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[iii]

Umberto Eco

Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt
Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Ins Deutsche übersetzt von Walter Schick

14. Auflage der deutschen Ausgabe


[iv]

© für die deutschsprachige Ausgabe 2010

Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich

Originaltitel: Come si fa una tesi di laurea

© LA NAVE DI TESEO EDITORE SRL

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der

Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.facultas.at

Einbandgestaltung: Altelier Reichert, Stuttgart

Satz: Gottemeyer, Rot

Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

ISBN 978-3-8252-5377-6

e-ISBN 978-3-8385-5377-1

epub 978-3-8463-5377-6

[v]
Vorworte des Übersetzers

Vorwort zur ersten Auflage

Umberto Ecos »Come si fa una Tesi di Laurea« hat in den zehn Jahren seit seinem ersten Erscheinen in Italien schon viele Auflagen erlebt und vielen Studenten geholfen, die Hürde der dort für den Universitätsabschluß allgemein notwendigen Promotion zu nehmen. Der Erfolg des Buches hält an. Das allein wäre allerdings noch kein Grund, es auch ins Deutsche zu übersetzen. Denn sicher ist es in erster Linie auf italienische Verhältnisse zugeschnitten, und seine Ratschläge lassen sich vom deutschen Leser nicht so unmittelbar umsetzen wie vom italienischen. (An eine Übersetzung in andere Sprachen war ursprünglich nicht gedacht. Gleichwohl liegen inzwischen Übersetzungen in mehreren Sprachen vor.) Unter drei Aspekten verdient das Buch auch unser Interesse und gerade das Interesse eines Studenten, der eine wissenschaftliche Abschlußarbeit vor sich hat.

Es ist zum ersten eine erfrischend unkonventionelle Handreichung (den Ausdruck Lehrbuch würde Eco selbst sicher zurückweisen) für das wissenschaftliche Arbeiten, mit vielen allgemeingültigen Ratschlägen und praktischen Anregungen. Der Anfänger wie der, der schon Erfahrung mit der wissenschaftlichen Arbeit hat, wird es nicht zuletzt wegen der vielen Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen mit Gewinn, streckenweise mit Spannung lesen. Auch wo Eco in die Rolle des Studenten schlüpft, kann er ja den Meister nicht verleugnen.

Das Buch erlaubt zum zweiten einen Blick in die bei uns weithin unbekannte italienische Universitätswelt aus einer besonders interessanten Perspektive, und es stellt insofern auch [vi] ein kulturgeschichtliches Dokument dar. Der zusätzliche Blick in die »Werkstatt« Ecos kommt hinzu; denn Beziehungen zu anderen Werken Ecos werden nicht nur durch jenen Abbé Vallet hergestellt, der im vorliegenden Buch wie in »Der Name der Rose« eine Rolle spielt.

Und schließlich steht das Buch für eine wissenschaftliche Arbeitsweise, die angesichts des Übergreifens neuer Techniken der Dokumentation und des Schreibens auch auf diesem Bereich in Gefahr geraten könnte. Insofern könnte es als Mahnung verstanden werden, bewährte Arbeitsweisen nicht leichtfertig über Bord zu werfen und das Neue darauf zu prüfen, ob es sich mit den Anforderungen wissenschaftlichen Arbeitens verträgt.

Die Übersetzung konnte und sollte nichts daran ändern, daß das Buch auf italienische Verhältnisse zugeschnitten ist und daß die meisten Beispiele den Arbeitsgebieten Ecos entstammen. Vom Leser wird also ein weiterer, »sachlicher« Übersetzungsschritt erwartet: er muß feststellen, was die Aussagen für unsere wissenschaftlichen Verhältnisse und für sein Fach bedeuten. Insbesondere sollten die mehr technischen Hinweise (etwa zur Zitierweise) im Hinblick auf das bei uns Übliche und Geforderte kritisch gelesen werden.

»Bearbeitet« wurde unter zwei Aspekten: Weggelassen oder ersetzt wurden Angaben, die für den deutschen Leser unter keinem Aspekt interessant gewesen wären (etwa zum Leihverkehr zwischen italienischen Bibliotheken oder über die Akzentsetzung im Italienischen). Ferner werden Namen und Begriffe, die dem italienischen Leser, nicht aber dem deutschen vertraut sind, in einem Anhang erläutert, soweit das für das Verständnis nützlich erscheint. Die entsprechenden Ausdrücke wurden durch * gekennzeichnet. Das ausführliche und geradezu spannende Kapitel über die Materialsuche in der Bibliothek von Alessandria mit seiner Vielzahl von Namen und Begriffen wurde dagegen ohne Erläuterungen übersetzt, weil es hier auf das Wie und weniger auf das Was ankommt. Anmerkungen des Übersetzers im Text oder Übersetzungen italienischer Titel sind in eckige Klammern gesetzt.

[vii] Ein letztes: seinem Titel nach hat das Buch die »Tesi di Laurea« zum Gegenstand. Diese hat im deutschen Universitätssystem keine unmittelbare Entsprechung. Darum wurde in der Übersetzung meist der neutralere Ausdruck (wissenschaftliche) »Abschlußarbeit« gewählt – auch um die Spannweite jener Formen wissenschaftlicher Arbeiten zu kennzeichnen, auf die die Ratschläge des Buches anwendbar sind. Gelegentlich wurden allerdings auch andere Ausdrücke (Arbeit, Doktorarbeit) verwendet.

Beibehalten wurde Ecos Anrede der Leser mit »ihr«; diese vertrauliche Form ist an der italienischen Universität auch im persönlichen Umgang mit ratsuchenden Studenten denkbar. Auch wenn das in Deutschland weniger vorstellbar ist, hätte ein Übergang zum »Sie« den kameradschaftlichen Ton, der das Buch kennzeichnet, verfälscht.

Frau Glorianna Bisognin und Frau Christiane Loskant haben die Übersetzung kritisch durchgesehen und viele wertvolle Anregungen eingebracht. Ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet.

Walter Schick

NACHTRAG ZUR 2. AUFLAGE

Auch mit Übersetzungen hat es zuweilen eine eigenartige Bewandtnis. Die hier vorliegende des Buches von Umberto Eco, die der ersten Auflage zugrundeliegt, basiert, einschließlich des Vorworts, auf der italienischen Ausgabe in der Reihe Tascabili Bompiani, die der Übersetzer zu wiederholten Malen aus Italien erhielt. Nachträglich hat sich jetzt herausgestellt, daß es auch noch eine zweite Ausgabe des Buches in der Reihe Strumenti Bompiani gibt (ein gutes Beispiel übrigens für die von Eco in seinem Buch geschilderten Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Material). Sie hat ein geringfügig größeres Format und ist äußerlich anders aufgemacht, aber im übrigen im Hauptteil [viii] text-, seiten- und druckgleich mit der Taschenbuchausgabe. Was beide Ausgaben unterscheidet, ist das Vorwort. Es ist in der Neuausgabe erweitert, und Eco hat in den neu hinzugefügten Teilen acht Jahre nach dem Erscheinen der Erstausgabe eine Art Zwischenbilanz gezogen. Besonders interessant und in gewisser Weise den Inhalt des Buches sachlich ergänzend sind jene Ausführungen, in denen Eco – anregend wie immer – von seinen eigenen Erfahrungen mit seinem Buch und mit Reaktionen auf das Buch berichtet. Darum wird nachstehend das erweiterte Vorwort abgedruckt:

»Vorwort zu dieser Ausgabe

1. Diese neue Ausgabe meines Buches erscheint acht Jahre nach der ersten. Ursprünglich geschrieben, um meinen Studenten nicht immer die gleichen Empfehlungen wiederholen zu müssen, hat das Buch eine ziemlich weite Verbreitung gefunden. Ich bin jenen Kollegen dankbar, die es auch heute noch ihren Studenten empfehlen, aber vor allem bin ich jenen Studenten dankbar, die im Laufe ihres Studiums den Anschluß verpaßt hatten, das Buch zufällig entdeckt und mir dann geschrieben haben, daß sie, dank dieser Seiten, endlich die Kraft gefunden haben, ihre Abschlußarbeit anzufangen oder auch abzuschließen. Ich weiß nicht, ob es gut war, dazu beizutragen, daß sich die Zahl der Leute mit Universitätsabschluß in unserem Land erhöhte, aber es ist nun einmal passiert, und ich muß auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Als ich das Buch schrieb, hatte ich die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und, auf Grund meiner persönlichen Erfahrung, vor allem die philosophischen und literaturwissenschaftlichen Fakultäten im Auge. Ich habe aber festgestellt, daß sich das Buch für alle als einigermaßen nützlich erwies, weil es im Grunde nicht so sehr vom Inhalt einer Abschlußarbeit handelt, als vielmehr von der seelischen Verfassung, [ix] mit der man sich an die Arbeit machen muß, und von der Art und Weise, wie man dabei vernünftigerweise vorgeht. In diesem Sinn wurde das Buch gelegentlich auch von Menschen gelesen, die nicht oder noch nicht an der Universität studierten und sogar von Schülern an höheren Schulen, die eine Untersuchung oder einen Vortrag vorbereiten mußten.

Das Buch wurde auch in andere Sprachen und in Ländern übersetzt, in denen andere Anforderungen an eine Abschlußarbeit gestellt werden als bei uns. Natürlich waren dabei einige Anpassungen durch einen Fachmann vor Ort nötig, aber insgesamt scheinen die Ausführungen für den Export geeignet zu sein. Das erstaunt mich nicht. An jedem Ort der Welt sind die Regeln, wie man vernünftig wissenschaftlich arbeitet, insgesamt gesehen dieselben, gleichgültig, auf welchem Niveau man arbeitet oder wie kompliziert die Angelegenheit ist.

Als ich das Buch schrieb, war die Universitätsreform in Italien noch nicht abgeschlossen, und in der Einleitung vertrat ich die Meinung, daß es nicht nur für die Tesi di Laurea, wie man sie bis dahin verstand, von Nutzen sein könnte, sondern auch für die künftigen ›echten‹ Doktorarbeiten. Ich glaube, daß dieser Blick in die Zukunft vernünftig war, und heute möchte ich das Buch auch für jene empfehlen, die auf Grund einer wissenschaftlichen Arbeit promovieren wollen (obwohl ich hoffe, daß, wer soweit gekommen ist, das, was ich sage, schon gelernt hat – aber man weiß nie).

2. In der Einleitung zur ersten Auflage sprach ich von den Schwierigkeiten der italienischen Universität, die ein Büchlein wie das meinige für tausende und abertausende sich selbst überlassener Studenten nützlich erscheinen ließen. Heute wäre ich glücklich, wenn ich alle noch vorhandenen Exemplare einstampfen lassen könnte und keinen Anlaß sähe, meine Handreichnung noch einmal herauszugeben. Leider kann ich nur wiederholen, was ich damals gesagt habe.

(Anmerkung des Übersetzers: Es folgt der Text der alten Einleitung, vgl. S. 1–5 in diesem Buch.)

[x] 6. Seit Erscheinen des Buches sind mir ziemlich seltsame Dinge passiert. Von Zeit zu Zeit erhalte ich Briefe, wie den eines Studenten, der schreibt: ›Ich habe eine Abschlußarbeit über das und das und das Thema zu schreiben‹ (und ich versichere, die Palette der Themen ist sehr weit und manche sind mir ganz fremd). ›Können Sie so freundlich sein, mir eine komplette Zusammenstellung der Literatur zu senden, damit ich mit meiner Arbeit weitermachen kann?‹ Wer so schreibt, hat offensichtlich den Sinn des Buches nicht verstanden, oder er hält mich für einen Zauberer. Das Buch will zeigen, wie man selbständig arbeitet, und nicht, wie und wo man jemanden findet, der einem, wie man sagt, die Sache schon vorgekaut hat. Außerdem hat, wer mich um eine Literaturzusammenstellung bittet, nicht verstanden, daß die Anfertigung einer Literaturzusammenstellung eine zeitraubende Angelegenheit ist, und daß ich, sollte ich nur eine der erbetenen Zusammenstellungen schicken, monatelang, wenn nicht länger, arbeiten müßte. Hätte ich soviel Zeit, ich schwöre, ich wüßte sie besser anzuwenden.

7. Aber die seltsamste Sache, die mir passiert ist und die ich erzählen möchte, betrifft eine Seite in diesem Buch. Es handelt sich um das Kapitel IV.2.4. ›Die wissenschaftliche Bescheidenheit‹. Wenn ihr euch die Mühe macht, es nachzulesen, dann seht ihr, wie ich mich bemühte zu beweisen, daß man keinen Beitrag geringschätzen sollte, weil nicht immer die besten Ideen von den größten Autoren kommen. Und ich erzählte die Geschichte, die mir beim Schreiben meiner eigenen Abschlußarbeit passiert war. Ich hatte einen entscheidenden Gedanken, der mir ein dorniges theoretisches Problem gelöst hatte, ausgerechnet in einem kleinen Büchlein von bescheidener Originalität gefunden, das ein gewisser Abbé Vallet 1887 geschrieben hatte und das ich zufällig bei einem Bouquinisten gefunden hatte.

Nachdem das Buch erschienen war, hat ihm Beniamino Placido eine amüsant zu lesende Rezension in Repubblica vom 22. September 1977 gewidmet. Bei dieser Gelegenheit [xi] führte er sinngemäß aus, ich hätte das Abenteuer Forschung als die Geschichte einer Märchenfigur dargestellt, die sich im Wald verirrt hat und die (wie es im Märchen vorkommt und wie es W. I. Propp theoretisch dargestellt hat) an einem bestimmten Punkt einem Wundertäter begegnet, der ihr den Magischen Schlüssel zur Verfügung stellt. Die Vorstellung von Placido war gar nicht so abwegig, Forschung ist immer auch ein Abenteuer, aber Placido ließ auch durchblicken, daß ich mir für mein Märchen den Abbé Vallet erfunden habe. Als ich Placido später einmal traf, habe ich ihm gesagt: ›Du hast Unrecht, den Abbé Vallet gibt es, besser gesagt, es gab ihn, und ich habe noch ein Buch von ihm zuhause; ich habe seit zwanzig Jahren nicht hineingeschaut, aber ich habe ein gutes visuelles Gedächtnis, und ich erinnere mich noch an die Seite, auf der ich jenen Gedanken gefunden habe und den roten Hinweis mit Ausrufungszeichen, das ich am Rand angebracht hatte. Komm mit zu mir nachhause, und ich zeige dir das berüchtigte Buch des berüchtigten Abbé Vallet.‹

Gesagt, getan. Wir gehen zu mir nachhause, wir schenken uns zwei Whisky ein, ich steige auf eine kleine Leiter, um jenes obere Fach in meinem Büchergestell zu erreichen, wo nach meiner Erinnerung das schicksalsträchtige Buch seit langem liegt. Ich finde es, klopfe den Staub ab, schaue nicht ohne Bewegung wieder hinein und mache mich auf die Suche nach der gleichfalls schicksalsträchtigen Seite. Und ich finde sie, mit ihrem schönen Ausrufungszeichen am Rand.

Ich zeige die Seite Placido und lese dann die Stelle, die mir soviel geholfen hatte. Ich lese sie ihm vor, lese sie noch einmal und noch einmal und falle aus allen Wolken. Der Abbé Vallet hatte nie den Gedanken geäußert, den ich ihm zugeschrieben hatte, will sagen, er hatte nie jene Verbindung zwischen Theorie des Urteils und Theorie der Schönheit hergestellt, die mir als so glänzend erschienen war.

Es hatte sich so zugetragen, daß ich beim Lesen von Vallet (der von anderem sprach) und auf irgend eine mysteriöse Weise angeregt von dem, was er sagte, jene Idee gehabt hatte [xii] und so auf den Text, in dem ich Unterstreichungen vornahm, fixiert war, daß ich die Idee dem Vallet zuschrieb. Und mehr als zwanzig Jahre lang war ich dem alten Abbé für etwas dankbar, was ich gar nicht von ihm hatte. Ich hatte mir den Zauberschlüssel selbst hergestellt.

Aber stimmt das auch wirklich? Kommt das Verdienst an jener Idee mir zu? Hätte ich Vallet nicht gelesen, so wäre mir der Gedanke nicht gekommen. Vielleicht war er nicht der Vater jenes Gedanken, aber er war, sozusagen, der Geburtshelfer. Er hatte mir nichts geschenkt, aber er hat meinen Geist auf Trab gehalten, in gewisser Weise hat er mich zum Denken angeregt. Ist es nicht vielleicht das, was man von einem Lehrmeister (auch) erwartet? Uns zum Finden von Ideen zu provozieren?

Ich habe nochmals darüber nachgedacht und festgestellt, daß ich im Verlaufe meiner Auseinandersetzung mit der Literatur oft Gedanken anderen zugeschrieben hatte, zu deren Suche jene mich angeregt hatten; und in vielen anderen Fällen war ich der Meinung, ein bestimmter Gedanke stamme von mir, während ich doch beim Nachsehen in einem Buch, das ich viele Jahre vorher gelesen hatte, feststellte, daß der Gedanke, oder jedenfalls sein Kern, von einem anderen Autor stammte. Eine (nicht bestehende) Schuld, die ich dem Vallet gegenüber zu haben glaubte, machte mir klar, wie viele Schulden ich zu bezahlen versäumt hatte …

Ich glaube, daß der Sinn dieser Geschichte, die durchaus zu den anderen Ausführungen meines Buches paßt, darin liegt, daß das Abenteuer Forschung geheimnisvoll und begeisternd ist und viele Überraschungen bereithält. Bei ihm geht es nicht um eine Einzelperson, sondern um eine ganze Kultur, und manchmal machen sich Gedanken von allein auf den Weg, wandern, verschwinden, erscheinen wieder, und es geht ihnen wie manchen Witzen: sie werden mit jedem Erzählen besser.

Ich habe darum beschlossen, dem Abbé Vallet meine Dankbarkeit zu bewahren, und zwar gerade deswegen, weil [xiii] er wirklich ein Wunderspender war. Darum habe ich ihn – der eine oder andere Leser hat es vielleicht bemerkt – als Hauptperson in meinem Roman ›Der Name der Rose‹ eingeführt und ihn in der zweiten Zeile der Einleitung erwähnt, diesmal wirklich als eine Person, die etwas gibt, voller Geheimnisse und Rätsel, ein verlorenes Manuskript nämlich, und als das Symbol einer Bibliothek, in der die Bücher miteinander sprechen.

Ich weiß nicht, was aus dieser Geschichte alles zu folgern ist, aber eines weiß ich, und das ist sehr schön. Ich wünsche den Lesern, sie mögen im Laufe ihres Lebens viele Abbé Vallets finden, und ich wünsche mir selbst, für jemand anders der Abbé Vallet zu werden.

Mailand, Februar 1985«

In meiner Einleitung hatte ich davon gesprochen, daß das Buch einen Blick in die Werkstatt Ecos gestatte. Ein weiteres Fenster zu dieser Werkstatt hat sich aufgetan.


Februar 1989 W. Schick

[xiv] Vorwort zur 6. Auflage

Kaum ein Jahr nach der fünften Auflage ist eine weitere Neuauflage des Buches von Umberto Eco erforderlich. Das zeigt, daß sich weiterhin viele Studenten (und vielleicht nicht nur solche) den Ratschlägen des Buches anvertrauen. Dies wird wohl damit zusammenhängen, daß im Mittelpunkt der Ausführungen die Sache »Wissenschaftliches Arbeiten« steht, daß sie zeigen, wie wissenschaftliches Arbeiten (bei aller Mühe) auch Spaß machen kann und daß sie ein wichtiges Stück Bildung vermitteln. Es ist zu hoffen, daß das Buch weiterhin vielen eine Hilfe sein kann. Für die Neuauflage wurde der deutsche Text ganz durchgesehen. Dabei konnten auch Anregungen aus dem Benutzerkreis berücksichtigt werden.


Juli 1993 Walter Schick

[xv]
Inhaltsübersicht

Vorworte des Übersetzers

Nachtrag zur 2. Auflage

Vorwort zur 6. Auflage

Einleitung

I. Was ist eine wissenschaftliche Abschlußarbeit und wozu dient sie?

I.1. Warum muß man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreiben und was ist sie?

I.2. Für wen dieses Buch von Interesse ist

I.3. Was eine Abschlußarbeit auch nach dem Universitätsabschluß nützt

I.4. Vier Faustregeln

II. Die Wahl des Themas

II.1. Monographische oder Übersichtsarbeit?

II.2. Geschichtliche oder theoretische Arbeit?

II.3. Historische Themen oder aktuelle Themen?

II.4. Wieviel Zeit braucht man, um eine Abschlußarbeit zu schreiben?

II.5. Muß man Fremdsprachen können?

II.6. »Wissenschaftliche« oder »politische« Arbeit?

II.6.1. Was ist Wissenschaftlichkeit?

II.6.2. Historisch-theoretische Themen oder »lebendige« Erfahrungen?

[xvi]

II.6.3. Wie man einen aktuellen Gegenstand zu einem wissenschaftlichen Thema macht

II.7. Wie man verhindert, daß man vom Betreuer ausgenutzt wird

III. Die Materialsuche

III.1. Die Zugänglichkeit der Quellen

III.1.1. Was sind Quellen einer wissenschaftlichen Arbeit?

III.1.2. Quellen erster und zweiter Hand

III.2. Die Literatursuche

III.2.1. Wie man eine Bibliothek benützt

III.2.2. Wie man die Bibliographie anpackt: die Kartei

III.2.3. Das bibliographische Zitat

III.2.4. Die Bibliothek von Alessandria: Ein Experiment

III.2.5. Aber muß man denn immer Bücher lesen? Und in welcher Reihenfolge?

IV. Der Arbeitsplan und die Anlage der Kartei

IV.1. Das Inhaltsverzeichnis als Arbeitshypothese

IV.2. Karteikarten und Notizen

IV.2.1. Die verschiedenen Arten von Karteikarten und wozu sie dienen

IV.2.2. Das »Verzetteln« der Primärquellen

IV.2.3. Die Lektüre-Karten

IV.2.4. Die wissenschaftliche Bescheidenheit

V. Das Schreiben

V.1. An wen man sich wendet

V.2. Wie man sich ausdrückt

V.3. Die Zitate

V.3.1. Wann und wie man zitiert: zehn Regeln

V.3.2. Zitat, sinngemäße Wiedergabe, Plagiat

V.4. Die Fußnoten

[xvii]

V.4.1. Welchen Zweck die Fußnoten haben

V.4.2. Die Zitierweise Zitat – Fußnote

V.4.3. Das System Autor – Jahr

V.5. Hinweise, Fallen, Gebräuche

V.6. Der wissenschaftliche Stolz

VI. Die Schlußredaktion

VII. Abschließende Bemerkungen

Anmerkungen

[1]
Einleitung

1. Früher war die Universität nur für eine Elite da. Es besuchten sie nur die Kinder von Leuten, die selber studiert hatten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, konnte jeder, der studierte, über seine Zeit frei verfügen. Die Universitätsausbildung war so angelegt, daß man sie in Ruhe absolvieren konnte – mit ein wenig Zeit zum Studieren und ein wenig für die »gesunden« Ablenkungen des Studentenlebens, vielleicht auch für Aktivitäten in Vertretungsorganen.

Die Vorlesungen waren anspruchsvolle Vorträge. Waren sie absolviert, so zogen sich die interessierten Studenten mit Professoren und Assistenten in ausgedehnte Seminare zurück, zehn bis fünfzehn Personen höchstens.

Noch heute nehmen an vielen amerikanischen Universitäten nicht mehr als zehn oder zwanzig Studenten an den Veranstaltungen teil (sie zahlen einen üppigen Preis und haben darum das Recht, den Unterrichtenden zu »gebrauchen«, wenn sie mit ihm diskutieren wollen). An einer Universität wie Oxford kümmert sich ein Dozent, Tutor genannt, um die Forschungsarbeit einer ganz kleinen Gruppe von Studenten (es kann vorkommen, daß er nur einen oder zwei im Jahr betreut) und verfolgt ihre Arbeit Tag für Tag.

Wäre die Lage heute so, es wäre nicht nötig, dieses Buch zu schreiben – auch wenn einige der in ihm enthaltenen Ratschläge für den oben beschriebenen »idealen« Studenten nützlich sein könnten.

Aber die Universität von heute ist eine Massenuniversität. An ihr studieren Studenten aller Bevölkerungsgruppen, mit Abschlüssen der verschiedensten Art höherer Schulen. Sie wollen [2] vielleicht Philosophie oder klassische Literatur studieren, kommen aber von einer technischen Fachschule, wo sie kein Griechisch und vielleicht nicht einmal Latein gelernt haben. Und so richtig es sein mag, daß Latein für viele Tätigkeiten kaum gebraucht wird – für ein geisteswissenschaftliches Studium ist es sehr nützlich.

In manchen Lehrveranstaltungen sind Tausende eingeschrieben. Der Professor kennt vielleicht dreißig von ihnen, die interessiert mitarbeiten, mehr oder weniger gut. Mit Hilfe seiner Mitarbeiter (Stipendiaten, Zeitangestellten, Übungsassistenten) gelingt es ihm vielleicht, hundert zu einem gewissen Engagement zu bewegen. Unter ihnen sind viele, die in guten Verhältnissen leben, in einer gebildeten Familie aufgewachsen sind, mit einer kulturell lebendigen Umgebung Kontakt haben, sich Bildungsreisen leisten können, künstlerische Veranstaltungen und Theaterfestspiele besuchen, fremde Länder besuchen. Dann sind da noch die anderen Studenten, die vielleicht gleichzeitig einer Arbeit nachgehen, die auf dem Einwohnermeldeamt einer Stadt mit zehntausend Einwohnern arbeiten, in der es statt einer Buchhandlung nur Schreibwarengeschäfte gibt, die auch Bücher führen. Studenten, die, enttäuscht von der Universität, sich der Politik zugewandt haben und sich auf andere Weise ausbilden wollen, die sich aber dennoch früher oder später der Abschlußarbeit stellen müssen. Sehr arme Studenten, die sich ihre Examensfächer nach dem Preis der vorgeschriebenen Bücher und Unterlagen auswählen müssen und die sagen: dieses Examen kostet 12.000 Lire und die, wenn sie die Wahl haben, das billigere Examen wählen. Studenten, die manchmal zur Vorlesung kommen und sich abmühen müssen, im total überfüllten Hörsaal einen Platz zu finden; und die am Ende der Vorlesung gerne mit dem Dozenten sprechen würden, aber es warten schon dreißig, und sie müssen auf den Zug, weil das Geld für eine Übernachtung nicht reicht. Studenten, denen kein Mensch je erklärt hat, wie man ein Buch in der Bibliothek sucht und in welcher Bibliothek; oft wissen sie nicht, daß sie [3] Bücher auch in der Bibliothek ihrer Heimatstadt finden können und wie man einen Leihschein ausfüllt.

Die Ratschläge dieses Buches sind vor allem für solche Studenten bestimmt. Ferner auch für solche, die nach dem Abitur auf die Universität kommen und in die Geheimwissenschaft der vorgeschriebenen Abschlußarbeit eindringen wollen.

Ihnen allen will es zumindest zwei Dinge deutlich machen:

– daß man eine anständige Doktorarbeit (oder sonstige Abschlußarbeit) schreiben kann, obwohl man sich in einer schwierigen Situation befindet, in der alte oder neue Benachteiligungen eine Rolle spielen.

– daß man das Schreiben der Doktorarbeit – mag auch im übrigen die Zeit des Studiums enttäuschend oder frustrierend gewesen sein – dazu benutzen kann, die positiven und weiterführenden Seiten des Studiums kennenzulernen – nicht im Sinne einer Anhäufung von Wissen, sondern im Sinne der kritischen Verarbeitung einer selbstgemachten Erfahrung, der Aneignung der für das künftige Leben nützlichen Fähigkeit, sie nach bestimmten Regeln darzustellen.

2. Aus alledem ergibt sich: Dieses Buch will nicht erläutern, »wie man wissenschaftlich arbeitet«, und sich auch nicht mit dem Wert des Studiums auf theoretische Weise befassen. Es stellt nur einige Überlegungen zu der Frage an, wie man einer Prüfungskommission eine vom Gesetz vorgeschriebene Arbeit vorlegen kann, die eine bestimmte Zahl maschinengeschriebener Seiten umfaßt, von der man erwartet, daß sie mit dem vorgesehenen Promotionsfach zu tun hat und daß sie den Doktorvater nicht in einen allzu traurigen Zustand versetzt.

Natürlich kann euch das Buch nicht sagen, was man in die Arbeit einbringen soll. Das bleibt eure Sache. Das Buch gibt Auskunft darüber, (1) was man unter einer Abschlußarbeit versteht; (2) wie man das Thema sucht und die Zeit für seine Bearbeitung einteilt; (3) wie man bei der Literatursuche vorgeht; (4) wie man das gefundene Material auswertet; (5) wie man die Ausarbeitung äußerlich gestaltet. Und es läßt sich nicht vermeiden, [4] daß gerade dieser letzte Teil der genaueste ist, obwohl er doch weniger wichtig erscheinen könnte: gerade er aber ist der einzige, für den es einigermaßen präzise Regeln gibt.

3. In diesem Buch geht es um Abschlußarbeiten an geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Da meine Erfahrungen aus philosophischen (und literaturwissenschaftlichen) Fakultäten stammen, sind die meisten Beispiele Bereichen entnommen, die an diesen Fakultäten studiert werden. Aber im Rahmen dessen, was das Buch sich vorgenommen hat, gelten meine Empfehlungen auch für die Arbeiten in den Fächern Politische Wissenschaften, Lehramt, Recht. Soweit es um historische oder allgemein-theoretische und nicht um experimentelle und empirische Arbeiten geht, sollte das Modell auch auf die Bereiche Architektur, Wirtschaftswissenschaften und auf einige naturwissenschaftliche Fakultäten anwendbar sein. Es ist aber Vorsicht am Platz.

4. Während dieses Buch in Druck geht, spricht man viel von Universitätsreform. Und es sind zwei oder drei Abschlüsse von unterschiedlichem Niveau im Gespräch.

Man kann sich fragen, ob diese Änderung nicht die Vorstellung der »Tesi di Laurea« total umkrempeln wird. Dann werden wir Abschlüsse verschiedenen Niveaus haben, und wenn die Lösung der in der Mehrzahl anderer Länder gleicht, stehen wir vor einer Situation, die der im ersten Kapitel beschriebenen nicht unähnlich ist (I.1.). Das heißt wir hätten eine Art Diplom- oder Magisterarbeit (erster Abschluß) und eine Doktorarbeit (zweiter Abschluß).

Die Ratschläge, die wir in diesem Buch geben, betreffen beide, und soweit sich Unterschiede ergeben, wird auf sie hingewiesen.

Was auf den folgenden Seiten gesagt wird, gilt, unserer Meinung nach, auch im Hinblick auf die Reform und insbesondere dann, wenn man die für eine eventuelle Reform nötige Übergangszeit in Betracht zieht.

[5] 5. Cesare Segre hat das Manuskript gelesen und mir Ratschläge gegeben. Da ich viele beherzigt habe, bei anderen hartnäckig an meiner Position festgehalten habe, ist er für das, was herausgekommen ist, in keiner Weise verantwortlich. Natürlich danke ich ihm herzlich.

6. Ein letzter Hinweis: Was im folgenden gesagt wird, gilt natürlich für Studenten und Studentinnen, so wie es für Professoren und Professorinnen gilt. Da das Italienische keinen neutralen Ausdruck hat, der beide Geschlechter umfaßt (in Amerika bürgert sich der Ausdruck »Person« ein, aber es wäre lächerlich, von einer »studentischen Person« oder einer Person, die Kandidat ist, zu sprechen), beschränke ich mich darauf, von Student, Kandidat, Professor oder Berichterstatter zu sprechen. Ich folge dabei grammatikalischem Brauch und bringe keinerlei Diskriminierung wegen des Geschlechts zum Ausdruck. Man kann natürlich fragen, warum ich dann nicht immer von Studentin, Professorin etc. spreche. Dies deshalb, weil ich aus eigener Erinnerung und Erfahrung arbeite und die Darstellung dadurch mehr Unmittelbarkeit vermitteln kann.

[6]
I.Was ist eine wissenschaftliche Abschlußarbeit und wozu dient sie?
I.1. Warum muß man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreiben und was ist sie?

Eine wissenschaftliche Abschlußarbeit ist eine maschinenschriftliche Ausarbeitung, deren durchschnittliche Länge zwischen einhundert und vierhundert Seiten schwankt und in der der Student ein Problem abhandelt, das aus demjenigen Studienfach stammt, in dem er den Abschluß erwerben will. Nach italienischem Recht ist eine solche Arbeit für den Studienabschluß unerläßlich. Nach Abschluß aller vorgeschriebenen Prüfungen legt der Student die Arbeit einer Prüfungskommission vor, die einen zusammenfassenden Bericht des Referenten (desjenigen Professors, »bei dem man die Arbeit schreibt«) und des oder der Korreferenten, die dem Bewerber gegenüber auch Einwände vorbringen (können), anhört. Daraus entwickelt sich eine Diskussion, an der sich auch die anderen Kommissionsmitglieder beteiligen. Das Urteil der Kommission stützt sich auf die Aussage der beiden Referenten über die Qualität (oder die Mängel) der schriftlichen Arbeit und auf die Fähigkeiten, die der Kandidat bei der Verteidigung seiner schriftlich vorgetragenen Thesen beweist. Unter Einbeziehung des Notendurchschnitts aus den einzelnen Prüfungen setzt die Kommission die Note für die Arbeit fest. So wird es jedenfalls in Italien an den meisten geisteswissenschaftlichen Fakultäten gehandhabt.

[7] Mit der Beschreibung der Äußerlichkeiten der Arbeit und des Rituals, in das sie eingebettet ist, ist noch wenig über ihre Natur gesagt. Vor allem darüber, warum die italienische Universität für den Studienabschluß eine wissenschaftliche Abschlußarbeit (»tesi di laurea«) zwingend vorschreibt.

Es ist bemerkenswert, daß die meisten ausländischen Universitäten diese Anforderung nicht stellen. In einer Reihe von ihnen gibt es unterschiedliche Abschlüsse, für die keinerlei wissenschaftliche Arbeit erforderlich ist. In anderen gibt es einen ersten Abschluß, der in etwa dem unseren entspricht, der aber nicht das Recht gibt, den Doktortitel zu führen und den man allein mit Prüfungen oder mit einer Arbeit erreichen kann, die geringen Anforderungen entspricht. In anderen wiederum gibt es verschiedene Stufen der Promotion mit Anforderungen unterschiedlichen Umfangs. Normalerweise ist die wirkliche und eigentliche Doktorarbeit einer Art Super-Abschluß, der Promotion, vorbehalten, zu der nur Zugang hat, wer sich für die wissenschaftliche Forschung weiterbilden und spezialisieren will. Diese Art von Promotion hat verschiedene Bezeichnungen, aber wir nennen sie von jetzt ab mit einem allgemein gebräuchlichen angelsächsischen Ausdruck PhD (was eigentlich so viel wie Philosophy Doctor, Doktor der Philosophie, bedeutet, aber jede Art von Doktor der Geisteswissenschaften bezeichnet, vom Soziologen bis zum Griechischprofessor. In anderen als geisteswissenschaftlichen Fächern werden andere Bezeichnungen verwendet, z.B. MD, Medicine Doctor).

Vom PhD zu unterscheiden ist ein Abschluß, der unserer »Laurea« sehr ähnlich ist und den wir in Zukunft Diplomierung nennen.

Die Diplomierung führt in ihren verschiedenen Formen zur praktischen Berufstätigkeit. Der PhD dagegen qualifiziert zu einer Tätigkeit im akademischen Bereich; wer diesen Titel also erwirbt, schlägt fast immer die akademische Laufbahn ein.

Eine »echte PhD-Arbeit« beruht immer auf eigenständiger Forschung; der Kandidat muß beweisen, daß er in der Lage ist, das gewählte Gebiet voranzubringen. Darum schreibt man auch [8] diese Arbeit nicht, wie unsere Abschlußarbeit, mit zweiundzwanzig Jahren, sondern in einem höheren Alter, manchmal auch erst mit vierzig oder fünfzig Jahren (auch wenn es sehr junge PhD gibt). Warum soviel Zeitaufwand? Eben weil es sich um eigenständige Forschung handelt, bei der man sicher auch wissen muß, was andere über den gleichen Gegenstand gesagt haben, bei der es aber vor allem etwas zu entdecken gilt, was andere noch nicht gesagt haben. Wenn man, speziell in den Geisteswissenschaften, von »Entdeckung« spricht, dann denkt man nicht an umwälzend neue Entdeckungen wie die Atomspaltung, an die Relativitätstheorie oder an ein Mittel gegen Krebs: es kann sich auch um bescheidenere Entdeckungen handeln, und man betrachtet als »wissenschaftlich« auch eine neue Art und Weise, einen klassischen Text zu lesen und zu verstehen, das Ausgraben eines Manuskripts, das ein neues Licht auf einen Autor wirft, oder die Neubewertung und die Neuinterpretation schon vorhandener Arbeiten, wenn dadurch Gedanken weitergebracht und in eine systematische Ordnung eingefügt werden, die bisher über verschiedene andere Texte verstreut waren. Jedenfalls muß eine Arbeit entstehen (zumindest ist das die Idee), die andere Forscher, die sich mit dem Gegenstand beschäftigen, nicht außer acht lassen dürfen, weil in ihr etwas Neues gesagt wird (vgl. II.6.1.).

Entspricht die Abschlußarbeit, mit der wir uns hier beschäftigen, diesen gleichen Anforderungen? Nicht zwangsläufig. Da sie meist zwischen zweiundzwanzig und vierundzwanzig Jahren und in einem Alter, in dem man noch Universitätsexamina ablegt, geschrieben wird, kann sie nicht das Ergebnis langer und ausgefeilter Überlegungen sein, die völlige Reife beweisen. Und so kommt es, daß es Abschlußarbeiten (geschrieben von besonders begabten Studenten) gibt, die wirkliche PhD-Doktorarbeiten sind, und andere, die dieses Niveau nicht erreichen. Auch die Universität verlangt dies nicht um jeden Preis: Eine gute Abschlußarbeit muß nicht unbedingt auf eigenständiger Forschung beruhen, sie kann auch kompilatorisch sein. In einer kompilatorischen Arbeit zeigt der Student immerhin, daß er [9] kritisch vom Großteil der vorhandenen »Literatur« Kenntnis genommen hat (d.h. von den Veröffentlichungen über den Gegenstand) und daß er in der Lage ist, sie auf eine übersichtliche Weise darzustellen, dabei die verschiedenen Ansichten zueinander in Beziehung zu setzen und so einen guten Gesamtüberblick zu geben, der vielleicht auch einem Spezialisten zur Information nützlich sein kann, der sich gerade mit diesem Detailproblem nie eingehender beschäftigt hatte.

Daraus ergibt sich ein erster Hinweis: Man kann eine kompilatorische oder eine Forschungsarbeit schreiben – eine »Diplom-, Magisterarbeit« oder eine »PhD«, d.h. »Doktorarbeit« (Dissertation).

Eine Forschungsarbeit dauert immer länger, sie ist anstrengender und stellt höhere Anforderungen; auch eine kompilatorische Arbeit kann lange dauern und anstrengend sein (es gibt kompilatorische Arbeiten, die viele Jahre in Anspruch genommen haben), aber normalerweise kann sie in kürzerer Zeit fertiggestellt werden und birgt ein geringeres Risiko in sich.

Es ist auch keineswegs gesagt, daß man sich mit einer kompilatorischen Arbeit die Forschungslaufbahn verbaut. Das Zusammentragen von Material kann darin seinen Grund haben, daß sich der junge Forscher vor Beginn der eigentlichen Forschungsarbeit über einige Gedanken durch umfassende Dokumentation Klarheit verschaffen will.

Andererseits gibt es Abschlußarbeiten, die mit dem Anspruch auftreten, Forschungsarbeiten zu sein, die aber schnell heruntergeschrieben sind. Dabei handelt es sich um schlechte Arbeiten, die denjenigen verärgern, der sie liest und die dem, der sie schreibt, überhaupt nicht von Nutzen sind.

Die Wahl zwischen einer Forschungsarbeit und einer kompilatorischen Arbeit hängt also von der Reife und von der Arbeitskraft des Kandidaten ab. Oft – und unglücklicherweise – hängt sie auch von den finanziellen Umständen ab, weil sicher ein Student, der nebenbei arbeiten muß, weniger Zeit, weniger Kraft und oft auch weniger Geld für langwierige Untersuchungen hat (die häufig mit dem Erwerb seltener und teuerer Bücher [10] verbunden sind, mit Reisen zu ausländischen Forschungsstätten oder Bibliotheken etc.).

Leider kann dieses Buch keine wirtschaftlichen Ratschläge geben. Bis vor kurzem war es in aller Welt ein Privileg der reichen Studenten zu forschen. Man kann auch nicht behaupten, daß dieses Problem heute durch Stipendien, Reisebeihilfen, Mittel für den Aufenthalt an ausländischen Universitäten für alle ganz gelöst wäre. Das Ideal wäre eine gerechtere Gesellschaft, in der Studieren als vom Staat bezahlte Arbeit angesehen würde, in der eine Bezahlung erhielte, wer zum Studium berufen ist und in der es nicht notwendig wäre, um jeden Preis ein »Stück Papier« zu erwerben, um einen Arbeitsplatz zu finden, um befördert zu werden, um bei einer öffentlichen Stellenausschreibung gegenüber anderen erfolgreicher zu sein.

Aber die italienische Universität und die Gesellschaft, für die sie steht, sind so wie sie sind. Wir können uns nur wünschen, daß Studenten jedweder Gesellschaftsschicht sie ohne übergroße Opfer besuchen können, und wir wollen im folgenden versuchen darzulegen, wie man – unter Berücksichtigung der verfügbaren Zeit und Energie sowie der eigenen Berufung – eine anständige Abschlußarbeit schreiben kann.

I.2. Für wen dieses Buch von Interesse ist

Wenn die Dinge so stehen, müssen wir davon ausgehen, daß viele Studenten gezwungen sind, eine Abschlußarbeit zu schreiben, um möglichst schnell mit dem Studium fertig zu werden und den Titel zu erwerben, der dem berufstätigen Studenten aufgrund des Hochschulabschlusses das Vorwärtskommen ermöglicht. Einige dieser Studenten sind vielleicht schon vierzig. Gerade solche Studenten erwarten von uns praktische Ratschläge, wie man eine Abschlußarbeit in einem Monat schreibt, um die Universität hinter sich zu bringen, gleichgültig mit welcher Note. Für sie ist, um es nachdrücklich klarzustellen, dieses Buch nicht bestimmt. Wer solche Ansprüche stellt, wen die geltende [11] paradoxe Rechtslage zwingt, eine schwierige wirtschaftliche Lage dadurch zu lösen, daß er die Universität so schnell wie möglich abschließt, für den bieten sich zwei Lösungen an: 1. Eine vernünftige Summe investieren und sich die Arbeit von einem anderen schreiben lassen. 2. Eine an einer anderen Universität schon einige Jahre früher geschriebene Arbeit abschreiben (es ist unzweckmäßig, eine schon gedruckte Arbeit, auch wenn sie aus dem Ausland stammt, zu nehmen, weil ein auch nur einigermaßen informierter Dozent von ihrer Existenz weiß; aber in Mailand eine Arbeit abzuschreiben, die in Catania angefertigt wurde, bietet die begründete Chance, daß man unentdeckt bleibt; natürlich muß man sich darüber informieren, ob der Doktorvater nicht, bevor er nach Mailand kam, in Catania als Dozent tätig war. Auch das Abschreiben einer Arbeit setzt also Forschungsarbeit voraus, die Intelligenz verlangt).

Es versteht sich, daß die soeben gegebenen Ratschläge rechtswidrig sind. Es ist, als würde man sagen: »Wenn Du verletzt zur Notaufnahme kommst und der Arzt dich nicht untersuchen will, so setze ihm das Messer an den Hals.« In beiden Fällen handelt es sich um Verzweiflungstaten. Unser Rat wurde gegeben, um die Ausweglosigkeit der Situation klarzumachen und zu bekräftigen, daß das Buch nicht den Anspruch erhebt, die schwierigen sozialen Probleme zu lösen, die die gegenwärtige Rechtsordnung mit sich bringt.

Dieses Buch wendet sich also an Studenten, die (auch ohne Millionär zu sein und ohne 10 Jahre Zeit für den Abschluß zu haben und dafür in der ganzen Welt herumzureisen) einige Stunden am Tag ihren Studien widmen können und die eine Abschlußarbeit machen wollen, die ihnen eine gewisse geistige Befriedigung gibt und die ihnen auch nach dem Universitätsabschluß Nutzen bringt. Und die im Rahmen des gesteckten Zieles – mag es auch bescheiden sein – ernsthafte Arbeit leisten wollen. Man kann auch eine Sammlung von Einklebe-Bildchen ernsthaft angehen: Man muß nur den Gegenstand der Sammlung festlegen, die Grundsätze für die Katalogisierung, die zeitliche Begrenzung der Sammlung. Wenn man sich dafür entscheidet, [12] nicht weiter als bis 1960 zurückzugehen: bestens, vorausgesetzt, daß alle Bilder seit 1960 vorhanden sind. Diese Sammlung wird sich immer noch vom Louvre unterscheiden. Aber es ist besser, eine Sammlung von Fußballer-Bildchen von 1960 bis 1970 zu machen als ein unseriöses Museum. Dieser Grundsatz gilt auch für die Abschlußarbeit.

I.3. Was eine Abschlußarbeit auch nach dem Universitätsabschluß nützt

Es gibt zwei verschiedene Arten, eine Abschlußarbeit so zu schreiben, daß sie auch nach dem Universitätsabschluß noch Nutzen bringt. Die erste besteht darin, daß man die Arbeit zur Grundlage für breiter angelegte Forschungen macht, die man in den folgenden Jahren fortsetzt – wozu man natürlich die Möglichkeit und die Lust haben muß. Aber es gibt auch eine zweite Möglichkeit, bei der (beispielsweise) ein örtlicher Fremdenverkehrsdirektor von der Tatsache profitiert, daß er eine Arbeit über das Thema »Manzonis Fermo e Lucia* in der zeitgenössischen Kritik« geschrieben hat. Eine Abschlußarbeit schreiben bedeutet ja: 1. ein bestimmtes, klar umrissenes Thema ausfindig machen; 2. Material zu diesem Thema sammeln; 3. dieses Material ordnen; 4. das Thema unter Berücksichtigung des gesammelten Materials überprüfen; 5. alle diese Überlegungen in einen Zusammenhang bringen; 6. alles dies in einer Weise tun, daß derjenige, der das Ergebnis liest, verstehen kann, was man sagen wollte, und bei Bedarf auf das gleiche Material zurückgreifen könnte, wenn er selbst über das Thema forschen wollte.

Eine solche Arbeit schreiben bedeutet also zu lernen, in die eigenen Gedanken Ordnung zu bringen und Angaben zu ordnen: es ist das Erfahren der methodischen Arbeit; d. h. es geht darum, einen »Gegenstand« zu erarbeiten, der im Prinzip auch für andere nützlich sein kann. Und darum ist das Thema der Arbeit weniger wichtig als die Erfahrung, die sie mit sich bringt. Wer [13] das Material zur Kritik an Manzonis Roman erarbeiten konnte, dem wird es auch möglich sein, sich methodisch Angaben zu erarbeiten, die er für das Fremdenverkehrsamt braucht.

Der Verfasser dieses Buches hat inzwischen an die zehn Bücher zu unterschiedlichen Themen geschrieben, aber wenn ihm die letzten neun gelungen sind, so deshalb, weil er die Erfahrung mit dem ersten einsetzen konnte, das eine Überarbeitung seiner Abschlußarbeit war. Ohne diese erste Arbeit hätte ich die anderen nicht schreiben können, und den anderen merkt man, im Guten wie im Schlechten, die Art und Weise, wie die erste gemacht wurde, noch an. Vielleicht wird man mit der Zeit gewiefter, vielleicht weiß man mehr, aber die Art und Weise, wie man sein Wissen verarbeitet, hängt immer davon ab, wie man am Anfang vieles, was man nicht wußte, sich erarbeitet hat.

Schließlich heißt eine solche Arbeit schreiben sein Gedächtnis trainieren. Wenn man im Alter ein gutes Gedächtnis hat, dann hat man es seit frühester Jugend trainiert. Und es ist gleichgültig, ob man es durch Auswendiglernen der Aufstellung aller Vereine der Bundesliga, der Gedichte von Carducci* oder der römischen Kaiser von Augustus bis Romulus Augustulus trainiert hat. Gewiß, wenn man schon das Gedächtnis trainiert, ist es besser, etwas zu lernen, was einen interessiert oder was man brauchen kann. Aber manchmal ist es auch eine gute Übung, etwas Unnützes zu lernen. Und darum ist auch – mag es auch besser sein, eine Arbeit zu einem Thema zu schreiben, das uns interessiert – das Thema zweitrangig im Verhältnis zur Arbeitsmethode und zur Erfahrung, die man aus der Arbeit gewinnt.

Auch deshalb, weil es, wenn man gut arbeitet, kein wirklich schlechtes Thema gibt. Wenn man gut arbeitet, zieht man auch aus zeitlich oder räumlich scheinbar abseits liegenden Themen großen Nutzen. Marx hat nicht über politische Ökonomie, sondern über zwei griechische Philosophen, nämlich Epikur und Demokrit, promoviert. Und das war kein Arbeitsunfall. Vielleicht konnte Marx, wie wir wissen, die geschichtlichen und [14] wirtschaftlichen Probleme gerade deshalb mit solch großer theoretischer Kraft durchdenken, weil er das Denken an seinen griechischen Philosophen gelernt hat. Angesichts zahlreicher Studenten, die mit einer höchst anspruchsvollen Arbeit über Marx anfangen, um dann im Personalbüro einer großen Kapitalgesellschaft zu landen, erscheint es nötig, über den Nutzen, die Aktualität und die Anforderungen des Gegenstands der Arbeit nachzudenken.

I.4. Vier Faustregeln

In manchen Fällen schreibt der Kandidat eine Arbeit über ein Thema, das der Dozent für ihn ausgesucht hat. Das sollte man vermeiden.

Wir sprechen hier natürlich nicht von den Fällen, in denen sich der Kandidat vom Dozenten beraten läßt. Wir spielen vielmehr auf jene Fälle an, in denen die Schuld entweder beim Professor (vgl. II.7.: »Wie man es vermeidet, sich vom Doktorvater ausnützen zu lassen«) oder beim Kandidaten liegt, der kein Interesse hat und der entschlossen ist, irgendeine Arbeit, sei sie auch noch so schlecht, zu schreiben, um die Angelegenheit möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Wir ziehen vielmehr nur solche Fälle in Betracht, in denen der Kandidat selbst Interesse zeigt und der Dozent bereit ist, darauf einzugehen.

In solchen Fällen gelten für die Auswahl des Themas vier Regeln:

1. Das Thema soll den Interessen des Kandidaten entsprechen (sei es, daß es mit seinen Prüfungsfächern zusammenhängt, sei es mit der Literatur, die er gelesen hat, sei es mit der politischen, kulturellen oder religiösen Umgebung, in der er lebt);

2. Die Quellen, die herangezogen werden müssen, sollen für den Kandidaten auffindbar sein, d.h. sie müssen ihm tatsächlich zugänglich sein;

[15]

3. Der Kandidat soll mit den Quellen, die herangezogen werden müssen, umgehen können, d.h. sie müssen seinem kulturellen Horizont entsprechen;

4. Die methodischen Ansprüche des Forschungsvorhabens müssen dem Erfahrungsbereich des Kandidaten entsprechen.

So formuliert, scheinen die vier Regeln banal und nicht mehr zu enthalten als die Aussage, daß, »wer eine Abschlußarbeit schreiben will, eine schreiben soll, die er schreiben kann«. Genauso aber ist es, und es gibt Arbeiten, die auf eine dramatische Weise mißlingen, weil es nicht gelungen ist, sich die Probleme schon am Anfang anhand dieser so offensichtlichen Kriterien klar zu machen1.

Die folgenden Kapitel versuchen einige Ratschläge zu geben, damit die in Aussicht genommene Arbeit eine solche ist, die der Kandidat auch wirklich schreiben kann.

[16]
II.Die Wahl des Themas
II.1. Monographische oder Übersichtsarbeit?

Die erste Versuchung für den Studenten besteht darin, eine Arbeit zu schreiben, in der von zu vielem gehandelt wird. Wenn der Student sich für Literatur interessiert, dann denkt er im ersten Augenblick an eine Arbeit mit dem Titel: Literatur heute. Wenn der Gegenstand eingeschränkt werden muß, wird er das Thema »Die italienische Literatur vom Ende des Krieges bis zu den sechziger Jahren« wählen. Das sind äußerst gefährliche Arbeiten, die auch bei bedeutenden Gelehrten die Knie zum Zittern bringen. Für einen zwanzigjährigen Studenten stellen sie eine Herausforderung dar, der er nicht gewachsen ist. Entweder er stellt ganz simpel Namen und gängige Meinungen zusammen, oder er gibt seiner Arbeit einen originellen Zuschnitt, und er wird sich dann immer dem Vorwurf unverzeihlicher Auslassungen ausgesetzt sehen. Der große zeitgenössische Literaturkritiker Gianfranco Contini* hat 1957 seine Letteratura Italiana-Ottocento-Novecento [Italienische Literatur im 18. und 19. Jahrhundert] veröffentlicht (Verlag Sansoni Accademia). Wäre es eine Abschlußarbeit gewesen, er wäre trotz ihrer 472 Druckseiten durchgefallen. Man hätte ihm nämlich Nachlässigkeit oder Unwissenheit angesichts der Tatsache vorgeworfen, daß er einige Namen nicht erwähnt, die die meisten für sehr wichtig halten, oder daß er ganze Kapitel sogenannten »unbedeutenden« Autoren gewidmet hat und nur einige kurze Fußnoten sogenannten »bedeutenden«. Da es sich um einen Gelehrten handelt, dessen historische Bildung und kritische Genauigkeit bestens bekannt sind, war natürlich jedermann klar, [17] daß die Auslassungen und Disproportionen gewollt waren und daß die Tatsache, daß ein Autor fehlte, als Kritik viel aussagekräftiger war als eine Seite Verriß. Wenn aber ein Student mit zweiundzwanzig Jahren dergleichen Scherze macht, wer garantiert, daß hinter dem Schweigen tatsächlich ein ausgeklügelter Kunstgriff steht und daß die Auslassungen für kritische Ausführungen stehen, die der Autor an anderer Stelle geschrieben hat oder die er doch schreiben könnte? Bei derartigen Arbeiten wirft der Student gewöhnlich den Mitgliedern der Kommission vor, sie hätten ihn nicht verstanden, aber sie konnten ihn nicht verstehen, und darum ist eine zu sehr nur auf einen Überblick angelegte Arbeit immer Ausdruck von Hochmut. Nicht etwa, daß geistiger Hochmut – in einer solchen Arbeit – von vornherein abzulehnen wäre. Man kann auch behaupten, daß Dante ein schlechter Dichter sei: aber das geht erst nach wenigstens 300 Seiten eingehender Auseinandersetzung mit den Texten Dantes. In einer Übersichtsarbeit läßt sich das nicht bewältigen. Und darum ist es angebracht, daß der Student statt »Die italienische Literatur vom Ende des Krieges bis zu den sechziger Jahren« ein bescheideneres Thema wählt.

Ich will euch gleich sagen, was das ideale Thema wäre: Nicht Die Romane von Fenoglio*, sondern: Die verschiedenen Fassungen von »Der Partisan Johnny«. Langweilig? Mag sein, aber als Herausforderung interessanter. Darüber hinaus ist die Entscheidung für das Thema bei genauer Betrachtung ein kluger Schachzug. Mit einer Arbeit über die Literatur über einen Zeitraum von vierzig Jahren setzt sich der Student allen möglichen Einwänden aus. Wie kann der Referent oder ein einfaches Kommissionsmitglied der Versuchung widerstehen zu beweisen, daß er einen Autor von minderer Bedeutung kennt, den der Student nicht zitiert hat? Es genügt, daß jedes Kommissionsmitglied beim Blättern im Inhaltsverzeichnis drei Lücken entdeckt, und gleich sieht sich der Student einer Fülle von Vorwürfen gegenüber, die seine Arbeit als eine Aneinanderreihung von Lücken erscheinen lassen. Wenn der Student dagegen ein klar abgegrenztes Thema ernsthaft bearbeitet hat, dann hat er ein [18] Material im Griff, das dem größten Teil derer, die ihn zu beurteilen haben, unbekannt ist. Ich schlage damit keinen billigen Trick vor. Es mag ein Trick sein, aber kein billiger; denn er kostet Mühe. Es ist einfach so, daß der Kandidat als Fachmann vor ein Gremium tritt, das weniger fachkundig ist als er, und da er sich der Mühe unterzogen hat, Fachmann zu werden, ist es nur gerecht, daß er aus dieser Lage Vorteile zieht. Zwischen den beiden Extremen einer Übersichtsarbeit über 40 Jahre italienischer Literatur einerseits und der streng abgegrenzten (der sogenannten monographischen) Arbeit über die verschiedenen Fassungen eines kurzen Textes andererseits gibt es viele Zwischenformen. So können sich Themen herauskristallisieren wie Die literarische Neo-Avantgarde der sechziger Jahre oder Das Bild der Langhen* bei Pavese** und Fenoglio oder auch Verwandtschaft und Unterschiede zwischen drei »phantastischen« Schriftstellern Savinio***, Buzzati**** und Landolfi*****.

Für die naturwissenschaftlichen Fakultäten gibt ein kleines Buch, das einen ähnlichen Gegenstand behandelt wie das unsere, einen Ratschlag, der für alle Fächer paßt:

Das Thema Geologie beispielsweise ist zu weit. Vulkanologie, als Zweig der Geologie, ist noch zu umfassend. Die Vulkane Mexikos könnte eine vernünftige, wenn auch etwas oberflächliche Arbeit abgeben. Eine weitere Beschränkung würde zu einer wertvolleren Untersuchung führen: Die Geschichte des Popocatepetl (den einer der Konquistadoren des Cortez’ wahrscheinlich 1519 erstieg und der erst im Jahr 1702 einen heftigen Ausbruch hatte). Ein noch engeres Thema, das einen kleineren Zeitraum erfaßt, wäre: Der Ausbruch und das scheinbare Erlöschen des Paricutin (vom 20. Februar 1943 bis zum 4. März 1952)1.

Was mich betrifft, ich würde zum letzten Thema raten. Unter der Bedingung, daß der Kandidat wirklich alles bringt, was es über diesen verflixten Vulkan zu sagen gibt.

[19] Vor einiger Zeit kam zu mir ein Student, der eine Arbeit über das Symbol im zeitgenössischen Denken schreiben wollte. Das war eine unmachbare Arbeit. Ich jedenfalls wußte nicht, was mit dem »Symbol« gemeint war. Es ist nämlich ein Begriff, dessen Bedeutung je nach Autor unterschiedlich interpretiert wird und manchmal bei zwei verschiedenen Autoren etwas völlig Gegensätzliches besagt. Man bedenke, daß bei den formalen Logikern und bei den Mathematikern Symbole Ausdrücke ohne eigenständige Bedeutung sind, die einen bestimmten Platz mit genau umrissenen Aufgaben in einer vorgegebenen formalisierten Rechnung haben (wie das a und das b oder das x und das y der algebraischen Formeln), während andere Autoren darunter Erscheinungen voller zweideutiger Bedeutungen verstehen, wie die Bilder, die im Traum auftauchen, die sich auf einen Baum, auf ein Geschlechtsorgan, auf das Verlangen nach Wachstum usw. beziehen können. Wie soll man also eine Arbeit mit diesem Titel schreiben? Man müßte alle Bedeutungen von Symbol in der gesamten zeitgenössischen Kultur analysieren, sie so auflisten, daß Affinitäten und Unterschiede deutlich werden, man müßte feststellen, ob den Unterschieden nicht doch ein gemeinsames Konzept zugrundeliegt, das bei jedem Autor und bei jeder Theorie wiederkehrt, und ob die Unterschiede nicht doch zu einer Inkompatibilität der in Frage stehenden Theorien führen. Nun, ein solches Werk ist bis jetzt keinem zeitgenössischen Philosophen, Linguisten oder Psychoanalytiker auf eine überzeugende Weise geglückt. Wie soll dann ein junger Forscher, der sich die ersten Sporen verdient, Erfolg haben, wenn er, so frühreif er auch sein mag, erst sechs oder sieben Jahre Lektüre als Erwachsener hinter sich hat? Er könnte natürlich auch eine auf intelligente Weise einseitige Teiluntersuchung schreiben, aber dann wären wir wie der bei der Geschichte der italienischen Literatur von Contini. Oder er könnte eine höchst persönliche Theorie des Symbols entwerfen, indem er außer acht ließe, was andere Autoren zu diesem Thema gesagt haben: Aber wie fragwürdig diese Entscheidung wäre, werden wir unter II.2. sehen. Mit dem betreffenden Studenten haben wir uns gemeinsam [20] Gedanken gemacht. Man hätte eine Arbeit über das Symbol bei Freud und Jung schreiben und – unter Verzicht auf alle anderen Bedeutungen – die Symbolbedeutungen beider Autoren einander gegenüberstellen können. Aber es stellte sich heraus, daß der Student kein Deutsch konnte (auf das Problem der Sprachkenntnisse kommen wir unter II.5. zurück). Man einigte sich dann auf das Thema Der Begriff des Symbols bei Peirce, Freye und Jung. Die Arbeit sollte die Unterschiede in der Verwendung des gleichen Begriffs bei verschiedenen Autoren untersuchen, einem Philosophen, einem Kritiker und einem Psychologen. Sie sollte zeigen, wie in vielen Abhandlungen, in denen diese Autoren herangezogen werden, dadurch Irrtümer entstehen, daß einem Autor eine Bedeutung des Wortes unterlegt wird, die von einem anderen stammt. Erst ganz zum Schluß sollte der Autor, in einer Art hypothetischer Schlußfolgerung, versuchen nachzuweisen, ob und welche Übereinstimmungen zwischen den drei gleichlautenden Begriffen bestehen. Dabei könnte er dann auch auf andere Autoren verweisen, die er zwar kannte, mit denen er sich aber, wegen der ausdrücklichen Begrenzung des Themas, weder beschäftigen wollte noch sollte. Niemand würde ihm vorwerfen können, daß er den Autor K nicht berücksichtigt habe, weil die Arbeit eben nur über X, Y, Z ging, oder daß er den Autor J nur in einer Übersetzung zitiert habe, weil es sich letztlich nur um einen sekundären Hinweis gehandelt hätte und die Arbeit nur die Absicht hatte, die drei im Titel genannten Autoren ausführlich und im Original auszuwerten.

So also würde eine Übersichtsarbeit auf ein mittleres, für alle annehmbares Maß gebracht, ohne monographisch im strengen Sinn des Wortes zu werden. Im übrigen muß man sich klar darüber sein, daß der Ausdruck »monographisch« auch in einem weiteren Sinn verstanden werden kann als ihm hier beigemessen wird. Eine Monographie stellt die Behandlung eines einzigen Gegenstandes dar und steht so im Gegensatz zu einer »Geschichte von«, zum Handbuch, zu einer Enzyklopädie. Darum ist auch eine Arbeit wie Das Thema der »verkehrten Welt« bei [21] den mittelalterlichen Schriftstellern monographisch. Dabei wird eine Vielzahl von Schriftstellern untersucht, aber nur unter dem Blickwinkel einer bestimmten Fragestellung (d.h. im Beispielsfall unter dem der angenommenen Hypothese, des Paradoxon oder der Fabel, daß die Vögel im Wasser schwimmen, die Fische in der Luft fliegen etc.). Diese Aufgabe gut erfüllen hieße eine sehr gute Monographie schreiben. Aber um sie gut zu erfüllen, muß man sich alle Schriftsteller vergegenwärtigen, die das Thema behandelt haben, speziell auch die unbedeutenden, an die sich keiner erinnert. Und darum wäre diese Arbeit monographisch und zugleich eine Übersichtbarkeit, und sie wäre sehr schwierig: Sie verlangt unendlich viel Lektüre. Wollte man sie wirklich schreiben, man müßte den zu untersuchenden Bereich noch weiter einschränken: Das Thema der »verkehrten Welt« bei den karolingischen Schriftstellern. Der Bereich wird enger, man weiß, was man untersuchen muß und was man auslassen darf.

Natürlich ist es aufregender, eine Übersichtsarbeit zu schreiben; denn es scheint langweilig, sich ein, zwei oder noch mehr Jahre immer mit demselben Autor zu beschäftigen. Aber, wohlgemerkt, auch eine streng monographische Arbeit bedeutet nicht, den Überblick aus den Augen zu verlieren. Eine Arbeit über die Erzählung von Fenoglio bedeutet, den ganzen Hintergrund des italienischen Realismus präsent zu haben. Auch Pavese oder Vittorini* zu lesen oder sich über jene amerikanischen Erzähler zu informieren, die Fenoglio las und übersetzte. Nur wenn man einen Autor in einem größeren Zusammenhang sieht, kann man ihn verstehen und interpretieren. Aber einen Überblick als Hintergrund benutzen und einen Überblick geben sind zwei Paar Stiefel. So wie es auch zwei Paar Stiefel sind, das Bildnis eines Edelmanns vor dem Hintergrund einer Landschaft mit Fluß zu malen oder Felder, Täler, Flüsse zu malen. Die Technik ist eine andere, es muß, photographisch gesprochen, mit einer anderen Brennweite gearbeitet werden. Wenn man von einem einzigen Autor ausgeht, darf der Hintergrund auch etwas unscharf, unvollständig und abgemalt sein.

[22] Zum Schluß sei nochmals an den entscheidenden Grundsatz erinnert: Je begrenzter das Gebiet, um so besser kann man arbeiten und auf um so sichererem Grund steht man. Eine monographische Arbeit ist einer Übersichtsarbeit vorzuziehen. Eine solche Arbeit soll mehr einem wissenschaftlichen Aufsatz als einem Geschichtsbuch oder einer Enzyklopädie gleichen.

II.2. Geschichtliche oder theoretische Arbeit?

Diese Alternative kommt nur bei bestimmten Fächern in Frage. Denn für Fächer wie Geschichte der Mathematik, romanische Philologie oder Geschichte der deutschen Literatur kommt nur eine historische Arbeit in Frage. Und für Fächer wie Architektur, Reaktorphysik oder vergleichende Anatomie schreibt man normalerweise theoretische oder experimentelle Arbeiten. Aber es gibt andere Fächer wie die theoretische Philosophie, Soziologie, Kulturantropologie, Ästhetik, Rechtsphilosophie, Pädagogik oder Internationales Recht, bei denen man beide Typen von Arbeiten machen kann. Eine theoretische Arbeit nimmt man sich vor, um ein abstraktes Problem zu behandeln, mit dem sich vorher möglicherweise schon andere beschäftigt haben: Die Natur des menschlichen Willens, Der Begriff der Freiheit, Die Vorstellung von der sozialen Rolle, Die Existenz Gottes, Die Gesetze der Genetik. So aufgezählt, rufen die Themen sogleich ein Lächeln hervor, weil sie an eine Stoffbehandlung denken lassen, die Gramsci* »Kurze Bemerkungen über das Universum« nannte, und doch haben sich hervorragende Denker mit diesen Themen befaßt. Aber in den meisten Fällen haben sie es am Ende jahrzehntelangen Nachdenkens getan.

In der Hand eines Studenten mit einer notwendigerweise beschränkten wissenschaftlichen Erfahrung können solche Themen zu zwei unterschiedlichen Ergebnissen führen. Das erste – und es ist noch das weniger tragische – ergibt eine Arbeit, wie wir sie (im vorigen Kapitel) als Übersichtsarbeit bezeichnet haben. [23] Der Autor behandelt z.B. den Begriff der sozialen Rolle, aber bei einer Reihe von Autoren. Und insoweit gelten die schon oben gemachten Bemerkungen. Das zweite Ergebnis ist beängstigender, weil sich der Kandidat einbildet, auf wenigen Seiten das Problem Gott oder das der Definition der Freiheit lösen zu können. Nach meiner Erfahrung haben Studenten, die ein solches Thema wählen, immer sehr kurze Arbeiten geschrieben, denen es an der nötigen Systematik fehlte und die mehr einem lyrischen Gedicht als einer wissenschaftlichen Arbeit glichen. Und wenn man einem solchen Kandidaten entgegenhält, daß seine Arbeit zu persönlich, zu allgemein, zu formlos ist, daß ihr die Überprüfung der historischen Angaben und Zitate fehlen, dann erwidert er gewöhnlich, man habe ihn nicht verstanden, seine Arbeit sei viel geistreicher als viele Abhandlungen, die nur banal Material zusammentragen.

Das mag richtig sein, aber wiederum lehrt die Erfahrung, daß eine solche Antwort gewöhnlich von Bewerbern kommt, die konfuse Vorstellungen haben, denen es an wissenschaftlicher Bescheidenheit und an der Fähigkeit, sich mitzuteilen, fehlt. Was man unter wissenschaftlicher Bescheidenheit zu verstehen hat (die keine Tugend der Schwachen, sondern im Gegenteil eine Tugend der Stolzen ist), darüber wird im Kapitel IV.2.4. zu handeln sein.

Es ist sicher nicht auszuschließen, daß der Kandidat ein Genie ist, das mit seinen zweiundzwanzig Jahren alles verstanden hat, und es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß ich diese Annahme ohne auch nur einen Schatten von Ironie mache. Aber es steht nun einmal fest, daß, wenn diese Erde ein solches Genie hervorbringt, die Menschheit lange braucht, bis sie es merkt, und daß sein Werk eine ganze Reihe von Jahren gelesen und verdaut werden muß, ehe man seiner Größe gewahr wird. Wie kann man verlangen, daß eine Kommission, die nicht eine, sondern viele Arbeiten prüft, im ersten Anlauf der Bedeutung dieses Alleinganges gewahr wird?

Aber gehen wir ruhig davon aus, daß dem Studenten bewußt ist, daß er ein wichtiges Problem verstanden hat: Weil von [24] nichts nichts kommt, wird er seine Überlegungen unter dem Einfluß eines anderen Autors ausgearbeitet haben. Dann macht er am besten aus seiner theoretischen Arbeit eine historiographische, und das heißt, er behandelt nicht das Problem des Seins, den Begriff der Freiheit oder die Vorstellung des sozialen Handelns, sondern er arbeitet ein Thema wie Das Problem des Seins beim frühen Heidegger, Der Begriff der Freiheit bei Kant oder die Vorstellung des sozialen Handelns bei Parsons aus. Hat er originelle Ideen, so werden sie auch in der Auseinandersetzung mit den Ideen des behandelten Autors zutage treten: Man kann über Freiheit viel Neues sagen, indem man sich mit dem beschäftigt, was ein anderer über die Freiheit gesagt hat. Und wenn er unbedingt will, dann soll er das, was seine theoretische Arbeit werden sollte, zum Schlußkapitel seiner historiographischen Arbeit umfunktionieren. Geht er so vor, so werden alle überprüfen können, was er sagt, weil durch die Bezugnahme auf einen früheren Autor die von ihm entwickelten Vorstellungen zur öffentlichen Überprüfung gestellt werden. Es ist schwierig, sich im luftleeren Raum zu bewegen und eine Überlegung ab initio zu beginnen. Man muß einen Punkt finden, auf den man sich stützen kann, speziell bei so unbestimmten Problemen wie der Vorstellung vom Sein oder von der Freiheit. Auch wenn man ein Genie ist, und gerade wenn man ein Genie ist, vergibt man sich nichts, wenn man von einem anderen Autor ausgeht. Auch deshalb, weil Ausgehen von einem früheren Autor ja nicht bedeutet, ihn auf ein Podest zu stellen, ihn anzubeten, jedes seiner Worte zu unterschreiben; man kann im Gegenteil von einem Autor ausgehen, um dessen Irrtümer und Grenzen zu beweisen. Aber man hat einen Punkt, auf den man sich stützen kann. Im Mittelalter, als man einen zu großen Respekt vor der Autorität der Autoren aus früherer Zeit hatte, sagte man, daß die modernen, die aus damaliger Sicht »Zwerge« waren, zu »Zwergen auf den Schultern von Riesen« wurden, wenn sie sich auf die alten Autoren stützten, und darum weiter sehen konnten als ihre Vorgänger.

[25] Alle diese Bemerkungen gelten nicht für angewandte und experimentelle Fächer. Wenn man eine Arbeit in Psychologie schreibt, liegt die Alternative nicht zwischen Das Problem der Wahrnehmung bei Piaget und Das Problem der Wahrnehmung (auch wenn ein Unvorsichtiger auf die Idee kommen könnte, sich ein so generelles und gefährliches Thema vorzunehmen). Die Alternative zur historischen Arbeit ist eher die experimentelle; Die Farbwahrnehmung bei einer Gruppe behinderter Kinder. Hier gelten andere Grundsätze, denn man hat das Recht, eine Frage auf experimentellem Weg anzugehen, sofern man eine Untersuchungsmethode hat und man unter vernünftigen Bedingungen für die Versuchsanordnung mit der nötigen Hilfe arbeiten kann. Aber ein guter experimenteller Forscher wird nicht mit der Prüfung der Reaktionen seiner Beobachtungspersonen beginnen, ehe er sich nicht durch Prüfung schon durchgeführter ähnlicher Untersuchungen zumindest auch einen Überblick verschafft hat, weil er sonst riskiert, den Regenschirm zu erfinden, etwas zu beweisen, was längst sorgfältig bewiesen ist, oder Methoden anzuwenden, die sich als fehlerhaft erwiesen haben (auch wenn Forschungsgegenstand die Überprüfung einer Methode sein kann, die noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse erbracht hat). Darum kann eine experimentelle Arbeit nicht zu Hause gemacht werden, und die Methode kann nicht erst erfunden werden. Auch hier gilt, daß ein intelligenter Zwerg besser daran tut, auf die Schultern eines Riesen zu springen, mag dieser auch von bescheidener Größe sein, oder auf die eines anderen Zwerges. Später ist immer noch Zeit, ganz auf eigene Faust zu arbeiten.

II.3. Historische Themen oder aktuelle Themen?

Wer diese Frage stellt, scheint die alte querelle des anciens et des modernes* wiederbeleben zu wollen. … Und für viele Disziplinen stellt sich das Problem überhaupt nicht (obwohl eine Arbeit [26] über die Geschichte der lateinischen Literatur sowohl von Horaz als auch von den Horaz-Studien der letzten zwanzig Jahre handeln kann). Andererseits ist klar, daß es keine Alternative gibt, wenn jemand über die Geschichte der zeitgenössischen italienischen Literatur arbeiten will. Allerdings kommt es nicht selten vor, daß ein Student, wenn ihm der Professor für italienische Literatur rät, über einen Autor des Petrarkismus aus dem 16. Jahrhundert oder über einen Arkadier zu schreiben, lieber über Pavese, Bassani oder Sanguineti* arbeitet. Oftmals beruht diese Wahl auf echter Neigung, und man kann schwer etwas gegen sie vorbringen. In anderen Fällen wiederum beruht sie auf der falschen Überzeugung, der zeitgenössische Autor sei einfacher und unterhaltsamer.

Dazu ist ohne Umschweife zu sagen, daß der zeitgenössische Autor immer der schwierigere ist. Sicher wird gewöhnlich weniger Sekundärliteratur vorhanden sein, sicher sind alle Primärtexte zugänglich, sicher kann in der ersten Phase das Material mit einem Roman in der Hand bei einem Badeaufenthalt am Meer statt in einer Bibliothek erarbeitet werden. Aber entweder will man eine zusammengeschusterte Arbeit schreiben, in der nur wiederholt wird, was andere schon gesagt haben, und dann beschränkt sich die Untersuchung darauf (und wenn man will, kann man über einen Autor des Petrarkismus des 16. Jahrhunderts noch viel leichter eine zusammengeschusterte Arbeit schreiben); oder man will etwas Neues sagen, und dann stellt man fest, daß es zum nicht zeitgenössischen Autor wenigstens einen gesicherten Auslegungsrahmen gibt, auf dem man sticken kann, während die Meinungen über den modernen Autor diffus und geteilt sind, unsere Fähigkeiten zur kritischen Auseinandersetzung durch das Fehlen einer Perspektive in Frage gestellt und alles enorm schwierig wird. Zweifellos verlangt der antike Autor mehr Aufwand bei der Lektüre, gewissenhaftere bibliographische Bemühungen (aber die Titel sind weniger verstreut, und es gibt schon vollständige Literaturverzeichnisse). Aber wenn man eine solche Arbeit als die Gelegenheit auffaßt zu lernen, wie man eine Forschungsarbeit aufbaut, dann zwingt [27] der nicht zeitgenössische Autor eher, die wissenschaftliche Methodik zu üben.

Wenn der Student sich später dann zur Auseinandersetzung mit Zeitgenössischem hingezogen fühlt, dann kann die Arbeit vielleicht die letzte Gelegenheit sein, sich mit der Literatur der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um den eigenen Geschmack und das eigene Lesevermögen zu üben. Es wäre darum nicht schlecht, diese Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Viele bedeutende zeitgenössische Schriftsteller, und sogar avantgardistische, haben ihre Abschlußarbeit nicht über Montale oder Pound geschrieben, sondern über Dante oder über Foscolo. Es gibt sicher keine feststehenden Regeln: Ein guter Forscher kann eine historische oder stilistische Analyse über einen zeitgenössischen Autor mit der gleichen Gründlichkeit und Präzision durchführen, mit der er sonst über einen antiken Autor arbeitet. Außerdem ist das Problem von Fachgebiet zu Fachgebiet unterschiedlich. In der Philosophie stellt vielleicht eine Arbeit über Husserl größere Probleme als eine solche über Descartes, und das Verhältnis von »Leichtigkeit« und »Lesbarkeit« kehrt sich um: Pascal liest sich leichter als Carnap.

Darum ist der einzige Rat, den ich wirklich guten Gewissens geben kann, der: Man soll über einen zeitgenössischen Schriftsteller arbeiten, als sei er ein nichtzeitgenössischer und über einen nichtzeitgenössischen, als sei er ein zeitgenössischer. So wird die Arbeit für den Studenten unterhaltsamer und anspruchsvoller.

II.4. Wieviel Zeit braucht man, um eine Abschlußarbeit zu schreiben?

Vereinfacht gesagt: Nicht mehr als drei Jahre und nicht weniger als sechs Monate. [Vorsicht: Die Zeitangaben haben die italienischen Verhältnisse im Auge. Ecos allgemeine Überlegungen gelten jedoch auch in Deutschland.] Nicht mehr als drei Jahre, weil die Tatsache, daß man in drei Jahren das Thema nicht in [28] den Griff bekommen und das Material nicht zusammentragen konnte, nur dreierlei bedeuten kann:

1. Man hat ein falsches Thema gewählt, das die eigene Kraft übersteigt.

2. Man gehört zu denen, die nie zufrieden sind, die alles sagen wollen und die an einer solchen Arbeit zwanzig Jahre schreiben, während ein guter Wissenschaftler in der Lage sein muß, sich selbst Grenzen zu setzen (und seien sie auch bescheiden) und innerhalb dieser Grenzen etwas Definitives zustande zu bringen.

3. Man ist von der Dissertations-Neurose befallen, man hört auf, man fängt wieder an, man bringt kein Bein mehr auf die Erde, man ist völlig aufgelöst, man verwendet die Arbeit als Ausrede für mancherlei Versagen, man schließt sie nie mehr ab.

Nicht weniger als sechs Monate; denn auch wenn man nicht mehr schreiben will, als was einem guten Zeitschriftenaufsatz entspricht, für den es nicht mehr als 60 Schreibmaschinenseiten braucht, auch dann vergehen über dem Ausarbeiten des Arbeitsplans, über dem Zusammensuchen der Literatur, über dem Auswerten des Materials für die Kartei und über dem Fertigstellen des Textes sechs Monate wie im Flug. Gewiß kann ein erfahrener Wissenschaftler einen Aufsatz auch in kürzerer Zeit schreiben; aber er hat jahrelang gelesen sowie Exzerpte und Notizen gemacht, während der Student bei Null anfangen muß.

Wenn von sechs Monaten oder drei Jahren die Rede ist, dann ist dabei natürlich nicht an die Zeit für die Reinschrift gedacht, die vielleicht nur einen Monat oder 14 Tage in Anspruch nimmt, je nach der Methode, nach der gearbeitet wurde. Gedacht ist vielmehr an jenen Zeitraum, der von den ersten Überlegungen zur Arbeit bis zu ihrer endgültigen Ablieferung vergeht. Und darum kann es sein, daß ein Student in der Tat nur ein Jahr lang an der Arbeit sitzt, aber dabei auf Gedanken und auf eine Lektüre zurückgreifen kann, denen er sich in den zwei vergangenen Jahren vorher gewidmet hat, ohne vorauszusehen, worauf das Ganze hinausläuft.

[29] Das Ideale wäre es meiner Ansicht nach, die Abschlußarbeit (und den Betreuer) gegen Ende des zweiten Studienjahres zu wählen. Zu diesem Zeitpunkt hat man sich schon mit den verschiedenen Fächern vertraut gemacht, man kennt sogar schon den Gegenstand, die Schwierigkeit, den Forschungsstand der Disziplinen, in denen man noch keine Prüfung abgelegt hat. Mit einer so frühzeitigen Wahl geht man kein Risiko ein, sie ist auch nicht unabänderlich. Man hat ein gutes Jahr, um festzustellen, daß die Idee falsch war, und um das Thema, den Betreuer oder gar das Fach zu wechseln. Wohlgemerkt: Auch wenn man ein Jahr über griechische Literatur gearbeitet hat, um dann festzustellen, daß man lieber eine Arbeit über zeitgenössische Geschichte schreibt, bedeutet das keineswegs verlorene Zeit. Man hat zumindest gelernt, wie man eine erste Literatursammlung macht, wie man einen Text für die Kartei auswertet, wie man eine Zusammenfassung aufbaut. Man denke an das, was unter I.3. gesagt wurde: Eine solche Arbeit dient vor allem dazu zu lernen, wie man Gedanken ordnet, und zwar unabhängig vom Thema.

Wählt man also das Thema der Arbeit gegen Ende des zweiten Jahres, so hat man drei Sommer zum Forschen und, wenn man das kann, um Studienreisen zu machen. Man kann sein Prüfungsprogramm auf die Arbeit ausrichten. Sicher, wenn man eine Arbeit in Angewandter Psychologie schreibt, ist es schwierig, eine Prüfung in lateinischer Literatur darauf auszurichten. Aber bei vielen anderen Themen aus dem Bereich der Philosophie oder der Soziologie kann man mit dem Dozenten Texte vereinbaren (vielleicht sogar im Austausch gegen die vorgeschriebenen), die den Gegenstand dieser Prüfung in den Bereich der eigenen bevorzugten Interessen bringen. Wenn das ohne dialektische Verrenkungen und ohne kindische Tricks möglich ist, dann ist es einem vernünftigen Dozenten immer lieber, daß der Student eine »motivierte« Prüfung ablegt und nicht eine zufällige, erzwungene, die ohne große Lust vorbereitet wird und nur, um die vorgeschriebene Hürde zu überwinden.

[30] Das Thema am Ende des zweiten Jahres zu wählen bedeutet, bis zum Oktober des vierten Jahres Zeit für die Abschlußprüfung zu haben, und somit den idealen Zeitraum von zwei Jahren.

Nichts verbietet, die Arbeit früher zu wählen. Und nichts verbietet, sie später zu wählen, wenn man in Kauf nimmt, die Regelstudienzeit überschritten zu haben. Aber alles spricht dagegen, sie zu spät zu wählen.

Auch deshalb, weil eine gute Arbeit im Rahmen des Möglichen Schritt für Schritt mit dem Betreuer besprochen werden muß. Und das nicht so sehr, um den Dozenten milde zu stimmen, sondern weil das Schreiben einer solchen Arbeit genauso ist wie das Schreiben eines Buches: man übt damit das Kommunizieren, das von der Existenz eines Publikums ausgeht. Und der Betreuer ist der einzige Vertreter eines sachverständigen Publikums, der dem Studenten während seiner eigenen Arbeit zur Verfügung steht. Eine Arbeit, die im letzten Moment geschrieben wird, zwingt den Betreuer zu einer hastigen Durchsicht der einzelnen Kapitel oder gar des fertigen Manuskriptes. Wenn der Betreuer dann die Arbeit im letzten Moment zu Gesicht bekommt und mit den Ergebnissen unzufrieden ist, wird er den Kandidaten in der Sitzung der Prüfungskommission angreifen, und das führt zu unerfreulichen Ergebnissen. Unerfreulich auch für den Referenten, der in der Kommission nie mit einer Arbeit erscheinen sollte, die ihm nicht gefällt: das ist auch für ihn eine Niederlage. Wenn er wirklich glaubt, der Kandidat könne seine Arbeit nicht in den Griff kriegen, so muß er ihm das vorher sagen und ihm empfehlen, eine andere Arbeit zu schreiben oder noch etwas zu warten. Wenn dann der Kandidat trotz dieser Ratschläge der Ansicht ist, daß entweder der Betreuer unrecht hat oder daß weiteres Zuwarten ihm schaden würde, dann setzt er sich auch den Zufällen und Risiken einer stürmischen Diskussion aus, aber er tut es wenigstens sehenden Auges.

Aus allen diesen Bemerkungen ergibt sich, daß eine Sechs-Monats-Arbeit zwar eine Art kleineres Übel, aber keineswegs [31] das Optimum darstellt (sofern nicht der schon geschilderte Fall vorliegt, daß das in den letzten sechs Monaten gewählte Thema auf Erfahrungen der vorhergehenden Jahre aufbauen kann).

Dennoch sind Notfälle denkbar, in denen das Ganze in sechs Monaten über die Bühne gebracht werden muß. Und dann muß ein Thema gefunden werden, das in anständiger und ernsthafter Weise in diesem Zeitraum bearbeitet werden kann. Alle diese Überlegungen sollten nicht in einem allzu kommerziellen Sinn verstanden werden, so als verkauften wir »Sechsmonatsarbeiten« und »Sechsjahresarbeiten« – zu verschiedenen Preisen, und für jeden Kunden das Seine. Aber es gibt sicherlich auch gute Arbeiten von sechs Monaten.

Die Anforderungen an eine Sechsmonatsarbeit sind:

1. Das Thema muß begrenzt sein.

2. Das Thema muß nach Möglichkeit zeitgenössisch sein, damit man nicht Literatur zusammentragen muß, die bis auf die Griechen zurückreicht; oder es muß sich um ein Randproblem handeln, über das verhältnismäßig wenig geschrieben wurde.

3. Alles Material muß in erreichbarer Nähe vorhanden und leicht zugänglich sein.

Ein paar Beispiele. Wenn ich das Thema Die Kirche Santa Maria del Castello in Alessandria wähle, dann kann ich hoffen, alles Nötige zur Geschichte und zur Restaurierung in der Stadtbibliothek und im Stadtarchiv von Alessandria zu finden. Ich sage »kann hoffen«, weil ich von einer Annahme ausgehe und mich in der Lage eines Studenten versetze, der eine Sechsmonatsarbeit schreiben will. Aber bevor ich mit meinem Vorhaben anfange, sollte ich mich informieren, ob meine Annahme richtig ist. Außerdem sollte ich ein Student sein, der in der Provinz Alessandria* wohnt; wenn ich in Caltanissetta** wohne, war mein Vorhaben ganz schlecht. Jedoch gibt es ein »Aber«. Wenn bestimmte Dokumente zugänglich wären, aber wenn es sich um unveröffentlichte mittelalterliche Handschriften handelte, sollte ich etwas von Paläologie verstehen, d.h. in der Lage sein, Handschriften zu lesen und zu entschlüsseln. Und in diesem [32] Moment wird das Thema, das so einfach schien, schwierig. Wenn ich dagegen feststelle, daß alles schon veröffentlicht ist, wenigstens ab dem 19. Jahrhundert, dann bewege ich mich auf sicherem Boden.

Ein anderes Beispiel. Raffaele La Capria* ist ein zeitgenössischer Schriftsteller, der nur drei Romane und einen Essayband geschrieben hat. Alle sind beim gleichen Verlag (Bompiani) erschienen. Stellen wir uns eine Arbeit vor mit dem Titel: Die positive Beurteilung von Raffaele La Capria durch die zeitgenössische italienische Kritik. Weil jeder Verlag in den eigenen Archiven gewöhnlich die Presseausschnitte mit allen Besprechungen und mit den Artikeln, die über seine Autoren erschienen sind, hat, kann ich hoffen, mit einer Reihe von Besuchen beim Verlag in Mailand alle Texte, die mich interessieren, für meine Kartei ausgewertet zu haben. Zudem lebt der Autor noch, ich kann ihm schreiben oder ihn besuchen und mit ihm sprechen und dabei weitere biographische Hinweise und mit ziemlicher Sicherheit Photokopien von Texten, die mich interessieren, bekommen. Natürlich wird mich manch ein Aufsatz auf andere Autoren verweisen, mit denen La Capria verglichen wird oder zu denen er in Gegensatz gebracht wird. Das Feld erweitert sich dadurch ein wenig, aber doch auf eine überschaubare Weise. Und ich habe ja schließlich La Capria gewählt, weil ich einiges Interesse für die zeitgenössische italienische Literatur aufbringe – sonst war meine Entscheidung zynisch, kalt berechnend und leichtsinnig zugleich.

Eine weitere Sechsmonatsarbeit. Die Bewertung des Zweiten Weltkriegs in den Geschichtsbüchern der letzten fünf Jahre für die 6. bis 8. Klasse. Es wird nicht ganz einfach sein, alle im Gebrauch befindlichen Geschichtsbücher ausfindig zu machen; aber die Zahl der Verlage für Schulbücher ist schließlich nicht so groß. Hat man die nötigen Texte einmal bekommen oder photokopiert, dann weiß man, daß die Abhandlungen nur wenige Seiten in Anspruch nehmen und daß die vergleichende Arbeit in kurzer Zeit erledigt werden kann – und noch dazu gut. Natürlich kann man die Art und Weise, in der ein Buch den [33] Zweiten Weltkrieg behandelt, nicht voll beurteilen, wenn man diese Abhandlung über den Zweiten Weltkrieg nicht zum Gesamtbild in Beziehung setzt, das dieses Buch für die Geschichte bietet; und darum muß man ein wenig in die Tiefe gehen. Man kann auch nicht anfangen, ohne sich ein halbes Dutzend anerkannter Geschichtsbücher zum Zweiten Weltkrieg als Grundlage angeeignet zu haben. Aber würde man diese Formen kritischer Überprüfung weglassen, dann könnte man die Arbeit nicht in sechs Monaten, sondern in einer Woche schreiben, und sie wäre dann keine Abschlußarbeit, sondern ein Zeitungsartikel, vielleicht ein scharfsinniger und brillanter, der aber über die Fähigkeit des Kandidaten zur Forschungsarbeit nichts besagt.

Will man schließlich eine Sechsmonatsarbeit schreiben und an ihr nur eine Stunde am Tag arbeiten, dann brauchen wir nicht weiter zu reden. Wir verweisen auf die Ratschläge in § I.2., man schreibt irgendeine Arbeit ab – und Schluß.

II.5. Muß man Fremdsprachen können?

Dieses Kapitel trifft für alle diejenigen nicht zu, die eine Arbeit über eine fremde Sprache oder fremdsprachige Literatur schreiben wollen. Denn es ist in höchstem Maß wünschenswert, daß sie die Sprache beherrschen, über die sie eine Arbeit schreiben. Es wäre sogar wünschenswert, daß man eine Arbeit über einen französischen Autor auf französisch schreibt. Das ist an vielen ausländischen Universitäten üblich, und es ist gut.

Aber wie ist das Problem bei einem, der eine Arbeit in Philosophie, in Soziologie, im Recht, in Politischen Wissenschaften, in Geschichte, in Naturwissenschaften schreiben soll? Auch wenn die Arbeit über italienische Geschichte handelt, oder über Dante oder die Renaissance, taucht immer die Notwendigkeit auf, ein fremdsprachiges Buch zu lesen, da ja bedeutende Dante- oder Renaissance-Forscher in Englisch oder in Deutsch geschrieben haben.

[34] Gewöhnlich nutzt man in solchen Fällen die Gelegenheit der Arbeit, um in einer Sprache, die man nicht beherrscht, mit dem Lesen anzufangen. Angeregt vom Thema und mit etwas Mühe fängt man an, etwas zu verstehen. Oft lernt man so eine Sprache. Gewöhnlich kann man sie dann noch nicht sprechen, aber immerhin lesen. Besser als nichts.

Wenn zu einem gegebenen Thema nur ein Buch auf deutsch existiert, und man selbst kann kein Deutsch, dann kann das Problem auch dadurch gelöst werden, daß man jemand anderen bittet, die Kapitel, die man für die wichtigsten hält, für einen zu lesen. Man sollte dann anständig genug sein, sich nicht allzu sehr auf dieses Buch zu stützen, aber wenigstens kann man es guten Gewissens ins Literaturverzeichnis aufnehmen, weil man davon Kenntnis genommen hat.

Aber das sind alles sekundäre Probleme. Die Hauptsache ist: Darf man eine Arbeit wählen, die die Kenntnis von Sprachen voraussetzt, die man gar nicht beherrscht oder die zu lernen man nicht bereit ist? Manchmal allerdings wählt man eine Arbeit, ohne die damit verbundenen Risiken im voraus zu ahnen. Sehen wir uns daher an, was auf jeden Fall beachtet werden muß.

1. Man kann keine Arbeit über einen fremdsprachigen Autor schreiben, wenn man seine Werke nicht im Original lesen kann. Das dürfte sich bei Dichtern von selbst verstehen, aber viele glauben, daß diese Voraussetzung für eine Arbeit über Kant, über Freud oder über Adam Smith nicht gilt. Sie gilt aber aus zwei Gründen: Erstens sind nicht immer alle Werke dieses Autors übersetzt, und so kann manchmal auch die Nichtkenntnis eines weniger wichtigen Werkes das Verständnis seines Denkens oder seines geistigen Hintergrundes in Frage stellen; zum zweiten: Bei einem fremdsprachigen Autor ist der größte Teil der Sekundärliteratur gewöhnlich in der Sprache geschrieben, in der er selbst schreibt, und mag der Autor übersetzt sein, seine Interpreten sind es nicht immer; schließlich werden Übersetzungen den Gedanken des Autors nicht immer gerecht – und eine Arbeit über ihn schreiben heißt doch gerade, sein wirkliches und ursprüngliches Denken dort wieder zur Geltung zu bringen, [35] wo es durch Übersetzungen oder andere Formen der Weiterverbreitung verfälscht worden ist. Eine solche Arbeit schreiben bedeutet, über formelhafte Wendungen, wie sie in Schulbüchern auftauchen, hinauskommen, als da sind: »Foscolo* ist klassisch, und Leopardi** ist romantisch«, »Plato ist Idealist und Aristoteles Realist« oder »Pascal steht für Gefühl, und Descartes steht für Verstand«.

2. Man kann keine Arbeit über ein Thema schreiben, zu dem die wichtigsten Werke in einer Sprache erschienen sind, die man nicht beherrscht.

Ein Student, der bestens Deutsch kann, aber das Französische nicht beherrscht, könnte heute keine Arbeit über Nietzsche schreiben, obwohl doch dieser Autor in deutscher Sprache geschrieben hat. Und das deshalb, weil in den letzten zehn Jahren einige der besten Arbeiten, die Nietzsche neu bewerten, auf französisch geschrieben wurden. Das gleiche gilt für Freud: Es wäre schwierig, den Wiener Meister heute richtig zu lesen, ohne das zu berücksichtigen, was die amerikanischen Revisionisten oder die französischen Strukturalisten aus seinem Werk herausgelesen haben.

3. Man kann keine Arbeit über einen Autor oder über ein Thema schreiben und nur Werke in den Sprachen lesen, die man beherrscht. Wer sagt uns, daß das entscheidende Werk nicht in der einzigen Sprache geschrieben ist, die wir nicht kennen? Sicher, solcher Art Überlegungen können einen verrückt machen, und man muß deshalb klaren Kopf bewahren. Nach den Regeln des wissenschaftlichen Anstands ist es korrekt und zulässig dann, wenn über einen englischen Autor etwas auf japanisch geschrieben wurde, anzumerken, daß man von der Existenz der Arbeit unterrichtet ist, sie aber nicht gelesen hat. Diese »Freiheit des Nichtkennens« erfaßt normalerweise die nicht-westlichen und slawischen Sprachen, so kommt es, daß es sehr ernst zu nehmende Arbeiten über Marx gibt, die einräumen, russisch verfaßte Werke nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Aber ein ernsthafter Wissenschaftler kann in solchen Fällen immer wissen (und zeigen, daß er es weiß), was die wesentliche Aussage [36] dieser Arbeiten ist, vorausgesetzt, daß er Zugang zu Rezensionen oder Zusammenfassungen hat. Die sowjetischen, bulgarischen, tschechoslowakischen, israelischen etc. wissenschaftlichen Zeitschriften geben in der Regel am Ende des Beitrags eine Zusammenfassung in Englisch oder Französisch. Und darum ist zwar, wenn man über einen französischen Autor arbeitet, nichts dagegen einzuwenden, daß man kein Russisch kann, aber wenigstens muß man Englisch lesen können, um das Hindernis zu umgehen.

Darum muß man, bevor man das Thema für eine Arbeit festlegt, so umsichtig sein, durch einen ersten Blick auf die vorhandene Literatur sicherzustellen, daß keine größeren sprachlichen Schwierigkeiten auftauchen.

In manchen Fällen kann man es im voraus ahnen. Unvorstellbar, eine Arbeit in griechischer Philologie schreiben zu wollen, ohne Deutsch zu können; denn es gibt eine Vielzahl wichtiger Untersuchungen auf deutsch zu diesem Gebiet.

Auf jeden Fall kann die Arbeit dazu dienen, sich erste grobe Kenntnisse vom Wortschatz aller westlichen Sprachen zu verschaffen; denn auch wenn man kein Russisch lesen kann, muß man doch in der Lage sein, die kyrillischen Buchstaben zu erkennen, und man muß verstehen können, ob ein zitiertes Buch von Kunst oder von Wissenschaft handelt. Kyrillisch lesen lernt man an einem Abend, und daß Isskustvo Kunst bedeutet und Nauka Wissenschaft, weiß man nach dem Vergleich einiger Titel. Man darf nur keine Angst haben und muß die Arbeit als einzigartige Gelegenheit ansehen, Dinge zu lernen, die für das ganze Leben von Nutzen sein werden.

All diese Überlegungen berücksichtigen nicht, daß man, wenn man sich schon mit fremdsprachiger Literatur beschäftigen muß, sich am besten aufraffen sollte, einige Zeit in dem fraglichen Land zu verbringen. Aber das sind teure Lösungen, und hier sollten Ratschläge auch für solche Studenten gegeben werden, die diese Möglichkeit nicht haben.

Stellen wir aber eine letzte, noch versöhnendere Hypothese auf und betrachten einen Studenten, der sich mit dem Problem [37] der visuellen Erfassung im Bereich der Kunst beschäftigen will.

Dieser Student kann keine Fremdsprachen und hat keine Zeit, sie zu lernen (oder er steht vor einer psychologischen Barriere: Es gibt Menschen, die Schwedisch in einer Woche lernen und andere, die auch nach zehn Jahren noch nicht vernünftig französisch sprechen können). Außerdem muß er aus wirtschaftlichen Gründen eine Sechsmonatsarbeit schreiben. Dennoch interessiert er sich ernsthaft für sein Thema, er will die Universität abschließen, um zu arbeiten, aber später will er das gewählte Thema wieder aufgreifen und in aller Ruhe vertiefen. Wir müssen auch an ihn denken.

Dieser Student kann sich nun ein Thema wie Die Probleme der visuellen Wahrnehmung und ihre Beziehung zu den darstellenden Künsten bei ausgewählten zeitgenössischen Autoren vornehmen. Es wird nützlich sein, zunächst ein Bild von der psychologischen Problematik des Themas zu zeichnen, und darüber gibt es eine Reihe von Arbeiten, die ins Italienische übersetzt sind, von Auge und Hirn von Gregory bis zu den wichtigen Texten über die Gestaltpsychologie und über den Transaktionalismus. Dann kann man die Thematik anhand dreier Autoren beleuchten, sagen wir Arnheim für den gestaltpsychologischen Ansatz, Gombrich für den semiologisch-informativen, Panofsky im Hinblick auf seine Abhandlungen aus ikonologischer Sicht. Bei diesen drei Autoren wird im Grunde von drei verschiedenen Standpunkten aus die Beziehung zwischen Natürlichkeit und »Kultürlichkeit« der Wahrnehmung von Bildern abgehandelt. Um diese drei Autoren vor einen zusammenhängenden Hintergrund zu stellen, gibt es einige Veröffentlichungen, die Verbindungen herstellen, z.B. die von Gillo Dorfles. Hat der Student einmal diese drei Perspektiven ausgearbeitet, so könnte er auch versuchen, die gefundenen Ergebnisse im Licht eines bestimmten Kunstwerks zu überprüfen, vielleicht, indem er eine inzwischen klassische Interpretation (z.B. die Art und Weise, wie Longhi Piero della Francesca zu verstehen sucht) wieder aufnimmt und sie mit den gefundenen »neueren« Ergebnissen in [38] Beziehung setzt. Das Endergebnis ist nichts Originelles, es bleibt in der Mitte zwischen Übersichtsarbeit und monographischer Arbeit, aber es konnte allein mit Übersetzungen ins Italienische erarbeitet werden. Man wird den Studenten nicht dafür tadeln, daß er von und über Panofsky nicht alles gelesen hat, auch das, was es nur auf Deutsch oder Englisch gibt, weil es sich nicht um eine Arbeit über Panofsky handelt, sondern um eine Arbeit, bei der die Bezugnahme auf Panofsky nur unter einem bestimmten Aspekt und im Zusammenhang mit einigen Fragen erfolgt.

Wie schon in Paragraph II.1. gesagt, ist diese Art von Arbeit nicht die empfehlenswerteste, weil sie womöglich unvollständig und zu allgemein gehalten ist. Es handelt sich hier, das sei nochmals klargestellt, um das Beispiel einer Sechsmonatsarbeit für einen Studenten, der sich ernsthaft darum bemüht, alles zu einem Thema zusammenzutragen, das ihm am Herzen liegt. Es ist eine Notlösung, aber man braucht sich ihrer wenigstens nicht zu schämen.

Kann man keine Fremdsprachen, und kann man die günstige Gelegenheit, eine Arbeit schreiben zu müssen, auch nicht dazu nutzen, mit ihrem Erlernen anzufangen, so ist die vernünftigste Lösung eine Arbeit über ein spezifisches Thema zur eigenen Sprache, bei dem man die Verwendung fremdsprachiger Literatur ganz vermeiden oder doch auf wenige bereits in die eigene Sprache übersetzte Texte beschränken kann. Wer z.B. eine Arbeit über Modelle des historischen Romans im Prosawerk Garibaldis* schreiben möchte, brauchte natürlich einige Grundkenntnisse über die Entstehung des historischen Romans und über Walter Scott (und natürlich über die Auseinandersetzung, die in Italien im 19. Jahrhundert zu diesem Thema stattfand), könnte aber einige Nachschlagewerke in unserer Sprache finden und hätte die Möglichkeit, wenigstens die wichtigsten Werke von Scott in Übersetzung zu lesen, vor allem wenn er in der Bibliothek die Übersetzungen des 19. Jahrhunderts sucht. Und noch weniger Schwierigkeiten brächte das Thema Der Einfluß von Guerrazzi* auf die Kultur des italienischen Risorgimento. Natürlich [39] soll man dabei nie zu optimistisch sein: Es wird der Mühe wert sein, die vorhandenen Bibliographien daraufhin zu überprüfen, ob und welche ausländische Autoren über dieses Thema geschrieben haben.

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340 p. 135 illustrations
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9783846353776
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