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Ute Dombrowski
Bis die Gerechtigkeit dich holt
Fall 2
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
1
Bis die Gerechtigkeit dich holt
Ute Dombrowski
1. Auflage 2017
Copyright © 2017 Ute Dombrowski
Umschlag: Ute Dombrowski
Lektorat/Korrektorat Julia Dillenberger-Ochs
Satz: Ute Dombrowski
Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach
Druck: epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Wenn Gnade Mörder schont, verübt sie Mord.“
William Shakespeare
Romeo und Julia, 3. Akt, 2. Szene
Der Prinz
„Nein, Papa, lass, ich will nicht, dass du mir weh tust. Bitte!“, flehte Nora und versuchte, sich dem harten Griff des Vaters zu entziehen.
Das kleine Mädchen, das fünf Jahre jünger war als ihre Schwester Nora, hatte in ihrem Versteck hinter der Tür den Atem angehalten. Sie wusste, was jetzt kam. Nachdem ihr die Tasse aus der Hand geglitten war, wollte Nora fliehen. Ihr Vater zog sie an den Haaren aus dem Flur in die Küche. Der Kakao, den ihre Mutter ihnen jeden Abend kochte, bevor sie zum Nachtdienst ins Altenheim ging, hatte sich über den Boden ergossen. Sie war noch schnell nach unten in den Keller geeilt, um die Wäsche abzunehmen.
Nora hatte nach dem Abendessen, das sie schweigend eingenommen hatten, das Getränk ins Zimmer mitnehmen wollen. Sie war fünfzehn Jahre alt, sah aber aus wie eine Elfjährige. Nora war klein und schmächtig. Sie hatte eine feine weiße Haut und große blaue Augen. Ihre fast schwarzen Haare waren kurz geschoren. Die kleine Schwester dagegen hatte lange, blonde Locken, die Mutter jeden Morgen mit einem Samtband zusammenflocht. Nora war blass und zitterte am ganzen Körper, ihre Angst war schon zu einer Lebenshaltung geworden.
Das kleine Mädchen hinter der Tür hatte sich irgendwann zu fragen begonnen, warum der Papa immer nur zu Nora so böse war, aber sie hatte keine Antwort darauf gefunden. Jedes Mal, wenn ihrer Schwester ein Missgeschick passierte, wurde sie hart bestraft. Als sie Nora darauf angesprochen hatte, strich diese ihr sanft über das blonde Haar und lächelte.
„Ich bin immer so ungeschickt. Es ist alles nicht so schlimm, Engelchen, frag nicht weiter.“
Heute hatte der Kakao auf dem Boden eine Welle der Gewalt ausgelöst. Die Kleine stand ganz still hinter der Tür und sah durch den Türspalt, wie ihr Vater Noras rechtes Ohr ergriff und sie zu sich heranzog.
„Warum machst du immer, immer, immer, immer, immer wieder so eine Sauerei? Ich will, dass mein Zuhause sauber ist. Auf den Boden! Sofort! Wisch es weg!“
Seine Hand war an ihrem Ohr geblieben, das schon ganz rot war. Bei jedem „immer“ zerrte er voller Wut an dem Mädchen. Nora schrie verzweifelt. Sie kniete sich zu dem Fleck und wischte mit dem Ärmel, den sie über die Hand gezogen hatte, daran herum. Dass sie ihn so nur noch mehr verteilte, trieb den Vater zur Raserei. Er drückte Nora auf den Boden, sodass ihr Gesicht im Kakao landete. Mit einem festen Griff in ihren Nacken, zu dem er das glühend rote Ohr losließ, wischte er ihr Gesicht immer wieder über den Fleck. Das kleine Mädchen hinter der Tür hielt sich die Ohren zu. Jetzt war das Geschrei ihrer Schwester in ein Wimmern übergegangen. Plötzlich ließ der Vater los, Nora erhob sich mühsam. Sie war schmutzig, aber das war ihr egal. Sie hatte einen Entschluss gefasst.
„Du wirst mir nie wieder weh tun. Nie wieder. Nie wieder.“
Sie flüsterte diesen Satz mehr zu sich selbst, als dass sie erwartete, es würde jemand hören. Niemand hatte sie je gehört. Nicht ihre Schreie, nicht ihr Flehen um Gnade, nicht ihre Gebete, sie zu erlösen. Sie wusste, dass sie das nur selbst tun konnte.
Nora lief zum Küchenschrank und öffnete langsam die Besteck-Schublade. Sie nahm das große Fleischmesser heraus. Jetzt drehte sie sich zu ihrem Vater um. Er hatte sie gar nicht beachtet, sondern sein vor Zorn und Anstrengung gerötetes Gesicht wieder in die Tageszeitung gesteckt.
Mit festen Schritten ging Nora um den Tisch herum und rammte das Messer mit ganzer Kraft in den Nacken ihres Vaters. Dann zog sie es heraus, wobei sie vor Anstrengung zitterte, um es noch einmal von der Seite in seinen Hals zu stoßen. Der Vater hatte sich umgedreht und versuchte, nach dem Messer zu greifen, aber beim zweiten Stich sprudelte unheimlich viel Blut hervor. Der große, kahlköpfige Mann griff sich an den Hals und kippte seitlich vom Stuhl. Er zuckte noch einige Sekunden, dann lag er regungslos auf dem Boden. Die große Menge Blut breitete sich auf dem hellen Laminat-Boden aus und versuchte, in den Ritzen zu versickern, als wollte es sich vor der Grausamkeit verkriechen.
Nora hatte alles mit Genugtuung beobachtet. Nun atmete sie erleichtert auf.
„Nie wieder!“, sagte sie noch einmal mit fester Stimme.
Dann schaute sie aus unendlich traurigen Augen durch den Türspalt zu ihrer kleinen Schwester. Sie drehte sich um, öffnete das Küchenfenster im elften Stock des Hauses und stellte einen Stuhl unter das Fensterbrett.
„Engelchen, es tut mir leid. Ich liebe dich.“
Die Kleine sah, wie Nora auf das Fensterbrett kletterte, dann hielt sie sich die Augen zu. Als sie sie wieder aufmachte, war das Fensterbrett leer. Der Winterwind bewegte die Gardine und frische Luft strömte herein. Sie eilte ans Fenster, kletterte auf den Stuhl und schaute hinaus.
Unten auf dem Weg lag Noras eigentümlich verrenkter Körper in den Resten vom Schnee, der sich nun dunkel färbte. Sie fiel rückwärts vom Stuhl in die Küche und begann zu schreien.
2
Die junge Frau mit den blonden Haaren saß am Rheinufer in Rüdesheim und hielt ihr Gesicht in die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings. Er hatte sich Zeit gelassen und den ganzen März hindurch mit dem Winter gerungen. Nach unendlich vielen Tagen mit Schnee, Sturm, Eisregen und dunklen Wolkenbergen hatte die Wärme der Sonne den Winter bezwungen. Von einem Tag auf den anderen war es Frühling geworden.
Die Menschen eilten mit leichten Jacken an ihr vorbei. Sie saßen auf Bänken, führten ihre Hunde spazieren oder spielten mit ihren Kindern.
Lisa hatte die Augen geschlossen. Sie war erst vor kurzem in den Rheingau gezogen. Nach der Arbeit auf dem Weg von Wiesbaden nach Hause hielt sie immer noch am Rhein an und lief den geraden, von alten Bäumen gesäumten Weg entlang. Ihre Mutter war vor einigen Jahren gestorben. Seitdem war sie ganz allein auf dieser Welt. Sie wusste nichts über ihren Vater oder darüber, ob sie Geschwister hatte. Sie wusste nur, dass sie vor vierzehn Jahren nach einem Unfall aus dem Koma, das sie lange Zeit mit Dunkelheit erfüllt hatte, erwacht war. Die Frau an ihrem Bett hatte geweint, als sie die Augen aufschlug.
„Wer sind Sie?“, hatte Lisa gefragt.
Die Frau schluchzte nun noch heftiger.
„Erkennst du mich nicht? Ich bin es, deine Mama. Du hattest einen schweren Unfall.“
Lisa hatte verwirrt geschwiegen. Jetzt kamen die Ärzte und kümmerten sich eilig um sie. Einer leuchtete in ihre Augen. Der nächste maß ihre Temperatur. Jemand befestigte kleine Metallplättchen auf ihrem Kopf, um die Hirnstromwellen zu messen. Sie gaben kurze Anweisungen, sprachen aber sonst nicht mit dem zehnjährigen Mädchen. Lisa begriff, wer sie war, aber alles, was vor dem Unfall lag, war in der Dunkelheit geblieben. Die Ärzte wussten auch nicht, ob sie sich irgendwann wieder an ihre Vergangenheit erinnern würde.
Sie ging mit der fremden Frau in eine Wohnung, die ihr Zuhause sein sollte und aß Essen, das ihr Lieblingsgericht sein sollte. Sie wohnte in einem ihr unbekannten Zimmer und schlief in einem fremden Bett. Der kleine blaue Bär, der im Krankenhaus neben ihr gelegen hatte, war ihr einziger Freund und Vertrauter. Mit ihm besprach sie alles, was ihr wichtig erschien.
Langsam nahm der Alltag seinen Lauf. Lisa saß in der Schule und lernte fleißig. Mit den anderen Kindern hatte sie kaum Kontakt. In den Pausen stand sie allein und unauffällig in einer Ecke des Schulhofes und war froh, dass niemand Interesse an ihr zeigte. Sie machte ein gutes Abitur, studierte mit großem Erfolg Pharmazie und hatte vor einem Jahr begonnen, in der Krankenhausapotheke zu arbeiten. Der Verlust der Mutter hatte sie nicht sehr berührt, denn die Frau mit den blonden Locken war ihr fremd geblieben. Anderen Menschen ging sie, so weit dies möglich war, aus dem Weg. Lisa war gern allein. Sie empfand das Alleinsein nicht als bedrückende Einsamkeit, sondern als friedlichen Ruhebereich für ihre Seele.
Niemand hatte ihr jemals erzählt, was bei dem Unfall geschehen war. Ihre Mutter weigerte sich. Später hatte sie es vergessen und wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, danach zu fragen.
3
Lisa war aufgestanden und wollte heimgehen, als eine Joggerin an ihr vorbeilief und wie immer freundlich nickte, wenn sie sich hier begegneten. Sie war etwa im gleichen Alter wie Lisa und trug die langen, blonden Haare zu einem Knoten verschlungen, der mit einem blauen Band zusammengehalten wurde. Lisa lief in die gleiche Richtung.
Wie immer war sie nach der Arbeit hierher gekommen und hatte ihr Auto nebenan im Wohngebiet abgestellt. Wenn es schön war, setzte sie sich noch auf immer dieselbe Bank. Zweimal hatte dort in der Mitte der drei glatten Bretter eine alte Frau gesessen und sie grimmig von der Seite angeschaut, als Lisa sich auf die Kante dazusetzte.
„Es gibt hier noch mehr Bänke, Mädchen“, hatte sie gesagt und nach links und rechts gezeigt.
„Ich sitze immer hier, das ist die schönste Bank, Entschuldigung.“
Die Frau schüttelte den Kopf, stand auf und ging. Lisa war es egal, was sie dachte und rutschte in die Mitte. Sie saß eine Weile ganz still dort und erhob sich langsam, um sich auf den Heimweg zu machen. Sie war schon in der Nähe des Autos, da fiel ihr Blick zur Seite in die Nähe eines Busches mit winzigen, grünen Blattspitzen. Die Joggerin kniete dort am Boden und redete auf ein kleines Mädchen ein.
Lisa eilte zu ihr und fragte: „Kann ich Ihnen helfen? Was ist denn passiert?“
Dann fiel ihr Blick auf das Mädchen und sie zuckte zurück. Beide Augen waren von blauen Rändern begrenzt, Nase und Lippen waren blutig und geschwollen, sie saß zusammengekrümmt am Boden und presste die Hände auf den Bauch. Dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Die Haare waren zerzaust und oberhalb der Stirn befand sich eine kahle Stelle, als hätte ihr jemand die Haare ausgerissen.
Lisa schluckte und unterdrückte die eigenen Tränen, um das Kind nicht noch mehr aufzuregen. Die Kleine musste etwa acht oder neun Jahre alt sein. Die Kleidung passte überhaupt nicht dazu, denn sie trug ein enges Kleid.
„Wer bist du denn, Kleine?“, fragte die Joggerin sanft und strich ihr über das Haar.
„Hanka.“
„Wollen wir mal zu deiner Mama gehen? Ist sie hier oder bist du ganz alleine?“
„Alleine.“
„Hast du Schmerzen?“
Hanka nickte nur.
„Kannst du aufstehen?“
Hanka schüttelte den Kopf.
Die Joggerin nickte Lisa zu, die nach ihrem Handy gegriffen hatte und den Notruf wählte. Was musste dieses kleine Mädchen für furchtbare Dinge erlebt haben? Sie war sich nicht sicher, ob sie Genaueres wissen wollte.
Zehn Minuten später kam der Rettungswagen den Weg am Rhein entlanggefahren und hielt auf dem Rasen neben dem Busch. Kurze Zeit später hielt ein Streifenwagen dahinter, denn beim Eintreffen des Notarztes hatten sich einige Schaulustige versammelt. Die Polizisten drängten die Menschen in beide Richtungen des Weges zurück. Dann traten sie zu den beiden Frauen, die etwas abseits an einem großen, alten Baum standen und die routinierten Handgriffe des Rettungsteams verfolgten. Lisa weinte nun doch noch, so erschüttert war sie.
„Sie haben die Kleine gefunden?“, fragte der junge Polizist, der jetzt auf sie zukam.
Lisa, die sich die Tränen abgewischt hatte, und die Joggerin nickten.
„Ich bin Lisa Gornst, ich komme nach der Arbeit immer hier vorbei.“
„Ich bin Kendra Thoerent, das ist meine tägliche Joggingstrecke. Was ist mit dem Mädchen passiert? Es sah so aus, als wenn …“
Sie sprach nicht weiter, am Rettungswagen wurde Hanka gerade behutsam auf eine Trage gelegt, ein Tropf war angelegt und ein Monitor maß ihre Herztöne. Die Tür des Fahrzeugs schloss sich summend und dann setzte es sich mit Blaulicht und Sirene in Bewegung. Nun kam der zweite Polizist herüber, er hatte mit dem Notarzt geredet.
„Es besteht der Verdacht auf eine Vergewaltigung und misshandelt hat man sie sehr heftig. Von Schlägen bis zum Haare ausreißen war wohl alles dabei. Die Ärzte bangen um ihr Leben, denn sie hat schwere innere Verletzungen. Sie haben das Mädchen gefunden? Wo genau?“
Kendra zeigte auf das Gebüsch.
„Sie saß wie eine Puppe am Boden, zwischen den Ästen und hat gewimmert, ich habe es nur gehört, weil ich gerade die Kopfhörer aus den Ohren genommen hatte. Als ich mich gebückt habe, kam sie herausgekrochen. Oh, mein Gott, wer tut so etwas?“
„Dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Haben Sie in der Umgebung etwas bemerkt? Einen Mann vielleicht?“
Lisa sagte nur: „Es war heute nicht so viel los wie sonst, die meisten Spaziergänger waren Frauen, die drei Männer mit den Hunden sind alt und auch immer hier unterwegs.“
Die Polizisten nahmen ihre Personalien auf und verabschiedeten sich.
„Wir wenden uns bei Bedarf noch einmal an sie. Drücken Sie der Kleinen die Daumen, dass sie es überlebt. Und danke, dass Sie so schnell reagiert haben.“
Sie gingen davon und die beiden Frauen blieben erschüttert zurück. Dann sank Kendra plötzlich auf die Knie und schluchzte heftig. Ihre Schultern bebten, als Lisa die junge Frau wieder hochzog und in die Arme nahm.
„Sie wird es schaffen, die Ärzte tun sicher alles für Hanka. Kommen Sie, setzen wir uns kurz auf die Bank.“
Als sie nebeneinander saßen, entschuldigte sich Kendra für den Gefühlsausbruch, aber Lisa winkte nur ab.
Sie streckte der Joggerin die Hand hin und sagte: „Ich bin Lisa. Sie sind die nette, junge Frau, die mir immer zunickt, wenn ich auf meiner Bank sitze.“
„Ich bin Kendra. Ja, ich sehe Sie immer dort sitzen und Sie sehen sehr entspannt und zufrieden aus. Wir können doch Du sagen.“
„Gerne. Was denkst du, wer Hanka das angetan hat?“
„Keine Ahnung, ich hoffe nur, hier an Rheinufer läuft kein Vergewaltiger herum, der kleine Mädchen anfällt.“
Sie verabschiedeten sich und wollten sich am kommenden Tag zu einem Kaffee treffen.
4
Die dunkle Gestalt hinter dem Baum stand vollkommen ruhig da, das einzige, was sich bewegte, war der Zeiger der Uhr, der unaufhaltsam vorwärtsstürmte. Nein, es war nicht das einzige, was sich bewegte: Das Herz klopfte der Gestalt so laut in ihrer Brust, dass es fast zersprang. Hinter ihr floss der Rhein so entspannt dahin, als ob er schon schlief.
In sieben Minuten war es soweit. Die Dunkelheit war undurchdringlich, nachdem der Mond hinter einer Wolke verschwunden war. Die Gestalt schwitzte unter der schwarzen Wollmaske, aber sie wusste nicht, ob es vor Aufregung oder Hitze war. Die Hände steckten in schwarzen Gummihandschuhen, das Messer in der Hand hatte vorhin im Mondlicht noch silbern geglänzt, aber jetzt war es genauso unsichtbar wie alles andere.
Es war kurz vor Mitternacht, in der Ferne waren Schritte von schweren, festen Schuhsohlen zu vernehmen. Die dunkle Gestalt hinter dem Baum straffte sich. Sie war bereit, den zu richten, der Unrecht begangen hatte.
Ein dicker, grobschlächtiger Mann war in seinen Umrissen zu erkennen, er näherte sich unaufhaltsam und mit eiligen Schritten dem Baum. Die Gestalt kam hinter dem Baum hervor und ließ das Messer mit der langen, scharfen Klinge auf die Person, die fast genauso groß war, niedersausen. Erschrocken fasste sich der dicke Mann an die Schulter, schaute hoch und gab der Gestalt die Möglichkeit, das Messer in voller Länge in seinen Hals zu stoßen. Mit einer kurzen, drehenden Bewegung zerriss die Klinge die Hauptschlagader und ein Schwall von Blut sprang aus der Wunde heraus.
Die Gestalt trat zurück und sah dem Todeskampf des Mannes zu. Sie nickte zufrieden und nahm die Maske ab, sie fühlte Erleichterung. Dann wandte sie sich ab. Der tote Körper des dicken Mannes blieb in der Blutlache liegen. Am Morgen wird man ihn finden, dachte die Gestalt, dann ist es endgültig vorbei. Sie holte eine winzige weiße Stoff-Rose aus der Innentasche der Jacke hervor und ließ sie auf die Leiche fallen.
Sie ging heim, unter die Dusche und ins Bett, aber sie fand keinen Schlaf. Dieser Mann hatte kein Recht zu leben. Wer so etwas tat, hatte sein Recht zu leben verloren. Niemand durfte einem Schwächeren ungestraft wehtun.
„Du wirst nie wieder jemandem etwas antun. Ich habe dich bestraft, weil es sonst keiner tun würde. Die Menschen schweigen, aber das ist nicht richtig!“
Ein qualvoller Schrei kam aus ihrer Brust, ein Schrei voller Erinnerungen und Leid, den niemand hörte. Die Gestalt ballte die Fäuste und versuchte zu schlafen. Als in der Ferne die durchdringende Sirene eines Polizeiautos zu hören war, das mit flackerndem Blaulicht durch das Morgengrauen raste, schlief sie endlich tief und fest.
5
„Sie ist gestorben.“
Kendra liefen die Tränen herunter.
„Oh, nein!“, rief Lisa, die wie jeden Tag auf der Bank saß.
Zwei Wochen waren vergangen, in denen sich die beiden jungen Frauen täglich sahen und meistens noch eine Tasse Kaffee im Café in der Nähe tranken. Sie hatten gehofft und gebangt und waren noch einmal von der Polizei befragt worden. Die Kommissarin war sehr einfühlsam gewesen und hatte, im Gegensatz zu ihrem Kollegen, auch nach ihrem Bauchgefühl gefragt.
„Es war niemand zu sehen, der ihr etwas angetan haben könnte, also ist es vielleicht in ihrem Zuhause passiert und dann ist sie weggelaufen und hat sich versteckt“, hatte Lisa gesagt.
„Das wissen wir nicht genau, niemand hat die Kleine irgendwo gesehen, nicht auf dem Weg, nicht im Ort. Wir kommen nicht weiter“, erklärte der blonde Kommissar sachlich. „Sie hat eine junge Mutter und einen älteren Stiefvater, also ist ein normales Familienleben wahrscheinlich. Sie sind auch nicht beim Jugendamt bekannt, also muss eine fremde Person dort gewesen sein. Bitte denken Sie noch einmal genau nach!“
„Es war wirklich nichts Besonderes. Die drei alten Herren mit den Hunden, die Frau mit dem Kinderwagen, die Joggerin. Glauben Sie mir, ich bin jeden Tag dort und mir würde ein unbekannter Mann auffallen.“
„Schade, ich habe so gehofft, dass Sie uns helfen können.“
So war Lisa wieder gegangen, auch Kendra konnte nichts Hilfreiches aussagen. Nun saßen sie hier auf der Bank und weinten gemeinsam um die kleine Hanka, die die Ärzte nicht retten konnten.
„Woher weißt du das denn?“
„Es stand in der Zeitung. Sie wurde mehrfach vergewaltigt und ist vor fünf Tagen an inneren Blutungen gestorben. Die Leute von der Zeitung haben einen widerlich reißerischen Artikel daraus gemacht, aber sie haben nach Zeugen gesucht.“
„Der Kommissar hat gesagt, zu Hause war alles in Ordnung.“
„Ja“, sagte Kendra nachdenklich und wischte die Tränen ab, „das hat man bei uns auch gesagt. Mein Vater hat immer meine Stiefschwester gedemütigt und ihr wehgetan. Ich stand hinter der Tür, als sie ihm ein Brotmesser in den Hals gerammt hat. Danach ist sie aus dem Fenster gesprungen. Im elften Stock. Ich war noch klein, aber ich sehe diese Szene seit kurzem wieder deutlich vor mir.“
„Oh, mein Gott, dann muss dich das mit Hanka ja noch viel schlimmer getroffen haben. Was meinst du mit: Das haben sie bei uns auch gesagt?“
„Meine Mutter hat immer alles schön geredet und mir hat er nichts getan, weil ich sein Engelchen war. Meine Schwester Nora war wohl das Ergebnis eines Seitensprungs und er hat sie immer spüren lassen, dass sie nichts wert ist.“
„Hat dein Vater das überlebt?“
„Nein, Gott sei Dank nicht, er war ein mieses Schwein, das sich an Schwächeren vergriffen hat, aber nach außen hin war alles eine heile Welt. Ich hasse meine Mutter dafür, dass sie sich nicht gewehrt hat, dass sie meine Schwester nicht beschützt hat. Wir sind dann weggezogen. Als ich achtzehn war, bin ich weg. Das Jugendamt war zweimal da, aber die haben sich ja immer schön angekündigt und am Anfang hat er ihr auch nicht ins Gesicht geschlagen, nur dorthin, wo man es nicht sah. Und ich dachte, es ist in Ordnung so. Verstehst du? Ich war ein kleines, dummes Kind, das alles bekommen hat und ich dachte, es ist in Ordnung.“
Ein heftiger Weinkrampf schüttelte Kendra und Lisa legte hilflos den Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich. Sie konnte sich vorstellen, was in ihr vorgegangen war, als sie Hanka gefunden und die Verletzungen gesehen hatte.
„Ich hoffe, sie finden den Täter und sperren ihn für immer ein“, erwiderte Lisa entschlossen.
„Wenn ich ihn finde, mache ich genau das, was meine Schwester mit meinem Vater gemacht hat. Er wäre davongekommen, weil niemand etwas gewusst hat. Die Opfer schweigen meist ein Leben lang. Ich habe bis vor kurzem nicht mehr daran gedacht, weil ich das Elend erfolgreich verdrängt hatte. Erst als ich Hanka so gesehen habe, kam alles wieder hoch. Komm, ich brauche jetzt einen starken Kaffee und einen Schnaps.“
Am kommenden Tag kam Kendra zu Lisas Bank gerannt und wedelte schon von weitem mit der Zeitung.
„Du glaubst nicht, was passiert ist!“
Sie ließ sich atemlos neben Lisa nieder und hielt ihr Seite eins unter die Nase. Mit großen roten Buchstaben stand dort die Schlagzeile: „Kinderschänder tot!“.
„… hier ist es: Der Stiefvater der neunjährigen Hanka W. hatte das Kind jahrelang missbraucht und geschlagen. Weil keine Anzeige beim Jugendamt gemacht wurde, blieben die Taten unentdeckt. Bei Hankas Obduktion entdeckte der Pathologe zahlreiche alte Knochenbrüche und Narben.“
6
Bianca Bonnét und Michael Verskoff waren am frühen Morgen an den Rhein geschickt worden. Mitten auf dem Weg hatte ein früher Jogger einen toten Mann gefunden und den Notruf gewählt. Die Schicht hatte gerade gewechselt und Michael war wie immer mies gelaunt, wenn er so früh aus dem Bett geklingelt wurde.
Der Morgennebel hing noch in der Luft, es tropfte von den Zweigen der Bäume und es war empfindlich kühl. Wenn dann die Sonne ihre warmen Strahlen ausbreitete, war die Erinnerung an den Winter schnell verflogen. Es war kurz nach fünf. Der Jogger stand frierend und bleich neben einer Bank, die Streife, die schon vor Ort war, hatte ihn mit einer Decke und einem warmen Kaffee versorgt. Michael nickte Bianca mürrisch zu und ging zur Leiche. Bianca trat zu dem Mann in der Sporthose. Er hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen und trat von einem Bein auf das andere.
„Guten Morgen, ich bin Bianca Bonnét von der Kriminalpolizei, das da hinten ist mein Kollege, Kommissar Verskoff. Herr …?“
„Beckert.“
„Herr Beckert, Sie haben den Toten gefunden, warum laufen Sie denn schon so früh hier herum?“
„Ist das jetzt verboten? Ich laufe jeden Morgen vor der Arbeit meine Strecke, dann bin ich frisch genug für einen langen Tag im Büro. Ich komme übrigens wegen Ihnen zu spät.“
Der Jogger hatte genauso schlechte Laune wie der Kommissar, Bianca war das gewohnt und blieb ruhig und freundlich.
„Das tut mir sehr leid, Herr Beckert, aber wir sind gleich fertig. Haben Sie etwas Ungewöhnliches bemerkt? War etwas anders als sonst?“
„Klar war etwas anders als sonst oder denken Sie, hier liegt jeden Morgen eine Leiche auf dem Weg. Ich dachte erst, es hätte wieder jemand seinen Müll hier abgeladen und bin näher heran. Dann sah ich, dass es ein Mensch war. Das ganze Blut war vollkommen ekelhaft, eine Sauerei. Ich hoffe, ich bin nicht hineingetreten, als ich geschaut habe, ob er noch atmet.“
„Haben Sie ihn bewegt?“
„Nein, als ich das Loch in seinem Hals gesehen habe, wusste ich, dass er hin ist.“
„Wie konnten Sie im Dunkeln ein Loch im Hals sehen?“
„Es war nicht dunkel.“
Er zeigte auf seinen Kopf, wo eine runde Taschenlampe von einem Stirnband gehalten wurde, und schaltete sie ein. Sofort wurde Bianca von einem grellen, weißen Licht geblendet. Sie kniff die Augen zusammen und bedankte sich für die Vorführung.
„Sehr gut, Sie können gehen, wenn die Kollegen Ihre Personalien aufgenommen haben. Wir werden uns gegebenenfalls noch einmal an Sie wenden. Bitte melden Sie sich, wenn Ihnen noch etwas einfällt.“
Sie gab ihm ihre Karte und nickte dem Mann noch einmal freundlich zu. Danach ging sie zu Michael hinüber, der gerade mit dem Notarzt sprach, der zuerst vor Ort gewesen war.
„Er war schon tot, als wir eintrafen, und das seit Stunden. Näheres zur Todeszeit können Sie bei der Obduktion erfahren, hier ist für uns Schluss. Man hat ihm die Kehle zerfetzt, er hatte keine Chance.“
„Danke, Doktor. Bianca, was sagt der Mann? Hat er etwas gesehen? Woher hat der Typ einen Kaffee?“
„Lieber Michael, der nette Kollege von der Streife hat ihm aus seiner Isolierkanne etwas angeboten, sicher wirst du nicht in den Genuss dieses Getränks kommen. Der Zeuge hat die Leiche nur gefunden, aber niemanden gesehen. Er hatte genauso schlechte Laune wie du so früh am Morgen. Hast du denn etwas erfahren?“
„Der Kerl ist tot, auf seiner Brust liegt eine kleine weiße Rose aus Stoff. Er liegt schon eine Weile hier und so wie es aussieht, sollte er auch direkt gefunden werden. Wo ist denn dein Schatz von der Spusi?“
„Er ist nicht mehr mein Schatz. Also hör auf zu sticheln. Komm, wir fahren ins Büro und ich koche uns einen schönen Kaffee.“
„Dazu sage ich nicht nein, meine liebe Kollegin.“
Die beiden stiegen in den Dienstwagen und fuhren zurück ins Präsidium. Bianca musste im Auto still vor sich hin grinsen. Vor einem Jahr hatte sie sich zum ersten Mal mit Pit Deicker von der Spurensicherung verbabredet, sie hatten sich öfter getroffen und ineinander verliebt, aber dann stellte sich heraus, dass Pit ein Kontrollfreak war. Er wachte eifersüchtig und cholerisch darüber, mit wem Bianca redete, telefonierte oder Mails austauschte. Selbst den Kellner, bei dem sie ihr Essen bestellte, musterte er argwöhnisch. Sie fühlte sich wie in einem Käfig, aber wenn Pit gerade mal nicht vor Wut platzte, war er liebevoll und ein guter Liebhaber. Vor zwei Monaten hatte sie sich endgültig von ihm getrennt und ging ihm nun so gut wie möglich aus dem Weg. Michael kümmerte sich in dieser Zeit ruhig und besonnen um sie, denn Pit veranstaltete die eine oder andere Aktion, mit der er Bianca beweisen wollte, dass sie nicht ohne ihn leben könnte.
Sie war froh gewesen, dass Pit heute Morgen keinen Dienst hatte und lehnte sich nun entspannt zurück. Michael ärgerte sie ab und zu mit ihrem „Schatz von der Spusi“, aber er durfte das. Seit sie wieder alleine war, benahm er sich freundlicher, war ausgeglichener, weil er das Rauchen aufgegeben hatte und er hatte sich sogar den Bart wieder abrasiert. Jeden Tag duftete er gut und war schlank und drahtig, weil er wieder begonnen hatte zu laufen.
„Wo fangen wir denn an? Weißt du den Namen des Mannes?“
Michael blätterte in seinen Notizen.
„Robert Weißlinger, neununddreißig Jahre, wohnt in Rüdesheim.“
„Weißlinger … Weißlinger … den Namen kenne ich doch … warte … das Mädchen, das neulich im Park gefunden wurde. Sie ist im Krankenhaus gestorben, ihr Stiefvater hieß Weißlinger und stand kurzzeitig unter Verdacht, aber ihm konnte nichts nachgewiesen werden. Er ist beim Verhör vor Trauer zusammengebrochen und hatte berichtet, dass die Kleine immer abgehauen ist, wenn es mal Streit gab. Es lief schon eine Vermisstenanzeige des Stiefvaters, was ihn erheblich entlastet hat. Die Frau, um viele Jahre jünger, hat das bestätigt, aber es kam den Beamten vor, als wäre sie eingeschüchtert gewesen. Auf die Frage, woher die alten Verletzungen und Narben stammten, gab sie an, dass ihr leiblicher Vater sie öfter geschlagen hat. Die Staatsanwältin musste sich geschlagen geben, weil der Oberstaatsanwalt sie zurückgepfiffen hat.“
„DIE Staatsanwältin? Deine Freundin?“
„Ja, meine Freundin Nele war zuständig, aber die Ermittlungen laufen nicht mehr in Richtung der Familie. Sie war sich sicher, dass er der Täter war.“
„Anscheinend hat ihn jetzt jemand dafür bestraft.“
„Die Rose war weiß. Wenn sie rot gewesen wäre, könnte man an ein Verbrechen aus Leidenschaft denken, aber sie war weiß und weiß steht für Unschuld, Reinheit, aber auch Abschied.“
„Ach ja, da spricht die hochsensible Frau. Nun guck nicht schon wieder so böse, ich bin doch froh, dass es dich gibt und du diejenige von uns beiden bist, die mit dem Herzen denkt.“
„Das hast du aber nett gesagt. Dankeschön.“
„Ich bin immer nett.“
Bianca begann zu lachen und rief dann in der Gerichtsmedizin an, um zu fragen, was es Neues gab. Sie brummte ab und zu in den Hörer, hörte lange und geduldig mit verkniffenem Gesicht zu und legte dann auf.
„Und?“, fragte Michael.
„Ein Stich in die Schulter, mit großer Kraft ausgeführt, Täter ist in etwa gleich groß, also eher klein, aber kräftig. Dann ein zweiter Stich in den Hals und der Doktor hat mir gerade erklärt, wie der Täter mit dem Messer in der Wunde herumgerührt hat. Widerlich. Ansonsten war er wohl danach sofort tot, weil es ihm die Halsschlagader zerrissen hat. Da hatte jemand Kenntnisse der Anatomie.“
„Nein, das muss man dafür nicht, denke ich, weil jedes Kind weiß, wenn man einem die Halsschlagader durchschneidet, ist man ziemlich tot.“
Bianca sah ihn grimmig an und erwiderte: „Kinder denken nicht an solche Dinge, nur Erwachsene. Tu nicht immer so überheblich, das bist du nämlich gar nicht.“
7
Lisa war am Nachmittag zum Supermarkt unterwegs. Es war Wochenende gewesen und am Montag der erste Mai, nun konnten die Leute endlich wieder einkaufen gehen. Dementsprechend voll war der Parkplatz und Lisa musste ihr Auto weit entfernt vom Eingang abstellen. Als sie die Tür öffnete, tat das der Fahrer des benachbarten Fahrzeugs, das rückwärts in der engen Lücke stand, auch gerade und die Türen schlugen krachend gegeneinander.
„Ach du Scheiße!“, rief ein sportlicher Mann Mitte zwanzig. „Meine Schwester erschlägt mich. Haben Sie keine Augen im Kopf?“
„Oh, es tut mir leid, ich habe nicht gesehen, dass da jemand im Auto sitzt. Sie haben mich ja auch nicht gesehen. Was nun? Rufen wir die Polizei?“
Der junge Mann lächelte Lisa aus sanften, grauen Augen an und strich sich eine kastanienbraune, mittellange Haarsträhne hinter das Ohr. Seine schmalen Lippen öffneten sich leicht und er zischte durch die weißen Zähne hindurch, als er die Beule in der Tür sah.
„Mist, das gibt Ärger. Sie müssen wissen, meine Schwester hat mir das Auto heute geliehen, weil ich noch Hundefutter holen will. Sie ist Staatsanwältin und sehr genau. Wir müssen die Polizei holen, sonst macht sie mir die Hölle heiß. Obwohl ich einer so hübschen Frau das gerne ersparen würde.“
Lisa senkte den Blick und errötete. Noch niemals hatte ein Mann so offensiv mit ihr geflirtet und wenn einer damit angefangen hatte, dann war sie schnell weggelaufen. Männer waren ihr im Allgemeinen suspekt, dieser hier war forsch und er gefiel ihr sehr gut. Als sie wieder aufschaute, sah sie sein unwiderstehliches Lächeln und nickte nur. Die Streife kam nach dreißig Minuten und nahm den Unfall auf, dann gab ihr der junge Mann seine Visitenkarte, denn es konnte nicht festgestellt werden, wer die Tür zuerst geöffnet hatte, also sollten sich die Versicherungen damit auseinandersetzen.
„Trinken Sie noch eine Tasse Kaffee mit mir auf den Schreck?“
„Ich … ich … muss einkaufen und … ich weiß nicht.“
„Nicht so schüchtern, das Schicksal hat uns zusammengeführt, es muss etwas bedeuten. Geben Sie sich einen Ruck, ich bin Sascha.“
„Ich bin Lisa, na gut, ich trinke mit Ihnen Kaffee.“
Sie liefen in Richtung Supermarkt und Sascha holte vom Bäcker zwei große Tassen Milchkaffee. Lisa hatte an einem Stehtisch gewartet. Sie unterhielten sich über belanglose Dinge wie das Wetter und den vollen Supermarkt, wobei Lisa zuhörte und Sascha redete. Er sah gut aus in seinem legeren, dunkelgrauen Jackett mit dem schwarzen Shirt darunter, dazu trug er Jeans und Turnschuhe. Außerdem war er locker und unterhaltsam, was man von Lisa nicht sagen konnte, denn sie war in seiner Gegenwart vollkommen eingeschüchtert. Sascha konnte seinen Blick nicht von der kühlen Schönheit mit den blauen Augen abwenden.
„Es wäre sehr nett, wenn wir uns mal wiedersehen könnten, aber Sie scheinen Angst vor mir zu haben. Oder finden Sie mich aufdringlich?“
„Entschuldigung, ich bin sonst nicht so. Sie haben mich eine wenig … ziemlich … durcheinandergebracht.“
„Sehr gut“, sagte er lachend und zwinkerte. „Geben Sie mir auch Ihre Telefonnummer, damit ich Sie anrufen kann, wenn ich noch Angaben für die Versicherung benötige?“
Lisa nahm einen alten Kassenbon aus der Handtasche und schrieb mit dem Kugelschreiber, den er ihr hingehalten hatte, ihre Telefonnummer drauf. Dann erklärte sie, jetzt endlich einkaufen zu müssen und verabschiedete sich. Sascha hielt ihre Hand ein wenig zu lange fest.
Im Supermarkt eilte sie durch die Gänge und suchte die wenigen Sachen zusammen, die sie benötigte. Dann bezahlte sie, nachdem sie eine halbe Stunde an der vollen Kasse warten musste und warf alles in den Kofferraum. Mit einem Seufzen stieg sie ein und fuhr heim nach Erbach, einem kleinen Weinbauort im Rheingau. Sie schloss die Tür auf, trug die beiden Einkaufstaschen in die kleine Wohnung und stieß mit dem Fuß die Tür zu. Ihre kleine Wohnung in dem Haus am Ortsrand war ihre Zuflucht, ihre Ruheinsel, denn hier wohnte nur noch die alte Frau Leisinger, ihre Vermieterin.
Die Wohnung befand sich im Dachgeschoss und hatte zwei Zimmer, eine Küche und ein Bad mit schrägen Wänden. Den Blick aus dem Fenster auf die endlosen Weinberge liebte Lisa sehr. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, in der Stadt zu wohnen, eine tief im Inneren verborgene Erinnerung war das Leben auf den Lande, aber sie hatte nach dem Unfall alles darüber vergessen. Gerne hätte sie gewusst, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte.
Die Mutter hatte gesagt: „Wir sind weggezogen, weil du nicht an den Unfall und das alles denken solltest.“
Lisa hatte wie immer genickt, wenn die ihr so fremd gebliebene Frau etwas erklärte, denn sie hatte aufgegeben, alles zu hinterfragen. Sie räumte die Lebensmittel weg, öffnete ein Fenster und schaute hinaus. Langsam schlich die Dämmerung über den Horizont und setzte sich zwischen den Reben mit den grünen Blattspitzen fest. Die Sonne hatte sich heute nicht blicken lassen, nun saugte der Abend den Rest des Lichtes in sich auf.
„Sascha“, sagte Lisa mit einem Lächeln zu sich selbst.
Sie schloss das Fenster wieder, ging in die Küche mit den weißen Möbeln und kochte sich eine Tasse Tee zu den zwei Broten, die sie zusammen mit zwei kleinen Tomaten auf einem Brett ins Wohnzimmer balancierte. Dort ließ sie sich auf der breiten, schwarzen Couch nieder und schaltete den Fernseher ein. Der kleine Holztisch vor der Couch war überfüllt mit Büchern, den Fernbedienungen, dem Handy, einer Fernsehzeitung und einem Glas.
Plötzlich sprang Lisa auf und lief in den Flur, um in der Handtasche nach Saschas Visitenkarte zu suchen. Dort standen „Sascha Kritzek – Fotograf“ und seine Telefonnummer. In diesem Moment klingelte ihr Handy. Lisa eilte zurück auf die Couch sah auf das Display. Es war die Nummer, die auch auf der Visitenkarte stand und ihr Herz begann zu klopfen.
„Ja, bitte?“
„Hier ist Sascha, Ihr Unfallgegner. Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Sie stören keineswegs, ich habe gerade an Sie gedacht.“
Wie gut, dass er nicht sehen kann, wie rot ich bin, dachte Lisa mit glühenden Wangen. Am Telefon fühlte sie sich sicherer als in der Realität. Sascha plauderte fröhlich weiter und hatte das Herz der jungen Frau längst erobert.
„Sie waren so schnell weg, da wollte ich doch mal fragen, wie es Ihnen geht. Ist alles in Ordnung? War ich zu aufdringlich?“
„Nein, es ist nur“, stotterte Lisa, „ich kenne das nicht, dass sich ein Mann für mich interessiert.“
„Nein, nicht möglich! Ich finde Sie atemberaubend. Wie kann ein Mann sich nicht für Sie interessieren? Darf ich Sie wiedersehen? Ich sterbe sonst und Sie wollen doch nicht an meinem Tod schuld sein.“
Lisa sagte lachend zu, als er sie dann noch fragte, ob sie am Wochenende gemeinsam spazieren gehen wollten. Sie verabredeten sich am Schloss Johannisberg, um von dort durch die Weinberge zu laufen und anschließend etwas zu essen. Lisa machte ihr Handy aus und den Fernseher an. Sie sah nicht hin, denn ihre Gedanken waren bei Sascha.
8
„Bitte, Frau Weißlinger, der Mann ist tot, also reden Sie endlich. Er kann Ihnen nichts mehr tun.“
Bianca saß auf der abgewetzten Couch im kleinen Wohnzimmer des alten Hauses in Rüdesheim Frau Weißlinger gegenüber und versuchte nicht zu atmen. Die Luft war abgestanden, roch nach Alkohol und kaltem Zigarettenrauch. Dazu kam eine unsägliche Mischung aus dem Gestank des nicht ausgelehrten Mülleimers und dem Katzenklo. Biancas sensible Nase und ihre Nerven wehrten sich heftig. Sie schaute Michael an, der am Fenster lehnte und angewidert dreinschaute. Hinter seiner Stirn brodelte es und er hätte diese kleine, magere Frau sehr gerne geschüttelt.
„Ich … er … Hanka … Robert war nicht immer so. Er hat mir und der Kleinen ein Zuhause gegeben, nachdem mich mein brutaler Ex-Freund aus dem Haus geprügelt hatte. Es war gut bis zur Hochzeit, als wir hier eingezogen waren, dann begann er, mich einzusperren und auch Hanka durfte nicht hinausgehen. Aber eines Tages stand die Lehrerin vor der Tür und hat mit dem Jugendamt gedroht, da hat er wenigstens Hanka gehenlassen. Ich habe geputzt und gekocht, alles war sauber und ordentlich. Dann kam ihm der Gedanke, dass wir, Hanka und ich, zu viel Geld kosten und er hat unser Essen rationiert. Wenn jemand zu Besuch kam, gab es immer Kuchen und Wein im Überfluss und er war dann lieb und nett.“
„Hat er Sie geschlagen?“, fragte Michael.
„Nicht immer, nur wenn ich etwas falsch gemacht habe, das habe ich ja auch eingesehen.“
„Verfluchte Scheiße, warum lasst ihr Frauen euch auch noch einreden, es wäre in Ordnung?“
Michael war der Kragen geplatzt, so erregt war er, als die kleine Frau nun auch noch gelächelt hatte.
„Aber wir hatten doch nur ihn. Robert hat uns gut versorgt. Dass er … dass er … Hanka …anfasst … das habe ich nicht gewusst. Ich hatte angefangen, nachts zu arbeiten. Manchmal saß sie heulend im Bett, aber sie hat nichts gesagt.“
„Wahrscheinlich hat er der Kleinen gedroht, ihr oder Ihnen etwas anzutun und dann hat sie geschwiegen“, erklärte Bianca sanft, die gesehen hatte, dass Michael nur noch raus wollte.
Um sie herum war nichts mehr peinlich sauber und gepflegt und die Seele dieser Frau war kaputt, sie hatte seit Tagen nur getrunken und geraucht. Mehrere schmutzige Kaffeetassen standen in der Spüle.
„Frau Weißlinger, Sie müssen mal wieder etwas essen, sonst werden Sie krank. Haben Sie Lebensmittel im Haus?“
Die Frau sah Bianca mit leerem Blick an und schüttelte den Kopf.
„Wozu noch essen? Es ist doch sowieso besser, wenn ich krepiere. Ich habe das Liebste auf der Welt verloren. Schade, dass ich nicht selbst die Kraft hatte, Robert zu erstechen, dann könnte Hanka noch leben. Nun ist alles so sinnlos.“
Bianca nahm ihr Telefon und rief einen Arzt an. Frau Weißlinger würde sich sonstwas antun, wenn man sie alleine lassen würde. Es wurde Zeit, dass sich Menschen wirklich um sie kümmerten. Als der Arzt da war, erklärte ihm Bianca, was passiert war und half Frau Weißlinger, ein paar Sachen zusammenzupacken. Dann wurde sie am Arm zum Rettungswagen geführt, der langsam davon rollte. Michael stand neben Bianca und hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt.
„Sie kann es nicht gewesen sein, schade eigentlich, denn man hätte auf Notwehr plädieren können.“
Im Fall Hanka Weißlinger wurde weiter ermittelt, aber Bianca wusste, dass die Ermittler niemanden finden würden, der das Mädchen auf dem Gewissen hatte, denn ihr Peiniger war tot. Irgendwann würde man die Akte ohne Ergebnis schließen.
9
Kendra war die kleine Hanka nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Nachts träumte sie immer wieder diese Szene, in der das kleine Mädchen wimmernd aus dem Gebüsch gekrochen war. Dann sah sie ein offenes Fenster und den zerschmetterten Körper ihrer Schwester Nora tief unter dem Fenster im Schnee liegen. In ihren schlimmsten Nächten trat der Vater hinter sie und stieß sie vom Fensterbrett in die Tiefe und sie flog in Zeitlupe ihrer toten Schwester entgegen. Die schlug plötzlich die Augen auf, hielt ihr die ausgestreckten Arme entgegen, um sie aufzufangen, aber genau dann erwachte Kendra jedes Mal schreiend. Zurück blieb der Gedanke, ob Nora sie fangen würde, bevor sie auf dem Boden aufschlug.
Alle diese Ereignisse aus der Kindheit sah sie wieder deutlich vor sich. Am liebsten hätte Kendra alles vergessen, aber vielleicht sollte sie sich auch aktiv damit auseinandersetzen. Sie wollte das mit ihrer neuen Freundin Lisa besprechen, vielleicht könnte man sich irgendwo engagieren, um Kindern, die in Not waren, zu helfen. Sie stand schweißgebadet auf und war alles andere als ausgeruht. Am Nachmittag wollte sie sich mit ihrer Mutter treffen, die sie regelmäßig einmal im Monat zum Kaffee in die Altstadt einlud. Mehr Kontakt hatten sie nicht, auch wenn die Mutter extra in Kendras Nähe gezogen war. Sie konnte und wollte nicht verstehen, warum ihre Mutter zugelassen hatte, dass Nora gestorben war.
Sie ging ins Bad, trank danach eine Tasse Kaffee mit viel Milch im Stehen und zog sich an, um in die Universitätsbücherei zu fahren. Dort hatte sie eine Stelle als Bibliothekarin, die sie über alles liebte. Oft ließ sie sich für die Abendschicht einteilen, denn dann waren nur noch die wirklich interessierten Leser da. Die meisten Studenten gingen abends lieber feiern. Oft saß sie mit dem einen oder der anderen zwischen den Regalen auf dem Teppich und sprach mit ihnen über Kultur, Kunst und die Welt. Heute war Kendra zusammen mit Frau Schmidt im Frühdienst. Ihre Kollegin war Anfang sechzig und verliebt in den Hausmeister. Oft standen die beiden turtelnd am Getränkeautomaten. Wenn Frau Schmidt dann heimging, sah Kendra vom Fenster aus den Hausmeister mit einer kleinen Blume vor der Tür. Kendra war gespannt, ob und wann sich die beiden einmal außerhalb der Bücherei verabreden würden, aber sie befürchtete, dass dies niemals geschehen würde.
Heute Morgen war Frau Schmidt schon da. Sie sagte „Kendra“ und „Sie“, denn sich auf der Arbeit zu duzen fand sie unpassend. Kendra sagte „Frau Schmidt“ und es war ihr egal.
„Guten Morgen, Kendra, wie geht es Ihnen? Wir haben ja lange nicht mehr zusammen Dienst gehabt.“
„Guten Morgen, Frau Schmidt, mir geht es ganz gut. Und Ihnen? Möchten Sie einen Kaffee?“
„Nein, danke, ich hatte schon eine Tasse, von zu viel Kaffee schlägt mein Herz immer so heftig. Sie sehen aber gar nicht ausgeruht aus, Kindchen.“
„Ich schlafe in letzter Zeit schlecht. Erinnerungen, böse Träume.“
„Oh, wie furchtbar, in Ihrem Alter sollte man doch von der Liebe träumen und in den Armen eines netten Mannes schlafen. Was bedrückt Sie denn?“
„Sie haben doch sicher in der Zeitung von dem kleinen Mädchen, das verletzt im Park gefunden wurde, gelesen. Sie ist im Krankenhaus gestorben, ihr Stiefvater hatte sie misshandelt und vergewaltigt.“
Frau Schmidt nickte.
„Das arme Mädchen, ich habe es gelesen. Wie kann ein Mensch einem anderen so etwas Grausames antun? Ich frage mich dann immer, ob so etwas niemand mitbekommt.“
„Die Opfer schweigen aus Scham oder weil sie bedroht werden und oft haben sie keine Kraft, sich zu wehren oder Hilfe einzuholen. Ich finde, da wird zu wenig getan, aber der Stiefvater ist auch getötet worden. Das kann kein Zufall sein. Er hat es verdient, ich kann dem Täter nicht böse sein.“
„Oh, ich verstehe Sie, aber Gewalt ist auch hier keine Lösung. Es ist der falsche Weg, den Mörder zu töten.“
„Die Polizistin hat zu mir gesagt, dass man gar nicht gegen ihn ermittelt hat, aber dass ihn jetzt jemand zur Rechenschaft gezogen hat, zeigt doch seine Schuld ganz deutlich. Sie war so verstört und zerbrechlich … die kleine Hanka.“
Frau Schmidt runzelte die Stirn und legte einen Arm um Kendra.
„Woher wissen Sie das denn? Kannten Sie die Kleine?“
„Ich … ich … ich habe sie gefunden, im Park unter einem Busch. Sie hat so gewimmert, es war fürchterlich.“
Eine Träne lief aus Kendras Augenwinkel über die Wange und tropfte auf ihre Bluse. Frau Schmidt reichte ihr wortlos ein Taschentuch und drückte sie an sich.
„Wenn ich könnte, würde ich alle diese miesen Typen bestrafen, sie haben es nicht anders verdient. Aber keine Angst“, sagte Kendra mit geballter Faust, „ich weiß, es ist der falsche Weg.“
Dann schloss Frau Schmidt die Tür auf und die ersten Studenten strömten an ihr vorbei in die Bücherei. Einige knurrten mürrisch, andere riefen ihr ein fröhliches „Guten Morgen“ zu, drei junge Männer schwiegen, sodass Frau Schmidt ihnen eine herzliche Begrüßung entgegen schmetterte. Die drei Studenten zuckten zusammen und antworteten höflich, dann verteilten sie sich in den Regalreihen. Frau Schmidt lächelte und trat zu Kendra hinter die brusthohe Theke.
Kendra saß am Computer und aktualisierte die Aus- und Eingänge der Bücher. Ihre Kollegin trug die fertig bearbeiteten Bücher an die richtige Stelle im Regal und legte die Vorbestellungen in einem Korb ab. Die Technik hatte auch hier Einzug gehalten, aber es gab noch das Flair einer Bücherei. Kendra liebte den Geruch der Bücher und fühlte gerne die festen, trockenen Seiten. Wenn mal wenig zu tun war, schlenderte sie durch die endlosen Reihen der Regale, die fast bis zur Decke reichten und rückte den einen oder anderen Buchrücken zurecht. Manchmal las sie auch in einem Fachbuch, besonders die Psychologie und der Weinbau interessierten sie. So war ihr vor kurzem ein Buch in die Hand gefallen, das sich mit dem Thema Gewalt in der Familie beschäftigte und sie suchte nach Erklärungen für ihr eigenes Schicksal. Als sie es wieder ins Regal zurückstellte, fühlte sie sich nicht besser, sie konnte auch ihre Mutter nicht besser verstehen, nur eines war klar geworden: Niemals würde sie es zulassen, dass sich ein Mensch an ihr oder ihren Kindern vergreifen würde.
10
Lisa hatte bis zum Wochenende jeden Abend mit Sascha telefoniert. Nun stand sie aufgeregt vor dem Haupteingang des Schlosses Johannisberg, das hoch über den Weinbergen thronte. Die Sonne gab ihr Bestes und tauchte die Landschaft in ein sattes Grün. Vögel zwitscherten, es war zehn Uhr am Vormittag und viele Wanderer und Weinliebhaber waren an diesem Punkt zu ihrem Wochenendvergnügen verabredet.
Dann sah Lisa den dunkelblauen Sportwagen, an dem kein einziger Kratzer mehr von ihrem unfreiwilligen Zusammentreffen zeugte, in die Allee einfahren und in eine Parklücke abbiegen. Lisas Herz klopfte heftig, aber die Freude, den attraktiven Fotografen wiederzusehen, überwog.
Sascha sah gut aus, der Wind wehte durch sein kastanienbraunes Haar, sein Lächeln ließ Lisa schmelzen und als er sie sanft auf die Wange küsste, lief ihr ein wohliger Schauer über den Rücken.
„Guten Morgen, schöne Frau, wie habe ich diesen Tag herbeigesehnt.“
„Ich auch …“, stammelte Lisa und sah auf ihre Schuhspitzen.
„Ich mag es, wenn Sie so schüchtern sind, aber ich tue Ihnen nichts, außer vielleicht …“
Er griff nach Lisas Kinn und hob es ein wenig an. Ihre Blicke trafen sich und Sascha beugte sich vorsichtig zu ihr herab, um seine warmen, weichen Lippen auf ihre zu drücken. Lisa wollte zurückweichen, aber Sascha legte einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Seine grauen Augen schauten ihr danach forschend ins Gesicht. Es fühlte sich gut an und Lisa schloss die Augen, als sie sich entspannte. Sie küssten sich innig und liefen Hand in Hand los, an der Basilika vorbei den Weinbergen entgegen. Sascha redete, Lisa hörte zu.
„Ich liebe die Weinberge, sie haben so etwas Beständiges. Und wenn man den Rhein sieht, wie er in der Sonne glitzert, dann fragt man sich wirklich, wozu man noch im Ausland Urlaub machen soll. Ich liebe diese Gegend. Wir sind hier aufgewachsen, meine Schwester und ich. Immer, wenn es Krach gab, bin ich in die Weinberge geflüchtet. Nele hatte viel Ärger mit meinem Vater.“
„Ich habe keine Geschwister und meine Mutter ist auch schon tot. Vor kurzem habe ich Kendra kennengelernt, wir haben uns angefreundet. Es war ein böses Ereignis, das uns zusammengeführt hat, aber irgendwie hat es uns die Freundschaft gebracht.“
Lisa berichtete von Hanka, den Ereignissen, der Polizei-Befragung und dem Tod des Stiefvaters. Sascha hatte geduldig zugehört und seinen Arm fest um Lisas Schultern gelegt.
„Ich habe es in der Zeitung gelesen und mit meiner Schwester darüber geredet. Sie war die ermittelnde Staatsanwältin, bis sie vom Oberstaatsanwalt von dem Fall abgezogen wurde. Nele war sehr sauer, denn bei Gewalt gegen Kinder kennt sie keinen Spaß. Vielleicht, weil sie selbst oft geschlagen wurde.“
„Oh, das tut mir leid, meine Freundin hatte eine Schwester, die vom Vater misshandelt wurde. Sie hatte sich vor vielen Jahren selbst getötet, nachdem sie den Vater umgebracht hat. Meine Freundin war zehn Jahre und hat alles mit angesehen.“
„Warum sind Menschen so böse zu Kindern? Die soll man doch lieben! Ich habe meinen Vater auch nie verstanden, irgendwann ist meine Mutter mit uns weggezogen. Dann war Vater plötzlich verschwunden. Wir wissen bis heute nicht, wo er ist oder ob er noch lebt. Unsere Mutter ist vor zwei Jahren gestorben.“
„Hat er dich auch geschlagen?“
„Nein, nur Nele. Ich war ein Junge, er mochte nur keine Mädchen, denke ich. Zu meiner Mutter war er auch nicht gut. Sie hat viel geweint, aber ich war noch klein und habe das nicht verstanden. Und jetzt lass uns nicht mehr über so etwas Trauriges reden. Ich möchte gerne mit dir zusammen sein, Lisa. Du gefällst mir.“
Sie waren stehengeblieben und hatten sich lange geküsst. Lisa hatte nur genickt und Sascha hatte gefühlt, dass sie die Richtige war, die Frau, auf die er schon so lange gewartet hatte. Er hatte seine Kamera mitgenommen und ein paar Bilder vom Schloss und den Weinbergen gemacht. Nun bat er Lisa, sich neben die Reben zu stellen oder auf die Mauer zu setzen. Lisa wollte sich weigern, aber als sie ihre erste Verlegenheit überwunden hatte, genoss sie die Aufmerksamkeit. Sie war gespannt auf die Bilder.
Später gingen sie essen und dann fuhren sie zu Lisa, die in der kleinen Küche Kaffee kochte. Sie machten es sich auf der Couch gemütlich, Lisa hatte ihr Laptop geholt und Sascha lud die Bilder des Ausflugs hoch. Es waren Bilder voller Licht und Farben, wie Lisa die Umgebung während des Spaziergangs gar nicht so deutlich wahrgenommen hatte. Einzelheiten der Reben traten in den Vordergrund, um sie herum fügte sich die atemberaubende Landschaft ein. Als sich Lisa selbst auf den Bildern sah, bekam sie eine Gänsehaut vor Glück und Ergriffenheit, denn sie war wunderschön und strahlte eine faszinierende Natürlichkeit aus.
„Du hast wirklich ein Auge für den Moment, ein Gefühl für die Szene. Ich wusste gar nicht, dass ich so aussehe.“
„Es ist die Realität, du bist die schönste Frau der Welt. Vielleicht verstehst du jetzt, dass ich mich Hals über Kopf in dich verlieben musste.“
„Jetzt bin ich sicher wieder ganz rot. Verzeih mir, wenn ich nicht so locker bin, aber ich muss mich erst an das Ganze gewöhnen. Liebe war mir bisher nicht so wichtig.“
„Du Arme!“, rief Sascha. „Liebe ist das Wichtigste auf der Welt. Davon leben die Menschen. Ohne Liebe wäre die Welt öde und furchtbar. Lass mich dir die Liebe zeigen. Liebe, Liebe … schon das Wort macht mich glücklich. Und jetzt, meine liebe Lisa, fahre ich heim und schaue mir die Bilder noch einmal ganz in Ruhe an und hänge mir das Beste übers Bett. Sehen wir uns morgen wieder?“
„Gerne. Ich vermisse dich jetzt schon. Danke für den schönen Tag. Wo wohnst du denn eigentlich genau?“
„In Assmannshausen auf dem Berg. Ich habe ein kleines Haus in den Weinbergen, dort ist auch mein Atelier und unten im Haus ein kleiner Fotoladen. Wenn du magst, komm doch morgen zum Frühstück zu mir. Ich würde mich freuen.“
Lisa versprach um neun Uhr mit frischen Brötchen bei ihm zu sein, dann schlang sie die Arme um Saschas Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Es fühlte sich gut und richtig an.
11
Michael war vor Bianca im Büro und stellte die Kaffeemaschine an. Dann füllte er die Obstschale auf und legte seiner Kollegin einen kleinen Schokoriegel auf den Platz. Er fuhr den Computer hoch, überprüfte die Emails und vertiefte sich in den Fall Weißlinger. Es hatte sich herausgestellt, dass seine Frau von den Misshandlungen gewusst und geschwiegen hatte. Bianca hatte Cordelia Bückler, Psychologin und alte Schulfreundin, gebeten, mit der Frau zu reden und was da zutage gefördert wurde, jagte selbst dem abgebrühten Kommissar einen Schauer über den Rücken. Er hatte gar nicht mehr das Bedürfnis, den Mörder von Robert Weißlinger zu suchen, aber das ging ja nicht. Niemand hatte das Recht, Selbstjustiz zu üben, auch wenn das Verbrechen des Mannes noch so grausam war.
Hanka wurde regelmäßig geschlagen, getreten und zweimal hatte er ihre Füße mit heißem Wasser übergossen. Er hatte sie nie ins Gesicht geschlagen, auch die Verbrühungswunden waren nicht zu sehen. Beim Arzt hatte die Mutter angegeben, dass Hanka einen Topf mit kochendem Wasser vom Herd gezogen hatte. Da Hanka immer schon einen Attest für den Sportunterricht hatte, weil sie Probleme mit den Ohren hatte, waren die zahlreichen blauen Flecken an den Armen und den anderen Körperteilen nie jemandem aufgefallen. Die Kleine hatte keine Freunde und niemand beachtete sie, jeden Tag nach der Schule hatte Robert sie abgeholt und dann begann ihr Martyrium erneut.
Wenn Hankas Mutter nicht in der Wohnung war, hatte er das kleine Mädchen in ihrem Kinderzimmer missbraucht. Als die Frau eines Tages früher von der Arbeit kam, weil es in der Firma einen Wasserrohrbruch gegeben hatte, sah sie die wimmernde Hanka und ihren Mann in dieser Situation, aber statt Hanka zu helfen, war sie aus dem Haus gelaufen. Am nächsten Tag sprach sie ihren Mann darauf an und Robert hatte ihr eine schallende Ohrfeige versetzt. Dann zerrte er sie auf den Küchentisch, drückte ihr Gesicht fest auf das kalte Holz und riss ihr die Hose herunter. Er nahm sich, was er für richtig hielt und drohte, er würde Hanka töten und sie müsste dabei zusehen, wenn sie etwas verraten würde.
Hankas Mutter hatte geschwiegen.
Michael spürte eine ohnmächtige Wut. Als seine Kollegin zur Tür hereinkam, atmete er auf und klappte die Akte zu. Bianca begrüßte ihn und spürte sofort, dass er sehr aufgewühlt war. Sie hatte die Gabe, in die Menschen hineinzuschauen. Durch ihre Freundin Cordelia, die Psychologin, wusste sie, dass sie hochsensibel war. Cordelia hatte sich ihr zuliebe ausführlich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Bianca wusste, dass sie sich auf ihre Intuition immer verlassen konnte.
„Hast du wieder die Akte gelesen? Es wird nicht besser, er war ein mieses Dreckstück, aber wir müssen trotzdem seinen Mörder finden.“
„Ich weiß“, seufzte Michael, „aber am liebsten würde ich die Akte schließen und sagen: Das war es, der Täter hat richtig gehandelt.“
„Nein“, widersprach ihm Bianca und er wusste, das sie recht hatte, „es ist niemals der richtige Weg, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Wenn er alle Leute umbringt, die jemand Schwächerem etwas angetan haben, dann kommen wir aus der Arbeit nicht mehr heraus, ich hoffe, der Täter tut das nicht wieder. Nele ist immer noch sehr wütend auf den Oberstaatsanwalt, der jetzt Ermittlungsfehler einräumen musste. Ich denke, in Zukunft wird man wachsamer sein. Es ist vor allem nötig, dass man den Opfern den Rücken stärkt, damit sie gegen ihre Peiniger aussagen.“
Das Telefon klingelte, Bianca nahm ab. Sie lauschte in den Hörer.
„In Ordnung, wir kommen sofort.“
Sie legte auf und sah Michael an.
„Was?“
„Mord im Rotlichtmilieu. Es hat einen Zuhälter erwischt. Er klebt in der Garage zwischen einer Wand und einem Laster.“
„Oha, das hört sich nicht gut an.“
Sie eilten zum Dienstwagen und fuhren mit Blaulicht nach Martinsthal, wo sich am Waldrand etwas außerhalb eine neugebaute Villa befand. Das Tor zum Parkeingang und das elektrische Roll-Tor zur Garage standen offen, eine Streife sicherte alles ab. Die Presse war schon vor Ort und musste mit Nachdruck zurückgedrängt werden. Bianca und Michael wurden durchgewinkt und hielten ein wenig abseits unter einer großen Eiche.
Der Hausmeister kam ihnen entgegen und rief, wobei er mit beiden Armen fuchtelte: „Da können Sie nicht parken. Das ist ein gepflegter Rasen.“
Michael ließ sich nicht beirren und fragte nüchtern: „Wer sagt das?“
„Mein Chef hat das immer gesagt: Nicht auf dem Rasen parken.“
„Ist das nicht der Tote in der Garage?“
Der Hausmeister nickte.
„Tja, dann ist ihm jetzt wahrscheinlich egal, wo ich parke.“
Damit ließ er den vor Wut schäumenden Mann stehen, Bianca grüßte ihn übertrieben höflich und folgte Michael in die Garage, wo ein großer Laster die Sicht versperrte. Hinter dem Fahrzeug kam ein junger Mann hervor und zuckte plötzlich zurück. Es war Pit Deicker von der Spurensicherung. Bianca schnaufte hörbar. Michael stellte sich dicht neben sie.
„Meine Schöne, wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht gesehen. Hast du mich vermisst?“
Bianca ging nicht darauf ein und fragte nach der Tat. Pit zog pikiert die Augenbrauen hoch, ehe er sachlich zusammenfasste, was hier passiert war.
„Richard Rizzo Rosselinger heißt unser Opfer, eine Frankfurter Rotlichtgröße, der sich vor knapp zwei Jahren hier niedergelassen hat. Er hat keine großen Geschäfte mehr gemacht, ist aber bekannt wie ein bunter Hund. Er war vor einem halben Jahr in aller Munde gewesen, weil zwei junge Mädchen aus Polen in einem seiner Häuser im Keller gefunden wurden, sie waren misshandelt und getötet worden. Er stand unter Verdacht, aber niemand konnte ihm etwas nachweisen. Angeblich kannte er die jungen Frauen nicht und das Haus war vermietet. Eine war erst fünfzehn, die andere war die große Schwester und schon achtzehn. Er ist davongekommen. Jetzt ist er zerquetscht worden, von wem auch immer. Es hat jedenfalls kein Unschuldslamm getroffen.“
Dann wandte sich Pit ab und ließ sie einfach stehen.
„Ich rede mal mit dem Hausmeister, zu dem du so nett warst. Und Michael … danke.“
Michael streichelte ihr sanft über den Arm. Dann ging er um den Laster herum und presste sich die Faust auf den Mund, um sich nicht übergeben zu müssen. Die Leiche war im wahrsten Sinne des Wortes zerquetscht worden. Michael konnte nicht mehr hinsehen, aber er war sich sicher, dass dieser Mann etwas ganz Schlimmes getan haben musste. So zu sterben musste eine Qual sein. Seinem Gesicht nach zu urteilen, hatte er alles kommen sehen, es war schmerzverzerrt, der Mund zum Schreien weit aufgerissen. Die offenen Augen des Mannes verrieten, was er in seinen letzten Sekunden gefühlt hatte. Überall waren Blutspritzer. Die Tür des Lasters stand offen und als Michael sich bückt, weil er etwas Weißes unter dem Sitz schimmern sah, zuckte er zusammen. Dort lag eine kleine, weiße Stoffrose.
„Scheiße“, murmelte er und winkte Pit Deicker heran. „Was denkst du darüber?“
„Oha, die kenne ich doch. Mist, sollte es der gleiche Täter sein wie am Rhein? Das wäre ja wirklich ein Ding.“
„Es würde schon mit dem Teufel zugehen, wenn zwei verschiedene Täter ausgerechnet dieselbe Idee mit der Rose hätten, oder?“
Pit sah Michael an und nickte. Er nahm einen kleinen Plastikbeutel und tat die Rose hinein, dann verschloss er die Tüte sorgfältig. Michael wollte gerade zu Bianca nach draußen gehen, als Pit ihn am Ärmel festhielt.
„Wir sind zwar nicht die besten Freunde, aber sag mir bitte, wie es Bianca geht.“
„Es geht ihr gut. Warum? Ich denke, ihr habt euch getrennt.“
„Ach, ich glaube, sie braucht nur eine Auszeit, bis sie wieder zu mir zurückkommt, ist nur eine Frage der Zeit. Sie kann doch gar nicht ohne mich leben.“
„Pit, sei nicht sauer, aber sie hat mir erzählt, was du so alles veranstaltet hast. Sie kann sehr wohl ohne dich leben, also akzeptiere das und lass sie in Ruhe.“
Pit blickte finster in Michaels ruhiges Gesicht.
„Du hast doch nichts mit ihr, oder? Lass du mal die Finger von ihr, sonst …“
„Pit, lass gut sein, ich bin weg. Und nein, ich habe nichts mit ihr.“
Michael ging schnell aus der Garage und spürte den stechenden Blick von Pit in seinem Rücken. Draußen kam ihm Bianca entgegen. Sie runzelte die Stirn und wollte wissen, was los war. Michael wollte sie nicht beunruhigen und beschrieb den Anblick des toten Mannes.
„Eine weiße Rose lag im Auto.“
„Oh.“
Bianca hatte schon so ein merkwürdiges Gefühl gehabt, als Pit von den misshandelten Mädchen berichtet hatte, nun gingen in ihrem Kopf alle Alarmsirenen an.
„Der gleiche Täter? Das wäre furchtbar. Geht hier etwa ein Rächer um und bestraft Menschen, die jemanden misshandelt haben? Mist, wir müssen mit Nele reden, sofort.“
„Ja, die Staatsanwältin muss darüber Bescheid wissen. Wenn das Morden weitergeht, geraten wir mächtig unter Druck. Die Bevölkerung wird sich ihr eigenes Urteil bilden, hoffentlich gibt es keine Hexenjagd.“
„Hoffentlich gibt es keinen weiteren Toten. Das mit der Rose darf auf keinen Fall an die Presse gelangen.“
„Was sagt der Hausmeister?“, fragte Michael, als sie sich wieder ins Auto gesetzt hatten.
„Er hat den Toten gefunden und sofort die Polizei gerufen. Der Typ war sein Hausmeister, sein Chauffeur und sein Bodyguard. Er hatte aber feste Arbeitszeiten, von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends. Gestern Abend hat sein Chef noch vor dem Fernseher gesessen, als er Feierabend hatte. Es war alles wie immer. Die Alarmanlage schaltet sich um Mitternacht automatisch scharf. Sie war heute Morgen aus.“
12
Michael startete den Wagen und fuhr direkt zur Staatsanwaltschaft, wo man von dem neuen Opfer schon gehört hatte. Um seinen Fehler wiedergutzumachen, hatte der Oberstaatsanwalt Nele Wolf-Kritzek den Fall Weißlinger wieder übertragen. Sie war eine schöne, schlanke Frau Mitte dreißig. Ihr langes, kastanienbraunes Haar fiel locker über die Schultern des grauen Kleides. Ihre Haut war glatt und hell, die grauen Augen glänzten hinter einem Vorhang aus dunklen, langen Wimpern. Sie war dezent geschminkt. Ihr Ruf als Staatsanwältin war tadellos. Sie war die beste Studentin ihres Jahrgangs gewesen und hatte bisher fast alle Fälle gewonnen. Bei Gericht zitterten die Angeklagten, wenn sie ihre straffe, unbeugsame Gestalt zu Gesicht bekamen. In diesen Augenblicken waren ihre Augen die Fenster zu ihrer Seele.
Nele und Bianca hatten sich vor Jahren beim Kampfsport-Training kennengelernt und hatten sofort eine innere Verbindung gespürt, die sie zu engen Freundinnen werden ließ. Michael bewunderte die schöne Frau, die seiner Partnerin so ähnlich war. Ihre Intuition half ihr bei den schwierigsten Fällen, so wie es bei Bianca auch war.
Nele hatte dem Bericht von Michael zugehört und seufzte nun tief.
„Oh, nein, bitte keine Serie und schon gar nicht, wenn es um solch einen Hintergrund geht. Ich sehe schon die Schlagzeilen: Der Rächer der Schwachen schlägt wieder zu. Das wäre furchtbar. Weiß die Presse von der Rose?“
„Nein“, erklärte Michael, „die hat nur die Eckdaten. Wir werden schweigen. Der Tote war übel zugerichtet, so wie Robert Weißlinger auch, nur eben mit einem Fahrzeug. Was hat das zu bedeuten, dass es nicht die gleiche Waffe war?“
„Wahrscheinlich kam der Täter nicht so nahe an den Kerl heran. Dieser Richard, in der Szene nur Rizzo genannt, soll ein ganz harter Hund gewesen sein. Die Mädchen und Frauen, die für ihn angeschafft haben, hatten nicht viel zu lachen. Ich kenne ihn aus früheren Fällen, einem meiner ungeklärten zudem. Es konnte ihm nichts nachgewiesen werden, er ist aalglatt. Die Wohnung, wo man die Mädchen gefunden hatte, gehörte ihm zwar, sie war aber vermietet und er hatte ein Alibi, das ihm seine Kumpane gerne gegeben hatten. Nun hat wohl jemand das erledigt, was ich nicht erreichen konnte. Oh, Mann.“
Nele hatte sich in ihrem Sessel zurückgelehnt und wippte mit dem Möbelstück unruhig vor und zurück. Sie war sehr enttäuscht und wütend gewesen, als Rizzo sie nach der Verhandlung ungeniert angegrinst und auf einen Drink eingeladen hatte. Sein Tod war zwar nicht Recht, aber innerlich hatte sie aufgeatmet. Es gab wohl doch so etwas wie Gerechtigkeit.
„Was nun?“, fragte sie mit einem ermutigenden Blick über den Tisch.
Bianca antwortete: „Wir werden sehen, was seine Leute sagen. Er hatte sich zur Ruhe gesetzt und war nur noch als Berater tätig, das hat mir der Hausmeister erzählt. Aber viel war nicht aus dem herauszubekommen. Sehen wir uns Freitagabend, meine Liebe?“
„Natürlich, wie immer, erst Sport, dann feiern gehen, Frauenabend. Übrigens: Mein Bruder hat eine Frau kennengelernt und ist bis über beide Ohren verliebt. Er will sie mir am Sonntag bei einem Mittagessen vorstellen. Ich bin gespannt.“
„Er hatte ja schon immer einen ganz besonderen Geschmack, ich glaube es gar nicht, dass eine Frau für ihn wichtig genug ist. Komm, Michael, ich habe Hunger. Lass uns zum Italiener um die Ecke gehen. Kommst du mit, Nele?“
„Keine Zeit, gleich ist die Besprechung für die Pressemitteilung. Bis Freitag.“
Nele und Bianca umarmten sich herzlich, Michael winkte, dann waren sie aus der Tür und liefen durch die blank geputzten Korridore nach unten. Nachdem sie unter dem kühlenden Dach der Linden nach rechts abgebogen waren, standen sie vor der kleinen, gemütlichen Pizzeria, in der es ruhig und ein wenig düster war. Die Möbel waren alt, aber gepflegt und in der Küche bereitete eine resolute, italienische Mama die beste Pasta der Welt zu. Es duftete nach frischen Kräutern und frisch gebackenem Brot. Michael hielt Bianca die Tür auf und folgte ihr an einen Tisch am Fenster. Sie bekamen die Karte und studierten sie eine Weile schweigend. Bianca bestellte Lasagne und Michael Penne Bolognese, dazu gab es Apfelschorle. Der hübsche, junge Kellner verschwand und die beiden waren fast alleine. Nur in der anderen Ecke saßen drei Männer, die in ihren Anzügen mit den hellblauen Hemden und dunklen Krawatten wie wichtige Geschäftsleute aussahen.
„Michael, was hat Pit zu dir gesagt?“
„Woher … ich meine … wie kommst du … Ach, Mist, ich dachte, du merkst es nicht. Er wird keine Ruhe geben, denn er denkt, es ist für dich nur eine Auszeit. Also sei vorsichtig. Er sah ziemlich sauer aus, als ich ihm gesagt habe, dass er dich in Ruhe lassen soll. Er dachte, wir haben etwas miteinander.“
Bianca hatte angefangen zu lachen.
„Daher weht der Wind. Dieser Kerl wäre auch noch auf ein Kuscheltier eifersüchtig.“
„Hallo! Du hast mich doch nicht gerade mit einem Kuscheltier verglichen?“
„Ach, mein Lieber, du bist manchmal sehr kuschelig, aber es war nur so dahingesagt. Pit wäre auch auf den Kartenabreißer im Kino eifersüchtig. Ich glaube, er hat mal etwas Schlimmes erlebt und nicht verarbeitet. Das schleppt er mit sich herum. Er hat auch keine Familie mehr, aber darüber wollte er nie reden.“
Michael hatte nach dem Essen ihre Hand genommen und merkte nun, dass sie sie nicht weggezogen hatte. Bianca folgte seinem Blick und lächelte.
„Danke, mein Beschützer. Wenn ich dich nicht hätte.“
„Ich würde eine ganze Menge für dich tun, wenn du mich lassen würdest.“
„Ich weiß, Michael, aber wir sind tolle Kollegen und gute Freunde. Ich glaube nicht, dass wir das zerstören sollten.“
„Und ich glaube nicht, dass wir etwas zerstören würden.“
Nun entzog ihm Bianca ihre Hand und suchte in der Handtasche nach ihrem Handy. Michael seufzte traurig. Sie beugte sich hinüber und küsste ihn auf die Wange.
„Nicht böse sein.“
Er schüttelte den Kopf und rief nach dem Kellner, um zu bezahlen. Sie fuhren ins Büro und machten einen Plan für die nächsten Tage.
13
„Guten Morgen, meine Schöne.“
Sascha hatte Lisa am Sonntag zum Frühstück eingeladen und nun stand sie aufgeregt mit einer Tüte Brötchen vor seiner Tür. Er bat sie ins Haus und nahm ihr die Jacke ab. Sie stand in einem indirekt beleuchteten Flur. An den Wänden hingen Fotos von Bäumen aus den verschiedensten Ländern der Welt.
Sascha hängte Lisas Jacke an die helle Holzgarderobe und schob sie in die lichtdurchflutete Küche. Die große Tür zur Terrasse stand offen, Lisa sah das satte Grün der Weinberge und den strahlend blauen Frühsommer-Himmel. Als sie ans Fenster trat und hinausblickte, schlang er von hinten die Arme um sie und küsste sie in den Nacken, nachdem er die blonden Haare zur Seite gestrichen hatte.
„Schön ist es hier, dieser Ausblick ist gigantisch. Nur blauer Himmel und Wein, da hast du doch jeden Tag gute Laune, oder?“
„Na klar, komm, ich zeig dir das Haus, der Kaffee ist noch nicht durchgelaufen.“
Sascha lief voraus und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Es war leuchtend gelb gestrichen und hohe Bücherregale bedeckten eine ganze Wand, gegenüber war eine graue Sitzecke mit vielen bunten Kissen, davor war ein kleiner Tisch mit Zeitschriften bedeckt.
„Wir befinden uns hier im ursprünglichen Altbau, die linke Hälfte, die du von vorne gesehen hast, haben die Vorbesitzer vor einigen Jahren angebaut. Eigentlich ist es ein altes Fachwerkhaus, aber hier im Erdgeschoss konnte es nicht erhalten werden. Man hat dann einige alte Balken gerettet und in der Innenwand eingebaut. Oben ist mehr vom alten Charakter zu sehen.“
Wie immer, wenn ihn etwas sehr begeisterte, sprach Sascha voller Hochachtung und Energie darüber. Er zeigte ihr das kleine Gäste-Bad unten und zog sie dann an der Hand ins obere Stockwerk. Dort führten sowohl das Schlafzimmer als auch das Arbeitszimmer auf einen großen Balkon hinaus. Lisa lehnte sich an das Geländer und schloss die Augen. Der Atem von Sascha, den sie in ihrem Nacken spürte, erregte sie ungemein. Ein leichtes Zittern lief durch ihren Körper. Sie hatte schon mit zwei Männern geschlafen, aber es war alles andere als schön gewesen. Die Vorstellung, dass es mit Sascha auch missglücken könnte, ließ sie ein Stück abrücken. Er runzelte die Stirn und sah sie von der Seite an.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
Lisa lehnte sich nun an Sascha und flüsterte: „Nein, gar nicht, ich habe nur ein wenig Angst, dass ich das alles hier nicht richtig mache und du vielleicht enttäuscht bist.“
„Oh, nein, mach dir keine Sorgen, es ist gut so, wie es ist. Wir haben doch alle Zeit der Welt, um zueinander zu finden. Ich werde dich zu nichts drängen. Dazu bist du mir viel zu wichtig, ich würde dir niemals wehtun.“
„Danke. Und jetzt habe ich Hunger!“
Sie liefen die Treppe hinunter und setzten sich in der Küche an den liebevoll gedeckten Tisch. Lisa fühlte sich nun locker und entspannt, denn sie wusste, dass hier der Mann saß, der sie in eine neue Zeit führen würde. Nach dem Frühstück zeigte Sascha Lisa noch die andere Haushälfte mit dem Fotolabor und dem kleinen Laden. Wie im gesamten Haus war auch dort alles voller aussagekräftiger Fotos, aber hier dominierten Gesichter von Menschen die Ausstellung. Alte Menschen, Kinder, Zwillinge, Frauen und Männer sahen aus wie gute Bekannte des Fotografen, der es schaffte, jedes Gesicht in seiner ganzen Schönheit darzustellen.
„Ich sehe die Menschen, ich fotografiere sie nicht nur. Wenn die Welt um sie herum im Vergessen versinkt, dann drücke ich auf den Auslöser, das bringt diese faszinierende Natürlichkeit zutage. Es war wie bei dir. Weißt du, ich mag gar keine Models fotografieren, deren Schönheit ist nicht ehrlich. Schau hier, die alte Frau, die ihren Hund küsst, das ist Leben, nicht das gekünstelte Posieren.“
Lisa war vor dem Bild stehengeblieben. Die Frau musste um die Siebzig sein und hatte weiße Haare und eine Menge Falten, trotzdem war sie wunderschön, denn die Liebe zu dem kleinen Hund war deutlich in ihren Augen zu lesen. Lisa lobte Sascha für die Kunstwerke. Dann erschrak sie, denn auf einem Bild war sie selbst zu sehen, natürlich schön auf der kleinen Mauer zu Füßen des Schlosses Johannisberg. Ihre Augen leuchteten, sie schaute hinunter zum Rhein. Lisa erinnerte sich gar nicht daran, dass er sie in dem Moment fotografiert hatte und verstand nun, was er damit meinte: „… wenn die Welt um sie herum im Vergessen versinkt …“
Am Abend war Lisa wieder zuhause und sie telefonierten noch einmal, um sich ein letztes Mal für diesen Tag Gute Nacht zu sagen.
14
Pit Deicker war gerade wütend aus dem Büro gelaufen und hatte die Tür hinter sich zugeknallt. Michael schaute Bianca an, die erleichtert aufatmete. Pit hatte den Abschlussbericht der Spurensicherung gebracht und dann versucht, sich mit Bianca zu verabreden. Als sie keines seiner Angebote annahm, war er unhöflich geworden.
„Du weißt doch, dass ich dich liebe, ich kann nicht einfach aufgeben und ich werde es auch nicht. Du kannst doch gar nicht ohne mich leben, mein Schatz. Du brauchst mich! Du musst …“
Als er das vierte Mal sehr betont DU gesagt hatte, war Michael, den Pit einfach ignoriert hatte, zu Bianca gegangen, hatte sie auf die Wange geküsst und den Arm um sie gelegt. Bianca hatte den Wink verstanden und ihn verliebt angelächelt.
„Ach, so ist das“, sagte Pit mit einer steilen Zornesfalte auf der Stirn. „Du bescheißt mich mit dem hier. Glaub ja nicht, dass ich euch hier in eurem Liebesnest in Ruhe rummachen lasse. Du wirst schon noch kapieren, zu wem du gehörst.“
Dann drehte er sich abrupt um und lief hinaus. Michael hatte Bianca wieder losgelassen und war zu seinem Schreibtisch zurückgegangen, wo er sich nun setzte und die Akte der Spurensicherung aufschlug.
„Danke“, flüsterte Bianca sanft.
„Liebe Kollegin, das habe ich doch gerne getan, aber ich muss dir sagen, ich habe Angst um dich. Wirklich!“
„Das musst du nicht, aber wenn es dich beruhigt: Ich werde gut auf mich aufpassen. Er tut nur so böse, in seinem Herzen ist er ein weicher, verletzlicher Kerl.“
„Mann, der Typ hat dir gedroht. Und ich bin ja nicht immer da, um dich zu beschützen. Ich habe keine ruhige Minute mehr.“
„Ich gehe zweimal in der Woche zum Kampfsport und bin da sehr fit. Mach dir keine Gedanken, aber danke trotzdem für deine Unterstützung. Wenn etwas ist, dann komme ich zu dir.“
„Gut, dann lass uns arbeiten. Hier steht, dass Rizzo eine Waffe hatte, die er laut Hausmeister im Laster, der ihm tatsächlich selbst gehörte, aufbewahrt hatte. Ich habe keine gesehen. Du?“
„Nein, aber ich war nicht im Auto. Hast du ins Handschuhfach gesehen?“
„Da waren nur Schokoriegel und Hustenbonbons drin. Vielleicht hat Rizzo die Waffe mit ins Haus genommen. Ich lese mal weiter, hier ist eine Liste, was die Spusi drinnen gefunden hat. Hm … Geld, Schmuck im Tresor, Papiere … keine Waffe. Was soll das für eine Waffe sein? Wo steht denn das?“
Michael blätterte langsam weiter, bis er die Angaben fand. Es war nach Aussage des Hausmeisters eine moderne, russische Pistole, für die Rizzo natürlich keinen Waffenschein besaß. Mit ihr war eine Schachtel Munition verschwunden.
„Mist“, erklärte Michael, „diese Dinger gibt es wie Sand am Meer. Sicher hat Rizzo sie auf dem Schwarzmarkt gekauft. Was denkst du, wer die jetzt hat?“
„Entweder hat der Hausmeister die Gelegenheit genutzt und sie geklaut oder, was weitaus schlimmer wäre, der Täter läuft jetzt mit dieser Waffe herum. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, was er damit tun kann.“
Michael nickte, auch ihm war mulmig, wenn er daran dachte, dass jemand da draußen mit einer Tasche voller Patronen und einer tödlichen Waffe auf dem Weg zum nächsten gewalttätigen Kinderschänder war.
„Bianca, komm mit, wir müssen zu deiner Freundin Nele! Es gibt doch sicher eine Liste mit Leuten, die Kinder oder Frauen misshandelt haben und dann freigesprochen wurden.“
„Das nenne ich mal eine interessante Idee, vielleicht können wir einen weiteren Mord verhindern. Es sei denn …“
Michael blickte neugierig zu Bianca.
„Es sei denn?“
„Es sei denn, die beiden Morde habe gar nichts miteinander zu tun.“
„Das sagt ausgerechnet die Frau, die immer auf ihr Bauchgefühl hört? Glaubst du das wirklich?“
„Nein, natürlich nicht, aber wir müssen doch alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.“
Bianca stieß Michael an, der nachgedacht hatte und dann folgte er ihr zum Auto. Von unterwegs rief sie bei Nele an und erklärte, warum sie ihre Hilfe benötigten. Als sie ins Büro der Staatsanwältin traten, waren gerade die Akten gebracht worden, die die Fälle enthielten, bei denen der Täter entweder freigesprochen oder gar nicht erst angeklagt worden war.
„Ach, du Scheiße“, entfuhr es Michael, als er den Berg von Ordnern erblickte.
Nele Wolf-Kritzek nickte und bot den Kommissaren einen Platz an. Sie trug heute ein dunkelblaues Kostüm mit einer weißen Bluse, deren zwei obere Knöpfe offen waren. Sie sah unwiderstehlich gut aus. Michael konnte seinen Blick nicht von ihr lassen. Bianca und Nele hatten sich angesehen und nun grinste die Staatsanwältin ihn ungeniert und offen an.
„Herr Kommissar, muss ich Sie wegen unanständigen Starrens anklagen? Es wartet ein Berg Arbeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Kaffee?“
Michael war tatsächlich errötet und nickte automatisch. Nele sagte ihrer Sekretärin, was sie wollten und dann nahm sich jeder einen Stapel Akten und setzte sich in eine andere Ecke des Zimmers. Bianca hatte den Sessel ans Fenster gerückt, Michael blieb auf der Couch und Nele setzte sich in ihren Schreibtischsessel. Die Sekretarin kam fünf Minuten später ins Zimmer, das Abstellen des Tabletts und das leise Klirren der Tassen war neben dem Rascheln des Papiers beim Umblättern das einzige Geräusch. Sie schlich wieder hinaus und ließ ihre Chefin und die Kommissare alleine.
Nach einer halben Stunde schaute Bianca auf, sie hatte feuchte Augen, als sie sagte: „Das sind die Abgründe der Menschheit. Mir läuft es schon eiskalt den Rücken hinunter, wenn ein Erwachsener sich an einem anderen Erwachsenen vergreift, aber das, was manche kleinen Kindern antun, die hilflos und zerbrechlich sind, das ist furchtbar. Es ist an Grausamkeit nicht zu überbieten. Warum tut ein Mensch so etwas?“
„Ich weiß es nicht. Manchmal haben die Täter in ihrem Leben selbst viel Gewalt erlebt und können Konflikte nicht anders lösen.“
„Aber das entschuldigt doch nicht das, was sie Kindern antun! Man kann doch nicht alles, was passiert, mit einer schrecklichen Kindheit entschuldigen!“, rief Michael, der blass und traurig aussah. „Im Gegenteil, ich denke, dass man es doch dann auf jeden Fall besser machen will mit seinen Kindern.“
Nele schaute ihn ernst an.
„Ich habe nie verstanden, warum mein Vater mir das angetan hat. Er sagte immer, es wäre meine Schuld gewesen. Ich hätte ihn provoziert oder Fehler gemacht. Mein halbes Leben lang habe ich geglaubt, dass er Recht hat. Die Opfer schämen sich, sie reden nicht, sie geben sich selbst die Schuld und niemand, absolut niemand kann dich in so einer Situation beschützen. Mein kleiner Bruder musste immer mit ansehen, wie mein Vater mich misshandelt hat und er hat nicht begriffen, was da geschieht. Er macht sich heute die größten Vorwürfe und gibt sich die Schuld, dass er mir nicht beigestanden hat. Er war doch noch so klein … er … konnte mir nicht helfen. Selbst meine Mutter hat es nicht getan.“
Nele zitterte vor Ergriffenheit und vor Wut. Sie hatte den Absprung aus eigener Kraft geschafft, dann den besten Abschluss in der Schule gemacht, das Jurastudium auch mit Bestnoten bestanden und ihr Leben im Griff. Sie machte mit Bianca Kampfsport, denn sie hatte sich geschworen, dass sie niemals mehr ein Opfer sein würde. Dieses Gefühl hatte sie längst hinter sich gelassen. Jeder Mann, der ein Kind misshandelt hatte, jede Frau, die ihrem Kind Gewalt angetan hatte, musste mit einer harten Strafe rechnen, wenn Nele ermittelte. Nur manchmal musste sie sich geschlagen geben, so wie bei Rizzo und wie bei Robert Weißlinger.
„Und jetzt sitzen wir hier und müssen diese Verbrecher vor einer Bestrafung schützen. Also, ich schlage vor, wir teilen das alles wie folgt ein: Ein Stapel mit den Fällen, bei denen die Anzeige zurückgezogen wurde, einer mit denen, wo man dem Täter nichts nachweisen konnte und einer, wo der Täter nur eine geringfügige Strafe erhalten hat. In Ordnung?“
Michael und Bianca nickten und begannen, die einzelnen Akten umzuschichten.
„Wen befragen wir zuerst?“
„Übernehmt ihr doch den ersten Stapel, ich besorge noch Leute, die die anderen befragen.“
Michael nickte.
„Glauben Sie mir, es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist, aber leider dürfen wir uns keine persönliche Meinung gönnen. Was ist denn mit dem Gedanken, dass Rizzo von einem anderen getötet wurde? Mord im Milieu?“
„Das halte ich für ausgeschlossen. Ein guter Mann, der für mich arbeitet, hat sich schon umgehört. Es gab nichts Besonderes, womit Rizzo zu tun hatte. Die Szene hüllt sich in Schweigen.“
„Dann bis heute Abend“, sagte Bianca und küsste Nele auf die Wange.
Die drückte Biancas Hand. Die Freundin hatte schon oft zugehört, wenn Nele mit ihrem Schicksal haderte. Diese Selbstzweifel, die Gedanken, nicht gut genug zu sein, die würde sie ein Leben lang mit sich herumtragen. Sie hätte damals ihren Peiniger sehr gerne angezeigt und hinter Gitter gebracht, was ihr eine große Befreiung gewesen wäre. Doch sie hatte nicht den Mut dazu gefunden. Aber die seelischen Wunden würden niemals heilen, sie waren zu tief.
15
Kendra saß mit ihrer Mutter im Café.
„Mutter, warum hast du zugelassen, dass Vater Nora immer wieder erniedrigt und wehgetan hat?“
„Ach, Kind, das ist doch nichts, was wir in einem Café bereden können. Außerdem weiß ich nicht, was ich dir erklären soll. Ich wusste so gut wie nichts davon und bin dann sofort mit dir weg, als das mit Papa passiert war. Ich möchte nicht mehr daran denken.“
„Aber ich möchte daran denken. Hast du in der Zeitung von der kleinen Hanka gelesen, die von ihrem Stiefvater misshandelt, vergewaltigt und getötet worden ist?“
„Darum lese ich keine Zeitung. Da stehen doch nur grausame Dinge drin. Ich will das nicht wissen.“
„So, wie du nicht wissen wolltest, was Vater getan hat?“
Kendra hätte ihre Mutter am liebsten geschüttelt und gerüttelt, so gleichgültig klang ihre Stimme und so wenig Anteilnahme sah sie in ihren Augen. Wie konnte man als Mutter, die ein Kind lieben und beschützen soll, zusehen, wie es zugrunde geht? Mutter war zu Kendra immer liebevoll und nett gewesen, auch der Vater war ganz normal zu ihr. Aber er war ein Monster, wenn er Nora gegenübertrat.
Kendra hatte sich meist zurückgezogen, wenn er zu schreien begann, aber oft hatte sie hinter der Tür gestanden und zugesehen. Sie konnte kaum atmen, wenn sie sah, wie der Mann, der eben noch mit ihr gespielt hatte, Nora an den Haaren zog oder ihr mit ganzer Kraft in den Rücken trat. Einmal hatte er ihre Hand genommen und auf die heiße Herdplatte gerückt. Noras Schreien war so furchtbar, dass Kendra in den Schrank geflüchtet war und sich einen Mantel über den Kopf gezogen hatte. Mutter war dann mit den beiden am nächsten Tag zum Arzt gegangen und hatte ihm erklärt, wie ungeschickt Nora war. Der Arzt behandelte die Wunde, fragte aber nicht weiter nach. Nora hatte nicht die Kraft, die Wahrheit zu sagen und Kendra wusste nicht, ob man ihr glauben würde. Sie war der Überzeugung, dass ihre Mutter schon das Richtige tat, schließlich war sie erwachsen. Nora lächelte ihrer kleinen Schwester tapfer zu und nickte.
Abends sagte sie immer: „Ich bin nun mal sehr ungeschickt, meine Kleine, der Papa meint das nicht so, er ist zurecht böse auf mich.“
Heute wusste Kendra, wie unrecht Nora hatte. Niemand hatte das Recht, kleine Kinder zu quälen.
Jetzt kam der Kellner mit den Eisbechern, die ihre Mutter bestellt hatte, daneben stellte er je einen Milchkaffee. Kendra schaufelte wütend und schweigend das Eis in sich hinein. Es war so viel in ihr, was sie sagen wollte, aber sie war wie gelähmt. Die Mutter erzählte unbefangen von ihrem geplanten Urlaub mit ihrem neuen Freund.
„Was denkst du, was besser ist? Kanada oder lieber Florida? Ich denke ja, dass Florida schöner ist, vor allem ist da Sonne, in Kanada ist es kalt und womöglich liegt da teilweise noch Schnee. Ich hasse Schnee und Kälte. Horst mag das.“
Schnee. Schnee mit roten Blutflecken. Kendra schüttelte sich, sie selbst wusste sehr genau, warum sie Schnee hasste. Gerade hatte sie wieder das Bild von Nora vor Augen, die auf dem schmutzigen Schnee gelegen hatte. Sie steckte den Löffel ins Eis, an Weiteressen war nicht zu denken. Am liebsten wäre sie aufgestanden und weggelaufen. So kann das nicht weitergehen, dachte sie erschüttert, erstens darf ich diese Frau nicht mehr treffen und zweitens muss ich eine Therapie machen.
Sie rief den Kellner zu sich, bezahlte ihr Eis und den Kaffee, warf die Serviette auf den Tisch und stand auf.
„Flieg du mal schön nach Florida und vielleicht bleibst du gleich da! Ruf mich bitte nicht mehr an und vergiss diese Treffen. Ich kann das nicht mehr ertragen und werde mir jetzt Hilfe suchen.“
Sie hörte nicht mehr, wie ihre Mutter sagte: „Aber Kind, warum sollte ich denn in Florida bleiben? Wo willst du denn hin?“
Missmutig und ratlos schüttelte Kendras Mutter den Kopf. Kendra lief ziellos durch die Straßen, als ihr Lisa einfiel. Sie wühlte in der Handtasche und hielt kurze Zeit später ihr Handy in der Hand. Zuerst blockierte sie die Nummer ihrer Mutter, dann wählte sie die von Lisa.
„Ja?“, fragte eine weiche Stimme.
„Ich bin es, Kendra. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich brauche jemanden zum Reden. Hast du Zeit?“
„Aber natürlich. Wollen wir heute Abend zusammen essen gehen? Ich habe tolle Neuigkeiten.“
16
Es klatschte laut, als die Handfläche von Bodo Klarf um sechs Uhr abends die Wange seiner Frau Nadja traf. Ihr Kopf wurde zur Seite gerissen, die Haare wirbelten durcheinander. Ehe Nadja wieder zu sich kam, griff die sorgfältig manikürte Hand ins lange, blonde Haar. Bodo zog Nadja mit sich ins Schlafzimmer, wo er sie auf das Bett stieß. Dass Nadja mit dem Kopf hart auf die Holzkante des Nachttisches aufschlug, störte ihn wenig. Er zog mit Schwung den Gürtel aus der Hose seines gepflegten Anzuges, legte das Jackett ordentlich über den Herrendiener und lockerte die Krawatte, sein Gesicht war vor Zorn gerötet.
„Was fällt dir ein, du Schlampe? Ich komme von der Arbeit heim und du hast nichts Besseres zu tun, als mit irgendeiner anderen Schlampe zu telefonieren? Was denkst du denn, wann ich etwas zu essen bekomme?“
Am Ende jeder Frage war das harte Leder des Gürtels auf Nadjas Körper niedergegangen. Nadja zuckte jedes Mal vor Schmerzen zusammen, aber sie schrie nicht, sie schrie niemals, denn sie konnte nicht schreien. Vor zwei Jahren hatte sie Bodo in einem Anfall von Raserei so lange gewürgt, dass ihr Kehlkopf dauerhaft so geschädigt war, dass sie nicht mehr laut sprechen und auch nicht mehr schreien konnte.
Auch jetzt kam nur ein leises Röcheln aus ihrem Mund.
„Hör auf, bitte, ich mache dir sofort etwas zu essen“, flehte sie flüsternd.
„Steh auf, du Dreckstück!“
Nadja richtete sich langsam und vorsichtig auf und versuchte zu stehen.
„Schneller, du faule Schlampe!“
„Ich bin soweit. Lass mich in die Küche gehen.“
„Zieh dich aus!“
„Nein, bitte …“
Der Gürtel sauste auf Nadjas rechte Schulter nieder. Nadja wimmerte. Dann zog sie rasch ihren Pulli über den Kopf und ließ ihn auf das Bett sinken. Ihr magerer Körper bebte vor Angst und Aufregung. Sie wusste, was nun kommen würde und hielt inne.
Bodo forderte unbeirrt: „Weiter, schneller!“
Nadja griff mit beiden Händen nach hinten und löste den Verschluss des roten Büstenhalters, dann warf sie ihn neben den Pulli. Sie wusste, dass sie sich weiter ausziehen musste und streifte die Designer-Jeans von den knochigen Beinen. Sie trug niemals Socken, denn die engten sie ein. Der kleine, rote Slip verdeckte wenig, aber alle besseren Unterhosen hatte Bodo weggeworfen.
„Leg dich hin!“
Nadja bekam nur noch mühsam Luft, vor Angst war ihre Kehle zugeschnürt. Jetzt ging Bodo ans Fenster, zog die Gardinen zu und die Hose mitsamt der Unterhose aus. Er kniete über Nadja auf dem Bett und schlug mit dem Gürtel zuerst auf ihre Brust, auf den Bauch und danach forderte er sie auf, sich umzudrehen. Bodo warf den Gürtel achtlos neben sich und riss Nadja an den Haaren hoch. Mit seiner großen, groben, rechten Hand ergriff er eine ihrer Brüste und presste sie so zusammen, dass Nadja sich vor Schmerzen wand. Die andere Hand versank in ihrer Scham und riss daran herum.
„Eine Frau muss ihren Mann versorgen und für ihn da sein. Dafür schafft der Mann das Geld heran. Das hat mein Vater schon zu meiner Mutter gesagt. Die hat auch nichts getaugt, dafür hat es immer mal einen Satz warme Ohren gegeben. Und du bist genauso ein Miststück, nicht mal etwas zu essen bringst du zustande. Da muss ich dich bestrafen, das verstehst du doch, oder?“
Er boxte sie mit der Faust in den Rücken. Seine sonst so hübschen, südländischen Züge waren zu einer bösen Fratze verzerrt, nichts erinnerte mehr an den Mann, den Nadja einmal geliebt hatte.
„Verstehst du das?“, wiederholte er Bodo gefährlich leise.
„Ja“, hauchte Nadja mit letzter Kraft.
„Na siehst du!“
Nun griff er wieder nach dem Gürtel, legte ihn von hinten um Nadjas Hals und zog das Lederende durch die Schnalle, dann drückte er sie nach vorne und drang ohne zu zögern in sie ein. Als er schreiend zum Höhepunkt kam, bemerkte er, dass Nadja bewegungslos in der Gürtelschlinge hing. Er ließ sie fallen, zog sich an und ging in die Küche. Als Nadja nach zehn Minuten immer noch nicht hinterherkam und wie sonst Essen machte, lief er zurück ins Schlafzimmer. Nadja lag auf dem Bauch, er drehte sie um und sah, dass ihre Augen weit aufgerissen in die Luft starrten, der Mund war geöffnet, die Zunge hing sinnlos heraus.
„Scheiße, diese dumme Schlampe! Jetzt krepiert die auch noch, das darf nicht wahr sein.“
Zornig fuhr er sich durch die schwarzen Haare, wandte sich ab und sah auf die Uhr. Dann schleppte er Nadja ins Bad, wo er sie ordentlich wusch. Er holte ein Kleid und neue Unterwäsche aus dem Schlafzimmerschrank und zog sie an. Die hohen Schuhe fand er im Flur im Schuhschrank. Er warf sie achtlos auf den toten Körper seine Frau, der neben der Wanne lag. Um Mitternacht würde er mit ihr an den Rhein fahren und sie entsorgen, dann ein paar Akten bearbeiten und sie morgens vermisst melden.
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