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Ulrich Wendt

BADEN-BADEN

wagen

Ein Jahrzehnt

der Entscheidung


Ulrich Wendt: Baden-Baden wagen – Ein Jahrzent der Entscheidung

Copyright by AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH 2020

Printed in Germany

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

Fotos: Privatarchiv, Wolfgang Breyer, picture-alliance / dpa | Rolf Haid, Klaus Schultes

Umschlaggestaltung: Dustin T. Weidenhiller, brandmanufactur München unter Verwendung eines Fotos von Fotoatelier Christiane Haumann-Frietsch.

Lektorat: Andrea Söhner, Veruschka Rechel

Satz und Gestaltung: Tania Stuchl, design@stuchl.de

ISBN: 978-3-95457-219-9

eISBN: 978-3-95457-222-9

1. Auflage 2020

www.aquensis-verlag.de

Auch als E-Book erhältlich: aquensis-verlag.e-bookshelf.de

Für Gitta

„Quod non est in actis, non est in mundo.“

(Was nicht in den Akten steht, ist auch nicht in der Welt)

aus dem römischen Recht

Inhaltsverzeichnis

PrologEine Vision für Baden-Baden

Kapitel 1Die neue Welt mit Kinderaugen

Kapitel 2Innenleben: Legendäre Gäste – Das Leben ein Fest

Kapitel 3Mystische Natur – Ein Flug über Zeit und Raum

Kapitel 4Baden-Baden 1990

Kapitel 5Der Start

Kapitel 6Eine Begegnung – Eine Wahnsinnsidee Bürgerstadt und internationaler Standort

Kapitel 7Zwischenzeiten 1991 – 1992 Meine engste Weggefährtin Ursula Lazarus

Kapitel 8Schwächen, Stärken und meine Frau Baden-Baden braucht dringend einen SPD-Bürgermeister

Kapitel 9SWF-Medienstadt Baden-Baden

Kapitel 10Siebenmeilenstiefel dank vulkanischer Verhältnisse BKV-Neuordnung ist „Baden-Baden-Verfassung“

Kapitel 11Festspielstadt in spe sucht festen Grund Das Solitude-Treffen Geburtsstunde Königsidee Festspielstadt

Kapitel 12Danke Lothar Späth

Kapitel 131994 – 1995 Rückenwind – Ein Initiativkreis Dreamteam Festspielhaus: Walter Veyhle und Wilhelm Holzbauer

Kapitel 14Viele Spieler auf dem Feld – Striktes Controlling aus einem Guss

Kapitel 15Knackpunkte in der Kulturlandschaft – SPD-Risse in der Landtagsfraktion

Kapitel 16„Trumpfkarte“ Werner Kupper – Unter vier Augen mit Erwin Teufel

Kapitel 17Frieder Burda – Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Kapitel 18Am seidenen Faden – Die Bunkersitzung

Kapitel 19Tausch: Kommunale Spielbankbeteiligung gegen Festspielhausfinanzierung

Kapitel 20Die Sonne geht im Westen auf – Abschied „unserer Franzosen“ 430 Sozialwohnungen in einem Jahr

Kapitel 21Grundstein neue Cité wird gelegt – Signalwirkung Infoscore – Ja zum Wirtschaftsstandort

Kapitel 22Baden-Baden-Vision wird umgesetzt Drei Quellen speisen die Stadt Wirtschaftsstandort – Neuordnung – Privatinitiative

Kapitel 23Gewonnener Wettlauf Regionalflughafen Baden-Airpark

Kapitel 241995 Die Baden-Baden-Wende: Gründung Freundeskreis – Privater Betreiber gefunden – Alle Verträge pro Baden-Baden besiegelt

Kapitel 251996 – 1997 Schattenseiten

Kapitel 26Die Rufmordkampagne – Es geht los

Kapitel 27Ende einer Amtszeit In Spanien bei Dieter Thomas und Ragnhild Heck

Kapitel 28Gerhard Zeidler findet Andreas Mölich-Zebhauser Der Konkurs wird verhindert Die Stiftung und „AMZ“ – Eine neue Ära beginnt

Kapitel 29Das Leben danach und Thomas Schäuble

Kapitel 30Zwei Appelle an unsere Kinder im Spiegel 2020

EpilogBaden-Baden - ein Privileg

Prolog
EINE VISION FÜR BADEN-BADEN

Heute, 22. März 2020, ein sonniger Sonntag lacht durch die Fensterscheiben. Hier am Fuße des Merkurs, am Saum von Wiesen und Wäldern, tickert „Spiegel online“ die deutschen Corona-Infektionszahlen. Wir bewegen uns auf die 25.000 zu. Alles ist unwirklich. Noch nie erlebt. Keine sicheren Prognosen, für wen auch immer, auf unserem Globus. Doch so viel scheint unausweichlich: Viele Wochen, noch eher lange Monate in Quarantäne liegen vor uns.

Was mich betrifft, könnte das die letzte Chance sein. Tausendmal probiert, tausendmal ist nichts passiert …

Immer wieder seit jetzt 22 Jahren, seitdem ich mit 53 die Verantwortung für diese Stadt ab- und übergeben habe und immer wieder darüber schreiben wollte. Aber was genau und wie und für wen und warum überhaupt?

Eine blitzsaubere Dokumentation mit hundert Fußnoten der 90er-Jahre für das Stadtarchiv? Eine Serie „Wie es damals wirklich war“ in einer der beiden Lokalzeitungen? Ein Roman über eine besonders eruptive Phase der Baden-Badener Lokalpolitik mit allem, was dazu gehört? Mit kleinen „Einsprengseln“ vielleicht in Richtung TV-Serie „Kir Royal“? Am besten mit Tarnnamen bei finsteren Schubladen und bei übergriffigen Untiefen, um juristischen Nachspielen den Sauerstoff zu nehmen, aber das Interesse anzuheizen – ebenso feige wie förderlich! Etwas, was man zum Beispiel auf Sylt, in Salzburg oder Bayreuth genauso gut lesen könnte. Eben, weil sich die psychologischen Mechanismen gleichen könnten. Oder eine Ansammlung ausgewählter Essays berufener Autoren, die diese Phase der jungen Stadtgeschichte als Zeitzeugen erlebt oder gar mitgestaltet haben? Oder eher Poesie und Lyrik? Oder, oder …

Und dann, nachdem alles ungeschrieben im „geistigen Papierkorb“ landete, schälte sich heraus, was es werden könnte. Eine Expedition in das letzte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts, das wie eine Wasserscheide zur Nachkriegszeit gravierende Veränderungen einforderte. Alte Städte mit all ihren angehäuften Schätzen drohen zu verknöchern, in Selbstbespiegelung zu versinken, wenn sie nicht gerüttelt und geschüttelt, nach vorne gedacht und neu ausgerichtet werden. In Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“ gipfelt eine analoge Situation in dem Zitat: „Alles muss sich ändern, damit sich nichts ändert“. Was sich auf den ersten Blick wie Nonsens liest, öffnet sich danach als klarer Quellteich. Zwischen dem Entweder-oder von Bewahren und Verändern grüßt die richtige dritte Alternative: der verbindliche Auftrag zur vitalen Wiedergeburt durch das Beschreiten neuer Wege.

Genau das war die Ausgangssituation, wie ich sie 1990 für Baden-Baden sah und spürte. Schluss mit dem Aussitzen vermeintlicher Besitzstände. Nichts wie ran an eine neue Vision mit konkreten fundamentalen Herausforderungen!

Klagen wir über das damals desaströse Verhältnis zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Baden-Baden? Verklagen wir uns sogar vor Gericht, oder sind wir bereit, auf den Trümmern der veralteten Bäder- und Kurverwaltung eine tiefgreifende, langfristig angelegte Neuordnung mit mehr Effizienz zu etablieren, strategisch, operativ und finanziell?

Ist es Größenwahn, als Stadt mit gerade mal 53.000 Einwohnern das weltweit viertgrößte, künstlerisch privat zu finanzierende Opernhaus der Welt mit gut 2.500 Plätzen aus der Taufe zu heben? Oder handelt es sich um ein „radikal richtiges Projekt“, das mit Hochkultur das internationale Image sowie den Tourismus als Wirtschaftsprogramm für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen entscheidend stärken könnte?

Ist es nicht ein brutaler Verstoß gegen die Ruhe im „Weltkurort Baden-Baden“, wenn man sich zugleich darauf konzentriert, ein prosperierender Wirtschaftsstandort in direkter Nachbarschaft eines leistungsstarken Flughafens zu werden?

Ist es die richtig gewichtete Marketingstrategie, uns an erster Stelle als Kur- und Bäderstadt zu positionieren? Oder ist unsere charakteristisch gewachsene Vielfalt mit Festspielhaus, SWR, Museum Frieder Burda, Staatlicher Kunsthalle, neuem Stadtmuseum, LA8, Theater, Philharmonie, Brahms-, Turgenew-Gesellschaft sowie weiteren vorzüglichen Institutionen nicht vielversprechender unter dem Dach einer spannenden Kulturstadt zu präsentieren?

Stimmt es wirklich, dass die „normalen“, angestammten Baden-Badener Bürger zu oft den Kürzeren ziehen, weil zu einseitig auf den internationalen Standort gesetzt wird? Oder gibt es ein Leitbild, wie beide Seiten fair und anteilig in einer Zugewinngemeinschaft profitieren könnten?

Ich werde versuchen, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen darauf eine Antwort zu geben.

Der Versuch, für das bisweilen komplexe Werden, Wachsen und Wollen unserer kleinen Stadt, ein striktes, chronologisches, nach Fakten und Ergebnissen gegliedertes Vorgehen zu zimmern, hat viel Schweiß gekostet.

Schnell wurde mir klar, dass die autobiografischen, naturgegeben emotionalen Sichtweisen von den produzierten Fakten und Ergebnissen nicht zu trennen sind. Es wäre anderenfalls weder lebensnah, ehrlich und gewiss weniger spannend geworden. Natürlich steht am Anfang einer Neuausrichtung eine Vision mit Strategie und klaren Zielen. Aus dieser geordneten Struktur erwachsen aber immer wieder neue Situationen, Chancen wie Hindernisse, Impulse und Motive. Diese emotionale Seite ist neben der Vernunft der Treibstoff für politisches Handeln. Aus diesem Spannungsbogen heraus habe ich geschrieben. Genau so sind daraus stadtgeschichtliche Ergebnisse geworden.

Die öffentliche Person Oberbürgermeister Wendt wächst bei hohem Widerstand mit seinem privaten Wesen zusammen. Wer alles geben will, kann das nicht verhindern. Wenige enge Weggefährten habe ich deshalb meinen Entwurf gegenlesen lassen. Es ging mir um Rat, Maß und Mitte, besonders bei den brisanten Themen. Die einen sahen in mir mehr den kühl kalkulierenden Macher, die anderen mehr den Menschen mit seinen Emotionen, der die Leser tief in sein Inneres blicken lässt.

Vor allem bei dem Kapitel „Schattenseiten“ galt es, meine Frau und meine Kinder mit hineinzunehmen, weil hier, von wem auch immer, eine massive Vergiftung in die öffentliche Wahrnehmung wie in unsere intimste Privatsphäre getragen wurde, die nachhaltige Wirkung für beide Bereiche hinterließ.

Immer wieder war es nötig, Vergangenes nicht nur inhaltlich, sondern auch im Zeitgefüge richtig zu rekonstruieren. Weil meine wenigen Unterlagen sowie die vorhandenen Terminkalender besonders im „überfüllten Korridor“ zwischen 1993 und 1997 nicht in allen Fällen weiterhalfen, können zum Beispiel bei Begegnungen oder bei der Schrittfolge von Verwaltungsverfahren Jahresschwankungen nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Auch war es geboten, neben der erzählenden Zeitebene der 90er-Jahre sowie kurzen Rückblicken immer wieder an prägnanter Stelle aus der heutigen Sicht 2020, damalige Momentaufnahmen mit der eingetretenen Realität abzugleichen.

Und ja, Corona hatte für den Autor auch sein Gutes. Er nutzte das Refugium daheim im Arbeitszimmer, um parallel zur bisher nie gekannten „Geisterwelt“ draußen, in der zeitlichen Verdichtung von vier Monaten das erste Entwurfskonzept niederzuschreiben. Die Corona-Zeitzeiger sind lediglich statische Wegmarken mit Kurzanmerkungen, die Rückschlüsse auf den Autor ermöglichen könnten. Mit dem Geburtsdatum Juni 1945 als Vertreter der allerersten Nachkriegsgeneration hat man als Demokrat eine Verpflichtung und als Deutscher einen europäischen Kompass. Dass Bücher in der Zeit zwischen Abschluss des Manuskripts und der Veröffentlichung teils von der Realität überholt werden, träfe dann wohl auf diese „Corona-Haltestellen“ und auf den Epilog zu, bei dem mir meine innere Stimme sagt, dass unser Festspielhaus die Corona-Krise meistern muss und wird.

Wohlan, ich bin mir bewusst, dass diese Vermessung der Baden-Badener 90er-Jahre den Autor spiegelt. Mein Maßstab war: Die Liebe zur Stadt sollte eine ehrliche, suchende und zielführende sein.

Und auf einer Metaebene sehe ich bildlich vor mir, wie die „echten“ Baden-Badener in ihrem Oostal dafür arbeiten, damit die Gäste und Residenten als bekehrte, aufgeklärte Baden-Badener auf ihren verschiedenen „Chaiselongues im Grünen Salon“ genesen, musizieren, lauschen, schreiben oder lesen, diskutieren, genießen, spielen und riskieren – entrez s’il vous plait!

1.
DIE NEUE WELT MIT KINDERAUGEN

Im Frühling 1955 muss es gewesen sein, als ich mit meinem sichtbar stolzen Vater vor unserem Baugrundstück in der Stresemannstraße, einem steilen Hang am sogenannten Birkenbuckel, stand. Von der Talseite vis-à-vis grüßte als Ensemble der Hausberg Merkur mit Aussichtsturm plus waghalsiger Standseilbahn Hand in Hand mit seinem Zwillingsberg „Kleiner Staufen“. Davor, wie hingetupft, die Eckhöfe mit Marienkapelle und, wie ich Tage später bestaunen konnte, mit alten Weinstöcken. Über uns ein stattliches Sanatorium, unter uns das Hotel Runkewitz direkt an der Lichtentaler Allee, das wenige Jahre danach fast bis auf die Grundmauern abbrennen sollte. Papa, gelernter Stadtbaumeister, hatte als neuer Leiter des städtischen Hochbauamtes für die sechsköpfige Familie alles auf Zukunft gesetzt und für das schmalbrüstige, langgestreckte Haus mit gewagtem Treppenaufstieg den letzten Pfennig umgedreht. Vom Timmendorfer Strand direkt in den Schwarzwald – mein Herz schlug hoch – was für ein Paradies! Eine märchenhafte Kulisse allein der Schulweg in die Vincenti-Grundschule. Zwei Minuten bergab zur Linken flatterten Hammer und Sichel über der Villa Sorento. Die sowjetische „Botschaft in der Hauptstadt“ der ehemaligen französischen Besatzungszone war noch immer als Militärmission aktiv. Auf der anderen Seite der Oos grüßte von Brücken flankiert das prachtvolle Hotel Bellevue mit seiner soignierten Parklandschaft. Es folgte, immer entlang der zentralen Flusspromenade, zur Rechten die Gönneranlage, ein zauberhafter Rosengarten, benannt nach einem weitsichtigen Oberbürgermeister. Gegenüber die rotsandige Anlage des ältesten deutschen Tennisclubs Rot-Weiß, einer Gründertat der englischen „Kolonie“, die sich später mehr und mehr Richtung Nizza verabschiedete und zusätzlich noch den ältesten Golfclub hierzulande und die anglikanische Kirche am Gausplatz als Abschiedsgeschenk hinterließ. Es gab dann Weg-Varianten, aber die absolute Lieblingsstrecke führte entlang dem Flaggschiff, dem legendären Brenner‘s Parkhotel (heute Brenners Park-Hotel & Spa), bis 1949 Sitz der französischen Militärregierung, vorbei an prächtigen Villen wie der Villa Stephanie, benannt nach der Adoptivtochter Napoleons, Mitglied der markgräflichen Familie, und endete mit dem Palais Gagarin, benannt nach einem russischen Aristokraten und Liebhaber der Stadt. Gegenüber die Staatliche Kunsthalle aus der preußisch-wilhelminischen Phase, wenn auch schon im damals gewagten schnörkellos schlichten Baustil, was dem Kaiser als stetem Sommergast im nahen Maison Messmer gar nicht gefiel. Der Internationale Club, vormals Residenz der schwedischen Königin Frederike sowie das Stadttheater, ein architektonisches Schmuckstück der Pariser Schule. Sie alle zeugten von der internationalen Durchdringung der ehemaligen Sommerhauptstadt Europas.

Auf Höhe der Kurhaus-Kolonnaden ging es über die Fieserbrücke, den Leopoldsplatz mit vom Verkehr umtosten, wild winkendem Polizisten auf der Kanzel, über den schönsten, von Kastanienbäumen gesäumten Boulevard Baden-Badens, der Sophienallee. Dann war ich da, in meiner Schule. Hatte ich ein oder zwei Groschen in der Tasche, was keinesfalls immer der Fall war, freute ich mich vornehmlich auf eine zuckerglänzende Schneckennudel und eine knusprige, grobkörnig gesalzene Laugenbrezel in der großen Pause.

Natürlich hat mich prima vista das schöne Augenspiel entlang der Lichtentaler Allee nur optisch fasziniert. Ganz besonders, wenn zur Alleebeleuchtung gefühlt Tausende von Kerzen sowie fantasievolle Illumination nicht nur Gebäude, sondern auch Brunnen und prachtvolle Baumkronen mit dem abnehmenden, natürlichen Licht zu einer Fata Morgana zu verschmelzen schienen. Durch meinen Vater dann – wir durchwanderten fleißig Stadt, Wald und Flur – vertieften sich Kulissen durch Namen von Persönlichkeiten, ihren Lebensgeschichten sowie Großereignisse zu dem, was Baden-Baden ausmacht, zum Genius Loci. Das Zusammenspiel von Natur, Kultur, mitunter märchenhaft anmutenden Ereignissen samt Schicksalsmomenten, die ein Blitzlicht auf den ureigenen Zauber „dieses Sehnsuchtsortes“ werfen, begannen von da an in einem selbst weiter zu wohnen. Was als Ahnung seinen Anfang nahm, keimte ganz sanft und mehr gefühlt als gewusst, als Beginn einer lebenslangen Bestimmung in mir auf: diese Stadt von innen her verstehen. Dies galt allerdings, wie sich erweisen sollte, nicht nur für die Glücksfälle meines Lebens.

Ein väterlicher Stupser, schau mal da: Ein grauhaariger, schon sehr gebeugter, aber stattlicher Mann verließ einen großen Mercedes und erstieg mühsam die Treppen der Staatlichen Kunsthalle. Ich erkannte ihn selbst, denn Zeitung las ich schon sehr früh, wenn auch meist wegen der Fußballergebnisse von Kaiserslautern mit Fritz und Ottmar Walter. Es war unser Bundespräsident Theodor Heuss – und ich war dabei!

2.
INNENLEBEN: LEGENDÄRE GÄSTE – DAS LEBEN EIN FEST

Die Großereignisse, die haften blieben, oft von so legendären Baden-Badener Originalen wie Ludwig Braun, meist weinselig geschmückt, verselbstständigten sich bleibend als Running Gag. Ludwig, über drei Jahrzehnte graue Eminenz im Rathaus wie im Gemeinderat, Sängerpräsident, Volkstribun mit einem Schuss urbadischem Karl Valentin, war als prägender Protagonist aus dem bodenständigen Baden heraufgestiegen. Unvergessen sein Kampf mit dem Nierenstein, der nach eiskaltem Champagner im lauwarmen Hallenbad von Tony Marshall mit „Ich hätt‘ ’nen Mansardenbrand lösche könne“, seine Befreiung fand. Oder dem oberschlesischen „Herzblut-Katholiken mit Beichtstuhl-Aura“ Pit Fiolka als Herrscher im Mittelreich von Bistro, Disco, Nachtleben und stilvollendeter Wandler „Upperclass“ bei Adel, Prominenz, Showbusiness, der nebenbei so manche weibliche Herzen zum Schmelzen brachte.

Beide stehen für durchschlagende Deutungshoheit. Sie speisten Baden-Baden, den „Januskopf mit Doppelnamen“, in der analogen Nachkriegszeit schichtenübergreifend bildkräftig, wirkmächtig und ab und an mit rasender Beschleunigung.

Da war das Wunder aus 1001 Nacht im März 1955, als der Schah von Persien und Kaiserin Soraya vom Pfauenthron herabstiegen, um ganz Baden-Baden und Deutschland in ihren Bann zu ziehen. Da war 1957 der legendäre Wüstensohn König Ibn Saud. Mit Teilen seiner Herrscherfamilie verweilte er länger als gedacht im nur für ihn hergerichteten, exklusiven Hahnhof, der etwas erhöht über dem Palais Biron und der goldenen Kuppel der russisch-orthodoxen Kirche thronte. Er streute sein Wohlwollen mit Preziosen aller Art weit über das Oostal. Edle Armbanduhren und arabische Dolche als Brieföffner hatten Hochkonjunktur.

Da war 1981 der Olympische Kongress, der die Weltfamilie des Sports im Kurhaus versammelte und die Vergabe der Olympischen Spiele nach Seoul als mediales Großereignis konzertierte. Und in allen fünf Kontinenten lief der Name Baden-Baden über den Ticker, während intern die Kommunikation in allen Gott geschenkten Sprachen die kleine Stadt vibrieren ließ.

Da rauschten jährlich Schlossfeste, Schlagerfestivals mit Dieter Thomas Heck, sämtliche Tournee-Erstauftritte von Udo Jürgens über Jahrzehnte, Miss Germany-Wahlen, Großmeister-Schachturniere, Welttanz-Events und Sportler des Jahres über die Bühnen. Marlene Dietrichs Seufzer „Das schönste Spielcasino der Welt“ gleich neben dem Bildnis der Madame Pompadour und ihrer Devise „Nach mir die Sintflut“ flirrten durch die Lüfte. Dazu richteten Croupiers Abend für Abend jetzt schon im dritten Jahrhundert mit dem „Nichts geht mehr“, der surrenden Roulettekugel und dem Verkünden der Schicksalszahl mit blitzschnellem Zuordnen der Jetons über Freud‘ und Leid. Fjodor Dostojewskis „Der Spieler“ wurde hier inspiriert und vom Autor durchlebt. Dazu vergoldeten Oldtimer-Meetings, Ballooning und die traditionelle „Große Woche“ mit Pferderennen, Bällen, Banketten und Feuerwerk den Spätsommer. Und nicht zu vergessen: In den 1950er- bis 1960er-Jahren, kurz nach Wimbledon, gastierten im TC Rot-Weiß vor dicht besetzten Tribünen die Topspieler des weißen Sports.

Auch der kleine Uli Wendt gewann 1957 auf der Iffezheimer Rennbahn sein erstes größeres Taschengeld von 5,20 DM per Platzwette bei einem Einsatz von 2,50 DM. Dem Jockey Hein Bollow sei Dank. Unvergessen und blitzschnell in Kinokarte plus Eis umgerechnet und mit leicht schlechtem Gewissen danach verprasst. Beim TC Rot-Weiß bewunderte Uli Ken Roosevelt und Tony Roche als Balljunge und Linienrichter. Aber es nutzte ihm wenig: Seine Freunde und Klassenkameraden wie Franz Mayer, Jürgen Winter, Waldemar Timm und Rolf Wertheimer sammelten Titel, stießen vor bis in die deutsche Spitze oder wurden respektable Unternehmer. Apropos Franz Mayer: Er sollte als ältester Freund, bis heute an meiner Seite, nicht nur als Tennistrainer, als großherziges Baden-Badener Original, sondern auch als der mit Abstand kundigste Fachmann für kniffligste Verkehrsfragen, eine Heldentat vollbringen. Er löste den gordischen Knoten des stadteinwärts fließenden Verkehrs an der sogenannten „Carlein-Schleife“. Gleich nach dem Verfassungsplatz rechts auf die Talachse einbiegend, verengte sich hier die zweispurige auf nur noch eine Fahrbahn. Per Eigeninitiative und Handvermessung um fünf Uhr morgens errechnete er bei millimeterscharfer DIN-gerechter Neuverteilung von Gehwegen plus Fahrfläche eine zusätzliche Fahrspur. Ohne ihn hätten wir heute chaotische Zustände Richtung Schlossbergtangente und keine genehmigungsfähige Festspielhaus-Parkierung.

Doch zurück zu den Highlights: Wenn das, was Baden-Baden von den „normalen Städten“ unterschied, unübersehbar auftrumpfte, wurde diese Lichtgestalt an der Oos intern zeitgleich gerüttelt von Tratsch, Missgunst, Neid, verführerischer Intrige. Die institutionalisierte Rivalität zwischen Kurdirektion und Rathausspitze ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Andere bewältigten diesen Spagat zwischen badischer Provinz und Weltkurort mit warmherziger Sympathie, witziger Ironie, bissigem Spott oder inszenierter Empörung von Fall zu Fall auf unterschiedlichsten Bühnen.

Mal im Palais Biron die Wirtschaft, mal im Internationalen Club blaublütige Pferdeliebhaber, Banker, patriarchalische Unternehmer von den Maktums aus Dubai bis zu dem Hanseaten Albert Darboven, mal in renommierten Herrenclubs, die sich im wöchentlichen Rhythmus trafen. In auserwählten Kreisen oder halboffiziellen Runden formten sie neben vielem anderen auch stets von Interessen gesteuerte Meinung und Politik. Mit höchster Frequenz und prätentiöser Durchmischung konnte hier das Gagarin mit Pit und Millie Fiolka aufwarten. Man fühlte sich wie im eigenen Wohnzimmer. Zugleich war es eine Art Pulsschlag-Börse für VIPs oder solche, die sich dafür hielten, aus unterschiedlichsten Lebensbereichen.

Hin und wieder waren es andernorts, den Südwestfunk gilt es später noch gesondert unter die Lupe zu nehmen, Intellektuelle in Residence oder Liebhaber, die auch mit spitzer Feder fochten, wenn die Dinge eskalierten.

Als Bertolt Brecht 1962 im heimischen Theater am Goetheplatz mit „Mutter Courage“ inszeniert wurde, seine sofortige obrigkeitliche Verbannung durch den damaligen OB Dr. Ernst Schlapper vom Spielplan erfolgte und solchermaßen durch die bundesweiten Gazetten geisterte, siedete es im Talkessel der Oos. Auf dem Höhepunkt der Ost-West-Spannungen zwischen dem im adenauerisch-rheinischen Tonfall nachhallenden Kontra von „Sowjet-Zone und freiem Westen“ kritisierten im „Weltkurort“ auch die namhaften Baden-Badener Literaten Otto Flake und Herbert Wendt diesen direkten Eingriff der Politik in die Kultur. Doch gemach: Wir werden diesem Erbgut in Baden-Baden immer wieder begegnen.

3.
MYSTISCHE NATUR – EIN FLUG ÜBER ZEIT UND RAUM

Ich hatte es angedroht, dass wir zeitliche Sprünge, Szenenwechsel, Metaebenen rhythmisieren, „frei schöpferisch“ für einen neuen Blick. Bildlich könnten wir noch einmal die Trinkhalle durchschreiten, um uns von der romantisierenden Kraft der Wandgemälde inspirieren zu lassen. Engelskanzel – Teufelskanzel als Eingangstor über der Wolfsschlucht zum Beispiel passt trefflich. Das Oostal ist mystisch. Ein Blick vom Merkurturm ins Murgtal, Richtung Rastatt, weit über den Rhein hinaus ins Elsass und die Südpfalz hinüber ins Rebland und hinauf zu den Höhenlinien der beiden Tausender Hochkopf und Badener Höhe zeigen uns einen Garten Eden. Es scheint, als hätte hier der liebe Gott an einem auserwählten Tag der Schöpfung eigenhändig mit Gips gespielt und modelliert. Es ist ein Refugium, das schützt und wärmt. Im Herbst, bei Inversion und dauerhaftem Nebel im Rheintal, schenkt es viele zusätzliche Sonnentage. Auch der Wein fühlt sich wohl, zu Füßen des Neuen Schlosses reifen gar Feigen und Zitronen. Alles wurde über Zeit und Generationen hinweg behutsam und liebevoll zu einem einmaligen Großen und Ganzen geformt. Ein kompositorischer Dreiklang von Licht, Wasser und grün durchdringender Natur.

Wo gibt es schon echte Schlösser im Wald? Prächtige Wasserschlösser, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Quellen mit klarem, weichem Wasser fassten und architektonisch mit in Rotsandstein gemeißeltem Stadtwappen am Merkur, dem Leisberg oder unweit der Batschari-Hütte im lichtenden Morgennebel einen beinahe wagnerianischen Zauber versprühen. Wo gibt es Märcheninseln wie das verwunschene Mariahalden, das der deutschstämmige südamerikanische Kaffee-Goldmark-Millionär Hermann Maria Sielcken im trauten Herchenbachtal mit Herrenhaus, Verwaltungsgebäuden, Badehaus, Gärtnerei, Karpfenteich sowie einer mehrere Kilometer langen von Rhododendron gesäumten massiven Schlossmauer samt schmiedeeisernen Ziergittern einem Schmuckstück gleich krönte? Kein geringerer als Max Grundig erweckte in den 80er-Jahren nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf das Juwel zu neuem Leben. Vom artenreichen Wald der Berge über ausgedehnte, mit Obstbäumen bestandene Wiesen, die als sanfte Hügelzonen zum Talgrund neigende, von Villen gesäumte Straßenzüge begleiten, bis zu den großzügigen privaten Garten- und öffentlichen Parkanlagen entlang der Lichtentaler Allee, zeigt sich ein Ganzes. Es mutet wie Zufall an, ist es aber nicht. Man kann vom Alten Schloss zum Neuen Schloss hinunter, hinüber zur Stourdza-Kapelle mit Villa Friesenberg, von dort zum Schloss Solms wieder hinüber zum Bergschloss und nach diversen weiteren Talsprüngen über die Oos letztlich über die Villa Stroh beim Schloss Seelach enden. Es bildet eine Kette von Harmonie und Ästhetik, einer dem Tal immanenten Choreografie, die diesem Zauber Spiel und Raum eröffnet.

Es sollen einer Überlieferung zufolge die Kelten gewesen sein, die der Oos den Namen „leuchtendes Wasser“ gaben. Die schäumenden Geroldsauer Wasserfälle, im Frühsommer überwölbt von riesigen, blühenden Rhododendren und Baumkronen, die vortreffliche Symbiose der Laeugerschen Garten- und Wohnanlage am Annaberg namens Paradies, die talwärts über ihre Kaskaden mit glucksend spritzendem Merkurwasser den Menschen im Hochsommer ein andalusisches Augenzwinkern spendet. Das alles entspringt der hier rund dreihundert Millionen Jahre jungen Geologie des Schwarzwalds. Und seit dieser Zeit durften die vier Thermalquellen unter dem Florentinerberg dampfend emporsprudeln, was die Kelten bestaunten, die Römer zu Aquae in komfortable Badelandschaften verwandelten. Worin im Mittelalter Schweine brühten, menschliche Laster wie Leiden in den Trögen der Badestuben nicht enttäuscht wurden und dem großen Paracelsus als heißeste und mineralreichste Thermalschüttungen weithin – „Die heißen Wasser von Badin aber sind vollkommener als alles andere“ – eine Messe wert waren. Er behandelte 1526 den kranken Markgraf Philipp I. und man kolportierte, dass er gerne geblieben wäre, wenn man nicht so knauserig gewesen wäre. Ein herber Verlust, als Werbeikone hätte der ebenso namhafte wie umstrittene Medicus bestens zu Baden-Baden gepasst.

DONNERSTAG, 26. MÄRZ 2020

ES IST HEUTE DER VIERTE TAG NACH DEM VORLETZTEN MÄRZSONNTAG – DEM START. DIE SONNE STRAHLT IMMER NOCH. AUCH BEI KÜHLEN TEMPERATUREN BRICHT SICH DER FRÜHLING BAHN. DIE CORONA-ZAHLEN LIEGEN JETZT BEI BALD 40.000 INFIZIERTEN MENSCHEN IN DEUTSCHLAND UND STEIGEN IN STEILER KURVE. IN ITALIEN, SPANIEN UND DEN USA IST ES DRAMATISCH. ES STERBEN DORT DEUTLICH MEHR MENSCHEN ALS IN CHINA. AUS DEM ELSASS, FAST TEIL DER EIGENEN HEIMAT, LIEST MAN HEUTE DIE WACHRÜTTELNDE BOTSCHAFT: MENSCHEN ÜBER 80 JAHRE WERDEN NICHT MEHR KÜNSTLICH BEATMET. DIESE SEUCHE WIRD DIE WELT VERÄNDERN. WIR WOLLEN HOFFEN, DASS ES SICH ZUM GUTEN WENDET UND SOLLTEN JEDER AN SEINEM PLATZ ALLES DAFÜR TUN.

4.
BADEN-BADEN 1990

Deutschland strebt der Wiedervereinigung zu. Die Noch-DDR stellte in ihrer ersten demokratischen Wahl am Sonntag, dem 18. März, die Weichen unübersehbar in diese Richtung. An diesem Tag wählte die Kurstadt zeitgleich Ulrich Wendt, 44 Jahre alt, gelernter Jurist, Stabsstellenleiter des Regierungspräsidiums Karlsruhe von 1978 bis 1981, Bühler Oberbürgermeister von 1981 bis 1989, seit 1988 Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Baden-Baden, im ersten Wahlgang zum neuen Stadtoberhaupt.

Zum 1. Juni 1990 trat er sein Amt an. Sein Vorgänger Dr. Walter Carlein blickte auf eine erfolgreiche 24-jährige Amtszeit zurück. Auf Basis des Stadt- und Kurort-Entwicklungsplans wurde systematisch und zielgerichtet von der grünen Einfahrt in Baden-Oos, der Landesgartenschau mit Schlossbergtangente, der Innenstadtsanierung als Fußgängerzone, der Umgestaltung des Leopoldsplatzes und letztlich mit dem Jahrhundertbauwerk Michaelstunnel 1989 ein veritabler Durchbruch erzielt. Die Kurstadt befreite sich im zentralen Bereich vom Durchgangsverkehr, an dem sie zu ersticken drohte. Die Realisierung der Caracalla-Therme gab der Bäderstadt einen weiteren Schub. Der Krankenhausneubau in Balg, als Meisterstück damals seiner Zeit weit voraus, bewährt sich bis heute als Zentrum des mittelbadischen Klinikums.

Mit der landesweiten Gebietsreform in Baden-Württemberg hatte die Stadt Anfang der 70er-Jahre mit den Reblandgemeinden Steinbach, Neuweier, Varnhalt sowie Sandweier, Haueneberstein und Ebersteinburg die 50.000-Einwohnergrenze überschritten und gewann wichtige Gemarkungsflächen, auch als größter kommunaler Waldbesitzer Deutschlands, hinzu. Ihr vorausgegangen war ein „mittelbadischer Befreiungskampf um Sein oder Nichtsein“. Baden-Baden, bis dahin Stadtkreis wie Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, sollte vom Landkreis Rastatt geschluckt werden! Das lässt sich an gefühlter Grausamkeit nur mit einem Höllenfeuer à la Hieronymus Bosch vergleichen, schlimmer noch als der Abstieg von der Landesliga in die Kreisklasse. Der junge Walter Carlein meisterte das vereint mit dem Baden-Badener Landtagspräsidenten Camill Wurz in buchstäblich letzter Sekunde. Vom Balkon des Theaters wurde es verkündet. Die Baden-Badener applaudierten begeistert, als Ludwig Braun lauthals „Freiheit!“ in die Menge rief. Es fehlte nur noch die Marseillaise.

Leider entwickelte sich die Bäder- und Kurverwaltung, die von den Spielbankgeldern gespeist und mit Kurhaus, Casino, Bädern, Kongressen, Theater, Orchester und Gartenanlagen das internationale Herzstück bildete, krass formuliert, vom Sorgenkind zum Spaltpilz. Diese BKV wurde hälftig von Stadt und Land getragen. Sie hatte glanzvolle Momente erlebt, litt in den 80er-Jahren aber zunehmend unter andauernden Streitigkeiten. Die Übernachtungszahlen, sozusagen die Pulsschlagkurve Baden-Badener Vitalität und seit den 70er-Jahren stagnierend, ließen im Auf und Ab jenseits der konjunkturellen Zyklen keine durchgreifende Besserung erkennen.

Alles kreiste letztlich um die zentrale Frage: Wem gehören die Casinoerträge von Rechts wegen, der Stadt oder dem Land? Das sogenannte „Stern Gutachten“ eines renommierten Verfassungsrechtlers, von Walter Carlein kurz vor seinem Ausscheiden in Auftrag gegeben, wurde wahrscheinlich nur deshalb gehütet wie der heilige Gral, weil es Kanzleitrost statt handfester Rechtsgrundlagen liefern konnte. Und so war es auch, wie der neue OB nach Einsicht mit dem städtischen Justiziar und späteren Ersten Bürgermeister Werner Hirth notgedrungen konstatieren musste. Leider war es nach der Gesetzeslage eindeutig „Landesgeld“.

Weil Geld auch in der Politik weniger dem Beharren auf vermeintlichem Recht, sondern der Chance neuer Wachstumsimpulse mit beflügelnder Perspektive folgt, sei hier ein auf den ersten und zweiten Blick bewusst provozierender Rekurs gestattet. Die „Geldquerele“ Stadt-Land war auch deswegen so delikat, weil es die Nazis waren, die im faschistischen Durchgriff der Stadt im Oktober 1933 wieder das Glücksspiel-Monopol ermöglichten, das ab 1935 von der 1934 gegründeten Bäder- und Kurverwaltung geführt wurde. Sie beendeten damit die Casino-lose Zeit nach dem Ausscheiden der ruhmreichen Bénazets im 19. Jahrhundert, die in Folge des Deutsch-Französischen Krieges 1871 mit der Reichsgründung begann. Preußisch dominiert, wurde die „hedonistische Casino Säule“, der Motor sämtlicher sogenannter „Santé-Plaisir-Städte“, kurzerhand beseitigt. Französische, beschwingte Lebensart wurde verbannt. Konsequent folgte dafür mit kaiserlichem und großherzoglich badischem Segen mit den neu erbauten, prachtvollen Friedrichs- und Augustabad die Stärkung der Bäderstadt. Als Taufgeschenk brillierten die Namen des Großherzogs und der Kaiserin in der Sommerhauptstadt Europas. Auf der Strecke blieb der Refinanzierungskreislauf des „sündigen Spielbankgeldes als Waschanlage“ für Gesundheit und Kultur. Übrigens ein eminent wichtiger Merkposten für die mit der Bezeichnung KURSTADT einhergehende „leicht-sinnige“ Verkürzung des Baden-Badener Potenzials. Es kann mit dem Blick zurück wie voraus ganzheitlich wohl nur mit KULTUR vereint und gebündelt werden. Im kongenialen Sinn umfasst sie damit den SWF/SWR als mediale Kraft, die mit Kur nichts verbindet, wohl aber mit einem erstklassigem Sinfonieorchester von Gielen bis Currentzis, einem New Pop Festival, das elektrisiert. Es sind altersunabhängig „juvenile Impulse“ für und aus einer Stadt, die die bundesweite, internationale Wahrnehmung braucht und wendet, um nicht mehr leichterhand in die Schublade als „Altersheim der Reichen“ geschoben werden zu können.

Auslaufmodell mit Blick auf vergangene Größe oder mit allem, was man erworben hat, was man ist, zu neuen Ufern aufzubrechen über den „point of no return“ mit höchster Dosis, mit Risiko, mit Wunden und Kompromissen und ohne Kaskoversicherung. So habe ich es empfunden. Hier grüßen aus „zukünftiger Ferne“ das Festspielhaus und als aktueller Kontrast 2020 eine Leitwerbung, die man seitens der erfolgreichen Kur & Tourismus GmbH noch optimieren könnte. Kur an erster Stelle ist unstrittig eine wirtschaftlich beachtliche, quantitative Größe. Sie ist zugleich prägender Teil unserer Geschichte. Sie spiegelt sich heute in qualitativ hochkarätiger Bäderkultur. Aber diese Kombination ist mit dieser Erstnennung „Kur“ kein Einzelstellungsmerkmal allein von Baden-Baden. Kurorte, Kurstädte mit Thermen und wirklich erstklassigen Kur- und Spa-Angeboten gibt es zahlreiche. Dies wird hinsichtlich seiner Attraktivität primär mit Schutz, Ruhe und Rehabilitation verbunden. Es setzt allein kein signifikantes Signal für einen Sehnsuchtsort unserer Herkunft, Vielfalt und Klasse. Es setzt kein Ausrufezeichen als Platz internationaler Begegnung, keines als Hidden Place-Topadresse für Kommunikation und Networking, wie zum Beispiel die Baden-Badener Unternehmergespräche. Es sollte mehr drin sein in der Headline für das Flaggschiff Baden-Baden mit Festspielhaus, Museum Frieder Burda, LA8, Staatlicher Kunsthalle, neuem Stadtmuseum, von der römischen Geburt bis zu Russen und Franzosen im 19. Jahrhundert mit Brahms, Clara Schumann, Berlioz, Turgenew und Dostojewski sowie im 20. Jahrhundert mit Furtwängler oder dem „Badener Fest“ als Mekka der modernen Musik mit Hindemith, Bartok, Milhaud, Weil und Brecht. Natürlich sind Thermen, Bäder, Kurstadt als „Herz-Stück“ unverzichtbarer, zentraler Teil der Vermarktung, aber weder das gewachsene Ganze noch – entscheidend fürs Marketing – der psychologische Treiber. Baden-Baden als die neu erwachte dynamische Kultur- und Bäderstadt wäre doch eine exzellente Reihenfolge.

Diese Bausteine für eine durchschlagende Wende nach vorne darf man im Hinterkopf behalten, wenn es in den Neunzigern um „Zerschlagung alter Strukturen“, vitale Impulse bis hin zur „Sinnstiftung“ für neue kulturelle wie auch private Ressourcen geht.

Doch zurück zum Ende der Carlein-Ära.

Das Stuttgarter Parlament hatte immer weniger Neigung, die landesweit schwierigen Verteilungskämpfe jeweils zu den anstehenden Doppelhaushalten zugunsten der Stadt zu gestalten. Baden-Baden drohte mit seinem Alleinstellungsmerkmal als internationaler Imagefaktor „lobbymäßig“ zu vereinsamen. Als es wieder mal in einer CDU-Landtagsfraktionssitzung darum ging, das geschichtlich erworbene Spielbankmonopol Baden-Badens mit seiner Dependance Konstanz vor den Gelüsten Dritter, vorrangig der Landeshauptstadt Stuttgart, zu bewahren, brachte es ein politisches Schwergewicht auf den Nenner: „Ihr benehmt euch wie ein Bordellbesitzer, der keinen Konkurrenten in seinem Beritt will“. Das sagte alles über die Stimmungslage. Diese Polaritäten spiegelten sich natürlich in der BKV im Vorstand bei Dr. Sigrun Lang wie bei den beiden Verwaltungsratsvorsitzenden wider: für das Land Ministerialdirektor Benno Bueble aus dem mächtigen Finanzministerium, für Baden-Baden OB Walter Carlein im jährlich wechselnden Rhythmus. Ulrich Wendt war ab 1988 als Landtagsabgeordneter für seinen Wahlkreis involviert. Keine leichte Situation für alle.

Zum Knall kam es dann Ende der 80er-Jahre durch die sogenannte Monaco-Pleite.

Der Versuch der BKV, an der Côte d’Azur eine Thermalbäder-Depandance zu etablieren, endete in einem finanziellen und bundesweiten medialen Fiasko. Offensichtlich wurden mit öffentlichen Geldern umfangreiche „Millionen-Verträge“ zweisprachig fixiert und besiegelt, die sich unter der Lupe des Landesrechnungshofes mit jährlichen siebenstelligen Verlusten als Fass ohne Boden entpuppten. Die Landesregierung sah sich unter den Argusaugen ihrer höchsten Prüfungsinstanz gezwungen, vor allem die Spielbankmittel drastisch zu kürzen. Es drohte der Gau: der Rückzug des Landes aus der Kurstadt. Rückzug bedeutete nicht nur Verlust an Geld, es ging um Renommee und Internationalität, existenzielle Fragen von der Hotellerie bis zum Einzelhandel. Es drohte politischer Liebesentzug für eine Diva, die die Grenzen ihrer Einzigartigkeit aus der Landesperspektive überzogen und damit sträflich aufs Spiel gesetzt hatte. Frankophile badische Lebenslust kollidierte mit schwäbischer Rigorosität sowie einem eisigen Ostwind, und zwar parteiübergreifend. Der Leitsatz des damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth „Baden-Baden ist uns lieb und teuer“ – meist mit einem spitzbübisch wohlwollenden Blick garniert, war dabei, in das „Noi, mir gäbet nix“ zu kippen. Zwischen den Verwaltungsratsvorsitzenden und Vorstand Sigrun Lang wurde die Verantwortung hin- und hergeschoben. Letztlich erhielt die ehrwürdige BKV einen zweiten Vorstand – Günter Götz. Kurz darauf kündigte Sigrun Lang ihren Vertrag und schied aus.

Der Scherbenhaufen war Realität. Er war gespenstig in der Perspektive für die ganze Stadt. Mit der Lähmung der BKV als eine der beiden Baden-Badener Herzkammern drohten automatisch auch Folgerisiken für die ganz „normale Bürgerstadt“. Der traditionell leider schwache Wirtschaftsstandort für Industrie und produzierendes Gewerbe lief nun zusätzlich Gefahr, auf die Bereiche Dienstleistung, Einzelhandel und Hotellerie überzugreifen. Es war höchste Zeit für einen Kurswechsel an Haupt und Gliedern, einem wirklichen Neustart. Das war die Herausforderung für den Neuen im Rathaus, dem ehemaligen Jesuitenkloster, als er sein fast quadratisches, hohes Zimmer mit den beiden bodentiefen Flügelfenstern und dem beeindruckenden weißen Kamin betrat. Er mochte es sehr. Er sollte da auf einem verdammt heißen Stuhl Platz nehmen.

MONTAG, 30. MÄRZ 2020

DIE CORONA-INFIZIERTEN-ZAHL FÜR DEUTSCHLAND GEHT ÜBER DIE 60.000 HINAUS. DIE SITUATION IN NEW YORK, SYMBOL DER AMERIKANISCHEN STÄRKE, OFFENBART EINE ACHILLESFERSE: ÜBERFÜLLTE, SCHLECHT AUSGERÜSTETE KRANKENHÄUSER UND KEIN SOZIALES NETZ ZUM AUFFANGEN BREITER BEVÖLKERUNGSSCHICHTEN. BEI UNS BLEIBT ES EHER LÄNGER WIE KURZ BEI KONTAKTSPERREN. ERSTE EXITSTRATEGIEN ZUM WIEDERANKURBELN DER WIRTSCHAFT WERDEN EVALUIERT. MEHR UND MEHR ZEICHNET MAN EINE LÄNGERE ZEITACHSE IN WELLENBEWEGUNGEN, DIE NOCH DER KONKRETISIERUNG BEDÜRFEN. NOCH IST DIE STIMMUNG IM LAND, ZWISCHEN REGIERUNG UND GESELLSCHAFT, ERFREULICH KONSTRUKTIV.

5.
DER START

Der Neue fing an zu arbeiten. Wie immer wurde man als Wahlsieger unverdientermaßen mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Gleich für das erste Wochenende, den 2./3. Juni, hatten der Einzelhandel und die Gastronomie der Innenstadt unter dem euphorischen Aufmacher „Baden-Baden blüht auf“ – darüber war mein Vorgänger verständlicherweise gar nicht glücklich – mit einem Blumenmeer, Live-Musik, Open Air-Bars, Leckerbissen und Sonderangeboten ein Signal gesetzt. Es wurde ein Reinfall. Petrus öffnete die Schleusen. Dauer-Starkregen und kalt-windiges Wetter trieben die Blütenblätter über Pfützen, leere Plätze und Fußgängerzone. Für den umgestalteten Leopoldsplatz, dessen mit Sand gefugte Platten unter dem Druck der kreuzenden Linienbusse schon bald verrutschten und ein bis 2019 währendes Trauma verursachen sollten, war Krisenmanagement angesagt. Man suchte auf dem zentralen Platz der Stadt vergebens den neuen Blickfang. Der ersehnte langgestreckte, weiße Marmorbrunnen, Richtung Fieserbrücke, Lichtentaler Allee, Kurhaus, war unauffindbar. Dafür gähnte ein Loch. Die Kette zwischen Unternehmer und Subunternehmer war wohl gebrochen. Ich schickte eigene Leute, selbst meinen Hauptamtsleiter Josef Höß, in die Alpen, die bei der Vor-Ort-Recherche in einem Tessiner Steinbruch fündig wurden. Man bestaunte einen noch unfertigen Monolithen. Erst Monate danach sprudelte das Wasser. Es dauerte weitere Jahre, bis nach einem Gutachter-Slalom gegen die gigantischen Flieh- und Druckkräfte der öffentlichen Verkehrslinien die neue Lösung gefunden, beschlossen und umgesetzt wurde. Die Fliehkräfte waren aber auch im Gemeinderat zu verzeichnen. Egal, ob Klebstoffe, Plattengröße, Anordnung und Dicke – es wurde angesichts der Vielzahl unterschiedlichster fachlicher Expertisen zu einer Glaubensfrage. Einige Gemeinderäte streikten bei der Abstimmung. Über dem Leo hing ein Fluch, der die Stadt noch viel Energie und Geld kosten sollte.

Hier ein kritisches Licht auf mich. Ich hatte einen Ruf als Macher. Das Rathaus hatte beim Amtswechsel in der Bevölkerung nicht nur Freunde. Ich wollte ein erfolgreiches, ein bürgernahes, straff geführtes Rathaus, eines, in dem an einem Strang gezogen wird. Mit Klinik, Stadtwerken und nach der BKV-Neuordnung ab 1994/1995 waren dies über 2.000 Mitarbeiter. Ich wollte ziemlich vieles gleichzeitig. Manchmal einfach zu viel auf einmal. Bürgerbriefe sollten binnen maximal drei Wochen von mir unterschrieben und expediert werden. Bauanfragen und Genehmigungen bekamen enge Zeitfristen und wurden am kurzen Zügel kontrolliert. Die Amtsleiterrunde im Rathaus stöhnte. Ich erhöhte den Druck. Mein Wahlslogan lautete: „Nah am Bürger – konsequent – für Baden-Baden Ulrich Wendt“! Ich wollte das unbedingt einhalten. Ich musste und wollte also auf fast jeder Hochzeit tanzen. Zugleich hatte ich einen absoluten Doppel-Job. Ich war noch bis 1992 parallel Landtagsabgeordneter. Das war für die Stadt lebenswichtig, um die BKV auf neue Gleise zu setzen. Ich hatte der Badener Bevölkerung zugleich versprochen, 1992 als Abgeordneter nicht wieder anzutreten, was ich einlöste. Aber zuvor musste ich wichtige Hürden nehmen. Nur keine Blöße geben, war die Devise. Ein erster Haushaltsentwurf für 1991/1992 des CDU-Finanzministers Guntram Palm verschlug mir die Sprache. Es drohte eine brutale Kürzung der Spielbankabgabe um viele Millionen. Hätte ich in dieser Phase nicht die volle Rückendeckung einer starken Frau und Persönlichkeit, gleichzeitig Vorsitzende der CDU-Mehrheitsfraktion, Ursula Lazarus, gehabt – man hätte Entscheidendes in und für Baden-Baden nicht stemmen können. Sie wurde auch als meine Nachfolgerin als MdL ab 1992 zur unverzichtbaren, engsten Wegbegleiterin. Darüber wird noch zu reden sein. Aber so viel vorweg: Nomen est omen! Wenn man Lazarus heißt, erreicht man Herzen mit heilender Wirkung. Für einen Ministerpräsidenten, der in den kritischsten Phasen der Stadt mit dem Namen Teufel noch zum Rettungsengel werden würde, braucht es eine solche Frau! Im Gemeinderat hielt sie mir den Rücken frei. Nur mit dieser Arbeitsteilung konnte ich später die finanzielle Amputation der BKV-Mittel verhindern.

Doch zunächst galt es Zeit zu kaufen. Es wurde zwischen Land und Stadt bald darauf ein ordentlicher Prozess zur Beendigung der gegenseitigen BKV-Blockade aufgesetzt, um neues Vertrauen zwischen beiden Partnern Schritt für Schritt wieder aufzubauen.

Ich geriet in dieser extremen Phase an meine physische und psychische Belastungsgrenze. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall, den ich lange einfach negierte. Das ständige Sitzen, das Pendeln per Auto oder Eisenbahn zwischen Baden-Baden und Stuttgart, voll genutzt für die Rathausarbeit, schufen mit den Abendterminen, den gemeinderätlichen Sitzungen, unabweisbaren repräsentativen Verpflichtungen für hochrangige Gäste mit anschließendem Dinner ein Übermaß. Zeitgleich baute ich in Baden-Baden unter dem Merkur unser neues erstes eigenes Haus. Meine Frau Gitta – wir sind zusammen seit 1968, heirateten 1973 – hatte nahezu die Alleinverantwortung für die ganze Familie mit den Kindern Julia und Tilman, elf und zehn Jahre alt, übernommen. Ein großer Umzug kündigte sich an.

Dann klappte ich zusammen. Wenige Wochen vor Weihnachten war ich schlicht bewegungsunfähig. Ich konnte weder sitzen, stehen oder liegen ohne steten Wechsel und ständigen Schmerzen mit ersten Taubheitssymptomen in den Beinen. Im Staatlichen Landesbad gleich neben der Caracalla-Therme konnte ich mich fallen lassen. Ich fand meinen Rettungsengel.


Einzug in unser neues Haus, August 1991.

Die couragierte Frau Wirbser, Leiterin der Physiotherapie, verpasste mir einen maßgeschneiderten Trainingsplan. Im Bett liegend, dann auf dem Zimmerboden, dann auch im fast leeren Haus übers Wochenende trainierte ich per Sondergenehmigung solo im Thermalbecken. Eine Operation lehnte sie kategorisch ab: „Sie kommen nicht unters Messer, ich habe schon viel zu viele Opfer gesehen.“ Drei Wochen später war ich wieder im Rathaus. Mit Disziplin, Tag für Tag über fünf Jahre hinweg, bekam ich die Sache dann endgültig in den Griff.

6.
EINE BEGEGNUNG – EINE WAHNSINNSIDEE
BÜRGERSTADT UND INTERNATIONALER STANDORT

Ermano Sens-Grosholz – der Name passte zu seiner Erscheinung: stattliche Figur, markantes Gesicht, starke Hände und soignierte Garderobe mit ausgesuchten Accessoires vom Scheitel bis zur Sohle. Er hätte als transalpiner Impresario zwischen Italien und Österreich auch das Jahrhundert zuvor verkörpern können. Seine ganze Passion galt einer elektrisierenden Idee für Baden-Baden als zukünftiger Festspielstadt mit einem in jeder Hinsicht großartigen neuen Opernhaus. Kein geringerer als Richard Wagner sollte bereits 1860 am Rande des Fürstenkongresses mit Napoleon dem Dritten für eine solche Option geworben haben. Der Platz im Talgrund sei schon fixiert gewesen, dann allerdings entschwand er nach einem enttäuschenden morgendlichen Rendezvous mit der Prinzessin Augusta von Preußen, der späteren Kaiserin. Es ranken sich viele Spekulationen über die Ernsthaftigkeit sowie die Motive der Beteiligten bis hin zu seiner wenig attraktiven sächsischen Mundart. Dieses ewige Geheimnis wird einem Ondit zu Folge seitdem unter dem Wandbild der Nixen vom Mummelsee bestens gehütet. Immerhin schrieb Richard Wagner 1871 höchstpersönlich, für seine Pläne wäre Baden-Baden der erste Ort außerhalb Bayerns gewesen!

Sens-Grosholz residierte standesgemäß am Leopoldsplatz und hatte gerade das „Comité zur kulturellen Förderung“ aus der Taufe gehoben. Er förderte auch mit eigenem Geld Konzerte und warb mit Feuer und Flamme. Nach erstem Kennenlernen am Rande anderer Events trafen wir uns im Rathaus. Ich war hin- und hergerissen. Das alles war faszinierend, geradezu spürbar verführerisch. Musik, klassische Musik war zweifellos eine naturgegebene Seele dieser Stadt, die über die Jahrzehnte an Strahlkraft verloren hatte. Sens-Grosholz, der als Salzburg-Fan Ermüdungserscheinungen der österreichischen Festspielstadt konstatierte, projizierte alles, was er dort vermisste und mit guten Insiderkontakten als Option erkannte, nach Baden-Baden. Das freute mich und imponierte mir. Aber ich war kein Kenner dieser Szene, keiner, der dank eigener Expertise die Tragfähigkeit dieser hochkarätigen Idee hätte validieren können. Zeitgleich plagte die Stadt die ebenso fundamentale wie auf den Nägeln brennende BKV-Problematik, die ihre Wirtschafts- und Finanzstruktur bedrohte. Wenn ich eines in den verflossenen zwölf Jahren in Lokal-, Regional- und Landespolitik gelernt hatte, dann, dass dieses Metier kein Wunschkonzert ist. Die Baden-Badener Realitäten zeigten eine relativ hohe Verschuldung bei eher unterdurchschnittlicher Steuerkraft. Also vertröstete ich ihn. Es galt, Zeit zu gewinnen. Die Idee aber blieb als starker Reiz. Es sollten zwei, drei Jahre später aus ganz anderer Richtung neue Impulse dazustoßen.

Würde ein „normaler Bürger“ diese Geschichte bis hierher lesen, würde er zu Recht fragen: Und wo finden WIR statt? Die Stadt zählt rund 4.600 Menschen, die sich unterhalb der Armutsgrenze bewegen. Das sind 4.600 zu viel. Wer zugleich an eines der größten Opernhäuser der Welt denkt für eine Stadt mit 53.000 Einwohnern, wer nur an die BKV denkt für die Welt der Reichen und Privilegierten, muss der nicht jedes Augenmaß und jegliche Bodenhaftung verloren haben? Wo bleibt Gerechtigkeit, das soziale Gewissen? Solange Schulen, Kindergärten, Kitas, Jugendmusikschulen, Alleinerziehende, Vereinsförderung, Schlagloch-Straßen, Lärmschutz in Wohngebieten, Umweltschutz beschleunigen, behindertengerechte Stadt und vieles, vieles mehr Priorität haben muss, darf man da überhaupt an solche „Spinnereien“ denken? Wo bleiben die sechs 1972 hinzugekommenen Stadtteile im Rebland, Rheintal und auf dem Berg? Von den in der Hitlerzeit zwangseingemeindeten Ortschaften Balg und Oos ganz zu schweigen. In dem bodenständigen Geroldsau bis Malschbach, Lichtental mit Oberbeuern bis Schmalbach stellten sich exakt dieselben Fragen. Man muss das so drastisch sagen. Sehr vielen angesichts ihrer individuellen Sorgen und nicht auf Rosen gebetteten Baden-Badenern ist das Hemd näher als die Hose. Nicht aus Über-Mut, sondern wegen ihres eigenen Über-Lebens.

Diese überalterte Stadt beheimatete auch viele wohlhabende, gebildete Töchter und Söhne, die, weil es ideell wie materiell auch viel zu verlieren gab, ihrem Wesen nach oftmals strukturkonservativ verwurzelt waren – und immer noch sind. Es sind Menschen, die in der Bewahrung der gewachsenen Einmaligkeit Baden-Badens das Ein und Alles sehen und keinerlei Abstriche, auch keine persönlichen, in Kauf nehmen wollen.

Einmal traf ich mit den Damen eines Karten spielenden Clubs zusammen, renommierte Namen mit viel Takt und Stil meist aus ererbtem, guten Hause. Seit gefühlten Urzeiten zelebrierten sie in einem wunderschönen Raum des Kurhauses ihr reizvolles Gesellschaftsspiel. Das sollte ihnen keinesfalls genommen werden. Im Rahmen der werdenden Neuordnung der BKV zeichnete sich aber ab, dass für die Saalnutzung, die bisher sehr günstig war, zukünftig etwas mehr gezahlt werden müsste, so wie für alle anderen Säle und jedermann auch. Ich warb für Verständnis, das Gespräch wurde aber immer frostiger und mündete in Grundsatzfragen. Es wurde überdeutlich, was ich oben beschrieb, es bestand keinerlei Bereitschaft für jedwede Veränderung oder Flexibilität. Ein wenig verließ mich meine Contenance. Ich vergriff mich in einem Bild, weil ich schon zu viele Briefe erhalten hatte, in denen über den Lärm von spielenden Kindern, bellenden Hunden geklagt und auf das „heilige“ Kurrecht auf Ruhe gepocht wurde. Das ging mir frontal gegen den Strich. Eine meiner Schwächen – Ungeduld, ungebremste Passion – brach sich Bahn, aber es musste raus!

Mein Bild war, die Damen und ich sitzen an einem wunderschönen, sonnigen Septembertag auf der Bank unweit des hoch sprudelnden Felsenbrunnens bei der großen Hängebuche gegenüber der Staatlichen Kunsthalle. Weil alles genau so ruhig und friedlich war und immer so bleiben sollte, wie gewünscht, schliefen wir ein. Als wir aufwachten, war der Hintern auf der Bank festgefroren, die Nasenspitze weiß. Das braune Buchenlaub hatte uns rundum „eingeschneit“. Sie starrten mich an. Und ich: „Das haben wir verdient. Wer sich nicht bewegt, stirbt. Die Ruhe wird zum Friedhof. Unsere Stadt auch!“. Peng - ich hatte bei den Damen auf Lebzeiten „verschissen“ und leider einer guten Sache einen schlechten Dienst getan!

Wie sprengt man betonierte Positionen? Tempelwächter der reinen Lehre können wirklich alles „wissen“, aber vermögen keine Zukunft zu gestalten.

Immer, wenn im Oostal starke Veränderung, Innovation oder Zukunftsorientierung eingefordert wurde, kam das harte Nein beinahe schon reflexhaft. Dann hagelte es Leserbriefe. Bürgerinitiativen, die stets sagten, was sie nicht wollten. Wenn sich so etwas allerdings in der Summierung über Epochen aneinanderreiht, kommt irgendwann der kritische Punkt, an dem man „aus der Zeit zu fallen droht“. Die Baden-Badener Übernachtungszahlen wie die Gewerbesteuereinnahmen stagnierten seit Jahrzehnten. Dass jede Chance ein Problem birgt, das bedrohlich ist und deshalb beseitigt werden muss, oder dass in jedem Problem eine ureigene Verantwortung zum Handeln, Gestalten, zur Innovation und zur Lösung liegt – das war das „to be or not to be“ im Oostal.

Natürlich gab es in Baden-Baden Verluste an Identität, die aus heutiger Sicht unverzeihlich sind. Der Abriss des Maison Messmer, der Abschied vom Augustabad grenzten an Selbstverstümmelung. Wenn man könnte, würde man es rückgängig machen. Aber es gibt auch Beispiele, die Brücken schlagen. Die Firmenzentrale von Karlheinz Kögel, in Glanzzeiten Teil des legendären Grand Hotels „Stephanie les Bains“, dann bis zur Neuordnung 1995 Sitz von rund 400 Mitarbeitern der öffentlich-rechtlichen Anstalt BKV zeigt als architektonisches Bindeglied zwischen Lichtentaler Allee und Augustaplatz, wie man nach der Befreiung von Asbest, liebevoll sorgfältiger Renovierung große Vergangenheit mit Wirtschaft, Medien, Arbeitsplätzen und Ertrag für alle verbinden kann. Fast 30 Jahre Deutscher Medienpreis von Bundeskanzler Helmut Kohl, den Staatspräsidenten Mitterand, Jelzin, Clinton bis Barack Obama, lassen grüßen – nur einen Steinwurf entfernt vom legendären Fürstenkongress 1860 mit Kaiser Napoleon III., dem preußischen Prinzregenten und späterem Kaiser Wilhelm I. sowie den wichtigsten deutschen Königen und Großherzögen. Oder nehmen wir das zeitgeschichtlich spannende und baulich sensibel integrierte LA8 des Unternehmers und Mäzenaten Wolfgang Grenke. Das vormalige schwedische Palais ist ein Geschenk für neue digitale Generationen.

Genau vor diesen Fenstern und Zeitsprüngen öffnet sich die trennende Wasserscheide der 90er-Jahre, die mit der Radikalität der Zerschlagung überalterter Kurortstrukturen und der Verlockung einer „größenwahnsinnigen Idee“ namens Festspielhaus schemenhaft die Härte zukünftiger Herausforderungen erahnen lässt. Und um die Dehnfugen der Stadt mit dem Doppelnamen und dem Januskopf noch etwas zu vertiefen, folgt ein kleiner Rekurs zu den Wurzeln der zwei Seelen in einer Brust.

Sichtbar thronte ab dem 12. bis zum 15. Jahrhundert das Schloss Hohenbaden als Stamm- und Regierungssitz über der kleinen Stadt Baden, vormals Badon. Die Markgrafen, aus dem geografisch weitgespannten Geschlecht der Zähringer stammend, nannten sich deshalb „von Baden“, also über der Stadt Baden residierend. Die Stadt wurde so zur Keimzelle des ganzen Landes. Als sich die katholische Markgrafen-Linie im 17. Jahrhundert und ihr evangelischer Teil in Durlach/Karlsruhe konfessionell verzweigte, nannten sie sich „Markgrafen von Baden-Baden“. Und selbst als die Residenz vom Neuen Schloss am Florentiner Berg 1705 à la Versailles nach Rastatt wanderte, blieb es bei dem Doppelnamen.

Anlässlich des Rastatter Kongresses 1798/99 machte die Markgrafenschaft europaweit Schlagzeilen, und die illustren Teilnehmer liebten es, in Baden-Baden zu promenieren und das Leben zu genießen. Dieser beginnende Wandel als internationaler Treffpunkt verstärkte auch den Reiz, sich mit dem Doppelnamen ein verkaufsförderndes Einzelstellungsmerkmal zu Baden bei Wien und Baden bei Zürich zu schaffen. Alle drei Städte lebten von Gästen, bekamen Residenzler, die ihre prächtigen Sommersitze bauten und in einem Buen Retiro ein entspanntes Leben führten. Viele von ihnen wuchsen über sich hinaus und wurden mit oftmals auch unternehmerischer Energie Mäzenaten ihrer zweiten Heimat. Es waren großzügige, weitblickende Geber, keine Nehmer. Die Bénazets inspirierten weitere große Namen und trugen Baden-Baden im 19. Jahrhundert auf ungeahnte Höhen. Die „Ureinwohner“ waren die Dienstleister, vom Bäcker, Winzer, Metzger bis zum Personal. Es war eine Symbiose, eine ganz natürliche Zugewinngemeinschaft. Nicht nur für das Land, auch für die Stadt vermehrten sich die Steuereinnahmen. In der lebenslustigen Thermalstadt an der Oos sprudelte zugleich eine starke private Quelle. Es könnte sein, dass diese Kraft zu ganz anderen Zeiten wieder den entscheidenden Unterschied als Symbol für Aufbruch und Aufschwung setzen könnte. Baden-Baden getragen von drei Säulen: Stadt, Land und einer Bewegung bewegter Menschen. Und subkutan würden dann erneut die Unterströmungen zwischen Engelskanzel und Teufelskanzel an der Wolfsschlucht ihre Sogkräfte entfalten – man wird sehen.

7.
ZWISCHENZEITEN 1991 – 1992
MEINE ENGSTE WEGGEFÄHRTIN URSULA LAZARUS

Die Zeit des „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ neigte sich definitiv dem Ende zu. Die beiden großen Linien einer möglichen grundlegenden Wende in und für die Stadt strömten parallel, forderten strategiebasiertes Handeln, erhöhten Energie- und Zeitaufwand, befanden sich aber in gänzlich unterschiedlichen Stadien.

Die Festspielstadt mit Opernhaus war eine „traumhafte“ visionäre Idee, die Ermano Sens-Grosholz mit dem Comité immer wieder befeuerte. Die Frage, ob diese Vision nach dem Bonmot von Altkanzler Helmut Schmidt „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ als Blase platzen würde oder ob sie durch ein solides, sprich tragfähiges Konzept, flankiert von schwergewichtigen Namen als erstes Keimblatt in der politischen Landschaft wurzeln könnte, war die Wegegabelung, die es als Erstes zu meistern galt. Ich persönlich hatte mich entschieden, die zweite Variante im positiven Sinn voll auszuloten. Sie begann – es war wohl Frühsommer 1992 – bei einem Mittagessen mit dem ehemaligen „Staatsrat für Kunst“ Professor Wolfgang Gönnenwein in Baden-Baden, der sich kurz zuvor telefonisch aus dem Nichts, aber wohl nicht ohne Wissen des Vorstandsvorsitzenden der Jenoptik AG, MP a.D. Lothar Späth, ankündigte. Er zeigte starkes Interesse und wollte mit all seinen Möglichkeiten einsteigen, um Chancen zu testen. Dazu kamen erste Treffen mit Dr. Werner Kupper aus Zürich, als Treuhänder des Herbert von Karajan-Nachlasses, die, unterfüttert mit Schweizer Tugenden, entscheidend für uns werden sollten. Sein Interesse an Baden-Baden, so konnte man damals nur erahnen, lag wohl darin, neben dem Hauptengagement in Salzburg, eine weitere Option zu erkunden. Das Ganze mündete ein gutes Jahr später in die bahnbrechende Begegnung mit Lothar Späth am Sonntag, dem 10. Oktober 1993, auf Schloss Solitude, bei der in „knisternder Produktivität“ die Königsidee geboren werden sollte.

Die Neuordnung der BKV dagegen lag nicht als Idee in der Ferne. Die BKV musste quasi am lebendigen Leib operiert werden. Der gesamte Organismus mit 400 Mitarbeitern sollte dabei für den internationalen Standort motiviert bleiben und weiterhin trefflich funktionieren. Das war für sich allein schon eine psychologische Herausforderung, je tiefer sich öffentlich-rechtliche Daseinsberechtigung verselbstständigt hatte. Dazu kam, dass der neue Alleinvorstand Günter Götz mich zunehmend und massiv ärgerte. Er erweckte sehr selbstbewusst den Eindruck, dass ihn die sich anbahnende Neuordnung nicht sonderlich scherte. Er suchte geschickt die Hohlräume unterhalb der politischen Ebene, um Sand ins Getriebe zu streuen. Zwei Tage vor einer pompös geplanten Verwaltungsratssitzung der BKV mit Damen 1991 in Meran provozierte er mich erneut bei einer Vorbesprechung durch sein eklatantes Desinteresse an Reformnotwendigkeiten. Die Koffer waren schon gepackt. Ich zog als Verwaltungsratsvorsitzender die Reißleine. Die Reise wurde gecancelt. Die Zeit von Günter Götz neigte sich dem Ende zu. Schließlich verließ er wenig später die BKV. Ich hatte Zähne gezeigt. Es zahlt sich nicht aus, jemanden zur Jagd tragen zu müssen. Es war allein der Sache geschuldet.

Umso mehr war ich darauf aus, mit dem Land durch mehr Vertrauensbildung die Neuordnung zu beschleunigen. Wir erinnern uns, dass der Haushaltsentwurf 1991/92 des Finanzministers Guntram Palm als Reflex auf die Monaco-Pleite eine drastische Reduzierung der Spielbankerlöse androhte. Das konnte zum Glück in höchster Instanz durch persönliche Intervention des Ministerpräsidenten abgefangen werden. Dabei stand ich mit meinem penetranten Nachbohren und Lothar Späths immenser Belastung auch vor dem Hintergrund der anschwellenden sogenannten „Traumschiff-Affäre“ wiederholt auf sehr dünnem Eis. Danach, bei einem Treffen Ende 1990, empfahl er beiden Seiten dringlich, dem Finanzministerium in Person von Benno Bueble, der Stadt und ihrem OB, sich „hinzusetzen“, um zukunftsweisend stabile Grundlagen zu legen. Wenn Lothar Späth „dringlich“ sagte und meinte, dann verengten sich beim Frontalblick seine Pupillen und die schmal gepressten Lippen schlossen jeden Zweifel aus!

Für die Stadt sah ich gemeinsam mit Ursula Lazarus, der CDU-Fraktion und den Freien Wählern im Gemeinderat, wachsende Entschlossenheit, die Alt-BKV und ihre fortschreitende Kannibalisierung zu beenden. Die SPD hatte sogar schon im Schulterschluss mit ihrer Landtagsfraktion eine rechtlich abgesicherte Landesfinanzierung für eine weitgehend kommunalisierte BKV konzeptioniert. Bereits im Wahlkampf hatte ich die offensichtliche und provozierende Dysfunktionalität zwischen Stadt und Land immer wieder in ein Bild gegossen. Nötig, weil – bis heute übrigens – die meisten Baden-Badener zwar wissen, dass es da um viel Geld geht, aber nicht genau warum, weil es vielen einfach zu kompliziert ist. Das machte es übrigens auch Teilen der hotelnahen FDP mit dem Bundestagsabgeordneten Olaf Feldmann, der zugleich auch HOGA-Geschäftsführer war, und den Alt-Badenern unter dem Karlsruher Professor Mürb so einfach, der Öffentlichkeit über Jahre hinweg immer wieder gegen alle Fakten vorzuspiegeln, es sei die Stadt, die bei einer Neuordnung Millionen in Wirklichkeit ihr gehörender Spielbankgelder verlieren würde.

Das Wendt-Bild war so: In der Lichtentaler Allee fährt eine Zweispännerkutsche mit zwei Kutschern, einer für das Land, einer für die Stadt. Jedem von ihnen gehört ein Pferd. Nach den Statuten müssen sie jährlich Zügel und Peitsche wechseln. Dabei wird die Richtung geändert und es gibt Hü-Hott-Politik. Man fährt Umwege und verschwendet Hafer. Deshalb ist es für Baden-Baden insgesamt besser, sich zwei Einspännerkutschen anzuschaffen. Eine für das Land und eine für die Stadt und die Arbeitsteilung, also die Fahrtrouten, so zu organisieren, dass man schneller und sogar mit weniger Futter seine abgestimmten Ziele für das gemeinsame Ganze erreicht.

Konkret bekam das ab Anfang 1992 zunehmend Konturen, nachdem Dr. Wolfgang Bernhardt mit dem klaren Auftrag, die Neuordnung operativ in Angriff zu nehmen, in die Verantwortung kam. Er fand ein kostspieliges Roland Berger-Gutachten vor, das hohe Einsparungseffekte von bis zu jährlich 11 Millionen DM in Aussicht stellte. Dies erwies sich später zu Recht als illusorisch. Die Leitlinie allerdings, ein Mix von Teilkommunalisierung und Privatisierung vor allem Verpachtung, wurde politisch übernommen. Die verbleibende Verantwortung Stadt-Land war in ihrer öffentlich-rechtlichen Ausprägung noch nicht hinreichend konkretisiert.

Und dann gab es den Alles-oder-nichts-Punkt. Er musste bei der politischen Schlacht, die es zu schlagen galt, das Erzübel der Alt-BKV dauerhaft tilgen. Da mit der Monaco-Pleite jeder Kredit verspielt war, hatten wir auch die Mehrheit beim Haushaltsgesetzgeber, also im Landtag, verspielt, die damals bis Mitte 1992 noch eine knappe absolute CDU-Stimmenmehrheit war, danach aber in den Händen der schwarz-roten Koalition lag. Es gab diese Mehrheit, wenn alles bei den alten Strukturen geblieben wäre, real aber nur in der einen Richtung, nämlich immer weniger Geld, Hahn zu für Baden-Baden! Unsere Stadt brauchte also eine garantierte Langfristlösung im Sinne eines Generationenvertrages, bei der sich das Parlament über eine Haushaltsermächtigung praktisch selber davon befreite, alle zwei Jahre diese Gelder und ihre Berechtigung für Baden-Baden im Futterneid beherrschten Haushaltsfieber zur Disposition zu stellen.

Warum aber sollten das Land, seine Regierung und sein Parlament das eigentlich tun wollen? Wenn man das Einmaleins der Politik verstanden hat, weiß man, dass nur der überhaupt eine Gewinnchance erhält, bei dem beide Seiten auch mittel- bis langfristig etwas davon haben könnten. Und, weil wir alle Menschen sind, wenn die Chemie, die Atmosphäre wieder saubere Luft zwischen den Partnern ermöglicht. Wenn man sich letztendlich wieder in die Position, die Interessenlage des jeweils anderen hineinversetzen will und kann. Wir hatten Ende der 80er-Jahre dieses Kapital in Stuttgart verspielt. Aber wo stand geschrieben, dass man mit einem guten Plan, mit Aufbruchstimmung, mit Synergien für beide Seiten, nach dem Zweikutschenprinzip, wer Hafer spart, arbeitet effizienter, nervende Streitigkeiten nicht beenden und gemeinsam reüssieren könnte? So klang unsere „Neuordnungshymne für das gelobte BKV-Land“, mit wem auch immer wir hierüber zu sprechen hatten.

Ich war in der Landes-CDU immer noch eine frische Kraft, hatte bei der letzten Landtagswahl 1988 mit fast 60 Prozent das zweithöchste Ergebnis überhaupt erzielt. Als frischgewählter OB in Baden-Baden durfte ich gewiss auch Rückenwind erhoffen. Noch in der Bühler OB-Zeit konnte ich im engsten Schulterschluss mit Lothar Späth 1986 die Rettung des Schlosshotel Bühlerhöhe mit Max Grundig durchziehen. Seitdem kannte er mich und schenkte mir Vertrauen. Nach seinem Ausscheiden im Januar 1991 durfte ich voll auf Günther Oettinger setzen, dem Baden-Baden wirklich am Herzen lag, der ähnlich tickte wie Lothar Späth. Und die Tatsache, dass ich 1992 mein Versprechen einlöste, das Landtagsmandat bei nahezu sicherer Wiederwahl zurückzugeben, um mich ganz auf Baden-Baden zu konzentrieren, hatte mir in Stuttgart Anerkennung beschert. Und dann gab es da noch eine Geheimwaffe: Ursula Lazarus, die Mitte 1992 meine Nachfolgerin in Stuttgart wurde, entwickelte eine derartige Charme-Offensive, der weder der neue Ministerpräsident Erwin Teufel noch der neue Fraktionsvorsitzende Günther Oettinger widerstehen konnte. Letzterer nannte sie noch 20 Jahre später bei öffentlichen Veranstaltungen „die genialste und unabweisbarste Wegelagerin, die ihm jemals begegnet sei“ und wenn es um Baden-Baden ginge, mit feinster Sensorik ausgestattet. Sie wäre stets zur richtigen Zeit genau an den richtigen Stellen gestanden, wo man ihr und ihrem freundlich entwaffnenden Blick wehrlos ausgeliefert war. Was Erwin Teufel anbelangte, sei angemerkt, er kannte sie nicht nur im politischen Geschäft. Sie lebte, sie praktizierte die Haltung katholischer Christen im Alltag. Er war Menschenkenner genug, um ihr zu Recht sein ganzes Vertrauen zu schenken.

Um einen neuen langfristigen Generationenvertrag mit vom Spielbankerlös unabhängigen Verträgen aus der Taufe zu heben, sollten Ursula Lazarus und ich während einer zweijährigen „Dschungeldurchquerung“ zu einem unzertrennlichen Duo werden. Das war nicht nur dem hohen Außendruck geschuldet. Auf eine wirklich ideale Art und Weise waren wir gänzlich gegensätzlich, aber wir durften und dürfen bis heute uns uneingeschränkt aufeinander verlassen. Sie, die Frau mit gepflegtem Ambiente, in sich ruhend und dies auch ausstrahlend, eine Physikerin und Mathematikerin, die Zahlen wie Menschen bewegte. Sie schielte nicht auf Karriere-Chancen, sie diente authentisch überzeugend, ab 1975 34 Jahre im Gemeinderat, davon exakt zwei Jahrzehnte als CDU-Fraktionsvorsitzende und nochmals fast zwei Jahrzehnte als Landtagsabgeordnete in Stuttgart. Hinter diesen Jahrzehntzahlen in Doppelfunktion stehen frühes Aufstehen, spätes Heimkehren, termingefüllte Wochenenden, ebenso diszipliniertes wie strukturiertes Arbeiten und ein weitestgehender Verzicht auf Privatleben.

Meine Person, der wahre Jakob, wird sich im Folgenden noch offenbaren, und meine Lebenserfahrung zeigte mir immer wieder, dass, je grundverschiedener zwei Menschen sind, je weiter ihre Pole auseinander liegen und je vertiefter sie das intern zusammenfügen, sie umso mehr bewegen können. Je weniger man sich gleicht, desto weniger kann der eine dem anderen etwas wegnehmen. Energieverlust durch Konkurrenzierung gibt es nicht, dafür volle Kraft voraus nach dem Motto „getrennt marschieren, vereint schlagen“. Der Erfolg gehört beiden, die Niederlage aber auch. Was zu beweisen war!

HEUTE, DONNERSTAG, 2. APRIL

NOCH IMMER STRAHLT DIE SONNE VOM BLAUEN HIMMEL. DIE INFEKTIONSZAHLEN BEI UNS STEIGEN ÜBER 70.000, DIE STERBLICHKEITSRATE LIEGT BEI ÜBER 700 MENSCHEN, MEIST ÄLTERE, ZUNEHMEND AUS ALTENPFLEGEHEIMEN. DIE INTERNATIONALEN ZAHLEN PURZELN IN PUNKTO VERGLEICHBARKEIT DURCHEINANDER. NIRGENDS GIBT ES BELASTBARE PARAMETER, AUCH WEIL VÖLLIG UNTERSCHIEDLICH WO, WIE, WANN, WARUM ÜBERHAUPT DER CORONA-TEST DURCHGEFÜHRT WIRD. WAS MICH EMPÖRT IST, DASS UNSERE SÜDLICHEN NACHBARN ITALIEN, SPANIEN VIEL ZU WENIG UNTERSTÜTZUNG VON DEUTSCHLAND ERHALTEN. ES KANN SICH FÜR EUROPA TÖDLICH RÄCHEN – BISHER – ZU CORONA-BONDS ODER KREATIVEN ZWISCHENMODELLEN IM CLUB DER NORDLÄNDER „NEIN“ ZU SAGEN. MIR FEHLT HIER NICHT NUR DAS HERZ, SONDERN POLITISCH WIE ÖKONOMISCH DIE STRATEGISCHE WEITSICHT.

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215 p. 9 illustrations
ISBN:
9783954572229
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