Read the book: «Wintertauber Tod»

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In einem abgelegenen Schweizer Dörfchen sind eines Morgens alle Türen mit Zeichen aus Katzenblut bemalt. Bis auf sieben. Kurz darauf wird eine grausam verstümmelte Leiche gefunden, und ein Zwillingspaar verschwindet spurlos. Sie alle waren Bewohner der sieben Häuser ohne Blutzeichen an der Tür. Simon Tanner, der seit seinem freiwilligen Abschied aus dem Polizeidienst in dem nebelverhangenen Dorf wohnt, begibt sich auf die Spur. Zusammen mit seinem Freund und ehemaligen Kollegen Kommissar Serge Michel entdeckt er, dass es sich bei dem Blut an den Türen um alttestamentarische Schutzzeichen handelt. Missgunst, Ränkespiele und lang unterdrückte blutige Geheimnisse tun sich hinter der idyllischen Dorfkulisse auf. Erst die Erwähnung einer selten gewordenen Apfelsorte bringt Tanner auf die Spur einer längst vergessenen Gewalttat.


Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspiel-Regisseur und war Schauspiel-Direktor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, Berlin und Salzburg. 2003 bis 2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006 bis 2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. «Wintertauber Tod» ist der dritte von vier Kriminalromanen mit dem charismatischen Ermittler Simon Tanner. Urs Schaub lebt in Basel.

Foto Yvonne Böhler

Wüsste man, wer diese Notizen macht.

aus

Monsieur Traum Robert Pinget

JAHRE ZUVOR

Das Ganze begann mit einem Fehler.

Genau genommen gibt es in solchen Fällen natürlich keinen Anfang. Aber den Fehler gab es, und er war schlimm. Bemerkt hat ihn trotzdem keiner.

Am wenigsten der Mann, der ihn machte.

Wenn ein in der Regel zuverlässiger Beamter auf einem labyrinthisch weit verzweigten Rangierbahnhof die erste Weiche falsch stellt, was dann?

Der weitere Weg des heranrollenden Güterwagons wäre zwar falsch, aber dennoch klar vorgegeben. Mit unvorhersehbaren Folgen. Im besten Fall würde der Waggon an einem falschen Ort zu stehen kommen, im schlimmsten einen Unfall verursachen. Unabhängig davon, aus welchem Grund der Weichensteller den Fehler gemacht hat.

Aber man würde ihn bemerken. Den Fehler.

Vielleicht hat der Beamte am Stellwerk, wie seit Tagen, an diese elende Summe gedacht, die in seinem Sparbuch steht und die seine Zukünftige nach wie vor als zu bescheiden bezeichnet, um ihn zu heiraten. Vielleicht hat er sich deswegen verzweifelt über Möglichkeiten zur Vermehrung besagter Ersparnisse den Kopf zerbrochen. Und wer weiß, vielleicht hat ihn die sehnlichst erwünschte Geldsumme so sehr abgelenkt, dass er die Weiche, ohne es zu merken, falsch betätigte. Möglicherweise würden dadurch einige eilige Güter erst Tage danach wiedergefunden, dazu noch verdorben, und die Eisenbahngesellschaft würde eine Konventionalstrafe zahlen müssen, die das besagte elende Sümmchen des Weichenstellers um ein Vielfaches übersteigt. Wahrscheinlich würde er in der Folge seine Stelle verlieren, sich aus Verzweiflung dem Suff hingeben, denn das Einzige, was er in seinem Leben gelernt hat, ist Weichenstellen, und er würde fortan aus Verzweiflung … und so weiter.

Inmitten dieser Spekulationen bliebe eine Wahrheit unveränderlich: Der Güterwaggon stünde trotzdem am falschen Ort.

Manz wusste nichts von derart komplexen Gedankengängen.

Er fühlte sich einfach verpflichtet, die Leiche zuzudecken. Schließlich war es bitterkalt, und zudem sah der offene Bauch nicht gerade appetitlich aus. Er wollte keine Spuren beseitigen, tat es aber gründlich.

Wie durch ein Wunder war es das erste Opfer einer Gewalttat, mit dem er es in seiner Zeit als Polizist zu tun hatte. Zu seinem Alltag hatte bisher die Kontrolle der Polizeistunde und der Hotelmeldezettel gehört. Immerhin gab es in dem kleinen Straßendorf eine Dorfkneipe mit angeschlossenem Hotel, das vorwiegend von durchreisenden Vertretern frequentiert wurde; ein Restaurant, das gut dreihundert Meter neben dem Bahnhof lag, mit diesem eigentlich gar nichts zu tun hatte und trotzdem Bahnhofrestaurant hieß; sowie ein französisches Gourmetrestaurant mit Gästezimmern. Hier pflegten ab und zu Tänzerinnen zu übernachten, die in einem Nachtlokal auftraten, das zu den wenigen Attraktionen des nahe gelegenen Bezirksstädtchens gehörte.

Vor wenigen Jahren brannten in einer Nacht vier verschiedene Häuser gleichzeitig. Trotz aller Nachforschungen und Untersuchungen der Polizei aus dem Hauptort gelang es nicht, den Täter zu überführen. Das war eigentlich Manz’ schlimmster Fall, obwohl auch damals keine Menschen zu Schaden kamen.

Zu seinen weiteren Pflichten gehörte die Schlichtung unzähliger Nachbar- oder Familienstreitigkeiten (was sehr oft dasselbe bedeutete); die administrative Erfassung von Fahrraddiebstählen und einer Vielzahl weiterer kleiner Delikte, die vor allem eines mit sich brachten: einen unendlichen Fluss an Papieren und Formularen, der ihn mit dem Kommissariat in der Kantonshauptstadt wie mit einer Nabelschnur verband. Schließlich war er einer der letzten Dorfpolizisten im ganzen Land, eine Art Vorposten im Niemandsland zweier zusammentreffender Sprachregionen. Besser gesagt: ein Restposten in einem wirtschaftlich und politisch vergessenen Teil des Landes.

Ob dieser Landstrich deswegen so schön war? Der Dorfpolizist Manz hatte da so seine eigene Theorie. Davon wird viel später noch einmal die Rede sein. Wie auch immer: Nach seiner Pensionierung würde der Posten endgültig eingespart werden, ein Nachfolger war nicht vorgesehen. Das war längst beschlossene Sache. In seinen Augen wurde mit dieser Entscheidung das ganze Gebiet zur rechtsfreien Zone erklärt. Ganz zu schweigen von denen, die Hilfe benötigten!

Vor zwei Jahren hatte den Bahnhofsvorstand dasselbe Schicksal ereilt. Seither hielten am kleinen Bahnhof zwar nach wie vor im Stundentakt Züge, aber alles lief automatisiert ab und wirkte wie ferngesteuert, obwohl die Lokomotiven noch von leibhaftigen Menschen gesteuert wurden. Die Bahnhofsschalter waren mit Brettern vernagelt. Beim Billetkauf war jetzt Schluss mit dem beliebten Schwätzchen, das die Dorfbewohner mit Monsieur Veillon regelmäßig gepflegt hatten. Der Automat empfing per Tastendruck seine Befehle und spuckte leise scheppernd seine schäbigen Tickets aus. Die schönen Fahrkarten aus Karton, zum Teil zweifarbig, die man sammeln und zu ansehnlichen Häufchen hatte stapeln können, gab es längst nicht mehr. Brauchte jemand eine Auskunft, trat er an eine Infosäule, wo sich zu bestimmten Tageszeiten und meist nach langer Wartezeit schnarrend eine Stimme meldete. Der kleine Wartesaal war zum Depot eines Vertreters für Strumpfwaren verkommen.

In der Dienstwohnung des Bahnhofsvorstandes lebte jetzt eine kinderreiche Familie aus den ehemaligen Krisengebieten des Kosovo. Lange Zeit wusste man nämlich nicht, was man mit der leeren Wohnung anfangen sollte. Wer will schon in einem heruntergekommenen Bahnhof wohnen? Genauso ratlos war man gegenüber der Flüchtlingsfamilie, die durch eine administrative Panne der Kantonshauptstadt in dem Dorf gelandet war. Als man sie nicht mehr ab- oder zurückschieben konnte, brachte man sie aus lauter Verlegenheit im Gasthof Zum Hirschen unter. Dort, wo sonst vorwiegend Vertreter übernachteten. Ein paar Tage später erinnerte sich ein Schlauberger aus dem Gemeinderat, der wegen der laufenden Hotelkosten nicht mehr schlafen konnte, an die leere Bahnhofswohnung. Man ließ sich unter fadenscheiniger Begründung von der Heilsarmee einige Möbel schenken – und auch noch gratis liefern – und zwei unangenehme Probleme waren auf einen Schlag gelöst. Die geniale Idee des schlauen Gemeinderates wurde mit reichlich Weißwein begossen.

Kurz darauf – als handelte es sich um einen Virus – schlossen die Schalter des kleinen Postamtes. Demnächst würde, wie gesagt, den Polizeiposten dasselbe Schicksal ereilen, und im nächsten Sommer würde die genossenschaftseigene Käserei für immer dicht machen.

Den Reigen der Schließungen hatte vor einem Jahr ausgerechnet die Kirche begonnen. Die Obrigkeit der Diözese degradierte ohne Voranmeldung die kleine Kirche zu einer Filiale der Nachbargemeinde und suchte für den frühzeitig pensionierten Seelsorger nur noch pro forma einen Nachfolger. Natürlich fand man keinen. Damit war die Sache abgeschlossen, und die Mitglieder der kleinen Kirchgemeinde rieben sich die Augen. Ein frisch eingesetzter Priester aus dem größeren Nachbarort hielt seine Sonntagspredigt fortan also zweimal. Die wenigen Leute, die regelmäßig zum Gottesdienst kamen – es waren vorwiegend ältere Frauen –, meinten die Wiederholung der Worte zu fühlen und verschlossen sich immer mehr dem jungen Priester gegenüber, der sich redlich Mühe gab, den zum zweiten Mal vorgetragenen Predigtworten den Tau der Frische zu verleihen.

Aufgebackenes Brot bleibt aufgebackenes Brot!

So hörte man die alten Frauen zwischen ihren Gebeten murmeln. Als der Priester einmal aus Versehen in seiner Predigt auch noch die Namen der beiden Ortschaften verwechselte, lachten die Anwesenden böse auf, bekreuzigten sich und warfen sich bitter lächelnd Blicke der Bestätigung zu.

Manz hatte nun mittlerweile den Tatort so aufgeräumt, wie er glaubte, es tun zu müssen. Schließlich war er ein Mensch, der schon immer Wert auf Ordnung gelegt hatte. In den offenen Hauseingang war nämlich der Schnee hineingeweht worden, der draußen fast einen Meter hoch lag. Nachgemessen hatte er natürlich nicht, aber der Schnee lag auf jeden Fall höher als in all den Jahren zuvor, in denen der Polizist hier seinen Dienst verrichtet hatte. Bevor er den Leichnam zudeckte, fegte er also den Schnee gründlich nach draußen und sammelte einige Gegenstände auf, die ganz offensichtlich aus dem schmalen Vorratsschrank, der im Flur stand, herausgefallen waren. Wahrscheinlich hatten die Windböen die Schranktür aufgeweht, und so waren einzelne Gegenstände auf dem Leichnam zum Liegen gekommen. Es waren einige rote Bändel, diverse Schnüre, weiße Kerzenstummel und farbige Papierschnitzel, kurz, alles Dinge, die man durchaus in einem Schrank aufbewahrte, erklärte sich der Polizist den Sachverhalt. Geduldig sammelte er alles auf und verstaute es wieder fein säuberlich im Wandschrank. Einige herumliegende geschälte Äpfel, zum Teil blutverschmiert, legte er auf eine Handschaufel und entsorgte sie in den Abfalleimer, der hinter dem Haus stand. Über die Äpfel machte er sich keine weiteren Gedanken, die waren sicher auch aus dem Schrank gefallen, schließlich handelte es sich um einen dieser in alten Häusern üblichen Vorratsschränke, die für gewöhnlich im Flur standen. Die Bewohner dieser ärmlichen Häuser hatten oft gar keinen Kühlschrank oder nur einen ganz kleinen. So war man auf einen Vorratsschrank im unbeheizten Flur angewiesen.

Danach schloss er die Haustür hinter sich, holte einen Augenblick lang Atem und musterte die Umgebung. Das Nachbarhaus lag still und verschlossen da. Nichts rührte sich. Die Fenster schauten kalt und abweisend auf den Polizisten. So kam es ihm auf jeden Fall vor.

Er fragte sich in diesem Augenblick, ob die Mutter vom Müller Franz, dem Täter, der ja bereits in der hinter seiner Amtsstube liegenden Zelle saß, die er höchstens alle paar Monate als Ausnüchterungszelle brauchte und sonst zum praktischen Ablageort für jede Art von Akten umfunktionierte, ob sie also, die Schweigerin, wie man sie insgeheim im Dorf nannte, über die furchtbare Tat ihres einzigen Sohnes im Bilde war?

Als der untersetzte junge Mann, der bereits einen Bauchansatz hatte, vor zwei Stunden an der Tür des Polizeipostens geklopft hatte und dann still, fast scheu in die Amtsstube getreten war, um sofort und ohne Umschweife in ruhigen, ja geradezu gesetzten Worten seine Tat zu gestehen, hatte der Polizist zweimal nachfragen müssen, weil er die Geschichte einfach nicht glauben konnte. Und das, obwohl beide Hände von Franz voller schwarz-braunem, eingetrockneten Blut waren. Auch um den Mund herum war er verschmiert. Wahrscheinlich hatte er sich mit den blutverschmierten Händen über den Mund gewischt. Franz beteuerte im gleichen Atemzug, dass seine Mutter nichts davon gewusst und mit der Sache überhaupt nichts zu tun habe. Am besten wäre es, hatte er vorgeschlagen, wenn sie gar nichts davon erführe. Das sei natürlich nicht möglich, erwiderte der Polizist, aber darüber könne man nachher noch reden. Er solle jetzt sowieso am besten einfach schweigen. Er würde ihn fürs Erste in die Zelle sperren, vorher müsse er aber noch etwas aufräumen. Ob Franz so gut sei, einen Moment Platz zu nehmen? Vorher könne er sich aber, wenn er wolle, die Hände und das Gesicht waschen. Franz wusch sich die Hände und das Gesicht, war dann so gut und setzte sich. In aller Seelenruhe hatte der Polizist dann die Zelle leergeräumt, anschließend den Franzli, wie ihn im Dorf jeder nannte, hineinbefördert und die Gittertür zweimal abgeschlossen. Er hatte noch kurz überlegt, ob er die Zelle feucht aufnehmen solle, aber das schien ihm dann doch übertrieben. Den Schlüssel steckte er sorgfältig in die Hosentasche seiner Uniformhose. Bevor er seine Vorgesetzten in der fernen Kantonshauptstadt benachrichtigte, musste er selber an den Ort des Geschehens gehen. Er wollte sicher sein, dass Franzli die Wahrheit gesagt hatte. Glauben konnte er es immer noch nicht. Das Opfer kannte er natürlich, und auch das Haus.

Also stapfte er durch den Schnee. Zuerst die Hauptstraße entlang, dann den Weg hinunter zum alten Zollhaus. Noch zehn Meter vom Haus entfernt, konnte er sich immer noch nicht vorstellen, dass Margot Fuchs tot sein sollte. Ein paar Schritte weiter blieb ihm nichts anderes übrig.

Sie lag im offenen Hausflur am Boden, der Schnee war rot von ihrem Blut. Ihr Leib war von unten bis oben aufgeschlitzt. Manz musste sich an den Türrahmen lehnen. Aufgeschlitzte Leiber hatte er in der Fremdenlegion gesehen. Aber damals herrschte Krieg. Warum hatte der Franzli denn so eine Wut auf die Margot? Sie hat sich doch immer sehr lieb um ihn gekümmert. Manz schaute auf den übel zugerichteten Körper. Trotz ihres Zustandes konnte man immer noch sehen, dass Margot die schönste Frau weit und breit gewesen war. Wie oft hatte Manz nachts heimlich vor ihrem Haus gestanden und gehofft, er könne einen Blick auf sie erhaschen.

Einmal war ihm das Glück hold gewesen und er hatte sie nackt im Licht ihrer Küche stehen sehen. Sie trocknete sich gerade mit einem Tuch ausgiebig und gründlich die nassen Haare. Und da hatte er endlich gesehen, wovon die Männer im Dorf hinter vorgehaltener Hand sprachen: ihre wunderbar weißen Brüste, die so ungewöhnlich herausfordernd aufgerichtet standen, wo doch schon kleinere naturgemäß der Erdanziehung gehorchen mussten. Dies bisschen Sachwissen über die weibliche Anatomie hatte er sich beim verschämten Studium gewisser reich bebilderter Magazine angeeignet, die er sich per Nachnahme kommen ließ. Bei Margot handelte es sich in Manz’ Augen aber um ein Wunder der Natur. Da war sein Schwanz auf der Stelle ungeheuer angeschwollen und er selber zur Salzsäule erstarrt. Er hatte zum Himmel gefleht, dass der Augenblick ewig dauern möge.

Aber ewig gibt es möglicherweise da oben, aber ganz sicher nicht auf Erden.

Als sie sich mit dem Handtuch energisch die Haare frottierte, wippte ihr Busen wunderbar träge hin und her und auf und ab. Da überkam es ihn mit Macht und er öffnete seine Hose. Sie bürstete ihr wildes Haar und betrachtete sich noch eine Weile stumm im Spiegel. In diesem Augenblick war sie die Bild gewordene wollüstige Fantasie eines großen Künstlers.

Er spritzte aufstöhnend in den Eukalyptusbusch und hatte im selben Moment eine Vision von Gottes Herrlichkeit.

In der Fremdenlegion war ER ihm nämlich abhanden gekommen. Aber jetzt hatte er, Manz, SEIN schönstes Kunstwerk gesehen und sich in seiner höchsten Lust mit ihr und IHM vereinigt. Leider dauerte es wie gesagt nur eine kurze Ewigkeit und keine ganze. Aber die reichte, um ein Leben lang davon zu träumen und sich alle nur erdenklichen Hoffnungen zu machen. Gut, er war deutlich älter als sie, aber er hätte sie bis ans Ende ihres Lebens auf Händen getragen. Und wenn sie ihn geheiratet hätte, hätte sie ganz bestimmt nicht so ein schlimmes Ende genommen. Aber er war überzeugt, dass er ihr mit seinem Gehalt als Dorfpolizist sowieso zuwenig gewesen wäre. Wie oft hatte er vergebens über seinem abgegriffenen Sparheft gesessen und sehen müssen, dass der Betrag immer etwa gleich kümmerlich blieb, egal wie sparsam er lebte. So blieb er Junggeselle und sie sein ewiger Traum, ohne dass er je mehr als eine Handvoll scheuer Sätze mit ihr gewechselt hätte. Er tröstete sich damit, dass er eben mit seinem Beruf verheiratet war.

Manz seufzte, bekreuzigte sich und sprach ein kurzes Gebet für die tote Füchsin.

Danach dachte er nichts mehr, sondern konzentrierte sich aufs Aufräumen und Schneewischen. Erst ganz am Schluss konnte er sich nicht beherrschen und fasste sie an.

Ein einziges Mal ihren Körper berühren, so wie er sich das jahrelang erträumt hatte.

Er zog die Handschuhe aus und legte seine zitternden Hände auf ihre Brüste. Er zuckte aber gleich wieder erschrocken zurück, denn ihr Fleisch war so eiskalt, dass es ihn ängstigte und er nun am ganzen Körper schlotterte. Panisch machte er kehrt und rannte zurück auf seinen Polizeiposten.

Sieben Monate später wurde Franz Müller vom Gericht in der Kantonshauptstadt als voll zurechnungsfähig eingestuft und wegen Totschlags im Affekt (und weil er wegen einiger früherer Delikte vorbestraft war) zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Franzlis Mutter saß schmal und klein im Gerichtssaal.

Manz, drei Reihen hinter ihr, nahm mit Befriedigung zur Kenntnis, wie schnell und zuverlässig die Gerechtigkeit in diesem Land arbeitete. Er war zwar bereits seit drei Monaten pensioniert, fühlte sich aber immer noch als ein Teil dieses Ganzen.

EINS

Tanner liebte seit kurzem Spaziergänge. Jeden Morgen, egal bei welchem Wetter, machte er sich auf den Weg. Wie das kam, konnte er sich selber nicht erklären. Die Lust dazu war eines Tages plötzlich da gewesen.

Er lächelte, während er sich die Schuhe anzog.

Früher hatte er Spaziergänge gehasst, sie als die langweiligste Sache auf der Welt empfunden. Direkt qualvoll.

Jetzt wählte er bereits zwischen sechs Standardspaziergängen, die sich sowohl in Länge, Topographie als auch im Erlebnispotential deutlich unterschieden. Heute hatte er sich für die kürzeste, dafür aber meistens bei weitem erlebnisreichste Variante entschieden, nämlich die durchs Dorf. Die nächst längeren Spaziergänge führten entweder um das Dorf herum oder am See entlang bis zum Ringmauerstädtchen, wo man deutsch sprach und die besten Gipfelis weit und breit erhielt. Oder in die entgegengesetzte Richtung bis zum Städtchen auf dem Hügel mit seiner eindeutig französischen Ausprägung, wo man die besten Croissants weit und breit bekam. Diese beiden Spaziergänge erforderten jedoch eine Rückfahrt mit der Eisenbahn, denn wer geht beim Spazieren schon gerne denselben Weg zurück. Der längste Spaziergang führte um den See herum, was allerdings einen ganzen Tag in Anspruch nahm. Eine weitere Variante führte hinaus aufs melancholische Land, weg von Dorf und See. Dazu hatte er heute aber keine Lust, denn in der Nacht war der erste Schnee gefallen. Wiesen und Dächer waren weiß. Und es war ungewöhnlich still, denn noch waren die Straßen nicht geräumt.

Er war gespannt, wie sich das kleine Dorf präsentieren würde, da es hier laut Aussage der Einheimischen äußerst selten schneite. Auf jeden Fall nicht, seit Tanner in dem altehrwürdigen Maison Blanche Wohnsitz genommen hatte. Die Leute sagten, dass es vor Jahren einen Jahrhundertschneefall gegeben und auf den Straßen über ein Meter Schnee gelegen habe. Drei Tage sei das Dorf damals von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Neun Monate später seien dann übrigens überdurchschnittlich viele Kinder zur Welt gekommen. Diese Information hatte er von Solène erhalten, und sie lachte dabei ziemlich anzüglich. Seither soll hier kein Schnee mehr gelegen haben. Vielleicht mal ein bisschen Puderzucker. So nannten es die Leute, wenn ein bisschen Schneestaub die Landschaft bedeckte.

Das hier war kein Schneegebiet, es war eine Nebellandschaft.

Offiziell hätten eigentlich alle französisch sprechen müssen. Das Dorf lag exakt an der Sprachgrenze. Allerdings auf der falschen Seite.

Tanner schloss die schwere Haustür hinter sich und atmete die Schneefrische.

Gerade passierte sein Nachbar auf dem Schnee bedeckten Trottoir das offene Tor der Einfahrt. Er schleppte eine schwere Kiste und stieß über dem roten Wollschal, der seine Standeskleidung zierte, keuchend weiße Wolken in die Luft. Es handelte sich um keinen geringeren als den Chefkoch und Inhaber des französischen Nobelrestaurants, das in Sichtweite von Tanners Wohnsitz lag, ganz am Anfang des Dorfes. Sein Wohnhaus dagegen war in direkter Nachbarschaft, dicht neben Tanners Haus. Lediglich ein schmales Gartenband trennte die beiden Häuser voneinander.

Allo! Guten Morgen, Tanner! Gefallen Sie der Schnee? Ist mal eine Wechsel, oder?

Sein Deutsch war fließend, aber nicht immer ganz korrekt. Er war einer der wenigen im Dorf, die wirklich französisch sprachen. Sein Name war Claude Marnier. Die Bewunderer seiner Kochkunst nannten ihn Marnier le Grand. Die Anspielung auf den berühmten Liqueur war durchaus beabsichtigt.

Kommen Sie doch auf ein Glas Wein, wenn Sie eine Weile haben. Muss dringend eine Sache fragen, bitte.

Ja, ja. Ich komme zum Kaffee. Nach dem Spaziergang. Bis dann! Tanner verließ das Grundstück durch die Schnee bedeckte Einfahrt, ging aber in die andere Richtung als Marnier. Heute knirschte der Kies nicht unter seinen Füßen, denn der Schnee dämpfte alle Geräusche. Nur der Brunnen plätscherte unbeeindruckt seine ewige Melodie.

Dreihundert Meter weiter vorne, an der einzigen nennenswerten Kreuzung der Dorfstraße, wechselten in diesem Augenblick die Ampeln auf grün, und eine Reihe von Lastwagen und Personenwagen fuhr betont langsam und erstaunlich geräuscharm durch das Dorf. Tanner schüttelte den Kopf und steckte die Hände in die Taschen seines warmen Wollmantels.

Leider entsprach diese Situation ganz und gar nicht dem Alltag, hatte es die Gemeinde vor Jahrzehnten doch verpasst, sich anlässlich der nationalen Landesausstellung im Welschland vom Kanton eine Umfahrungsstraße schenken zu lassen. Man hatte damals Angst, dass kein einziger Gast mehr den Weg ins Dorf finden würde. Das heißt, die Gastronomen und Hotelbesitzer hatten Angst und das notwendige Gewicht im Gemeinderat. Also wurde das Geschenk und damit die entlastende Umfahrungsstraße abgelehnt.

Tanner ärgerte sich jedes Mal, wenn er an diese Dummheit dachte.

Seit nun vor ein paar Jahren die Autobahn gebaut worden war, hatte sich die Situation sogar noch verschärft, und das Dorf war heute doppelt gestraft. Viele der potentiellen Gäste rasten auf der Autobahn vorbei, ohne die Existenz des gastlichen Dorfes auch nur zu ahnen. Dafür donnerten die Lastwagen, die für die Güterversorgung des Bezirks zuständig waren, nach wie vor über die enge Dorfstraße. Unangenehm war das natürlich für alle. Für die Restaurants und das Hotel jedoch war es eine regelrechte Katastrophe. Früher hatten die vielen Welschlandreisenden hier gerne einen kürzeren oder längeren Zwischenhalt gemacht. Tatsächlich verband eine lange, gewachsene Tradition den Reiseverkehr mit dem Dorf. Zu Napoleons Zeiten war zum Beispiel das Haus, in dem Tanner wohnte, Herberge und Relaisstation für die Postkutschen aus und nach Paris gewesen. Solche Dinge prägten den Charakter eines Dorfes nachhaltig und waren nicht beliebig ersetzbar.

Der Hotelparkplatz hinterm Hirschen war praktisch leer. Hingegen parkten auf dem weiter vorne gelegenen Kneipenparkplatz einige Autos, zwei Traktoren und ein Jeep.

Keine gute Saison für das Hotel, dachte Tanner. Für die notorischen Dorfsäufer war allerdings immer Hochsaison. Die Fahrzeuge kannte er bereits alle, denn die standen praktisch jeden Tag hier.

Er grüßte den Besitzer der Autowerkstatt, der mit einem überdimensionierten Reisigbesen den Platz vor der Werkstatt vom Schnee befreite. Den alten Ford hatte Tanner hier ohne weitere Bedenken zur Wartung und zur Reparatur gebracht. Von seinem neuen Wagen allerdings hätten die mit Sicherheit nichts verstanden. Also brachte er ihn lieber nicht hierher, was ihm natürlich etwas übel genommen wurde. Trotzdem grüßte der Werkstattbesitzer freundlich zurück. Gelästert wurde auch in diesem Winkel der Erde ausschließlich hinterm Rücken.

Tanner überquerte diagonal die Kreuzung und hielt auf den Eingang zum einzigen Laden des Dorfes zu. Aus Solidarität und Sympathie kaufte er dort so oft wie möglich ein. Schlimm, wenn dieser Laden auch noch dicht machen müsste. Zudem genoss er die kleinen Schwätzchen mit den attraktiven Zwillingsschwestern, die den Laden gemeinsam führten. Für die Dorfbewohner hatte das Geschäft ebenfalls einen doppelten Nutzen: Für sie stellten die Zwillinge und ihr Laden so etwas wie eine letzte dörfliche Informationsbörse dar. Am heutigen Morgen war viel los, und als Tanner eintrat, verstummten die Gespräche verdächtig schnell.

Tanner grinste.

Ach ja, stimmt. Ich bin ja ein Fremder.

Tanner machte sich da keine Illusionen und wusste, dass sich auch in hundert Jahren nichts an der Situation ändern würde. Um dazuzugehören hätten seine Vorfahren schon mindestens Fähnchen schwenkend Napoleon die Ehre erweisen müssen, als der mit seinem Achtspänner durch das Dorf donnerte und vor Schreck erstarrte Hühner überfuhr.

Er ließ sich also nichts anmerken und sprach laut und deutlich einen freundlichen Gruß in die Runde, den man entweder mit gar keiner Reaktion oder höchstens einem leichten Nicken beantwortete. Nur die beiden Schwestern machten das Spielchen nicht mit und begrüßten ihn herzlich. Sie waren eben gute Geschäftsfrauen. Und auch sonst waren sie mit den meisten Dorfbewohnern nicht zu vergleichen.

Andererseits konnte er es den Leuten nicht verdenken. Zu viele Gerüchte waren über ihn im Umlauf, und er hatte noch keines widerlegt. Man wusste zwar, dass er vor einiger Zeit, nach einem polizeilichen Dienst in Marokko, in dieser Gegend gestrandet war. Man wusste, dass er danach maßgeblich an der Aufklärung der schrecklichen Kindsmorde in der nachbarschaftlichen Gemeinde beteiligt gewesen war und sich dabei in Elsie Marrer, eine junge attraktive Mutter eines dieser ermordeten Kinder, verliebt hatte. Elsie war hier im Dorfe wohlbekannt – und auch wohlgelitten. Sie wurde dann – so munkelte das Dorf über Elsies Schicksal – nicht ganz ohne Tanners Schuld vom Mörder in einem Eiskeller grausam gefangen gehalten und sei nach über einem Jahr im Koma schließlich im Krankenhaus verstorben. Elsies andere Kinder lebten seither bei Verwandten. Dass er diese Kinder nicht adoptiert hatte, wenn er sich schon einmal mitschuldig gemacht hatte, war ein weiterer Punkt, über den man sich den Mund zerriss. Dann gab es natürlich noch Spekulationen über das Vermögen, das er angeblich angehäuft hatte. Auf jeden Fall war es für alle Dorfbewohner offenkundig, dass er nicht zu arbeiten brauchte. Auch fuhr er eines der elegantesten Autos in der Gegend. Woher kam nur all dieses Geld? Tanners Vergangenheit präsentierte sich folglich mit einer Fülle interessanter Fragezeichen. Dass es ihm offensichtlich vollkommen egal war, was die Leute dachten, machten sie ihm zum größten Vorwurf. Denn für alle anderen war doch genau das am wichtigsten. Die einfach gestrickte Beweisführung endete damit, dass Tanner sichtlich anders war als die Dorfbewohner oder – was auf das Gleiche hinauslief – gar nicht dazugehören wollte. Damit hatten sie sich in ihren Augen auch das Recht erworben, ihn abweisend zu behandeln.

Tanner füllte wie immer einen großen Einkaufskorb mit allerlei Leckereien und brachte ihn zur Kasse. Später würde sich ein Schüler oder eine Schülerin vom gegenüberliegenden Schulhaus ein wenig Taschengeld dazuverdienen und die Einkäufe in seinen Hausflur stellen. Solène, die um drei Minuten ältere Zwillingsschwester, saß an der Kasse.

Tanner, haben Sie eine Katze?

Nein, Solène. Ich habe keine Katze. Wieso? Haben Sie eine zu verschenken?

Also, erstens bin ich Solange. Solène steht dort hinten und räumt Regale ein. Dass Sie uns immer noch nicht unterscheiden können!

Sie schüttelte dramatisch ihren hübschen Kopf.

Daraus schließe ich, dass wir Ihnen immer noch so gar nichts bedeuten. Was machen wir bloß falsch?

Tanner war felsenfest davon überzeugt, sie richtig erkannt zu haben. Schließlich steckte in Solènes Schürze immer ein roter Kugelschreiber. Solange zog Bleistifte vor. Auch war ihr Gesicht deutlich schmaler, so dass die relativ hohen Backenknochen, die beide besaßen, bei Solange ausgeprägter wirkten. Außerdem gab es gut unterscheidbare körperliche Merkmale, auch wenn sich die beiden tatsächlich auf den ersten Blick wie ein Ei dem anderen glichen. Und selbst bei Eiern gibt es bekanntlich Unterscheidungskriterien. Doch die Zwei spielten für ihr Leben gerne dieses Verwechslungsspielchen und er – er machte gerne mit.

Oh, das tut mir leid, Solange. Ich muss euch einfach mal besser kennen lernen, dann werde ich euch auch nicht mehr verwechseln.

Tun Sie das, Monsieur, tun Sie das! Aber nicht immer nur darüber reden!

Schon allein diese Aussage bewies, dass es sich um Solène handelte. Nie und nimmer hätte Solange so frech geflirtet.

Die beiden Schwestern warfen sich durch die Regale hindurch einen Blick zu und lachten übermütig. Die Kundschaft blickte missbilligend, und Solène senkte ihre Stimme.

Ach ja, wegen der Katzen. Nein! Ich habe keine zu verschenken. Aber … im Dorf sind letzte Nacht offenbar alle Katzen verschwunden. Auf einen Schlag. Ist das nicht sonderbar?

Ach so. Jetzt verstehe ich.

Tanner blickte sie an und wartete, bis sie wieder zu lachen begann, aber sie meinte es ernst.

So, so, die Katzen sind also verschwunden? Vielleicht mögen sie einfach keinen Schnee und haben beschlossen auszuwandern. Sind wahrscheinlich alle unterwegs in den Süden. Im Gänsemarsch. Oder per Anhalter. Das sollten wir übrigens auch tun. Tanner lachte. Solène tat so, als hätte sie nicht verstanden.

Was? Was sollten wir tun?

In den Süden fahren. Wir drei. Wir müssten nicht einmal Autostopp machen, sondern könnten mit meinem Auto fahren.

Machen Sie sich nur lustig, Monsieur. Wenn Sie eine Katze hätten und die einfach so verschwinden würde, wären Sie sicher auch traurig.

Entschuldigen Sie, Solène. Haben Sie denn ebenfalls Ihre Katze verloren?

Diesmal protestierte sie nicht gegen die Namenszuteilung.

Nein, nein. Ich will kein Haustier. Ich finde es immer traurig, diese Tiere in den Wohnungen und so. Zudem habe ich ja meine Schwester. Das ist Abwechslung genug.

Da haben Sie sicher Recht. Ich hoffe, die Katzen kommen wieder zum Vorschein.

Ja, das hoffen wir auch. Ich wünsche Ihnen einen schönen Spaziergang, Herr Tanner.

Danke und auf Wiedersehen, Solène.

Tanner verließ den Laden fröhlicher, als er ihn betreten hatte. So erging es ihm jeden Tag.

Das nenne ich erfolgreiche Kundenanbindung. So einen Laden muss man mir in der Stadt erst einmal zeigen. Es ist wie ein kleines Wunder. Aber wie sagt man so schön: Raum ist in der kleinsten Hütte.

Er lachte vergnügt und wiegte den Kopf.

Was machten zwei so attraktive Zwillingsschwestern in diesem Dorf? In diesem Laden? Ein Rätsel, über das Tanner mitunter gerne nachdachte, doch zu einer schlüssigen Antwort war er noch nicht gekommen. Er hatte zu seinem Vergnügen schon etliche Thesen durchdekliniert. Alle Arten von unglücklichen Liebesaffären, bis hin zur Vermutung, dass die beiden irgendwo ein Verbrechen begangen hatten und sich hier in dem kleinen, unscheinbaren Dorfladen eine Weile versteckt hielten. Auf alle bisherigen, geschickt eingefädelten Fragen hatte er nur ausweichende Antworten erhalten. Wie auch immer, die beiden gefielen ihm außerordentlich gut. Wieso wäre er sonst freiwillig jeden Tag einkaufen gegangen, manchmal sogar zweimal am Tag? Er konnte die beiden zwar mittlerweile gut unterscheiden, aber sich noch immer nicht entscheiden, welche der beiden ihm besser gefiel. Auf den ersten Blick war es sicher Solène. Ihre Attraktivität sprang einem gleichsam ins Gesicht. Man konnte sich ihr kaum entziehen. Solanges Geheimnis musste zuerst entdeckt werden. Dann aber …

Es war wie in der Musik. Manche Melodien gingen gleich ins Ohr, andere entfalteten sich erst nach mehrmaligem Hören.

Zufrieden mit diesem Vergleich überquerte er die Straße zum Schulhaus, wo im Parterre die Gemeindeverwaltung untergebracht war. Die Fenster des ganzen Gebäudes waren trotz des hellen Tageslichts erleuchtet. Erstaunlicherweise hörte man keinen Ton. Vielleicht hatten alle Schüler gemeinsam eine schriftliche Arbeit zu bestehen. Oder sie lauschten atemlos einer Geschichte des Lehrers.

Da hörte er jemanden vom Schulhaus her seinen Namen rufen. Im Parterre lehnte sich die Gemeindeschreiberin aus einem offenen Fenster.

Entschuldigung, Herr Tanner?

Guten Morgen, Frau Gruber. Was gibt’s?

Haben Sie auch eine Katze? Und ist die vielleicht auch verschwunden?

Nein, nein. Ich habe keine Katze. Danke der Nachfrage. Sind denn wirklich so viele Katzen verschwunden?

Es gelten an die fünfundzwanzig Katzen als vermisst.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Nein. Das ist es ja. Man hat noch nie von einer Massenflucht von Katzen gehört. Aber es wird sich schon noch klären.

Das denke ich auch. Auf Wiedersehen.

Frau Gruber war ihm von Anfang an wohlgesonnen gewesen. Er wusste zwar nicht warum, aber ihre Freundlichkeit machte den Umgang mit der Gemeindebehörde durchaus angenehm.

Die Hauptstraße machte eine ganz leichte Kurve, und schon bald würde er das Ende des Dorfes erreicht haben. Interessant waren vor allem die Gebäude am Ende der Straße, und zwar die auf der linken Seite. An dieser Stelle blieb Tanner jedes Mal gerne stehen und schaute sich ausgiebig das große Gut an.

Umgeben von einem herrlichen alten Baumbestand, von gepflegten Hecken und Wiesen, die auf raffinierte Weise unmerklich in einen fast parkähnlichen Garten übergingen, stand, leicht erhöht, eine Backsteinvilla aus den Gründerjahren. Das Haus hätte eigentlich besser in die Nähe einer Stadt gepasst, doch die Vollkommenheit der Gartenanlage integrierte es erstaunlich gut in die bäuerliche Landschaft. Hinter dem Haus befanden sich Remisengebäude und Stallungen. Weiter zurückversetzt und noch etwas höher gelegen dominierte eine geradezu als riesig zu bezeichnende Scheune das Bild, die vor nicht allzu langer Zeit in eine moderne Reithalle umfunktioniert worden war. Im gigantisch großen Dachstock waren mehrere kleine, aber äußerst luxuriöse Wochenendappartements für Pferdebesitzer eingebaut worden. Die ganze Anlage wirkte klug konzipiert und schien innerhalb kurzer Zeit zu einem begehrten Anziehungspunkt für gut betuchte Pferdeliebhaber geworden zu sein. Durch den Schnee machte die Gestaltung der gesamten Anlage an jenem Tage einen noch einheitlicheren und einzigartigeren Eindruck als sonst.

Die Familie von Saalen, der das Gut gehörte, hatte seit Generationen einen bedeutenden Namen in der Pferdezucht. Der Alte von Saalen war zwar seit Jahren tot, aber seine Frau schien alles im Griff zu haben. Einer der beiden Söhne, so hieß es, sei als junger Mann von einem Pferdehuf schwer am Kopf verletzt worden und habe sich nach Jahren der Qual und der langsamen Verblödung mit einem Karabiner erschossen. Er habe offenbar in einem hellen Moment seine hoffnungslose Situation realisiert und sofort die Konsequenzen gezogen. Den anderen Sohn hatte Solène wörtlich einen ziemlichen Luftikus und Tunichtgut genannt. Über die Tochter hatte sie etwas mildere Worte gefunden.

Tanner wandte seinen Blick ab und setzte seinen Weg fort. Da er die Leute noch nie zu Gesicht bekommen hatte, hatte er sich auch noch keine eigene Meinung bilden können.

Er verließ die Hauptstraße nach rechts. Der Weg führte in Richtung See, zur alten Werft und zum Yachthafen. Links vom Hafen gruppierte sich eine Anzahl kleinerer und größerer Wochenendhäuschen zu einem kleinen Außenquartier des Dorfes. Die Häuser waren zum Teil in Selbstbaumanier mehr schlecht als recht zusammengezimmert. Die meisten waren offensichtlich über die Jahre immer wieder mit kleinen Anbauten erweitert worden. Material- oder Formabstimmung schien hier ein Fremdwort zu sein. Wellblech, Mauersteine, Beton, Holz roh, Holz bemalt, jegliche Art von Folie und Plastik, sogar Styropor bildeten die Baumaterialien. Alles in allem kein schöner Anblick. Eine ästhetische Absicht hinter dem Prinzip des Nichtzusammenpassens war dabei weit und breit nicht zu erkennen. Die Einheimischen nannten das wild entstandene Quartier politisch ziemlich unkorrekt das Negerdorf. Kürzlich hatten ein paar Neureiche, die ebenso wenig von Stilgefühl belastet waren, als Ergänzung zum Jahrmarkt der Hässlichkeiten noch ein paar protzige Pseudovillen dazugebaut. Tanner versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, dass man das alles auch als Ausdruck eines freien Willens interpretieren könnte. Die Hässlichkeit würde so betrachtet zu einer zwar ärgerlichen, aber unausweichlichen Dreingabe unserer Zeit.

Viel lieber aber betrachtete Tanner den langgestreckten Hügel jenseits des Sees, ein Anblick, den er aus seinem Fenster frühmorgens als erstes genoss, ohne dass er sich je an dieser sanft geschwungenen Linie satt gesehen hätte oder seines Anblicks gar überdrüssig geworden wäre. Und jetzt war er, dieser grandioseste Hügel aller Hügel, auch noch mit Schnee bedeckt, was die Erotik seiner Linienführung schärfer denn je hervorhob.

Die Tore der alten Bootswerft waren heute Morgen noch allesamt verschlossen. Normalerweise trat Tanner in die Hallen und begutachtete interessiert die Boote und Schiffe, die gerade in Arbeit waren. Meist endeten diese Besuche im Büro des Werftbesitzers, mit dem man äußerst angeregt plaudern konnte. Heute ließ er die Werft links liegen und ging direkt zum ehemaligen Gebiet der alten Zementfabrik hinüber, die vor einiger Zeit ziemlich aufwendig zum Hafen für kleine und große Yachten umgebaut worden war.

Tanner war auf die Farbe des Wassers gespannt, denn er hatte den See noch nie im Schneekontrast erlebt. Er kannte und liebte all die Schattierungen vom hellsten türkisblau bis zu den abgrundtiefsten Blau- und Grüntönen. Oder all die Weiß- und Grautöne der aufgebrachten Gischt, wenn der Joran über den Hügel brauste und den stillen Seespiegel von einem Moment auf den anderen zu einer dramatischen Meeresoberfläche aufwühlte.

Durch den ungewohnten Schneehintergrund und den von Wolkenfetzen bedeckten Himmel changierte die Farbe des Wassers zwischen grau und violett. Tanner wischte einen großen Stein an der Mole schneefrei, setzte sich trotz der Kälte hin und beobachtete das schillernde Farbenspiel.

Nach einer Weile holte es ihn wieder ein. Es geschah zwar immer seltener, aber heute Morgen passierte es. War es die Farbe des Wassers? Der See sah heute Morgen wirklich traurig aus. Zudem hatte Elsie die Farbe Violett ganz und gar gehasst. Sie hatte ihm mal gesagt, violett sei für sie die Farbe des Todes. Auch assoziierte sie die Farbe mit der katholischen Kirche, und die mochte sie überhaupt nicht. Eine Religion, die neugeborenen Kindern die Erbsünde auferlegte, war für sie inakzeptabel. Dass daher Kinder ohne Taufe auf dem direkten Weg in die Hölle kämen, sei ihrer Meinung nach krank. Zumindest lebensfeindlich. Und jetzt war Elsie selber tot.

Tanner stützte den Kopf auf seine Hände.

Warum konnte er nicht wie ein Kind einfach denken, dass Elsie im Himmel war und es gut hatte? Dass sie den ganzen Tag auf einer Wolke saß und über sein Leben wachte und das ihrer Kinder? Und zwischendurch mit den Engeln fröhliche Lieder zu Ehren Gottes sang?

Er schaute hinauf zu den grauen Wolken.

In den dreizehn Monaten, die er Tag für Tag an ihrem Bett verbracht hatte, war auch er versucht gewesen – wie viele in ähnlicher Situation – eine Art Kuhhandel abzuschließen. Wenn Du sie aufwachen lässt, glaube ich an Dich. Es hatte aber nicht funktioniert, sie war gestorben. Ihren schönen Körper gab es nicht mehr. Der war verbrannt. Das Häufchen Asche lag eingeschlossen in einer tönernen Urne und wartete darauf, in der Mitte des Sees verstreut zu werden. Diesen Wunsch hatte sie unvermittelt in einer ihrer Liebesnächte geäußert, und keiner hatte geahnt, wie schnell er Wirklichkeit werden sollte. Die Urne stand immer noch im leeren Schrank in einem der Zimmer, das er seit dem Tag, an dem er die Urne eingeschlossen, nicht mehr betreten hatte. Und er würde es so schnell auch nicht wieder betreten.

Tanner sprang von seiner kühlen Raststätte auf und setzte den Spaziergang fort.

Er war mittlerweile auf der Höhe des Bahnhofrestaurants angekommen, das gerade Betriebsferien hatte. Er liebte diesen Ort mit seiner einfachen Küche, den liebenswürdigen Besitzern und der heimeligen Gaststube. Und die Sommerabende an den Tischen unter dem Birnenspalier konnte man getrost als eine Form der reinen Poesie bezeichnen.

Der Bahnhofsplatz sah auch bei Schnee öde und verlassen aus. Hingegen übten die jenseits des Bahnhofs liegenden Gebäude auf Tanner stets den gleichen Zauber aus. Es war ein altes Herrschaftshaus, zu dem einer der größten Bauernhöfe des Dorfes gehörte. Der Gemeindepräsident – ein großer, knochiger Mann – und sein Bruder bewirtschafteten diesen Hof als Pächter. Die Herrschaft selbst war nur einmal pro Jahr vor Ort, an Weihnachten, um den Pachtzins einzukassieren, wie die Einheimischen in beinahe ehrfürchtigem Ton erzählten. Sämtliche tiefgrünen Fensterläden des großen Hauses waren also die meiste Zeit verschlossen. Mitunter bekam eine vertraute Person den Auftrag, das Haus zu lüften und zu reinigen. Dann standen für wenige Stunden einzelne Fenster plötzlich weit offen.

Das verschlossene Haus erinnerte ihn an die traurige Novelle über das vermeintlich gemütskranke Mädchen Susanna, das durch seinen Vormund in genau so einem Herrschaftshaus eingesperrt gehalten wurde. Sogar die Läden sollte es immer geschlossen halten, damit niemand ihre Schönheit entdecken konnte – und sie nichts von der Welt. Ein junger Mann hatte trotzdem das Glück, sie zu Gesicht zu bekommen, und die beiden verliebten sich unsterblich ineinander. Sie unterhielten sich jeden Abend im Schutz der Dunkelheit durch einen Schlitz im Fensterladen. Als der junge Mann für längere Zeit in die Hauptstadt fahren musste, gelang dem Mädchen die Flucht, und sie machte sich im tiefen Winter auf, immer der Eisenbahnlinie entlang, die in unmittelbarer Nähe ihres Hauses verlief. Genau wie hier. Der Bahnhofsbeamte hatte nämlich dem unerfahrenen Mädchen im Scherz geraten, wenn sie kein Geld habe und in die Hauptstadt wolle, müsse sie nur den Schienen folgen. Was sie dann auch tat. Nach einem langen Stück Wegs wurde sie müde, legte sich in den Schnee und erfror.

Die Trauer um das Schicksal des Mädchens war allerdings leichter zu ertragen als die andere, die immer noch wie ein Messer schnitt.

Die nächste Station zum Verweilen wäre die kleine Badeanstalt mit ihren altmodischen Holzkabinen und dem malerischen Steg, der weit in die kleine Bucht mit dem dichten Seerosenteppich hinausragte, gewesen. Der Steg stammte aus der Zeit vor der Versandung dieser Seeseite, in der hier noch regelmäßig Kursschiffe angelegt hatten. Eine hohe Stange mit einem altmodischen Namensschild der Station und dem erstaunlich poetischen Wappen des Dorfes zeugten von vergangenen Zeiten.

Im Winter ein weiterer verlassener, melancholischer Ort. Tanner mied ihn an diesem Tag und schritt zügig voran.

Kurze Zeit später erblickte er rechts, oberhalb des Hanges, an dessen Fuß die schmale Straße verlief, zuerst die Kirche mit dem Pfarrhaus und der kleinen Kapelle, in der neuerdings ein Philosoph hauste, und gleich darauf die Rückseite der Autowerkstatt, deren Besitzer er vorhin beim Schneewischen gesehen hatte, sowie einen Teil eines Bauernhauses. Schließlich das Haus von Marnier, dicht daneben das imposante Dach seines eigenen Wohnhauses und die steinernen Balustraden des parkähnlichen Gartens.

Die Straße schlängelte sich immer schmaler werdend zwischen diesem Hang und der Eisenbahnlinie entlang, bis zu einer ganz engen Nadelkurve, schon eher eine Art Spitzkehre, die so mancher Autofahrer kaum im ersten Anlauf meisterte. Danach führte die Straße praktisch in die Gegenrichtung zurück, den Hang entlang ziemlich steil aufwärts, bis sie endlich in die Hauptstraße mündete, an der entlang die Häuser des Dorfes hauptsächlich aufgereiht waren. Die Gebäude der Hangstraße besaßen eine merkwürdige Ausstrahlung. Es war nicht das Wissen allein, dass hier die Ärmsten des Dorfes wohnten, es war auch nicht die offensichtliche Verwahrlosung, die diesem Ort eine unangenehme Aura verlieh. Es ging etwas Unheilvolles, Unerlöstes von diesen morschen Häusern aus. Wann immer Tanner auf seinen Spaziergängen jemand angetroffen hatte, waren die Blicke weder freundlich noch offen. Aber was genau sein Unbehagen auslöste, hatte er noch nicht herausfinden können. Menschen hatte er hier sowieso selten angetroffen. Dafür verwahrloste und bellende Hunde in viel zu kleinen Zwingern. Einzig bei dem kleinsten Haus hatte er dann und wann einen alten Mann mit einem ganz und gar verschrumpelten Gesicht beim Holzspalten getroffen, der ziemlich leutselig zu einem kurzen Schwatz über die Qualität und Güte diverser Brennhölzer und Spaltbeile bereit gewesen war. Dass die Häuser bewohnt waren, verrieten eigentlich nur die vergilbten Vorhänge, die sich leise bewegten, wenn einer wie Tanner vorbeiging. Genau so geschah es auch an diesem Tag.

Er war offensichtlich der erste, der auf der schmalen Straße ging, denn der Schnee war noch jungfräulich unberührt.

Oben an der Hauptstraße angekommen, erinnerte er sich an die Aufforderung Marniers, ihm einen Besuch abzustatten. Tanner überquerte die Straße.

Trat man in das Restaurant, fühlte man sich augenblicklich zutiefst in das Frankreich einer vergangenen Epoche versetzt. Viel Gobelin an den Wänden und auf den Stühlen, schwere weiße Tischdecken. Unzählige Stiche wichtiger historischer Momente der Grande Nation zierten die Wände. Marnier erwartete ihn bereits in einem der kleineren Gasträume.

Danke, dass Sie meiner Einladung folgen, Tanner. Nehmen Sie ein Glas Wein?

Nein, danke. Ein Espresso und ein großes Glas Wasser wären mir lieber, bitte.

Ich schließe mich Ihnen an. Bitte nehmen Sie Platz. Wenn es recht ist, will ich gleich ohne Umleitung sagen, warum ich Sie reden will.

Nur zu, lieber Marnier.

Wir äh … wie sagt man? Wir vermissen? Ja, genau. Wir vermissen jemanden.

Sagen Sie jetzt nicht, Sie vermissen auch eine Katze.

Katze? Warum Katze? Wir hatten mal eine. Aber das ist lange her.

Ja, entschuldigen Sie, Marnier. Wissen Sie denn nicht, dass das halbe Dorf seine Katzen vermisst?

Nein, das wusste ich nicht. Stimmt das denn? Woher wissen Sie …?

Die Zwillinge aus dem Laden und Frau Gruber von der Gemeinde haben es mir gesagt.

Dann stimmt es sicher, Tanner. Vor allem Frau Gruber ist kein Spaß.

Beide lachten.

Nein, nein. Sie ist sehr nett, aber sie ist definitiv kein Spaß!

Also, hören Sie, ich war als junger Koch auf den französischen Antillen, da sind einmal auch alle Katzen verschwunden. Ganz plötzlich. Am anderen Tag gab es eine starke Beben der Erde. Ein paar Tage später waren alle wieder da.

Dann hoffen wir doch mal, dass die Erde hier ruhig bleibt. Also, Marnier, wenn es keine Katze ist, was vermissen Sie dann?

André. Wir vermissen unseren jüngsten Lehrling.

Seit wann?

Marnier rutschte unruhig auf dem Stuhl herum.

Ja, es ist sehr dumm. Seit einer Woche.

Seit einer ganzen Woche?

Ja. Das heißt, nein. André ist sehr komplex. Er ist sehr begabt, hat aber beständig großen Unsinn im Herzen. Er ist der Sohn meiner Schwester aus Marseille. Sie hat ihn mir angehängt, äh nein, ich meine … anvertraut. Er ist schon zweimal einfach verschwunden. Einmal aus Heimweh. Sie hat ihn dann wieder, äh, wie sagt man … mit gleicher Post zurückgeschickt.

Sie meinen postwendend.

Ja, genau. Und einmal hat er den Autostopp in den Süden gemacht, bis er im Meer stand. In Genua. Er hat mir telefoniert und ich habe ihn geholt. Er hat gesagt, dass er das Meer sehen muss, sonst müsse er sterben. Oder so ungefähr.

Marnier schüttelte den Kopf.

Sie sehen, er ist sehr komplex.

Ja, es scheint sich um einen komplizierten jungen Mann zu handeln.

Genau. Kompliziert. Wollen Sie noch ein Espresso?

Tanner nickte.

Und jetzt ist er wieder einmal verschwunden?

Also, er hatte drei Tage frei und hat gesagt, dass er zu einem Freund nach die Stadt fahren will. Später haben wir bemerkt, dass er gar nicht bei Freund aufgetaucht ist, und sein Motorrad stand die ganze Zeit hinter dem Haus. Das haben wir aber erst vor zwei Tagen gesehen. Wir haben gedacht, dass er damit unterwegs ist.

Wie alt ist André?

Er ist gerade siebzehn geworden. Er ist jung.

Nimmt er Drogen?

Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Er raucht vielleicht Haschisch.

Wie alle jungen Leute, aber mehr weiß ich wirklich nicht.

Lieber Marnier, warum erzählen Sie das alles mir und nicht der Polizei?

Wollen Sie mich schrecken, Tanner?

Nein, aber sehen Sie, Marnier, eine Woche ist zu lang, um einfach die Augen zuzumachen. Und die Polizei verfügt über gewisse Kanäle. Zu den Spitälern, zum Beispiel, falls ihm irgendetwas zugestoßen ist. Wie gesagt, ich will Ihnen keine Angst machen, aber wenn Sie absolut keinen Hinweis haben, wo er sein könnte und wenn er sich diesmal überhaupt nicht meldet, dann könnte es doch sein, dass er in Schwierigkeiten steckt.

Ja, wahrscheinlich haben Sie Recht, Tanner.

Haben Sie denn schon alle seine Freunde gefragt, ob die vielleicht wissen, wo André steckt?

Ja, haben wir. Aber keine Resultat. Ich dachte, dass Sie, Tanner, vielleicht nachschauen könnten. Sie waren doch Polizist, stimmt es, oder?

Tanner hatte keine Lust, die Frage zu beantworten.

Hat André denn kein Mobiltelefon?

Doch. Aber er antwortet nicht.

Haben Sie schon sein Zimmer untersucht? Haben Sie Zugriff zu seinem Bankkonto? Weiß Ihre Schwester Bescheid? Gibt es auch einen Vater? Könnte er bei ihm sein? Trägt André Ausweispapiere bei sich? Haben Sie ein Foto von ihm, das wirklich etwas taugt?

Tanner ließ Marnier eine kleine Verschnaufpause.

Schauen Sie, Marnier, es mag jetzt etwas sehr nüchtern klingen, aber das sind in etwa die Fragen, die Sie den Behörden werden beantworten müssen. Noch etwas: Wer ist die Person, der er am meisten vertraut?

Marnier sah jetzt richtig unglücklich aus.

Wahrscheinlich das ist, äh, mich. Also ich. Glaube ich jedenfalls. Aber ich weiß ja auch nichts, merde!

Gut. Marnier. Ich kann eines für Sie machen. Ich werde mich sofort bei einem Freund bei der Polizei erkundigen, ob die was haben. Wenn nichts dabei rauskommt, machen Sie sofort eine Anzeige. Ist das klar?

Ja, das ist klar. Das machen wir.

Marnier trank in einem Zug das Glas Wasser aus. Seine Hände zitterten.

ZWEI

Es war noch tiefe Nacht, als das Telefon klingelte. Stöhnend nahm Tanner den Hörer ab.

Das kannst nur du sein, Michel! Wo brennt’s denn mitten in der Nacht?

Was heißt hier: mitten in der Nacht …!? Himmel Herrgott! Hat der Herr mich um etwas gebeten oder ich ihn? Wir von der Polizei können es uns nicht leisten, in den Tag hinein zu schlafen. Zudem muss ich ja arbeiten. Tag für Tag meine Brötchen verdienen. Und wenn du glaubst, ich hätte nicht jede Menge Wichtigeres zu tun, dann irrst du dich gewaltig!

Oh je, Michel! So früh am Morgen und bereits schlecht gelaunt?

Wie kommst du denn darauf, Tanner? Ich bin doch immer so.

Ja. Das stimmt auch wieder. Dickhäuter sind Morgen-, Mittag- und Abendmuffel.

Hey, Vorsicht. Ich habe abgenommen. Ganze zwanzig Kilo.

Ah ja, stimmt. Aber was sind zwanzig Kilo auf eine halbe Tonne?

Tanner, ich lege gleich auf, wenn du so weitermachst.

Nein, ist ja gut. Ich bin sehr stolz auf deine zwanzig Kilo.

Michel räusperte sich.

Von Tillieux haben wir nicht die Bohne einer Spur und auch keine Abgangsmeldung. War’s das?

Du drückst dich wieder einmal sehr kultiviert aus. Aber ich danke dir. Besonders, da du soviel andere Arbeit hast, du Armer. An was arbeitest du denn gerade? An einem neuen Konzept für deine Mittagsverpflegung?

Nein, du Idiot. Wir haben doch diese seltsamen Todesfälle in einem der städtischen Altersheime. Ach ja, wenn du mich schon fragst: Vielleicht könntest du mal einen Blick in die Akte –

Tanner unterbrach ihn.

Heute Abend. Punkt Acht. Bei mir. Im Smoking. Wir essen am weiß gedeckten Tisch. Wer weiß, vielleicht haben wir sogar zwei charmante Tischdamen. Und wenn du fünf Minuten zu spät kommst wie letztes Mal, schmeiße ich das Essen vor deinen Augen in den Abfall. Haben Sie mich verstanden, Herr Kommissar, Abteilung Leib und Leben?

Ay ay, Sir! Aber du weißt ja, man hat die Bezeichnung »Leib und Leben« abgeschafft. Wir sind jetzt eine stinknormale Mordkommission.

Wie schade. Ich finde »Leib und Leben« viel schöner.

Tanner legte auf.

Ach, dieser Michel!

Er legte sich noch einmal auf die Seite, wusste aber jetzt schon, dass er keinen Schlaf mehr finden würde.

Diese ewigen Anspielungen auf das Geld. Und dann wieder zu mir rennen, wenn er in seinem dämlichen Fall nicht weiterkommt. Typisch, typisch.

Tanner schlug die Decke zurück und beschloss, unter die Dusche zu gehen. Draußen war es noch dunkel, und er konnte nicht sehen, ob es erneut geschneit hatte oder ob der Schnee vielleicht schon wieder geschmolzen war. Er hatte in der Nacht eher das Gefühl gehabt, als würde es regnen.

Tanner stellte sich unter das warme Wasser und schloss die Augen.

Immer wieder das Geld. Michel konnte es einfach nicht lassen. Dabei war er selber schuld. Als Tanner durch seinen letzten Fall an ein kleines Vermögen geraten war, hatte er Michel einen Anteil geben wollen, doch der war zu stolz gewesen, es anzunehmen. Denn er hatte es nicht direkt vom Geldgeber persönlich angeboten bekommen. Was ja in seiner beruflichen Position auch gar nicht statthaft gewesen wäre. Es quasi als Geschenk von Tanner zu nehmen, wäre zwar legal, hätte jedoch für Michel die Bedeutung eines Almosens gehabt, wie er sich damals ausdrückte. Tanner hatte schließlich kapituliert und Michels Anteil auf einem Sperrkonto deponiert.

Er stieg aus der Dusche und trocknete sich ab.

Die Frage blieb die gleiche: War es nun positiv, dass Michel keine Informationen zu André Tillieux liefern konnte oder nicht?

Auf jeden Fall musste Marnier heute schleunigst zur Polizei gehen und offiziell eine Vermisstenmeldung erstatten. Nur so konnte die Maschinerie in Gang kommen. Immerhin war es, wenn man den heutigen Morgen mitrechnete, schon acht Tage her, seit der Junge verschwunden war.

Vielleicht sollte er, nach dem Frühstück und nach seinem Spaziergang, Marnier erneut im Restaurant einen Besuch abstatten und sich ein genaueres Bild über diesen jungen Mann verschaffen. Es konnte nicht schaden, in Form zu bleiben.

Für die Vorbereitung des Michelschen Gastmahls blieb ihm ja noch der ganze Nachmittag. Er nahm schon mal die Lammkeule aus dem Tiefkühler, denn er wollte sie nach dem Prinzip des langsamen Garens zubereiten. Und das konnte schon mal den halben Nachmittag in Anspruch nehmen.

Wie hatte Marnier seinen Neffen genannt? Ach ja: komplex. Was verbarg sich hinter diesem etwas allgemeinen Adjektiv? Sollte es vertuschen, dass Marnier ihn in Wirklichkeit nicht mochte? Oder dass ihm sein Wesen und Verhalten zutiefst fremd waren? Marnier hatte im Gespräch ziemlichen Wert darauf gelegt, dass von ihm selbst das Bild des liebevoll sorgenden Onkels entstand. Abgesehen davon sagte ihm sein Gefühl, dass der junge Mann tatsächlich in Schwierigkeiten steckte.

Wir werden sehen. Nur keine voreiligen Schlüsse ziehen. Das ist der Tod einer jeden Untersuchung.

Er griff zum Telefon und teilte Marnier mit, dass er bei der internen Befragung der Polizei nichts erfahren habe und dass Marnier jetzt dringend die Vermisstenanzeige aufgeben müsse. Marnier blieb sachlich und versprach, sofort zu handeln.

Danach bereitete Tanner sich betont ruhig sein Frühstück zu. Aber er kannte sich gut genug, um sich nichts vorzumachen. Der ewige Virus der Jagd hatte ihn wieder infiziert.

Als er sich auf seinen täglichen Spaziergang machte, begann eben gerade erst die Morgendämmerung. Es hatte tatsächlich nachts geregnet, der Schnee war größtenteils verschwunden, weswegen der Morgen dunkel, schwer und dumpf wirkte. Kein Vergleich mit dem schneehellen Tagwerden vom vorigen Tag. Viel freundlicher würde es heute wahrscheinlich auch nicht werden, denn am Himmel drängten sich bauchig schwarze Wolken. Einzig die Hügelkuppe entlang zog sich ein glitzernd heller Silberstreifen.

Die dunklen Zeichen an den Haustüren fielen Tanner erst nach einer Weile auf. Denn die ersten paar hundert Meter war er gegangen, ohne sich die Umgebung genauer anzusehen. Er machte den Spaziergang vom vorigen Tag in umgekehrte Richtung. Erst beim Haus, das direkt in der Haarnadelkurve stand, fiel ihm auf, dass jemand auf die beigefarbene Haustür ein dunkelrotes Zeichen gemalt hatte. Das Zeichen bedeckte etwa die Fläche von vier Männerhänden und war gestern bestimmt noch nicht dort gewesen, dawar er sich ganz sicher. Er blickte zu den anderen Häusern zurück und erkannte irritiert, dass alle Haustüren ein Zeichen in der gleichen Farbe trugen.

Verwundert setzte Tanner seinen Spaziergang die Eisenbahnschienen entlang fort. Beim Bahnhof weiter vorne hatte eben ein Zug gehalten, und es stiegen eine Handvoll Leute ein. Wahrscheinlich lauter Pendler, die in der Hauptstadt arbeiteten und hier wohnten. Vielleicht auch Schüler, die eine höhere Schule besuchten.

Als der Zug, noch in langsamer Fahrt, an ihm vorbeifuhr, hatte er das Gefühl, als starrten ihn die Leute durch die beschlagenen Scheiben seltsam an. Einzelne Hände wischten hektisch die Scheiben, um ihn besser zu sehen.

Irritiert schüttelte er den Kopf.

Ich bin heute einfach zu früh aufgestanden. Wer geht denn um diese Uhrzeit spazieren, noch bei dem Wetter? Kein Wunder, wenn mich die Leute wie eine Erscheinung anglotzen.

Bis auf weiteres begegneten ihm lauter Häuser, die sich ihm mit ihrer Rückseite präsentierten, so dass er nicht sehen konnte, ob die Zeichen sich bloß auf das verwahrloste Quartier beschränkten.

Innerhalb der nächsten halben Stunde steigerte sich sein Gang jedoch vom gemütlichen Gehen in ein atemloses Traben. Man konnte es nun beim besten Willen keinen Spaziergang mehr nennen. Kurze Zeit später war ihm klar, dass jemand in dieser Nacht auf sämtliche Haustüren des Dorfes Zeichen gemalt hatte. Genauer gesagt: nicht auf alle Türen. Es gab ein paar wenige Ausnahmen. Auch seine Haustür war nicht markiert. Beim Dorfbrunnen angekommen sah er, dass auch der Dorfladen verschont geblieben war.

Kurz entschlossen ging Tanner auf die Eingangstür zu.

Der Laden war leer, nicht einmal die Zwillinge waren zu sehen. Tanner wunderte sich, denn Solène und Solange ließen ihren Laden nie unbeaufsichtigt. Wenn sie mal kurz weggingen, schlossen sie normalerweise die Tür und hängten einen Zettel daran. Plötzlich hörte er im hinteren, für die Kundschaft nicht zugänglichen Bereich jemanden schluchzen.

Hallo? Solène? Solange? Ich bin’s, Tanner!

Einen Moment lang war es still, dann fiel etwas zu Boden. Tanner näherte sich dem Durchgang. Plötzlich stand Solange vor ihm, die Augen voller Tränen.

Ach, es ist schrecklich, Tanner. Wir fürchten uns alle. Ist an Ihrer Haustür auch so ein schreckliches Zeichen?

Nein, Solange. Es gibt aber noch andere Haustüren ohne Zeichen. Woher wissen Sie das?

Ich habe nachgeschaut, ganz einfach. Jetzt beruhigen Sie sich, Solange. Es wird sich alles klären. Setzen Sie sich erst mal auf diesen Stuhl.

Tanner nahm eine Packung Papiertaschentücher aus einem Regal, riss die Packung auf und reichte Solange eins.

Danke. Aber wissen Sie denn, was das zu bedeuten hat?

Nein, das weiß ich leider noch nicht. Aber wir werden es erfahren, da bin ich mir ganz sicher.

Aber die Zeichen bedeuten doch alle den Tod, nicht wahr?

So vorschnell sollten wir nicht urteilen, Solange. Warum sind Sie eigentlich allein im Laden? Wo ist denn Ihre Schwester?

Solène muss schnell eine Nachbarin nach Hause begleiten.

Warum denn das?

Sie hat sich plötzlich gefürchtet, alleine auf die Straße zu gehen.

Was für ein Unsinn. Fürchten Sie sich denn auch?

Fürchten nicht gerade, aber ein bisschen unheimlich finde ich es schon. Wer um alles in der Welt kann denn so etwas gemacht haben?

Das weiß ich natürlich auch nicht. Dumme Jungs wahrscheinlich, denen langweilig war.

Tanner gab sich alle Mühe, überzeugend zu sein, obwohl er seine eigene Behauptung ziemlich übermütig fand. In diesem Moment kam Solène zurück.

Ah, Monsieur tröstet unsere Solange. Störe ich?

Solange richtete sich sofort auf.

Spinnst du? Aber ich war froh, nicht mehr allein zu sein, ich gebe es zu.

Und wie erklären Sie sich, dass Ihre Haustür von diesen Schmierfinken verschont geblieben ist?

Guten Tag, Solène. Dafür habe ich keinerlei Erklärung. Meine Haustür ist aber nicht die einzige, die verschont wurde. Ihr Laden wurde auch ausgelassen.

Ja, klar. Da wohnt ja auch niemand.

Und die Kirche? Wer wohnt dort, Solène?

Was? Die Kirchentür haben die auch verschmiert? Schweinebande!

Warum denken Sie, dass es mehrere waren?

Weiß ich nicht. Aber immer wenn in dieser Gegend Unsinn gemacht wurde, steckte eine ganze Bande dahinter.

Was haben die denn so gemacht?

Ja, zum Beispiel das Feuer für den ersten August am Vorabend angezündet. Oder den Leuten die Fahrräder vertauscht. Oder dem Dorflehrer bei zehn verschiedenen Firmen Taxis bestellt.

Ich weiß nicht, ob das in dieselbe Kategorie fällt. Und ob es sich um eine Gruppe handelt, bezweifle ich.

Was glauben denn Sie, Herr Tanner?

Ich finde, die Zeichen haben eine eindeutige Handschrift. Es könnte sich sehr wohl um eine Einzelperson handeln. Aber das muss man natürlich näher untersuchen.

Solange blickte ihn mit großen Augen an. Dann zog Solène ihre Schwester vom Stuhl hoch.

Ja, ich glaube, die Polizei hat damit schon begonnen. Ein Streifenwagen ist soeben gekommen. Weiter vorne im Dorf. Die Gruber hat stellvertretend für alle Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Na ja, dann ist ja alles in besten Händen. Warum ich eigentlich gekommen bin: Würden Sie mir die Ehre erweisen und heute Abend bei mir speisen? Wie dumm von mir, die bedruckten Einladungskarten mit Goldprägung habe ich jetzt prompt vergessen. Ein guter Freund aus einem befreundeten Kanton wird auch noch zu Gast sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie ja sagen würden.

Die Schwestern schauten sich einen Moment an. Solène antwortete für beide.

Selbstverständlich erweisen wir Ihnen die Ehre. Um wie viel Uhr?

Punkt acht, wenn ich bitten darf. Meine Adresse ist Ihnen ja bekannt. Ah, ja. Sie sind beide keine Vegetarier, äh, ich meine, Sie sind keine Vegetarierinnen, oder?

Diesmal war Solange schneller.

Gott bewahre, nein. Wir sind große Fleischanbeterinnen.

Dann verabschiedete man sich.

Wieder draußen auf der Straße, sah Tanner tatsächlich einen Streifenwagen. Die beiden Beamten liefen gerade von einem Hauseingang zurück zu ihrem Wagen.

Guten Tag, die Herren. Mein Name ist Tanner. Ich bin ein Freund und Berufskollege von Kommissar Michel. Sie untersuchen die Zeichen an den Haustüren?

Guten Tag. Wagner. Das hier ist mein Kollege Stoffel. Haben Sie uns etwa gerufen?

Nein, nein. Das war Frau Gruber von der Gemeindeverwaltung. Zudem ist meine Haustür eine der wenigen, die nicht bemalt wurde. Soweit ich gezählt habe, sind etwa sieben Türen im ganzen Dorf nicht bemalt.

Da haben Sie ja Glück gehabt.

Wie man’s nimmt. Was halten Sie denn davon, Wagner?

Der Beamte zog seine Mütze aus und strich die Haare glatt.

Wahrscheinlich ein dummer Streich. Natürlich ärgerlich das Ganze, aber ich würde da nicht viel machen. Schwamm drüber!

Also, ich meine, schnellstens abwaschen und vergessen.

Die beiden Polizisten grinsten etwas verlegen. Es war offensichtlich, dass sie nicht so recht wussten, was sie mit der ganzen Sache anfangen sollten.

Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, meine Herren?

Ja, was denn?

Ich würde als erstes die Leute bitten, vorerst gar nichts abzuwaschen. Dann würde ich von zwei bis drei verschiedenen Türen Materialproben nehmen und ins Labor bringen.

Wieso denn das?

Haben Sie sich die sogenannte Farbe denn mal näher betrachtet? Nein. Wieso auch. Es ist halt irgendeine Farbe, die man sprayen kann.

Es tut mir leid, ich muss Sie korrigieren. Erstens wurde hier eindeutig mit einem Pinsel gearbeitet und zweitens könnte es sein, dass es sich bei dem aufgetragenen Material möglicherweise um etwas anderes als Farbe handelt.

Um was denn?

Es war Stoffel, der die Frage ziemlich forsch stellte.

Möglicherweise handelt es sich um Blut, meine Herren.

Die beiden Beamten schauten sich etwas perplex an.

Auf den Arm nehmen können wir uns selber!

Das glaube ich Ihnen ungefragt, meine Herren. Meine erste These können Sie gleich an Ort und Stelle kontrollieren, wenn Sie sich eines der Zeichen genauer anschauen. Vielleicht entdecken Sie sogar ein Pinselhaar, aber ganz sicher können Sie den Pinselstrich erkennen.

Wagner schaute argwöhnisch, gab sich aber einen Ruck.

Stoffel, du wartest hier.

Er ging zurück durch den Vorgarten, kniete sich vor die Tür und betrachtete eingehend das gemalte Zeichen. Dann kam er mit schnellen Schritten zurück.

Tanner, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Sie haben vollkommen Recht. Es wurde mit einem Pinsel gemalt. Und vielleicht ist es wirklich, äh … es riecht auf jeden Fall nicht nach Farbe.

Er roch an seinem Fingernagel, offensichtlich hatte er ein bisschen Material weggekratzt.

Falls sich herausstellt, dass es sich tatsächlich um Blut handelt, würde ich diese Information vorläufig unter Verschluss halten. Nicht an die Presse, nicht an die Dorfbewohner. Verstehen Sie, was ich meine?

Ja, klar, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Stoffel, du gehst jetzt von Tür zu Tür und bittest die Leute, die Zeichen nicht abzuwaschen, bis die Polizei es erlaubt. Sag den Leuten, sie könnten sonst mit keinem Schadenersatz rechnen.

Das ist ein kluger Schachzug, Wagner. Und Stoffel, falls Sie jemanden antreffen, der schon gemerkt hat, dass es sich um keine gewöhnliche Farbe handelt, verpflichten Sie ihn zum Stillschweigen. Womöglich unter Androhung von schwerwiegenden Konsequenzen.

Stoffel blickte zu Wagner.

Herr Tanner hat Recht. Vielen Dank für Ihre Hinweise. Wo erreichen wir Sie?

Ich wohne da vorne in dem weißen Haus im Park. Ansonsten weiß Michel Bescheid. Er kommt heute Abend um acht Uhr sowieso zu mir.

Tanner setzte seinen Weg fort, sein Ziel war das französische Restaurant. Er hatte jetzt wirklich große Lust auf einen guten Kaffee. Um diese Uhrzeit war das Restaurant natürlich leer, zumal ganz offensichtlich auch niemand in den Gästezimmern übernachtete. Alle Zimmerschlüssel hingen wohlgeordnet an dem kitschig rustikalen Schlüsselbrett an der Wand hinter der kleinen Rezeption. Erst heute bemerkte er den Wechselrahmen mit den Fotos aller Angestellten des Gasthauses. Der Gast sollte sich von Anfang an eine Vorstellung über den Betrieb und seine Mitarbeiter machen. Tanner nahm kurz entschlossen das Bild von der Wand und begab sich damit in die kleine Gaststube.

Auf der Übersicht waren insgesamt dreizehn Personen zu sehen. Ganz zentral natürlich der Patron samt Gattin. Auf der linken Bildhälfte insgesamt vier Mann Küchenpersonal, zwei Köche, ein Lehrling – André Tillieux – und eine Küchenhilfe. Auf der rechten Seite das Servicepersonal, Zimmermädchen, Gärtner und die Haustechnik.

Zum ersten Mal sah Tanner ein Bild von André Tillieux. Schmal, mit großen Augen, schaute er melancholisch in eine imaginäre Ferne und wirkte in seinem Kochkostüm alles in allem eher unglücklich und fehl am Platz. Vielleicht war ihm die Kleidung einfach nur zu groß, wer weiß. Oder er ließ sich nicht gerne fotografieren? Tanner wusste um die relative Aussage eines einzelnen Fotos. Vielleicht konnte er heute noch andere Bilder sehen, auf denen André einen ganz anderen Eindruck machte.

Hallo Tanner. Ich habe Sie gar nicht kommen sehen. Wollen Sie ein Glas Wein?

Tanner drehte sich um. Da er Marnier sonst immer nur in seiner ewig weißen Küchenkleidung gesehen hatte, dauerte es einen Moment, bis er ihn erkannte. Er trug einen schwarzen Anzug mit einem stahlgrauen Hemd und wirkte überraschend elegant.

Guten Tag, Marnier. Ich sehe, Sie waren in der Stadt und haben die Anzeige gemacht.

Stimmt. Die haben gesagt, ich müsse jetzt Geduld haben, bis äh, ja, bis sie vielleicht irgendwelche Resultate haben. Ich bin jetzt noch viel mehr in Unruhe als vorher.

Ja, das verstehe ich. Wir werden gleich darüber reden.

Ja, entschuldigen Sie. Was wollen Sie trinken?

Ich hätte gerne einen Milchkaffee, und wenn ich noch ein Croissant dazu bekommen könnte, wäre ich mehr als zufrieden.

Kommt gleich. Ich werde mich in der Zwischenzeit kurz umändern. Also, ich meine, die Kleidung.

Er wandte sich ab, drehte sich dann aber noch einmal um.

Ah ja, Sie haben das auch mitbekommen mit den Schmierereien an den Haustüren, oder? Meine Leute sind ganz aufgeregt. Als ich in die Stadt aufbrach, habe ich es gar nicht gesehen, es war noch zu dunkel. Als ich vorhin zurückkam, war das Haus ein Bienenschwarm. Ich musste erst mal alle beruhigen und an die Arbeit schicken. An meiner Haustür ist auch so eine Schweinerei. Hier beim Restaurant zum Glück nicht. Was halten Sie davon?

Tanner machte eine vage Handbewegung.

Die Polizei ist bereits im Dorf und sondiert die Lage. Bald werden wir mehr wissen. Die Leute reagieren offenbar zum Teil sehr erschreckt. Ich hoffe, es kommt zu keinen übereilten Schlussfolgerungen.

Marnier nickte.

Ich habe jetzt andere Sorgen. Also, ich bin sofort zurück.

Marnier machte einen sehr viel nervöseren Eindruck als gestern. Wahrscheinlich, weil jetzt das Verschwinden von André offiziell deklariert war. Diese Erfahrung hatte Tanner oft gemacht. Von dem Augenblick an, da die Polizei eingeschaltet war, wurde für viele Leute eine Sache erst richtig real. Und dramatisch. Auch wenn sonst gar nichts Neues passiert war.

Tanner betrachtete die Fotos der anderen Angestellten. Ob es jemanden gab, den André besonders mochte? Waren es eher die jüngeren Frauen vom Service oder seine deutlich älteren Kochkollegen? Anhand der Bilder allein eine Prognose zu machen war unmöglich. Marnier hatte gestern behauptet, André habe zu ihm selbst das größte Vertrauen. Gut, er war sein Onkel, und solange André minderjährig war, hatte er von seiner Schwester so etwas wie die elterliche Verantwortung übernommen. Das allein sagte aber noch nichts über das wirkliche Verhältnis Andrés zu seinem Onkel aus.

Mit Ausnahme einer jungen Frau des Servicepersonals, die S. Sanders hieß, und einem Mann namens Viet Dang, der in der Küche half, hatten alle anderen ausschließlich französische Namen. Im nächsten Augenblick servierte die junge Frau, die er gerade auf dem Foto gesehen hatte, den Milchkaffee und das Croissant.

Guten Tag, hier ist Ihr Kaffee.

Ich habe gerade Ihr Bild gesehen, Frau Sanders.

Er deutete auf den Wechselrahmen.

Aufgrund des Fotos schließe ich, dass Sie noch nicht so lange da sind. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Sehen Sie das denn dem Bild an?

Schauen Sie selber. Alle anderen Fotos sehen vom Stil und vom Papier her älter aus.

Gut erkannt, das ist mir noch nie aufgefallen. Also, ich bin seit ungefähr drei Monaten hier.

Und Sie stammen aus Wien, würde ich sagen.

Ebenfalls richtig. Sehen Sie das auch dem Foto an?

Sie lachte und strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

Das habe ich nämlich in Wien machen lassen.

Nein, das höre ich an Ihrer schönen Sprache.

Darf ich meinerseits daraus folgern, dass Sie Wien kennen?

Darüber reden wir ein andermal. Sagen Sie, können Sie mir etwas über André sagen?

Sie blickte über Tanner hinweg und sprach plötzlich betont laut. Lassen Sie sich den Kaffee schmecken. Rufen Sie mich, wenn Sie noch etwas brauchen. Ich bin drüben in der großen Gaststube und bereite den Mittagstisch vor. Wir haben heute einige Reservierungen.

Lieber Tanner, haben Sie den Kaffee bekommen? Danke, Sol. Sie können jetzt gehen.

Betont gelassen sah die Kellnerin ihn an. Dann lächelte sie Tanner zu und ging. Marnier sah wieder so aus, wie Tanner ihn kannte. Der weiß gekleidete Chefkoch Marnier le Grand. Mit seiner gewohnten Kleidung hatte Marnier auch wieder etwas mehr von seiner Ruhe zurückgewonnen.

Was soll ich jetzt tun, Tanner? Die Anzeige habe ich gemacht.

Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen helfe, müssen Sie mir viele Fragen beantworten. Auch muss ich alle Ihre Angestellten befragen dürfen, aber zuerst möchte ich sämtliche Fotos sehen, die Sie von André haben. Ach ja, und dann muss ich sein Zimmer sehen.

Warum sein Zimmer?

Ich muss mir ein möglichst genaues Bild von André machen, sonst kann ich überhaupt nicht helfen. Ich muss mich in seine Gedankenwelt einfühlen können. Sonst hat alles keinen Sinn. Meine Mutter sagte immer: Zeige mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist.

Gut. Ich verstehe. Soll ich Ihnen das Zimmer gleich zeigen?

Ja, bitte. Pardon, wo ist eigentlich Ihre Frau, Marnier? Ich habe sie seit Tagen nicht mehr gesehen.

Sie ist für ein paar Wochen bei ihrer Schwester in Kanada.

Weiß Ihre Schwester denn, dass ihr Sohn spurlos verschwunden ist?

Ja, sicher, ich habe es ihr vorgestern gesagt. Sie wird morgen oder übermorgen hier eintreffen.

Und was ist mit dem Vater?

Von André, meinen Sie?

Ja.

Er ist schon seit vielen Jahren tot. Verkehrsunfall mit Motorrad. Sehr tragisch. André war damals noch nicht mal vier Jahre alt.

Und ist Ihre Schwester wieder verheiratet?

Ja, aber ihr zweiter Mann, den sie erst vor drei Jahren geheiratet hat, ist im letzten Sommer an Krebs gestorben. Bitte, hier ist das Zimmer von André. Wir durften es ja nicht betreten, da war André sehr eigen. Er hat darauf bestanden, seine Privatsphäre zu haben.

War? Sie haben gesagt, André war sehr eigen.

Oh, mon dieu, nein, das habe ich nicht gemeint. Sie verstehen, Deutsch ist eine schwere Sprache und –

Tanner winkte ab.

Und? Haben Sie seine Privatsphäre respektiert?

Selbstverständlich. Er musste dann halt sein Zimmer auch selber putzen und so. Das, äh, ist die Konsequenz.

Marnier und Tanner waren während des Gesprächs die Treppe bis unter das Dach des Gasthauses gestiegen.

Ich werde jetzt ganz allein in das Zimmer gehen und eine Weile da drinnen bleiben, Marnier.

Ich verstehe. Ich muss an den Herd. Wir haben bestellte Gäste und die wollen etwas zu Mittag essen. Sie finden mich dann in die Küche.

Tanner stand noch eine Weile im Gang, bis er Marniers Schritte nicht mehr hörte. Dann erst öffnete er die Tür.

Abgestandene Luft schlug ihm entgegen, zudem waren die Vorhänge dicht zugezogen, so dass man vom Zimmer nicht viel erkennen konnte. Er tastete nach einem Lichtschalter.

Das kleine Zimmer mit abgeschrägter Wand sah aus wie eine Müllhalde. Das zerwühlte Bett, der kleine Tisch und jeder Zentimeter des freien Raumes waren mehrschichtig übersät mit Kleidern, Schuhen, Zeitschriften und vielem mehr.

Tanner lächelte.

Selber putzen? Oh je. Ordnungsliebend ist er nicht, der André, das steht schon mal fest.

Tanner bahnte sich vorsichtig einen Weg durch das Chaos, möglichst ohne etwas zu verändern, öffnete Vorhang und Fenster, ließ die kalte Morgenluft ins Zimmer. Er befreite den einzigen Stuhl von einem Stapel frisch gebügelter Bettwäsche, die André dem Geruch nach zu urteilen selber nie gewechselt hatte.

Privatsphäre gab es hier jede Menge, allerdings war sie keinesfalls malerisch oder besonders appetitlich. Tanner setzte sich behutsam auf den Stuhl und schaute sich um. Der einzige Ort, der nicht vom Ordnungsprinzip Zufall regiert war, schien das Gebiet um den ziemlich teuren CD-Player mit Sennheiserkopfhörern zu sein. Die CD-Hüllen lagen ordentlich aufgereiht nebeneinander, was ja durchaus von praktischem Nutzen war. Hätte André eine bestimmte Musik hören wollen – ein Griff und er hätte die CD zur Hand. Eine saubere Unterhose zu finden – dazu hätte man schon einen ganzen Suchtrupp losschicken müssen. Aber wer weiß, vielleicht folgte Andrés Stapelbildungssystem ja einer unsichtbaren Logik. Tanner hätte ein mehrstrophiges Lied über die Diskussionen mit seinem eigenen Sohn zu singen gewusst, was imaginäre Ordnungsprinzipien anbelangte.

Von seinem Stuhl aus konnte Tanner den schmalen Kleiderschrank öffnen. Er war komplett leer. André hatte offenbar nie etwas eingeräumt, sondern sich von Anfang an für die allgemeine Bodenhaltung seiner Siebensachen entschieden. Vielleicht bedeutete der leere Schrank auch, dass er sich hier nicht hatte niederlassen wollen.

Tanner betrachtete die Wände.

An der Wand über dem Bett hing ein einziges Bild. Es war ein kleinformatiges Poster der isländischen Sängerin Björk. Offensichtlich hatte sie das Bild persönlich signiert. Quer über das Bild war mit dickem Filzstift ihr Name geschrieben.

Er nahm sich die CD-Sammlung systematisch vor. Tatsächlich fand er hier nicht den allgemein verbreiteten Hip-Hop-Verschnitt der durchschnittlichen Altersgenossen von André, sondern ein breites musikalisches Spektrum, bis hin zu klassischer Musik. Die Zauberflöte war gleich in drei verschiedenen Aufnahmen vorhanden.

Tanner schaute sich um.

Also, was habe ich bis jetzt? Was Ordnung und Sauberkeit betrifft, ist André eindeutig noch im Ferkelalter. Musikalisch hingegen kann man ihn als fortgeschritten einstufen.

Er schloss das Fenster. In diesem Moment klopfte es sehr leise an die Tür, dann ein Kratzen.

Interessant. Klingt nicht wie das erste Mal.

Tanner fuhr sich durch die Haare und schloss mit sich schnell eine Wette ab, dass es die junge Frau aus Wien war, die vor der Tür stand.

Kommen Sie herein, Frau Sanders.

Woher wussten Sie …?

Ja, das war nun nicht besonders schwer. Treten Sie näher.

Sie setzte sich zögernd auf den Rand des Bettes. Offenbar erstaunte sie die Unordnung im Zimmer nicht besonders.

Sie sind nicht das erste Mal hier, oder?

Sie schüttelte den Kopf.

Was haben Sie denn für ein Verhältnis zu André?

Energisch richtete sie ihren Kopf auf.

Ich habe kein Verhältnis mit André.

Das habe ich ja auch nicht gesagt.

Stimmt. Entschuldigung. Was soll ich sagen – ich mag ihn, und ich hatte von Anfang an das Gefühl, er braucht ein bisschen Hilfe.

Nachdem Madame abgereist ist, noch mehr.

Wann ist Madame denn abgereist?

Sie überlegte einen Moment.

Vor etwa drei Wochen.

Und wissen Sie, warum?

Monsieur und Madame haben viel gestritten. Ich glaube, es ging um Geld. Aber genau weiß ich es auch nicht. Aber sagen Sie bitte niemandem, dass Sie das von mir haben.

Keine Angst. Hat Monsieur auch mit André gestritten? Sie brauchen nur mit dem Kopf zu nicken, wenn es stimmt.

Sie nickte heftig.

Vielen Dank. Sie gehen jetzt besser wieder an Ihre Arbeit. Wir werden bei einer anderen Gelegenheit miteinander reden. Es wäre nicht gut, wenn man Sie hier sehen würde.

Sie nickte wieder, stand auf und öffnete die Tür.

Frau Sanders, was wollten Sie eigentlich hier?

Sie haben mich doch gefragt, ob ich Ihnen etwas zu André sagen kann, oder?

Ach ja, stimmt. Und? Was können Sie mir sagen? Und machen Sie doch bitte noch einmal die Tür zu.

Sie schloss leise die Tür, blieb aber stehen.

Ich weiß, dass er vor etwas Angst hatte.

Aber Sie wissen nicht vor was?

Doch. Er hat es mir gesagt.

Tanner schaute sie erwartungsvoll an.

Leider weiß ich nichts Genaues, aber er hat mir gesagt, dass es eine Person gebe, vor der er wirklich Angst habe. Jemand, der in Wirklichkeit der Teufel sei, obwohl alle denken, es handele sich um einen lieben Menschen.

Haben Sie denn eine Idee, wen er gemeint haben könnte?

Nein. Aber er hat gesagt, dieser Mann sei der Teufel.

DREI

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe und katapultierte das kleine Dorf ins Rampenlicht der Nation. Da konnte Serge Michel toben und schreien wie seine Lunge Sauerstoff hergab. Ändern konnte er nichts mehr. Und natürlich wollte es am Ende keiner gewesen sein.

Ja, Herrgott im Himmel! Die Nachricht hat wohl kleine Füße bekommen und ist in Eigenregie zur Redaktion dieser Scheißzeitung marschiert, oder was? Ich verlange vom Polizeipräsidenten eine offizielle Untersuchung. Und zwar sofort! Und wenn er die nicht bewilligt, hat er heute Abend meine Kündigung auf dem Schreibtisch, und ich gehe endlich nach Indien und finde mich selbst! Und dann wehe euch!

Michel holte geräuschvoll Luft. Das gesamte Kommissariat saß still auf den Stühlen oder stand unbeweglich und wartete, bis der Anfall vorüber war. Nur Michel tobte wie ein wildgewordener Stier.

Mein Gott, ist das denn zu fassen? Anfänger! Alles Anfänger und Idioten. Dilettanten aller Welt: vereinigt euch. Wir stopfen euch alle in eine große Rakete und jagen euch mit einem großen Knall zum Mond. Oder besser noch: Wir verfrachten alle in ein Schiff und verbannen euch auf eine einsame Insel, das ist billiger.

Außer sich vor Wut blickte Michel in die Runde.

Habe ich nicht laut und deutlich verboten, über diesen Fall zu sprechen? Das totale Informationsverbot habe ich verhängt, absolute Plaudersperre. Und? Gilt mein Wort nichts mehr? Was haben wir jetzt? Den größten Informationsgau aller Zeiten. Da, seht euch die Überschrift an!

Michel pfefferte die Zeitung quer durch den Raum.

Wisst ihr, was jetzt passiert? Die Presse wird die nächsten Tage das Dorf belagern und die Bewohner fest im Griff haben. Anständige Polizeiarbeit können wir sowas von vergessen, das glaubt ihr gar nicht. Wenn das Interesse dann nachgelassen hat, wird man das Dorf fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Die Spuren werden zertrampelt sein, und vor lauter falschen Behauptungen rachsüchtiger Dorfbewohner und durchgeknallten Theorien karrieregeiler Journalisten wird die Wahrheit sich verflüchtigt haben wie das Tröpfchen edler Duftstoffessenz in einem Schweinestall.

Dieser etwas unglückliche Vergleich wollte erst einmal verdaut werden, weswegen die verdatterten Zuhörer mit Verspätung feststellten, dass Michel, der Wütende, verstummt war. Die plötzliche Stille war fast beängstigender als sein Herumbrüllen. Alle Blicke galten nur ihm.

Was guckt ihr? Hat einer eine Bibel da? Und zwar das alte Testament. Ich muss dringend etwas nachsehen. Ich brauche sofort eine Bibel. Mensch, sucht eine Bibel!

Das war das erlösende Stichwort. Endlich gab es etwas zu tun. Alles kam in Bewegung, bückte und reckte sich, wühlte in Schubladen und Schränken, deren Untiefen man schon länger nicht mehr ausgelotet hatte. Einer, der um die Ecke wohnte, telefonierte sogar mit seiner Frau. Aber es war wie verhext: keine Bibel weit und breit.

Ein Weilchen schaute Michel dem Treiben zu. Dann stand er auf. Ich sehe, ihr habt keine. Gebt euch keine Mühe. Ich gehe jetzt und besorge mir eine. Irgendwo wird ja in dieser gottlosen Zeit eine Bibel aufzutreiben sein.

Wütend stapfte er zur Tür hinaus.

Tanners Vermutung über die Beschaffenheit der Farbe hatte sich bestätigt. Es war eindeutig Blut. Ob es tatsächlich von den verschwundenen Katzen stammte, wie die Sensationspresse behauptete und Tanner vermutete, musste zuerst noch durch weitere Untersuchungen ermittelt werden.

Das Dorf befand sich in Aufruhr. Innerlich. Äußerlich schien es in einen Zustand der Lähmung gefallen zu sein. Sie lag bleiern über den Straßen und Gärten. Die Fensterläden der meisten Häuser waren auch am helllichten Tag geschlossen, so dass das stets rundum verriegelte Herrschaftshaus beim Bahnhof jetzt nicht einmal mehr besonders auffiel. Die Straßen waren wie leergefegt, einzelne Familien Hals über Kopf abgereist. Einige Dorfbewohner hatte man mit Nervenzusammenbrüchen in die Klinik einliefern müssen. Der Gemeinderat beschloss daraufhin, die Schule vorerst zu schließen.

Es hatte Tanners ganze Überredungskunst gekostet, die beiden Schwestern zu überzeugen, trotz allem ihren Laden zu öffnen.

Das Dorf braucht jetzt dringend zumindest scheinbare Normalität als Gegenpol.

Ihr müsst den Laden öffnen. Die Leute brauchen einen Ort, wo sie reden, wo sie sich austauschen können. Das Schlimmste, was jetzt passieren kann, ist, dass sich jeder zu Hause verschanzt und einkapselt. Wisst ihr was? Wir machen aus eurem Laden ein richtiges Informationszentrum.

Meinen Sie wirklich, Tanner? Mir macht das alles Angst. Lasst uns doch lieber in den Süden fahren. Das haben Sie doch selber vorgeschlagen.

Aber Solène, das war vor ein paar Tagen. Heute haben wir doch eine ganz andere Situation. Es kann nicht Ihr Ernst sein, jetzt wegfahren zu wollen.

Nein. Sie haben ja Recht. Was meinst denn du, Solange?

Ich finde, Herr Tanner hat Recht. Wir machen den Laden auf und eröffnen eine richtige Nachrichtenbörse. Ich habe auch schon eine Idee.

Im Laufe eines einzigen Nachmittags räumten die beiden den seitlichen Lagerraum des Ladens leer, liehen sich Tische und Stühle aus dem Schulhaus und eröffneten ein kleines Café. Die Längswand diente als großes Anschlagbrett, dort hingen bereits sämtliche Zeitungsartikel zum Dorf. Kaffee und Tee wurde in der Wohnung gebraut und in großen Thermoskannen ins Café gebracht. Alle anderen Arten von Getränken waren im Laden ja bereits vorhanden. Desgleichen Biskuits und Kuchen. Gegen Abend wagten sich bereits einige Leute aus ihren Wohnungen heraus, saßen ein Weilchen im neuen Café beisammen und redeten über die ganze Sache. Solange kümmerte sich ab sofort ausschließlich um das Kommunikationszentrum – dieses Wort sprach sie mit Stolz aus –, und Solène schmiss den Laden.

Das Leben der Menschen im Dorf hatte sich seit dem Morgen schlagartig verändert.

Wie fröhlich (zumindest über weite Strecken) war der Abend vor zwei Tagen gewesen, als Michel und die beiden Schwestern bei Tanner essen waren. Tanner hatte einen ganzen Nachmittag mit den Vorbereitungen zum großen Gastmahl zugebracht. Die Lammkeule spickte er mit Knoblauchzehen, pinselte sie dann mit einer großzügigen Portion einer selbstgemischten Honig-Senf-Rosmarin-Sherry-Paste ein und garte sie beinahe vier Stunden lang äußerst langsam im Ofen – wobei er selbstverständlich nicht vergaß, sie alle zwanzig Minuten mit dem eigenen Saft zu übergießen. Als Beilage bereitete er ein Risotto radicchio rosso vor. Des Weiteren kochte er getrocknete Zwetschgen in Rotwein und verlas Bohnen sorgfältig von Hand. Das eine Ende der Bohnen schnitt er ab; die natürliche Spitze des anderen Endes jedoch ließ er unversehrt. Im Wasserdampf nur kurz der Hitze ausgesetzt, blieben die Bohnen schön knackig. Jetzt nur noch schnell mit Eiswürfelwasser abgeschreckt, damit sie ihre schöne Farbe behielten; eine große Zwiebel in Butter angeschwitzt; die Bohnen kurz darin geschwenkt; mit Mangold, Frühlingszwiebeln, Lauch, Petersilie, verschiedenen Gewürzen, Olivenöl, Salz, Pfeffer und acht frischen Eiern vermengt – und fertig war die Frittata alle erbe, die kalt und in Streifen geschnitten ein Teil des Vorspeisentellers werden sollte. Dann wurden von Tanner noch Zucchini in dünne Streifen geschnitten, gesalzen und einzeln in Olivenöl gebraten. Die dünnen Fischfilets würzte er leicht und schweißte sie in Folie ein, um sie später zum zweiten Gang nur kurz in heißes Wasser zu tauchen. Diese Methode garantierte, dass auch nicht ein einziges Geschmacksatom verloren ging.

Die beiden Frauen waren viel zu früh gekommen und hatten Tanner empfindlich bei den letzten Vorbereitungen in der Küche gestört. Er war gerade beim Herstellen einer eigenen Olivenpasten-Kreation aus schwarzen und grünen Oliven, Walnüssen, Pinienkernen, fein geschnittenem, rohen Fenchel und ebenso feingeschnittenen, getrockneten und ungeschwefelten Aprikosen. Zum Glück hatte er die gebrannte Crème gerade noch fertig bekommen, bevor die beiden kichernden Schwestern ihren Auftritt machten, denn in ihrer Anwesenheit hätte Tanner sich nicht mehr zu der Konzentration befähigt gefühlt, die unabdinglich war, damit eine Crème brûlée gelang.

Und Michel?

Michel erschien tatsächlich mit dem Glockenschlag, und sein Auftritt im geliehenen Smoking – Michel hatte die Aufforderung tatsächlich ernst genommen – war natürlich eine kleine Sensation: Die beiden Damen waren von seiner imposanten Erscheinung und von seinem Charme hingerissen. Vor allem Solène hing entzückt an seinen Lippen, und es schien, als besäße sie die Gabe, seine Inspiration ins Unendliche zu steigern. Bereits nach zwei Flaschen Weißwein und drei Flaschen Rotwein (allesamt vom Weingebiet auf der gegenüberliegenden Seeseite) begann er von seinem glücklichen und ereignisreichen vorherigen Leben als Maharadscha des kleinen Königsstaats Phukhtu in Indien zu berichten. Seine ausufernden Abenteuergeschichten kamen derart bestechend und detailgetreu daher, dass sich selbst Tanner dann und wann dabei ertappte, wie er ihm Glauben schenkte. Michel hatte sich auch in allen anderen Belangen übertroffen, und so übernachtete er in Tanners Wohnzimmer und schlief, die gesamten indischen Wald- und Holzreserven zersägend, seinen gewaltigen Lügenrausch aus. Eine Heimfahrt im Auto wäre einer Kriegserklärung an Land und Leute gleichgekommen. Deswegen konnten die beiden Männer erst am nächsten Morgen ihre beruflichen Probleme erörtern. Das heißt, es sprach vorwiegend Tanner, denn Michels Bewusstsein war zu Beginn des Frühstücks noch stark umnebelt. Die Unterlagen über die seltsamen Todesfälle im städtischen Spital (vorwiegend Männer) hatte er sowieso vergessen. Er habe sich eben um den Smoking kümmern müssen und darüber das Wichtigste vergessen. So die Ausrede. Allerdings lieferte auch das Dorf genug Gesprächsstoff. Am Abend zuvor hatten die beiden Schwestern natürlich immer wieder über die mysteriösen Vorgänge diskutieren wollen, was Tanner und Michel jedoch teils aus Schweigepflicht, teils um die Stimmung nicht zu verderben, abblockten. Jetzt konnten sie endlich ungestört reden.

Gegen Ende des Frühstücks erhielt Michel den Anruf vom Labor. Ich habe es doch geahnt, Michel. Und die Schlafmützen wissen immer noch nicht, ob es Katzenblut ist?

Nein. Ich kann auch nichts dafür, das muss noch weiter untersucht werden.

Nun gut, wir werden sehen. Aber es kann doch kein Zufall sein, dass kurz vorher jemand an die zwanzig Katzen verschwinden lässt, oder? Der hat die doch geschlachtet und mit dem Blut die Zeichen gemalt, da mache ich jede Wette.

Du sprichst von einem Monster, von einer Bestie, Tanner.

Wenn überhaupt, so spreche ich von einem kranken Menschen. Aber wenn du es vorziehst, kannst du gerne von der Bestie Mensch sprechen. Diese dünne Humusschicht aus Erziehung und Kultur, die uns vom Verhalten einer Bestie trennt, kann je nach Situation blitzschnell –

Bitte, Tanner, heute Morgen ertrage ich keine Vorträge. Ich weiß, es ist dein Lieblingsthema, du könntest mir jetzt stundenlang wissenschaftliche Fakten um die Ohren hauen und mich am Schluss mit den farbigsten Beispielen k.o. schlagen, um zum Wiederaufwachen dann noch das hohe Lied auf Shakespeare anzustimmen, deinen literarischen Lieblingsgott, der all das schon gewusst hat: die Natur, die machtvoll ist und böse, ebenso die Natur des Menschen, und so weiter. Aber verschone mich heute bitte. Ich bin nicht in Stimmung. Zudem kenne ich deinen Vortrag in- und auswendig. Mal ganz was Praktisches: Hast du eine Schachtel Aspirin?

Muss es eine ganze Schachtel sein oder genügen zwei Tabletten? Ach, Tanner jetzt sei nicht beleidigt. Du hast ja Recht mit allem, aber ich habe einfach Kopfschmerzen. Ja, es genügen zwei Tabletten.

Tanner wartete, bis Michel seine beiden Tabletten geschluckt hatte.

Wie denkst denn du über die Sache?

Ja, wie denke ich? Da hat jemand einem ganzen Dorf den Krieg erklärt, denke ich.

Und wieso sollte ein Einzelner so was tun?

Michel schob ein Stück Brot mit Marmelade in den Mund.

Er fühlt sich vielleicht nicht besonders geliebt.

Und dann stiehlt man zwanzig Katzen, schlachtet sie und beschmiert mit dem Blut die Haustüren?

Er ist eben krank. Wie du in deinem Vortrag sicher schlüssig bewiesen hättest, wenn ich dich gelassen hätte. Abgesehen davon – wir wissen immer noch nicht, ob es wirklich Katzenblut ist.

Okay. Vielleicht hast du Recht, Michel. In diesem Dorf würde es mich auch gar nicht wundern, wenn jemand einen solchen Hass entwickelte.

Tanner überlegte einen Moment.

Du kennst ja sicher den Satz, dass es zur Erziehung eines Kindes ein ganzes Dorf braucht.

Nein, habe ich noch nie gehört. Stimmt das denn?

Natürlich stimmt das. Das genau ist ja heute das Problem.

Was ist das Problem?

Dass es zumeist dieses Dorf nicht mehr gibt.

Welches Dorf meinst du?

Michel sprach mit vollem Mund. Er war so aufs Essen konzentriert, dass sein Gehirn wieder einmal ausgeschaltet war.

Tanner seufzte.

Also, soll ich es dir wirklich erklären?

Selbstverständlich. Ich lerne gern dazu.

Mit dem zitierten Satz ist die Erkenntnis gemeint, dass ein Kind, um die Vielfalt des Lebens und vor allem auch die Vielzahl der notwendigen Verhaltensregeln zu lernen und zu verinnerlichen, eine gewisse Anzahl miteinander kommunizierender Menschen braucht, die es über eine lange Zeitspanne seines Lebens hautnah erleben und damit auch die Fähigkeit entwickeln kann, die verschiedensten Arten von Beziehungen aufzubauen. Traditionell gehören – neben den Eltern und vielen Geschwistern – die Großeltern, möglichst viele Großtanten und Großonkel, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins dazu. Sowie Nachbarn, Freunde und Bekannte. Ein ganzes Universum eben, auf das sich ein Kind beziehen kann, und von dem es gleichsam allmählich geformt und erzogen wird. Die Regeln, die zum Beispiel die Eltern aufstellen, können vom Kind in genau dieser Form oder als Varianten bei den anderen erlebt werden. Und so lernt der kleine Mensch sinnfällig durch gelebte Beispiele und wird durch ein vielfältiges Beziehungsnetz mit sich und der Welt konfrontiert. Er lernt die Regeln, all die Codes, er lernt Einfühlung und so weiter. Verstehst du, Michel? Soll ich noch eine neue Marmelade aufmachen?

Nein, nein, mir reicht diese. Danke. Und was hat das jetzt alles mit unserem Dorf zu tun?

Nun, ich habe dir eben einen positiven Verlauf geschildert. Einen Modellfall, sozusagen. Das Prinzip hängt gar nicht mal so sehr von der Sippe, respektive Großfamilie, ab, die es ja heute bekanntlich in der beschriebenen Form nur noch selten gibt. Dieses sogenannte »Dorf« kann in der Stadt auch ein kleines, vertrautes Quartier sein, ein Wohnblock oder eben ein veritables Dorf wie dieses hier.

Tanner ließ Michel etwas Zeit. Dann erklärte er weiter.

Da, wo es dieses Dorf, in welcher Form auch immer, eben nicht gibt, entstehen die Schwierigkeiten.

Michel schaute ihn fragend an.

Ja, verstehst du denn nicht? Es kann ja auch einmal schief laufen. Ein Einzelner wird von seinem Dorf aus irgendeinem Grund abgelehnt, ja vielleicht sogar gequält. Es wurde ihm oder seinen Lieben ein gravierendes Unrecht angetan, was weiß ich. Die Familie wurde ausgegrenzt, aus religiösen, politischen und anderen Gründen. Es gibt Orte, da reicht dafür schon die falsche Hautfarbe. Verstehst du? Insofern könntest du Recht haben.

Womit könnte ich Recht haben?

Tanner verdrehte die Augen.

Ja, du hast doch gesagt, er fühlt sich vielleicht nicht besonders geliebt.

Ach so, ja genau. So könnte es sein.

Wie geht ihr denn jetzt vor, Michel?

Michel lehnte sich zurück und steckte sich ein letztes Stück Brot in den Mund.

Ich sehe es doch auf deine Stirn gemeißelt, dass du bereits einen Schlachtplan hast, und da will ich dir natürlich nicht vorgreifen. Du, übrigens, die Marmelade schmeckt ausgezeichnet. Hast du die selbst eingemacht?

Nein, die hat mir erst gestern Abend Solange mitgebracht. Sie hat sie eingemacht. Was ich damit sagen will: Wir haben das Glas gerade erst aufgemacht.

Aha. Solange kann also gut Marmelade einkochen. Sieh an. Schade, dass das Glas jetzt schon leer ist. Aber sie kocht dir sicher noch eine Marmelade, meinst du nicht? Wenn du sie freundlich bittest? Was dir sicher nicht schwer fallen wird.

Michel versuchte sich an einem ernsten Gesicht, doch das Lachen siegte.

Auf deine Anspielungen kann ich verzichten, Serge Michel. Jetzt mal ernsthaft. Also, mein Vorschlag: Lasst sämtliche Zeichen fotografieren. Ich zeige die Bilder dann einem Semiotiker.

Michel verschluckte sich.

Semi … was?

Ein Semiotiker kann uns erklären, was die Zeichen bedeuten. Falls sie überhaupt etwas bedeuten. Als sie zuerst entdeckt wurden, meinte Solange ganz intuitiv, dass sie etwas mit dem Tod zu tun haben.

Aha. Mit dem Tod.

Michel guckte bedeutungsvoll an die Küchendecke und wippte mit dem Kopf.

Wusste ich’s doch.

Was wusstest du, Michel? Kannst du etwas deutlicher werden, bitte?

So. So. Solange. Sie gefällt dir also?

Ja, Michel, stell dir vor: Die beiden Schwestern gefallen mir. Was genau möchtest du wissen? Teilen wir uns jetzt die Frauen auf? Welche möchtest du denn haben?

Nein, nein. Wo denkst du hin? Bitte, verschon mich mit so was. Ich dachte nur, dir gefällt vielleicht Solange besser als Solène. So als Typ, meine ich, ganz prinzipiell. Weil sie stiller ist. Irgendwie mehr Tiefe hat und –

Michel, du wolltest einen Vorschlag von mir.

Entschuldige, mein Kopf. Sprich weiter, Meister.

Tanner hob die Augenbrauen.

Michel tat ganz harmlos.

Bitte, ich höre.

Also, es gibt zwei Möglichkeiten: Du tust nichts, wartest auf den nächsten Zug des Täters und beginnst dann vielleicht sein Motiv oder seine Stoßrichtung zu erkennen. Oder du schickst sofort deine Leute in alle Familien und lässt sie möglichst viele Geschichten über Beziehungen, Streitigkeiten und Händel zusammentragen. Wir werten dann alles gemeinsam –

Michel unterbrach ihn.

Moment mal. Was heißt da: Wir werten aus? Arbeitest du wieder bei der Polizei?

Nein. Aber ich bin dein Freund, und vier Augen sehen mehr als zwei, oder?

Michel knurrte irgendetwas Unverständliches und verdrehte die Augen. Tanner nahm es als Zeichen seines Einverständnisses.

Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Wir werten aus, und wenn wir Glück haben, finden wir was. Abgesehen vom Verschwinden der Katzen ist ja noch kein Verbrechen geschehen. Blutige Zeichen an Türen schmieren ist natürlich eklig und eine Straftat, aber noch lange kein kapitales Verbrechen. Apropos, wieso musst du dich eigentlich mit der ganzen Sache beschäftigen?

Weil die anderen im Moment überbeschäftigt oder unterbesetzt sind. Was weiß denn ich. Dem Michel kann man ja alles anhängen.

Und für welche Variante meines Vorschlages wirst du dich entscheiden?

Michel rieb sich die Hände.

Ich schicke sofort meine Leute los, die haben eh nichts zu tun.

Gut. Mach das. Soll ich noch mehr Kaffee kochen?

Michel nickte, und während Tanner den Kaffee zubereitete, berichtete er von seinen bisherigen Erkenntnissen über das Verschwinden von André Tillieux. Michel hörte andächtig zu, er sprach erst, als Tanner geendet hatte.

Viel ist das nicht.

Ich weiß, es ist wenig, aber anscheinend ist Monsieur Marnier in Schwierigkeiten. Welcher Art die sind, weiß ich noch nicht. Aber das kriege ich bald heraus.

Die Sache wird hoffentlich nicht auch noch in meiner Abteilung landen.

Wie kommst du denn darauf?

Ich habe ein ungutes Gefühl. Ich kenne leider viele Fälle, die ganz genauso anfangen und dann bei der Mordkommission enden.

Und genauso viele, die ganz harmlos enden.

Dein Wort in Gottes Ohr.

Wohin, bitte?

Du verstehst schon.

Später am selben Tag, nachdem er stürmend das Kommissariat verlassen hatte, steuerte Michel sofort die größte Buchhandlung der Stadt an, die unweit seines Büros lag. Er stellte sich breitbeinig vor eine der mit Information beschrifteten Theken und verkündete der jungen Buchhändlerin, deren Wangen rot leuchteten wie bei einem auf Hochglanz polierten Weihnachtsapfel, gebieterisch sein Begehr.

Michel stellte sich das vor wie in einer Kneipe, wenn er ein Bier verlangte. Auch dort bestellte er an der Theke und bekam das Gewünschte prompt vor die Nase gestellt. Hier bestellte er eben eine Bibel, also würde er auch eine Bibel bekommen.

Als die junge Frau endlich wieder erschien, trug sie einen Riesenstapel Bücher in ihrem Arm.

Also, hier sind die neuesten Übersetzungen. Da sind zwei mit Illustrationen. Hier haben wir eine ganz kostbare Ausgabe, in Leder gebunden. Dies hier ist die kleinste, zum Mitnehmen –

Entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber ich brauche einfach nur eine stinknormale Bibel. Altes Testament, Moses und all die Typen. Ich muss nämlich dringend was nachlesen, an das ich mich nicht mehr so richtig erinnern kann. Der Religionsunterricht ist doch schon ziemlich lange her, und da ich sowieso die meiste Zeit geschwänzt habe … Verstehen Sie? Ich brauche einfach nur eine Bibel!

Die Buchhändlerin schaute ihn verständnisvoll an.

Meinen Sie vielleicht eine Schulbibel?

Ich weiß es doch auch nicht. Ich dachte, Bibel ist Bibel.

Dann kam ihm der rettende Gedanke.

Wissen Sie, in Hotelzimmern liegen doch auch immer Bibeln in den Schubladen. So was brauche ich.

Ach so. Ja, das haben wir vorrätig. Einen Moment bitte.

Michel setzte sich in ein gemütliches Restaurant, legte die Billigdruckbibel mit abwaschbarem Einband vor sich hin, bestellte ein großes Bier, eine Portion Waadtländer Saucisson und schlug das erste Kapitel auf.

Einen Augenblick lang überlegte er, wie peinlich es wäre, würde ihn jemand hier mit der Bibel in der Hand entdecken, aber schon bald zog ihn der Text ganz in seinen Bann.

Die Waadtländerwurst war bereits kalt, als er sie anschnitt, und – oh Wunder – auch das bemerkte er kaum. Nach dem Essen bestellte er sich noch zweimal ein Bier und anschließend einen Kaffee.

Später setzte sich eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und einem auffallend fröhlichen Blick an seinen Tisch. Ihre kleine Freitagtasche – gefertigt aus verblichenen Lastwagenplanen – hielt sie auf dem Schoß, als wäre sie ein kleines Tier.

Irritiert schaute er auf.

Entschuldigen Sie vielmals, wenn ich Sie störe und mich einfach an Ihren Tisch setze, aber ich beobachte Sie jetzt schon seit über einer Stunde und bin fasziniert, wie lange und konzentriert Sie in der Bibel lesen.

Ach so. Ja, ich weiß auch nicht, äh, ich muss jetzt sowieso mal … Entschuldigung, wissen Sie, wie spät es ist?

Ja, es ist gerade vier Uhr vorbei.

Was? Das darf nicht wahr sein. Mein Gott, ich sollte ja schon längst zurück im Büro sein!

Suchen Sie eine bestimmte Stelle?

Nein, das heißt … Wie kommen Sie darauf?

Weil Sie so viel geblättert haben. Da hatte ich den Eindruck, dass Sie eine bestimmte Stelle suchen. Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich kenne die Bibel ziemlich gut.

Michel kratzte sich verlegen am Kopf.

Nur Mut. Ich beiße Sie nicht. Ach ja, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Anita Schön.

Ach ja? Wie schön. Also, ich wollte sagen, ich heiße … nein, entschuldigen Sie, ich muss jetzt bezahlen und dann sofort ins Büro.

Anita winkte dem Kellner.

Der Herr möchte seine Rechnung, Carlo. Also, welche Stelle haben Sie gesucht?

Ja, wissen Sie, diese Stelle mit dem Blut. Mit dem Blut an den Haustüren. Ich habe gedacht, das sei eine Geschichte aus dem Alten Testament, und bald habe ich das halbe Buch gelesen, aber die Stelle habe ich immer noch nicht gefunden.

Ich kenne die Stelle, von der Sie reden. Und sie steht tatsächlich im Alten Testament.

Carlo kam herangeschlurft.

Sie möchten die Rechnung?

Bringen Sie mir noch einen Kaffee. Möchten Sie auch etwas trinken, Frau äh, Schön?

Sie nickte.

Nennen Sie mich bitte Anita. Ich möchte einen Schwarztee.

Also, Sie kennen die Stelle? Wo steht denn das mit dem Blut?

Er schob die Bibel über den Tisch zu ihr hinüber.

Sie schob die Bibel zurück.

Zweites Buch Moses, Kapitel zwölf.

Wie bitte?

Das ist die Stelle, die Sie suchen.

Und das wissen Sie auswendig?

Ja. Schauen Sie nach.

Michels Gesichtsausdruck blieb skeptisch, aber er blätterte, fand die Stelle und begann zu lesen.

Er blickte auf und lächelte.

Das ist ja unglaublich. Sie haben Recht. Kennen Sie die ganze Bibel auswendig?

Anita lachte.

Nein, nein. Aber lesen Sie jetzt erst einmal die Stelle. Ich trinke meinen Tee.

Anita hatte längst ihren Tee getrunken, als Michel wieder aufblickte, denn er war ein langsamer Leser.

Er schlug das Buch wütend zu.

Mein Gott, das ist ja furchtbar.

Was meinen Sie?

Na ja, die ganze Geschichte. Ich meine, hier wird von einer ungeheuren Brutalität berichtet. Gegen Unschuldige. Gegen Kinder. Das ist ja ekelhaft. Ekelhaft und tragisch.

Michels Wut war nicht gespielt. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Carlo, noch ein großes Bier.

Was meinen Sie mit tragisch?

Anita fragte ihn ganz ruhig.

Nun, ich lese hier von den furchtbarsten Brutalitäten, und noch heute geht es dort, wo sich die biblischen Geschichten zugetragen haben, immer wieder schrecklich zu. Und keine Lösung in Sicht.

Und auch noch alles im Namen Gottes. Was soll denn das für ein Gott sein? Schon als Kind kam ich damit nicht klar.

Sie haben natürlich Recht. Dahinter verbirgt sich eine große Tragik. Aber das eine hat nicht zwingend etwas mit dem anderen zu tun. Es handelt sich ja noch nicht um einen heutigen Staat, sondern ganz generell um das auserwählte Volk Gottes als Idee. Abgesehen davon finden sich bei allen Staatsgründungen auf der ganzen Welt üble Dinge. Auch bei unserem Staat. Interessant ist aber tatsächlich die Rolle dieses Gottes, da haben Sie vollkommen Recht.

Auserwähltes Volk Gottes! Wenn ich das schon höre. Das ist doch pubertärer Blödsinn. Und mit was für Folgen! Vor allem: Was ist das für ein Gott, der sein auserwähltes Volk nur aus Ägypten führen kann, indem er alle erstgeborenen Tiere und Menschen ermordet? Und das in einer einzigen Nacht! Stellen Sie sich das vor, Anita. Ein Massaker! Und das soll ein Gott sein, noch dazu ein allmächtiger? Einen Massenmörder nenne ich das, der gehört doch vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Anita lachte.

Sie sind lustig. Aber das Ganze ist doch vor mehr als dreitausend Jahren passiert. Sie müssen es mehr als Mythos sehen. Nicht wie Tagespolitik.

Ach ja? Na, mir soll es egal sein. Ich habe es aus einem ganz anderen Grund gelesen.

Michel nahm sein Bier entgegen und leerte es bis auf die Hälfte.

Warum haben Sie es denn gelesen?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin Kommissar der Mordkommission, und es hat mit einem komplizierten Fall zu tun. Ach ja. Entschuldigung, ich heiße Michel. Also, Serge Michel. Verstehen Sie? Michel ist mein Nachname.

Ich verstehe. Serge ist ein schöner Name, den man nicht oft hört.

Das stimmt. Mich nennen sowieso alle Michel.

Gut. Dann sage ich Serge. Hat es denn etwas mit dem Blut an den Türen zu tun? Am Anfang erwähnten Sie nämlich das Blut.

Ganz genau.

Michel beugte sich über den Tisch und senkte seine Stimme.

Wir haben nämlichen einen Irren, der Haustüren mit Blut beschmiert.

Ihr habt ihn schon?

Nein, ich meine, es gibt einen, der das tut. Lesen Sie keine Zeitung? Die Presse ist heute voll davon.

Nein, ich habe heute tatsächlich noch keine Zeitung angeschaut. Aha. Und der beschmiert also Haustüren? Mit dem Blut von Lämmern, wie in der Bibel?

Nein, nein. Schlimmer. Wahrscheinlich handelt es sich um Katzenblut.

Das ist ein kranker Mensch.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich dachte, möglicherweise ist er religiös motiviert.

Und dann? Wäre er dann weniger krank?

Wir wissen noch nichts über sein Motiv, wissen Sie. Genauso wenig haben wir eine Ahnung über sein Ziel. Wenn er denn eins hat. Er hat bis jetzt drei sehr ungewöhnliche Dinge getan. Er hat mindestens zwanzig Katzen eingesammelt, hat sie geschlachtet und mit ihrem Blut auf neunundzwanzig Türen Zeichen gemalt. Und das alles in einem kleinen Dorf, das jetzt ziemlich unter Schock steht.

Das kann ich mir vorstellen. Weiß man denn schon etwas über die Bedeutung der Zeichen?

Mein Kollege, also äh, ein Freund von mir kümmert sich darum. Er versteht mehr davon als ich. Aber wissen tun wir noch so gut wie gar nichts.

Anita lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

Wenn die biblische Szene wirklich Vorbild sein sollte, wäre das Blut ein Zeichen des Schutzes. Das heißt: Alle, die Blut an der Tür haben, werden verschont. Würde das einen Sinn ergeben?

Michel legte seine Stirn in Falten.

Wenn ich das wüsste.

Dann lehnte er sich ebenfalls zurück und kam eigentlich erst jetzt dazu, sein Gegenüber in Ruhe zu betrachten.

Wie kam es, dass sich ein derart hübsches Wesen so gut in der Bibel auskannte? Klug war sie auch. Sein Bild einer frommen Frau sah ganz anders aus.

Er räusperte sich.

Wie kommt es, dass Sie die Bibel so gut kennen?

Sie lachte.

Wie kommt es, dass Sie die Bibel nicht kennen, Serge? Es handelt sich dabei immerhin um eine der wichtigsten Grundlagen unserer westlichen Kultur.

Michels Hand fegte durch die Luft, als wollte sie einen Schwarm Fliegen verscheuchen.

Ich glaube nicht an Gott und so. Es interessiert mich einfach nicht. Hat es noch nie getan. Der Unterricht in der Schule war grauenhaft langweilig. Abgesehen davon, dass es mit unserem praktischen Leben rein gar nichts zu tun hat.

So, so. Was Sie nicht sagen.

Sie beugte sich vor und stützte das Gesicht auf ihre Hände.

Nehmen wir doch mal Ihren Beruf. Sie klären Morde auf und sorgen dafür, dass die Schuldigen vor Gericht gestellt werden. All das tun Sie, weil es in der Bibel heißt: Du sollst nicht töten.

Michel verdrehte die Augen.

Weshalb würden Sie es sonst tun? Sie sind der Ausführende einer gesellschaftlichen Raison d’être, die sich auf die Grundsätze der Bibel stützt. Was glauben Sie, warum man gerade vor Gericht auf die Bibel schwören musste?

Ja, ja. Ist ja gut. Ich gebe auf. Ich weiß schon jetzt, dass ich Ihrer Argumentation nicht gewachsen bin. Sie werden auf alles eine Antwort haben. Das spüre ich genau. Was sind Sie von Beruf, Anita, wenn ich fragen darf?

Ich arbeite für die Heilsarmee.

Michel, der gerade sein Glas in einem Zuge leeren wollte, verschluckte sich gründlich. Anita sprang auf und schlug ihm energisch auf den Rücken.

Geht’s wieder? Soll ich noch einmal?

Nein, nein. Ist gut. Danke schön.

Er hustete noch ein wenig vor sich hin.

Mädchen, du hast einen ziemlich guten Schlag drauf. Entschuldigung. Ich wollte sagen, dass Sie sozusagen auf allen Ebenen ganz schön schlagfertig sind.

Hat die Heilsarmee Sie so erschreckt?

Nein, nein. Oh je. Das Bier ist mir fast durch die Nase rausgekommen.

Er leerte das Glas und winkte dem Kellner.

Carlo, noch eins, bitte. Wollen Sie auch noch einen Tee?

Sie nickte. Er deutete auf sie. Carlo nickte.

Wo ist denn eigentlich Ihre Uniform?

Die tragen wir doch nur an Weihnachten beim Singen. Und manchmal zu offiziellen Anlässen.

Die steht Ihnen sicher gut, denke ich.

So, so. Denken Sie. Haben Sie keine Uniform?

Nein, wo denken Sie hin! Uniformen tragen nur Verkehrs- und Streifenpolizisten. Zum Teil natürlich auch Beamte im Büro und am Schalter. Aber nicht in meiner Funktion. Zudem wär’s ja auch ziemlich schwierig, eine für mich aufzutreiben.

Beide lachten.

Bei uns bekämen Sie ohne weiteres eine. Wir haben eine eigene Schneiderei und genug Stoff.

Danke für das Angebot, aber ich bleibe vorerst bei der Polizei. Anita trank den letzten Schluck ihres Tees.

Ich würde gerne einmal einen Blick auf die Zeichen werfen. Wäre das möglich?

Welche Zeichen? Ach, Sie meinen die Blutzeichen?

Anita bejahte die Frage mit einem strahlenden Lächeln.

Das eine oder andere ist ja in der Presse veröffentlicht.

Ja, schon. Aber ich meine alle. Man müsste doch sicher alle sehen, um einem eventuellen Sinn auf die Spur zu kommen, oder?

Michel nickte. Er wusste natürlich, dass er es nicht durfte, aber – Unter einer Bedingung: Wenn Sie mit mir an einem der nächsten Abende Essen gehen und mir genau erzählen, warum Sie so, äh, ich meine, so –

Warum ich so bin wie ich bin?

Ja. Genau.

VIER

In der Nacht vom elften Tag seines Verschwindens ist der erst siebzehn Jahre alte Kochlehrling André Tillieux in den Freitod gegangen. Sein Leichnam wurde noch in derselben Nacht geborgen. Die Bestattung findet im engsten Kreis statt.

Solange rannen Tränen übers Gesicht, als sie die kleine Notiz in der Zeitung las. Sie hatte die Aufgabe, alle fürs Dorf wichtigen Zeitungsausschnitte zu sammeln und an das Schwarze Brett zu hängen. Dass sich der junge André, den sie nur flüchtig kannte, vor den Zug geworfen hatte, wusste sie zwar schon seit gestern, doch als sie es schwarz auf weiß sah, brach sie in Tränen aus, als wäre es erst jetzt Realität geworden. Nach einer Weile beruhigte sie sich und beschloss, diese Nachricht ebenso ans Brett zu hängen, auch wenn Andrés Selbstmord eigentlich – und hoffentlich – nichts mit den Blutzeichen zu tun hatte. All den Nachbarn, die über einen solchen möglichen Zusammenhang spekulierten, widersprach sie vehement, hatte es doch schon lange das Gerücht gegeben, dass André depressiv und suizidgefährdet war. Er war ja offenbar schon einige Male abgehauen. Hieß es nicht, er habe sich mal im Mittelmeer ertränken wollen, und sein Onkel Marnier, der Gute, habe ihn gerettet?

Gleichwohl heftete sie den Zeitungsausschnitt an das Brett, schließlich betraf es das Dorf. Nachdem sie auch die restlichen Zeitungen gesichtet hatte, beschäftigte sie sich mit der Liste für die Polizei. Tanner hatte sie gebeten, eine Art Stundenplan für die Leute von der Polizei zu machen, die in den nächsten drei Tagen alle Bewohner vernehmen würden. Oder vielmehr mit den Familien Interviews führen wollten. Sie hatte die Dorfbewohner in Familiengruppen unterteilt und ordnete jetzt jeder Gruppe eine Zeit zu, in der sie den Beamten zur Verfügung stehen müssten.

Wie praktisch, die Polizei musste nicht erst langwierig Termine aushandeln, sondern sagte einfach, wann sie zu erscheinen gedachte. Tanner hatte ihr versichert, dass die Leute das auf jeden Fall akzeptieren würden. Wenn nicht, hatte er gesagt, solle sie ruhig ein bisschen Druck machen. Unter seinem lächelnden Blick war sie ganz rot geworden. Das hatte sie geärgert. Auch als sie jetzt noch einmal daran dachte, fühlte sie die Wärme im Gesicht.

Tanner war von Michel über André Tillieuxs Tod bereits am Morgen danach unterrichtet worden.

Gegen elf Uhr nachts hatte der Zugführer des Sieben/Siebenundsechzigers – so hieß im internen Sprachgebrauch der Zug, der das Ringmauerstädtchen mit der Kantonshauptstadt verband – gemeldet, dass sie auf ihrer letzten Fahrt einen Menschen überfahren hätten, der quer auf den Schienen lag. Und zwar mitten auf dem großen Viadukt, das sich weit über das grüne Tal spannte. Der Lokführer, der nach wie vor unter Schock stand, hatte zwar sofort die automatische Notbremsung ausgelöst, doch für die Person war es zu spät gewesen.

Der bis zur Unkenntlichkeit zerfetzte Körper war noch in derselben Nacht in die Kantonshauptstadt überführt worden. Dort hatte man anhand von Ausweisen und Bankkarten, die das Opfer bei sich trug, die Identität feststellen können.

Michels Stimme machte keinen Hehl daraus, dass er diesmal Recht behalten hatte.

Du siehst, Tanner, harmlos hat die Sache nicht geendet.

Die Frage bleibt, wo sich André elf Tage lang aufgehalten hat.

Warum interessiert dich das?

Ich finde es grundsätzlich erschütternd, wenn ein Mensch Selbstmord begeht. Wenn es aber dazu noch ein gerade erst siebzehnjähriger Junge ist, wird eine kaum auszuhaltende Tragödie daraus. Und ich möchte wissen, wer oder was da versagt hat. Zudem weiß ich, dass es jemanden gab, vor dem André Angst hatte.

Hat er dir das gesagt?

Nein, ich habe ihn ja gar nicht gekannt. Die Sanders hat es mir erzählt. Sie ist eine Angestellte von Marnier und hat sich wohl ein bisschen um den Jungen gekümmert, vor allem seit Madame Marnier verreist ist. Offenbar gab es wohl auch Streit.

Zwischen Marnier und dem Jungen?

Ja. Aber auch zwischen Madame und Monsieur.

Und was willst du jetzt machen?

Gegenfrage: Ist eine gerichtsmedizinische Untersuchung angeordnet?

Sollte ich die denn anordnen?

Ja. Allein schon um die Drogenfrage zu klären. Der Rest ist, wie soll ich sagen?

Michel atmete schwer aus.

Okay, Tanner. Der Rest ist Gefühl. Ich verstehe. Und ich werde natürlich wieder mitmachen, ich Idiot. Letzten Endes willst du doch wieder nur Recht behalten.

Wieso das? Du hast doch prophezeit, dass der Fall bei dir landet, nicht ich.

Tanner war nach diesem Telefongespräch sofort ins französische Gasthaus gegangen, hatte Marnier sein Beileid ausgesprochen und seine weitere Hilfe angeboten, so man sie benötigte. Marnier saß bleich in der leeren Küche, sprach kein Wort und trank Rotwein. Er stellte Tanner stumm ein Glas hin, und Tanner trank es aus Solidarität aus.

Marnier hatte das Gasthaus geschlossen und offenbar seine Angestellten, soweit sie nicht im Haus wohnten, weggeschickt. Tanner blieb eine Weile stumm bei ihm sitzen, drehte zwischendurch einen penetrant tropfenden Wasserhahn fester zu und erkundigte sich leise, ob denn die Mutter von André eingetroffen sei.

Zimmer fünf. Unser bestes Zimmer.

Dies blieben die einzigen Worte, die Marnier sprach. Tanner erhob sich, verabschiedete sich und suchte Zimmer fünf. Nachdem er geklopft hatte, rief ihn eine matte Stimme herein.

Tanner stellte sich vor und sprach sein Beileid aus. Er war überrascht, wie distinguiert und vornehm sie gekleidet war. Sie sah aus wie eine Dame von Welt, worauf er überhaupt nicht gefasst gewesen war. Offenbar war sie aber krank – dies legte zumindest ihre auffallende Blässe nahe. Vorsichtig erkundigte er sich nach ihrem Befinden. Sie sprach exzellent deutsch, wenn auch mit starkem Akzent, und antwortete ziemlich offen.

Ja, ich bin krank. Ziemlich krank sogar. Und das alles ist so, hmm, so schlimm, so niederschlagend, dass es mich vollends umbringen wird. Wo soll ich nur anfangen?

Tanner wusste nicht genau, was sie damit meinte. Er schwieg jedoch, bis sie weitersprach.

Ich weiß, Sie wollten meinem Bruder helfen, André zu finden. Ich bedanke mich bei Ihnen.

Erst jetzt schaute sie ihn richtig an. Vielmehr: Sie musterte ihn regelrecht. Tanner hielt ihrem Blick stand. Dann wandte sie ihren Blick wieder ab.

Sie haben auch Vieles hinter sich, nicht wahr? Aber das geht mich nichts an und es interessiert mich auch nicht. Mich interessiert nichts mehr. Entschuldigen Sie, mein Name ist Helène von Sachsenstein. Der Name ist der meines zweiten Mannes. Er war Deutscher.

Tanner verabschiedete sich und bat um Erlaubnis, in ein paar Tagen noch einmal bei ihr vorsprechen zu dürfen.

Als er das Gasthaus verlassen wollte, traf er auf eine Kollegin der jungen Frau aus Wien. Er erkannte sie aufgrund der Fotografien, die er kürzlich studiert hatte. Tanner erkundigte sich bei ihr, wo er die Sanders finden könne. Die junge Frau antwortete sofort und bereitwillig.

Sie sei unter diesen Umständen spontan zu einer Freundin in die Hauptstadt gefahren, sie könne ihm aber gerne die Telefonnummer geben. Sol hätte gewusst, dass er nach ihr fragen würde und sie gebeten, ihm die Nummer der Freundin zu geben.

Sol? So nannte Marnier sie auch. Was war denn das für ein Name?

Wie ist der Vorname von Frau Sanders? Sol?

Die Kollegin lachte und begann in ihrer Tasche zu wühlen.

Nein, nein, das ist bloß eine Art Spitzname. Eine Unart in dieser Gegend, und im Gastgewerbe sowieso. Jeder Vorname wird verkürzt. Richtig heißt sie Solveig. Ihre Mutter ist nämlich aus Schweden. Der Vater ist Wiener. Oder Russe, der in Wien lebt, oder so ähnlich. Also, wie gesagt, sie heißt Solveig. Aber in der Hektik unseres Betriebs ist der Name zu lang. Auch auf der Serviceliste hat er kaum Platz. Ah, hier ist der Zettel ja.

Tanner bedankte sich und verließ das Restaurant.

Solveig Sanders.

Tanner murmelte den Namen ein paar Mal vor sich hin.

Solveig, du hast einen schönen Namen, und du bist ein kluges Kind.

Auf dem Heimweg versuchte er sie zu erreichen, doch es nahm niemand ab, und es gab auch keinen Anrufbeantworter.

Den Nachmittag verbrachte Tanner bei den beiden Schwestern im neuen Kommunikationszentrum, wie sie es neuerdings nannten. Um die beiden etwas abzulenken, schlug er vor, gemeinsam einen Namen für das neue Café zu suchen. Vorerst konnten sie sich aber noch auf keinen einigen.

Der nächste Morgen brachte den dreizehnten Tag seit dem Verschwinden von André Tillieux. Er war zwar tot, aber Tanner benutzte immer noch trotzig diese Zeitrechnung. Er begann mit dem Studium der Fotografien, die er von den blutigen Zeichen bestellt hatte. Ein Bote, beauftragt von Michel, hatte sie ihm ziemlich früh am Morgen vorbeigebracht. Den gleichen Satz Bilder hatte der befreundete Semiotiker erhalten und versprochen, sich so schnell als möglich an die Arbeit zu machen.

Tanner pinnte die großen Fotos an die Wände seines beeindruckend langen Flurs und stellte die Beleuchtung hell. Zum ersten Mal sah er alle Zeichen versammelt. Sein spontanes Gefühl, dass es sich um ein und dieselbe Handschrift handelte, bestätigte sich erneut und auf einen Blick. Egal, ob der Täter die Zeichen irgendwo abgekupfert oder sie selber geschaffen hatte, eine persönliche Note war deutlich zu erkennen. Sich nach gleicher Struktur wiederholende Bögen, Schwünge und andere malerische Eigenheiten waren zwingende Indizien dafür, dass sämtliche Zeichen aus einer Hand stammten.

Der Pinsel, den die Person verwendet hatte, dürfte etwa zwei Zentimeter breit und relativ steif gewesen sein, denn der Pinselstrich blieb gleichmäßig breit. Es waren insgesamt neunundzwanzig Haustüren bemalt worden. Erkennen konnte man elf verschiedene Zeichen. Einige wiederholten sich offensichtlich, bei anderen war es nicht ganz klar, ob sie fehlerhaft gemalt worden waren oder ob sie Varianten darstellten. Immerhin musste man berücksichtigen, dass der Täter alles nachts gemalt hatte und auch noch unter dem Druck, dass ihn jemand entdecken könnte. Die Nacht musste ungewöhnlich dunkel gewesen sein, denn in jener Nacht war Neumond, und es hatte geregnet. Zudem war die Straßenbeleuchtung im Dorf an vielen Stellen sehr dürftig, was laut Solène im Gemeinderat schon öfter zu Streitigkeiten geführt hatte.

Wenn der gleiche Täter tatsächlich auch für das Verschwinden der Katzen verantwortlich war, musste man davon ausgehen, dass er das Dorf wie seine Westentasche kannte, ebenso die Gewohnheiten der Bewohner (nota bene: auch die der Katzen), und dass er sich nachts in der Dunkelheit souverän und schnell bewegen konnte. Das Einsammeln der Katzen und das Malen der Zeichen dürfte sich jeweils zwischen zwei und vier Uhr abgespielt haben, denn dies war die Zeit, in der mit großer Wahrscheinlichkeit niemand mehr unterwegs war. Schon gar nicht in einer mondlosen, kalten Regennacht. Mit Sicherheit war das alles genau kalkuliert.

Ob der Täter allein gehandelt hatte oder mit Helfern, konnte Tanner noch nicht mit Bestimmtheit entscheiden.

Sollte es sich allerdings herausstellen, dass die Zeichen tatsächlich mit Katzenblut gemalt worden waren, so handelte es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen einzelnen Täter. Tanner kannte es schon – Täter mit solchen Krankheitsbildern waren fast immer Einzeltäter.

Tanner hängte die Fotos um und versuchte, die Zeichen zu Gruppen zusammenzustellen. Einen Sinn konnte er immer noch nicht erkennen. Sie waren einfach zu abstrakt. Es gab nur wenige einzelne, die vage an eine Tierform erinnerten, so wie ein Kind es zeichnen würde.

Tanner schwankte zwischen den beiden Möglichkeiten, dass entweder das Blut allein die Botschaft war und die Zeichen weiter nichts bedeuteten oder dass die Zeichen einen wirklichen Inhalt transportierten und das Blut lediglich die Dringlichkeit der Aussage unterstrich. So wie beim Prinzip der Blutsbrüderschaft oder in Mythen und Legenden, in denen Verträge mit dem eigenen Blut unterschrieben wurden.

In diesem Augenblick rief Michel an.

Ich habe zwei Neuigkeiten. Eine ist hochbrisant und die andere wird dich nicht besonders überraschen. Welche willst du zuerst?

Ich bitte dich, Michel, sag’s einfach. Ich mag solche Spiele nicht.

Ja, ist ja gut. Also, es ist tatsächlich Katzenblut und zweitens – und jetzt pass auf!

Komm schon, Michel.

André Tillieux war bereits tot als er sich zum Selbstmord auf die Schienen legte.

Tanner schwieg.

Bist du noch dran?

Ja, sicher. Und was war die eigentliche Todesursache?

Eine durchschnittene Kehle.

Verdammt. Also hat er ihr doch die Wahrheit gesagt.

Welche Wahrheit?

Er hatte fürchterliche Angst vor einer Person, die der Teufel sei, obwohl alle dächten, er sei lieb. So war der Wortlaut von Frau Sanders.

Ach, du Scheiße! Im Bericht steht, dass es sich um ein sehr scharfes Messer und um eine geübte Hand gehandelt haben muss, denn die Kehle ist mit einer einzigen Bewegung durchschnitten worden. Auch sonst ist laut Bericht an seinem Körper rumgeschnipselt worden, was sich aber aufgrund des allgemeinen Zustands der Leiche nicht mehr so richtig rekonstruieren lässt.

Kannst du mir den Bericht schicken?

Nein, kann ich nicht. Schon allein die Tatsache, dass ich dir am Telefon davon berichte, ist strafbar.

Wieso? Das merkt doch keiner. Ist doch dein Fall.

Nein, ist es eben nicht. Die wollen Lerch und Thommen eine Chance geben, nachdem die beiden zehn Jahre dabei sind und all diese hochkarätigen Kurse absolviert haben. Zumal ich angeblich mit genug anderen Sachen beschäftigt bin.

Tanner lachte.

Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?

Doch, doch. Mit so was würde ich nie scherzen.

Na dann. Viel Vergnügen.

Ja, das kannst du laut sagen.

Einen Augenblick lang schwiegen beide.

Armer André Tillieux.

Du hast ihn doch gar nicht gekannt. Jetzt übertreib nicht.

Nein, aber ich habe sein Zimmer gesehen.

Sein Zimmer? Und was ist damit?

Es hat wie eine mittlere Müllhalde ausgesehen.

Und deswegen rührt er dich?

Es hat von seiner sehr kindlichen Unfähigkeit erzählt, die einfache Realität des Alltags zu bewältigen.

Ich verstehe.

Erneut schwiegen beide.

Also, Tanner. Ich halte dich natürlich trotzdem auf dem Laufenden. Ich muss jetzt mal –

Tanner ließ den Hörer sinken.

Und ich muss dringend mit dieser Sanders sprechen. Ich müsste mich schwer täuschen, wenn die schon alles gesagt hat, was sie weiß.

Er hatte sie gestern den ganzen Tag nicht erreichen können. Er wählte sofort die Nummer.

Diesmal meldete sich eine junge Stimme mit einem ängstlichen Hallo.

Guten Tag, mein Name ist Tanner, dürfte ich bitte –

Ja, ja. Ich hole sie gleich.

Hier ist Solveig. Ich bin so froh, dass Sie anrufen.

Sagen Sie mir bitte die Adresse und ich hole Sie mit meinem Wagen ab.

Fünfzig Minuten später ließ sie sich erleichtert auf den Beifahrersitz seines Wagens fallen. Die Tasche und ihren dunkelroten Wollmantel hatte sie auf den Rücksitz gelegt.

Jetzt atmen Sie mal ruhig durch, Solveig. Ich darf doch Solveig sagen? Sie sind ja ganz durcheinander.

Ach, Tanner, ich bin ja so froh, dass Sie gekommen sind. Ich habe furchtbare Angst.

Ich verstehe, dass Sie Angst haben. Aber hier in meinem Auto können Sie sich entspannen, Sie sind in Sicherheit. Wir werden über alles reden, auch über das, was Sie mir verschwiegen haben, und dann sehen wir weiter.

Tanner schaute sie von der Seite an und war nicht besonders überrascht, als sie bis an den Haaransatz rot wurde.

Sie müssen sich nicht schämen. Erstens konnten Sie nicht ahnen, was passieren würde, und zweitens hätte es wahrscheinlich an der ganzen Sache auch nichts geändert.

Danke, dass Sie das sagen.

Sie lächelte ihn an.

Woher wissen Sie eigentlich, dass ich Solveig heiße?

Ihre Arbeitskollegin hat es mir verraten. Ich hatte sie gefragt, was »Sol« bedeutet.

Ja, ich finde Sol auch nicht schön. Aber was soll ich machen?

Sie streckte sich und kuschelte sich bequem in den weichen Ledersitz. Trotzdem war die Anspannung, die von ihr ausging, mit Händen greifbar. Äußerlich war sie kaum wiederzuerkennen. Heute trug sie ihr reiches, goldblondes Haar offen. In weichen Wellen fiel es über ihre Schultern. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, waren ihre Haare streng nach hinten gekämmt und straff geknotet. Ihr Kleid changierte in Grün- und Grautönen und passte perfekt zu ihren Augen.

Und? Wie fällt Ihre Inspektion aus?

Haben Sie gespürt, dass ich Sie anschaue?

Ja. Es war nicht zu übersehen.

Sie sind sehr gut angezogen. Das Kleid gefällt mir ausgezeichnet. Sehr diplomatisch. Aber danke für das Kompliment. Wohin fahren wir eigentlich?

Zurück an den See, aber auf die andere Seite. Ich lade Sie zum Mittagessen in mein Lieblingsrestaurant ein. Verraten Sie das aber nicht Ihrem Chef, wenn ich bitten darf. Der wäre sicher beleidigt.

Sie lachte.

Ja, und wie. Er ist ein guter Koch, aber er ist ebenso eingebildet. Er findet nämlich, er sei weit und breit der Einzige, der wirklich kochen kann.

Hat er für Sie schon mal ein Wiener Schnitzel gemacht?

Oh ja. Zu meinem Geburtstag. Das war sehr aufmerksam, aber es war natürlich kein Wiener Schnitzel, wie man es in Wien bekommt.

Das ist ja auch nicht nur eine Frage des Bratens. Das fängt schon bei der Tierhaltung an, ganz zu schweigen davon, wie das Fleisch geschnitten sein muss, in welchem Schmalz es ausgebacken wird, die Zusammensetzung des Brösels und so weiter.

Bravo. Ich sehe, Sie kennen sich aus. Ah ja, Sie wollten mir noch erzählen, warum Sie Wien kennen.

Um sie weiter zu beruhigen, begann Tanner, ihr von seinen verschiedenen Aufenthalten in Wien zu erzählen, die eine ganze Weile zurücklagen, denn sie hingen alle mit seiner Aus- und Weiterbildung als Polizeibeamter zusammen. Auch später hatte es immer wieder Gelegenheiten gegeben, Wien zu besuchen, wenn er zu dem einen oder anderen Kongress über polizeiliche oder gerichtsmedizinische Themen eingeladen worden war.

Solveig staunte.

Ich wusste gar nicht, dass Wien derart wichtig ist für solche Sachen.

Doch, doch. Wien hat sicher von allen Städten Europas die längste und wichtigste Tradition in polizeilicher Aufklärungsarbeit, in Labortechnik und vor allem in der Gerichtsmedizin mit all ihren Spezialgebieten. Dann gibt es traditionell starke Verbindungen zwischen Wien und den wichtigsten amerikanischen Zentren und Größen dieser Branche. Wien war ja immer eine Stadt des Todes. Genauer gesagt: des Sterbens. Wussten Sie das nicht?

Jetzt richtete sich Solveig auf.

Das stimmt überhaupt nicht. Wien ist lebensfreudig und fröhlich. Denken Sie nur an die lange Tradition des Praters. Oder waren Sie schon mal bei einem richtigen Heurigen?

Ja, sicher. Aber das, wovon ich spreche, ist ja nichts als die Kehrseite davon. Vielleicht braucht es gerade diese starke Fähigkeit zum Feiern, zum Lebendigen, um sich so intensiv mit dem Tod auseinandersetzen zu können, wie es in Wien seit langem Tradition hat. In Ihrer musikalischen und lebenslustigen Stadt gab es zum Beispiel das erste anatomische und gerichtsmedizinische Museum ganz Europas, vielleicht sogar der Welt. Und nicht zu vergessen: Freud, Schnitzler, Horvath –

Halt. Bitte, Tanner. Ich gebe auf. Sie haben ja Recht. Ich wollte vielleicht nur sagen, dass ich mich nicht gerne mit Tod und Gewalt beschäftige. Und wenn er dann plötzlich so nahe kommt wie jetzt, dann wird mir ganz anders und ich sehe Gespenster an allen Ecken und Enden.

Als sie das Restaurant am Hügel über dem See erreicht hatten und auf das Essen warteten, bat er Solveig, noch einmal exakt wiederzugeben, was André ihr über seine Ängste anvertraut hatte.

Solveig wiederholte Wort für Wort genau das, was sie das erste Mal erzählt hatte.

Gut.

Tanner spürte, dass sie noch nicht alles gesagt hatte. Sie blickte unruhig umher und wickelte sich in einer Art Endlosschleife nervös eine ihrer goldenen Locken um den Zeigefinger. Er wartete geduldig. Dann sprach sie leise und mit gesenktem Kopf weiter.

Ich habe gesehen, wie Monsieur Andrés Motorrad aus seinem Auto ausgeladen und hinters Haus gestellt hat. Und zwei Tage später hat er dann ganz überrascht getan, als er das Motorrad dort stehen sah. Wir dachten ja alle, André sei mit dem Motorrad zu einem Freund gefahren.

Und wieso haben Sie mir das nicht gleich gesagt?

Solveig zitterte, und Tanner hatte das Gefühl, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.

Er nahm ihre Hand. Sie ließ es geschehen.

Ist es so schlimm?

Nein, ich weiß auch nicht, was es ist. Aber erstens schäme ich mich so, wenn jemand lügt. Auch wenn es mich gar nichts angeht. Das war schon immer so. Und zweitens war ich sicher die Einzige, die das mit dem Motorrad gesehen hat. Ich habe mir versucht einzureden, dass ich es vielleicht doch nur geträumt habe. Ich will nicht diejenige sein, die ihren Patron beschuldigt.

Und dann noch eine Spur leiser.

André wird doch wohl nicht ihn als Teufel bezeichnet haben, oder?

Nein, das ist schwer –

Tanner unterbrach seinen Satz, denn der Chef des Restaurants brachte den Fischteller persönlich an den Tisch.

Hallo, Tanner. Wie geht es dir? Mit soviel Schönheit am Tisch kann es ja nur gut gehen.

Ja, da hast du Recht. Darf ich vorstellen: Solveig Sanders. Sie arbeitet im Service bei der Konkurrenz. Bei Marnier. Solveig, das ist Stocker. Achtung, er duzt gleich alle. Nehmen Sie es nicht persönlich.

Freut mich, Solveig. Wenn du die Nase voll hast vom alten Marnier, dann kannst du hier arbeiten.

Vielen Dank. Zuerst probiere ich natürlich das Essen, dann überlege ich es mir. Falls es mir schmeckt.

Stocker lachte herzlich.

Das gefällt mir. Keine falsche Hochachtung. Bravo, Tanner. Ich gratuliere.

Ja, lass gut sein, Stocker. Lass uns jetzt in Ruhe essen, denn kalt schmeckt auch dein Essen nur noch halb so gut.

Sie wünschten sich einen guten Appetit und aßen schweigend. Bis Solveig flüsternd die Stille brach.

Er ist wirklich gut, dieser Stocker. Mutig, den Fisch mit einem Hauch dunkler Schokolade zu komponieren. Alle Achtung. Und bei aller Ausgefallenheit erscheint einem der Geschmack plötzlich absolut zwingend.

Sie haben Recht. Es ist vor allem dieser zarte Hauch von Ingwer, der den Fisch mit der Schokolade verbindet. Der diese Verbindung überhaupt erst möglich macht.

Vielleicht sollte ich wirklich hierher wechseln. Was meinen Sie?

Nicht so schnell, Solveig. Sagen Sie mir zuerst, warum Sie diese Arbeit machen.

Um Geld zu verdienen, natürlich.

Ach, nein. Das überrascht mich jetzt aber.

Solveig lachte und stieß ihn unter dem Tisch mit ihrem Schuh.

Hey, Sie haben ja Humor. Das überrascht mich jetzt aber.

Wieso?

Im Gasthaus neulich schienen Sie so streng und zurückhaltend, vorhin im Auto auch. Außerdem sehen Sie traurig aus.

Tanner hatte keine Lust, auf diese Bemerkung einzugehen.

Also, warum machen Sie diese Arbeit?

Also. Ich studiere Meeresbiologie im Hauptfach und setze ein Jahr aus, um Geld zu verdienen, wie ich bereits gesagt habe. Wollen Sie es noch genauer wissen?

Tanner nickte.

Mein Geld ist mir ausgegangen, weil ich … ach, egal, und mein Hauptprofessor ist für ein Jahr nach Südamerika gegangen. Da habe ich mir gedacht, ich nehme mir für ein, zwei Semester eine Auszeit und gehe in die Schweiz arbeiten. Ich habe das im Sommer schon öfter getan.

Warum ist Ihnen das Geld ausgegangen?

Interessiert Sie das wirklich oder ist das eine Art déformation professionelle?

Beides. Aber es interessiert mich wirklich. Und wissen Sie warum?

Sie schüttelte den Kopf.

Wegen Ihres Gesichtsausdrucks, als Sie sagten: ach, egal.

Was haben Sie denn da hineininterpretiert, Herr Kommissar?

Eine Mischung aus Ekel, Verletztheit und Enttäuschung.

Aha. Interessant. Und was schließen Sie daraus?

Soll ich Ihnen das wirklich verraten? Ich hatte in jenem Moment nämlich eine schreckliche Vision.

Heraus damit, aber wehe, Sie schummeln.

In meiner Vision kommt Geldmangel aber nicht vor.

Hey, das wird ja immer interessanter.

Tanner zuckte mit den Achseln.

Es ist leider nicht sehr originell, weil es die alte, die ewige Geschichte ist.

Sie lachte bitter.

Jetzt will ich’s aber wissen. Raus mit der Sprache.

Ihr Freund hat Sie betrogen und verlassen. Und da noch niemand wusste, nicht einmal er, dass Sie schwanger sind, haben Sie heimlich abgetrieben. Dann sind Sie aus Wien geflohen, weil Sie es nicht mehr ausgehalten haben. Jetzt, da ich auch noch vom Professor weiß, der für ein Jahr nach Südamerika ging, erweitert sich meine Vision dahingehend, dass ich denke, er war derjenige, der – Solveig starrte ihn eine Weile an, dann lachte sie ziemlich laut auf.

Oh je, oh je. Was Sie für eine Fantasie haben. Das mit dem Ekel stimmt sogar, aber aus einem ganz anderen Grund. Mein österreichischer Großvater ist vor einem halben Jahr gestorben, und darüber ist unsere halbe Familie auseinandergebrochen. Es gab schreckliche Erbschaftsstreitereien. Wirklich ekelhaft. Keine meiner Onkel und Tanten sprechen mehr miteinander. Das war wirklich schlimm. Ich hatte die Nase voll. Aber mein Gott, an was für schlimme Sachen Sie gedacht haben!

Sie schüttelte sich, als würde sie am ganzen Leib frieren.

Ist Ihr Leben denn so schrecklich, Tanner?

Ja, natürlich ist es das. Ein schrecklich glückliches und schrecklich schlimmes Leben. Das ganze Spektrum.

Zum Glück kam Stocker an den Tisch und erlöste so Tanner vor weiteren Fragen nach seinem Leben.

Und? Wie hat es geschmeckt?

Sein herausfordernder Blick galt Solveig.

Gar nicht schlecht, Herr Koch. Doch. Ziemlich gut. Es lohnt sich sogar, Ihr Angebot zu überlegen. Hätten Sie denn auch ein Zimmer für mich?

Ja. Selbstverständlich. Heißt das, du kommst?

Geben Sie mir eine Nacht Bedenkzeit.

Gut. Hier ist meine Karte. Ruf mich an oder verlang meine Frau. Ich lade euch jetzt zu meiner neuen Dessertkreation ein.

Selbstverständlich sagte da keiner der beiden nein.

Es gab Pfirsiche mit Gewürztraminersabayon und einigen Schokoladenblättern (dem Pfirsichblatt nachgebildet, versteht sich).

Es war köstlich. Sie aßen ohne zu sprechen. Und redeten sich ein, dass sie aus Andacht vor dem Dessert schwiegen.

Eine halbe Stunde später saßen sie wieder im Auto und fuhren – immer noch schweigend – durch den Regen, der mittlerweile ziemlich heftig eingesetzt hatte.

Auf der pfeilgeraden Straße, die zur anderen Seeseite führte, wandte sich Solveig zu Tanner und brach die Stille. Ihre Stimme klang selbst in ihren Ohren fremd.

Würden Sie bitte einmal anhalten?

Ja, selbstverständlich. Ist Ihnen übel, Solveig?

Sie schüttelte den Kopf. Er hielt beim nächsten Feldweg an und stellte den Motor ab. Der Regen prasselte auf das Dach und auf die Windschutzscheibe. Sofort konnte man nicht mehr nach draußen sehen. Tanner wollte die Scheibenwischer in Gang setzen, aber Solveig verhinderte es, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte. Sie schaute ihn jedoch nicht an. Ihre Hand blieb wie unbeabsichtigt auf seinem Arm liegen.

Hätten Sie heute Nacht ein Bett für mich, Tanner? Ich weiß nicht, wo ich hingehen soll. Ins Gasthaus zurück kann ich nicht. Zu der Freundin will ich nicht, die macht mich wahnsinnig. Morgen früh werde ich mich dann wegen Stocker entscheiden. Heute kann ich das noch nicht.

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410 p. 1 illustration
ISBN:
9783857919473
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