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Ursula Isbel
Reiterhof Dreililien 7 - Heimweh nach den Pferden
Saga
Reiterhof Dreililien 7 - Heimweh nach den PferdenCover Bild: Shutterstock Copyright © 1994, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219647
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1
„Das Schönste, was ich kenne“, sagte Jörn, „ist Dreililien im Abendlicht – im Sommer, wenn die Sonne hinter dem Hochwald zur Tagleiten wandert, wenn die Pferde getränkt und gefüttert werden und der Innenhof vom Zwielicht erfüllt ist.“
Ich wußte, dies war eines von den Bildern, die Jörn über die dunkelsten Stunden hinweghalfen, wenn er in dem engen Krankenzimmer fast verrückt wurde, wenn er unter Schmerzen litt und Angst hatte, nicht wieder gesund zu werden.
„Wenn ich es hier nicht mehr aushalte, mache ich die Augen zu und denke an Dreililien. Dann geht’s wieder für eine Weile“, sagte er manchmal.
Und ich tröstete ihn damit, daß wir im Frühling wieder zusammen in den Wald reiten und auf den Koppeln arbeiten würden, er und ich. Doch es war ein langer Winter, der kein Ende zu nehmen schien – grau, mit eisiger Kälte und zu wenig Schnee. Den Weihnachtsabend verbrachte ich bei Jörn im Krankenhaus, zusammen mit seinem Bruder Matty.
Dann warteten wir von einer Woche zur anderen darauf, daß die Ärzte Jörn endlich nach Hause ließen. Immer wieder hieß es unbestimmt: „In zehn Tagen vielleicht“. Es wurde Januar und Februar. Jörn drohte damit, sich einfach anzuziehen und abzuhauen, eines Tages, wenn ihm alles zuviel wurde. Dabei merkte er selbst, wie schwach er von seiner Krankheit nach dem schweren Autounfall noch war; und auch dieses Gefühl der Schwäche war schwer für ihn zu ertragen.
Anfang Februar wurde es so kalt, daß wir die Pferde nicht mehr auf die Koppeln bringen konnten. Drei von den Jährlingen, eine Mutterstute und ihr Fohlen hatten sich erkältet, und Dr. Hofbauer mußte geholt werden. Wir hatten alle Hände voll zu tun, den Pferden wenigstens einmal täglich Bewegung zu verschaffen. Sie wurden gereizt und unberechenbar, wußten nicht, wohin mit ihrer überschüssigen Energie. Zum Glück hatten wir die Wochenendreiter, die nun auch werktags aus allen Himmelsrichtungen kamen, um mitzuhelfen. Jörn aber saß in seinem Bett im Krankenhaus und schimpfte verzweifelt, weil er eingesperrt war, während man ihn zu Hause so dringend gebraucht hätte.
„Morgen“, sagte er eines Tages finster entschlossen, „bringst du meinen Wintermantel und die Fellstiefel, Nell. Ich haue ab. Die halten mich noch ewig hier fest. Mir reicht’s jetzt, verdammt.“
„Aber das tun sie doch nicht aus Bosheit“, widersprach ich erschrocken. „Warte wenigstens noch eine Woche. Du kannst nicht einfach abhauen, du bist noch total schwach. Wie sollen wir denn nach Hause kommen?“
„Wir nehmen ein Taxi zum Bahnhof und fahren mit dem Bus, das ist doch ganz einfach. Und in Mariabrunn kann Mikesch uns abholen. Versprich, daß du meine Klamotten mitbringst, wenn du morgen kommst!“
„Das kann ich nicht“, sagte ich.
„Du mußt! Wenn du es nicht tust, sag ich’s Matty. Aber du kannst mich nicht einfach so hängenlassen!“
Von Zweifeln geplagt, fuhr ich nach Hause. Wie meistens, wenn ich nicht wußte, was ich tun sollte, ging ich nach der Abendfütterung zu Mikesch und redete mit ihm. Mikesch war so ziemlich der vernünftigste Mensch, den ich kannte. Außerdem machte er nie den Versuch, mich zu bevormunden oder zu belehren, wenn ich ihn um Rat fragte.
„Wenn Jörn es in der Klinik nicht mehr aushält, ist es sein gutes Recht, nach Hause zu gehen“, meinte Mikesch und strich sich das schwarze Haar aus der Stirn. Ein Schmutzstreifen blieb auf seinem Gesicht zurück, denn er hatte nach der Arbeit noch nicht Zeit gehabt, sich die Hände zu waschen. „Die Ärzte wollen sicher sein Bestes, aber ob sie auch genau wissen, was ihm guttut? Vielleicht kommt Jörn schneller wieder auf die Beine, wenn er zu Hause ist; ich nehm’s fast an. Aber klammheimlich würde ich das nicht machen. Warum sagt Jörn morgen bei der Visite nicht einfach, daß er jetzt genug hat und noch diese Woche entlassen werden will? Verwehren können sie es ihm nicht, er ist schließlich volljährig. Wahrscheinlich werden sie sagen, daß er auf eigene Verantwortung geht, aber das weiß er ja sowieso. Sag mir Bescheid, wenn die Sache entschieden ist, dann fahren wir mit dem Lastwagen nach Rosenheim und holen ihn ab. Mit dem öffentlichen Bus kann er jedenfalls nicht zurückfahren, dazu ist er noch zu wacklig auf den Beinen.“
Ich fand den Rat gut. Jörn war zwar sauer, als ich am nächsten Tag ohne Mantel und Stiefel ankam, beruhigte sich dann aber wieder. Während der ganzen Besuchszeit war er recht schweigsam und schien zu überlegen.
Zwei Tage später wurde er entlassen. „Auf eigene Verantwortung“, wie Mikesch vorausgesagt hatte.
Um zehn Uhr vormittags holten wir ihn ab, Mikesch und ich. Jörns Gesicht war so froh, als wir kamen, wie ich es seit langem nicht mehr gesehen hatte.
In seinem alten Lammfellmantel schien er fast zu versinken. „Nicht mal meine Stiefel passen mir mehr. Sie fühlen sich an wie Elbkähne“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Ich bin dürr wie ein Zwetschgenmandl geworden. Kein Wunder, daß sich auch meine Beine wie Zwetschgenmus anfühlen.“
Ja, er war schmal und blaß geworden in diesen vier Monaten seit seinem Unfall. „Das bißchen Fett kriegst du schon wieder drauf“, meinte Mikesch tröstend. „Und deine Muskeln sind natürlich schlaff vom langen Herumliegen. Ein paar Wochen im Stall und auf den Koppeln, und du hast wieder die alte Kraft in Armen und Beinen.“
Jörn sah ihn an. „Ein paar Wochen? Ich geb mir genau eine Woche dazu!“
2
Jörn hatte sich eine Woche Frist gesetzt; so, als könnte man seinem Körper vorschreiben, wann er wieder gesund und kräftig zu sein und normal zu „funktionieren“ hatte. Doch ein so schwerer Unfall, wie er ihn erlitten hatte – mit einem Leberriß, dem Schock, der Lungenverletzung, mit Operation, Schmerzen, Medikamenten –, ließ sich nicht so einfach überwinden wie eine Grippe. Das war auch die Meinung von Hopfi, der Haushaltshilfe auf Dreililien.
„So wos geht net von heut auf morgen“, erklärte sie. „Dös braucht scho sei Zeit.“
Tatsächlich dauerte es viel länger, als wir geahnt hatten; und obwohl Jörn täglich dreimal mit verbissener Energie in den Stall kam, um bei der Arbeit zu helfen, wurde er meistens schnell grau im Gesicht und mußte sich zwischendurch immer wieder auf die Bank in der Sattelkammer setzen, um auszuruhen. Doch er hatte einen eisernen Willen und war hart mit sich selbst; er gab nicht nach.
Erst als der sehnsüchtig erwartete Frühling kam, wurde auch Jörn wieder kräftiger. Die Stare kehrten zurück, die Schwalben suchten ihren heimatlichen Stall auf, und an einem Märztag unternahmen wir unseren ersten Ausritt, Jörn und ich.
Diana, die Jörn seit seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus nicht mehr aus den Augen ließ, begleitete uns. Schmutzige Schneefetzen lagen noch auf den Koppeln, doch am Bachufer und am Waldrand blühten schon die ersten Buschwindröschen. Die Drosseln sangen so süß in den Erlenbüschen, und die Sonne glänzte warm auf Hazels nußbraunem Fell und Katamas seidenweißer Mähne.
„Das hab ich mir im Krankenhaus oft vorgestellt – daß wieder Frühling ist, und daß wir mit den Pferden über den Steg in den Wald reiten, wenn die Sonne scheint“, sagte Jörn leise. „Früher war das so selbstverständlich für mich, etwas, was zu meinem Leben dazugehört wie Essen und Trinken. Aber es ist nicht selbstverständlich, Nell. Es ist nicht selbstverständlich, daß wir gesund sind und draußen sein können, daß wir den Wind in den Bäumen hören und die Vögel, wie sie singen, daß wir uns unbehindert bewegen können, aufs Pferd steigen, die Natur sehen, miteinander reden. Es ist ein Geschenk; etwas, was uns täglich genommen werden kann, morgen schon. Ich möchte lernen, bewußt und im Augenblick zu leben und ... ja, dankbar zu sein für alles, auch wenn das vielleicht blödsinnig klingt.“ „Tut es nicht“, sagte ich. „Es ist überhaupt nicht blödsinnig, sondern wahr. Ich hab mir das auch alles überlegt – damals, als du nach dem Unfall operiert worden bist und ich im Krankenhaus warten mußte, ohne zu wissen, ob du durchkommen würdest. Da ist mir klargeworden, wie schnell alles zunichte sein kann, was man so selbstverständlich hinnimmt, daß es einem selbst gutgeht und denen, die man liebhat, meine ich.“
Ich streckte die Hand aus und berührte seine Schulter. „Weißt du, was ich damals auf der Fahrt in die Klinik gedacht hab? Daß jeder Mensch so etwas wie ein Erdbebengebiet ist; daß keiner weiß, wie lange es dauert, bis plötzlich alles ins Wanken gerät und vielleicht unter ihm zusammenbricht. Das ist mir vorher nie bewußt gewesen, nicht mal, als meine Mutter krank wurde und starb. Das mit dir – diese Nacht, in der ich nicht wußte, ob du sterben oder leben würdest–, das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Aber ich glaube, ich hab’ auch eine Menge dabei gelernt.“
Jörn sagte lange Zeit gar nichts. Ich sah auch sein Gesicht nicht, da wir jetzt hintereinander ritten, denn der Waldpfad hatte sich verengt. Wir mußten zudem auf die Eisreste achten, die die Baumwurzeln überzogen und einen Teil des Weges schlüpfrig machten.
„Laß uns absteigen“, bat Jörn nach einer Weile. „Die Pferde kommen ohne uns besser voran.“
Hand in Hand folgten wir Katama und Hazel. Die Luft war weich und erfüllt vom Geruch der aufbrechenden Erde und dem Gesang der Vögel. Die Waldlichtungen lagen wie Inseln in der Sonne.
„Weißt du, wo ich damals gewesen bin?“ fragte Jörn unvermittelt.
Seine Stimme war leise. Ich spürte, wie seine Hand in der meinen zuckte.
„Gewesen? Wo? Wann?“ erwiderte ich verwirrt.
„Damals – in der Nacht nach dem Unfall. Es war ... seltsam. Anfangs kam es mir vor, als würde ich durch ein dunkles Tal getrieben.“ Jörn stockte. „Nein, es begann damit, daß ich das Gefühl hatte, ich würde mit unheimlicher Geschwindigkeit durch einen sehr engen Tunnel gleiten. Es ging so wahnsinnig schnell, daß mir total schwindlig davon wurde. Dieses Tal ... Ich wußte, daß ich dort jenseits von allem war, was unser Leben ausmacht, verstehst du? Ich war dabei, eine Grenze zu überschreiten.“
„Welche Grenze?“ fragte ich.
Er schüttelte den Kopf, ohne mich anzusehen. „Ich weiß nicht, ob ich es dir erklären kann. Ich verstehe es ja selbst noch immer nicht. Vielleicht war es die Grenze zwischen Leben und Tod.“
Plötzlich fror ich in der warmen Frühlingssonne. „Davon hast du nie etwas gesagt.“
„Ich wollte eigentlich mit keinem darüber reden, nicht mal mit dir. Es war so ein seltsames Erlebnis; ich kann’s ja selbst nicht begreifen. Aber ... ich komme einfach nicht davon los. Wenn es wirklich der Beginn von dem war, was wir Sterben nennen, dann ist der Tod nicht schlimm, Nell. Im Gegenteil. Am Ende dieses Tales war etwas Wunderbares – eine Art Licht, so strahlend, daß ich es nicht beschreiben kann. Es war ein lebendiges Licht – oder vielleicht ging es von einem lebendigen Wesen aus. Man kann das genausowenig beschreiben wie manche Dinge, die einem im Traum passieren. Ich wäre gern dorthin gegangen, wo das Licht war, aber da war auch etwas, was mich zurückhielt. Etwas oder jemand hat mich festgehalten. Vielleicht warst du es.“
Jörn holte tief Atem. „Ich weiß genau, daß ich dachte: Ich will noch nicht sterben! Dann ging ein Ruck durch meinen Körper, und ich bin aufgewacht.“
Meine Hände zitterten. „Und dann hab’ ich dich gesehen“, fuhr Jörn fort. „Nein, so war es nicht. Zuerst hab’ ich deine Hand gespürt. Ich wußte ganz genau, daß es deine Hand ist, noch ehe ich die Augen aufmachte und dich sah.“
Wir blieben stehen; unsere Blicke trafen sich.
„Ich wollte nicht sterben“, sagte Jörn nach einigen Sekunden halblaut. „Aber ich weiß nicht, ob ich... ob ich zurückgekommen wäre, wenn du nicht da gesessen und mich gerufen hättest. Ja, mir war, als würdest du mich rufen und mich festhalten. Es klingt verdammt komisch, aber so ist es.“
„Ich hab dich wirklich gerufen“, erwiderte ich. „Ich war sicher, daß es etwas bewirkt, wenn ich da sitze, deine Hand halte und dich nicht loslasse. Deshalb hab ich mich in der Klinik auch nicht abweisen lassen. Ich wußte, ich muß zu dir ...“
Plötzlich flog ein Fasan mit mißtönendem Kreischen aus dem Unterholz auf. Wir zuckten zusammen. Diana jagte hinter dem Fasan drein, und Hazel schnaubte. Katama aber, schreckhaft wie immer, wieherte schrill, stellte sich auf die Hinterbeine, stürmte dann vorwärts, glitt aus und schaffte es nur durch ein paar verrückte Drehungen, einigermaßen im Gleichgewicht zu bleiben.
Jörn war mit einem Sprung bei ihr. Er faßte Katama am Halfter und redete beruhigend auf sie ein: „Ist ja gut, altes Mädchen, nichts ist passiert. Das war bloß einer von diesen blödsinnigen Vögeln, die flattern ja immer so urplötzlich vor einem hoch. Das weißt du doch schon längst ...“
Ich streichelte Hazel. Sie machte ein vernünftiges Gesicht, genau wie eine kluge alte Dame, die das Leben kennt und sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen läßt. Dann kam Diana mit hängender Zunge und schuldbewußter Miene zurück, doch keiner von uns war in der Stimmung, sie auszuschimpfen.
„So schnell kann’s gehen“, sagte Jörn. „Wenn sie sich das Bein gebrochen hätte – ausgerechnet Katama ...“
Er war blaß geworden, und seine Hände zitterten heftig. „Komm“, sagte ich, „wir setzen uns auf der Lichtung ein bißchen in die Sonne, und dann kehren wir um und gehen wieder nach Hause.“
Jörn erwiderte: „Fang bloß nicht an, mich zu betüdeln wie einen Opa!“ Aber er kam doch mit. Wir ließen uns auf ein paar Baumstämmen nieder, die seit dem vergangenen Herbst dort lagen, während Hazel an den ersten frischen Grashalmen zupfte und Katama noch eine Weile aufgeregt herumtänzelte. Ein Schmetterling, der den Winter überstanden hatte, gaukelte mit ausgefransten Flügeln vor uns über das Heidekraut.
Jörn legte den Kopf in meinen Schoß. Sacht strich ich ihm die Haare aus der Stirn. Sein schmales Gesicht war noch schmäler geworden in diesem Winter, seine Wangen eingefallen. Auch sein Blick hatte sich verändert – auf welche Weise, hätte ich nicht sagen können, wenn jemand mich gefragt hätte. Manchmal kam mir dieser Blick seltsam fern vor, so, als würde Jörn nicht wahrnehmen, was um ihn her geschah. Vielleicht lag der Schlüssel zu dieser Veränderung in dem, was er mir heute erzählt hatte.
Die Welt war so still, als wir nach Hause ritten. Doch der Frieden war nicht von langer Dauer. Auf dem Hofplatz von. Dreililien hörten wir Sepp und Helge im Stall streiten, daß die Fetzen flögen. Weder die Schimpfnamen, die sie sich zubrüllten, noch das, wozu sie sich gegenseitig aufforderten, war besonders vornehm oder druckreif, aber es hörte sich ausgesprochen komisch an.
Als wir die Stalltür öffneten, um die Pferde hineinzuführen, kam eine Drahtbürste angeflogen. Sepp schrie: „Saukopf, damischer!“ Und Katama und Hazel wichen zurück und schnaubten erschrocken.
„Hört’s bloß auf mit dem Blödsinn“, sagte Jörn laut. „Katama ist sowieso schon ganz durchgedreht. Wenn ihr unbedingt streiten müßt, dann sucht’s euch einen besseren Ort dafür aus als ausgerechnet den Stall.“
Helge war wieder einmal bleich vor Wut – wie oft hatte ich ihn schon so gesehen! – und erklärte, er ließe sich von keinem vorschreiben, wo er zu streiten hätte und wo nicht. Sepp brummte, wir könnten ihn alle mal, und wir sollten unseren Scheißdreck allein machen; er warf die Mistgabel auf die Stallgasse und stampfte hinaus wie ein wütender Stier. Kurz darauf hörten wir, wie sein Wagen angelassen wurde.
Ich ging hin und hob die Mistgabel auf. Die Zinken waren nach oben gerichtet, und ich fand, daß ein erwachsener Mann wie Sepp, der noch dazu Bauer war, vernünftiger hätte sein müssen, als derartige Todesfallen aufzustellen. Jetzt verschwand auch Helge mit bösartigem Gemurmel. Wir brachten Katama und Hazel in ihre Boxen, sahen uns noch einmal Katamas Fesselgelenke an, kratzten den beiden die Hufe aus, rieben sie mit Tüchern ab und gaben ihnen dann zu trinken, während Matty und Mikesch die Stuten von der Koppel hereinbrachten.
Mit den vertrauten abendlichen Geräuschen kehrte auch der Friede in den Stall zurück. Die Pferde schnaubten leise und zufrieden und scharrten mit den Hufen in der Streu; sie prusteten in ihre Eimer und mampften. Eimer klapperten, jemand pfiff vor sich hin, Mikesch kam und erkundigte sich mit halblauter Stimme, wo Sepp die Säcke mit den Mineralien hingestellt hätte.
Schließlich kam auch Helge zurück, die Hände in den Hosentaschen vergraben, die Augen hinter der dunklen Haarmähne verborgen, und machte sich an die Arbeit. Seine Wut schien verraucht zu sein, denn nach einer Viertelstunde tauchte er bei Hazels Box auf und erkundigte sich ganz freundlich bei mir, ob ich Solveigs Mähnenkamm gesehen hätte.
An diesem Tag mußte Jörn zum erstenmal nicht in die Sattelkammer gehen, um auszuruhen. Er arbeitete langsam, aber in stetigem Rhythmus; und als wir die Stalltür hinter uns schlossen, sah er glücklich aus.
„Es geht wieder“, sagte er. „Ich dachte schon, ich schaff s nie mehr so wie früher. Aber jetzt krieg’ ich langsam wieder Kraft.“
Maja, die daneben stand, erwiderte: „In einem halben Jahr hast du alles vergessen.“
Jörn schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er, „das nicht. Vergessen werd’ich es nie.“
3
Jörn war noch sechs Wochen krankgeschrieben. Zum Glück fielen die Osterferien in diese Zeit, so daß wir vierzehn Tage zusammen sein konnten – Frühlingstage, die wir mit den Pferden im Freien verbrachten, sooft das Wetter es zuließ.
An einem regnerischen Aprilmorgen packte Maja ihre Klamotten aufs Fahrrad und verließ Dreililien nach einem sehr kurzen Abschied. Von Mikesch erfuhren wir, daß sie schon vor zwei Monaten gekündigt hatte.
„Sie hat mich richtig angefleht, keinem außer Herrn Moberg etwas davon zu sagen. Ich konnte sie nicht davon überzeugen, daß es besser gewesen wäre, mit euch darüber zu reden“erklärte er. „Also hab ich den Mund gehalten. Besonders wohl war mir dabei allerdings nicht.“
„Und Matty?“ fragte ich. „Hat der auch nichts gewußt?“
„Da mußt du ihn schon selber fragen“, erwiderte Mikesch.
Ich merkte jedoch, daß Matty keine Lust hatte, über die Sache zu reden. Seine Gefühle für Maja, die Enttäuschung, die er mit ihr erlebt hatte – das war ein Thema, das er weitgehend mit sich selbst abmachte und über das er sich ausschwieg, so offen er sonst auch war.
„Er wird schon gewußt haben, daß Maja geht“, sagte Jörn abends zu mir. „Und ich find’s auch besser so. Das war doch kein Zustand mit den beiden; die sind sich bloß noch aus dem Weg gegangen, und jeder hat so getan, als wäre der andere gar nicht vorhanden. Irgendwie war die ganze Geschichte hoffnungslos verfahren.“
„Ich wollte, Matty würde darüber reden“, murmelte ich, den Kopf an seiner Schulter. „Das kann doch nicht gut sein, daß er alles so in sich hineinfrißt.“
„Nein“, sagte Jörn, „gut ist das bestimmt nicht. Ich denke jetzt manchmal, daß wir uns ähnlicher sind, als ich vermutet habe, Matty und ich.“
„Sicher geht es ihm wieder besser, wenn Maja nicht mehr hier ist. Aber wir werden einen Ersatz für sie finden müssen, und das wird nicht leicht sein.“
Jörn nickte. „Sie hat ihre Arbeit großartig gemacht, das muß man ihr lassen. Man brauchte ihr nicht erst zu sagen, was sie tun soll; sie hat’s selbst gesehen. Und was am wichtigsten war: Sie liebte die Pferde.“
,,Es ist ihr bestimmt schwergefallen, von Dreililien wegzugehen.“
Ich dachte daran, wie hart sich Maja diese Lehrstelle als Pferdepflegerin erkämpft hatte, wie schwer es für sie gewesen war, ihre Eltern davon zu überzeugen, daß dieser Beruf wichtiger und richtiger für sie war als Abitur und Studium. Ich war lange Zeit böse auf Maja gewesen, weil sie Matty enttäuscht hatte. Jetzt erst fragte ich mich, wie ihr in den vergangenen Wintermonaten zumute gewesen sein mochte, in denen wir sie links liegengelassen hatten; und ich erinnerte mich, daß ich sie eigentlich gemocht hatte, ja, daß ich sie immer noch mochte.
Plötzlich wußte ich, daß Maja mir fehlen würde – ihre selbstverständliche Art zuzupacken, ihr sanfter, geduldiger Umgang mit den Pferden, der Blick ihrer großen dunklen Augen. Das „Mädchen mit den Pfefferkuchenaugen“, wie wir sie früher genannt hatten, war fort; und vielleicht würden wir sie nie wiedersehen.
Sicher war es gut, daß Matty zwei Tage später selbst wegfuhr. Er wollte für eine Woche in einem Reitstall bei München arbeiten, wo er seit dem letzten Herbst schon mehrmals ausgeholfen hatte, sehr zum Ärger seines Vaters. Herr Moberg war der Meinung, es gäbe auf Dreililien genug Arbeit, und fand es rücksichtslos von Matty, daß er seine eigenen Wege ging.
Auf Dreililien war nun wirklich Hochbetrieb. Wir hatten dreizehn Ferienreitschüler im Gutshaus einquartiert; ein Glück, daß Jörn zu Hause war und Mikesch entlasten konnte.
Und dann war da auch noch Pauli. Seit einem halben Jahr wohnte er bei Gesine im Weberhäusl. Jörn hatte ihn im Krankenhaus kennengelernt, wo Pauli lang gelegen war, weil er im Altersheim einfach nichts mehr gegessen hatte. Nach einem arbeitsreichen Leben als Bauernknecht hatte Pauli die Verpflanzung in ein städtisches Seniorenheim einfach nicht bewältigt. Seine Weigerung zu essen, war ganz einfach eine Weigerung gewesen, unter solchen Umständen weiterzuleben.
Seit er nun in der kleinen Dachkammer bei Gesine hauste, war das anders geworden. „Er kommt mir vor wie ein alter Apfelbaum, der einen besonders strengen Winter überstanden hat und ganz unvermutet wieder zu blühen anfängt“, sagte Jörn einmal zu mir.
Jetzt, wo wir den Engpaß wegen Matty und Maja hatten, kam Pauli täglich unaufgefordert bei jedem Wetter frühmorgens und in den Abendstunden nach Dreililien gestapft und half im Stall. Er verstand eine Menge von Pferden, wenn er auch nur Erfahrung mit Kaltblütern hatte. Seiner Ansicht nach gab es da allerdings keine großen Unterschiede; nur daß unsere „Rösser“ halt ein bißchen „extriger“ waren, womit er meinte, daß sie empfindsamer waren und mit größerer Vorsicht behandelt werden mußten.
Ebenso „extrig“ waren diesmal die Ferienreitschüler, was nach Hopfis Auffassung daran lag, daß es ausgerechnet dreizehn waren.
„Dreizehn, dös bringt koa Glück net!“ prophezeite sie schon am ersten Ferientag düster. „Do bricht si bestimmt oana an Haxn oder an Hals, dös werd si scho no erweis’n!“
Die zehn Tage gingen zwar trotzdem ohne Reitunfall ab, aber nicht ohne Streit. Katja und Ines, zwei vierzehnjährige Mädchen, konnten sich von Anfang an nicht leiden, und bald war die gesamte Reitgruppe in zwei Lager gespalten – ein Katja-Lager und ein Ines-Lager. Daran konnte nicht einmal Mikesch etwas ändern.
„Die machen mich diesmal fertig“, sagte er eines Morgens, während die Reitschüler im Innenhof standen, in zwei Gruppen geteilt und damit beschäftigt, einander böse Blicke zuzuwerfen. Nur Tommy, ein kleiner Junge, stand abseits. Wir nannten ihn „Nummer dreizehn“, denn er hielt sich heraus und hatte bisher keine Partei ergriffen – oder vielleicht legten auch weder Ines noch Katja Wert darauf, ihn für sich zu gewinnen.
„Vielleicht sollten wir uns mal abends mit ihnen zusammensetzen. Es wäre ja schon fantastisch, wenn wir sie wenigstens dazu bringen könnten, Waffenstillstand zu schließen“, sagte Jörn.
„Hab ich doch alles schon versucht“, erwiderte Mikesch. „Aber ich hab nachgerade das Gefühl, daß es ihnen Spaß macht, im Clinch miteinander zu liegen.“
Ich sagte: „Dann laßt sie doch!“
„Wenn das bloß so einfach wäre! Sie benutzen jede Gelegenheit, sich anzugiften, und die Stimmung ist natürlich dementsprechend bescheiden. Außerdem überträgt sich die ständige Gereiztheit und Streitlust auf unsere Pferde. Unter solchen Voraussetzungen Reitunterricht abzuhalten, ist wirklich kein Vergnügen.“
„Sie bleiben ja nur noch sechs Tage“, sagte Helge. „So lange mußt du’s eben aushalten. Oder du setzt Katja und Ines an die Luft. Damit wäre das Problem wahrscheinlich gelöst.“
„Vielleicht.“ Mikesch machte ein zweifelndes Gesicht. „Aber ich setze nicht so gern Leute an die Luft.“
Pauli, der in Vronis Box stand und zugehört hatte, machte den Vorschlag, die Reitschüler abends im Stall mithelfen zu lassen. Mikesch sollte sie in Paare aufteilen und jedem Paar ein Pferd zum Striegeln überlassen. Der springende Punkt an der Sache war, daß diese Paare je zwei Leute aus feindlichen „Lagern“ sein sollten, die so gezwungen waren, gemeinsam eine für sie neue, anstrengende und schwierige Aufgabe zu erledigen, wie es das Striegeln für einen Anfänger ja ist.
„Dabei werd eahna d’Feinschaft scho vergeh“, meinte Pauli mit einem listigen Augenzwinkern.
Wir sahen ihn minutenlang verdutzt an und mußten dann zugeben, daß die Idee gar nicht übel war. „Aber was ist mit Nummer dreizehn?“ fragte ich schließlich.
„Der kann mit mir zusammenarbeiten“, sagte Jörn. „Der kleine Kerl reicht den Pferden sowieso nur bis zum Bauch.“
Natürlich rochen die Ferienreiter den Braten. Einige von ihnen weigerten sich anfangs schlicht und einfach, Mikeschs Einteilung Folge zu leisten. Er blieb jedoch hart und sagte, wer mit seiner Anordnung nicht einverstanden sei, dürfe am nächsten Tag auch nicht am ersten Ausritt teilnehmen, und damit basta. Das wirkte.
Ich beobachtete das Experiment abends von Hazels Box aus. Die Pferde waren auffallend nervös; natürlich spürten sie die geladene Stimmung. Mikesch hatte den Ferienreitern in weiser Voraussicht nur die Stuten zugeteilt, die besonders geduldig und gutmütig waren. Den anderen war ohne weiteres zuzutrauen, daß sie in einer solchen Situation plötzlich ausschlugen oder zuschnappten.
In der Box unserer Schimmelstute Emily standen zwei blonde Mädchen, Sarah und Ann-Katrin, und es war komisch mitanzusehen, wie sich jede von ihnen Mühe gab, so zu tun, als wäre die andere Luft. Allzu lange hielten sie das jedoch nicht durch, denn Emily machte das Spiel nicht mit. Sie drehte und wendete sich, wackelte mit dem Hinterteil und verteilte abwechselnd freundschaftliche, aber energische Püffe, bis Sarah und Ann-Katrin vor Verzweiflung vergaßen, sich gegenseitig mit Verachtung zu strafen und einträchtig zu schimpfen begannen.
Die Erzfeindinnen Katja und Ines arbeiteten in der entferntesten Ecke in Vronis Box. Dort stritten sie so laut, daß man sie im ganzen Stall hören konnte. Mikesch ließ sie ruhig keifen; er überschrie sie nur ab und zu, wenn er eine Anweisung gab.
Die einzige, die sich schließlich einmischte, war Vroni. Ich vermute, daß sie das Gekreisch plötzlich satt hatte. Unversehens erklang aus ihrer Box ein gewaltiges Gerumpel, gefolgt von zwei schrillen Schreckensschreien. Wir stürzten hin und stellten fest, daß Vroni die Feindinnen mit ihrem umfangreichen Hinterteil in eine Ecke der Box gedrängt hatte, wo sie eng aneinandergepreßt standen und sich nicht mehr rühren konnten. Mikesch und Jörn mußten der gereizten Stute minutenlang gut zureden, bis sie sich endlich bequemte, die beiden aus dem Schwitzkasten zu lassen.
„Ich hoffe, ihr kapiert jetzt alle miteinander, daß Pferde keine Maschinen sind, über deren Köpfe hinweg man sich ungeniert anschreien kann“, sagte Mikesch. „Ein Pferd ist ein sehr empfindsames Wesen und muß mit Ruhe, Freundlichkeit und Ausgeglichenheit behandelt werden. Laßt euren Ärger und Frust also besser nicht in ihrer Gegenwart ab, sonst braucht ihr euch nicht zu wundern, wenn ihr in hohem Bogen durch die Luft fliegt oder einen Tritt bekommt.“
Nach diesem Zwischenfall herrschte erstaunlicher Friede im Stall. Aus einigen Boxen erklang noch unterdrücktes Gekicher, denn der Anblick von Ines und Katja, eingezwängt hinter Vronis Hintern, hatte den ganzen Streit in ein neues, lächerliches Licht gerückt.
Es wurde dann auch wirklich besser in den restlichen sechs Tagen, die die Ferienreiter noch auf Dreililien verbrachten. Die beiden Feindinnen versöhnten sich zwar nicht, aber ihre Anhänger redeten wieder normal miteinander und hörten auf, sich gegenseitig die Ferien zu vermiesen.
Trotzdem war Mikesch ehrlich froh, als sie abfuhren. „Herr Gott, war das diesmal anstrengend!“ sagte er. „Noch so eine Gruppe, und ich schmeiß meinen Job hin.“
Wir versprachen, die Pferde an diesem Wochenende allein zu versorgen. Mikesch setzte sich mit Gesine und ihrem Hund Malchen ins Auto und fuhr zu Freunden nach München, um „abzuschalten“. Es war ein regnerisches Wochenende, aber die beiden meinten, das Wetter wäre gerade richtig, um gründlich auszuschlafen, tagsüber eine Kunstausstellung zu besuchen und abends gemütlich zum Essen oder ins Kino zu gehen.
Es war wieder kalt geworden. Hopfi meinte, das käme schon von den Eisheiligen, obwohl die eigentlich erst Anfang Mai fällig gewesen wären. Am Samstag standen die Pferde so naß und mit trübselig hängenden Köpfen auf den Koppeln, daß wir sie früher als sonst in den Stall holten und sie trockenreiben mußten, damit sie sich nicht erkälteten.
Am späten Nachmittag heizte Jörn den eisernen Ofen im ehemaligen Dörrboden, den er sich im vergangenen Sommer mit unserer Hilfe zur Wohnung ausgebaut hatte. Ich kochte auf der kleinen Herdplatte weiße Bohnen mit den ersten Kräutern aus unserem Garten. Fleisch aßen wir beide schon seit langem nicht mehr. Ausgegangen war die „vegetarische Welle“ von Matty, der einen Spruch von George Bernard Shaw an seine Tür geheftet hatte: Tiere sind meine Freunde, und ich esse meine Freunde nicht. Tatsächlich konnte man auf die Dauer auch ganz gut ohne Fleisch auskommen, fand ich, obwohl die Umstellung für mich nicht gerade leicht gewesen war.
Wir aßen am Bauerntisch mit der dicken, wurmstichigen Eichenholzplatte, der noch von Jörns Urgroßeltern stammte. Ich liebte Jörns Zimmer mit den dämmrigen Winkeln und dem Geruch alten Holzes, den Dachbalken, von denen getrocknete Kräuter und Sträuße hingen, dem honigfarbenen Fußboden und der sparsamen Einrichtung. Hinter den kleinen Sproissenscheiben sah man das tiefgezogene Dach, einen Teil des Innenhofs und auf der Nordseite den verwilderten Garten.
Der Dörrboden war so heimelig wie ein Nest oder der Bau eines Tieres unter Wurzeln, und an diesem Samstag nachmittag fühlten wir uns besonders geborgen. Der Regen trommelte aufs Dach, Buchenscheite knackten im Ofen, die Pferde waren versorgt, und ganz Dreililien war eingehüllt in jene paradiesische Ruhe, die immer dann herrschte, wenn ein Trupp Ferienreiter abgereist war.
Wir lagen auf Jörns Matratzenbett, hielten uns in den Armen und lauschten auf den Regen. Diana hatte sich zu Jörns Füßen zusammengerollt und schnarchte leise. Dann, mitten in Friede, Freude und Eierkuchen, fiel mir plötzlich ein, daß meine Periode seit drei Tagen überfällig war.
Ich hätte gern mit Jörn darüber geredet, aber nach all dem, was er in den letzten Monaten ausgestanden hatte, wollte ich ihn nicht auch noch damit belasten. Vielleicht war es besser, mit Carmen darüber zu reden – sozusagen von Frau zu Frau.
Als Carmen am nächsten Tag auf der Haflingerstute ihres Vaters angeritten kam, um ihren Freund Roddy zu treffen, der zu uns in die Sonntagsreitstunde kam, ließ ich ihr kaum Zeit, das stämmige goldbraune Pferd zu den anderen Stuten auf die Koppel zu bringen.
„Ich muß mit dir reden“, sagte ich. „Laß uns Spazierengehen, dann sind wir ungestört.“
Sie sah mich forschend an. „Ist was passiert? Doch nichts mit Jörn?“ fragte sie rasch.
„Hm. Nicht so direkt“, erwiderte ich ausweichend.
Wir gingen den Pfad zwischen den Haselnußsträuchern entlang, zum Wildbach hinunter. „Du“, sagte ich nach einer Weile, „ich hab seit vier Tagen meine Periode nicht gekriegt.“
Carmen war nicht sonderlich beeindruckt. „Das ist mir auch schon passiert“, sagte sie. „Es muß nichts zu bedeuten haben. Wie sieht’s denn aus, habt ihr so um den Eisprung herum miteinander geschlafen?“
Ich war jetzt doch ein bißchen verlegen. Daß Carmen so offen und selbstverständlich fragen könnte, hatte ich nicht erwartet. Wir hatten über solche Dinge nie zuvor miteinander geredet.
Ich sagte: „Ich weiß nicht genau; könnte schon sein“, und merkte, wie ich rot wurde. „Ehrlich gesagt hab ich gar nicht auf den Kalender geachtet.“
„Das solltest du aber“, meinte sie. Ein Lächeln ging über ihr molliges Gesicht. „Genier dich bloß nicht! Es geht schließlich um die natürlichste Sache von der Welt, und ich find’s blödsinnig, daß die meisten Leute immer so tun, als gäb es dieses Problem überhaupt nicht. Eltern vor allem, die denken ja meistens, ihre Kinder würden ,so was‘ niemals tun. Dabei schlagen sich eine Menge Mädchen und Frauen, die nicht einfach tagtäglich die Pille schlucken wollen, mit der Verhütungsfrage herum. Nehmt ihr etwas?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich finde das Zeug alles unnatürlich“, gestand ich. „Jörn genauso. Und die Pille ist mir irgendwie unheimlich.“
„Da hast du recht. Schließlich sind das Hormone, die auf die Dauer eine schädliche Wirkung haben können. Aber es einfach so drauf ankommen zu lassen und halt ein bisserl ,aufzupassen‘, das bringt’s auch nicht. Dazu ist das Risiko einfach zu groß“, sagte Carmen. „Oder wollt ihr ein Kind?“
„Nein, vorläufig bestimmt nicht! Ich fühle mich ja selbst noch nicht mal richtig erwachsen.“
Plötzlich erschrak ich. Die Vorstellung, ein Kind zu bekommen, machte mir gewaltige Angst.
Carmen nickte heftig. „Ja, erwachsen sollte man schon erst mal sein, ehe man sich entscheidet, ob man ein Kind möchte oder nicht. Was hältst du von der Temperaturmethode? Damit hab ich selbst vor einem halben Jahr angefangen.“
„Ich hab mich nie damit beschäftigt“, sagte ich. „Aber gelesen hab ich natürlich davon. Ist das nicht kompliziert und umständlich, jeden Tag um die gleiche Zeit die Temperatur zu messen?“ „Das schon.
Vor allem ist es keine absolut sichere Methode, falls der Zyklus nicht total regelmäßig abläuft. Sicher wär’s am besten, du würdest mal zu einer guten Frauenärztin gehen und mit ihr darüber reden. Ich kenne eine in Rosenheim, die sehr nett ist und sich auch Zeit nimmt. Soll ich dir die Adresse geben?“ Bisher hatte ich mich immer davor gedrückt, mich mit dem Thema Verhütung richtig auseinanderzusetzen, weil ich es so lästig und unromantisch fand. Nun begriff ich, daß es einfach mit dazugehört.
„Ja“, sagte ich. „Ich glaube, es wird Zeit, daß ich mich endlich darum kümmere. Und Jörn mag ich im Moment nicht damit belasten. Aber was soll ich jetzt machen, wenn meine Tage nicht kommen?“
Garmen musterte mich nachdenklich. „Wenn du nicht gleich zur Frauenärztin gehen magst, könntest du dir natürlich in der Apotheke einen Schwangerschaftstest kaufen“, meinte sie. „Dann wüßtest du in ein paar Stunden Bescheid. Allerdings frage ich mich, ob so ein Test immer ganz sicher ist. Teuer ist das Zeug außerdem. Geh zur Ärztin!“
Jetzt bekam ich wirklich Herzklopfen. „Und dann?“ sagte ich. „Falls ich nun wirklich schwanger bin?“
„Wart’s erst mal ab“, erwiderte sie nüchtern. „Dann werden wir schon eine Lösung finden. Es gibt für alles eine Lösung.“
Es tat mir gut, daß Carmen „wir“ sagte, obwohl ich mir keine Lösung vorstellen konnte. Keine außer Abtreibung, und an so etwas mochte ich gar nicht denken.
Sie legte den Arm um meine Schultern. „Mach dir keine Sorgen“, sagte sie. „Du hast wegen Jörn im letzten halben Jahr so viel durchgemacht; davon mußt du dich erst erholen. Nimm doch heute abend mal ein heißes Bad. Das wirkt entspannend; sicher verkrampfst du dich noch zusätzlich, weil du Angst hast. Vielleicht helfen auch Kräutertees. Kirsty weiß doch eine Menge über die Wirkung von Kräutern.“
„Ich mag nicht mit ihr darüber reden“, erwiderte ich. „Aber ich könnte ja mal in ihren Kräuterbüchern nachsehen.“
Gegen Abend, als Kirsty gerade in ihrer Werkstatt arbeitete, ging ich in ihr Zimmer und blätterte heimlich in einem alten Buch, das „Kräutersegen“ hieß. Da stand, daß bei stockender oder ausbleibender Regelblutung Kamillentee oder Ringelblumentee hilfreich wären. In einem anderen Buch wurde auch Hopfenaufguß empfohlen.
Im Küchenschrank fand ich Kamillen- und Ringelblumentee und kochte rasch von beidem eine Kanne voll. Den Tee brachte ich in mein Zimmer und ließ dann im Bad heißes Wasser in die Wanne laufen.
Ich hatte immer eine Abneigung gegen heiße Vollbäder gehabt und duschte lieber; doch diesmal stand ich es durch. Nach zehn Minuten stieg ich wieder aus dem Wasser, krebsrot und ganz benebelt vom Dampf. Als ich den Tee getrunken hatte, zog ich meine Stallklamotten an und ging nach Dreililien, wo ich meine Sorgen für eine Weile vergaß.
Dann ging ich früh schlafen. Am nächsten Morgen traf ich Carmen wie immer an der Bushaltestelle. Sie warf einen kurzen Blick auf mein Gesicht und sagte dann: »Alles in Ordnung, wie?“
Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ja, zum Glück. Das Bad oder die Kräutertees oder beides zusammen haben schon in der Nacht gewirkt. Sicher hab’ ich mich wirklich nur verkrampft.“
Als wir nebeneinander im Bus saßen, fragte ich leise: „Du, Wer hat dich eigentlich aufgeklärt? Deine Eltern?“
Ein breites Lächeln ging über Carmens Gesicht. „Meine Eltern? Herrje, nein! Die bestimmt nicht. Sie sind total verklemmt. Hier auf dem Land ist das öfter so. Die Leute sind katholisch und haben ihre Kinder jahrhundertelang sittenstreng und prüde erzogen. Das merkt man heute noch. Für viele ist Sexualität noch immer etwas Sündiges, worüber man nicht spricht; und Sex vor der Ehe ist sowieso tabu. Meine Eltern sitzen zwar jeden Abend vor dem Fernseher und kriegen voll mit, daß es heutzutage sehr viel freier zugeht als in ihrer Jugend. Trotzdem denken sie höchstwahrscheinlich, ich wäre da eine rühmliche Ausnahme. Und zwar nicht deswegen, weil ich ihnen den Moralapostel Vorspielen würde, sondern ganz einfach, weil ihnen die Wahrheit unangenehm wäre. Deshalb reden sie sieh ein, ihre Tochter ist ein pausbäckiger kleiner Engel mit Flügeln, der unschuldsvoll unter lauter schwarzen Schafen herumschwebt.“
Ich mußte lachen. Carmen hatte manchmal eine wunderbar trockene Art, die Dinge beim Namen zu nennen.
„Der Sexualkundeunterricht in unserer Schule war auch nicht berühmt. Er wurde von unserem Biologielehrer abgehalten. Er war sehr unsicher und hat sich ängstlich an die ‚biologischen Funktionen‘ geklammert. Also hab ich eines Tages angefangen, mir in der Stadtbücherei in Rosenheim Bücher über Sexualität auszuleihen. Dabei hab ich natürlich auch ein paar miese Schwarten erwischt – wissenschaftlich verbrämte Pornografie, weißt du –, aber auch einiges, was mir wirklich etwas gebracht hat. Und als ich Roddy kennenlernte, bin ich zu dieser Ärztin gegangen und hab mit ihr über alles gesprochen. Sie hat mir unter anderem auch ein Buch über natürliche Geburtenregelung empfohlen. Das hab ich mir dann gekauft.“
Ich kam mir plötzlich unreif und unselbständig vor. Warum war ich nicht auch längst auf die Idee gekommen, mich durch Bücher zu informieren oder mit einer Frauenärztin zu reden?
„Und du?“ fragte Carmen. „Bist du von deinen Eltern aufgeklärt worden?“
„Von meiner Mutter“, sagte ich. „Sie hat das gut gemacht, finde ich. Sie ist nicht eines Tages dahergekommen und hat von Blumen und Vögeln geredet. Sie hat mir immer dann offen und ehrlich geantwortet, wenn ich eine Frage hatte – schon, als ich noch ziemlich klein war. Mein Vater hat sich da eher rausgehalten. Ich glaube, er ist ein bißchen verklemmt.“
„Ist schon komisch, wenn man so was plötzlich an den eigenen Eltern bemerkt, findest du nicht? Als Kind hält man sie ja für absolut überlegen und unfehlbar. Erst mit der Zeit lernt man sie richtig kennen und merkt, daß sie auch ihre Schwächen haben und sich mit allen möglichen Problemen herumschlagen, genau wie andere Leute. Und daß sie oft nicht mal richtig erwachsen sind.“
Diese Gespräche mit Carmen vertieften unsere Freundschaft. Bisher waren wir eben zusammen gewesen, wenn es sich gerade so ergab – auf dem Schulweg oder in Dreililien, wenn Carmen zufällig vorbeischaute. Jetzt trafen wir uns bewußt. Wir ritten gemeinsam aus, besuchten uns gegenseitig auf dem Bergerhof oder im Kavaliershäusl und machten Schulaufgaben miteinander.
Für mich war Carmen plötzlich zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden. Es war ähnlich wie mit einem Gegenstand, den man schon lange besitzt und dessen Vorhandensein man für selbstverständlich hält. Dann entdeckt man plötzlich seinen Wert und seine Schönheit und fängt an, ihn mit anderen Augen zu betrachten. So war das auch mit Carmen.
4
Die Bäume im Obstgarten des Kavaliershäusls begannen zu blühen – zuerst die verkrüppelten alten Zwetschgenbäume, dann die Kirschen und Birnen. Die Wiesen leuchteten von Löwenzahn, und an den Waldrändern gab es Kuckucksblumen. Sogar Bergprimeln und wilde Narzissen wuchsen auf den Berghängen.
In all das Blühen hinein kam wie ein Keulenschlag die Nachricht von der Reaktorkatastrophe in Rußland – weit weg und doch so nah. Das war, nachdem fast zwei Tage lang heftige Regenschauer über unserem Tal niedergegangen waren. Erst dann erfuhren wir, daß der Regen radioaktiv gewesen war; daß Gras und Boden verseucht waren, die Blumen, die Baumblüten, die Kräuter im Garten, Kathrinchens Sandkiste, die Wäsche, die auf der Leine hing...
Das erste, woran ich dachte, waren die Pferde. Noch wußte ich nichts von dem Ausmaß der Katastrophe, aber eines war mir sofort klar: daß wir die Pferde nun tagelang, vielleicht sogar über Wochen nicht mehr auf die Koppeln bringen durften. Doch die Vorräte waren nach dem langen Winter so gut wie aufgebraucht. Wo sollten wir Trockenfutter für sie herbekommen?
Die Abendnachrichten waren noch nicht beendet, da lief ich in der Dunkelheit hinüber nach Dreililien. Erst vor kurzem war wieder ein Platzregen niedergegangen. Es tropfte noch von Büschen und Bäumen. Plötzlich waren mir die Regentropfen unheimlich, als enthielten sie ein verborgenes, schleichendes Gift, das man weder sehen noch riechen konnte, das nur langsam und über Jahre hinweg seine Wirkung tat.
An der Wegkreuzung begann es von neuem zu regnen. Ich zog meine Strickjacke über den Kopf und flüchtete, rannte durch den Torbogen, über dem die Lampe brannte, und quer über den Innenhof.
Die Tür zum Dörrboden stand einen Spalt offen, doch Jörn war nicht da. Auch die ehemalige Fuhrknechtskammer, in der Mikesch wohnte, war leer. Im Schutz des vorspringenden Stalldaches lief ich zum Wohnhaus.
Sie hatten sich in der Eingangshalle versammelt – Vater Moberg und Mikesch, Matty, Jörn und Helge. Herr Moberg sah verbittert aus, Helge mürrisch, die anderen ratlos und erschrocken.
Sie bemerkten mein Eintreten kaum. Ich hörte Herrn Moberg sagen: „Aber wo sollen wir das Trockenfutter hernehmen?“ Und Mikesch erwiderte: „Ich klappere gleich morgen die Lagerhäuser und die größeren Bauernhöfe der Umgebung ab. Vielleicht kriegen wir so viel, daß wir wenigstens ein paar Wochen durchhalten können.“ Und Matty sagte anklagend zu seinem Vater: „Du hast uns immer Spinner genannt, weil wir gegen Atomkraft waren und auf Demos gegangen sind. Ihr Erwachsenen kümmert euch um nichts und laßt einfach alles laufen – so lange, bis auf der Erde alles zerstört ist!“
Er weinte fast, doch sein Vater sah ihn nicht einmal an.
„Wenn die Pferde jetzt das Gras fressen“, sagte Helge, „leben sie vielleicht nicht mehr lange. Besonders die Fohlen würden das radioaktive Jod über die Muttermilch aufnehmen. Aber wir können die Stuten schließlich nicht allein mit Hafer ernähren, und hungern können wir sie auch nicht lassen. Die Lagerhäuser werden in kürzester Zeit leergeräumt sein.“
Mikesch war grau im Gesicht; ich hatte ihn noch nie so gesehen. „Und das Wasser“, sagte er. „Wir dürfen das Quellwasser nicht mehr benutzen. Es fließt ja durch die Bergwälder, und von allen Seiten laufen Rinnsale hinein, die sich bei Regen ansammeln. Hoffentlich ist wenigstens das Brunnenwasser nicht verseucht.“
Jörn begann wild zu fluchen. „Die bringen uns noch alle um!“ rief er. „Die machen doch mit uns, was sie wollen! Sie versauen die ganze Erde; überall stehen Atomkraftwerke, und dauernd werden neue dazugebaut. Und wenn wir uns gegen den Wahnsinn wehren wollen, gehen sie mit Giftgas und Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen uns vor ...“
„Wer garantiert uns denn, daß das nicht wieder vorkommt? Daß nicht bei einem von unseren verdammten Kernkraftwerken plötzlich so ein Unglück passiert, oder in Frankreich, oder in England?“ Matty war bleich vor hilfloser Wut. „Da behaupten sie immer, ihre Atomkraftwerke wären ,absolut sicher‘ – ja, todsicher, das sind sie! Und die Tiere müssen den Saustall ausbaden, den wir Menschen anrichten! Wer gibt uns Menschen das Recht, ihre Lebensgrundlage zu zerstören?“
„Es ist das Recht des Stärkeren“, sagte Mikesch leise.
Ich fragte mit gepreßter Stimme: „Was... was können die Pferde bekommen, wenn sie das Gras fressen, wenn sie draußen im Regen stehen, wie sie es ja jetzt schon tagelang getan haben?“
„Das gleiche wie wir“, sagte Jörn. „Krebs.“
Tief bedrückt ging ich nach Hause zurück. Die alten Eichen, die Haselnußsträucher und Erlenbüsche am Wegrand, die mir so vertraut waren, erschienen mir plötzlich wie ein Heer von Feinden, weil der radioaktive Regen von ihren Blättern und Zweigen tropfte. Die Natur war zu einem feindseligen, gefährlichen Ort geworden, hatte sich gegen uns gewandt; doch wir Menschen hatten sie in unserem Leichtsinn, unserer Selbstherrlichkeit zu dieser Stätte der Bedrohung gemacht.
In der Küche des Kavaliershäusls saßen Vater und Kirsty. Mein Vater sah ratlos aus. Kirsty hielt das schlafende Kathrinchen im Arm; sie saß im Schaukelstuhl, außerhalb des Lichtkreises der Hängelampe, und ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Erst nach einer Weile merkte ich, daß sie weinte.
Ich ließ mich auf der Eckbank nieder, und mein Vater sagte müde: „Wir müssen uns jetzt angewöhnen, die Schuhe draußen zu lassen, wenn wir das Haus betreten. Und wechsle deine Kleidung, Elinor, du bist naß geworden. Am besten wäschst du dir auch gleich die Haare und duschst.“
Wortlos ging ich ins Badezimmer. Als ich zurückkam, saßen sie noch immer da. Kirsty sagte gerade: „Was soll ich bloß mit Kathrinchen machen? Du weißt doch, wie leidenschaftlich gern sie den ganzen Tag draußen ist. Sie robbt im Gras herum und steckt Erde und Steine in den Mund.“
„Du darfst sie vorläufig nicht mehr ins Freie lassen“, erwiderte mein Vater.
,,Aber ich kann sie doch nicht einsperren!“
„Du mußt eben versuchen, sie im Haus zu beschäftigen. Vielleicht ist ja schon in einer Woche das Schlimmste vorbei.“ Doch so war es nicht. Das volle Ausmaß der Katastrophe wurde erst nach und nach durch Zeitungen, Fernsehen und Radio bekannt. Das radioaktive Jod, das sich draußen überall angereichert hatte – in der Erde, im Gras, im Sand und auf dem Asphalt –, würde sich erst innerhalb von drei Monaten abbauen; von anderen gefährlichen Stoffen wie dem Cäsium, die durch den Unfall freigesetzt und mit Wind und Wolken bis nach Bayern getragen worden waren, ganz zu schweigen. Die Langzeitwerte waren erschreckend; ich hatte das Gefühl, daß noch meine Enkelkinder unter den Auswirkungen dieser Katastrophe leiden würden, falls ich jemals Enkelkinder bekommen sollte.
Tagelang klapperten Mikesch und Jörn die Gegend nach vorjährigem Heu ab, bis wenigstens zwei der Tennenräume gefüllt waren.
„Wenn wir sparsam sind, reicht es für zwei oder drei Wochen“, sagte Mikesch. „Dann müssen wir die Pferde auf die Weide bringen. Die Mutterstuten und die trächtigen Stuten lassen wir so lange wie möglich im Stall.“
„Aber die Pferde brauchen Bewegung!“ wandte ich ein. „Sie drehen durch, wenn sie mehr als zehn Tage in den Boxen stehen.“
„Dann müssen wir eben täglich ein paar ‚In die Kartoffeln‘ bringen und ihnen dort Bewegung verschaffen“, sagte Mikesch. („In den Kartoffeln“ nannten wir unsere kleine Reithalle, die wir sonst nur im Winter und bei schlechtem Wetter für den Reitunterricht benutzten.) „Vielleicht sind einige der Reitschüler bereit, auch während der Woche mal zu kommen und zu trainieren, wenn sie nichts dafür zahlen müssen.“
Nach den radioaktiven Regenschauern wurde das Wetter strahlend schön. Es war ein Mai wie im Bilderbuch. Fast über Nacht begannen die Apfelbäume zu blühen. Unser Tal war ein einziges Meer von sattem Grün und üppigen gelben und weißen Blüten. Es roch nach Blütenstaub, nach saftigem Gras, nach Maikäfern und Ahornhonig.
Doch zum erstenmal, seit ich auf dem Land lebte, konnte ich den Frühling nicht genießen. Das, was geschehen war, wurde mir mit besonderer Grausamkeit bewußt, weil es rundherum so wunderschön war – eine trügerische Schönheit, das falsche Bild einer heilen Welt. Wie stets glitzerte morgens der Tau im Gras, doch wir liefen nicht mehr unbekümmert barfuß über die Wiesen. Wir trugen Gummistiefel, die wir vor der Stalltür oder den Haustüren wechselten; und das war nur eine von unzähligen Vorsichtsmaßnahmen, die unseren Tagesablauf bestimmten und uns das Leben versauerten.
Die Pferde waren schrecklich gereizt. Sie wußten, draußen war Frühling, und wollten nach dem langen Winter endlich auf die Koppeln, um das junge Gras zu fressen, sich darin zu wälzen, sich auszutoben, vom klaren Wasser des Baches zu trinken. Es war kein Vergnügen mehr, sie zu versorgen und ihre stets schmutzigen Boxen auszumisten. Manche Stuten wurden so unduldsam und nervös, daß sie ausschlugen, sobald man ihnen zu nahe kam. Helge wurde eines Morgens von Katama gebissen; sein Handgelenk schillerte tagelang in allen Regenbogenfarben.
Sabine Mayreder, Alex, Roddy, Mücke und Charly – sie alle kamen in ihrer Freizeit, sooft sie konnten, um den Pferden Bewegung zu verschaffen, und es machte durchaus nicht immer Spaß, auf den überdrehten Stuten zu reiten, die vor überschüssiger Kraft fast platzten. Abgeworfen wurde fast jeder einmal — auch ich, als ich versuchte, auf Emily zu reiten. Doch zum Glück plumpsten wir nur in die Sägespäne und kamen mit ein paar blauen Flecken davon.
Nur zu rasch gingen unsere Vorräte zur Neige. Jeden Tag warfen wir bei der Fütterung ängstliche Blicke auf die Tennenböden, die sich unaufhaltsam leerten. Bald mußten wir die Pferde wieder auf die Weide bringen, ohne Rücksicht darauf, daß das saftige Gras sie vielleicht krank machte, womöglich sogar ihren frühen Tod herbeiführen konnte.
Es wurde ein herrlicher Mai, wie wir ihn seit Jahren nicht mehr erlebt hatten, und das war fast wie ein Hohn, so, als wollte die Natur uns unseren Wahnsinn eindringlich vor Augen führen und uns damit zur Umkehr bewegen. Wir verbrachten die strahlenden, duftenden, von Vogelgesang erfüllten Tage meist im Haus. Keiner von uns ritt aus, ging spazieren oder legte sich in die Sonne, auch wenn wir sehnsüchtig aus den Fenstern sahen und beobachteten, wie die Bäume verblühten, wie die Fliederdolden über die verwitterten Mauerreste des Gutsparks nickten, während der Kuckuck lachend aus den Bergwäldern rief und die Schwalben wie jedes Jahr aus und ein flogen und ihre Jungen fütterten.
Durch Rundfunk und Fernsehen wurden die Bauern aufgefordert, ihre Kühe nicht auf die Weiden zu bringen. „Herrgott, wie sollen wir das durchhalten?“ fragte Carmen. „Mein Vater hat über fünfzig Milchkühe, unsere Scheunen und der Silo sind leer. Er kann die Tiere doch nicht verhungern lassen! Sie warnen uns vor dem Gras, aber keiner hilft uns, Ersatzfutter für die Kühe zu bekommen.“
„Was werden sie mit der Milch tun?“ fragte Matty. „Die kann doch keiner trinken!“
„Es heißt, sie wird in den Molkereigenossenschaften untersucht. Wenn die Werte zu schlecht sind, wird sie zu Trockenmilch verarbeitet“, sagte Carmen. „Das wird ein Milchberg werden! Als hätten wir nicht sowieso schon zu viel Milch und Butter! Ich versuche seit einem Jahr, meinen Vater dazu zu bringen, auf biologisch-organischen Anbau umzustellen und die meisten Kühe abzuschaffen, aber er hat wohl Angst vor der Ungewißheit und davor, daß er’s nicht schaffen könnte. Dabei will er nicht einsehen, daß es mit unserer Landwirtschaft so nicht weitergehen kann. Jetzt stehen wir da mit diesen Bergen von Milch und Butter und Rindfleisch, und alles ist radioaktiv versucht! Man kann kein Gemüse mehr essen, auch keine Eier von freilaufenden Hühnern... es ist wirklich wie in einem Alptraum.“
„Keiner von uns hätte sich je vorstellen können, welche Folgen so ein Unfall haben kann“, sagte Mikesch. „Und vielleicht ist es auch gut, daß wir es jetzt erfahren haben. Wahrscheinlich muß es gleich so dick kommen, damit die Leute endlich etwas daraus lernen.“
„Falls sie’s tun“, sagte Roddy, der gerade auf einen Sprung vorbeigekommen war. „Die meisten werden alles sehr schnell wieder vergessen. Das Schlimme und Gefährliche an der Sache ist doch, daß man weder etwas riecht noch schmeckt oder spürt. In ein paar Wochen werden nur noch wenige daran denken aufzupassen – und die Lebensmittel, die jetzt nicht verkauft werden, jubeln sie uns auf andere Weise wieder unter – tiefgefroren oder in Dosen.“
„Wir könnten unsere Ernährung umstellen“, sagte ich. „Kirsty hat jetzt angefangen, makrobiotisch zu kochen. Das ist hauptsächlich Reis und Getreide, dazu Bohnen und Linsen und Nudeln, alles Vollwertkost. Sie bestellt ihre Lebensmittel bei einem Bio-Versand in München. Das Gemüse und den Salat aus unserem Garten haben wir weggeworfen und ein paar Zentimeter von der Erde abgetragen. Es war eine Schweinearbeit. Ja, wir Menschen können uns umstellen, aber die Tiere können’s nicht. Unsere Pferde sind auf das Gras angewiesen, das wir verseucht haben. Und wir werden sie vielleicht damit umbringen.“
„Nicht wir haben es verseucht. Es waren die Russen“, verbesserte Roddy.
„Ist doch egal, welche Nation es war!“ sagte Jörn ungeduldig. „Daß es in Rußland passiert ist, ist reiner Zufall. Noch vor einiger Zeit hat’s geheißen, Tschernobyl wäre eines der sichersten Atomkraftwerke überhaupt. Es hätte genausogut hier bei uns passieren können. Deutschland ist ja voll von diesen Dreckschleudern. Oder in Frankreich, oder in der DDR.“
Ich sagte: „Kürzlich hab ich von einer Untersuchung der Umweltschutzorganisation ,Friends of the Earth‘ in England gelesen. Dort hat man festgestellt, daß Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben, um zwanzig Prozent mehr Leukämie haben als andere Kinder in den übrigen Landesteilen.“
„Aber mein Vater sagt, wir brauchen den Atomstrom“, hörte ich Sabine Mayreders schüchterne Stimme aus dem Hintergrund.
„Das erzählen sie uns immer, aber es stimmt nicht“, erwiderte Jörn. „Wenn man das ganze Geld, das in die Atomkraftwerke gesteckt wird, dafür verwenden würde, andere Energiequellen zu nutzen – Sonnenenergie und Windenergie vor allem –, ginge es auch anders. In den Greenpeace-Nachrichten haben sie geschrieben, daß bestehende Kraftwerke, die ohne Kernspaltung arbeiten, zur Zeit oft nur halb oder zu einem Drittel ausgelastet sind. Aber die Atomlobby hat Interesse daran, daß alle Versuche, natürliche Energiequellen zu nutzen, schon im Keim erstickt werden. Sie kauft Patente auf und sorgt dafür, daß es in den Atomstaaten kaum Forschungsgelder für alternative Energien gibt. Zum Beispiel kostet der Abriß des Atommeilers Niederaichbach, der nur ganze achtzehn Tage in Betrieb war, hundert Millionen Mark. Und das zahlt die Bevölkerung! Es ist unser Geld, mit dem die Atomenergie erzeugt wird, die uns und unsere Nachkommen verseuchen kann. Wir müssen die Kraft der Natur achten und nutzen, statt sie zu bekämpfen!“
Helge sagte: „Und dann wollen sie uns immer weismachen, daß Atomkraftwerke besser sind als Kohlekraftwerke, weil sie umweltfreundlicher sind. Umweltfreundlicher, daß ich nicht lache! Man könnte den Ausstoß von Schwefeldioxid auf ein Drittel und von Stickoxiden auf die Hälfte senken, wenn man gute Filter einbauen würde. Aber davon wird nicht geredet.“
Matty nickte. „Und die Bauern könnten zum Beispiel Wärme aus dem Stalldung erzeugen. Ich hab mir das für Dreililien auch schon überlegt. Aber solche Anlagen kosten viel Geld, und da müßte der Staat dazuhelfen, damit sich jeder so etwas leisten kann. Statt dessen werden Milliarden in solche Dreckschleudern gesteckt.“
„Vielleicht sollte man auswandern“, murmelte Helge.
Matty schüttelte den Kopf. „Aber ich will nicht weg von Bayern! Ich gehöre hierher; hier möchte ich leben. Und wenn hier alles draufgeht, gehe ich eben mit drauf. Nur... ehe so was passiert, müssen wir uns natürlich wehren, so gut wir können. Aber irgendwo in Australien herumsitzen, bloß um zu überleben... nein, das könnte ich nicht.“
Ich wußte, daß auch ich nicht von hier fortgegangen wäre, obwohl ich nicht auf Dreililien geboren und aufgewachsen war. Hier war mein Zuhause. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, an einem anderen Ort dieser Welt zu leben.
„Was macht ihr denn mit Kathrinchen?“ fragte mich Carmen später. „Ihr laßt sie doch sicher nicht mehr in der Erde wühlen?“
„Nein“, sagte ich, „Natürlich nicht. Kirsty ist da sehr vorsichtig, und mein Vater dreht sowieso fast durch vor Angst. Aber es ist der reine Horror, kann ich dir sagen. Wir müssen den ganzen Tag aufpassen, daß sich die Kleine nicht irgendwie aus dem Haus schleicht. Sie ist erfinderisch und flink wie ein Wiesel. Einmal hat sie sogar schon versucht, aus dem Fenster zu klettern. Sie kann’s einfach nicht verstehen, warum wir sie einsperren, wo sie doch bisher so viel Freiheit hatte.“
„Das kann ich mir vorstellen.“ Carmen nickte. „Sie ist ja schon als Baby den ganzen Tag im Gras herumgekrochen.“ „Jedenfalls ist’s kaum mehr auszuhalten mit ihr. Sie kreischt und jault und quengelt wegen jeder Kleinigkeit und macht uns alle verrückt. Kirsty ist am schlimmsten dran. Sie kommt nicht mehr zu ihrer Arbeit. Nur einmal am Tag hat sie eine Stunde Ruhe, wenn ich Kathrinchen mit ,In die Kartoffelnʻ nehme und auf Hazel reiten lasse.“
Kathrinchen liebte die tägliche Reitstunde, die zur Zeit ihre einzige Abwechslung in der für sie unbegreiflichen Gefangenschaft war. Sie wartete schon sehnsüchtig auf mich, wenn ich von der Schule zurückkam, eine traurige kleine Gestalt, die dicht hinter der Eingangstür auf dem Teppich hockte, neben sich Herrn Alois, Kirstys Hund. Dann mußte ich so schnell wie möglich mein Mittagessen hinunterschlingen. Wir zogen ihr die roten Gummistiefel an, die wie Zwergenschuhe aussahen, und marschierten gemeinsam nach Dreililien hinüber.
Zum Glück versuchte sie nie, sich von meiner Hand loszureißen und im Gebüsch zu verschwinden oder sich auf den Weg zu setzen und mit Steinen zu spielen. Sie war ganz wild darauf, möglichst rasch zu den Pferden zu kommen.
„Hei-sel“, sagte sie eifrig. Es war einer der ersten Namen, die sie gelernt hatte. „Ferd reiten!“
Meine gutmütige Hazel war es längst gewöhnt, den kleinen Irrwisch auf ihrem Rücken herumzutragen, auch wenn Kathrinchen dabei gelegentlich im Eifer des Gefechts mit den Fersen zustieß und sie unabsichtlich trat oder an der Mähne zerrte.
„Wenn die so weitermacht, wird sie mal Zirkusreiterin“, prophezeite Matty. „So ein pferdenärrisches Kind hab ich nie im Leben gesehen.“
Das einzige Problem war, Kathrinchen wieder von Hazel wegzubringen. Es gab fast jedesmal Tränen und Geschrei, wenn ich mich anschickte, sie von Hazels Rücken zu heben.
,,Ich weiß gar nicht, was ich mache, wenn die Pferde wieder auf der Koppel sind“, sagte Kirsty. „Aber vielleicht könnten wir Kathrinchen dann trotzdem noch reiten lassen, was meinst du?“ „Ich denke schon, daß das geht“, erwiderte ich. „Warum nicht? Ich passe schon auf, daß Kathrinchen sich nicht im Gras wälzt.“
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