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Ursula Isbel

Reiterhof Dreililien 8 - Wenn der Sommer geht

Saga

Reiterhof Dreililien 8 - Wenn der Sommer gehtCover Bild: Shutterstock Copyright © 1994, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219654

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Der erste Vogel sang, als ich erwachte. Die klaren, süßen Triller der Drossel fielen wie Tropfen in die Stille des Spätsommermorgens. Ich schlug die Augen auf und sah mich in meinem Zimmer um. Zweieinhalb Wochen war ich fort gewesen, hatte in Österreich in einer Gärtnerei gearbeitet. Es war schön, wieder zu Hause zu sein, in meinem eigenen Bett aufzuwachen, mit dem vertrauten Blick auf das Fenster zwischen schrägen Wänden und dem kühlen Duft der Rosen, die sich bis zum Dach hochrankten.

Jemand hatte einen Strauß Wiesenblumen gepflückt und auf den Bambushocker neben mein Bett gestellt. Ich schlug die indianische Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Sogar die Flickenteppiche unter meinen Füßen fühlten sich vertraut an wie alte Freunde.

Auf dem Schreibtisch stand ein Foto meiner Mutter in hellem Holzrahmen. Ich nahm es in beide Hände und dachte wieder einmal, wie ähnlich wir uns doch waren. Ich hatte ihr rotes, lockiges Haar geerbt, ihre braunen Augen, den herzförmigen Gesichtsschnitt und sogar die dunklen, geraden Brauen.

„Du, ich glaube, ich werde Gärtnerin“, sagte ich zu dem Bild. „Wie findest du das? Ich hab das Gefühl, daß es mir Spaß machen würde...“

Sie sah mich mit ihren sanften, ein wenig traurigen Augen an. „Ich vermisse dich noch immer, weißt du“, sagte ich leise. „Manchmal. Aber sonst ist mein Leben schön. Es könnte gar nicht besser sein.“

Ich blies die dünne Staubschicht vom Glas und stellte das Foto auf seinen Platz zurück. Das Dachfenster stand weit offen; ich ging hin und lehnte mich hinaus. Noch stand der Mond hinter den Wäldern, doch über dem Gebirge färbte sich der Himmel schon rosig. Die Wiesen und Koppeln lagen im Morgendunst. Rehe grasten am Waldrand, und Dreililiens Ziegeldächer glänzten vom Tau.

Ich schloß die Augen und atmete den Duft dieses Septembermorgens ein – eine unvergleichliche Mischung von Heu und Pferden, von Rosen, feuchtem Gras und Fichtenwald.

Nach einer Weile zog ich meine Stallkleider an und steckte eine große Packung Kekse in die Brusttasche meiner Latzhose. Leise ging ich in die Küche hinunter, nahm mir einen Apfel und ein Butterbrot und verließ das Haus. Meine Gummistiefel standen wie immer auf dem Vorplatz. Ich schlüpfte hinein und ging den Kiesweg entlang zwischen den Haselnußsträuchern nach Dreililien.

Die Drossel hatte aufgehört zu singen, doch jetzt waren andere Vögel aufgewacht. Wildtauben gurrten eindringlich in den Hecken, und aus Dreililiens Innenhof kamen Schwalben gesegelt, schossen zwitschernd durch den Torbogen aus und ein oder saßen dicht aneinandergedrängt auf dem Dachfirst wie Perlen an einer Schnur.

Sonst war noch alles still, wie ausgestorben; so still, daß ich einen verrückten Augenblick lang das Gefühl hatte, ich wäre noch immer in Hobendoblers Gärtnerei und sei nur im Traum nach Hause zurückgekehrt.

Doch nichts konnte wirklicher sein als der Stall. Ich öffnete die Tür, und alles war so, wie ich es kannte, wie es sein sollte – die großen, edlen Köpfe über den Boxwänden, die glänzenden Augen, die mir forschend entgegensahen, das Scharren und Stampfen und Schnauben, die Wärme der Tierleiber und der herbe Geruch von Pferdemist und Urin – und dann ein helles, geliebtes Gewieher über all den anderen Geräuschen...

Lange stand ich in Hazels Box, die Arme um ihren Hals geschlungen, und flüsterte ihr allerhand dummes, zärtliches Zeug ins Ohr, wie sehr ich sie vermißt hätte, und daß sie meine Schönste wäre, meine Gute, das beste Pferd der Welt – bis es Joschi in der Nachbarbox zu bunt wurde. Plötzlich bekam ich von hinten einen derart kräftigen Puff zwischen die Schulterblätter, daß ich umgefallen wäre, wenn Hazel nicht so dicht neben mir gestanden hätte.

Ich drehte mich zu Joschi um und mußte lachen, so komisch vorwurfsvoll war ihr Pferdegesicht; wie das einer alten Tante, der man zu spät zum Geburtstag gratuliert. Sie rümpfte die Nase und zog die Oberlippe hoch, daß man ihre riesigen gelblichen Zähne sah; eine Angewohnheit, die die meisten Ferienreiter anfangs ziemlich erschreckte, bis sie begriffen, daß es Joschis Art war, um Leckerbissen zu betteln.

Als ich die Keksschachtel öffnete, streckte Joschi ihre Zunge heraus, so weit sie nur konnte. Die Oberlippe hatte sie noch immer hochgezogen und gekräuselt, und ich sagte ihr, daß sie höchst unvorteilhaft aussähe, was ihr jedoch offensichtlich egal war. Sie rückte immer näher und wäre am liebsten über die Zwischenwand geklettert, wenn sie gekonnt hätte. Von hinten bedrängte mich Hazel, so daß ich Platzangst bekam. Rasch gab ich ihr und Joschi je einen Keks und verzog mich schleunigst auf die Stallgasse.

Dann verteilte ich weiter Kekse – an Katama und Marnie, Emily, Solveig, Vroni, Jule, Julka und all die anderen. Dabei mußte es sehr genau und gerecht zugehen, sonst hätte es Streit gegeben.

In Rapunzels ehemaliger Box stand nun Polly, eine unserer Nachkömmlinge. Sie war zweieinhalb Jahre alt und durfte erst in einem halben Jahr zugeritten werden. Die Jährlinge waren den ganzen Sommer über draußen auf der Koppel; aber Jungpferde hatten wir nur wenige, weil Herr Moberg sie meist schon früh verkaufte – zu früh, wie wir fanden. Doch für uns war es eigentlich immer zu früh, wenn eines von den Pferden Dreililien verlassen mußte.

Die ersten schwachen Sonnenstrahlen fielen durch die Stallfenster, als ich meine Begrüßungsrunde beendet hatte. Ich ging in die Sattelkammer, um Hazels Putzzeug zu holen. Mit Kardätsche, Bürste, Hufkratzer und Mähnenkamm bewaffnet, kehrte ich auf die Stallgasse zurück und entdeckte, daß die Stalltür offen war. Auf der Schwelle stand Mikesch im Sonnenlicht, unverschämt gut aussehend mit seinen gelockten schwarzen Haaren, den unglaublich blauen Augen, umrahmt von langen Wimpern, den schwarzen Brauen und der wohlgeformten Kinnpartie, die jetzt von Bartstoppeln geziert war. Wieder einmal verstand ich, weshalb so viele Reitschülerinnen sich auf Anhieb in ihn verliebten, und weshalb fast jede Frau im Umkreis von zwanzig Meilen eine Schwäche für Mikesch hatte. Und wer weiß, vielleicht hätte auch ich mich schon längst in ihn verliebt, wenn Jörn nicht gewesen wäre.

„Ich hab mich schon gefragt, wer hier so früh herumgeistert“, sagte er und nahm mich mitsamt dem Putzzeug in die Arme. „Hallo, Nell – gut, daß du wieder da bist. Ich hab dich vermißt!“

„Ich dich auch. Dich, die Pferde, euch alle... Es ist so schön, wieder zu Hause zu sein! Sag, läßt du dir einen Bart wachsen?“ Er nickte. „Ich hab das ständige Rasieren satt. Wie war’s in Österreich?“

„Nicht schlecht“, sagte ich. „Wenn man mal von der Entfernung absieht.“

„Jörn meint, das Gärtnern hätte dir Spaß gemacht?“ Er hielt mich ein Stück von sich ab und sah mir prüfend ins Gesicht.

„Ja, das hat es wirklich. Vielleicht werd ich sogar mal Gärtnerin.“ Ich sagte es mit einem Lachen, weil ich selbst noch nicht genau wußte, ob es mir ernst damit war.

„Gärtnerin? Das würde nicht schlecht zu dir passen“, erwiderte Mikesch unerwartet.

Eigentlich hatte ich immer gedacht, ich wäre jemand, zu dem überhaupt nichts paßt – jemand ohne besondere Interessen oder Fähigkeiten, sozusagen ein hoffnungsloser Durchschnittstyp. Jetzt entdeckte ich langsam, daß das offenbar doch nicht ganz stimmte.

„Hast du die Windpocken gut überstanden?“ fragte ich, und er lachte.

„Erinnere mich bloß nicht daran! In meinem Alter noch Kinderkrankheiten zu kriegen, und ausgerechnet in den großen Ferien, wo’s hier rundgeht! Jetzt fehlt nur noch Ziegenpeter in meiner Sammlung. Tut mir echt leid, daß ihr meinetwegen um eure Toskana-Reise gekommen seid, du und Jörn.“

„Macht nichts“, sagte ich. „Dafür hab ich Geld verdient und weiß vielleicht sogar, was ich später mal machen will. Den Urlaub können wir im Frühling nachholen.“

„Na, dann hab ich die Windpocken ja nicht ganz umsonst gehabt“, sagte Mikesch. „Jetzt werde ich mal nach Jorinde sehen. Sie gefällt mir nicht recht.“

„Bekommt sie nicht in ein paar Wochen ihr Fohlen?“

„Ja, in ungefähr achtzehn Tagen ist es soweit. Aber sie ist schon jetzt so verdammt unruhig, und das Fohlen bewegt sich zu wenig.“

Gemeinsam gingen wir zu Jorindes Box. „Hast du schon mit Dr. Hofbauer gesprochen?“

„Er hat sie untersucht, konnte aber nichts feststellen. Seiner Meinung nach ist alles in Ordnung. Hoffen wir bloß, daß er recht hat.“

Ich neigte dazu, mehr auf Mikeschs Urteil zu vertrauen als auf das von Dr. Hofbauer. Dr. Hofbauer war ein guter Tierarzt; er kannte sich mit Pferden aus, ebenso wie mit Hühnern und Schweinen und Kühen. Mikesch dagegen war auf einem Gestüt geboren und mit Pferden aufgewachsen.

Vorher, als ich von Box zu Box gegangen war, hatte ich nichts Ungewöhnliches an Jorinde bemerkt; abgesehen davon, daß ihr

Bauch noch praller geworden war. Jorinde war eine unserer wertvollsten Stuten. Für den Reitunterricht wurde sie nicht eingesetzt; sie war Zuchtstute. Ihre Fohlen waren längst in alle Winde verstreut; einige hatten Preise auf Turnieren gewonnen. Sie war eine Araberstute, ein ausgesprochen edles, wenn auch schrecklich nervöses Pferd, das sich nur von Mikesch oder Matty striegeln ließ. Ich paßte immer auf, daß ich ihr nicht zu nahe kam, und hätte mich nie in ihre Box gewagt.

„Aber sie hat doch schon früher Fohlen gehabt“, sagte ich. „Und es ist immer gutgegangen.“

„Na ja, gut ist vielleicht übertrieben. Die letzten beiden Male ging’s ja ohne größere Probleme, aber Herr Moberg hat mir erzählt, daß sie vor ein paar Jahren eine Totgeburt hatte, und einmal lag das Fohlen verkehrt. Bei diesen hochgezüchteten Pferden kann man nie genau Vorhersagen, was passiert.“

Er öffnete eine der Boxtüren auf der linken Stallseite und ging hinein. Jorinde wich zurück. Das hatte sie bei Mikesch bis jetzt noch nie getan.

„Hab keine Angst, mein Mädchen“, murmelte er. „Es passiert ja nichts. Wie geht’s dir heute?“ Und über die Schulter sagte er: „Jedenfalls nehme ich stark an, daß es eine Frühgeburt wird.“ Das konnte bedeuten, daß wir das Fohlen nicht durchbrachten; und das wiederum bedeutete einen weiteren finanziellen Verlust für Dreililien, nachdem wir in diesem Jahr schon genug Schwierigkeiten gehabt hatten. Der Reaktorunfall in Tschernobyl hatte uns neben aller Angst und Unsicherheit auch zusätzliche Geldsorgen gebracht. Im Frühling hatten wir die Pferde wochenlang nicht auf die Weide bringen und das fette Maigras nicht verfüttern können. Wir hatten Trockenfutter kaufen und das Gras vernichten müssen; und in den Pfingstferien waren weniger Ferienreiter als sonst gekommen. Dann war die Stute Rapunzel gegen ein Auto gelaufen und gestorben. Ich seufzte.

Mikesch strich Jorinde über die Flanken. Er sah mich an und sagte: „Der alte Moberg dreht durch, wenn’s mit dem Fohlen nicht klappt. Er hat eine Menge Deckgeld gezahlt. Aber warten wir erstmal bis zum nächsten Frühling, wenn die Stuten ihre Fohlen bekommen, die in diesem Mai erst kurze Zeit trächtig waren. Da wird das dicke Ende wohl erst noch auf uns zukommen.“

„Du meinst, die Fohlen könnten mißgebildet sein?“ fragte ich erschrocken.

„Radioaktivität kann das Zellwachstum bei Ungeborenen empfindlich stören“, sagte Mikesch ruhig. „Sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Es hat keinen Sinn, vor solchen Dingen die Augen zu verschließen, Nell. Die Sache ist noch lange nicht ausgestandenim Gegenteil. Die Folgeschäden können in einem Jahr, vielleicht auch erst in zehn Jahren auftreten – und nicht nur bei unseren Pferden.“

Hazels Putzzeug fest an mich gedrückt, ging ich über die Stallgasse zurück. Ich hatte versucht, die Ängste zu verdrängen, die nach dem Reaktorunfall bei uns allen aufgekommen waren. Irgendwie war es fast lebensnotwendig für mich, Abstand davon zu gewinnen, denn wenn ich an all die Kernkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen dachte, von denen wir umgeben waren – in unserem eigenen Land, in Frankreich, in der DDR, in England –, hätte ich durchdrehen können vor Angst und hilflosem Zorn. Mikesch war kein Schwarzseher und Miesmacher, doch er hielt auch nichts davon, den Kopf in den Sand zu stecken. Er war einer von den wenigen Erwachsenen, die ich für wirklich verantwortungsbewußt hielt, und gerade weil ich ihn ernst nahm, traf mich seine düstere Prophezeiung besonders.

Während ich Hazel striegelte, wurde ich wieder ruhiger. Die Wärme ihres Körpers, die milden Augen und ihre sanfte Art hatten mich stets getröstet, wenn ich mutlos oder traurig war. Ich dachte plötzlich, daß es keinen Sinn hatte, sich Sorgen zu machen. Sicher, man mußte auf alles vorbereitet sein, mußte Gefahren klar erkennen und alles tun, was man nur tun konnte, um sie abzuwenden; doch sich ständig verrückt zu machen aus Sorge um die Zukunft, war sinnlos und verleidete einem nur die Gegenwart. Als ich das begriffen hatte, war mir wieder wohler.

Ich begann Hazels Box auszumisten, da tauchte Helge im Stall auf. Er begrüßte mich mit einem hingeworfenen „Servus“; so, als wäre ich nie fortgewesen. Er hatte seinen Walkman umgehängt; aus den Kopfhörern kam undeutliches Quäken.

In Helges Gefolge erschien Maja. Wir hatten uns gestern abend schon begrüßt, aber sie kam zu Hazels Box und sagte: „Hoffentlich hab ich sie richtig versorgt. Ihre Fesselgelenke sind nicht mehr so geschwollen. Die Umschläge haben ihr gutgetan.“ „Ich hätte mich selbst nicht besser um sie kümmern können“, erwiderte ich dankbar.

Maja strahlte wirklich „aus sämtlichen Knopflöchern“, wie Jörn das ausdrückte. Ich hatte sie noch nie so hübsch gesehen. Ihre Pfefferkuchenaugen glänzten, ihr Gesicht war braungebrannt, das dunkle Haar kräuselte sich über den Schläfen. Als sie lächelte, entdeckte ich zum erstenmal, daß sie wunderschöne weiße Zähne hatte, und wie reizvoll die Grübchen in ihren Mundwinkeln waren.

Ich wartete, bis auch Jörn und Matty in den Stall kamen. Erst dann begann ich Hazel zu tränken und zu füttern. Es war wichtig, daß alle Pferde zur gleichen Zeit ihr Futter bekamen, um Streit und Eifersucht unter ihnen zu vermeiden. Wie seit Jahr und Tag schleppten wir die Wassereimer durch die Gegend, denn Dreililiens Stall war altmodisch; hier gab es noch keine automatischen Tränken. Dann maßen wir die Haferportionen in der Futterkammer ab.

Die vertrauten Handgriffe und Geräusche, die gemeinsame Arbeit, das Geklapper der Eimer – wie sehr hatte ich das vermißt; so, als hätte es nie Augenblicke gegeben, in denen ich all das verwünschte: die Frühaufsteherei, die anstrengende Arbeit schon morgens vor dem Frühstück und der Schule, die tägliche Dusche, ohne die ich nicht unter die Leute gehen konnte, weil ich sonst wie ein wandelnder Misthaufen gerochen hätte.

Jörn, Matty, Maja und ich brachten die Stuten auf die Koppel, während sich Mikesch und Helge um die Jährlinge kümmerten. Dieser Zug über den Hangweg hinunter zur Spätsommerweide war die schönste von den morgendlichen Arbeiten, auch wenn es auf dem schmalen Pfad oft Drängeleien und Gerangel gab. Diesmal ging ich an der Spitze und paßte auf, daß Vroni nicht plötzlich losgaloppierte in ihrem Eifer, hinauszukommen auf die schöne Koppel mit dem Schatten der Baumgruppen und dem noch hohen, üppigen Gras; denn auf die Spätsommerweide durften die Stuten erst seit ein paar Tagen. Da gab es noch wunderbares Grünfutter für sie, während die Südweide inzwischen ziemlich kahlgefressen war.

Eine Weile standen wir am Gatter und sahen zu, wie sie sich im Gras wälzten oder sofort friedlich zu grasen begannen. Matty und Maja hatten die Arme umeinandergelegt. Eine von Dreililiens Katzen saß auf einem Zaunpfosten inder Morgensonne und putzte sich. Kleine weiße Wölkchen schwammen am blauen Himmel wie Schiffe mit geblähten Segeln. Das Gebirgsmassiv der Schlafenden Jungfrau lag im Dunst. Sepp mähte das Gras am Waldsaum mit der Sense.

Wir hatten noch zehn Tage Ferien – zehn kostbare Tage. Nur Jörn mußte am Montag wieder in der Rosenheimer Klinik arbeiten. Er hatte inzwischen seinen Zivildienst beendet, doch schon im Frühsommer hatte man ihm im Krankenhaus angeboten, mindestens für ein weiteres halbes Jahr als Hilfspfleger zu arbeiten, da es zu wenig Personal gab; und Jörn hätte zugesagt, um die Zeit bis zum Studium zu überbrücken. Er hatte sich jetzt in München um einen Studienplatz in Veterinärmedizin beworben. Die Chancen, ihn zu bekommen, standen jedoch wegen seiner mittelmäßigen Abiturnoten nicht gut, und er rechnete damit, noch mindestens ein Jahr auf einen Studienplatz warten zu müssen.

Natürlich hätte Jörn auch auf Dreililien arbeiten können, doch er und sein Vater waren selten einer Meinung, wenn es um das Gestüt ging. Herr Moberg war außerdem nicht bereit, seinen Söhnen mehr als ein kleines Taschengeld für ihre Arbeit zuzugestehen. Im Krankenhaus bekam Jörn immerhin ein richtiges Gehalt, seit er seinen Zivildienst beendet hatte, und fühlte sich damit ausgesprochen reich.

„Wir wollten heute zum Waldweiher reiten“, sagte Matty. „Kommt ihr mit?“

„Klar“, rief ich. „Ich möchte bloß vorher noch frühstücken.“

Jörn hatte sich gebückt, um Diana zu streicheln, die gefleckte Jagdhündin. Nachdem er jetzt ein paar Tage fort gewesen war, wich sie nicht mehr von seiner Seite. Der Blick, mit dem sie zu ihm aufsah, war so voll hingebungsvoller Liebe, daß einem das Herz dabei schmelzen konnte.

„Am besten nimmt jeder einen Picknickkorb mit“, schlug Jörn vor. „Dann können wir über Mittag bleiben und den Tag richtig ausnützen. Wer weiß, wie oft wir in diesem Jahr noch baden können.“

Mein Vater war schon zur Arbeit gefahren, als ich zum Kavaliershäusl kam. Kathrinchen saß auf der Bank unter der Eiche, bekleckerte sich mit Marmelade und fütterte den Teddybären, den ich ihr vom Wiener Flohmarkt mitgebracht hatte. Auch ein Lätzchen hatte sie ihm umgebunden. Seine Schnauze war schrecklich verschmiert.

Herr Alois, Kirstys schlappohriger Hund, kam unter dem Tisch hervor und begrüßte mich schwanzwedelnd. Nur Kirsty war nirgends zu sehen.

„Hallo, Katharina Erdschwein!“ sagte ich und zerzauste meiner kleinen Schwester das ohnehin schon strubbelige Haar. „Wo ist Kirsty?“

„Hallo, Nello!“ Sie nannte mich immer Nello; keiner wußte, warum, Kathrinchen konnte jetzt schon recht gut sprechen, war aber ziemlich redefaul und beschränkte sich meist auf ein paar dürre Worte.

„’neingangen“, sagte sie auch diesmal so knapp wie möglich und deutete mit ihrem marmeladenbeschmierten Zeigefinger auf Kirstys Töpferwerkstatt hinter dem Haus.

Ich ging in die Küche, setzte Teewasser auf und holte Obst aus der Speisekammer. Als ich zum Tisch zurückkam, kletterte Kater Carlo durch das offene Küchenfenster herein und strich mir schnurrend um die Beine. Hinter den Scheiben nickten die goldenen und samtbraunen Köpfe der Sonnenblumen.

Ich streichelte Kater Carlo, bis mein Teewasser kochte, und er folgte mir in den Garten, als ich das Frühstückstablett zum Tisch unter der Eiche trug. Kathrinchen erzählte im Telegrammstil von einem Ausflug, den sie am Wochenende mit Vater und Kirsty zu einem Volksfest in Frasdorf gemacht hatte. Offenbar waren sie mit einem Ding gefahren, „wo die Stühle fliegen“. Sie hatte auch auf Ponys reiten dürfen, doch die waren nur „sooo wünzig“ gewesen – sie zeigte die Größe mit dem Marmeladenlöffel — und immer im Kreis herumgetrottet. Für Kathrinchen, die schon eine Menge Reitstunden auf Hazels Rücken hinter sich hatte, war das natürlich lächerlicher Firlefanz.

Ich packte Tomaten, Äpfel, Brote und eine Thermoskanne voll Tee in den Picknickkorb. Dann kam Kirsty aus ihrer Werkstatt. Sie war gestern abend müde gewesen und bald schlafen gegangen, nachdem ich heimgekommen war. Jetzt setzte sie sich neben Kathrinchen auf die Bank und ließ sich von meinem Job in Hobendoblers Gärtnerei erzählen, deren Besitzerin Birgit eine alte Freundin von ihr war.

„Birgit hat mir vor ein paar Tagen geschrieben“, sagte sie. „Ihr scheint euch gut verstanden zu haben. Und die Arbeit dort hat dir offenbar Freude gemacht?“

Ich nickte. „So, wie Birgit ihre Gärtnerei betreibt, gefällt’s mir. Sie hat eine echte Beziehung zu ihren Pflanzen. Ich hätte nie gedacht, daß das so ein schöner Beruf sein kann.“ Ich setzte mich ihr gegenüber, den Picknickkorb auf dem Schoß. „Weißt du, ich hab ja noch bis vor kurzem keinen blassen Schimmer gehabt, was ich mal werden soll. Meinst du, Gärtnerin wäre was für mich?“

„Warum nicht?“ sagte Kirsty nachdenklich. „Ich glaube, du bist jemand, der mit lebendigen Dingen arbeiten sollte. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, daß du irgendwo von früh bis abends in einem Büro oder einer Bank hinter dem Schreibtisch sitzt.“

„Herrje, ich mir auch nicht!“ sagte ich und schüttelte mich.

„Natürlich hat so eine Arbeit im Freien auch ihre Schattenseiten. Man muß bei Wind und Wetter draußen sein; und die ständige Bückerei ist auch kein Vergnügen. Aber Birgit ist glücklich mit ihrem Beruf. Sie hat ihren eigenen Laden und ihre exotischen Pflanzen und Orchideen, die sie das ganze Jahr über verkaufen kann. Das mit der Freilandgärtnerei ist nur ein zusätzliches Geschäft für sie.“

„Bloß sind diese beheizten Gewächshäuser schrecklich teuer, das hat sie mir erzählt“, erklärte ich. „Und ein großes Grundstück braucht man natürlich auch...“

„Grund und Boden sind hier in unserer Gegend bestimmt billig zu pachten“, meinte Kirsty. „Aber warten wir’s ab. Mach erst mal deine Schule fertig und erkundige dich, wie so eine Ausbildung aussieht. Ich glaube, es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Du könntest einfach eine Gärtnerlehre machen oder Gartenbau studieren.“

Ich seufzte leicht. Noch ein paar Jahre büffeln und Prüfungen ablegen – eigentlich hatte ich vorerst einmal die Nase voll davon. Mit einem Lächeln sagte Kirsty: „Genieß erst mal deine Ferien. Wollt ihr zum Baden?“

Erst da fiel mir wieder ein, daß Jörn, Matty und Maja auf mich warteten. „He, ich muß los!“ rief ich und rannte ins Haus, um mein Badezeug zu holen.

Sie hatten die Pferde schon von der Koppel geholt – Hazel, Katama, Eileen und Nofret. Diana sprang zwischen den Stuten herum und bellte, voller Freude über den bevorstehenden Spaziergang. Wir ritten langsam und gemütlich am Waldrand entlang, über Feldwege und stopplige Spätsommerwiesen, durch einen seichten Bachlauf, in dem noch Brunnenkresse wuchs und Steine wie Gold glänzten. Schmetterlinge gaukelten über die schon spärlicher blühenden Wiesenblumen, als würde der Sommer ewig dauern; dieser Sommer, so sehnsüchtig erwartet und wie immer viel zu kurz.

Der Waldweiher lag still und verträumt in der Morgensonne. Libellen surrten durchs Schilf, und in den Weidenbüschen hüpften Zaunkönige auf der Suche nach Insekten, die es hier in Hülle und Fülle gab – zu viele für unseren Geschmack. Denn wir hatten uns noch nicht richtig ausgezogen, da stürzten sich schon Dutzende von Mücken freudig auf uns wie eine Schar blutrünstiger Vampire. Zum Glück hatte Maja ein Fläschchen Nelkenöl eingesteckt, mit dem wir uns betupften, bis wir in eine betörende Duftwolke gehüllt waren. Diana nieste wie verrückt, die Mükken aber ließen uns in Ruhe.

Der Weiher war am Rand wie immer voller Entengrütze, doch das Wasser war unglaublich warm und weich, braun, aber klar, so daß man an manchen Stellen bis auf den moorigen Grund sehen konnte. Wir wußten, daß am Ufer Ringelnattern hausten, die sich manchmal plötzlich mit leichtem Platschen ins Wasser gleiten ließen und sich wie verzauberte Märchenwesen durch den Weiher bewegten, die Köpfe mit den gelben, halbmondförmigen Schläfenflecken erhoben. Doch sie waren scheu und flohen, wenn Menschen in ihre Nähe kamen; und wir hatten keine Angst vor ihnen.

Eine Weile schwammen wir glücklich und entspannt, ließen uns auf dem Rücken im Wasser treiben, die Sonne auf unseren Gesichtern. Noch schwirrten Lerchen singend über den Wiesen, und wieder einmal hätte ich die Zeit festhalten mögen; denn ich war kein Kind mehr und wußte längst, wie flüchtig glückliche Stunden sind.

Später lagen wir unter den Weiden im hohen Gras. Die Pferde hatten ihre Fesseln im Wasser gekühlt und grasten zufrieden im Schatten. Matty spielte auf seiner Mundharmonika, Maja strickte an einem Pullunder, Jörn schrieb in sein Tagebuch. Ich war am faulsten, saß gegen seinen Rücken gelehnt und sah träge übers Wasser, wo die Libellen mit ihren schillernden, raschelnden Flügeln hintereinander herjagten, wo Frösche zwischen den Schilfrohren auftauchten und Molche an die Wasseroberfläche kamen, um Beute zu machen.

Matty spielte: „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb; sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief ...“ Da schlief ich ein.

Als ich wieder aufwachte, war das Picknick auf einer Wachstuchdecke vorbereitet – Obst, Tomaten, belegte Brote und eine Schüssel voll Karottensalat; dazu gab es Saft und kalten Tee. Die Pferde dösten unter den Bäumen, und ich erzählte von Hobendoblers Gärtnerei, von Birgits Orchideen und Kamelien und den alten Rosensorten, die so herrlich duftende, gefüllte Blüten trugen, wie man sie auf den Bildern alter Meister sieht – in allen Schattierungen, von puderfarben bis violett, von zitronengelb bis honigfarben.

„Vielleicht könntest du dich später mal mit Carmen zusammentun“, sagte Maja plötzlich. „Wenn sie den Bergerhof übernimmt und auf biologisch-organischen Anbau umstellt, könntest du da nicht auf einem Teil ihres Grundstücks eine Gärtnerei aufmachen? Das würde doch prima zusammenpassen, nachdem du ja auch keinen Kunstdünger und keine chemischen Spritzmittel verwenden willst.“

Ich starrte sie an. Die Idee war gut, sehr gut sogar. Daß ich daran noch nicht selbst gedacht hatte! Ich nahm mir vor, gleich heute abend mit Carmen darüber zu reden, wenn sie nach Dreililien kam.

„Du wirst wahrscheinlich auf die Landwirtschaftsschule in Weihenstephan gehen müssen“, sagte Jörn. „Aber soviel ich weiß, wurschteln die noch kräftig mit Chemie und Giften herum. Mit biologischem Anbau sieht’s da vorerst noch recht bescheiden aus.“

„Das ist etwas, was man sich halt selbst beibringen muß. Es gibt genug Bücher darüber“, sagte ich. „Außerdem kann man auch ein Praktikum in einer Gärtnerei machen. Dann muß man sich eben jemanden wie Birgit suchen, der giftfrei gärtnert.“

„Und überhaupt sind das alles noch ungelegte Eier“, meinte Matty gelassen. „Laß uns erstmal mit der Schule fertig werden, Nell.“

„Falls ich das Abi nicht schaffe, weiß ich sowieso nicht, ob sie mich auf der Landwirtschaftsschule nehmen“, sagte ich düster.

„Dann gehst du eben schlicht und einfach zu einem Gärtner in die Lehre“, tröstete mich Maja, die nicht viel von Schulabschlüssen hielt. Sie selbst war gegen den Willen ihrer Eltern vorzeitig vom Gymnasium abgegangen und hatte eine Ausbildung als Pferdepflegerin begonnen. Ihrer Meinung nach gab es sowieso zu viele stellungslose Abiturienten und Akademiker in unserem Land, und sie hielt es für Zeit - und Energieverschwendung, sich den Kopf jahrelang mit trockenem Lehrstoff vollzustopfen, den man später im Leben sowieso meist nicht braucht. Wenn ich mir die Sache genauer überlegte, kam ich zu dem Ergebnis, daß sie recht hatte. Trotzdem wollte ich versuchen, das Abitur zu schaffen – weniger für mich selbst als hauptsächlich deshalb, weil ich meinen Vater nicht enttäuschen wollte.

Die Pferde kamen und forderten wie Diana ihren Anteil am Picknick. Später standen sie am Weiher und sahen uns beim Baden zu. Hazel, Nofret und Eileen ließen sich genüßlich mit Wasser bespritzen, doch Katama wich zurück und brachte sich schleunigst in Sicherheit wie eine gezierte Dame, die um ihr weißes Seidenkleid fürchtet.

„Zimperliche Tussi!“ lachte Jörn. Dann hielt er sich die Nase zu, holte tief Luft und tauchte unter, und gleich darauf spürte ich, wie mich jemand am Fußgelenk packte, Ich kreischte wild und platschte im Wasser herum, und Hazel kam näher ans Ufer und schnaubte besorgt.

Als Jörn wieder auftauchte, gab es eine Wasserschlacht, bei der Maja und ich gegen „die Männer“ antraten. Diana paddelte im Wasser herum und bellte, und die Pferde verzogen sich, weil es ihnen zu ungemütlich wurde.

Noch einmal legten wir uns ins Gras und ließen uns von der Sonne trocknen. Matty und Maja schliefen dicht aneinandergeschmiegt ein, und ich massierte Jörn die Schultern und den Rücken.

Nach einer Weile merkte ich, wie er sich immer mehr entspannte und „wegdriftete“. Irgendwo zirpte eintönig eine

Grille. Die Stuten standen unter den Weiden und beknabberten sich. Diana hatte sich im Schatten ausgestreckt. So, dachte ich, müßte es immer bleiben. Es müßte immer Sommer sein, und wir dürften nicht älter werden. Vielleicht ist es das, was die Menschen sich unter dem Paradies vorstellen – daß es einen Ort gibt, an dem man sich nach dem Tod aufhält, ohne Sorgen und Krankheit, ohne Alter und Kummer, an einem Sommertag, der nie endet. Für mich hätte der Weiher am Wald ein solcher Ort sein können.

2

Mikesch begrüßte uns bei unserer Rückkehr mit der Nachricht, daß sich unerwartet noch einmal Gäste für die letzte Ferienwoche bei uns angesagt hatten.

„Es wird nicht einfach sein“, sagte er. „Es sind vier Leute zwischen fünfzehn und neunzehn, alle behindert. Und natürlich ohne Reiterfahrung.“

Wir sahen ihn überrascht an. Bisher hatten wir nur einen Behinderten unter unseren Reitschülern – Moritz, der Spastiker war.

„Sind sie schwer behindert?“ fragte Jörn.

Mikesch machte ein zweifelndes Gesicht. „Jedenfalls nicht so schwer, daß man sie nicht auf ein Pferd setzen könnte. Zwei sind mongoloid, einer ist Spastiker, einer hyperaktiv. Die Eltern der vier scheinen sich zusammengetan zu haben. Offenbar sind sie mit Moritz’ Mutter bekannt, die ihnen so vom Reitunterricht hier vorgeschwärmt hat, daß sie auf die Idee gekommen sind, ebenfalls nach Dreililien zu kommen.“

„Aber wir wollten doch eigentlich keine Erwachsenen als Reitschüler aufnehmen“, wandte ich ein.

„Das ist das geringste Problem. In diesem Fall könnten wir eine Ausnahme machen“, meinte Mikesch.

„Und wie sollen wir hier mit Behinderten klarkommen?“ fragte Jörn. „Können sie sich denn überhaupt selbst versorgen?“

„Die Frau, die mit mir telefoniert hat, meinte, sie und ihr Mann würden die vier Reitschüler betreuen und sich bei uns einmieten“, erklärte Mikesch. „Damit hätten wir also keine Schwierigkeiten.“

„Und was sagt Vater dazu?“ fragte Matty.

„Er ist der Meinung, daß wir es versuchen sollten.“

„Aber wäre es nicht besser, wenn die Leute es bei einer Ponyreitschule versuchen würden?“ warf Maja ein. „Ponys sind ruhiger und leichter zu handhaben. Behinderte Leute auf so großen, nervösen Stuten wie den unseren, das ist nicht gerade die ideale Lösung, finde ich.“

„Sie haben es offenbar schon bei ein paar Ponyhöfen im bayerischen Raum versucht, aber nur zwei nehmen Behinderte auf, und die waren total überfüllt. Es scheint sowieso recht schwierig zu sein, einen Ort zu finden, an dem Behinderte gemeinsam Urlaub machen können. Offenbar gibt’s Gastwirte und Ferienveranstalter, die fürchten, der Anblick von Behinderten könnte die anderen Gäste stören.“ Mikesch seufzte. „Außerdem scheinen sich die Bergböhmers von Dreililien besonders viel zu versprechen, weil wir mit Moritz so gut klarkommen. Ich hab Frau Bergböhmer jedenfalls gesagt, daß ich noch mit euch sprechen wollte, ehe ich ihr endgültig Bescheid gebe. Denn es kann sein, daß ich eure Hilfe brauche. Ihr wißt ja, daß Helge jetzt drei Wochen Urlaub hat.“

„Ich arbeite nächste Woche wieder“, sagte Jörn. „Aber abends kannst du auf mich zählen.“

Ich versicherte: „Ist doch klar, daß ich helfe, wenn du mich brauchst.“

Matty und Maja nickten nur. „Gut“, sagte Mikesch. „Dann rufe ich jetzt gleich dort an und sage zu.“

„Wann kommen sie?“ fragte ich.

„Montag vormittag.“

Nachdenklich versorgten wir unsere Pferde. Diese Reiterferien würden nicht einfach sein, das war uns allen klar. Vier behinderten jungen Leuten das Reiten beizubringen – oder sie zumindest auf Pferde zu setzen und dafür zu sorgen, daß sie oben blieben –, war schon eine Aufgabe für sich. Doch warum sollte es eigentlich nicht gehen?

„Mit Moritz hat es jedenfalls von Anfang an prima geklappt“, sagte ich. „Er hat eine bessere Hand mit Pferden als so mancher andere Reitschüler, auch wenn er seine Bewegungen schlecht kontrollieren kann.“

„Sie müssen nicht alle so sein wie Moritz“, wandte Jörn ein. „Man kann bloß hoffen, daß die Eltern wissen, was sie tun. Sie müßten ja beurteilen können, ob die vier wirklich fähig sind, sich auf Pferden zu halten.“

„Wenn sie’s überhaupt schaffen, mit Pferden umzugehen“, fügte Maja hinzu.

Abends hatten wir noch Besuch auf Dreililien. Zuerst kam Carmen auf der Haflingers tute ihres Vaters an, einen Korb mit frischgebackenem Zwetschgenkuchen über dem Arm – Zwetschgendatschi, wie man das hierzulande nennt. Kurz darauf marschierten Pauli und Gesine durch den Torbogen. Auch Gesine hatte einen Korb dabei, in dem sich Zwetschgendatschi befand. Wir stellten einen alten Tisch und ein paar Stühle zur Bank im Innenhof, und Jörn und ich kochten Tee auf dem Dörrboden, wie Jörns kleine Wohnung noch immer hieß. Maja brachte ein paar Kerzen, und Mikesch und Helge holten Bier und Zitronenlimonade aus dem Keller. Beides wurde zu einem erfrischenden Getränk gemixt, einer sogenannten „Radlermaß“.

Ich lief zum Kavaliershäusl, um die Geschenke zu holen, die ich auf dem Wiener Flohmarkt gekauft hatte. „Ich hab für alle etwas mitgebracht, nur für Gesine nicht“, sagte ich zu Kirsty und Vater, die unter der Eiche saßen und lasen. Es kam mir dumm vor, jedem außer Gesine ein Geschenk zu überreichen. „Meint ihr, ich soll ihr das Myrtenstöckchen geben, das Birgit mir geschenkt hat?“

„Nein“, sagte mein Vater. „Geschenke soll man behalten, nicht weitergeben.“

„Ich möchte es auch lieber behalten“, gab ich zu.

„Ich hab letzte Woche ein paar Blumenübertöpfe gemacht“, sagte Kirsty. „Davon wollte ich Gesine sowieso einen schenken. Warte, ich hole den Topf, du kannst ihn mitnehmen.“

Sie ging in ihre Werkstatt und kam mit einem hellgrün glasierten Tontopf zurück, der mit einem Muster aus Blütenranken verziert war.

„Ist der aber hübsch!“ rief ich. „Sie wird natürlich sofort wissen, daß er von dir ist.“

„Das macht doch nichts. Sag ihr einen Gruß von mir, und der wäre für ihre Duftgeranie am Küchenfenster.“

Diesmal kam auch ich mit einem Korb daher, allerdings nicht voller Zwetschgendatschi. Jörn bekam einen Gürtel mit Perlstickerei – den hatte ich die ganze Woche aufgehoben, weil er sein Mitbringsel nicht früher als die anderen kriegen sollte – und Matty ein vergilbtes Volksliederbuch mit Noten für Gitarrenbegleitung. Mikesch gab ich einen schönen alten Gedichtband von Baudelaire und Carmen einen indischen Schal, der mit Goldfäden durchwirkt war, Helge ein Taschenbuch über biologischdynamischen Gartenbau und Pauli bunte Fingerhandschuhe aus Peru.

„Dir hab ich leider nichts mitgebracht“, sagte ich ehrlich zu Gesine. „Aber hier ist was von Kirsty – ein Übertopf für deine Duftgeranie am Küchenfenster.“ Und sie lachte und sagte, ich könne schließlich nicht das ganze Dorf beschenken.

Ich glaube, am meisten freute sich Pauli über seine Handschuhe. Er hatte ja keinen, der ihm etwas von einer Reise mitbringen konnte. Seine einzige Tochter lebte in Kanada und kümmerte sich nicht mehr um ihn; und bis auf uns und Gesine und einen alten Mann in Mariabrunn hatte er keine Freunde.

Er strahlte über sein ganzes runzliges Gesicht und fuhr mit den Fingerspitzen immer wieder ehrfürchtig über die bunten Muster, als wären die Handschuhe etwas besonders Kostbares, ein kleines Kunstwerk. Und das waren sie ja eigentlich auch, obwohl sie so wenig Geld gekostet hatten. Peruanische Frauen hatten sie in den alten Mustern ihres Landes gestrickt, die Wolle vielleicht sogar von Hand versponnen und mit Pflanzenfarbe gefärbt.

Alle prosteten mir mit Tee und Radlermaß zu und nannten mich „Gärtnerstift“. Und Carmen war sofort Feuer und Flamme, als ich ihr von Majas Idee erzählte.

„Du könntest den Rübenacker und das Weizenfeld hinter den Ställen haben“, sagte sie. „Das ist ein schönes Stück Land, und ich kann später sowieso nicht alles allein bewirtschaften. Auch Gewächshäuser könnten wir anbauen, da, wo jetzt der alte Holzschuppen steht. Der ist längst baufällig.“

„Sachte mit den jungen Pferden!“ sagte Mikesch lachend, und Helge meinte, ich müßte schon vorher eine Bank ausrauben, ehe ich eine Gärtnerei aufmachen könnte. Und plötzlich war meine Hochstimmung verflogen, denn ich wußte, daß er recht hatte. Selbst wenn ich die Ausbildung schaffte – und warum sollte ich das nicht? –, fehlte mir doch das erforderliche Startkapital, das man für eine Gärtnerei braucht, auch wenn sie noch so klein ist.

„Die wenigsten können sich sofort selbständig machen, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben“, meinte Gesine. „Und es schadet ja auch nichts, mal einige Zeit für andere Leute zu arbeiten. Dabei lernt man noch eine ganze Menge, und die Fehler, die man als Anfänger immer macht, kommen einen nicht so teuer zu stehen.“

„Aber nicht mal in fünf Jahren könnte ich so viel Geld zusammensparen, daß ich das nötige Startkapital hätte“, sagte ich und fühlte mich wie ein angestochener Ballon, aus dem die Luft entweicht.

„Ich glaube, es gibt für Jungunternehmer billige Kredite vom Staat“, warf Mikesch ein. „Wenn du ein bißchen Eigenkapital hättest, könnte es vielleicht gehen.“

Jungunternehmer, Eigenkapital – wie das klang! Pauli meinte, ein Gewächshaus könne man auch selber bauen, das käme auf alle Fälle billiger. „Ich rede mal mit Roddy“, sagte Carmen. „Er müßte wissen, was das Material für so ein Glashaus ungefähr kosten würde.“

Ich dachte plötzlich, daß das alles Zukunftsmusik war. Bis gestern hatte ich nur mit dem Gedanken gespielt, Gärtnerin zu werden. Jetzt hatte sich die Idee unversehens auf geheimnisvolle Weise selbständig gemacht und war zu einer Tatsache geworden, die mich zu überrollen drohte.

„Zum Glück mußt du jetzt noch gar nichts entscheiden“, sagte Jörn, der wieder einmal meine Gedanken gelesen hatte, und drückte meine Hand. „Brüte ruhig noch einige Zeit darauf herum. Eines Tages wirst du das Ei dann ganz von allein legen, ohne viel Gegackere und Gedruckse.“

Alle lachten über den komischen Vergleich. Dann redeten wir über die behinderten Ferienreiter, die uns ins Haus standen, und mir war der Themawechsel nur recht. Helge erklärte auf seine übliche knallharte Art, er wäre froh, daß er jetzt Urlaub machen könne und sich nicht mit Leuten herumplagen müßte, die schon Probleme damit hätten, auf ihren eigenen Beinen zu stehen.

„Na, dann ist’s ja nur gut, daß du nicht hier bist“, sagte Mikesch kühl. „Im übrigen kann’s jedem mal passieren, daß er auf die Hilfe von anderen angewiesen ist. Dir auch.“

Ich wußte inzwischen, warum Helge so mürrisch und gereizt war. Matty hatte uns am Nachmittag erzählt, daß Helge zu seinem Vater gekommen war und eine Gehaltserhöhung gefordert hatte, und daß Herr Moberg abgelehnt hatte. Natürlich war Helges Monatsverdienst nicht gerade üppig; er sparte für ein Motorrad. Andererseits warfen das Gestüt und die Reitschule wirklich sehr wenig Geld ab; es reichte gerade immer mit knapper Not für die Ausgaben. Was Mikesch anging, so hätte er Helge sicher mehr Geld gegeben, wenn es irgendwie möglich gewesen wäre.

Helge murmelte etwas Unverständliches, und Gesine versprach, gleich morgen früh bei Frau Hopfwieser vorbeizuschauen und ihr auszurichten, daß wir für kommende Woche auf Dreililien noch eine Gruppe von Ferienreitern erwarteten.

Hopfi war diejenige, die sich darum kümmerte, daß die Fremdenzimmer sauber und die Betten frisch überzogen waren, wenn Gäste erwartet wurden. Und während die Ferienreiter hier waren, sorgte sie unbarmherzig für Ordnung und Sauberkeit und kochte zusammen mit ihrer Nichte, einer molligen Frau aus Mariabrunn, herzhafte bayerische Spezialitäten.

Langsam brach die Abenddämmerung herein, und wir zündeten Windlichter und Kerzen an. Pauli erzählte von seiner Kindheit auf einem Bergbauernhof. Er hatte acht Geschwister gehabt, die inzwischen alle gestorben waren. Sie waren arm gewesen; die Kinder hatten von klein auf im Stall und draußen auf den Bergwiesen mitarbeiten müssen. Maschinen hatte es damals kaum gegeben; auf den steilen Berghängen hätte man sie auch gar nicht einsetzen können. Zur Schule mußten sie eine weite Strecke ins Tal hinuntergehen, im Sommer wie im Winter. Im Sommer waren sie barfuß gelaufen, im Winter mit Holzschuhen und in dünner Kleidung; erbärmlich gefroren hatten sie, und die Mutter hatte ihnen Brot und ein Kännchen Ziegenmilch mitgegeben.

„Aber trotzdem is’ a schönere Zeit g’wes’n als wia heutzutag mit dene Mass’n von Autos und Seilbahnen und Fremd’n überall“, sagte er. „Damals hat’s no koa Luftverschmutzung net geb’n und koa Waldsterb’n und koane Löcher in unserer Ozonschicht, so groß als wia Amerika.“

„Ja, wir zahlen einen viel zu hohen Preis für unseren modernen ‚Komfort’ – Spraydosen und Atomstrom, Massentierhaltung, Unkrautvernichtungsmittel, chemische Düngung, Autos und Flugzeuge und was es sonst noch so alles an angeblich unentbehrlichen Sachen gibt“, stimmte Mikesch zu. „Dabei wären wir sicher glücklicher und gesünder, wenn wir das alles nicht hätten.“

„Aber so ein armer Bergbauer, der sein Leben lang schuftet und kaum genug zu essen für sich und seine Kinder hat, hätte ich trotzdem nicht sein mögen“, sagte Maja.

„Mir ham’s net anders kennt“, erwiderte Pauli ruhig. „Aber freili, a bißl mehr Ruh und weniger Sorgen hätt’ i meine Eltern scho gönnt. A leicht’s Leb’n hab’n die zwoa bestimmt net g’habt.“

„Und ihr Kinder sicher auch nicht“, sagte Gesine.

Aber der Pauli meinte, so schlimm wäre seine Kindheit gar nicht gewesen. „I möcht heutzutag koa Kind mehr sei“, behauptete er. Er fand es schlimm, daß so viele Kinder auf vorgefertigte Spielplätze abgeschoben wurden, daß sie sich in den Großstädten nur noch zwischen Autos und Häusern bewegten und nur an der Hand von Erwachsenen gehen konnten, solange sie klein waren; und daß sie ständig Abgase einatmen mußten. Kinder sollten frei spielen können, fand er, draußen in der Natur.

„Naa, i möcht nimmer jung sei in derer Zeit“, schloß er. „I bin froh, daß i scho so alt bin und nimmer miterleb’n muß, was die no alles mit unserer Welt anstell’n, die Großkopfert’n da drob’n.“

Politiker und Industriebosse waren für Pauli nur „die Großkopfert’n“, denen man nicht trauen konnte. Und vielleicht hatte er ja recht. Er lebte nun schon ein Dreivierteljahrhundert; und obwohl er immer nur ein einfacher Bauernknecht gewesen war – oder vielleicht gerade deshalb –, ließ er sich nicht so leicht etwas vormachen.

Matty meinte halb spaßhaft, halb im Ernst, wenn es so etwas wie Wiedergeburt wirklich gäbe, hätten wir wohl alle noch mehrere Leben vor uns, und Pauli wehrte laut und fast erschrokken ab: „Naa, naa, i möcht mei’ Ruah hab’n, wann i amoi unter der Erd’n bin!“

Das klang so komisch, daß wir alle lachen mußten. Ich sagte, ich hätte schon Lust, noch einmal auf die Welt zu kommen; auf einem schottischen Schloß vielleicht, oder im vorigen Jahrhundert, als irischer Widerstandskämpfer.

„Du meinst also, man könnte sozusagen nach rückwärts geboren werden – in die Vergangenheit hinein?“ fragte Jörn.

„Es kann doch sein, daß die Zeit nur in unserer Vorstellung existiert“, erwiderte ich. „Daß es eigentlich gar keine Gegenwart oder Vergangenheit oder Zukunft gibt, wie wir uns das vorstellen,“

„Hältst du’s für möglich, daß vielleicht alles gleichzeitig abläuft, sozusagen nebeneinander? Nein, das ist zu hoch für mich, das kapiere ich nicht!“ sagte Matty. „Da macht meine Vorstellungskraft nicht mit. Schließlich ist doch das, was heute passiert, bei uns und auf der ganzen Welt, nur eine Folge von vergangenen Ereignissen, Daß man gewissermaßen in der Zeit herumreisen könnte, weil Vergangenheit und Zukunft vielleicht irgendwo ebenfalls stattfinden, jetzt, zur gleichen Zeit, das widerspricht den Gesetzen unserer Logik. Das hält man ja im Kopf nicht aus!“

„Vielleicht gibt’s Dinge, die wir uns einfach nicht vorstellen können“, meinte Carmen, „weil unser Verstand dafür nicht ausreicht. Oder meint ihr im Ernst, daß im Kosmos nur das möglich ist, was wir Menschen begreifen und erklären können? Vor vierhundert Jahren haben noch die meisten Menschen geglaubt, daß die Sonne um die Erde kreist. Kaum einer konnte sich etwas anderes vorstellen. Gestimmt hat’s trotzdem nicht. Galilei hat erkannt, daß es nicht so ist, und wie ist er deswegen angefeindet worden!“

„Außerdem hat sich das, was Menschen für möglich oder unmöglich hielten, im Laufe der Jahrhunderte gewandelt“, fügte Mikesch hinzu. „Es war sogar von Kultur zu Kultur verschieden. Das gilt vor allem für den Jenseitsglauben – das, was die einzelnen Volksstämme über das Leben nach dem Tod vermuteten. Im Grunde hat es früher wohl keine Volksstämme gegeben, die der Meinung waren, nach dem Tod wäre alles aus. Diese Vorstellung ist erst in unserer sogenannten aufgeklärten Zeit entstanden. Woher wollen wir wissen, daß wir im Recht sind und unsere Vorfahren sich geirrt haben? Beweise gibt’s nicht, weder für ein Leben nach dem Tod noch dagegen.“

Es war ein seltsames Thema, das wir da angeschnitten hatten; und doch paßte es irgendwie zu dem dunkler werdenden Spätsommerabend und dem flackernden Kerzenschein.

„Dann glaubst du an ein Weiterleben nach dem Tod?“ fragte ich, überrascht, als hätte ich eine ganz neue Seite an Mikesch entdeckt.

Er lächelte mir zu und sagte: „Ganz ehrlich, Nell – ich weiß es nicht. Ich hab keine Ahnung, woran ich glauben soll. Aber ich würde mich nie hinstellen und verkünden: Ein Leben nach dem Tod, das ist Unsinn, so was gibt es nicht. Für möglich halte ich es jedenfalls. Weiter bin ich mit meiner Weisheit bis jetzt noch nicht gekommen.“

„Aber an dö G’schicht mit Himml und Höll und Fegfeuer, an dös glaab i net!“ sagte Pauli. „Dös hab’n si die Großkopfert’n bloß ausdenkt, damit die kloan Leut parier’n vor der Obrigkeit und net aufmuck’n aus Angst vor Straf’ im Jenseits, und damit s’ die Hoffnung hab’n, daß’s eahna für ois Elend und die ganze Schufterei nach ‘m Tod amoi bessergeht.“

„In der Bibel steht, daß Gott reine Liebe und Güte ist, und daß er den Sündern vergibt“, stimmte Carmen zu. „Dazu paßt die Story vom Fegefeuer und der Hölle überhaupt nicht.“

„Das mit den armen Seelen, die im Feuer brutzeln, daran glaubt ja sowieso kein Schwein mehr!“ sagte Helge. „Das ist doch finsterstes Mittelalter; damit jagen sie doch heute keinem Spatzengehirn mehr Angst ein!“

„Augenblicklich ist’s ja modern, an Wiedergeburt zu glauben“, warf Gesine ein. „Die ganze New-age-Bewegung geht in diese Richtung.“

„Ach, die glauben an alles, was mystisch und unerklärlich ist – an Astrologie und Karma, an Seelenwanderung und Wunderheilung“, sagte Jörn und verzog das Gesicht. „Je unergründlicher, desto besser. Ich mag solche Bewegungen nicht. Und ich finde auch, es ist leichter, abzuheben und irgendwo in höheren Sphären herumzuschweben, als fest auf dem Boden zu stehen und sich mit dem auseinanderzusetzen, was in unserer Welt schief ist und verändert werden muß, damit noch weitere Generationen in ihr leben können. Es geht schließlich darum,

Verantwortung für uns selbst und unsere Erde zu übernehmen, anstatt sich auf eine Blumenwiese zurückzuziehen und zu überlegen, welches Schicksal die Sterne uns auferlegt haben könnten.“

Matty war anderer Meinung. „Ich glaube, man muß jedem zugestehen, daß er seinen eigenen Weg geht – auch, wenn man diesen Weg für falsch hält“, erwiderte er. „Was dir richtig erscheint, muß für andere noch lang nicht richtig sein.“

„Ja, ja, laß uns nur weiter großzügig und verständnisvoll sein!“ sagte Jörn zornig. „Laß die einen ihre Wiederaufbereitungsanlagen und ihre Atomfabriken bauen, weil sie das für gut und vor allem für einträglich halten. Laß die anderen sich um ihren Guru scharen und an ihrem Seelenheil herumbasteln, laß andere wieder Menschen und Tiere quälen und ausbeuten oder Waffen hersteilen und auf der ganzen Welt stationieren. Jeder nach seinem Geschmack, wie? Und eines Tages fliegt dann ein Atomkraftwerk in die Luft, oder gewisse Leute kommen auf die Idee, die Waffen auch mal zu benutzen, die sie jahrzehntelang so trickreich gebastelt haben; das bringt’s dann ja voll!“

„Ich finde nicht, daß man das alles in einen Topf werfen kann“, versetzte Matty ruhig. „Es gibt schließlich noch Unterschiede zwischen den Anhängern eines Gurus und der Atommafia,“ „Außerdem kann man die Leute nicht dazu zwingen, Verantwortung für unsere Erde zu übernehmen und aufzuhören, an ihren eigenen Profit und ihr eigenes Wohl zu denken, wenn sie nicht wollen“, wandte Maja ein.

„Nein“, sagte Jörn, „das kann man nicht. Und von selber tun’s die meisten leider nicht. Das ist ja der Mist.“

„Bei so einem Gespräch kommt mal wieder echte Freude auf!“

Diese Bemerkung kam von Helge, und er brachte sie so trocken heraus, daß wir trotz des ernsten Themas lachen mußten.

Hinter dem Stall ging der Mond auf – eine schmale, leuchtende Sichel. Eine Eule rief aus dem Wald; Carmen behauptete, es wäre eine Schleiereule. Einer nach dem anderen zog einen Pullover oder eine Strickjacke an. Die schwülen Sommerabende und die warmen Nächte waren vorbei; schon lag eine Ahnung des kommenden Herbstes in der Luft. Man merkte es an den Gerüchen, die Erde und Pflanzen verströmten – nicht mild und süß wie im Sommer, sondern schon herb und würzig, mit einem Hauch von Vergänglichkeit.

„Jetzt werd’ er bald da sei, der Winter“, sagte Pauli schwer; so, als wären die Jahreszeiten menschliche Wesen, die aus der Ferne zu uns gewandert kamen, um Blumen und Früchte oder Schnee und Stürme zu bringen. Im Alter, so erklärte er, würde einem der Winter immer mehr verleidet; und ich konnte ihn gut verstehen, wenn ich daran dachte, wie lang mir selbst die Wintermonate vorkamen, in denen alles kalt und starr und kahl war, und wie sehr ich schon im Januar auf den Frühling wartete.

Doch noch blieb uns eine Sommerferienwoche, und ich beschloß, sie voll auszukosten. Ich wollte mit Hazel durch den Wald reiten und zwischen Apfelbäumen in der Hängematte liegen, wollte Mikesch mit den Ferienreitern helfen, morgens unter der Eiche frühstücken und abends, wenn Jörn von der Klinik zurückkam, mit ihm nach Törwang ins Gasthaus radeln und Eis essen.

Auch der Herbst hatte im Tal von Dreililien seinen Reiz – die kurzen, aber goldenen Tage mit unwahrscheinlich blauem Himmel, wenn die Bauern ihre Ernte einbrachten und auf den

Feldern die Kartoffelfeuer schwelten. Hier auf dem Land war der Herbst eine Zeit der Fülle und der Vorbereitung auf den Winter. Auch wir mußten dafür sorgen, daß die Tennen und Scheunen mit Heuvorrat für die Pferde gefüllt wurden; wir kauften Hafer bei den Bauern der Umgebung und lagerten Rettiche, Karotten, Mohrrüben und Runkelrüben in den Futterkammern. Haselnüsse wurden gesammelt, Pilze getrocknet; Kirsty verarbeitete Äpfel und Hutzelbirnen zu Dörrobst, und Carmens Eltern setzten Apfelmost in mächtigen Glasballons an, der wochenlang im Keller blubberte.

Doch in diesem Jahr würde alles anders sein. Es war das Jahr von Tschernobyl; ein Jahr, in dem die Pilze nicht gegessen werden durften, in dem das Heu und die Haselnüsse verstrahlt waren und das Obst erst untersucht werden mußte, ehe man es unbedenklich essen, verfüttern oder verarbeiten könnte.

Vielleicht war dieses Ereignis als Warnung für uns gedacht; ein kleiner Vorgeschmack auf das, was geschehen konnte, wenn wir nicht zur Besinnung kamen. Dieser Reaktorunfall, den die Fachwelt als „vergleichsweise harmlos“ bezeichnete, hatte seine Spuren in unserem Erdboden hinterlassen; Spuren, die noch nicht verwischt sein würden, wenn ich selbst und meine Generation längst tot waren. Andere Generationen hatten Kunstdenkmäler hinterlassen, kostbare Überreste einstiger Höchkulturen; wir hinterließen unverrottbare Plastikabfälle, verseuchtes Wasser, Atommüll. Vielleicht würden wir es sogar schaffen, diese Erde für Lebewesen unbewohnbar zu machen. War das unser Schicksal, daß wir uns selbst vernichten würden, weil wir unsere Grenzen nicht kannten, uns gegen die Natur stellten und zu anmaßend waren?

Es waren keine guten Gedanken für einen Sommerabend mit Freunden, doch in diesem Jahr fiel es mir nicht leicht, unbeschwert zu sein. Und wieder dachte ich, wie schon morgens im Stall, daß es wichtig war, die Gefahr zu erkennen und trotzdem nicht in einem Zustand der Angst zu verharren, sondern das Leben auszukosten.

„Nell träumt“, sagte Helge. „Von ihrer Gärtnerei wahrscheinlich. Aber es scheint kein besonders angenehmer Traum zu sein. Hat jemand Steine auf deine Glashäuser geschmissen?“

Ich fing Jörns forschenden Blick auf und schüttelte den Kopf. „Es gibt Schlimmeres“, sagte ich.

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