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Urs Mannhart
Gschwind oder Das mutmaßlich zweckfreie Zirpen der Grillen
Roman
Urs Mannhart
Gschwind oder Das mutmaßlich zweckfreie Zirpen der Grillen
Der Autor bedankt sich bei der Stadt Bern, beim Kanton Bern, beim Kanton St. Gallen und dem Schriftstellerhaus Stuttgart für die Förderung seines Schaffens.
© 2021 by Secession Verlag Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christian Ruzicska
Korrektorat: Peter Natter
www.secession-verlag.com
Typografische Gestaltung: Julie Heumüller, Berlin
Satz: Eva Mutter, Barcelona
Gesetzt aus Lyon Text und NN Nouvelle Grotesk
Herstellung: Daniel Klotz, Berlin
Friedrich Pustet, Regensburg
ISBN 978-3-966390-39-2
eISBN 978-3-966390-40-8


Inhalt
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
KAPITEL 34
KAPITEL 35
KAPITEL 36
KAPITEL 37
KAPITEL 38
KAPITEL 39
KAPITEL 40
KAPITEL 41
KAPITEL 42
KAPITEL 43
KAPITEL 44
KAPITEL 45
KAPITEL 46
KAPITEL 47
KAPITEL 48
KAPITEL 49
KAPITEL 50
KAPITEL 51
KAPITEL 52
KAPITEL 53
KAPITEL 54
KAPITEL 55
KAPITEL 56
KAPITEL 57
KAPITEL 58
PROLOG
In einem nicht ohne Grund als einsturzgefährdet erklärten, verbotenen Teil der St. Beatus-Höhlen, in schönster Lage über dem pittoresken Thunersee, kriechen zwei in pechschwarzen Taucheranzügen steckende Menschen mehr als 1900 Meter vom Höhleneingang entfernt im zitternden Schein ihrer Stirnlampen durch einen kaum hüfthohen, immer wieder seine Richtung wechselnden Stollen; feuchte Kiesel knirschen unter ihren Knien, der grobe, wasserfeste Stoff ihrer Rucksäcke schleift der stalaktitgeschmückten Decke entlang, und hin und wieder landet laut und machtvoll, als werde damit eine ganz eigene, im Inneren der Erde tätige Zeit erfasst, ein Tropfen uraltes Wasser in einer der ungezählten, von keinem Wind je bewegten Pfützen.
Als sich einige Meter vor ihnen der Raum zwischen Boden und Decke stark verengt, nimmt die Frau ihren Rucksack ab und blickt den Mann fragend an.
Sie solle vorankriechen, sagt dieser.
Eine Weile bleiben die beiden laut- und bewegungslos liegen. Dann hievt die Frau ihren Rucksack über den Kopf, korrigiert die Position ihrer Stirnlampe, wendet sich, so gut das noch geht, dem Mann zu und sagt, es könnte, falls ihnen jetzt jemand entgegenkommt, eng werden. Dann robbt sie los.
Er lacht, schenkt ihr einen verliebten Blick und kriecht ihr, kaum dass ihre Schuhe im engen Felszwischenraum verschwunden sind, hinterher.
Ochsenschwanz heißt dieser unvergleichlich eng bemessene, knapp 200 Meter lange Abschnitt der Höhle. Sie befinden sich ungefähr in der Mitte des fast 30 Minuten beanspruchenden Durchgangs, als der Mann, die schmerzenden Ellbogen ignorierend, seine alte Angst heraneilen fühlt; die Angst, erdrückt zu werden von den Felsmaßen. Er stellt sich vor, die Angst hocke im Felsen selber, er könne sie hinter sich zurücklassen, wenn er nur schnell genug ist. Er konzentriert sich auf seine Bewegungen, stellt sich vor, wie er bald schon von Stolz erfüllt das Kartenmaterial überarbeiten wird – das hilft. Als sich der Gang schließlich Zentimeter um Zentimeter erweitert, als er fühlt, dass er in wenigen Augenblicken wieder aufrecht stehen wird, durchströmt ihn ein Glücksgefühl. Er mag dies nicht ansprechen, er will nicht gefragt werden, ob er wieder Angst gefühlt habe, und er ist froh zu sehen, dass seine Frau ganz erfüllt ist von der Schönheit des Saals, den sie erreicht haben. Dieser ist groß genug, ein Einfamilienhaus in sich aufzunehmen. Der hintere Teil der bizarr geformten Felsdecke spiegelt sich in einem kleinen See.
Die Frau schweigt, ihre Augen leuchten; nickend bedankt sie sich für das Wasser, das er ihr anbietet. Witzelnd fragt er sie, ob sie hier, am Strand, die Badetücher ausbreiten wollen. Sie lacht und gibt ihm einen Kuss.
Er kramt in seinem Rucksack, holt kleine Gerätschaften und unendlich fein beschriebene Skizzenblätter hervor, dann findet er, was er sucht. Die beiden belegten Brote hat er sorgfältig in Klarsichtfolie gepackt; eines mit Blauschimmelkäse, eines mit Meerrettich.
Sie sitzen am Ufer der unterirdischen Wasserfläche, essen und sprechen über die Einfallslosigkeit der Höhlenforscher, die diesem Saal seinen Namen verpasst haben, sie witzeln darüber, auf welchen Namen sie selbst einen von ihnen entdeckten Saal taufen würden. Sie verstehen nicht, weswegen bisher alle Höhlenforscher der Meinung waren, dieser Arm der Höhle sei hier zu Ende; irgendwo geht es doch immer weiter!
Ins Wasser waten sie jetzt, langsam und wortlos, als gelte es, niemanden zu stören. Sie legen ihre Schnorchel an und tauchen ab. Der Schein ihrer Lampen wird grotesk vom Wasser verformt, das ihre Bewegungen rasch und immer wieder neu in kreisförmige Wellen übersetzt. Sie geben sich Zeichen, tauchen tiefer, tasten unermüdlich die Felswände ab.
Nach etlichen Tauchgängen kehrt sie zurück zum Ufer, nimmt den Schnorchel aus dem Mund, wartet, bis er ihre Zeichen sehen kann. Als er neben ihr steht, erzählt sie von einer Strömung.
Er fragt, ob sie neuerlich an einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung arbeite.
Ob er von sich spreche?, will sie wissen.
Beide lachen.
Er holt einen leuchtend roten Stab aus einer Seitentasche seiner Hose, einen Stab, der in seiner Form ein wenig an einen Kugelschreiber erinnert. Sie schwimmen wieder hinaus, tauchen wieder ab; der Strömungsmesser bestätigt eine schwache Wasserbewegung. Sie suchen nach einer Öffnung, kehren wieder um, tauchen auf.
Es ist klar, sie benötigen ihre Masken. Sie schwimmen zurück zum Ufer, schnallen sich zwei Sauerstoffflaschen und Atemmasken um, einigen sich auf ein Vorgehen, um die Felsdecke nach einem Durchgang abzusuchen, verbinden sich mit einem leuchtend roten Kletterseil, geben sich Handzeichen, tauchen ab und gleiten, den Bauch der Decke zugewandt, durch das schwarze Wasser.
Die Frau liebt jenes Fieber, von welchem sie beide, im Wunsch, die Höhle zu erforschen, jedes Mal neu übermannt werden. Hunger, Zeit, Sorgen und berufliche Anforderungen – alles meilenweit entfernt. In der Höhle kennt sie keine Angst, sie kennt lediglich die tonnenschwere Trauer, nach etlichen Stunden – ihr gemeinsamer Rekord liegt bei 26 – zurückkehren zu müssen in den Alltag.
Mit einem Mal wandelt sich das Muster der Reflektionen, das ihre Lampe auf den Felsen wirft. Die Decke steigt an – bald fühlt die Frau, dass sie der Wasseroberfläche näherkommt – ihr Kopf taucht auf, staunend blickt sie um sich. Die Öffnung misst im Durchmesser vielleicht vier Meter. Sie will ihren Mann benachrichtigen, da sieht sie seinen Kopf neben ihr auftauchen.
Der Fels ist aalglatt, ein feines Rinnsal läuft ihnen entgegen; es dauert, bis sie die steile Rampe erklommen haben. Nach wenigen Metern weitet sich die Öffnung zu einem mächtigen Saal, der an Größe dem vorangehenden in nichts nachsteht. Sie umarmen sich, jubeln; sie sind die ersten Menschen, die diesen Saal betreten! Sie fotografieren, sie vermessen, können ihr Glück kaum fassen.
Für vollkommen eigentümlich halten sie das Gestein: auf keinem der Kilometer, die sie im Beatenberg durchkrochen haben, ist ihnen je Ähnliches begegnet. Es weist einen türkisen Glanz auf und bildet, obwohl die Felswände durch und durch feucht sind, weder Stalaktiten noch Stalakmiten aus.
Fasziniert nehmen sie, als sie sich, 13 Stunden nach Eintritt in die Höhle, auf den Rückweg machen, nicht nur unzählige Vermessungsdaten mit, die es ihnen erlauben werden, den neu entdeckten Saal zu kartographieren, sondern auch ein fingerkuppenkleines, sorgsam aus der Wand gelöstes Gesteinsstück. Sie wollen es einer Freundin zeigen, die als Professorin für Geologie an der ETH Zürich arbeitet.

KAPITEL 1
Eine dem weißen Bündchen einer schicken Uniform entspringende Flugbegleiterinnenhand reicht graziös die Zwischenverpflegung dar, die im Ticket inbegriffen ist. Pascal Gschwind neigt dazu, sie anzunehmen. Meist aber handelt es sich ja doch bloß um eine schlecht verdauliche Gaumenunterhaltung, um einen kulinarisch minderbemittelten Verlegenheitshappen, also verneint er das Angebot mit durch die Luft fahrender Hand und vertieft sich stattdessen in einen mit diversen Grafiken angereicherten Text, der das soziale Engagement Valnoyas im sambischen Mufulira möglichst großzügig darstellen soll.
Gschwind fliegt business, hockt aufrecht im breiten Sitz, dicht im Knoten seiner Krawatte. Umgeben ist er von anderen business men, die alle ähnlich vertunnelt und verknotet in ihren Laptop blicken, in diesem vor einer halben Stunde in Frankfurt gestarteten Airbus, der in 40 Minuten auf der Isle of Man landen wird, der mauskotkleinen Insel zwischen Irland und Großbritannien. Mauskotklein: So hätte es Katharina gesagt, seine Frau, die er fast ausschließlich Rina nennt.
Die Isle of Man bildet einen Magneten für Geld und Krawatten, und Pascal Gschwind, 39, drahtig, flink, seit ein paar Wochen gedanklich und nervlich verbandelt mit diesem hochdotierten Job, ist dort hinbestellt zu einem business board meeting.
Vornehmlich ernährt er sich von Kaffee; das zeigt bisweilen seine zitternde Hand, das zeigt jetzt sein zuckendes Lid. Aber Gschwind trägt jugendliche Züge, die Brille sitzt, Kinn und Kiefer sind tadellos rasiert. Unsportlich ist er, wirkt aber nicht so; bloß wer ihn auf einen Zug eilen sieht, kann verstehen, was seine Rina meint, wenn sie sagt, der liebe Gott habe ihm zwei linke Beine geschenkt.
Gerne würde Gschwind ein wenig schlafen, wenigstens die Augen schließen; aber bloß, weil er jetzt ein bisschen müde, weil er schon vor 17 Stunden in der sambischen Minenstadt Mufulira in eine Maschine der ägyptischen Fluggesellschaft eingestiegen ist und viereinhalb Stunden im hoffnungslos überfüllten Terminal von Addis Abeba herumgestanden hat, ohne dass er den Akku seines Laptops hätte aufladen können, ehe endlich der Flug nach Frankfurt abgehen wollte, wo er nochmals drei Stunden auf den Anschlussflug zu warten hatte – bloß weil seine Reise ein bisschen anstrengend ist, erlaubt er sich noch lange nicht, erschöpft zu sein, und die Aussicht, nach diesem Flug ein Meeting durchstehen zu müssen, ist zwar hart, aber Gschwind fühlt sich wohl, wenn er sich beweisen kann. Außerdem herrscht eine euphorisierende Stimmung: Dass ahnungslose Hobbyhöhlenforscher im schweizerischen Beatenberg tatsächlich Rapacitanium gefunden haben, ist nicht nur eine geologische Sensation, sondern für Valnoya von größter Bedeutung. Für Valnoya wie auch für seine eigene Karriere.
Was ihn überdies anspornt, wach zu bleiben, sind die absurden Träume, die ihn seit Wochen auch tagsüber verfolgen, und wenn er döst, rutscht er gedanklich oft ab zu der medizinischen Untersuchung, zu diesem MRI, das er wieder und wieder verschiebt. Also verändert Gschwind die Position der über seinem Sitz befindlichen Frischluftdüse, drückt sich die Brille ans Nasenbein, greift in seine handgefertigte englische Hirschledermappe und überblickt die Meldungen. Bis zum Jahr 2050 soll sich der globale Bestand an Personenwagen nach Prognosen des deutschen Verbands der Automobilindustrie auf 2,6 Milliarden erhöhen. Aufgrund der bisher entdeckten Lagerstätten von Rapacitanium werde es nicht möglich sein, alle diese Autos mit einer rasch aufladbaren Batterie auszustatten – ein Wettrennen zeichne sich ab. Das sich umso eher zuspitzen werde, je früher es bei den Flugzeugbauern Boeing und Airbus zum Standard werde, für das Starten der Triebwerke Batterien einzusetzen.
Zufrieden, erneut bestätigt zu bekommen, wie wichtig Rapacitanium weltwirtschaftlich in den kommenden Jahren werden wird, rückt Gschwind den Laptop in eine angenehmere Position und überarbeitet eine Pressemitteilung zu Mufulira, die spätestens morgen raus muss. Die medialen Anklagen gegen angeblich zu hohe Schwefeldioxid-Belastungen durch die von Valnoya betriebene Kupfermine wollen kein Ende nehmen; gestern hat sich CEO Daniel Hillers dazu durchgerungen, ihn zu beauftragen, mit einer Presseerklärung Gegensteuer zu geben.
Vor zwei Monaten erst hat Gschwind eine hohe Position bei der Suissecom eingetauscht gegen diesen Job in der vielleicht zweitobersten Etage von Valnoya, einer der weltweit führenden Firmen im Rohstoffsektor. Offiziell hat ihn Valnoya – 273.000 Mitarbeiter in 53 Ländern, Hauptsitz in der Schweiz, mehr als 190 Tochtergesellschaften weltweit, umsatzmäßig die größte Firma im Land – eingestellt als Vizeleiter der Kommunikationsabteilung. Senior Chief Business Network Communications nennt sich seine Position. Während er in den vergangenen Wochen in seinem Büro stundenlang telefonierte und Hunderte von Mails schrieb, um von den auf fünf Kontinenten verteilten Niederlassungen sämtliche Informationen aufzutreiben, die nötig sind zur Erstellung eines umfassenden, von einer kritischen Öffentlichkeit stets streng beäugten Sustainability Reports, für Valnoya eine der wichtigsten Visitenkarten, war er nun in Sambia mit der delikaten Aufgabe betraut, Bundesrat Gadellier zwei erst seit ein paar Jahren in Firmenbesitz befindliche und noch nicht vorzeigbare Standards aufweisende Minen zu präsentieren. Sambia gilt überhaupt als schwieriges Pflaster; in einer Kupfermine, die nicht oder noch nicht in den Händen Valnoyas ist, steckten revoltierende Arbeiter unlängst Gebäude in Brand und nahmen den chinesischen Firmenchef in Geiselhaft, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu protestieren – obwohl die nicht schlechter sind als anderswo und obwohl es sonst in der Region kaum Arbeit gibt.
Valnoya schürft in Sambia auch nach Kupfer, aber in den beiden jüngst von Valnoya aufgekauften Minen ist es nach einem ärgerlichen juristischen Zwischenspiel wieder einigermaßen ruhig. Logisch eigentlich; rund 60 Prozent der lokalen Bevölkerung sind arbeitslos, die Mine ist der mit Abstand größte Arbeitgeber.
Zudem ist es Gschwind gelungen, Bundesrat Gadellier und seine kleine Gefolgschaft so über das Gelände zu lotsen, dass dieser die hässlichsten beiden Abraumhalden nicht zu sehen bekam und ihm keine Zeit blieb, wirklich mit den Arbeitern der Fabrik zu sprechen. Mit den NGOS, die Valnoyas Aktivitäten immer wieder behindern, angeblich im Namen der Umwelt und der Arbeitnehmerschaft, wollte sich Gadellier zum Glück ohnehin nicht treffen. So bekam der Bundesrat nur den aufgeräumten Teil der Mine zu sehen, und die für gewöhnlich das toxische Schwefeldioxid ausstoßenden Abgasschlote blieben wegen geschickt terminierten und Gadellier gegenüber verschwiegenen Unterhaltsarbeiten vollkommen rauchfrei. So schickte Gadellier schließlich ganz freiwillig einen begeisterten Tweet los. Einen Dreizeiler nur, aber eben einen bundesrätlichen, voller Anerkennung, und Gschwind war klug genug, diese Worte gleich prominent auf der Valnoya-Website erscheinen zu lassen. Daniel Hillers, sonst ungemein geizend mit Komplimenten, reagierte euphorisch, und also freut sich Gschwind, auch wenn er Schlaf gebrauchen könnte, auf das kurz nach seiner Ankunft auf der Isle of Man stattfindende Treffen mit der Geschäftsleitung.
Pascal Gschwind blickt auf seine in Platin gehaltene Patek Philippe Grandes Complications mit ewigem Kalender, auf die er leider nicht blicken kann, ohne zu denken, er hätte, als er für den Kauf dieser Uhr viel Geld in die Hand nahm, noch ein bisschen tiefer in die Tasche greifen sollen, damit er ihr Zifferblatt betrachtend nicht jedes Mal denken muss, er hätte das etwas teurere, von einem Schleppzeiger geadelte Modell wählen sollen, und schätzt, dass sie in 20 Minuten landen werden. Also bleiben ihm noch 17 Arbeitsminuten.
Leider wimmelt es im Netz von schlechten Nachrichten über eine Valnoya-Mine in Peru: Ein paar wenige Indigene haben in der Nähe von Cerro de Pasco, wo Zink und Blei abgebaut werden, einen Protest auf die Beine gestellt. Sie behaupten medienwirksam, Valnoya zerstöre ihren Lebensraum, verschmutze ihre Luft und nutze illegal ihr Land. Irgendein Polizist hat offenbar die Nerven verloren: Jetzt ist auf Youtube ein Uniformierter zu sehen, der mit Schlagstock gegen eine wehrlose Frau vorgeht, die schließlich vor seinen Füßen im Dreck liegt – heulend. Dieser Geschichte wegen prasseln seit zwei Tagen tonnenweise Mails in Gschwinds Account, und während es tatsächlich Leute gibt, die annehmen, der enthemmte Polizist habe seinen Schlagstock direkt im Auftrag Valnoyas gezückt, kursieren im Netz und in den Medien immer noch absurdere Daten zur Luftverschmutzung in der Region. Abgesehen von Journalisten, die einen vor drei Jahren erstellten Messwert für aktuell halten, gibt es offenbar auch Medienvertreter, die glauben, die Bevölkerung eines Landes atme keine andere als die direkt aus dem Schornstein einer Fabrik wehende Luft. Als müsste in Peru der Wind erst noch erfunden werden.
Immer wieder klickt Gschwind Newsfeeds weg, ignoriert geflissentlich Kommentarspalten; angesichts der grassierenden Dummheit der breiten Masse will er kühlen Kopf bewahren. Er leidet darunter, dass zahlreiche Menschen offenbar glauben, eine florierende Wirtschaft komme ohne Rohstoffe aus, und am liebsten würde er den Polizisten, der so dumm war, sich bei seinem Ausrutscher mit dem Schlagstock filmen zu lassen, ohrfeigen und fristlos kündigen. Denn eigentlich sitzt Valnoya – und damit vor allem er selbst – jetzt bloß seinetwegen in der kommunikativen Bredouille.
Die allerneueste Mail aber stammt von Hillers, Gschwind will sie sofort lesen. Aber egal, wie oft, kräftig und schnell Pascal Gschwind auf sie einklickt: Die Mail will sich nicht öffnen. Je weniger sie sich öffnen lässt, desto mehr will Gschwind wissen, was ihm Hillers mitteilt. Gewiss geht es um das Rapacitanium, das sensationeller Weise im Beatenberg, am nördlichen Ufer des Thunersees, gefunden wurde; der Pressedienst irgendeines geologischen Instituts an der ETH hatte die wuchtige, das bisherige Bild einer Schweiz ohne nennenswerte Rohstoffe komplett über den Haufen werfende Nachricht vor drei Tagen veröffentlicht.
Wie oft hat Gschwind diese Mail jetzt schon angeklickt, ohne dass sie sich öffnet? Er flucht leise, ein Druck baut sich in ihm auf, seine Unterarme füllen sich mit einer unheimlichen Anspannung, und als ihm der Laptop die fehlende Internet-Verbindung anzeigt, schwingt er sich aus seinem Sitz und sucht hinter dem Vorhang, der die Business Class vom Vorraum zum Cockpit abtrennt, nach einer Flugbegleiterin.
Keine ist zu finden; sich jetzt also auch noch in der Economy umsehen zu müssen, ärgert Gschwind. Er hört sein Herz pochen, vernimmt ein Rauschen im Ohr. Wie immer, wenn das mit den Ohren beginnt, zeigt sich auch ein unangenehmes Kribbeln; die starke Anspannung in den Armen dehnt sich auf den gesamten Körper aus. Als würde demnächst in seinem Inneren etwas platzen. Unbehaglich fühlt er sich daran erinnert, dass es womöglich klug wäre, sich und sein Nervenkleid eingehender untersuchen zu lassen. Aber die neue Anstellung lässt ihm dazu keine Zeit; allein der Gedanke an Ärzte, die selbstredend davon ausgehen, ein in leitender Position arbeitender Mensch habe Zeit für ihre umständlichen Untersuchungen, macht ihn wütend. Er will keine Untersuchungen, will kein MRI, da kann seine Ärztin, die im Kantonsspital Thun wirkende Frau Doktor Lepple noch so sehr scherzen: MRI: Meistens reine Interpretationssache, gefolgt von der maßlosen Enttäuschung in ihrem Gesicht, als er den Lepple’schen Humor nicht lustig findet – nein: er will jetzt diese Mail lesen. Sobald er diese Mail von Hillers lesen kann, wird seine Gesundheit kein Thema mehr sein.
Möglich, dass er tatsächlich etwas laut spricht, als er die Uniformierte schließlich vor sich hat, oder aber die Leute sind es nicht gewohnt, dass einer von der Business Class überhaupt nach hinten kommt. Jedenfalls glotzen ihn einige so unverblümt an, als wäre er in seinem Ärger über diesen lausigen Service durchaus fähig, der schönen, scheinbar ewig lächelnden Frau mit der porzellanfarbenen Haut beispielsweise den Hals zuzudrücken, der so dünn ist, dass dies wohl sogar relativ leicht zu bewerkstelligen wäre. Ihr Mund würde sich leicht öffnen, die Augen und die feinen Nasenöffnungen würden sich weiten, etwas mehr Farbe im Gesicht stünde ihr gut, denkt Gschwind.
Als die Flugbegleiterin erklärt, sie sei nicht zuständig, werde seine Anfrage aber weiterleiten, stellt Gschwind klar, es handle sich nicht um eine Anfrage, sondern um eine Aufforderung. Und er stellt sich nun noch etwas genauer vor, wie es sich anfühlen würde, diesen blassen, schwanenhaft dünnen Flugbegleiterinnenhals mit beiden Händen zu umfassen und kraftvoll zuzudrücken. Es gibt da etwas in seinen Händen, etwas Schmerzhaftes, und es will hin zu diesem dünnen Hals. Je stärker er drückt, desto eher wird sie tun, was er will.

KAPITEL 2
Während er in seiner Fantasie den dünnen Flugbegleiterinnenhals noch so lange umschlossen hält, bis sich die unangenehme Spannung in seinen Händen zu lösen beginnt, ist seine nervliche Erregung längst in den Ohren angekommen, wo sich nun ein starker Druck ausbreitet und dafür sorgt, dass seine Umgebung nur noch aus einem Rauschen besteht. Gschwind fühlt, etwas ist nicht gesund in ihm, deutlich nimmt er den erhöhten Puls wahr, seine restlos angespannten Nerven. Gschwind sieht, die Flugbegleiterin sagt etwas, Entschuldigungen sind es gewiss, ihr Halsgrübchen bewegt sich, sie bewahrt perfekt Haltung, lässt höflich die Hände durch die Luft gleiten und spricht engagiert. Gschwind steht direkt vor ihr und hört sie nicht.
Um nicht noch länger gehörlos vor ihr zu stehen und um vor sich selber und seiner sonderbaren Anspannung wegzulaufen, bedankt sich Gschwind und geht zurück an seinen Platz. Dort schließt er die Augen, atmet tief ein, atmet tief aus, entspannt seinen Körper, indem er an das betörend schöne Rum Runner denkt, das er bestellt hat und das im kommenden Jahr fertig gebaut sein wird: Eine elegante Wucht von einem Motorboot mit 370 Pferdestärken, gebaut aus den schönsten Tropenhölzern, gefertigt in der Nähe von Luzern in 100 Prozent Schweizer Handarbeit, ein bulliger RollsRoyce auf dem Wasser, das schönste Motorboot auf dem ganzen See wird es sein und er sein stolzer Besitzer – der Gedanke an dieses luxuriöse Boot verringert zuverlässig den Druck auf seinen Ohren, die Herzfrequenz normalisiert sich, der Hörsinn kehrt zurück. Während Gschwind erfreut an den aufsehenerregenden Spezialtransport denkt, der nötig sein wird, um das massige Boot von der Werft am Vierwaldstättersee an den Thunersee zu holen, erreicht sein Nervenkleid allmählich den Normalzustand.
Wenn er sich diesen Rum Runner vorstellt, denkt Gschwind auch an seine Mutter, an seine selbstbewusst auftretende, schon ihr halbes Leben auf dem Thunersee als Kapitänin arbeitende Mutter Barbara. Wenn sie ihn mit diesem imposanten Boot sieht, wird sie verstehen: Er hat was erreicht.
Was die temporären Hörverluste angeht, so versucht seit Jahren ein bunter Trupp unterschiedlichster Spezialisten eine überzeugende Diagnose zu erstellen. Bisher ist nicht klar, was vorliegt. Frau Doktor Lepple vermutet Morbus Menière, aber wenn Lepple ihn untersucht, gerät Gschwind immer ein bisschen durcheinander, denn Lepple zeigt lächelnd ungewöhnlich viel Zahnfleisch, und einmal meinte Gschwind, Blut gesehen zu haben über ihren Schneidezähnen. Was ihn an Frau Doktor Lepple aber vor allem irritiert, ist ihre schwer durchschaubare Neigung, Humorvolles mit Hochernstem zu verquicken. Gleich bei ihrer allerersten Begegnung nannte sie sich Spezialistin für Spezielles, Abteilung Unheilbares, und schaute ihn dabei an, als verstünde sie sich mit bloßem Auge aufs Röntgen.
Bei Morbus Menière handelt es sich um eine situationsbedingte, stressbasierte, oft mit Schwindel einhergehende Verminderung der Hörfähigkeit. Morbus Menière gilt als nicht mit Medikamenten behandelbar und kann zu dauerhaftem Hörverlust und anhaltendem Schwindel führen. Gemäß Lepple hat auch Vincent Van Gogh darunter gelitten – und sich in einem Wahn von Schwindel und Schmerz einen Teil seines linken Ohrs abgeschnitten.
Was auch immer es sein mag: Tritt es auf, geht es jeweils rasch vorüber. Aber weil sich die temporären Hörverluste seit zwei Jahren häufen, hat Gschwind auf das Drängen Lepples hin jüngst doch eingewilligt, sich einer MRI-Untersuchung unterziehen zu lassen, die aufzeigen soll, ob sich die Sache allenfalls operativ beheben ließe. Die bereits mehrfach von ihm verschobene Untersuchung flößt Gschwind Angst ein, die Vorstellung, den gesamten Schädel millimetergenau abgescannt zu bekommen, ist ihm höchst unbehaglich. Diese Angst verträgt er meist deutlich besser als den Ärger, den Lepple mit ihrem Privathinweis in ihm ausgelöst hat: Was ich Ihnen persönlich und ganz unabhängig vom Ausgang der Untersuchung empfehle, ist eine Reduktion Ihrer Arbeitsbelastung, eine Reduktion auch der Leistung, die Sie von sich selbst erwarten. Gehen Sie runter auf fünfzig Prozent, schlafen Sie viel und machen Sie lange Spaziergänge im Wald. Denkt Gschwind diesen Lepple’schen Satz, steigt augenblicklich nicht nur der Druck in seinen Ohren, sondern es verstärken sich auch die muskulären Spannungen an Armen und Beinen. Eigentlich, so überlegt Gschwind, würde ihm ein Arzt helfen, der ihm nahelegt, mehr und härter zu arbeiten.
Oder wäre es – um zur Situation im Flugzeug zurückzukehren, – endlich an der Zeit, sich von dieser Abhängigkeit von lokalen WLAN-Netze zu lösen? Gschwind aber hasst Gebühren, und auch wenn er jetzt bei Valnoya so viel verdient wie nie zuvor, auch wenn eine dreistellige Roaming-Gebühr nur wenige Promille seines Monatsgehaltes verschlucken würde – er hasst es, für Dinge zu bezahlen, die in der Regel kostenlos zu haben sind. Weil ihn Geld und Wirtschaft immer fasziniert haben, hat er sich angewöhnt, seine Sparsamkeit als Ausdruck einer gesellschaftlichen, intellektuellen Haltung zu sehen.
Als Gschwind wieder in seiner gewöhnlichen Unruhe angekommen ist, klickt er 42 Mal auf den Verbindungsbutton – und atmet erleichtert auf, als er seine Mails endlich empfangen kann. Hillers schickt ihm einen Link zu einem Artikel, in dem sich Heinz Glomme, Präsident des Wirtschaftsdachverbandes, ganz euphorisch gibt: Dank des spektakulären Fundes im Beatenberg zähle auch die Schweiz nun zu den rohstoffreichen Ländern. Das Land stehe vor einer historischen Chance, die es klug zu nutzen gelte. Der Bundesrat hingegen gibt sich vorsichtig: Es brauche vorerst ein umsichtiges Konzept für einen nachhaltigen, landschaftsverträglichen Abbau.
Hillers schreibt: »Was ich dir schon die ganze Zeit dazu schreiben wollte: Hol’ Schaufel und Pickel aus dem Schrank: Sieht aus, als würden wir demnächst unsere erste Mine in der Schweiz eröffnen. Und wer weiß: vielleicht wird es unsere wichtigste!«
Gschwind fühlt sich geehrt, dass Hillers sich die Zeit genommen hat für einen Spruch kollegialer Art. Aber noch weiß Gschwind nicht, ob er diesen Daniel Hillers für einen Schwätzer halten soll. Für einen, der hoch abhebt, um daraufhin unsanft zu landen. Hillers ist halb Engländer, halb Däne, ein großer und breiter Mann, der nicht so recht zu den Krawatten passen will, die er trägt, der eher so wirkt, als würde er auch mal eine Bierflasche mit den Zähnen öffnen. Immerhin aber leitet Hillers nun schon seit vier Jahren diesen Valnoya-Laden; ein paar Dinge wird er schon richtig machen.
Dass mit Rapacitanium viel Geld zu verdienen ist, weiß Gschwind auch ohne Hillers: Die besten und teuersten der herkömmlichen Autobatterien lassen sich in 20 Minuten auf 80 Prozent ihrer Kapazität laden. Mit den neuen Rapacitanium-Batterien sind in zwei Minuten fast hundert Prozent erreicht. Damit hat Rapacitanium die Elektromobilität global revolutioniert. Nicht nur die Mobilität: Sämtliche Batteriehersteller verlangen jetzt nach Rapacitanium, und die Menschen wollen jetzt ein Telefon, das in zwei Minuten vollständig geladen ist. Dass eine derartige Batterie nach etwa 600 Ladevorgängen mehr oder weniger unbrauchbar wird und sich nicht recyclen lässt, nehmen sowohl Hersteller als auch Konsumenten als vernachlässigbaren Nachteil hin.

KAPITEL 3
Schon fast dunkel ist’s, als Pascal Gschwind am Flughafen der kleinen Insel in ein Taxi steigt, sich hineinbegibt in den dämmrigen, nach Duftbäumchen stinkenden Bauch des Wageninneren und sich dahinschaukeln lässt. Um seine Müdigkeit vor sich zu rechtfertigen, zählt Gschwind die Stunden, die seit seinem Aufbruch in Mufulira vergangen sind, zählt und rechnet, beginnt nochmals von vorn, und weil er die Sache aufgrund der Zeitzonen nicht klar zu fassen bekommt, fühlt er sich zusätzlich berechtigt, hundemüde zu sein.
Nochmals Nachrichten überfliegend, Sätze aufschnappend über die anhaltende Trockenheit in der Schweiz, über leere Stauseen, sonnenversengtes Gemüse, wassersparende Maßnahmen in der Industrie und über die Diskussion, wann aus einer anhaltenden Trockenheit eine Dürre wird, merkt Gschwind, wie wenig er noch aufzunehmen vermag, wie schwer seine Augen bereits sind, wie er ganz Passagier wird; seinetwegen könnte ihn der Chauffeur jetzt nach Hause fahren, egal, wie lange das dauerte, in die Schweiz, nach Oberhofen an den Thunersee, zu seiner Rina, die er mit einem Mal schmerzlich vermisst, zu seiner Rina, mit der er sich nun gerne vernachrichtlichen würde, wie sie das nennt. Verliebte Zeilen möchte er hin und her schieben, ihr einen schriftlichen Kuss auf den Bildschirm und in den Nacken legen, sie fernschriftlich umgarnen, an seine Seite und an seine Haut holen. Wahrscheinlich sitzt sie behaglich in ihrem Korbsessel, auf ihrem Lieblingsplatz, den Blick in einem Buch und zwei, drei Finger in den Locken. Katzengleich in ihren Korbsessel geschmiegt, wo er sie gerne küssen und in ihren Wintergartlichkeiten zärtlich unterbrechen möchte.
Jetzt, übermüdet in der Krippe der Taxirückbank liegend, regt sich in seinem Mund, regt sich in seiner Mitte eine dunkle Sehnsucht nach ihrem Körper, nach ihrer zart küssenden Zunge; eine gute Portion Rinalismus wäre nun das Richtige. Während seiner Zeit bei der Suissecom war das schon so und ist es auch jetzt, da er für Valnoya permanent reisen muss: Es bietet sich ihnen nur selten Gelegenheit für Erotisches. Dass sie sich im Alltag kaum sehen, betrachtet er jedoch als anziehungserhaltenden, als eheverlängernden Kollateralnutzen seines Jobs. Er schaut sie gerne an, hat sie gerne vor sich, in Kleidern oder nackt, die Unterarme schamvoll beschützend vor ihren Brüsten, die Hände vor dem Schlüsselbein; er liebt es, wenn sie in Erregung gerät, wenn sie ihn herausfordert.
Aber sein Kopf fühlt sich leer an, sein Sprachzentrum verdorrt, es bleibt bei der Sehnsucht, auf der Rückbank des Taxis ihre körperliche Nähe zu fühlen, ihre Haut, ihre Fingerspitzen, ihre lasziven Lippen, wie sie sie nennt in selbstbewussten Momenten, ihre Luxuslippen (les deux), in anzüglichen Momenten.
Rinalismus aber ist keiner möglich auf dieser Taxirückbank und deswegen schließt Gschwind die Augen und berührt zärtlich seinen Ehering, benetzt mit seiner Zungenspitze die Lippen.
Wiegengleich schaukelt das Taxi durch die Vorortsstraßen. Mehrmals nickt Gschwind ein, wobei sich sein Mund öffnet, Arme und Beine leicht zucken, mehrmals erwacht er, etwa wenn es im Taxi an einer Ampel still wird, die Schläfe an der Scheibe, einen Traumfetzen hinter den Lidern. Gerne möchte er sich darüber beschweren, dass er auf der Rückbank sein Telefon nirgends aufladen kann, aber er will sich beim Fahrer für dessen Schweigen bedanken, indem er selber schweigt.
Der nächste Traum schickt ihn in eine Situation mit seinem Sohn Levin, der sich ein Baumhaus baut und nicht mehr herunterkommen will. Pascal sieht den 18-Jährigen glücklich im Baumhaus, ärgert sich aber über dessen Erklärung, er habe, hier oben, jetzt alles, was er benötigt, und werde nie mehr runterkommen. Nie mehr. Es vergehen Stunden, Tage gar, aber egal, wie sehr sich Pascal auch bemüht, wie innig er auch, unter dem Baumhaus stehend, bettelt und wirbt und erklärt, mit der Feuerwehr droht und mit der Polizei: Sein Levin bleibt oben und glücklich. Er sagt, er brauche keine Schule, kein Essen, schon gar keinen Vater; er habe alles Nötige in seiner Baumkronenwelt, und er, Gschwind, schaut zu Levin hoch und erkennt, sein Sohn hat recht.
Um aus dem Traum zu finden, konzentriert sich Gschwind während mehrerer Minuten auf den Verkehr, auf das Vorwärtsgleiten des Taxis.
Gschwind ist zum ersten Mal auf dieser Insel. Er versteht nicht, inwiefern sie britisch sein soll, ohne zu Großbritannien zu gehören. Was Gschwind deutlich besser einleuchtet, sind die zahllosen Tochtergesellschaften von Valnoya, die auf der Insel angemeldet sind: Steuern für Firmen sind hier niedrig bis inexistent. Und Hillers hat hier, Gschwind hat sich das jüngst erzählen lassen, seinen neuen Privatjet angemeldet. Angeblich kam Hillers aus den USA geflogen und hätte in Douglas ordentlich Steuergelder abdrücken müssen für die Einfuhr dieses Jets in den Luftraum der EU. Direkt am Flughafen aber gründete er mit seinem Jet eine Fluggesellschaft, bei der er nun für jeden Flug ein fiktives Ticket kaufen muss. Da Firmengründungen auf der Isle of Man steuerlich stark begünstigt werden, hat Hillers nun 4,6 Millionen Euro gespart. Und er stellt sich seither gerne als Chef einer Fluggesellschaft vor.
Das Taxi hält; der Chauffeur gibt Gschwind zu verstehen, dass sie angekommen sind. Gschwind schält sich aus dem Halbschlaf und drückt dem Fahrer, was er sonst in Taxis nie macht, ein Trinkgeld in die Hand. Leute, die einer schlechtbezahlten Arbeit nachgehen, so Gschwinds Meinung, sollten nicht durch Trinkgelder verführt werden, länger bei ihrem Job zu bleiben.
Schief und verknittert steht Gschwind in der warmen Abendluft, mit kleinen Augen schaut er sich um: die Hauptstadt der Isle of Man ist ein Dorf. Verglichen mit Sambia, wo er sich eben noch durch die dichtesten Menschenansammlungen hat drücken müssen, wirkt das hier wie ein Freilichtmuseum nach Besuchsschluss.
KAPITEL 4
Das lediglich von vier Sternen gewürdigte Hotel Sefton macht auf Gschwind durch seine Lage direkt am Meer und durch seine prunkvolle Fassade einen luxuriösen Eindruck.
Nun, da er auf den Eingangsstufen zu sehen ist, da sich beobachten lässt, wie er die Lobby durchquert, soll die Frage erlaubt sein, ob Gschwind nicht vielleicht ein bisschen hinkt. Aber es ist einfach das eine Bein, das nicht jenen Schwung entwickelt, der im anderen Bein zuhause ist. Und Augenblicke später, da er sich an der Rezeption meldet, seinen Namen nennt und nach der für Valnoya reservierten Bar fragt, müsste sich die Frage anschließen, ob er nicht etwa stottere. Aber es ist schlicht sein Mund, der, wenn Gschwind müde ist oder nervös, ganz rasch zwei- oder dreimal jene Silben wiederholt, mit denen ein Satz beginnt.
Gerne möchte Gschwind kurz in seinem Zimmer verschwinden, den Timer auf 90 Sekunden stellen und sich mit einem Power nap von der Reise erholen, ehe er sich ins Meeting wirft. Allerdings vernimmt er schon an der Rezeption stehend eine bunte Mischung ihm bekannter Stimmen: Gleich im Raum neben der Lobby hat sich das Board of Directors von Valnoya versammelt; es sind auch ein paar Valnoya-Figuren eingeladen, die nicht zum Verwaltungsrat zählen, so wie Gschwind, und es ist erwartungsgemäß Hillers’ Stimme, die sich am besten heraushören lässt.
Als Gschwind die Bar betritt, wird er feierlich empfangen; aufgrund des Schweizer Rapacitaniums herrscht ansteckende Euphorie. Es ist das erste Mal, dass Gschwind den seiner körperlichen Fülle zum Trotz doch auch sportlich wirkenden Hillers in angeheitertem Zustand vor sich hat, mit Schweißperlen auf der breiten Stirn, es ist auch das erste Mal, dass er von ihm mit einer Umarmung begrüßt wird.
Während einer gar nicht so kurzen Weile steht Gschwind im Mittelpunkt; alle loben ihn für den von Bundesrat Gadellier aus Mufulira abgesandten Tweet, alle beglückwünschen ihn, den Bundesrat derartig um den Finger gewickelt zu haben, und Hillers schwingt sich gar mit rudernden Unterarmen zu der Behauptung auf, Gschwind habe damit mehr für das weltweite Ansehen Valnoyas erreicht als die seit zwei Jahren forcierte Nachhaltigkeitskampagne.
Pascal Gschwind fühlt sich hineingetauft in eine Gemeinschaft von Auserwählten. Ihm wird warm, er wischt sich Schweiß aus dem Gesicht, die lobenden Worte dringen tief in ihn ein.
Es beglücken Gschwind diese Komplimente auch deshalb besonders, weil ihn die neue Anstellung bei Valnoya häufig stark belastet; wieder und wieder hat er in den ersten Wochen geglaubt, er sei seiner Aufgabe möglicherweise nicht gewachsen. Verglichen mit dem, was bei Valnoya von ihm erwartet wird und was insgesamt auf dem Spiel steht, war sein vormaliger Job bei der Suissecom nichts als ein Sandkastenspiel. Die Suissecom, so denkt er heute, gab sich nach außen hin stets ungemein dynamisch; die Geschäftsleitung setzte sich aus blasierten Schönrednern zusammen, die mit ihrem Gebaren und mit großen Worten davon abzulenken versuchten, dass die Suissecom faktisch noch immer ein Staatsbetrieb ist, ein von Ambitionslosigkeit geprägter Laden mit gesetzlich garantierter Monopolstellung. Bei Valnoya hingegen ist überhaupt nichts staatlich, und wenn irgendwo auf Sumatra 50 Asiaten in einer heruntergekommenen Mine, die sich mit einem vernünftigen Aufwand nicht besser organisieren lässt, verschüttgehen, wenn irgendwo im Norden Kanadas Leitungen vereisen und infolge dessen 300 Arbeiter eine halbe Woche lang gelangweilt in ihren Baracken hocken und dennoch entlohnt werden müssen, oder wenn im Kongo bürgerkriegsbewegte Guerilla-Soldaten eine Mine überfallen, weil sie Mittel benötigen für neue Waffen, dann zeigt sich das Risiko, das Valnoya einzugehen bereit ist. Ein brutal großes Risiko, das im besten Fall mit einem fantastischen Gewinn honoriert wird.
Diese geschäftlichen Risiken, mit denen der breitschultrige Hillers jeden Tag zu tun hat, berauschen Gschwind; jetzt derart deutlich zu fühlen, dass er Teil von Valnoya geworden ist, erfüllt ihn mit Stolz. Tatsächlich hat er bereits vergessen, dass er seit mehr als 24 Stunden ohne Schlaf ist. Er spürt nur noch, dass er sich zugehörig fühlen darf, er fühlt, Hillers wäre wohl nicht abgeneigt, ihn mit einer Lohnerhöhung zu adeln.
Mufulira ist für den Rest des Abends kein Thema mehr, denn bald drehen sich die lauter werdenden Gespräche nur noch um das am Nordufer des Thunersees entdeckte Rapacitanium. Alle sind sich einig, allein die Aufspürung der Seltenen Erde gleiche einem Märchen: Da finden zwei Hobbyhöhlenforscher per Zufall einen speziellen Stein, überreichen ihn einer befreundeten ETH-Geologin, worauf ihn diese erst in ihrer Wohnung herumliegen lässt, immer wieder erwägend, ihn in den Vorgarten zu schmeißen. Wochen später erst entscheidet sie, ihn petrochemisch untersuchen zu lassen – und glaubt erst an einen Irrtum, als das Labor hohe Anteile von Rapacitanium ausweist, jenem Seltene-Erde-Metall, das für den Bau rasch aufladbarer Batterien unentbehrlich geworden ist.
Diese Geologin, Gabriela Hollenstein, behält die Sensation vorerst für sich, schickt Wissenschaftler in die Beatus-Höhlen – und kommt erst jetzt, zwei Jahre später, mit Fakten an die Öffentlichkeit: Das Gestein dieses unscheinbaren Berges am Thunersee enthält Rapacitanium von einer Qualität, die jene der vom Weltmarktführer China gehandelten Ware deutlich in den Schatten stellt.
Die Schweiz muss demnach ein paar Kapitel ihrer Erdgeschichte neu schreiben. Wesentlicher aber ist, dass sie ihre wirtschaftliche Zukunft neu schreiben kann: Das kleine Land in der Mitte Europas zählt nun zu jenen Ländern, die über einen international stark nachgefragten Rohstoff verfügen.
Das Valnoya-Board diskutiert hitzig über die wirtschaftlichen Chancen, die das helvetische Rapacitanium eröffnet. Vor allem der schwer schwitzende, blitzschnell denkende Hillers kann sich kaum bremsen und hört nicht auf zu schimpfen über die lahmen Politiker, die nun Angst hätten, ihre latent grün denkende Wählerschaft zu verlieren, und er hört nicht auf, all jene zu loben, die im Windschatten des Wirtschaftsdachverbandes fordern, so rasch wie möglich mit dem Abbau des Rapacitaniums zu beginnen.
Andere Verwaltungsratsmitglieder schlagen in die gleiche Kerbe: Sie ärgern sich über Geologin Gabriela Hollenstein, die überall von der großen Verantwortung schwafle, welche der Schweiz nun aufgebürdet sei, sie ärgern sich über die Medien, die nicht müde würden, Hollensteins oft wiederholte Aussage zu verbreiten, der wichtigste Rohstoff der Schweiz bleibe ihre Natur, ihre intakte Landschaft.
Je länger sich der Abend hinzieht, je länger die Männer über die globale Rohstoffsituation sprechen, über verschiedene, sich auch im Rohstoffsektor langsam durchsetzenden Ökolabels, über den öffentlichen Druck einer zunehmend ökologisch bewusst handelnden Gesellschaft, desto deutlicher versteht auch Gschwind, wie bedeutsam der Umgang mit dem helvetischen Rapacitanium für die Geschäfte von Valnoya werden wird.
Die Runde ist längst beim Cognac angekommen, als Ulo Tanyeri, ein sonst eher zurückhaltender, sich mit afrikanischen Zinkminen bestens auskennender Gentlemen aus Johannesburg, laut auf den Tresen klopfend vorschlägt, Gschwind solle doch – als einziger gebürtiger Schweizer der Runde, als Einziger mit lokalem Wissen – möglichst umgehend den gesamten Beatenberg kaufen, damit Valnoya später, falls sich zeige, dass der Berg wirklich auch genügend Rapacitanium hergeben werde, seine Mine unter günstigen Bedingungen aufbauen könne.
Die Runde verstummt, alle Augen richten sich auf Gschwind.
Gschwind hat von dieser Praxis gehört: Man schickt in ein wertvolle Rohstoffe enthaltendes Gebiet einen unscheinbaren Strohmann, lässt ihn, mit welchen vorgeschobenen Interessen auch immer, das Land kaufen, und ein, zwei Jahre später, wenn das Projekt reif ist, kauft Valnoya das Land dem Strohmann zu einem Spottpreis ab und beginnt zu baggern. Auf diesem Weg spart sich Valnoya Kosten und vor allem juristischen Ärger.
Gschwind nimmt zwar wahr, wie alkoholisiert Tanyeri ist, dennoch irritiert es ihn zu sehen, dass dieser Kollege allen Ernstes annimmt, eine Geschäftspraxis wie diese funktioniere auch in der Schweiz. Gschwind fühlt seinen Puls steigen und hofft, dem hierarchisch höherstehenden Tanyeri, immerhin Mitglied des Verwaltungsrates, nicht erklären zu müssen, dass es in der Schweiz durchaus ein paar Gesetze gibt, die das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt stehen.
Erwartungsvoll blickt Gschwind zu Hillers, dessen rhetorisches Geschick Abhilfe schaffen könnte. Hillers aber schweigt, lässt dann sein schweres, schweißnasses Haupt ein Nicken andeuten, verengt wie immer, wenn er sich Wichtiges zu sagen anschickt, die Augen zu schmalen Schlitzen, und gibt nach einer bedeutungsschweren Pause, in der sich Gschwinds Ohren bereits mit einem Rauschen füllen, mit alkoholverziertem Schwung Tanyeri recht und behauptet, das sei die Idee des Abends: »Jawohl, Gschwind kauft für Valnoya den Beatenberg! Und legt damit den Grundstein für einen erfolgreichen Abbau des schweizerischen Rapacitaniums.«
Endlich im Bett, es ist bereits tiefe Nacht, gleitet Gschwind in einen überdeutlichen Traum: Er muss sich aufgrund seiner Ohren einer komplizierten Untersuchung unterziehen. Die Ärzte zeigen sich überrascht vom Resultat. Derart überrascht, dass sie erst gar nichts sagen wollen. Sie lassen ihn lediglich wissen, es sei die Untersuchung zu wiederholen, womöglich liege ein technisches Problem vor. Und schieben ihn ein zweites, ein drittes Mal durch die Röhre. Generalstabsmäßig stramm steht Frau Doktor Lepple da und lächelt zahnfleischrot ihr schiefes, überlegenes Lächeln. Gschwind weiß genau, es liegt überhaupt kein technisches Problem vor, auch ist es überhaupt nicht meistens reine Interpretationssache, nein, es liegt eine Absonderlichkeit vor, und diese befindet sich in seinem Hirn. Etwas nie Gesehenes ist dort entdeckt worden, und nachdem man ihn ein viertes Mal durch die Röhre geschickt hat, sieht Gschwind triumphierende Ärztegesichter: Sie haben in seinem Schädel, gleich hinter den Ohren, Rapacitanium gefunden. Am nächsten Tag steht es in allen Zeitungen, alle Sender berichten von diesem sensationellen Fund, und der schwitzende, breitschultrige Daniel Hillers erklärt in einem Interview auf zugängliche, sympathische Weise, es sei dies ein Glücksfall für eine Rohstofffirma, und er wäre erfreut, auch bei anderen Mitarbeitern im Hirnareal Rohstoffe zu finden.
Darauf angesprochen, dass es gewiss nicht einfach werde, das Rapacitanium aus dem Schädel herauszubekommen, ohne den Mitarbeiter zu verletzen, antwortet Hillers, er vertraue auf die Möglichkeiten der zeitgenössischen Medizin. Übrigens handle es sich bei Gschwind um einen überaus loyalen Mitarbeiter; er zweifle keinen Augenblick, dass Gschwind alles tun und geben werde, damit Valnoya an sein Rapacitanium gelange. Aufgrund bereits bestehender Komplikationen im Gehör des Mitarbeiters werde es für diesen eine Erleichterung sein, sich die Ohrmuschel, die man sich wie eine verwachsene, ins Hirn eindringende Höhle vorzustellen habe, operativ verändern zu lassen.
Gschwind erwacht verstört, reibt sich den Kopf, betastet seine Ohren. Er benötigt eine Weile, um sich von den Traumgespinsten zu lösen und in seinem steril wirkenden Hotelzimmer anzukommen; er fühlt sich matt und entkräftet. Ihm ist, als wäre im Schlaf etwas Ungehöriges mit seinem Hirn geschehen. Einmal mehr fühlt er sich leise dazu gedrängt, an seiner psychischen Gesundheit zu zweifeln, und er vermutet, es bedeute nichts Gutes, derart intensiv zu träumen.
Zackig steht er auf, um Distanz zu schaffen zu diesem Traum.
Vier Stunden hat er sicher geschlafen, vielleicht sogar fünf, und zusammen mit dem restlichen Alkohol pulsieren noch die Komplimente vom Abend durch Gschwinds Blutbahnen. Am liebsten würde er Hillers gleich anrufen, diesen betrunkenen Hillers, der sich wünscht, er, Gschwind, würde den Beatenberg kaufen. Gschwind ist klar, der nüchterne Hillers wird ganz anders über die Sache denken.
Willensstark absolviert Gschwind 25 Liegestützen und stellt sich unter eine eiskalte Dusche; eine zuverlässige Methode, nach schlechten Nächten wach zu werden.
Blass im Gesicht, im weitläufigen Frühstückssaal des Hotels sitzend, kaut Pascal Gschwind an einem welken, nach Verpackungsindustrie schmeckenden Buttercroissant. Das Messer in der Hand, den zweiten doppelten Espresso in der Tasse, liest er erneut über die anhaltende Trockenheit, unter der die Schweizer Landwirte angeblich zu leiden haben. Er liest, dass Helikopter Wasser hochfliegen zu den Alpweiden, damit das Vieh nicht verdurste, er liest von Ertragsausfällen und starkem Schädlingsbefall bei Gemüse und Getreide, er liest von sinkenden Seespiegeln, trockenen Mooren und sterbenden Amphibien; angeblich alles Folgen der fortschreitenden Klimaerwärmung.
Was ihn deutlich mehr interessiert, ist die Nachricht von japanischen Wissenschaftlern, die auf dem Boden des Pazifischen Ozeans Rapacitanium entdeckt haben. Die Forscher schätzen den Umfang des Vorkommens auf ungefähr 100 Milliarden Tonnen. Das begehrte Metall soll sich in einer Tiefe von 3500 bis 6000 Metern befinden, in internationalen Gewässern, östlich und westlich von Hawaii und östlich von Tahiti. Ob sich das Rapacitanium tatsächlich aus dem Meeresboden holen lasse, sei unsicher. Zwar ließen sich die Vorkommen mit Säure aus dem Boden waschen, doch dafür müsste der Schlamm hochgepumpt werden. Ob dies technisch möglich und wirtschaftlich tragbar sei, bleibe fraglich. Zu den ökologischen Folgen der Gewinnung von Rapacitanium machten die Wissenschaftler keine Angaben.
Zufrieden lässt Gschwind die Meldung eine Weile auf dem Display leuchten: Zu wissen, dass das im Beatenberg liegende Rapacitanium einfacher und ökonomisch sinnvoller zu gewinnen sein wird, macht ihm gute Laune. So einfach, wie Tanyeri sich das vorstellt, wird es allerdings nicht gehen.
Gschwind blickt auf seine in Platin gehaltene, leider keinen Schleppzeiger aufweisende Patek Philippe, beißt nochmals in das entkräftete Croissant und sinniert darüber, dass Hillers keinen Begriff von den Schweizer Verhältnissen hat. Abgesehen davon, dass er in Gstaad eine vielleicht zwei Mal jährlich für zwei Wochen bewohnte Villa besitzt, wo er mit seinem Privatjet bis fast vor die Haustür fliegen kann, und abgesehen davon, dass er sich hin und wieder im Hauptsitz seiner Firma blicken lässt, damit dort nicht vergessen werde, wer der Chef ist, hat Hillers kaum etwas mit der Schweiz zu tun, bewegt sich ausschließlich auf dem internationalen Parkett und kennt eigentlich kein anderes Gesetz als das des Kapitals.
Kaum hat Gschwind diesen Gedanken halbwegs vollzogen, taucht am Frühstücksbuffet tatsächlich Daniel Hillers auf, und Gschwind muss unwillkürlich an einen Rinderzüchter denken, während er Hillers robuste Lederstiefel betrachtet. Als er seinen am Buffet stehenden und das Angebot prüfenden Chef mustert, wandern seine Gedanken vom Rinderzüchter zu einem sympathisch-altmodischen Banditen, der mit der Kraft der eigenen Hände und mit ein wenig Grips aus dem Knast getürmt ist und sich nun, euphorisiert von der selbst errungenen Freiheit, in wilde Taten stürzt.
Dem Buffet den Rücken kehrend, steuert Hillers unvermittelt auf Gschwinds Tisch zu. Gschwind fühlt sich ertappt. Nicht nur, weil er das Gefühl hat, Hillers habe bemerkt, dass er ihn beobachtet und in Gedanken wahlweise als Rinderzüchter oder Banditen diffamiert hat, sondern vor allem, weil er vermutet, Hillers würde glauben, es sei arbeitsfaul, derart lange zu frühstücken.
Eilends streckt Gschwind seinen Rücken durch und befürchtet, noch Schlaf in den Augen zu haben, da steht Hillers bereits vor ihm. Hillers begrüßt ihn auf das Freundlichste, setzt sich gut gelaunt an seinen Tisch und verbindet sich mit ihm durch einen aufmunternden Blick. Gschwind wischt die Scham weg, seinem Chef zerknittert gegenüberzusitzen. Er fühlt, Hillers ist voller Wohlwollen, und die eben noch in Gschwind wirksame Anspannung verwandelt sich umgehend in eine angenehme Neugierde.
Euphorisch schildert Hillers, er habe vergangene Nacht von einem Mittelsmann zur ETH erfahren, das Rapacitanium im Beatenberg erreiche in allen bisherigen Proben einen Anteil von bis zu 17 Prozent im Muttergestein. Deutlich mehr als in den besten Minen Chinas.
Hillers strahlt derart, dass Gschwind für einen Moment glaubt, er warte nur darauf, von ihm umarmt zu werden.
»Und noch wichtiger«, fährt Hillers etwas lauter fort: »Die Proben, das hat die vertrackte Hollenstein bisher verschwiegen, sind über insgesamt vier Quadratkilometer verteilt entnommen worden, und jede einzelne Probe weist Rapacitanium auf. Die Mine wird also nicht klein sein, im Gegenteil: Es sieht schwer danach aus, als könnten wir den ganzen Berg abbaggern!«
Als er diesen Satz sagt, ballt Hillers seine Fäuste wie ein Elfmeterschütze nach einem Torschuss.
»Es ist genau so, wie Tanyeri gestern proklamiert hat«, schließt Hillers und schaut Gschwind dann eindringlich an, neigt sich zu ihm vor und sagt leise und bedeutungsschwanger: »Wir brauchen dieses Land, koste es, was es wolle. Und du wirst es uns unter den Nagel reißen!«
Gschwind, bis eben gerade tatsächlich drauf und dran, Hillers um den Hals zu fallen, weicht unwillkürlich zurück. In seinen Stuhl gelehnt, sucht er in den Augen seines Gegenübers verzweifelt nach einem Hinweis auf Ironie, nach einem wie winzig auch immer ausfallenden Zwinkern, mit dem Hillers signalisieren würde, es sei natürlich Unfug zu glauben, man könne in der Schweiz, was Landnahme angeht, ähnlich vorgehen wie in Afrika.
Aber Gschwind findet auf der Hillers’schen Gesichtsleinwand keinerlei Signale der Ironie, und das nächste, was Hillers in euphorischem Ton von sich gibt, ist die Frage, wann er mit Neuigkeiten von ihm rechnen dürfe. Es gehe ja erst einmal darum, herauszufinden, wem das Land gehöre, unter dessen Boden man das Rapacitanium gefunden habe.
Blockiert durch diesen komplett unrealistischen Auftrag, zweifelt Gschwind kurz an Hillers Intelligenz. Fragend blickt er zu den breiten Wangen, zum kräftigen Unterkiefer, blickt suchend hinein in dieses Bauarbeitergesicht – und hält Hillers für einen umwerfend guten Schauspieler.
Hillers wartet auf seine Replik, und Gschwind nimmt innerlich Anlauf. Er weiß, er wird ein bisschen stottern, seine Anspannung verraten, aber er rafft sich auf zu einem klaren Blick und hört sich sagen: »In acht … acht … 48 Stunden hast du einen ersten Bescheid.«
Hillers hält kurz inne, als sei es nötig, die gestotterten Silben an sich vorbeiziehen zu lassen, dann umfasst er mit beiden Händen Gschwinds Rechte und schüttelt sie so energisch, dass Gschwind befürchtet, er wolle ihn doch vielleicht wachrütteln.
Schließlich erhebt sich Hillers schwungvoll vom Tisch, verzieht seine fleischigen Banditenlippen zu einem Lächeln, wünscht Gschwind Erfolg und eilt energisch davon.
Gschwind atmet aus. Den Satz mit den 48 Stunden hat er vor Jahren in einem Managerseminar gelernt; angeblich klingen 48 Stunden deutlich strebsamer, als wenn man von zwei Tagen spricht.
Gschwind stützt sein Gesicht in die Hände, sammelt sich und lässt die Scham vergehen, die sein Stottern ihm beschert. Dass es in solchen Situationen selten ohne den Sprachfehler geht, kann er sich verzeihen.
Während er das restliche Croissant isst, versucht Gschwind, seine Gedanken zu sortieren. Er ist überzeugt, Hillers versteht durchaus, wie unmöglich es ist, in der Schweiz einen Berg zu kaufen. Hillers weiß aber umso genauer, wie wichtig es ist, nur die tauglichsten Leute um sich zu versammeln. Das allein, so ist Gschwind jetzt überzeugt, erklärt dessen Verhalten.
Gschwind versteht allmählich: Offenbar hätte er sich nicht erlauben dürfen, bei der Zusage durch die Personalabteilung Freude aufkommen zu lassen. Diesen neuen Job bei Valnoya – er hat ihn noch gar nicht. Hillers zeigt ihm, er befindet sich erst in der Probezeit.
Einerseits hält Gschwind Hillers’ Verhalten für höchst manipulativ und verwerflich. Andererseits findet er, dass sich ein Firmenchef, der es zu etwas bringen will, genau so zu verhalten habe.
Voller Wut auf diesen Hillers und ihn gleichzeitig bewundernd, wischt sich Gschwind mit einer Serviette den Mund ab und steht auf.
Im Zimmer, wo er sich frisch macht und seine Sachen packt, begegnet er kurz seinem Spiegelbild, dem er vorwirft, doch ein dummer romantischer Kerl zu sein. Geschwind fühlt, er will nicht nur diesen Job, er will auch die Freundschaft von Hillers.

KAPITEL 5
Zwei geräumige Sitzplätze kann Gschwind auf diesem Flug für sich allein beanspruchen; Tanyeri, der hätte mitfliegen sollen, musste kurzfristig nach Mosambik, Hillers reist mit seiner privaten Maschine via Gstaad nach Singapur, alle anderen verteilen sich über den gesamten Globus. Gewiss hätte er Tanyeri Erhellendes über die hierarchisch geordneten Verästelungen innerhalb der Geschäftsleitung entlocken können, und vielleicht hätte Gschwind gar den Mut aufgebracht, Tanyeri zu fragen, ob Hillers dafür bekannt sei, neue Mitarbeiter mit unmöglichen Aufträgen unter Druck zu setzen. Gut möglich aber, dass die kulturellen Unterschiede zwischen ihm und Tanyeri zu groß sind; helfen würde ihm sein Kommentar wahrscheinlich nicht.
Gschwind bestellt bei der Flugbegleiterin einen zweiten doppelten Espresso und fragt sich, wer ihm wohl in der Angelegenheit behilflich sein könnte. Gerne möchte er seiner schöngelockten Rina alles erzählen, aber seit geraumer Zeit will es ihm nicht mehr gelingen, bei ihr für seine beruflichen Themen Interesse zu wecken.
Ein Anruf unterbricht ihn; Bahnsen ist am Apparat, der Fondsmanager seiner Privatbank. Bahnsen gibt Gschwind die neuesten Entwicklungen durch, nennt Zahlen und Risiken, erwähnt kurz die Hintergründe. Heute steht die anhaltende Trockenheit in der Schweiz im Mittelpunkt der Kalkulationen; sie zeigt wirtschaftlich erste Folgen, der Wert der Wasserkraft sinkt. Gschwind nickt, denkt nach und begrüßt den ihm vorgeschlagenen Investitionskurs.
Kaum ist das Telefonat beendet, passiert, was in letzter Zeit immer häufiger passiert, nachdem Fondsmanager Bahnsen angerufen hat: Gschwind wird bewusst, dass er von Bahnsens Talent, klar, positiv und überaus schnell zu sprechen, mitgerissen worden ist in so etwas wie einen Strudel an Zuversicht. Weil Bahnsen extrem schnell spricht, sich kaum erlaubt, die Wortendungen auszusprechen, scheint es unmöglich, sich für eine wohlüberlegte Antwort Zeit zu lassen. Überhaupt hat er inzwischen den Eindruck, sämtliche Telefonate mit Bahnsen müssten, da dieser ansonsten extrem Wichtiges an der Börse verpassen könnte, so kurz wie nur irgend möglich gehalten werden, und erst jetzt, nach dem erfolgten Gespräch, stellt sich bei Gschwind das Gefühl ein, er hätte sich die soeben erhaltenen Informationen mit einer App auch selbst besorgen können. Mit einer App, die wesentlich günstiger arbeitet als der rasante Bahnsen. Dass der Kurswert von Wasserkraftwerken sinkt, wenn es nie regnet, würde doch auch einer App in den Sinn kommen. Was Gschwind besonders ärgert, ist der Umstand, dass der steigende Gewinn seines Portfolios auch das Honorar Bahnsens in die Höhe treibt – obwohl dieser ja kaum mehr Arbeit verrichtet. Er nimmt sich vor, diese Sachlage baldmöglichst zu ändern.
Zerstreut überfliegt Gschwind nun ein paar Nachrichten, bleibt kurz bei einigen Zeilen zu den Finanzmärkten in Asien hängen, wo der in die Höhe geschnellte Ölpreis angeblich eine gefährliche Inflationsspirale in Gang gesetzt hat, dann wischt er die Nachricht weg, die über die großen, von einer deutschen Firma ins Auge gefassten Lithiumvorkommen in Bolivien berichtet. In der Schweiz hingegen ist offenbar – abgesehen vom neuen Rapacitanium – nach wie vor nichts interessanter als das Wetter: Es wird berichtet, das Land erlebe den heißesten und trockensten September seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen, es heißt, die Schweiz erlebe eine Dürre. Gschwind will sich schon über diese Wortwahl ärgern, als ihn mit einem feinen Ton eine neu eintreffende Mail ablenkt; sie ist unwichtig, bringt ihn aber zu den übrigen Mails, die ihn daran erinnern, wie viel zu dem Thema Peru noch zu erledigen ist.
Er fragt sein Team an der Schutzengelstraße, ob taugliches Bildmaterial vorhanden sei über die Mine im peruanischen Cerro de Pasco. Für die Website benötige er unbedingt Bilder zufriedener Arbeiter, zufriedener Stadtbewohner, Bilder auch von der extra von Valnoya für die vertriebenen Familien gebauten Siedlung, mit Krankenhaus und Schule. Gschwind ist überzeugt, dass niemand, der das sieht, noch behaupten könne, Valnoya nutze die indigene Bevölkerung aus: Klar ist doch, diese Menschen wären ohne Valnoya arbeitslos, hätten kein Geld, kaum eine medizinische Versorgung und müssten in völliger Armut in lausigen, von Abfall umgebenen Bretterhütten wohnen.
Unsicher, ob die Leute an der Schutzengelstraße überhaupt verstehen, wie wichtig die Angelegenheit ist, sucht Gschwind selber nach Bildern. Eine neue Mail trifft ein; nochmals darf er Lorbeeren ernten für seinen Sambia-Besuch mit Bundesrat Gadellier. Er löscht die lobende Nachricht nicht.
Pascal Gschwind ist froh, dass dieser Flug nur zwei Stunden dauert, froh, dass die Internetverbindung stabil ist. Zufrieden stellt er fest, dass er dank der Zeitzonen eine Stunde Arbeitszeit gewinnt. So sollte es möglich sein, heute noch fünf Stunden im Büro zu verbringen. Die Sache mit dem schweizerischen Rapacitanium erlaubt keinen Aufschub. Abermals überblickt er kurz die neuesten Nachrichten: Die helvetische Politik, der Bundesrat und die Öffentlichkeit, die Wirtschaftslobby und die Umweltschützer – hitzköpfig debattiert die ganze Schweiz darüber, was nach dem spektakulären Fund des Rapacitaniums getan oder unterlassen werden sollte.
Online studiert Gschwind die Karten, die das Gelände des Beatenbergs zeigen: Ein hübscher Berg, gelegen am Nordufer des Thunersees; gleich hinter der Beatenbucht steigt der Berg steil und dicht bewaldet an, geht 400 oder 500 Höhenmeter später über in etwas flacheres Gelände und eine Streusiedlung, die erschlossen wird von einer Standseilbahn, und oben, auf über 2000 Metern Höhe, wird der Berg von einem felsigen, sich weit hinziehenden Grat gekrönt.
Anschließend schaut sich Gschwind Karten der Beatushöhlen an und versucht zu verstehen, welche Parzellen des Dorfes direkt über den Höhlen liegen. So schwierig abzuschätzen ist das nicht; die Parzellen sind relativ groß. Wem das direkt über den Beatushöhlen gelegene Land gehört, kann Gschwind jedoch nicht in Erfahrung bringen. Klar ist allein, es handelt sich um landwirtschaftlich genutztes Land: die Satellitenbilder zeigen weidende Kühe.
Gschwind verzichtet darauf, die Gemeindeverwaltung anzurufen. Niemand soll Verdacht schöpfen. Er will persönlich hingehen, möglichst rasch. Und wer weiß, vielleicht wird der Bergbauer sein Land ja verkaufen wollen, wenn er hört, dass genau dort, wo jetzt seine Kühe grasen, bald schon Fördertürme stehen und Lastwagen lärmen werden. Valnoya wird die Sache aus der Portokasse finanzieren, und er, Gschwind, wäre vorerst einmal der rechtmäßige Besitzer – und sichert sich damit bei Valnoya seinen Job.
Diese Überlegungen gefallen Gschwind. Gefallen ihm immer besser. Er fühlt sich bereit, auch herkulische Aufgaben anzunehmen. Egal wie, es wird machbar sein. Er wird Hillers und die anderen vom Business Board nicht enttäuschen. Erst recht nicht sich selbst.
Abermals bestellt er einen doppelten Espresso und blickt zuversichtlich hinab auf die Wolken, diese zarten Hindernisse, die das Flugzeug genial locker hinter sich lässt.

KAPITEL 6
Gschwind sieht es an den von Hillers und von dessen Assistentin Camille de la Rochefoucauld weitergeleiteten Mails: Die Nachricht, die Schweiz verfüge über qualitativ hochwertiges Rapacitanium, schlägt auch in der internationalen Rohstoffszene ein wie eine Bombe: Alle warten darauf, dass die Schweiz ihren neuen Rohstoff liefert. Zahlreiche Handelspartner wollen wissen, wann damit zu rechnen sei, von der Schweiz als Alternative zum chinesischen Rohstoff ein erstklassiges und umweltverträglich produziertes Rapacitanium angeboten zu erhalten.
Während die Valnoya-Aktie steigt und steigt, diskutieren alle zuständigen und weniger zuständigen Ämter des Kantons Bern über ein abgekürztes Bewilligungsverfahren zu möglichen Sondierungsbohrungen. Dies ruft den Schweizerischen Erdbebendienst auf den Plan, der derartige Tiefenbohrungen grundsätzlich als problematisch einstuft. Gschwind überlegt, wieso ihm Fondsmanager Bahnsen nicht empfohlen hat, unverzüglich mehr Valnoya-Aktien zuzukaufen.
Er erstellt sich Notizen, kippt einen weiteren doppelten Espresso, scrollt sich ungeduldig durch Bilder aus Peru, greift dann erneut in die Hirschledermappe zu seinem Telefon: Die Financial Times berichtet über transparente Lieferketten und sich allmählich etablierende Standards für umweltverträglichen Rohstoffabbau; auch die Automobilhersteller seien, so heißt es, bemüht, ihre Ressourceneffizienz zu verbessern. Im Fokus stünden auch hier die für die Batterie notwendigen Seltenen Erden, allen voran Rapacitanium. Das Handelsblatt erwähnt den markanten Anstieg der russischen Stromproduktion aus Kohle, die von einer immer noch zunehmenden Elektromobilität profitiere.
Als er einen im Manager Magazin publizierten Kommentar liest, in dem eine Journalistin behauptet, die Sensibilisierung von Konsumenten für die sozialen und ökologischen Folgen des Rohstoffabbaus nehme zu, ärgert sich Gschwind. Aussagen wie diese hält er für eine typisch journalistische Nebelmaschine: Wie, bitteschön, ist es der Journalistin über Nacht gelungen, Sensibilitäten zu messen? Angesichts ihres Verhaltens ist es den Konsumenten noch immer das Wichtigste, ein schönes und leistungsstarkes Auto zu fahren – das erkennt Gschwind an sich selbst und seinem Tesla am besten.
Gschwind ist erleichtert, als er vier, fünf Meldungen später in demselben Magazin vom ökologischen Problem lesen kann, dass just dann, wenn die meisten Elektroautos aufgeladen werden, nämlich nachts, Kohle als Stromlieferant viel besser dastehe als die alternativen Energien: Nachts scheint die Sonne nicht, die Winde sind flau.
Gschwind denkt an Deutschland, das sich seines Erachtens mit einer verfrühten Energiewende wirtschaftlich arg ins Hintertreffen gebracht hat, und hält die an ihren fossilen Rohstoffen festhaltenden Russen für schlau, deren Wirtschaft Jahr für Jahr besser brummt.
Das macht Gschwind Mut. In seinem Kopf reihen sich diese Nachrichten wie Güterwaggons hinter eine mächtige, auf sicheren Gleisen in eine bestimmte Richtung fahrende Diesellok: Hin zu einer Schweiz, die dank eines auf dem Weltmarkt stark nachgefragten Rohstoffes auch in 50 Jahren zu den reichsten Ländern der Welt gehört. Zu jenen Ländern, die dank ihrer wirtschaftlichen Leistung genügend Mittel haben für einen effizienten Umweltschutz. Die Schweiz wird ihm für sein Engagement in jener Sache keine Medaille um den Hals hängen, auch Hillers wird keine erhalten – aber es wird befriedigend sein, in zehn, 15 Jahren zu fühlen, dass sie diese Medaille im Grunde verdienten.
Dann erreicht ihn eine Nachricht von seiner Frau. Dass ihm Rina um diese Uhrzeit schreibt, ist ungewöhnlich. Normalerweise erlaubt sie sich private Kommunikation erst abends. Kurz blitzt in Gschwind die Hoffnung auf, Rina habe ihm eine erotische Nachricht geschickt, habe wie nebenbei ihre Luxuslippen erwähnt, (les deux), auch weil sie vielleicht darunter leidet, so wenig Zeit mit ihm zu verbringen. Aber die Neuigkeiten, von denen sie berichtet, haben anderes zum Inhalt: Levin hat sich offenbar entschieden, dem Gymnasium fernzubleiben. Seit drei Tagen wohne und lerne er in einer Waldhütte, die er zu einem Schulhaus umfunktioniert habe; er habe selber eine Schule gegründet, sie heiße Back to the fruits. Es sei idiotisch, sage Levin, schreibt Rina, freitags für das Klima zu demonstrieren, den Rest der Woche aber kohlenstoffbasiert zu leben. Mit der neuen Dürre habe der Klimawandel definitiv auch die Schweiz erreicht, und er ertrage es nicht länger, am Gymnasium auf ein Berufsleben vorbereitet zu werden, das allein in einer am Wachstumsgedanken festhaltenden Welt funktioniert. Es brauche einen radikalen Wandel, und mit Back to the fruits werde ein Weg für diesen Wandel beschritten. Vorbei die Zeit, da man Jugendliche auf eine Schule schicken konnte, die nicht auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Pascal Gschwind liest diese Zeilen gleich zweimal, um sie überhaupt zu begreifen. Er ist höchst besorgt; besorgt auch über den gelassenen Ton, den seine Rina anschlägt. Da sie derart ausführlich formuliert, klingt es, als stecke sie mit Levin unter einer Decke, als habe sie sich diese Nachricht von Levin diktieren lassen.
Gestern dachte Pascal voller Sehnsucht an seine Rina, jetzt scheint sie ihm fremd.
Seinen Ehering betrachtend, als könnte er dort eine Erklärung finden, fragt sich Gschwind, ob seine Rina zu viel Yoga mache, ob sie vergessen habe, dass Levin in neun Monaten mit dem Gymnasium fertig sein wird. Dass er ein sehr kluger Junge ist, der sich mit pubertären Ideen dieser Art die Aussicht auf eine Karriere kaputtmacht. Auf eine Karriere, die es auch in einer hin und wieder von Dingen wie einer Dürre heimgesuchten Schweiz noch geben wird.
In einer kurzen Textnachricht will er von Rina wissen, was sie zu unternehmen gedenkt, um Levin zur Vernunft zu bringen. Ehe er den Zweizeiler losschickt, liest Gschwind ihn nochmals, bemerkt den vorwurfsvollen Ton, ändert die Formulierung. Mehr Achtsamkeit im sprachlichen Umgang hatte sich Rina kürzlich gewünscht; das nervt ihn zwar, aber er möchte das gerne einhalten.
Rina antwortet umgehend. Sie schreibt, sie unternehme derzeit nichts, Levin lasse sich sowieso nicht aufhalten. Schon gar nicht von seinen Eltern; damit müssten sie sich abfinden. Im Übrigen sei sie der Meinung, Levin werde mit seinen radikal-ökologischen Ideen entweder grob auf die Nase fallen – oder aber richtig erfolgreich sein.
Pascal liest auch diese Zeilen mehrmals, doch das hilft nichts. Gut möglich, dass Rinas sprachlicher Umgang ein achtsamer ist, aber Gschwind fühlt sich unverstanden und übergangen. Ihr Sohn schmeißt das Gymnasium, und seine Frau denkt, er werde erfolgreich?
Dass seine Rina vom Yoga so ungemein ausgeglichen und offenbar für nichts zu kämpfen bereit ist, geht Pascal entschieden gegen den Strich.

KAPITEL 7
Als die Flugbegleiterin die Passagiere auffordert, sich für den Landeanflug vorzubereiten und alle elektronischen Geräte auszuschalten, starrt Pascal Gschwind auf den Cursor: Jedes Blinken ein mögliches Wort, eine verpasste Chance für einen weiteren Gedanken. Misslaunig klappt er den Laptop zu; nie wird er verstehen, weshalb die Minuten zwischen Anflug und Landung nicht auch Arbeitsminuten sein dürfen.
An Back to the fruits denkend fragt er sich, wie sich sein Sohn von Dummheiten dieser Art fernhalten ließe. Kaum befasst er sich mit Levin, füllen sich seine Ohren mit dem ihm bekannten Rauschen; in seinen Armen kribbelt und zieht es; gerne würde er minutenlang etwas zerknüllen, beschädigen und zerstampfen. Und gerne würde er seinem Sohn seine aktuelle Lohnbescheinigung unter die Nase halten, damit dieser sähe, wie sehr sich Bildung auszahlt.
Der schmale, einen dunklen Dreitagebart tragende Australier kommt ihm in den Sinn, mit dem er auf einem staubigen Parkplatz in Mufulira gesprochen und der ihn gefragt hatte, ob er das auch kenne: Nur zufrieden zu sein, wenn er mehr geleistet habe, als er von sich erwarte. Was natürlich ein bisschen mehr sei, als das, wovon er glaubt, es werde von ihm erwartet, wobei diese eingeschätzte Fremderwartung wiederum ein bisschen höher liege als die tatsächliche – nur, um im Nachhinein zu begreifen, dass der Preis für diese dergestalt um vier Stufen erhöhte Leistung vielleicht doch ein bisschen hoch sei, ein bisschen gesundheitsschädigend?
Vier Stufen: Gschwind fragt sich, ob diese auch jetzt am Werk sind, da er an seinem üblichen Pflichtenheft vorbei als Strohmann für Valnoya landwirtschaftlich genutzte Flächen auf dem Beatenberg kaufen soll.
Durch sein Fenster kann Gschwind die unwirklich scheinenden, schneebepuderten Bergspitzen sehen, über denen das Flugzeug erst eine leichte Schrägstellung einnimmt, bevor es dann deutlich in den Sinkflug geht, während der dunkle Zürichsee und die von schwachen Lichtern übersäte Limmatstadt in sein Blickfeld gelangen. Gut möglich, dass die Landschaft unter ihm tatsächlich ein bisschen weniger grün, ein bisschen weniger saftig aussieht als gewöhnlich. Vielleicht ist an dieser Dürre doch etwas dran.
Gschwind schaut auf seine Patek Philippe und schätzt, es sollte gerade noch reichen für den 32er-Zug zum Zürcher Hauptbahnhof. Falls der Pilot nicht trödelt.
Der schmale Australier: Gschwind hatte ihn gefragt, ob er Psychologie studiert habe; der Australier hatte behauptet, er sei mittendrin. Weil Gschwind nicht bei Laune war, mit einem Typen zu reden, der womöglich das Kunststück fertigbrachte, nebenberuflich einem Studium nachzugehen, hatte er ganz einfach zu fragen verzichtet, ob er das ironisch meinte. Deswegen weiß Gschwind bis heute nicht, ob der Australier wirklich Vorlesungen besucht. Er weiß bloß, dass es nicht möglich ist, einmal gefasste Erwartungen zu senken.
Es dauert, bis sie am Flughafen das vorgesehene Gate erreichen; immerhin darf Gschwind, während der Airbus auf dem Gelände herumrollt, seine Geräte wieder einschalten. BMW hat mit Amperex, dem chinesischen Hersteller von Hochleistungsbatterien, der seit einigen Jahren auch in Erfurt produziert, einen Liefervertrag im Umfang von vier Milliarden Euro abgeschlossen. Woher Amperex Rohstoffe bezieht, wird nicht erwähnt. Die neuen Nachhaltigkeitsstandards könnten BMW aber dazu bringen, kein chinesisches Rapacitanium mehr zu akzeptieren. Diesen Satz lesend klatscht Gschwind begeistert in die Hände und fügt die Nachricht zu seinen Favoriten. Alles, was darauf hindeutet, dass einem zwar kostspieligen, sozial und ökologisch aber positiv konnotierten Rapacitanium die Zukunft gehört, findet den Weg in seine Sammlung.
In den Innenräumen des Flughafens fühlt sich Gschwind spröde und erschöpft. Erstaunlich warm ist es, seine Augen brennen, er hasst die künstlich anmutende Luft von Flughäfen. Außerdem will es ihm nicht gelingen, Geräusche richtig zu filtern. Er erwägt, gleich ins Büro zu gehen, noch zwei, drei Stunden zu arbeiten, die Nacht im Büro zu verbringen und sich bei Rina so zu melden, als befände er sich noch auf der Isle of Man.
Da, wo sich Flughafen- und Bahnbetrieb die Hand reichen, stellt Pascal Gschwind verärgert fest, dass der 32er-Intercity schon abgefahren ist. Er muss 19 Minuten auf die nächste Verbindung warten.
Am Kiosk überprüft Gschwind den Preis eines Torino-Schokoladenstängels und fühlt sich besser, als er denselben Stängel in einem nahegelegenen Supermarkt zu einem um fast 30 Prozent günstigeren Preis findet. Einsparungen, egal wie gering, erfüllen ihn mit einer kindischen Zufriedenheit.
Gschwind macht sich jedoch, die Torinos betreffend, auch Vorwürfe. Nie hat er abgeklärt, ob sich große Mengen zu einem vernünftig herabgesetzten Preis beziehen ließen. Davon abgehalten hat ihn hauptsächlich eine Stimme seines Gewissens, die ihm immer wieder mitteilt, seine Lust auf diese außergewöhnlich feine Schokolade sei im Grunde verwerflich. An seinem Körper hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren etwas gebildet, was seine Rina liebevoll Schokoladenkränzlein nennt. Der im Hintergrund stets vorhandene Wunsch, mit dieser Gewohnheit zu brechen und für Rina wieder ein knackigerer Liebhaber zu sein, hindert Gschwind daran, nach Wegen zu suchen, die Schokolade zu einem möglichst niedrigen Stückpreis zu beziehen. Gleichzeitig erlaubt er sich nicht, ohne Rücksicht auf den Preis ein Einzelstück zu kaufen. Sein Wunsch, weniger Schokolade zu essen, zwingt ihn also paradoxerweise dazu, mehr Geld und Zeit für Schokolade auszugeben. Er fragt sich, ob sich bei Valnoya ähnliche Mechanismen finden ließen.
In den USA will eine Firma flächendeckend Ladestationen für Automobile errichten, die mit leistungsstarken Rapacitanium-Batterien ausgerüstet sind. Ein marktausweitender Vorgang, der sich, so sieht es Gschwind voller Glück, bald schon überall auf der Welt abspielen wird.
Was aber nichts daran ändert, dass er am Beatenberg ein großes Stück Land kaufen muss, von dem er noch nicht einmal weiß, wem es gehört.
Während der Zucker des Torinos seinen müden Kopf etwas weckt, findet Gschwind auf der Website des Bundes die den Kauf und Verkauf von landwirtschaftlichem Land in der Schweiz regelnden Gesetze. Solches Land, so liest er, könne grundsätzlich nur von einem sogenannten Selbstbewirtschafter, einem diplomierten Landwirt gekauft werden.
Gschwind hält inne: Falls ein diplomierter Landwirt ein Mensch ist, der ein landwirtschaftliches Diplom herzeigen kann, und falls dieses Diplom tatsächlich so ergreifend schlicht gestaltet ist, wie alle jene, die er im Netz findet, wäre es, überlegt Gschwind, nicht besonders schwierig, aus einem Senior Chief Business Network Communications mittels Computer und Farbdrucker einen Landwirt zu machen.
Mit dem Fieber eines künftigen Betrügers schaut sich Gschwind im Internet Berufsdiplome an, fühlt still den kollegialen Beifall Hillers, setzt den Timer auf 21 Minuten, startet die Gestaltungssoftware und beginnt mit einem Entwurf. Er recherchiert nach Berufsschulen, die er besucht haben könnte. Immerhin: Mit 18, zwischen Gymnasium und Studienbeginn, kurz bevor er sich in seine Rina verliebte, war er für ein halbes Jahr in Australien und arbeitete dort auch zwei Wochen lang bei einem Rinderzüchter. Auf einer staubigen Ebene, halb so groß wie die Schweiz, wurden 3000 Rinder gehalten. Gschwind erinnert sich an die Fahrten durchs Gelände, an die Kadaver und Skelette: verendete Kühe, ein Teil der Herde. Das kümmerte den australischen Bauern wenig. Es herrschte da draußen das Gesetz der Natur; Zeit, sich um schwache Tiere zu kümmern, gab es keine.
Der Zug fährt ein und Gschwind hat kurz das Gefühl, der Boden unter ihm würde schwanken. Er kennt das und mag jetzt nicht an seinen MRI-Termin denken. Ein kleiner Schwindel ist nicht leistungsrelevant.
Als Gschwind den Waggon betritt, umfasst ihn eine schwüle Hitze; die Klimaanlage ist ausgefallen. Der Timer zeigt noch 17 Minuten. Als Gschwind bei der Schaffnerin aufgrund der schweißtreibenden Unannehmlichkeit um eine Fahrpreisreduktion bittet, blinzelt diese seine Frage charmant weg und bedankt sich für sein Ticket. Ein Ärger kocht in ihm hoch, aber der Timer meldet das Verstreichen der 15-Minuten-Marke; Gschwind sammelt sich.
Australien: An seine damaligen Eindrücke erinnert sich Gschwind zum ersten Mal seit langer Zeit, und es ist ihm ein Rätsel, wie er damals mit fast endlos viel freier Zeit hat umgehen können. Was seinen Arbeitseinsatz betrifft, so ist er der Meinung, damals in zwei Wochen so viele Kühe gesehen zu haben wie ein Schweizer Bergbauer in zwei Jahrzehnten nicht zu sehen bekommt. Das spornt ihn an, die Gestaltung seines Diploms weiter zu verfeinern. Ehe der Timer auf null läuft, will er damit fertig sein. Schließlich verlangt der Sustainability Report noch viel Arbeit.

KAPITEL 8
Nach kommunikativ anspruchsvollen Stunden im Büro, nach einer langen Diskussion um die Frage, wie sich im Kapitel Risk Management Policy die Daten zur High Risk Incident- und zur Lost Time Injury Frequency Rate in den Sustainability Report integrieren ließen, ohne den Eindruck entstehen zu lassen, ein Arbeitstag in einer Valnoya-Mine sei nichts als eine Anhäufung mehr oder weniger schwerwiegender Unfälle, nach nicht enden wollenden Korrespondenzen, die abzuschließen er auch während der Zugfahrt von Aarau via Olten und Bern nach Thun nicht wirklich geschafft hat, steigt Pascal Gschwind ebendort in den letzten Linienbus, der unter der Woche noch fährt, und lässt sich, zu keinem hellen Gedanken mehr fähig, in einer dämmrigen, vom ruckenden Beschleunigen und Bremsen des Busses getakteten Viertelstunde in das beschauliche, um diese Uhrzeit längt vollkommen menschenleer am Ufer des pechschwarz schillernden Thunersees liegende Oberhofen fahren. Das Einzige, an das Gschwind jetzt noch zu denken vermag, ist die sommerliche Hitze, die sich diesmal bis in den Herbst hineinzieht, und wie fast immer, wenn er nicht mit dem Tesla unterwegs ist, sondern sich die Umständlichkeit des öffentlichen Verkehrs zumuten mag, kommt es auch heute bei seiner späten Heimfahrt zu jenem von ihm innig geschätzten Augenblick, in welchem, kurz vor der Bushaltestelle, die alte Steinmauer rechts des Gehsteigs abfällt und den Blick freigibt auf die beiden alten Villen am See, wobei die zweite, die kleinere, aber, wie Gschwind findet, klar schönere, seit fast 15 Jahren für ihn, für Rina, für Levin das Zuhause bildet.
Das Gebäude, umfasst von einem ausladenden Garten mit alten, hohen Bäumen, strahlt eine stolze Behaglichkeit aus. Vielleicht haben sie damals ein bisschen viel bezahlt für das Anwesen, aber seine Rina war vom ersten Augenblick an begeistert, nein, regelrecht verliebt, und die Hypothekarzinsen halten sich erstaunlich tief. Jetzt, in der nur von einem schwachen Mond durchbrochenen Dunkelheit, kann er vom Haus nicht viel mehr erkennen als dessen Umrisse, und hinter dem Gebäude die beiden mächtigen Silberweiden, von denen er immer wieder gerne denkt, dass sie doch sehr würdevoll das alte Bootshaus flankieren. Das Bootshaus, das er noch dieses Jahr renovieren lassen muss, um bei der Steuerbehörde Unterhaltsarbeiten geltend machen zu können.
Das Haus betretend, sehnt er sich danach, von Rina liebevoll geküsst zu werden, auf den Mund, die Wangen, in den Nacken – und von diesen Liebesportionen beschenkt gleich ins Bett fallen zu können.
In der Küche findet er niemanden vor, auf dem Küchentisch aber liegen ein Korkenzieher und eine leere Packung sündhaft teurer, in kaltgepresstem Olivenöl gewendeter Biogemüsechips aus violetten, lokal produzierten und angeblich vom Aussterben bedrohten Kartoffeln.
Schlechte Laune kommt in ihm auf, das vieldiskutierte Artensterben geht ihm auf den Wecker: Solange Menschen hungern, sollte man seiner Meinung nach in erster Linie dafür sorgen, dass alle Arbeit und Geld erhalten, um die weltweite Armut zu bekämpfen. Die Natur könne auch mal eine Nahtoderfahrung durchmachen, ließ Gschwind einmal in einer Diskussion mit Levin verlauten. Levin hatte damals keine Antwort mehr vernehmen lassen; empört hatte er die Küche verlassen. Gschwind erinnert sich daran, als wäre es gestern passiert.
Aus dem Wintergarten kommend, dringen nun Stimmen bis zu ihm vor; das kann nichts Gutes, das kann nur Besuch bedeuten. Pascal Gschwind bleibt bei der Packung Chips stehen und fragt sich, seit wann seine Frau beruflich derart wenig ausgelastet ist, dass sie abends noch die Energie aufbringt, fremde Leute ins Haus zu lassen. Er ärgert sich, und glaubt, er habe alles Recht dazu. Er kennt keine Gäste, die keine Energie kosten und ihm jetzt noch willkommen wären. Ihre Yoga-Freundinnen können es nicht sein: Alkohol gilt bei denen als Fluchtmittel für achtsamkeitszertrampelnde Ignoranten der Gegenwart.
Am liebsten würde Pascal nun in den oberen Stock schleichen und sich unbemerkt schlafen legen. Nein, noch lieber würde er seiner Rina unmissverständlich klar machen, dass einer, der so viel arbeitet wie er, auch mal seinen Schlaf braucht.
Er hört seine Ohren pfeifen; er denkt an Frau Doktor Lepple, er weiß, er muss sich beruhigen. Tief atmet er ein, hält die Luft an, atmet langsam aus und lässt seine Gliedmaßen baumeln. Das wiederholt er drei Mal, unsicher, ob es wirkt.
Um innerlich Anlauf zu nehmen, stellt er sein Telefon stumm, lässt es in die Ledermappe gleiten, blickt auf seine Patek Philippe, ohne die Uhrzeit wahrzunehmen, und verlässt die Küche Richtung Wintergarten. Als er in der Wohnstube um die Ecke biegt, noch gute zwölf Schritte vom Wintergarten entfernt, erkennt er, dass Rina im geblümten, etwas altmodischen, aber doch sehr gefälligen, ihre schöne Hüfte und den schlanken Bauch gut betonenden Sommerkleid im bequemen Korbsessel sitzt, umgeben von Franziska und Bernhard Ruthenbeck, den Nachbarn, mit denen sie sich angeregt bei einer Flasche Wein unterhält.
Pascal Gschwind muss sich zusammenreißen, um nicht umzukehren. Wenn es etwas gibt in Oberhofen, mit dem er nichts zu tun haben möchte, dann das dünkelhafte, kulturbeflissene Paar, das Bernhard und Franziska in seinen Augen abgeben. Die beiden nach Jazz stinkenden, knapp fünfzigjährigen Ruthenbecks sind ihm zutiefst unsympathisch, vor allem, weil Bernhard, als Notar, absurd viel Geld allein damit verdient, dass er täglich zwischen neun und fünfzehn Uhr mit einem sündhaft teuren Stift in einem künstlerischen Schwung ein paar läppische Papiere unterzeichnet, während seine knochige Gattin Franziska sich um nichts anderes zu kümmern scheint als darum, nirgends ein Gramm Fett anzusetzen und ihr stets geschminktes Gesicht faltenfrei zu halten. Außerdem steht zu vermuten, dass sich unter ihren Kleidern angesichts aller anderen nicht vorhandenen Kurven ein chirurgisch optimierter Busen abzeichnet. Jedenfalls ist klar: Sie ist bestrebt, ihr Gesicht auch am Ende ihrer Tage so glatt zu halten wie die Oberfläche des Sargs, in dem es zu liegen kommen wird.
Ehrlicherweise fragt sich Gschwind nun auch, ob die Nachbarn ihm nun derart miese Laune machen, da ihre Anwesenheit ihn daran hindert, Rina zu verführen oder sich bei ihr wenigstens ein paar Zärtlichkeiten abzuholen. Für Bernhard Ruthenbeck empfindet Gschwind immerhin doch auch ein gewisses Mitleid, da sich dieser, obschon kaum fünfzig, angeblich einer Herzoperation hatte unterziehen müssen, die ihn kurz an den Rand des Todes gebracht hat.
Mit seinem Eintreten in den Wintergarten unterbricht Pascal Gschwind ein Gespräch, das sich offenbar um das wegen zunehmender Flugscham in diesem Jahr wohl nicht stattfindende Weihnachts-Shopping in New York dreht. Aber eine Woche Zermatt sei halt doch ein gutes Stück teurer.
Der Kuss, mit dem Pascal seine Frau begrüßt, fällt etwas fade aus; auch vermag Pascal nicht zu sagen, ob Rina überhaupt bemerkt, dass er beim Hinsetzen seine Hand kurz an ihre Hüfte legt, dass er ihr diesen Hauch von Zärtlichkeit unbedingt schenken will. Klar ist bloß: Rina genießt ihre Gäste mit vollem Herzen, die Weinflasche ist schon fast leer.
Gegen seinen Willen lässt sich Pascal auch ein Glas füllen; die Worte, mit denen er sich bedankt, geraten etwas laut. Während er mit den anderen die Gläser zum Klingen bringt, überlegt er, wer wohl den Kauf dieses biodynamischen Weines zu verantworten hat und ob es seine Rina inzwischen auch in Sachen Weinbau für wertvoll hält, überall Schnecken, Käfer und Würmer mitessen zu lassen. In Erwartung eines unerfreulichen Gesprächs sucht Pascal Zuflucht bei einem großen Schluck und versichert sich mit einem flinken Blick auf die Etikette, dass das Gebräu trotz biologischer Herstellung genügend Alkoholprozente aufweist. Von den Biochips mit den violetten Nahtod-Kartoffeln ist offenbar nichts mehr übrig.
Bernhard wendet sich an Pascal und erklärt ihm, weswegen Franziska und er zu ihnen gekommen sind: Zusammen mit Levin sei ihre Tochter Angelika eine der tragenden Figuren von Back to the Fruits, der ökologischen Schule, die in einer Waldhütte bei Sigriswil ihren Betrieb aufgenommen hat. Auch Angelika habe das Gymnasium geschmissen.
Pascal versteht weder den wohlwollenden Tonfall, den Bernhard vernehmen lässt, noch erschließt sich ihm, wie sein Nachbar von Betrieb sprechen kann, wenn ein paar Jugendliche, statt die Mittelschule abzuschließen, in einer Waldhütte abhängen.
Mit einem Blick zu seiner Frau versucht Pascal zu ergründen, wie die über das Desaster denkt. Es will ihm jedoch nicht gelingen, zu Rina einen näheren Kontakt herzustellen; sie geht nicht auf seinen Blick ein, auch gehört ihre Aufmerksamkeit nicht ihm, sondern dem Thema, sie konzentriert sich auf Bernhard, der es gewohnt ist, andere zum Zuhören zu zwingen und nun wortreich davon redet, wie beeindruckt er sei von diesen Jugendlichen, die dem ressourcenverschlingenden Irrsinn unserer Zeit endlich ein Ende bereiten wollen. Auch angesichts der anhaltenden Dürre sei das ein Gebot der Stunde. Allerdings wisse er wenig bezüglich des Unterrichts; um Ressourcen zu schonen, bleibe Angelika die meiste Zeit offline.
Als könne er sich damit vor der Erwartung schützen, antworten zu müssen, nimmt Pascal abermals einen großen Schluck und blickt angestrengt stumm in sein Glas; er versteht nicht, wie es seinem Nachbarn möglich ist, ohne Ironie über die Angelegenheit zu sprechen. Bernhards gönnerhaftes Verständnis für die pubertären Ideen dieser Jugendlichen widert ihn an, und er fühlt, er wird, falls das so weitergeht, bald in der Laune sein, ihm dies ins Gesicht zu sagen.
Nun unterstreicht Franziska, wie toll sie das Experiment finde, auch weil sie denke, die Jugendlichen stünden, da die Schweiz sommers zukünftig vielleicht immer sowohl mit Dürren wie auch mit heftigem Regen auskommen müsse, in ihrem Leben noch vor großen Herausforderungen.
Falls Pascal richtig begriffen hat, haben sich Bernhard und Franziska bereits die Mühe gemacht, die von ihnen als Waldschule bezeichnete Hütte aufzusuchen. Franziska zeigt sich beeindruckt von Levin, der ganz selbstverständlich und ohne Allüren eine Vorbildfunktion übernommen habe. Ganz furchtlos verspeise er dort oben die widerlichsten Insekten.
Auch Bernhard, der seinen Blick immer wieder höchst aufmerksam auf Rina richtet, als müsse er prüfen, ob sie vielleicht nicht doch attraktiver sei als seine optimierte Franziska, lobt nun Levin aus ganzem Herzen. Eine autonome Schule zu gründen in einer stromlosen Waldhütte, sei etwas ganz anderes, als mit einem Plakat vor dem Bundeshaus zu sitzen, Selfies zu knipsen und dem Rest der Gesellschaft vorzuhalten, er unternehme nichts in Sachen Klimaschutz! Ja, was Back to the Fruits hier anreiße, sei wirklich revolutionär. Außerdem diese großartige Aktion mit den Strohballen und die visionäre Idee eines Fahrrads made in Europe; Levin zeige damit auf, was es heißt, in wirklich allen Details ökologisch zu denken. Da ginge es eben nicht, sich von einem E-Bike anschieben zu lassen. Es sei doch wahr: Die Elektro-Mobilität und dieser unfassbare Wahn, alles, vom Lastwagen bis zur Zahnbürste, mit einer Batterie zu betreiben – das sei einfach Raubbau an der Erde.
Pascal versteht nicht, ob Bernhard ihn nun auch persönlich angreifen will. Noch rätselhafter ist ihm, wieso Bernhard nicht auffällt, dass da genau sein eigener Lebensstil am Pranger steht. Bernhard wohnt in einem Anwesen, das deutlich fetter ist als die auch nicht gerade kleine Villa, die er mit Rina und Levin bewohnt, er hat zwei übergewichtige Wagen in der Garage stehen, beide von neuestem Jahrgang, beide bestückt mit einer hocheffizienten Rapacitanium-Batterie, und er besitzt ein unendlich viele Liter Diesel verbrennendes Motorboot, das im Bootshaus kaum Platz findet, und dieses Bootshaus – Bernhard hat es einmal stolz erwähnt – lässt sich sogar beheizen, obwohl es nicht isoliert ist!
Gschwind merkt, Rina hat seine Laune zur Kenntnis genommen; ihre Hand berührt kurz seinen Ellbogen, nicht zum Zeichen liebevoller Verbindung, nein, sie signalisiert ihm nur die Frage, ob er noch etwas Wein möchte.
Das will er. Vor allem ist er froh, dass es Bernhard offenbar gleichgültig ist, wie er, Gschwind, über das Gebaren der Kinder denkt. Als käme er frisch aus einer gemeinsamen Sitzung, erzählt Bernhard begeistert von den Ideen, die Angelika und Levin noch umsetzen wollen.
Wenn Pascal richtig hört – und er hört nicht mehr besonders gut – lauten die Schulfächer, die Angelika und Levin in den Lehrplan aufgenommen haben, unter anderem: Zukunft ohne Fortschritt. Oder: Lob ohne Leistung. Und: Sommer mit Dürren und Starkniederschlag. Und: Mobilität ohne Motor.
Franziska fügt an, Back to the Fruits stelle, falls es wirklich weitergehen könne, die beste Matura-Arbeit dar, von der sie je gehört habe.
Um mehr Raum einnehmen zu können, hievt sich Bernhard ein paar Zentimeter aus dem Korbsessel und schlägt in einem fast schon feierlich anmutenden Ton vor, gemeinsam einen Brief an die Erziehungsdirektion zu schreiben, um die Sache den Behörden zu erklären. Um zu erreichen, dass die Schüler nicht suspendiert, sondern, im Gegenteil, für ihr selbstinitiiertes Engagement gewürdigt werden.
Hätte Pascal Wein im Mund, er würde sich jetzt verschlucken.
Es sei nötig, dem Amt die Ziele und die Vision von Back to the fruits darzulegen. Nur so werde sich die Erziehungsdirektion überzeugen lassen. Danach liege es am Kanton: Der habe die Wahl, sich fortschrittlich zu zeigen – oder aber so zu tun, als habe eine Schule nichts mit ökologischer Verantwortung zu tun.
Pascal Gschwind bleibt die Spucke weg, er fühlt Übelkeit und Schwindel in sich aufsteigen. Er merkt, lange wird er die Idiotie der Nachbarn nicht mehr ertragen. Eine Idiotie, die durch das sachliche, aufmerksame Zuhören seiner Rina noch unerträglicher wird.
Rina lehnt sich in ihrem Sessel vor, als wolle sie zeigen, dass nun alle zusammenrücken müssten, und erwähnt, gestern erst gelesen zu haben, dass 73 Prozent der gesamten Umweltbelastung, die der Schweizer Konsum auslöst, nicht in der Schweiz, sondern im Ausland anfallen. Das müsse man sich einmal vor Augen führen: Als würde sie sich einen Porsche kaufen, der 100.000 Franken kostet, von denen sie aber, schlicht weil sie Schweizerin ist, nur 27.000 bezahlen müsse, während die verbleibenden 73.000 namenlose Leute im Ausland übernähmen, die sie nicht kenne und denen sie, weil ihnen das Geld für eine Reise fehle, in der Schweiz auch nie begegnen werde.
Gerne würde Pascal seine Rina fragen, seit wann sie sich für Autos interessiere, aber da nickt schon ganz angeregt die makellos glatte Franziska und fügt an, sie stelle sich manchmal vor, entlang der Schweizer Grenze, aber eben gleich außerhalb der Schweiz, türmten sich riesige Abfallberge, fänden sich gerodete Wälder und verschmutzte Gewässer, wie ein Schmutzwall, der die schöne Schweiz umgebe. Da frage sie sich, was sie eigentlich für eine Generation darstellten und wie sie derart dumm sein könnten, sich noch immer über das Wirtschaftswachstum zu freuen. Es sei beschämend; ja, auch sie selber, ganz persönlich, fühle sich schuldig und schäme sich.
Pascal gibt vor, sein Telefon klingeln zu hören und entschuldigt sich.
Allein in der Küche, stützt er sich neben der leeren Biochipspackung auf den Tisch. Er fühlt sich wie nach einer Folter, seine Ohren brummen, ihm schwindelt. An seiner Armmuskulatur zerrt eine ungesunde Spannung. Vielleicht hat er als Teenager auch ein paar Dummheiten begangen. Aber sicher hat er seine pubertären Ideen nicht ernst genommen und damit seinen Schulabschluss riskiert.
Am liebsten würde er Rina vorschlagen, morgen in aller Früh in diesen Wald zu fahren und Levin, notfalls mit Gewalt und in seinem unökologischen Tesla, nach Hause zu holen. Und zwar bevor es Bernhard tatsächlich schafft, der Erziehungsdirektion einen unsinnigen Brief zu schreiben.
Aber er versteht, das bringt wahrscheinlich nichts. Das ist nicht zielführend, wie Rina sagen würde. Und womöglich ist es allein sein Problem, dass er sich danach sehnt, wenigstens in grundsätzlichen wirtschaftstheoretischen Dingen mit Rina gleicher Meinung zu sein.
Er weiß nicht, ob sein Eindruck richtig ist, wenn er glaubt, seine gesundheitlichen Probleme, der Schwindel und der rauschende, sausende und bisweilen dröhnende, von innen her sein Hörorgan füllende Lärm würde sich häufiger und auch deutlicher zeigen. Oder gibt es in seinem Leben jetzt häufiger Ärger? Was, wenn es sich wirklich um Morbus Menière handelt? Was, wenn die MRI-Untersuchung im Inselspital auch bei den liberalsten aller Interpretationen zu dem Fazit kommt, dass in seinem Schädel ein Tumor wächst?
Vielleicht wird er die Erziehungsdirektion darum bitten müssen, seinen Sohn notfalls mit Gewalt ans Gymnasium zurückzuholen. Außerdem könnte er jemanden finden, der die Waldhütte kauft und die Jugendlichen vor die Tür setzt. Das könnte er alles tun und noch viel mehr, aber jetzt kann er es nicht, er ist schlicht erledigt. Er klemmt sich die Ledermappe unter den Arm, geht schwankend hoch ins Schlafzimmer, legt sich hin und schaut sich Bilder des Rum Runners an. Die Nachbarn werden ihn entschuldigen; sie wissen, er hat einen anspruchsvollen Job.
Die Bilder des wuchtigen Motorboots, das bald schon ihm gehören wird, beruhigen ihn. Er sieht sich zusammen mit Rina auf diesem Boot ausfahren, sieht alle anstrengenden Diskussionen hinter sich zurückfallen. Allmählich verringert sich der Schwindel, das Rauschen in seinen Ohren klingt ab.
Er versucht, an nichts mehr zu denken. Aber wenn er die Termine richtig im Kopf hat, müsste bald jemand von der Baufirma aufkreuzen, um die Renovation und den Umbau des Bootshauses zu besprechen. Denn in der kleinen Bootshütte, wie sie jetzt am Wasser steht, wird der Rum Runner nicht unterzubringen sein.
Mit geschlossenen Augen putzt sich Gschwind die Zähne; gedanklich umschleicht er das Schweizer Rapacitanium, das seine Karriere bei Valnoya beflügeln wird.
Endlich legt er sich ins Bett und schaut, letzte Kräfte aufbietend, kurz nach, wie viel er heute mit seinen Fonds verdient hat. Die Papiere der mit Wasserkraft verbandelten Konzerne hat er zum Glück noch rechtzeitig abgestoßen, die hätten seine Bilanz merklich nach unten gezogen; jetzt zeigt sich ihm eine schöne, vierstellige Summe. Eine Summe, die ihn darüber hinwegtröstet, mit Rina nicht immer gleicher Meinung zu sein. Ehe er einschläft, verdoppelt er, ohne Rücksprache mit Bahnsen, die Anzahl seiner Valnoya-Aktien.

KAPITEL 9
Dass er auch ohne Wecker kurz nach fünf erwacht, und zwar unabhängig davon, wann und in welchem Zustand er sich schlafen legt, ist für Rina, falls er sie richtig verstanden hat, nach wie vor unbegreiflich. Er könne es sich nicht leisten, mit dem Schlafen zu trödeln, hat er vor Jahren einmal scherzhaft eingeworfen, und diese stillen Randstunden am frühen Morgen und späten Abend, wenn alle anderen schlafen, zählen seit Studienzeiten zu seinen liebsten; er kann sich in diesen Stunden am besten konzentrieren. Gschwind versteht einfach nicht, wie Rina mit ihrer Tagesleistung zufrieden sein kann, wenn sie sich regelmäßig erlaubt, erst nach acht das Bett zu verlassen.
Nach drei Tassen Kaffee und 90 Minuten am Laptop verlässt Gschwind die Küche und geht die Treppe hoch in die erste Etage, wo er, bemüht, seine Rina nicht zu wecken, die hintersten Winkel seines begehbaren Kleiderschranks nach abgetragenen, landwirtschaftstauglichen Kleidern durchforstet. Kleider machen Leute, das hat er bereits während seines Studiums der Ökonomie begriffen; ein passendes Outfit gilt als wesentliche Voraussetzung des Erfolgs. Allerdings stößt er auf nichts als schicke Button-down-Hemden und dunkle Jacketts. Er fragt sich, ob es denn möglich sei, dass er inzwischen keine Klamotten mehr hat, in denen er sich halbwegs glaubhaft als Landwirt präsentieren könnte.
Die doch recht üble Situation mit Levin umwölkt seine Gedanken. Was Bernhard gestern alles von sich gegeben hat, ist Raubbau an seinen Nerven.
Gschwind ist sich sicher, es wäre richtig, diese Angelegenheit zu priorisieren. Er befürchtet, seine Rina werde ihn nicht dabei unterstützen, ihren aus der Reihe tanzenden Sohn zurück ans Gymnasium zu zwingen. Was er am Abend zuvor im Wintergarten von ihr vernommen hat, was sie über diese gewiss nur der Fantasie eines Journalisten entsprungenen 73 Prozent an durch Schweizer Konsum verursachter Umweltbelastung gesprochen hat, die angeblich im sogenannten Ausland anfallen, lässt ihn befürchten, sie könnte sich darauf einlassen, diesen idiotischen Brief zu unterschreiben, den die jazzverseuchten Nachbarn wahrscheinlich ökologisch korrekt ans Amt schicken wollen. Wie sehr ihn das stört, mag er sich lieber nicht eingestehen.
Ein Kleiderbügel gleitet ihm aus der Hand und fällt zu Boden; Gschwind befürchtet, seine Rina womöglich geweckt zu haben. Sie ist es gewohnt, ihn früh und lautlos aus dem Haus zu haben. Vor ein paar Monaten, als er ausnahmsweise mal bis kurz nach acht hinter seinem Laptop in der Küche gesessen hatte, machte sie ihm erstaunlich nachdrücklich klar, wie sehr sie das morgendliche Alleinsein schätze, um sanft vom Schlaf in die erste Meditation zu gleiten.
Pascal fühlt sich zu seiner Rina noch immer hingezogen, nur ihr zart und zärtlicher werdendes Vokabular befremdet ihn. Als er Rina vor wenigen Wochen während eines Telefonats mit einer Freundin von ihrem inneren Kind hat reden hören, musste er das Weite suchen.
Jetzt stellt er sich vor, wie ihn Rina, noch halb im Schlaf versunken, vom Schlafzimmer aus energisch bittet, doch leise zu sein. Spöttisch stellt sich Gschwind vor, sie könne ihm das nicht laut sagen, da jegliche Anstrengung sie energetisch aus der fragilen ayurvedischen Balance werfen würde.
Dass Pascal Rina gegenüber derzeit zu etwas bissigen Reaktionen neigt, hat auch damit zu tun, dass er das Gefühl hat, seine Frau schiebe bei ihrem Job als Denkmalpflegerin eine ruhige Kugel, während er selbst sich unter größter Anstrengung echten Herausforderungen stellt. Noch schwerer wiegt, dass sie ihn vor seiner Abreise nach Sambia gebeten hat, darauf zu achten, nicht zu viel zu arbeiten. Sie habe keine Lust, sagte sie mit entschieden ihre Aussage begleitender Handbewegung, ihn demnächst in einer Burnout-Klinik zu besuchen. Damit hat sie Pascal empfindlich verletzt, sodass er inzwischen manchmal denkt, sie glaube tatsächlich, eine Position, wie er sie erreicht hat, sei einfach zu halten.
Ein weiterer Grund seines Unmuts rührt aus der Irritation, dass Rina ihn nicht gefragt hat, was das am Beatenberg entdeckte Rapacitanium für Valnoya bedeutet. Sie hält sich einfach nicht auf dem Laufenden, liest keine Zeitung, hört kein Radio, hat keine News abonniert – wie sie derart informationslos durchs Leben gehen kann, ist Gschwind ein Rätsel. So spürt er auch keine Lust, ihr zu erzählen, dass er heute beweisen wird, Hillers’ Vertrauen auch tatsächlich zu verdienen.
Egal, in welcher Ecke er sucht: Gschwind findet keine Kleider, die sich eignen für einen Besuch bei einem Berglandwirt. Das Gartenhaus kommt ihm in den Sinn, der kleine Geräteschuppen und mit ihm der rostige Nagel, an dem für gewöhnlich eine karierte, verdreckte Jacke hängt.
Draußen empfängt ihn das Dämmerlicht eines Herbsttages, ein schwacher Wind bewegt sanft die alten Weiden, vom Ufer her dringt das Klatschen winziger Wellen an sein Ohr. Vom Innern des Bootshauses ist das ruhige Knarren der Taue zu hören, mit denen das alte Motorboot festgezurrt ist. Gschwind fragt sich, ob er bei der Renovierung des Bootshauses nicht auch gleich eine Heizung einbauen lassen sollte, da die Tropenhölzer, aus denen der Rum Runner gefertigt ist, empfindlich auf Temperaturschwankungen reagieren könnten.
Verträumt steht Gschwind vor seinem Bootshaus und stellt sich vor, wie Ruthenbeck neiderfüllt erblasst, wenn er mitansehen muss, wie sein Nachbar in einem umwerfenden Rum Runner über den See gleiten wird. Das Bild hält ihn für eine Weile gefangen, dann erinnert er sich, im Gartenhaus nach Klamotten suchen zu wollen. Er fragt sich, ob sie eigentlich noch immer einen Gärtner angestellt haben und wann er ihn zum letzten Mal gesehen hat. Dabei fällt ihm auf, dass er auch die Putzfrau schon lange nicht mehr gesehen hat. Er glaubt nicht, dass das an seinen Arbeitszeiten liegt. Allerdings machen Wohnräume und Garten immer einen tadellosen Eindruck auf ihn. Dass der Rasen vollkommen verdorrt ist, hat vielleicht nichts mit einem nachlässigen Gärtner, sondern mit dem landesweiten Verbot zu tun, Grünflächen zu bewässern.
Tatsächlich findet Pascal im Schuppen neben dem Bootshaus eine alte Gärtnerjacke und dunkelgrüne Gummistiefel. An Jacke und Stiefeln klebt trockene Erde; in der Jackentasche steckt eine rostige Gartenschere; Pascal findet das authentisch und zieht die Sachen an.
Er schließt den Reißverschluss der robusten Jacke, schaut an sich herab, findet, dass dies ziemlich gute Kleidung sei. Zu gut für einen Gärtner. Er wird Rina fragen, ob sie dem Gärtner nicht einen zu hohen Lohn bezahlen. Es ist ihr leider zuzutrauen, dass sie die Jacke extra für den Gärtner gekauft hat. Pascal hat nichts gegen Großzügigkeit, aber er findet, sie muss sich lohnen. Sie muss ein Investment sein, das irgendwann in einem Cashback resultiert.
Vor der Garage klopft er sich allen Dreck von der Jacke; er möchte den Tesla nicht schon wieder in die Innenraumreinigung geben müssen. An einem weißen, in der Garagenwand eingebauten Plastikkästchen tippt Pascal einen fünfstelligen Code ein, woraufhin sich surrend das breite Garagentor öffnet. Lieber wäre ihm, das Kästchen wäre in schlichtem Chromstahl gehalten, aber aus Gründen, die ihm jetzt fremd sind, hatte er es dem Handwerker damals durchgehen lassen, die Variante aus Plastik einzusetzen. Dennoch ist es ärgerlich: Statt die Sache vor Jahren mit einem einmaligen Aufpreis bezahlt zu haben, büßt er nun jedes Mal dafür mit der schmerzhaften Vorstellung, ein Kästchen aus Chromstahl wäre schöner.
Das Tor ist nun ganz geöffnet, in der Garage zeigt sich ansprechend indirekt beleuchtet sein Tesla QX mit der Obsidian-Black-Metallic-Lackierung und den schwarzen 22-Zoll-Onyx-Turbine-Felgen. Wenn Pascal den Wagen anschaut, kommt es vor, dass er sich fragt, ob das Fahrzeug vielleicht nicht doch ein Quäntchen zu klobig ausgefallen sei, ob er vielleicht doch das kleinere, schlankere Modell hätte wählen sollen. Der Eleganz wegen. Zu diesem kritischen Gedanken kann Pascal jeweils eine gesunde Distanz aufbauen, indem er sich daran erinnert, dass Autofahren mit Physik zu tun hat und bei einem Unfall ein schwererer Wagen deutlich sicherer ist. Zudem ruft er sich in Erinnerung, dass das kleinere Modell in der Regel von Leuten gefahren wird, die nicht halb so viel verdienen wie er.
Diesen auffallend schön lackierten Tesla hat sich Pascal in seinem letzten Jahr bei der Suissecom geleistet, im Januar, gleich nachdem der Vorjahresbonus auf seinem Konto eingetroffen war. Er bereut es nicht.
Seinen rechten Daumen hält Gschwind kurz ans Telefon, sein Fingerabdruck wird erkannt; die Fahrertür öffnet sich, die Lichter gehen an, Gschwind steigt ein. Zügig lässt er den schweren Wagen aus der Doppelgarage gleiten, schaltet die Klimaanlage ein, stellt das Radio an und reiht sich auf der kurvenreichen, dem Nordufer des Sees folgenden Straße in den dichten Morgenverkehr. Hin und wieder macht sich Pascal einen Spaß daraus, die Sensoren seines Hightechfahrzeuges zu testen, indem er den Wagen in den Kurven den zwischen Straßenrand und Uferböschung stehenden Leitplanken bedrohlich nahekommen lässt. Immer wieder erfüllt es ihn mit Genugtuung, wie flink der Wagen Alarm schlägt, wie schnell das 24-Zoll-Display auf eine Gefahr hinweist.
Auf der anderen Seite des Thunersees zeigt sich nun der Niesen majestätisch in den allerersten Sonnenstrahlen, der Gipfel des Berges ist noch ganz ohne Schnee. Gschwind muss an die ETH-Geologin Hollenstein denken, an deren Aussage, der wichtigste Rohstoff der Schweiz sei ihre intakte Natur. Gerne hätte er Hollenstein gefragt, auf wie viele Tausend Franken sie denn den Wert eines derart von der Sonne beleuchteten Niesens schätzt. Er weiß nicht, ob er das Radio ausschalten soll; er möchte sich nicht plötzlich anhören müssen, wie Hollenstein ihre dunkelgrünen Weisheiten verbreitet.
Für den Tesla hat er damals mit allen Extras und nach den über mehrere Tage sich hinziehenden Rabattverhandlungen 132.000 Franken hingeblättert. Das hält er für einen klar definierten Wert; insgesamt hat er dank seines Verhandlungsgeschicks 7990 Franken eingespart, eine Summe, die er so schnell nicht vergessen wird, und er hält es für ausgeschlossen, dass er woanders für so wenig Geld so viel Auto erhalten hätte.
Die Vorstellung aber, chinesische Touristen reisten nicht mehr in die Schweiz, wenn der Beatenberg durch eine größere Rapacitanium-Mine an Attraktion verliert, wie so mancher Verteidiger der unberührten Schweizer Natur es öffentlich verlauten lässt, ärgert ihn enorm. Der Beatenberg, denkt er, sei doch in China vollkommen unbekannt, und solange man das Jungfraujoch an seinem Platz und die Chinesen alles fotografieren ließe, was sie für sehenswert halten, erlitte der Tourismus keinerlei Beeinträchtigung. Wahrscheinlich ließe sich sogar aus einem Beatenberg, der sich einer Mine wegen von einem Berg in eine Mulde verwandelt, ein für Chinesen attraktives Urlaubsziel kreieren: Die Chinesen könnten sehen und fotografieren, wo und wie das berühmte helvetische Rapacitanium abgebaut wird. Und würden verblüfft feststellen, dass sich Rapacitanium gewinnen lässt, ohne ganze Talschaften zu zerstören.
Schon lange ärgert sich Gschwind über die raffinierte grüne Panikmache; jetzt ist mit ETH-Geologin Gabriela Hollenstein eine neue Wortführerin aufgetaucht. Er versteht nicht, weswegen sie Gehör findet; wer seinen Verstand gebraucht, müsste Gschwinds Meinung nach doch wissen, dass es in der Schweiz seit dem Mittelalter keine intakte Natur mehr gibt. Müsste wissen, dass Wilhelm Tell, um seine Armbrust zu bauen, einen Baum gefällt hat. Wissen, dass eine intakte Natur lediglich eine Frage des Marketings ist.
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