Read the book: «Die Wohlanständigen»

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Über dieses Buch

Schreckliche Zeiten für Kommissar Michel: Kalter Vorfrühling mit Biswind, am Ufer des kleinen Sees dümpelt eine männliche Leiche mit einem Messer im Rücken, sein Freund und Helfer Simon Tanner macht Urlaub im warmen Marokko. Im Büro treibt ein neuer Polizeichef sein Unwesen und hat ihm eine junge ­Assistentin aufgebrummt. Immerhin, sie stellt sich als mehr als umgänglich heraus, ist mehr als fit im Kopf, und ihr Appetit hält dem von Michel stand.

Im Nu hat der neue Polizeichef einen Täter gefunden, einen vorbestraften Albaner, dessen DNA auf dem Messer gefunden wurde. Zum Glück kommt endlich Tanner zurück. Die beiden Freunde finden schon bald seltsame Unstimmigkeiten: Was hat die noble Kanzlei an bester Adresse mit dem albanischen Clan in der anonymen Agglo zu tun? Und was mit den cyberkriminellen Wirtschaftsaktivitäten, die offensichtlich im Gang sind? Das verblüffende digitale Handwerk der neuen Assistentin kommt da wie gerufen.

«Jetzt können sich die skandinavischen ­Krimiautoren warm anziehen, denn jetzt zeigt mal wieder ein ­Schweizer, wie man Spannung und Stimmung macht!» Schweizer Illustrierte

Die Tanner-Kriminalromane

«Tanner»

«Das Gesetz des Wassers»,

«Wintertauber Tod»

«Der Salamander»

«Die Schneckeninsel»


Foto Yvonne Böhler

Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspiel­regisseur und war Schauspieldirektor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, ­Berlin und Salzburg. 2003–2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006–2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Urs Schaub lebt in Basel, macht ­Leseförderung und betreibt eine Schreib- und Buchwerkstatt für Kinder. Im Limmat Verlag ist nebst den Krimis «Das Lachen meines Vaters» lieferbar.

Urs Schaub

Die Wohlan­ständigen

Ein Tanner-Kriminalroman

Limmat Verlag

Zürich

eins

Die Leiche lag im seichten Wasser. Der nächtliche Sturm hatte sie offenbar angeschwemmt. Wäre sie im Schilf gestrandet, das rechts und links vom kleinen Sandstrand dicht an dicht stand, wäre sie vielleicht nicht so bald entdeckt worden. Die Turnschuhe mit dem deutlichen Markenzeichen zeigten gegen den Strand. Der Kopf war im Sand und Schlamm halb begraben. Die Augen waren weit geöffnet, wirkten groß und erstaunt, als ob sie immer noch nicht begreifen konnten, warum sie im Wasser lagen. Kleine, dunkle Fische umkreisten eilig seinen Kopf. Dann und wann streiften sie sein Gesicht, als ob sie an seinen Wangen schnupperten. Die Be­we­gungen der Fische folgten offenbar einem Muster, das Michel aber nicht durchschaute. Obwohl ihre Bewegungen und Berührungen etwas Zärtliches hatten, schauderte es ihn ein wenig. Hatte er heute Nacht nicht einen Traum gehabt, wo die Fische sogar durch sein Gesicht hindurchgeschwommen waren? Er war schweißgebadet aufgewacht und hatte die Fenster aufgerissen. In der Nacht hatte es furchtbar gestürmt. Gewohnheitsmäßig hatte er das Radio angeschaltet. Die Nachrichten hatte er verpasst, dafür wurde gerade mit monotoner Stimme der Wetterbericht heruntergeleiert.

Das Tief, das in der vergangenen Nacht den Sturm brachte, liegt derzeit über der nördlichen Ostsee und verlagert sich im Laufe der Nacht auf Montag weiter ins Baltikum. Dabei schwächt es sich ab. Auf seiner Rückseite gerät Mitteleuropa unter den Einfluss polarer Kaltluft, die über Skandinavien nach Süden geführt wird. Über Westeuropa und dem Nordatlantik liegt eine Hochdruckzone, an deren Ostseite dieser Vorstoß begünstigt wird.

Aha. Bisenlage!

Michel seufzte.

Mit anderen Worten: Es würde also weiterhin frostige Nächte und kühlwindige Vorfrühlingstage geben. Aber immerhin – der Frühling war in Sicht.

Dann klingelte das Telefon, das ihn zum See rief.

Michel blickte stirnrunzelnd zur anderen Seeseite, woher der kühle Wind kam und die Wasseroberfläche zum Zittern brachte und schließlich so aufkräuselte, als ob das Wasser von einer Gänse­­haut überzogen wäre. Michels Haut reagierte auch. Er fröstelte, und seufzend knöpfte er sich den Kragen seines Regenmantels zu. Er hatte heute Morgen etwas zu voreilig den Winter- gegen den Regenmantel getauscht. Getäuscht durch die Sonne, die noch keine Kraft hatte, obwohl sie an der felsigen Kante am Gebirge nördlich des Sees den Schnee schon genau soweit abgeschmolzen hatte, dass bereits A A R A U deutlich zu lesen war. Ein zufälliges Zusammentreffen von Gesteinsformen und Schneeschmelze ließ jedes Jahr für einen Moment deutlich diese Buchstabenfolge erscheinen – früher ein traditionelles Zeichen, dass die Mütter den Buben im Städtchen erlaubten, ab sofort kurze Hosen tragen zu dürfen – und den Mädchen Kniesocken.

Durch den kühlen Wind hielt sich wenigstens der Schweiß in Grenzen, der gewöhnlich von seiner Stirn floss. Dennoch zog er gewohnheitsmäßig eines seiner windelgroßen Stofftücher aus der Manteltasche und wischte sich über Kopf und Stirn.

Er ging einige Schritte durch den Sand, weg vom Wasser, und blickte um sich.

Die Leiche lag am Sandstrand einer kleinen Badeanstalt, von dem nur wenige außerhalb des Dorfes wussten, deswegen war sie auch im Hochsommer keineswegs überlaufen. Er wusste das von Tanner, der in Sichtweite zum Strand wohnte und regelmäßig hier baden ging. Er hatte ihm schon öfter in den höchsten Tönen von diesem poetischen Ort vorgeschwärmt. Michel musste innerlich Abbitte leisten, denn er hatte immer gedacht, sein Freund übertreibe. Es war tatsächlich ein ungewöhnlich schöner Ort, altmodisch und wie aus der Zeit gefallen.

Die dreiunddreißig Badekabinen, die fünfzig Meter vom Strand aufgereiht nebeneinanderstanden, waren durch ein langes, malerisch bemoostes Ziegeldach verbunden, unterbrochen nur durch einen Durchgang, durch den man auf die hintere Wiese blickte. Die grauen Kabinen hätten schon längst einen neuen Anstrich nötig, aber dass es sie in dieser Form überhaupt noch gab, grenzte an ein Wunder – vor allem, wenn man an all die Verschandelungen in der Gegend und an die unmäßige Bau- und Renovationswut der Zeit dachte.

Michel brummte vor sich hin.

Wenn Tanner wüsste!

Er blickte zu der rund dreihundert Jahre alten Villa, die franzö­sische Architektur und ländliches Wohlbehagen vereinte und mit ihrem mächtigen Dach majestätisch über dem See thronte. Tanner würde erst in einer Woche zurückkehren. Er beneidete seinen Freund, der seit zwei Wochen in Marokko weilte. Da war es sicher wärmer.

Er zog seinen Mantel enger.

Sein Freund war vor Jahren als Persona non grata ausgewiesen worden. Letzthin hatte sich der jetzige König überraschend eines Besseren besonnen und ihn nach Marokko eingeladen, als Wiedergutmachung sozusagen. Das Ganze wurde jetzt als großes Missverständnis dargestellt.

Stoffel, der sich Michel genähert hatte, stieß ihn leicht an die Schulter.

Äh, können wir die Leiche jetzt aus dem Wasser holen, Chef?

Er zeigte entschuldigend in Richtung des kleinen Hafens.

Der Gerichtsmediziner ist im Anmarsch, und die Spurensicherung ist auch da.

Ja, ja. Von mir aus. Wer kommt von der Gerichtsmedizin?

Dr. Kramer.

Gut. Das ist der Beste. Hast du das Gelände abgesperrt?

Ja, Chef. Alles erledigt.

Wo ist die Frau, die ihn entdeckt hat?

Stoffel zeigte in Richtung Badehäuschen.

Sie sitzt dort.

Michel nickte.

Wie heißt sie?

Meer.

Wie bitte?

Michel blickte Stoffel verständnislos an.

Ja. Ich kann nichts dafür. Sie heißt Meer, wie das Meer.

Spricht sie Deutsch?

Stoffel nickte.

Michel wischte sich noch einmal über den Kopf und ging in Richtung der Frau. Er schätzte sie aus der Distanz auf knapp fünfzig. Sie war schlank, wirkte gleichzeitig bodenständig und attraktiv. Sie trug bequeme Kleidung, die in ihrem Understatement ziemlich teuer wirkte. Ihre Fingernägel waren in einem matten Rot lackiert.

Sie hatte ein Taschentuch vor dem Mund. Jetzt blickte sie hoch, schnäuzte sich die Nase und erhob sich.

Bleiben Sie ruhig sitzen. Mein Name ist Michel. Serge Michel. Ich bin von der Abteilung Leib und Leben, also ich meine, äh … also von der Polizei.

Immer noch rutschte ihm aus Versehen die alte Bezeichnung für seine Abteilung heraus. Die Neue mit dem Wort Mord wollte ihm einfach nicht über die Lippen. Er setzte sich neben die Frau auf die Treppe, die zu den Badehäuschen führte.

Wohnen Sie hier in der Nähe, Frau Meer?

Sie nickte und zeigte hinter sich in Richtung Kirche.

Ich wohne dort im Pfarrhaus, also im ehemaligen Pfarrhaus. Es gibt ja hier keinen Pfarrer mehr. Ich wohne seit etwa fünf Jahren hier. Ich gehe jeden Morgen am See spazieren. Zum Abschluss sitze ich immer hier am kleinen Strand.

Sie schnäuzte sich noch einmal.

Entschuldigen Sie. Ich bin ganz durcheinander. Ich liebe diesen Ort und jetzt –

Sie zeigte hilflos in Richtung der Leiche. Ihre Augen irrten unstet umher.

Ja, das ist furchtbar. Schauen Sie nicht hin.

Seine Leute hoben die Leiche gerade aus dem Wasser.

Wann haben Sie ihn denn entdeckt?

Sie richtete sich auf und versuchte, sich zusammenzunehmen.

Es war so gegen acht Uhr. Ich bin dann sofort nach Hause ge­rannt und habe die Polizei angerufen. Ich nehme auf meine Spaziergänge mein Telefon nie mit.

War sonst noch jemand am Strand?

Sie überlegte einen Moment angestrengt und schob sich eine Locke aus dem Gesicht, die sich aber nicht bändigen ließ.

Nein. Nicht, dass ich wüsste. Ah, doch. Jemand ist mit dem Fahrrad durchgefahren, also hinter der Badeanstalt. Aber das hat sicher nichts zu bedeuten, oder?

Michel schüttelte den Kopf.

Ich denke nicht, nein.

Er erhob sich.

Hier ist meine Karte. Falls Ihnen noch etwas in den Sinn kommt.

Er verabschiedete sich von ihr. Sie erhob sich und ging zögernd ein paar Schritte. Dann wandte sie sich noch einmal um.

Ich glaube, ich habe den Mann schon einmal gesehen. Ich bin mir aber nicht sicher. Das heißt, ich kann mich im Moment nicht erinnern.

Sie blickte Michel hilflos an.

Wenn es Ihnen wieder in den Sinn kommt, rufen Sie mich bitte an, Frau Meer.

Sie nickte, wandte sich jetzt hastig um und ging eilig weg.

Michel begrüßte den Gerichtsmediziner, der mit Stoffels Hilfe den Körper zur Seite drehte.

Und, Kramer? Was ist der erste Eindruck?

Aus dem Mund des Leichnams ergoss sich ein Schwall trübes Wasser.

Na ja, nicht jeder, der im Wasser liegt, ist eine Wasserleiche.

Er deutete auf den Rücken.

Oh je.

Michel beugte sich über den Körper.

Der ging direkt ins Herz, wenn mich nicht alles täuscht.

Der Arzt nickte.

Wenn es lang genug war. Genau werde ich es erst im Institut sehen können.

Und wie lange liegt er schon im Wasser?

Der Arzt wiegte seinen schmalen Kopf. Der See spiegelte sich in seiner Goldrandbrille.

Ich schätze, nicht mehr als achtundvierzig Stunden, eher weniger.

Er zog das Messer heraus und wog es in der Hand.

Oh, so was hat nicht jeder zu Hause.

Michel nickte und wandte sich an einen Mann von der Spurensuche.

Nehmt ihr es mit und untersucht es auf Spuren, Herkunft und so.

Der Arzt gab Anweisungen, den Leichnam einzupacken.

Moment! Habt ihr die Taschen untersucht?

Der Arzt griff sich an den Kopf.

Oh, entschuldige Michel.

Michel nickte und kniete sich seufzend neben den Toten. Das ziemlich bunte Hemd mit kurzen Ärmeln hatte eine Brusttasche, die aber leer war. Es handelte sich um ein Hawaiihemd mit ziemlich wilden Farben und Motiven. Die Hose war eine weiße Jeans. Die Schuhe waren blau und von einer einschlägigen Marke, die vor allem junge Leute bevorzugen. In der Gesäßtasche steckte ein schmales Portemonnaie. Die anderen Taschen waren leer.

Michel erhob sich und durchsuchte das Portemonnaie. Es enthielt nur wenig Bargeld. Keine Kreditkarten und keinen Ausweis.

Er pfiff durch die Zähne.

Schaut euch das an.

Er hob ein Bündel Visitenkarten hoch.

Unser Mann heißt Beckmann, Dr. Karl Beckmann, wenn ich das richtig entziffere.

Er übergab das Portemonnaie der Spurensicherung.

Ich behalte eine der Visitenkarten.

Der Mann nickte und gab ihm eine kleine Plastiktüte.

Wenn es denn die seinen sind. Aber das wird sich ja bald herausstellen.

Gut, dann Abmarsch.

zwei

Es war Zeit für ein zweites Frühstück. Michel verabschiedete sich von seinen Leuten, ging übers Bahngleis und schaute zum Pfarrhaus hoch, aber er sah niemanden.

Meer? Wie kommt man zu so einem Namen?

Er schüttelte den Kopf, setzte sich in seinen Dienstwagen und fuhr die kurze Strecke zum Bahnhofsrestaurant.

Er war früher schon öfter mit Tanner hier gewesen und hatte es als äußerst gemütlichen Gasthof in Erinnerung. Vor allem im Sommer unter der Birnenpergola auf der Terrasse. Dazu war es jetzt allerdings noch zu kalt. Er trat in die Gaststube.

Am Stammtisch saßen zwei alte Männer, mit Gesichtern wie verschrumpelte Äpfelchen, und starrten mit seligem Lächeln auf ihren Kaffeefertig. Michel grüßte und setzte sich an einen der leeren Tische. In der Gaststube war es mucksmäuschenstill. Nur in der Kaffeemaschine zischte dann und wann irgendein Ventil. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte er außerhalb der Gaststube leichtfüssige Schritte, die im rhythmischen Galopp eine Treppe herun­terkamen. Kurz darauf war es wieder still, dann öffnete sich die Tür, und herein kam eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren. Sie ging eilig hinter die Theke und band sich anmutig eine schwarze Schürze um ihre schlanke Taille. Genauso geschwind stand sie am Tisch und begrüßte Michel.

Wenn Sie mir Speck mit Rührei machen würden, würde ich ge­nauso selig lächeln wie die Herrschaften am Stammtisch. Und Kaffee natürlich.

Sie lachte ein helles Lachen und meinte, das könnte sie versuchen, wenn es denn so wenig zu seiner Glückseligkeit bräuchte.

So schnell, wie sie gekommen war, war sie auch schon wieder verschwunden.

Anhand ihres Ganges hätte Michel schwören können, dass sie Tänzerin war. Er lehnte sich zurück und dachte an den Toten im Wasser.

Weiße Jeans und Hawaiihemd: Das erinnerte mehr an Sommer und Urlaub als an dieses frostige Vorfrühlingsklima.

Er zog die Plastiktüte mit der Visitenkarte aus der Tasche, nahm eine Papierserviette und trocknete das durchweichte Stück Papier. Der Name war noch einigermaßen gut lesbar, die Adresse nur bruchstückhaft. Auf jeden Fall wohnte der Mann in der Hauptstadt, das war zu entziffern. Da sowohl eine Festnetz- und eine Mobilnummer draufstanden, musste der Mann ein Mobiltelefon gehabt haben. Lag das vielleicht auf dem Grund des Sees? Auch die Nummern waren nur noch teilweise lesbar. Wo war der Mann gewesen, als ihm jemand das Messer in den Rücken gestoßen hatte? Am Ufer? Auf einem Schiff?

Michel fuhr sich mit dem Tuch über seinen Kopf.

In diesem Moment ging die Tür auf, und die Tänzerin brachte einen Teller voller Speck und Rührei. Mit Schwung setzte sie den Teller auf den Tisch, holte mit demselben Schwung Besteck, eine Serviette und ein Körbchen mit Brot.

So! Jetzt wünsche ich Ihnen eine gute Reise in die Glückseligkeit. Ich hole noch den Kaffee. Portion oder Tasse?

Eine Portion, bitte.

Michel sog begierig den Duft des Bratspecks durch die Nase und brach ein Stück Brot, das noch warm war.

Ach, wie das duftet.

Die beiden Männer erwachten aus ihrer Starre und blickten lächelnd zu Michel. Er nickte ihnen zu und machte sich heißhungrig ans Essen.

Nach dem Essen ging Michel kurz raus und telefonierte mit seinem Büro. Er gab den Auftrag, die Adresse des Toten ausfindig zu machen und einen Taucher zu schicken, um den Seegrund ab­zusuchen. Dann ging er zurück in die Gaststube und trank seinen Kaffee fertig. Er hatte den Eindruck, dass während seiner kurzen Abwesenheit die beiden Alten mit der Frau über ihn ge­sprochen hatten. Er spürte es an ihren Blicken.

Sie kam dann auch sofort an seinen Tisch und räumte lächelnd Teller und Besteck weg.

Und? Wissen Sie schon, wer der Tote ist?

Er blickte sie an.

Hat das schon die Runde gemacht?

Sie lachte, und die beiden Alten spitzten die Ohren.

Ja, was haben Sie denn gedacht? So ist das hier. Es passiert ja sonst nichts. Man weiß auch, wer Sie sind.

So! Wer ist man?

Sie machte eine vage Bewegung in die Runde.

Ja, alle. Ich auch.

Dann ist ja gut. Und wer sind Sie? Außer, dass Sie Tänzerin sind?

Sie stutzte.

Woher wissen Sie das?

Serge lächelte vergnügt.

Na ja, Berufserfahrung. Stimmt es denn?

Sie errötete.

Ja, schon. Aber ich wusste nicht, dass man das sofort sieht.

Man vielleicht nicht …

Sie wischte ihre Hand an der Schürze trocken und streckte sie ihm hin.

Ich heiße Liliana Schwarz.

Freut mich sehr. Serge Michel. Aber das wissen Sie ja offenbar.

Sie nickte.

Hat hier der Besitzer gewechselt? Früher hat der Chef selber bedient.

Sie strich sich über die Haare.

Ja, ja. Wir sind hier eine komplett neue Mannschaft, seit gut einem Jahr etwa. Die alten Besitzer sind weggezogen.

Michel zog seine Brieftasche und legte eine Note auf den Tisch.

Sie stützte sich einen Moment lang auf den Tisch.

Ich arbeite hier, wenn ich gerade nicht in einem Projekt bin. Meine Mutter kocht.

Sie nahm die Note und huschte hinter die Theke.

Michel stand auf und zog seinen Mantel an.

Der Rest ist für Sie.

Zum Abschied hob sie die Hand und schenkte ihm ein ent­zückendes Lächeln.

Die beiden alten Männer waren mittlerweile eingeschlafen. Das selige Lächeln auf ihren Gesichtern war einem tiefernsten Ausdruck gewichen, der den beiden etwas Würdevolles verlieh.

drei

Michel beschloss, zu Fuß zurück zum Strandbad zu gehen. Nach dem exzellenten zweiten Frühstück fand er die Frische des Morgens sehr angenehm und fröstelte nicht mehr. Zufrieden schritt er aus.

In solchen Momenten erfüllte ihn sein Beruf mit einer tiefen Zufriedenheit. Er fühlte sich wie ein Schreiner, der die Aufgabe hatte, einen schönen großen Tisch zu zimmern – und das war das Entscheidende – der genau wusste, wie man das machte. Er kannte und liebte sein Handwerk. Oder wie ein Künstler, der vor einer leeren Leinwand stand, den Pinsel in der Hand und zum ersten Pinselstrich ansetzte.

Er musste schmunzeln.

Auf seinem Bild war bereits ein Toter im Hawaiihemd, im Wasser liegend. Und seine Aufgabe würde nun daraus bestehen, das ganze Bild bis in alle Details fertigzustellen. Innerlich rieb er sich die Hände. Er freute sich auf die Aufgabe. Zudem würde es – je nach Verlauf – bedeuten, viele Tage oder gar einige Wochen nicht nur im Büro sitzen zu müssen und Akten zu wälzen. Da sein Privatleben wieder einmal auf die wenigen Kontakte zu seiner Ver­mie­terin geschrumpft war, die ihn nach wie vor treu jeden Tag mit leckeren Broten versorgte und seine Wohnung reinigte, war ein frischer Toter, noch dazu mit einem Messer im Rücken, eine willkommene Aufgabe. Zudem trieb in den Büros ein neuer Polizeichef sein Unwesen. Erst jetzt kapierten alle, wie pflegeleicht der alte gewesen war, trotz seiner Schrullen. Der neue war einer mit einem von im Namen. Er kam aus einem dieser Uraltgeschlechter der Hauptstadt, dessen Urgroßtante die Alte mit dem Hörrohr gewesen sein soll, die einst mit ihrem Rudel russischer Windhunde durch die Altstadt zu stolzieren pflegte. Außerdem war er Angehöriger dieser furchtbaren Partei, die glaubte, alles besser zu wissen, und für deren Verhalten sich das ganze Land schämen musste. Er hatte nichts, aber gar nichts von den gepflegten Manieren und der seriösen humanistischen Bildung, auf die der Alte so stolz gewesen war. Der Neue hatte zwar studiert, war aber ein Flegel und benahm sich wie einer. Intern nannte man ihn Baron Rumpelstilzchen. Man lachte über ihn, aber die meisten hatten Angst vor ihm.

Michel rieb sich die Hände.

Ja, diese Woche hat gut angefangen. Tanner ist auch noch nicht da, also muss ich mir nicht auch noch seine Kommentare zum neuen Fall anhören.

Er überquerte das Bahngleis und sah, dass die Seepolizei gerade am langen Schiffslandungssteg anlegte.

Das läuft ja wie am Schnürchen, dachte er, beschleunigte seine Schritte und erreichte das Boot nach wenigen Augenblicken.

An Bord waren zwei Beamte der Seepolizei. Sie stellten sich als Schaller und Bodmer vor. Der dritte war Luisier, der Taucher. Er war gerade dabei, sich für den Tauchgang bereitzumachen.

Michel stieg ins Schiff und erklärte den Kollegen die Sachlage. Schaller, der die drei Seen hier schon seit Jahrzehnten befuhr, meinte, dass es nicht die Strömung im See gewesen sein konnte, die den Leichnam ans Ufer des Strandbads gespült hatte. Die Strömung des Sees hat mit dem Durchfluss der Flüsse zu tun und verläuft grundsätzlich in dieser Richtung.

Er zeigte mit dem ausgestreckten Arm den Strömungsverlauf.

Es muss der nächtliche starke Wind gewesen sein. Und deswegen kann man unmöglich sagen, wo der Tote in den See gelangt ist. Im Prinzip von Nordosten, denn der Sturm gestern blies aus nordöstlicher Richtung.

Er zuckte mit den Achseln.

Tut mir leid, aber mehr kann ich dazu nicht sagen. Wir werden systematisch den Grund absuchen und melden uns dann.

Michel verabschiedete sich und verließ das Boot. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als erst mal ins Büro zu fahren.

Kaum saß er an seinem Schreibtisch, kam der Polizeichef ins Büro gestürmt. Er klopfte wie üblich nicht an und fragte in seinem hochnäsig-näselnden Ton, ob es schon Erkenntnisse vom Toten aus dem See gäbe.

Michel gab sich außerordentlich beschäftigt.

Nein! Noch keine besonderen Erkenntnisse. Die Leiche wurde schließlich erst vor … – er schaute auf die Uhr – vor vier Stunden und siebenunddreißig Minuten entdeckt. Was erwarten Sie da?

Von der Werdt, so hieß der neue Polizeichef, ignorierte die Frage.

Was haben Sie denn die ganze Zeit gemacht?

Michel starrte ihn an.

Wie meinen Sie das?

Der neue Chef verschränkte seine Arme vor der Brust.

Ich habe Ihnen eine einfache Frage gestellt. Was haben Sie in den vier Stunden und siebenunddreißig Minuten gemacht? Ist die Frage so schwer zu verstehen?

Michel musste erst mal Luft holen.

Sie wollen wissen, was ich in den vier Stunden und siebenunddreißig Minuten gemacht habe?

Ja, wenn Sie die Güte hätten.

Michel verschränkte nun seinerseits seine Arme vor der Brust.

Können Sie sich wirklich nicht vorstellen, was ein leitender Kommissar in so einem Falle tut?

Auf der Stirn des neuen Polizeichefs bildete sich diese schon amtsbekannte kleine Zornfalte, ein Zeichen, bei dem die Untergebenen normalerweise sofort einlenkten. Michel dachte nicht im Traum daran, sondern hielt dem Blick stand.

Doch, ich kann es mir schon vorstellen, aber ich hätte es gerne von Ihnen gehört.

Jetzt gab Michel irgendein kleiner Teufel die Sporen.

Da Sie es sich vorstellen können, brauche ich Ihnen das professionelle Prozedere in so einem Fall ja nicht aufzuzählen. Sobald wir Erkenntnisse haben, werden Sie es als Erster erfahren. Reicht das?

Nein, das reicht nicht. Das hat bis jetzt vielleicht gereicht. Jetzt nicht mehr.

Aha. Und warum nicht?

Michel spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, und er verfluchte sich innerlich.

Weil ich glaube, dass ihre Methoden veraltet sind. Zu langsam, zu konventionell.

Ach, so ist das? Heißt das, ich gehöre zum alten Eisen?

Rumpelstilzchen lächelte, das heißt, sein Mund verzerrte sich ein wenig.

Nein, nein. Nicht, wenn Sie lernfähig sind.

Aha.

Michel richtete sich auf.

Und von wem soll ich lernen?

Auch diese Frage ignorierte der Polizeichef.

Wissen Sie schon, wie der Tote heißt?

Dr. Karl Beckmann.

Er lehnte sich an den Türrahmen und steckte die eine Hand lässig in eine Hosentasche.

Wissen Sie auch, wer Karl Beckmann ist?

Michel sah sich jetzt wohl oder übel gezwungen, zu einem Tuch zu greifen, um sich Kopf und Gesicht abzutrocknen.

Nein. Ich bin erst gerade ins Haus –

Von der Werdt unterbrach ihn.

Sehen Sie! Das meine ich: Sie sind langsam.

Er richtete sich auf und wippte auf den Füssen.

Karl Beckmann ist ein angesehener Finanzmann und arbeitet als Treuhänder. Ich habe Ihnen die Adresse rausgesucht. Hier ist der Zettel.

Michel stand auf und holte sich das Papier.

Sie meinen: Er war.

Ja, natürlich. Er war ein angesehener Finanzmann.

Von der Werdt hustete vor Ärger. Er hasste es, wenn ihm auch nur der kleinste Fehler passierte.

Es ist also höchste Diskretion angesagt, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Nein, das verstehe ich nicht. Wie meinen Sie das?

Alle Erkenntnisse gehen über meinen Schreibtisch. Ich allein bestimme, was an die Presse geht.

Er drehte sich auf dem Absatz und verschwand.

Michel kochte vor Wut.

Dieser arrogante Schnösel. Der verhält sich genauso wie seine Partei in der Öffentlichkeit. Haben keinen Respekt vor gar nichts, verhalten sich wie durchgedrehte Elefanten im Porzellangeschäft. Tun alles, damit ihnen ihre frustrierte und bornierte Wählerschaft zujubelt. Keine andere Partei fordert so lautstark und beharrlich die härtere Bestrafung von Kriminellen. Sie beklagt sich über Kuscheljustiz und fordert Opferschutz statt Täterschutz. Als ob es das nicht gäbe. Und wenn es um Ausländer geht, ihre sofortige Abschiebung, auch in Krisenregionen. In großflächigen Zeitungsinseraten wirbt sie derzeit damit, die sogenannten Fakten zu präsentieren. Ein ganz besonderes Ärgernis sind ihre dümmlichen Plakate zur Ausländerproblematik. Vor lauter Abschiebung und Durchsetzung vergessen sie die kriminellen Inländer, und zwar die in ihren eigenen Reihen, die – wären sie Ausländer – vielfach des Landes verwiesen werden müssten. Die Skandalchronik dieser Partei war bereits endlos: Unterschlagung, Drohung, Betrug. Die Liste der in Strafverfahren verwickelten Parteikollegen des Polizeichefs wurde über die Jahre länger und länger.

Michels Wut steigerte sich unaufhaltsam.

Und dann dieser weißhaarige Vaterlandsfanatiker, der aus jeder Rede geifernde Nationalfeier-Wutausbrüche machte und behauptete, er sei der Einzige, der den Leuten reinen Wein einschenkte. Ganz zu schweigen – und bei dem kam ihm nun wirklich die Galle hoch – von dem schmallippigen Totenköpfchen mit den starr blickenden Augen, der gegen die Ausländer hetzte und mit einer Asiatin verheiratet war.

Und jetzt saß vor seiner Nase ein Chef, der sich stolz brüstete, Teil dieser Bande zu sein. Der will uns hier rumkommandieren, dabei geraten die selber andauernd mit dem Gesetz in Konflikt. Ehemalige und amtierende Politiker, und zwar auf jedem politischen Niveau. Und jetzt müssen ausgerechnet wir hier so einen Querkopf vor der Nase haben, der keine Ahnung von der Polizeiarbeit hat.

Kurz darauf tauchte der Kopf Sommers im Türrahmen auf.

Ist die Luft rein?

Michel nickte.

Sommer war so was wie der Bürochef der Abteilung und zu­ständig für alles. In den ersten Jahren seiner Anstellung war er fürchterlich begriffsstutzig gewesen, das hatte sich in den Jahren allmählich etwas gebessert. Er war alleinstehend, und sein Beruf war sein Ein und Alles.

Hier ist alles zusammengestellt, was man über Beckmann weiß.

Er reichte Michel ein dünnes Mäppchen.

Darin sind auch die Telefonnummern und die Adresse.

Danke, Sommer.

Er blieb stehen.

Ist noch was?

Äh, wir kriegen einen neuen Assistenten, äh … also, ich meine, eine Assistentin.

Michel schnaubte ärgerlich.

Ich brauche keine Assistentin. Was soll das? Ich habe keine beantragt.

Sommer sprach nun ganz leise und lispelte vor Aufregung.

Ja, Rumpelstilzchen hat sie extra für Sie engagiert. Hat er das nicht gesagt?

Michel schüttelte seinen Kopf.

Nichts hat er mir gesagt. Also, ich habe jetzt keine Zeit für solche Fisimatenten. Ich habe einen neuen Fall.

Sommer trat verlegen von einem Fuß auf den andern.

Sie ist aber schon hier.

Er deutete auf den Nebenraum.

Und ER will, dass sie bei dem Fall mitarbeitet.

Michels Kopf lief rot an.

Verdammt! Das hat mir gerade noch gefehlt.

Sommer hob hilflos die Hände.

Tut mir leid. Soll ich sie holen?

Michel rieb sich das Gesicht trocken.

Wenn es unbedingt sein muss.

Die gute Laune von heute Morgen gehörte nun restlos der Ge­schichte dieses Tages an. Er schlug unwillig die Akte Beckmann auf und überflog die biografischen Daten, die am Anfang zusammengefasst waren.

Beckmann war 59 Jahre alt, verheiratet. Hatte zwei erwachsene Kinder. Stammte ursprünglich aus dem östlichen Teil des Landes. Die Frau, geborene von Wyttenbach, aus einem ortsansässigen Geschlecht also.

Michel seufzte. Die müsste er jetzt gleich aufsuchen. Er hasste diese Gänge.

Hallo? Darf ich reinkommen?

Michel guckte verärgert hoch. Im Türrahmen stand ein Mädchen mit langen braunen Haaren, einem schönen und ebenmäßigen Gesicht und einer großen schwarzen Brille. Sie trug eine schwarze Hose und ein weites Jeanshemd. Im Arm hielt sie einen zerknautschten Reportermantel.

Was willst du?

Die Angesprochene hob linkisch die Hand zum Gruss.

Also, ich bin die Assistentin. Lena Steiner.

Michel lehnte sich zurück.

Dass ist jetzt aber ein Witz. Schickt man mir jetzt Kinder?

Ich bin 27 Jahre alt.

Oh, pardon. Welch hohes Alter. Ich hätte Sie deutlich jünger ge­schätzt.

Sie winkte ab.

Ach, das kenne ich. An der Uni hat man das auch immer gesagt. Wollen Sie meinen Ausweis sehen?

Nein, nein. An der Uni? Was haben Sie denn studiert?

Ich habe einen Master in Informatik und Kriminologie.

Was Informatik ist, kann ich mir so vage vorstellen, aber was ist Kriminologie?

Sie hob die Schultern, ließ sie wieder fallen und lächelte verschmitzt.

Na ja, das habe ich die letzten Jahre auch versucht zu begreifen. Sagen wir so: Ich habe etwas über Untersuchungsmethoden und Verhaltensweisen von Verbrechern gelernt.

Michel hob seine Augenbrauen.

Ach ja. Interessant. Sind Sie denn schon einmal einem Verbre­cher begegnet?

Sie lachte.

Sie meinen in freier Wildbahn? Nein, noch nie. Zum Glück.

Michel nickte.

Das habe ich mir gedacht. Das heißt, Sie wollen jetzt das praktische Leben kennenlernen.

Ja genau. Fangen wir an? Ich habe gehört, dass wir seit heute Morgen einen neuen Fall haben.

Sie blickte ihn hoffnungsvoll an.

Michel wusste nicht, was er sagen sollte. Hatte sie eben wir ge­sagt?

Hm. Was mach ich nur mit Ihnen?

Er reichte ihr die Akte, die er gerade angefangen hatte zu lesen.

Da! Studieren Sie die Akte. Ich bin gleich –

Lena Steiner unterbrach ihn.

Entschuldigung, aber die habe ich ja für Sie zusammengestellt.

Michel starrte sie hilflos an. Dann gab er sich einen Ruck.

Gut. Dann begleiten Sie mich in Gottes Namen.

Sie schlüpfte in den Mantel und strahlte ihn mit großen Augen an.

Wohin gehen wir?

Wir besuchen die Frau des Toten.

vier

Warum haben wir uns nicht telefonisch angemeldet?

Lena fragte es flüsternd.

Sie standen schon eine gefühlte Ewigkeit vor dem grünen Eingangstor der Wyttenbach-Villa.

In so einer Situation ist es besser, unangemeldet zu kommen.

Warum?

Weil, äh … –

Jetzt knackte es in der Gegensprechanlage.

– das erkläre ich Ihnen später.

Es meldete sich eine dunkle Frauenstimme und fragte nach Name und Begehr.

Sie verwendete tatsächlich das Wort Begehr.

Michel gab seinen Namen und diesmal auch die korrekte Be­zeichnung seiner Abteilung durch.

In dem Lautsprecher knackte und rauschte es, aber nichts ge­schah. Lena trat vor Aufregung von einem Bein aufs andere.

Endlich ging die Türe auf. Sie traten ein und schlossen das schwere Eingangstor. Ein verschlungener Weg führte durch einen ziemlich verwachsenen, parkähnlichen Garten. Der Weg münde­te in einen Kiesplatz vor einer dreistöckigen alten Villa.

Lena blieb stehen.

Aha, so kann man also auch wohnen, nicht schlecht. Und das mitten in der Stadt.

Michel nickte grimmig.

Mit einem Messer im Rücken hat man nichts mehr davon.

In diesem Augenblick öffnete sich die schwere Eingangstür. In der Tür erschien mit schwerfälligen Schritten eine Frau, die sich auf einen Stock stützte. Ihre Haare, die leicht fettig wirkten, waren nachlässig zu einer Art Dutt zurückgebunden. Ihr Gesicht war aufgedunsen, als ob sie starke Medikamente nehmen musste.

Wer sind Sie? Was wollen Sie?

Michel trat näher, stellte sich vor und zeigte seine Dienstmarke.

Und was wollen Sie denn hier?

In ihrem Tonfall schwang deutlich die Botschaft mit, dass sie in einer Sphäre lebte, die mit der Welt der Polizei rein gar nichts zu tun hatte. Allein das Auftauchen Michels schien für sie ein gesellschaftlicher Fauxpas zu sein.

Bevor Michel antworten konnte, zeigte sie mit dem Stock auf Lena.

Und was ist das?

Michel ignorierte ihre Frage.

Sind Sie Frau Beckmann?

Sie lachte rau auf.

Wer soll ich sonst sein?

Wissen Sie, wo ihr Mann ist?

Wieso wollen Sie das wissen?

Dürfen wir reinkommen? Das ist meine Assistentin Frau Steiner. Es gibt eine sehr ernste Situation, die wir nicht gerne hier draußen besprechen würden.

Sie schaute einen Moment mürrisch auf den silbernen Knauf ihres Stocks, entschloss sich dann aber doch, sie reinzulassen. Sie führte sie in einen hell gestrichenen Salon im Erdgeschoss.

Sie nahmen an einem großen ovalen Tisch Platz. Frau Beckmann behielt ihren Stock in der Hand. Sie blickte Michel herausfordernd an. Er ließ sich Zeit und blickte sich im Raum um.

Hinter dem Tisch erweiterte sich der Salon zu einer Art Wintergarten. Dort stand ein imposanter Flügel. Er war von einer Art Go­belindecke zugedeckt. Man hatte nicht den Eindruck, dass er jeden Tag bespielt wurde. Auf dem Flügel standen eine ganze Reihe von Fotos in silbernen Rahmen. Michel erhob sich, ging ein paar Schritte zum Flügel und deutete auf das Foto, das eindeutig Karl Beckmann zeigte. Etwas jünger und in einem tadellos sitzenden schwarzen Anzug.

Ist das Ihr Mann?

Sie nickte.

Verraten Sie mir endlich, was Sie wollen.

Michel setzte sich wieder auf seinen Stuhl, griff sich eines seiner Tücher aus der Manteltasche und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Frau Beckmann beobachtete den Vorgang mit einem angewiderten Gesichtsausdruck.

Wir kommen mit einer schlechten Nachricht. Ihr Mann ist heute Morgen tot aufgefunden worden.

Frau Beckmann starrte ihn an, der angewiderte Gesichtsausdruck verhärtete sich jetzt zur unbeweglichen Maske.

Das kann gar nicht sein. Er hat mir gestern Abend gesagt, dass er heute auf eine Geschäftsreise nach London muss.

Hat Ihr Mann denn nicht hier übernachtet?

Frau Beckmann scharrte ungeduldig mit ihrem Stock über den Teppich.

Nein, wenn er früh verreisen muss, übernachtet er oft in seinem Büro.

Michel schwieg. Er spürte, wie Lena ihn von der Seite ansah.

Und was heißt überhaupt «aufgefunden worden»? Wie meinen Sie das?

Wir haben ihn im Wasser gefunden.

Im Wasser? Wo denn?

Michel nannte ihr den See und den genauen Ort.

Was soll er denn dort gemacht haben? Er ist nie ins Wasser ge­gangen. Einen wasserscheueren Menschen gibt es gar nicht. Er konnte nicht einmal schwimmen.

Einen Moment später zuckte sie zusammen, als ob sie die Ab­sur­dität ihrer Aussage realisiert hätte.

Hatte er denn eine Badehose an?

Nein, er war vollständig angezogen.

Michel zögerte etwas.

Und er hatte ein Messer im Rücken.

Sie starrte ihn entsetzt an, ließ den Stock los und legte die Hand vor den Mund.

Lena, die neben ihr saß, hatte reaktionsschnell den Stock aufgefangen. Sie lehnte ihn sorgfältig an den Tisch und ging leise aus dem Raum.

Michel runzelte die Stirn, sagte aber nichts.

Einen Moment später kam Lena wieder mit einem Glas Wasser zurück. Sie stellte es leise vor Frau Beckmann auf den Tisch. Sie griff danach und leerte das Glas in einem Zuge.

Danach sprach sie kein Wort und starrte vor sich hin. Michel ließ sie gewähren. Erst als Michel nach einem Tuch griff und sich Gesicht und Stirn erneut trocknete, blickte sie auf.

Warten Sie auf etwas Bestimmtes?

Michel ließ sich nicht irritieren.

Sie müssen Ihren Mann identifizieren.

Sie starrte ihn mit kalten Augen an.

Wann?

Heute oder morgen.

Lena erhob sich und legte eine Karte mit der Adresse des Gerichtsmedizinischen Instituts auf den Tisch.

Dann können Sie ja jetzt gehen.

Lena blickte zu Michel, der nickte und erhob sich. Lena war sichtlich verblüfft.

Wir kommen wieder.

Michel erwartete keine Antwort.

Er durchquerte eilig den Garten. Lena im Schlepptau. Als sich das Tor hinter ihnen schloss, legte sie los.

Warum haben Sie sie nicht befragt? Ob er Feinde hatte? Wer seine engsten Geschäftspartner waren? Ob er sich in letzter Zeit verändert hatte? Was er in London wollte? Ob er vielleicht eine …

Michel unterbrach sie.

Alles zu seiner Zeit.

Lena schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

Wir hätten jetzt nichts aus ihr herausgebracht. Wir müssen warten, bis sie den Schock überwunden hat.

Gut. Und was machen wir jetzt?

Michel guckte auf seine Uhr.

Ich mache jetzt Mittagspause und …

Sie strahlte ihn an.

Fein. Und wo gehen wir essen? Ich habe einen Wahnsinnshunger.

Michel seufzte. Er hatte insgeheim gehofft, sie für eine Weile los­zuwerden.

Weiter unten ist eine Art Arbeiterrestaurant mit etwas altmodischen Menus. Ich weiß nicht, ob Ihnen das zusagt.

Sie nickte und ging gleich los.

Jetzt war es an ihm zu staunen. Offensichtlich liebte sie diese Art Kneipe, wo Lastwagenfahrer und Arbeiter riesige Teller voller Fleisch, Würste und Kartoffeln aßen; grüne Speisen sah man äußerst selten, am ehesten noch in Form von Erbsen aus der Büchse.

Sie zwängten sich in das vollbesetzte Gasthaus und fanden gerade noch zwei Plätze. Es war so lärmig, dass sie einander anschreien mussten.

Wissen Sie, als Studentin konnte ich mir nur alle zwei Tage ein richtiges Essen leisten und in so einem Lokal wird man wenigstens satt.

Sie betrachtete ganz ungeniert, was ihre Nachbarn aßen. Als sie bestellen konnten, zeigte sie bloß auf die Teller und nickte. Auch auf die großen Biergläser. Michel machte es ebenso. Er war jetzt wirklich gespannt, wo diese schmale Person mit all dem Essen hinwollte. Als dann das Essen kam, musste er schmunzelnd erkennen, dass er sie total unterschätzt hatte, mindestens, was ihre Essenskapazität betraf. Ihr Teller war vor seinem leer, und er war beileibe auch kein langsamer Esser. Ein Gespräch war in diesem Lärm nicht möglich, so vollzog sich das Essen praktisch stumm. Die Männer links und rechts von ihnen schrien in allen möglichen Sprachen kreuz und quer durch den Raum. Erstaunlicherweise schienen sie sich trotz des Lärmpegels gut zu verstehen.

Als sie draußen waren, beschlossen sie, in ein ruhiges Café zu wechseln und den Kaffee dort zu trinken.

Lena schüttelte sich kurz.

Puh, war das laut, aber das Essen war lecker. Vielen Dank, Michel, für die Einladung. Den Kaffee – und falls es Torten gibt – bezahle ich. Als Einstand sozusagen.

Ihr Appetit schien grenzenlos zu sein. Wider Willen musste Michel lächeln, sagte aber nichts.

Es gab tatsächlich Torten. Michel verzichtete darauf, um we­nigstens etwas anders zu machen als Lena. Er begnügte sich mit einem Espresso. Sie fiel unbekümmert über ein großes Kuchenstück her, als hätte sie heute noch nichts gegessen. Natürlich bereute er kurz darauf seine Entscheidung, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Nachdem sie den letzten Krümel vertilgt hatte, lehnte sie sich über den Tisch.

Wie sehen Sie den Fall, Chef? Haben Sie schon eine Vermutung?

Michel nahm den letzten Schluck seines Espressos.

Sehen Sie, Lena, zu Beginn eines Falls sollte man sich unter allen Umständen vor Thesen hüten und sich auf keine Vermutung versteifen. Sonst sucht man die ganze Zeit nach Bestätigung für seine These und übersieht leicht Hinweise oder Indizien, die in eine andere Richtung deuten. Und nennen Sie mich bitte nicht Chef.

Lena nickte eifrig.

Gut, dann sage ich Michel. Darf ich trotzdem eine, äh … eine Fantasie äußern?

Er verdrehte die Augen, nickte aber seufzend und verkniff sich eine beißende Bemerkung.

Auch wenn wir noch nichts wissen, ist doch die Kleidung, die der Tote anhatte, ein starkes Zeichen. Eigentlich der größtmögliche Gegensatz, den man sich sowohl zu seiner Frau als auch zu seinem Beruf vorstellen könnte.

Lena schaute ihn fragend an.

Michel wiegte den Kopf.

Kann sein, kann nicht sein. Sehen Sie, das ist genau das Problem mit solchen Vermutungen. Ich habe schon Zahnärzte und renommierte Anwälte in Lederanzügen auf gewaltigen Motorrädern gesehen. Das war ihr Wochenendvergnügen. Und? Was sagt uns das jetzt? Dass jemand ein abgedrehtes Hobby oder eine ausgefal­lene Leidenschaft hat.

Sie nickte.

Ja, ja, oder renommierte Bürger, die in Gummianzügen zu Swinger-Partys gehen. Gut, ich verstehe schon.

Sie nahm die Brille ab und putzte sie mit einer Serviette.

Insofern ist das Hawaiihemd nichts Besonderes. Zumal am See. Vielleicht war er auf eine Yacht eingeladen? Oder er besitzt selber eine?

Sie zückte ihr Smartphone.

Das können wir gleich feststellen, ob ein Boot auf seinen Namen eingetragen ist.

Sie beugte sich konzentriert über ihr Telefon.

Michel staunte, mit welcher Geschwindigkeit sie darauf eintippte. Und wie kam sie damit überhaupt in die entsprechenden amtlichen Listen?

Sie blickte auf.

Nein, unter seinem Namen ist kein Schiff eingetragen.

Sie steckte ihr Smartphone weg.

Das heißt natürlich noch nichts. Er könnte trotzdem auf einem Schiff gewesen sein, oder es ist unter einem Firmennamen einge­tragen. Oder er hat es gemietet.

Sie blickte auf.

Was schauen Sie mich so komisch an? Ich habe nichts Illegales getan oder, sagen wir, nichts Schlimmes. Die Listen sind ja nicht geheim.

Michel verzog seinen Mund.

Sind Sie eine Hackerin?

Jetzt verdrehte sie ihre Augen.

Was heißt hier Hackerin? Jeder, der Informatik studiert, weiß, wie man in Systeme reinkommt und so. Sobald man technisch ein System durchschaut, ist das ja auch ein Kinderspiel. Die meisten Sachen sind so banal, also das ist kein Hexenwerk.

Michel lachte.

Gut zu wissen.

Lena lachte auch.

Wissen Sie, die meisten Menschen machen sich ein ganz falsches Bild von einem Hacker. Ein Hacker ist in erster Linie jemand mit einer großen technischen Neugierde. Wie soll ich Ihnen das erklären? Ein bekannter Computeraktivist hat einmal gesagt: Ein Hacker ist jemand, der versucht, einen Weg zu finden, wie man mit einer Kaffeemaschine einen Toast zubereiten kann. Ein Hacker will wissen, wie etwas funktioniert und wo die Grenze des Machbaren liegt. Zufrieden?

Michel hob die Hand.

Nicht ganz. Es gibt ja auch kriminelle Hacker.

Ja, das ist klar. Und genau deswegen braucht es auch leidenschaftliche Hacker, die in der Lage sind, Sicherheitsmängel aufzuzeigen, ohne dass sie die Kenntnisse zu ihren eigenen Vorteilen ausnutzen. Die Firmen, vor allem Banken und Regierungen, können dann ihre Sicherheitsmaßnahmen danach ausrichten, bevor ein krimineller Hacker die Lücke ausnutzt.

Michel bestellte noch einen Espresso.

Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen einige grundlegende Kniffe.

Michel winkte ab.

Dafür sind Sie zuständig. Aber danke.

Okay. Und was machen wir jetzt?

Sie rufen jetzt Frau Beckmann an und bieten ihr an, sie ins Gerichtsmedizinische Institut zu begleiten.

Lena machte ein verdutztes Gesicht.

Geben Sie ihr zu verstehen, dass Sie das ohne mein Wissen machen, weil Sie denken, dass das für sie doch ein sehr schwieriger Gang sein würde und dass sie vielleicht lieber mit Ihnen als mit mir gehen würde. Verstehen Sie? Schmieren Sie ihr ein bisschen Honig aufs Brot, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Ist das jetzt auch ein Kniff?

Michel setzte sein unschuldigstes Gesicht auf.

Wie kommen Sie darauf? Jemand muss sie doch begleiten.

Fünf

Michel betrachtete stirnrunzelnd das auf Hochglanz polierte ­Na­mensschild. Es handelte sich um eine der vornehmen Anwalts­so­zie­täten in der Hauptstadt. Anwälte, Notare, Treuhänder, Steuer- und Finanzspezialisten. Einige Professoren, viele Herren oder Da­men mit Doktortiteln waren darunter. Michel pfiff durch die Zähne.

Genau die Sorte, die ich liebe.

Den Namen Beckmann fand er allerdings nicht. Er prüfte noch einmal die Adresse in den Unterlagen, die seine Assistentin im Auftrag des Chefs zusammengestellt hatte. Er war am richtigen Ort. Er zuckte mit den Achseln und klingelte. Bevor die Tür sich mit einem leisen Surren öffnete, versuchte er sich vorzustellen, wie Lena mit Frau Beckmann im Gerichtsmedizinischen Institut eintreffen würde.

Was für ein genialer Schachzug!

Er klopfte sich gedanklich auf die Schultern. Es befreite ihn vom unangenehmen Gang zur Identifizierung der Leiche und gleichzeitig von Lenas Anwesenheit, die ihn nervös machte.

Er betrat das Gebäude. Über eine knarrende Treppe ging er in den ersten Stock, wo sich die Anmeldung befand.

Ein Schild an der Tür forderte zum Eintritt auf. In einem kleinen Vorraum saß eine schlanke Frau im weißschwarzen Kostüm – sogar als Modemuffel erkannte er Chanel. Sie hatte wilde rote Haare, die wie die untergehende Sonne leuchteten. Als sie sich umdrehte, hielt er spontan eine Hand hoch.

Mein Gott, ihre Haare blenden mich ja.

Sie lachte.

Na, na, so schlimm wird es doch nicht sein. Was kann ich für Sie tun? Sie kommen ja nicht, um mir Komplimente zu ma­­­chen.

Sie war nicht mehr ganz so jung, wie sie von hinten wirkte, aber sie war außerordentlich attraktiv und hatte ein bezauberndes La­chen, kurz: Sie war der ideale Empfang, der zumindest den Herren das Herz sofort öffnete.

Nein, nein, ich komme wegen Herrn Beckmann.

Er wählte bewusst diese etwas unkonkrete Formulierung.

Sie runzelte ihre schöne Stirn.

Aber Herr Beckmann ist doch schon seit gut, äh … vier Jahren oder … nicht mehr bei uns. Vielleicht sind es auch mehr. Da müsste ich jetzt nachschauen.

Jetzt war er wirklich überrascht und sah wohl sehr verdutzt drein.

Die Empfangsdame erhob sich.

Tut mir sehr leid, dass Sie extra hergekommen sind.

Soweit zur Genauigkeit der Unterlagen, liebe Lena.

Michel fing sich wieder.

Aha, und wo arbeitet er jetzt?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr …

Michel zückte seine Dienstmarke und nannte Name und Abteilung.

Jetzt war es an ihr, verdutzt zu sein. Aber nicht aus dem Grund, den Michel meinte.

Sie kam auf ihn zu, lächelte und streckte ihm ihre Hand entge­gen.

Mein Gott, das gibt’s ja nicht. Serge, erkennst du mich denn nicht? Wir sind doch zusammen zur Schule gegangen. Ich habe dich zuerst auch nicht erkannt, aber jetzt natürlich, als du deinen Namen nanntest.

Sie schlug die Hände zusammen.

Mein Gott, das ist ja auch ewig her. Du warst damals so dünn …

Sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund und wurde rot im Gesicht.

Entschuldige Serge, das war jetzt nicht sehr diplomatisch.

Michel war ziemlich verwirrt, denn er konnte sich überhaupt nicht erinnern.

Entschuldigen Sie, aber … ist das vielleicht eine Verwechslung?

Sie lachte.

Nein, nein, ich bin Marlene. In der Schule nannte man mich Mali. Wir waren beide bei der Meyerhofer in der Primarschule. Weißt du nicht mehr?

Langsam dämmerte es Michel. Er sah vor sich ein mageres, rothaariges Mädchen mit vielen Sommersprossen.

Ja, ja, jetzt erinnere ich mich. Das war wie in einem anderen Le­ben. Du hattest Zöpfe und tausendundeine Sommersprosse, stimmt’s?

Ja, genau. Ich habe sehr unter diesen Sommersprossen gelitten und alle möglichen Cremes und todsicheren Rezepte ausprobiert. Es half alles nichts. So ab sechzehn Jahren wurden sie dann von alleine heller und immer heller – und jetzt sieht man sie fast gar nicht mehr.

Sie lachten beide. Dann wurde sie wieder ernst.

Was willst du denn vom Beckmann?

In diesem Moment betrat durch eine Seitentür ein untersetzter Mann in einem sehr seriös wirkenden Anzug den Raum. Seine Haare waren streng nach hinten gekämmt. Seine Wangen hatten etwas Hamsterartiges und seine kleinen Augen huschten unruhig hin und her.

Guten Tag. Ich höre den Namen Beckmann. Wer will etwas von ihm?

Marlene kam Michel zuvor.

Das ist Serge Michel von der Polizei. Er hat sich nach Herrn Beckmann erkundigt.

Sie wandte sich wieder zu Michel.

Und das ist Herr Schneider, unser Bürochef.

Wir sind tatsächlich von der Geschäftsleitung angehalten, keine weiteren Auskünfte über Herrn Beckmann zu geben.

Michel richtete sich auf.

Ja, wenn das so ist, dann führen Sie mich bitte zur Geschäftsleitung, Herr Schneider.

Der untersetzte Mann fuhr nervös durch seine Haare.

Ich weiß nicht, ob der Herr Professor im Hause ist …

Marlene unterbrach ihn.

Er ist im Hause. Ich habe ihn gesehen.

Aha, dann müssen Sie mit seinem Sekretariat einen Termin vereinbaren. Sie können das telefonisch machen. Frau Bächler kann Ihnen gerne die Nummer geben.

Einspruch, Euer Ehren. Die Polizei macht keine Termine. Entweder Sie führen mich jetzt zu ihm oder ich lade ihn aufs Polizeirevier vor. Fragen Sie bitte den Herrn Professor, was ihm lieber ist.

Marlene wandte sich ab, offenbar um ein Lächeln zu verbergen.

Schneider wischte sich vor Aufregung über den Mund.

Gut. Ich werde sofort zu ihm gehen. Warten Sie bitte hier. Frau Bächler wird Ihnen sicher einen Kaffee anbieten.

Mit einem wütenden Blick zu Marlene verließ er den Raum.

Hui, was ist aus dem kleinen Serge ein wichtiger Mann geworden. Kommissar! Respekt.

Sie lachte.

Willst du einen Kaffee?

Nein, lieber ein Glas Wasser.

Sie ging in einen Nebenraum.

Treffen wir uns mal?

Mit der Frage auf den Lippen brachte sie ihm das Glas.

Wir können ja hier keine Erinnerungen austauschen. Also nur, wenn du magst.

Michel nickte.

Gerne. Hier ist meine Karte.

Marlene steckte die Karte gerade noch rechtzeitig in eine Schublade, schon kam Schneider zurück.

Bitte folgen Sie mir, Herr Kommissar. Herr Professor Krättli emp­fängt sie sofort.

Der Schneider liebte offenbar Titel. Sie gingen schweigend die knarrende Treppe einen Stock höher.

Michel dachte, dass sie ganz bewusst die knarrende Treppe nicht erneuerten, denn sie wirkte altmodisch, sparsam, einschüchternd und stand für die Aussage: Uns sind andere Dinge wichtig. Welche, war noch die Frage.

Der Herr Professor empfing Michel in der Tür zu seinem Büro. Er war ein sympathisch lächelnder, älterer Herr, wohlanständig, mit vollem weißen Haupthaar.

Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Wir haben schon viel von Ihnen gehört, Herr Michel. Kommen Sie herein und machen Sie es sich bequem.

Sie betraten das Büro. Auch dies war sparsam und altmodisch möbliert. Der einzig moderne Gegenstand war der silbern schimmernde Bildschirm des Computers, der in augenfälliger Konkurrenz zur dunkel gehaltenen Einrichtung stand.

Michel setzte sich auf den geschnitzten Holzstuhl, der für Besucher vor dem Schreibtisch des Anwalts stand. Bequem war dieser nicht, aber Michel war sicher, dass diese altmodische Einrichtung sehr genau kalkuliert war. Er hatte auch schon ganz andere Büros gesehen, die mit kühler, aber teurer Eleganz vom Erfolg der Kanzlei erzählen sollten. Hier fand eine andere Erzählung statt. Michel war sich aber über den Inhalt der Geschichte noch nicht im Klaren.

Ich bin ein Freund Ihres ehemaligen Vorgesetzten, wissen Sie. Deswegen …

Er lächelte und öffnete seine Hände, wie es auch der Papst zu tun pflegt.

Michel konterte.

Kennen Sie auch den neuen?

Jetzt vollführten die Hände eine Abwehrbewegung. Danach legte er sie langsam, aber bewusst auf den Schreibtisch.

Nein, den kenne ich nicht. Aber Sie wollten zu Herrn Beckmann, höre ich. Was wollen Sie denn von ihm?

Seine Hände zuckten leicht, als ob sie sich wieder von der Tischplatte lösen wollten, aber gezwungen wurden, da liegenzubleiben.

Ich habe nie gesagt, dass ich zu Beckmann möchte. Ich habe gesagt, dass ich wegen Beckmann komme.

Jetzt falteten sich die Hände auf dem Tisch.

Aha! Ja, das ist ein Unterschied. Demzufolge wussten Sie also, dass Herr Beckmann schon seit fünf Jahren nicht mehr bei uns ist.

Michel schüttelte den Kopf und war gespannt, was die gepflegten Hände des Herrn Krättli weiter im Schilde führten.

Nein, das wusste ich nicht.

Aha! Ja, was wollen Sie denn?

Mit dieser Frage stützten sich die Hände mit gespreizten Fingern auf die Tischplatte, was Herrn Krättli eine Art Sprungbereitschaft verlieh, auch wenn der Körper ganz ruhig blieb.

Frage – Gegenfrage.

Warum ist Herr Beckmann nicht mehr bei Ihnen? Er ist doch ein angesehener Treuhänder und Finanzmann, so habe ich we­nigs­tens gehört.

Die gespreizten Finger hoben sich nun vom Tisch, die Ellbogen wurden aufgestützt und zehn Fingerkuppen, leicht aufeinandergepresst, wurden vor Krättlis Mund geführt.

Wer hat Ihnen das erzählt?

Darauf hatte Michel gewartet. Die Antwort genoss er.

Mein neuer Chef.

Aha! Wie heißt er schon wieder, Ihr neuer Chef?

Michel nannte ihm den Namen.

Seine Hände strichen kurz beidseitig über die glattrasierten Wangen, um wieder in der vorigen Position zu landen, die Kuppen etwas stärker zusammengepresst als zuvor.

Sagen wir so: Beckmann hatte sich in riskante Geschäfte verwickelt, die für unsere Sozietät nicht mehr tragbar waren.

Heißt das, dass Sie Geld verloren haben?

Krättli hob die Hände gen Himmel, also zur Zimmerdecke.

Nein, nicht wir, Gott bewahre. Aber unsere Kunden. Und das konnten wir natürlich nicht zulassen.

Die Hände sanken zurück und fanden zärtlich in eine Stellung zueinander, so als ob ihr Besitzer sie waschen wollte.

Michel schwieg und hielt Krättlis Blick stand.

Wir haben das nicht an die große Glocke gehängt, da Beckmann für uns auch sehr viel Gutes gemacht hat. Verstehen Sie?

Michel blieb immer noch regungslos. Krättli klatschte jetzt in seine Hände, als ob er Michel zu einer Reaktion zwingen wollte.

Er hat uns sogar gebeten, es vor seiner Familie zu verschweigen.

Michel nickte.

Ging es um viel Geld?

Jetzt verschwanden Krättlis Hände unter dem Tisch.

Ja, was heißt viel?

Er schaute fragend zu Michel.

Sagen Sie es mir, Herr Professor.

Die Hände kamen wieder abwehrend aus der Versenkung.

Aber wieso kommen Sie jetzt? Die Sache ist doch schon längst vergessen.

Michel ignorierte die Frage.

Wann haben Sie Herrn Beckmann das letzte Mal gesehen?

Die Hände begannen in der Luft zu schweben.

Ja, damals vor etwa fünf Jahren. Seither haben wir keinen Kontakt mehr.

Haben Sie Kontakt zu seiner Frau?

Nein, warum sollte ich?

Krättli hielt es jetzt nicht mehr auf dem Stuhl. Unter dem Vorwand, das Fenster zu öffnen, stand er auf. Dann drehte er sich lachend um.

Wird das jetzt ein Verhör, Herr Kommissar?

Michel stand auch auf.

Nein, nein, sicher nicht. Ich wollte ja nur ein paar Informationen. Dafür bedanke ich mich recht herzlich.

Krättli begleitete ihn offensichtlich erleichtert zur Tür, so er­leichtert, dass er sogar nicht noch einmal fragte, warum Michel denn gekommen war. In der Tür blieb Michel stehen.

Ach ja, Sie wissen auch nicht zufällig, was Beckmann jetzt macht?

Krättli gab sich Mühe, ein Gesicht zu machen, das Ich-überlege-ernsthaft heißt, schüttelte aber dann den Kopf.

Nein, tut mir leid. Ich habe keine Ahnung.

Und ich glaube dir kein Wort, dachte Michel und verabschiedete sich freundlich, wie es zu diesem ganzen Interieur passte.

Jetzt wusste er, wie die Geschichte heißen könnte, die das Haus und die ganze Einrichtung dieser Anwaltssozietät erzählte: Die Wohlanständigen.

Er schaute nochmals in das Büro der Anmeldung, aber Mar­lene war leider nicht da.

Schade, schade. Hoffentlich meldet sie sich.

Kurzentschlossen machte er sich auf den Weg ins Gerichtsmedi­zinische Institut. Jetzt hatte er das Bedürfnis, den Toten aus dem See noch einmal zu sehen.

sechs

Als er später zurück ins Büro kam, herrschte dicke Luft. Sommer signalisierte es ihm mit dem verabredeten Zeichen. Sie hatten über längere Zeit ein Zeichensystem entwickelt, so dass Sommer ihm jeweils sekundenschnell die Stimmung im Büro signalisieren konnte. Sommer nutzte das Zeichen für höchste Alarmstufe. Michel zuckte mit den Schultern und ging schnurstracks in sein Büro. An einem kleinen Tisch, der neu in seinem Büro war, saß Lena und starrte angespannt in einen Computer.

Er verkniff sich eine Bemerkung wegen des neuen Arbeitsplatzes.

Und? Wie war es mit Frau Beckmann?

Sie drehte sich um und Michel sah, dass sie geweint hatte. Er setzte sich. Sie wischte sich die Haare aus dem Gesicht.

Es war gut, dass ich sie begleitet habe. Erstens war sie sehr froh, nicht allein gehen zu müssen – das hätte sie sicher nie zugegeben, aber es war zu spüren – und zweitens war es für mich eine interessante Erfahrung.

Inwiefern?

Ich habe vorher noch nie eine Wasserleiche gesehen, außer auf dem berühmten Gemälde von Holbein. Sie kennen es?

Michel verneinte.

Hans Holbein der Jüngere hat Jesus im Grab gemalt und das Bild hängt im Kunstmuseum Basel. Wir haben das Gemälde im Studium mit einem Fachmann analysiert. Einer unbelegten Legende nach benutzte Holbein eine Leiche aus dem Rhein, was der Forensiker anhand des Bildes aber widerlegte. Aber ich kenne das Bild seit meiner Jugendzeit, und es war für mich immer die Wasserleiche schlechthin.

Sie wischte sich eine Träne aus den Augen.

Und jetzt habe ich einen Menschen gesehen, der wirklich im Wasser war.

Und? Wie war Ihr Eindruck?

Erstens hatte der Gerichtsmediziner hundertprozentig recht. Eine Wasserleiche sieht wirklich ganz anders aus – als der Körper auf Holbeins Bild, meine ich.

Sie stockte.

Ja, und jetzt habe ich einen Menschen gesehen, der noch vor zwei Tagen lebte. Wissen Sie, in meinem Alter beschäftigt man sich wenig mit dem Tod. Heute habe ich eine ziemlich grausame Wirklichkeit des Todes gesehen. Als Kind hat mich der Tod sehr beschäftigt, aber man durfte ja nicht fragen, oder wenn, bekam man keine Antworten. Auf jeden Fall keine befriedigenden.

Ich verstehe.

Sie schwiegen eine Weile. Michel wusste nicht so richtig, wie er darauf reagieren sollte. Dann räusperte er sich.

Und wie hat Frau Beckmann … ?

Sehr gefasst, würde ich sagen. Vielleicht könnte man auch sagen, gefühllos. Wie soll ich sagen? Sie hat ihn angeschaut. Dann hat sie genickt und unterschrieben. Sie hat keine Fragen gestellt. Als man ihr sagte, dass man ihr die persönlichen Sachen dann zustellen würde, hat sie das abgelehnt. Sie wolle diese Sachen nicht.

Hat sie sich denn die Kleidung angeschaut?

Lena nickte.

Sie hat kurz hingeguckt und gesagt, dass das nicht seine Kleider seien. Damit wolle sie nichts zu tun haben. Von den Schuhen war sie richtig angewidert.

Sonst hat sie nichts gesagt?

Nein, ich habe sie dann mit dem Taxi wieder nach Hause begleitet. Sie hat nur einmal etwas gemurmelt, dass ich nicht richtig verstanden habe. Es klang wie Marmarameer.

Marmarameer?

Nein, nein, ich glaube nicht, dass sie dieses Wort gesagt hat. Ich glaube nur, es kommt dem, was ich gehört habe, am nächsten.

Sie fuhr mit der Hand ärgerlich durch die Luft.

Ich habe nachgefragt, aber sie starrte nur ins Leere. Beim Aussteigen habe ich ihr vorgeschlagen, sie zu begleiten. Oder ihr noch ein bisschen Gesellschaft zu leisten.

Sie schlug die Hände vors Gesicht.

Oh je! Ihr entsetztes Gesicht hätten Sie sehen sollen! Ui, ui! Als ob ich ihr einen unsittlichen Vorschlag gemacht oder sie gebeten hätte, mich als Erbin einzusetzen.

Michel lachte.

Ja, das überrascht mich nicht. Genauso habe ich sie eingeschätzt. Aber …

Michel stockte ein wenig.

… ich finde, Sie haben das gut gemacht, Lena. Danke. Wann kriegen wir den Bericht?

Morgen früh.

Gut.

Michel zögerte.

Haben Sie jemand, mit dem Sie über Ihr Erlebnis heute reden können?

Ja, ja. Machen Sie sich keine Sorgen, aber nett, dass Sie fragen.

Gerade wollte er ihr von den Neuigkeiten aus dem Anwaltsbüro berichten, als der Polizeichef wie von einer Wespe gestochen ins Büro gesaust kam.

Kommen Sie sofort in mein Büro!

Im selben Tempo war er wieder verschwunden.

Michel erhob sich seufzend.

Besorgen Sie mir die Adressen von ihren Kindern, bitte.

Lena lächelte verschmitzt.

Habe ich schon. Sie liegen auf Ihrem Tisch.

Unterwegs holte er sich noch einen Kaffee aus diesem scheußlichen Automaten, weniger des Kaffees wegen, sondern um den Chef warten zu lassen.

Im Büro musste er Platz nehmen. Der Neue kam sofort zur Sache.

Ich hatte soeben ein Telefongespräch mit Professor Krättli.

Michel lehnte sich zurück.

Ach ja, Sie kennen ihn?

Von der Werdt wischte die Frage wie eine lästige Fliege vom Tisch.

Wie kommen Sie dazu, ihm zu drohen, dass sie ihn vorladen, wenn er keine Zeit für ein Gespräch hat und warum haben Sie ihm verschwiegen, dass Beckmann tot ist?

Auf die erste Frage ging Michel gar nicht ein.

Warum sollte ich ihm sagen, dass Beckmann tot ist? Ich fand es für das Gespräch besser, die Sache in der Schwebe zu halten. Sie haben ihm das jetzt aber nicht verraten?

Der Polizeichef lief rot an.

Natürlich habe ich es ihm gesagt, wie sonst hätte ich Ihr Verhalten begründen sollen?

Michel ging jetzt aufs Ganze.

Das heißt, Sie mischen sich in meine laufenden Untersuchungen ein. Das hätte der Alte nie getan. Als leitender Kommissar habe ich das Recht, meine Untersuchungen so zu gestalten, wie ich es für richtig halte. So steht es schwarz auf weiß im Dienstreglement.

Michel keuchte vor Aufregung und stand auf.

Zudem habe ich nicht Herrn Krättli persönlich mit einer Vorladung gedroht, ich wollte bloß seinem Bürochef Beine machen. Das hat ja dann auch geklappt. Wahrscheinlich hätten wir sonst nicht so schnell erfahren, dass der Beckmann schon seit fünf Jahren gar nicht mehr für dieses Anwaltsbüro tätig ist. Die Angestellten haben nämlich Auskunftsverbot, was den Beckmann betrifft.

Von der Werdt war so überrascht, dass er ganz vergass, dass er soeben angepflaumt worden war.

Was sagen Sie da? Und warum ist er nicht mehr in der Sozietät?

Hat Ihnen das der Krättli nicht gesagt? Das erstaunt mich jetzt aber.

Michel nahm sich Zeit, setzte sich wieder, trank einen Schluck von seinem Kaffee und verzog sein Gesicht.

Sie hatten sich von ihm getrennt, weil er für Kunden viel Geld verloren hat.

Der Chef zeigte ein eiskaltes Lächeln.

Na ja, vor zwei Jahren haben viele Leute viel Geld verloren. Ich sage nur Finanzkri…

Sein Telefon klingelte.

Gut. Michel, verschwinden Sie.

Am liebsten hätte Michel ihm den Kaffee ins Gesicht geschüttet, er ging aber betont ruhig aus dem Zimmer und goss ihn in die Toilette.

Pfui Teufel.

Lena blickte ihn erwartungsvoll an. Michel winkte ab.

Ach, nichts Besonderes.

Er berichtete ihr in Stichworten, was er auf der Anwaltskanzlei erfahren hatte. Das Wiedersehen mit Marlene erwähnte er natürlich nicht.

Mich hat der Chef heute angemeckert, weil ich mich geweigert habe, über unsere Ermittlungen Auskunft zu geben. Ich bin aber Ihre Assistentin und nicht seine Informantin.

Und ich sage ein zweites Mal: Das haben Sie gut gemacht, Lena.

Jetzt wurde sie rot und winkte ab.

Marmarameer!

Wie? Ach so, ja. Der ist gut. Danke, Lena, Sie können für heute Schluss machen.

Michel blieb allein im Büro zurück. Er dachte an die Begegnung mit Marlene. Merkwürdig, dass man plötzlich einem Menschen aus der fernen Vergangenheit begegnet. Und das noch ausgerechnet in der Kanzlei der Wohlanständigen.

Er kicherte vor sich hin.

Ob sie auch wohlanständig ist?

Nein, ich glaube nicht. So wie sie mit dem Bürochef umgegangen ist. Und ihr Lachen ist heute noch genauso frech wie damals als mageres Mädchen. Er erinnerte sich plötzlich wieder, dass sie eine Weile den gleichen Schulweg hatten. Waren sie nicht sogar mal eine Weile Hand in Hand zur Schule gegangen? Genau, sie war doch die, die bereits auf dem Schulweg ihr Pausenbrot an die Enten im Kanal und an die Vögel verfüttert hatte. Mali? Merkwürdig: An den Namen konnte er sich überhaupt nicht mehr erinnern. Aber als sie heute gelacht hatte, da hatte er das Gesicht wiedererkannt. Marlene Bächler. Ob das ihr Mädchenname war, wusste er auch nicht mehr.

Wie Beckmann wohl aussah, wenn er gelacht hatte? Hatte er überhaupt je gelacht?

Er stützte seinen Kopf in die Hände.

Verdammt. Es ist doch immer dasselbe: Wenn man einen Menschen erst als Toten kennenlernt, ist es fast unmöglich, sich ein Bild von ihm zu machen. Und dann erst noch bei einer Wasserleiche. Da ist alles Persönliche eines Gesichts wie weggewischt, entstellt eben.

Er richtete sich auf.

Ich brauche dringend ein gutes Foto von ihm.

Heute in der Gerichtsmedizinischen hatte sich für ihn wieder einmal die Frage aufgedrängt, ob ein Toter überhaupt noch ein Mensch ist, da das Wichtigste aus seinem Körper entwichen war, nämlich sein Leben und wer weiß was noch alles.

Das erste Mal vermisste er Tanner. Mit dem könnte er jetzt diese Fragen in aller Ruhe diskutieren. Bei einem guten Essen und einem großen Bier.

Michel seufzte und zückte sein Handy.

Der Herr könnte sich auch einmal melden.

Von Tanner kein Lebenszeichen, aber dafür von Marlene. Ob er morgen Abend Zeit und Lust hätte, mit ihr zu essen.

Und ob, du rothaarige Mali.

Er schrieb sofort zurück und fragte, wann und wo.

Dann nahm er sich die beiden Adressen von Beckmanns Kindern vor. Die Tochter hieß Nathalie Beckmann und war 31 Jahre alt. Von Beruf Apothekerin. Der Bruder war jünger, 28 Jahre alt. Er hieß Robert. Beruf und Zivilstand unbekannt. Er lebte in der Stadt. Sie auf dem Lande, unweit der Hauptstadt. Er wählte zuerst die Nummer des Sohnes, weil die Adresse näher war, aber da nahm niemand ab. Seufzend wählte er die Nummer der Tochter. Sie meldete sich sofort.

Michel erklärte den Grund seines Anrufes. Sie schien nicht im Geringsten überrascht. Er könnte jederzeit vorbeikommen. Sie sei zu Hause.

Michel schaute auf die Uhr und meinte, dass er in etwa anderthalb Stunden bei ihr sein könnte. Sie war einverstanden.

Na, das ging ja leicht.

Er erhob sich und verließ das Büro.

Michel hatte furchtbaren Hunger und konnte unmöglich mit leerem Magen das Gespräch führen. Ergo führte der Weg zuerst in ein Restaurant. Er wählte eines außerhalb der Stadt, quasi auf dem Weg zur Apothekerin.

Pünktlich zur verabredeten Zeit stand Michel dann vor dem vierstöckigen Mietshaus aus den Fünfzigerjahren, wo die Apothekerin wohnte. Die Haustür war offen. So klingelte er erst an der Wohnungstür im zweiten Stock.

Die Tür öffnete sich sofort, als hätte die Bewohnerin nur auf ihn gewartet.

Michel nannte seinen Namen und zeigte ihr seine Dienstmarke. Nathalie Beckmann bat ihn in ihre Wohnung. Sie hatte so gar nichts von ihrer Mutter. Sie war mittelgroß, hatte ein zartes Ge­sicht, das halblange blonde Haare umrahmten. Sie führte ihn in ein geräumiges Wohnzimmer, dass aussah wie die perfekte Reklame für ein großes Einrichtungshaus aus dem Norden, das mittlerweile die ganze Welt möblierte.

Nett haben Sie es hier.

Michel setzte sich an den Tisch und zückte sein schwarzes Notizbuch. Nicht, dass er daran dachte, etwas aufzuschreiben, aber den Leuten war diese Geste eines Kommissars aus dem Fernsehen vertraut.

Ich möchte Ihnen, auch im Namen unseres Polizeichefs und der ganzen Polizei, unser herzliches Beileid aussprechen.

Nathalie Beckmann nickte dankbar, aber schwieg.

Ich nehme an, Ihre Mutter hat Sie informiert?

Bevor sie antwortete, strich sie die Tischdecke glatt.

Nein, es war Robert, mein Bruder. Meine Mutter spricht seit einiger Zeit nicht mehr mit mir.

Aber mit ihm spricht sie?

Ja, mit ihm schon.

Sie stand abrupt auf und verließ den Raum, kam aber sofort mit einer Packung Taschentücher wieder. Sie schnäuzte sich und trocknete die Augen.

Entschuldigen Sie bitte.

Michel hob besänftigend seine Hand. Sie schaute ihn an und versuchte ein Lächeln, was ihr aber gänzlich misslang.

Wir haben schwierige Familienverhältnisse, wissen Sie.

Michel schwieg, überrascht war er aber nicht.

Sie atmete hörbar aus.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Oder wollen Sie mir Fragen stellen?

In diesem Moment hörte man ein leises Kratzen an der Tür.

Oh, das ist meine Katze. Entschuldigen Sie. Ich hatte sie vorhin schon gesucht, deswegen habe ich auch die Haustür offen gelassen.

Sie ging in den Flur und sprach mit leiser Stimme, dann kam sie mit einer kleinen grauen Katze auf dem Arm wieder zum Tisch.

Das ist Tschuri. Ich habe ihn erst seit ein paar Monaten. Wenn er lange draußen war, werde ich immer noch ganz unruhig.

Das kann ich verstehen. Tschuri? Ist das nicht dieser, äh … Ko­met, über den man letzthin gelesen hat?

Doch, doch. Ich weiß auch nicht, wieso ich den Kater so getauft habe. Vielleicht, weil er in meinem Leben auch wie ein Komet auf­getaucht ist.

Sie errötete dabei und setzte den Kater schnell auf den Boden.

Also, was wollen Sie wissen?

Ich möchte mir ein Bild Ihres Vaters machen. Ohne zu wissen, wer er und wie er war, ist es sehr schwer, Ermittlungen anzustellen. Verstehen Sie?

Ja, ja. Das kann ich verstehen. Ja, wie war mein Vater? Also, er war ein sehr großzügiger und geduldiger Vater. Er hatte zwar im­mer viel zu tun, aber wenn er zu Hause war, hat er sich um uns Kinder gekümmert. Ich habe mich zum Beispiel schon früh für Chemie und Pillen interessiert. Er hat das unterstützt und mir Ex­perimentierkästen gekauft und auch mit mir damit gespielt.

Sie lachte.

Dann und wann ist auch mal was schiefgelaufen. Meine Mutter hat das immer ungern gesehen und sich auch ein bisschen lustig gemacht. Das sei doch nichts für ein Mädchen und solche Sprüche. Sie sehen, es hat nichts genützt, ich bin Apothekerin geworden und arbeite heute in der Forschung. Das verdanke ich meinem Vater.

Sie hielt inne.

Später ist er immer unglücklicher geworden. Ich sehe das erst heute so klar. Als Kind spürt man zwar eine Menge, aber kann die Sachen nicht richtig einordnen. Unglücklich war er vor allem mit meiner Mutter. Es fällt mir schwer, darüber zu reden, aber er hatte allen Grund dazu.

Michel richtete sich auf.

Aha. Und warum?

Sie holte tief Luft.

Ja, warum? Das ist nicht so einfach zu sagen. Sie hatte dauernd etwas an ihm auszusetzen. Sie ist vom Typ eine Nörglerin. Außerdem war sie es, die das Geld in die Familie brachte. Ich glaube, der Kampf zwischen ihnen wurde über uns Kinder ausgetragen. Ich war der Liebling meines Vaters, Robert der meiner Mutter. Außerdem hat sie ihre Krankheit benutzt, um ihn unter Druck zu setzen.

Wie das?

Ja, immer, wenn er etwas wollte und sie nicht, wurde sie sofort wieder krank. Das war eine simple Formel, aber es war so. Wenn ihr etwas nicht passt, wird sie krank und terrorisiert die anderen damit.

Das Letzte sagte sie heftig.

Was hat sie denn für eine Krankheit?

Sie hat eine chronische Urikopathie.

Was heißt das für Ungebildete?

Ach, verzeihen Sie: Sie hat Gicht.

Verstehe.

Sie sagten, Frau Beckmann, dass das Geld von Ihrer Mutter in die Ehe eingebracht wurde. Aber hat Ihr Vater denn nicht auch viel Geld verdient?

Sie lächelte.

Ja, schon, aber die Familie mütterlicherseits ist steinreich, verstehen Sie. Das ist gar kein Vergleich, selbst wenn Vater zeitweise auch viel verdient hat.

Wissen Sie, dass Ihr Vater seit fünf Jahren nicht mehr in der Anwaltssozietät arbeitet?

Sie senkte den Blick.

Ja, ich wusste es, aber ich bin die Einzige. Meine Mutter weiß es bis heute nicht und mein Bruder auch nicht. Vater wollte es so. Ich musste es ihm bei meinem Leben versprechen, dass das ein Geheimnis zwischen uns bleibt. Später sagte er ihnen, er hätte für die Sozietät eine Art Filialbüro für das Welschland eröffnet. Sie glauben also bis heute, dass er immer noch den gleichen Arbeitgeber hat.

Wieso hat er Ihnen das gesagt?

Ich war seine Vertraute. Lange die einzige …

Wie meinen Sie das?

Na ja, wie soll ich sagen?

Sie rutschte nervös auf dem Stuhl, als ob sie keine bequeme Stellung finden würde.

Mein Vater hat …, also hatte eine, äh … Freundin oder Geliebte, wie Sie wollen. Also, jetzt wird’s kompliziert.

Sie lehnte sich auf die Tischplatte.

Als sie meinen Vater gezwungen hatten, aus der Sozietät auszu­treten, der er immerhin über fünfundzwanzig Jahre angehört hatte, ging er trotzdem jeden Tag zur gewohnten Zeit aus dem Haus und kam erst nach Büroschluss nach Hause. Was er in der Zeit den ganzen Tag gemacht hat, weiß ich nicht. Ich habe davon auch erst später erfahren. Aber in der Zeit hat er eine Frau kennengelernt. Das heißt, wenn er dann sozusagen auf Geschäftsreisen war, war er in Wahrheit bei dieser Frau.

Sie machte eine Pause. Dann schüttelte sie den Kopf.

Eine große Gemeinsamkeit hatten mein Vater und meine Mutter. Die äußere Fass ade musste unter allen Umständen gewahrt werden. Später, als er dann wieder ein eigenes Büro hatte, hat er offiziell oft dort geschlafen, weil das Büro nicht in der Hauptstadt war, sondern direkt auf der Sprachgrenze in Richtung Welschland.

Sie nannte ihm Ortschaft und Adresse.

Warum dort?

Sie zuckte mit den Achseln.

Er ist bilingual aufgewachsen und mochte diese zweisprachige Stadt schon immer. Zudem war es weit weg von Mutter.

Kennen Sie diese Frau?

Ja, und ich finde sie sehr nett, ich habe diese Freundschaft meinem Vater mehr als gegönnt. Meine Mutter hatte sich leider zu einem richtigen Drachen entwickelt, die mit allen im Streit liegt. Es klingt brutal, ist aber so.

Michel räusperte sich.

Außer mit Ihrem Bruder.

Ja, mein Bruder.

Jetzt fing sie an zu weinen. Sofort kam Tschuri und sprang auf ihren Schoß, er hatte offensichtlich gemerkt, dass seine Herrin Trost brauchte.

Sie haben eine schöne Katze, sagte Michel übertrieben verständ­nisvoll.

Nathalie Beckmann lächelte glücklich und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Weiß diese Frau vom Tode ihres Vaters?

Ja, ich habe es ihr mitgeteilt. Ich dachte, sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren.

Ja sicher. Ich will Sie auch gar nicht viel länger aufhalten, aber einen Wunsch hätte ich noch: Könnte ich ein Foto von Ihrem Vater sehen?

Sie nickte, nahm den Kater auf den Arm und ging aus dem Zimmer. Sie kam mit einem gerahmten Foto zurück und legte es vor ihm auf den Tisch.

Das Foto habe ich vor etwa fünf Jahren aufgenommen. Wir hat­ten zusammen einen Ausflug mit dem Schiff gemacht.

Michel nickte.

Ihr Vater hatte auf dem Foto einen dunklen Anzug mit weißem Hemd an, aber ohne Krawatte. Er lehnte sich an die Reling und lachte in die Kamera. Trotzdem überwog eine Art ernste Seriosität, die er mit seiner Haltung ausstrahlte. Ein Treuhänder, dachte Michel spontan. Seine Haare, ehemals dunkelblond, waren an den Schläfen schon deutlich grau. Obwohl Beckmann lachte, entdeckte Michel eine Art melancholischen Schatten, der über seinem Gesicht lag. Die Oberlippe drückte etwas Verdrossenes, ja sogar etwas Schmollendes aus, als habe das Schicksal ihn um ein Versprechen betrogen. Bei kleinen Kindern hatte Michel diesen Zug schon beobachtet, wenn ihnen etwas vorenthalten wird, was sie unbedingt wollen. Auf jeden Fall hatte dieses Foto mit der Leiche im Wasser, außer der Größe und der Haarfarbe, fast nichts gemein.

Ich wäre sehr froh, wenn ich das Bild fotografieren dürfte. Darf ich?

Sie nickte, überlegte es sich dann aber anders.

Wissen Sie was? Ich habe noch einen Abzug, den gebe ich Ihnen.

Oh, das ist aber sehr nett.

Sie eilte wieder aus dem Zimmer. Er hörte sie nebenan in einer Schublade suchen. Dann gab sie ihm das Bild.

Ich werde Sie informieren, wenn wir wissen, wer Ihren Vater –

Sie unterbrach ihn.

Wann wird mein Vater freigegeben, also, ich meine …

Morgen oder übermorgen, vermute ich. Aber das entscheide nicht ich. Sie kriegen Bescheid.

Wenn Sie noch weitere Fragen haben, können Sie gerne wiederkommen oder wir treffen uns in der Stadt.

Ich werde bestimmt noch mehr Fragen haben.

sieben

Als Michel am anderen Morgen ins Büro kam, saß Lena bereits an ihrem kleinen Arbeitstisch und arbeitete an einem Laptop. In der Hand hielt sie ein kleines Gerät mit Antenne.

Was machen Sie da, wenn ich fragen darf?

Sie legte ihren Finger auf den Mund. Michel zuckte mit den Schultern und setzte sich an seinen Platz. Vor ihm lag der Untersuchungsbericht des Gerichtsmedizinischen Instituts. Er war be­reits geöffnet.

Verdammt! Das gibt’s doch nicht.

Lena drehte sich zu ihm und bedeutete ihm noch einmal, stumm zu sein. Nach einer Weile verstaute sie das Gerät in ihrer Handtasche, klappte ihren Laptop zu, stand auf, ging zum Fenster, öffnete es und winkte Michel zu sich. Sie beugte sich über den Fenstersims und sah raus auf die Straße. Michel fragte, was das solle, und sie bedeutete ihm, es ihr gleichzutun.

Ich mache das, damit niemand hört, was wir reden.

Michel verstand nicht.

Wie meinen Sie das?

Wir werden abgehört.

Michel richtete sich auf.

Was? Das gibt’s doch nicht.

Pst. Lassen Sie uns in das Café da unten um die Ecke gehen. Ich gehe vor. Und vergessen Sie den Bericht nicht.

Sie richtete sich auf, packte auch noch ihren Laptop in die Tasche und ging raus.

Michel blickte sich verstohlen in seinem Büro um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Dann verließ auch er das Büro.

Als Michel in das Café kam, hatte Lena bereits zwei Kaffee be­stellt.

Woher wussten Sie, dass ich ihn schwarz trinke?

Sie lächelte verschmitzt.

Ich habe Kriminologie studiert, erinnern Sie sich?

Gut. Gut. Aber was soll das Ganze? Wir werden abgehört, sagten Sie! Das kann ja nicht sein.

Doch, es ist leider so. Ich habe das mit meinem kleinen Gerät festgestellt, dass ich während meines Studiums zusammengebastelt habe. Das Mikrofon habe ich noch nicht gefunden, aber das werde ich auch noch finden.

Und wer sollte so etwas tun?

Sie zuckte mit den Achseln.

Auch das werden wir noch herausfinden. Vielleicht sogar der neue Chef, er ist ja ein totaler Kontrollfreak, glaube ich. Bis wir es wissen, ist also totale Vorsicht geboten, oder was meinen Sie?

Ja, Sie haben recht.

Er wog den gerichtsmedizinischen Bericht.

Den hat sicher der Chef geöffnet.

Lena wurde rot.

Nein, das war ich. Ich konnte einfach meine Neugierde nicht bezähmen. Tut mir leid.

Michel holte tief Luft.

Na gut. Erzählen Sie mir, was Sie gelesen haben.

Sie richtete sich auf.

Gut. Er ist erstochen worden und gleichzeitig ertrunken. Direkt nach dem Stich hat man ihn ins Wasser gestoßen oder geworfen.

Ist das alles?

Nein, Herr Beckmann hatte Krebs. Er wäre in wenigen Monaten an Krebs gestorben. Darmkrebs.

Aha. Gibt es eine zeitliche Angabe?

Er hat wohl zwischen vierundzwanzig bis vierzig Stunden im Wasser gelegen.

Michel nickte.

Das habe ich mir gedacht.

Es gibt keinerlei Kampfspuren. Er muss von hinten erstochen worden sein, quasi ohne Vorwarnung.

Michel sah sie an.

Was für Menschen erstechen Ihrer Meinung nach einen ahnungslosen Mann von hinten?

Lena lehnte sich zurück.

Das weiß ich nicht. Aber zuerst einmal zum Messer: Es handelt sich um ein sehr teures Sammlermesser von einem russischen Produzenten. Es nennt sich Sekatsch. Der Griff ist aus Ebenholz, die Klinge aus Damaszenerstahl, in 572 Lagen geschmiedet. Sehr kunstvoll. Die Klinge ist 125 mm lang. Das Messer wird noch auf DNA-Spuren untersucht.

Ist das alles?

Ja, das ist alles, Chef, äh … Michel.

Michel hob warnend seinen Finger.

Ich sage nur Achtung. Ach ja, wieso sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, dass es ein Mikrofon geben könnte?

Es war eine sehr hämische Bemerkung von ihm, also Von der Werdt.

Aha. Und wie lautete die?

Als ich mich weigerte, Auskunft über unsere Ermittlungen zu geben, meinte er: Macht nichts, ich erfahre es ja sowieso. Dieser Satz könnte auch heißen, dass er ja die Ergebnisse von Ihnen erfahren würde, früher oder später, aber mich hat sein hämisches Grinsen misstrauisch gemacht.

Und was machen wir jetzt?

Ich werde heute Abend Überstunden machen, die Sie anordnen und dann werde ich das Mikrofon schon finden.

Michel runzelte seine Stirn.

Und dann?

Werden Sie entscheiden, was wir damit machen, das ist doch klar.

Sie verschränkte die Arme.

Sie sind der Chef. Ich bin nur Ihre Assistentin.

Er verschränkte auch die Arme.

Gut. Ich hätte eine Idee, was Sie in den Überstunden machen könnten. Schauen Sie mal, was Sie so über Krättli und Co. herausfinden können.

Lena strahlte.

Sehen Sie, deswegen benutze ich meinen eigenen Laptop, da­mit ich unabhängig vom offiziellen Netzwerk des Büros arbeiten kann.

Michel erhob sich.

Kluges Mädchen. Kommen Sie, wir suchen den Sohn auf. Un­terwegs erzähle ich Ihnen, was ich gestern Abend von der Tochter erfahren habe.

Diesen Weg konnten sie zu Fuß machen, denn der Sohn wohnte mitten in der Altstadt.

Das Haus war eines der schmalen, aber ziemlich tiefen Häuser, von denen es in dieser Altstadtgasse viele gab. Im Parterre hatte fast jedes dieser Häuser ein kleines Antiquitäten-, Trödel-, Bücher- oder Kleidergeschäft, das oft von den Hausbesitzern selbst betrieben wurde.

Michel zückte sein Telefon und streckte es Lena hin.

Rufen Sie ihn mal an und sagen Sie ihm, dass wir vor seiner Tür stehen. Wir hätten ein paar Fragen zu seinem Vater.

Er diktierte ihr die Nummer.

Nach einer Weile gab sie ihm das Telefon zurück.

Er nimmt nicht ab.

Gut. Zur Sicherheit klingeln wir mal.

Nichts rührte sich.

Dann warten wir halt ein bisschen. Da vorne ist eine Bank.

Sie setzten sich.

Es ist vielleicht noch etwas zu früh, ich glaube, hier wohnen lauter Langschläfer.

Er lachte.

Spüren Sie nicht auch, wie die hier alle schlafen? Ich glaube, ich höre sogar ihr Schnarchen. Die Geschäfte sind auch noch nicht geöffnet. Dabei ist es schon nach neun vorbei.

Lena betrachtete ihn von der Seite.

Sie sind ja richtig gut gelaunt. Gibt es einen bestimmten Grund?

Na ja, keine Ahnung. Ich liebe meinen Beruf.

Er blickte zum Himmel.

Das Wetter hält sich auch ziemlich gut. Was wollen Sie mehr?

Was er ihr verheimlichte, war sein Rendezvous mit Mali heute Abend. Diese Aussicht hob seine Laune beträchtlich, denn Von der Werdt hatte ihm gestern die Freude am neuen Fall schon ziemlich verdorben. Andererseits war die Arbeit mit Lena recht gut an­gelaufen. Aber vielleicht sollte er sich besser wieder ein bisschen grantiger geben.

Dass Michel dazu sehr schnell einen handfesten Grund haben würde, konnte er nicht ahnen.

Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und stellte sich vor, wie der Abend mit Mali verlaufen würde. Ob sie verheiratet war? Sein Gefühl sagte ihm Nein, aber man konnte ja nie wissen …

In diesem Augenblick klingelte sein Telefon. Michel nahm ab. Es war Von der Werdt, der ihn sofort in sein Büro beorderte.

Kann das nicht ein wenig warten, wir sind gerade vor der Wohnung von Beckmanns Sohn, um mit ihm zu sprechen.

Offenbar widersprach der Chef vehement, Michel sagte kein Wort mehr und stand auf.

Er kochte.

Wir müssen sofort zurück ins Büro. Anordnung von oberster Stelle. Es sei ganz wichtig. Mein Gott, der macht mich wahnsinnig.

Lena seufzte, verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

Marmarameer.

Sie sagen es!

Von der Werdt kam sofort zur Sache.

Dr. Gschwend vom Gerichtsmedizinischen Institut hat angerufen. Die haben DNA-Spuren auf dem Messergriff gefunden. Wir haben einen Abgleich mit unserer Datei gemacht und –

Er strahlte wie ein Junge, der seine Eisenbahn unter dem Weihnachtsbaum auspackt.

Et voilà: Hier haben Sie den Täter. Sie müssen ihn nur noch verhaften.

Er übergab Michel eine äußerst dünne Akte und setzte sich – ein Ausbund an Zufriedenheit – auf die Ecke seines ausladenden Schreibtischs und wartete auf den verdienten Applaus.

Michel blätterte in der Akte. Von der Werdt wandte sich an Lena.

Bekim Berisha, so heißt er. Ein mehrfach vorbestrafter Täter: Drogen, Einbrüche, Diebstähle, tätliche Angriffe. Das übliche Programm. Er ist neunundzwanzig Jahre alt. Kam mit seinen Eltern in die Schweiz, als er fünfzehn Jahre alt war, und mit siebzehn Jahren das erste Mal mit dem Gesetz in Berührung. Schon zweimal im Knast.

Michel knurrte.

Und der hat ihn wie üblich zu einem besseren Menschen ge­macht.

Von der Werdt feixte.

Sie haben recht, wir hätten ihn gleich abschieben müssen.

Jetzt regte sich Lena auf.

Und das hätte aus ihm dann einen noch besseren Menschen gemacht, meinen Sie. Er hat hier sein ganzes Leben verbracht und die ganze Schulzeit.

Von der Werdt beachtete sie gar nicht. Michel blickte jetzt von der Akte auf.

Haben Sie die Akte zu Ende gelesen? Seit drei Jahren hat er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen und jetzt macht er eine Lehre als Automechaniker, kurz vor dem Abschluss. Er hat einen Beistand, der ihm ein sehr gutes Zeugnis ausstellt.

Von der Werdt zuckte mit den Schultern.

Na ja, das wird sich alles herausstellen. Sie holen ihn, und wir verhören ihn.

Er grinste übers ganze Gesicht.

Sehen Sie, wie schnell das gehen kann?

Michel ignorierte das.

Wann wird die Leiche freigegeben?

Morgen früh.

Michel nickte.

Können wir dann gehen?

Von der Werdt sprang auf und klatschte in die Hände.

Ja, auf was wartet ihr noch? Los, los, an die Arbeit.

Bis sie im Auto saßen, sprach Michel kein Wort. Mit grimmigem Gesicht ließ er den Motor an.

Zuerst holen wir aus dem Labor das Messer.

Er schüttelte den Kopf.

Woher soll so ein Junge denn so ein teures Messer haben, frage ich mich. Was meinen Sie?

Keine Ahnung. Wer hat überhaupt so ein Luxusmesser? Und warum?

Na ja, es gibt Liebhaber, die Waffen aller Art sammeln, auch Messer. Meistens werden diese im Alltag gar nicht verwendet.

Verstehe.

Lena putzte ihre Brille.

Aber wie kommt denn die DNA auf den Griff? Ich nehme an, so etwas ist hieb- und stichfest, oder?

Michel seufzte.

Im Allgemeinen schon. Es wurden zwar auch schon irgendwelche Fläschchen verwechselt, aber das ist hier nicht anzunehmen. Wir holen das Messer und zeigen es ihm, dann schauen wir, wie er reagiert.

Lena nickte.

Michel fuhr in den Innenhof des Labors.

Sie warten hier. Ich hole das Messer. Ah ja, Sie könnten Frau Beckmann anrufen und sagen, dass ihr Mann morgen freigegeben wird, also der Leichnam ihres Mannes, wollte ich sagen.

Mach ich.

Als Michel mit dem Messer zurückkam, verabschiedete sich Lena gerade von Frau Beckmann.

Und? Machen Sie Fortschritte?

Wie meinen Sie das?

Michel steckte den Schlüssel in das Zündschloss.

Entwickelt sich eine Beziehung zwischen Ihnen und der alten Beckmann?

Na ja, es ist schwer zu sagen, immerhin ist sie nicht mehr ganz so abweisend. Am Anfang hat sie mich ja sozusagen ignoriert. Aber eine Beziehung wird das nie, das glaube ich nicht.

Michel wiegte den Kopf.

Das kann man vorher nie wissen.

Er lächelte, denn er dachte dabei an Mali.

Gleich sind wir bei der Garage, wo er arbeitet.

Lena legte ihre Hand auf Michels Arm.

Ist für ihn natürlich eine Katastrophe, wenn die Polizei an seinem Arbeitsplatz auftaucht, oder? Vielleicht sollte ich mal hingehen und fragen, ob er überhaupt da ist. Was meinen Sie?

Michel fuhr an der Garage vorbei und parkte direkt um die Ecke.

Sie schauen nur nach, ob er da ist. Verstanden? Hier gucken Sie sich nochmals das Bild an.

Sie studierten noch einmal das Foto. Michel grinste.

Auf einem Polizeifoto würden wir alle wie Verbrecher aussehen. Vielleicht hat er jetzt ja lange Haare.

Lena nickte und stieg aus dem Auto. Er blickte ihr im Rückspiegel nach. Bei ihr würde sicher niemand auf die Idee kommen, dass sie von der Polizei ist, dachte Michel.

Er schloss die Augen und dachte an seine ehemalige Mitschüle­rin und an ihr wildes rotes Haar. Falls sie nicht verheiratet ist, ob sie dann vielleicht … immerhin hat sie ja sofort von einem Treffen gesprochen. Doch sicher nicht nur, um Erinnerungen über die Meyerhofer auszutauschen. Es ging leider alles so schnell, dieser blöde Schneider! Er konnte sich gar nicht an ihren Körper erinnern. Doch, sie war schlank und hat sich sehr geschmeidig bewegt …

Michel erschrak. Die Autotür wurde aufgerissen. Lena setzte sich laut atmend auf den Sitz.

Er ist im Spital. Er hat sich das Bein gebrochen. Im Stadtspital. Chirurgie.

Michel startete sofort den Motor.

Erzählen Sie. Wie haben Sie das herausgefunden?

Ich konnte ihn nirgends sehen, da habe ich einfach gefragt. Die wollten gar nicht wissen, warum ich ihn suche, so musste ich nichts erfinden.

Was hätten Sie denn erfunden?

Sie ignorierte seine Frage.

Jetzt bin ich gespannt, wann er sein Bein gebrochen hat.

Michel nickte.

Oh ja.

Bis zum Spital hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.

An der Pforte erhielten sie Auskunft über Stockwerk und Zimmernummer. Der Stationspflegeleiterin zeigten sie ihre Marken und erfuhren, dass Bekim Berisha vor drei Tagen eingeliefert wur­de. Gestern sei er operiert worden. Er sei gerade allein in seinem Zimmer, da der andere Patient in der Röntgenabteilung war.

Hat er was verbrochen?

Wir brauchen nur ein paar Auskünfte. Mehr können wir Ihnen nicht sagen.

Michel klopfte an die Zimmertür und trat ein.

Berisha lag im Bett am Fenster, hatte lange schwarze Haare und war unrasiert. Seine dunklen Augen schauten die Hereinkommen­den erschrocken an. Sein Bein war dick eingepackt und an mehre­ren Stellen an einer Schiene aufgehängt, die überm Bett hing.

Guten Morgen, Herr Berisha.

Michel stellte Lena und sich selber vor und dass sie beide von der Polizei seien. Die Mordkommission erwähnte er noch nicht.

Der junge Mann kam Michel auf den ersten Blick wie traumatisiert vor. Oder waren es vielleicht die Nachwehen der Operation? Dem Mann war etwas Fürchterliches zugestoßen. Aber was?

Sie nahmen sich zwei Stühle.

Und? Ist die Operation gut verlaufen?

Er antwortete unwillig.

Ja, die Ärzte haben es gesagt. Aber Sie kommen sicher nicht, um mich nach meinem Zustand zu befragen.

Er versuchte angriffig zu wirken, was ihm aber nicht so richtig gelang. Michel blieb die Ruhe selbst.

Beantworten Sie einfach unsere Fragen. Wie und wann ist das passiert?

Er deutete auf das Bein.

Freitagnacht, also gegen Morgen. Ich war mit Kollegen aus und ziemlich betrunken. Die Jungs brachten mich nach Hause. Ich ging allein die Treppe hoch und bin dann rückwärts runtergefallen. Ich habe um Hilfe geschrien, und Nachbarn haben den Krankenwagen bestellt. Hier am Kopf habe ich auch noch einen Bluterguss.

Da haben Sie aber Glück gehabt. Sie hätten sich auch das Genick brechen können.

Das erste Mal antwortete er relativ freundlich.

Ja, das stimmt. An den Fall selbst habe ich keine Erinnerung, wie ein Filmriss. Ich kann mich erst wieder an die Fahrt im Krankenwagen erinnern.

Vorhin haben Sie gesagt, dass Sie um Hilfe geschrien haben.

Das nehme ich an, erinnern kann ich mich nicht.

Michel zückte sein Notizbuch und einen Stift und gab beides Lena.

Wo waren Sie denn an diesem besagten Freitagabend? Und wer waren ihre Kollegen, die mit Ihnen zusammen waren?

Berisha versuchte, sich hochzustemmen, schaffte es aber nicht.

Verdammt, warum wollen Sie das alles wissen? Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich werde Ihnen gar nichts sagen.

Michel griff in seine Manteltasche und holte das Messer hervor, das in einem schmalen Plastiketui lag. Er nahm es aus dem Etui und hielt es gegen das Licht.

Kennen Sie dieses Messer?

Berishas Augen weiteten sich.

Was wollen Sie mir unterstellen? Ich habe nichts getan, und dieses Messer sehe ich zum ersten Mal, glauben Sie mir.

Michel blieb auch jetzt ruhig.

Wir wollen Ihnen gar nichts unterstellen. Wir wollen Sie nur befragen. Auf diesem Griff hat man Spuren ihrer DNA gefunden. Bleiben Sie dabei, dass Sie das Messer noch nie gesehen haben?

Michel drehte das Messer. Das Licht aus dem Fenster ließ die Klinge aufblitzen.

Berisha schaute Michel gequält an.

Glauben Sie mir, ich sehe dieses Messer das erste Mal.

Kennen Sie diese Art Messer?

Nein, aber es sieht sehr teuer aus.

An was erkennen Sie das so schnell?

Es ist Damaszenerstahl, das sieht ja ein Blinder, und der ist nun mal teuer. Sie müssen gar nicht so schauen. Ich mache eine technische Lehre und da hat man auch Stahlkunde. Ich habe sogar schon mal selbst geschmiedet.

Michel nickte.

Sie wissen auch, was DNA bedeutet?

Er nickte verzweifelt.

Das muss sich um einen Irrtum handeln. Ich kenne das Messer nicht, und ich hatte es nie in der Hand.

Michel schwieg.

Warum fragen Sie nicht, was es mit dem Messer auf sich hat?

Weil ich nichts damit zu tun habe. Deswegen frage ich nicht.

Michel stand auf.

Ich sage es Ihnen trotzdem, damit Sie den Ernst der Situation erkennen. Es ist jemand damit erstochen worden. Sie sind also in einer prekären Situation, denn wie gesagt: Ihre DNA wurde zweifelsfrei auf diesem Griff gefunden.

Nun passierte eine erstaunliche Wandlung mit Berisha. Bis jetzt hatte er versucht, cool oder angriffig zu wirken, was ihm aber nicht ganz gelungen war. Jetzt schlug er mit beiden Armen immer wieder und wieder aufs Bett und begann zu weinen.

Was geht denn hier vor?

Unbemerkt von allen war ein Mann ins Zimmer gekommen. Er trug einen hellbeigen Regenmantel und hielt eine abgeschabte Ledermappe in der Hand.

Michel wandte sich an ihn, stellte sich und Lena vor und hielt seine Marke in der Hand.

Und wer sind Sie?

Moser. Ich bin der gesetzliche Beistand von Herrn Berisha. Was geht hier vor?

Herr Moser, ich bitte Sie, draußen zu warten. Es handelt sich um eine Vernehmung. Ich werde Sie nachher informieren, soweit ich das darf.

Widerwillig verließ Moser den Raum.

Währenddessen hatte sich Berisha etwas beruhigt.

Michel setzte sich ans Bett.

Herr Berisha, normalerweise müsste ich Sie bei so einem schwe­ren Tatverdacht in Untersuchungshaft nehmen. Da sie jetzt aber in diesem Zustand sind, lassen wir Sie hier. Wir werden aber jemanden vor die Tür stellen. Sie werden jetzt meiner Assistentin sämtliche Angaben diktieren, die sie von Ihnen verlangen wird. Wir überprüfen alles und dann sehen wir weiter.

Zu Lena gewandt.

Ich spreche währenddessen mit Moser draußen. Einverstanden?

Lena nickte und Michel ging aus dem Zimmer.

Draußen im Gang ging Moser mit großen Schritten auf und ab. Als er Michel sah, kam er gleich auf ihn zu. Michel hob beschwichtigend die Hand.

Moser, Sie müssen sich nicht aufregen, Sie können eh nichts ändern. Ihr Schützling steht unter einem schweren Tatverdacht. Es gibt wie immer zwei Möglichkeiten: Entweder ist es ein vertrackter Irrtum oder er ist schuldig. Ich werde das klären, und Sie müssen das aushalten.

Moser nickte.

Um was geht es denn?

Das darf ich Ihnen nicht sagen.

Auch mir, seinem gesetzlichen Beistand nicht?

Nein, aber Sie könnten mir ja etwas über ihn erzählen.

Ja, da gäbe es einiges zu sagen. Ich fang mal mit dem Wichtigsten an. Wie Sie sicher wissen, hatte er eine schwierige Jugend und ist schon früh mit dem Gesetz in Berührung gekommen. Er hat sich dann gefangen und ist nun auf einem wirklich guten Weg. Und wissen Sie warum? Er hat ein sehr nettes Mädchen gefunden. Und sie stützt ihn und hilft ihm, wo sie nur kann. Bald macht er seinen Lehrabschluss. Eine erstaunliche Karriere, wenn man be­denkt, wie er angefangen hat.

Das klingt doch gut, Moser, aber nach Ihrem Gesicht zu schließen, gibt es da einen Haken.

Moser grinste mürrisch.

Haken? Das ist mehr als ein Haken. Das Mädchen ist Schweize­rin!

Michel guckte verblüfft.

Ja, und?

Gut. Ich sehe, Sie haben keinen blassen Dunst von konservativen kosovo-albanischen Verhältnissen.

Nein, das habe ich tatsächlich nicht.

Das Mädchen wird von Bekims Eltern total abgelehnt, das heißt im Klartext: Sie wird von der ganzen Sippe abgelehnt. Das sind, über den Daumen geschätzt, zwischen hundertfünfzig bis dreihundert Personen. Es können auch mehr sein. Wenn sie die im Kosovo dazunehmen, sind es noch mehr. Die alle sind gegen diese Verbindung. Heirat ausgeschlossen. Bekim muss sich von dem Mädchen trennen, sonst wird er ausgestoßen – oder Schlimmeres.

Michel regte sich jetzt wirklich auf.

Warum lehnen die eine Schweizerin ab? Sie leben doch alle in der Schweiz.

Mosers Lachen war bitter.

Ja, aber sie wollen unter sich bleiben. Sie wollen sich nicht mit uns vermischen. Sie haben Angst, dadurch ihre Identität zu verlieren. Muslimin könnte sie ja noch werden, aber auch das wäre nicht gerne gesehen.

Gut. Jetzt habe ich es verstanden. Aber das hat nun mit unserem Fall nichts zu tun. Entweder ist er in die Sache verwickelt oder nicht. Das kann ich jetzt auf die Schnelle auch nicht ändern.

Er nahm ihn am Arm und führte ihn zurück zu der Zimmertür.

Wir überprüfen all seine Angaben und dann sehen wir weiter.

Die Tür öffnete sich und Lena kam heraus. Sie reichte Michel das Buch und den Stift.

Wir haben alles.

Gut. Schreib bitte noch die Nummer von Herrn Moser auf. Ich gebe Ihnen meine Karte.

Moser nestelte in seiner Mappe.

Ich habe auch eine Karte.

Sie verabschiedeten sich und gingen zurück zum Auto.

Auf das Gesicht vom Chef bin ich gespannt.

Michel kicherte.

Können Sie eigentlich Auto fahren?

Lena nickte.

Dann fahren Sie jetzt.

Er gab ihr den Schlüssel, setzte sich ins Auto und öffnete das Notizbuch.

Wir fahren erst zu Berishas Wohnung. Das Gesicht vom Chef kann warten.

Er nannte ihr die Adresse.

Drei Familiennamen seiner sogenannten Kollegen sind ja gleich. Die anderen zwei haben auch den gleichen Namen. Die waren bestimmt alle aus dem Familienclan.

Lena nickte.

Ist mir auch aufgefallen.

Sie mussten in einen dieser trostlosen Vororte fahren, wovon die Hauptstadt trotz ihrer prächtigen Altstadt einige zu bieten hat. Vor einem ziemlich heruntergekommenen Plattenbau parkten sie. Michel beugte sich über die Namensschilder.

Kein einziger Schweizer Name. Also, Berisha wohnt im dritten Stock.

Er richtete sich stöhnend auf.

Wir haben vergessen zu fragen, wo er gestürzt ist. Wir fangen mal unten an. Vielleicht ist auch niemand zu Hause.

Er klingelte bei den beiden untersten Wohnungen. Keine Reaktion. Dann drückte er die beiden nächsten. Die Tür öffnete sich mit einem lauten Surren.

Sie gingen ins zweite Stockwerk, da war eine Tür nur angelehnt. Michel klopfte. Es erschien eine ältere Frau mit Kopftuch.

Guten Tag. Das ist Frau Steiner, ich bin Serge Michel. Wir sind von der Polizei und haben nur ein paar Fragen.

Sie nickte, sagte aber kein Wort zu ihnen. Sie drehte sich und rief irgendetwas auf Türkisch in die Wohnung. Es kam ein etwa sechsjähriges Mädchen, das sie mit neugierigen und aufgeweckten Augen anschaute.

Guten Tag. Meine Großmutter kann kein Deutsch. Ich übersetze. Was wollen Sie?

Wir sind von der Polizei und möchten einige Fragen zur Nacht vom Samstag auf Sonntag stellen.

Das Mädchen übersetzte. Die Großmutter nickte und brummelte was.

Was wollen Sie wissen?

Kennen Sie Bekim Berisha? Er wohnt über Ihnen im dritten Stock.

Das Mädchen nickte eifrig.

Ja, ja, wir kennen ihn. Er ist sehr nett. Er hat mir schon Süßigkeiten gegeben. Das dürfen Sie aber Großmutter nicht sagen.

Nein, nein, das sagen wir nicht. Frag bitte deine Großmutter, ob sie weiß, dass Herr Berisha hier die Treppe hinuntergestürzt ist und sich das Bein gebrochen hat.

Das Mädchen übersetzte. Zeigte mit ihren Händen auf das Bein. Großmutter antwortete. Das Mädchen wendete sich wieder zu Michel.

Sie hat ihn schreien hören. Sie hat aber nicht verstanden, was er geschrien hat.

In diesem Moment hörte man die Haustür. Das Mädchen strahlte.

Das ist meine Mama. Sie kommt vom Putzen.

Sie guckte über das Geländer.

Hallo Mama.

Eine junge Frau mit einem sehr hübschen Gesicht, auch mit Kopftuch, kam die Treppe hoch. Sie schien müde und abgekämpft. Sie blieb erschrocken stehen, als sie Michel und Lena sah.

Hören Sie, Alisa wird sofort in den Kindergarten gehen.

Sie sprach türkisch und das Kind verschwand in der Wohnung.

Ich bin heute etwas später dran. Aber ich kann meine Mutter nicht allein lassen.

Michel hob beschwichtigend die Hände.

Wir sind nicht deswegen hier. Beruhigen Sie sich.

Er blickte vielsagend zu Lena.

Wir sind von der Polizei und möchten etwas über Herrn Beri­shas Treppensturz in der Nacht vom Samstag auf Sonntag erfahren. Was wissen Sie davon? Haben Sie seine Schreie auch gehört?

Ja, sicher. Ich bin raus zu ihm und habe dann den Krankenwagen gerufen. Das war so gegen vier Uhr. Habe ich einen Fehler gemacht? Hätte ich das nicht tun sollen?

Doch, doch. Das war wunderbar von Ihnen. Haben Sie denn auch seinen Sturz gehört?

Sie überlegte kurz.

Nein, ich habe ja geschlafen. Vielleicht hat mich der Lärm des Sturzes geweckt, aber bewusst wahrgenommen habe ich erst seine Hilfeschreie.

Wo lag er denn, als Sie zu ihm kamen?

Da unten. Ich zeige es Ihnen.

Sie ging eine ganze Treppe runter und zeigte auf den Zwischenabsatz im ersten Stock.

Hier lag er. Er muss dieses Stück Treppe vom zweiten zum ersten Stock heruntergefallen sein.

In welchem Zustand war er denn?

Er hat geheult und geschrien, es muss furchtbar wehgetan ha­ben. Aus dem Bein hat es auch geblutet.

Geblutet? Sind Sie sicher?

Ja, ja, ich habe nachher den Boden saubergemacht. Am Kopf hatte er auch eine Wunde. Ich habe sofort den Krankenwagen an­gerufen. Die waren auch wirklich schnell da und haben Herrn Berisha eine Beruhigungsspritze gegeben. Dann haben Sie ihn auf einer Bahre weggetragen.

Sie zögerte.

Und dann?

Am nächsten Tag ist seine Freundin vorbeigekommen und hat sich in seinem Namen bedankt. Ein sehr nettes Mädchen. Sie war oft hier bei ihm. Die Arme, sie hatte ganz verweinte Augen. Sie hat gesagt, dass er am nächsten Tag operiert würde.

In dem Moment kam das Mädchen aus der Wohnung. Sie hatte eine kleine Tasche umgehängt und verabschiedete sich fröhlich von ihrer Mutter. Sie huschte an Michel und Lena vorbei und rannte die Treppe hinunter.

Das ist alles, Frau Akyüz, danke für die Auskünfte.

Sie verabschiedeten sich und verließen das Haus. Michel blickte zurück.

Ich würde gerne seine Wohnung sehen, aber dazu müssten wir einen Durchsuchungsbefehl haben. Na ja, das können wir noch nachholen. Ich werde jetzt doch mal den Chef anrufen, sonst dreht er noch durch. Ich weiß übrigens, warum das Mädchen verweinte Augen hatte. Es war nicht wegen des gebrochenen Beins oder nicht nur.

Lena schaute ihn überrascht an. Michel erzählte ihr in groben Zügen, was Moser ihm mitgeteilt hatte.

Lena war entsetzt und fluchte darauflos, wie er es ihr nie zugetraut hätte.

Entschuldigung, aber so etwas macht mich sauer. Das gibt’s doch gar nicht! In welchem Jahrhundert leben wir denn?

Sie haben recht, mir geht es genauso. Ich rufe jetzt unseren hochwohlgeborenen Chef an.

Von der Werdt nahm sofort ab. Michel erklärte ihm die Sachlage und beantragte eine Wache fürs Spital.

Der Chef ist natürlich enttäuscht, aber mit unserem Vorschlag einverstanden. So. Und Sie fahren mich jetzt ins Spital, danach besuchen Sie noch einmal die sehr nette Frau Akyüz, denn wir haben vergessen, was zu fragen.

Was denn?

Ob Bekim Berisha ihrer Meinung nach wirklich betrunken war. Und ich will mit dem Arzt über den Beinbruch reden. Irgendwas stört mich. Dann bestelle ich jetzt die Spurensuche, die soll das Treppenhaus untersuchen. Sie bleiben im Haus, bis die eintreffen. Später nehme ich ein Taxi und komme auch dorthin.

Lena startete den Motor und Michel rief Sommer an.

Nach einer halben Stunde Wartezeit in der Kantine kam der Chirurg, der Berisha operiert hatte, auf Michel zu.

Er stellte sich als Dr. Bless vor. Er hatte nur kurz zwischen zwei Operationen Zeit.

Michel erklärte ihm in knappen Zügen die Situation.

Was ich gerne wissen will, kann man sich so einen komplizierten Beinbruch bei einem Treppensturz zuziehen?

Der grauhaarige Arzt zog die Augenbrauen hoch.

Na ja, das ist so eine Sache. An sich zeigt uns die Wirklichkeit im­mer wieder Dinge, die in der Theorie nicht zu erwarten sind.

Er lachte.

Wie klärt schon Mephisto den Schüler bei Faust auf: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum. In diesem Sinne würde ich ihre Frage mit Nein beantworten, aber der Patient hat erklärt, dass sich sein Bein eben im Treppengeländer verheddert hat und damit den offenen Bruch erklärt. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Wenn jemand mit Schuss- oder Messer­verletzungen kommt, dann sind wir natürlich verpflichtet, das zu melden, aber ein Beinbruch …

Michel nickte.

Verstehen Sie, wir konzentrieren uns halt vor allem auf das Flicken und nicht auf die Ursache des Unfalls. Ich bin kein Ge­richtsmediziner.

Gut. Ich will Sie nicht länger aufhalten, Dr. Bless. Können wir denn Berishas Kleider zur Untersuchung haben?

Ich werde das in die Wege leiten. Ein Assistent von mir wird sich bei Ihnen melden.

Michel überreichte ihm seine Karte.

Wir schicken ab sofort einen Beamten vor Berishas Tür.

Der Arzt runzelte die Stirn.

Warum denn das?

Einfach zur Sicherheit. Auf Wiedersehen.

Sie schüttelten sich die Hand.

Aha. Und zu wessen Sicherheit?

Aber diese Frage hörte Michel schon nicht mehr.

acht

Die gute Nachricht: Berishas Beinbruchgeschichte war falsch. Die Schlechte: Das Rendezvous mit Mali musste verschoben werden, denn die Logik der Aufklärung erforderte zwingend rasches Handeln bei neuen Erkenntnissen. Es gab Dinge, die konnte man einfach nicht auf den anderen Morgen verschieben – und das war Michel klar. Aber er war stinksauer. Innerlich bebte er vor Zorn und haderte mit seinem Schicksal. Die Vorfreude auf die Begegnung mit der rothaarigen Mali war auf ihrem Siedepunkt angelangt, als die Nachricht kam. Gerade hatte er sich die Begegnung mit ihr ausgemalt. Das gemeinsame Essen hatte er großzügig über­sprungen und war gleich in ihrer Wohnung gelandet, genauer gesagt in ihren Armen. Küssen, küssen, küssen und dann, ach, end­lich ihre Bluse öffnen, und im nächsten Moment schien es ihm, als ob er tatsächlich ihre Nacktheit spürte.

Dann klingelte das Telefon und die Botschaft kam, die schlagartig alles veränderte. Er musste sich in die Wirklichkeit zurückzwingen. Er warf das Handy wütend auf seinen Schreibtisch. Es knallte gegen eine Blechdose mit Bleistiften, die scheppernd zu Bo­den ging. Lena stand schnell auf, hob die Dose vom Boden auf und sammelte die Stifte ein. Sie stellte sie auf den Tisch zurück und fragte ihn ganz besorgt, ob es ihm gut ginge. Er wehrte un­wirsch ab.

Nein, nein, es ist alles gut. Ich ärgere mich über diese ganze Lü­gerei. Hält er uns für so blöd!

Die Spurensuche hatte Spuren seines Bluts nicht nur auf der Treppe festgestellt – also da, wo Berisha behauptet hatte, gestürzt zu sein – sondern schon auf dem Trottoir und im Eingangsbereich. Es sieht ganz so aus, als ob er mit einem Auto vor das Haus gefahren worden wäre, sich dann ein Stück hochgeschleppt, bevor er um Hilfe geschrien hatte.

Er schickte Lena aus dem Büro und rief schweren Herzens Mali an, um ihr die Verschiebung ihres Treffens anzukündigen. Um es kurz zu machen: Sie nahm es leicht, schließlich hätten sie sich über vierzig Jahre lang nicht gesehen, da käme es auf einen Tag auch nicht an. Morgen Abend sei sie leider schon verabredet. Aber am Tag darauf, da könne er sie gerne bis Mitternacht anrufen, denn am nächsten Tag hätte sie frei …

Was für eine Perspektive!

Etwas besänftigt setzte er sich ans Steuer und fuhr mit Lena ins Spital. Sie beobachtete ihn von der Seite und wunderte sich über die schnellen Stimmungswechsel ihres Chefs.

Im Spital ging vor Berishas Zimmer ein Beamter auf und ab – und telefonierte.

Michel schnaubte.

Das kann nur Stoffel sein.

Zu Lena gewandt.

Wenn immer ich den sehe, ist er am Telefonieren.

He, Stoffel.

Er drohte mit dem Finger.

Keine privaten Telefonate während der Dienstzeit.

Stoffel drehte sich erschrocken um und beendete hastig sein Gespräch.

Ja, Entschuldigung. Aber sagen Sie das mal meiner Frau.

Michel lachte.

Das werde ich bei Gelegenheit. Grüßen Sie sie von mir.

Stoffel wunderte sich, denn normalerweise reagierte Michel sehr viel gereizter auf seine Telefoniererei.

Und? Gab es irgendwelche Vorkommnisse?

Stoffel schüttelte den Kopf.

Hat er irgendwelche Besuche bekommen?

Nur von einer jungen Frau. Seiner Freundin. Sie ist sehr nett. Sie hat mir einen Kaffee geholt.

Sie können jetzt ins Restaurant und was essen, Stoffel.

Stoffel strahlte.

Ist das ein Befehl, Chef?

Michel nickte grinsend und öffnete die Tür.

Berisha hatte gerade sein Abendessen beendet und schaute erschrocken zur Tür.

Michel griff nach einem Stuhl, setzte sich schweigend ans Bett und bedeutete Lena, dasselbe zu tun. Berisha schaute angstvoll von Michel zu Lena. Michel gab ihr das Zeichen, dass sie sprechen sollte.

Herr Berisha, wir sind gespannt, was Sie uns heute für eine Geschichte erzählen.

Welche Geschichte? Ich verstehe nicht …

Na, die Geschichte ihres Beinbruchs, denn die erste hat sich als unwahr entpuppt.

Er wurde kreidebleich und keuchte beim Sprechen.

Ich kann Ihnen aber keine andere erzählen, denn so ist es eben passiert.

Jetzt mischte sich Michel ein.

Interessant. Wie erklären Sie sich denn die Tatsache, dass Ihr Blut bereits auf dem Trottoir und im Eingangsbereich gefunden wurde?

Lena ergänzte.

Mit Luminol kann man alle Blutspuren sichtbar machen, auch wenn jemand versucht hat, das Blut wegzuputzen. Wir haben also Ihre Blutspur gefunden, die vom Trottoir bis zu der Stelle führt, die Sie als Sturzstelle angegeben haben. Können Sie uns dafür eine Erklärung geben?

Berisha hatte die Augen geschlossen und die Fäuste geballt.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine junge Frau mit dichtem blondem Haar in einem dunklen Regenmantel trat ins Zimmer. Als sie Michel und Lena erblickte, blieb sie erst stehen, gab sich dann aber einen Ruck und trat ins Zimmer.

Guten Tag. Ich bin die Freundin von Bekim. Anita Müller. Sie sind von der Polizei, nehme ich an. Er hat mir von Ihnen erzählt.

Sie kam näher und gab Michel und Lena die Hand.

Dann ging sie auf die andere Seite des Bettes und ergriff Bekims Hand.

Hast du Ihnen jetzt die Wahrheit erzählt? Ich habe ihm nämlich gesagt, dass er Ihnen unbedingt die Wahrheit erzählen muss und dass Sie ihm dann helfen werden.

Michel räusperte sich und war unsicher, wie er sich verhalten sollte. Lena sprang ein.

Ja, ich glaube, Herr Berisha war gerade daran, uns die Wahrheit zu erzählen. Nicht wahr, Herr Berisha?

Er nickte und schluchzte kurz auf. Er blickte gegen die Decke und begann dann stockend zu erzählen.

Also, das ist meine Freundin. Sie heißt Anita. Meine Familie lehnt sie ab, weil sie nicht aus unserem, äh …

Anita sprach es für ihn aus.

Ich bin nicht aus seinem Land, ich habe nicht seine Religion und auch nicht seine Kultur. Deswegen will seine Familie nicht, dass wir zusammen sind.

Bekim nickte heftig.

Seit Wochen droht mir meine Familie mit allen möglichen Konse­quenzen, wenn ich mich nicht von Anita trenne.

Michel wischte sich mit einem Tuch über die Stirn.

Aha. Mit was für Konsequenzen denn?

Berisha zuckte mit den Schultern.

Die ganze Zeit Streit, Hausarrest, Konto sperren lassen, mich nach Kosovo bringen und so weiter.

Aber Sie sind doch erwachsen?

Berisha lachte kurz auf.

Das hat bei uns keine Bedeutung.

Michel zeigte auf das Bein.

Und was hat das alles damit zu tun?

Berisha presste die Lippen zusammen und blickte flehend zu Anita.

Er kann es nicht erzählen, weil er sich schämt. Also, am Freitagabend haben ihn seine Cousins von zu Hause abgeholt und gesagt, sie wollten mit ihm ausgehen und was trinken. Das haben sie auch gemacht. Später sind sie aber statt nach Hause in einen Wald gefahren, haben ihn mit einer Pistole bedroht und ihm gesagt, dass sie ihn umbringen würden, wenn er sich nicht von mir trennen würde. Er musste aus dem Auto aussteigen und sich niederknien. Sie haben an seinem Kopf vorbeigeschossen.

Sie stockte und wischte sich die Augen.

Dann haben sie so lange auf sein Bein geschlagen, bis es gebrochen war, ihn vor dem Haus ausgeladen und ihn allein gelassen. Seine eigenen Cousins.

Lena hatte mitgeschrieben und wurde dabei immer fassungsloser.

Michel nahm das Notizbuch und blätterte um bis zu der Na­mensliste. Er zeigte sie Anita.

Sind das die Namen der Cousins?

Sie las die Namen und schüttelte langsam den Kopf.

Nein, das sind nicht die richtigen Namen.

Berisha bäumte sich auf.

Ich will sie nicht anzeigen. Nein, um Gottes Willen. Das ist doch meine Sache. Ich muss die nicht anzeigen.

Sie irren sich! Was Ihnen widerfahren ist, kann man nicht mehr als leichte Körperverletzung abtun. Das ist eine vorsätzliche und schwere Körperverletzung und damit ist es ein Offizialdelikt. Das heißt, wir erheben Anklage und wenn Sie die Aussage verweigern, machen Sie sich strafbar.

Berisha schloss wieder die Augen. Michel wandte sich zu Anita.

Reden Sie ihm gut zu. Wir lassen Ihnen eine Stunde Zeit.

Er stand auf.

Kommen Sie, Lena.

Sie verließen das Zimmer.

Gehen wir ins Restaurant? Stoffel wird ja wohl fertig sein.

Stoffel löffelte gerade sein Eis fertig, sprang aber sofort auf, als er Michel erblickte.

Ist schon gut. Wann werden Sie denn abgelöst, Stoffel?

Der guckte auf die Uhr.

In einer Stunde.

Gut. Wir gehen in einer Stunde wieder hoch.

neun

Drei von Bekim Berishas Cousins wurden noch am selben Abend verhaftet. Von der Werdt hatte darauf bestanden, kurzen Prozess zu machen und umgehend Streifenwagen losgeschickt, um alle fünf Cousins gleichzeitig zu verhaften. Zwei hatten sich offensichtlich bereits in den Kosovo abgesetzt. Ob aus Angst vor Konsequenzen der Misshandlung ihres Cousins oder aus anderen Gründen, konnte nicht festgestellt werden. Die fünf waren die Söhne eines Bruders und einer Schwester von Bekims Vater. Zwei waren im selben Alter wie Bekim, einer deutlich jünger. Die beiden Flüchtigen waren wohl älter. Die Eltern gaben sich laut Aussagen der Polizisten verschüchtert und verstockt. Sie hätten von alledem nichts gewusst. Die beiden Mütter sprachen kein Deutsch, die Väter sehr schlecht. Vielleicht versteckten sie sich auch bloß hinter dieser Sprachlosigkeit. In der einen Wohnung seien sehr viele Familienmitglieder gewesen. Die Polizisten hätten den Eindruck gehabt, dass gerade ein Familien- oder Sippenrat getagt hatte. Aber es war aus den Leuten nichts Vernünftiges herauszubekommen. Morgen würde man sich mit Dolmetschern die Familien nochmals vorknöpfen, dass hatte der Chef lauthals geschworen.

Von der Werdt war in seinem Element. Das Verhalten dieser Menschen kam seiner Weltsicht entgegen. Michel hatte den Eindruck, als ob er sich freute, dass diese Leute sich genauso verhielten, wie seine Partei es immer an die Wand malte. Ihn quälte die brutale Verhaltensweise dieser Leute natürlich auch, aber er schloss dadurch nicht auf die gesamte Bevölkerung eines Landes. Es ärgerte ihn maßlos, wie triumphierend sein Chef den Fall er­lebte. Er versuchte, kühlen Kopf zu bewahren und vernahm einen nach dem anderen der jungen Männer, aber sie schwiegen beharrlich und verwiesen unisono auf ihren Anwalt, der erst morgen früh zurück in der Hauptstadt sein würde. Daraufhin drohte Von der Werdt ihnen mit sofortiger Abschiebung und nahm noch am selben Abend Kontakt mit der Ausländerbehörde auf. Michel schüttelte nur den Kopf, denn noch waren die Gesetze in diesem Land nicht so, wie es sich die Partei seines Vorgesetzten wünschte. Hingegen blickte Michel immer wieder verstohlen auf die Uhr und verfolgte verzweifelt, wie die Zeit verging. Lena hatte er be­reits nach Hause geschickt. Beim Abschied hatte sie ihm zugeflüstert, dass sie fündig geworden sei. Michel hatte sie nur verständnis­los angeguckt. Erst als sie gegangen war, war ihm ein Licht aufgegangen. Sie hatte wohl das Mikrofon in seinem Büro gefunden.

Auch wenn die jungen Männer beharrlich schwiegen, war die ganze Aktion dann doch erst weit nach Mitternacht zu Ende. Ge­nauso wie es Michel befürchtet hatte. Er fuhr nach Hause, duschte, ging ins Bett und konnte doch nicht schlafen, obwohl er erschöpft war. Er wälzte sich von einer zur anderen Seite und versuchte sich vorzustellen, dass Mali bei ihm wäre. Es gelang ihm nur kläglich. Schließlich übermannte ihn die Erschöpfung. Gegen Morgen träumte er, dass ihn seine Wohnungsvermieterin, die ihm seit Jahren den Haushalt und jeden Tag leckere Sandwich machte, überraschend zum Sex nötigte. Schweißgebadet schreckte er aus dem Schlaf hoch, nur wenige Augenblicke, bevor sein Wecker läutete. Voller Wut warf er ihn gegen die Wand, wo er scheppernd zerbrach.

Die nächsten zwei Tage verbrachte er missmutig im Büro. Die Verhöre von Bekims Cousins wurden noch einmal verschoben, weil Von der Werdt unbedingt dabei sein wollte, aber vorher auswärts noch dringende Termine hatte. Endlich wurde es am zweiten Tag Abend und der lang ersehnte Augenblick kam. Er ging nach Hause, duschte ausgiebig und machte sich auf den Weg zu Mali.

Ihr kleines, adrettes Einfamilienhaus stand in einem steuerbegünstigten Vorort der Hauptstadt. Michel atmete einmal kurz durch und klingelte. Er erschrak über den lauten Klingelton, der bis nach außen zu ihm durchdrang und die Totenstille schrill zerriss, die in diesem Quartier herrschte. Dann hörte er schnelle Schritte, die Tür ging auf und Mali mit ihrem feuerroten Haar strahlte ihn an.

Komm herein. Gut, dass du nicht fünf Minuten früher gekommen bist, da war ich gerade noch unter der Dusche.

Sie gab ihm die Hand.

Sie hatte eine schwarze Hose und eine giftgrüne Bluse an, die ihre roten Haaren krass zur Geltung brachten.

Da waren wir ja gleichzeitig unter der Dusche. Du bei dir und ich bei mir …

Mali lachte.

Könntest du die Schuhe ausziehen, bitte.

Michel setzte sich auf einen kleinen Hocker und zog die Schuhe aus.

Komm, der Tisch ist gedeckt. Ich habe für uns gekocht.

Essen? Darauf hatte sich Michel nun ganz und gar nicht einge­stellt. Im Gegenteil: Er hatte vor dem Besuch ja noch extra etwas gegessen.

Sie führte ihn in das Wohnzimmer zu einem festlich gedeckten Tisch. Alles glitzerte und funkelte. Die Teller hatten goldene Ränder, das Besteck war hochglänzend silbrig und die langstieligen Kristallgläser reflektierten das Kerzenlicht eines schweren Silberleuchters, der in der Mitte des Tisches thronte.

Setz dich, Serge. Ich hole den Champagner.

Michel setzte sich schwer atmend und musterte das Wohnzimmer, als ob es sich um einen Tatort handeln würde. Die Einrichtung entsprach nun ganz und gar nicht seinem Geschmack. Es hingen viel zu viele Bilder an den Wänden. Reproduktionen alter Meister in viel zu protzigen Rahmen. Da ein Kommödchen, dort ein kleines Gestell mit irgendwelchen Porzellanfigürchen. Ein weißer flauschiger Teppich.

Mali kam nun schwungvoll mit einer Flasche Champagner an den Tisch.

Und wie gefällt es dir bei mir?

Michel schluckte.

Schön. Sieht alles sehr geschmackvoll aus. Ich habe mich nur ge­rade gefragt, wie du so einen schneeweißen Teppich sauber hältst.

Sie strahlte ihn an.

Erstens ziehen Besucher die Schuhe aus, und dann habe ich eine sehr gute Schamponiermaschine. Einmal im Monat wird der Teppich einer gründlichen Reinigung unterzogen.

Sie machte gekonnt die Flasche auf und füllte beide Gläser.

Auf was wollen wir trinken, Serge?

Michel erhob sich.

Auf unsere Begegnung?

Das ist eine sehr gute Idee.

Sie stießen an. Mali kam näher, streckte sich und gab ihm einen leichten Kuss auf die Lippen. Er roch ihr Parfum, das einen sehr betörenden Duft verströmte. Leider wandte sie sich gleich wieder um und setzte sich an den Tisch.

Dass wir uns wieder getroffen haben! Das ist doch wirklich wahnsinnig. Seit der Schule haben wir uns nie mehr gesehen, und dann tauchst du plötzlich im Hause Krättli auf.

Michel nickte, prostete ihr noch einmal zu und leerte das Glas in einem Zuge. Mali erhob sich sofort, kam mit der Flasche zu ihm und füllte erneut sein Glas. Wieder konnte er den Duft ihres Parfums riechen. Diesmal konnte er auch einen kurzen Blick in ihre dezent geöffnete Bluse werfen.

Wie bist du denn eigentlich zur Polizei gekommen? Ich war ja vollkommen überrascht.

Michel begann zögernd zu erzählen.

Also, meine Mutter ist relativ früh gestorben. Wir waren ja nicht gerade reich. Gymnasium kam für mich nicht in Frage. Also bin ich nach langem Hin und Her auf die Polizeischule und habe mich langsam hochgearbeitet. Nach zwei Jahren Praktikum in London bei Scotland Yard haben sie mich gleich zum Kommissar gemacht. Ich war, glaube ich, der jüngste Kommissar aller Zeiten. Damals ging das noch. Heute brauchst du für meine Position eine Hochschulausbildung. Er leerte das Glas ein zweites Mal. Mali stand so­fort wieder auf und schenkte ein. Er sog tief ihren Duft ein und hoffte auf einen weiteren Einblick. Diesmal beugte sie sich aber nicht sehr weit, und er sah bloß ihren schönen Hals.

Das ist ja großartig. Wolltest du denn nicht gleich in London bleiben?

Er lächelte.

Nein, mich zog es wieder in die Heimat zurück. London war doch sehr hektisch.

Sie lächelte verschmitzt.

Und? Hattest du dort eine Freundin?

Nein, meine Arbeitszeit ließ das gar nicht zu. Ich war praktisch Tag und Nacht in Bereitschaft.

Bevor sie weiter in ihn dringen konnte, begann er Fragen zu stellen.

Und du? Bist du schon lange im, äh … Hause Krättli, so hast du die Kanzlei genannt, glaube ich.

Sie winkte ab.

Ach, schon ewig. Also nicht immer am Stück. Als ich noch verheiratet war, musste ich eine Zeitlang zu Hause bleiben, aber da habe ich mich furchtbar gelangweilt. Nach der Scheidung habe ich sofort wieder gearbeitet.

Dann stand sie abrupt auf.

So. Ich hole jetzt die Vorspeise.

Sie ging trällernd und hüfteschwingend aus dem Wohnzimmer. Gleich darauf kam sie mit zwei Tellern zurück.

Magst du Avocado?

Michel nickte. Er war innerlich entschlossen, alles gut zu finden und bei allem mitzumachen.

Ja, sicher. Ich liebe Avocados.

Das freut mich, ich habe eine Sauce mit Krevetten dazu ge­macht.

Sie stellte den Teller vor ihn, und er legte blitzschnell seinen Arm um Malis Hüften.

Ich finde es schön, dass wir uns begegnet sind.

Sie lachte und lehnte sich kurz an ihn, drehte sich dann aber elegant aus seinem Arm.

Die Avocados aßen sie schweigend. Zwischendurch schenkte sie ihm noch einmal das Glas voll. Diesmal erhaschte er endlich den Einblick in ihre Bluse, den er sich erhofft hatte, und was er sah, enttäuschte ihn nicht. Er konnte es schier nicht mehr aushalten, ihr einfach gegenüberzusitzen und belanglose Konversation zu machen. Sie schien es zu genießen, und er wusste nicht, wie er diesen kleinen Teufelskreis durchbrechen konnte.

Mehr als zwei Stunden später – als sie endlich mit dem Dessert fertig waren und er schon hoffte, dass man jetzt aufstehen würde und sich dadurch eine Möglichkeit der Annäherung ergeben würde – schleppte Mali einen Arm voller Fotobücher und eine Flasche Whiskey zum Tisch. Sie war putzmunter und schien voller Tatendrang. Michel fühlte sich mittlerweile müde von dem vielen Essen, dass sie ihm aufgetischt hatte, und vor allem von dem schweren Rotwein, den sie immer wieder nachgoss. Er trank ja sonst nur Bier, und Rotwein vertrug er ganz schlecht.

So. Schau mal, da sind Fotos von unseren Wanderausflügen. Erinnerst du dich?

Er schüttelte den Kopf. Sie blätterte energisch und zeigte triumphierend auf ein Foto.

Schau mal! Das bist du.

Sie kam mit dem Buch auf seine Seite und legte es vor ihn.

Da, schau mal. Wir haben gerade am Feuer die Würste gebraten. Da ist die Meyerhofer. Und da bist du, ganz mager und mit kurzen Hosen.

Er schaute hin und erkannte sich tatsächlich. Er war wirklich richtig mager gewesen und sah irgendwie traurig und verloren aus. Als ob er mitten in einer Gruppe Fremder gewesen wäre und niemand gekannt hätte.

Du wirkst so verloren. Guck mal. Man möchte dich gleich in den Arm nehmen und vor allem möchte man dich füttern. Du siehst so unterernährt aus.

Na ja, gefüttert hatte sie ihn jetzt zuhauf. Sie könnte ihn dafür jetzt mal in den Arm nehmen.

Du könntest mich ja jetzt mal in den Arm nehmen. Sozusagen nachträglich.

Sie schaute ihn lächelnd an.

Das hast du jetzt aber schön gesagt.

Dann ging ihr Blick wieder zu den Fotos.

Da, schau mal, das bin ich. Bin ich nicht ein hübsches kleines Mädchen?

Er besah sich das schmale Mädchen, das begeistert einen Ast mit einer Wurst dran vor die Kamera hielt.

Siehst du die vielen Sommersprossen?

Er zog das Bild näher, konnte aber beim besten Willen keine Sommersprossen entdecken.

Na ja, so viele sind es jetzt aber auch nicht.

Sie blätterte weiter im Album.

Also ich habe gelitten, und ihr habt mich auch ausgelacht.

Michel protestierte.

Also ich sicher nicht.

Nein, du nicht.

Sie strich ihm zärtlich über den Kopf. Er schlang wieder den Arm um ihre Hüften und drückte sie sanft an seine Seite.

Nein, du hast mich sogar eine Zeitlang jeden Tag abgeholt und wir sind Hand in Hand zur Schule gegangen. Weißt du noch?

Ja, ja, es ist mir wieder in den Sinn gekommen. Du hast mir da­mals schon gefallen.

Aha. Und jetzt, gefalle ich dir denn immer noch?

Er presste sie stärker an sich, jetzt spürte er auch ihren Busen.

Ja, du gefällst mir sehr. Seit wir uns gesehen haben, denke ich nur noch an dich.

Soso. So ist das also.

Sie lächelte ihn an und küsste ihn wieder ganz leicht und kurz auf die Lippen.

Das freut mich.

Dann drehte sie sich wieder elegant aus seinem Arm.

Und jetzt trinken wir noch zum Abschluss unseres schönen Abends einen Whiskey. Morgen muss ich nämlich früh im Büro sein. Magst du Eis zum Whiskey?

Er schüttelte den Kopf. Er hasste Whiskey.

Nein, nein, ich trinke ihn am liebsten pur.

Sie füllte die Gläser zwei Finger breit. Dann prostete sie ihm zu und trank das Glas auf einmal leer. Er bemühte sich, es nachzumachen, verschluckte sich aber und bekam einen wüsten Hustenanfall.

Oh je. Soll ich dir auf den Rücken klopfen, Serge?

Er schüttelte energisch seinen Kopf und trank mit Todesverachtung das Glas leer.

Sie strahlte ihn an.

Ist alles in Ordnung mit dir?

Ja, alles in Ordnung. Es war ein sehr schöner Abend. Ich danke dir.

Er musste den Satz richtig herauswürgen, so enttäuscht war er, aber er konnte es zum Glück mit dem noch nicht ganz abgeklungenen Hustenanfall kaschieren. Beim Aufstehen merkte er den Alkohol bis in die Beine, die seltsam schwach waren. Er ließ noch einmal den Blick durch das Wohnzimmer schweifen, bis er sich kräftig genug fand, Richtung Ausgang zu gehen. Als er mit Mühe und Not die Schuhe angezogen hatte, brachte sie ihm den Mantel. Er zog ihn an. Sie schaute ihm ernst in die Augen, dann zog sie sei­nen Kopf zu sich hinunter und küsste ihn leidenschaftlich. Michel war so baff, dass er kaum reagieren konnte. Bis er richtig begriffen hatte, was da vor sich ging, war es auch schon wieder zu Ende. Dann flüsterte sie ihm ins Ohr.

Ich kann nicht sofort mit jemandem ins Bett, verstehst du, obwohl ich große Lust habe. Wer weiß, vielleicht das nächste Mal. Kommst du wieder?

Er nickte heftig, brachte aber kein Wort mehr heraus.

Sie drehte sich um und öffnete die Haustür.

zehn

Am anderen Morgen kam Michel fast nicht aus dem Bett hoch. Er hatte solche Kopfschmerzen, dass er das Gefühl hatte, sein Schädel würde platzen.

Dieser verdammte Rotwein!

Seine Vermieterin machte ihm einen Eisbeutel, den er sich auf den Kopf hielt. Das war natürlich sehr nett, dennoch ließ ihn das Gefühl nicht los, als ob sie sich freuen würde. Hatte sie gestern Abend erraten, dass er zu einer Frau ging? Hatte er vielleicht zu laut in der Dusche gesungen? Wahrscheinlich.

Als das Dröhnen in seinem Kopf etwas nachließ, ging er unter die Dusche und ließ abwechslungsweise kaltes und heißes Wasser über sich laufen. Das half. Er zog sich an und machte sich grimmig auf den Weg in sein Büro. Die ganze Zeit dachte er an Mali. Er hörte immer noch ihr Flüstern an seinem Ohr. Er wusste nicht, ob er Mali hassen sollte oder ob er sich auf das nächste Mal freuen sollte. Im Büro ärgerte er sich über Lena, die gestern und heute freigenommen hatte, was sie natürlich mehr als verdient hatte. Tanner war auch nicht da. Michel fühlte sich elend und von der ganzen Welt verlassen.

Dann ging es mit den Verhören von Bekims Cousins endlos weiter. Von der Werdt bestand darauf, sie persönlich zu befragen. Beantwortet wurden allerdings nur die harmlosesten Fragen. Ansonsten schwiegen sie hartnäckig. Von der Werdt tobte, schrie, dann war er plötzlich wieder ganz freundschaftlich, sogar väterlich. Gegen Mittag gab er es auf. Am Nachmittag holte man die ganze greifbare Verwandtschaft. Alle schwiegen verstockt und antworteten nur das Nötigste. Alles Drohen und Schimpfen nützte nichts. Gegen fünf Uhr wurde die Befragung abgebrochen. Bis es dunkel wurde, hockte Michel über den Akten, dann ließ er den Kopf sinken und schlief über einem Berg Akten ein.

Er schreckte hoch, als sein Mobiltelefon schrillte. Es war Mali. Mali die Erlöserin. Mali mit dem erlösenden Wort: Komm!

Eine Stunde später stand er frisch geduscht und frisch rasiert vor Malis Haustür und klingelte. Sie riss die Tür auf. Ihre Haare waren nass.

Haben wir wieder gleichzeitig geduscht?

Du bei dir. Ich bei mir.

Sie lachten.

Das waren dann für viele Stunden seine letzten Worte.

Sie gingen die Treppe hoch. Sie war barfuß und trug einen schwarzen Kimono mit rosaroten Distelblüten. Im Schlafzimmer brannten Kerzen. Mali schlüpfte aus ihrem Kimono. Ihre Haut schimmerte im Kerzenlicht. Sie drehte sich zu ihm. Die Spitzen ihrer Brüste waren hart und leuchteten golden.

Sie blickte ihm in die Augen. Dann berührte sie ihn zwischen den Beinen.

Michel schluckte und nickte.

Am anderen Morgen um sieben Uhr rief Michel Sommer an und meldete sich krank. Er habe hohes Fieber. Mali hatte glücklicherweise ihren freien Tag.

Das mit dem Fieber war nicht einmal gelogen, denn er fühlte sich tatsächlich fiebrig und wie in Trance. Zwischendurch hatten sie gemeinsam geduscht, in der Küche eng umschlungen eine Kleinigkeit gegessen und getrunken und waren wieder zurück ins Bett gegangen. Erst gegen Mittag waren sie eingeschlafen.

Als sie wieder erwachten, war der Nachmittag fast schon vorbei. Draußen regnete es in Strömen. Michel war allein im Bett.

Sein Telefon klingelte. Widerwillig nahm Michel ab. Es war Lena, die sich erkundigen wollte, wie es ihrem Chef ging. Er antwortete krächzend und mit heiserer Stimme.

Ich habe immer noch Fieber. Ich hoffe, dass ich morgen kommen kann. Gibt’s was Neues?

Nichts, was ich Ihnen am Telefon sagen könnte.

In diesem Moment rief Mali irgendwas Fröhliches von unten.

Zu spät hielt er den Hörer mit der Hand zu.

Sie sind nicht allein, Chef?

Michel schnaubte.

Erstens habe ich Ihnen verboten, Chef zu sagen, und zweitens ist es meine Nachbarin, die fragt, ob ich etwas brauche.

Lena kicherte.

Oh, wie nett!

Ja, es gibt sie eben noch, die hilfsbereiten Nachbarn.

Interessant ist allerdings, Michel (sie betonte Michel mit übertriebenem Nachdruck), dass ich Sie über Ihr Festnetz nicht erreichen konnte.

Sie kicherte wieder.

Ich wünsche Ihnen gute Besserung und hoffentlich bis morgen. Ich bin ab sieben im Büro.

Bevor er etwas sagen konnte, hatte sie schon wieder aufgelegt.

Teufelsbraten!

Michel drehte sich um. Er sah Mali nackt im Türrahmen stehen.

Teufelsbraten? Meinst du etwa mich?

In diesem Augenblick klingelte sein Telefon wieder. Unwillig nahm er ab.

Verdammt. Kann man denn nicht einmal in Ruhe krank sein!

Ach du Armer! Krank? Und wieso bist du dann nicht zu Hause? Du liegst sicher in den Armen einer Frau, ich kenn dich doch!

Es war Tanner.

Michel bekam vor Aufregung einen Hustenanfall.

Bist du zurück?

Ja, alter Schwede. Bist du erkältet? Können wir uns morgen sehen? Also natürlich nur, wenn du wieder auf den Beinen bist. Kommst du zu mir zum Essen? Es gibt marokkanischen Kamelbraten. Gegen acht! Aber bitte pünktlich.

Ja, ja, sicher. Ich rufe dich morgen früh an.

Mali kuschelte sich an ihn.

Wer war denn das?

Das war Simon Tanner, zurückgekehrt aus Marokko.

Ist er dein Freund?

Michel nickte.

Ja, das kann man so sagen.

Und was hat er in Marokko gemacht? Ferien?

Michel schmunzelte.

Nein, nein, er war auf Einladung von Mohammed dem VI., König von Marokko, dort. Vielmehr dessen Gattin, der ehemaligen Prinzessin Lalla Salma, jetzige Gemahlin des amtierenden Königs.

Sie boxte ihn in die Seite.

Du nimmst mich auf den Arm, oder?

Sie wälzten sich lachend im Bett. Dann küssten sie sich lange und innig. Sie spreizte ihre Beine, zog die Knie hoch und sein Mund verschwand in ihrem Schoß.

elf

Kurz nach acht klingelte Michel an der schweren Eichentür des herrschaftlichen Maison Blanche, in dem Tanner seit Jahren wohnte. Da es eine gefühlte Ewigkeit dauern würde, bis sich die Tür öffnete – es gab keinen elektrischen Öffner – hatte Michel Zeit, sich die Beine im Park des Hauses zu vertreten. Er ging zwischen Wohnhaus und Gärtnerhaus bis an die steinerne Balustrade, die den Abschluss des Gartens gegen den See bildete. Michel fühlte sich immer noch etwas benommen von den stürmischen Erlebnissen der letzten zwei Tage und stützte sich auf den kühlen Stein.

Der See leuchtete in einem düsteren Türkisblau, stark kontrastiert von der sanften Hügelkette am anderen Seeufer. Die Hügel waren bereits dunkel, bar jeder erkennbaren Farbe. Ihre scharf vom Himmelslicht sich abzeichnenden Rücken erinnerten an eine schlafende Herde einer längst ausgestorbenen Spezies. Durch ein merkwürdiges Flimmern des Lichts hatte Michel tatsächlich den Eindruck, als ob die Hügel atmeten. Er rieb sich die Augen, aber der Eindruck blieb.

Er hörte knirschende Schritte im Kies hinter sich und drehte sich um.

Salam alaikum.

Michel verbeugte sich theatralisch.

Tanner lachte.

Versuch’s lieber nicht mit Arabisch. Bewunderst du meinen See?

Deinen See! He, he, he.

Michel grunzte.

Hat dich der marokkanische König adoptiert oder zum Ritter geschlagen?

Ne, das nicht, aber ich bin jetzt wieder ein wohlgelittener Gast in seinem Königreich.

Tja, was für ein Glück. Ist der Kamelbraten fertig? Ich habe nämlich einen saumäßigen Hunger.

Klar. Komm, wir gehen in die Küche.

Tanner nahm das Lammgigot aus dem Ofen, tranchierte es, schöpfte Michel einen Teller voll Braten, Gemüse und Kartoffelstock.

Da, lieber Michel, ist noch ganz viel in den Töpfen. Du wirst nicht verhungern. Ich hatte nach zwei Wochen marokkanischer Küche Lust auf was Ländliches von hier.

Michel prostete Tanner zu.

Gott sei Dank, ich hatte schon etwas Exotisches befürchtet.

Sinnend hob er das Glas gegen das Licht.

Danke, lieber Gott, dass du Bier und Braten erschaffen hast.

Tanner lachte.

Amen.

Dann aßen sie eine Weile schweigend. Tanner füllte Michel bald darauf einen zweiten Teller.

Und? Bist du an einem neuen Fall?

Michel wischte sich die Lippen und gab Tanner einen kompletten Überblick über die momentane Lage. Er schimpfte kurz über den neuen Chef und schwärmte ein bisschen von seiner neuen Assistentin.

Ah, dann hast du dich gestern wegen ihr krankgemeldet?

Michel gab sich entrüstet.

Mensch, sie ist ja noch ein Kind, spinnst du? Warst du zu lange in der Wüste? Ich hatte hohes Fieber, basta, und war krank.

Tanner lächelte und füllte die Gläser nach.

Ist ja gut. Ich glaube dir ja. Dann bin ich froh, dass sich das Fie­ber so schnell verflüchtigt hat.

Michel ächzte.

Ja, es kam aus dem Nichts – wie angeworfen – und verschwand, wie es gekommen war. Erzähl mir lieber mal von Marokko.

Tanner lehnte sich zurück.

Na ja, ich hatte zwei schöne Wochen in Marokko, alles bezahlt vom Königshaus. Ich war zu einem offiziellen Essen im Palast ein­geladen, wurde auch offiziell wie ein Staatsgast vorgestellt und war in einem märchenhaften Hotel in der Nähe des Palastbezirks einquartiert. Den Rest der Zeit bin ich herumgereist und habe alte Bekannte getroffen. Meine ehemalige Haushälterin ist leider ge­storben, aber ihre Tochter habe ich gesehen. Sie wird im Sommer mit ihrer Familie mein Gast sein. Ich habe sie eingeladen.

Gut. Wie schön für dich. Du hattest es sicher verdient.

Michel zeigte nicht besonders viel Interesse an Tanners Bericht.

Sag mal, Tanner. Diese DNA am Messer macht mir ein bisschen Sorge. Hast du da eine Idee? Sein Alibi ist ja ziemlich stichhaltig.

Wenn der Zeitablauf so stimmt, wie du erzählst, dann kann die­ser Bekim tatsächlich nicht der Täter sein, da können noch so viele DNA-Spuren von ihm am Messer sein. Entweder ist es eine Verwechslung im Labor oder jemand hat die Spur bewusst oder unbewusst ans Messer appliziert. Oder …, auch Wissenschaftler können sich irren.

Michel verdrehte die Augen.

Du sagst es.

Tanner erhob sich, um kaltes Bier aus dem Kühlschrank zu ho­len.

Du musst halt fleißig das Beckmann’sche Umfeld weiterbearbeiten. Das bleibt dir nicht erspart. Gute alte kriminologische Arbeit.

Ja, ja. Jetzt noch was anderes. Meine Assistentin hat herausgefunden, dass mein Büro verwanzt ist. Sie hat in meiner Abwesenheit ein klitzekleines Mikrofon gefunden, dass drahtlos funktioniert. Wir vermuten, dass Von der Werdt die Büros verwanzt hat. Er will offenbar die totale Kontrolle über alles haben. Er hat auch entschieden, dass unsere Bürocomputer über einen externen Server laufen, das heißt, auch dort hat er wahrscheinlich jederzeit Einblick.

Tanner runzelte die Stirn.

Das ist ja ein ganz übler Bursche. Mein herzliches Beileid. Wo hat er das denn gelernt?

Michel senkte die Stimme, als ob er befürchten würde, dass er auch hier im Maison Blanche abgehört werden könnte.

Ich habe Lena den Auftrag gegeben, sich darum zu kümmern. Es heißt, er kommt aus der Verwaltung. War auch lange in England. Na ja, Lena wird es schon herausfinden. Ich glaube, sie kommt ohne Weiteres in andere Computersysteme und so. Sie ist wirklich ein aufgewecktes Kind.

Schon wieder Kind. Wie alt ist sie denn?

Michel reagierte etwas verlegen.

Ja, gut. Sie ist 27 Jahre alt, aber sie sieht eben noch aus wie ein halbes Kind.

Ist das denn legal, was sie macht?

Michel zuckte mit den Schultern.

Sind versteckte Mikrofone im Büro eines verdienten Kommissars legal?

Nein, natürlich nicht. Was ist? Willst du noch eine Nachspeise?

Michel hob abwehrend die Hände und stand auf.

Nein, nein, hm …, das Kamel war schon fast zu viel. Du entschul­digst mich. Es war ganz ausgezeichnet, wie immer. Aber: Ich fühle mich immer noch etwas angeschlagen. Ich muss ins Bett, denn morgen ist Großkampftag, da muss ich fit sein. Das wirst du doch verstehen.

Ja, ich versteh doch, dass du so schnell wie möglich wieder ins Bett willst. In deinem Zustand.

Tanner lächelte.

Ich glaube sogar, du hast immer noch Fieber. Deine Augen glänzen so verdächtig.

Michel feixte.

Ja, ja, mach dich nur lustig über mich. Ich weiß jetzt, was mir die ganze Zeit gefehlt hat: Ein Freund, der mich versteht.

Aber das bin ich doch. Und Michel, falls du morgen Hilfe brauchst: Ich bin da.

Michel nickte und beeilte sich die Treppe hinunter. Tanner folgte ihm.

Fall nicht runter! In deinem Zustand!

zwölf

Am nächsten Morgen rief Michel Tanner an, ob er Lust hätte, ihn zu begleiten.

Wohin?

Wie nanntest du es: Gute alte kriminologische Arbeit.

Tanner war einverstanden.

Eine Stunde später fuhr Michels Dienstwagen auf den Kiesvorplatz. Tanner wartete bereits. Am Steuer saß Lena. Sie winkte ihm lächelnd zu. Er winkte zurück und nahm im Fond Platz.

Aha. Sie müssen Lena sein.

Und Sie Tanner.

Beide sprachen jetzt gleichzeitig.

Michel hat von Ihnen erzählt.

Sie lächelte. Michel brummte irgendwas.

So. Wohin geht’s? Wieder in die Berge?

Lass dich überraschen.

Michel gab Lena Anweisung, nicht auf die Autobahn zu fahren, sondern über die Landstraßen.

Die Gegend ist einfach zu schön.

Er blickte Beifall heischend zu Tanner.

Der nickte.

Lena fuhr mit dem schweren Wagen zügig Richtung Norden und bog dann – nach dem Städtchen, das sie umfuhren – Richtung Westen, in Richtung flaches Land. Die Felder flogen links und rechts an ihnen vorbei.

Hier möchte man doch wieder ein Junge sein, mit einer anständigen Steinschleuder und ein paar schönen runden Kieselsteinen. Oh, wie würde das krachen und klirren …

Lena lachte. Und warf einen schnellen Blick in den Rückspiegel.

Tanner genoss die Fahrt durch diese einsame, fast verwunschene Gegend, an kleinen Dörfern vorbei, die so unernste, so spielerische Namen hatten, die der Rest des Landes wahrscheinlich noch nie gehört hatte. Obwohl, wie er stirnrunzelnd feststellte, auch hier die Verbauung mit Garagen, hässlichen Hallen für Gewerbe und kleine Fabriken stellenweise stark zugenommen hatte.

Kurz darauf bog Lena wieder nach Norden und steuerte dem dritten See des flachen Landes zu. Tanner schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als sie im Schritttempo durch das Städtchen fuhren, von dem aus die kleine Halbinsel erreichbar war. Sie fuhren aber nicht auf die Halbinsel, sondern weiter um den See herum.

Michel drehte seinen massigen Körper so, dass er Tanner sehen konnte.

Der Beckmann hat irgendwann, nachdem er aus der Sozietät geflogen war, ein Büro dort in der Stadt am Ende des Sees aufge­macht. Seine Tochter hatte erzählt, dass er seit jeher ein Flair fürs Welsche, insbesondere für diese zweisprachige Stadt hatte. Seiner Familie hatte er suggeriert, dass er für die Sozietät ein Büro fürs Welschland aufmacht. Später hat er wohl – laut seiner Tochter – eine Frau kennengelernt, bei der er zeitweise auch gewohnt hat. Vielleicht hat er auch zuerst die Frau kennengelernt und dann das Büro eröffnet. Wir werden es erfahren, denke ich.

Weiß sie, dass er tot ist?

Ja. Die Tochter hat es ihr mitgeteilt. Sie heißt übrigens Marthe Jacobs. Sie war schon einmal verheiratet. Ihr Mann ist beim Bergsteigen tödlich verunglückt. Kinder hatten sie keine. Sie arbeitet als Dolmetscherin.

Habt ihr auch schon mit dem Sohn gesprochen?

Tanner wandte sich mit dieser Frage an Lena.

Nein, er kommt erst heute Nachmittag zurück. Wir haben ihn immerhin endlich erreicht. Wir werden ihn heute noch sprechen.

Kurz vor dem eigentlichen Stadtzentrum, in einem ruhigen Außenbezirk zwischen See und Fluss, wohnte Marthe Jacobs in einem dreistöckigen alten Haus, das in einem Garten stand und dessen Fassade über und über mit Weinlaub bedeckt war. Die Fassade endete oben in einem überhöhten kühnen Schwung und hatte dadurch etwas Holländisches.

Michel drückte die Klingel.

Wir sind angemeldet.

Zu Tanner gewandt.

Ich zeige meine Dienstmarke und stelle dich als Kollegen vor. Wie immer.

Tanner nickte.

Wie immer.

Die Tür öffnete sich, und sie stiegen die knarrenden Treppenstufen hoch. Marthe Jacobs wohnte im zweiten Stock.

Die Frau, die sie begrüßte, war zwischen 45 bis 50 Jahre alt, hatte blonde Haare, die sie lose hochgesteckt hatte, trug Jeans und einen alten grauen Pullover, der ihr zwei Nummern zu groß war. Ihre nackten Füsse waren braungebrannt, ihr Händedruck überraschend kräftig. Ihre Augen waren leicht gerötet, man sah ihr an, dass sie geweint hatte.

Ist es Ihnen recht, wenn wir in die Küche gehen? Das ist mein größter Raum und da gibt’s einen großen Tisch …

Michel nickte.

Das ist uns sehr recht, Frau Jacobs.

Möchten Sie Tee?

Michel zögerte. Tanner kam ihm zuvor.

Ja, wir nehmen gerne Tee.

Sie setzten sich an den großen Tisch. Die Küche war so richtig nach Tanners Geschmack. Es gab viel Platz, um alles Mögliche vor­zubereiten. Einen großen Kühlschrank. Zwei Backöfen. Und ein Glanzstück von einem Gaskochherd.

Mit Kennerblick sah er all die kleineren und größeren Uten­silien, die man braucht, wenn jemand leidenschaftlich gerne kocht. Er entdeckte auch ein Sous-Vide-Gerät.

Sie stellte einen großen Wasserkocher auf den Herd und entzündete das Gas.

Tanner sah, dass sie sehr geschickt hantierte.

Zwei Backöfen, das sieht man selten.

Sie lachte.

Ja, das ist meine Leidenschaft. Ich mache viel im Backofen. Manchmal braucht man zwei.

Sie stellte mit Schwung einen großen Gugelhopf auf den Tisch.

Den habe ich ganz frisch heute Morgen gemacht.

Sie blickte zu Tanner.

Schneiden Sie bitte ein paar Stücke.

Sie tat Teekräuter in einen großen blauweißen Krug. Dann setzte sie sich an den Tisch.

Sie wollen sicher über meine Beziehung zu Karl, also, ich meine, zu Herrn Beckmann sprechen.

Wo haben Sie ihn denn kennengelernt?

Michel gab Lena ein Zeichen, die sofort ihr Notizbuch zückte.

Bevor sie antwortete, straffte sie ihre Haare und rückte sich den Pullover zurecht.

Ich habe ein Segelboot im Hafen. Ich bin Seglerin. Herr Beckmann saß vor ungefähr fünf Jahren plötzlich jeden Tag auf einer Bank am Hafen, ganz in der Nähe von meinem Liegeplatz. Es gab irgendeinen Tag X, ab dann saß er praktisch jeden Tag auf dieser Bank. Außer natürlich, wenn es regnete. Er hatte seine große Aktentasche dabei. Er saß einfach da – und tat nichts. Außer, dass er ab und zu aus seiner altmodischen Thermosflasche trank und ein Brot aß. Sonst tat er nichts. Er las nicht, guckte auch in kein Handy. Für einen Landstreicher sah er viel zu gepflegt aus, seine Kleidung war stets tadellos. Irgendwie fiel er mir dadurch auf. Und weil so eine Traurigkeit um ihn herum war.

Sie blickte zu Tanner.

Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Er sah nicht nur traurig aus, alles um ihn herum war traurig. Auf jeden Fall passte er nicht auf diese Bank. Ab und zu fütterte er eine Möwe. Das war dann auch unser erstes Gesprächsthema.

Sie stand auf, denn das Wasser kochte. Stockend erzählte sie weiter.

Wir Segler haben die Möwen nicht besonders gern, obwohl sie natürlich tolle Tiere sind, aber sie scheißen halt unsere Schiffe voll. Entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, aber es ist halt so.

Sie lächelte etwas verkrampft.

Dann habe ich ihm eines Tages gesagt, er soll die Möwen doch nicht füttern.

Sie hielt inne. Ihr Gesicht verdunkelte sich für einen Moment.

Ja, so haben wir uns kennengelernt.

Sie machte eine Pause, als ob sie den Faden verloren hätte.

Wann hat Ihnen Beckmann von seiner Situation erzählt? Äh, und … darf man denn zugreifen? Der Kuchen sieht zu verführerisch aus.

Ja, klar. Greifen Sie bitte zu. Der Tee ist auch bald soweit.

Ich glaube, ich habe ihn bei unserem dritten Gespräch gefragt, was er denn so mache und warum er jeden Tag hier rumsitze.

Sie schenkte den Tee in die Tassen.

Er hat mir gleich ziemlich offen gesagt, dass er arbeitslos geworden sei, dass seine Familie das aber nicht wüsste und er so täte, als würde er den ganzen Tag weiterarbeiten.

Er hat also auch gesagt, dass er verheiratet ist und erwachsene Kinder hat?

Ja, ja, er hat gleich alles auf den Tisch gelegt. Ich fand das merkwürdig und ich habe ihn gefragt, warum er das denn seiner Frau nicht sagen würde. Er meinte, das wäre ihr großer Triumph und den würde er ihr nicht gönnen. Ihm würde schon etwas einfallen. Mehr hat er dazu nicht gesagt.

Michel grunzte behaglich.

Also, dieser Kuchen ist umwerfend, muss ich Ihnen sagen. Und ist ihm denn etwas eingefallen?

Ja, er hat dann hier im Hinterhaus einen Raum gemietet und ein Büro eröffnet. Er hat immer gesagt, dass er noch alte Kunden habe, die ihm treu geblieben sind. Und dann und wann hat er hier übernachtet.

Tanner schenkte sich noch einen Tee ein.

Gehört das Haus Ihnen?

Ja. Das hat mein Urgroßvater gebaut, deswegen heißt es auch das Holländerhaus. Er ist hierher aus Rotterdam gezogen …

Sie seufzte.

… der Liebe wegen und hat dann einen Import-Exporthandel aufgezogen. Mein Großvater war nicht so erfolgreich und das Geschäft ging bankrott. Aber das Haus blieb immer in unserem Besitz. Nach dem Tod meines Mannes habe ich wieder meinen Mädchennamen angenommen.

Michel räusperte sich.

Sind Sie seit dem Tod von Beckmann, also von Herrn Beckmann in sein Büro gegangen?

Sie hob abwehrend die Hände.

Nein, nein, da hätte ich nicht hineingehen mögen. Außer natürlich, als ich ihm damals den Raum gezeigt habe. Nachher bin ich nie mehr nach hinten gegangen.

Können wir einmal reinschauen?

Ja, sicher.

Sie ging schnell in den Korridor und kam gleich zurück.

Hier sind die Schlüssel. Sie gehen einfach im Parterre durch die Gartentür. Es ist nur ein kleines Hinterhaus mit einem einzigen großen Raum und einer Toilette mit Dusche.

Michel erhob sich und bedeutete Lena mitzukommen.

Tanner blieb auf ein Zeichen von Michel zurück.

Er zuckte mit den Achseln und trank Tee.

Frau Jacobs, dies ist eine schwere Zeit für Sie. Darf ich Ihnen trotzdem noch einige Fragen stellen?

Sie nickte und setzte sich wieder an den Tisch.

Hat Beckmann auf der Bank im Hafen nie jemanden getroffen oder mit jemandem gesprochen?

Sie stützte ihr Kinn in ihr Handgelenk. Sie sprach zögernd.

Nein, das heißt, nie solange ich im Hafen war. Er wollte ja nie mit mir auf mein Segelboot. Ich glaube, er hatte Angst, seekrank zu werden. Einige Male, wenn ich nach einem Ausflug zurückkam in den Hafen, habe ich dann und wann einen anderen Mann gesehen. Einmal saß er sogar neben Karl, war dann aber schon weg, als ich anlegte.

Haben Sie ihn nach dem Mann gefragt?

Ja, natürlich, aber er meinte, dass es nur ein Passant gewesen wä­re, mit dem er kurz geplaudert hätte.

War es immer derselbe Mann?

Ich glaube schon.

Sie ordnete nervös ihre Haare.

Haben Sie seine Tochter kennengelernt?

Sie hob überrascht den Kopf.

Kennen Sie sie?

Nein, ich nicht. Mein Kollege Michel hat sie besucht und gesagt, dass sie sehr nett wäre und auch immer zu ihrem Vater gehalten hätte.

Ja, das stimmt, sie ist sehr nett. Sie hat ab und zu ihren Vater hier besucht. Wir saßen dann auch zusammen an diesem Tisch. Dann und wann ist er auch mit ihr spazieren gegangen. Wir sind fast Freundinnen geworden, kann ich sagen.

Fast?

Ja, für mehr war sie dann doch zu selten da.

Hat Karl Beckmann über seine Frau gesprochen?

Nein, nie. Er wollte auch gar nicht, dass ich danach frage.

Eine letzte Frage. Vielleicht die schwerste.

Sie saß jetzt ganz aufrecht.

Wussten Sie, dass Karl Beckmann Krebs hatte und nicht mehr lange zu leben hatte?

Sie ließ ihren Kopf auf ihre Arme fallen, die sie auf den Tisch gestützt hatte und wischte eine Träne weg.

Ja, ich wusste es. Es war furchtbar. Vor allem, er wollte sich nicht mehr behandeln lassen. Er war der Meinung, dass das eh vergebens sein würde. Nur die Qual verlängern würde. Er hatte wahrscheinlich recht, aber es war schrecklich. Diese Gewissheit …

Draußen hörten sie Schritte. Michel und Lena kamen zurück. Marthe erhob sich schnell und ging an den Kochherd. Dort schnäuzte sie sich kräftig und zog ihren Pullover straff.

Tanner legte seine Karte neben ihre Teetasse.

Wenn Ihnen noch etwas in den Sinn kommt oder wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie mich bitte an.

Sie lächelte ihm dankbar zu.

Michel kam mit ernster Miene in die Küche.

Tanner, komm mal raus. Ich muss dich sprechen.

Draußen schloss Michel die Wohnungstür und flüsterte.

Lena ist hinten geblieben und ruft den Gerichtsarzt und die Spurensicherung.

Wieso das denn?

Wir haben noch einen Toten.

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370 p. 1 illustration
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9783038551959
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