Read the book: «Grundkurs methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit»

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Soziale Arbeit studieren

Herausgegeben von Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl


Prof. Dr. Uta Maria Walter lehrt Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin.


Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

UTB-Band-Nr.: 4846

ISBN 978-3-8252-4846-8

ISBN 978-3-8463-4846-8 (EPUB)

© 2017 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in Germany

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: FELSBERG Satz & Layout, Göttingen

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhalt

1 (K)eine Gebrauchsanleitung

2 Reflexive Praxis: (Nach-)Machen und (Nach-)Denken

2.1 Soziale Arbeit als reflexive Wissenschaft und Profession

2.1.1 Das doppelte Mandat

2.1.2 Reflexive Professionalität

2.2 Reflexion als Tätigkeit

2.2.1 Mimetische und analytische Formen der Erkenntnis

2.2.2 Reflexive Praktikerinnen

2.3 „Kritisch“ reflektieren

2.3.1 Traditionen „kritischen“ Denkens

2.3.2 Kritische Reflexion in der Sozialen Arbeit

2.4 Reflexion kritisch reflektiert

2.5 Exemplarische Vertiefung: „Fördern und Fordern“

3 Methoden und methodisches Handeln

3.1 Definitionsversuche

3.2 Methoden und methodische Konzepte einordnen

3.2.1 Sozialformen mit Geschichte: Einzelfall-, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit

3.2.2 Fokusebenen

3.2.3 Funktionsverhältnis zur Lebenswelt

3.3 Funktionen und Diskussionen der Methodenentwicklung

3.3.1 Diagnose und/oder Dialog

3.3.2 Individuell und/oder kollektiv

3.3.3 Wirtschafts-, Wirkungs-und/oder Lebensweltorientierung

3.4 Theorie und Ethik in methodischem Handeln

3.4.1 Die Rolle von Theorien

3.4.2 Die Rolle der Ethik

3.5 Situation und Struktur in methodischem Handeln

3.5.1 Merkmale situativen Handelns

3.5.2 Strukturelle Merkmale und Faktoren

3.6 Charakteristika und Prinzipien des Handelns in der Sozialen Arbeit

3.6.1 Charakteristika

3.6.2 Prinzipien

3.7 Komponenten und Kompetenzen methodischen Handelns

3.8 Exemplarische Vertiefung: Empowerment

4 Die Herstellung und Deutung sozialer Probleme

4.1 Wie wird ein Problem zum Problem?

4.2 Sozialkonstruktivistische Grundannahmen

4.2.1 Sprache ist Handeln

4.2.2 Kommunikation

4.2.3 Diskurse

4.3 Die Konstruktion von Sinn-Geschichte(n)

4.3.1 Lebensgeschichten

4.3.2 Fallgeschichten

4.3.3 Problem-/Lösungsgeschichten

4.4 Kritische Reflexion

4.5 Exemplarische Vertiefung: Perspektivenwechsel

5 Analyse und Planung

5.1 Kontext- und Situationsanalyse

5.1.1 Arbeitsfeld

5.1.2 Organisation

5.1.3 Gruppen

5.1.4 Situation

5.1.5 Zeit und Raum

5.2 Auftrags- und Zielklärung

5.2.1 Aufträge

5.2.2 Ziele

5.3 Schritte, Folgen und Hindernisse klären

5.3.1 Konkretisieren

5.3.2 Folgen und Hindernisse abschätzen

5.4 Kritische Reflexion

5.5 Exemplarische Vertiefung: Case Management

6 Umsetzung – planvolles Handeln und Improvisation

6.1 Planvolles Handeln und seine Grenzen

6.2 Improvisation als Komponente methodischen Handelns

6.2.1 Theoretische Dimensionen der Improvisation

6.2.2 Grundprinzipien und -techniken der Theaterimprovisation

6.2.3 Improvisieren in der Sozialen Arbeit

6.3 Kritische Reflexion

6.4 Exemplarische Vertiefung: Krisenintervention

7 Dokumentieren und Evaluieren

7.1 Dokumentation

7.1.1 Funktionen der Dokumentation

7.1.2 Varianten der Dokumentation

7.1.3 Grundelemente und Herausforderungen der Dokumentation

7.2 Evaluation

7.2.1 Gegenstände und Merkmale der Evaluation

7.2.2 Arten der Evaluation

7.2.3 Methodische Elemente und Prozesse in Evaluationen

7.2.4 Evaluativ-reflexive methodische Konzepte

7.3 Kritische Reflexion

7.4 Exemplarische Vertiefung: Kollegiale Beratung

8 Aufgaben und Übungsvorschläge

8.1 Eigenes methodisches Handeln üben

8.1.1 Ressourcengespräch und -analyse

8.1.2 Fallanalyse und -reflexion

8.1.3 Übungen aus dem Improvisationstheater

8.1.4 Zeitungstheater – Mediengeschichten analysieren und reflektieren

8.1.5 Stadtteil-/Sozialraumanalyse

8.2 Methodisches Handeln analysieren und reflektieren

8.2.1 Methoden literaturbasiert analysieren und reflektieren

8.2.2 Methodisches Handeln im Kontext einer Praxisstelle analysieren und reflektieren

8.2.3 Das Wissen von PraktikerInnen analysieren und reflektieren

8.3 Weblinks

Literatur

Sachregister

Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches

Folgende Icons werden im Buch verwendet:


Zusammenfassung
Definition
Übungsaufgabe
Beispiel
Literatur- und Websiteempfehlungen

In den einzelnen Kapiteln gibt es Übungsaufgaben und Reflexionsfragen. Beispiellösungen finden Sie auf der Homepage des Ernst Reinhardt Verlages und der UTB GmbH bei der Darstellung dieses Titels: www.reinhardt-verlag.de, www.utb.de

1 (K)eine Gebrauchsanleitung

Methodisches Handeln. „Endlich ein konkretes Wie-es-gemachtwird“, denken Sie vielleicht. Um es gleich zu sagen: Dieses Buch bietet nur bedingt „How-to“ Anleitungen für die Praxis. Warum? Weil methodisches Handeln in Sozialer Arbeit kein rein technischrationales Unterfangen und keine manualisierbare Praxis ist. Soziale Arbeit lässt sich nicht auf instrumentelle Anwendung von Techniken reduzieren, so verlockend das auch sein mag. Natürlich sind rational begründbare, ggf. empirisch geprüfte und in schrittweises Vorgehen gegossene Methoden wichtige Elemente auch in der Sozialen Arbeit. Aufnahmebögen, Hilfepläne, Netzwerkkarten, aktives Zuhören und was sonst noch ins methodische Repertoire gezählt wird, weist eine instrumentelle Seite auf. Gelebte Praxis aber ist komplexer und dynamischer als es jede noch so gute Gebrauchsanleitung suggeriert.

Aber nicht nur aufgrund der Unberechenbarkeit gelebter Praxis kann methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit nicht auf das brave, systematische Folgen vorgegebener Schritte reduziert werden, sondern vor allem weil Handeln in der Sozialen Arbeit stets auch ein politischer Akt ist. Eingebettet in staatlich-institutionelle Strukturen und beeinflusst von kulturell-gesellschaftlichen Zusammenhängen ist das, was Fachkräfte tun, tun sollen, tun müssen oder auch nicht tun, niemals neutral. Es gibt, wie Amy Rossiter (2001) schrieb, für Soziale Arbeit keinen Ort der Unschuld, von dem aus gehandelt werden könnte. Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit, ganz gleich ob es etablierten Konzepten folgt oder neue Wege geht, heißt, sich die Zusammenhänge des Tuns und Denkens deshalb immer neu erschließen und begründen zu können, warum es gerechtfertigt ist, so und nicht anders vorzugehen. Anders gesagt: Fachkräfte der Sozialen Arbeit müssen kritisch-reflexive PraktikerInnen sein. Das zumindest ist der idealtypische Anspruch. Um sich diesem Anspruch zu nähern braucht Kritische Reflexion daher im Studium und auch in der späteren Praxis Räume und Strukturen, innerhalb derer sich kritisch-reflexive Denk- und Handlungsweisen einüben bzw . ausüben lassen.

Für den Lernprozess will dieses Buch daher erstens eine Einführung in Grundbegriffe methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit bieten und verbindet dies zweitens mit Anregungen zum Nachdenken über methodisches Handeln orientiert am Konzept „Kritischer Reflexion“. Kritische Reflexion ist daher der rote Faden, der sich durch alle Kapitel dieses Buches zieht und nach den Zusammenhängen zwischen individuellen und gesellschaftlichen Annahmen fragt, die sich in Handlungsweisen verbergen. Unter dem Vorzeichen kritischer Reflexion werden daher sowohl allgemeine Komponenten methodischen Handelns als auch ausgewählte spezifische Konzepte erläutert.

Als besondere Anregung und für das Einüben kritisch-reflexiver Fragen sind jedem Kapitel, in Kästen abgesetzt, kritische Reflexionsfragen zugeordnet, die sich zu den jeweiligen Inhalten anbieten. Diese Fragen sind nicht die einzig denkbaren, sondern können und sollen von Studierenden und Lehrenden ergänzt und erweitert werden.

Das Buch beginnt zunächst mit Ausführungen zum Konzept kritisch-reflexiver Praxis (Kap. 2), bevor Kapitel 3 einen ersten Überblick zu Grundbegriffen des Methodenverständnisses bietet. Die dann folgenden Kapitel beschäftigen sich eingehender mit wiederkehrenden Komponenten methodischen Handelns, wie der Konstruktion und Deutung von Problemen (Kap. 4), Prozessen von Analyse und Planung (Kap. 5), der Umsetzung geplanter Ideen und der Rolle der Improvisation (Kap. 6) sowie Praxen von Dokumentation und Evaluation (Kap. 7). Innerhalb von Kapiteln sowie an deren Ende werden ausgewählte methodische Konzepte beispielhaft verarbeitet und durch Übungen vertieft. So finden sich Darstellungen und Erläuterungen zu Empowerment, Case Management, lösungsfokussierten und narrativen Ansätzen, biografischer Einzelfallarbeit, Kollegialer Beratung u. a . In Kapitel 8 finden Sie zusätzlich Anregungen und Anleitungen für längere Übungen, über die Sie allein oder auch in Gruppen methodisches Handeln ausprobieren, analysieren und reflektieren können. Die didaktischen Vorschläge in diesem Buch sind typischerweise auf begleitete Einzel- und Kleingruppenarbeit ausgelegt, d.h. sie entfalten erst im Prozess gemeinschaftlicher Bearbeitung und Diskussion ihre eigentliche Wirkung. Im Sinne eines solchen dialogischen Lernens sind alle Fragen, Fälle und Übungen als Vorschläge und Inspiration gedacht und – wie das methodische Handeln der Sozialen Arbeit – eben nicht wirklich eine Gebrauchsanleitung.

2 Reflexive Praxis: (Nach-)Machen und (Nach-)Denken


Reflexive Qualitäten spielen im Selbstverständnis Sozialer Arbeit als Profession und Disziplin sowie im praktischen Alltag der Handelnden eine zentrale Rolle. Als Tätigkeit ist Reflexion ein rückbezügliches, vertiefendes Nachsinnen über Denken und Handeln in der Sozialen Arbeit. Reflexion nutzt sowohl analytisches Wissen, das auf kognitive Prozesse zurückgreift, wie auch mimetisches Wissen, das über körperliche Erfahrung und Nachahmung entsteht. Beide Wissensformen dienen dazu, unerwartete Situationen, aber auch gewöhnlich erscheinende Alltagssituationen kritisch in den Blick zu nehmen. Kritische Reflexion bezieht unterschiedliche Traditionen kritischen Denkens ein, um die Annahmen, die individuellen und kollektiven Praktiken zugrunde liegen, in Frage zu stellen. Dabei kommt der Kritischen Theorie als Grundlage kritischer Reflexion zu Fragen von Macht eine besondere Rolle zu.

„Reflexion“ gehört zu den zentralen Begriffen in Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit und ist darum auch für die Betrachtung methodischen Handelns unerlässlich. Abgeleitet vom lateinischen Wortstamm „reflectere“ für „zurückbeugen“ tauchen verschiedene Bedeutungsvarianten des Wortes in der Sozialen Arbeit auf. Zum einen wird die Identität Sozialer Arbeit als „reflexiv“ charakterisiert, und zum anderen ist Reflexion etwas, das Studierende und Professionelle „tun“ sollen. „Reflexion“ dient also sowohl als Beschreibung für die Verortung der Sozialen Arbeit als Wissenschaft und für ihr Selbstverständnis als Profession, als auch für das konkrete situationsbezogene Denken und Handeln in der Praxis. Das Hauptaugenmerk dieses Kapitels liegt auf Reflexion als Tätigkeit, aber dennoch lohnt sich zunächst ein kurzer Blick auf die Identität Sozialer Arbeit als reflexive Wissenschaft und Profession, denn nur so erschließt sich die Wichtigkeit des Reflektierens auf der Handlungsebene .

2.1 Soziale Arbeit als reflexive Wissenschaft und Profession

Die derzeitige internationale Definition Sozialer Arbeit, verfasst im Juli 2014 von der International Federation of Social Workers (IFSW), definiert die Profession und Disziplin wie folgt (in deutscher Fassung):

„Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit. Dabei stützt sie sich auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Human- und Sozialwissenschaften und auf indigenes Wissen. Soziale Arbeit befähigt und ermutigt Menschen so, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen und das Wohlergehen verbessern, dabei bindet sie Strukturen ein. Diese Definition kann auf nationaler und/oder regionaler Ebene weiter ausgeführt werden“ (DBSH 2016, 2).

Wer die zentralen Begriffe dieser Definition auf sich wirken lässt, erahnt bereits, dass sich Soziale Arbeit einer Reduktion auf einige wenige Arbeitsformen oder Wissensfelder entzieht. Zu vielfältig und komplex sind die Aufgabenbereiche und Faktoren, die „das Soziale“ als Gegenstand der Arbeit konstituieren, um sich in einfache Rezepturen oder Anleitungen zur Problemlösung – so verlockend sie auch sein mögen – retten zu wollen. Was Soziale Arbeit in dieser komplexen Gemengelage kennzeichnet, ist ihre dauerhafte, reflexive Bewegung im „Dazwischen“. Als Wissenschaft und Profession fokussiert sie auf die wechselseitige Dynamik zwischen Menschen und ihrer Umwelt, zwischen gesellschaftlichen Strukturen und individuellen Bedürfnissen, zwischen Verhalten und Verhältnissen. Dieser doppelte Fokus erfordert eine bewegte und bewegliche Aufmerksamkeit, die typisch ist für die Soziale Arbeit. Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass es eben diese reflexive Bewegung im Dazwischen verschiedener Ebenen und Systeme ist, die den Raum Sozialer Arbeit herstellt und aufrechthält. Insofern sind reflexive Qualitäten wesentlicher Teil der Identität Sozialer Arbeit. Soziale Arbeit als wissenschaftliches Feld ist folgerichtig transdisziplinär verortet. Der Ausdruck „trans-“disziplinär verweist darauf, dass Soziale Arbeit quer zu anderen Disziplinen liegt und aktive Transformationsarbeit leisten muss, um Wissensbestände aus verschiedenen Geistes-, Sozial- und Gesundheitswissenschaften in Beziehung zu eigenen Problemstellungen, Prinzipien und eigenem Wissen zu setzen. Nur durch aktive Bewertungs-, Übersetzungs- und Gestaltungsarbeit generiert Soziale Arbeit aus den Informationen anderer Disziplinen relevantes Wissen für eigene Theorien und Aufgaben. In dieser Rückbezüglichkeit ist Soziale Arbeit als Disziplin daher reflexiv.

Auch als Profession ist Soziale Arbeit durch die ständige Bewegung im Spannungsfeld und Freiraum zwischen Ebenen und Elementen bestimmt. Sie leistet kreative und kritische Übersetzungs- und Überbrückungsarbeit an den Bruchstellen der modernen Gesellschaft und zwischen Systemen, wie etwa Bildungs-, Justiz- oder Gesundheitswesen, die jeweils ihrer eigenen Logik folgen. Lang etablierte Denkfiguren wie „Person-in-Umwelt“ und „bio-psycho-sozial“ (Kap. 3) spiegeln diese dynamische Verortung der Profession, die sowohl Veränderungen auf individueller Ebene wie auch soziale Reform der umgebenden Strukturen zur Zielrichtung sozialarbeiterischen Handelns macht. Gleichzeitig ist die professionelle Identität Sozialer Arbeit in diesem Spannungs- und Freiraum im „Dazwischen“ immer auch von Paradoxien und Ambivalenzen geprägt.

2.1.1 Das doppelte Mandat

Das sogenannte „doppelte Mandat“ ist beispielhaft für die ambivalente und mitunter widersprüchliche Qualität Sozialer Arbeit.


Das doppelte Mandat ist ein Strukturmerkmal der Profession und beschreibt den Umstand, dass die Soziale Arbeit grundsätzlich von zwei Seiten „Mandate“, d.h. Aufträge und dazugehörige Befugnisse, erhält, nämlich zum einen von staatlichen Institutionen der Gesellschaft und zum anderen von den AdressatInnen der Arbeit. Soziale Arbeit soll ebenso die Interessen des Staates oder der Gesellschaft vertreten, wie auch Bedürfnisse und Ansprüche der AdressatInnen. Diese Doppelung ist strukturell verankert, denn die Praxis der Sozialen Arbeit ist über gesetzliche Aufträge und Finanzierungsstrukturen eingebunden in staatliche Interessen. Daraus erklärt sich auch, dass Soziale Arbeit nicht einfach immer und überall dort sofort tätig wird, wo Menschen Bedürfnisse äußern, sondern am ehesten dort aktiv wird, wo es über gesetzliche Aufträge vorgegebene Strukturen und Finanzierungen gibt. Aus dem doppelten Mandat ergeben sich Spannungen, allen voran die zwischen Hilfeleistung einerseits und sozialer Kontrolle andererseits. Im Feld der Jugendhilfe zum Beispiel ist der doppelte Auftrag des Helfens und Kontrollierens besonders explizit, denn wenn es um die Sicherung des Kindeswohls geht, sind Jugendamt und freie Träger ausdrücklich beauftragt, als Helfer und Wächter zu fungieren. In anderen Arbeitsfeldern ist diese oft als „Grundwiderspruch“ bezeichnete Paradoxie von Hilfe und Kontrolle weniger augenfällig, aber sie ist in allen Feldern präsent, denn auch die Praxis unterhalb offizieller Regularien beinhaltet immer normative Elemente.

Die Ambivalenz des Helfens: „Helfen“ zu wollen bedeutet, Entscheidungen darüber zu treffen, was sein „soll“, was besser oder wünschenswerter wäre, wem und warum deswegen zu „helfen“ sei und oft auch wie das Ziel am besten zu erreichen ist. All diese Vorstellungen sind nicht nur geprägt vom persönlichen Hintergrund der HelferInnen sowie von größeren gesellschaftlichen und kulturellen Diskursen, sondern können der Selbstbestimmung jener, denen „geholfen“ werden soll, auch zuwiderlaufen. „Helfen“ ist darum ein in sich ambivalentes Unterfangen, da die Soziale Arbeit in beständiger Gefahr ist, Erfüllungsgehilfin normativer gesellschaftlich-staatlicher Interessen oder kulturell dominanter Vorstellungen zu sein, sodass sie unter Umständen am Ende mehr zum Erhalt des Status Quo als zum sozialen Wandel beiträgt. Es ist die Unauflösbarkeit dieser Ambivalenz, die die Reflexion zum notwendigen Bestandteil der Profession macht.

2.1.2 Reflexive Professionalität

SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen benötigen das, was Dewe und Otto (2012) als „Reflexive Professionalität“ bezeichnet haben, eine Form des Denkens und Handelns, die stets den (Rück-)Bezug zwischen den Elementen sieht und sucht, und dabei auch das eigene Verhältnis zu anderen nicht aus den Augen verliert. Es ist die Fähigkeit

„[…] Wissen fallspezifisch und in je besonderen Kontexten zu mobilisieren, zu generieren und differente Wissensinhalte und Wissensformen reflexiv aufeinander zu beziehen, [sowie] in Interaktionen mit den AdressatInnen eine Verständigung darüber herbeizuführen, was die je individuelle Problemkonstellation auszeichnet und was aus der Sicht der AdressatInnen Sozialer Arbeit eine angemessene Bearbeitung und Lösung der Problemkonstellation sein könnte“ (Dewe/Otto 2012, 215).

Dafür bewegen sich Professionelle der Sozialen Arbeit hin und her zwischen den konkreten, unsicheren und immer auch einzigartigen Handlungssituationen und dem allgemeineren Wissen, das zum Beispiel in methodischen Konzepten, in Theorien und über empirische Forschung bereitgestellt wird. Sie bedürfen der Fähigkeit der „Multiperspektivität“, d.h. sie müssen stets verschiedene Perspektiven einnehmen können, um die politischen Dimensionen in sozialen Problemen und die gesellschaftlichen Aspekte in individuell lokalisierten Schwierigkeiten zu erkennen und auf die Besonderheit der jeweiligen Situation beziehen zu können.

2.2 Reflexion als Tätigkeit

Angesichts der reflexiven Qualitäten der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit ist es kaum verwunderlich, dass die Aufforderung zur Reflexion als Tätigkeit seit vielen Jahren in Studium und Praxis Sozialer Arbeit allgegenwärtig ist. Dennoch ist der Terminus trotz seiner Popularität oft unscharf.


Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet reflektieren das vertiefende Nachsinnen über Erlebnisse, Empfindungen und Erkenntnisse. Es nimmt Vergangenes erneut in den Blick, spürt ihm nach, prüft es und imaginiert Künftiges vor diesem Hintergrund.

Was aber unterscheidet Reflexion von anderen Formen des Denkens, und welche Rolle spielt sie im Kontext von Bildung oder Praxis?

Meta-Kognition: Reflexion als Teil professioneller Tätigkeit und als Teil des Lernprozesses bedeutet, sich das eigene Denken, Sprechen und Tun im Zusammenhang mit situativen und biografischen Faktoren genauer anzusehen. Insofern ist Reflexion eine Form der Meta-Kognition, also eine Art des Denkens über das Denken. Dazu nimmt Reflexion sowohl die kleinen Momente der persönlichen Praxis wie etwa den Verlauf eines Gesprächs in den Blick, als auch die größeren Rahmenbedingungen des Handelns, wie zum Beispiel die Abläufe und Handlungslogik in Organisationen und Institutionen, sowie den gesellschaftlichen Kontext, in den Praxis eingebettet ist. Unerwartete oder neue Situationen bieten besondere Anlässe zum Reflektieren, aber auch Alltagssituationen, die erst einmal ganz gewöhnlich und „normal“ erscheinen, sind wichtige Reflexionsgegenstände, denn gerade das Vertraute und vermeintlich Normale gilt es genauer zu betrachten.

2.2.1 Mimetische und analytische Formen der Erkenntnis

Als eine Form des „Nachsinnens“ greift Reflexion auf das (Nach-) Denken zurück, das in den meisten Bildungsinstitutionen betont wird, aber auch auf das (Nach-)Machen, das in Lernprozessen allgegenwärtig, aber nicht immer bewusst ist. Reflexionsprozesse bieten so die Möglichkeit, sowohl analytische als auch mimetische Formen der Erkenntnis zu nutzen (Abb. 1).

Analytisches Wissen: Analyse bedeutet ursprünglich „Zergliederung“. Orientiert am gedanklichen oder theorie-geleiteten konzeptionellen Rahmen bricht analytisches Denken ein Phänomen auf, zerlegt es in Bestandteile, ordnet die Teile Kategorien zu, identifiziert Abläufe und Faktoren. Analysen sind in der Anlage systematisch und in der Darstellung oft von einem eher distanzierten Ton (vermeintlicher) Objektivität geprägt.

Mimetisches Wissen: Während analytisches Denken vorrangig rational-kognitive Fähigkeiten betont, beziehen sogenannte mimetische Formen der Erkenntnis auch andere, körperlich-physische Dimensionen mit ein. Mimesis bedeutet so viel wie „Nachmachen“ oder „Nachahmen“. Anders als in analytischer Logik, in der ein Phänomen in Bestandteile zerlegt und aus einer gewissen Distanz betrachtet wird, um es besser zu verstehen, fokussiert mimetische Logik jenes Wissen, das sich in und aus dem Machen und Nachmachen ergibt. Als eine Form des Noch-Einmal-Machens beruht mimetisches Wissen nicht nur auf mentalen, sondern immer auch auf körperlichen Aktivitäten und Erfahrungen. Der physische Körper samt Gesten, Haltungen, Sinneswahrnehmungen etc. wird in einer konkreten räumlichen Umgebung aktiv. Die daraus resultierende Form physisch verorteten Wissens ist ein „Be-greifen“, das dem analytischen (Nach-)Denken vorgelagert ist. Es ist praktisches Handlungswissen, das sich aus der zeitgleichen Verwobenheit von Tun und Wissen ergibt. Eine mimetische Orientierung in der Sozialen Arbeit ist „eine Art spontanes und gleichzeitiges Wissen und Tun, und das Begreifen der Welt-als-Ganzes statt Dichotomien von Subjekt und Objekt“ (Saleebey 1989, 558, Übers. d. A.).


Abb. 1: Reflexion zwischen mimetischem und analytischem Wissen


Denken Sie an die vielfältigen Alltagsfähigkeiten und -gewohnheiten, die Sie im Lauf des Lebens erworben haben, aber auch an besondere Kompetenzen. Überlegen Sie: Welche Rolle spielt „nachahmendes Lernen“ in Ihrer Lerngeschichte?

Inwiefern sind sowohl mimetische wie auch analytische Formen des Wissens und Lernens für Reflexionen in der Sozialen Arbeit wichtig? (Zur Erinnerung: „mimetisch“ meint hier Wissen und Lernen, das aus Machen, Nachmachen, Erfahren etc. kommt, und „analytisch“ meint Wissen und Lernen, das über Nachdenken generiert wird). Geben Sie Beispiele.

2.2.2 Reflexive PraktikerInnen

Welches Wissen kommt in professioneller Praxis zum Einsatz und wie wird dieses Wissen hergestellt? Diesen Fragen ging der USamerikanische Praxisforscher Donald Schön nach und analysierte die Entscheidungs- und Handlungslogik von Professionellen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Design, Psychotherapie, Architektur oder Ingenieurwesen. Schön kam zu der Erkenntnis, dass professionelle Praxis nicht einfach die unmittelbare Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie sie etwa im Studium erworben werden, ist. Vielmehr kombinieren Professionelle im Alltag Wissen, das aus der Wissenschaft kommt, mit Wissen, das sie in und durch Praxis gewinnen. Sie werden so zu dem, was Schön (1983) „Reflexive PraktikerInnen“ nannte. Mit seinem Modell der „Reflexiven PraktikerInnen“ distanzierte sich Schön von rein technisch-rationalen Bildungsansätzen, die davon ausgehen, professionelle Praxis bestehe allein daraus, Probleme in vorgegebene Kategorien einzuordnen und dann durch die stringente Anwendung bestimmter Techniken zu lösen. Praxis, so Schön, ist sehr viel „sumpfiger“ und unklarer, als es technisch-rationale Modelle vermuten lassen (Schön 1987, 3).

Wissen-in-Aktion: Über ihre Praxis entwickeln PraktikerInnen eine Form von „Wissen-in-Aktion“ („knowledge-in-action“), das ihre Handlungen und Entscheidungen beeinflusst, aber kaum oder nur mühsam artikulierbar ist. Sie haben es „irgendwie gewusst“, „im Gefühl gehabt“ oder „intuitiv so gemacht“. Erst wenn Professionelle mittels Reflexion eine forschend-lernende Haltung einnehmen, wird Wissen-in-Aktion zugänglich und beschreibbar und es entsteht formulierbares Praxiswissen.

Schön unterscheidet bei der forschend-lernenden Haltung ferner zwischen „Reflexion während der Aktion“ („reflection-inaction“) und „Reflexion über die Aktion“ („reflection-on-action“).

Reflexion während der Aktion: Hier geschieht das Reflektieren im Verlauf des Handelns. Ich unterbreche mein Handeln nicht oder nicht wesentlich, sondern bin und bleibe in derselben Situation. Diese Art der Reflexion während des Handlungsverlaufs wird vor allem dann angeregt, wenn Überraschendes meine üblichen Routinen oder Erwartungen „stört“. Überraschendes verweist darauf, dass mein Verständnis- und Erwartungsrahmen vielleicht nicht auf die Situation passt. Anstatt einfach wie gewohnt oder geplant weiter zu machen, nehme ich die Überraschung zum Anlass, meinen nächsten Schritt anzupassen und anders zu gestalten. In diesen Momenten fungieren PraktikerInnen als „MikroforscherInnen“, die über winzige Experimente das, was sie gerade wahrnehmen, mit schon bestehenden Ideen abgleichen. Sie probieren einen nächsten Schritt aus und achten dann darauf, was „die Situation antwortet“ („talk-back of the situation“). Wenn die Antwort oder Reaktion zum gewählten Verständnisrahmen passend erscheint, dann verfolgen sie diesen Weg weiter, wenn nicht, dann probieren sie erneut etwas anderes aus. Ob und inwieweit diese sehr schnell ablaufenden Anpassungsprozesse einer „Reflexion während der Aktion“ tatsächlich bewusst stattfinden oder doch eher außerhalb des Bewusstseins ablaufen, ist allerdings umstritten.

Reflexion über die Aktion: Diese Form der Reflexion findet bewusst und deutlich zeitversetzt von der Aktion statt. Die unmittelbare Situation ist vorbei und jetzt kann ich mir aus der Distanz den Prozess und das Erlebte genauer und mit mehr Ruhe ansehen. Dabei betrachte ich vor allem meine eigenen Entscheidungen und Handlungsweisen noch einmal: Welche Ideen habe ich verfolgt? Inwiefern habe ich diese Situation als vergleichbar mit anderen erlebten Situationen gesehen und entsprechend gehandelt? Gab es kleine Überraschungen, denen ich mit „Reflexion während der Aktion“ begegnet bin? Was fällt mir erst jetzt im Nachhinein auf?

Nach heutigem Stand des Wissens kann diese Form der rückblickenden Reflexion die unbewussten Entscheidungsprozesse vermutlich nur begrenzt „freilegen“. Studien aus der Neurobiologie bestätigen zwar, dass Entscheidungsprozesse vielfach unterhalb der Bewusstseinsebene ablaufen. Inwieweit eine nachträgliche gedankliche Rekonstruktion durch Reflexion diese unbewussten Motivationen aber wirklich zugänglich macht, ist unklar. Vielmehr tendieren Menschen dazu, ihren Handlungen nachträglich sozial und persönlich akzeptierbare Motive zuzuschreiben. Insofern verdeutlicht Reflexion vor allem, welche Interpretationen und Motive uns als sozial und persönlich akzeptierbar erscheinen. Genau diese Annahmen und Konventionen zu hinterfragen ist das Ziel „kritischer“ Reflexion.

2.3 „Kritisch“ reflektieren

Ähnlich wie der Ausdruck der Reflexion ist „kritisch“ eine populäre, aber nicht immer klar umrissene Idee. Im alltäglichen Sprachgebrauch hat „Kritik“ eine negative Konnotation. Da fällt jemand ein negatives Urteil oder geht gar auf die Suche nach etwas, woran er oder sie herumnörgeln kann. Zunächst aber meint Kritik eine dezidierte Auseinandersetzung mit einem Gegenstand anhand transparenter Kriterien. Es werden über bestimmte Maßstäbe Unterscheidungen hergestellt, die dann eine positive, negative, neutrale oder sonstige Bewertung ermöglichen.

In der Philosophie hat Kritik eine lange Geschichte, die eine Vielfalt theoretischer Bezugspunkte für kritisches Denken anbietet. Stephen Brookfield (2011) hat fünf Denktraditionen „Kritischen Denkens“ umrissen, die trotz der Verkürzung in der Darstellung der jeweils komplexen theoretischen Felder für das Verständnis kritischer Reflexion wichtige Impulse geben.

2.3.1 Traditionen „kritischen“ Denkens

Gemein ist den folgenden Traditionen kritischen Denkens, dass sie das Gegebene nicht einfach hinnehmen, sondern auf unterschiedliche Weise in Frage stellen und prüfen. Die Perspektiven unterscheiden sich im Verständnis davon, was „Kritik“ ausmacht. Die Unterscheidungen und Maßstäbe, die angelegt werden, sind daher jeweils anders fokussiert und führen zu anderen kritischen Anfragen (Abb. 2).

Amerikanischer Pragmatismus: In der Tradition des Amerikanischen Pragmatismus, einer philosophischen und soziologischen Denkschule, bedeutet „kritisch“, sich das alltägliche Handeln in der Praxis stets genau anzusehen und durch Experimentierfreude das Verständnis einer Sache beständig zu verbessern. Da Donald Schön in der Tradition des Pragmatismus stand, ist es nicht überraschend, dass sich sein Modell der Reflexiven PraktikerInnen als passend zu dieser Sichtweise zeigt. Auch Teil dieser Denktradition ist die Einsicht, dass soziale Kontexte wesentlich mitbestimmen, welche (Be-) Deutungsrahmen Handlungen erhalten.


Abb. 2: Theorietraditionen kritischen Denkens (nach Brookfield 2011)

Aus der Perspektive des Amerikanischen Pragmatismus ergeben sich kritische Reflexionsfragen wie z.B.:

● Welche meiner Handlungen führen zu erwarteten bzw. unerwarteten Ergebnissen?

● Inwiefern ist das, was ich gerade erlebe, ähnlich dem, was ich schon in anderen Situationen erlebt habe?

● Inwiefern ist es anders als schon Erlebtes?

● Was war überraschend und was sagt mir das über meinen Verständnis- und Erwartungsrahmen?

● In welchen Momenten habe ich mein geplantes oder übliches Handeln angepasst und warum?

● Welche Reaktionen hatte das zur Folge?

● Was war daraufhin meine nächste Handlung und was das Ergebnis?

● Inwieweit verändert sich mein Verständnis- und Erwartungsrahmen?

● Was leite ich aus dem Gesamtprozess für mein professionelles Verstehen und Handlungsrepertoire ab?

Psychoanalyse und -therapie: Die Tradition von Psychoanalyse und -therapie fokussiert darauf, wie Verhaltensweisen und Emotionen, die in der Kindheit entwickelt wurden, die Entwicklung von Poten tialen im Erwachsenenleben hindern oder fördern. „Kritisch“ meint hier primär die Auseinandersetzung mit psychologischen, inneren Prozessen und verinnerlichten Verständnis- und Beziehungsformen. Aus dieser Sicht betrachtet bedarf „Reflexion“ einer systematischen und von den Konzepten der Psychoanalyse informierten Beschäftigung mit inneren emotionalen Dynamiken und Kindheitserfahrungen. Diese Perspektive betont insbesondere die Selbstreflexion der eigenen Biografie für die professionelle Entwicklung, sowie das Wissen um Konzepte wie „Übertragung“ und „Gegenübertragung“, „Widerstand“ und „Abwehrmechanismen“.

Aus der Perspektive der Psychoanalyse und -therapie ergeben sich kritische Fragen für die Reflexion wie z.B.:

● Inwiefern sind (meine) Verhaltensweisen (in einer gegebenen Situation) von emotionalen Faktoren geprägt?

● Welche emotionale Reaktion habe ich?

● Wie gehe ich mit meinen Emotionen um?

● Wie reagiere ich auf die Emotionen anderer?

● Welche Art Beziehung biete ich meinem Gegenüber an?

● In welche Rolle (Retter, Mutter, Freund,...) begebe ich mich?

● Woher (aus meinen früheren Beziehungen) kenne ich diese Rolle?

Analytische Philosophie: Die Tradition der Analytischen Philosophie widmet sich der Analyse von Sprache und Argumentationen. „Kritisch“ bedeutet hier nach Aufbau und Logik von Argumentationsweisen, sowie nach deren sprachlichen Mitteln zu fragen. Kenntnisse aus Sprachwissenschaften wie z.B. der Semiotik helfen bei dieser Form der kritischen Analyse.

Aus der Perspektive der Analytischen Philosophie lassen sich kritisch reflektorische Fragen ableiten wie z.B.:

● Welches sind die zentralen Thesen und Argumentationen in den Aussagen des Gesprächspartners/der Gesprächspartnerin oder eines Textes?

● Wie logisch ist der Aufbau der Argumente?

● Welche Worte werden genutzt, und wie werden sie genutzt?

● Welche rhetorischen oder anderen sprachlichen Mittel (Vergleiche, Metaphern, etc.) kommen zum Einsatz?

● Inwieweit sind Beschreibung und Bewertung getrennt oder verschränkt?

Kritischer Rationalismus: In der Tradition des Kritischen Rationalismus, der das vorherrschende Paradigma der Naturwissenschaften ist, bedeutet „kritisch“, nach der empirischen Beweislage zu fragen. Hier steht vor allem die quantitative Forschung, das systematische Testen von Hypothesen möglichst mittels kontrollierter Experimente, im Vordergrund. Dabei gilt das Prinzip der „Falsifikation“, d.h. ein Experiment muss so angelegt sein, dass die Hypothese widerlegbar ist. Wissen gilt immer als vorläufig, wird aber in dem Maße robuster, wie es über die Anzahl vertrauenswürdiger empirischer Studien unterstützt wird. Diese Perspektive profitiert vom Wissen um Forschungsmethoden und wird vor allem in der sogenannten „Evidenzbasierten Praxis“ (Kap. 3.3.3) vertreten.

Reflexionsfragen aus der Perspektive des Kritischen Rationalismus können z.B. sein:

● Wie viele Studien gibt es zu diesem Phänomen/dieser Behauptung?

● Inwieweit belegen bzw. widerlegen Studien die Behauptungen?

● Wie solide sind diese Studien aufgebaut und wie aktuell sind sie?

● Anhand welcher Stichproben und welcher Messungen kommen die Ergebnisse zustande?

● Wie glaubhaft sind ihre Ergebnisse?

● Wie robust ist die empirische Beweislage insgesamt?

Kritische Theorie. In der Denktradition der Kritischen Theorie stehen Aspekte der Macht im Mittelpunkt. „Kritisch“ meint hier, Machtstrukturen und -prozesse in den Blick zu nehmen und dominante Ideologien in Frage zu stellen, um Hegemonien und Unterdrückung zu erkennen und zu begegnen. Theoretische Konzepte der „Frankfurter Schule“ der Soziologie, sowie poststrukturalistische Theorien bieten dabei besondere Orientierung.

Reflexionsfragen, die sich aus der Perspektive der Kritischen Theorie ergeben, sind z.B.:

● Was wird als „normal“ oder „ideal“ angenommen?

● Wie sind Machtdynamiken darin involviert?

● Welche Personengruppen oder Institutionen profitieren von der dominanten Idee des „Normalen“?

● Wessen Perspektive wird repräsentiert und wessen Blickwinkel wird ausgeblendet oder abgewertet?

● Wie hat sich eine bestimmte Idee durchgesetzt, wie wird sie aufrechterhalten oder verändert?

● Welche Formen des Widerspruchs oder Widerstands gibt es? usw.

2.3.2 Kritische Reflexion in der Sozialen Arbeit

Kritische Reflexion in der Sozialen Arbeit kann alle fünf Traditionen kritischen Denkens nutzen. In besonderer Weise aber gilt es, die Kritische Theorie in der Reflexion zugrunde zu legen, weil sie die machtpolitischen Dimensionen des Handelns fokussiert, die in den Routinen des Alltags nicht wahrgenommen werden oder schnell wieder aus dem Blickfeld und dem Bewusstsein geraten. So eignet sich Kritische Theorie besonders, um zum Beispiel den gesellschaftlichen und kulturellen Vorstellungen von Normalität, an denen sich Fachkräfte orientieren und die auch in die institutionellen Aufträge Sozialer Arbeit eingeschrieben sind, zu hinterfragen. Interessiert daran, warum etwas so und nicht anders interpretiert oder getan wird, versucht Kritische Reflexion auf diese Weise, den verborgenen Zusammenhängen zwischen dem Individuellen und dem Sozialen, zwischen dem Persönlichen und dem Politischen auf die Spur zu kommen.

„Kritische Reflexion in der Sozialen Arbeit bedeutet das Erschüttern grundlegender, sozial dominanter und oft unbewusster Annahmen, die Individuen verinnerlicht haben, und zwar insbesondere Annahmen darüber, wie die Soziale Welt konstituiert ist und wie sie funktioniert, mit dem Ziel, diese Annahmen und die damit verbundenen Handlungsoptionen überarbeiten zu können und so zu einer veränderten professionellen Praxis zu gelangen“ (Fook/Gardner 2007, 21, Übers. d. A.).

Die Suche nach unausgesprochenen Annahmen

Mit „Annahmen“ sind hier jene Ideen gemeint, die unserem Denken oder Handeln zugrunde liegen und aus denen wir nächste Schritte und logische Schlussfolgerungen ableiten. Oft benennen wir diese Annahmen nicht klar, sondern sie bleiben unausgesprochen, weil wir davon ausgehen, dass sie logisch, selbstverständlich und richtig sind. Annahmen lassen sich in ihren Varianten unterscheiden in (Brookfield 2011):

Kausale Annahmen: Kausale Annahmen sind jene, in denen wir von ursächlichen Zusammenhängen zwischen Faktoren ausgehen. „A ist der Grund für B“ ist eine klassische Kausalkonstruktion. Aber auch „Wenn-dann“–Verknüpfungen, die streng genommen nur Korrelationen beschreiben, werden oft als Ursachenkonstruktion präsentiert oder interpretiert.

Präskriptive Annahmen: Präskriptive Annahmen beruhen auf Wert- und Normvorstellungen, die vorschreibenden Charakter haben. Es sind jene Ideen, die sich in „soll“ und „sollte“, in „muss“, „müsste“ oder „darf nicht“ Formulierungen wiederfinden lassen. Ethische, moralische sowie rechtliche Vorstellungen und Kodifizierungen gehören in diese Kategorie, aber auch viele sedimentierte Gewohnheiten und Konventionen des Denkens und Handelns. Aufgrund ihrer orientierenden Funktion bestimmen präskriptive Annahmen Denken und Handeln mit besonderem Nachdruck und sind oft emotional aufgeladen.

Paradigmatische Annahmen: Paradigmatische Annahmen bezeichnen grundlegende, als völlig selbstverständlich verinnerlichte Vorstellungen, die von einer Mehrheit der Gesellschaft oder der relevanten sozialen Gruppe geteilt werden. Obwohl diese Annahmen im Verlauf der Geschichte sozial gewachsen sind, lassen sie sich oft nur mit Mühe als Konstrukte erkennen, sondern werden als „natürlich gegeben“ wahrgenommen. Paradigmatische Annahmen zu erschüttern kann einem inneren Erdbeben gleich kommen, wenn damit unsere Sicht auf die Welt oder unsere Identität in Frage gestellt wird. Entsprechend groß sind Verwirrung und Widerstände gegen kritische Anfragen an paradigmatische Annahmen. Spätestens hier kann Kritische Reflexion auch zu einem als zutiefst unangenehm und schmerzhaft empfundenen Prozess werden.

Da individuell und kollektiv verinnerlichte Ideen miteinander verschränkt sind, ist der Kontext, in dem etwas gedacht, gesagt oder getan wird, stets von Bedeutung. Insofern lässt sich die Prüfung persönlicher Annahmen und Praxis erweitern um den Fokus auf Gruppen, Organisationen oder größere gesellschaftliche Diskurse, die in ihren kollektiven Denk- und Handlungsweisen auch bestimmte Annahmen verinnerlicht und oft strukturell verankert haben. Ein kritischer Blick auf diese Verflechtung zeigt mitunter, dass die Grundsätze, die offiziell handlungsleitend sind, nicht deckungsgleich mit der tatsächlichen Handlungslogik sind. Argyris und Schön (1999) nannten diese Inkongruenz den Unterschied zwischen „espoused theory“ und „theory-in-use“.

„Espoused theory“: heißt so viel wie „die Theorie, der ich zu folgen glaube, bzw. der ich mich verschrieben habe“ und beschreibt jene Logik des Handelns, die „vorgebracht wird, um bestimmte Aktivitätsmuster zu erklären oder zu rechtfertigen“ (Argyris/Schön 1999, 29). Es sind also jene theoretischen Grundsätze und -regeln, nach denen ich meine zu arbeiten oder nach denen in Organisationen offiziell gearbeitet wird bzw. werden soll.

„Theory-in-use“: ist dagegen die „Theorie-im-tatsächlichen-Gebrauch“ und meint jene Handlungsrationalität, der im Arbeitsalltag de facto und meist stillschweigend gefolgt wird oder die innerhalb von Organisationen mehr oder weniger unausgesprochen die Abläufe bestimmt. Die „Theory-in-use“ ist nicht immer bewusst und lässt sich oft erst aus der genaueren Beobachtung und Befragung des Handelns rekonstruieren.

Schritte Kritischer Reflexion

Für den Prozess der Kritischen Reflexion hat Brookfield (2011) vier Schritte skizziert:

1. Genaue Betrachtung und Beschreibung von Worten und Taten

2. Identifizieren und Prüfen von Annahmen

3. Aktiver Perspektivenwechsel

4. Von Reflexion zurück zu Praxis

Im Folgenden sind für jeden Schritt zur Anregung jeweils Fragen für die unterschiedlichen Ebenen der Praxis Sozialer Arbeit angeschlossen.

Genaue Betrachtung und Beschreibung von Worten und Taten: Die Suche nach Annahmen auf individueller Ebene geschieht z.B. auf der Grundlage von verschriftlichten Situations- oder Fallbeschreibungen, über Audio- oder Videoaufnahmen von Situationen oder Interviews, oder auch über Darstellungen, die auf direkter Beobachtung oder Teilnahme an einer Situation basieren.

Auf der individuellen Ebene beginnt Kritische Reflexion mit Fragen nach Beschreibungen wie:

● Was genau ist da abgelaufen?

● Was habe ich (oder andere) getan, gesagt, gedacht oder gefühlt?

● Worauf habe ich (oder andere) reagiert und worauf nicht?

● Was wollte/will ich (oder andere) erreichen?

Auf der Organisationsebene können neben Beobachtungen, Interviews oder anderen Beschreibungen auch bestehende Texte und Regelungen, wie etwa die Konzeption der Organisation, ihre Selbstdarstellung auf der Webseite, Arbeitsablaufpläne, etc. Gegenstand der Reflexion sein.

Auf der Ebene von Organisationen ergeben sich so erste Fragen wie:

● Wie wird die Arbeit in der Organisation beschrieben?

● Von wem wird sie so beschrieben?

● Welche Ziele und Prinzipien werden benannt?

● Wie sind Abläufe der Arbeit organisiert?

● Welche Worte oder Bilder werden genutzt?

Auf größerer gesellschaftlicher Ebene können auch andere Materialien, wie etwa Medienprodukte zu einer Thematik, genauer in den Blick genommen werden, um die Zusammenhänge kollektiver und individueller Praktiken zu beleuchten.

Auf gesellschaftlicher Ebene lassen sich Materialien zu einem Thema befragen z.B. über Fragen wie

● Von wem wird die Thematik aufgegriffen?

● Wie wird die Thematik dargestellt?

● Wann, wo, wie häufig wird sie dargestellt?

● Welche Worte oder Bilder werden genutzt?

Identifizieren und Prüfen von Annahmen: In diesem Schritt werden die Darstellungen kritisch auf die darin impliziten kausalen, präskriptiven und paradigmatischen Annahmen hin befragt.

Für die Annahmen der individuellen Ebene ergeben sich Fragen wie z.B.:

● Welche Bedeutungen habe ich dem Geschehen zugeschrieben?

● Wie rechtfertige ich das eigene Handeln?

● Welche Zielvorstellungen sind implizit?

● Warum wollte/will ich diese Ziele erreichen?

● Was habe ich als „normal“ oder „erstrebenswert“ gesetzt?

● Welches Menschenbild liegt meinem Handeln zugrunde?

● Welche Idee habe ich davon, warum sich Situationen oder Menschen verändern?

● Welche Rolle weise ich mir und anderen zu?

● Woher kommen meine Annahmen?

● Wie und wo habe ich gelernt, so zu denken?

● Welchen Einfluss hat meine Biografie?

● Welche empirische Grundlage haben meine Annahmen?

● Inwieweit sind meine „espoused theory“ und „theory-in-use“ deckungsgleich oder abweichend von einander?

Für die Ebene kollektiver professioneller Praxen in Organisationen oder Institutionen eröffnen sich ergänzend kritische Fragen wie z.B.:

● Welche Annahmen über menschliches Verhalten sind in den Darstellungen oder Abläufen in der Organisation enthalten?

● Was wird als „normal“ oder „erstrebenswert“ gesetzt?

● Wessen Wissen/welche Art Wissen wird besonders wertgeschätzt, wessen Wissen/welche Art Wissen wird weniger oder gar nicht beachtet?

● Welche Idee darüber, wie Situationen oder Menschen sich verändern, ist in den Darstellungen bzw. Abläufen verborgen?

● Welche Rolle(n) weist sich die Organisation selber zu?

● Welche Rollen werden anderen zugewiesen?

● Wer trifft am Ende die Entscheidungen?

● Inwieweit sind „espoused theory“ und „theory-in-use“ in der Organisation deckungsgleich oder abweichend von einander?

● Welche Rolle spielen Kontextfaktoren, wie z.B. Finanzierungsstrukturen, Hierarchien, politische Vorgaben, erlaubte Zeitfenster etc.?

Auf gesellschaftlicher Ebene lassen sich Fragen an mediale oder andere Darstellungen richten wie z.B.:

● Welche Bilder und Vorstellungen sind dominant?

● Wie werden Menschen(gruppen) oder gesellschaftliche Institutionen repräsentiert?

● Wie werden Worte oder visuelle Darstellungen genutzt, um diese Bilder von Menschen, Institutionen, Stadtteilen etc. herzustellen?

● Welche Annahmen über die „Natur“ des Menschen und menschliches Verhalten sind in den Darstellungen enthalten?

● Wie werden diese Ideen gerechtfertigt?

● Was wird als „normal“ oder „erstrebenswert“ gesetzt?

● Welche Historie haben diese Normal- oder Idealvorstellungen?

● Wer wird in diesen Ideen privilegiert, benachteiligt oder ausgeschlossen?

● Worüber wird nicht gesprochen?

● Wer kommt nicht oder nicht hinreichend zu Wort?

Aktiver Perspektivenwechsel: Auf der Grundlage der kritischen Prüfung der Annahmen werden gezielt mehrere andere mögliche Sichtweisen eingenommen oder ausprobiert.

Für Perspektivwechsel auf der individuellen Ebene sind mögliche Reflexionsfragen z.B.:

● Wie kann das Geschehen anders gedeutet werden?

● Wie deuten andere involvierte Personen (KlientInnen, Angehörige, Freunde, weitere beteiligte professionelle VertreterInnen etc.) die Situation?

● Welche anderen Annahmen über Menschen und ihre Motivationen könnte ich zugrunde legen?

● Welche anderen Rollen kann ich einnehmen, und was bedeutet das für die Rolle meines Gegenübers?

● Welche anderen Zielvorstellungen sind möglich?

● Welche anderen Wege zum Ziel sind denkbar?

● Welche Perspektiven bietet die Fachliteratur zum Thema Ziele oder zum Thema Wege zum Ziel für diese Problemstellung?

Für Perspektivwechsel in kollektiver professioneller Praxis lässt sich z.B. fragen:

● Was ist aus Sicht der AdressatInnen „normal“ oder „erstrebenswert“?

● Welche anderen als bislang formulierte Zielvorstellungen sind für die Organisation denkbar?

● Welche anderen Wege zum Ziel sind denkbar?

● Welche anderen Annahmen über menschliches Verhalten oder Veränderungsprozesse könnten zugrunde gelegt werden?

● Wie stellt sich die Situation aus dem Blickwinkel anderer Disziplinen oder Professionen dar?

● Was sagt die Fachliteratur über Ziele, Angebote, Abläufe etc.?

Perspektivenwechsel auf der Ebene gesellschaftlicher Ideen ergibt sich über Fragen wie:

● Welche Sichtweisen, die von dominanten Perspektiven abweichen, sind in Darstellungen bei genauerem Hinsehen bereits zu finden?

● Wenn andere Personen(gruppen) auf diese Thematik blicken (würden), wie verändern sich Darstellungen und Verständnis?

● Welche anderen Perspektiven ergeben sich aus einem Abgleich mit anderen kulturellen oder politischen Gemeinschaften (anderen Ländern, gesellschaftlichen Gruppen etc.)?

Von Reflexion zurück zur Praxis: Letztlich gilt es, Fragen zu beantworten, die den Gesamtprozess Kritischer Reflexion für die Praxis fruchtbar machen.

Für die individuelle Ebene ergeben sich Fragen wie z.B.:

● Welchen Unterschied machen meine kritischen Überlegungen für die spezifische vorliegende Situation?

● Wie verändert sich mein Verständnis der Situation (des Problems, der Aufgaben- oder Zielstellung, meiner Rolle) im Einzelfall bzw. darüber hinaus für künftige Praxis?

● Wie schlagen sich veränderte Annahmen oder Perspektiven in meinem Handeln nieder? Welche Worte und Taten wähle ich (eher)?

● Welche größeren Ableitungen ergeben sich über den Einzelfall hinaus für meine Praxis?

Auf Gruppen- oder Organisationsebene lässt sich z.B. fragen:

● Welche Perspektiven und veränderten Annahmen sind für die Praxis auch dauerhaft wertvoll?

● Wenn andere Perspektiven oder Annahmen über menschliches Verhalten oder Veränderungsprozesse zugrunde gelegt werden, wie müssten sich die Angebote der Organisation ändern?

● Wenn andere Annahmen über menschliches Verhalten zugrunde gelegt werden, wie müssten sich die Abläufe in der Organisation ändern?

● Wie lassen sich andere Perspektiven oder Annahmen in der Organisation strukturell verankern?

● Wie können Strukturen und Abläufe inklusiver und partizipativer gestaltet werden?

Auf gesellschaftlicher Ebene sind Fragen zur Anregung z.B.:

● Wie kann nicht-dominanten, aber wichtig erscheinenden Perspektiven mehr Gehör verschafft werden?

● Wie können alternative Perspektiven, Annahmen und Repräsentationsformen gestärkt werden?

● Wie können gesellschaftliche Strukturen und Normen (z.B. rechtliche Vorschriften oder Regelungen) für diese anderen Sichtweisen oder Annahmen geöffnet oder genutzt werden?

● Welche Organisationen, Netzwerke, Medien oder anderen politischen Kräfte können dafür identifiziert oder mobilisiert werden?

2.4 Reflexion kritisch reflektiert

Obwohl, oder gerade weil, dieses Kapitel so nachdrücklich für Reflexion plädiert und das Potential betont, das vor allem Kritische Reflexion für die Praxis bereithält, zum Abschluss noch ein paar Worte der Vorsicht.

Reflexion ist kein Allheilmittel: Reflexion löst nicht alle Unklarheiten, Ambivalenzen oder Widersprüche der Sozialen Arbeit auf. Richtig verstanden wird Reflexion im Gegenteil die Dinge oft verkomplizieren, indem sie bis dahin unerkannte Dilemmata, Ungereimtheiten und ungewollte Nebeneffekte deutlich macht. Diese Verunsicherungen und Uneindeutigkeiten gilt es auszuhalten – eine wichtige soziale Fähigkeit, die „Ambiguitätstoleranz“ genannt wird.

Reflexion ist ein andauernder Prozess: Reflexion ist nie wirklich abgeschlossen. Wenn Sie sich dabei ertappen, sich für besonders reflektiert (im Sinne von „erleuchtet“) zu halten, dann ist das vermutlich ein guter Moment, sich nicht ganz so sicher zu sein.

Reflexion ist nicht Therapie: Die in der Selbstreflexion betonte Beschäftigung mit eigenen psychischen Dynamiken wirft die Frage auf, wo die Grenze zwischen Therapie einerseits und Selbstreflexion andererseits verläuft. Selbstreflexion in Studium und Praxis zielt auf die professionelle Entwicklung, während Therapie, als ein intensiver, freiwilliger Prozess der Selbstexploration, dem privaten Entwicklungsprozess dient. Dennoch sind Überschneidungen in der persönlichen Auseinandersetzung mit biografischen Themen augenfällig und verweisen auf mögliche Risiken der Reflexion, da die Bedingungen in Studium und/oder Praxis nicht immer geeignet sind, um persönliche Erschütterungen hinreichend zu begleiten.

Reflexion ist keine „unschuldige“ Praxis: Eingebunden in größere Machtstrukturen und -dynamiken ist Reflexion als Teil des Studiums Sozialer Arbeit eine Sozialisierung in die Profession, die über Selbst-Disziplinierung zu „besserer“ Praxis führen soll. Nach dem Studium setzt sich diese Dynamik von Reflexionen in Teamsitzungen, Fallberatungen oder in supervisorischen Prozessen fort und wird als Instrument oder Indikator der „Qualitätsentwicklung“ gesehen. Trotz der noblen Intention wirkt die Aufforderung, das eigene Denken und Handeln ständig zu beobachten, zu prüfen und obendrein den Prozess und die Ergebnisse für die Bewertung von KommilitonInnen oder KollegInnen, Lehrenden oder Vorgesetzten zu veröffentlichen, aber nicht immer nur befreiend, sondern auch kontrollierend. In einer Gesellschaft, die zunehmend mit Überwachung und Risikoabschätzung beschäftigt ist, kann Reflexion so auch zu einer Form der Machttechnologie der (Selbst-)Überwachung werden, die mit entsprechender Vorsicht zu genießen ist.

2.5 Exemplarische Vertiefung: „Fördern und Fordern“

Das Wortpaar „Fördern und Fordern“ ist zu einem programmatischen Schlagwort mit großer Verbreitung geworden und wirkt sich auch auf das Denken und Handeln in der Sozialen Arbeit aus. Die folgenden Aufgabenvorschläge bieten Anregungen zu einer kritischen Reflexion des Schlagworts und greifen dabei auf analytisches und mimetisches Wissen zu.


Teil 1: Reflexion des eigenen Alltagswissens (ca. 5 Minuten). Machen Sie sich, nur für sich, ein paar Notizen zu folgenden Fragen:

● Ist Ihnen der Ausdruck „Fördern und Fordern“ vertraut? Wenn ja woher?

● Was ist Ihre eigene erste Reaktion auf den Ausdruck „Fördern und Fordern“?

● Welche Assoziationen und Emotionen verbinden Sie damit?

Teil 2: Wort-Skulpturen. Stille Übung in Gruppen von ca. 5–12 Personen (Diese Übung basiert u.a. auf Ideen und Techniken des ImageTheaters des Theaterpädagogen Augusto Boal).

Mehrere Freiwillige machen sich selbst jeweils zu einer Skulptur, die aus ihrer Sicht das Wort „Fördern“ repräsentiert, d.h. sie nehmen eine Körperhaltung samt Gesichtsausdruck ein, die aus ihrer Sicht „Fördern“ verkörpert. Probieren Sie ein bisschen aus, bis Sie etwas finden, das sich stimmig anfühlt. Halten Sie diese Position solange, bis alle TeilnehmerInnen der Gruppe Ihre Skulptur sehen konnten. Lösen Sie sich aus Ihrer Position, um die Skulpturen anderer zu betrachten, und nehmen Sie danach wieder Ihre Haltung für ca. eine Minute ein. In einer zweiten Runde nehmen Freiwillige (dieselben oder andere) die Position und Ausdrucksform einer Skulptur ein, die für sie „Fordern“ repräsentiert. Gehen Sie genauso vor wie zuvor, und halten Sie diese Position, bis alle TeilnehmerInnen Ihre Skulptur und Sie die Skulpturen der anderen sehen konnten. Das Ganze geschieht wortlos.

Fragen zur Anregung der Reflexion und Gruppendiskussion im Anschluss:

● Welche Beobachtungen haben Sie an sich selbst als Skulptur gemacht?

● Welche Körperbereiche standen unter besonderer Anspannung?

● Welche Assoziationen und Emotionen hatten Sie im Verlauf der Übung?

● Was fiel Ihnen bei der Betrachtung anderer Skulpturen auf?

● Welche Aspekte des Begriffs „Fördern und Fordern“ sind Ihnen dadurch klarer oder unklarer geworden?

Teil 3: Hintergrundrecherche. Forschen Sie nach Hintergrund und Bedeutung der Wort-Doppelpackung „Fördern und Fordern“:

● Woher kommt dieser Ausdruck?

● Seit wann ist er in der Öffentlichkeit vertreten?

● In welche größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge ist er eingebettet?

● In welchen Arbeitsfeldern und Institutionen der Sozialen Arbeit taucht er auf?

● Wie wird er in die Tat umgesetzt, d.h. in welche Maßnahmen, Regeln etc. wird „Fördern und Fordern“ für das methodische Handeln übersetzt?

Anregung zur kritischen Analyse und Reflexion, nachdem Sie genauer nach der Herkunft und Nutzung des Ausdrucks recherchiert haben:

● Welche Annahmen über das „Verändern“ von Menschen und ihren Situationen stecken in dem Begriff?

● Welches Menschenbild verbirgt sich darin?

● Welches Gesellschaftsbild verbirgt sich darin?

Teil 4: Gesamtauswertung aller Übungsteile. Betrachten Sie noch einmal Ihre ersten Notizen aus Teil 1 und alle nachfolgenden Ideen.

● Auf welche Annahmen (kausale, präskriptive oder paradigmatische, siehe Erklärungen in Kap. 2.3.2) sind Sie gestoßen?

● Welche anderen Perspektiven haben Sie entdeckt oder eingenommen?

● Was leiten Sie insgesamt aus Ihrer Kritischen Reflexion für künftiges Handeln ab?


Oschmiansky, F. (2010): Aktivierender Staat und aktivierende Arbeitsmarktpolitik, verfügbar unter: www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/55052/aktivierende-arbeitsmarktpolitik?, 26.06.2017

Virchow, F. (2008): „Fordern und Fördern“ – Zum Gratifikations-, Sanktions- und Gerechtigkeitsdiskurs in der BILD-Zeitung. In: Wischermann und Thomas (Hrsg.): Medien – Diversität – Ungleichheit. Zur medialen Konstruktion sozialer Differenz. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 245–262

3 Methoden und methodisches Handeln


Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit ist stets eingebunden in ethische und theoretische sowie situative und strukturelle Dimensionen, die in spezifischen Methoden konkretisiert werden. Methoden sind höchst vielgestaltig und unterscheiden sich in ihren Formen, Funktionen und Fokusbereichen. Allen Formen methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit sind aber auch grundsätzliche Charakteristika und Prinzipien gemein, und es lassen sich generelle Komponenten und Kompetenzen formulieren. Insgesamt erfüllen Methoden eine doppelte Funktion. Sie dienen einerseits der Orientierung für die konkrete Praxis und andererseits der Entwicklung der Profession selbst.

„Wer nur einen Hammer hat, für den wird alles zum Nagel“ (Maslow 1966, 15, Übers. d. A.).


Überlegen und diskutieren Sie:

● Was bedeutet dieser Satz für Sie?

● Welche Zusammenhänge zwischen Denken und Tun werden darin angedeutet?

● Was leiten Sie daraus für methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit ab?

Wenn es um Methoden in der Sozialen Arbeit geht, kommen schnell Metaphern aus dem Handwerksbereich zum Einsatz. Da ist von Werkzeugkästen, Handwerkszeug oder „tools“ die Rede und lässt Bilder im Kopf entstehen, die nach konkreter, praktischer Anwendbarkeit klingen, nach Instrumenten und „how-to“-Tipps, über die Probleme gelöst werden können. Bilder dieser Art machen Hoffnung auf „Praktisches“ und können überdies auch zum Nachdenken inspirieren. Gleichzeitig ist das Bild von Methoden als technischen „Werkzeugen“, mit denen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen an Menschen oder ihrer Umgebung quasi herumschrauben, um etwas zu „reparieren“, aber auch problematisch und führt tendenziell auf die falsche Fährte. Über ein mechanistisches Methodenbild hinaus geht es im Folgenden daher um eine vertiefende Auseinandersetzung mit Grundbegriffen methodischen Handelns, insbesondere um

● die Abgrenzung von Begriffen rund um Methoden und methodisches Handeln,

● die Funktionen und Diskussionen der Methodenentwicklung in der Sozialen Arbeit,

● verschiedene Arten, Methoden einzuordnen,

● die Rolle von Theorie und Ethik im methodischen Handeln,

● die Rolle von Struktur und Situation in methodischem Handeln,

● Charakteristika und Prinzipien des Handelns, die sich etabliert haben, und

● einen ersten Überblick über Kompetenzen und Komponenten methodischen Handelns.

3.1 Definitionsversuche

Im alltäglichen Sprachgebrauch bedeutet „Methode“ so viel wie „Weg zu einem Ziel“ und beschreibt, wie etwas getan wird bzw. getan werden soll. In der Sozialen Arbeit aber lässt sich das Wie nicht sinnvoll getrennt von größeren Zusammenhängen beantworten. Vielmehr ist das Wie nur erklärbar, wenn gleichzeitig auch Fragen wie „Was ist das Ziel?“, „Warum soll hier überhaupt etwas getan werden?“ und „Warum so und nicht anders?“ beantwortet werden. In einem derartig erweiterten Verständnis von „Methode“ wird das Wie also in den größeren Kontext gestellt, sodass es nötig ist, Begriffe genauer oder anders zu definieren. Für dieses Buch gelten folgende begriffliche Definitionen und Abgrenzungen, die zugegebenermaßen auch nicht immer trennscharf sind. Sie beginnen mit dem „größten“ Begriff und enden mit dem „kleinsten“ Element.


Methodisches Handeln: Methodisches Handeln ist ein umfassender, übergeordneter Begriff, der ein begründetes, planvolles, zielgerichtetes und kritisch reflektierendes Vorgehen beschreibt, das die jeweiligen konkreten Kontexte von Personen und Situationen berücksichtigt. Methodisches Handeln ist in seinen Abläufen strukturiert und umfasst typische Komponenten wie Situationsbeschreibung und -analysen, Problem- und Zieldefinition, Interventionsplanung, Umsetzung der Pläne sowie die Reflexion und Evaluation von Prozessen und Ergebnissen. Trotz der Strukturiertheit ist methodisches Handeln in der praktischen Umsetzung nicht linear, sondern verläuft in zirkulären, spiralartigen Schlaufen und muss für Veränderungen offen bleiben. Methodisches Handeln kann ganz oder teilweise über spezifische methodische Konzepte und damit verbundene etablierte Methoden erfolgen, kann unterschiedliche Methoden gezielt kombinieren oder auch neuen Entwürfen folgen.


Das Führen von Gesprächen ist eine in verschiedensten Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit omnipräsente Form methodischen Handelns, die auf unterschiedlichen Ebenen (mit AdressatInnen, KollegInnen, Teams und Fachkräften anderer Institutionen) erfolgt. „Gesprächsführung“ als methodisches Handeln kann unterschiedliche Ziele verfolgen und muss in der Umsetzung auf die gegebene Situation und die involvierten Institutionen und Personen angepasst werden. Dabei lässt sich für Gesprächsführung eine allgemeine Struktur definieren, wie etwa:

● Kontakt und Gesprächseröffnung

● Verständigung über Fokus und Anliegen des Gesprächs

● Klärung von Sichtweisen und Ideen

● Verständigung über weitere Schritte

● Beenden des Gesprächs.


Methodisches Konzept: Als methodische Konzepte werden spezifizierte Varianten methodischen Handelns bezeichnet. Dazu beschreiben methodische Konzepte, mehr oder weniger konkret, Elemente des Handelns und begründen bzw. rechtfertigen sie über theoretische, ethische oder empirische Grundlagen. Sie stellen so Zielvorstellungen und Schritte in einen übergeordneten Sinnzusammenhang und berücksichtigen dabei typische Situationen und Rahmenbedingungen der Arbeit. Methodische Konzepte tragen mitunter Namen, die sie bereits näher beschreiben oder Hinweise auf die Arbeitsfelder oder Institutionen geben, denen sie entstammen (z.B. „Sozialpädagogische Familienhilfe“ oder „Krisenintervention“).


Personenzentrierte Gesprächsführung, mitunter auch „klientenzentrierte“ Gesprächsführung genannt, ist ein spezifisches methodisches Konzept, das die allgemeinen Strukturen von Gesprächsführung konkreter ausfüllt. Basierend auf Theorien aus der humanistischen Psychologie und Therapie nach Carl Rogers betont das Konzept ein positives Menschenbild, das auf inhärentes Wachstum vertraut. Für Fachkräfte betont das Konzept daher eine begleitende, nicht-direktive Haltung und Rolle, die auf Maximen wie bedingungsloser Wertschätzung, Empathie und Kongruenz basiert.


Methoden: Methoden sind konkrete, planvolle und zielgerichtete Vorgehensabfolgen, die sich aus einem methodischen Konzept begründen bzw. in ein solches eingebettet sind. Sie dienen der nachvollziehbaren und passgerechten Gestaltung von Hilfeprozessen und stellen Hilfen zur Umsetzung der Komponenten methodischen Handelns bereit.


Als Methode hält das personenzentrierte Konzept Orientierungen für die Gestaltung des Gesprächsprozesses bereit. So vermeidet die Fachkraft es, Verhaltensanweisungen oder Interpretationen aus einer Expertenposition zu geben, sondern spiegelt stattdessen die emotionalen Anteile des Gesagten zurück. Dadurch sollen die Selbstexploration und Entwicklung des Gegenübers gefördert werden.


Techniken: Als Techniken werden kleinere Bündel konkreter Verfahrensweisen bezeichnet, die zur Erreichung spezifischer (Teil-)Ziele des Handelns eingesetzt werden. Sie sind verhältnismäßig leicht erlern- und wiederholbare Handlungsweisen, die deutlich weniger komplex sind als Methoden. Techniken sind Teile von Methoden bzw. können ihnen zugeordnet werden und sind als solche ebenfalls eingebettet in methodische Konzepte.


Techniken, die zur personenzentrierten Methode gehören bzw. ihr entstammen, sind unter dem Titel „Aktives Zuhören“ bekannt und beinhalten u.a. das sog. „Spiegeln“ von Emotionen, also das Benennen und Paraphrasieren von affektiven Anteilen aus Gesprächsinhalten.


Seithe, M. (2008): Engaging. Möglichkeiten Klientenzentrierter Beratung in der Sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Weinberger, S. (2013): Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe. 14. überarbeitete Aufl. Beltz Juventa, Weinheim

Widulle, W. (2012): Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Gestaltungshilfen. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Von der Schwierigkeit der Unterscheidung – das Genogramm

Ob es sich um ein methodisches Konzept, eine Methode oder eine Technik handelt, ist nicht immer eindeutig zu klären, sondern kann sich auch jeweils aus dem Anwendungskontext ergeben. In der Praxis Sozialer Arbeit taucht z.B. das Genogramm in unterschiedlichen Einsatzformen auf, was die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen den Ebenen „methodisches Konzept“, „Methode“ und „Technik“ illustriert.


Das Genogramm ist eine Art grafischer Familienstammbaum, der in der therapeutischen, beraterischen oder (sozial-)pädagogischen Arbeit mit AdressatInnen oder der Ausbildung von Fachkräften eingesetzt wird.

In der Grafik eines Genogramms werden Lebensdaten, Konstellationen und Vorgeschichte einer Familie festgehalten. Wird das Genogramm vor allem zu Dokumentationszwecken eingesetzt, lässt es sich als Technik einordnen, über die Familienzusammenhänge kommuniziert werden. In dieser Funktion geht es beim Genogramm vorrangig darum, die Grafik entsprechend der etablierten Regeln zu gestalten (Quadrat = männliche Person, Kreis = weib liche Person, usw.), damit z.B. auch andere Fachkräfte die erhobenen Informationen nachvollziehen können (Abb. 3). Wird das Genogramm über die reine Dokumentation hinaus auch als Instrument für die direkte Arbeit mit AdressatInnen eingesetzt, dann handelt es sich um die Methode der „Genogrammarbeit“. Genogrammarbeit dient dazu, die aus der familiengeschichtlichen Beziehungsdynamik gewachsenen Muster von Verhaltens- und Denkweisen zu reflektieren und ggf. zu verändern. Daher werden Informationen über mindestens drei Generationen schrittweise gemeinsam mit den AdressatInnen erhoben, aufgezeichnet und besprochen. Neben den Aufzeichnungstechniken für das Genogrammbild bedarf Genogrammarbeit daher weiterer Frage- und Gesprächstechniken. Der Fokus der Fragen, ihre Abfolge und konkrete Formulierungen leiten sich sowohl aus dem familien-systemischen Konzept und seinen Varianten ab, dem das Genogramm entstammt, als auch aus dem konkreten Ziel der Arbeit mit den beteiligten Personen. Genogrammarbeit lässt sich als eigenes methodisches Konzept einordnen, wenn die Methode samt ihrer systemtheoretischen Grundlagen in bestimmten (sozial-)pädagogischen oder therapeutischen Kontexten zielgerichtet genutzt wird und auch theoretisch klar begründbarer Teil der Gesamtlogik des Handelns ist.

Systemische Ansätze in der Sozialen Arbeit greifen auf verschiedene Systemtheorien aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften zurück. Kennzeichnend ist, dass systemische Ansätze das Verhalten und Denken von Menschen als stets kontextabhängig sehen. Darum nehmen diese Ansätze nicht nur einzelne Individuen für sich genommen in den Blick, sondern betrachten das Zusammenspiel verschiedener Elemente (Personen, Institutionen, Situationen etc.). Statt nach linearen Zusammenhängen von Ursache und Wirkung zu suchen, gehen systemische Ansätze außerdem von zirkulären, also kreisförmigen, Wirkungszusammenhängen aus. Systeme, wie etwa Familien, folgen zudem ihrer jeweils eigenen Logik und lassen sich zwar „irritieren“, um bestehende Muster zu verändern, aber eine direkt gesteuerte und gezielte Veränderung lässt sich nach der Logik systemischer Ansätze nicht herbeiführen. So verstanden müssen sich Fachkräfte darauf einstellen, dass ihre Versuche des „Helfens“ nicht immer positive, sondern auch negative, unerwartete oder gar keine Resultate nach sich ziehen.


Abb. 3: Genogramm

Das Genogramm bietet auch gleich Gelegenheit für Kritische Reflexion, denn einige der etablierten Genogramm-Symbole erscheinen aus kritischer Perspektive stark normativ und sollten zugunsten anderer Kategorien und Darstellungen überdacht und angepasst werden. Die binäre Frau-/Mann-Symbolik etwa ist fragwürdig und sollte mindestens offen sein für die Selbstdefinition der Personen, die auch jenseits einer zweipoligen Genderidentität liegen kann. Ebenso kann die grafische Unterscheidung von Verheirateten und unverheiratet Zusammenlebenden unnötig stigmatisierend wirken.


Kühling, L., Richter, K. (2009): Genogramme in der Sozialen Arbeit. In: Michel-Schwarze, B. (Hrsg.): Methodenbuch Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 227–256

Methoden bzw. methodische Konzepte konkretisieren die generell identifizierbaren Komponenten methodischen Handelns auf der Grundlage theoretischer und ethischer Überlegungen, sowie im Hinblick auf gegebene Strukturen und Situationen (Abb. 4).

Bevor aber die Rolle von Theorie, Ethik, Situation und Strukturen näher beleuchtet werden, lohnt sich ein Blick auf die methodengeschichtliche Entwicklung und die grundsätzlichen Unterscheidungen, die sich für die Analyse und Einordnung von Methoden und methodischen Konzepten finden lassen.


Abb. 4: Zusammenhänge methodischen Handelns

3.2 Methoden und methodische Konzepte einordnen

Die konkreten methodischen Konzepte bzw. Methoden, die in der Praxis Sozialer Arbeit genutzt werden, sind sehr vielfältig und es lässt sich keine abschließende Liste erstellen. Sich in der Vielfalt von Methoden bzw. methodischen Konzepten Überblick zu verschaffen, ist alles andere als einfach. Man könnte versuchen, Methoden zu sortieren nach

● theoretischer Herkunft (Systemtheorie, Verhaltenstheorie, humanistische Theorie, Kritische Theorie, usw.),

● historischen Entwicklungslinien (Einzelfallarbeit, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit),

● Problemfeldern (Armut, Drogenabhängigkeit, Rassismus, Wohnungslosigkeit, usw.),

● Zielgruppen oder Arbeitsfeldern (Kinder- und Jugendhilfe, Berufsberatung, Behindertenhilfe usw.),

● Qualität der Forschungslage (Evidenzbasierte Interventionen, „Beste Praktiken“, etc.),

● ihrer präventiven Funktion (primär präventive Angebote, die schon im Vorfeld von Problemen gemacht werden, sekundär präventive Angebote für spezielle Zielgruppen, die bereits mit Problemsituationen konfrontiert sind, oder tertiär präventive, nachsorgende Angebote),

● oder danach, ob sie für die direkte unmittelbare Interaktion mit AdressatInnen (Primärmethoden) oder für den indirekten Einsatz auf strukturelle Ebenen wie Koordination, Reflexion oder Evaluation auf Seiten von Organisationen oder Fachkräften (Sekundärmethoden) dienen.

Alle diese Kategorien für die Einordnung verdeutlichen bereits wichtige Aspekte methodischer Konzepte und von Methoden und erlauben erste analytische Unterscheidungen. Um drei weitere Unterscheidungsmöglichkeiten, die für die Analyse und Reflexion konkreter Methoden Anhaltspunkte bieten, geht es im Folgenden etwas ausführlicher:

1. die Sozialform

2. die Fokusebene

3. das Funktionsverhältnis zur Lebenswelt

Diese Einteilung erlaubt es, Methoden genauer nach ihren handlungspraktischen Ausrichtungen einzuordnen und zu vergleichen.

3.2.1 Sozialformen mit Geschichte: Einzelfall-, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit

Für lange Zeit wurde die klassische „Trias“ von Einzelfallarbeit, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit mit „Methoden der Sozialen Arbeit“ gleichgesetzt. Die Methodenentwicklung hat sich aber inzwischen weiter ausdifferenziert, sodass diese Dreiteilung allein nicht mehr hinreichend spezifisch ist. Galuske (2013) schlägt daher vor, Einzelfall-, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit nicht per se als Methoden, sondern als „Sozialformen“ zu verstehen. Als Sozialformen beschreiben „Einzelfall“, „Gruppe“ und „Gemeinwesen“, mit wem interagiert wird, ohne dass Näheres über die genaueren Vorgehensweisen und konzeptionellen Zusammenhänge ausgesagt wird. Obwohl oft eine Sozialform dominiert, können in vielen methodischen Konzepten auch mehrere oder alle Sozialformen eingesetzt werden. So kann z.B. in der Schulsozialarbeit individuell mit einzelnen SchülerInnen gearbeitet werden, es können Gruppenangebote unterbreitet und auch aktive Gestaltungsarbeit im Stadtteil geleistet werden.

Einzelfallarbeit: Einzelfallarbeit umfasst als Sozialform ein breites Spektrum von methodischen Konzepten und Arbeitsfeldern. Einzelfallarbeit als Sozialform ist dadurch gekennzeichnet, dass sie sich an einer Person festmacht oder primär auf ein Individuum, ein Paar oder eine Familie richtet. „Persönliche Assistenz“ für Menschen mit Behinderung ist in diesem Sinn genauso eine auf den Einzelfall gerichtete Tätigkeit wie Sozialpädagogische Familienhilfe oder die individuelle Beratung von Angehörigen im geriatrischen Krankenhaus. Gleichzeitig unterscheiden sich diese Tätigkeiten inhaltlich und durch die jeweils andere strukturelle Einbindung stark und nutzen entsprechend andere methodische Mittel. In ihrer historischen Entwicklung ist Einzelfallarbeit stark mit der sozial-diagnostischen Tradition und dem generellen Dreischritt „Anamnese – Diagnose – Behandlung“ verbunden.

Diese Tradition orientiert sich in der Grundlogik und Sprache an der Medizin, übersetzt sie aber für soziale Problemlagen. Kennzeichnend sind eine systematisierte Einschätzung der Situation eines Individuums bzw. einer Gruppe von Personen inklusive ihrer Vorgeschichte (Anamnese), die Kategorisierung (Diagnose) vorliegender Probleme und Problemzusammenhänge, sowie die Planung und Umsetzung einer Intervention (Behandlung), die sich aus der Anamnese und Diagnose ergeben.

Die Kritik an Tendenzen der Einzelfallarbeit zu pathologisierender und individueller Verortung sozialer Probleme führt periodisch immer wieder zu einer Rückbesinnung auf ressourcenerschließende und ganzheitliche „Person-in-Umwelt“-Orientierungen, wie sie sich schon bei den frühen Vertreterinnen der Sozialen Arbeit wie Mary Richmond, Alice Salomon, Siddy Wronsky oder Bertha Capen Reynolds finden lassen. Dazu gehören u.a. methodische Konzepte wie das biografisch-rekonstruktive Fallverstehen (Kap. 4.3) sowie die Erweiterung des Arbeitsfokus „vom Fall zum Feld“, bei dem über das Individuum hinaus auch dessen größerer Sozialraum und die Versorgungsstrukturen einbezogen werden. Über diese Entwicklungen entgrenzt sich die klassische Einzelfallarbeit hin zu den anderen Sozialformen.

Gruppenarbeit: Gruppenarbeit bezeichnet methodische Arbeitsformen, die mit und über Gruppen (sozial-)pädagogische und/oder psycho-soziale Ziele zu erreichen suchen. Historisch greift Gruppenarbeit auf Traditionen der Jugendbewegung und auf (reform-)pädagogische Ansätze des frühen 20. Jahrhunderts zurück, die u.a. auf Selbsterziehung von und durch Peers setzte. Nach den verheerenden Erfahrungen mit dem negativen Einfluss von Gruppen während des Nationalsozialismus betonte die nach 1945 aufkommende Gruppenarbeit vor allem demokratische und kritische Bildungsprozesse. Insgesamt nutzt Gruppenarbeit gezielt Wissen aus Feldern wie Sozialpsychologie, Kleingruppenforschung, Gruppendynamik oder auch Psychodrama (Kap. 5.1.3). Je nach methodischem Konzept unterscheidet sich der Stellenwert, den die Gruppe einnimmt. In einigen Gruppenarbeitskonzepten ist die Gruppe selbst das zentrale Instrument, wie z.B. in der einst von Konopka (1994) geprägten „Sozialen Gruppenarbeit“, deren Ziel das Wachstum der Gruppenmitglieder in und durch die Prozesse in der Gruppe ist. Die Rolle der SozialpädagogInnen ist in dieser Variante wenig direktiv, sondern eher begleitend. In anderen methodischen Konzepten dient die Gruppe vorrangig als Forum, um gezielt spezielles Wissen oder spezielle Kompetenzen zu vermitteln (Anti-Aggressionstraining, Psychoedukation, ElternTraining etc.). Hier sind Gruppenaktivitäten klar vorstrukturiert und die Rolle von Fachkräften kann dabei stark instruierend sein. Darüber hinaus finden sich Gruppenformate auch auf der Ebene der Professionellen selbst, wenn z.B. in Teams, Arbeitsgruppen, Kollegialer Beratung oder Supervision methodisches Handeln geplant, durchgeführt oder reflektiert wird.


Konopka, G. (1994): Soziale Gruppenarbeit. Ein helfender Prozess. Beltz, Weinheim/Basel

Nellesen, L. (2012): Von der Gruppenarbeit zur Familientherapie. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 649–662

Gemeinwesenarbeit: Gemeinwesenarbeit (GWA) richtet ihre Hauptaufmerksamkeit auf die Förderung von Nachbarschaften, Wohnquartieren oder anderen sozialräumlichen Zusammenhängen. BewohnerInnen sollen unterstützt und aktiviert werden, die Probleme ihres Wohnquartiers gemeinsam zu bearbeiten. Anders als Gruppenarbeit und Einzelfallarbeit bezeichnet „Gemeinwesenarbeit“ ganz bestimmte methodische Konzepte, die in den 1970er Jahren aus den U.S.A. ihren Weg nach Deutschland fanden. Dazu gehören Varianten der GWA, die eher auf Konsensfindung setzen und solche, die wie Saul Alinskys (1974) „aggressive“ GWA einem Konfliktmodell folgen. Historische Vorläufer hat Gemeinwesenarbeit in der „Settlement“-Bewegung, für die vor allem Jane Addams und das von ihr 1889 begründete Hull-House in Chicago steht. Settlement Häuser in benachteiligten Stadtteilen dienten dabei sowohl als private Unterkunft der „settlement worker“ wie auch als öffentlicher Raum für Gruppen und Aktivitäten, die von Abendschule über Kindergärten bis zu Theater und anderer Kulturarbeit reichten. Daneben gehörten die systematische Forschung zu Infrastruktur und Lebensbedingungen des Stadtteils und ein politischer Reformgedanke zum Konzept. Zusammen ergaben diese Ausrichtungen im Englischen die drei „R“s der Settlement Bewegung – „Residence, Research and Reform“. Während die GWA zwar in Form von Nachbarschaftshäusern Einzug in die Methodenlandschaft in Deutschland hielt, konnte sie sich im Verhältnis zu anderen methodischen Konzepten insgesamt wenig durchsetzen, auch wenn sie seit den 2010er Jahren wieder mehr Interesse erfährt. Deutlich stärker verbreitet ist das Konzept der Sozialraumorientierung.

Sozialraumorientierung: Während GWA klar auf geografische Räume (Quartiere, Stadtteile) bezogen ist, gibt es bei der Sozialraumorientierung, die sich ab 1990 etablierte, unterschiedliche Akzentuierungen (Hinte 2012). In der ersten Variante macht sich „Sozialraum“ an der Lebenswelt des einzelnen Subjekts fest. Der individuelle „Sozialraum“ ist daher je nach Person unterschiedlich und erfasst die sozialen Vernetzungen und Kontakte, die materiellen Strukturen der Lebens- und Alltagswelt, und damit anteilig auch Strukturen von Wohnquartieren oder Kommunen, die die Lebensbedingungen einzelner Subjekte beeinflussen bzw. von ihnen genutzt werden. In der zweiten Variante, die vor allem auf verwaltungstechnischer Ebene genutzt wird, dient ein „Sozialraum“ für Planung oder auch Budgetierung sozialer Dienste in bestimmten geografischen Räumen und wird in methodischen Konzepten wie z.B. dem „Quartiersmanagement“ aufgegriffen. KritikerInnen sehen in der Verbindung des letztgenannten Verständnisses von „Sozialraum“ mit verwaltungstechnischen Steuerungsprinzipien wie der sogenannten „Neuen Steuerung“ die Gefahr, dass ökonomische Sparinteressen fachliche Interessen überlagern.


Der Begriff Neue Steuerung bezeichnet eine ab den 1990er Jahren verbreitete Form der Verwaltungsreform, in der auf kommunaler Ebene betriebswirtschaftliche Managementkonzepte mit dem Ziel eingeführt wurden, öffentliche Dienstleistungen dezentral und wirkungsorientiert auszurichten.


Fehren, O. (2006): Gemeinwesenarbeit als intermediäre Instanz. Neue Praxis 6/2006, 575–595

Hinte, W. (2012): Von der Gemeinwesenarbeit über die Sozialraumorientierung zur Initiierung von bürgerschaftlichem Engagement. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 663–676

Stövesand, S., Troxler, U., Stoik, C. (2013): Handbuch Gemeinwesenarbeit: Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden. Budrich Verlag, Leverkusen

Online Ressourcen: www.sozialraum.de, 09.06.2017; www.stadtteilarbeit.de, 09.06.2017

Reflexionsfragen zu Sozialformen. Die Unterscheidung methodischer Konzepte in die Sozialformen Einzelfall, Gruppe oder Gemeinwesen richtet die Aufmerksamkeit auf die Fragen:

● welche primären Formen der Interaktion nutzt eine Methode oder ein methodisches Konzept?

● in welcher größeren Tradition Sozialer Arbeit steht eine Methode/ein methodisches Konzept?

3.2.2 Fokusebenen

Eine andere analytische Unterscheidung von Methoden richtet sich auf die Ebene, auf der Veränderungen angeregt werden sollen.

Mikro-Ebene: Methoden mit Fokus auf die Mikro-Ebene zielen auf Veränderungen beim Individuum bzw. im Nahbereich von Familien und Kleingruppen. Die Vielfalt psycho-sozialer und (sozial-)pädagogischer Methoden (meist in den Sozialformen von Einzelfall- oder Gruppenarbeit) mit diesem Fokus reicht von einmaligen oder mehrfachen Beratungsangeboten über intensive therapeutische Wohneinrichtungen bis zu aufsuchenden Methoden wie Streetwork oder aktivitätsbetonten Methoden wie Erlebnispädagogik.

Meso-Ebene: Methoden, die die Meso-Ebene fokussieren, streben Veränderungen in oder zwischen Organisationen, größeren Gruppen oder im Gemeinwesen an. Koordinierende Planung und Vernetzung von Trägern im Sozialraum (z.B. im lokalen Jugendhilfeausschuss) gehören ebenso dazu wie schulweite Programme von Gewaltprävention oder Stadtteilinitiativen. Ferner können Netzwerkanalysen, Stadtteilerkundungen, Sozialraumanalysen oder ähnliche Methoden sowohl als direkte aktivierende Methoden mit AdressatInnengruppen zum Einsatz kommen als auch die Grundlage für weitere Interventionen bieten.

Makro-Ebene: Soziale Arbeit mit Fokus auf die Makro-Ebene zielt auf Veränderungen in größeren gesellschaftlichen Einheiten und bei politischen Vorgaben bzw. strebt Verbesserungen von Versorgungs- oder Bildungssystemen an. Dazu gehören z.B. Methoden der politischen Bildung oder advokatorische (anwaltschaftliche/ parteiliche) methodische Konzepte. Unabhängig von einzelnen Fällen mischt sich Soziale Arbeit auf der Makro-Ebene in die Gestaltung und Entwicklung von sozialpolitischen Strukturen, Finanzierungsweisen und inhaltlichen Ausrichtungen ein.

Reflexionsfragen zur Fokusebene. Die Unterscheidung von Mikro-, Meso- und Makro-Ebenen hilft bei der kritischen Analyse der Frage, auf welcher Ebene eine Methode oder ein methodischen Konzept primär Veränderungen zu erreichen sucht. Selten werden alle drei Ebenen gleichermaßen fokussiert. Da Soziale Arbeit aber insgesamt den Anspruch hat, die Interdependenz aller drei Ebenen zu berücksichtigen, sind SozialarbeiterInnen aufgefordert, über kritische Analyse und Reflexion die jeweiligen Auslassungen im methodischen Handeln zu erkennen.

● Welche Ebene wird bei dieser Methode/in diesem methodischen Konzept vorrangig fokussiert?

● Wie könnten auch die anderen Ebenen berücksichtigt werden?

3.2.3 Funktionsverhältnis zur Lebenswelt

Methoden bzw. methodische Konzepte können in unterschiedlicher Weise auf die Lebenswelten von AdressatInnen einwirken.


Der Begriff Lebenswelt bezeichnet, verkürzt gesagt, die jedem Menschen eigene, subjektiv gelebte und erfahrene Welt. Sie entsteht im Zusammenspiel von inneren Sinnwelten und äußeren Lebensumständen und Strukturen, in denen sich ein jeder Mensch alltäglich bewegt. Sie umfasst die alltäglichen Routinen des Tuns und Denkens, die Art, wie Beziehungen und Umwelt verstanden werden, welcher Sinn ihnen verliehen wird und auch wie Menschen mit Widersprüchlichkeiten und besonderen Ereignissen umgehen.

Mit Blick auf ihre Funktion im Verhältnis zur Lebenswelt lassen sich Methoden bzw. methodische Konzepte als lebensweltersetzend, lebensweltergänzend oder lebensweltunterstützend einordnen. Durch das doppelte Mandat von Hilfe und Kontrolle sind mit der jeweiligen Funktion auch unterschiedlich stark die Gefahr des Eingriffs in die Autonomie von AdressatInnen verbunden.

Lebensweltersetzende Methoden/methodische Konzepte: Diese auch „stationär“ genannten methodischen Ansätze verlagern zentrale Aspekte des Lebensalltags von AdressatInnen, allen voran das Wohnen, in soziale Institutionen. Lebensweltersetzende Methoden sind sehr „eng“ an den AdressatInnen und besonders ressourcenaufwendig. Sie bieten ein hohes Maß an Unterstützung und Strukturierung des Alltags und schränken gleichzeitig oft auch die Selbstbestimmung stark ein. Zu den lebensweltersetzenden Methoden gehören pädagogische, psychiatrische oder rehabilitative Einrichtungen, die meist mit interprofessionellen Teams (ErzieherInnen, SonderpädagogInnen, medizinisch oder therapeutisch geschultem Personal usw.) ausgestattet sind, wie etwa Mutter-Kind-Heime, therapeutische Wohngruppen, Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, Seniorenheime oder Pflegeeinrichtungen.

Lebensweltergänzende Methoden/methodische Konzepte: Diese auch als „teilstationär“ bezeichneten methodischen Ansätze bestimmen einen erheblichen Teil des Alltags von AdressatInnen, sind aber zeitlich weniger intensiv als stationäre Einrichtungen. Sie strukturieren Aufenthalt und Aktivitäten von AdressatInnen bis hin zu täglichen mehrstündigen Angeboten, ersetzen aber nicht den gesamten Wohn- und Lebensalltag. Zu den lebensweltergänzenden Methoden gehören Tagesstätten, Tagesgruppen, Tageskliniken etc.

Lebensweltunterstützende Methoden/methodische Konzepte: Diese „ambulanten“ methodischen Ansätze stellen Angebote für den Lebensalltag der AdressatInnen bereit, ohne stark in zeitliche oder örtliche Gewohnheiten einzugreifen. Mit ihrer deutlich geringeren Intensität und Dichte schränken sie die Autonomie von AdressatInnen typischerweise weniger stark ein als lebensweltersetzende oder -ergänzende Angebote. Zu den lebensweltunterstützenden Methoden gehören Beratungs- und Bildungsangebote, Streetwork, offene Jugendarbeit etc.

Reflexionsfragen zur Funktion einer Methode /eines methodischen Konzepts im Verhältnis zur Lebenswelt. Die Unterscheidung in lebensweltersetzende, -ergänzende oder -unterstützende Ansätze regt u.a. dazu an, Methoden entlang ethischer Fragen zu Selbstbestimmung und Autonomie von AdressatInnen zu reflektieren:

● In welchem Funktionsverhältnis steht eine Methode/ein methodisches Konzept zur Lebenswelt von AdressatInnen?

● Wie stark werden Selbstbestimmung und Autonomie von AdressatInnen durch die Methode/methodischen Konzepte gefördert oder eingeschränkt?

● Welche Möglichkeiten gibt es, methodisches Handeln so zu gestalten, dass AdressatInnen die größtmögliche Selbstbestimmung und Autonomie zuteilwird?

3.3 Funktionen und Diskussionen der Methodenentwicklung

Doppelte Grundfunktion: Methoden erfüllen eine doppelte Grundfunktion innerhalb der Sozialen Arbeit. Zum einen dienen sie dazu, das Handeln zu leiten und fachlich zu begründen. Methodisierung, also das Anordnen von Handlungen in ein logisch strukturiertes, begründetes und wiederholbares Vorgehen, erleichtert Entscheidungs- und Handlungsprozesse, weil sie die Komplexität reduziert und Fachkräfte nicht in jedem Fall erneut „bei null“ anfangen, sondern auf Bewährtes und Erprobtes zurückgreifen können. Insofern ist Methodisierung auch eine Form professioneller Routinisierung, die aber neben den eben genannten Vorteilen auch die Gefahr birgt, unaufmerksam, unflexibel oder unkritisch in der Anwendung von Methoden zu werden.

In ihrer zweiten Grundfunktion dienen Methoden dazu, die Professionalisierung, also die Entwicklung und den Status der Profession selber, zu fördern und sind daher eng mit der Professionsgeschichte Sozialer Arbeit verbunden. „Eigene“ Methoden vorweisen zu können, galt historisch als eine der zentralen Bedingungen dafür, zu einer Profession aufzusteigen.

Im Bemühen um ein eigenes Methodenrepertoire orientiert sich Soziale Arbeit damals wie heute an Erkenntnissen und Ideen, die in Gesellschaft und Wissenschaften vielversprechend erscheinen oder dominant sind. Darum spiegeln sich in der Diskussion um Methoden zum einen stets die größeren zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Trends, in die Soziale Arbeit verwoben ist, und zum anderen sind die Diskussionen Ausdruck des Ringens um das Selbstverständnis Sozialer Arbeit.

Die Methodenentwicklung ist geprägt durch drei Diskussionsstränge, an denen auch die doppelte Funktion der Sozialen Arbeit deutlich wird:

● die Auseinandersetzung um den Begriff „Diagnose“

● die Frage, ob Soziale Arbeit sich primär dem Individuum oder größeren Gemeinschaften widmen sollte

● die Spannung zwischen Ansätzen, die das subjektive Erleben der AdressatInnen zum Ausgangspunkt machen, und solchen, die sich an Fragen der Wirksamkeit des Handelns festmachen

Diese drei Diskussionsstränge durchziehen die Fachdiskussion um methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit und werden daher im Folgenden näher beleuchtet.

3.3.1 Diagnose und/oder Dialog

Soziale Diagnose: Der historisch erste Methodisierungsschub der Sozialen Arbeit Anfang des 20. Jahrhunderts verbindet sich mit dem Begriff der „Sozialen Diagnose“. Zwei zentrale Schriften, die erste von Mary Richmond in den U.S.A. im Jahr 1917 und die zweite von Alice Salomon 1926 in Deutschland, trugen diesen Titel in der jeweiligen Sprache und signalisierten die Ambition, die Wohlfahrtspflege zu verwissenschaftlichen. Der in der Medizin anerkannte Begriff der „Diagnose“ wurde aufgegriffen und gleichzeitig um das Wort „sozial“ erweitert. Sich an der Wissenschaft der Medizin zu orientieren, versprach der aufstrebenden Profession Anerkennung und Abgrenzung von z.B. religiösen Begründungen für das Handeln. So fand der prominente medizinische Dreischritt „Anamnese“ (Sammeln und Sortieren wichtiger Daten), „Diagnose“ (Identifikation und Einordung der Krankheit/des Problems) und „Behandlung“ Eingang in die methodische Logik Sozialer Arbeit. Neben dem Begriff Diagnose ist auch die Unterscheidung in „stationäre“, „teilstationäre“ und „ambulante“ Angebote eine medizinisch entlehnte Begrifflichkeit.

Kritik und Diskussion: Ob und inwieweit der Begriff der Diagnose für die Soziale Arbeit aber wirklich passt, oder ob er auf Abwege führt und darum besser mit anderen Begrifflichkeiten wie z.B. Fallverstehen (Müller 2012) oder Handlungsorientierung (Heiner et al. 2003) zu ersetzen sei, wird und wurde immer wieder kritisch diskutiert. So haben einige AutorInnen die Sorge, dass das Wort „Diagnose“ zu sehr dazu einlädt, Fachkräfte in eine quasi-medizinische Expertenposition zu versetzen. Mit einer solchen Position ist die Gefahr verbunden, dass Fachkräfte mehr damit beschäftigt sind, einseitig Urteile über das zu fällen, was geschehen ist, statt ihren AdressatInnen auf Augenhöhe zu begegnen und in einem echten Dialog das auszuhandeln, was geschehen soll. Andere dagegen verstehen „Diagnose“ als Bezeichnung des unvermeidbaren Prozesses der Problem(er-)klärung und als Grundlage für die weitere Interventionsplanung, der nicht nur das situative Handeln absichert, sondern SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen im interprofessionellen Austausch unterstützt und damit auch zur Anerkennung der Arbeit beiträgt (Thiersch et al. 2012).

Die Diskussion um den Begriff Diagnose und um die Gefahren diagnostischer Sprech- und Denkweisen (Heiner et al. 2003) entflammte zeitlich nicht zufällig um die Jahrtausendwende vor dem Hintergrund der Entwicklungen in Profession und Gesellschaft. Zum einen beförderte die „Klinische Sozialarbeit“, die sich seit Ende der 1990er Jahre in Deutschland und später auch in Österreich und der Schweiz als Spezialgebiet formierte, erneuertes Interesse an psycho-sozialen diagnostischen Verfahren. In Anlehnung an „clinical social work“ im englischen Sprachgebrauch bezeichnet Klinische Sozialarbeit eine direkte Einzelfallarbeit mit Schwerpunkt auf bio-psycho-sozialer Gesundheit und ist als solche den Arbeitsbereichen von Psychologie und Psychiatrie verwandt, in denen der Diagnosebegriff schon lange etabliert ist. Zum anderen hielten zeitgleich betriebswirtschaftliche Maxime und Technologien Einzug in die Soziale Arbeit und beförderten den Trend, über diagnostische Instrumentarien Daten systematisch zu erheben, um auf dieser Grundlage Entscheidungen zu treffen. So wurden z.B. das „Person-in-Environment-System“ (PIE) (Karls/Wandrei 1994, Adler 2004) oder standardisierte Kinderschutzbögen für die Risikoeinschätzung (Kindler 2003) in dieser Zeit entwickelt.

Einig sind die AutorInnen sich darin, dass im Sinne eines sozialpädagogischen Herangehens „Diagnose“ sowohl der Versuch ist, mit Hilfe rückblickender Analyse von Daten eine Situation zu erfassen, als auch Anregung zur vorwärts gerichteten gemeinsamen Überlegung, was am besten zu tun sei. In diesem Versuch sind Fachkräfte letztlich immer auf den Dialog mit AdressatInnen angewiesen. Wie sie diesen Dialog gestalten, welche Expertise und Deutungshoheit sie für sich in Anspruch nehmen und wieviel Gewicht sie den Perspektiven, Deutungen und daraus folgenden Wünschen ihrer AdressatInnen einräumen, bleibt ein kritischer und kritisch zu reflektierender Punkt unabhängig davon, ob man den Begriff der „Diagnose“ verwendet oder nicht.


Heiner, M., Kunstreich, T., Meinhold, M., Müller, B. (2003). Diagnose und/oder Dialog? Ein Briefwechsel. In: Widersprüche (88), online verfügbar unter www.widersprueche-zeitschrift.de/article1044.html, 09.06.2017

Pauls, H. (2011): Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer Behandlung. 2. überarb. Aufl. Juventa Verlag, Weinheim

3.3.2 Individuell und/oder kollektiv

Ein zweiter Strang der Methodendiskussion rankt sich um das Verhältnis zwischen individuellem und kollektivem Fokus für das methodische Handeln. Die Mehrheit der Tätigkeiten, die SozialarbeiterInnen heute ausüben, macht sich konzeptionell und finanziell an Individuen fest und versucht, Verhalten und/oder Verhältnisse individueller AdressatInnen zu beeinflussen. Das Methodenrepertoire, das für individuell-orientierte Soziale Arbeit entwickelt wurde, ist deutlich größer als das für Gruppen, Gemeinschaften oder Gemeinwesen, obwohl soziale Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, wie etwa Frauenbewegungen, ArbeiterInnenbewegung und Jugendbewegung, die die Macht kollektiver Organisation zur Durchsetzung von Interessen demonstrierten, wesentlich zur Entstehung Sozialer Arbeit beigetragen haben. Die Entwicklung eigener Methoden kam während des Nationalsozialismus zum Erliegen und die Soziale Arbeit verstrickte sich in die rassistisch ideologisierte „Volkspflege“, in der individuelle Bedürfnisse von AdressatInnen bedingungslos dem „Volkswohl“ unterzuordnen waren. In den 1950er und 60er Jahren orientierte sich die methodische Entwicklung an Ideen aus den jeweiligen geo-politischen Einflusszonen. In der DDR hielten pädagogische Konzepte Einzug, die als passend zum sozialistischen Menschbild verstanden wurden, während in der Bundesrepublik Deutschland Methoden aus verschiedenen Psychotherapien, die sich im anglo-amerikanischen Bereich ausdifferenziert hatten, Einfluss gewannen.

„Psychoboom“ und Gesellschaftskritik: Während des dann folgenden sogenannten „Psychobooms“ (z.B. Bach/Molter 1979) in der Methodengeschichte fanden erst Ideen der humanistischen Gesprächstherapie (Rogers 1976) Eingang in das Denken und Handeln Sozialer Arbeit und später systemische Konzepte, wie etwa der „ökosystemische Ansatz“ (Germain/Gitterman 1999) oder Methoden aus der systemischen Familientherapie. Diese weiterhin überwiegend auf den Einzelfall ausgerichteten und therapeutisch entlehnten Methoden gerieten zum Ende der 1960er Jahre aber auch in die Kritik. Vor dem Hintergrund der gesellschaftskritischen Studentenbewegung und der Bürgerrechtsbewegung in den U.S.A. wurde der Vorwurf laut, dass die Soziale Arbeit und ihre Methoden gesellschaftliche Probleme individualisiere und Menschen pathologisiere. KritikerInnen forderten eine Politisierung des Selbstverständnisses und der Methoden Sozialer Arbeit. Gemeinwesenarbeit und andere kollektive politische Ansätze wurden in dieser Phase aufgegriffen und bereicherten das Methodenrepertoire. „Empowerment“ wurde zu einem Bezugskonzept der Sozialen Arbeit, das seitdem in vielfältigen Formen Eingang in methodisches Handeln gefunden hat (Kap. 3.8). Die Diskussion um das Verhältnis von individuellen zu kollektiven Ansätzen hält weiter an. Einerseits sind das Interesse und der Einfluss psychologischer, (quasi-)therapeutischer Ansätze und Programme, die sich nicht zuletzt auch über den Weiterbildungsmarkt verbreiten, ungebrochen. Andererseits sind auch Forderungen nach Re-Politisierung, z.B. über kritisch-pädagogische Methoden wie etwa anti-rassistische, anti-diskriminierende oder andere gesellschaftskritische Ansätze und nach stärkerer Vernetzung mit neuen sozialen Bewegungen und Gruppen, seit den 2000er Jahren wieder aufgeflammt.


Kessl, F., Plöger, M. (Hrsg.) (2012): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Wagner, L. (Hrsg.) (2009): Soziale Arbeit und Soziale Bewegungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

3.3.3 Wirtschafts-, Wirkungs- und/oder Lebensweltorientierung

Ein dritter anhaltender Diskussionsstrang betrifft das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem, wirkungsorientiertem und lebensweltorientiertem Methodenverständnis.

Lebensweltorientierung: Das Konzept der Lebensweltorientierung wurde in den 1970er Jahren von Hans Thiersch (1978) entwickelt und stieg im Verlauf der folgenden Jahrzehnte zu einem der Leitkonzepte der Jugendhilfe auf. Ab 1990 ist die Lebensweltorientierung auch im Kinder- und Jugendhilfegesetz wiederzufinden. Aber auch in anderen Arbeitsfeldern sind „Lebenswelt“ und „Alltag“ inzwischen zu zentralen Begriffen methodischen Handelns geworden. Dabei ist aber wichtig, dass das Verständnis von dem, was „Alltag“ oder „Lebenswelt“ ist, in der Theorie der Lebensweltorientierung gerade kein alltägliches Verständnis ist. „Alltag“ ist dadurch gekennzeichnet, dass Deutungs- und Handlungsmuster einfach ablaufen, ohne besonders ins Bewusstsein zu kommen oder gar hinterfragt zu werden. Gerade dies aber soll eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit leisten. In der Lebensweltorientierung wird das Alltägliche zum Ausgangspunkt der Arbeit aber auch und zum Gegenstand der distanzierten Betrachtung. Dazu verbindet Lebensweltorientierung Kritische Theorie mit hermeneutischen (deutenden) Ansätzen. Die subjektiven Perspektiven von AdressatInnen, ihre Interpretationen des Alltags und ihre räumlichen und sozialen Verortungen sind Ausgangs- und Orientierungspunkt der Arbeit. Lebensweltorientiertes Arbeiten fordert Fachkräfte dazu auf, den Deutungen und Lebensweisen der AdressatInnen respektvoll zu begegnen und aktiv Anschluss an ihren Alltag zu suchen. Gleichzeitig aber gilt es, das Alltägliche immer wieder auch bewusst zu machen und zu bearbeiten, damit es seinen Automatismus verliert und darüber ein „gelingenderes Leben“ ermöglicht werden kann.

„[D]ie Lebensweltorientierung bearbeitet Schwierigkeiten und Probleme in der Komplexität des Alltags. Gleichzeitig agiert sie aber auch provozierend und verfremdend, um Menschen aus den Verstrickungen des Alltags herauszubegleiten. Lebensweltlich zu arbeiten heißt insofern, auf die in der Lebenswelt vorfindlichen Probleme von Menschen einzugehen und gemeinsam mit ihnen eine ‚Vision‘ gelingenderen Lebens zu entwickeln und zu unterstützen“ (Füssenhäuser 2006, 127).

Wirtschaft und Wirkung: Während die Lebensweltorientierung zu einem Leitkonzept der Jugendhilfe wurde, fanden ab den 1990er Jahren zeitgleich zunehmend auch betriebswirtschaftliche Ideen, allen voran „Wirkungsorientierung“ (Effektivität), „Wirtschaftlichkeit“ (Effizienz) und „Qualität“ von Prozessen und Ergebnissen, Eingang in die Ausgestaltung sozialer Dienste und die Methodendiskussion. Diese Gesamtentwicklung wird von KritikerInnen auch als „Ökonomisierung Sozialer Arbeit“ bezeichnet (Seithe 2012, 115) und spiegelt sich auch im Import sprachlicher und inhaltlicher Konzeptionen aus der Betriebswirtschaft, wie etwa dem Leitbegriff des „Management“. Diese Orientierung impliziert sowohl eine auf Steuerung abzielende Strukturierung der Aufgaben als auch ein Selbstverständnis Sozialer Arbeit als „Dienstleistung“. Um sich als eine Dienstleistung neben anderen auf dem Markt behaupten zu können, muss Soziale Arbeit, so das Argument, nachweisen können, dass sie die Ziele erreicht, die sie anstrebt, und dass sie die dafür zur Verfügungen stehenden Ressourcen optimal einsetzt. Dafür bedarf sie systematisch gewonnener Daten, die über den Einzelfall hinaus den Nutzen von Angeboten nachweisen. Evaluationen und Wirkungsforschung haben so einen erhöhten Stellenwert erhalten.

Evidenzbasierte Praxis: Vor dem Hintergrund der Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen und eines „aktivierenden Sozialstaats“ hat u.a. das methodische Konzept der „Evidenzbasierten Praxis“ (EBP) in der Sozialen Arbeit Auftrieb erhalten. Obwohl sich EBP in Deutschland bislang wenig oder nur langsam verbreitet hat, ist Evidenzbasierte Praxis in der Sozialen Arbeit vieler europäischer und anglo-amerikanischer Länder seit der Jahrtausendwende stark vertreten. In der EBP kommt die Logik des kritischen Rationalismus (Kap. 2.3.1) zum Einsatz, denn das ursprünglich aus der Medizin kommende Modell betont die systematische Berücksichtigung von Ergebnissen der Wirkungsforschung, um zu entscheiden, welche Interventionen eingesetzt werden.

UnterstützerInnen von EBP führen neben der intendierten Verbesserung von „Outcomes“ zum Wohle der AdressatInnen regelmäßig auch den Zugewinn an Legitimation für die Profession und die Modernisierung ihrer Wissensbasis als Argument ins Feld. KritikerInnen dagegen warnen davor die Aussagekraft von Wirkungsstudien überzubewerten. So ist zum Beispiel die Logik von Wirkungsstudien, die sich aus naturwissenschaftlichen Denk- und Forschungsweisen ableitet, nur sehr bedingt oder auch gar nicht auf die komplexen und höchst unterschiedlichen Zusammenhänge in der Sozialen Arbeit übertragbar.

Anders als in der Medizin sind Interventionen der Sozialen Arbeit kaum standardisierbar und vor allem immer abhängig von den Beziehungen und Interpretationen von Fachkräften und AdressatInnen. Besonders warnen KritikerInnen überdies vor der Vereinnahmung der EBP durch ökonomische Interessen.


Otto, H.-U., Polutta, A., Ziegler, H. (Hrsg.) (2010): What Works. Welches Wissen braucht die Soziale Arbeit? Budrich Verlag, Opladen Farmington Hills

Seithe, M. (2012): Schwarzbuch Soziale Arbeit. 2. Auflage VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Sommerfeld, P., Hüttemann, M. (Hrsg.) (2007): Evidenzbasierte Soziale Arbeit. Nutzung von Forschung in der Praxis. Schneider Verlag, Baltmannsweiler

Thiersch, H. (2014): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. 9. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim/Basel

Thiersch, H., Grunwald, K., Köngeter, S. (2012): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. 4. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 175–196

Reflexionsfragen zur Diskussion um Methoden:

● In welchem zeitgeschichtlichen Kontext wurde eine Methode entwickelt oder wurde populär?

● Welche Bezüge zu anderen gesellschaftlichen Trends oder Systemen werden in den Leitbegriffen der Methode hergestellt?

● Wie positioniert sich die Methode im Spannungsfeld „Diagnose – Dialog“?

● Wie ist die Methode in Bezug auf individuelle oder kollektive Ansätze ausgerichtet?

● Inwiefern lassen sich die Diskussionen um Wirtschafts-, Wirkungs- oder Lebensweltorientierung in der Methode wieder finden?

3.4 Theorie und Ethik in methodischem Handeln


Die 15-jährige Katharina lebt seit sechs Monaten in einer betreuten Wohngruppe für Jugendliche im Rahmen der stationären Jugendhilfe. Sie hat guten Kontakt zu den sieben anderen Mitbewohnerinnen, geht zur Schule und erbringt dort gute Leistungen. In der Gruppe gibt es Hausregeln, die Katharina, wie alle anderen Bewohnerinnen vor Beginn ihres Aufenthalts, mündlich und schriftlich mitgeteilt wurden und allen bekannt sind. Dazu gehört u.a., dass Bewohnerinnen während der Woche in Schulzeiten bis 21:30 Uhr in der Wohngruppe sein sollen, es sei denn, es ist anderes mit dem Betreuerteam abgesprochen. An einem Dienstagabend ist Katharina nicht rechtzeitig zurück. Versuche seitens der diensthabenden Sozialarbeiterin, sie telefonisch zu erreichen, gelingen nicht. Katharina meldet sich aber selber um 23:30 Uhr telefonisch bei einer Mitbewohnerin, die der Sozialarbeiterin dann mitteilt: „Katharina sagt, sie verspätet sich.“ Ein weiterer Rückrufversuch seitens der Sozialarbeiterin bleibt unbeantwortet. Katharina erscheint schließlich gegen 1:45 Uhr nachts, sagt im Vorbeigehen zur Sozialarbeiterin fröhlich „Sorry, war ‘ne Party, hab das Telefon nicht gehört, und dann war kein Bus!“ und verschwindet in ihrem Zimmer.

Wenn Sie die diensthabende sozialpädagogische Fachkraft wären, wie würden Sie mit der Situation umgehen? Formulieren Sie erste Ideen so konkret wie möglich. Was würden Sie wie zu wem sagen? Was würden Sie wann und wie tun wollen?

Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit ist immer von theoretischen Annahmen darüber, wie Menschen und Gesellschaften konstituiert sind, und moralisch-ethischen Vorstellungen darüber, wie Menschen und Gesellschaften sein sollen, durchsetzt. In der Praxis vermischen sich zudem theoretische und ethische Ideen aus der Alltagserfahrung mit solchen aus wissenschaftlichen Diskursen. Theorien und Ethik spielen daher eine wesentliche Rolle für die genauere Betrachtung der Tätigkeiten von Fachkräften der Sozialen Arbeit, die regelmäßig auf Menschen in krisenhaften oder anderen vulnerablen Lebenslagen einzuwirken versuchen und dafür theoretischer Begründung und ethischer Rechtfertigungen bedürfen.

3.4.1 Die Rolle von Theorien


Eine Theorie ist eine gedankliche Konstruktion, die zur Deutung, Erklärung oder zur Vorhersage von Phänomenen dient.

Diese sehr allgemeine Definition umfasst sowohl wissenschaftliche Theorien wie auch Alltagstheorien.

Alltags- und wissenschaftliche Theorien: Alltags- wie wissenschaftliche Theorien basieren auf Erfahrungsdaten, die allerdings unterschiedlich gewonnen und verarbeitet werden. Wissenschaftliche Theorien unterscheiden sich von Alltagstheorien in ihren Absichten und in ihren Entstehungsweisen. Alltagstheorien werden auf der Grundlage von Alltagserfahrungen gebildet und dienen primär der Bewältigung eben dieses Alltags. Alltagstheorien entstehen typischerweise unbeabsichtigt und werden selten einer systematischen Prüfung unterzogen. Wissenschaftliche Theorien dagegen haben das Ziel, möglichst schlüssige Ideengefüge über einen Gegenstandsbereich zu bilden und entstehen im gegenseitigen Austausch von WissenschaftlerInnen. Wissenschaftliche Theorien müssen sich stets der systematischen Prüfung, Diskussion und Weiterentwicklung oder Ablehnung stellen.

Unterschiedliche Ebenen und Reichweite: Wissenschaftliche Theorien, die in der Sozialen Arbeit genutzt werden, fallen in ihrer Reichweite und Komplexität unterschiedlich aus und nehmen verschiedene Ebenen in den Blick. So gibt es z.B. Theorien, die sich mit der Frage befassen, wie Wissen und Erkenntnis überhaupt hergestellt werden (Erkenntnistheorien), solche, die für das Verstehen der Gesellschaft Orientierung bieten (Gesellschaftstheorien), solche, die auf die Profession selber zielen (Professionstheorien) sowie solche, die sich mit dem menschlichen Handeln befassen (Handlungstheorien). Einige Theorien werden mit Hilfe empirischer Forschung konstruiert, während andere primär gedankliche Entwürfe zur Verfügung stellen, die sich nicht notwendigerweise messen und empirisch „testen“ lassen, aber dennoch wichtige Orientierungen bieten.

Theorien sind nicht neutral: In der Diskussion um Alltagswissen einerseits und wissenschaftliches Wissen andererseits taucht schnell die rhetorische Unterscheidung von „objektivem“ versus „subjektivem“ Wissen auf. Im Gegensatz zu „objektiv“ verweist dabei die Zuschreibung „subjektiv“ zumeist darauf, dass ein solches Wissen nur einer vereinzelten Perspektive oder Erfahrung entstammt oder keine über Forschung hergestellte Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die beiden Begriffe nicht gleichberechtigt nebeneinander stehen. Vielmehr positioniert der Begriff „objektiv“ das so bezeichnete Wissen als „von Interessen frei“ oder „neutral“ und darum als „besseres Wissen“. Aber trotz ihres (fach-)öffentlich transparenten und diskutierbaren Entstehungsprozesses sind auch wissenschaftliche Theorien, vor allem sozial- und geisteswissenschaftliche, denen in der Sozialen Arbeit eine besondere Rolle zukommt, nicht „neutral“, sondern immer eingebunden in gesellschaftliche oder kulturelle Strukturen und ideologische Tendenzen. Darum wird in der Sozialarbeitswissenschaft inzwischen eher davon gesprochen, dass wissenschaftliches Wissen immer „intersubjektiv“, also im Abgleich zwischen AkteurInnen, hergestellt wird, und nicht „objektiv“, also neutral, ist.

Bilder von Mensch und Gesellschaft: Theorien beinhalten immer auch ideologische Positionierungen und Annahmen über Menschen und Gesellschaft. Dazu gehören

● Annahmen über die menschliche Natur („Der Mensch ist von Natur aus gut oder altruistisch“, „Der Mensch ist von Natur aus böse oder selbstsüchtig“, etc.),

● Annahmen über menschliches Verhalten („Der Mensch ist in seinem Verhalten genetisch-biologisch bestimmt“, „Der Mensch erlernt Verhalten erst durch Erziehung und Sozialisation“, etc.),

● Annahmen über Motivationen des Handelns („Der Mensch verhält sich rational in seinen Entscheidungen“, „Menschliches Verhalten ist von vielfach unbewussten Emotionen bestimmt“, etc.),

● Annahmen zum Gesellschaftsbild („Gesellschaft basiert primär auf Konsens“, „Gesellschaft basiert primär auf Konflikt“, etc.) sowie

● Annahmen über das Verhältnis von Gesellschaft zu Individuum („In der Gesellschaft hat das Individuum das Primat gegenüber allgemeinen Interessen“, „In der Gesellschaft haben allgemeine Interessen Vorrang vor individuellen“, etc.).

Durch ihre Tendenzen zu bestimmten Bildern von Mensch und Gesellschaft haben Theorien auch eine ethische Dimension.

3.4.2 Die Rolle der Ethik


Ethik beschäftigt sich mit Fragen nach „richtigem“ Handeln und „gutem“ Leben und beschäftigt sich also mit den Werten, an denen sich Menschen – als Individuen, Gruppen oder Gesellschaften – orientieren sollen.

Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit hat stets auch Bezüge zu ethischen Fragen. Seit ihrer Entstehung ist Soziale Arbeit eine oft an bürgerlichen Moralvorstellungen orientierte Praxis, die auch unterhalb gesetzlicher Normen gesellschaftlich dominante Ideen von „richtiger“ Lebensführung, „ordentlicher“ Erziehung, „guter“ Mutterschaft usw. transportiert. Da die Praxis Sozialer Arbeit gleichzeitig erheblich in die Lebenswelt und Privatsphäre von Personen eingreifen kann, dient Ethik in der Sozialen Arbeit dazu, sowohl die persönlichen Moralvorstellungen von Fachkräften als auch die in gesellschaftliche Institutionen eingewobenen moralischen Normen zu hinterfragen. Dazu greift Soziale Arbeit sowohl auf Sozialethik als auch auf Berufsethik zurück.

Sozialethik: Sozialethik beschäftigt sich speziell mit der Frage, auf welchen Werten eine Gesellschaft und ihre Institutionen beruhen sollten und in welchem Verhältnis dabei Individuen zur Gesellschaft stehen. So ist zum Beispiel die Frage „Welche Verantwortung kommt dem Individuum bei der Versorgung von älteren Menschen zu und welche Verantwortung hat die Gesellschaft?“ eine sozialethische Fragestellung. Menschen- und Gesellschaftsbilder sind also Gegenstand der Sozialethik, die dabei helfen kann, Vorstellungen von Normalität und Moralität, zu analysieren, zu begründen oder auch in Frage zu stellen.

Berufsethik: Berufsethik bündelt Leitlinien für das Professionsverständnis und Handeln von Angehörigen des Berufs unabhängig von Arbeitsfeldern oder institutionellen Trägern. Nationale und internationale Organisationen der Sozialen Arbeit haben Prinzipien und Ethik-Kodizes formuliert, die generelle Haltungen und Zielrichtung der Arbeit sowie „Soll“-Vorgaben für professionelles Verhalten und Handeln gegenüber AdressatInnen, KollegInnen und in Organisationen und Öffentlichkeit darlegen.

Ethische Grundlagen und Prinzipien der Sozialen Arbeit: Die International Federation of Social Work (IFSW) benennt als ethische Grundlagen der Sozialen Arbeit Menschenrechte, Menschenwürde sowie Soziale Gerechtigkeit. Daraus abgeleitet haben SozialarbeiterInnen die Aufgabe, „die körperliche, psychische, emotionale und spirituelle Integrität und das Wohlergehen einer jeden Person [zu] wahren und [zu] verteidigen“ sowie „soziale Gerechtigkeit zu fördern, in Bezug auf die Gesellschaft im Allgemeinen und in Bezug auf die Person, mit der sie arbeiten“. (DBSH 2014, 30)

Dazu werden folgende Prinzipien spezifiziert:

● Das Recht auf Selbstbestimmung achten

● Das Recht auf Beteiligung fördern

● Jede Person ganzheitlich behandeln

● Stärken erkennen und entwickeln

● Negativer Diskriminierung entgegentreten

● Verschiedenheit anerkennen

● Gerechte Verteilung der Mittel sicherstellen

● Ungerechte politische Entscheidungen und Praktiken zurückweisen

● Solidarisch mit Benachteiligten arbeiten


Staub-Bernasconi, S. (2007): Soziale Arbeit: Dienstleistung oder Menschenrechtsprofession. Zum Selbstverständnis sozialer Arbeit in Deutschland mit dem Seitenblick auf die internationale Diskussionslandschaft. In: Lob-Hüdepohl, A., Lesch, W. (Hrsg.): Ethik sozialer Arbeit. Ein Handbuch. Schöningh, Paderborn, 20–54

Klärungshilfe im kommunikativen Austausch: Neben der Rolle als Reflexionsfolie für Grundlagen und Prinzipien der Sozialen Arbeit dient Ethik auch als Bezugspunkt in der Alltagspraxis. So sind ethische Überlegungen bei Konflikten oder Dilemmata hilfreich für die Klärung von Haltung und Handlungsoptionen gegenüber AdressatInnen, KollegInnen, ArbeitgeberInnen und Trägerorganisationen, Angehörigen anderer Professionen sowie in der Öffentlichkeit. Konflikte treten in der Praxis regelmäßig auf, wenn z.B. die Zielvorstellungen von AdressatInnen und Professionellen bzw. Institutionen nicht übereinstimmen (Zielkonflikte), wenn die Wege oder Mittel zum Ziel zwischen den Handelnden umstritten sind (Handlungskonflikte) oder wenn persönliche Interessen von Fachkräften oder die Interessen Dritter im Spiel sind und Einfluss auf die fachlichen Interessen ausüben (Interessenkonflikte).

Ethische Dilemmata: Ethische Dilemmata sind Konflikte auf der Werteebene, „wenn zwei Zielstellungen miteinander konkurrieren, die beide aus ethischer Sicht nicht aufgegeben werden können“ (DBSH 2014, 39). Ethik dient hier als Klärungshilfe im kommunikativen Austausch mit AdressatInnen sowie im kollegialen Austausch oder in der Supervision. Daraus leitet sich auch die Legitimation der Forderung ab, dass professionelle Soziale Arbeit zeitlicher, finanzieller und personeller Ressourcen für eben diesen Austausch in Formaten wie Kollegialer Beratung und Supervision (Kap. 7.2.4) bedarf, um eine ethische Praxis zu sichern.


DBSH (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e. V.) (2014): Berufsethik des DBSH. Ethik und Werte. In: Forum Sozial. Die berufliche Soziale Arbeit, (4), www.dbsh.de/fileadmin/downloads/DBSH-Berufsethik-2015-02-08.pdf, 03.07.2017

Ethik Journal. Online Journal. Zeitschrift für Ethik im Sozial- und Gesundheitswesen. www.ethikjournal.de, 09.06.2017

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336 p. 28 illustrations
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9783846348468
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