiederholte lauter: »L’honneur des enfants est obéir aux parents!« Sie drehte ihm den Rücken, starrte durch das kaum erhellte Fenster auf den riesigen Schloßhof hinaus und sagte, halb auf eine Unterbrechung wartend: »Die Ehre der Kinder … ist’s, den Eltern zu gehorchen.« Dann setzte sie langsamer hinzu: »Ihren Eltern, Vater? Wo ist denn meine Mutter?«
Er antwortete barsch: »Deine Mutter ist die Königin Mathilde.«
»Das ist nicht meine Mutter«, sie wandte den Kopf nach ihm, »nur Ihre zweite Frau.«
Friedrich starrte erstaunt, erschrocken auf den Rücken seiner Tochter.
»Wo ist meine Mutter, mon père, was ist mit ihr? Sie starb?«
»Sie hat …«, er stockte, »es war Unordnung, sie fiel aus der Ordnung«, stotterte er haltlos, so zerfallen und ungesammelt, wie ihn die Prinzessin noch nie gesehen hatte, »es ist das Übel, das Laster, wenn ein Mensch aus der Ordnung fällt.« Er stieß den Sessel weg und stemmte sich auf. Mit einem Ausdruck des Flehens, der seine Angst verriet, stierte er gebeugt zu ihrem Gesicht hinauf, das sie ihm, durch seinen Ton aufgestört, zugedreht hatte. Katharina spürte ein Erbarmen, als stünde vor ihr nicht der Tyrann, der er war, sondern ein Hilfesuchender, schwer Verletzter. Sie fragte ruhiger und ging näher an ihn heran: »Sagen Sie es mir, Vater, was es war.«
Er grub aus einer Schublade das Medaillon, das Pendant zu dem, das sie hatte, zwischen Etuis und Schatullen heraus, beschriftet mit einer Banderole, Titel und Würde – aber durchgestrichen mit einem roten Federstrich.
»Ist sie tot?« fragte Katharina und nahm ihm das Bildchen ab.
Friedrich erwiderte leiser: »In Schloß Lohde verstorben … mit dem Kind …«
Das junge Mädchen sagte fest und nüchtern: »Es war nicht Ihr Kind, Vater?«
Er nickte, knöpfte hastig den Kragen auf und streckte den Kopf, mit offenem Mund, gegen das Fenster. »Lohde in Estland«, sagte er noch, als Katharina das kleine Porträt wieder auf den Schreibtisch legte. Sie hatte russische Schriftzeichen und ein Andreaskreuz auf der Rückseite gesehen, die auf ihrem Stück fehlten. – Auf einmal wurde sie zornig.
»Wer hat sie sterben lassen?« fuhr es ihr heraus, während sie schon erschrak.
Der König wurde hochrot, er sah schlimm aus, er keuchte: »Es war besser so!«
Katharina wurde es dunkel vor den Augen, sie hatte einen Moment wieder die Vorstellung von der dampfenden Badestube, vom Ersticken und Versinken und von ihrer Wehrlosigkeit. Der König war schnell bei ihr und hielt sie fest.
»Kind, Kind, was denkst du!« Er zog sie zu seinem breiten festen Stuhl und schob sie vorsichtig auf den Sitz. Der Kopf sank ihr zur Seite, sie hob die Hand und streifte unsicher über ihr Kinn.
Friedrich beugte sich über sie und wiederholte verzweifelt: »Kind, was denkst du denn?« Er wollte läuten, ließ es aber, rüttelte ihre Schulter und sah erleichtert, daß sie die Augen aufriß und ihn verwirrt anschaute.
Die Prinzessin wehrte seine Hände ab, die auf den Stuhllehnen lagen.
»Nein, Vater, Sie nicht …«, sagte sie langsam.
Er richtete sich resigniert auf. »Du betonst das sonderbar«, sagte er.
Katharina ließ sich danach in ihr Zimmer bringen, sie lag ein paar Tage im Bett oder auf ihrer Ottomane, wie man die neuen Möbel nannte. Man gab ihr Tee, die Gesellschaftsdame nahm den Zwischenfall als eine Jungmädchenübelkeit. Der König sprach nicht darüber, er war jetzt ganz eingespannt und eingesponnen in seine politischen Pflichten und erwartete mit Sorge eine Nachricht des Kaisers, einen Kurier mit einem von den kurz hingefetzten Dekreten, unterzeichnet mit einem schiefen, flüchtigen »N«.
Endlich war eine drängende, unwirsch abgefaßte Anfrage da: »Sie werden, mon frère, das Schreiben vom … längst erhalten haben; da die Feierlichkeiten festgesetzt werden müssen und Seine kaiserliche Hoheit, der Prinz Jérôme, sich darauf einzurichten hat …«
Katharina wurde gerufen; das lange Liegen hatte ihr nicht gut getan, sie war eher voller geworden als zuvor, ihr Gesicht vom Weinen geschwollen, flekkig, das Haar angeklebt an den kleinen Kopf.
Friedrich fuhr sie ärgerlich an, im Gefühl seiner Bloßstellung, die er durch den barschen Ton überspielte. Sie sehe nicht aus wie eine Prinzessin aus altem Hause, die der Prinz Jérôme erwarten könne, knurrte er, und es sei ja wohl nicht seine Aufgabe, ihr eine Kammerfrau zu schicken, einen Coiffeur, einen Schneider! Wo denn die Frau von Otterstädt sei, ihre Hofdame, mit der sie doch so befreundet sei?
Katharina schüttelte den Kopf. »Ich bin krank, Vater«, sagte sie auf deutsch, »und es ist sinnlos, daß ich mich herrichten lasse wie ein Opfertier, ich tue das nicht!«
Der König winkte mit den dicken Händen heftig, mit wilder Geste, gegen die Bedienten, die an den Wänden standen. Als sie draußen waren, schrie er: »Du willst nicht? Welche Frau aus hohem Hause hat je zu wollen gewagt? Ist deine Mutter gefragt worden, Augusta? Ist Mathilde von England gefragt worden, die Kronprinzessin? Hat man deine Tante gefragt, Maria Feodorowna, meine Schwester Sophie, ob sie den hinkenden halbblöden russischen Paul wolle? Hat man die …« – er keuchte – »Friederike von Bayreuth gefragt, als der preußische Friedrich, ihr Onkel, sie dem Carl Eugen gab, der sie nacher wegen seiner Mätresse, der Franziska, abgeschoben hat? Ja, was denkst du denn, kleines Mädchen, was soll denn auf dich warten?«
Katharina hörte sich die lange Aufzählung stumm an. Dann ging sie langsam zur Tür. Ehe sie die Klinke anfaßte, sagte sie halblaut: »Aber die Franziska hat ihn liebgehabt und er sie auch.« Dann verschwand sie.
Friedrich lachte ärgerlich. Eben war wieder ein Befehl von Napoleon gekommen, der zu höchster Eile drängte; ein Porträt Jérômes lag bei, das er seiner Tochter noch nicht gezeigt hatte, und diktatorische Anweisungen. Friedrich hastete mit hochrotem Kopf von einer Besprechung zur anderen, er fragte Katharina nicht mehr, er vereinbarte Termine, ließ Garderobe bestellen, Wäsche, Schuhe, er sparte dabei, es durfte nicht allzuviel kosten, was ein geschlagener Fürst dem Bruder des Siegers überließ – er tauschte ja das Kind gegen einen Landgewinn, sein Gebiet sollte verdoppelt werden.
Inzwischen saß Katharina in ihrem Zimmer und schwieg; sie las vielleicht oder sprach das Nötigste mit der Dame Otterstädt, aber dem Vater zeigte sie sich nicht. Er schickte einmal Kleider zur Auswahl, mit dem Schneider, aber Katharina ließ sagen, sie sei noch immer krank und auf keinen Fall reisefähig. Sie ließ sich fallen, stellte sich scheintot, war es fast.
König Friedrich hetzte seine Leute, er hetzte sich selber mehr, als es seiner schwerblütigen Natur angemessen war. Er schrieb devote (und sehr geschickte) Briefe an Napoleon; damals handelte er sich den Titel ein: »Le roi de Wurtemberg–ventre à terre …«
Katharina, bleich, unfrisiert und apathisch, lag fast den ganzen Tag auf einem Divan, der nicht einmal bequem war; jede Zofe, die sich länger als eine Viertelstunde bei ihr aufhielt, ließ der mißtrauische König abrufen, das Essen wurde geprüft, die Coiffeure immer wieder herbefohlen; auch ein Arzt kam, der Hofarzt, freundlich bemüht, zaghaft untersuchend; erst als man Katharina mit ihm allein ließ, wurde sie lebhafter, schließlich laut – Frau von Otterstädt hörte vor der Tür, wo sie Wache halten sollte, die drängende, dringende, weinerliche Stimme der Prinzessin und den Baß des Doktors, der zuredete und ablehnte und schließlich erschrocken und endlich verstört, seinerseits bittend, abgebrochen stammelnd, als habe er die Fassung verloren, erwiderte …
Er kam dann heraus, schüttelte den Kopf, verlangte den König umgehend zu sprechen und trat auch aus dem Audienzraum noch gestikulierend, erregt und bestürzt wieder heraus.
Friedrich, selber ratlos, befahl strengste Überwachung der Verzweifelten, versuchte noch einmal, immer wieder, auf sie einzudringen; er selber war in Not: Der Sieger verlangte seine Tribute: Napoleon befahl, und alles mußte schnell, mitleidlos, genau nach seinen Anordnungen ausgeführt werden, als handle es sich nicht um fühlende Menschen, sondern um Zinnsoldaten oder Kleiderpuppen.
Und der Empereur durfte um keinen Preis erzürnt werden: Württemberg war trotz des Bundes mit den Unterlegenen größer und mächtiger geworden als vorher, und irgendwie würde sich das Mädchen arrangieren – un homme comme l’autre …
Die Räte tagten, liefen, diktierten: Man mußte die Verschiedenheit der Konfessionen bedenken, die Trauung und die Erziehung der erhofften Kinder sollte katholisch sein, der Brautschatz, die Formulierungen des Heiratskontraktes, die Titulatur des Stellvertreters, der die Zeremonie absolvieren sollte, die man zunächst in Stuttgart, danach erst in Saint Cloud (diesmal mit Jérôme an Katharinas Seite) vollziehen würde, die Truppenteile bestimmen, die am dekorativsten den Hochzeitszug eskortieren, die Musikzüge einüben lassen, die bei der Feierlichkeit fungieren würden, und endlich Trautexte, Geistliche, Ministranten auswählen, Gäste nach Rang und Stand einladen und einordnen.
Da kam plötzlich im Schloß eine hektische Bewegung auf, Strudel und Regellosigkeit; Katharina in ihrem Schlafzimmer hörte Wispern und Flüstern, es lief und rückte, klopfte und klingelte.
Irgend etwas war durcheinander geraten, wie wenn ein Uhrwerk falsch geht oder stehengeblieben ist. Türen schlugen, sie wunderte sich in all ihrer Stumpfheit, daß niemand die Schuldigen anschrie. Lichter brannten auf, sie sah es durch den Türspalt, obwohl heller Tag war. Man rief nach dem Leibarzt, nach der Königin. Das hörte die Zofe, die neugierig auf den Gang gelaufen war, und drinnen hörte auch Katharina schwere Männertritte, Schleifen und Schlurfen, Stehenbleiben und Weitertappen, und schließlich hielt sie es nicht mehr aus.
Als sie auf die Schwelle trat, drückte die Kammerfrau sie zurück, die Hofdamen schwirrten wie aufgestörte Vögel vor ihr herum, und die Königin Mathilde, ein blauer Fleck in dem dunklen Kleidergewirr, schob sich vor; als sie niederkniete, schwer genug in ihrer steifen Fülle, sah Katharina über sie hinweg.
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