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Ursula Isbel

Reiterhof Dreililien – Alte Lieder singt der Wind

Saga

Reiterhof Dreililien – Alte Lieder singt der WindCover Bild: Shutterstock Copyright © 1995, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219623

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Noch war Sommer und eine von jenen glücklichen Stunden, in denen ich in der Hängematte lag und durch das Gewirr von Blättern und reifenden Äpfeln zum Himmel aufsah, wo auf blauem Grund blaßrosa Wölkchen segelten und Lerchen ihre schwirrenden Kreise zogen. Noch summten Bienen im Rosenspalier am Haus, und die goldenen Köpfe der Sonnenblumen leuchteten vom Garten herüber.

Das Beste aber waren die Geräusche – die leisen, friedlichen Laute von den Koppeln; und dazu der Geruch nach Pferden und frischem Heu, den der Wind mir zutrug.

Ich hatte mein Tagebuch mit in den Garten gebracht, aber ich schrieb nichts hinein. Dabei hätte es so vieles nachzutragen gegeben, vor allem über die letzte Ferienwoche, in der ich mit Jörn zusammen nach Amsterdam gefahren war. Doch jetzt, wo die Schule wieder angefangen hatte, waren solche Hängemattenstunden selten und kostbar. Ich konnte sie nur richtig genießen, wenn ich einfach faulenzte.

Ich streckte die Nase in den Wind, schnupperte nach den Pferden und dachte an Jörn. Heute abend sollte ich ihn im Krankenhaus in Rosenheim abholen, wo er vor einer Woche seinen Zivildienst begonnen hatte. Wir wollten ins Kino gehen. Auch das war ein seltener Luxus, denn meistens fehlte es uns an Geld für solche Abwechslungen. Außerdem waren wir abends für gewöhnlich viel zu müde von der Stallarbeit, um noch in die Stadt zu fahren.

Aus dem Kavaliershäusl erklang Kindergeschrei, und beim Schuppen begann mein Vater Holz zu hacken. Die Stille, die sachten, verträumten Spätsommergeräusche, gingen in den hallenden Schlägen unter; doch auch das gehörte zu unserem Leben auf dem Land.

Ich schaukelte mit der Hängematte hin und her und beobachtete aus halbgeschlossenen Augen, wie Kirsty aus dem Haus kam, mit wirren Haaren und einer fleckigen Schürze. Sie kochte gerade Zwetschgenmarmelade ein und war in den süßen Duft des gezuckerten Fruchtmuses eingehüllt.

„Gut, daß du hier bist, Nell!“ sagte sie seufzend, als sie mich entdeckte. „Ich dachte, du wärst nach Dreililien gegangen. Könntest du dich mal eine Weile um Kathrinchen kümmern? Ich hab gehofft, ich könnte ungestört einmachen, während sie ihren Mittagsschlaf hält, aber natürlich ist sie früher als sonst aufgewacht und hat es irgendwie geschafft, sich von der Eckbank aus ein Glas Marmelade vom Tisch zu angeln. Das Zeug war noch heiß, und sie hat sich von oben bis unten bekleckert und geschrien wie am Spieß, weil ich mir erlaubt habe, sie unters Wasser zu halten. Jetzt brauche ich ein armes Opfer, das sie für eine halbe Stunde ablenkt, bis ich mit der Marmelade fertig bin.“

„Mache ich“, sagte ich großzügig und stieg aus der Hängematte. Es kam nicht oft vor, daß Kirsty mich bat, ihr Kathrinchen, meine Stiefschwester, abzunehmen; außerdem aß ich hausgemachte Marmelade für mein Leben gern.

Kathrinchen lag nackt auf dem Küchenteppich und fuchtelte mit Armen und Beinen. In ihren spärlichen Haaren klebten Spuren von Zwetschgenmus. Herr Alois, Kirstys wuscheliger brauner Hund, saß mit besorgtem Gesicht daneben.

Ich hob Kathrinchen hoch und sagte: „Jetzt legen wir uns in die Hängematte und schaukeln ein bißchen, ja?“

Für gewöhnlich lachte Kathrinchen wie ein Kobold, wenn sie mich sah, aber heute hatte sie offenbar ihren schlechten Tag. Sie verzog den Mund, und ich wiegte sie rasch hin und her, weil alle Zeichen darauf hindeuteten, daß sie gleich zu schreien anfangen würde.

Kirsty seufzte wieder. „Wenn sie jetzt noch mal losbrüllt, lege ich sie in ein Binsenkörbchen und setze sie auf dem Waldweiher aus“, sagte sie.

Ich mußte lachen. Kathrinchen, die ihre Stirn schon in Falten gelegt hatte, sah mich verdutzt an und steckte den Daumen in den Mund.

Ich sagte: „Die Drohung hat gewirkt. Sie gibt keinen Mucks von sich.“

„Vielleicht hält sie bloß die Luft an, damit sie hinterher um so länger und lauter schreien kann.“

Herr Alois folgte mir eifersüchtig zur Tür. Seit einiger Zeit schien er es für seine Pflicht zu halten, Kathrinchen vor allen möglichen eingebildeten Gefahren zu beschützen.

Kirsty rief mir nach: „Aber setz sie lieber auf die Wiese, sie hat keine Windeln an. Sonst pinkelt sie dich noch voll oder so.“

Ich wußte, was sie mit „oder so“ meinte. Die Hängemattenstunde war also endgültig vorüber. Ich legte Kathrinchen ins sonnenbeschienene Gras, ließ mich neben ihr nieder und sah zu, wie sie gelenkig ihren großen Zeh in den Mund nahm.

„Daß du so was kannst!“ sagte ich.

Sie schenkte mir ein verträumtes Lächeln. Ihre gute Laune war wiederhergestellt. Kathrinchen liebte es, ohne Windeln und sonstiges hinderliches Verpackungsmaterial im Garten zu sitzen, Käfern und Spinnen nachzukrabbeln und sie gelegentlich auch in den Mund zu stecken.

Ein Schmetterling kam geflattert und kreiste in taumelndem Flug über uns. Kathrinchen betrachtete ihn aus großen, erstaunten Augen. Da sprang Herr Alois ganz plötzlich mit wildem Gebell auf und raste mit fliegenden Ohren zur Gartenpforte.

„Überfall!“ sagte ich. Kathrinchen ließ vor Schreck ihren Zeh los, und der Schmetterling flatterte davon.

Mattys Kopf tauchte zwischen der Haselnußhecke auf. Herr Alois wedelte und sprang mit freudigem Gekläff an der Pforte hoch. Seine Begeisterung galt jedoch nicht so sehr Matty, den er nur flüchtig begrüßte; denn er lief aus dem Garten, um Ausschau nach Diana zu halten, der gefleckten Jagdhündin von Dreililien.

„Die sitzt an der Wegkreuzung und wartet auf Jörn“, sagte Matty, während er auf uns zukam. „Sie kann immer noch nicht begreifen, weshalb Jörn nicht hier ist, wenn wir anderen zu Hause sind.“

Ich dachte, daß es mir ähnlich ging. Auch ich konnte mich nur schwer an Jörns häufige Abwesenheit gewöhnen. Und es versetzte mir jedesmal einen Stich, wenn ich nachmittags von der Schule zurückkam und Diana an der Wegkreuzung warten sah, mit hängenden Ohren und kummervollen Augen.

Matty ließ sich neben mir im Gras nieder. Seine Haare waren in diesem Sommer wieder ein Stück gewachsen; er trug sie jetzt meist im Nacken zusammengebunden. Auch sein sonnengebräuntes Gesicht hatte sich verändert. Die Nase war unversehens ein Stück größer geworden und sah ein bißchen unförmig aus. Der Mund hatte ebenfalls eine andere Form angenommen, war schmäler und fester geworden. Irgendwie paßte in seinem Gesicht nichts mehr so recht zusammen... „Wie ein Hefeteig, der am Aufgehen ist“, hatte Kirsty einmal gesagt.

Auch Matty seufzte, obwohl er keine Marmelade einkochen mußte. Während er sich über Kathrinchen beugte und sie am Kinn kitzelte, murmelte er: „Mikesch hat sich abgeseilt.“

„Was?“ sagte ich.

„In die Stadt ist er gefahren. Ich glaube, heute hatte er mal wirklich die Schnauze voll.“

„Kein Wunder“, sagte ich. „Aber was ist denn passiert? Gab’s Stunk mit den Reitschülern?“

„Sozusagen.“ Matty ließ es zu, daß Kathrinchen an seinem ziemlich schmutzigen Zeigefinger kaute. „Es war wegen Anja.“

„Anja?“ wiederholte ich. „Die kommt doch sonst immer nur sonntags.“

„Diesmal ist sie heute schon aufgetaucht, weil sie morgen angeblich mit ihren Eltern nach Berlin fliegt oder sonst was. Jedenfalls, sie raucht ja seit neuestem, und heute hat sie es doch tatsächlich fertiggebracht, sich im Stall eine Zigarette anzuzünden!“

Ich starrte ihn an. „Wa-as?“ sagte ich wieder. „Ich glaube, ich spinne.“

„Aua!“ sagte Matty, und Kathrinchen ließ mit einem schmatzenden Geräusch seinen Finger los. „Sie kann schon richtig beißen, das kleine Biest. Also, Mikesch kam dazu, wie Anja sich gerade eine Zigarette ansteckte, und da hättest du ihn mal erleben sollen! Er hat so gebrüllt, daß ich’s bis in den Innenhof gehört habe. Ich kann mich nicht erinnern, ihn je so wütend gesehen zu haben. ,Du saublödes Huhn!ʻ hat er geschrien. ,Hast du in deinem Alter noch nicht genug Grips im Kopf, um zu wissen, daß man in einem Stall nicht raucht? Ein Funken genügt, und schon gibt’s ein totales Feuerwerk! Weißt du, was dann mit den Pferden passiert? Wenn du die einfachsten Grundregeln nicht kapierst, ist es besser, du hängst den Reitsport an den Nagel und verlegst dich auf Sackhüpfen. Dafür reicht’s vielleicht gerade noch!ʻ “

Ich blinzelte erschrocken. Mikesch, der immer so geduldig und verständnisvoll war, sogar im schlimmsten Gewühl ein Fels in der Brandung! „Dann kam er wie ein wütender Stier aus dem Stall gestampft“, fuhr Matty fort, „und ist in der Fuhrknechtskammer verschwunden. Fünf Minuten später war er umgezogen und ist mit dem Lieferauto nach München losgedüst, ohne sich noch um irgend etwas zu kümmern.“

„Oh“, sagte ich. „Und was hat Anja gemacht?“

„Die war rot wie ein Feuermelder. Ich glaube, es hat sie ganz schön geschockt, daß ausgerechnet Mikesch sie so abgekanzelt hat, wo sie bei ihm doch immer so gern Eindruck machen möchte. Außerdem ist sie’s sowieso nicht gewöhnt, daß jemand Ihre Majestät schief anschaut.“ „Dann seid ihr jetzt also mit der ganzen Arbeit allein, du und Helge?“ fragte ich.

„Ja, und deshalb wollte ich dich holen, damit du uns hilfst. Ein paar von den Jungpferden müßten longiert werden, der Stall ist ein einziger Misthaufen, Nofret kann jeden Augenblick ihr Fohlen bekommen...“

„Hör auf“, sagte ich. „Wenn bloß Kirsty schon mit ihrer Marmelade fertig wäre! Aber warte, ich wickle Kathrinchen nur schnell und ziehe ihr was über. Dann nehme ich sie halt im Schultertuch mit.“

Ein paar Reitschüler lehnten noch am Koppelzaun und fütterten die Stuten mit Karotten, Äpfeln und Zwieback, als wir nach Dreililien kamen. Mikesch hatte ihnen nämlich ernsthaft verboten, auch nur ein einziges Stück Zucker zu verteilen.

„Es genügt, wenn wir Menschen uns mit den ewigen Süßigkeiten die Gesundheit verderben“, war seine Meinung. „Da braucht man die Tiere nicht auch noch mit diesem Schwachsinn krank zu machen.“ Und da alle großen Respekt vor Mikesch hatten, brachte jetzt keiner mehr Zucker oder Süßigkeiten mit.

Kathrinchen, die neugierig aus dem Schultertuch spähte, das ich umgebunden hatte, erregte allgemeines Entzükken. Die Reitschüler pfiffen, zischten und schnalzten mit der Zunge, als ginge es darum, die Aufmerksamkeit eines Affenbabys zu erregen, und Kathrinchen sah in die vielen grinsenden Gesichter und schien nicht recht zu wissen, ob sie lachen oder weinen sollte.

„Darf ich sie mal anfassen? Bitte, Nell, darf ich sie mal haben?“ schrie Martina.

„Lieber nicht“, sagte ich. „Sie ist so viele fremde Leute nicht gewöhnt, und wenn sie mal richtig zu brüllen anfängt, hört sie nicht so schnell wieder auf. Sie benimmt sich sowieso schon ziemlich verdächtig.“

Tatsächlich machte Kathrinchen den Mund auf und stieß ein Geräusch aus, das halb Krächzen, halb Quietschen war. Matty sagte hastig: „Am besten, du setzt sie mal auf Hazel, vielleicht lenkt sie das ab.“

Hazel graste auf der Südweide, und dorthin wanderten wir, gefolgt von drei Reitschülerinnen. Auf dem Weg zu den Koppeln raunzte Kathrinchen weiter vor sich hin wie ein wütender Kater. Als aber Hazel zum Gatter kam und mit ihrer braunen Nase erst mein Gesicht beschnupperte, dann freundschaftlich in mein Haar blies und ihre Nüstern schließlich vorsichtig zu dem kleinen Wesen im Schultertuch senkte, um es zu beriechen und ganz aus der Nähe zu betrachten, wurde Kathrinchen plötzlich sehr still. Sie kannte Pferde, aber es schien jedesmal wieder eine überwältigende und unerhörte Sache für sie zu sein, ein derart riesiges, behaartes Gesicht so dicht vor sich zu sehen; das Spiel der Nüstern und die großen, glänzenden Augen zu beobachten und den strengen Geruch einzuatmen.

Nach einer Weile des Erstaunens begann sie aufgeregt und erfreut zu gurgeln. Hazel prustete leise und hob dann wieder den Kopf. Nach diesem Vorspiel war es keine Schwierigkeit für Matty, das zappelnde Kathrinchen aus dem Schultertuch zu heben und auf Hazels Rücken zu setzen.

Meine gutmütige Hazel ließ es sich geduldig gefallen, daß jemand auf ihrem Rücken herumrutschte, sie an den Mähnenhaaren zerrte und durchdringend quietschte. Langsam wie ein Pony auf dem Jahrmarkt ging sie am Koppelzaun entlang, rechts und links begleitet von Matty und mir, denn wir mußten ja Kathrinchen festhalten. Die Reitschülerinnen jubelten und klatschten in die Hände wie bei einer Zirkusvorstellung.

Auch Kathrinchen fand unseren Einfall, sie aufs Pferd zu setzen, sehr gelungen. Sie protestierte entrüstet, als wir sie schließlich wieder herunterhoben.

„Schluß für heute“, sagte ich fest. „Ein andermal darfst du wieder reiten, aber jetzt muß ich arbeiten. Du kommst ins Schultertuch und darfst beim Longieren zusehen.“

Kathrinchen beruhigte sich erst, als ich mit Mandala, einer unserer wertvollsten Jungstuten, auf der Schwammerlwiese stand und sie an der Longe auf der linken Hand gehen ließ. Matty hatte mir geholfen, den Ausbindezügel anzuschnallen, denn dabei konnte man leicht etwas falsch machen. Mit beruhigender Stimme redete ich Mandala zu, wie ich es bei Jörn oft gehört hatte, da mir ihre Bewegungen immer noch zu hektisch vorkamen.

Aufmerksam folgten Kathrinchens Augen dem dunklen Pferd mit dem edlen Kopf, dessen Schweif und Mähne im Wind flatterten.

Meine Stimme war offenbar wirklich sehr beruhigend, denn meine kleine Schwester schlief nach etwa zehn Minuten ein. Nach weiteren zehn Minuten tauchte Helge auf, der seit einigen Monaten auf Dreililien eine Ausbildung als Pferdewirt machte.

Eine Weile sah er uns bei der Arbeit zu. Ich begriff nach einem flüchtigen Blick auf sein Gesicht, daß ihm wieder einmal eine Laus über die Leber gelaufen sein mußte; etwas, das bei Helge fast eine Art Dauerzustand war. Insgeheim nannte ich ihn „die Prinzessin auf der Erbse“, weil er unsagbar empfindlich war, zugleich aber nie auch nur die geringste Rücksicht auf die Gefühle anderer Leute nahm.

Jetzt merkte ich, wie seine Kinnmuskeln arbeiteten, und beschloß, vorsichtig zu sein. Nach längerem Schweigen fragte er: „Weißt du, wann Mikesch wieder zurückkommt?“

„Hat er mir nicht gesagt“, erwiderte ich. „Aber wie ich ihn kenne, ist er spätestens morgen zur Reitstunde wieder da.“

Helge knurrte etwas. Sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr. Die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, verschwand er in Richtung Stall. Meiner Meinung nach hätte gerade er, der so leicht explodierte, am besten verstehen müssen, weshalb Mikesch durchgedreht war; doch es war wohl gerade umgekehrt. Ich hatte immer vermutet, daß der verantwortungsbewußte, unerschütterliche Mikesch, der alles mit der linken Hand zu schaffen schien, für Helge so etwas wie ein Idol war. Daß dieses Idol nun plötzlich einen Wutausbruch bekam und einfach davonfuhr, ohne sich darum zu kümmern, was in seiner Abwesenheit passierte, schockierte ihn wohl. Und wenn man an Helges Vergangenheit dachte, die nur aus Unsicherheit, Hinundhergeschobenwerden und wechselnden Bezugspersonen bestand, konnte man das verstehen.

Als ich Mandala gerade am Ausbindezügel von der Schwammerlwiese führte, das fest schlafende Kathrinchen im Schultertuch, erschien Kirsty. Sie hatte sich umgezogen, roch aber noch immer verlockend nach Marmelade.

„He, paß auf!“ sagte ich. „Du wirst von zwei Wespen verfolgt!“

Sie lachte. „Die fliegen mir schon seit dem Kavaliershäusl nach. Aber sie sind ganz friedlich. Wenn man sie in Ruhe läßt, tun sie einem nichts. Ich wollte dich von Kathrinchen befreien. War sie sehr lästig?“

„Überhaupt nicht. Sie schläft schon seit einer halben Stunde. Vorher ist sie auf Hazel geritten. Aber man kann sie jetzt nicht mehr lange tragen. Sie wird schon verdammt schwer.“

„Kommst du nachher zum Kaffee?“ fragte Kirsty.

Ich überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. „Würde ich gern, aber es geht nicht. Ich hab versprochen, Matty bei Nofret abzulösen. Sie kann jeden Augenblick ihr Fohlen kriegen. Mikesch ist nach München abgehauen, weißt du. Er braucht wohl mal ein bißchen Abstand.“ Im Weggehen sagte Kirsty: „Ich bringe euch dann etwas vom Zwetschgendatschi herüber. Übrigens – ich dachte, du hättest heute einen Faulenzernachmittag eingeplant?“ „Eingeplant schon“, erwiderte ich und schob Mandala zur Seite, die unbedingt meine Jacke anknabbern wollte. „Aber es ist mal wieder anders gekommen. Nur... heute abend fahre ich nach Rosenheim und gehe mit Jörn ins Kino, selbst wenn hier alles zusammenkracht. Ich schwör’s!“

2

Ich hatte zu früh geschworen. Am Spätnachmittag mußte Dr. Hofbauer geholt werden, um nach Nofret zu sehen. Er stellte fest, daß das Fohlen verkehrt lag. Das bedeutete, daß er einen Eingriff vornehmen mußte, und zwar schnell. Matty sollte ihm dabei zur Hand gehen, weil Herr Moberg seit zwei Tagen wegen einer Narbenentzündung am Bein im Bett lag.

Helge wäre also mit Abendfütterung und Stallarbeit allein gewesen, denn Sepp, unser Teilzeit-Stallknecht, war zu einer Familienfeier nach Salzburg gefahren. Obwohl keiner ein Wort zu mir sagte, wußte ich genau, daß nur ich einspringen konnte. Doch wenn ich das tat, erreichte ich den Bus nach Rosenheim nicht mehr rechtzeitig.

Ich rief auf dem Bergerhof an, um Carmen zu bitten, nach Dreililien zu kommen und Helge zu helfen, doch sie war nicht da. Es war wie verhext. Als ich das Wohnhaus verließ und über den Innenhof ging, hörte ich Nofrets angstvolles, gepeinigtes Wiehern und wäre am liebsten davongelaufen.

Solche Augenblicke waren selten, denn ich liebte Dreililien und die Pferde und hätte mein Leben hier nicht gegen das verlockendste Luxusdasein eingetauscht. Es war auch schön, gebraucht zu werden – nur an diesem Samstag wäre es mir ausnahmsweise einmal lieber gewesen, keiner hätte mich gebraucht.

Rasch ging ich nach Hause, um meine Stallkleidung anzuziehen. Danach rief ich Jörn im Krankenhaus an.

Es dauerte einige Zeit, bis er an den Apparat geholt wurde. Seine Stimme klang müde und bedrückt, als er sich meldete.

„Oh, verdammt!“ murmelte er nur, als ich ihm erklärte, was passiert war. „Geht’s Nofret schlecht? Was hat Dr. Hofbauer gesagt?“

„Nicht viel. Er hat nur gemeint, es wäre besser gewesen, wenn wir ihn früher gerufen hätten.“

Jörn schwieg eine Weile. „Ich komme nach Hause, sobald ich hier fertig bin“, sagte er dann.

Ich konnte noch nicht einhängen. „Jörn“, sagte ich, „was ist los? Hast du Ärger gehabt?“

„Ärger? Nein. Aber hier sind heute nachmittag zwei Leute eingeliefert worden... Motorradunfall. Das kannst du dir gar nicht vorstellen, Nell. Wenn man so was sieht, vergeht einem die Lust, sich irgendwann im Leben auf so eine Kiste zu setzen. Und falls es den Ärzten gelingt, aus diesen beiden armen Teufeln jemals wieder so etwas wie Menschen zu machen, dann ist das wirklich mehr als ein Wunder.“

Betroffen legte ich den Hörer auf. Das Gefühl, um einen schönen Abend betrogen worden zu sein, war verflogen. Ich fragte mich plötzlich nicht mehr nur, wie ich Jörns lange Abwesenheiten ertragen sollte, sondern überlegte, wie er die langen Tage und Nächte im Krankenhaus ertragen würde, und wie er es schaffen sollte, mit der Erfahrung von Leid, Hilflosigkeit und Tod fertigzuwerden. Ich hatte diese Erfahrung schon gemacht – in den langen und quälenden Monaten der Krankheit meiner Mutter; und ich hatte davon eine Furcht vor Krankenhäusern zurückbehalten, die sehr tief saß. Jetzt sollte Jörn all das erleben, wieder und wieder, wenn auch nicht bei Menschen, die er liebte. Das machte es vielleicht erträglicher. Aber es blieb noch immer schlimm genug.

Ich ging nicht in den ehemaligen Schafstall, wohin wir Nofret zum Abfohlen gebracht hatten. Irgendwie konnte ich an diesem Abend einfach nicht sehen, was mit ihr geschah.

Helge hatte schon angefangen, die Pferde zu füttern. Er hob den Kopf nicht, als ich in den Stall kam. Da mir ebenfalls nicht nach langen Gesprächen zumute war, übernahm ich schweigend meinen Teil der Arbeit und sagte nur manchmal leise ein zärtliches Wort zu einer der Stuten, wie sie es gewohnt waren.

Als Jörn gegen acht Uhr nach Hause kam, machte sich Dr. Hofbauer gerade auf den Heimweg. Der Eingriff war zu spät gekommen. Nofrets Fohlen hatte die Geburt nicht überlebt.

„Und Nofret?“ sagte Jörn. Er sah müde aus. Sie sahen beide müde aus, er und der Tierarzt.

„Sie ist ziemlich schwach. Ihr müßt sie heute nacht im Auge behalten. Wenn sie Fieber bekommt, ruft mich sofort an. Sorgt dafür, daß sie liegenbleibt. Matty weiß Bescheid, was sonst noch zu tun ist. Das Fohlen müßt ihr gleich morgen in die Tierkörperverwertungsanstalt bringen.“

Ich schluckte. Solange ich hier lebte, waren auf Dreililien immer gesunde Fohlen zur Welt gekommen. Nun lag irgendwo auf dem Hof ein totes kleines Pferd, das „beseitigt“ werden mußte.

Mit Jörn zusammen ging ich in den alten Schafstall. Es war, als hätte ich mehr Mut, wenn er bei mir war.

Die Stute lag auf frischer, sauberer Streu. Ihre Flanke bewegte sich matt unter den Atemzügen, die Augen waren halb geschlossen und öffneten sich auch nicht, als wir näher traten. Ihr Fell wirkte ungewohnt struppig.

Matty saß auf einem umgestülpten Eimer in der Nähe von Nofrets Kopf. Er sagte gar nichts, nickte uns nur zu, und Jörn fragte leise: „War’s schlimm?“

„Scheußlich“, sagte Matty mit belegter Stimme.

„Wohin habt ihr es gebracht?“

Matty deutete mit dem Daumen nach hinten, wo eine Verbindungstür zur Gerätekammer führte.

Ich sagte: „Geh jetzt ins Haus und ruh dich aus, Matty. Ich paß schon auf Nofret auf. Du brauchst mir nur zu sagen, was ich tun soll und worauf ich achten muß.“

Einen Augenblick lang musterte er mich schweigend. Es war, als überlegte er, ob er mir diese schwierige Aufgabe anvertrauen konnte. Da mischte sich Jörn ein. „Wir bleiben zusammen hier, Nell und ich“, sagte er. „Ich gehe nur rasch in die Küche und mach mir ein Brot zurecht. In fünf Minuten bin ich wieder zurück.“

Leise und vorsichtig ließ ich mich im Stroh nieder. Wenn Jörn zurückkam, wollte ich noch kurz nach Hause laufen und Vater und Kirsty Bescheid sagen, daß ich Nachtwache halten würde. Im Hinausgehen hörte ich Matty zu Jörn sagen: „Ihr müßt aufpassen, daß sie liegenbleibt. Das Fieberthermometer hab ich in ein Glas getan und aufs Fensterbrett gestellt...“

Ich sah Nofret an. Sie atmete kurz und flach. Jetzt hatte sie die Augen geöffnet; sie waren matt und glanzlos. Die Stute wirkte unendlich erschöpft. Ich dachte, daß sie vielleicht auch traurig war, denn sie hatte ja gefühlt, daß sie ein Fohlen bekam. Nun war alle Quälerei umsonst gewesen.

Gern hätte ich sie gestreichelt, doch ich wußte, es war besser, sie in Ruhe zu lassen. Eine Fliege summte hartnäkkig um ihren Schweif, doch Nofret tat nichts, um sie abzuwehren.

Später kauerten wir zusammen in der Streu, Jörn und ich. Im Flüsterton erzählte er vom Krankenhaus – wie er Patienten in ihren Betten durch die Gänge schob, zu langen Untersuchungen, und wie froh sie oft über ein freundliches Wort, eine menschliche Geste waren.

„Die, die schwer krank sind und wissen, daß sie sterben müssen – ich habe keine Ahnung, wie sie damit fertig werden“, sagte er leise. „Ich glaube, man hilft ihnen am meisten, wenn man sich mal für eine Weile an ihr Bett setzt und einfach ihre Hand hält. Du weißt doch, daß es in Amerika Experimente mit Sterbekliniken gibt, in denen man es sich zur Aufgabe macht, Todkranke in einer guten Atmosphäre, in Würde und Menschlichkeit sterben zu lassen. Wo Pflegepersonal da ist, das Zeit für sie hat, wo man liebevoll und aufrichtig zu ihnen ist und ihnen die Chance gibt, sich auf ihr Ende vorzubereiten, statt ihnen irgendwelche ,gnädigenʻ Lügen aufzutischen, die sie sowieso nicht glauben. Aber soweit sind wir hier in Deutschland noch lange nicht. Die Sterbenden werden oft in ein Kämmerchen abgeschoben und allein gelassen. Dabei brauchen sie gerade in den letzten Tagen und Stunden ihres Lebens besonders viel Wärme und Anteilnahme.“

Gedankenverloren streichelte er meinen Handrücken. „In technischer Hinsicht hat unsere Medizin ja rasende Fortschritte gemacht – aber manchmal kommt’s mir vor, als wäre die Menschlichkeit dabei auf der Strecke gebheben.“

Hinter den staubigen kleinen Fenstern färbte sich der Himmel langsam tief violett und wurde dann dunkel. Die blasse Mondsichel tauchte auf, und im Garten zirpten die Grillen. Nofret bewegte gelegentlich den Kopf oder zuckte mit den Hinterhufen. Manchmal wurden ihre Atemzüge lauter und klangen wie unterdrücktes Stöhnen.

Als die Mondsichel aus dem Fensterviereck verschwand, stand Jörn auf, holte das Fieberthermometer und ging damit zu Nofret. Leise und beruhigend sprach er zu ihr, ehe er das Thermometer einführte. Sie ließ es mit sich geschehen, ohne sich zu wehren, öffnete jedoch die Augen und starrte mit trübem Blick vor sich hin.

Nach zwei Minuten zog Jörn das Thermometer wieder heraus und trug es unter die Glühbirne. „Nur leicht erhöhte Temperatur“, sagte er. „Ein Glück. In einer Stunde kriegt sie Fencheltee.“

Dann lagen wir nebeneinander im Stroh und hielten uns im Arm. Jörn schlief bald ein. Ich bewegte mich nicht, um ihn nicht zu stören. Er hatte einen langen, anstrengenden Tag hinter sich und mußte müde sein. Sein Gesicht war dicht vor dem meinen; im Schlaf wirkte es gelöst und irgendwie kindlich. Ich konnte mir vorstellen, wie er als kleiner Junge ausgesehen haben mußte.

Es fiel mir nicht schwer, wachzubleiben. Ich lauschte auf Jörns Atemzüge, auf das seufzende Atmen der Stute, dachte an meine erste Nachtwache auf Dreililien zurück, als Marnie ihr Fohlen Nell zur Welt gebracht hatte. Damals hatte ich auch mit Jörn im Stall gesessen; etwas mehr als ein Jahr war es nun her.

Viel war seitdem geschehen, und manches hatte sich verändert. Neue Menschen waren nach Dreililien gekommen – Mikesch, ganze Scharen von Reitschülern, Helge -, neue Fohlen waren zur Welt gekommen, Pferde waren verkauft worden. Ich hatte eine kleine Schwester bekommen, der verfallene Gutshof war renoviert worden, weil Mikesch Geld geerbt hatte, Jörn hatte seine Schulausbildung abgeschlossen ...

Gegen Mitternacht stand ich sehr leise auf, nahm die Taschenlampe und tappte über den dunklen Innenhof zum Wohnhaus. Die schwere Eichentür war nicht abgeschlossen – hier versperrte man nie eine Tür. Ich ging durch die

Halle, den Flur entlang und in die große, ungemütliche Küche. Dort setzte ich Wasser auf, kochte Fencheltee, füllte ihn in eine der Nuckelflaschen, wie wir sie manchmal zur Aufzucht der Fohlen verwendeten, und kehrte dann in den Schafstall zurück.

Jörn war nicht aufgewacht. Noch einmal ging ich hinaus, holte eine Decke aus der Sattelkammer und breitete sie über ihn. Dann machte ich mich ziemlich unsicher daran, Nofret den Tee einzuflößen. Ich mußte unbedingt vermeiden, daß sie aufstand; sie durfte nicht beunruhigt oder gar geängstigt werden.

Sehr langsam und vorsichtig ging ich zu ihr, kniete vor ihrem Kopf nieder, die Flasche in der Hand, und flüsterte sanft: „Sieh mal, meine Gute – feiner Fencheltee! Den mußt du jetzt trinken, er wird dir guttun. Es kommt bald alles wieder in Ordnung, du wirst es schon sehen. Nächstes Jahr kriegst du wieder ein Fohlen. Das ist dann bestimmt gesund und stark.“

Nofret rührte sich nicht. Mit zitternder Hand führte ich die Flasche an ihr Maul, hob sehr vorsichtig ihre Oberlippe und drückte ihr das Saugstück zwischen die Zähne. Sie zuckte leicht mit den Ohren, wehrte sich jedoch nicht.

Langsam floß der Fencheltee ins Pferdemaul. Ein ziemlicher Teil der Flüssigkeit sickerte gleich wieder heraus, doch als ich Nofrets Hals beobachtete, merkte ich, daß sie Schluckbewegungen machte. Dann prustete sie leicht, öffnete die Augen weiter und hob den Kopf ein kleines Stück aus der Streu.

Erschrocken zog ich die Flasche zurück und wartete. „Du mußt den Tee trinken!“ flüsterte ich beschwörend.

„Hast du gehört? Er schmeckt doch gar nicht schlecht. Ich hab ein Stück Traubenzucker hineingetan. Also trink die Flasche aus, bitte!“

Müde legte Nofret den Kopf zurück. Ich schob ihr die Flasche erneut zwischen die Lippen und summte dabei leise vor mich hin wie bei einem kranken Kind, das man in den Schlaf singt. Vieles vom Tee lief daneben, doch sie schluckte immerhin ab und zu; ihren Kopf dabei anzuheben, wagte ich nicht.

Als die Flasche leer war, holte ich eine zweite Satteldekke und deckte die Stute damit zu. Sie ließ es mit sich geschehen wie alles andere. Den Mut, Fieber zu messen, hatte ich nicht. In etwa einer halben Stunde wollte ich Jörn wecken. Dann konnte er das übernehmen.

Das Stroh knisterte leise, als ich mich wieder neben ihn legte, doch er wachte nicht auf. Unversehens überfiel auch mich die Müdigkeit. Ich mußte mich zwingen, die Augen offenzuhalten.

Der Mond stand jetzt hinter dem mittleren Fenster. Nofrets Atemzüge gingen leichter, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Aus dem Wald kamen die rastlosen Rufe der Käuzchen...

Dann mußte ich doch eingeschlafen sein, denn plötzlich schreckte ich hoch und hörte, wie die Tür geöffnet wurde. Verwirrt riß ich die Augen auf. Mikesch stand auf der Schwelle.

„Verdammt!“ sagte er leise und war mit ein paar Schritten bei uns. „Dacht ich’s mir doch. Sie war schon in den letzten Tagen so unruhig. Was ist passiert?“

Jörn bewegte sich im Schlaf. Ich rappelte mich auf und erwiderte: „Das Fohlen... Es ist verkehrt gelegen und bei der Geburt erstickt.“

Mikesch nickte wortlos. Er ging zu Nofret, kniete neben ihr nieder, hob ihr linkes Augenlid und sah ihr ins Auge. Dann streifte er die Decke zurück, legte die Hand auf ihre Flanke und zählte die Atemzüge.

„Hat sie Fieber?“ fragte er.

„Als Jörn sie gemessen hat, war die Temperatur nur leicht erhöht, aber... das ist schon eine Weile her“, gab ich beschämt zu. „Er ist eingeschlafen, und ich wollte ihn ein bißchen schlafen lassen. Ich hab ihr Fencheltee gegeben. Dann muß ich selbst eingedöst sein.“

Wieder nickte Mikesch nur. Ich stand auf, ging zum Fenster und brachte ihm das Thermometer. „Ihr habt geschlafen, und ich war fort“, murmelte er. „Wir brauchen uns gegenseitig keine Vorwürfe zu machen. Schließlich sind wir alle bloß Menschen. War sie schon die ganze Nacht so teilnahmslos?“

„Ja“, sagte ich.

Nach einer Weile meinte er: „Sie hat etwas Fieber, wenn es auch nicht beunruhigend hoch ist. Vielleicht geht es ihr gar nicht mal so sehr körperlich schlecht. Sie trauert wohl einfach um ihr Fohlen. Ich glaube aber, wir sollten ihr kühlende Umschläge machen. Das Gesäuge ist geschwollen. Jede Menge Milch für das Fohlen – und nichts davon wird gebraucht.“

Ich starrte Mikesch und Nofret an und hatte plötzlich einen Geistesblitz. „Jede Menge Milch...“, wiederholte ich. „Und Rapunzel hat zu wenig für ihr Fohlen! Könnten wir nicht versuchen...?“

Mikesch verstand sofort, was ich meinte, ich sah es ihm an. Wir wechselten einen Blick; dann sagte er: „Ja, versuchen könnten wir’s. Wahrscheinlich nimmt Nofret das fremde Fohlen nicht an, aber wer weiß... bei Tiermüttern erlebt man manchmal die erstaunlichsten Sachen. Am besten, wir probieren es gleich aus. Aber wir müssen Rapunzel mitnehmen, sonst macht sie Terror, wenn wir ihr Fohlen einfach so wegbringen.“

Wir hatten so laut gesprochen, daß Jörn aufgewacht war. Er setzte sich auf, sah uns verständnislos an und sagte dann: „Herrje, ich glaube, ich hab geschlafen!“

„Ja“, sagte ich. „Hast du. Du, wir haben eine Idee, wie wir Nofret vielleicht wieder auf die Beine bringen könnten.“

Jörn seufzte und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durchs Haar. „Nicht so schnell... Mikesch, wo kommst du denn plötzlich her?“

„Aus der Stadt“, sagte Mikesch. „Geh jetzt ins Bett, Jörn. Nell und ich kommen schon allein zurecht. Du mußt ja in ein paar Stunden wieder ins Krankenhaus, zum Sonntagsdienst.“

Draußen dämmerte wirklich schon der Morgen. Zu dritt verließen wir den alten Schafstall. Der Innenhof war voll von grauen Schatten, und in der Luft lag eine Ahnung des kommenden Herbstes. Jörn verschwand im Wohnhaus, während Mikesch und ich in den Stall gingen.

Viele der Pferde waren bereits wach und sahen uns mit ihren glänzenden, freundlichen Augen entgegen. Hazel wieherte, und ich streichelte flüchtig, aber zärtlich ihre Nase, ehe ich Mikesch in Rapunzels Box folgte, die sie mit ihrem Fohlen teilte. Es war erst vor zwei Wochen geboren worden. Wir nannten es „Zwerg“, weil es so zart und schmächtig war, obwohl es einen langen und edlen Stammbaum hatte und nach seinem Vater den hochtrabenden Namen „Arbo von Trostberg“ trug.

Arbo von Trostberg, der Zwerg, lag noch im Stroh neben seiner Mutter und döste. Wir öffneten die Boxtür, und Mikesch führte Rapunzel auf die Stallgasse. Sie folgte ihm höchst widerwillig und sah immer wieder in die Box zurück. Erst als ihr Fohlen sich auf die wackligen Beine stellte und ihr eilig nachtorkelte, war sie bereit, mitzukommen.

Wir brachten die beiden aus dem Stall. Ein paar Stuten wieherten entrüstet. Es gefiel ihnen wohl nicht, daß Rapunzel schon hinaus durfte, während sie weiter in ihren Boxen stehen mußten. Zwerg, das schmächtige braune Hengstfohlen, hielt sich dicht neben seiner Mutter.

Als wir die Tür zum Schafstall öffneten und Rapunzel hineinführten, stieß sie ein kurzes, schrilles Gewieher aus: Sie hatte Nofret gesehen.

Zum erstenmal seit vielen Stunden spitzte Nofret die Ohren. Sie antwortete mit einem kläglichen Laut, und Mikesch führte Rapunzel samt Nachwuchs langsam und vorsichtig zu ihr. Zum Glück vertrugen sich die beiden Stuten für gewöhnlich gut – was durchaus nicht bei allen der Fall war –, so daß man sie unbedenklich zusammenbringen konnte.

Wir sorgten dafür, daß das Fohlen zwischen Nofret und Rapunzel stand. Ich bekam vor Aufregung kalte Hände, während ich beobachtete, wie Nofret beim Anblick des Fohlens zu zittern begann. Plötzlich versuchte sie sich aufzurichten.

„Dr. Hofbauer hat gesagt, sie muß liegenbleiben!“ flüsterte ich Mikesch erschrocken zu. Er aber schüttelte nur den Kopf und winkte ab.

Ohne den Blick von Rapunzels Fohlen zu wenden, richtete sich Nofret auf. Ein Schauder ging über ihre Flanken, als sie das dünne kleine Wesen beschnupperte.

Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Mikesch faßte nach meinem Handgelenk und drückte es. Da sah ich, daß Nofret das Fohlen zu belecken begann – zärtlich und mit mütterlicher Gründlichkeit. Sie hatte es angenommen! Und Rapunzel, die danebenstand und zusah, schien das ganz in Ordnung zu finden.

Wenige Minuten später hatte der Zwerg den Kopf gesenkt, stieß die Nase an Nofrets Bauch und fing an zu trinken – so, als wäre das die natürlichste und selbstverständlichste Sache der Welt. Ob das Fohlen selbst auf diesen Einfall gekommen war, oder ob ihm Nofret durch irgendein geheimes, uns Menschen verborgenes Zeichen zu verstehen gegeben hatte, daß es trinken sollte, konnte ich nicht sagen. Doch das war ja auch nicht wichtig – Hauptsache, es trank; und Nofret säugte es und vergaß darüber ihren Verlust. Hauptsache, Rapunzel ließ zu, daß ihr Fohlen eine zweite Mutter bekam, eine Art Amme. Vorerst zeigte sie jedenfalls keine Eifersucht, sondern steckte die Nase in den Hafereimer, den Helge noch am Vortag eigens für Nofret hergebracht hatte.

Nofrets Kopf war gesenkt. Doch sie sah nicht länger teilnahmslos und erbarmungswürdig aus; sie schien sich zu entspannen und das weiche Maul an ihrem Gesäuge zu genießen wie etwas, worauf sie lange gewartet hatte. Das Fohlen schmatzte glückselig, und ich dachte, daß der Zwerg bald kein Zwerg mehr sein würde, jetzt, wo er zwei Mütter hatte.

3

Schon bald stand Nofret zusammen mit anderen Mutterstuten und ihren Fohlen auf der kleinen Koppel beim Birkenwäldchen und teilte sich mit Rapunzel in die mütterlichen Pflichten. Nun bekam der Zwerg von zwei Seiten mahnende Püffe, wenn er zu übermütig wurde, dafür aber auch Milch und Zärtlichkeiten im Überfluß. Zwischen den beiden Stuten herrschte schönste Eintracht – es gab weder Streit um Besitzansprüche noch um Erziehungsfragen.

„Wenn das so weitergeht, wird aus dem Zwerg bald ein Paradehengst“, meinte Matty. „Ich hoffe bloß, ihm platzt nicht vorher der Bauch.“

Doch Mikesch erklärte lachend, von etwas Gutem bekäme man nicht so leicht zuviel, und so war es auch. Der Zwerg wuchs und gedieh mit unglaublicher Geschwindigkeit und genoß es offensichtlich, zwei Mütter zu haben. Und mit der Zeit hörten wir auf, ihn Zwerg zu nennen und tauften ihn statt dessen „Superman“.

Inzwischen wurden die Spätsommertage sacht und fast unmerklich zu Herbsttagen. Morgens gab es die ersten Bodennebel; sie wehten wie geisterhafte Schleier vom Waldsaum herüber und lagerten auf den Koppeln. Im Gras und in den Brombeerbüschen hingen die Fäden des Indianersommers, voll von Tauperlen, die in der Morgensonne glitzerten. Tagsüber jedoch war es noch warm, mit jenem klaren, stillen Himmel, wie man ihn nur im Herbst findet, mit dem schweren Geruch umgepflügter Erde und den abgezirkelten Schwärmen der Zugvögel, die sich auf ihren Weg nach Süden machten.

Nachts erwachte ich manchmal vom Plumpsen herabfallender Äpfel, die dann am nächsten Tag eingesammelt werden mußten. Die weniger schönen, verhutzelten oder wurmstichigen kamen nach Dreililien in die Futterkammer, wo sie für die Pferde gelagert wurden.

Pilze gab es auch in unseren Wäldern und auf den Wiesen – Champignons und Semmelstoppelpilze, Braunkappen und sogar noch Steinpilze. Doch die glücklichen Zeiten, in denen ich mit Jörn zwischen Schule und Stallarbeit zum „Schwammerlsuchen“ durch die Wälder gestreift war, waren vorüber.

Helge arbeitete nun in seiner Freizeit öfter im Gemüsegarten des Kavaliershäusls. Ich traute meinen Augen kaum, als ich eines Nachmittags von der Schule zurückkam und sah, wie er Kirstys Salatbeet umstach, dampfenden Pferdemist aus der Schubkarre lud und mit der Mistgabel über die Erde breitete.

„Wie hast du das bloß geschafft?“ fragte ich Kirsty, die gerade in der Küche saß und Kathrinchen davon abhielt, Spinat an die Zimmerdecke zu schleudern. „Der tut doch sonst nie, etwas freiwillig!“

„Meinst du Helge?“ Sie sah mich erstaunt an. „Ich glaube, du schätzt ihn da ein bißchen falsch ein, Nell. Er kam heute vormittag dazu, wie ich Mist von Dreililien holen wollte. Da hat er ganz einfach gesagt, er hätte heute seinen freien Nachmittag und würde für mich im Gemüsegarten arbeiten.“

„Einfach so?“ Ich starrte sie fassungslos an.

„Ja, einfach so. Das Angebot hab ich natürlich gern angenommen. Dafür kann er jederzeit zu mir zum Töpfern kommen, wenn er mag, und braucht auch für den Ton nichts zu bezahlen.“

Es geschahen noch Zeichen und Wunder. Helge, der sich für gewöhnlich um nichts kümmerte als um seine eigene Person und notfalls noch um die Pferde, tat freiwillig etwas für einen anderen! Kirsty hatte wohl die richtige Art, mit ihm umzugehen, freundlich und ohne Vorurteile, Sie meinte weder, sie müßte ihn mit Samthandschuhen anfassen, nur weil er eine schwere Kindheit und Jugend hinter sich hatte und schon früh straffällig geworden war, noch ließ sie sich von seiner oft mürrischen, mißtrauischen Art einschüchtern oder reizen.

Eine halbe Stunde später lehnten die beiden am Gartenzaun und unterhielten sich über biologischen Gartenbau. Durch das offene Küchenfenster hörte ich einen Teil ihres Gesprächs mit und wunderte mich, wie gut Helge auf diesem Gebiet Bescheid wußte. Sie redeten von Kompostierung, Gründüngung, Kräuterjauche, der Bedeutung von Regenwürmern (die ich bisher nie für besonders bedeutsam gehalten hatte) und dem Zusammenhang zwischen Mondphasen und Pflanzzeiten.

Schließlich war ich so beeindruckt, daß ich den Kopf aus dem Fenster streckte und sagte: „Hör mal, Helge, woher zum Teufel weißt du das bloß alles?“

„Hab mich damit beschäftigt“, gab er herablassend zurück.

Ich verbiß mir eine grobe Entgegnung. Er hatte es noch immer nicht gelernt, normal und freundlich auf eine normale, freundliche Frage zu antworten. Hinter fast allem, was man zu ihm sagte, vermutete er einen versteckten Angriff auf seine Person. Dieses Mißtrauen saß so tief, daß es mir manchmal unausrottbar zu sein schien.

Kirsty sagte in ihrer ruhigen Art: „Eigentlich ist das ein Thema, über das wir alle Bescheid wissen müßten — besonders die Bauern. Sonst werden wir eines Tages an den Giften sterben, die in unserer Nahrung sind, und der chemische Dünger wird alles Leben in unseren Böden vernichten. Es ist schlimm genüg, daß wir uns nicht gegen den sauren Regen schützen können. Wer weiß, wie lange unsere Wälder hier noch gesund sein werden. Und wie seine Wirkung auf Obst und Gemüse ist und damit wiederum auf uns, wird sich wohl erst in vielen Jahren heraussteilen. Die Gifte, mit denen wir so sorglos umgehen, haben eine schleichende Wirkung. Es ist nicht so wie bei verdorbenem Fisch, wo einem schon nach ein paar Stunden übel wird. Da weiß man, daß es am Fisch gelegen hat; von unseren chemieverseuchten Nahrungsmitteln aber wird man meist erst viele Jahre später krank.“

Irgendwie fühlte ich mich angegriffen – vielleicht, weil ich selbst auch nicht zu den Leuten gehörte, die sich mit biologischem Anbau beschäftigen. „Aber was soll man denn dagegen tun?“ fragte ich. „Nicht jeder hat Zeit oder Lust, sein eigenes Gemüse anzubauen, und in den Städten müssen die Leute kaufen, was ihnen angeboten wird.“

,,Müssen sie nicht“, sagte Helge. „Wenn die Verbraucher vorsichtiger und mißtrauischer wären, wenn sie sich informieren und bestimmte Waren einfach nicht mehr kaufen würden – zum Beispiel Kopfsalat, der ja nachgewiesenermaßen voller Gift ist, oder Eier aus Legehennenbatterien, würden es sich die Hersteller schon überlegen, ob es nicht besser ist, sich umzustellen, als auf ihrem Zeug sitzenzubleiben. Die Verbraucher haben doch allein durch Kaufen oder Nichtkaufen große Macht – nur nutzen sie sie eben nicht.“

„Aha“, sagte ich aufgebracht. „Und wo soll man sich darüber informieren, was schädlich ist und was nicht?“

„Es gibt da eine Menge Bücher“, erklärte Kirsty besänftigend. „Die kann man überall kaufen oder bestellen, wenn man nur will. Wir haben übrigens auch so ein Buch im Wohnzimmerregal stehen. Du kannst es gern lesen, wenn du willst.“

Ich unterdrückte die Bemerkung, daß ich genug anderes um die Ohren hätte. Außerdem kämpfte ich bereits seit kurzem mit der Umstellung auf vegetarische Kost, weil Matty mich überzeugt hatte, daß es sich mit meiner Tierliebe nicht vereinbaren ließ, Fleisch zu essen. Also murmelte ich nur etwas Undeutliches.

Zum Glück kam Hopfi in diesem Augenblick dahermarschiert, glühend vor Tatendrang. Hopfi war unsere Hilfe aus dem Dorf, die gelegentlich auch auf Dreililien arbeitete. Wenn Hopfi auftauchte, um Fenster zu putzen, Böden zu schrubben und im Haus das Unterste zuoberst zu kehren, gab es weder Zeit noch Ruhe für lange Gespräche; da vertrollte man sich am besten nach Dreililien – oder umgekehrt ins Kavaliershäusl, wenn sie gerade auf dem Hof arbeitete und die Ferienreiter versorgte –, in den Wald oder ins Dorf. Nicht einmal im Garten war man vor ihr sicher, weil sie unversehens mit dem Ausklopfer auftauchen konnte und anfing, Teppiche zu klopfen, daß es nur so staubte.

Sonst waren es geruhsame Tage ohne große Aufregungen oder allzuviel Trubel, in denen schon die ersten Vorbereitungen für den kommenden Winter begannen: Heu und Obst wurden in den Speicherräumen und Futterkammern gelagert, Zäune ausgebessert, Fenster abgedichtet und ein Stück morscher Stallboden ausgebessert. Kirsty füllte die Regale der Speisekammer mit Gläsern voll Holundersaft, Marmelade und Birnenkompott; sie sammelte die Samen von Kapuzinerkresse, Malven, Feuerbohnen und Sonnenblumen ein, trocknete Blumensträuße und Küchenkräuter und breitete grüne Tomaten auf den Fensterbrettern aus, damit sie nicht dem ersten Frost zum Opfer fielen.

Auf Dreililien wurden Dachrinnen und Kaminbleche gestrichen, um sie vor Rost zu sichern. Mikesch, Sepp und Helge hackten Brennholz, und aus den Wäldern erklang von früh bis spät das Geräusch der Motorsägen.

Die Dunkelheit brach nun schon früh herein, doch tagsüber war es sonnig und warm, mit leuchtenden Herbstfarben und den Berggipfeln hinter den Wäldern, die zum Greifen nahe schienen.

Das war Anfang Oktober. Noch ahnte ich nicht, daß diese sonnigen Herbsttage in der verträumten, friedlichen Abgeschiedenheit unseres Tales eine Art Ruhe vor dem Sturm waren.

4

Es begann mit der Mäuseplage. An sich war das kein schlimmes oder ungewöhnliches Problem. Wir hatten sie jedes Jahr, trotz der vielen Katzen, die auf Dreililien herumliefen. Mit dem Herbst kamen ganze Mäusetrupps aus dem Wald und den Feldern, um in Wohnhäusern und Nebengebäuden zu überwintern. Besonders die Ställe waren ein wahres Paradies für sie, weil es dort warm war und Futter in Mengen gab.

Wir kämpften mit Fallen gegen die Mäuse. Gift auszustreuen, wie Herr Moberg es vorschlug, stieß auf Jörns, Mikeschs und Mattys erbitterten Widerstand. Wir fanden die Fallen schlimm genug, auch wenn die Mäuse dabei einen raschen und schmerzlosen Tod starben.

In diesem Jahr jedoch konnten wir mit den Fallen nur wenig ausrichten. Es waren einfach zu viele Mäuse – und sie waren mehr als nur eine Plage: Sie brachten Unheil über Dreililien. Seit jenem Herbst hasse ich den Anblick der kleinen grauen Tiere, obwohl ich weiß, daß das unvernünftig ist, weil sie doch im Grund unschuldig an dem Unglück waren, das sie heraufbeschworen.

Eines Spätnachmittags, als wir die Jährlinge wegen eines heraufziehenden Gewitters früher als sonst von der Koppel holten, bemerkte ich, daß mit Nells Augen etwas nicht stimmte. Nell war neben Hazel mein besonderer Liebling, denn sie war das erste Fohlen, bei dessen Geburt ich mitgeholfen hatte. Auch sie hing sehr an mir. Wann immer ich in ihrer Nähe auftauchte, kam sie angaloppiert, mit eifrig gespitzten Ohren und hellem Gewieher. Ich war ja einer der ersten beiden Menschen, die sie gesehen und deren Stimme sie bei ihrer Geburt gehört hatte, und damit ein Teil ihrer Welt; jemand, dem sie vertraute.

Auch an diesem Herbsttag kam sie zu mir, während ich das Gatter öffnete, und sprang neben mir her den Pfad zum Stall hinauf. Ich faßte sie an der Mähne, die im immer stärker werdenden Gewitterwind flatterte. Ihr Fell war bei weitem nicht mehr so struppig wie vor dem Haarwechsel, ihr Schweif war länger und üppiger geworden.

Als die Gruppe von Jährlingen haltmachte und wartete, bis Helge das Stalltor geöffnet hatte, drückte Nell ihre Nase gegen meine Brust. Ich sah im grellen, neonähnlichen Licht, das so oft mit der violetten Finsternis eines heraufziehenden Unwetters abwechselt, ihre Augen. Etwas an ihnen war seltsam. Die Lidspalten waren verengt, die Iris hatte eine gelbliche Färbung angenommen.

Während ich Nell in ihre Box brachte, dachte ich: Ich muß es Mikesch sagen. Nells Augen müssen behandelt werden.

Da es nicht selten vorkam, daß eines unserer Pferde eine Augenentzündung hatte, war ich nicht sonderlich beunruhigt. Ich wußte jedoch, wie schmerzhaft jede Art von Augenerkrankung für ein Pferd ist, und ging deshalb anschließend sofort durch die Verbindungstür in den Hauptstall, wohin Mikesch und Matty die Stuten gebracht hatten, um mit ihm zu reden.

„Vielleicht ist’s nur eine Bindehautentzündung“, sagte er. „Das kriegen wir mit Kamillentee und Augentrosttee wieder hin. Ich sehe sie mir gleich mal an, wenn ich hier fertig bin.“

Der folgende Tag war ein Samstag. Als ich in den Stall kam, standen dort wie üblich die Stmten, die zur Reitstunde eingesetzt wurden; und zwischen ihnen, in Nofrets Box, war Nell untergebracht.

„Wieso ist Nell bei den Stuten?“ fragte ich Helge, der gerade in der Sattelkammer stand und die Mähnenbürsten reinigte.

„Mikesch meinte, wir sollten sie heute mal nicht ins Freie lassen, damit ihre Augen nicht noch mehr Zug bekommen. Und hier bei den Stuten hat sie wenigstens Gesellschaft“, erwiderte er. Noch einmal sah ich mir Nells Augen an. Sie waren wirklich merkwürdig. Zum Glück ging es ihr offenbar nicht schlecht, denn sie beschnupperte mich eifrig und ließ sich gern mit Karotten füttern.

Am Sonntag sahen ihre Augen wieder etwas besser aus, und sie durfte mit den anderen Jährlingen auf die Weide zurück. An diesem Tag war besonders viel Trubel auf Dreililien, denn es kam zusätzlicher Besuch: die drei Mädchen aus dem Chiemgauer Internat hatten zwei Elternpaare mitgebracht und dazu noch eine fünfköpfige Familie namens Neuhofer, die sich für unsere Reitschule interessierte.

Mücke und Charly, denen der älteste Sohn der Neuhofers gefiel, kicherten noch ärger als sonst und waren während der Reitstunde so unaufmerksam, daß Mücke vom Pferd fiel und Charly beide Steigbügel verlor und wie ein Klammeraffe an Eileens Mähne hing.

„Das hält man doch im Kopf nicht aus!“ sagte Jörn, der seinen freien Tag hatte und in sicherer Entfernung von den Besuchern mit mir im Schatten des Birkenwäldchens stand. „Komm, reiten wir endlich mal wieder zusammen in den Wald!“

Wir holten Hazel und die Schimmelstute Katama von der Koppel und ritten ohne Sattel und Zaumzeug los, in glücklicher Unkenntnis des Unheils, das sich über Dreililien zusammenbraute. Später dachte ich oft, daß dies der letzte unbeschwerte Ausritt für lange Zeit war.

Wir ritten über die schmale Holzbrücke, die über den Bach in den Wald führt, hinunter zur Lichtung, wo Heidekraut und Herbstzeitlosen blühten. Noch gab es Schmetterlinge, und die Hagebutten leuchteten rot im Gebüsch. Eichelhäher zeterten in den Bäumen, und Hasen flohen vor uns ins Unterholz.

Wenn der Pfad breit genug war, ritten wir nebeneinander. Wir sprachen nur wenig, genossen es einfach, beisammen zu sein, an diesem klaren, föhnigen Herbsttag, der voll Wärme war, erfüllt vom Duft des Waldes und des absterbenden Laubes. Gelegentlich blieben die Pferde stehen, um an besonders schmackhaften Grasbüscheln oder Blättern zu zupfen, und wir ließen sie gewähren und paßten uns ihrem Rhythmus an.

Einmal atmete Jörn tief ein und sagte: „Das tut gut. Unser Tal ist so etwas wie eine Zuflucht – das merke ich erst jetzt, seit ich im Krankenhaus arbeite. Wenn ich hierher zurückkomme, fällt vieles von mir ab, was ich tagsüber sehe und erlebe. Unser Tal scheint eine Welt für sich zu sein; obwohl das natürlich trügerisch ist ... Wir sind auch hier nicht unabhängig von dem, was draußen geschieht. Der saure Regen fällt auch auf unsere Wälder, die Stationierung der SS 20 und der Pershing-Raketen bedroht uns hier genauso wie die Menschen, die in München oder Hamburg wohnen. Auch wir sind nicht geschützt vor Krankheit und Tod. Trotzdem spüre ich jedesmal Frieden, Sicherheit und etwas wie Erleichterung, wenn ich nach Hause komme.“

Später lagen wir am Waldweiher, über dem die letzten Mücken schwärmten, ließen die Pferde trinken und grasen, sahen in den unglaublich blauen Föhnhimmel und hielten uns im Arm. Das war so schön, daß es fast weh tat. Vielleicht gerade deshalb, weil solche Augenblicke so selten geworden waren, weil dies vielleicht der letzte Schöne Herbsttag war, weil der Winter vor der Tür stand, erlebte ich all das besonders bewußt; und wahrscheinlich ging es Jörn ebenso.

Als wir nach Dreililien zurückkamen, bemerkten wir Matty auf der Koppel bei den Jährlingen. Er stand bei Nell, und ich dachte: Er sieht sich ihre Augen an. Ob es schlimmer geworden ist?

Ich zügelte Hazel und sprang zu Boden. „Was ist los?“ fragte Jörn. „Du willst sie doch wohl nicht zu den Jährlingen bringen?“

„Nein“, sagte ich, „ich wollte nur mal sehen, was Matty da macht. Nell hat etwas mit den Augen, weißt du. Ich hab’s vor zwei Tagen bemerkt. Mikesch meint, es könnte eine Bindehautentzündung sein.“

Wir winkten Matty zu. Er kam zum Zaun und führte Nell an der Mähne mit sich. Gemeinsam sahen wir uns ihre Augen an. Sie waren wieder wie gestern und vorgestern – die Lidspalten waren deutlich verengt, die Iris wirkte gelblich.

„Das ist keine Bindehautentzündung“, sagte Jörn. „Sonst hätte sie verklebte Augenwinkel. Die Augen sind trocken. Es kommt überhaupt keine Flüssigkeit heraus.“

„Mikesch meint auch, daß es etwas anderes sein muß“, erwiderte Matty. „Deshalb hat er mich hergeschickt. Ich kann mir nicht vorstellen, was es sein könnte. Hast du eine Ahnung, Jörn? Schmerzen hat sie offenbar nicht, das würde man doch merken.“

Jörn machte ein nachdenkliches Gesicht. „Diese gelbe Iris... Bis jetzt haben wir so was eigentlich noch nie gehabt. Ich sehe mal in den Büchern über Pferdekrankheiten nach. Am besten, wir fragen Vater; vielleicht weiß er Bescheid.“

Nell ließ sich ausgiebig streicheln, erfreut über so viel Aufmerksamkeit. Sie blieb am Zaun stehen, als wir uns zum Gehen wandten. Hazel und Katama waren schon zum Stall vorausgegangen. Sie wußten, was jetzt kam: die vertraute Zeremonie des Hufeauskratzens, Wasser zum Trinken, dann Rückkehr auf die Koppel. Sie brauchten nicht trockengerieben zu werden, denn sie waren nicht verschwitzt.

„Vielleicht ist Nell von irgendeinem Tier gestochen worden, daß ein Insektengift übertragen hat“, meinte Matty.

„Glaub ich nicht“, sagte Jörn. „Dann dürfte bloß eine Lidspalte zugeschwollen sein. Außerdem, wie erklärst du dir diese komische gelbliche Färbung?“

Ich drehte mich um. Nell hatte dem Koppelzaun gerade das Hinterteil zugekehrt und begann zu den anderen Pferden zurückzugehen. Dicht neben dem Zaun wuchsen zwei alte Eichen, die ihre knorrigen Äste tief über den Boden streckten. Und noch während ich zurückschaute, merkte ich plötzlich, daß Nell gegen einen der Äste stieß.

Ich blieb stehen. „He!“ sagte ich. „Sieht sie denn plötzlich schlecht?“

„Was?“ Jörn blieb ebenfalls stehen, und Matty sah über die Schulter zurück. „Wer sieht schlecht?“

„Nell“, sagte ich. „Sie ist gerade gegen einen Ast gerannt. Jetzt ist sie zurückgewichen und macht einen Bogen darum.“

Jörn runzelte die Stirn. „Bist du sicher?“ fragte er. „Du meinst, sie ist wirklich gegen einen Ast gestoßen?“

Ich nickte. „Ganz sicher“, bestätigte ich. „Aber vielleicht hat sie zu den anderen Pferden hinübergesehen und nicht bemerkt, daß ihr der Ast im Weg war.“

Jörn gab keine Antwort. Matty sagte: „Das glaube ich nicht. Es kommt eigentlich kaum jemals vor, daß ein Pferd ein Hindernis übersieht; noch dazu, wenn’s in Augenhöhe ist.“

„Vielleicht sieht sie schlecht, weil ihre Augen entzündet sind“, überlegte ich.

Jörn sagte noch immer nichts. Etwas an seinem Schweigen, seinem Gesichtsausdruck, machte mir angst.

„Was ist los?“ sagte ich. „Was hast du denn plötzlich?“

Er schüttelte den Kopf. Sein Gesicht wurde so verschlossen, als hätte er eine Tür vor mir zugeschlagen.

„Nichts“, murmelte er, doch ich wußte, daß es nicht stimmte. Ebensogut wußte ich aber auch, daß es jetzt keinen Sinn hatte, in ihn zu dringen. Ich kannte das bei Jörn. Wenn er so „zumachte“, wie ich es insgeheim nannte, hatte er seine Gründe dafür. Dann blieb einem nichts anders übrig, als abzuwarten, bis er es für richtig hielt, sich zu äußern.

Ich wechselte einen Blick mit Matty. Schweigend gingen wir zum Stall, wo Hazel und Katama schon auf uns warteten. Mikesch und Helge waren nirgends zu sehen; die Reitschüler waren längst nach Hause gegangen.

Auf Dreililien war Sonntagsruhe eingekehrt – doch mir war nicht friedlich zumute. Während Matty im Wohnhaus verschwand, führten Jörn und ich die beiden Stuten in ihre Boxen, kratzten ihnen stumm die Hufe aus, tränkten sie, brachten sie dann zu den anderen Pferden auf die Südweide und schlossen das Gatter hinter ihnen.

„Ich gehe jetzt in mein Zimmer“, sagte Jörn, ohne mich anzusehen.

Mein Herz war plötzlich schwer wie ein Sack voller Ziegelsteine. „Ist gut“, erwiderte ich leise. „Wenn du willst...“ Dann preßte ich noch hervor: „Du, ich mache mir solche Sorgen um Nell!“

„Meinst du, ich nicht?“ Jetzt klang seine Stimme richtig angriffslustig, doch ich war ihm nicht böse. Ich wußte, es kam daher, weil er Angst hatte, genau wie ich – und weil er etwas vermutete, was er mir nicht sagen wollte.

Bedrückt ging ich nach Hause. Jetzt bereute ich es, daß ich das Buch über Pferdekrankheiten nicht längst gekauft hatte, das mir Alex, der Neffe unseres Tierarztes, empfohlen hatte. Doch irgendwie war nie genug Geld dafür dagewesen, es hatte immer Wichtigeres gegeben; Hazel vor allem, die Reise nach Amsterdam, neue Jeans, weil die alten total durchgescheuert waren...

Alex! Sollte ich ihn anrufen und mit ihm reden? Vielleicht konnte er herausfinden, was Nell fehlte. Schon war ich entschlossen, es zu tun; doch als ich das Kavaliershäusl erreichte, überlegte ich es mir wieder anders. Ich würde es noch früh genug erfahren – von Jörn. Ich wollte abwarten, bis er es mir sagte.

Als ich am Montag nachmittag von der Schule nach Hause kam, stand Dr. Hofbauers Wagen vor dem Tor von Dreililien.

Ich sah ihn und radelte gar nicht erst zum Kavaliershäusl, um zu essen und mich umzuziehen, wie ich es sonst immer tat. Ich warf mein Fahrrad in die Wiese, rannte in den Stall der Jährlinge und fand dort weder den Tierarzt noch Mikesch oder Helge; Matty war noch in der Schule, das Wußte ich. Alle Boxen waren leer, auch die von Nell. Also mußten sie auf der Koppel sein.

Wieder wurde ich von Furcht ergriffen. Als ich den Innenhof verließ und um die Ecke des ehemaligen Gesindehauses bog, sah ich in einiger Entfernung eine Gruppe von Männern stehen. Es waren Dr. Hofbauer, Mikesch und Helge, und zwischen ihnen eine kleine Gestalt, die sich auf Krücken stützte: Herr Moberg.

Ich blieb stehen. Meine Hände zitterten so, daß ich sie in die Hosentaschen steckte. Von Nell war nichts zu sehen. Trotzdem wußte ich mit untrüglicher Sicherheit, daß es um sie ging, daß die vier dort standen und über sie sprachen.

Ich schluckte, doch der Kloß in meiner Kehle saß fest. Sie sahen mich nicht, denn ich stand im Schatten des Hauses; und nach einer Weile drehte ich mich um, ging zu meinem Fahrrad zurück und schob es nach Hause.

An diesem Nachmittag ging ich nicht mehr nach Dreililien. Etwas Scheußliches war im Anzug, ich spürte es in allen Knochen und hätte mich am liebsten versteckt. Um mich abzulenken, räumte ich meinen Schreibtisch auf, dann die Kommodenschublade, und flickte schließlich sogar noch die alte indianische Decke auf meinem Bett.

Dann saß ich lange in der beginnenden Dunkelheit am Fenster und sah nach Dreililien hinüber, wo schon die Hoflampe brannte. Die Pferde bekamen jetzt ihr Abendfutter, und ich wußte, man würde mich bei der Arbeit vermissen. Es war auch nicht richtig, daß ich mich nicht um Hazel kümmerte. Sie war mein Pferd, und es war selbstverständlich, daß ich sie regelmäßig selbst versorgte. Doch an diesem Abend konnte ich einfach nicht hinübergehen. Ich vertraute darauf, daß Matty sich um sie kümmern würde.

Beim Abendessen hatte ich überhaupt keinen Hunger. Ich aß ein paar Löffel Suppe und verschwand dann mit einer gemurmelten Entschuldigung wieder nach oben.

Eine Viertelstunde später kam Jörn. Plötzlich stand er in meinem Zimmer, in seiner alten Arbeitshose und dem ausgebeulten Pullover, der nach Stall roch. Seine zusammengepreßten Lippen verhießen nichts Gutes.

Ich sagte: „Tut mir leid, daß ich heute nicht gekommen bin, aber ich ... ich konnte einfach nicht.“

Er ließ sich ziemlich weit entfernt von mir auf dem Teppich nieder. „Dann weißt du es also schon?“

Der Kloß in meiner Kehle wuchs. „Nein“, sagte ich. „Ich weiß gar nichts. Ist es ... steht es schlecht mit Nell?“ Jörn vermied meinen Blick. „Sie vermuten, daß es Mondblindheit ist“, sagte er.

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