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Ursula Isbel
Reiterhof Dreililien 3 ‒ Der Frühling des Lebens
Saga
Reiterhof Dreililien 3 ‒ Der Frühling des LebensCopyright © 1994, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219609
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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1
Es war Herbst ‒ der fünfzehnte meines Lebens, mein erster Herbst auf Dreililien, fern von der Großstadt. In unserem Tal zwischen den Wäldern verfärbten sich die Buchen, das Laub der Birken wurde gelb und trocken und raschelte im Wind. Noch war das Gras grün und saftig, und die Pferde weideten auf den Koppeln und genossen die milde Wärme der Oktobersonne.
Ich saß auf dem Querbalken eines Koppelzaunes. Um mich her taumelten Blätter durch die Luft, sanken lautlos ins Gras. Eins blieb auf meinem Knie liegen, ein zweites auf meiner Schulter. Die Luft roch herb nach nassem, schon faulendem Laub, nach Moos und Baumschwämmen, vor allem aber nach Pferden. Und ich dachte flüchtig, wie gut diese Gerüche doch zusammenpaßten.
Für mich war der Geruch nach Pferden auf alle Zeit untrennbar mit der Erinnerung an den vergangenen Frühling verbunden, an die Zeit, als ich zum erstenmal widerstrebend hierhergekommen war ‒ ein Großstadtmädchen, voller Vorurteile dem Landleben gegenüber. So viele Empfindungen barg dieser Geruch für mich, gute und schlimme. Auch die Erinnerung an das Gefühl von Haß und Verzweiflung, weil ich meinen Vater plötzlich nicht mehr für mich allein hatte. Im letzten Frühling hatte er, lange nach dem Tod meiner Mutter, wieder eine Frau gefunden, die er liebte. So vieles war damals geschehen. Und was mir am wichtigsten von allem erschien, war meine Begegnung mit Matty und Jörn Moberg von Dreililien gewesen.
Das Gestüt Dreililien, dieses Tal mit seinen Koppeln und Wäldern, mein ganzes neues Leben auf dem Land ‒ dies alles würde für mich immer mit dem Geruch von Pferden verbunden sein.
Ich schloß die Augen und dachte eine Weile an gar nichts. Seit ich hier lebte, hatte ich gelernt, jede freie Minute gründlich auszukosten und jede Gelegenheit zum Faulenzen zu genießen. Eigentlich gab es immer Arbeit im Stall und im Freien, und seit dem Ende des Sommers auch wieder in der Schule. Es kam selten genug vor, daß ich einmal untätig herumsaß.
Fast wäre ich eingeschlafen, wenn mich nicht plötzlich jemand so in den Rücken gepufft hätte, daß ich um ein Haar vom Zaun gefallen wäre. Ich klammerte mich gerade noch rechtzeitig am Balken fest. Da tauchte dicht neben mir ein großer brauner Kopf auf, und eine feuchte Nase beschnupperte mein Gesicht.
Es war Hazel, mein Pferd. Ich wandte mich um, schlang die Arme um ihren Hals und vergrub mein Gesicht in ihrer Mähne.
Hazel war ein wichtiger Teil dieses neuen Lebens geworden. Manchmal kam es mir vor, als wäre die Freundschaft, die uns verband, von ganz besonderer Art, anders als die übliche Beziehung zwischen einem Reiter und einem Pferd. Denn Hazel war nicht mein Reitpferd, und ich war auch nie darauf versessen gewesen, ein eigenes Pferd zu haben. Ich hatte es Herrn Moberg abgekauft, dem Besitzer des Gestüts Dreililien, weil sie sonst zum Abdekker gebracht worden wäre ‒ das war die schlichte und nicht besonders romantische Wahrheit.
Im Sommer hatte Hazel plötzlich Hufrehe bekommen, und es war wohl jedem außer mir sofort klargewesen, daß das ihr Todesurteil bedeutete; denn ein Pferd mit Hufrehe kann kein vollwertiges Reit- oder Zuchtpferd mehr werden. Als ich das endlich begriffen hatte, gab es für mich nichts mehr zu überlegen. Ich hatte Hazel um einen Spottpreis gekauft, und seitdem gehörte sie mir. Daß sie nur noch sehr vorsichtig geritten werden konnte, störte mich nicht weiter. Hauptsache, sie hatte es gut und konnte weiter auf Dreililien bleiben. Als Entgelt für ihren Stallplatz und das Futter half ich bei der Arbeit. Das war ein Abkommen zwischen mir und Herrn Moberg, das wir beide fair fanden.
Hazel blies mir zärtlich ins Haar, wie sie es immer machte. Eine Weile schmusten wir so miteinander. Plötzlich aber zuckte sie zurück, wandte den Kopf und schnaubte. Als ich mich umsah, merkte ich, daß Jörn Moberg den Weg vom Dorf her geritten kam. Er nahm die Abkürzung über eine der Wiesen im Galopp, und sein halblanges Haar flatterte im Wind.
„Sieht er nicht wie ein blonder Indianer aus, Hazel?“ flüsterte ich.
Mit gespitzten Ohren beobachtete die Stute Pferd und Reiter. Ich hob den Arm und winkte, aber Jörn sah mich nicht.
Noch während ich ihm mit den Blicken folgte, wie er durch die Hofeinfahrt ritt, sah ich plötzlich, wie Emily, die Schimmelstute, leicht scheute. Jörn zügelte sie und sah sich um. Von der Wegkreuzung her näherte sich ein schwarzer Mercedes mit Pferdeanhänger.
Der Wagen machte vor dem alten Torbogen des Dreililienhofes halt. Ein dicker Mann stieg schwerfällig aus. Da schwang sich Jörn vom Pferd, ging auf ihn zu und führte Emily am Zügel neben sich her.
Die friedliche Stimmung war zerstört. Ich wandte mich ab und biß mir auf die Lippen. Der dicke Mann mit dem Mercedes war Friedrich Horkheimer. Ich hatte ihn schon ein paarmal von weitem gesehen. Er war Herrn Mobergs bester Kunde, ein Pferdehändler, der regelmäßig kam, um Pferde aus der Zucht von Dreililien zu kaufen.
Wieder stieß Hazel ein Schnauben aus. Ich streichelte geitesabwesend ihren Hals. „Das Geschäft mit Pferden ist hart, Nell“, hatten Jörn und sein Bruder Matty oft zu mir gesagt. „Für Gefühle ist da wenig Platz. Pferde haben ihren Marktwert, genau wie jede andere Ware; sie müssen Gewinn bringen und werden an den Meistbietenden verkauft. Nur wer Geld im Überfluß hat, kann aus Liebhaberei Pferde züchten und sie auch behalten ‒ und wer hat das schon?“
Ja, ich hatte inzwischen begriffen, daß auch Dreililien kein absolutes Paradies war, in dem man seine Tage unbeeinflußt von den harten Tatsachen des Lebens verbringen konnte. Ich hatte es begriffen, aber im tiefsten Herzen hatte ich es noch lange nicht eingesehen. Immer, wenn ein Pferd verkauft wurde, wenn seine Box im Stall plötzlich leer war, tat es mir weh; und ich wußte, daß es Matty und Jörn ebenso ging.
Wenn er nur Nell nicht verkauft! dachte ich plötzlich. Sie ist doch noch so klein und hilflos ‒ ich möchte, daß sie hierbleiben kann, daß sie nicht in fremde Hände kommt . . .
Während Hazel langsam wieder zu den anderen Stuten zurückkehrte, erinnerte ich mich an die Sommernacht, als Nell zur Welt gekommen war, Marnies Fohlen. Sie war das erste Fohlen, bei dem ich Geburtshilfe geleistet hatte. Zusammen mit Jörn hatte ich geholfen, Nell zur Welt zu bringen.
Jörn hatte dem Fohlen meinen Namen gegeben; und es war seitdem kein Tag vergangen, an dem ich nicht zur Koppel gegangen wäre, um nach Nell zu sehen und zu bewundern, wie sie wuchs und stark wurde und lernte, sich gegen die anderen Fohlen zu behaupten.
Jetzt mochte ich nicht länger auf dem Koppelzaun sitzen. Ich wußte, daß ich es nicht geschafft hätte, von weitem mitanzusehen, wie eines der Pferde in den Anhänger geführt wurde, wie Herr Horkheimer es in seinem dicken Mercedes für immer wegbrachte. Ich sprang ins Gras, zog meinen Pullover über den Kopf und ging zu Tante Karens Haus zurück.
Jetzt war das kleine gelbe Haus mit dem tiefgezogenen Dach und dem Rosenspalier bereits vom Pfad aus zu sehen. Noch vor einer Woche war es hinter dem Laub der Eiche, die in unserem Garten wuchs, verborgen gewesen. Nur noch ein paar letzte Rosen blühten am Spalier, und im Vorgarten, den Kirsty so liebevoll pflegte, streckten die Dahlien ihre runden Köpfe der Sonne entgegen.
Tante Karens Haus ‒ oder das Kavaliershäusl, wie Matty und Jörn es nannten ‒, gehörte Kirsty, Vaters Freundin. Sie hatte es von einer Tante geerbt; doch es war längere Zeit unbewohnt gewesen, bis Vater und Kirsty sich kennenlernten und beschlossen, hier zusammen zu leben. Das war im Spätfrühling dieses Jahres gewesen. Ich konnte mir kaum noch vorstellen, weshalb mir damals die Entscheidung so schwergefallen war, mit ihnen aufs Land zu ziehen.
Nun war ich hier zu Hause. Ich öffnete die Gartenpforte. Herr Alois, Kirstys wuscheliger brauner Hund, kam mir entgegengelaufen, sprang an mir hoch und versuchte mich zu küssen. Aus der Werkstatt erklang das Geräusch der Töpferscheibe.
Mit Herrn Alois ging ich ums Haus herum und durch den Obstgarten zur Tür des alten Schuppens, den mein Vater und Kirsty zur Töpferwerkstatt umgebaut hatten. Kirsty saß mit dem Rücken zur Tür, in ihrem tonbeschmierten Arbeitskittel, das goldbraune Haar unter einem Tuch verborgen. Sie hörte mich nicht kommen.
Plötzlich fiel mir ein, daß ich sie lieber nicht stören wollte, während sie an der Töpferscheibe saß, denn diese Arbeit verlangte ihre volle Aufmerksamkeit. Also machte ich wieder kehrt und setzte mich auf die Bank unter der Eiche. Herr Alois ließ sich seufzend zu meinen Füßen im Gras nieder.
Ich lehnte den Kopf gegen den rissigen Stamm und sah in das Gewirr der Zweige auf. Es war wie verhext ‒ sofort sah ich wieder den schwarzen Mercedes mit dem Pferdeanhänger und Horkheimers dicke Gestalt vor mir. Wie viele Pferde würde er kaufen? Vielleicht bloß eins ‒ wenn es nur nicht Nell war! Nein, Unsinn, Nell war noch zu jung. Was konnte der Pferdehändler schon mit einem Fohlen anfangen, das erst im Sommer geboren worden war?
Ich versuchte mich damit zu trösten, daß Jörn, Matty und ich immerhin das Schlimmste verhindert hatten. Zu Beginn der großen Ferien hatte es ganz so ausgesehen, als müßten die meisten Pferde von Dreililien verkauft werden, weil das Gestüt nicht mehr genug Geld einbrachte. Herr Moberg selbst war durch einen schweren Verkehrsunfall gehbehindert und konnte nicht mehr mitarbeiten. So war die Pferdezucht im Laufe der Zeit zu einem Verlustgeschäft für ihn geworden.
Um die Pferde zu retten, waren Jörn, Matty und ich auf die Idee gekommen, auf Dreililien eine Reitschule zu eröffnen und dort Reiterferien zu veranstalten. Herr Moberg hatte sich bereiterklärt, den Versuch zu wagen, doch nur unter der Bedingung, daß wir uns selbst um alles kümmerten.
Inzwischen hatten wir dreizehn Reitschüler ‒ sechs Anfänger und sieben Fortgeschrittene. Doch ohne Mikesch hätten wir es wohl trotzdem nie geschafft. Mikesch... Den hatte uns der Himmel geschickt.
Wir hatten Mikesch über eine Anzeige in einer alternativen Münchner Zeitung gefunden und schon beim ersten Kennenlernen festgestellt, daß er genau der war, den wir brauchten. Er kannte sich mit Pferden aus wie kaum ein anderer, war bereit, auf dem Land zu leben und für kaum mehr als ein Taschengeld zu arbeiten, konnte Reitunterricht erteilen und verstand es großartig, mit besorgten Müttern und verliebten Reitschülerinnen umzugehen.
Mikesch war einfach „die Antwort auf unsere Gebete“, wie Jörn einmal halb spöttisch, halb ernsthaft gesagt hatte. Darüber hinaus war er auch noch schön wie ein junger griechischer Gott.
Ich mußte unwillkürlich kichern, als ich daran dachte, wie verdutzt Matty und ich bei Mikeschs erstem Besuch gewesen waren. Keiner von uns hatte erwartet, daß auf unsere bescheidene Anzeige hin ein etwa achtundzwanzigjähriger Mann mit schwarzen Locken und strahlend bläuen Augen auftauchen würde, der aussah wie ein Dressman oder ein Fotomodell für Zigarettenreklame.
Seltsamerweise hatte uns sein gutes Aussehen anfangs durchaus nicht für ihn eingenommen, im Gegenteil. Als wir jedoch feststellten, daß Mikesch überhaupt nicht eingebildet und alles andere als ein Schönling war, hatten wir unsere Vorurteile schnell vergessen.
Jetzt gehörte Mikesch mit dazu. Ohne ihn konnte ich mir Dreililien nicht mehr vorstellen; und wenn der Reitschulbetrieb wirklich ein Erfolg wurde und genug Geld einbrachte, um das Gestüt zu retten, war das wohl in erster Linie ihm zu verdanken.
Der Wind trug mir das schrille Gewieher eines Pferdes von Dreililien her zu. Ich zuckte zusammen und dachte: Der Teufel soll diesen Horkheimer und seinesgleichen holen! Dann quietschte die Gartenpforte. Herr Alois sprang auf und rannte bellend über die Wiese.
Jemand kam um die Hausecke. Ich sah auf; es war
Matty. Zum erstenmal streichelte er Herrn Alois nicht, der ihn freudig umsprang. Mit verschlossenem Gesicht kam er zu mir, setzte sich neben mich auf die Bank und sagte: „Ich hab’s nicht mit ansehen können. Er hat Isabell und Odin abgeholt.“
2
Isabell — die schöne, eigenwillige Stute mit dem isabellfarbenen Fell, und ihr Hengstfohlen Odin, das erst zu Beginn dieses Sommers zur Welt gekommen war! Sie waren verkauft und wurden vielleicht gerade jetzt über die holprige Straße abtransportiert.
Stumm starrte ich Matty an. Er wandte den Blick von mir ab. Ich dachte, wieviel schlimmer es doch für ihn sein mußte als für mich, denn er war ja mit den Pferden von Dreililien aufgewachsen und liebte jedes einzelne.
Isabell und Odin ‒ ich würde sie nie Wiedersehen.
Ich schluckte, um den Kloß in meiner Kehle loszuwerden. Meine Augen brannten.
„Aber Odin“, sagte ich. Meine Stimme zitterte. „Er ist doch noch so jung!“
„Horkheimer hat die beiden im Auftrag eines westfälischen Züchters gekauft. Sie sind von besonders guter Rasse. Odins Vater ist ein erfolgreiches Rennpferd, ein Araber.“
Einen Augenblick lang wünschte ich, Isabell und Odin wären nur ganz gewöhnliche, stinknormale Pferde gewesen, die niemanden interessierten. Aber das war natürlich
Unsinn. Ein Gestüt wie Dreililien lebte davon, edle Pferde mit möglichst großem Gewinn zu verkaufen; und dieses Geschäft ging schlecht genug. Trotzdem wünschte ich, daß sich der Pferdeverkauf wenigstens etwas menschlicher abgespielt hätte, daß nette, tierliebende Privatleute gekommen wären, um sich ein Reitpferd bei uns auszusuchen ‒ Leute, denen man ansah, daß die Pferde es gut bei ihnen haben Würden. So aber nahm Horkheimer sie mit, und wir wußten nicht einmal, wie ihre neuen Besitzer sie behandeln würden.
Ich merkte, daß Matty mit den Tränen kämpfte, und legte den Arm um seine Schulter. Das war der einzige Trost, den ich ihm im Augenblick geben konnte.
Einige Zeit saßen wir so beisammen und sagten gar nichts, weil es nichts zu sagen gab. Erst nach einer Weile fragte ich: „Und Jörn? Was sagt Jörn dazu?“
„Gar nichts. Du kennst ihn ja. Wenn ihm etwas zu schaffen macht, zieht er sich in sein Schneckenhaus zurück. Er hat sein Laßt-mich-doch-alle-in-Ruhe-Gesicht aufgesetzt und ist in sein Zimmer verschwunden. Jetzt hört er Musik.“
Ich nickte. Ja, das war typisch Jörn. Er hatte mir einmal erklärt, daß er gelernt hätte, Probleme mit sich selbst abzumachen. Deshalb fiel es ihm jetzt schwer, damit zu anderen zu gehen, selbst wenn er das wollte.
„Und Mikesch?“ fragte ich.
„Der ist vor einer Stunde nach Frasdorf gefahren, um Futter zu holen.“
Matty fuhr sich mit dem Pulloverärmel über die Nase. Dann stand er auf. „Ich muß jetzt wieder hinüber“, sagte er. „Der Hufschmied kommt, und ich hab versprochen, ihm zu helfen. Joschi und Vroni machen beim Beschlagen immer Schwierigkeiten.“
Ich sah zu ihm auf und dachte plötzlich, wie hart er doch mit sich selbst war ‒ vielleicht konnte man es auch tapfer nennen. Er war fünfzehn, ein halbes Jahr jünger als ich; und doch kam er mir manchmal sehr erwachsen vor ‒ erwachsener sogar als Jörn mit seihen fast achtzehn Jahren.
Ich wußte sehr genau, daß Matty jetzt alles andere lieber getan hätte, als in den Stall von Dreililien zurückzugehen, daß auch er sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte, nur um Isabells leere Box nicht sehen zu müssen. Doch wenn Matty etwas versprochen hatte, hielt er es, auch, wenn es ihm noch so schwerfiel. Das war eine Eigenschaft, die ich an ihm bewunderte.
Unwillkürlich sagte ich: „Ich komme mit dir, Matty.“
„Das ist lieb von dir“, erwiderte er dankbar. „Vielleicht könntest du Mikesch später beim Abladen helfen. Wer weiß, wann Jörn wieder auftaucht. Wir können Mikesch ja nicht alle Arbeit allein machen lassen.“
„Er schuftet sowieso für drei“, stimmte ich zu, während wir aus dem Garten gingen. „Für die Arbeit, die er leistet, müßte er eigentlich ein Ministergehalt kriegen.“
„Und dabei können wir ihm nur einen Hungerlohn zahlen“, sagte Matty. „Aber du, ich glaube, das macht ihm nichts aus. Erst kürzlich hat er zu mir gesagt, daß er viel lieber eine Arbeit tut, die ihm Spaß macht und wenig Geld einbringt als eine, die ihm nicht gefällt, aber gut bezahlt ist. Außerdem ist’s ihm wichtig, daß er auf dem Land leben kann.“
„Und daß er mit Pferden zu tun hat“, fügte ich hinzu. „Schließlich ist er auf einem Gestüt aufgewachsen.“
Matty nickte, aber ich merkte an seinem Gesichtsausdruck, daß er mit den Gedanken nicht bei der Sache war. Genau wie ich dachte er wohl an Isabell und Odin. Um uns beide abzulenken, sagte ich: „Was meinst du, warum er nicht zu Hause geblieben ist?“
„Wer?“ fragte Matty.
„Mikesch natürlich. Ich meine, sein Vater ist ein bekannter Rennstallbesitzer. Da wär’s doch für Mikesch das Naheliegendste gewesen, zu Hause zu bleiben, mit seinem Vater zusammenzuarbeiten und später mal den Rennstall zu übernehmen, oder?“
„Du hast doch gehört, was Mikesch gesagt hat“, erwiderte Matty leicht ungeduldig. „Die beiden haben sich nicht verstanden.“
„Aber ist das ein Grund, gleich den ganzen Kontakt mit zu Hause abzubrechen? Da muß schon etwas Einschneidendes vorgefallen sein. Ich glaube eigentlich nicht, daß Mikesch so ein unversöhnlicher Typ ist.“
Matty runzelte die Stirn. „Nein, das glaube ich auch nicht. Jedenfalls hat er sich bisher über die Sache ausgeschwiegen, und dafür wird er seine Gründe haben. Er will offenbar nicht darüber reden. Das müssen wir akzeptieren, Nell.“
Ich sagte angriffslustig: „Wenn du denkst, daß ich neugierig bin, hast du dich getäuscht. Es ist nur so, daß ich Mikesch mag, und deshalb ist’s mir auch nicht gleichgültig, wie es ihm geht. Ich glaube, er ist manchmal verdammt einsam, und die Geschichte mit seinem Vater macht ihm bestimmt zu schaffen, auch wenn er nicht darüber redet oder – gerade, weil er es nicht tut.“
Wir starrten uns an. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten Streit bekommen, Matty und ich ‒ zum erstenmal, seit wir uns kannten. Doch da hatten wir den Hofplatz von Dreililien erreicht. Und als wir sahen, daß Horkheimers Mercedes mitsamt dem Anhänger verschwunden war, vergaßen wir unsere Meinungsverschiedenheit.
„Sie sind weg“, murmelte ich. „Vielleicht sind sie schon auf der Autobahn.“
„Wenigstens sind sie zusammen, Isabell und Odin.“
Der Hufschmied kam in seinem klapprigen Ford angefahren und ging mit Matty in den Stall. Ich mochte nicht mitkommen. Im Augenblick hätte ich am liebsten alles vergessen, was mit Pferden zusammenhing.
Ich sah zu dem alten Torbogen mit der zerbrochenen Kutscherlampe und dem steinernen Wappen auf, das drei Lilien zeigte. Der Torbogen verband Wohnhaus, Stallgebäude, Remise, Geräteschuppen und das ehemalige Gesindehaus zu einem Viereck, schirmte den Hof gleichsam gegen die Außenwelt ab. Hinter dem Rundbogen sah man den Innenhof mit den alten Gebäuden, die Hauswände mit den Baikonen, den stuckverzierten Fenstern und dem bröckelnden Verputz, und in der Mitte des Hofes den Ziehbrunnen unter der Linde, die ihre gelben Blätter auf die abgetretenen Pflastersteine streute.
Man merkte, daß der Gutshof einst bessere Zeiten gesehen hatte. Ursprünglich war Dreililien ein Rittergut gewesen, das ein Vorfahr der Mobergs als Lohn für treue Kriegsdienste vom Kaiser zum Geschenk bekommen hatte. Heute war der einstige Glanz verblaßt. An allen Ecken und Enden wären Reparaturen nötig gewesen, für die das Geld fehlte. Und doch lag ein besonderer Zauber über dem großen Hof, ein Zauber, dem der beginnende Verfall nichts anhaben konnte. Immer, wenn ich hierherkam, spürte ich aufs neue diesen Zauber, und wie so oft dachte ich auch heute: Dreililien ‒ das ist eine Welt für sich.
Aus dem Stall erklang Joschis Gewieher. Sie hatte eine ganz besondere, unverkennbare Art zu wiehern, wenn ihr etwas nicht paßte; und diesmal brauchte ich nicht lange zu raten, was es war. Joschi hatte eine alte Abneigung gegen den Hufschmied. Er mußte ihr einmal unabsichtlich beim Beschlagen weh getan haben, und das würde sie ihm wohl nie vergessen, so lange sie lebte.
Von der Wegkreuzung her hörte ich das vertraute Knattern des Lieferwagens. Ich hob den Kopf und sah mich um. Da kam Mikesch; seine schwarzen Locken glänzten hinter der Windschutzscheibe.
Auch er mußte mich bemerkt haben, denn er hupte, steuerte den Wagen mit einer quietschenden Rechtskurve auf den Hofplatz und rief aus dem Fenster: „He, Nell, war Horkheimer hier?“
„Ja“, sagte ich und ging zu ihm, während er anhielt und aus dem Führerhaus sprang. „Hast du ihn unterwegs gesehen?“
„Ich bin ihm kurz vor der Zufahrt zur Autobahn begegnet.“ Er sah mich forschend an. „Hat er Pferde gekauft?“
Ich nickte. „Isabell und Odin.“
Mikeschs blaue Augen verrieten nicht, was er über den Verkauf dachte. „Ich wußte gar nicht, daß Herr Moberg die beiden weggeben wollte“, war alles, was er sagte. Dann aber legte er die Arme um meine Schultern, genau wie ich es vorher bei Matty gemacht hatte. „Das sind eben die Schattenseiten, Nell.“
Ich sah zu ihm auf. „Aber Mikesch, warum muß immer alles Schattenseiten haben? Kann’s denn auf der Welt gar nichts geben, was einfach mal schön und problemlos ist?“
„Ach, Nell“, erwiderte er, „ich fühle mich wie ein Urgroßvater bei dem, was ich dir jetzt sage ‒ aber je älter ich werde, um so mehr begreife ich, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat. Das ist wohl so eine Art Naturgesetz. Alles hat seine Licht- und Schattenseite; eines scheint ohne das andere nicht möglich zu sein. Es gibt nichts, was nur gut oder nur schlecht ist.“ Er lächelte. „Aber da stehen wir herum und philosophieren, während wir eigentlich die Säcke abladen sollten. Du hilfst mir doch, oder?“
„Klar. Ich bin ja deswegen gekommen. Matty ist im Stall. Der Hufschmied ist da, und du weißt, daß Joschi und Vroni ihn nicht leiden können.“
Mikesch fragte nicht, wo Jörn wäre. Er wußte, was es für uns alle bedeutete, wenn Pferde verkauft wurden, und daß jeder von uns anders darauf reagierte. Gerade für Jörn hatte er eine Menge Verständnis. Es war noch nicht lange her, daß er zu mir gesagt hatte, Jörn sei eben schwierig wie alle besonders empfindsamen Menschen. Mikesch verstand und akzeptierte vieles bei anderen, auch wenn er keine großen Reden schwang und nicht mit einem Heilsarmee-Gesicht herumlief.
Wir öffneten die Ladeklappe und legten Bretter an den Lieferwagen. Dann begannen wir auszuladen. Ich half Mikesch, so gut ich konnte, obwohl die Säcke zu schwer waren, als daß ich sie auch nur ein Stück hätte anheben können. Ich mußte mich damit begnügen, sie herumzuzerren und zu schieben und mit anzupacken, wenn Mikesch sie über die Bretter rollte und auf die Schubkarre lud.
Wir schufteten so, daß ich kaum noch Zeit hatte, an Isabell und Odin zu denken. Nach einer halben Stunde hatten wir erst die Hälfte der Säcke ausgeladen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, daß ich es nicht besonders fair von Jörn fand, uns hier allein arbeiten zu lassen. Da kam Diana, die gefleckte Jagdhündin, durch den Torbogen gelaufen.
Wo Diana war, konnte Jörn nicht weit sein. Wirklich tauchte er gleich darauf unter der Kutscherlampe auf, die Hände in den Hosentaschen und jenen verschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht, den ich nur zu gut an ihm kannte.
Er kam und sagte: „Laß das, Nell, das ist zu schwer für dich. Ich helfe Mikesch schon.“
Die Behauptung, daß etwas zu schwer für mich sei, hat bei mir immer die Wirkung, daß ich sofort das Gegenteil beweisen will. Ich funkelte ihn böse an, preßte die Lippen zusammen und zerrte weiter an einem der Säcke herum.
Eine Weile arbeiteten wir schweigend. Mehrmals sah ich Jörn verstohlen von der Seite an, musterte sein schmales Gesicht mit den blonden Locken über dem Stirnband. Jörn war keineswegs schön, vor allem nicht, wenn man ihn mit Mikesch verglich. Doch da war etwas an ihm, das ihn ungemein anziehend für mich machte. Ich kann nicht sagen, ob es die lässige Anmut seiner Bewegungen war, sein Blick oder die Art, wie er die Augen verengte, wenn er lächelte. Vielleicht war es alles zusammen ‒ und noch vieles mehr.
Mein Ärger verflog. Jörn hatte mir einmal erklärt, daß er von klein auf gelernt hätte, Probleme mit sich selbst abzumachen, weil er damit nicht zu seinen Eltern gehen konnte. Auch heute hatte er sich wieder in sein Schneckenhaus zurückgezogen, doch diesmal war ich entschlossen, ihn herauszuholen, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab.
Mikesch sagte: „Horkheimer hat Isabell und Odin also gekauft. Weißt du, für wen?“
„Für einen Züchter in Westfalen“, erwidete Jörn in einem Ton, der deutlich sagte: Laß mich bloß in Ruhe!
Mikesch schien das jedoch nicht weiter zu stören. „Westfalen?“ wiederholte er. „An Julius Stende vielleicht?“
Jörn sah überrascht auf. „Ja, so heißt der Züchter. Kennst du ihn?“
„Mein Vater hatte öfter geschäftlich mit ihm zu tun“, erwiderte Mikesch. „Stende ist in Ordnung. Die Pferde sind gut bei ihm aufgehoben.“
Mir wurde bedeutend leichter ums Herz. Wenn Mikesch das sagte, stimmte es. Isabell und Odin kamen also in gute Hände!
Ich hob den Kopf und begegnete über die Schubkarre hinweg Jörns Blick. Unsere Finger berührten sich, als wir gleichzeitig nach dem Griff faßten.
Unwillkürlich mußte ich lächeln. Der gefrorene Ausdruck auf Jörns Gesicht verschwand. Seine Augen verengten sich; er lächelte zurück.
Ich sagte: „Die Schubkarre ist nicht zu schwer für mich, Jörn. Aber wenn du mit anpackst, geht’s natürlich leichter.“
Sein Lächeln wurde breiter. „Sieh mal an! Vorher dachte ich schon, du würdest mich beißen, als ich sagte, daß die Arbeit zu schwer für dich ist. Rothaarige Leute sind eben reizbar, das weiß man ja inzwischen.“ Er zwinkerte mir zu. „Oder ist heute die Emanze bei dir durchgekommen?“
„Vielleicht“, sagte ich würdevoll. „So wie bei dir der einsame Steppenwolf.“
Mikesch lachte. „Gib’s ihm nur, Nell. Was habt ihr übrigens gegen Emanzen und einsame Steppenwölfe? Alles, was sie lernen müssen, ist, daß es gemeinsam besser geht.“
3
Zu Hause war Kirsty damit beschäftigt, die Fensterkästen mit den Geranien in den Schuppen zu schaffen. Ich hielt ihr eine Strafpredigt.
„Kannst du nicht warten, bis Vater nach Hause kommt?“ sagte ich. „Meinst du, daß es gut für Kathrinchen ist, wenn du dich so abschleppst? Du bist schließlich schon im fünften Monat!“
Kirsty sah mit schuldbewußter Miene auf ihren Bauch, der sich unter dem weiten Rock wölbte. „Du hast ja recht, Nell. Aber es macht mich ganz verrückt, immer erst lange überlegen zu müssen, ehe ich etwas tue. Ich komme mir so schwächlich und unselbständig vor.“
„Ach was“, sagte ich. „Ein paar Monate lang wirst du’s wohl noch aushalten. Laß das jetzt, die anderen Kästen trage ich in den Schuppen!“
Ich hatte mich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, daß wir bald ein Baby im Haus haben würden, daß ich eine Halbschwester bekommen sollte, nachdem ich fünfzehn Jahre ohne Geschwister gelebt hatte. Anfangs hatte ich es unmöglich gefunden, daß mein Vater und Kirsty noch ein Kind bekamen, denn Vater war immerhin über Vierzig, und Kirsty Mitte Dreißig. Doch was schadete das eigentlich? Sie waren beide durchaus nicht spießig, voller Ideen und jung in ihrer Art, und ihr Kind würde bestimmt nie das Gefühl bekommen, „alte“ Eltern zu haben.
Natürlich hatten wir anfangs alle befürchtet, das Baby könnte mißgebildet zur Welt kommen, weil Kirsty und Vater nicht mehr sehr jung waren. Inzwischen hatte Kirsty sowohl eine Ultraschall-Untersuchung als auch einen Fruchtwassertest hinter sich, und die Ärzte hatten festgestellt, daß das Baby ganz gesund und normal war.
Wir nannten das Ungeborene Kathrinchen ‒ und nicht erst seit der Fruchtwasseruntersuchung, bei der sich herausgestellt hatte, daß Kirsty ein Mädchen bekommen würde. Sie hatte von Anfang an geahnt, daß es ein Mädchen war. Ich erinnerte mich noch genau an unser Gespräch im Spätsommer, als sie zu mir gesagt hatte: „Du, ich glaube, es ist ein Mädchen ‒ ich hab das so im Gefühl...“ Dann, als sie mich nach einem Namen für das Kind fragte, hatte ich „Kathrinchen“ gesagt, ohne lange zu überlegen. Seitdem hieß das kleine Wesen in ihrem Bauch so.
Kirsty setzte Kaffeewasser auf und deckte den Küchentisch. Sie bewegte sich längst nicht mehr so leicht und anmutig wie früher. Auch ihr Gesicht veränderte sich. Es war für gewöhnlich sehr schmal, mit hohen Backenknochen und leicht eingefallenen Wangen. Jetzt wirkten ihre Züge etwas verschwommen, fast aufgedunsen. Ihre Kinnpartie war vergröbert, ihr Hals dicker. Außerdem hatte sie braune Flecke auf der Stirn und um die Nase, die früher nicht dagewesen waren.
„Ich hab den Spiegel in meinem Zimmer zugehängt, Nell“, sagte sie und schnitt eine komische Grimasse. „Wirklich, ich mag mich gar nicht mehr ansehen. Wer das idiotische Gerücht verbreitet hat, daß eine Frau in der Schwangerschaft schöner wird, möchte ich mal wissen. Wenn ich den erwische!“
„Wahrscheinlich ein Mann, der einen Mutterkomplex hatte“, sagte ich.
Kirsty kicherte. Ich setzte mich zu ihr an den Küchentisch und trank einen Schluck Kaffee. Ohne die blühenden Geranien wirkten die Fenster irgendwie nackt. Noch vor kurzem war draußen alles so grün gewesen, die Wiesen, Bäume und Hecken; jetzt aber schien die Welt kahl und leer zu werden. Hinter den Fensterscheiben taumelten Blätter durch die Luft. Der Garten war von einem Laubteppich bedeckt.
Kirsty sah ebenfalls hinaus. „Jetzt fängt der November an“, sagte sie. „Ein trister Monat ‒ puh!“ Sie schauderte leicht. „Was wird eigentlich aus euren Reiterferien, die ihr für den Herbst geplant habt? Haben sich schon Leute gemeldet?“
Ich erwiderte: „Nein, wir haben’s uns anders überlegt. Du weißt ja, daß es bei uns in Bayern keine richtigen Herbstferien gibt. Allerheiligen haben wir vier Tage schulfrei, das ist alles. Natürlich sind in Norddeutschland Ferien, und der Sachbearbeiter vom Reisebüro, mit dem Mikesch gesprochen hat, meinte schon, daß ein paar Leute nach Dreililien kommen würden. Aber wir müssen schließlich zur Schule, und Mikesch kann unmöglich die ganze Arbeit allein machen.“
„Da hast du recht“, sagte Kirsty. „Wenn man sich vorstellt, daß zehn oder zwanzig jugendliche von morgens bis abends auf Dreililien herumwuseln und reiten lernen wollen, und Mikesch soll sich um alles kümmern! Nein, das wäre wirklich zu viel verlangt.“
„Wir könnten ihm kaum helfen, wenn wir erst nachmittags aus Rosenheim kommen und dann auch noch Schularbeiten machen müssen“, stimmte ich zu. „Aber in den Weihnachtsferien geht’s dann los. Herr Wagner vom Reisebüro hat vor zwei Tagen angerufen und gesagt, daß schon fünf Voranmeldungen für die Reiterferien eingegangen sind.“
„Jetzt schon? Das ist nicht schlecht. Wie viele Gäste wollt ihr denn im Höchstfall aufnehmen?“
„Mikesch meint, mehr als fünfzehn könnten wir nicht verkraften.“
„Mit fünfzehn Leuten habt ihr bestimmt alle Hände voll zu tun. Aber wer soll überhaupt auf Dreililien für die Reitschüler kochen und die Zimmer in Ordnung halten? Das kann Frau Moberg doch unmöglich alles schaffen ‒ sie und das Mädchen kommen mit der Arbeit jetzt schon kaum um die Runden. Kein Wunder bei dem riesigen Haus.“
„Das haben wir uns alles überlegt. Carmen hat schon mit einer Frau gesprochen, die in Mariabrunn wohnt; Hopfwieser heißt sie. Sie ist Witwe und hat nur eine kleine Rente. Ich glaube, sie ist froh, wenn sie zwischendurch für ein paar Wochen arbeiten und sich ein bißchen Geld dazuverdienen kann. Jedenfalls hat sie Carmen gesagt, daß sie während der Weihnachtsferien gern jeden Tag nach Dreililien käme und die Reitschüler versorgte.“
„Na, wenn ihr euch so gut um alles kümmert, muß es ja klappen!“ Kirsty lächelte plötzlich. „Wenn ich bloß verstehen könnte, wie zwei urbayerische Bauern wie Carmens Eltern dazu kommen, ihrer Tochter einen spanischen Vornamen zu geben! Ein pausbäckiges, rotblondes Mädchen mit oberbayerischem Dialekt ‒ und dann Carmen!“
Ich sagte: „Ja, bei mir hat’s auch einige Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnen konnte. Ich glaube, die Bergers haben ihre Hochzeitsreise nach Spanien gemacht. Dabei kam ihnen wohl die Idee mit dem Vornamen.“
Carmen Berger wohnte in Mariabrunn, nicht weit von Dreililien und dem Kavaliershäusl entfernt. Ihre Eltern hatten am Dorfrand einen Bauernhof, den Carmen als ihr einziges Kind später übernehmen sollte. Dabei wollte sie eigentlich gar nicht Bäuerin werden, sondern Tierpflegerin. Ich hatte Carmen von Anfang an gleich gern gehabt, weil sie aufrichtig und geradlinig war und weil man sich auf sie verlassen konnte.
„Aber sie ist ein prima Kerl“, fügte ich hinzu, als müßte ich sie verteidigen. „Ohne sie wär’s bestimmt scheußlich für mich gewesen, mich in der neuen Schule einzugewöhnen. Es ist ein Mordsglück, daß ich in dieselbe Klasse gekommen bin wie sie.“
Dabei fiel mir ein, daß ich noch Schularbeiten zu machen hatte. Seufzend ging ich die Treppe hinauf in mein Zimmer, während Kirsty in ihre Töpferwerkstatt zurückkehrte. Für halb vier Uhr hatte mir Jörn eine Reitstunde versprochen; bis dahin hatte ich Zeit, an einem Kurzreferat über Shakespeare zu arbeiten, das ich seit Tagen vor mir herschob.
Seit die Tage kürzer und grauer geworden waren, hatte ich meinen Schreibtisch ans Fenster gerückt. Doch der Platz hatte den Nachteil, daß ich von dort aus die Koppeln sehen konnte und mich nur zu leicht ablenken ließ.
Auch diesmal schweifte mein Blick immer wieder zu den Fohlen am Bachufer, die ausgelassen herumtollten und spielerische Wettkämpfe ausfochten. Das kleinste, kastanienbraune mit der hellen Mähne und dem flachsfarbenen Schweif war Nell. Sie hatte inzwischen gelernt, sich unter all den Wildfängen zu behaupten.
Nur ein Hengstfohlen fehlte, das immer allen voran gewesen war ‒ Odin. Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu trösten, daß er sich schon morgen wieder mit anderen Fohlen auf einer anderen Koppel balgen würde. Mikesch selbst hatte gesagt, daß der neue Besitzer ein Mann war, bei dem die Pferde es gut hatten. Odin und Isabell würden sich bestimmt bald eingewöhnen.
Es war nicht leicht, die Pferde zu vergessen und mich auf Shakespeare zu konzentrieren. Dabei hatte ich erst vor kurzem entdeckt, daß ich ihn mochte. Seinen Texten merkte man an, daß er nicht nur ein genialer Dichter gewesen war, sondern auch ein hervorragender Menschenkenner, und daß das, was er in Reimform über die Menschen sagte, heute noch genauso zutreffend war wie vor vierhundert Jahren.
Als ich drei Seiten vollgekritzelt hatte, war es gleich halb vier, und ich war noch lange nicht fertig. Doch da ließ ich Shakespeare Shakespeare sein, schleuderte das Heft aufs Bett, stürmte aus dem Haus und lief nach Dreililien. An der Wegkreuzung stand Jörn und wartete auf mich.
4
Ich stand vor dem Spiegel in meinem Zimmer und versuchte zu entscheiden, ob ich meine Haare an diesem besonderen Abend offen tragen oder im Nacken zu einem Zopf flechten sollte. Meine roten Haare waren eigentlich das Schönste an mir, fand ich. Ich war stolz auf sie ‒ wenigstens seit einigen Jahren. Als Kind hätte ich viel für eine weniger auffallende Haarfarbe gegeben.
Ich griff nach der Bürste und probierte ein paar Frisuren aus. Wie immer, wenn ich meine Haare frisch gewaschen habe, knisterten sie, als könnten sie jeden Augenblick Funken sprühen. Sie bauschten sich wie eine rote Wolke um mein Gesicht.
Ich beschloß, sie weder mit Bändern noch mit Kämmen zurückzustecken, und ließ sie einfach wirr auf die Schultern herabhängen. So gefiel ich mir heute am besten.
Es war wichtig, daß ich an diesem Abend gut aussah. Jörn hatte mich gefragt, ob ich mit ihm zum Geburtstagsfest eines Freundes fahren wollte.
„Ich hab keine Lust, allein hinzugehen“, hatte er gestern gesagt. „Fast alle Leute aus meinem Jahrgang kommen ‒ immer die gleichen Typen und die gleichen Gespräche. Oder magst du nicht mitkommen?“
„Doch“, erwiderte ich, „doch, ich mag.“ Und ich hatte versucht, so zu tun, als wäre es ein ganz alltägliches Ereignis, von Jörn eingeladen zu werden. Dabei war es das erste Mal, daß er mich zu einem Fest mitnahm, und ich hätte am liebsten die ganze Welt umarmt.
Ich begann meine Augen zu bemalen. Das Ergebnis war, daß ich wie eine kranke Eule aussah. Ich wischte etwas von der Schminke wieder ab, trug nur ein bißchen Lippenglanz auf und rieb vorsichtig etwas Wangenrot auf meine Bakkenknochen.
Am schwierigsten war die Entscheidung, was ich anziehen sollte. Ich hatte den ganzen Tag darüber nachgedacht. Im Grunde hatte ich außer mehreren Jeans, T-Shirts, weiten Pullovern, einigen Röcken und indischen Kleidern nicht allzuviel Auswahl. Seit ich Hazel gekauft hatte und fast mein ganzes Taschengeld für Futter, Tierarzt und Hufschmied brauchte, blieb für Kleidung sowieso nichts mehr übrig.
Schließlich zog ich zu den Jeans ein schwarzes T-Shirt an und darüber ein eng geschnittenes Samtjäckchen, das noch aus der Mädchenzeit meiner Mutter stammte. Das nostalgische Jäckchen bildete einen hübschen Kontrast zu der ausgebleichten Hose, fand ich, und der schwarze Samt paßte gut zu meinen Haaren.
Mein Vater saß in der Küche, als ich nach unten kam. „Laß dich mal ansehen!“ sagte er und schob mich unter die Lampe. „Alle Achtung! Du siehst wie Maureen O’Hara in Vom Winde verweht aus!“
„Soll das ein Kompliment sein?“ fragte ich mißtrauisch.
„Klar, was denn sonst?“ Er lächelte auf mich hinunter. „Mir scheint, meine Tochter wird erwachsen.“
Er stockte. Vor dem Haus erklang das keuchende Geräusch von Jörns altem VW-Käfer. Die Wagentür wurde zugeschlagen, Herr Alois bellte, und Jörn stand im Türrahmen.
„Fertig, Nell?“ fragte er und nickte meinem Vater zu.
Ich griff nach meinem Lederbeutel. Mein Vater sagte: „Bitte fahr vorsichtig und trink nicht zu viel während der Party, Jörn. Mit Alkohol am Steuer passieren die schlimmsten Unfälle.“
Er sah aus, als wollte er noch eine ganze Menge mehr sagen, aber Jörn antwortete rasch: „Keine Sorge, ich bringe Nell gut wieder nach Hause.“ Dann verschwanden wir eilig, ehe Vater noch weitere Ermahnungen von Stapel lassen konnte.
„Tut mir leid“, sagte ich, als wir im Auto saßen und losfuhren.
„Schon gut. Ist doch ganz normal, daß er sich Sorgen um dich macht. Es passiert ja auch allerhand. Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“
„Sie gewaschen, sonst nichts.“
„Du solltest sie öfter so tragen.“
Zum Glück war es dunkel im Wagen. Jörn konnte nicht sehen, daß ich rot wurde. „Bei der Arbeit muß ich sie zurückbinden, sonst stören sie mich“, sagte ich.
In Mariabrunn war kein Mensch mehr auf der Straße. Nur ein Hund streunte über den Kirchberg. In den Bauernhäusern waren die Fenster erleuchtet. Was für ein verschlafenes Nest! dachte ich so wie damals, als ich zum erstenmal hierhergekommen war. Doch diesmal erfüllte mich nicht Verachtung bei dem Gedanken, sondern Zuneigung.
Jörns Freund wohnte in einem Einfamilienhaus am Rand von Rosenheim. Laute Rockmusik schallte uns entgegen, als wir aus dem Auto stiegen.
„Wenn die so weitermachen, ruft in zehn Minuten jemand die Polizei wegen Ruhestörung an“, sagte Jörn.
Das Fest fand im Keller statt, in einer Art Hobbyraum. Die Neonlampen waren mit Tüchern verhängt. Es waren schon viele Leute da ‒ zu viele für meinen Geschmack. Ein paar von ihnen hatte ich bereits flüchtig in der Schule gesehen, doch ich hatte noch mit keinem ein Wort gewechselt.
Jörn bahnte sich einen Weg durch das Gewühl. Ich versuchte, mich hinter ihm zu verstecken, bis ich merkte, daß mich sowieso niemand beachtete. Ein Junge, der etwas älter als Jörn wirkte, löste sich aus einer Gruppe von Leuten und stieß Jörn spielerisch mit der Faust gegen die Brust.
„Hallo, Wildtöter“, sagte er. „Du hast dich doch wohl hoffentlich nicht hergewagt, ohne mir ein Geschenk mitzubringen?“
Jörn überreichte ihm feierlich ein Päckchen, das in rotes Papier eingewickelt war. Die beiden unterhielten sich eine Weile. Ich kam mir überflüssig vor, blieb aber stehen, weil ich nicht wußte, wohin ich gehen sollte.
Schließlich verschwand der Junge wieder, den Jörn „Tuck“ nannte. Die Musik war jetzt so laut, daß man sich nur noch schreiend verständigen konnte. Irgendwo in einer Ecke war ein Platz frei; dorthin kämpften wir uns durch und ließen uns auf dem Teppich nieder.
„Willst du was trinken?“ fragte Jörn.
Ich nickte ‒ nicht, weil ich wirklich durstig war, sondern weil es mir besser erschien, eine Beschäftigung zu haben und etwas in der Hand zu halten.
Jörn verschwand. Jemand brüllte: „Musik leiser!“ Aber niemand kümmerte sich darum.
Meine Handflächen waren schweißnaß. Ich fühlte mich total unsicher. Es war nicht so, daß ich nie auf solchen Festen gewesen wäre, im Gegenteil. In München war ich ziemlich oft eingeladen gewesen und hatte auch selbst zu meinem Geburtstag immer ein Fest gegeben. Allerdings hatte ich damals fast alle Leute gekannt, die mitgemacht hatten. Hier aber kannte ich außer Jörn keinen Menschen. Zu allem Überfluß war ich sicherlich die Jüngste von allen. Ich kam mir vor wie ein Schulmädchen unter lauter Erwachsenen.
Ich steckte die Hände in die Hosentaschen, versuchte meine Unsicherheit zu verbergen und sah mich um. Jörns Freund Tuck hatte eine seltsame Mischung von Gästen eingeladen, fand ich ‒ da standen vier oder fünf Popper beisammen, dazwischen ein paar Mädchen und Jungen mit Punk-Frisuren, schwarzen Jacken und Stiefeln, und dann wieder freakige Typen mit Jeans, langen Haaren und Nickelbrillen.
Endlich kam Jörn zurück. Er hielt in jeder Hand einen Pappbecher. Ich wollte schon aufatmen, da sah ich, daß er nicht allein war. Ein Mädchen folgte ihm und redete auf ihn ein.
Ein einziger Blick auf sie genügte, um zu bewirken, daß ich mich wie eine Feldmaus fühlte. Sie war zwar nicht wirklich schön, aber ausgesprochen attraktiv, mit langen blonden Haaren, schräg geschminkten Augen und breitem Mund. Zu allem Überfluß hatte sie eine perfekte Figur, und ihre Kleidung sah nach einer der teuersten Münchner Boutiquen aus ‒ ein weiter Rock aus verschieden gemusterten Seidenstoffen, mit Spitzen und Volants besetzt, eine karierte Seidenbluse mit Rüschen und Glitzereffekt und dazu eine verzierte Lederweste mit passenden Cowboystiefeln. Sie wirkte wie ein schillernder Paradiesvogel.
Es kostete mich einige Überwindung, sitzen zu bleiben und mich nicht irgendwo zu verstecken. Jörn ließ sich wieder neben mir nieder; das blonde Mädchen setzte sich zu uns. Mich bedachte sie nur mit einem flüchtigen Blick. Dann schien ihr Urteil über mich festzustehen: unbedeutend. Es stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
Für einen Augenblick verstummte die Musik. Offenbar wurde das Tonband gewechselt. Jörn sagte: „Das ist Nell. Nell, das ist Bella.“
„Hallo“, murmelte ich schwach.
Bella sagte mit katzenhaft sanfter Stimme: „Ich wußte gar nicht, daß du eine kleine Schwester hast, Wildtöter.“
Jörn grinste. Er schien ihre Bemerkung für einen Witz zu halten. Ich aber wußte genau, wie sie gemeint war. So kühl wie möglich erwiderte ich: „Ich bin nicht seine Schwester. Ich bin seine Enkeltochter.“
Bella starrte mich an, als wäre ich ein Huhn, das plötzlich anhebt, eine Opernarie zu singen. Jörn sah von mir zu Bella und schien die ganze Szene höchst amüsant zu finden.
Ich nahm meinen Pappbecher und stand auf. „Ich sehe mich mal ein bißchen um“, sagte ich möglichst lässig und zwängte mich zwischen den geschniegelten Popperjünglingen durch.
Minutenlang erfüllte mich mein würdevoller Abgang mit Triumph. Dann aber fühlte ich mich doppelt elend und fehl am Platz. Ich hatte Jörn sozusagen freiwillig dieser Bella überlassen und war jetzt allein unter all den Leuten, die sich nicht für mich interessierten. Die Vorstellung, irgendwo unbeachtet herumzustehen oder wie ein Mauerblümchen mit meinem Pappbecher in einer Ecke zu sitzen, heiterte mich auch nicht gerade auf.
Plötzlich sagte eine Stimme dicht neben mir: „Wenn du gehen willst, sag’s. Ich komme mit.“
Ich sah auf, nicht sicher, ob ich wirklich gemeint war. Da stand ein Junge, der so üppige dunkle Haare und einen so dichten Bart hatte, daß man sein Gesicht kaum sah. Zwischen all den Haaren waren runde Brillengläser und dahinter zwei schwarze Augen, die mich freundlich und prüfend musterten.
Ich erwiderte: „Wollen schon. Aber ich bin nicht auf einen Fußmarsch von vierundfünfzig Kilometern eingerichtet.“
„Das ist allerdings ein Hinderungsgrund“, gab er mit leichtem Grinsen zu. „Es ist echt komisch, weißt du. Immer wieder schwöre ich mir, daß ich auf kein Fest mehr gehe, und immer wieder tue ich’s trotzdem. Dabei heißt es doch, daß der Mensch aus Erfahrung klug wird.“
„Vielleicht hofft man immer, daß es irgendwann doch mal etwas bringt.“
„Oder daß man irgendwann jemanden trifft, mit dem man wirklich reden kann“, stimmte er zu. „Du bist mit dem Wildtöter gekommen, wie?“
„Ja“, sagte ich. „Warum nennt ihr Jörn eigentlich den Wildtöter? Wegen seiner indianischen Weste?“
„Eher deshalb, weil er ein Einzelgänger ist. Außerdem bewegt er sich so... na ja, so heimlich und geschmeidig, als wäre er einem Wild auf der Fährte.“
Das war eine gute Beschreibung für Jörns Art zu gehen. Ich nickte und fragte: „Bist du in der Abiturklasse?“
„Manchmal“, sagte er. „Ich meine, eigentlich schon, aber man soll’s nicht übertreiben mit der Schule. Und du? Kommst du auch aus der Prärie?“
„Nein“, erwiderte ich. „Nicht aus der Prärie, sondern vom Dorf.“
Er grinste. „Schade. Es hätte so gut zu dir gepaßt, wenn du die Tochter eines großen Ranchers gewesen wärst, die sich in den Wildtöter verliebt hat.“
Ich mußte lachen, ob ich wollte oder nicht. „Du siehst zu viele Wildwestfilme“, sagte ich.
Plötzlich drehte wieder jemand die Musik laut auf, so laut, daß ich seine Antwort nicht verstand. Ich trank einen Schluck Wein aus dem Becher; er schmeckte scheußlich, wie Essig.
Der bärtige Junge schüttelte den Kopf und deutete mit dem Zeigefinger an die Stirn. Dann schrie er: „Lauter Verrückte! Übrigens, ich heiße Malte. Und du?“
„Nell!“ schrie ich zurück.
Eine Weile schwiegen wir, weil eine Unterhaltung einfach nicht möglich war. Heimlich sah ich mich nach Jörn um, doch um uns her war eine Mauer von fremden Gesichtern. Ein paar Leute begannen zu tanzen; wie sie dazu Platz fanden, war mir ein Rätsel. Tuck, der Junge, der das Fest gab, brachte einen Korb voller Äpfel und warf einen nach dem anderen in die Menge. Überall wurde geschrien und gejohlt. Viele machten Luftsprünge und fingen die Äpfel auf. Einer streifte mich an der Schulter und fiel zu Boden.
Ich dachte: Ich möchte nach Hause. Warum hat Jörn mich mitgenommen, wenn er sich nicht um mich kümmert? Dabei vergaß ich, daß ich von ihm weggegangen war.
Endlich wurde die Musik wieder leiser gestellt. Malte stand noch immer neben mir. Er sagte: „Und was machst du so auf dem Land?“
„Ich arbeite“, sagte ich. „Ich helfe im Stall, mit den Pferden. Jörns Vater hat ein Gestüt, weißt du.“
„Also doch ein bißchen Prärie. Du bist eine, die den ganzen Tag Stallmist an den Stiefeln hat.“
Das klang wie „eine von denen“ ‒ leicht verächtlich, fand ich. Angriffslustig erwiderte ich: „ Und was soll daran schlecht sein, möchte ich wissen? Es kann schließlich nicht lauter Intellektuelle auf der Welt geben. Du bist sicher einer, der den ganzen Tag die Nase in utopische Romane steckt und zehn Meter über dem Boden schwebt.“
„Jetzt hat sie’s dir aber gegeben, Malte.“ Das war Jörn; er stand plötzlich neben uns. „Und sie hat dich gar nicht so schlecht beschrieben.“ Er lachte. „Ich glaube fast, du entwickelst Menschenkenntnis, Nell.“
Einen Augenblick lang erwiderte ich gar nichts. Ich war wütend; wütend auf dieses Fest im allgemeinen und auf Jörn im besonderen. Dann sagte ich finster: „Das kann man von gewissen anderen Leuten leider nicht behaupten.“
„Oh“, sagte Malte. „Hat man dich mit der unwiderstehlichen Bella gesehen, Wildtöter?“
„Sie war in letzter Zeit äußerst huldvoll zu mir“, stimmte Jörn spöttisch zu. „Ich stehe wohl auf ihrer Abschußliste:“
Mein Ärger stieg. „Darauf kannst du ja mächtig stolz sein“, sagte ich.
„Klar. Ich platze vor Stolz“, versicherte Jörn ungerührt.
Ich hätte ihm am liebsten einen Fußtritt versetzt. „Ich glaube nicht, daß sie sein Typ ist“, sagte Malte mit onkelhafter Miene zu mir. Die Situation schien ihm Spaß zu machen.
Ich versuchte so zu tun, als ginge mich das alles nichts an, doch es mißlang mir gründlich. „Das interessiert mich nicht!“ zischte ich.
Malte sagte geheimnisvoll: „Es gibt Blender und solche, die mit sich und anderen ehrlich sind. Zwar heißt es immer, daß die Blender das Rennen machen, aber da bin ich gar nicht so sicher.“
Ich wußte nicht genau, was er meinte. Sollte das bedeuten, daß Mädchen wie Bella seiner Meinung nach nur durch ihr Aussehen und ihre Aufmachung blenden, und daß ich zu der ehrlichen Sorte gehörte? Unsicher sah ich ihn an.
„Malte, der große Philosoph“, spottete Jörn. „Übrigens hoffe ich, daß du recht hast.“
Er hoffte es? Was sollte das jetzt schon wieder heißen? Ich preßte die Lippen zusammen und nahm mir vor, kein einziges Wort mehr zu sagen. Der Entschluß wurde mir leichtgemacht, denn plötzlich tauchten ein paar Schulfreunde von Jörn oder Malte auf und redeten lang und breit über irgendeinen Hausaufsatz.
Zu allem Überfluß erschien auch Bella wieder, zusammen mit einem ziemlich unscheinbaren Mädchen. Ich dachte unfreundlich, daß Bella sie wohl als eine Art farblosen Hintergrund benutzte, vor dem sie doppelt auffiel.
Jörn schien vergessen zu haben, daß es mich noch gab. Ich trat einen Schritt zurück, lehnte mich gegen die Kellerwand und beobachtete, wie Bella ihn mit Beschlag belegte. Sie stand neben ihm, hatte die Hand wie unabsichtlich auf seinen Arm gelegt und machte eine Bemerkung, die ihn zum Lachen brachte. Er erwiderte etwas, worauf sie heftig den Kopf schüttelte.
Dann merkte ich, wie Jörn sich suchend umsah. Rasch wandte ich mich ab, Er sollte nicht wissen, daß ich ihn beobachtete, nicht merken, daß mir zum Heulen zumute war.
Ganz plötzlich hielt ich es nicht länger aus. Ich mußte fort von hier. Es war irgendwie demütigend, so unbeachtet herumstehen zu müssen, mich so überflüssig zu fühlen. Ich haßte Jörn in diesem Augenblick richtig. Die Möglichkeit, zu ihm zu gehen, ihm zu zeigen, daß ich mich nicht wohl fühlte und ihn brauchte, kam mir erst viel später in den Sinn. Ich war nur wütend und trotzig, hatte nichts als dein Wuhsch, wegzukommen.
Ohne lange zu überlegen, drängte ich mich durch das Gewühl zur Tür. Im Treppenhaus sah ich auf meine Armbanduhr. Es war halb elf. Der letzte Bus nach Mariabrunn ging um elf Uhr fünf vom Rosenheimer Bahnhof, das wußte ich. Wenn ich mich beeilte, fand ich vielleicht hier in der Nähe die Haltestelle eines Linienbusses und kam noch rechtzeitig zum Bahnhof.
Auf der Straße war es still und dunkel. Die ständigen Warnungen und die Berichte von Überfall und Vergewaltigung hätten in mir schon von Kindheit an eine unüberwindliche Angst vor dunklen Vorstadtstraßen ausgelöst, die mich nun mit aller Heftigkeit überfiel, sobald ich den Bürgersteig betrat.
Meine Schritte hallten hohl auf dem Pflaster wider. Irgendwo verbreitete eine Straßenlaterne ihr trübes Licht. Ich mußte mich zwingen, weiterzugehen. Doch umkehren wollte ich um keinen Preis.
Plötzlich hörte ich, wie jemand meinen Namen rief. Jörn! dachte ich mit einer Mischung aus Zorn und Erleichterung.
Es war nicht Jörn. Es war Malte, der mir auf einem Fahrrad folgte. Er hatte einen schwarzen Schlapphut tief ins Gesicht gezogen und sah aus wie ein Gangster in einem Humphrey-Bogart-Film.
„Willst du zu Fuß in dein Dorf zurückgehen?“ fragte er und radelte langsam neben mir her.
„Nein“, sagte ich. „Kurz nach elf geht der letzte Bus vom Bahnhof ab. Vielleicht erwische ich ihn. Weißt du, ob hier irgendwo eine Haltestelle ist?“
Er blieb stehen. „Steig auf“, erwiderte er nur. „Ich bringe dich zum Bahnhof.“
Ich setzte mich seitlich auf die Fahrradstange und hielt mich in der Mitte der Lenkstange fest. „Wieso hast du gemerkt, daß ich weggegangen bin?“
„Zufall“, sagte Malte. „Das heißt, ich hab’s kommen sehen.“ Langsam radelte er wieder los. „Jörn wird sich wundern, daß du plötzlich verschwunden bist.“
„Schon möglich“, versetzte ich kühl. Dann redeten wir eine Weile gar nichts mehr.
Ich fröstelte, denn die Nachtluft war kühl. Es roch nach faulendem Laub. Ich merkte, wie sich meine Wut in Traurigkeit verwandelte. Meine Augen wurden feucht, und meine Nase begann zu laufen. Ich war froh, daß es Malte in der Dunkelheit nicht sehen konnte.
Als wir den Bahnhof erreichten, stand der Bus schon da. Er war leer bis auf den Fahrer, der Zeitung las. Ziemlich steif stieg ich von der Fahrradstange.
„Mach’s gut“, sagte Malte. Ich erwiderte nur: „Danke.“
Dann stieg ich in den Bus. Durch das Fenster sah ich Malte nach, wie er die verlassene Straße entlangradelte. Erst als ich meine Fahrkarte kaufen wollte, merkte ich, daß ich kein Geld bei mir hatte.
Zum Glück kannte mich der Busfahrer und sagte gutmütig in seinem breiten Bayerisch: „Macht nix. Dann zoist halt nächstsmoi, Madl.“
Ich setzte mich auf die hinterste Bank und fühlte mich kreuzunglücklich. An den Heimweg von Mariabrunn nach Dreililien durfte ich gar nicht denken. Noch nie war ich nachts allein durch die Gegend gewandert ‒ einsam in der Dunkelheit wie die Heldin in einem Horrorfilm. Natürlich hätte ich von der Telefonzelle beim Wirt aus meinen Vater anrufen und ihn bitten können, mich abzuholen. Doch was passiert war, war eine Sache zwischen mir und Jörn. Ich wollte nicht, daß Vater davon erfuhr. Niemand sollte etwas davon erfahren. Es ging nur uns beide etwas an.
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